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Die Widmung

Ganz Europa leidet gegenwärtig unter dieser Hitze. Dreißig Grad im Schatten, Mitte Juni, leichte Quellbewölkung, jeden Tag das gleiche. Es soll ein Jahrhundertsommer werden. Morgens um sieben fährt der erste Sprühwagen unter seinem Fenster vorbei. Er wacht im selben Trübsinn auf, der ihn am Abend eingeschläfert hat.

Aus Langeweile zum Friseur gegangen. Herrensalon. Der Besitzer scheint ein Pferdenarr zu sein. Überall neben den Spiegeln Käppis und Reitgerten, Bilder von Rennpferden und Jagdhunden. Ein Friseur als Reiter oder gar Jäger in Westberlin, das ist nur zu typisch. Der Zierat des Wohllebens wirkt in dieser ausgehaltenen Stadt besonders gesichtslos und unecht, während das Kleinbürgerliche und Halbproletarische wiederum viel zu charakteristisch, viel zu wunderlich in Erscheinung treten. Es fehlt überall am Normalen, das ihm jetzt guttäte.

Im Sessel nebenan streckt sich ein älterer Mann aus und überläßt seine linke Hand einer jungen Friseuse zur Maniküre. Das Mädchen sitzt vor ihm auf einem Hocker, und er hält in der rechten Hand eine Zeitung. Er sagt gar nichts und liest. Aber die Friseuse spricht den Kommentar zu dem, was er vermutlich gerade liest. Sie spricht über den gestrigen Überfall der Israelis auf den Flughafen von Entebbe in Uganda. Alle Geiselnehmer erschossen. Erste Klasse, sagt sie, ich finde das ja ganz toll, die Israelis! Der Amin hätte die Dreckskerle glatt freigelassen, diese Dreckskerle … Sie erregt sich und findet im politischen Eifer die treffenden Worte des Abscheus nicht. Und doch klingt, was sie sagt, nur halb so schlimm. Man spürt, es ist nicht ihr eigener Eifer, der sie packt. Sie bemüht sich, ihrem Kunden alles recht zu machen. Sie redet ihm nach dem Mund, und zwar um so ausfälliger, je länger dieser ruhig bleibt und schweigt. Ihren eigenen Eifer, denkt er, würde ich vermutlich besser kennenlernen, wenn sie mich an der Kasse im Supermarkt beim Vordrängeln erwischte.

Der Friseur, der ihm die Haare schneidet, erzählt zur gleichen Zeit, wie er letzten Sommer in Manhattan herumgelaufen sei und in ganz Manhattan vergeblich nach einem Glas Milch gesucht habe. Keine Milch, Whisky überall, aber kein Tropfen Milch, kriegen Sie nicht, so einen Teppich hatte ich auf der Zunge …

Nun beginnt wieder, am frühen Morgen, um ihn herum das allgemeine Sprechen, das in Wahrheit ein vielfaches Durcheinandersprechen ist, worin sich das meiste wechselseitig bedeutungslos macht, worin fast alles nur halb so schlimm ist, denn es wird ohne Einhalt weitergesprochen und der Chor eines nicht abreißenden Geredes steigt über den Köpfen auf und es hallt, wie in einer mächtigen Kuppel, auf deutsch über Deutschland. Er kennt es nicht anders, seit Jahren, von den Buchhandlungen, in denen er gearbeitet hat; überall wo es Kunden gibt, entsteht dieses Gerede über Gott und die Welt und des Menschen Schicksal vom Wunderkind zum Unglückswurm. Es kommt immer wieder vor, daß er sich darin geborgen oder zumindest ganz gut aufgehoben fühlt, zumal wenn er selbst nicht mitreden muß. Er liebt das Geschwätz, weil es Überfluß ist. Wieviele unsinnige Wiederholungen gebrauchen die Leute, wieviele Widersprüche und Namen Dritter und doch, ohne sich zuzuhören, erzielen sie fast immer die schönsten Übereinstimmungen. Solange niemand schreit oder befiehlt, solange niemand in wirkliche Ausdrucksnot gerät.

Seit anderthalb Wochen arbeitet er nicht mehr. Er hat weder gekündigt noch sich krankschreiben lassen. Dabei hätte er allen Anspruch auf ein Attest. Verlassenwerden ist schließlich ein härteres Übel als eine Blinddarmentzündung.

