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Die Wellen singen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. An meine Leser
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14, Teil 1

Über das Buch

Prinzessin Sommer lässt in Liebesdingen ihren Schwestern den Vortritt. Sie hat panische Angst davor, sich zu verlieben, denn sie hat gesehen, wie der Verlust ihrer Mutter ihren Vater in den Wahnsinn getrieben hat. Er hat ein ganzes Land in den Krieg geführt und seine Familie beinahe zerstört. Und Sommers Magie, die sie sorgsam geheim hält, ist noch viel gefährlicher als die ihres Vaters. Doch als Prinz Dilys beginnt, sie zu umwerben, kann sie sich dieser magischen Verbindung kaum entziehen …

Über die Autorin

C. L. Wilson wurde in Houston, Texas geboren. Ihre Eltern arbeiteten bei der NASA, und schon als Kind liebte sie Mythen und Geschichten über andere Welten. So ist es kein Wunder, dass sie Schriftstellerin wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern an der Golfküste Floridas.

C. L. WILSON

DIE WELLEN SINGEN

ROMAN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Anita Nirschl

~~~

An meine Leser

Vielen Dank, dass ihr zu diesem Buch gegriffen habt!
Eure Unterstützung bedeutet mir unendlich viel. Ich hoffe, euch gefällt die Geschichte von Gabriella und Dilys.

Auf meiner Webseite www.clwilson.com könnt ihr euch über meine private Mailing-Liste über Neuerscheinungen informieren lassen, bei meinen Online-Wettbewerben mitmachen und die Seite nach verborgenen Schätzen und magischen Überraschungen durchstöbern.

Ich würde mich freuen, von euch zu hören. Ihr erreicht mich auf Facebook unter www.facebook.com/authorclwilson,
auf Twitter über @clwilsonbooks oder per E-Mail über cheryl@clwilson.com.

Kapitel 1

Abendrotstrand, Insel Calberna

»Höher, Dilys! Höher!« Pangi Mahilos schrilles Juchzen schallte über den rosafarbenen Sandstrand.

»Noch höher, was?« Lachend warf Dilys Merimydion einen raschen Blick zur Mutter des in seinen Armen zappelnden Jungen, den er in die Luft geworfen hatte. Diese verdrehte zwar die Augen, nickte aber trotzdem zustimmend. »Na gut«, sagte Dilys zu Pangi, »dann also noch höher. Und du hältst besser deinen Bauch fest!« Mit einem Grinsen warf Dilys den schlaksigen kleinen Jungen hoch in die Luft. Da Dilys sieben Fuß groß war, flog das Kind somit gute zehn Fuß oder mehr in die Höhe.

Pangis helles Gelächter schreckte eine Schar Seevögel in der Nähe der calbernischen Inselbewohner auf, die sich auf dem rosafarbenen Sand des Abendrotstrandes versammelt hatten, um die Hochzeit eines der Seemänner in Dilys’ Flotte zu feiern.

»Jetzt ich! Jetzt ich!«, bettelten die anderen Kinder im Chor, als Dilys Pangi wieder absetzte.

»Da hast du dir ja was eingebrockt«, murmelte Dilys’ Cousin Arilon Calmyria mit einem Grinsen angesichts der Horde schreiender Kinder.

»Das tue ich doch immer.« Dilys liebte Kinder, liebte es, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zum Lachen zu bringen. Vielleicht lag es daran, dass er selbst nie Geschwister gehabt hatte. Oder daran, dass er sich mit einer Heftigkeit nach einer Frau und eigenen Kindern sehnte, die selbst unter den leidenschaftlichen, legendären Calbernianern selten war. »Ich habe ein besonderes Talent dafür, die Kleinen zu unterhalten«, fügte er hinzu.

»Stimmt. Deshalb bist du der Liebling auf jeder Feier.«

»Ono – nein«, korrigierte Dilys mit einem Grinsen. »Das verdanke ich meinem guten Aussehen und meinem Charme. Stimmt’s, Beno?« Diese Frage richtete Dilys an einen der Vierjährigen, der sich wie eine Seepocke an sein Bein geklammert hatte.

»Stimmt!«, schrie Beno.

Dilys belohnte den Jungen, indem er ihn aus der Meute pflückte und hoch in die Luft warf.

In der Nähe lachte Ryllian Ocea, ein weiterer Cousin von Dilys. »Der Wahrheitsgehalt von Antworten, die im Austausch gegen persönlichen Gewinn gegeben werden, ist im besten Fall zweifelhaft«, betonte er. Ryll studierte Rechtswissenschaften als Vorbereitung auf seinen bevorstehenden Rückzug aus der Seefahrt und dem Söldnerhandwerk, dem alle erwachsenen männlichen Calbernianer bis zur Ehe nachgingen.

Diese berufliche Veränderung stand noch innerhalb dieses Jahres an … für sie alle. Ryll würde seinen Platz in der Anwaltskanzlei seiner Mutter einnehmen. Ari würde mit seinen Eltern im Schiffsbaugewerbe des Hauses Calmyria arbeiten. Und Dilys würde darauf vorbereitet werden, die täglichen Geschäfte des gewaltigen Schifffahrts- und Ackerbau-Imperiums des Hauses Merimydion zu übernehmen.

Denn morgen würden Dilys, Ari, Ryll und jeder andere heiratswürdige Sohn der See, der letzten Winter mit ihnen zu den Æsir-Inseln gesegelt war – der nördlichen Inselgruppe, zu der die Königreiche Winterfels, Sommergrund und Seehafen gehörten –, zu jenen Ufern zurückkehren, um unter den unverheirateten und verwitweten Frauen von Winterfels und Sommergrund auf Brautwerbung zu gehen. Und sobald sie verheiratet waren, würden ihre Tage als Söldner vorüber sein.

Als könnte Ari Dilys’ Gedanken lesen, legte er Ryll einen Arm um die breiten Schultern und zeigte mit dem Kinn zur Braut und dem Bräutigam, beide in schimmerndes Meeresblau gekleidet. Sie trugen Kränze aus fuchsiafarbenen und gelben Blumen auf den Köpfen und um den Hals üppige Ketten, die aus dunkelgrünen Tili-Blättern und winzigen, zarten, weißen Merimydia-Blüten geflochten waren. »Stellt euch nur vor, Cousins, bevor das Jahr vorüber ist, werden wir es sein, die neben unseren Lianas am Strand stehen und grinsen, als hätten wir gerade den Calberna-Pokal gewonnen.« Der Calberna-Pokal war der äußerst begehrte Preis eines Segelwettkampfs, an dem sich alle Inseln Calbernas beteiligten.

»Als ehemaliger Gewinner des Calberna-Pokals kann ich euch versprechen, dass ich an meinem Hochzeitstag noch viel, viel mehr grinsen werde«, entgegnete Dilys.

»Ich weiß«, stimmte Ryll zu. Es war kein Geheimnis unter Dilys’ engen Freunden, wie sehr er darauf brannte, das jugendliche, unverheiratete Kapitel seines Lebens abzuschließen und zum nächsten überzugehen.

Vor vier Jahren hatte Dilys sich sein Ulumi-lia verdient – die Tätowierung, die sich entlang seines rechten Wangenknochens schlängelte und ihn als einen Mann auszeichnete, der würdig war, sich eine Frau zu nehmen. Die meisten Calbernianer heirateten innerhalb von einem, höchstens zwei Jahren, sobald sie sich dieses Zeichen verdient hatten, aber nicht Dilys. Und das lag nicht daran, dass er nicht gewollt hätte. Er fuhr jetzt seit mehr als fünfzehn Jahren zur See und zog in die Kriege anderer Völker. Er war mehr als bereit für die Annehmlichkeiten und Freuden einer Frau und Familie.

Seine Mutter war die Myerial, die regierende Königin von Calberna, sowie die Matriarchin des Hauses Merimydion, eines der ältesten und verehrtesten königlichen Häuser Calbernas, und Dilys war das einzige Kind seiner Mutter. Unglücklicherweise machte das seine Ehe zu einer Staatsangelegenheit.

Sein reines calbernisches Blut ging mit großer Macht einher – Macht, die ursprünglich mit dem reinen Blut eines anderen großen calbernischen Hauses vereint und nicht durch die Ehe mit einer Oulani, einer Ausländerin, verwässert werden sollte –, aber der frühe Tod seiner Verlobten, die ihm schon von ihrer Geburt an versprochen gewesen war, hatte diese Hoffnungen zunichtegemacht. Und weil jeder Sohn Calbernas, der eine Ausländerin heiratete, weiterhin dem Haus seiner Mutter angehörte anstatt dem seiner Frau, eröffnete die Heirat zwischen Dilys und einer Oulani-Frau die Möglichkeit, dass eine Halbblut-Tochter die nächste Myerial von Calberna und die nächste Matriarchin des Hauses Merimydion wurde.

