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Die Wahrheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. DANKSAGUNG
  6. ZITAT
  7. PROLOG
  8. KAPITEL 1
  9. KAPITEL 2
  10. KAPITEL 3
  11. KAPITEL 4
  12. KAPITEL 5
  13. KAPITEL 6
  14. KAPITEL 7
  15. KAPITEL 8
  16. KAPITEL 9
  17. KAPITEL 10
  18. KAPITEL 11
  19. KAPITEL 12
  20. KAPITEL 13
  21. KAPITEL 14
  22. KAPITEL 15
  23. KAPITEL 16
  24. KAPITEL 17
  25. KAPITEL 18
  26. KAPITEL 19
  27. KAPITEL 20
  28. KAPITEL 21
  29. KAPITEL 22
  30. KAPITEL 23
  31. KAPITEL 24
  32. KAPITEL 25
  33. KAPITEL 26
  34. KAPITEL 27
  35. KAPITEL 28
  36. KAPITEL 29
  37. KAPITEL 30
  38. KAPITEL 31
  39. KAPITEL 32
  40. KAPITEL 33
  41. KAPITEL 34
  42. KAPITEL 35
  43. KAPITEL 36
  44. KAPITEL 37
  45. KAPITEL 38
  46. KAPITEL 39
  47. KAPITEL 40
  48. KAPITEL 41
  49. KAPITEL 42
  50. KAPITEL 43
  51. KAPITEL 44
  52. KAPITEL 45
  53. KAPITEL 46
  54. KAPITEL 47
  55. KAPITEL 48
  56. KAPITEL 49
  57. KAPITEL 50
  58. KAPITEL 51
  59. KAPITEL 52
  60. KAPITEL 53
  61. KAPITEL 54
  62. KAPITEL 55
  63. KAPITEL 56
  64. KAPITEL 57
  65. KAPITEL 58
  66. KAPITEL 59
  67. KAPITEL 60
  68. KAPITEL 61

Für Michelle

Die schlichte Wahrheit ist:
Ohne dich werde ich mit dem Leben nicht fertig.

Auch dem liebevollen Andenken an
Brenda Gayle Jennings, einem ganz besonderen Kind,
soll dieses Buch gewidmet sein.

DANKSAGUNG

Jennifer Steinberg für die wieder einmal ausgezeichnete Recherche.

Lou Saccoccio für die kenntnisreiche Hilfe in Fragen des Militärrechts.

Steve Jannings für seine scharfsinnigen redaktionellen Kommentare.

Der Warner-Books-Familie – Larry, Maureen, Mel, Emi, Tina, Heather, Jackie J. und Jackie M. und all den anderen unglaublich netten und engagierten Menschen, die mein Leben so sehr bereichert haben.

Meiner Mutter, die mir die schöneren Stellen im südwestlichen Virginia gezeigt hat, eine Gegend, die sie ausgezeichnet kennt.

Karen Spiegel, die mich bei dieser Geschichte auf einem langen Weg begleitet hat.

Dem Anwalt Ed Vaughan, der mir einige der komplizierteren Aspekte erläutert hat, was die Gesetze und die gerichtliche Praxis in Virginia betrifft.

Allen weiteren Menschen, die mir behilflich waren, mich über eine faszinierende Institution schlau zu machen: den Obersten Gerichtshof der USA.

Meinem Freund und Agenten Aaron Priest, der mir – wie immer – zahlreiche wertvolle Ratschläge gab, als ich mich durch diesen Roman gearbeitet habe.

Frances Jalet-Miller, die sehr viel Zeit, Mühe und Kraft aufgewendet hat, mir dabei zu helfen, das gesamte Potenzial des Romans zu erkennen. Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.

Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.

Oscar Wilde

PROLOG

In diesem Gefängnis bestehen die Türen aus zolldickem Stahl. Fabrikneu kamen sie hierher, glänzend und glatt; nun aber sind sie von Dellen übersät. Menschliche Gesichter, Knie, Ellbogen, Zähne und Rückstände von Blut haben auf den grauen Oberflächen ihre Spuren hinterlassen. Knasthieroglyphen: Schmerz, Furcht, Tod – dies alles ist unauslöschlich auf diesen Türen verzeichnet, zumindest so lange, bis eine neue Metallplatte geliefert wird und alles von vorne beginnt.

In Augenhöhe sind viereckige Klappen in die Türen eingelassen. Die Wächter öffnen sie auf ihrem Rundgang und richten das grelle Licht von Taschenlampen auf das menschliche Vieh im Innern. Unvermittelt hämmern sie mit ihren Schlagstöcken gegen das Metall: Geräusche, die wie Gewehrschüsse klingen. Die Altgedienten sind daran gewöhnt; sie starren mit hintergründigem Trotz zu Boden oder blicken ins Leere – die Leere, die sie umgibt; die Leere ihres Lebens. Nicht, dass hier jemand Notiz davon nähme oder dass es jemandem etwas bedeuten würde. Die Neuen, die ›Rotärsche‹, verkrampfen sich noch ängstlich, wenn der Knall der Stockschläge ertönt oder das Licht aufflammt; einige machen sich in ihre Drillichhose und sehen zu, wie der Urin über ihre schwarzen Schuhe rinnt. Doch nach einiger Zeit kommen auch die Neuen darüber hinweg, und dann hämmern auch sie mit der Faust gegen die verdammte Tür, kämpfen die Bitterkeit und die Schuljungentränen nieder, die in ihnen aufsteigen. Wenn sie überleben wollen.

Nachts ist es in den Gefängniszellen so dunkel wie in einer Höhle, bis auf ein paar seltsame Schemen hier und da in der Finsternis. In dieser Nacht entlädt sich ein Gewitter über der Gegend. Wann immer Blitze vom Himmel zucken, peitschen sie grelles Licht durch die kleinen Plexiglasfenster in die Zellen hinein. Das Wabenmuster des Maschendrahts, der straff vor dieses Glas gespannt ist, wird bei jedem Blitz an die gegenüberliegende Zellenwand geworfen.

Jedes Mal wenn Licht in die Zelle zuckt, wird das Gesicht des Mannes aus dem Dunkel gerissen, als hätte es unvermittelt eine Wasseroberfläche durchbrochen. Anders als die anderen Häftlinge ist er allein in seiner Zelle, allein mit sich selbst und seinen Gedanken. Die anderen Gefangenen fürchten ihn, sogar die Wächter, obwohl sie bewaffnet sind; denn er ist ein Mann von beeindruckender Gestalt. Wenn er an den anderen Knastbrüdern – kaum weniger harten und gewalttätigen Männern – vorübergeht, wenden diese rasch den Blick ab.

Sein Name ist Rufus Harms, und hier, im Militärgefängnis von Fort Jackson, hat er den Ruf eines Zerstörers: Wer sich mit ihm anlegt, den zermalmt er. Nie macht er den ersten Schritt, aber stets den letzten. Fünfundzwanzig Jahre hinter Gittern haben einen schrecklichen Tribut von ihm gefordert. Wie die Altersringe im Holz eines Baumes bilden die Spuren von Narben auf seiner Haut und die schlecht verheilten Knochenbrüche eine Chronik der Jahre, die er hier verbracht hat. Doch viel schlimmer noch wurde das weiche Gewebe seines Hirns in Beeinträchtigung gezogen, jener Teil, in dem die Menschlichkeit wohnt: Erinnerungen, Gedanken, Liebe, Hass – alles besudelt, alles gegen ihn selbst gerichtet. Vor allem die Erinnerungen: ein kleiner Tumor aus Eisen im Hinterkopf, der gegen das Rückgrat drückt.

In seiner massigen Gestalt schlummert gewaltige Kraft. Man kann es an den langen, muskulösen Armen erkennen, den breiten, kompakten Schultern. Selbst seine Leibesfülle lässt außergewöhnliche Stärke erahnen. Und dennoch ist er wie eine unterhöhlte Eiche, deren herausgerissene Wurzeln keinen Grund finden; ein Baum, im Wachstum gekappt, dessen Äste, zum Teil schon tot oder im Absterben begriffen, auch durch Beschneiden nicht mehr zu retten sind. Er ist ein lebendes Paradox: ein sanfter Mann, der andere Menschen respektiert und treu an seinen Gott glaubt; zugleich aber trägt er unwiderruflich das Stigma eines grausamen Mörders. Deshalb wird er von den Wächtern und den anderen Gefangenen in Ruhe gelassen. Mehr wollte er auch gar nicht. Bis zu diesem Tag, als sein Bruder ihm etwas brachte. Einen Topf voller Gold am Ende des Regenbogens, ein Aufbranden der Hoffnung. Einen Weg, der hinausführt aus diesem Ort.

Ein weiterer Blitz reißt Harms’ Augen aus der Finsternis. Sie sind dunkelrot verfärbt, als wären sie blutunterlaufen – bis man die Tränen auf seinem dunklen, massigen Gesicht bemerkt. Als das Licht des Blitzes erlischt, glättet er das Blatt, darum bemüht, kein Geräusch zu machen, das eine Einladung an die Wächter wäre, in seiner Zelle herumzuschnüffeln. Die Beleuchtung im Gefängnis wurde bereits vor Stunden gelöscht; daran kann auch er nichts ändern. Wie schon seit einem Vierteljahrhundert wird für ihn die Dunkelheit erst mit der fahlen Helle des heraufdämmernden Morgens enden. Doch für Harms spielt es keine Rolle, ob seine Zelle hell oder dunkel ist. Er hat den Brief bereits gelesen, hat jedes Wort in sich aufgenommen. Jede Silbe schneidet wie die scharfe, kurze Klinge eines Springmessers. Am oberen Rand des Blattes befindet sich in Fettdruck das Emblem der Armee der Vereinigten Staaten. Er kennt es gut, sehr gut. Seit fast dreißig Jahren ist die Army sein Arbeitgeber, sein Wächter.