Gegen Mittag nimmt er einen Bus zum Bahnhof Zoo. Der Wagen ist nach wenigen Stationen so überfüllt, daß er, im Gedränge, nicht einmal bewußtlos umsinken könnte. Eingeklemmt zwischen Schultern, Brüsten, Rippen bliebe er auch ohne Besinnung gerade stehen. An seinem rechten Hosenbein hält sich ein kleiner Schuljunge fest, als gehöre er zu ihm, und pfeift das Sirenensignal einer vorbeifahrenden Funkstreife nach. Er hat sich, im Moment, seines eigenen Alters vergewissern müssen. »Wenn ein solcher Mann, wie ich nun einer geworden bin, mir als Kind begegnet ist, so habe ich ihn furchtsam angesehen und als Nazi empfunden.« Männern in seinem jetzigen Alter hat er damals nicht über den Weg getraut, denn ihre Kraft und ihre Ausgewachsenheit konnten sie, seiner Meinung nach, nur im Verbrechen und in der Ausschweifung erworben haben. Der Mann nämlich, dem er in Schutz gegeben war, der Vater, der ihm die Nazis erklärte, war selbst so sehr viel schwächer und schon so erbarmungswürdig alt, fünfundfünfzig Jahre älter als er, und hatte sein Männerleben fast schon hinter sich.

Noch lange nachdem der Hitlerstaat zerschlagen ist, erleichtert sich der Vater gern in Menschenverachtung, wenn er von dem oder jenem behaupten kann, er sei ein Nazi gewesen. Er schreibt an den Rand der Bücher ›Nazischwein!‹, wenn er einen Autor der ›braunen Gesinnung‹ überführt hat. Nur daß er nie ein Kämpfer war, immer bloß ein Hasser. Durch ihn hat er im Affekt erfahren, was politisch ist, lange bevor er mitreden kann. Denn soviel spürt er immerhin: daß diese Leidenschaft von etwas Größerem herrührt, als Haus und Familie verursachen können. Später begreift er, daß sich der Vater nicht nur gegen Nazis, sondern gegen fast jede Richtung praktizierter Politik schnell und blind erzürnt. Es kommt zu schonungslosen Auseinandersetzungen, die ihn jetzt, in der Erinnerung, plötzlich wieder quälen. Das Qualvollste, das Unauslöschliche daran scheint ihm heute der tiefe Wirrwarr zu sein, der in den späteren Jungensjahren entstand, als sich politischer Eifer und sexuelle Triebmanöver miteinander vermengten. Nichts hielt mehr seinen Begriff, alles wurde im Affekt gesagt, und die verborgenen Motive liehen den vorgeschützten ihre subversive Kraft. Nie wieder hat er einen Akt der Zwiesprache erlebt, in dem Worte, und eigentlich: Fremd-Worte, ihn so gründlich berühren und verletzen konnten. Es waren ja keine Meinungsverschiedenheiten, es war ein tolles Vernichtungsgeschrei. Er glaubt, daß auch er dabei auf den Tod gehaßt worden ist. Das ändert sich erst in den Jahren der Aufklärung. Sein politischer Verstand gibt sich nun so geprüft und überlegen, daß er den Vater, daß er die eigne Herkunft aus Affekt und Kauderwelsch historischfreundlich zu achten weiß. Heute fällt es ihm manchmal wieder schwer, einer erregten politischen Darstellung konzentriert zu folgen. Die Erregung lenkt ihn ab und die Frage: was steckt dahinter? wo nimmt der Redner seinen Eifer her? beschäftigt sein Interesse stärker, als es für das Verständnis von Programmen und Argumenten nützlich sein kann.

Im Zoologischen Garten, auf einer Bank im Schatten. Wärter gehen umher und spritzen die staubigen Sandwege. Zwei Rentner, jeder auf einer Bank allein, jeder ein japanisches Taschenradio neben sich, auf denselben Sender eingestellt, »Rund um die Berolina«. Freizeit bis zum Lebensende. Alle Tage Siebter Schöpfungstag. Er möchte um diese Stunde gern jemandem verzeihen. Aber er weiß nicht wem. Niemand in der Nähe. Das Ausruhen macht ihn weichherziger, als er verkraften kann. Ohne eine Harmonie mit irgend etwas, irgendwem geht es jetzt nicht weiter. Die Tiere rühren ihn nicht. Aber er spürt, daß der Glaube an Gott nicht mehr so fern liegt, wie es an geschäftigeren Tagen scheinen mochte. »Warum nicht? Warum sollte Er nicht in der allgemeinen Unordnung der steckengebliebenen Zeit seinen fairen Platz finden, neben so vielen ebenbürtigen Ungewißheiten? Er ist wohl auch nur ein Gefühl unter anderen.«

