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Die Zauberberge

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© 2016 H. F. Bromm

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-8650-7
Hardcover: 978-3-7345-8651-4
e-Book: 978-3-7345-8652-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Höret Wesen und seid stille!

So ist es des Schicksals Wille.

Erkennt die Zeichen und versteht

wie es euch schon bald ergeht

Einmal wird die Erde beben.

Und zu Grunde geht manch Leben

Land dem Meer zum Opfer fällt.

Klein und kleiner wird die Welt.

Kaum reget sich Hoffnung wieder

regnen Feuer und Asche nieder.

Zum Zweiten schwanken Berg und Tal.

Versatos Mauer kommt zu Fall.

Böses wird zu Bösem finden.

Feuerdrachen fliegen mit den Winden.

Schwanger geht. Unfruchtbarkeit.

Gekommen ist des Kaisers Zeit

Gen' Süden ziehen Schwerter, Beile.

Der Traum von Macht währt eine Weile.

Doch weh' es wartet dort kein Sieg.

Nur Tod und Tränen bringt der Krieg

Erst noch fällt der Hexen Thron

dann wird geborn' Aquariens Sohn.

Es tritt ein Kaiser auf den Platz,

Ihm gebührt der Reiche Schatz

Er wird sammeln Heer um Heer.

Ehe noch die Truhen leer,

Wird ein großer Sieg errungen.

Kaiser, dir sei Lob gesungen.

Doch weh', es wartet dort kein Sieg

EINFÜHRUNG

Unterm Sternenhimmel

Wer ist nicht schon einmal bei wolkenlos klarer Nacht an erhöhter Stelle gestanden, um mehr oder weniger ergriffen die unzählbare Vielfalt des von funkelnden Sternen übersäten Himmels zu betrachten? Milliarden leuchtender Lichtpunkte stehen für ebenso viele Sonnen und noch erheblich mehr Planeten und Monde, welche für unsere Augen unsichtbar, um ihre Zentralgestirne kreisen. Wie nahe liegt bei solchen Anblicken der Gedanke, es könne sehr wohl neben unserer guten, alten Mutter Erde, noch andere mit Leben, ja, intelligentem Leben besiedelte Welten in dieser sprachlos machenden Unendlichkeit geben. Doch wer solche Ansichten laut äußert, wird nicht von allen Seiten nur Zustimmung erfahren. Es erheben Menschen Einwände, welche die Welt nur streng wissenschaftlich fundiert, nüchtern und sachlich betrachten. Auch an tief verankerte Glaubensgrundsätze appelliert man, verständlicherweise, vergeblich. Wir sollten tolerant genug sein, den andersdenkenden Mitmenschen ihre persönliche Weltanschauung zu lassen. Im Umkehrschluss gehen darum Versuche, einem unverbesserlichen Illusionisten strikte, ordentliche Lebenseinstellungen aufdrängen zu wollen, entschieden zu weit. Das Recht auf Träume und eine grenzenlos ausufernde Fantasie muss unantastbar bleiben. Nur so mag es gelingen sich ferne Welten auszudenken, diese zu besuchen und ihnen unseren Stempel aufzudrücken. Nach menschlichem Ermessen gibt es in absehbarer Zeit keinen, auch nur annähernd geeigneten Antrieb, um Galaxien außerhalb unseres Sonnensystems, anfliegen zu können. Doch solcher, technischer Hilfsmittel bedürfen wir nicht! Jeder Mensch vermag auf Flügeln der Fantasie die Unendlichkeit des Weltalls zu durchqueren. Zurück bleiben alle Nörgler, Zweifler und Besserwisser. Ihrem realen, nüchternen Verstand und viel zu sehr auf wissenschaftliche Exaktheit, Glaubensgrundsätzen oder Sicherheit fixiertem Wesen bleibt eine Welt voll bunter Träumereien für immer verschlossen, wäre diesen Leuten ohnehin ein Gräuel. Wie festgenagelt haften Sie auf dem Boden nackter Tatsachen, unfähig den Geist. zu anderem als dem festgefahrenen Horizont zu erheben, außerstande sich ebenso leicht, wie unbeschwert durch Zeit und Raum zu bewegen. Gehörst du nicht zu dieser bedauernswerten Sorte Mensch, so tritt nun mit mir und vielen Gleichgesinnten hinaus unter das geheimnisvoll funkelnde Sternenzelt. Wir wollen beweisen, dass Fantasten zu Höherem geboren sind, fähig das Einerlei des Alltags abzustreifen. Beim Anblick gleißender Sternbilder beginnen wir zu träumen, erheben uns auf Flügeln der Fantasie von der Erde, den Geist auf endlose Weiten gerichtet. Zeit und Raum verlieren ihre Dimensionen, ihre Bedeutung. Wir haben uns ein Ziel gesetzt und nicht unfassbar große Entfernungen, die Kälte des Alls, oder die pechschwarze Nacht zwischen den Sternen vermögen uns aufzuhalten. Wir empfinden keine Angst, noch bedrängen uns Zweifel. Ein helles Licht fern im Raum zieht uns in seinen Bann und in Sekundenschnelle trägt die Fantasie den vom Körper gelösten Geist dorthin. Es wartet eine unbekannte Welt, bereit sich nach unseren Vorstellungen formen zu lassen. Wir bestimmen das Aussehen dieser neuen Heimat, was für Wesen sie bevölkern. Unsere Pläne prägen nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft sind abhängig von unserer Gestaltungskraft. Mutig nehmen wir die Verantwortung auf uns, einem Gott gleich, die Geschicke aller von uns geschaffenen Kreaturen in diesem fernen Reich zu lenken. Krieg und Frieden, leben und sterben, lieben und hassen, lachen und weinen, alles liegt nun in unseren Händen. Wir sind wie Puppenspieler, welche die Marionetten für ihr Stück selbst gebastelt, dazu die Bühne für deren Auftritt gezimmert und das Drama welches aufgeführt wird selbst geschrieben haben. Obendrein lenken wir die Drähte der Puppen, was denen erst Leben einhaucht. Unsere Stimme führt ihnen das Wort.

Zu Spielbeginn hat unsere Vorstellungskraft nichts Geringeres zu tun, als in einem fernen Sternensystem eine völlig neue Welt zu erschaffen. Jeder von uns wird, vor die Wahl gestellt, natürlich seine eigenen Wünsche in diese Fantasiewelt einbringen wollen. Dass aber zwei Individuen das Gleiche träumen, darf man getrost ausschließen. Wenn tausend Menschen ihre Fantasie walten lassen, entstehen mit Sicherheit tausend verschiedene Welten. Darum ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, da jeder sein eigenes Märchen erschaffen und damit glücklich werden soll. Es mögen lange, ereignisreiche Geschichten entstehen, und ich für meinen Teil habe mir vorgenommen schriftlich festzuhalten was mein entfesselter Geist ersinnen mag. Zu diesen schönen, bleibenden Erinnerungen sind alle Interessierten eingeladen. Wer bis hierher aus freien Stücken meinen Ausführungen gefolgt sein sollte, wird wohl am Ehesten· empfänglich für meine Phantasiereisen sein. Es entscheide an diesem Punkt jeder für sich, ob er mir in meine Traumwelt folgen mag, welche wie folgt beschrieben wird. Am Ziel angekommen ist aus dem winzigen, weit entfernten Lichtpunkt der angesteuert wurde, eine Wärme und lebenspendende Sonne geworden. Schwerelos im Raum verharrend kann man beobachten wie ein halbes Dutzend verschieden großer Planeten um das Zentralgestirn kreisen. Drei dieser Trabanten bewegen sich viel zu weit von der Wärmequelle entfernt und sind deshalb entschieden zu kalt, als dass auf ihnen erdenähnliches Leben denkbar wäre. Auch fehlt diesen Dreien die dafür nötige Atmosphäre. Weitere zwei Planeten kurven so nahe um die Sonne, dass brodelnde Hitze und giftige Gase auf ihrer Oberfläche ebenfalls jedes Leben wie wir es kennen unmöglich machen. Bis hierher präsentiert sich ein trostloser und wenig Hoffnung erweckender Anblick. Dann aber bleibt das Auge wohlgefällig am sechsten Himmelskörper hängen. Auf den ersten Blick erscheint hier die Entfernung zur Sonne genau richtig. Nicht zu nah und nicht zu fern. Seine Größe nur unbedeutend über der unserer alten Mutter Erde. Wie diese erstrahlt auch jener Planet, aus dem All betrachtet, in einem leuchtenden Blau. Das Verhältnis zwischen Wasser und Land fällt dabei noch deutlicher als bei unserem Heimatplaneten zu Gunsten der Meere aus. Trotz ihrer relativ großen Ausdehnung liegt die einzig sichtbare Landmasse wie verloren im endlos weit erscheinenden Ozean. Wir sehen momentan nur die uns zugewandte Planetenseite, und es wäre der Fantasie ein Leichtes diese Welt zu umrunden, um auf deren Rückseite zu blicken. Solches Verhalten würde der ersonnenen Geschichte jedoch gleich zu Beginn einen Teil der Spannung nehmen. So trösten wir uns damit, dass auch dort unten bisher kein Lebewesen weiß, ob, und wenn ja, wieviel Land sich jenseits der großen Wasser befindet. Selbst die Kugelform ihrer Welt gehört noch nicht zum aktuellen Wissensstand ihrer Bewohner. Auch die klügsten Köpfe halten Aquarion, wie wir den Planeten nennen wollen, bis dato für eine unter dem Himmel aufgehängte Scheibe. Land inmitten unerforschten, weit über den Horizont reichenden Meeres. Wohl gibt es seit Jahrhunderten große Schiffe mit Rudern und Segeln, welche in alle Winde zu Entdeckungsfahrten aufbrachen. Bisher war diesen Bemühungen aber kein Erfolg beschieden. Noch ist keine Galeere bis zum Ende der Großen Wasser vorgestoßen. lm Norden und Süden blieben Kälte und dicke Eisschichten, dazu Treibeis, unüberwindbar. Nach Westen und Osten nahm der Ozean kein Ende, zwang die Entdecker durch Verpflegungsmangel und daraus resultierenden Krankheiten zur Umkehr. Die Frage ob Aquarien, so nennen die Einwohner ihre Welt, irgendwo in den weiten Meeren ringsumher noch mehr Landmassen bereithält, blieb also bis heute ungeklärt. Die Bemühungen neues Land zu finden würden sicher verstärkt, wüsste man um die Dringlichkeit dieses Ansinnens. Ohne das nötige Wissen sind solche Versäumnisse allerdings entschuldbar. Wir wenden uns indessen der Notwendigkeit zu, diesem Fantasieland Aquarien eine Vergangenheit zu verleihen. Darauf fußt die Gegenwart, aus der wir schließlich eine Zukunft zu entwickeln vermögen.