Deshalb hatte ein Komitee des Rats der Königin, angeführt von Dilys’ Onkel Calivan Merimydion, Jahre damit verbracht, die Blutlinien und magischen Gaben der mächtigsten Familien Mystrals zu eruieren, um eine geeignete Braut für ihren Prinzen auszuwählen. Das Komitee, dem Dilys’ Cousin Ari scherzhaft den Namen »die Brautjäger« verpasst hatte, war zu dem Schluss gekommen, dass Dilys eine der Töchter des Sommerkönigs heiraten sollte. Doch bevor die Ehe arrangiert werden konnte, hatte Prinz Milan von Sommergrund die Verlobte des Winterkönigs verführt, bei ihrer gemeinsamen Flucht den Erben dieses Königs ermordet und Winterfels und Sommergrund in drei lange Jahre des Krieges gestürzt.

Jetzt, nach zwei verhandelten Abkommen, jahrelangem Krieg, Rebellion und einer erbitterten Schlacht, um die Rückkehr eines gefürchteten Gottes zu verhindern, der endlosen Winter über die Welt gebracht hätte, erst jetzt konnte Dilys endlich aufbrechen, um seine ausländische Braut einzufordern. Nicht alle Calbernianer waren glücklich darüber, dass dieser Tag gekommen war. Eine Gruppe, die sich selbst die Reinblut-Allianz nannte, hatte ziemlich lautstark ihren Widerspruch dagegen kundgetan, dass Dilys sich eine Oulani-Braut nehmen würde, und sie hatten die Unterstützung einiger mächtiger Häuser gewonnen.

»Ist Frühling immer noch die auserwählte Jahreszeit?«, fragte Ryll.

Dilys warf einen weiteren Jungen hoch in die Luft, fing ihn auf, stellte ihn wieder ab und zuckte als Antwort auf Rylls Frage mit den Schultern, bevor er den nächsten Jungen hochhob und in die Luft fliegen ließ. »Wenn mein Onkel seinen Willen bekommt.«

Frühling Coruscate, die älteste Tochter des verstorbenen Sommerkönigs, war die Frau, auf die sich Onkel Calivan und die Brautjäger für Dilys geeinigt hatten. Sie war weise, tüchtig und besaß allen Berichten zufolge die stärkste Magie der drei Prinzessinnen, die als die Jahreszeiten von Sommergrund bekannt waren. Obwohl Sommergrunds Wettergaben nie an Kinder außerhalb der direkten königlichen Linie des Reichs weitergegeben wurden, hatte Frühling andere Gaben – darunter ein beachtliches Talent dafür, Dinge wachsen zu lassen, eine Gabe, die den landwirtschaftlichen Betrieben des Hauses Merimydion sehr nützen würde. Sie würde eine annehmbare Mutter für Calbernas nächste Königin abgeben, hatten sie entschieden. Vorausgesetzt natürlich, dass die Götter die Vereinigung noch zu Lebzeiten Alysaldrias mit einer geschätzten Tochter für das Haus Merimydion segneten. Nach der Hochzeit wurde außerdem von Dilys erwartet, die Kraft von Frühlings Wettergabe mit der seiner eigenen Meeresgaben zu verbinden, um die Macht Calbernas im Olemas-Ozean zu bekräftigen, wo eine Gruppe von Piraten seit einem Jahr Ärger machte und den Handel störte.

Ari warf ihm ein verschmitztes Grinsen zu. »Irgendeine Chance, dass du stattdessen Herbst heiraten könntest? Nur so, du weißt schon, aus Versehen?«

Dilys lachte. Herbst Coruscate, die jüngste der drei Jahreszeiten, war weithin als eine der schönsten Frauen der Welt – wenn nicht sogar die schönste – bekannt. Ihre Wettergabe war ebenfalls kein unbedeutendes Talent. »Alles ist möglich, Cousin.«

Genau genommen war die einzige der drei Jahreszeiten, die von den Brautjägern ausgeschlossen worden war, die mittlere Tochter, Sommer. Soweit die Brautjäger herausfinden konnten, besaß sie keine magischen Kräfte abgesehen von einer schwachen Wettergabe, die sie hauptsächlich dazu benutzte, während der heißesten Sommermonate kühlende Brisen wehen zu lassen.

Dilys beabsichtigte zwar nicht, den Brautjägern die endgültige Entscheidung zu überlassen, welche Prinzessin er heiratete, aber im Fall von Sommer Coruscate musste er ihrer Einschätzung zustimmen. Allen Berichten zufolge war sie ungeeignet. Ihr Temperament war zu sanft für die Mutter von Calbernas zukünftiger Königin. Obwohl viele Calbernianer große Freude und Frieden darin fanden, mit sanftmütigen Oulani-Frauen vermählt zu sein, brauchte Dilys eine Frau, die seinem Volk Respekt abnötigte und nicht einfach nur seine Zuneigung weckte. Seine Tochter – ihre Tochter – würde eine Mutter brauchen, die scharfsinnig und stark genug war, um beim Navigieren der politischen Unterströmungen des calbernischen Hofes von Vorteil zu sein.

Einer der Väter kam herüber, um seine Söhne aus der Menge um Dilys zu holen. »Das Essen ist fertig, meine Söhne. Kommt zu Tisch.«

Die Jungen schmollten. »Aber Dede, wir waren noch gar nicht an der Reihe.«

Eine Spur von Strenge stahl sich in die Nachsicht auf Dilys’ Miene. Eine der Lektionen, die calbernische Söhne schon früh lernten, war es, Autorität zu respektieren. Wenn sie älter wurden, könnte ihr Leben davon abhängen, rasch den Befehlen eines anderen zu gehorchen. »Tut, was euer Dede sagt, Jungs. Ich lasse euch später fliegen, nachdem ihr gegessen habt.«

»Tey, Dilys«, willigten die Jungen niedergeschlagen ein. Mit hängenden Schultern trotteten sie hinter ihrem Vater her, aber Dilys sah erfreut, dass sie beide wieder heiter wurden und ein fröhliches Lächeln aufsetzten, bevor sie zu ihrer Mutter gingen, einer ruhigen Oulani-Frau mit milchweißer Haut und blassgrünen Augen. Sie kuschelten sich an sie und erzählten ihr etwas, woraufhin ihre Mutter lachte und ihnen beiden einen Kuss gab. Gut. Bis ein Calbernianer heiratete, war es seine erste Pflicht, seine Mutter zu ehren und ihr in allen Dingen Freude zu bereiten.

»Dilys.« Ari stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

»Was?« Dilys folgte Aris Blick zu einem vertrauten Calbernianer, der sich aus Richtung der Stadt näherte. Einer der persönlichen Assistenten der Myerial marschierte forsch zum Strand.

»Tut mir leid, kleine Fischlein. Sieht so aus, als wäre ich für heute fertig.« Dilys befreite sich aus der Meute Kinder und ging rasch dem Assistenten seiner Mutter entgegen.

»Moa Myerielua.« Mein Prinz. Der Assistent der Königin schlug sich zum calbernischen Salut mit der rechten Faust auf die Brust über seinem Herzen. »Bitte verzeiht die Störung. Die Myerial wünscht Eure Anwesenheit.«

»Was ist passiert?« Dilys’ Mutter würde Dilys nicht ohne einen sehr guten Grund von einer Hochzeit fortrufen.

»Vergebt mir, Moa Myerielua, aber das kann ich nicht sagen. Mir wurde nur aufgetragen, Euch zu finden und zum Palast zu geleiten.«

»Natürlich. Gebt mir nur ein paar Minuten, um mich von der Braut und dem Bräutigam zu verabschieden.«

»Was ist los, Cousin?«, fragte Ari, als Dilys die Neuvermählten suchte, um ihnen zu ihrer Verbindung zu gratulieren und sich dafür zu entschuldigen, dass er die Feier verlassen musste.

»Wo gehen wir hin?«, fügte Ryll hinzu.

Die Art, wie sie ihm sofort und bedingungslos folgten, berührte ihn. Sie standen ihm immer zur Seite. Die drei waren eher wie Brüder als Cousins seit jenem schrecklichen Tag, an dem Dilys’ Verlobte Nyamialine bei demselben fürchterlichen Unfall gestorben war, der auch Calbernas Königin Myerial Siavaluana II. und ihre einzige Tochter und Erbin Prinzessin Sianna das Leben gekostet hatte. Dieser eine schreckliche Tag hatte Aris, Rylls und Dilys’ Bruderschaft durch Bande geteilter Trauer zusammengeschmiedet. Mit Nyamialine verlor Ari seine Schwester und Dilys seine Verlobte. Rylls älterer Bruder Ruluin verlor Sianna, und dann verlor Ryll Ruluin, als dieser mit so vielen anderen wegen dieses schrecklichen Tages Kepu beging.

»Es ist schon in Ordnung, ihr zwei«, sagte er ihnen. »Die Myerial hat nach mir geschickt, das ist alles. Bleibt hier. Genießt den Tag, und tanzt den Calipua für die Braut.«

»Bist du sicher, Dilys?«, fragte Ari.

Das war er nicht. Irgendetwas war definitiv nicht in Ordnung, aber er lächelte mit beruhigender Zuversicht. »Ich bin sicher.«

~~~

Cali Va’Lua, königlicher Palast von Calberna

Eine halbe Stunde später schritt Dilys in den Thronsaal Calbernas. Sonnenlicht schimmerte durch das klare blaue Wasser, das die gewaltige gläserne Unterwasserkammer umgab, und beleuchtete die Schwärme von Fischen, Delfinen und anderen Meerestieren, die in den Tiefen der zentralen Lagune von Cali Va’Lua schwammen. Am anderen Ende des Saals, auf einem goldenen Thron, der sich aus einem Bett aus scharlachroter Koralle erhob, saß Calbernas verehrte und geliebte Myerial Alysaldria I., Schatz aller Schätze, Königin der Calbernischen Inseln.