Und nun verlangt sie Informationen von Rufus Harms, einem gescheiterten, vergessenen Soldaten aus der Vietnam-Ära. Detaillierte Informationen. Informationen, die er nicht geben kann. Auch ohne Licht findet sein Finger das Ziel und berührt jene Stelle auf dem Blatt, die Erinnerungsfetzen an die Oberfläche bringt – Bruchstücke, die in seinem Innern treiben, seit er hier einsitzt, all die Jahre, als ein lähmender, nie enden wollender Albtraum. Doch das Kernstück seiner Erinnerungen schien niemals greifbar zu sein. Bis jetzt. Bis er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte. Er hatte den Kopf so tief auf das Papier gesenkt, als wollte er mit Gewalt die verborgene Bedeutung der maschinengeschriebenen Kringel enthüllen, das größte Geheimnis seines irdischen Daseins lösen. An diesem Abend haben die verzerrten Bruchstücke und Fetzen sich mit einem Mal zu einer deutlichen Erinnerung zusammengefügt, zur Wahrheit. Endlich.

Bis Harms diesen Brief von der Army gelesen hatte, besaß er nur zwei klare Erinnerungen an jene Nacht vor fünfundzwanzig Jahren: das kleine Mädchen und den Regen. Es war ein schreckliches Unwetter gewesen, beinahe so schlimm wie in dieser Nacht. Die Gesichtszüge des Mädchens waren fein geschnitten, die Nase eine bloße Knospe aus Haut und Knorpeln. Weder Sonne noch Alter noch Sorgen hatten Schatten in das Licht auf ihrem Antlitz geworfen; ihre durchdringenden Augen waren blau und unschuldig und noch ohne die Tiefe menschlicher Erfahrungen, allein die hoffnungsvolle Erwartung eines langen Lebens, das noch vor ihr lag, war darin zu lesen. Ihre Haut war weiß wie Zucker und makellos – bis auf die hässlichen roten Druckstellen an ihrem Hals, so zart und verletzlich wie eine Blume. Diese Druckstellen stammten von den Händen des Soldaten Rufus Harms, denselben Händen, die nun krampfhaft den Brief umklammerten, während sein taumelnder Geist wieder in eine gefährliche Nähe zu diesem Bild geriet.

Immer wenn Harms an das tote Mädchen dachte, weinte er, musste er weinen. Er konnte nicht anders. Doch er weinte stumm, und das aus gutem Grund. Die Wächter und Sträflinge waren Geier, Haie. Aus einer Million Kilometer Entfernung rochen sie Blut, Schwäche, eine Angriffsmöglichkeit. Sie erkannten sie am Zucken der Augen, an den geweiteten Poren der Haut, sogar am Geruch des Schweißes. Hier im Gefängnis waren alle Sinne geschärft. Hier bedeuteten Kraft und Schnelligkeit, Härte und Brutalität das Leben. Oder den Untergang.

Harms kniete neben dem Mädchen, als die Militärpolizisten es fanden. Ihr dünnes Kleid klebte an ihrer winzigen Gestalt, die tief im durchnässten Boden lag, als hätte man sie aus großer Höhe fallen lassen, in ihr eigenes flaches Grab, das sie mit ihrem Körper gebildet hatte. Einmal hatte Harms zu den Militärpolizisten aufgeblickt, doch sein Verstand hatte lediglich einen Wirrwarr dunkler Silhouetten registriert. Nie im Leben hatte er eine solche Wut verspürt, selbst dann noch, als Übelkeit ihn packte, als die Welt sich vor seinen Augen drehte und als Puls, Atmung und Blutdruck ins Bodenlose fielen. Er hielt seinen Kopf mit beiden Händen umklammert, als wollte er verhindern, dass ihm das Hirn die Schädelknochen sprengte und durch Kopfhaut und Haar in die regennasse Luft explodierte.

Als er wieder auf das tote Mädchen hinunterschaute und den Blick dann auf die beiden zuckenden Hände richtete, die ihrem jungen Leben ein Ende bereitet hatten, war der Zorn so plötzlich aus Harms gewichen, als hätte jemand in seinem Inneren einen Stöpsel gezogen. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht; er konnte sich nicht rühren, konnte nur dort hocken, nass und zitternd, die Knie tief im Schlamm versunken, und auf das tote Mädchen starren. Ein riesiger schwarzer Gorilla in einem grünen Kampfanzug, der sich über ein kleines, hellhäutiges Opfer beugte – so beschrieb es später ein fassungsloser Zeuge.

Erst am nächsten Tag erfuhr Harms den Namen des kleinen Mädchens: Ruth Ann Mosley, zehn Jahre alt, aus Columbia, South Carolina. Ruth und ihre Familie hatten den Bruder des Mädchens besucht, der auf dem Stützpunkt stationiert war. An diesem Abend hatte Harms Ruth Ann Mosley nur als Leiche gesehen, als totes Fleisch – klein, ja winzig im Vergleich zu der gewaltigen Masse seines eins fünfundneunzig großen, zweihundertsiebzig Pfund schweren Körpers. Das verschwommene Bild des Gewehrkolbens, den ihm einer der Militärpolizisten an den Schädel schmetterte, war der letzte mentale Splitter, den Harms sich von dieser Nacht bewahrte. Der Schlag schleuderte ihn neben dem Mädchen zu Boden. Es lag auf dem Rücken, und in jeder Vertiefung seines leblosen Antlitzes sammelten sich Regentropfen. Rufus Harms lag mit dem Gesicht im Schlamm. Er sah nichts mehr. Erinnerte sich an nichts mehr.

Bis zu diesem Abend. Er sog die regenfeuchte Luft in die Lungen und schaute aus dem halb geöffneten Fenster. Von einem Augenblick auf den anderen war er eine dieser seltenen Kreaturen geworden: ein Unschuldiger hinter Gittern.

Im Lauf der Jahre hatte Harms sich eingeredet, dass das Böse wie ein Krebsgeschwür in seiner Seele lauerte. Er hatte sogar an Selbstmord gedacht, um Buße dafür zu tun, einem anderen Menschen das Leben genommen zu haben, noch dazu einem Kind. Doch er war tief religiös, keiner jener Knastbrüder, die im Bau aus Mangel an anderen Zielen den Weg zu Gott gefunden hatten. Deshalb konnte er nicht die Todsünde des Selbstmords begehen. Überdies wusste er, dass der Mord an dem Mädchen ihn zu einem Leben nach dem Tod verdammt hatte, das tausendmal schlimmer war als jenes, welches er jetzt ertrug. Er war nicht bereit, sich überstürzt dem hinzugeben. Da war er hier, in dieser von Menschen geschaffenen Hölle, einstweilen noch besser aufgehoben.

Und nun erkannte er, dass seine Entscheidung richtig gewesen war. Gott hatte es gewusst, hatte ihn für diesen Augenblick am Leben erhalten. Mit verblüffender Klarheit erinnerte er sich an die Männer, die in jener Nacht zu ihm in die Arrestzelle gekommen waren. Vor seinem inneren Auge sah er wieder deutlich jedes der verzerrten Gesichter, die Streifen auf den Uniformen, die einige von ihnen trugen – seine Kameraden. Ihm fiel wieder ein, dass sie ihn eingekreist hatten wie Wölfe ihre viel größere, stärkere Beute; lediglich ihre bloße Überzahl hatte ihnen Mut verliehen. Er erinnerte sich an den verräterischen Hass ihrer Worte. Was sie an jenem Abend getan hatten, hatte Ruth Ann Mosleys Tod verursacht. Und in einem gewissen Sinne war auch Rufus Harms in jener Nacht gestorben.

Für diese Männer war Harms ein wehrfähiger Soldat, der jedoch niemals für sein Land gekämpft hatte. Und zweifellos glaubten sie, dass er verdient hatte, was man ihm antat. Inzwischen war er ein Mann mittleren Alters, der langsam in einem Käfig dahinsiechte – die Strafe für ein Verbrechen, dessen Ursprung viele Jahre zurücklag. Und er war machtlos, ohne jede Aussicht, dass ihm auch nur ein Anschein von Gerechtigkeit widerfuhr. Und trotz alledem starrte er in das vertraute Dunkel seiner Gruft, und ein einziges, heftiges Verlangen gab ihm Kraft: Nach fünfundzwanzig Jahren schrecklicher und schmerzlicher Schuld, die ihn unaufhörlich gequält hatte, bis er sein ohnehin verpfuschtes Leben beinahe weggeworfen hätte, war es nun an der Zeit, dass sie leiden sollten. Er umklammerte die abgegriffene Bibel, die seine Mutter ihm geschenkt hatte, und gelobte dies dem Gott, der ihn niemals verlassen hatte.

KAPITEL 1

Die Stufen der Treppe, die hinauf zum United States Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, führte, waren breit und schienen nicht enden zu wollen. Es kam einem so vor, als müsse man den Olymp ersteigen, um bei Zeus eine Audienz zu erbitten, was in gewisser Hinsicht auch zutraf. In die Fassade über dem Haupteingang waren die Worte EQUAL JUSTICE UNDER LAW eingemeißelt: ›Gleiches Recht vor dem Gesetz‹. Dieser Leitspruch stammte aus keinem wichtigen Dokument oder Urteil, sondern war das Werk von Cass Gilbert, dem Architekten, der das Gerichtsgebäude entworfen hatte. Es war lediglich eine Frage der Schriftgröße gewesen: Der Satz passte genau auf die Fläche, die Gilbert für ein einprägsames juristisches Motto vorgesehen hatte.