Chronik Aquariens

Beginnen wir die Zeitrechnung mit einem überlieferten Erdbeben von ungeahnter Gewalt. Die Verhältnisse nach dieser schrecklichen Katastrophe müssen so tiefgreifend gewesen sein, dass von der Zeit davor außer Mythen und Sagen nichts mehr blieb. So bestand wohl aller Anlass eine neue Ära zu beginnen und von dieser erzwungenen Wende an erstmals die Jahre zu zählen, wichtige Ereignisse schriftlich festzuhalten. Aus Legende konnte fortan Geschichte werden. Aufgeschrieben von den Weisen ihrer Zeit. Nachvollziehbar und erzählbar. Zwei Dinge, dass weiß man auch im Aquarien des Jahres Eins nach dem Großen Beben, hat es schon gegeben ehe die nachlesbare Chronik begann. Zwei Mysterien reichen weit in die dunkle Urzeit zurück. Nicht wenige Menschen behaupten, es gäbe diese Erscheinungen so lange wie das Leben auf ihrer Welt existiere. Da unbekannt ist wann die beiden Phänomene ihren Anfang nahmen, lässt sich trefflich streiten, welches zuerst dagewesen sei. Die Vermutung, dass beide zugleich nach Aquarien kamen liegt jedoch nahe, wenn man sie wie folgt zu erklären versucht: Das Gute auf der Halbinsel Provita ganz im Süden, und das Böse auf der Halbinsel Versato, im äußersten Norden, markieren die zwei gegensätzlichen Seiten einer Medaille. Wo das Gute ist, wird auch immer das Böse sein. Eines kann ohne das andere nicht existieren. Den ewigen Kampf zwischen diesen Kontrahenten vermag auf Dauer keiner zu gewinnen. Einmal obsiegt das Gute, dann wieder das Böse, bei einer Schlacht. Niemals entscheidet sich damit allerdings schon der ganze Krieg. Die Quelle alles Bösen in Aquarien findet sich seit im Dunkel liegender Zeit auf der Halbinsel Versato hoch im Norden. Niemand weiß wie weit das Unheil dort in die Vergangenheit zurückreichen mag, doch dieses unheimliche Stück Land war verflucht solange die Bewohner Aquariens zurückdenken konnten. Immer in diffuses Dämmerlicht gehüllt, von wilder See umtost und von kalten Sturmwinden gepeitscht, lauerte dort etwas unaussprechlich Böses in den drohenden Schatten. Das spürte jedes Lebewesen, welches dem Ort zu nahe kam. Wer das verfluchte Stück Land betrat, sei es Mensch oder Tier, war augenblicklich einem schrecklichen Fluch verfallen. Aus friedfertigen, sanften Gemütern wurden blutgierige, reißende Bestien, welche sich auf alles stürzten das sich bewegte. Sie ruhten nicht eher, als bis sie ihre Opfer zerfleischt hatten, und zogen danach weiter um zu töten, immer wieder zu töten, bis sie selbst gejagt und zur Strecke gebracht wurden. Bald gab es darum bis weit vor Versato keine Menschen und Tiere mehr. Sie waren alle dem Bösen zum Opfer gefallen oder davor geflohen. Besonders der Stadtstaat Sato, auf dessen Herrschaftsbereich die verwunschene Halbinsel lag, hatte unter dieser Geisel zu leiden. So verwundert es nicht, dass im Jahr Eins nach dem Großen Beben Fürst Rufus von Oberan den Befehl erteilte das böse Stück Land mit einer Mauer ohne Tor zu verschließen. Auch ließ er diesen Wall fortan rund um die Uhr von seinen Kriegern bewachen. Innerhalb eines Jahres stand die Mauer aus dunkelrotem Dolomitgestein und das Fort Düsternis für die Wachen dazu. Das bedeutete eine besondere Leistung, denn immerhin lag ein Großteil der Gemeinden vom Beben hingeworfen, zeigten sich die Verkehrswege teilweise unpassierbar. Doch die Angst vor dem Unheil hinter der Mauer hatte alle Beteiligten zu Höchstleistungen angespornt. Freilich vermochte der Wall noch immer keine fliegenden Kreaturen am Eindringen in das verfluchte Stück Land zu hindern. So verseuchten sich gelegentlich Vögel und fliegende Drachen. Auch Insekten fielen dem Fluch zum Opfer. Bösartig geworden stürzten sich diese in der Folge auf alles das sich bewegte. So konnten die blindwütigen Angreifer unschädlich gemacht werden, ehe sie größeres Unheil angerichtet hatten. Im Laufe der Jahre gab es bis weit ins Umland der Halbinsel hinein keine Vögel oder andere, geflügelte Wesen mehr. Nach und nach fielen sie ausnahmslos dem Bösen zum Opfer. Und wie den Tieren erging es auch den Menschen der Umgebung. Sie waren entweder umgekommen, rechtzeitig geflohen, oder auf Befehl des Rufus von Oberan umgesiedelt worden. Vor der Schutzmauer gab es längst nur noch die tapferen Wachen des Adelsgeschlechts derer von Oberan. Bis heute erfüllen sie getreulich das Vermächtnis ihres Altvorderen: „Zum Schutz von Mensch und Tier all überall das Böse eingeschlossen zu halten.“ Doch werden auf Dauer schwache, menschliche Kräfte ausreichen um dieses unaussprechliche Grauen gefangen zu halten? Sollte es möglich sein mit Waffen, und wenn diese sonst noch so wirksam eingesetzt werden können, gegen pure Magie und das Böse schlechthin vorzugehen? Wohl eher nicht! Aber es gibt Hoffnung. Diese kommt ganz aus dem Süden, von der Halbinsel Provita, wo das Gute wohnt. Wir haben es auch hier mit einem mystischen Ort zu tun. Weiches, warmes Licht umschmeichelt seine Gestade. In schattenspendenden Palmenhainen wohnen Liebe, Güte und eine unbeschreiblich starke Lebenskraft. Ein wohl immerwährender, unbeugsamer Willen vermag selbst dem unsäglich Bösen im Norden zu widerstehen. Wer das nicht glauben mag, soll nur dieses geheimnisvolle Stück Land betreten, und er fühlt es sofort mit allen seinen Sinnen. Seit jeher wurde die Halbinsel Provita von den Menschen verehrt, doch auch ängstlich gemieden, denn hier walten Kräfte welche nicht von dieser Welt sein können. Diese Zurückhaltung ändert sich erst, als im Jahr Eins jüngster Zeitrechnung mit dem Bau eines Tempels des Guten begonnen wird. Bezeichnenderweise suchen die verzweifelten Menschen in Zeiten höchster Not nach neuen und hoffnungsvollen Glaubensrichtungen. So begann mit der schrecklichen Katastrophe des Jahres Null wohl auch der endgültige Niedergang des alten Götterglaubens. Die vielen heidnischen Gottheiten, deren Tempel über die gesamte damalige Welt verteilt standen, sorgten durch ein Heer von Priestern dafür, dass die Altäre stets reichlich mit Opfergaben der Anhänger gefüllt wurden. Meist blieb es aber nicht bei Früchten des Feldes, oder Tieropfern. Sehr oft tränkte leider auch Menschenblut die Altarsteine von durchweg blutrünstigen Göttern. Solche Grausamkeiten trugen von Anbeginn den Fluch des langsamen, aber sicheren Untergangs der blutigen Götzen in sich. Hat diese Abwendung der kultivierter werdenden Menschheit vom heidnischen Priestertum auch Jahrtausende gedauert, so ging nach dem Großen Beben des Jahres Null das dunkle Zeitalter vollends sehr schnell seinem wohlverdienten Ende entgegen. Der Weg für neue, den unterschwelligen Ängsten und Sehnsüchten der Menschheit mehr entsprechende Glaubensrichtungen wurde frei. War jedoch dornenreich und gefährlich für die Vertreter frisch aufblühender Religionen. Sie stellten unerwünschte Eindringlinge in den Machtbezirk des reich und vor allem mächtig gewordenen Priestertums dar. Über die Jahrtausende waren Götterstaaten entstanden, denen, weltlichen Regenten gleich, Hohepriester vorstanden. Anderswo wachten die mächtig gewordenen Götzendiener an der Seite von großen, weltlichen Herrschern. Sie beeinflussten diese über den Aberglauben oft derart, dass in den entsprechenden Machtzentren nichts geschah, das den Interessen des Priestertums zuwider gewesen wäre. So gelang es zunächst leicht Andersgläubige zu unterdrücken, und wenn es sein musste auch mit aller Härte gegen solche Störenfriede vorzugehen. Doch eines Tages stieß man auch hier an Grenzen. Es bestiegen Herrscher die Throne Aquariens, welche von den finsteren Machenschaften des archaischen Götterglaubens Abstand hielten. Meist begründete sich diese Haltung daraus, dass die Regenten ihre Macht mit keiner anderen Person oder Institution teilen wollten. So fand im Verlauf der nächsten Jahrhunderte mehr und mehr eine Trennung von weltlicher Gewalt und Religion statt. Götterstaaten wandelten sich zu weltlichen Regierungszentren. Häufig hielten sich aber Hohepriester noch als einflussreiche Berater von Oberhäuptern an der Macht und es vergingen noch einmal Generationen bis die immer weniger werdenden, priesterlichen Helfer und Mitregierenden vollends ganz aus Amt und Würden gedrängt wurden. Als zur Zeit des Großen Bebens in Aquarien die Neuzeit begann, war dieser Zustand zwar noch nicht vollkommen erreicht, zeichnete sich jedoch schon deutlich ab. Viel hat für diesen, sich beschleunigenden Untergang die nur in wenigen Jahren entstandene Glaubensgemeinschaft der Provitaner beigetragen. Im Jahr Vier erbauten sie auf der Halbinsel Provita einen Tempel des Guten, welcher von Priesterinnen und Priestern gemeinsam geführt wurde und wo es fortan das Orakel von Provita gab. Jeder Mensch guten Willens und ohne Arg durfte jederzeit das Orakel befragen. Als die Weißen Magier im Jahr Fünf geschlossen dem neuen Glauben beitreten, breitet sich diese Lehre immer rascher auf dem ganzen Kontinent aus. Auch die anfängliche Angst der Leute vor den mächtigen Kräften des Guten auf der Halbinsel weicht langsam demütiger Verehrung. Dieser Höhenflug der Provitaner endet auch nicht, als im Jahr Elf bekannt wird, dass eine der jungfräulichen Priesterinnen von einem Priester Provitas ein Kind bekommen hat. Die junge Mutter muss aber mit ihrem kleinen Sohn den Tempel verlassen und kehrt in ihre Heimatgemeinde Lasa zurück. Doch damit ist dieser ungewöhnliche Vorfall noch lange nicht aus der öffentlichen Aufmerksamkeit genommen. Bald stellte sich nämlich heraus, dass ihr Kind ganz außergewöhnliche Fähigkeiten besaß. Es wuchs und entwickelte sich viel schneller als ein wie üblich veranlagtes Menschenkind. Auch seine geistigen Kräfte entfalteten sich erheblich rascher und erreichten bald einen Grad der Intelligenz der normalen Menschen Angst machen konnte. Zum Glück schien diese totale Überlegenheit mit einem sanftmütigen, kindlich naiven Wesen gepaart. Wer so in allen Einzelheiten körperlich und geistig perfekt ist, wird bald von den anderen, gewöhnlichen Menschen beneidet. Aber auch verachtet und gemieden. Dies war auch das schwere Schicksal der ersten Vitalo, wie man diese Kinder bald nannte und damit als besonders abstempelte. Ja, es gab bald mehr von ihnen. Ab dem Jahr Elf wurde regelmäßig, einmal jährlich, ein Vitalo geboren. Das Orakel von Provita verkündete die Namen der auserwählten Jungfrauen unter den Priesterinnen und die Betreffenden sahen es als hohe Ehre an ein solches Wunderkind empfangen und austragen zu dürfen. Dabei bedeutete dies kein leichtes Los. Es verlangte Mut ein Kind groß zu ziehen das viel zu schnell zum reifen Erwachsenen heranwuchs. Auch dass aller anderen Mütter Kinder die Vitalos nicht mochten, und deshalb wo es ging ausgrenzten, war für eine liebende Mutter nur schwer zu ertragen. Doch einen Vitalo geboren zu haben, von Provita gesegnet zu sein, ließ die Mütter alle Beschwernis vergessen. Für die Vitalos hatte sich dieser Zustand im Jahr Zwanzig so zugespitzt, dass die Weißen Magier, Beschützer des Tempels auf Provita und Wächter über Priester und Priesterinnen dort, sich entschlossen nahe bei der Halbinsel des Guten einen Ort zu gründen, der nur von den Vitalos und ihren Müttern bewohnt sein sollte. So entstand die Gemeinde Vitalis, welche nur wenige Jahre unter der Obhut der Weißen Magier blieb. Dort konnten die zwar jungen, aber sehr lebenstüchtigen Wunderkinder ihr Gemeinwesen bald selbst verwalten. Das machten sie so gut, dass man bald in ganz Aquarien nichts Vergleichbares fand. Es klingt unglaublich, doch es gab in Vitalis zum Beispiel keine bösen Menschen. Weder Lug noch Trug, Diebstahl, Raub oder Mord traf man hier an. Die Kinder aus dem Schoß Provitas zeigten sich ohne Arg von welcher Seite man sie auch betrachtete. Nun, da schon Dutzende von ihnen lebten, man schrieb inzwischen das Jahr Fünfzig, hatten sich noch weitere Eigentümlichkeiten dieser Spezies herauskristallisiert. Keines der bisher geborenen Wunderkinder war jemals krank geworden oder hatte sich je bei einem Unfall verletzt. Dies markierte wohl die kraftstrotzende Fortsetzung der Tatsache, dass auch die Geburten der Vitalos ohne Ausnahme Zwischenfalls los verliefen. Dabei waren nie auch nur die geringsten Komplikationen aufgetreten. Es war zu keiner Fehl- oder Totgeburt gekommen, keine Mutter im Kindbett gestorben. Auch staunten die Leute nicht wenig, dass kein einziges dieser Neugeborenen auch nur den Hauch eines gesundheitlichen Schadens aufgewiesen hatte. Darüber hinaus glichen sich die Vitalos wie ein Ei dem anderen und schienen allesamt das Geheimnis ewiger Jugend geerbt zu haben. Etwa bei fünfundzwanzig Jahren hörten Sie zu altern auf. Noch zählte der Älteste nur neununddreißig Lenze, doch man durfte jetzt schon gespannt sein, wie alt Provitas Kinder wohl werden. Hatten sie etwa, wie Magier und Hexen, Jahrhunderte zu leben? In mancher Beziehung glichen sie jedenfalls diesen magischen Wesen. Sie verliebten sich nicht, fanden sich nicht zum Zweck der Fortpflanzung, wie bei den Menschen üblich, zusammen. Es gab vieles worüber sich die normalen Menschen Aquariens, die Vitalos betreffend, zu wundern hatten. Verständlicherweise wurde daher hinter vorgehaltener Hand oft getuschelt und gemutmaßt. Doch so manches Unschöne offen auszusprechen wagte letztlich niemand. Von Provita und den Weißen Magiern beschützt, dazu auf ihre eigene, kleine Gemeinschaft beschränkt, blieben diese Wunderkinder weiter unbehelligt.