Dilys’ Mutter.

Wie immer sah sie wunderschön und majestätisch aus, in kühle, meerschaumgrüne Seide gehüllt. Die langen Flechten ihres obsidianschwarzen Haars waren hoch aufgetürmt und mit leuchtend rosa, fuchsiafarbenen und scharlachroten Anemonen geschmückt, während eine einzelne Strähne, die so dick wie ein Handgelenk und alle paar Handbreit mit glänzenden Perlenbändern zusammengefasst war, wie ein Wasserfall über ihre linke Schulter fiel. Außerdem sah sie müde aus. Dilys verbarg seine Beunruhigung sorgfältig, bevor er sich dem Thron näherte. Am Fuß der Korallenstufen blieb er stehen, ließ sich auf ein Knie nieder und beugte grüßend und in Ehrerbietung das Haupt.

»Moa Myerial.« Meine Königin. Wären sie allein gewesen, hätte er sie Nima genannt, Mutter, aber das hier war kein informelles Treffen, nicht wenn der Lordkanzler von Calberna, die Matriarchinnen von fünf königlichen Häusern, der Hohepriester von Numahao und ein halbes Dutzend hochrangiger Beamter ebenfalls im Saal versammelt waren. »Du hast nach mir geschickt?«

Seine Mutter lächelte nicht zur Begrüßung, wie sie es normalerweise tat. Was auch immer das hier war, es war schlimm. Aber natürlich hatte er das schon vermutet, sowohl aufgrund der Art der Aufforderung als auch angesichts der hochrangigen Versammlung im Thronsaal.

»Der Hai hat den Konvoi angegriffen, den wir nach Ere begleitet haben«, antwortete eine schroffe männliche Stimme hinter ihm. Dilys drehte sich zu Calivan Merimydion um, dem Zwillingsbruder seiner Mutter und Lordkanzler von Calberna. »Das Schiff deines Cousins Fyerin, die Gischt, wurde versenkt. Es gibt keine Überlebenden.«

»Was?« Für einen langen Moment war Dilys wie erstarrt und konnte nicht glauben, richtig gehört zu haben.

Seit einem Jahr plünderten Piraten, angeführt von einer geheimnisvollen Gestalt, die nur als der Hai bekannt war, Schiffe, die durch den Olemas-Ozean nordwestlich von Calberna segelten. Die Angriffe waren immer häufiger und dreister geworden, sodass Calberna damit begonnen hatte, Schiffen, die im oder auch nur in der Nähe des Olemas segelten, bewaffneten Geleitschutz anzubieten. Aber obwohl die Piraten sogar Schiffe angriffen, die unter dem Schutz der calbernischen Flagge segelten, war der Gedanke, dass sie irgendein mit Calbernianern bemanntes Schiff herausfordern könnten, völlig unvorstellbar. Calbernianer regierten die Meere! Es gab keine besseren Schiffsbauer. Keine besseren Seetaktiker. Und dank der calbernischen Meeresgaben gehorchten die Meere selbst dem Befehl Calbernas. Einen Calbernianer auf See herauszufordern war Selbstmord. Zumindest war es das seit Jahrtausenden gewesen.

Einmal – und nur ein einziges Mal – hatte sich eine gewaltige Armada, die sich aus den Flotten von einem Dutzend Nationen zusammengesetzt hatte, der Macht Calbernas entgegengestellt. Hatte sie nicht nur auf den Meeren, sondern auch in ihren eigenen Gewässern angegriffen. Gegen eine Übermacht von mehr als einhundert zu eins reichte nicht einmal die größte Magie, die Calberna je besessen hatte, um die Invasoren in die Flucht zu schlagen. Zumindest nicht, bevor sie Calberna einen Schlag versetzt hatten, von dem es sich immer noch nur mühsam erholte, zweitausendfünfhundert Jahre später. Das »Massaker an den Sirenen« wurde diese Invasion genannt. Oder von den eingeborenen Inselbewohnern einfach nur das Massaker. Ein blutiger, rachsüchtiger Akt, der beinahe die Auslöschung der calbernischen Rasse bewirkt hatte.

Aber das hier? Dass ein einzelner Pirat ein schwer bewaffnetes calbernisches Kriegsschiff nicht nur angegriffen, sondern versenkt hatte? So etwas war noch nie vorgekommen. Niemals.

»Das muss ein Irrtum sein. Das ist schlicht und einfach nicht möglich.«

»Die Nachricht von dem Angriff kam von Prinz Nemuan, der die Wrackteile gefunden und persönlich durchsucht hat. Der Konvoi wurde geplündert und ebenfalls versenkt.« Calivans Miene war grimmig. Nemuan war der Sohn der ehemaligen Myerial. Obwohl er und Dilys weit davon entfernt waren, beste Freunde zu sein, stand sein Wort als Prinz von Calberna außer Frage. »Es gab keine Überlebenden.«

Dilys warf einen besorgten Blick zu seiner Mutter. Jetzt verstand er die erschöpfte Zerbrechlichkeit, die sie ausstrahlte. Sie hatte Fyerin ebenso sehr geliebt wie Dilys. Jeder hatte ihn geliebt. Fyerin war ein Calbernianer von der Sorte gewesen, die die Zuneigung der Menschen ebenso sicher anzog wie eine Blüte die Honigbienen. Ari war genauso. Humorvoll und mutig, übersprudelnd vor Loyalität, Wagemut und Freude, mit einem wahrhaft lebhaften Temperament.

»Und Nemuan ist sicher, dass es der Hai war?«

»Er ist sicher. Er fand Fyerins Leiche im Laderaum des Schiffes.«

Dilys hielt den Atem an und verschleierte rasch seinen Blick, um das verräterische Aufflammen von goldenem Feuer zu verbergen, als ihm die von seinen Gefühlen angefachte Macht in die Augen stieg. Der Hai achtete sorgfältig darauf, keine Zeugen seiner Verbrechen zu hinterlassen – das war einer der Gründe, warum er noch nicht aufgespürt und unschädlich gemacht worden war –, aber er wollte eindeutig auch Anerkennung für seine Morde bekommen. Der Kapitän jedes Schiffes, das er versenkte, wurde eingesperrt im Laderaum seines gesunkenen Schiffs gefunden, ausgenommen wie ein Fisch, Augen und Zunge entfernt, die Stirn mit dem Symbol eines Hais gebrandmarkt. Die entsetzliche Übereinstimmung nach den Untersuchungen der Opfer des Hais lautete, dass sie bei der Prozedur noch am Leben gewesen waren. Der Gedanke, dass Fyerin solch einen Tod gestorben war, ließ Dilys’ Kampfzähne länger werden und seine Krallen aus den Nagelbetten hervorschnellen. Die scharfen Spitzen bohrten sich in seine Handflächen, als er die Finger zu Fäusten ballte.

Er drängte den Schmerz zurück und kettete ihn mit Bändern aus unerbittlichem Stahl fest. Verlust schmerzte, aber als Kommandant der Ersten Flotte Calbernas war es jetzt nicht seine Aufgabe, zu trauern, sondern weitere Verluste zu verhindern.

»Sir.« Dilys wandte sich an den Admiral der calbernischen Marine. »Bis wir diese mörderischen Krillos zur Rechenschaft gezogen haben, schlage ich vor, wir leiten jeden nicht unbedingt nötigen Handel im Denbe-Meer um Kap Stag oder durch die Meerenge von Kardouhm um.« Das würde Calberna ein ziemliches Sümmchen kosten. Das Umrunden des ardulischen Kontinents um Kap Stag würde die meisten Reisen um Wochen oder sogar Monate verlängern, und die Meerenge von Kardouhm bot zwar eine kürzere Route von Calberna zum Denbe-Meer und all den reichen Märkten des Ostens, dafür verlangte der Omar von Kardouhm aber hohe Steuern von jedem Fahrzeug, das durch seine Gewässer segelte.

Der Admiral nickte. »Der Rat hat diese Maßnahme vor nicht einmal zehn Minuten bewilligt, Kommandant. Außerdem habe ich Nachricht ausgegeben, dass jedes Handelsschiff, das innerhalb von hundert Meilen des Olemas-Ozeans segelt, militärisches Geleit haben sollte. Zwei Kriegsgaleeren für jedes Handelsschiff. Ein halbes Dutzend für jeden Konvoi.«

»Ich werde natürlich die bevorstehende Reise nach Winterfels absagen«, sagte Dilys.