Ironischerweise hatte der Kongress die Mittel zum Bau des majestätischen dreistöckigen Gebäudes 1929 bewilligt, im Jahr des Schwarzen Freitags, als die Börsenkurse einbrachen und die Weltwirtschaftskrise begann. Nahezu ein Drittel der Baukosten – neun Millionen Dollar – waren für Marmor aufgewendet worden: Reiner Vermont, herangekarrt mit einem Heer von Güterwagen, bildete die Fassade des Gebäudes. Die vier Innenhöfe bestanden aus kristallinem Stein aus Georgia, die Böden und Wände des Gebäudeinnern hingegen aus dem milchigen Marmor von Alabama. Nur in der Großen Halle war der Boden mit dunklem italienischem und afrikanischem Marmor ausgelegt. Auch die Steinsäulen in der Großen Halle waren aus Marmorblöcken zusammengefügt: italienischer Montarrenti, der nach Knoxville in Tennessee verschifft worden war. Dort hatten ganz normale Menschen die Blöcke im Schweiße ihres Angesichts zu den fast zehn Meter hohen Säulen zusammengefügt, welche nun jenes Gebäude trugen, das seit 1935 die berufliche Heimat von neun Männern war – und seit 1981 stets zumindest einer Frau. Es waren neun Personen, von denen jede Außergewöhnliches geleistet hatte. Die Bewunderer des Gebäudes bezeichneten es als prachtvolles Beispiel für den korinthischen Stil der klassisch-griechischen Architektur. Seine Gegner erklärten, es sei eher ein Palast für die aberwitzigen Vergnügungen von Königen als ein Ort, an dem vernünftig Recht gesprochen wurde.

Und doch war dieses Gericht seit den Zeiten eines John Marshall der Verteidiger und das Sprachrohr der Verfassung. Die neun Richter, die hier Recht sprachen, konnten einen Erlass des Kongresses für verfassungswidrig erklären. Sie konnten einen amtierenden Präsidenten zwingen, Tonbänder und Dokumente freizugeben, die schlussendlich zu seinem unrühmlichen Rücktritt führten. Neben der Legislative – dem Kongress – und der Exekutive – dem Präsidenten – hatten die Gründerväter die Jurisdiktion als dritte und gleichberechtigte Säule der Regierung errichtet. Und deren höchste Instanz war der Oberste Gerichtshof, die vielleicht stärkste Säule der Macht, denn seine Entscheidungen zu den verschiedensten bedeutsamen Fragen verliehen dem Willen des amerikanischen Volkes gesetzliche Form und Gestalt.

Der ältere Mann, der durch die Große Halle ging, setzte diese ehrbare Tradition fort. Er war groß und knochig und besaß hellbraune Augen, die keine Brille benötigten. Seine Sehkraft war noch ausgezeichnet, obwohl er jahrzehntelang Kleingedrucktes gelesen hatte. Sein Haar war fast völlig gelichtet; die Schultern waren im Lauf der Jahre schmal und gekrümmt geworden, und er hinkte leicht. Dennoch verbreitete Chief Justice Harold Ramsey, der Oberste Richter, knisternde Energie. Sogar seine Schritte wirkten entschlossen und voller Unrast. Und Ramsey besaß einen beispiellosen Intellekt, der jede körperliche Benachteiligung mehr als nur wettmachte.

Er war der hochrangigste Jurist des Landes, und dies hier war sein Gerichtshof, sein Gebäude. »Ramsey-Court« nannten die Medien es schon seit geraumer Zeit, so wie es zuvor »Warren-Court« geheißen hatte und anders: Es hatte die Namen sämtlicher Vorgänger Ramseys getragen – seine Erblast für alle Zeit. Ramsey führte sein Gericht straff und mit harter Hand und versuchte seit nunmehr zehn Jahren, eine beständige Mehrheit der anderen Richter um sich zu scharen. Er mochte die Mauschelei, die hinter den geschlossenen Türen des Gerichts betrieben wurde. Hier und da gab er ein genau überlegtes Wort oder eine kurze Bemerkung von sich, und in der einen oder anderen unbedeutenden Sache gab er nach, um später eine Gefälligkeit einfordern zu können. Geduldig wartete er darauf, dass der richtige Fall kam, der ihm als Mittel zur Veränderung dienen konnte, mitunter auf eine Weise, mit der seine Kollegen nie gerechnet hätten. Ramsey war besessen davon, die fünf Stimmen zusammenzubekommen, die für eine Mehrheit erforderlich waren.

Er war als beigeordneter Richter zum Obersten Gerichtshof gekommen und vor zehn Jahren in das höchste Amt aufgestiegen. Anfangs war Ramsey auf dem Papier lediglich der Erste unter Gleichen gewesen, doch in Wahrheit war er mehr als der Primus inter Pares. Ramsey war ein Mann mit fest gefügten Ansichten und einer ganz persönlichen Philosophie. Es war sein Glück, dass man ihn zu einer Zeit für den Obersten Gerichtshof nominiert hatte, als der Auswahlprozess noch nichts mit politischen Spitzfindigkeiten zu tun hatte, wie es heutzutage der Fall war. Damals wurden noch keine lästigen Fragen über die Ansichten des Kandidaten über spezifische rechtliche Themen wie zum Beispiel Abtreibung, Todesstrafe und positive Diskriminierung gestellt – Fragen, die den heutzutage hochgradig politisierten Vorgang behinderten, Richter am Supreme Court zu werden. Wenn man damals, vor zehn Jahren, vom Präsidenten nominiert wurde, über die erforderliche juristische Qualifikation verfügte und keine besonders schlimmen Leichen im Keller liegen hatte, war man drin.

Der Senat hatte Ramsey einstimmig bestätigt; er hatte kaum eine Wahl gehabt: Ramsey war Spitzenklasse – von seiner Ausbildung bis hin zu seiner anwaltlichen Tätigkeit. Er besaß zahlreiche akademische Titel, allesamt von Eliteuniversitäten, und stets hatte er zu den besten seines Jahrgangs gezählt. Nach der Anwaltstätigkeit folgte ein mit Auszeichnungen bedachtes Zwischenspiel als Juraprofessor, wobei Ramsey außergewöhnliche und weit reichende Thesen verfocht, welche Richtung die Gesetzgebung und demzufolge auch die Menschheit einschlagen sollte. Anschließend war er für das Bundesberufungsgericht vorgeschlagen worden und rasch zum Vorsitzenden Richter seines Bezirks aufgestiegen. Während seiner Amtszeit am Berufungsgericht hatte der Supreme Court keine einzige der Mehrheitsentscheidungen Ramseys aufgehoben. Im Lauf der Jahre hatte Ramsey das geeignete Netzwerk an Verbindungen aufgebaut und alles Notwendige getan, um das Amt zu erlangen, das er nun innehatte und eifersüchtig hütete.

Er hatte sich dieses Amt verdient. Nie war ihm etwas geschenkt worden – was mit einer seiner unumstößlichen Ansichten im Einklang stand: Wenn man in den USA hart arbeitete, hatte man Erfolg. Niemand hatte ein Recht auf Almosen, weder die Armen noch die Reichen, noch die Mittelschicht. Die Vereinigten Staaten waren das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, doch um diese Möglichkeiten auszuschöpfen, musste man schuften und schwitzen und Opfer bringen. Für die Ausreden jener, die es zu nichts brachten, hatte Ramsey kein Ohr. Er war in abgrundtiefer Armut aufgewachsen, der Vater ein schlagwütiger Alkoholiker, die Mutter eine gebrochene Frau, die keine Zuflucht bot und deren mütterliche Gefühle vom Vater zertreten und zerschlagen worden waren. Kein viel versprechender Start ins Leben. Und wo stand er jetzt? Wenn er unter solchen Umständen nicht nur überleben, sondern es zu etwas bringen konnte, dann konnten es auch andere. Schafften sie es nicht, war es ihre Schuld. Etwas anderes ließ Ramsey sich nicht einreden.

Er stieß ein zufriedenes Seufzen aus. Soeben hatte eine neue Sitzungsperiode des Gerichts begonnen. Alles lief reibungslos. Doch es gab einen Haken. Eine Kette war nur so stark wie ihr schwächstes Glied, und damit musste Ramsey sich nun befassen. Mit seinem potenziellen Waterloo. Zurzeit lief alles ausgezeichnet – aber was würde in fünf Jahren sein? Mit solchen Problemen befasste man sich besser frühzeitig, bevor sie einem aus der Hand glitten.

Er wusste, er würde demnächst mit Elizabeth Knight aneinander geraten. Sie war genauso intelligent wie er und vielleicht auch genauso hart. Ramsey hatte es von dem Tag an gewusst, als ihre Ernennung bestätigt worden war. Eine Frau, die frisches Blut in einen Gerichtshof voller älterer Herren brachte. Ramsey hatte Elizabeth Knight vom ersten Tag an bearbeitet. Er fragte sie um ihre Meinung, wenn er glaubte, ihre Haltung sei neutral – in der Hoffnung, dass die Verantwortung, eine Entscheidung treffen zu müssen, die eine Mehrheit herbeiführte, Elizabeth Knight in sein Lager ziehen würde. Er hatte versucht, sie unter seine Fittiche zu nehmen, sie in die Feinheiten des Gerichtsalltags einzuweihen. Doch sie hatte eine sehr starrköpfige, unabhängige Ader an den Tag gelegt. Ramsey hatte erlebt, wie andere Oberste Richter selbstgefällig wurden, sorglos – mit der Folge, dass ihr Führungsanspruch von anderen herausgefordert wurde, die energischer waren. Ramsey war entschlossen, sich niemals in diese Versager einzureihen.

»Murphy macht sich Sorgen um den Fall Chance«, sagte Michael Fiske zu Sara Evans. Sie waren in ihrem Büro im ersten Stock des Gerichtsgebäudes. Michael war eins fünfundachtzig groß und stattlich und besaß die geschmeidigen Proportionen des Sportlers, der er früher gewesen war. Die meisten Assessoren – wissenschaftliche Mitarbeiter mit der Befähigung zum Richteramt, wie sie korrekt hießen – arbeiteten ein Jahr lang in der Verwaltung des Obersten Gerichtshofs, bevor sie in angesehenere Positionen in Privatkanzleien, im öffentlichen Dienst oder in den Lehrbetrieb wechselten. Michael trat nun, was noch nie vorgekommen war, sein drittes Jahr als Oberassessor von Richter Thomas Murphy an, dem legendären Liberalen an diesem Gericht.