Im Jahr Sechzig nach dem Großen Beben begannen die herrschenden Oberschichten die Grenzen des Kontinents neu einzuteilen. Dazu traf man sich in Urd, dem zu jenen fernen Zeiten reichsten und mächtigsten Stadtstaat in Aquarien. Nur sechs Jahrzehnte hatte es gedauert bis diese, vom Großen Beben fast gänzlich zerstörte Metropole in neuer, noch glanzvollerer Pracht wiedererstanden war. Reiche Bodenschätze in den Mondbergen, wo Gold, Edelsteine und Kupfer gewonnen wurden, und mit einem Monopol verbundene Salzvorkommen füllten rasch die Schatzkammern von Urd. So konnte die Stadt prächtiger, und vor allem schneller als jede andere, von der Katastrophe betroffene Metropole, wiedererstehen. Dieser Vorsprung zeigte sich auch in der gesellschaftlichen Entwicklung. Als erstem Stadtstaat wurde aus Urd ein Königreich. Im Jahr neunundfünfzig bestieg, begleitet von fünftägigen Feierlichkeiten, König Stanislaus der Erste von Hohenstein den Thron. Urd wurde Hauptstadt und Königssitz des neuen Reiches. Nach dem Fluss Mora nannte das Königtum sich fortan Moravia. Auf ihrem Wappengrund, so weiß wie das Salz, prangten in schwarz oben ein Helm und darunter ein Schwert. Schon ein Jahr später rief König Stanislaus der Erste von Hohenstein die Mächtigen des Kontinents nach Urd, um ganz Aquarien in Reiche mit festgelegten Grenzen einzuteilen. Diese sollten vertraglich abgesichert und von allen Anwesenden bindend anerkannt und toleriert werden. Nach monatelangen Verhandlungen gelang es wenigstens einen Teil der Welt neu zu ordnen. Zunächst entstehen, neben dem ersten Königreich Moravia, noch vier weitere Reiche, sowie das kleine Fürstentum Kronland.