»Ono.« Nein. Der scharfe Widerspruch kam von Calbernas Königin. »Du wirst nichts dergleichen tun.«

»Alys …« Calivans Gebrauch des Kosenamens seiner Schwester verriet Dilys, dass dies eine Diskussion war, die sie schon eine Weile führten. Vor den Mitgliedern des Hofes nannte er die Myerial nie »Alys«, außer sie verhielt sich sturer als er.

»Ono, Calivan. Und das meine ich ernst. Es gibt mehr als genug junge Männer in unserer Flotte, um mit diesen Piraten fertigzuwerden. Dilys und jeder Calbernianer, der sich das Recht verdient hat, unter den Frauen der Æsir-Inseln eine Gemahlin zu suchen, wird nächste Woche nach Winterfels segeln.«

»Er sollte wenigstens wissen, dass er die Möglichkeit hat, eine Imlani zu heiraten und die Blutlinie rein zu halten.« Das kam von Dessandra Merimynos, einer entfernten Cousine der verstorbenen Königin und gegenwärtigen Matriarchin des Hauses Merimynos.

Alysaldria presste die Lippen fest zusammen, und ihre goldenen Augen blitzten vor Gereiztheit.

Dilys sah in die Runde der hochrangigen Beamten, die im Saal versammelt waren, und erkannte, dass der Piratenangriff und Fyerins Tod nicht der wahre Grund dafür waren, dass er hergerufen worden war. »Welche Imlani? Wovon redet ihr?«

Calbernas amtierender Minister für Innere Angelegenheiten trat vor. »Loto Sami war an Bord der Gischt. Wie Ihr vielleicht wisst, war er Nyree Calagis Tochter Coralee versprochen.«

»Sie wollen, dass du Coralee Calagi heiratest«, warf Alysaldria ein.

»Es ist im besten Interesse von Calberna, die königliche Blutlinie rein zu halten«, sagte der Minister.

»Es ist nicht im besten Interesse meines Sohnes«, fauchte sie. »Es ist nicht im besten Interesse des Hauses Merimydion. Coralee ist fünfzehn Jahre alt! Selbst wenn der Verlobungsvertrag aufgelöst werden könnte, würde mein Sohn mindestens noch weitere fünf Jahre damit warten müssen, sie zu heiraten. Wer weiß, wie lange es dauern würde, bis sie ein Kind gebären könnte – insbesondere eine Tochter –, wenn ihre Trauer um Loto es ihr unmöglich macht, ihren Gefährten so anzuerkennen, wie sie es sollte?«

»Alys …«, murmelte Calivan.

Sie starrte ihn an, und ihre großen goldenen Augen blitzten verärgert. »Stell dich nicht auf ihre Seite, Cal. Du weißt, wie ich über diese Angelegenheit denke. Dilys hat lange genug gewartet – und das noch dazu auf deinen Nachdruck hin! Und ihren!« Anklagend zeigte sie mit dem Finger in die Richtung der anderen Matriarchinnen.

»Das verstehe ich nicht«, warf Dilys ein, in der Hoffnung, seine Mutter zu beruhigen. »Der Verlobungsvertrag zwischen Haus Sami und Haus Calagi wurde mit Blut und Salz unterzeichnet. Er ist unauflöslich. Ich könnte Coralee nicht heiraten, selbst wenn ich es wollte.«

Das Massaker hatte Calberna der Magie der Sirenen beraubt, ein Verlust, der nicht nur Calbernas Macht geschwächt hatte, sondern auch zu einem gefährlichen Absinken der Geburtsrate von Imlani-Mädchen geführt hatte, besonders solchen mit wirklich großen Gaben. Das war der Grund dafür, dass Haus Merimydion sowie all die anderen königlichen Häuser bestehende Verlobungsverträge hatten, die schon Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte vor der Geburt einer reinblütigen Imlani-Tochter ausgehandelt worden waren. Sie hatten die königlichen Blutlinien sorgfältig kultiviert, um die größte Magie Calbernas in ihren weiblichen Nachkommen zu bündeln, in dem Versuch, die lang verlorene Macht der Sirenen zurückzubringen.

»Das haben wir alle geglaubt«, antwortete der Minister. »Aber der Hohepriester hat diese Angelegenheit monatelang untersucht.« Der Minister zeigte auf den Hohepriester von Numahao, der neben ihm stand. »Genau genommen war es Eure Rechtfertigung im letzten Winter, den Vertrag mit dem Sommerkönig zu brechen, die ihn auf die Idee gebracht hat.«

Der Hohepriester nickte. »Als Ihr den Vertrag mit dem Sommerkönig gebrochen habt, um Calberna und Mystral vor der Bedrohung durch den Eiskönig zu retten, habe ich mich daraufhin gefragt, ob ein Verlobungsvertrag je aus ähnlichen Gründen aufgelöst worden war. Ich musste für ein Ergebnis fast bis zu der Zeit des Massakers zurückgehen, aber es gibt tatsächlich einen Präzedenzfall für das Auflösen eines Verlobungsvertrags, wenn durch eine solche Auflösung die Linie der Myerials vor Schaden bewahrt wird. Haus Sami hat bereits eingewilligt, im besten Interesse Calbernas zurückzutreten.« Er verbeugte sich in Richtung der Matriarchin des Hauses Sami.

Alysaldria umklammerte die Armlehnen ihres Throns. »Ich werde mich mit meinem Sohn und dem Lordkanzler vertraulich beraten.«

Die versammelten Personen verbeugten sich und verließen den Thronsaal.

»Du weißt, dass es ein gutes Angebot ist, Alys«, sagte Calivan, als sich die Türen hinter ihnen schlossen. »Eine Imlani-Braut aus einer königlichen Blutlinie? Das ist die beste Verbindung, die Dilys sich erhoffen kann.«

»Das wäre so gewesen, hätte das Verlöbnis stattgefunden, als Dilys und Coralee noch Kinder waren. Sie hätten Zeit gehabt, die emotionalen Bande zu knüpfen, die nötig sind, um den anderen ordnungsgemäß für sich zu beanspruchen. Aber Coralee hatte fünfzehn Jahre, um sich an Loto zu binden. Du hast sie zusammen gesehen, genau wie ich. Ihre Bande waren stark und tief. Ihre Trauer wird es ebenfalls sein.«

»Und wir alle werden hier sein, um ihr dabei zu helfen, diese Trauer zu überwinden. Du stellst Dilys’ Licht unter den Scheffel, Alys. Wenn er die nächsten fünf Jahre hier in Calberna bleibt und Zeit mit Coralee verbringt, habe ich keinen Zweifel daran, dass er ihr Herz ebenso vollständig gewinnen kann, wie Loto Sami es getan hat. Schließlich ist er dein Sohn. Er hat viele und große Talente.«

»Dilys könnte mit seinem Charme einen Drachen dazu kriegen, ihm sein Gold zu geben. Darum geht es hier nicht.«

»Doch, genau darum geht es hier. Wenn jemand Coralees Herz heilen und ein Band mit ihr knüpfen kann, das stark genug ist, um die von uns allen ersehnten Töchter zu zeugen, dann ist es Dilys. Und vergiss nicht, Coralee wird eines Tages Donima des Hauses Calagi sein. Selbst wenn sie nur Söhne zur Welt bringt, werden es Söhne einer reinen und mächtigen königlichen Blutlinie sein, denen eigene Imlani-Bräute zugesichert sind.«

»Und was bekommt Haus Sami im Gegenzug?« Ihre Augen wurden schmal. »Aleakali Maru, die Tochter meines Onkels Aleki, wird die nächste Myerial, falls Dilys zu meinen Lebzeiten keine Tochter bekommt. Ich habe Gerüchte gehört, dass Aleakali eine Tochter erwartet. Ich wette, Haus Sami hat den Vertrag für Coralee im Austausch gegen einen Verlobungsvertrag mit Aleakalis Tochter aufgelöst. Warum einen Sohn des Hauses Sami mit einer Calagi verheiraten, wenn dieser Sohn stattdessen eine zukünftige Myerial heiraten könnte?«

»Wenn das stimmt, warum treten wir dann nicht selbst an Aleakali heran und schlagen vor, dass Dilys ihre Tochter heiratet?«

»Sei nicht lächerlich!«, fuhr Alysaldria ihn an. »Dilys hat sich sein Ulumi-lia bereits vor vier langen Jahren verdient. Ich will nicht, dass er noch fünf Jahre auf eine Frau wartet, und du schlägst vor, ihn noch weitere zwanzig warten zu lassen?«

»Vielleicht solltest du Dilys fragen, was er will. Vielleicht macht es ihm nichts aus, noch ein paar Jahre länger auf eine Imlani-Braut zu warten? Vielleicht würde er es sogar vorziehen, sich mit einer zukünftigen Myerial von Calberna zu verloben.«

»Und vielleicht lassen sich Schweine Kiemen wachsen und schwimmen mit dem Kraken.«

Unter allen anderen Umständen hätte Dilys Mühe gehabt, sich nach dieser scharfzüngigen Bemerkung seiner Mutter ein Lachen zu verkneifen. So groß und liebevoll das Herz seiner Mutter auch sein mochte, besaß sie doch auch ein wildes Temperament, einen eisernen Willen und einen Verstand mit eigenen Fangzähnen und Krallen.