Michael besaß einen phänomenalen Verstand. Sein Hirn funktionierte wie eine Geldzählmaschine: Daten strömten in seinen Kopf, wurden blitzschnell sortiert und an die richtige Stelle weitergeleitet. Er konnte mit einem Dutzend komplizierter, ineinander verzahnter Szenarien jonglieren, sie gegeneinander abwägen und ermitteln, welche Auswirkungen ein jedes auf die anderen hatte. Vor Gericht befasste er sich gern mit schwierigen Fällen von nationaler Bedeutung, auch wenn er sich dabei mit Kollegen herumschlagen musste, deren Verstand so messerscharf war wie der seine. Und Michael hatte festgestellt, dass selbst im Rahmen rigoroser intellektueller Dispute Zeit und Gelegenheit für etwas Tieferes blieb als das, was die trockenen, scharf umrissenen Worte eines Gesetzestextes verkündeten. Im Grunde wollte Michael den Obersten Gerichtshof gar nicht verlassen. Die Welt draußen hatte keinen Reiz für ihn.

Sara machte einen besorgten Eindruck. Während der letzten Sitzungsperiode hatte Richter Murphy entschieden, den Fall Chance zu verhandeln. Die mündliche Verhandlung wurde anberaumt und die Eingaben für den Richter vorbereitet. Sara war Mitte zwanzig, eins fünfundsechzig groß und schlank, doch mit wohlproportionierten weiblichen Rundungen. Ihr Gesicht war fein geschnitten, die Augen groß und blau. Ihr Haar war dicht und braun – im Sommer nahm es immer eine leicht blonde Färbung an – und schien stets frisch und angenehm zu duften. Sie war Assessorin von Richterin Elizabeth Knight. »Ich verstehe das einfach nicht. Ich dachte, Murphy stünde bei dieser Sache hinter uns. Ist doch genau sein Fall. Der kleine Mann gegen die allgewaltige Bürokratie.«

»Er glaubt aber auch fest daran, dass Präzedenzfälle berücksichtigt werden müssen.«

»Auch wenn es falsch ist?«

»Du rennst offene Türen ein, Sara, aber ich habe mir gedacht, ich sollte es dir sagen. Ohne ihn wird Richterin Knight keine fünf Stimmen bekommen, das weißt du. Selbst mit ihm schafft sie es vielleicht nicht.«

»Tja, was will er dann?«

Darauf lief es die meiste Zeit hinaus. Das berühmte Netzwerk der Assessoren. Wie die schamlosesten politischen Hausierer schacherten sie und debattierten und versuchten, Stimmen für ›ihre‹ Richter zu ergattern. Es stand unter der Würde der Richter, offen um Stimmen zu feilschen, oder um eine bestimmte Formulierung in einer Urteilsbegründung, oder um eine Auslegung, Streichung oder Hinzufügung. Das galt aber nicht für die Verwaltungsangestellten des Gerichts, von denen die meisten diesen Kuhhandel sogar mit beträchtlichem Stolz betrieben. Es ließ sich mit einer gewaltigen, nie endenden Klatschkolumne vergleichen, bei der allerdings nationale Interessen auf dem Spiel standen. Zumindest wenn die Sache in den Händen von Fünfundzwanzigjährigen lag, die gerade ihren ersten richtigen Job angetreten hatten.

»Murphy lehnt den Standpunkt von Richterin Knight ja nicht unbedingt ab. Aber wenn sie bei einer Beratung fünf Stimmen bekommen will, muss die Begründung sehr genau getroffen und eingegrenzt werden. Er lässt sich nicht das Fell über die Ohren ziehen. Er hat im Zweiten Weltkrieg gedient und hat eine hohe Meinung vom Militär. Das muss beim Entwurf der Urteilsbegründung berücksichtigt werden.«

Sara nickte anerkennend. Die persönliche Vergangenheit der Richter spielte bei ihrer Urteilsfindung eine größere Rolle, als die meisten Außenstehenden glauben mochten. »Danke. Aber zuerst muss Richterin Knight die Gelegenheit bekommen, eine Begründung aufzusetzen.«

»Natürlich bekommt sie die Gelegenheit. Ramsey wird dagegen stimmen, Feres und Stanley aufzuheben, das weißt du. Und Murphy wird bei der Beratung wahrscheinlich dafür stimmen, den Fall Chance zu behandeln. Murphy ist der älteste beigeordnete Richter, also wird er darüber entscheiden, wer die Begründung verfasst. Wenn Knight ihre fünf Stimmen bekommt, wird Murphy ihr diese Aufgabe zuschustern. Und wenn sie ordentliche Arbeit leistet – keine in die Breite gehenden Formulierungen –, sind wir alle wunschlos glücklich.«

Die Vereinigten Staaten gegen Chance war einer der wichtigsten Fälle, die in dieser Sitzungsperiode auf der Liste standen. Barbara Chance war Soldatin in der Army gewesen. Man hatte sie eingeschüchtert und schikaniert, und wiederholt war sie von mehreren ihrer männlichen Vorgesetzten zum Geschlechtsverkehr genötigt worden. Der Fall hatte die üblichen internen Dienstwege der Army durchlaufen, und einer der Männer war vors Kriegsgericht gestellt und zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Doch Barbara Chance hatte sich nicht damit zufrieden gegeben. Nachdem sie aus dem Militärdienst ausgeschieden war, hatte Chance auf Schadenersatz geklagt – mit der Begründung, die Army habe zugelassen, dass diese feindselige Umgebung für sie selbst und andere weibliche Rekruten überhaupt erst entstehen konnte.

Barbara Chance hatte den Dienst quittiert und dann Klage eingereicht. Der Fall hatte sich langsam durch die Instanzen gearbeitet, und stets war die Army Sieger geblieben. Doch der Fall barg dermaßen viele juristische Grauzonen, dass er schließlich wie ein Findelkind auf der Schwelle dieses Palastes gelandet war.

Die derzeitige Rechtsprechung lief darauf hinaus, dass Barbara Chance – es war die reinste Ironie – keinerlei Aussicht auf Erfolg hatte. Es war so gut wie unmöglich, dass Militärangehörige ihren Dienstherrn auf Schadenersatz verklagten, ganz gleich aus welchem Grund und welches Verschulden auch vorliegen mochte. Doch die Richter konnten die Gesetzeslage ändern. Und Richterin Knight und Sara Evans arbeiteten hinter den Kulissen eifrig daran, genau das zu tun. Bei diesem Vorhaben war Thomas Murphys Unterstützung von ausschlaggebender Bedeutung. Es mochte Murphy zwar nicht gelingen, das Recht der Army auf Immunität völlig aufzuheben, aber der Fall Chance konnte zumindest ein Loch in die Mauer der Unbesiegbarkeit des Militärs stanzen.

Es schien verfrüht zu sein, über das Urteil in einem Fall zu diskutieren, der noch gar nicht verhandelt worden war, doch in vielen Fällen und für viele Richter war die mündliche Verhandlung eher nebensächlich: Bei Verhandlungsbeginn hatten die meisten Richter ihre Entscheidung bereits gefällt. Der Prozess als solcher, das Urteil und dessen Begründung waren für die Richter eher eine Gelegenheit, den Kollegen ihre Ansichten und Befürchtungen darzulegen, was häufig dadurch geschah, dass die Richter auf extrem hypothetische Beispiele zurückgriffen. Es war eine geistige Einschüchterungstaktik, so als wollten sie sagen: »Verstehen Sie, werte Kollegen, was passieren könnte, wenn Sie für dieses und jenes stimmen würden?«

Michael erhob sich und schaute zu Sara hinunter. Nur auf sein Drängen hin hatte sie sich für eine weitere Sitzungsperiode beim Obersten Gericht verpflichtet. Sara war auf einer kleinen Farm in North Carolina aufgewachsen und hatte in Stanford studiert. Wie alle Assessoren am Supreme Court konnte sie mit einer blendenden beruflichen Zukunft rechnen: Beim Obersten Gerichtshof gearbeitet zu haben war wie ein goldener Schlüssel, der einem Anwalt beinahe jede Tür öffnete – sofern man mit beiden Beinen auf dem Boden blieb. Es gab Beispiele von Assessoren, die nach Verlassen des Obersten Gerichts so sehr vor Selbstbewusstsein gestrotzt hatten, dass ihre juristischen Fähigkeiten nicht mehr ihrem Dünkel entsprachen. Doch Michael und Sara waren dieselben geblieben, die sie gewesen waren. Aus diesem Grund – und wegen Saras Intelligenz, ihrer erfrischend ausgeglichenen Persönlichkeit und ihres guten Aussehens – hatte Michael seiner Kollegin vor einer Woche eine sehr wichtige, sehr persönliche Frage gestellt. Eine Frage, auf die er bald eine Antwort zu erhalten hoffte. Vielleicht jetzt. Er war noch nie ein besonders geduldiger Mensch gewesen.

Sara schaute erwartungsvoll zu ihm hoch.

»Hast du über meinen Antrag nachgedacht?«

Sie hatte gewusst, dass die Frage kommen würde. Sie war ihr lange genug ausgewichen. »Ich habe über nichts anderes nachgedacht.«

»Man sagt, es ist ein schlechtes Zeichen, wenn es so lange dauert.« Michael sagte es im Scherz, doch der Humor war sichtlich gezwungen.