Wir wollen diese Zusammenschlüsse näher betrachten. Die Menschen im Nordwesten Aquariens, aus dem Gorgulagebirge und den Zauberbergen, gründen in Sato ein Königreich welches sie Satoria nennen. Den Thron besteigt Teutonas von Oberan, bis dato schon Herr über Sato und die Hafenstadt Vulcos. Er ist der Enkel des Fürsten Rufus von Oberan, dem Erbauer der Großen Mauer die das Böse in Versato bannen soll. Ihm zur Seite stehen, in beratender Funktion, die damalige Königin des uralten Hexenbundes von Sato, Desdomena, Okusella und Obermagier Laban Sternenschein, welcher den Bund der Magier aus den Zauberbergen vertritt. Ihre Stimmen werden gehört, doch endgültige Entscheidungen trifft nur der Herrscher des Menschengeschlechts. Dem Volk von Satoria wird durch das Dreigestirn an ihrer Spitze ein Bild der Einheit zwischen Menschen, Zauberern und Hexen suggeriert, welches so ausgewogen nicht ist und niemals sein wird. Das Wappen des neugegründeten Reiches: auf blutrotem Grund zeigt das Banner von oben nach unten eine goldene Krone für die Menschen, einen weißen Zauberstab für die Magier und den schwarzen Kessel als Symbol der Hexen. In Tugart wird das Zwergenkönigreich Reichenau verkündet. Das Volk der hünenhaften Golathen und die relativ wenigen Menschen im Land treten mehr aus wirtschaftlichen Gründen dem neuen Reich bei, bleiben aber, was die Regierung anbelangt, ohne direkten Einfluss. Alle Macht liegt fortan beim Zwergenkönig Montanius vom Goldberg. Stolz führt man, schwarz auf weiß, für das neugegründete Reich, einen Spaten, gekreuzt mit einem Hammer im Wappen. Die Städte Pazivonia, Galata, Thyr und Echnaton vereinigen ihre Gebiete zum Königreich Galata. Namengebend wird die Festungsstadt am südlichen Fuß des Gorgulagebirge gelegen, und inzwischen zum Königssitz ernannt. Dort führt König Sigismond zu Echnaton eine Landechse unten und darüber einen Flugdrachen, beide in Rot, auf dem schwarzen Wappenschild. Zu Urd entscheiden die Weißen Magier in Lasa den Königssitz, für ihr neu zu gründendes Reich, zu errichten. Damit sollen Provita, Vitalis und die Glaubensgemeinschaft der Provitaner dauerhaft geschützt werden. Strenge Gesetze, denen sich auch der König zu unterwerfen hat, gewährleisten dieses Vorhaben. Unter solchen Bedingungen überlassen die Zauberer den Thron von Anglien (uralter Name des Landes um die drei Berge Kronberg, Hochstuhl und Helion), dem Menschengeschlecht. Herodot zu Kronberg wird der erste Herrscher, welcher das Land regiert, das im azurblauen Wappen einen grünen Berg mit goldenem Tempel darauf führt. Zuletzt kam man in der Versammlung noch darüber in Einklang, dass jenes alte Fürstentum um die Albberge, so klein es auch an Ausdehnung und Bedeutung sei, doch seine Eigenständigkeit behalten solle. Kronland, wie diese Enklave fortan hieß, wurde weiter von Fürst Basilom von Norien regiert. Herrschaftssitz blieb die einzige, kleine Stadt im ganzen Fürstentum. Von dem Bach Amer an dem sie lag, leitete sich der Name Amerus ab. Das Wappen Kronlands: auf weißem Grund ein roter Löwe mit goldener Krone auf dem Mähnenhaupt. Wer mitgezählt hat weiß nun, dass fünf Königreiche und ein Fürstentum das vorläufige Ergebnis der großen Versammlung zu Urd im Jahr Sechzig nach dem Beben waren. Leider ungeklärt blieben die Grenzen von weiteren vier Stadtstaaten, welche aber immerhin Beobachter zur Konferenz geschickt hatten. Darüber hinaus sahen Sie die Neuordnung ihrer Machtbereiche als höchsteigene Aufgabe an. Niemand sollte ihnen dazu Vorschriften machen dürfen. Da wären vor allem die seit jeher freidenkenden und mehr auf den Meeren als auf dem Kontinent präsenten Seefahrer an Rave und Maranil zu nennen. Ihr Gebiet gehörte zu den kleineren Stadtstaaten, legte auf Größe an Land aber auch keinen besonderen Wert. Umso mehr dagegen auf den Ozeanen. Dort war das Seefahrervolk rund um die Kap-Berge, im südwestlichen Winkel Aquariens gelegen, eine absolute Macht. Mit einer Armada von Kriegsschiffen und bestens geschulten, aus uralten Erfahrungen schöpfenden Seemännern, hatte man überhaupt noch nie eine Seeschlacht verloren und genoss auf den Meeren rund um Aquarien den entsprechenden Respekt. Damit glaubte man ausreichend gerüstet zu sein. Auch Drakonia lebte von und mit der Schifffahrt. Es segelten jedoch meist Handelsschiffe unter seiner Flagge. Sie befuhren alle Meere und auf dem Großen Drachenfluss auch das eigene Territorium. Schiffbar war dieser Strom sogar bis Pazivonia. Dieser Binnenhafen gehörte schon zum neugegründeten Königreich Galata, womit hier ein weit die Grenze überschreitender Binnenschifffahrtsverkehr möglich wurde. Seit jeher, solange es diesen Warenverkehr gab, war der Drachenfluss eine für jedermann zu benützende Wasserstraße. Kähne aus ganz Aquarien schlugen hier ihre Ladungen um. Vom erhobenen Flusszoll und diversen Hafengebühren lebte Drakonia und alles Land entlang des Stromes nicht schlecht. Sich in diese großzügige Handhabung des Warenverkehrs auf dem Kanal etwa hineinreden zu lassen, widersprach den Vorstellungen der Herren von Drakonia in höchstem Maße. Freizügigkeit zeichnete schon immer den Handel auf dem Strom aus. Wer auch in der Zukunft gute Geschäfte machen wollte, durfte es mit keiner Kundschaft verderben. Es zählte nur der entrichtete Tribut für die transportierten Güter. Danach stellte niemand mehr irgendwelche Fragen über Ziel und Zweck der Ladung. Soviel Zurückhaltung und Toleranz musste gegen den Rest der Welt natürlich abgesichert werden. Darum schickte man lediglich einen Beobachter zur Versammlung nach Urd. Dieser hatte vorrangig klarzustellen, dass Drakonia an einer Änderung der bisherigen Situation, entlang des Großen Drachenflusses, nicht interessiert sei. Weitere Erklärungen, oder gar Verhandlungen zu diesem Thema schloss der Gesandte des Stadtstaates rundweg aus. Nicht weniger abgeneigt ein zwar selbstständiges, aber durch Verträge gebundenes Königreich zu werden, war man in Megadom. Noch gaben die Silberberge reichlich wertvolle Bodenschätze her, was den Nachteil, nicht an der Küstenlinie Aquariens Anteil zu haben, etwas aufwog. Im Jahr Sechzig schien es jedoch durchaus an der Zeit zu sein allmählich an das Schwinden und Versiegen der Silbervorräte zu denken und für neue Verdienstmöglichkeiten die Weichen zu stellen. Eine engere Bindung an benachbarte Königreiche hätte hier viele Türen aufgestoßen. Zum Nachteil für die Wirtschaft des Landes entschied man sich dennoch für eine passive Teilnahme an der Versammlung zu Urd. Die Ablehnung der Herrschenden im Stadtstaat Atlan erklärte sich in erster Linie aus der Zerrissenheit und scheinbaren Unvereinbarkeit einiger total gegensätzlicher Völker, die das weite Land besiedelten, welches immerhin einen breiten Streifen des gesamten Ostens von Aquarien einnahm. Der alte Fürstensitz Atlan sah sich zwar als wichtig und die ganze Region beherrschend an, doch das empfanden nicht alle Bewohner des weiten Reiches genauso. Atlan lag am Fluss Weißwasser und verfügte über einen Binnenhafen. Bis zur Küstenstadt Briola dehnten sich den Fluss hinab allerdings noch runde dreihundert Meilen. Zudem endete die Schiffbarkeit des Stromes in der Stadt. Eine Fortsetzung des Wasserweges wäre möglich und nützlich gewesen, wurde aus Kostengründen aber nie in Angriff genommen. So blieb das noch weite Hinterland mit Lastkähnen unerreichbar und der Binnenhafen konnte sich schwerlich weiterentwickeln, blieb unbedeutend in seinen Ausmaßen und Möglichkeiten. Dafür hatte sich das Bauerntum, dank fruchtbarer Erde rings um den Ort, längst zum wichtigsten Wirtschaftszweig entwickelt. Die riesigen Wälder im weiteren Umland lieferten außerdem edle Hölzer für den Schiffsbau, sowie den Innenausbau hochherrschaftlicher Häuser. Ganz anders lebte dagegen das Volk der Amazonen in den Mederbergen, tief im Süden. Rings um den südlichen Fjord gruppierten sich diese, bis zu neunhundert Ellen aufragenden Bergzüge. Im Norden wurden sie von steil in den Reichenbach abbrechenden Felsen gerahmt und im Westen schirmte das gefährliche, weil weg- und steglose und kaum zugängliche Argenmoor, sowie anschließend zum südlichen Meer hin, die für ihre Sandstürme bekannte Hadeswüste das Reich der Amazonen gegen unerwünschte fremde Eindringlinge ab. Auch zum Südmeer hin gab es nur die, um zweihundert Ellen hohe, durchweg steil abfallende Küstenlinie. Erst wenn man in den weiten, über hundert Meilen ins Land vorstoßenden Südfjord einfuhr, verflachten hier die Ufer zusehends. Es boten sich, zumeist von ausgedehnten, welligen Wiesen gesäumte Gestade. Erst meilenweit dahinter ragten die von dichtem Urwald überzogenen Mederberge auf. Doch diesen teils lieblichen, teils urwüchsigen Anblick bekam kaum ein Fremder zu sehen. Die Amazonen, ein kriegerisches, männerverachtendes Weibervolk, hüteten ihre Grenzen auf das Strengste. Kein fremdes Schiff durfte es wagen ungefragt in den Fjord einzufahren, wo im Amazonenhafen Medusa die immer einsatzbereiten Kampfboote auf der Lauer lagen. So wurde ein unberechtigt eingedrungener Störenfried im Nu umzingelt. Danach gab es für diesen aus dem Südfjord kein Entkommen mehr. Nur der Tod oder die Sklaverei warteten auf die zu kühn gewesenen Seemänner. Selbst Handelsschiffe, welche regelmäßig Waren brachten, mussten ihre Fracht bereits am Fjordeingang löschen. Dies geschah bei einem von hohen Mauern umgebenen Lagerhaus. Ständig bewacht von zu allem entschlossenen Kriegerinnen. Verhandlungen führten die Amazonen grundsätzlich nur mit weiblichen Ansprechpersonen. Ein Kaufmann, der hier Geschäfte machen wollte, kam nur über eine vermittelnde weibliche Person überhaupt zum Erfolg. Die ausgeprägte Männerfeindlichkeit und vor allem die Sklavenhalterei im Amazonenreich, wären auf der Urder Versammlung natürlich von allen Seiten angeprangert worden. So zeigten sich die Amazonen durchaus damit zufrieden, dass Atlan, zu dessen Herrschaftsbereich sie gehörten, nicht das geringste Interesse zeigte an der Versammlung in Moravia teilzunehmen. Wieder ganz andere Menschen lebten auf dem Gebiet Atlans, entlang der über zweitausend Meilen langen Küste im Osten Aquariens. Fisch und Meeresfrüchte, der Bootsbau, sowie das Anfertigen von Segeln, Netzen und anderem Schiffszubehör bestimmten hier der Anwohner Dasein. Zudem war der Umschlag von Waren in den fünf Haupthäfen des Ostmeeres eine Tätigkeit welche die damit befassten Personen weltoffen, anpassungsfähig, sowie tolerant werden ließ. Schon aus geschäftlichen Gründen befürwortete dieser Menschenschlag jede weitreichende Vereinigung. Mit solchem Ansinnen fand man in Atlan allerdings kein Gehör und hütete sich in dieser Richtung einen Alleingang zu wagen. Auseinandersetzungen, gleich welcher Art, schadeten nur den gewinnträchtigen Geschäftsbeziehungen. Ganz anders verhielt es sich wieder mit den Nomadenvölkern, welche ohne festen Wohnsitz mit ihren Herden durch die weiten Grassteppen der Mitte und des Nordens von Aquarien zogen. Auch sie berührten sporadisch Atlans Reich. Ihr Nomadentun reichte weit in die Urzeiten zurück. Rücksicht auf irgendwelche, von gerade Regierenden festgelegte Landesgrenzen kannten sie seit jeher nicht. Nomaden zogen einfach ihren Herden hinterher, blieben dort wo das Gras für ihre Tiere ausreichend spross und genügend trinkbares Wasser zur Verfügung stand. Ob sie nun Rinder, Schafe, Pferde, Ziegen oder Uruks vor sich hertrieben, die Welt dieser Nomadenvölker endete niemals an von Menschen künstlich geschaffenen Ländergrenzen. Eine, die Freiheit und Fortbewegung hemmende, neue Welt erschien, auf Grund uralter Traditionen, völlig undenkbar. Oberhäupter, welche absolute Machtbefugnis hatten und damit einen freien Mann zum Sklaven erniedrigten, wurden seit jeher ignoriert. Ähnlich freiheitsliebend und leider etwas engstirnig zeigten sich die Dohrer, ein Volk welches die mächtigen Plateauberge besiedelte. Jenes Gebirge erhob sich zum Großteil auf dem Gebiet Atlans und gipfelte in bis zu viertausend Ellen Höhe. Auch sie gehörten zu dem bunten Völkchen im Osten Aquariens und hatten so ihre Eigenheiten. Dieses Bergvolk lebte ganz auf die Heimat bezogen im Haupttal des Donnerbaches und seiner vielen, nach Nordost, oder Nordwest abzweigenden, kurzen Seitentäler, sowie in den Gründen des Xillon und Marana. Hier zeigte sich der, von Bergen verstellte, Horizont entsprechend eng. Alles Fremde, Ungewohnte stellte eher eine Bedrohung, als eine Chance dar, sich im Umgang damit weiter zu entwickeln. Die Urder Versammlung zu besuchen wurde deshalb rundweg abgelehnt. Es galt als tabu auch nur darüber nachzudenken. So begrüßte man die Ablehnung Atlans sehr und reihte sich ein in den Kader derer, welche immer ein zwar nie ausgesprochenes, doch einheitlich feststehendes Urteil über den Traum von einem vereinigten Königreich Amerien und noch größeren Staatenbündnissen hatten. Gemeinsam verharrte man in dem festen Glauben, dass so unterschiedliches Volk, wie es landauf, landab lebte, niemals eine zukunftsfähige, starke Einheit bilden könne. Dabei gab es in den kargen Plateaubergen nur wenige Menschen welche wenigstens einmal den beengten Horizont dort hinter sich gelassen hätten. Man ließ sich leider zu sehr von seinen Vorurteilen und Berührungsängsten, anstatt von erlebten Erfahrungen leiten. Letztlich bleibt die bittere Erkenntnis, dass es ab dem Jahr Einundsechzig noch viele unklare Grenzverläufe auf dem Kontinent Aquarien gab. So wird verständlich wie dieser Umstand früher oder später Begehrlichkeiten zu wecken vermochte und Kriege um Land, sowie Bodenschätze, heraufbeschwören musste. Während die Reiche mit festgelegten, vertraglich gesicherten Grenzen erstarkten und mehr zusammenrückten, war bei den vier ungeordneten Stadtstaaten schon bald Stagnation und Rückgang in Wirtschaft und Handel zu beobachten. Wachsende Armut und Hoffnungslosigkeit führten schon bald zu kriegerischen Konfrontationen. Beginnend mit dem Jahr Vierundsechzig wurde fünfunddreißig Jahre erbittert um die noch nicht festgelegten Grenzen der vier Stadtstaaten Marsilla, Megadom, Markonia und Atlan gerungen. Im Jahr Neunundneunzig nach dem Großen Beben sind die Armeen ausgeblutet und des Kämpfens müde. Die beteiligten Völker haben mit Blut und Tränen und zum Großteil bitterer Armut bezahlt, während die ursprünglichen Landesgrenzen sich nach ebenso vielen Siegen wie Niederlagen in etlichen Schlachten, zuletzt gar nicht entscheidend verschoben haben. Da wurde zum ersten Mal der Ruf nach einer übergeordneten Macht laut, einer starken, gerechten Hand. Einem obersten Richter, dessen Wort Befehl sein sollte. So wären die Gaben des Kontinents Aquarien gerecht zu verteilen, die Schwachen wohl wesentlich effektiver vor der Willkür selbsternannter oder übertrieben dominanter Herren zu beschützen. Unterstützt von loyalen, im Interesse des großen Ganzen agierenden Königen, vermag ein Kaiser dies alles zu leisten. Er hatte nur sorgfältig darauf zu achten, dass er stets, bei all seiner Macht, nicht mehr als ein getreuer Diener des großen einigen Reiches blieb. Jene, welche sich nach Befreiung vom Joch der Fremdbestimmung sehnten und genug davon hatten, arm und bedeutungslos gehalten zu werden, erhofften sich logischerweise am meisten Vorteile von einem Kaiserreich. Ihr Schrei nach einem Universalherrscher kam jedoch aus schwachen, kampfesmüden Kehlen und fand in den Ohren der, auf mächtigen Thronen sitzenden Herrscher nicht das erwünschte Echo. Man fürchtete unter den Regenten allenthalben um die Vorherrschaft in den angestammten Provinzen. Zudem erkannte man auch die vielfältigen Möglichkeiten das eigene Reich um