»Dilys mit einem Kind zu verloben, das noch nicht einmal geboren wurde, steht völlig außer Frage«, fuhr seine Mutter fort, »aber was das Calagi-Mädchen betrifft, soll es nicht heißen, ich hätte diese Entscheidung getroffen, ohne die Wünsche meines Sohnes zu berücksichtigen.« Alysaldria wandte sich Dilys zu. »Moa elua, mein Sohn, du hast die Möglichkeit, eine Imlani-Braut aus einem edlen, starken Haus zu heiraten. Und obwohl ich darauf brenne, deine Zukunft geregelt zu sehen, sind fünf Jahre keine zwanzig. Coralee Calagi ist ein schönes Mädchen mit vielen Gaben. Sie wird Matriarchin des Hauses Calagi werden, wenn ihre Mutter nicht mehr lebt. Dir und deinen Kindern wird es an nichts fehlen, und dein Blut – unser Blut – wird Haus Calagi noch stärker machen, als es heute bereits ist. Wie Calivan bereits betonte, ist es eine gute und vorteilhafte Verbindung, besser, als ich es mir nach dem Tod unserer lieben Nyamialine hätte erhoffen können. Wenn du sie willst, brauchst du es nur zu sagen.«

»Nun«, antwortete er vorsichtig, »falls ich warte und eine Imlani heirate, würde das die Reibereien zwischen dir und den anderen Donimari auflösen, die befürchten, ein Halbblut könnte den Meeresthron erben.«

»Das ist mir egal.« Seine Mutter machte eine ungeduldige Handbewegung. »Diejenigen, die am lautesten protestieren, haben ein persönliches Interesse daran, den Meeresthron an meine Cousine Aleakali gehen zu sehen. Sie haben Loto Samis frühzeitigen Tod als Vorwand genommen, nach der Macht zu greifen, die sie sich ersehnen. Wo waren diese besorgten Bürger, als Nyamialine gestorben ist? Hat einer von ihnen angeboten, seine eigenen Verlobungsverträge an den Sohn der neuen Myerial zu übergeben? Ono, das haben sie nicht. Also: Ich frage nicht sie, was sie wollen, ich frage dich, was du willst.«

Dilys zögerte. Es war nicht der Aufschub, der ihn überlegen ließ. Schließlich hatte er bereits vier Jahre gewartet. Aber er hatte seine Verlobte Nyamialine geliebt. Obwohl sie beide noch Kinder gewesen waren, hatte ihr Tod seinem Herzen jahrelang jede Freude geraubt. Er wusste, dass Coralee, die Loto Sami ihr ganzes Leben lang geliebt hatte und von ihm geliebt wurde, die Wunde dieses Verlustes in fünf kurzen Jahren nicht würde schließen können. Nicht einmal, wenn Dilys das Meer aufgab und jeden Moment an ihrer Seite verbrachte. Vielleicht war es falsch und egoistisch von ihm, aber er wollte eine Frau, die fähig war, ihn zu lieben, und die nicht den Verlobten betrauerte, den sie geliebt und verloren hatte.

»Nima«, sagte er schließlich. »Ich werde tun, was immer du als das Beste für Calberna und Haus Merimydion erachtest. Wenn du wünschst, dass ich Coralee Calagi heirate, dann werde ich das mit angemessener Freude im Herzen tun.«

»Aber?«, bohrte seine Mutter nach.

»Aber wenn es meine Entscheidung wäre, würde ich morgen wie geplant nach Konumarr segeln.«

Lächelnd lehnte Alysaldria sich zurück. »Dein Wunsch ist auch der meine. Dann ist es also beschlossen.«

»Alys …«, begann Calivan zu protestieren, bis der gebieterische Blick seiner Zwillingsschwester ihn zum Schweigen brachte.

»Lordkanzler«, sagte die Myerial förmlich, »bitte ruf die anderen wieder herein, damit ich ihnen meine Entscheidung mitteilen kann.«

Die Königin hatte gesprochen. Mit der eindeutigen Erkenntnis, dass weiterer Protest zwecklos war, verbeugte Calivan sich steif und gab den Wachen am Eingang den Befehl, die Türen des Thronsaals zu öffnen. Er und Dilys standen beide neben dem Thron, um eine vereinte Front zu präsentieren, als die anderen eintraten. Das musste man Calivan zugutehalten: Ganz egal, wie seine persönliche Meinung zu einer Angelegenheit auch sein mochte, sobald die Königin eine Vorgehensweise beschlossen hatte, tat er anderen seine Vorbehalte weder durch Worte noch Taten jemals kund.

»Seelords, Donimari«, sagte Alysaldria und nickte den Amtsträgern und den Matriarchinnen zu. »Die Entscheidung ist gefallen. Der Prinz und seine Männer segeln morgen zu den Winterlanden, um ihr verdientes Recht wahrzunehmen, dort um Ehefrauen zu werben.«

»Moa Myerial!«, protestierte der Minister für Innere Angelegenheiten.

Sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. An die Matriarchinnen gewandt sagte sie: »Mein Sohn ist neunundzwanzig. Er hat sich sein Ulumi-lia bereits vor vier Jahren verdient, dennoch ist er immer noch unverheiratet. Auf Euer Geheiß.« Alysaldria wandte sich um und warf dem Minister für Innere Angelegenheiten einen strengen Blick zu. »Vor fünf, fast sechs Jahren habt Ihr und Calivan mich und meinen Rat überredet, dass Dilys damit warten sollte, seine Liana zu wählen, damit wir alle potentiellen Bräute prüfen und eine Verbindung wählen können, die Calberna und dem Haus Merimydion am dienlichsten wäre. Vor vier Jahren versicherte Calivan mir, dass eine Jahreszeit von Sommergrund diese beste Verbindung sei. Jetzt kommt ihr zu mir und behauptet, dass eine Jahreszeit von Sommergrund unpassend sei und wir Haus Sami seiner lang erwarteten Freude berauben und meinen Sohn zwingen sollten, weitere fünf Jahre zu warten, bis Nyree Calagis Tochter im heiratsfähigen Alter ist?«

Der Hohepriester breitete die Hände aus. »Moa Myerial, bitte …«

Alysaldrias goldene Augen blitzten verärgert. »Habt Ihr solche Angst, dass diese Jahreszeit Haus Merimydion eine Tochter gebären wird? Oder haltet Ihr mich für unfähig, dafür zu sorgen, dass eine Tochter des Hauses Merimydion als echte Imlani geboren wird und in der Lage ist, vom Meeresthron aus zu regieren? Wollt Ihr andeuten, ich sei zu schwach, um das zu gewährleisten?«

Der Minister und der Hohepriester zuckten beide zusammen.

»Wir haben genug gehört.« Die Myerial erhob sich von ihrem Thron. Ihre Augen glühten wie goldene Sonnen. Sie benutzte nicht oft den Pluralis Majestatis, wenn sie vom Meeresthron aus sprach, aber wenn sie es tat, dann bedeutete es, sie sprach als die Macht Calbernas, und ihre Entscheidung war unwiderruflich. Den Befehl als das erkennend, was er war, ließen sich Calivan, Dilys, die Donimari und alle anderen auf ein Knie nieder und senkten ehrerbietig die Köpfe, die Blicke auf den Boden gerichtet.

»Minister, Donimari, Wir danken Euch für Eure Sorge und Eure Bemühungen, das zu tun, was Ihr als das Beste für Calberna erachtet. Aber wir werden weder Haus Sami noch Haus Calagi bitten, einen Vertrag zu brechen, der mit Blut und Salz unterzeichnet wurde. Ebenso wenig werden Wir Unserem Sohn, dem Myerielua, sein Recht vorenthalten, ohne weitere Verzögerung das Glück und die Freude zu suchen, die er so redlich verdient hat. Und sollte Numahao seine Verbindung mit einer Imlani-Tochter für Haus Merimydion segnen, wird sie mit Gaben geboren werden, die stark genug sind, um dem Meeresthron Ehre zu machen, auf dem sie sitzen wird, selbst wenn Wir dafür Unser eigenes Leben geben müssen. So haben Wir gesprochen. So soll Unser Wille geschehen.«

Die versammelten Höflinge murmelten einstimmig: »So habt Ihr gesprochen. So soll Euer Wille geschehen.«

»Ihr dürft Euch zurückziehen.«

Die Gruppe erhob sich und ging, sich verbeugend, rückwärts aus dem Saal.