»Michael, ich mag dich sehr.«

»Du magst mich? O je, noch ein schlechtes Zeichen.« Sein Gesicht lief plötzlich rot an.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich … es tut mir Leid.«

Er zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich nicht halb so Leid wie mir. Ich habe noch nie jemandem einen Heiratsantrag gemacht.«

»Und ich habe noch keinen bekommen. Michael, ich fühle mich geschmeichelt. Ehrlich. Du bist alles und hast alles, was eine Frau sich wünschen kann.«

»Nur eins nicht.« Michael schaute auf seine Hände, die plötzlich leicht zitterten. »Ich respektiere deine Entscheidung. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die glauben, man könnte mit der Zeit jemanden lieben lernen. Entweder ist von vornherein etwas da oder eben nicht.«

»Du wirst eine andere finden, Michael. Und sie wird großes Glück haben, dich zu bekommen.« Sara wusste, wie plump und unbeholfen ihre Worte waren. »Hoffentlich bedeutet das jetzt nicht, dass ich meinen besten Freund am Gericht verliere.«

»Doch, wahrscheinlich.« Als Sara erbleichte, hob Michael eine Hand. »War nur ein Scherz.« Er seufzte. »Das hört sich jetzt wahrscheinlich furchtbar selbstgefällig an, aber gerade bin ich zum ersten Mal im Leben richtig abgeblitzt.«

»Ich wünschte, mein Leben wäre so einfach gewesen.« Sara lächelte.

»Wünsch es dir lieber nicht. Dann kann man Zurückweisungen nämlich viel schwerer verkraften.« Michael ging zur Tür. »Wir sind immer noch Freunde, Sara, ja? Ich bin viel zu gern mit dir zusammen, als dass ich darauf verzichten wollte. Und auch du wirst einen Partner finden, und auch der kann sich verdammt glücklich schätzen.« Er schaute sie nicht an, als er hinzufügte: »Hast du ihn schon gefunden?«

Sie zuckte leicht zusammen. »Warum fragst du?«

»Ein sechster Sinn, vielleicht. Das Verlieren fällt meist ein bisschen leichter, wenn man weiß, gegen wen man verloren hat.«

»Es gibt keinen anderen«, sagte sie schnell.

Michael wirkte nicht besonders überzeugt. »Wir sehen uns später.«

Verwirrt schaute Sara ihm hinterher.

»Ich erinnere mich noch an meine ersten Jahre am Gericht.« Ramsey blickte aus dem Fenster, und auf seinem Gesicht lag ein leises Lächeln.

Er saß Elizabeth Knight gegenüber, der jüngsten Richterin am Supreme Court. Sie war Mitte vierzig, schlank, von durchschnittlicher Größe und hatte langes schwarzes Haar, das sie jedoch zu einem strengen, unvorteilhaften Knoten zurückgebunden hatte. Ihr Gesicht war scharf geschnitten, und ihre Haut war völlig faltenlos, als hätte sie niemals auch nur einen Tag in Wind und Wetter verbracht. Elizabeth Knight hatte sich rasch den Ruf als eine der sprachgewandtesten Juristen bei den mündlichen Verhandlungen erworben, und von allen Richtern am Supreme Court arbeitete sie am härtesten.

»Die Erinnerungen sind bestimmt noch sehr lebendig.« Elizabeth Knight lehnte sich in ihrem Schreibtischsessel zurück und ging im Geiste den Arbeitsplan für den Rest des Tages durch.

»Es war ein gewaltiger Lernprozess.«

Sie schaute ihn an. Ramsey hatte seine großen Hände hinter dem Kopf verschränkt und sah ihr nun direkt in die Augen.

»Ich habe fünf volle Jahre gebraucht, um herauszufinden, wie der Hase läuft«, fuhr er fort.

Knight zwang sich, nicht zu lächeln. »Sie sind viel zu bescheiden, Harold. Ich bin überzeugt, Sie hatten es schon herausgefunden, bevor Sie diese heiligen Hallen zum ersten Mal betreten haben.«

»Nein. Wirklich, das braucht seine Zeit. Aber ich hatte viele gute Vorbilder, an denen ich mich orientieren konnte. Felix Abernathy … der alte Tom Parks. Man braucht sich nicht zu schämen, sich die Erfahrung anderer anzueignen. Eine Lehrzeit, die wir alle durchmachen. Wenngleich Sie, Elizabeth, gewiss schneller vorangekommen sind als die meisten«, fügte er rasch hinzu. »Trotzdem wird hier die Tugend der Geduld sehr geschätzt. Sie sind erst seit drei Jahren hier. Für mich ist dieser Gerichtshof seit über zwanzig Jahren meine Heimat. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine.«

Knight lächelte immer noch nicht. »Ich weiß, dass es Sie ein wenig beunruhigt, wie ich gegen Ende der letzten Sitzungsperiode dem Fall Chance den Weg auf die Liste der zu verhandelnden Fälle geebnet habe.«

Ramsey setzte sich kerzengerade auf. »Glauben Sie nicht alles, was Sie hier hören.«

»Ganz im Gegenteil. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Buschtrommeln der Assessoren überaus zuverlässig sind.«

Ramsey lehnte sich wieder zurück. »Nun ja, ich muss gestehen, das hat mich ein wenig überrascht. Der Fall beinhaltet keine ungeklärten Fragen. Ein Eingreifen unsererseits dürfte also kaum erforderlich sein. Muss ich noch mehr sagen?« Er hob die Hände.

»Ist das wirklich Ihre Meinung?«

Eine leichte Röte überzog Ramseys Gesicht. »Die jedermann zugänglichen Urteile dieses Gerichts in den letzten fünfzig Jahren lassen erkennen, dass wir nicht zu intervenieren brauchen. Ich bitte Sie lediglich, den Präzedenzfällen, die an diesem Gericht entschieden wurden, die Achtung zu erweisen, die sie verdienen.«

»Niemand schätzt dieses Verfassungsorgan mehr als ich.«

»Das freut mich zu hören.«

»Und ich würde mich freuen, wenn ich dazu beitragen könnte, dass Sie sich auch nach der mündlichen Verhandlung noch mit dem Fall Chance beschäftigen.«

Ramsey musterte sie missmutig. »Das wird eine sehr kurze Diskussion. Schließlich braucht man nicht lange, um ja oder nein zu sagen. Offen gesagt, am Ende des Tages werde ich mindestens fünf Stimmen haben, und Sie nicht.«

»Nun ja, ich habe immerhin schon mal drei Richter davon überzeugt, für die Zulassung des Falles zu stimmen.«

Ramsey schien sich ein Lachen verkneifen zu müssen. »Sie werden bald herausfinden, dass es eine ganz andere Sache ist, ob ein Richter dafür stimmt, einen Fall zuzulassen, oder ob er zu seinen Gunsten entscheidet. Glauben Sie mir, ich werde die Mehrheit bekommen.«

Elizabeth Knight lächelte freundlich. »Ihre Zuversicht ist ansteckend. Davon kann ich lernen.«

Ramsey erhob sich. »Dann vergessen Sie bloß nicht diese andere Lektion. Kleinere Fehler führen normalerweise zu größeren. Wir sind auf Lebenszeit ernannt worden, und unser einziges Kapital ist unsere Reputation. Sind Sie Ihren guten Ruf erst einmal los, bekommen Sie ihn nie mehr zurück.« Ramsey ging zur Tür. »Ich wünsche Ihnen einen produktiven Tag, Beth«, sagte er, bevor er das Zimmer verließ.

KAPITEL 2

»Rufus?« Samuel Rider drückte sich vorsichtig den Hörer ans Ohr. »Wie haben Sie mich gefunden?«

»Hier oben gibt es nicht besonders viele Anwälte, Samuel«, sagte Rufus Harms.

»Ich bin nicht mehr beim JAG.«

»In der freien Wirtschaft verdient man wohl ganz gut.«

»Manchmal vermisse ich die Uniform«, log Rider. Er hatte schreckliche Angst vor der Einberufung gehabt – damals, Anfang der siebziger Jahre. Glücklicherweise hatte er ein abgeschlossenes Jurastudium vorweisen können und war auf Nummer Sicher gegangen: Er hatte sich für die Militärgerichtsbarkeit – das Judge Advocates General’s Office, kurz JAG – entschieden, statt mit Helm und Kampfanzug durch die Dschungel Vietnams zu streifen, als lebende Zielscheibe für ›Charlie‹, den Vietkong.

»Ich muss Sie sprechen. Warum, will ich am Telefon nicht sagen.«

»Ist in Fort Jackson alles okay? Ich habe gehört, dass Sie dorthin verlegt wurden.«

»Alles bestens. Der Knast hier ist in Ordnung.«

»Das habe ich nicht gemeint, Rufus. Ich frage mich nur, warum Sie mich nach so vielen Jahren anrufen.«

»Sie sind immer noch mein Anwalt, oder? Und jetzt brauche ich wirklich einen.«

»Mein Terminplan ist ziemlich voll, und ich komme normalerweise kaum aus der Stadt heraus.«

»Ich muss Sie morgen sehen, Samuel. Sind Sie mir das nicht schuldig?«

»Ich habe damals alles für Sie getan, was ich konnte.«

»Sie haben sich auf einen Kuhhandel eingelassen. Kurz und schmerzlos.«

»Nein«, entgegnete Rider, »wir hatten vor der Verhandlung eine Vereinbarung mit dem Gericht getroffen, die vom Anklagevertreter abgesegnet wurde. Es war das Klügste, was wir tun konnten.«

»Sie haben aber nicht versucht, ein günstigeres Urteil für mich herauszuholen. Die meisten Anwälte versuchen das.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Im Gefängnis lernt man so einiges.«

»Sie können das Urteil nicht anfechten. Sie wissen, wir haben uns damals auf Geschworene der Army eingelassen.«

»Aber Sie haben keine Zeugen aufgerufen. Sie haben eigentlich gar nichts getan. Jedenfalls habe ich nicht viel davon mitbekommen.«

Rider ging unwillkürlich in die Defensive. »Ich habe getan, was ich konnte. Vergessen Sie nicht, Rufus, man hätte Sie hinrichten können. Ein kleines weißes Mädchen! Du lieber Himmel, die Anklagevertretung hätte auf Mord plädiert. Man hat es mir gesagt! Mit anderen Worten: Ich habe dafür gesorgt, dass Sie noch leben.«

»Bis morgen, Samuel. Ich habe Sie auf meine Besucherliste gesetzt. Gegen neun Uhr. Vielen Dank. Ich danke Ihnen vielmals. Ach, und bringen Sie ein kleines Radio mit.« Bevor Rider ihn nach dem Grund für diese Bitte fragen konnte oder warum er überhaupt ins Gefängnis kommen sollte, hatte Rufus Harms schon aufgelegt.