ausgeblutete, kraftlose Lande zu erweitern. Nur zu Urd unterzeichnete Verträge schützten, dank Beistandspakt, vor solchen Angriffen. Fast zwanzig Jahre bewahren die kriegsgeschwächten Lande den Frieden. Doch im Frühjahr Einhundertachtzehn fällt der Stadtstaat Marsilla ins Zwergenkönigreich Reichenau ein, angezogen vom Reichtum der mit wertvollen Bodenschätzen gesegneten Gaue. Womit die Angreifer allerdings nicht rechneten: Alsbald griffen die zu Urd unterzeichneten Verträge, welche auch einen Beistandspakt beinhalteten. Die vereinigten Königreiche Aquariens hatten sehr wohl erkannt, dass nun der Ernstfall eingetreten war. Es galt vor aller Welt zu beweisen, dass man es mit vertraglichen Zusicherungen sehr genau nahm, sich jeder Verbündete der versprochenen Hilfe gewiss sein durfte. Zwölf Wochen nach Beginn der kriegerischen Auseinandersetzung starteten die Verbündeten mit zwei Armaden eine Zangenbewegung. Damit wurden zuerst im Süden und Westen Marsillas Häfen Meersungen und Olang mit Krieg überzogen, danach von Nord und Süd die besetzten Häfen Reichenaus umklammert und freigekämpft. Gleichzeitig stießen starke Heere zu Land aus Anglien und im Norden aus Galata und Kronland die Grenzen Reichenaus entlang Richtung Westmeer vor. In wenigen Wochen verlor die stolze Seemacht Marsilla die meisten ihrer Kriegsschiffe und musste kapitulieren, nachdem auch ihre, auf dem Land nicht sehr erfahrenen Krieger an fast allen Fronten zurückgedrängt und vernichtend geschlagen wurden. Im Sommer Einhundertneunzehn sah sich Arminius, Fürst und Schiffsherr zu Ravengart, gezwungen einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, welcher seinen Stadtstaat auflöste, ihm die Königswürde verlieh und das neue Königreich mit allen Rechten und Pflichten in die Vereinigung des zu Urd gegründeten Bundes einbezog. Die Grenzen blieben dabei unangetastet. So wurde aus dem Stadtstaat Marsilla das Königreich Ravengart. Gelernt hatten die restlichen drei Metropolregionen aus dieser blutigen, verlustreichen Entwicklung der geschlagenen Seemacht Marsilla aber nichts. Schon im Jahr Einhundertdreiundzwanzig stießen aus den weiten Ebenen Atlans tausende Steppenreiter auf schnellen, wendigen Pferden nach Westen auf die Gebiete von Drakonia und Megadom vor. Diese kriegerischen Nomadenvölker beabsichtigten nicht möglichst viel Land zu erobern und zu besetzen, sondern gingen auf Raubzüge, nach denen sie sich rasch wieder zurückzogen. In weiten Steppen des Ostens lösten sich diese wilden Horden schnell wieder auf, verschwanden spurlos im schier endlosen Raum jenseits der Grenzen des Stadtstaates Atlan. Natürlich stand die Frage einer Mitschuld der in Atlan Regierenden im Raum, und als die räuberischen Überfälle immer dreister vorgetragen und die Beschwerden von den Machthabern in Atlan abgeschmettert wurden, machten diese sich zweifelsohne mitschuldig. Daraufhin begannen Drakonia und Megadom immer mehr Grenzfestungen aufzubauen. Gleichzeitig bereiteten sie einen Feldzug gegen Atlan vor. Die Grenzsicherungen machten es den räuberischen Steppenreitern immer schwerer Überfälle durchzuführen und danach auch wieder unbeschadet über die Grenze zurückzukommen. Der Sperrriegel wurde im Verlauf der nächsten Jahrzehnte immer dichter und die Übergriffe zwangsläufig seltener. Auch mussten die Attacken zunehmend kürzer ausfallen, wollte man den Wachen in den Grenzfestungen nicht allzu viel Reaktionszeit lassen. Doch die wichtigste Maßnahme um die Einfälle der Steppenreiter ein für alle Mal zu beenden, wurde über viele Jahre in den Hinterlanden von Drakonia und Megadom getroffen. An geheim gehaltenen Orten in den beiden Stadtstaaten entstanden zum Kampfeinsatz ausgebildete Urukarmeen. Eine neue Art der Kriegsführung wurde damit aus der Taufe gehoben. Von der übrigen Welt zunächst unbemerkt, war es in den weiten Steppen Urbaniens während der letzten Jahre gelungen tausende Tiere des Riesenlaufvogels Uruk zu kampfstarken, kriegstauglichen Einheiten zusammenzustellen. Sie trugen jeweils einen Krieger der wahlweise mit Lanze, Armbrust, Pfeil und Bogen, oder Streitaxt bewaffnet wurde. Zwar ist der Uruk wesentlich kleiner als ein Streitross, doch genau dieser scheinbare Nachteil brachte den Riesenlaufvögeln im Kampf gegen berittene Gegner wichtige Vorteile. Der Uruk ist, zumindest auf kurzen Strecken, schneller als ein aufgezäumtes Schlachtross, im Nahkampf wendiger, und selbst hunderte dieser Laufvögel verschwinden, wenn sie sich samt Reiter hinlegen, spurlos im hohen Steppengras. Wenn sich urplötzlich hunderte von diesen Urukreitern aus der Steppe erhoben, hatten sie mit Sicherheit den Überraschungseffekt auf ihrer Seite, und es bedeutete in der Regel den Anfang vom Ende der gegnerischen Verbände. Es wurde zuerst die Reiterei angegangen, welche gegen die flinken Riesenlaufvögel keine Chance hatte. Die Uruks waren schneller und wendiger. Sie vermochten sich zweimal zu drehen, ehe ein schwer behängtes Schlachtross dies einmal schaffte. Die Summe dieser Vorteile rechtfertigte wohl die Aufstellung und den Kriegseinsatz dieser neuen Kampfeinheiten. Doch ehe sie zum ersten Mal in Erscheinung treten durften, hielten die beiden eng befreundeten Lande noch eine ganz anders geartete Überraschung für Aquarien bereit. Sie vermählten die Kinder der beiden Fürstenhäuser, und zu diesem Anlass vereinigten sich die beiden Metropolen zu einem Königreich, das sich den Namen Venorien gab. Dessen Thron stand in Drakonia. Ein Wehrturm in schwarz, am blauen Strom, auf maisgelbem Grund, zierte fortan das gemeinsame Wappen. Man schrieb das Jahr Einhundertzweiundsiebzig als dieser Zusammenschluss bekannt wurde. Die Tatsache, dass er außerhalb des Bundes zu Urd entstehen konnte, erschütterte die übrigen Königreiche. Der Grund für dieses Verhalten Drakonias blieb zunächst unklar. Warum man dem schon bestehenden und wesentlich größeren Bund nicht beitreten wollte, erklärte sich dann aber schon im darauf folgenden Jahr nur allzu deutlich. Da marschierten die Truppen Venoriens in den Stadtstaat Atlan ein. Diese kriegerische Handlung wäre natürlich einem Mitglied des Bundes zu Urd nicht möglich gewesen. So aber gab es zunächst, wie beabsichtigt, niemand, der sich schützend vor das angegriffene Land gestellt hätte. Dabei hatte Atlan es mit einer neuen Form des Krieges zu tun. Die Hauptstreitmacht Venoriens bestand nämlich aus zehntausend Urukreitern, welche von fünftausend Reitern zu Pferd und fünfzehntausend Mann Fußtruppen begleitet wurden. Der überraschende Angriff sollte bald von Erfolg gekrönt sein. Wohlüberlegt zielte der Feldzug auf das weite Wald- und Steppenland zwischen den Flüssen Urbus und Weisswasser. Die größten Städte, Atlan und Thoran lagen auf diesem Gebiet, wurden zwar nicht gleich erobert, doch eingeschlossen und vom Eingreifen in die Kämpfe abgehalten. Vom Meer her bekam der Angriff ebenfalls Unterstützung. Mit einer Armada von Galeeren des Großkönigreiches und Kriegern beider Lande wurden die fünf größten Hafenstädte erobert und besetzt. Mit diesen Orten als Basen gelangen dann auch von Osten her weite Vorstöße ins Land. In wenigen Wochen durchbrachen die Truppen die Kampflinien Atlans und spalteten damit den Stadtstaat in drei Teile. Im Norden und Süden die noch unbesetzten, doch nun voneinander getrennten Landesteile. In der Mitte ein handlungsunfähig gewordener Abschnitt, mit den beiden größten und wichtigsten Städten, sowie den zwei leistungsfähigsten Hafengebieten des gesamten Territoriums Briola, Port Ur und dazu den Binnenhafen Thoran. Dies alles war überraschend schnell in Feindeshand gefallen. Zwar grenzte Atlan im Süden auf fast tausend Meilen Länge an das Königreich Moravia, doch von dort war keine Hilfe zu erwarten. Nur im Fall eines Beitritts zum Bund von Urd, als neu zu gründendes Königreich, wäre man Nutznießer des automatisch damit verbundenen Beistandspaktes geworden. Noch sah man sich aber nicht bereit einen so folgenschweren Schritt zu tun. Doch wurde Atlans Lage rasch immer bedrohlicher. Die eigentlich zum Beistand verpflichteten Amazonen griffen nicht in die Kämpfe um den Süden ein. Im Gegenteil handelten sie mit Venorien einen Nichtangriffspakt aus, der dem Amazonenreich die Souveränität in den Mederbergen, sowie Schutz und Hilfe im Fall eines Angriffs von dritten Reichen garantierte. Der Stadtstaat Atlan stand nun kurz vor dem Zusammenbruch. Aus eigener Kraft konnte er sich nicht mehr aus diesem Dilemma befreien. Der Beitritt zum Bund von Urd erschien folglich das kleinere Übel zu sein. Schweren Herzens ging man deshalb diesen Weg. Eine Garantie, dass die Urder Allianz stark genug und willens sein werde dem Stadtstaat Atlan seine Freiheit und Souveränität zurückzuholen, gab es allerdings nicht. Doch nun schlug die Stunde der beiden größten Feldherren und Strategen, welche Aquarien bis dato gesehen hatte. Der Heerführer von Moravia, Leander von Briola und sein zur See genialer Bruder, Admiral Angelos von Briola, nutzten die Gunst der Stunde. Nicht nur Atlan freizukämpfen, sondern ganz Aquarien zu vereinen, war von Anfang an Ihr Ziel. Deshalb schlugen Sie Ihre erste Schlacht an den Verhandlungstischen. An der Seite des Königs von Moravia gelang es ihnen alle Reiche zu den Waffen zu rufen und für ein vereinigtes Kaiserreich aufmarschieren zu lassen. Mehr als bei den Regenten herrschte dabei im gewöhnlichen Volk die Meinung, dass nur absolute Einheit dem Kontinent endlich den ersehnten Frieden bringe. Die Tatsache, dass große Teile der venorischen Landstreitkräfte, sowie praktisch alle Kriegsschiffe, sich weit von der Heimat entfernt, in kriegerische Handlungen verstrickt sahen, spielte den Truppen des neuen, vergrößerten Bundes von Anfang an in die Karten. Ohne sich in die Auseinandersetzungen im Stadtstaat Atlan einzumischen griff das Heer der Briolas die beiden, noch nicht lange vereinigten Reiche, direkt an. Gleichzeitig und in chronologischer Reihenfolge perfekt abgestimmt, setzten Leander und Angelos von Briola sämtliche Krieger des Bundes zu Urd und alle Schiffe ein, welche in Aquarien überhaupt noch zur Verfügung standen. Schon lange ehe der Zusammenbruch Atlans offensichtlich wurde, waren alle diese Streitkräfte durch die Weitsicht der Briolabrüder in ihre Ausgangspositionen gegangen. Innerhalb von erstaunlich kurzer Zeit schloss sich darum ein Belagerungsring um Megadom, fielen die Reichtümer der Silberberge in die Hände der Krieger aus den alliierten Landen. Zur selben Zeit waren Kriegsschiffe vom Nordmeer her den Großen Drachenfluss aufwärts, sowie von Pazivonia und dem rasch eroberten Porta, stromabwärts auf Drakonia zugefahren. Damit nicht genug wurden beide Stoßrichtungen auch auf dem Landweg von je einer Armee begleitet. Die Briolabrüder schöpften aus dem Vollen. Selbst der Himmel über Venorien gehörte den Angreifern. Rund tausend Flugdrachen flogen durch die Lüfte. Ihnen entging so leicht nichts und wo sie in die Kämpfe eingriffen, ging der Gegner schon bald in die Knie, auch weil er kaum über eigene Flugdrachen verfügte. Nach wenigen Monaten stand ein Heer von vierzigtausend Mann aus allen Reichen Aquariens vor der für uneinnehmbar gehaltenen Feste Bankor. Längst war zu diesem Zeitpunkt entlang des Großen Drachenflusses jeder Widerstand gebrochen worden und im Süden auch die Metropole Megadom gefallen. Die Belagerung Bankors dauerte dann nicht mehr lange, nachdem der Herrschaftssitz Drakonia ebenfalls erobert und Fürst Reginald von Vielsee lebend in die Hände der Angreifer gefallen war. Bankors Gegenwehr entbehrte danach jeder Logik, zumal die Belagerer den Verteidigern in der Feste Gnade und freien Abzug gewährten. Ein Zugeständnis welches am Ende dann auch wirklich eingehalten wurde. Auch die, von der Heimat völlig isolierten und weit entfernten Kämpfer im Stadtstaat Atlan, mussten nur ihre Waffen ablegen, um danach völlig unbehelligt die weite Rückreise nach Venorien anzutreten. Atlan aber hatte nun gegebene Versprechen einzulösen. Dies bedeutete das Ende der bisherigen Regierungsform und den Wandel zu einem Königreich, welches als Wappen die aufgehende, goldene Sonne über grünem Land und dem blauen Meer wählte, und in den Bund zu Urd eingebettet wurde. Doch die an allen Fronten siegreichen Befehlshaber des Bündnisses aus Königreichen gingen diesmal noch einen Schritt weiter. Sie wandten sich an die Herrscher von Aquarien und verlangten allen die Zustimmung zur Gründung eines Kaiserreiches ab. Die Drohung den Krieg fortzusetzen, bis Aquariens Reiche unter einem Dach vereinigt seien, stand dabei bedrohlich im Raum. Acht Tage Bedenkzeit wurde den Entscheidungsträgern eingeräumt. Acht Tage hielt die Welt den Atem an. Dann siegte die Vernunft. Zähneknirschend beugte sich auch das letzte, unwillige Land. Ein, dem neuen Riesenreich vorstehender Kaiser sollte so bald als möglich bei einem Königstreffen zu Urd gewählt werden. Ehe jedoch die Zeit der Wahl gekommen war, machte bereits das sogenannte „Kaiserlied“ von sich reden. Überall auf dem ganzen Kontinent war es seit Kurzem zu hören. Niemand wusste allerdings wer es geschrieben und unter das Volk gebracht hatte. Jedenfalls bewies die Tatsache, dass in den Strophen dieses Liedes bereits von Königreichen, nicht von Stadtstaaten gesungen wurde, die Aktualität des gereimten Textes. Interessant war auch, dass der Verfasser Drakonia als Königreich Venorien angibt, Megadom aber für sich angesprochen wird und den uralten Landesnamen Urbanien zugeteilt bekommt. Die Vereinigung der beiden Reiche ist also bekannt, wird vom Verfasser aber teilweise ignoriert. Der Name Urbanien leitet sich im Übrigen von der Landschaftsbezeichnung des Gebietes rund um die Silberberge ab. Auch der Stadtstaat Atlan trug eigentlich einen noch viel älteren Namen, welcher keinen Herrschaftsbezirk meinte, sondern einen Teil des Kontinents beschrieb. Solche Bezeichnungen waren eben älter als jedes noch so frühe politische Gemeinwesen Aquariens. Der weite Osten des Kontinents hieß, solange seine Bewohner zurückdenken konnten, Amerien. So nannte sich das neue Königreich, nach der Auflösung von Atlan, nun wieder. Wie hatte der unbekannte Verfasser des Kaiserliedes genau diese Namensgebung vorhersehen können? Wahrscheinlicher ist wohl, dass die Menschen im Osten einfach seine Vorgaben aufgegriffen haben. Auf jeden Fall bereitete die Hymne auf des Kaisers Lande dem neuen Alleinherrscher den Weg. Er eroberte die Herzen des Volkes ehe man überhaupt wusste, wer denn letztendlich nach der Wahl den Kaiserthron besteigen werde. Doch es gab einen Mann der sich im Kampf um die Vereinigung und Befriedung Aquariens höchste Anerkennung quer durch alle Bevölkerungsschichten errungen hatte. Bei Moravias Heerführer Leander von Briola traf zu, was die letzten Strophen des Kaiserliedes verkündeten. Ihm hatten die Monarchen Aquariens freie Hand gelassen, dass er die endlosen Streitereien in einer letzten Schlacht beende und den lang ersehnten Frieden herbeiführe. Vor ihm verbeugten sich nun in Dankbarkeit, Anerkennung und Hochachtung vom Joch der Kriege befreite Völker. An ihn dachten sie in erster Linie, sobald die allseits beliebte „Hymne auf des Kaisers Lande“ angestimmt wurde. Vom gemeinen Volk längst kurz und bündig „Kaiserlied“ genannt. Zwar kannte kaum ein Bewohner Aquariens alle dreizehn Strophen der Hymne auswendig, doch der erste und die beiden letzten Verse, sowie jene Strophe, welche das jeweils eigene Königreich verklärte, waren fast durchweg Allgemeingut geworden. Wer nicht wenigstens diese Texte beherrschte, konnte auch nicht mitreden, wurde einfach nicht ernst genommen.