Als sie fort waren und sich die Türen des Thronsaals hinter ihnen geschlossen hatten, drehte Calivan sich zu seiner Schwester um. »Alys, was hast du getan?«

Erschöpft rieb sie sich die Schläfen. »Ich habe getan, was getan werden musste. Ich habe der Reinblut-Allianz den Boden unter den Füßen weggezogen und sichergestellt, dass mein Sohn den Krieg hinter sich lassen und endlich den Frieden erfahren kann, den er sich so oft verdient hat.«

»Aber du kannst doch nicht geloben, dein eigenes Leben zu opfern – vom Meeresthron aus hast du es geschworen!« Calivans Entsetzen war offensichtlich. Jedes Imlani-Kind – besonders jede Tochter – wurde mit Meeresgaben geboren, weil sowohl die Donima seines Hauses als auch seine engsten weiblichen Verwandten einen Teil ihrer eigenen Gaben auf das Kind übertrugen, bevor es geboren wurde. Aber die große Macht, die den in Calberna geborenen Frauen innewohnte, war nicht grenzenlos. Eine Imlani konnte sich bis zum Tod erschöpfen, genau wie es die Myerials auf dem Sterbebett taten, wenn sie ihre Macht an ihre Nachfolgerinnen weitergaben. Und Alysaldria hatte gerade einen unverbrüchlichen Schwur geleistet, genau das zu tun, falls sie Dilys’ Halbbluttochter auf andere Weise nicht mit genügend Macht beschenken konnte.

»Nima …« Dilys war ebenso entsetzt wie sein Onkel. »Nima, das kannst du nicht tun. Das lasse ich nicht zu. Ich werde die Verlobung mit Coralee Calagi akzeptieren. Ich werde zehn Jahre oder zwanzig warten, wenn es sein muss.«

»Dafür ist es zu spät, moa elua. Ich habe gesprochen.«

»Dann werde ich nicht heiraten. Ich werde so leben wie Calivan, an dich und an keine andere gebunden.«

Ihr Kopf fuhr hoch. Mit flammenden Augen hielt sie seinen Blick fest. »Du wirst nichts dergleichen tun. Ich werde dich verheiratet und sesshaft sehen, bevor dieses Jahr vorüber ist. Ich werde meinen Sohn – mein einziges Kind – glücklich sehen.«

»Wie kann ich je glücklich darüber sein, eine Oulani zu heiraten, wenn der Preis für diese Entscheidung dein Tod ist?«

Sie gab einen angewiderten Laut von sich und sprang auf die Füße. »Wie? Genauso, wie ich ohne deinen Vater Glück gefunden habe. Weil du es musst. Weil unsere Pflicht gegenüber Haus Merimydion und Calberna bedeutet, dass du und ich beide immer einen Weg finden müssen, für andere stark zu sein, selbst wenn wir nicht für uns selbst stark sein können.« Dann wurde ihre Miene weicher. »Dilys, moa elua, morgen wirst du zu den Æsir-Inseln segeln und eine Tochter für Haus Merimydion nach Hause bringen, eine Tochter, die meine Seele mit Freude und Glück erfüllen wird, eine Liana, die du von ganzem Herzen lieben wirst. Und sie wird Söhne und, so Numahao will, eine Tochter für unser Haus und für Calberna gebären. Und eure Kinder werden herrliche, begabte Calbernianer sein, die unserem Haus, unserem Land und unserem Volk Ehre bringen werden. So habe ich gesprochen. So soll mein Wille geschehen.«

Tränen traten ihm in die Augen. Mühsam blinzelte er sie fort. Er senkte ehrerbietig den Kopf und sagte mit erstickter Stimme: »Tey, moa Myerial.«

»Gut. Dann komm her und knie vor mir, mein Sohn. Ich werde dir lieber jetzt als morgen meinen Segen geben.«

Er stieg die Korallenstufen hoch und kniete vor Calbernas perlenbesetztem Thron nieder. Seine Mutter beugte sich vor, um sein Gesicht in beide Hände zu nehmen. »Mein starker, mutiger, wunderschöner Sohn«, sagte sie. Stirnrunzelnd bemerkte er das Zittern in ihren Händen, aber bevor er sich dazu äußern konnte, leuchteten ihre großen, tiefgoldenen Augen sonnenhell auf.

Sein Körper zuckte. Macht raste durch ihn hindurch wie ein Wirbelsturm. Das Geburtsmal in Form eines goldenen Dreizacks an der Innenseite seines linken Handgelenks brannte pulsierend und leuchtete im selben Gelbgold auf, das jetzt in den Augen seiner Mutter loderte.

»Lass meine Liebe dir Kraft geben, damit du jede Herausforderung meisterst, die sich dir in den Weg stellen mag«, flüsterte sie, und dann hauchte sie einen Kuss auf sein Ulumi-lia, die schimmernde blaue Tätowierung, die sich vom Winkel seines rechten Auges aus über seinen Wangenknochen schlängelte.

Er verdrehte die Augen, und seine Muskeln verkrampften sich, sonst hätte die Macht, die erbarmungslos durch seinen Körper bebte, ihn niedergestreckt. Als seine Mutter ihn losließ, brach er atemlos und benommen vor ihr zusammen. Seine Lunge brannte, und das rasende Herz stolperte in seiner Brust.

Sie führte seinen Kopf zu ihrem Schoß, und er legte ihn in einer Geste der Liebe und hingebungsvollen Ehrerbietung auf ihre Knie, drückte damit die Anerkennung aus, dass trotz all seiner Vorherrschaft auf den Meeren, seiner siegreichen Wildheit im Kampf und seiner einschüchternden Größe und Statur seine wahre Kraft und größte Magie von dieser kleinen, zarten Frau stammte, die ihn geboren hatte. Sie liebte und regierte ihn ebenso erbittert, wie sie ihre Nation liebte und regierte. Und wie jeder treu ergebene Sohn Calbernas liebte er sie, diente er ihr und verteidigte er sie ebenso erbittert.

Dilys schloss die Augen, als seine Mutter zärtlich über die weichen, in sich gedrehten obsidianschwarzen Stränge seines Haars strich. Die Macht, die sie ihm geschenkt hatte, wütete wie ein Sturm in ihm und füllte seinen Körper so vollständig aus, dass sich seine Haut straff und wie in Flammen anfühlte. Angestrengt bemühte er sich, diese Macht aufzunehmen, sie in seinen Zellen einzulagern, um sie in der Zukunft abrufen zu können.

Allmählich beruhigte sich sein hämmernder Puls, und sein Atem kehrte wieder zu einem langsamen, gelassenen Rhythmus zurück. Alysaldria streichelte mit einer letzten mütterlichen Geste über seine Haarstränge, dann gab sie ihn frei.

Auf zitternden Beinen erhob er sich, voller Demut über das gewaltige Geschenk seiner Mutter. »Moa nana, Nima.« Meinen Dank, Mutter. »Aber du hättest mir nicht so viel geben sollen.«

Ihre Augen leuchteten immer noch wie pures geschmolzenes Gold, aber sie sah erschöpft und ausgelaugt aus. Blass unter der tiefen Bräune ihrer Haut.

Er wollte gerade seine Besorgnis zum Ausdruck bringen, als Alysaldria die Augen verdrehte und auf ihrem Thron zusammenbrach.

»Nima!« Dilys machte einen Satz auf sie zu, fing ihren zarten, schlanken Körper auf und hob sie vom Thron. »Onkel Calivan!«

»Holt die Heilerin!«, rief Calivan einer der Wachen zu, die an der Tür des Thronsaals standen. »Hier entlang, Dilys. Ins Vorzimmer.« Rasch, mit sorgenvoller Miene, lief Calivan vor ihnen die Treppe hinter dem Thron hinab, die zu dem Nebenraum darunter führte. »Leg sie auf diese Chaiselongue.« Er zeigte auf das lange gepolsterte Sofa an der Wand der privaten Kammer unter dem Thronsaal und ging ein feuchtes Tuch und ein Glas gekühltes Salzwasser holen, während Dilys seine Mutter ablegte.

Sie war bereits wieder zu sich gekommen, als Calivan mit dem Tuch und dem Wasser zurückkehrte, und winkte seine und Dilys’ fürsorglichen Bemühungen fort. Dennoch nahm sie sowohl das Getränk als auch das feuchte Tuch an. »Ist schon in Ordnung. Es geht mir gut.«

»Es geht dir nicht gut«, widersprach Dilys. »Du wurdest ohnmächtig.«

»Und das ist meine eigene Schuld«, sagte sie. »Calivan hat mir gesagt, dass ich nicht ordentlich esse. Ich nehme an, ich hätte auf ihn hören sollen.«

Dilys warf einen besorgten Blick zu seinem Onkel. Dieser schnippte mit den Fingern nach einer der Wachen, die ihnen hinunter in das Vorzimmer gefolgt war, und befahl: »Lasst aus der Küche etwas zu Essen für die Myerial heraufschicken. Sofort. Sagt ihnen, sie sollen schicken, was immer sie gerade verfügbar haben. Ohne Aufschub. Sie können später etwas Gehaltvolleres für sie zubereiten.«

»Tey, Lord Merimydion.« Die Wache verbeugte sich und eilte hinaus.