Eine strickende Mutter. Ihrer Hände Arbeit diebisch, maschinell, verrückt. Der erste Ärmel eines grauen Pullovers wächst ihr aus dem Schoß. Wie die Ameise in der Fabel sorgt sie für den Winter vor. Neben ihr döst der Sohn, ein aufgedunsener Junge. Sein Alter ist unkenntlich gemacht, er ist mongoloid. Nach einer Weile beginnt er sich zu bewegen, es ruckt im Urphlegma. Eine Beobachtung macht ihm zu schaffen. Es ist die Giraffe in ihrem Gehege, und er sagt auch ›Giraffe‹. Dazu schüttelt er den Kopf, wie es Erwachsene tun, wenn sie auf etwas Unerhörtes oder Ungehöriges reagieren; aber die Gebärde wirkt seltsam manieriert, männlich erfahren und frisch erworben zugleich. Ja, sagt seine Mutter, ohne von ihrer Strickarbeit aufzublicken, das ist eine Giraffe. Nun schüttelt er heftiger den Kopf und sagt zweimal schnaubend »Giraffe … Giraffe!« Er müht sich nämlich mit allen Kräften, etwas hervorzubringen, das weit über die blöde Identifizierung der Giraffe als Giraffe hinausreichen soll. Auf ihrem schmalen Kopf, zwischen den Ohren, hat die Giraffe eine Taube niedersitzen lassen und verscheucht sie nicht. Die Erscheinung könnte auch der Mutter ein kleines Staunen abgewinnen, sie ist mindestens ebenso apart wie die sprechenden Schnappschüsse jede Woche im ›stern‹. Sie sieht aber nicht hin und sagt noch einmal: »Ja, das ist eine Giraffe, Herbert. Die Giraffe ist das höchste Tier auf Erden.« Der Behinderte nickt. Nun sagt er nichts mehr. Fehlschlag der Begeisterung. Kurz vor dem Sinn, vor der gesprochenen Freude muß er aufgeben und sinkt zurück in die Veranlagung. Eine Taube im Schraubstock. Der Kopf ruht wieder schief und teilnahmslos auf der Banklehne.

Die Minute des Behinderten hat ihn verständiger gemacht. Er sagt sich: »So geht es auch. So geht es nicht einmal schlecht. Wozu die vielen ziellosen Beobachtungen, das hastige Verständnis, das nach allen Seiten umherstreunende, wozu? Das eigentlich Sehenswerte wird doch immer nur als Bruchstück einer tiefen, mächtigen Typik auftauchen, die wir als Ganzes genauso schwer begreifen und festhalten können wie der Behinderte die Taube auf dem Giraffenkopf.«

Keine Nachricht mehr von Hannah. Sie ist zurück zu den Fremden. Von dort holt er sie nicht ein zweites Mal.

Wie war sich verlieben? Das abrupte Kennenlernen einer Unbekannten, die empfindliche soziale Entzündung, der Temperatursturz von fremd zu intim, der uns immer ein wenig erbleichen läßt. Die abrupte Nähe zu ihrer fremden Wohnung, ihrem fremden Geschmack, ihren fremden Kleidern, ihren fremden Freunden, ihrem fremden Selbstvertrauen. Das erste Mal mit ihr zu schlafen, bereitete weniger Verlegenheit, als sie nach ihrem Nachnamen zu fragen. Und wieviel Wahnsinnstaten, wieviel Briefwechsel, wieviel Kosenamen und wieviel Gesetz sind einmal aufgewendet worden, um dieser Willkommensgeste biografische Bedeutung zu verleihen! Leidenschaft, Briefwechsel eventuell, Wahnsinnstaten gehören heute dem Ende allein, der Krise, der Trennung, dem Gehen.

Jetzt, kurz nach dem Zusammenbruch der Lust, sind dieselben Schmerzen wieder da, die er schon als Kind empfand. Es ist ihm, als sei er überhaupt nicht vom Fleck gekommen. Vielleicht lebt er ohne Vergangenheitssinn wie Schlemihl ohne seinen Schatten. Nach einunddreißig Jahren, denkt er, äußerlich gesehen, ein halbes Leben ohne Biografie. Stille Epoche, die keine Schicksale macht. In der er nicht richtig reif werden konnte. Von Bewußtseinsbeginn bis auf den heutigen Tag ein und derselbe starrausdauernde Zustand, ein Zustand mit Wachstum, Komfort und Reform, aber ohne politische Kraft, ohne Kämpfe, ohne Ruptur. Dreißig Jahre ausgewogene Gegenwart, in der er groß wurde und klein blieb, der dicke Geist über dem Kopf, den unsere Existenz nicht in Bewegung setzen konnte.

Dem Gedächtnis der Dauer erscheint alles ebenbürtig präsent. Anstelle der Differenz, anstelle eines Zeitmaßes, das zwischen Hoffnung und Widerspruch, Erinnerung und Fortschritt unterscheiden kann, vermehrt sich eine seltsam gedrängte, sammlerische, nervöse Synchronität. Wir bewahren von uns ein vielfach überblendetes Gesicht. Gelegentlich zuckt es, doch ohne Risse, ohne Sprünge, ohne Verblassen.