 

Hier der genaue Wortlaut des Kaiserliedes:

DES KAISERS LANDE. / KAISERLIED

Unsre Welt wird rings umfangen

von unendlich weitem Meer.

Auf dem Land zehn Reiche prangen.

Jeder ist sein eigner Herr.

Land der Magier und der Hexen,

du Satoria schicksalsschwer.

Aus verwunschnen Zauberbergen

kommen deine Wesen her.

Reich der Drachen und der Hexen,

zum Kampf bereites Galata.

Stehst du treulich zu Aquarien,

kommt kein Feind uns jemals nah.

Auf dem Strom fahrn stolze Schiffe,

Feste Bankor hält die Wacht.

Bleibetreu und stark Venorien,

wenn Versato einst erwacht.

Urbanien, Land der Silberberge,

der Schiffe auf dem Fluss und Meer

Halte Wacht an deinen Grenzen.

Deine Kraft hilft allen sehr.

Veatnar auf Moravias Boden,

es ruhe deines Feuers Macht.

Das Land um Urd soll niemals brennen

und sinken in die finstre Nacht.

Amerien deine reichen Strände

küsst in Süd-Nord-Ost das Meer.

Freiheit ist dein zweiter Name,

dich zu lieben eine Ehr.

Ravengart du Hort der Freiheit,

wo Schiffe fahren weit hinaus.

Vergiss nicht unser Reich Aquarien.

Wir wohnen all' im selben Haus.

Land mit Bergen voller Schätze,

wo das Handwerk stolz erblüht.

Dir Reichenau ein Lied zu singen

wird Aquarien niemals müd'.

Kronland, Paradies der Fülle.

Korn und Früchte sind dein Lohn.

Ewig schütze all' die Gaben

Provita unsres Glaubens Born.

Land des Glaubens und der Hoffnung,

du Anglien, Provitas Born.

Mit dir wagen wir die Zukunft,

ohne dich sind wir verlorn.

Könige auf euren Thronen,

reicht dem Kaiser eure Hand.

Dessen Schwert für euch wird richten,

dessen Mut für euch entbrannt.

Kaiser vor dir beugen sich die Lande,

Könige zur Seit' dir stehn.

Knüpfe deiner Herrschaft Bande.

Aquarien darf niemals vergehn.

 

Im Jahr Einhundertachtzig herrschte Frieden auf der ganzen, bekannten Welt, und die obersten Herrscher trafen sich in Urd, um die Kaiserwahl in die Wege zu leiten.

Wie von den meisten im gemeinen Volk vorhergesehen, hatten auch die zur Wahl berechtigten Könige eine mit der Volksseele identische Meinung. Leander von Briola war auch Ihr Favorit. Einstimmig wählten Sie ihn zum ersten Kaiser Aquariens. Noch am selben Tag wurde er in Urd gekrönt und leitete später, nach wochenlangen Verhandlungen und anschließender gründlicher Vorbereitung, die Proklamation des ersten Kaiserreiches. Man teilte den Kontinent dabei in neun Königreiche, sowie das kleine Fürstentum Kronland auf. Dazu gab es nun verbindliche Grenzen, welche der Kaiser zu garantieren hatte. Noch im selben Jahr begann in Urd der Bau des Kaiserpalastes. Seine Fertigstellung dauerte sehr lange, was nicht nur an den riesigen Ausmaßen des Prunkschlosses lag. Auch die häufig ausbleibenden Zahlungen der dazu verpflichteten, vereinigten Königreiche trugen nicht unerheblich zu den Verzögerungen bei. Meistens waren die Gelder zur Behebung schwerer Kriegsschäden auf dem eigenen Territorium abgezweigt worden, wofür der Kaiser ein fast grenzenloses Verständnis an den Tag legte. Wäre es allein nach seinem Willen gegangen, hätte der Palast ohnehin viel kleiner ausfallen müssen. Die Fertigstellung der Residenz verzögerte sich am Ende derart, dass der erste Kaiser bis zu seinem Tod niemals in diesem Prachtschloss residieren sollte. So lange wohnte der Kaiser in Anglien, wo sein Geschlecht drei Burgen auf nebeneinander liegenden Bergen besaß. Um seine Herrschaft wirksam zu begründen, befand sich der Kaiser ohnehin die meiste Zeit des Jahres ständig auf Reisen durch sein Reich. Obwohl man den Regenten also kaum zuhause auf seiner Burg antreffen konnte, wurden die drei Bergfestungen der Briolas, vom Volk, das nur wenig vom ruhelosen Umherziehen des Oberhauptes mitbekam, bald nur noch die Drei Kaiserberge genannt. Der Kaisersitz befand sich auf dem mittleren Berghügel namens Kronberg. Zwei Brüder des obersten Herrschers bewohnten schon lange mit ihren Familien die Burg zur Linken, welche Hochstuhl hieß und zur Rechten die Feste Helion. So blieb es auch bis zum Tod des Leander von Briola, der unverheiratet und kinderlos blieb. Als er im Jahr Zweihundertacht nach dem Großen Beben starb, hatte er seine beiden Brüder überlebt, doch deren Nachfahren stellten in den nächsten Jahrhunderten noch manchen Kaiser. Die Briolas blieben, bis zu ihrem Untergang, Aquariens Kaisergeschlecht. Mit dem gewaltsam erzwungenen Ende ihrer Dynastie erlosch auch das Kaiserreich. Bis dahin aber residierten Leander von Briolas Geschlecht im mächtigen Kaiserpalast zu Urd, welcher im Jahr Zweihundertzehn endlich fertiggestellt wurde. Doch drehen wir weiter am Rad der Zeit, überspringen als neutrale Beobachter mühelos die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Mit der schöpferischen Macht unserer Fantasie geben wir Aquariens Geschichte wieder. Diese überdauert alle glorreichen Herrscher, gebiert immer neue Helden, Überlebenskünstler und leider auch Verlierer. Damals, im Jahr Einhundertachtzig, wurden Königreiche errichtet und neue Machtbezirke abgesteckt. Dabei gab es leider auch weniger glücklich Agierende. Wobei nicht ihr Handeln die entscheidenden Rückschläge verursachte, sondern das Volk von Aquarien war ihrer überdrüssig geworden, versagte ihnen einfach weitere Zustimmung. Wohl nicht zufällig betraf die allgemeine Verweigerung ausgerechnet die beiden ältesten Volksstämme und Glaubensbündnisse auf dem Kontinent. Was sie repräsentierten, hatte sich schon lange überlebt, passte einfach nicht mehr in die neue Zeit. Das Volk der Hexen, wie das Priestertum uralter Prägung, wurde damals endgültig aus fast allen, ihnen noch verbliebenen, hohen und bedeutenden Positionen gedrängt. Es begann der scheinbar unaufhaltsame Untergang der Tempelstadt Asenheim und des Hexenbundes von Satoria. Dass auch die Weißen Magier, als treueste Anhänger des Kaiserhauses, laufend mehr an Einfluss verloren, schwächte schon früh die Dynastie des anfangs so souveränen Herrschergeschlechtes derer von Briola. Im Jahr Dreihundertzwanzig beantragten die Weißen Magier beim vom Kaiser geleiteten Rat der Könige, eine Vergrößerung ihrer Schule für Magier und Hexen. Dieser Antrag wurde durch Mehrheitsbeschluss abgelehnt. Im Gegenteil, folgte noch im selben Jahr die Anordnung, dass ab Dreihundertzweiundzwanzig, auf der Zauberschule, im Turm zu Borgas Mitras, nur noch Magier, aber keine Hexen mehr ausgebildet werden dürfen. Für die Schulung ihrer Untergebenen solle in Zukunft einzig die Hexenkönigin zuständig sein. Diese verfügte jedoch zu diesem Zeitpunkt weder über geeignete Lehrmeisterinnen, noch waren Räume vorhanden, welche den Anforderungen einer Hexenschule entsprechen würden. Damit wurde die, mit solchen diskriminierenden Beschlüssen wohl beabsichtigte Verzögerung in der Hexenausbildung unumgänglich. Auch die Rahmenbedingungen für die Magierschule wurden mit demselben Erlass beklemmend eng ausgelegt. Der Rat der Könige begründete diese Maßnahme mit der langen Lebensdauer der Magier, wodurch nur wenig Nachwuchs erforderlich sei. Fortan durfte nur noch alle sieben Jahre jeweils ein Zauberlehrling ausgebildet werden. Auf ein erlösendes Veto des Kaisers im Rat der Könige zu Urd wartete man vergeblich. Der Monarch beugte sich dem Druck der großen Mehrheit, welche ab jener Zeit die Alleinherrschaft des Menschengeschlechts mit allen Mitteln durchzusetzen gewillt war. Indem das Kaiserreich diese Schwächung der Magier zuließ, schnitt es sich letztendlich ins eigene Fleisch, beraubte sich einer mächtigen, treuen Freundschaft. Auch im Jahr Vierhundert wurde noch jährlich ein Vitalo geboren. Priesterinnen welche sich gerne als Mütter zur Verfügung stellten, gab es genug. Viele dieser Auserwählten hatten sich inzwischen bei ihren Kindern im Dorf Vitalis angesiedelt. Da bisher kein Vitalo gestorben war, zählte der Ort inzwischen um die achthundert Einwohner.

Im Jahr Fünfhundertfünfzig beginnt die Macht der Kaiserdynastie zu bröckeln. Ein Antrag von Venorien, Amerien und Ravengart, das Kaiserreich aufzulösen, scheitert nur knapp im Rat der Könige. In den Reichen der Antragsteller begann dennoch in den nächsten Jahren eine Zeit der Benachteiligung und Unterdrückung von Kaisertreuen. Es wurde immer problematischer und gefährlicher sich zum Kaiserreich zu bekennen. Schon die Fahne des Regenten zu zeigen, ob vor der eigenen Behausung, oder unterwegs, konnte an vielen Orten Aquariens ein lebensgefährlicher Akt sein. Im Jahr Fünfhundertneunzig geschah es dann erstmals, dass die Anhänger der Briola von immer mehr Regenten verfolgt wurden. Vom Pranger über Kerkerhaft, bis hin zu Verbannung und Todesstrafe reichten die, je nach Königreich, unterschiedlich harten Repressalien. Bei einer, im Jahr Sechshundertacht in Urd einberufenen großen Versammlung wurde der Kaiser schließlich aufgefordert abzudanken. Nur das Königreich Anglien und das Fürstentum Kronland stimmten dagegen. Der Kaiser weigerte sich die Oberherrschaft abzugeben, doch auch die ihm unterstellten Truppen und sogar seine Leibgarde versagten ihm die Gefolgschaft. Es blieb nur die Flucht nach Anglien, wo er auf seiner Burg Kronberg Schutz vor den Nachstellungen suchte. Mit seinen Verwandten auf den Festen zur Linken und Rechten rüstete der enttäuschte Kaiser zum Widerstand. Der vereinigten Streitmacht von sieben Königreichen hatte man in offener Schlacht natürlich nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Doch darüber zeigten sich die Verteidiger der drei Burgen im entscheidenden Moment leider nicht einig. Als die Besatzung der Feste Kronberg ausrückte um den Belagerungsring der alliierten Armeen zu durchbrechen, hoffte der Kaiser auf Unterstützung der Nachbarfestungen. Aber seine Boten waren beide abgefangen und getötet worden. Auf sich allein gestellt wurde des Kaisers Gefolgschaft aufgerieben, ihre nur noch schwach besetzte Burg von der Übermacht erobert. Mit den Geiseln, welche dabei den Angreifern in die Hände fielen, alles enge Verwandte des Kaisers, und die treuesten der treuen Untergebenen, zwangen die alliierten Befehlshaber die Briolas auch die Tore der zwei anderen Festungen zu öffnen. Das Versprechen, außer der Gefangennahme des Kaisers sonst keine Strafmaßnahmen durchzuführen, wurde dann nicht eingehalten. Nach der Kapitulation ging man noch am selben Tag daran vor den Toren der Feste Kronberg zuerst den Kaiser, dann alle Mitglieder des Geschlechts der Briola und sämtliche Gefolgsleute von Rang mit dem Schwert zu richten. Der Tod des letzten Kaisers Theodor von Briola bedeutete auch das Ende seines ruhmreichen Geschlechts. Die rachedurstigen Könige ließen außerdem die drei Burgen niederbrennen. Erst viele Jahre später erwarben die Weißen Magier alle drei Kaiserberge. Auf den Grundmauern der Feste Helion errichteten sie eine sogenannte Wohnburg. Sie nannten diese Athros Cashei, was in der alten Magiersprache Burgheimat, oder auch Heimburg bedeutet.