Dilys wandte sich wieder seiner Mutter zu. Sie versuchte, sich aufzusetzen, nur um schwach wieder zurück auf die Chaiselongue zu sinken. Eine kalte Hand der Angst legte sich um sein Herz.

»Nima, es ist mehr als nur das. Du bist nicht gesund.« Ihre Blässe heute. Dieses Zittern ihrer Hand, bevor sie ihm ihren Segen gegeben hatte. Sie begann zu »schwinden«, erlitt einen Verlust von Kraft, der manche Calbernianer nach großen Tragödien oder heftigem Kummer befiel, wenn ihr Leid zu groß wurde, um es zu ertragen. Für Calbernianer waren Liebe und Glück nicht einfach nur Gefühle. Sie waren so notwendig wie Luft und Wasser. Ein Calbernianer konnte ohne sie nicht leben.

»Nima, du kannst mich nicht bitten, dich jetzt zu verlassen. Ich werde es nicht tun. Ich werde nicht gehen.« Er würde sich ihr vollständig widmen, ihr all die Liebe in seiner Seele geben, um sie bei Kräften zu halten. Er würde tun, was immer nötig war – ganz gleich, was es ihn kostete.

»Tey, das wirst du.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich erlaube keinen weiteren Aufschub. Du wirst zu den Winterlanden reisen und eine Tochter für mich zurückbringen, die ich lieben kann, eine Tochter, die Mutter meiner Enkelkinder wird. Ich werde dein Kind in den Armen halten.«

Und plötzlich ergab ihre Entscheidung, vom Meeresthron aus zu sprechen, vollkommen Sinn. Kein Wunder, dass sie einen unverbrüchlichen Schwur geleistet hatte, ihr Leben zu geben, um seine Tochter stark zu machen. Kein Wunder, dass sie ihm befohlen hatte, morgen nach Winterfels zu segeln und sich seine Frau zu holen. Sie wusste, dass sie zu schwinden begann.

»Dann werde ich bleiben, Alys«, sagte Calivan und strich seiner Schwester übers Haar.

Sie packte sein Handgelenk und schüttelte erneut den Kopf. »Ono. Das haben wir bereits besprochen. Ich traue es niemandem mehr zu als dir, meinen Sohn unter den Oulani zu beschützen.«

»Nima …«

»Alys …«, protestierten Dilys und Calivan gleichzeitig, doch Alysaldria ließ sich nicht umstimmen.

»Ono. Dilys, du wirst morgen aufbrechen wie geplant – mit deinem Onkel und ohne weiteren Streit zwischen euch beiden. Du wirst diese Jahreszeit umwerben, die dein Onkel und der Rat für dich auserwählt haben, und du wirst ihre Liebe gewinnen. Dann wirst du sie nach Hause bringen und ihr Kinder schenken, damit sie dich ebenso froh und stolz machen wie du mich. Das wird mich glücklich machen.«