Rider lehnte sich in seinem bequemen Sessel zurück und ließ den Blick durch das geräumige, holzgetäfelte Büro schweifen. Er hatte sich in einer ländlichen Kleinstadt in der Nähe von Blacksburg, Virginia, als Anwalt niedergelassen. Er verdiente wirklich ganz ordentlich: ein schönes Haus, alle drei Jahre ein neuer Buick, zweimal im Jahr Urlaub. Die Vergangenheit – besonders der schrecklichste Fall, den er in seiner kurzen Laufbahn als Militäranwalt je übernommen hatte – lag weit hinter ihm. Es war ein Scheißfall gewesen, der auf den Magen schlug, und man konnte so viel Rennie schlucken, wie man wollte – es linderte die Beschwerden nicht.

Rider stützte das Kinn auf eine Hand, und seine Gedanken trieben zurück zum Beginn der siebziger Jahre, einer Zeit des Chaos im Militär, in den USA, in der ganzen Welt. Jeder beschuldigte jeden, für jeden Fehler verantwortlich zu sein, der je in der Geschichte des Universums gemacht worden war. Rufus Harms hatte am Telefon verbittert geklungen. Aber er hatte das kleine Mädchen umgebracht. Brutal. Praktisch vor den Augen ihrer Familie. Er hatte ihr binnen Sekunden das Genick gebrochen, bevor jemand auch nur versuchen konnte, ihn aufzuhalten.

Zu Harms’ Gunsten hatte Rider vor dem Prozess eine Vereinbarung ausgehandelt, doch das Militärgesetz sah vor, dass der Anwalt sie vor der Urteilsverkündung widerrufen konnte. Der Angeklagte würde entweder die zuvor ausgehandelte Strafe bekommen oder aber die, welche der Richter oder die Abgeordneten – das militärische Gegenstück zu den Geschworenen – ausgesprochen hatten, je nachdem, welche Strafe milder war.

Doch Harms’ Worte machten dem Anwalt zu schaffen. Er hatte sich damals tatsächlich überreden lassen, sich während des Prozesses nicht allzu sehr ins Zeug zu legen. Er hatte sich mit dem Ankläger darauf geeinigt, keine Zeugen von außerhalb aufzurufen, die Leumundsaussagen machen würden und Ähnliches. Und er hatte sich bereit erklärt, die offiziellen Ermittlungsergebnisse nicht anzuzweifeln und darauf zu verzichten, neue Beweise und Zeugen ausfindig zu machen.

Damit hatte er sich nicht unbedingt an die Regeln gehalten; denn das Recht des Verteidigers, den Kuhhandel zu widerrufen, durfte in keiner grundlegenden Hinsicht eingeschränkt werden. Doch hätte Rider nicht auf diese Weise hinter den Kulissen agiert, hätte der Ankläger die Todesstrafe beantragt und mit seinen Beweisen wahrscheinlich auch durchgesetzt. Es spielte kaum eine Rolle, dass der Mord so schnell verübt worden war und dass man den Tatbestand des Vorsatzes in ernste Zweifel ziehen konnte. Die kalte Leiche eines Kindes konnte auch die logischste aller juristischen Analysen zum Entgleisen bringen.

Die schlichte Wahrheit lautete, dass niemand sich für Rufus Harms interessierte. Er war ein Schwarzer, der den Großteil seiner Army-Laufbahn im Bau verbracht hatte. Der sinnlose Mord an einem Kind hatte sein Ansehen in den Augen des Militärs bestimmt nicht gehoben. Viele waren der Auffassung gewesen, ein solcher Mann habe gar keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, es sei denn, sie erfolgte prompt, schmerzhaft und tödlich. Vermutlich hatte Rider damals selbst so gedacht. Deshalb hatte er bei der Verteidigung Harms’ nicht gerade eine Politik der verbrannten Erde betrieben, dem Mann aber immerhin das Leben gerettet. Und mehr hätte kein Anwalt erreichen können.

Weshalb will Harms mich dann sprechen, fragte er sich.

KAPITEL 3

Als John Fiske sich vom Tisch der Verteidigung erhob, schaute er zu seinem Gegner, Paul Williams, hinüber. Der junge stellvertretende Staatsanwalt hatte soeben zuversichtlich die Details seines Antrags erläutert.

»Jetzt bist du geliefert, Paulie«, flüsterte Fiske. »Du hast es vermasselt.«

Als Fiske sich Richter Walters zuwandte, brachte er schon mit dieser Bewegung eine gewisse mühsam unterdrückte Spannung zum Ausdruck. Fiske war breitschultrig, mit eins achtzig jedoch kleiner als sein jüngerer Bruder. Und im Gegensatz zu Michaels Gesichtszügen waren Johns alles andere als von klassischem Schnitt. Er hatte Pausbacken, ein zu ausgeprägtes Kinn und eine zweimal gebrochene Nase. Das erste Mal war sie bei einer Prügelei an der High School gebrochen worden; der zweite Bruch war ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Cop. Doch Fiskes schwarzes Haar fiel ihm ungekämmt über die Stirn, was irgendwie kämpferisch, attraktiv und Vertrauen erweckend wirkte, und in seinen braunen Augen loderte ein glühender Wille.

»Euer Ehren, um die Zeit des Gerichts nicht zu vergeuden, möchte ich der Staatsanwaltschaft ein Angebot bezüglich ihres Antrags machen. Wenn die Anklage sich bereit erklärt, diesen Antrag kostenpflichtig zurückzuziehen und dem Fonds der öffentlichen Pflichtverteidiger eintausend Dollar zu stiften, werde ich meinen Gegenantrag zurückziehen und nicht auf Schadenersatz klagen, und wir alle können nach Hause gehen.«

Paul Williams sprang so schnell auf, dass ihm die Brille von der Nase rutschte und auf den Tisch fiel. »Euer Ehren, das ist eine Unverschämtheit!«

Richter Walters schaute in den gut besuchten Saal, dachte stumm an seinen ebenso prall gefüllten Terminkalender und winkte beide Männer müde zu sich an den Richtertisch. »Kommen Sie bitte zu mir.«

»Euer Ehren«, sagte Fiske, als er am Seitensteg des Richterstuhls stand, »ich möchte der Gesellschaft nur einen Gefallen erweisen.«

»Die Gesellschaft kann auf Gefälligkeiten von Mr Fiske verzichten«, sagte Williams empört.

»Kommen Sie, Paulie, tausend Mäuse, und Sie können sich noch ein Bier trinken, bevor Sie zu Ihrem Boss gehen und ihm erklären, wieso Sie Mist gebaut haben. Ich gebe Ihnen das Bier sogar aus.«

»Nicht in zehntausend Jahren werden Sie auch nur einen Cent von uns bekommen«, sagte Williams verächtlich.

»Nun ja, Mr Williams, dieser Antrag ist ein wenig ungewöhnlich«, erklärte Richter Walters. Am Strafgericht von Richmond wurden Anträge vor oder während des Prozesses gestellt, und ihnen lagen keine langen Schriftsätze mit der Darlegung der Beweisgründe bei. Die traurige Wahrheit sah leider so aus, dass die meisten Strafprozesse im Voraus entschieden wurden. Nur bei ungewöhnlichen Fällen, bei denen der Richter sich nach den Plädoyers der Anwälte seiner Entscheidung nicht sicher war, bat er um schriftliche Begründungen, bevor er ein Urteil sprach. Daher war Richter Walters ein wenig verwirrt, dass die Staatsanwaltschaft unaufgefordert einen langen Schriftsatz eingereicht hatte.

»Ich weiß, Euer Ehren«, sagte Williams. »Doch wie ich erklärt habe, handelt es sich um eine ungewöhnliche Situation.«

»Ungewöhnlich?«, sagte Fiske. »Verrückt wäre der bessere Ausdruck, Paulie.«

»Mr Fiske«, warf Richter Walters ungeduldig ein, »ich habe Sie schon einmal wegen ungebührlichen Verhaltens in meinem Gerichtssaal getadelt und werde nicht zögern, Sie wegen Missachtung zu bestrafen, falls Ihr weiteres Verhalten es rechtfertigt. Fahren Sie jetzt mit Ihrer Erwiderung fort.«

Williams kehrte an seinen Tisch zurück, und Fiske ging zum Pult. »Euer Ehren, obwohl der ›Dringlichkeitsantrag‹ der Staatsanwaltschaft mitten in der Nacht an mein Büro gefaxt wurde und ich keine Zeit hatte, eine angemessene Erwiderung vorzubereiten, werden Sie gemäß der zweiten Absätze auf den Seiten vier, sechs und neun des Memorandums der Staatsanwaltschaft zu dem Schluss kommen, dass die Tatsachen, auf die dort Bezug genommen wurde, angesichts dieser Aktenlage nicht aufrechtzuerhalten sind. Das gilt besonders im Hinblick auf das Vorstrafenregister des Angeklagten, die Aussagen der Beamten, welche die Verhaftung vorgenommen haben, sowie die Aussagen der beiden Augenzeugen am Tatort des Verbrechens, das mein Mandant angeblich begangen haben soll. Überdies ist der Präzedenzfall, den die Anklage auf Seite zehn anführt, vor kurzem durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von Virginia aufgehoben worden. Ich habe die diesbezüglichen Unterlagen meiner Erwiderung beigefügt und die entsprechenden Stellen für Sie gekennzeichnet.«

Während Richter Walters die Akte studierte, beugte Fiske sich zu Williams hinüber. »Jetzt sehen Sie, was passiert, wenn Sie mitten in der Nacht so eine Scheiße abziehen.« Fiske gab Williams seinen Schriftsatz. »Da mir nur etwa fünf Minuten blieben, Ihren Schriftsatz zur Kenntnis zu nehmen, habe ich mir überlegt, Ihnen den gleichen Gefallen zu tun. Sie können meinen Schriftsatz ja gleichzeitig mit dem Richter lesen.«

Walters hatte die Akte inzwischen studiert und bedachte Williams mit einem Blick, der selbst dem unaufmerksamsten Zuschauer im Saal einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

»Ich hoffe, die Staatsanwaltschaft hat eine angemessene Erwiderung parat, Mr Williams, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie sie lauten könnte.«

Williams erhob sich. Als er nach Worten suchte, stellte er fest, dass seine Stimme ihn verlassen hatte – genau wie seine Überheblichkeit.