Doch kehren wir ins Jahr Sechshundertacht zurück. Nach dem Tod des letzten Kaisers und der Auslöschung seines ganzen Geschlechts, rollte eine Vernichtungswelle gegen alle ehemaligen Anhänger durch Aquarien. Wer nicht nach Anglien oder Kronland fliehen konnte, war des Todes. Nur ihr mächtiger Zauber, den alle insgeheim fürchteten, schützte die Weißen Magier vor solchen, harten Repressalien. Doch hilflos mussten sie dem Morden zusehen. Mitten in die Welle der Verfolgungen hinein verkündete das Orakel von Provita allerdings im Jahr Sechshundertzehn, es werde eines Tages ein neuer Kaiser geboren. Wann dies der Fall sei, blieb dabei unbeantwortet. Nur dass eine Reihe von Katastrophen sein Kommen ankündigen werde. Worauf Aquarien sich dabei einzustellen habe stand schon bald, für jeden nachlesbar, in die Stele vor Provitas Altar geschlagen. Auch stand dort in Stein gemeißelt, dass dieser Retter den Thron besteigen werde, nachdem er zuvor das Kaiserreich mit dem Schwert erneuert habe. Was das Orakel verkündete brachten die Priester Provitas unter das Volk, wofür es in Anglien kein Verbot gab. Außerhalb dieses Reiches und dem Fürstentum Kronland aber, machten sich Provitaner und Magier für die Verbreitung solcher Botschaften erbitterte Feinde. Dennoch versahen die Priesterinnen und Priester in ihren Tempeln weiter diesen Dienst und brachten unerschrocken des Orakels Worte an den Mann. So fand die Hoffnung auf bessere Zeiten im Lauf der Jahrhunderte ihren festen Platz in den Herzen der Kaiserreichsanhänger. Wer allerdings, außer in Anglien und Kronland, als Kaisertreuer entlarvt wurde, bezahlte diesen Ungehorsam mit seinem Leben und dem Einzug aller seiner Güter. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Strafen jedoch immer weniger drastisch. Nicht nur Anhänger, sondern auch die Feinde des Kaisertums, verloren mehr und mehr den Glauben, dass der versprochene neue Regent jemals geboren werde. Am schnellsten schwand die Hoffnung bezeichnenderweise in Anglien und Kronland, wo man nicht verfolgt wurde aber Generation auf Generation vergeblich auf den Erlöser hoffte. Auch das Orakel schwieg nun über Jahrhunderte zur Wiedergeburt des Kaisers.

Zwischen Hoffnung und Bedrohung

Niemand konnte ahnen, dass schon im Jahr Sechshundertneunundfünfzig die Weichen für die Geburt des Kaisers gestellt worden waren. Zu dieser Zeit erblickte in Haderos, in den Zauberbergen, der Knabe Gloriam Borgese das Licht der Welt. Mit ihm sollte eines noch fernen Tages die Kaisertreue zu ungeahnten, neuen Höhen aufschwingen. Ihm hatte Provita die Last aufgeladen Aquarien wieder einen Kaiser zu schenken, und zwar in der Form, dass Gloriam die Kaisermutter zu finden und während Schwangerschaft, sowie Geburt zu beschützen hatte. Auch das Heranwachsen des Neugeborenen galt es zu beschirmen, bis der Auserwählte alt genug war, seine Aufgabe als neuer Herrscher selbstständig anzugehen. Von alledem wusste der Kaiserbeschützer lange nichts. Doch das Schicksal würde ihn immer wieder genau die richtigen Entscheidungen treffen lassen. Sein Weg ist vorgezeichnet, doch wird er, wenn ihm das schwere Los eines Tages deutlich vor Augen steht, bereit sein, die Aufgabe anzunehmen? Früh zeigten sich zunächst. die magischen Fähigkeiten des Jungen, weshalb der Weiße Obermagier Aldebar diesen gerne so bald als möglich in die von ihm geleitete Zauberschule aufgenommen hätte. Darüber entschied allerdings einzig das Orakel zu Provita. Dessen entsprechende Empfehlung ließ jedoch lange auf sich warten. Zunächst schien Gloriam ein ganz gewöhnliches Leben als normal sterblicher Mensch beschieden. Da er von seinem Schicksal, unwissend wie er zunächst noch war, gar nichts anderes erwartete, genoss er unbeschwerte Kindheits- und Jugendjahre in den Zauberbergen. Als Kleinkind, das zuerst einmal seine Welt zu verstehen lernen musste, blieb er zunächst auf die eigene Person konzentriert. Später, als Heranwachsender, wurde ihm jedoch mehr und mehr die beklemmende Enge bewusst, mit der seine Heimat ihre mündigen Bürger bedrängte. Das allmächtige, nur auf den eigenen Vorteil bedachte Geschlecht der Tallus, hatte mitten im Königreich Satoria eine Welt geschaffen, in der sich alles nur nach ihren eigenen Gesetzen abspielen durfte. Seit das stark bei ihnen verschuldete Königreich den Tallus die alleinigen Schürf- und Nutzungsrechte in den gesamten Zauberbergen, mit Ausnahme der letzten zwei, noch von den Hexen bewohnten Tälern, zugestanden hatte, bestimmten sie wo Arbeitsstellen entstanden und wer dort eine Beschäftigung erhielt. Auch die Entlohnung konnte, da es keine Konkurrenzunternehmen gab, entsprechend niedrig angesetzt werden. Als Träger der Hohen Gerichtsbarkeit hielten sie sich leicht alle Einwände vom Leib und bestraften Unrechtmäßigkeiten mit aller Härte. Auch hielten sie, notfalls mit Waffengewalt, alle Täler, in denen wertvolle Bodenschätze von ihnen abgebaut wurden, für die übrige Bevölkerung gesperrt. Damit bestimmten sie letztlich wohin jeder Bewohner der Zauberberge gehen durfte und wohin nicht .Auch Gloriam, inzwischen älter geworden, konnte dagegen nichts unternehmen. So empfand er es als eine Befreiung, als er das Gebirge verlassen und die Hohe Schule in Sato besuchen durfte. Dort schaffte er einen überragenden Abschluss und begann eine Ausbildung zum Medicus und Geburtshelfer. Damit schuf er, noch immer unbewusst, Voraussetzungen welche seinen bevorstehenden Aufgaben sehr entgegen kamen. Was ihn selbst jedoch zu weiterhin hervorragenden Leistungen beflügelte, war seine Liebe zu den Menschen und der brennende Wunsch zu helfen, falls diese in Not sein sollten. Im Jahr Sechshundertfünfundachtzig legte Gloriam sein Examen mit Auszeichnung ab. Wie es damals die Regel war, zog er nun mit seiner Heilkunst durch die Lande, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Zu jener Zeit beunruhigten ihn längst diese plötzlich auftretenden, zahlreicher werdenden Tagträume. Er sah Ereignisse welche, mehr oder weniger weit in der Zukunft lagen und schenkte dieser Veranlagung zuerst weniger Beachtung. Gloriam hielt die Einblendungen aus heiterem Himmel, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, zwar für außergewöhnlich, doch in den Inhalten für bedeutungslos. Aber Traumbilder ohne jeglichen Sinn waren das keinesfalls. Sehr bald musste der junge Mann erkennen, dass sich früher oder später mit absoluter Sicherheit erfüllte, was er zuvor gesehen hatte. Das Erschrecken darüber war zunächst groß. Es fiel nicht leicht mit dieser Erkenntnis weiterzuleben, zumal man das Ungeheuerliche zwar vor den Menschen, doch sicher nicht vor den Hexen und Zauberern verbergen konnte. Noch ehe Gloriam seine Wanderjahre begann und als Medicus durch Aquarien zog, hatten die Weißen Magier seine hellseherische Begabung erkannt und ließen ihn nicht mehr aus den Augen. Für den jungen Medicus ohne praktisches Wissen gab es derweilen ganz andere Prioritäten zu setzen. Nur wer seiner Berufung an möglichst vielen Orten in der Fremde nachging, sein Wissen mehrte und mit wachsender Erfahrung einen guten Ruf errang, konnte eines Tages daran denken, sesshaft zu werden und an einem festen Ort dauerhaft genug zahlungskräftige Patienten für sich zu gewinnen. Acht Jahre zog der noch ganz am Anfang seiner Entwicklung stehende Medicus von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, sammelte dabei viel Erfahrung, blieb aber auch von Rückschlägen nicht verschont. Nicht überall war er als männlicher Geburtshelfer auch wirklich willkommen. Dass ausgerechnet er, als Mann, den zu seiner Zeit gelehrten, halbherzigen Untersuchungen weiblicher Personen absolut nichts abgewinnen konnte, traf oft auf Unverständnis. Gloriam wollte im Detail sehen was er zu beurteilen und danach zu behandeln hatte. Er befürwortete, dass Mann und Weib in der Liebe und vor ihrem Medicus keine Scham zeigten, was allerdings damals in Aquarien eine eher seltene, revolutionäre Weltanschauung bedeutete. So kam es gelegentlich vor, dass ein Patient, mehr noch, eine Patientin, sich im letzten Moment entschloss doch besser einen anderen Medicus zu konsultieren. Bald eilte Gloriam ohnehin der Ruf voraus ein etwas eigener Medicus und Geburtshelfer zu sein. So mieden ihn die einen deswegen, die anderen schickten genau darum nach ihm. Doch Letztere blieben in der Minderzahl. Aber er hatte Erfolg mit seiner gründlichen, offenen Art und daraus entstehenden exakten Diagnosen. So fand er sich und seine Methoden bestätigt, was der noch junge, nach Anerkennung lechzende Medicus natürlich auch für seine Weiterentwicklung brauchte. Von allzu konservativen Kollegen und total anders denkenden Patientinnen mitunter angefeindet, zudem des Reisens müde, kehrte Gloriam im Jahr Sechshundertdreiundneunzig nach Satoria zurück. Im sehr aufgeschlossenen und toleranten Königshaus von Sato wurde er schließlich als Leibmedicus des Herrscherpaares angestellt. Als er der Königin ein Jahr später, trotz schwieriger Umstände, zu einem Thronfolger verhelfen konnte, hatte er nicht nur der hohen Dame, sondern auch des Regenten Herz gewonnen. So mehrte Gloriam weiter sein Wissen und seinen guten Ruf, machte sich am Hof fast unentbehrlich. Bis seine Tagträume ihm den glänzenden Werdegang zu verderben schienen. Als der junge Mann immer wieder träumt vor Versatos Mauer zu stehen, drängt es ihn mit Macht dorthin zu gelangen. Während er noch Pläne schmiedet wie es anzustellen sei fünf Tage aus dem Dienst als leiblicher Medicus freizukommen, löst sich das Problem plötzlich wie von selbst. Es ergab sich, dass der König einmal wieder, wie in unregelmäßigen Abständen üblich, die Wache vor Versatos Mauer zu kontrollieren beliebte. Zudem wollte die Königin, trotz aller Angst, auch das absolut Böse kennenlernen und fand es unerlässlich ihren persönlichen Medicus dabei zu haben. Ihrem Gemahl blieb keine andere Wahl als Regentin samt Medicus mit auf die Reise zu nehmen. So stand Gloriam Tage später vor der Mauer Versatos und spürte zum ersten Mal die ungeheuer feindselige Aura dieses Ortes. Was er bisher nur vom Hörensagen kannte, ging in der Realität über jedes menschliche Vorstellungsvermögen weit hinaus. Gloriam fühlte aber noch viel mehr. Es kam ihm so vor, als sei dieses unvorstellbar Böse einzig auf seine Person gerichtet. Die Drohung eines Tages diesem Grauen nackt und wehrlos gegenüberstehen zu müssen, drängte sich geradezu auf und machte den jungen Mann schwindlig vor Angst. Im Augenblick konnte er sich noch nicht vorstellen eine solche harte Prüfung jemals zu bestehen. Betroffen und völlig ratlos zog der Medicus sich daraufhin in die Burg Düsternis zu den Wachen zurück. Hier hatte Gloriam wenigstens nicht mehr das Gefühl als schaue ihm der böse Feind genau in seine verzagte Seele hinein. Der Medicus blieb daher in der Feste, bis der König am nächsten Tag samt Gefolge wieder nach Sato heimkehrte. Dort angekommen quälen Gloriam schon bald erneute Tagträume. Unfassbar, er ist noch ein junger, in vielem unerfahrener Mann, und doch ruft das Orakel von Provita nach ihm! Immer dringlicher reift so die Erkenntnis, dass ein festgeschriebenes Schicksal ihn in seinen Bann zieht, und der junge Medicus diesem Ruf folgen muss, ob er will oder nicht. Seine Tage am Königshof zu Sato sind nun jedenfalls gezählt. Dieses erneute Problem ließ sich allerdings nicht so einfach wie mit einem Zweitagesritt von Sato nach Versato und wieder zurück erledigen. Der Weg hinab in den Süden, wo in Anglien der Tempel des Guten stand, erstreckte sich viel weiter und um dorthin zu gelangen gab es nur eine naheliegende Lösung: Gloriam musste seinen Dienst quittieren und sein persönliches Tätigkeitsfeld in den Süden Aquariens verlegen. Der König und viel mehr noch die Königin waren über ein solches, für Sie aus heiterem Himmel kommendes Ansinnen natürlich wenig erfreut. So stellten Sie, für den Fall des vorzeitigen Weggangs, harte, auf die Schnelle kaum zu erfüllende Bedingungen. Erstens sollte Gloriam dem Königspaar einen gleichwertigen Ersatz als Leibmedicus besorgen. Zweitens wurde eine so hohe Entschädigung für den plötzlichen Rücktritt gefordert, dass die horrende Summe das gesamte, bisher angesparte Vermögen des jungen Mannes wieder aufgezehrt und zusätzliche Schulden erfordert hätte. Der Medicus war zunächst ratlos, hegte schon Fluchtgedanken, doch dann lösten sich binnen eines Tages alle Probleme wie von selbst. Zuerst bewarb sich überraschend der landauf landab bekannte, wegen seiner Fähigkeiten hochgelobte Wandermedicus Phillip von Rosenhain bei Satorias König als Leibmedicus und wurde zunächst vertröstet, weil Gloriam sich noch nicht freigekauft hatte. Doch nur ein paar Stunden später erschien ein Weißer Magier und handelte, gegen Bezahlung, des jungen Mannes Entlassung vom Dienst aus. Der Zauberer stellte nur eine Bedingung: Der Losgekaufte dürfe niemals von diesem Handel erfahren. So zog Gloriam Tage später nach Süden und wusste eigentlich gar nicht so recht wie ihm geschehen sei. Wochen danach stand der junge Heiler zum ersten Mal einem Vitalo gegenüber. Denen hatte Provita nämlich im Jahr Fünfhundert, überraschend für alle Glaubensanhänger, das Recht übertragen den Tempel des Guten als höchste, priesterliche Instanz zu leiten. Seither bestimmten nicht mehr die Priester, sondern der zum Ehrenpriester erhobene oberste Vitalo Daniel Argus, wer vor das Orakel hintreten durfte. Der erstgeborene Vitalo aus dem Jahr Elf bekleidete, als inzwischen über Fünfhundertjähriger, dieses Gnadenamt. Er also empfing nun Gloriam vor dem Tempel des Guten und schickte ihn zunächst zur Stele, welche vor Provitas Altar empor ragte. Dazu gab er ihm mit auf den Weg: „Lies was in den Stein gehauen steht und bewahre es in deinem Herzen." Dann gab er den Weg in den Tempelbezirk frei. In diesem Augenblick nahm die übermenschliche Kraft des Guten von dem jungen Mann Besitz und führte ihn mit unsichtbarer Hand vor die Stele beim Altar, auf dass er lese, was fortan sein Leben bestimmen werde. Nun wusste fast jeder erwachsene Einwohner Aquariens genau, auf der Stele Provitas wurde eine schreckliche Zukunft für die Welt angekündigt .Nach sehr viel Leid, vergossenem Blut und Tränen versprach das Orakel aber letztlich auch die Erlösung, sowie den Übergang in eine bessere Welt. Ein Wandel zum Guten, den man vor allem einem Umstand verdanke, nämlich der Geburt und Herrschaft eines neuen Kaisers. Den Herren auf den Thronen Aquariens steckte diese, kurz nach dem Untergang des Kaiserreiches erhobene Prophezeiung wie ein Dorn im Fleisch. Es wagte jedoch keiner der Hohen Herren das Schwert gegen Provita und die, jenen Glauben schützenden Weißen Magier zu erheben. Man erging sich im Lauf der Zeit lieber darin das Orakel als ein Lügenmärchen hinzustellen. Je länger es dauerte, ohne dass die Vorhersagen auch nur annähernd in Erfüllung gingen, umso sicherer sahen sich die Mächtigen in ihrem Unglauben bestätigt, wurde aber auch der Druck von den Kaiserreichsanhängern genommen. Für Gloriam waren die Worte auf der Stele Provitas bisher völlig ohne Bedeutung gewesen. Nun, da er den Text zum ersten Mal selbst las, brannte sich die Prophezeiung Wort für Wort in seine Seele ein. Aber nicht nur dies geschah mit dem jungen Medicus. Er fühlte sich vor allem plötzlich persönlich angesprochen. Von einem Augenblick zum anderen wusste er: Was auf dieser Stele stand, würde sich erfüllen! Und noch etwas spürte er tief in seinem Innern: Wenn früher oder später dieses Orakel in Erfüllung ging, dann mit seiner, Gloriams Hilfe, oder gar nicht!