»Nima.« Seine Kehle war so zugeschnürt, dass seine Stimme heiser herauskam. Er nahm ihre Hand und drückte seine Lippen auf ihre Handfläche. »Was du brauchst, werde ich dir geben, moa nima

~~~

Am nächsten Morgen stand die Sonne noch tief am östlichen Horizont, als Dilys zum Kai des Palastes ging, wo ein glänzend blaues Kanalboot darauf wartete, ihn zu seinem Schiff zu bringen. Er und sein Onkel Calivan hatten seine Mutter am Abend zuvor noch hemmungslos bearbeitet, bis sie eingewilligt hatte, ihren Zwillingsbruder bei sich bleiben zu lassen, bis sie wieder kräftiger war. Dilys würde vorausfahren, um mit seiner Brautwerbung um die Jahreszeiten zu beginnen, und Calivan würde ihm in etwa einem Monat folgen, sobald Alysaldria ein gewisses Maß ihrer Kraft wiedererlangt hätte.

Als Dilys die Grenze der Palastgärten erreichte, trat ein Calbernianer hinter einer der kunstvoll gestutzten Hecken hervor.

»So so, dann ziehst du also los, um dir deine Oulani zu holen.«

Dilys’ Körper spannte sich an. Seine Laune – ohnehin schon verdrießlich – wurde noch düsterer, und langsam drehte er sich zu seinem Cousin Nemuan, dem Sohn der vorherigen Myerial, um.

Tätowierungen überzogen Nemuans Körper vom Hals bis zu den Zehen, dazwischen war kaum ein Zoll ungeschmückter bronzefarbener Haut zu sehen. Aber anders als bei den meisten Calbernianern, deren Tätowierungen mit dem leuchtenden Blau aus königlicher Anemone, Perlmutt und zermahlenen Silberfischschuppen gestochen waren, bestanden Nemuans Zeichen aus der mattschwarzen Tinte von Tintenfischen. Es waren Aufzeichnungen all der Jahre, die er auf den Meeren damit verbracht hatte, statt nach Gold und Ruhm nur nach Absolution und Rache für den Verlust seiner Schwester Sianna und seiner Mutter, der Myerial Siavaluana, zu suchen.

Da er nur zwei Jahre älter war als Dilys, war Nemuan ein Junge von elf Jahren gewesen, als der Unfall Sianna und Nyamialine und schließlich auch Siavaluana das Leben gekostet hatte. Zu jung, um zu Ehren seiner Familie den eigenen Tod zu suchen, aber nicht zu jung, um zur See zu fahren. Zehn Jahre lang hatte er sein Schwert ohne Gewinn verkauft, sich Schlacht um Schlacht gestellt, Mission um Mission, um seine Stärke, seine Fähigkeiten, sein Kommando über das Meer und die Schiffe darauf zu beweisen. Sich von dem Makel zu befreien, dass seine Familie ihre Frauen nicht hatte beschützen können. Erst nach diesen zehn Jahren hatte er seine Gedanken auf Gold und Ruhm gerichtet, darauf, sich eine eigene Liana zu verdienen. Zu Nemuans Unglück hatten diese Jahre von Wut und Zorn ihre Spuren auf mehr als nur seiner Haut hinterlassen. Obwohl er genug Gold und Ruhm für eine eigene Liana angehäuft hatte, musste er erst noch eine für sich gewinnen.

Er wartete, so sagte er, auf eine Liana, die des Sohns einer Myerial würdig war. Und genau wie seine Kumpane in der Reinblut-Allianz hatte Nemuan deutlich gemacht, dass er fand, Dilys sollte dasselbe tun.

»Nemuan«, begrüßte Dilys seinen Cousin ohne Begeisterung. »Ich dachte, du wärst noch auf See.«

Sein Cousin lächelte, aber kein Humor erhellte das ausdruckslose, dunkle Gold seiner Augen. »Und den Tag versäumen, an dem der Sohn einer Myerial davonsegelt, um sich eine Oulani-Braut zu holen?«

Dilys presste die Lippen aufeinander. »Was geschehen ist, ist geschehen, Cousin«, sagte er. »Kein noch so großes Opfer wird deine Mutter, Sianna oder Nyamialine je zu uns zurückbringen. Es ist an der Zeit, dass du deine Wut und deine Trauer beiseitelegst. Nimm dir selbst eine Liana, damit sie dir Kinder schenkt. Strebe nach dem Glück, das dieses Leben dir zu bieten hat.«

»Ich vergesse nicht so leicht wie du«, erwiderte Nemuan und spuckte aus.

Dilys presste die Lippen fester zusammen. »Ich vergesse nichts. Aber ich kann nicht ändern, was ist, nur was sein wird. Und ich wähle das Leben, für mich und die Kinder, die meine Liana mir schenken wird.«

»Ein Myerielua, der diesen Namen wert ist, würde sagen, dass es besser wäre, Haus Merimydion sterben zu sehen, als die königliche Blutlinie Calbernas durch Oulani-Blut zu besudeln. In Numahaos Namen, Merimydion, verhalte dich wie der Prinz der Inseln, der du sein solltest, nicht wie ein rückgratloser, egoistischer Schwächling ohne den Willen, das Richtige zu tun.«

Dilys’ Augen wurden schmal. Die Spitzen seiner Krallen drängten gegen seine Fingerspitzen und wollten hinaus. »Vorsichtig, Merimynos.«

»Dir wurde die Gelegenheit gegeben, dich für das zu entscheiden, was das Beste für Calberna ist – die Blutlinie der Sirenen rein zu halten. Und du hast deine Nase darüber gerümpft.«

»Mir wurde die Gelegenheit gegeben, noch fünf Jahre zu warten, bevor ich ein Mädchen heirate, das ihrer verlorenen Liebe nachtrauert. Stattdessen habe ich mich dafür entschieden, mich um eine mächtige Tochter für Haus Merimydion zu bemühen, eine Tochter für meine Nima, die sie lieben kann, eine, deren Herz nicht in Trauer ertrinkt.«

»Eine Entscheidung, die für dich gut ist und für niemand sonst.«

»Die Myerial ist anderer Meinung.«

»Die Myerial ist …«

»Mua!« Schweig! Dilys machte eine heftige Handbewegung. Seine Miene wurde hart wie Stein. »Beleidigst du mich, kann ich das durchgehen lassen, aber sprich keine Worte über meine Mutter, die mich dazu zwingen, es dich bereuen zu lassen.«

Nemuans Lippen kräuselten sich. »Als ob du das könntest.«

Einen Sekundenbruchteil später lag Nemuan flach auf dem Rücken, Dilys’ Hand an seiner Kehle. Das Gesicht seines Cousins nahm eine befriedigende dunkelbraune Färbung an.

»Das könnte ich«, sagte Dilys. »Das könnte ich sehr mühelos. Und du vergisst das besser nicht, Pulan.« Seine Mutter hatte ihm nicht nur ein wenig Macht gegeben. Sie hatte sich für ihn so gut wie verausgabt, wodurch er seinem mutterlosen, schwesterlosen Cousin mehr als ebenbürtig war.

Dilys ließ Nemuan los und erhob sich rasch mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung. Er ließ seinen Cousin dort liegen, überquerte die Korallenplatte des Kais und stieg an Bord des glänzend blauen Kanalboots. »Mach dir nicht die Mühe, mich zu verabschieden«, sagte er.

Im Heck des Bootes stießen zwei Calbernianer lange Stangen ins klare Wasser des Kanals, um das Boot vom Kai des Hofes abzustoßen. Als sie sich den Kanal entlang in Richtung Hafen bewegten, konnte Dilys spüren, wie sich Nemuans Blick aus schmalen schwarzen Augen in seinen Hinterkopf bohrte. Die beiden waren noch nie besonders freundlich zueinander gewesen – seit dem Tod von Sianna und Nyamialine überhaupt nicht mehr –, aber ihre Blutsverwandtschaft hatte stets dafür gesorgt, dass sie höflich geblieben waren. Eindeutig hielten diese Bande nicht mehr.

Dilys wusste, dass er in Nemuan nun einen Feind hatte.

Kapitel 2

Konumarr, Winterfels

»Calbernianer behaupten, die bevorzugte Rasse der Göttin Numahao zu sein. Sie besitzen allesamt Meeresgaben, die es ihnen ermöglichen, Strömungen zu beeinflussen, sich mit den Geschöpfen des Meeres zu verständigen und zu tauchen, ohne zum Atemholen an die Oberfläche kommen zu müssen. Sie werden zu Recht Seelords, Herren der Meere, genannt, da die Ozeane der Welt ihren Befehlen gehorchen.« Der goldhäutige Junge, der vor dem Pult des kleinen Klassenzimmers stand, umklammerte die Ränder des ledergebundenen Buchs in seiner Hand und richtete den erwartungsvollen Blick auf seine Lehrerin.

»Das war ausgezeichnet, Jori.« Gabriella Coruscate, die Sommergrund-Prinzessin, die gemeinhin unter ihrem Gabennamen Sommer bekannt war, lächelte den Jungen an und nahm ihm das Buch aus den Händen.

Der Siebenjährige strahlte vor Stolz. »Ich hab mit Mama üben tun.«

»Du hast mit deiner Mama geübt«, korrigierte sie ihn freundlich. »Und ja, das merke ich. Du hast ausgezeichnete Fortschritte gemacht, Jori.« Die Wangen des Jungen färbten sich in einem süßen Rosarot unter seiner goldenen Haut, was die verstreuten weißen Sommersprossen auf seinem Gesicht wie Sterne leuchten ließ. Er sah so ernst und reizend aus mit seinen großen blauen Augen und den Strähnen weißer Haare, die ihm in die Stirn fielen, und so stolz dazu – der Rücken gerade, die schmalen Schultern straff unter dem fadenscheinigen, aber sauber gewaschenen, gestärkten und ordentlich geflickten Hemd –, ganz und gar nicht wie das ängstliche, quälend schüchterne Kind, das vor zwei Wochen zum ersten Mal ihr Klassenzimmer betreten hatte. Unfähig, sich zurückzuhalten, zerzauste sie ihm das Haar und wurde mit einem weiteren strahlenden Lächeln und einer spürbaren Welle der Freude belohnt, die sie mit beruhigender Wärme erfüllte.

Sommer erlaubte sich einen Moment lang, diese Wärme zu genießen, dann trat sie von der Verlockung von Joris Zuneigung zurück und drehte sich um, um das Buch wieder in das sauber geordnete Bücherregal an der Wand zurückzustellen.

»In Ordnung, Kinder. Das war alles für heute. Morgen ist keine Schule, damit alle an den Willkommensfeierlichkeiten für die Calbernianer teilnehmen können. Also, ich sehe euch nächsten Modinstag wieder, wenn wir das nächste Kapitel in Tanturris Geschichte der Welt beginnen.«

Als die Schüler im Chor aufstöhnten, lachte sie. Sie lasen viel lieber Abenteuer und heroische Epen wie Roland der Siegreiche: Held von Sommergrund oder Die Große Jagd – eine Vorliebe, die sie mit Sommers Schwester Chamsin, der Königin von Winterfels und Gründerin von Konumarrs neuer öffentlicher Schule, teilten. Aber auch wenn diese Texte spannenden Lesestoff boten, dienten sie nicht dazu, die Geografie- und Geschichtskenntnisse der Schüler über die Ufer der Æsir-Inseln hinaus zu erweitern. Chamsin war fest entschlossen, dass den Absolventen ihrer experimentellen neuen öffentlichen Schule vor ihrem Abschluss die Fähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen und ein nützliches Grundwissen in Geschichte, Geografie und Handel vermittelt werden sollte, weshalb sie ihre Schwester Sommer dazu gedrängt hatte, in diesem ersten Semester zu unterrichten. Kinder flogen Sommer wie von selbst zu – und welche Eltern würden sich weigern, ihr Kind eine Klasse besuchen zu lassen, die von der beliebtesten Prinzessin der Æsir-Inseln unterrichtet wurde?

Sommer war nicht völlig überzeugt davon, dass diese Kinder eine schulische Bildung brauchten, die über die Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen hinausging – viele von ihnen würden wie ihre Eltern Farmer, Fischer, Viehhirten oder Fallensteller werden –, aber Chamsin bestand darauf. Wer weiß? Vielleicht hatte sie recht. Sommers eigener Tutor war sehr angetan von Geschichte gewesen und hatte behauptet: »Ein weiser Mann lernt von jenen, die vor ihm kamen, damit er ihre Erfolge wiederholen und ihre Fehler vermeiden kann.« Selbst wenn die Kinder nie zu wissen brauchten, warum längst verstorbene Könige ihre Nationen in Kriege gestürzt oder welche Auswirkungen die Schlachten auf die Welt gehabt hatten, war der Teil über das Vermeiden der Fehler seiner Vorfahren vermutlich eine lernenswerte Lektion.

Ganz gewiss war es eine Lektion, die Sommer sich zu Herzen genommen hatte.

Dennoch war Tanturris Geschichte der unbeliebteste Text der Schüler. Sommer stimmte ihnen insgeheim zu – sie hatte ihn immer für eine trockene, langweilige Lektüre gehalten –, aber da die Königin von Winterfels ihn in den Lehrplan aufgenommen hatte, würde Sommer ihn trotzdem durchackern. Hoffentlich fand sie eine Möglichkeit, den Stoff interessanter zu machen, sowohl um ihretwillen als auch für ihre Schüler.

»Lily«, sagte sie und nickte der schwangeren jungen Frau im hinteren Teil der Klasse zu, »hat vorgeschlagen, dass euch Tanturri vielleicht besser gefällt, wenn wir Kostüme basteln und ein paar der historischen Ereignisse nachspielen. Was haltet ihr davon?« Als ein kleiner Chor aus Jubelrufen das Stöhnen ersetzte, lächelte sie. »Ausgezeichnet. Dann also Kostüme. Wir werden unsere Kostüme für das erste Kapitel planen und am Turinstag in den Laden gehen. Dort könnt ihr eure Rechenkünste üben, indem ihr entscheidet, wie viel ihr von jedem Stoff braucht und wie viel alles kostet.«

Sie stand neben der Tür, als die Kinder nacheinander hinausströmten, um sich von ihnen zu verabschieden und jedem noch ein persönliches Wort der Ermutigung für die gute Mitarbeit im Unterricht mitzugeben. Als Antwort auf ihr Lob wogte ihr die Freude der Schüler wie eine Welle wohltuender Wärme entgegen. Sie sah ihnen nach, als sie sich zerstreuten. Manche liefen nach Hause, manche rannten davon, um in einem von Konumarrs vielen Parks zu spielen, und die Jüngeren hüpften in die liebevollen Arme ihrer ...

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