»Nun?«, fragte Richter Walters erwartungsvoll. »Äußern Sie sich bitte, oder ich bin geneigt, Mr Fiskes Antrag auf Schadenersatz stattzugeben, bevor ich ihn auch nur gehört habe.«

Als Fiske zu Williams hinüberschaute, wurde sein Ausdruck ein wenig milder. Man wusste ja nie, wann man mal einen Gefallen brauchte. »Euer Ehren, die faktischen und juristischen Fehler im Antrag der Staatsanwaltschaft sind gewiss auf die Arbeitsüberlastung der Anwälte zurückzuführen und stellen bestimmt keine Absicht dar. Ich verringere mein Vergleichsangebot auf fünfhundert Dollar, verlange aber, dass eine offizielle Entschuldigung der Staatsanwaltschaft zu den Akten genommen wird. Ich hätte letzte Nacht wirklich etwas Schlaf gebrauchen können.« Die letzte Bemerkung rief allgemeines Gelächter im Saal hervor.

Plötzlich erklang aus dem hinteren Bereich des Sitzungssaales eine dröhnende Stimme. »Richter Walters, falls ich mich dazu äußern darf – die Staatsanwaltschaft nimmt dieses Angebot an.«

Alle schauten zu dem Rufer hinüber, einem kleinen, fast kahlköpfigen, dicken Mann in einem Leinenanzug mit Kreppstreifen. Sein haariger Nacken wurde von dem steifen Kragen eingezwängt. »Wir nehmen das Angebot an«, wiederholte der Mann mit heiserer, von jahrzehntelangem Rauchen dunkler Stimme, die zugleich den angenehmen, gedehnten Akzent eines Mannes aufwies, der sein ganzes Leben in Virginia verbracht hatte. »Und wir entschuldigen uns beim Gericht dafür, seine kostbare Zeit verschwendet zu haben.«

»Es freut mich, dass Sie gerade zufällig hereingeschaut haben, Mr Graham«, sagte Walters.

Bobby Graham, der Staatsanwalt von Richmond, nickte knapp und verließ den Saal dann durch die Doppelglastür. Er hatte Fiske keine Entschuldigung der Staatsanwaltschaft angeboten, doch der Verteidiger beharrte auch gar nicht darauf. Vor Gericht bekam man nur selten alles, was man verlangte.

»Der Antrag der Staatsanwaltschaft wird kostenpflichtig abgewiesen«, erklärte Richter Walters und schaute Williams an. »Mr Williams, ich glaube, Sie sollten wirklich ein Bier mit Mr Fiske trinken. Aber Sie sollten es ihm ausgeben, mein Sohn.«

Als der nächste Fall aufgerufen wurde, schnappte Fiske seinen Aktenkoffer und verließ den Saal. Williams folgte ihm auf dem Fuße.

»Sie hätten mein erstes Angebot annehmen sollen, Paulie.«

»Das werde ich nicht vergessen, Fiske«, sagte Williams wütend.

»Bloß nicht!«

»Wir werden Jerome Hicks trotzdem einbuchten«, schnaubte Williams. »Glauben Sie ja nicht, dass wir aufgeben.«

Für Paulie Williams und die meisten anderen städtischen Staatsanwälte, mit denen Fiske zu tun hatte, waren die Mandanten lebenslange persönliche Feinde, die allesamt die härtesten Strafen verdienten. Das wusste Fiske nur zu gut. Und er wusste, dass die Staatsanwaltschaft bei manchen Angeklagten goldrichtig damit lag. Aber nicht bei allen.

»Wissen Sie, worüber ich gerade nachdenke?«, wandte Fiske sich an den Staatsanwalt. »Ich frage mich, wie schnell zehntausend Jahre vergehen können.«

Als Fiske den Gerichtssaal im zweiten Stock verließ, kamen ihm Polizeibeamte entgegen, mit denen er zusammengearbeitet hatte, als er noch Cop in Richmond gewesen war. Einer von ihnen lächelte und nickte zum Gruß, die anderen aber schauten Fiske nicht einmal an. Für sie war er ein Verräter an der Truppe; er hatte Dienstmarke und Waffe gegen Anzug und Aktenkoffer eingetauscht. War jetzt Sprachrohr der anderen Seite. In der Hölle sollst du schmoren, Bruder Fiske!

Fiske schaute zu einer Gruppe junger Schwarzer hinüber, deren Bürstenhaarschnitt so kurz war, dass sie geradezu kahl geschoren wirkten. Die Hosen hingen bis zum Schritt hinab. Man konnte ihre Boxershorts sehen, weite Lederjacken, unförmige Tennisschuhe ohne Schnürsenkel. Ihr offener Trotz gegen das Strafrechtssystem war mehr als deutlich.

Die jungen Männer drängten sich um ihren Anwalt, einen Weißen, dickleibig vom vielen Sitzen im Büro, verschwitzt; die Manschetten seines Hemds unter dem teuren Nadelstreifenanzug waren speckig, die Halbschuhe ausgelatscht, und die Hornbrille saß ein wenig schief auf der Nase, während er seinen Pfadfindern etwas einzuhämmern versuchte. Er schlug mit der Faust in eine fleischige Handfläche, als er zu den jungen Schwarzen redete. Mit den nackten Oberkörpern unter den geöffneten Seidenhemden, die sie sich vom Drogengeld gekauft hatten, boten sie ein beinahe lächerliches Bild, während sie dem fetten Anwalt aufmerksam lauschten, offenbar in dem Glauben, dies sei das einzige Mal, dass sie diesen Mann brauchten, den sie sonst nur mit Verachtung betrachtet hätten oder durch das Visier einer Waffe. Bis sie ihn das nächste Mal brauchten. Und sie würden ihn brauchen. In diesem Gebäude war er der Zauberer, war er Magic. Hier kam Michael Jordan nicht an ihn heran. Sie waren die dummen Stammeskrieger und er der König des Dschungels. Hilf uns, Tarzan! Sorg dafür, dass sie uns nicht einbuchten!

Fiske wusste, was der Mann im Anzug sagte, als könnte er ihm von den Lippen lesen. Der Dicke hatte sich darauf spezialisiert, Bandenmitglieder zu verteidigen. Bei jedem Verbrechen, an dem sie zufällig beteiligt gewesen waren, war die beste Strategie: Ehernes Schweigen, Leute! Ihr habt nichts gesehen, nichts gehört. Ihr könnt euch an gar nichts erinnern. Schüsse? Wahrscheinlich Fehlzündungen eines Motors. Vergesst nicht, Jungs: Ihr sollt nicht töten! Aber wenn ihr schon töten müsst, solltet ihr euch wenigstens nicht gegenseitig in die Pfanne hauen. Um seinen Worten zusätzlichen Nachdruck zu verleihen, schlug der Fette mit der Handfläche auf seinen Aktenkoffer. Die Gruppe löste sich auf, und das Spiel begann.

Ein Stück weiter den Gang hinunter saßen auf einer klobigen, mit grauem Teppich bezogenen Bank, die in die Wand eingelassen war, drei Mädchen im Teenageralter, die nachts auf den Strich gingen. Die bunt gemischte Gruppe – eine Schwarze, eine Asiatin, eine Weiße – wartete darauf, dass die Rechtsprechung sich ihrer annahm. Die Asiatin wirkte nervös, brauchte wahrscheinlich eine Zigarette zur Beruhigung oder einen Schuss. Den beiden anderen sah man an, dass sie altgediente Bordsteinschwalben waren. Sie schlenderten umher, setzten sich wieder, zeigten ein bisschen Schenkel, wackelten gelegentlich mit den Brüsten, wenn ein alter Knacker oder junger Spund vorüberkam. Warum wegen einer kleinen Sache vor Gericht ein Geschäft sausen lassen? Schließlich war man hier in Amerika.

Fiske nahm den Fahrstuhl und ging am Metalldetektor und dem Röntgengerät vorüber – heutzutage Standardausstattung in praktisch jedem Gerichtsgebäude –, als Bobby Graham auf ihn zukam, eine unangezündete Zigarette in der Hand. Fiske mochte den Mann weder persönlich noch beruflich. Staatsanwalt Graham suchte sich die Fälle, die er zur Anklage brachte, nach der Größe der Schlagzeilen aus, die sie ihm einbringen würden. Nie übernahm er einen Fall, bei dem er sich wirklich ins Zeug legen musste, um zu gewinnen. Die Öffentlichkeit mochte keine Staatsanwälte, die den Kürzeren zogen.

»Nur ein kleiner Routineantrag in einem Allerweltsfall, was?«, sagte Fiske. »Der große Boss weiß mit seiner Zeit doch eigentlich was Besseres anzufangen, stimmt’s, Bobby?«

»Vielleicht hatte ich so eine Ahnung, dass Sie einen meiner kleinen Anwälte mit Haut und Haaren fressen und wieder ausspucken wollten. Hätten Sie es mit einem schweren Kaliber zu tun gehabt, wäre Ihnen das nicht so leicht gefallen.«

»Mit wem denn? Mit Ihnen, zum Beispiel?«

Mit einem schiefen Lächeln schob Graham sich die Zigarette zwischen die Lippen. »Es ist ein Witz, finden Sie nicht auch? Angeblich wohnen wir in der Hauptstadt des Tabaks, die größte Zigarettenfabrik der Welt ist nur einen Katzensprung entfernt, und man darf in den heiligen Hallen der Justiz nicht mal rauchen.« Er kaute am Ende seiner filterlosen Pall Mall und sog lautstark an der kalten Zigarette. In Wirklichkeit waren im Gerichtsgebäude von Richmond Raucherzonen ausgewiesen, nur nicht dort, wo Graham zufällig gerade stand.