Alle diese überwältigenden Erkenntnisse brachen in der kurzen Zeit über den jungen Mann herein, welche dieser brauchte um den inhaltsschweren Text auf der steinernen Stele zu lesen. Und der lautete:

 

Höret Menschen und seid stille.

So ist es des Schicksals Wille.

Erkennt die Zeichen und versteht,

wie es euch schon bald ergeht.

Einmal wird die Erde beben

Und zu Grunde geht manch Leben.

Land dem Meer zum Opfer fällt

Klein und kleiner wird die Welt.

Kaum regt sich die Hoffnung wieder

Regnen Feuer und Asche nieder.

Zum Zweiten schwanken Berg und Tal

Versatos Mauer kommt zu Fall.

Böses wird zu Bösem finden,

Feuerdrachen fliegen mit den Winden.

Schwanger geht Unfruchtbarkeit.

Gekommen ist des Kaisers Zeit.

Gen Süden ziehen Schwerter, Beile.

Der Traum von Macht währt eine Weile.

Doch weh es wartet dort kein Sieg.

Nur Tod und Tränen bringt der Krieg.

Erst noch fällt der Hexen Thron.

Dann wird gebor‘n Aquariens Sohn.

Es tritt ein Kaiser auf den Platz

Ihm gebührt der Reiche Schatz.

Er wird sammeln Heer um Heer.

Ehe noch die Truhen leer

Wird ein großer Sieg errungen.

Kaiser, Dir sei Lob gesungen

Überwältigt von der Aussagekraft des Gelesenen kniet Gloriam lange vor Provitas Altar und sucht seine Gedanken zu ordnen, die außer Kontrolle geratenen Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Danach steht sein Entschluss fest: Er will ein Provitaner werden! Das ist im Moment, neben seiner Sendung den Menschen bei körperlichen Gebrechen beizustehen und Ungeborenen auf die Welt zu helfen, sein absolut größtes Anliegen. Der Ehrenpriester von Provitas Tempel lässt ihn noch eine Nacht über seinen Beitrittswillen nachdenken, doch das ändert nichts mehr an Gloriams Entschluss. Am Mittag des nächsten Tages kniet er vor dem Altar und der Hohepriester Hyronimus Seher, sowie Daniel Argus als Zeuge führen die Zeremonie durch, welche den jungen Medicus zum Provitaner macht. Der Hohepriester steckt ihm den Ring aus Horn auf den Mittelfinger der linken Hand. Daran soll man in Zukunft seine Glaubenszugehörigkeit erkennen. Nun muss Gloriam noch schwören stets dem Guten zu dienen und das Böse zu bekämpfen. Auch bei Gefahr für Leib und Leben unter allen Umständen zum angenommenen Glauben zu stehen, ist ein weiterer Schwur der geleistet werden muss. Danach war der junge Mann zum Glauben der Provitaner aufgenommen und zum ersten Mal im Leben bereit vor das Orakel zu treten. So war es der Brauch. Jeder neu in die Gemeinschaft Aufgenommene bekam zu Beginn vom Orakel seinen, zu ihm passenden Spruch verkündet, nahm ihn mit auf seinen weiteren Lebensweg.

Der Vitalo Daniel Argus sagte ihm die immer gleichen Worte, mit denen jeder neue Gläubige, aber auch jeder Ratsuchende das Orakel anzusprechen hatte:

Heute tret ich vor dich hin

Gib meinen Fragen einen Sinn

Hilf mir zu verstehen

Lass mich weise gehen

Was ihm dann geantwortet wurde gab Gloriam Rätsel auf, doch er folgte dem Rat von Daniel Argus das Gesagte im Herzen zu behalten und geduldig zu warten, bis sich die Nebel um das Verkündete eines Tages lichteten und man glasklar den eigentlichen Sinn erkenne.

Und so sprach das Orakel zum Medicus Gloriam Borgese:

Du bist gut. Dein Stolz ist groß

Böses blüht in Deinem Schoß

Du bist das Schwert. Du bist das Wissen

Du siehst was andere nicht sehn,

Du wirst das Böse überwinden.

Musst weite, schwere Wege gehn.

Eigentlich hatte Gloriam geplant nun in Lasa, Angliens Hauptstadt und Königssitz, als Medicus zu praktizieren. Daniel Argus rät ihm jedoch in Moravia, am Hof König Phillips von Hohenstein, Leibmedicus zu werden, und dort möglichst lange zu dienen. Der junge Mann nahm diese Empfehlung des obersten Vitalos bedenkenlos auf, war doch allseits bekannt, dass alle Kinder Provitas in die Zukunft zu schauen vermochten, niemals logen und mit ihren Aussagen stets das Richtige vorgaben. Tatsächlich fand der junge Medicus, dem ein guter Ruf vorauseilte, sofern man seine fortschrittlichen Vorgehensweisen zu schätzen wusste, am Hof des Phillip von Hohenstein Aufnahme. Auch sein Provitanerglaube wurde im weltoffenen Urd toleriert. Wie überall in Aquarien war auch in Moravia, nach vielen Jahrzehnten der Verfolgung, eine Zeit angebrochen da, man die Provitaner, als unbeirrbare Anhänger des untergegangenen Kaiserreiches nicht mehr bekämpfte, sondern eher mitleidsvoll belächelte. Es gab zwar die alten, strengen Gesetze noch, welche Kaiserreichsanhänger unbarmherzig zu bestrafen suchten, doch angewandt wurden diese Repressalien schon seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr. Der Kaiserglaube war zur harmlosen Spinnerei verkommen.

Als Gloriam sein Leibmedicus wurde, befand sich der König von Moravia bereits in einem fortgeschrittenen Alter. Mit seinem Tod im Jahr Siebenhundertneun endete, nach gut vierzehn Jahren, der Dienst am Königshof. Der auf dem Thron folgende Sohn hatte die Hälfte seines Lebens zwar den Hofmedicus Gloriam als zuverlässigen Gesundheitswächter gehabt, doch gehörte er zu den zahlreichen, konservativ denkenden Patienten im Reich und wollte jetzt, da er das Sagen hatte, lieber einem anderen, nach hergebrachten Methoden praktizierenden Medicus sein Vertrauen schenken. Mit dieser Reaktion hatte Gloriam allerdings schon länger gerechnet. Der Prinz hatte von jeher sein Missfallen an der fortschrittlichen Vorgehensweise des Hofmedicus ziemlich unverblümt zum Ausdruck gebracht. Unter diesen Umständen konnte Gloriam sich nun einen langsam herangereiften Wunsch erfüllen, denn auch das dafür nötige Kapital reichte inzwischen aus um sein Vorhaben auf lange Zeit tragen zu können. Also kaufte er sich ein geeignetes Haus in Lasa, Angliens Königssitz, weil er dort sein Lebenswerk am sichersten aufgehoben ...

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