Er spürt in seinen Fingern eine ihrer frühesten Berührungen wieder: wenn sie auf dem Handrücken des Vaters zupften, die erschlaffte, faltige, von Altersmalen befallene Haut. Das war und ist nun wieder zum Trauern und zum Fürchten. Stärker als üblich, denkt er, sehr viel stärker. (Denn das ihm Wesentliche darf doch unter keinen Umständen der allgemeinen Kindheitsforschung schon geläufig sein!)

Er kann sich nicht entsinnen, je wieder eine so wütende, eine so sehr gegen Gott aufgebrachte Angst gelitten zu haben, als wenn er unzeitig die Tür zum Eßzimmer öffnete und den Vater heimlich bei seinem Mittagsschlaf beobachtete. Er schlief immer aufrecht sitzend in einem hohen Sessel. Wenn er also diesen Unansprechbaren anstarren mußte. Eine halbe Stunde später jedoch trat der Vater zu ihm ins Zimmer und trank dort seinen Kaffee. So feierte er jeden Nachmittag im stillen die Auferstehung des Toten. Die Sensation der Auferstehung hat dann Geschichte gemacht in ihm. Als nächstes gehört dazu ein Bilderbogen von Wilhelm Busch, den man ihm vorliest und zeigt, über dessen niedrigen, frauenfeindlichen Witz sich der Vater zu amüsieren weiß. Es geht um einen Mann, der sich aus Freude darüber betrinkt, daß er seine zanksüchtige Frau endlich unter die Erde gebracht hat. Doch dann, noch am selben Abend, kommt sie plötzlich zurück, steht wieder in seiner Tür. Sie war nur scheintot, so heißt es in den Versen, und auf dem Bild erscheint sie in gräßlich freudiger Gestalt. Bei diesem Anblick stirbt ihr Mann vor Schreck. Und doch hat das Cartoon von Busch auf dem Wege des Entsetzens Trost gebracht: es war dort im Bild bewiesen die Widerrufbarkeit des Todes, die mögliche Umkehr aus letzter Abwesenheit. So wirkte die scheintote Madam Sauerbrot eigentlich trostreicher noch als der auferstandene Gottessohn. Denn der macht ja nicht weiter, nach dem Wunder, er verschwindet für immer auf seiner Himmelfahrt.

Jahre danach die Ära der Spätheimkehrer, die Vermißten-Religion, die gewaltigen Wiedersehen auf westdeutschen Bahnhöfen, wie er sie in den Wochenschauen der ersten Kinobesuche miterlebt, das sind echte Verwandlungen der Sauerbrot. Auch manches in der Literatur bereitet einen ähnlichen Schauer, die Zombies von Haiti, Shakespeares anwesende Geister. Aber nicht das Geistige oder das Geisterhafte zieht ihn an, immer nur der konkrete, ruhige, todeserfahrene Körper. Aus demselben Milieu von Hinterlassenschaft, Verflüchtigung und leiblichem Rest entstehen Furcht und Begehren, die ihn schließlich an das Schriftliche binden, an das Buch und später den Buchverkauf, seinen erlernten und in Haßliebe ausgeübten Beruf. Das erste Wort, das er deutlich schreiben kann, ohne Lücken zwischen den Buchstaben, ist Richard, der eigene Name. Als es fertig ist, bringt er es den Eltern und sie legen es in die Mappe ein, in der schon sein erster Zahn, seine ersten Haare, seine ersten Fingernägel aufbewahrt werden. Sie legen seine Schrift zu den ausgeschiedenen und leblosen Dingen seines Körpers, die sie für ihn sammeln wollen.

Für H.

1

Nun läuft die Schrift. Es gibt kein Entkommen mehr.

Ich habe mich jemandem anvertraut, der sich selbst verleugnet.

Der Tag bricht ab, auch er, ohne einen Sinn zu erfüllen. Hört auf, mitten im Spiel, während die halbe Welt noch redet und blättert und packt.

Heute keinen Pfennig in bar ausgegeben, da ich wieder mein Zimmer nicht verlassen habe.

Ich sagte einmal laut: mein Lockbuch, sagte aber auch: meine Denkzettel für H.

Mein Verlassensein von H. nimmt zu.

Ich schäme mich, es zu erzählen. Ich schäme mich meiner Handschrift. Sie zeigt mich in voller Geistesblöße. In der Schrift bin ich nackter als ausgezogen. Kein Bein, kein Atem, kein Kleid, kein Ton. Weder Stimme noch Abglanz. Alles ausgeräumt.

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