Logo weiterlesen.de
Die Wilden Fußballkerle - Band 10

INHALT

IMAGE

Intuition und Zaubertrickkiste

Eine Katze mit neunzig Leben

Die Weltmeisterschaft vor der Weltmeisterschaft

88, 89, 90

Der freie Fall in die Hölle

Eiskalt

Pinguin-Fußball

Kein Weg zurück

Rocces Bitte

Lebendig begraben

Wilde Kerle in Gefahr

Der Anakonda-Sumo-Ringer-Pippi-Langstrumpf-Coup

Leon hat sich verzählt

Alles zu spät

Die schwarzen Panther kehren zurück

Alles auf eine Karte

Nintendo-Fußball

Zwei Clowns im Teufelstopf

Traumspiel

Die Wilden Fußballkerle stellen sich vor

IMAGE

Intuition und Zaubertrickkiste

Ich sah den Ball. Er flog direkt auf mich zu und mit dem nächsten Herzschlag flossen alle Geräusche der Welt zusammen. Sie wurden zu einem tiefen und kräftigen, immer lauter werdenden Ton. Meine Gedanken verschwanden. Ich trat einfach an. Drei kraftvolle, entschlossene Schritte. Ich flog dem Leder entgegen. Ich surfte auf dem Ton wie auf einer mächtigen Welle. Dann holte ich Schwung. Mit dem linken Bein schraubte ich mich hoch in die Luft. Mein Kopf schwebte wie ein Satellit über dem Feld. Ich sah jeden Wilden Fußballkerl auf dem Platz. Ich spürte jeden Zentimeter des Rasens und mit diesem Wissen zog ich jetzt ab. Mein rechtes Bein sauste nach vorn. Der Scherenschlag war perfekt, und genauso satt und perfekt war das Geräusch, mit dem mein Spann auf den schwarzen Ball traf.

IMAGE

„KAHH-DUMMMPFFFF!“, hallte es über das Feld und ließ jeden in der Bewegung erstarren.

Juli „Huckleberry“ Fort Knox, die Viererkette in einer Person, konnte es einfach nicht fassen. Die SpVg Solln führte eins zu null!

Maxi „Tippkick“ Maximilian, der Mann mit dem härtesten Schuss auf der Welt, pfiff durch die Zähne, als ob er Zahnschmerzen hätte. Ich stand im eigenen Strafraum, mindestens 50 Meter vom Sollner Kasten entfernt.

Markus, der Unbezwingbare, sackte hinter mir in die Knie. Das waren die letzten dreißig Sekunden des Spiels. Wie konnte ich die nur mit einem so dummen Fernschuss vergeuden?

Ja, und Fabi, der schnellste Rechtsaußen der Welt, dachte gar nicht daran, den Ball zu verfolgen. Er torkelte wie eine Fliege in einem Glas Honig herum. Seine Beine trieften vor Mutlosigkeit. Wenn wir dieses Spiel heute verlören, lägen wir neun Punkte hinter dem Spitzenreiter zurück. Dann wär die Meisterschaft futsch! So als hätte ich sie die Kloschüssel runtergespült.

„Dafür bring ich dich um!“, zischte Leon. „Dafür wirst du ganz langsam sterben! Dafür quäle ich dich bis zum jüngsten Gericht!“ Der Slalomdribbler, Torjäger und Blitzpasstorvorbereiter kochte vor Wut und er meinte es Ernst. Es war ihm schnurzpiepegal, dass ich sein Bruder war. „Hörst du, Marlon! Und danach …, ja danach quäle ich dich weiter!“

Selbst Willi hielt jetzt die Luft an. Der beste Trainer der Welt stand am Spielfeldrand. Er knetete seinen Hut zwischen den Fingern und seine Augen klebten wie die aller andern am Ball. Der schoss wie ein nachtschwarzer Komet durch den hellblauen Himmel.

„Ratzfatz! Seht doch!“, raunte Joschka, die siebte Kavallerie. „Er fliegt den Zauberbesenflugbogen!“

„Ja!“, lachte Raban, der Held. Dabei waren seine Coca-Cola-Glas-Brillengläser vor Nervosität so beschlagen, dass er höchstens zwanzig Zentimeter weit sah. „Beim Fußballderwisch von Ostokinawa! Genau so hat Marlon gegen 1906 das Siegestor geschossen. Wisst ihr das noch? Wir haben in Unterhosen gespielt. Als kannibalistisch-touristische Vodoomacht!“

„Nein. Das wissen wir nicht!“, fuhr ihm Felix über den Mund. Der Wirbelwind starrte den Ball an, als wollte er ihn durch seine Willenskraft lenken. „Daran können wir uns überhaupt nicht erinnern.“

„Das ist nicht dein Ernst!“, raufte sich Raban die Locken. „Das ist doch erst drei Wochen her!“

„Ja-ha-ja-hund!“, zischte Deniz, die Lokomotive. „Das To-hor von vor drra-ha-hei Wochen zählt heute nicht!“

„Aber das …!“, wollte Raban ihm widersprechen.

Da sprang Vanessa, die Unerschrockene, vor Schreck auf die Bank. „Schitte noch mal! Er hat den Ball angeschnitten. Er dreht sich nach links! Er geht neben das Tor!“

„Beim flie-ha-hiegenden Orientteppich!“, fluchte Deniz, der Türke und Raban, der Held, schwenkte um 180 Grad um: „Marlon, verflixt! Was fällt dir ein? Das hast du noch nie gemacht!“, beschimpfte er mich.

Ja, und damit hatte er Recht. Krumpelkrautrüben- und krapfenkrätziger Schlitzohrenpirat! So was hatte ich mich bisher nie getraut. Aber da war dieser Ton. Auf ihm flog der Ball und auf ihm flogen auch meine Gedanken. Rocce, der Zauberer, konnte sie hören. Er war nicht umsonst mein bester Freund. Deshalb rannte er los. Er stieß auf den linken Torpfosten zu, direkt in die Sollner Abwehr hinein. Die war der Star dieses Spiels. Die hatte unseren Angriffswellen wie ein Bollwerk getrotzt. Die hatte Leon und Fabi, das Twisterduo, die Goldenen Twins, die Sturm- und Tormaschinerie der Wilden Fußballkerle e.W. über das ganze Spiel hinweg neutralisiert. Ja, und auch jetzt reagierte die Viererkette der Sollner energisch und schnell. Rocce wurde auf allen vier Seiten umstellt. Ein Kopfball war so gut wie unmöglich. Da unterlief der Brasilianer den Ball. Die Gefahr war vorbei. Das Leder drehte sich, wie es Vanessa vorausgesagt hatte, am linken Kreuzeck vorbei. Der Torwart der Sollner gab schon Entwarnung. Die bisher fehlerlose Abwehr atmete aus. Sie hatte es doch tatsächlich geschafft. Sie hatte den Hallen-Stadtmeister, den Favoriten, geschlagen. Da stieg Rocce hoch. Wie ein Senkrechtstarter schoss er in den Himmel hinauf und lupfte den Ball mit einem copacabanischen Besenschrank-Briefmarken-Fallrückzieher ins Spielfeld zurück.