Der Staatsanwalt ließ sich zu einem triumphierenden Grinsen hinreißen. »Ach, übrigens, Jerome Hicks wurde heute Morgen wegen Mordverdachts an einem Burschen drüben in der Southside festgenommen. Eine Sache zwischen Schwarzen. Drogen waren auch im Spiel. Mann, was für ’ne Überraschung. Offensichtlich wollte er seinen Koksbestand aufbessern, ohne die normalen Akquisitionskanäle zu benutzen. Aber Ihr guter Jerome konnte nicht ahnen, dass wir sein Opfer beschatten ließen.«

Fiske lehnte sich müde an die Wand. Siege vor Gericht waren häufig ohne Wert, vor allem, wenn der Mandant seine kriminellen Neigungen nicht im Zaum halten konnte. »Wirklich? Davon wusste ich noch gar nichts.«

»Ich musste zu einer Prozess-Vorbesprechung hierher kommen, und da dachte ich mir, ich sag’s Ihnen persönlich. Kollegiale Höflichkeit.«

»Wie wahr«, sagte Fiske trocken. »Warum haben Sie Paulie Williams mit seinem Antrag nicht zurückgepfiffen, wenn Sie es schon wussten?« Als Graham nicht reagierte, beantwortete Fiske seine Frage selbst. »Wollten Sie mich nur durch den Reifen springen lassen?«

»Man muss sich bei der Arbeit auch mal ein bisschen Spaß gönnen.«

Fiske ballte eine Hand zur Faust, öffnete sie rasch wieder. Graham war es nicht wert, sich zu ärgern. »Apropos Höflichkeit unter Kollegen … gab es Augenzeugen?«

»Oh, ungefähr ein halbes Dutzend, und die Mordwaffe hat man zusammen mit Jerome in dessen Wagen gefunden. Als er fliehen wollte, hätte er um ein Haar zwei Polizisten überfahren. Wir haben Blutspuren, die Drogen … wir haben alles hübsch beisammen. Man hätte dem Kerl gar keine Kaution gewähren dürfen. Ich überlege mir ernsthaft, diese windige Anklage wegen Drogenhandels fallen zu lassen, bei der Sie ihn vertreten, und mich nur auf die neue Entwicklung zu konzentrieren. Ich muss meine beschränkten Möglichkeiten voll ausschöpfen. Dieser Hicks ist ein schlimmer Finger, John. Ich glaube, wir werden in diesem Fall die Todesstrafe beantragen müssen.«

»Die Todesstrafe? Also, jetzt machen Sie aber ’nen Punkt, Bobby.«

»Die bewusste, absichtliche und vorsätzliche Tötung eines Menschen in Tateinheit mit Raub ist Mord, und der zieht nun mal die Todesstrafe nach sich. Das steht zumindest in meinem Gesetzbuch des Staates Virginia.«

»Mir ist scheißegal, was das Gesetz besagt. Hicks ist erst achtzehn.«

Graham verzog das Gesicht. »Seltsame Worte von einem Anwalt, der geschworen hat, die Gesetze zu achten.«

»Das Gesetz ist für mich ein Sieb, das dazu dient, die Tatsachen herauszufiltern und den Dreck aufzufangen.«

»Genau. Diese Brüder sind Dreck. Abschaum. Kommen aus dem Mutterleib gekrochen, um anderen Menschen etwas anzutun. Wir sollten Gefängnisse für Kleinkinder bauen, bevor diese Arschlöcher heranwachsen und jemanden verletzen können.«

»Jerome Hicks’ ganze Jugend war …«

»Genau, schieben Sie es auf seine beschissene Kindheit«, unterbrach Graham ihn. »Immer wieder die alte Leier!«

»Genau, immer wieder dieselbe alte Leier.«

Graham lächelte und schüttelte den Kopf. »Hören Sie, ich bin auch nicht mit einem silbernen Löffel im Mund aufgewachsen. Wollen Sie mein Geheimnis wissen? Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um es zu etwas zu bringen. Und wenn ich es schaffen kann, können andere es auch. Fall abgeschlossen.«

Fiske ging davon, schaute dann aber noch einmal zurück. »Lassen Sie mich einen Blick in den Polizeibericht über die Verhaftung werfen. Ich rufe Sie dann an.«

»Wir haben nichts zu besprechen.«

»Wenn der Junge hingerichtet wird, bringt Ihnen das auch nicht das Amt des Attorney-General ein, Bobby, und das wissen Sie. Da müssen Sie sich schon eine größere Zielscheibe aussuchen.« Fiske wandte sich ab und ging davon.

Graham drehte die Zigarette zwischen den Fingern. »Besorgen Sie sich mal einen richtigen Job, Fiske.«

Eine halbe Stunde später traf John Fiske sich in einem Bezirksgefängnis in einem Vorort mit einem seiner Mandanten. Sein Beruf als Anwalt führte ihn oft aus Richmond hinaus, in die Bezirke Henrico, Chesterfield, Hanover, sogar bis nach Goochland. Es gab immer mehr Arbeit, immer mehr Stress. Fiske war nicht besonders erfreut darüber, hatte sich aber damit abgefunden. Mittlerweile war es für ihn so selbstverständlich wie die Tatsache, dass jeden Morgen die Sonne aufging. Es würde immer so weitergehen – bis zu dem Tag, an dem alles endete.

»Ich muss mit Ihnen über ein Teilgeständnis sprechen, Derek. Dann könnte ich ein milderes Strafmaß für Sie herausholen.«

Derek Brown – oder DB-1, wie er auf den Straßen genannt wurde – war ein hellhäutiger Schwarzer, dessen Arme mit hasserfüllten, obszönen und malerischen Tätowierungen verziert waren. Er hatte so lange im Gefängnis gesessen, dass seine Haut gelbbraun wirkte; Adern zogen sich wie Würmer über seine Bizepse. Fiske hatte Derek einmal dabei beobachtet, wie er auf dem Sportplatz des Gefängnisses mit nacktem Oberkörper Basketball spielte. Er war sehr muskulös und hatte weitere Tätowierungen auf Rücken und Schultern. Aus der Ferne sah es wie eine bizarre Orchesterpartitur aus. Derek konnte in die Höhe schnellen wie ein Pfeil, um dann traumgleich zu schweben, von irgendetwas in der Luft gehalten, das Fiske nicht sehen konnte. Die anderen Gefangenen, sogar die Wächter drehten sich zu ihm um und schauten bewundernd zu, wenn der junge Bursche den Ball in den Korb warf, hämmerte oder streichelte. Aber Derek war nie gut genug gewesen, um in einer Collegemannschaft zu spielen, ganz zu schweigen von der NBA. Deshalb saßen sie beide nun hier im Bezirksgefängnis und musterten sich gegenseitig.

»Die Staatsanwaltschaft bietet vorsätzliche Körperverletzung an. Was allerdings immer noch ein Kapitalverbrechen wäre.«

»Warum nicht fahrlässige Körperverletzung, Mann? Oder im Affekt?«

Fiske starrte ihn an. Diese Burschen standen so oft vor Gericht, dass sie das Strafgesetzbuch besser kannten als die meisten Anwälte.

»Körperverletzung im Affekt … das wäre in der Hitze des Gefechts gewesen, Derek. Ihre Hitze kam einen Tag später.«

»Der Typ hatte ’ne Knarre. Ich leg mich doch nich’ mit ’nem Wichser an, wenn der ’ne Wumme hat, Mann. Und ich hatte meine nich’ dabei. Sind Sie blöd, Mann, oder was?«

Fiske hätte am liebsten ausgeholt und dem Jungen Vernunft eingebläut. »Tut mir Leid, die Staatsanwaltschaft geht nicht von vorsätzlicher Körperverletzung runter.«

»Wie lange müsste ich sitzen?«, fragte Derek frostig. Seine Ohrläppchen waren durchstochen, mindestens zwölfmal, wie Fiske zählte.

»Fünf Jahre, die Untersuchungshaft eingerechnet.«

»Oh, Scheiße! Fünf Jahre, weil ich Pack ’n bisschen mit ’nem verdammten Taschenmesser angekratzt hab?«

»Mit einem Stilett. Ein Stilett mit fünfzehn Zentimeter langer Klinge. Und Sie haben ihn nicht angekratzt, sondern zehnmal auf ihn eingestochen. Vor Zeugen.«

»Mann, der Typ hat meine Schnalle angemacht. Sind das nich’ mildernde Umstände?«

»Sie können von Glück reden, dass man Sie nicht wegen Mordes drankriegen will, Derek. Die Ärzte sagen, es sei ein Wunder, dass der Bursche nicht schon am Tatort verblutet ist. Und wäre Pack nicht so ein gefährlicher Mistkerl, kämen Sie nicht mit vorsätzlicher Körperverletzung davon. Dann wäre es schwere Körperverletzung. Und das bedeutet zwanzig Jahre bis lebenslänglich. Das wissen Sie.«

»Pack hat mit meiner Schnalle rumgemacht.« Derek beugte sich vor und ließ seine dünnen Knöchel knacken, um die vollkommene Logik sowohl seiner juristischen als auch moralischen Auffassung zu unterstreichen.

Fiske wusste, dass Derek einen gut bezahlten Job hatte, wenn auch einen illegalen. Er war der First Lieutenant des zweitgrößten Drogenhändlerrings in Richmond, daher auch sein Spitzname DB-1. Der Boss, obwohl erst vierundzwanzig Jahre alt, hieß Turbo.Turbos Reich war straff organisiert. Er verlangte absolute Disziplin und verlieh seinem Unternehmen den Anstrich von Legalität, indem er mehrere chemische Reinigungen, ein Café, eine Pfandleihe und einen ganzen Stall von Buchhaltern und Anwälten unterhielt, die sich mit den gewaschenen Drogengeldern befassten.Turbo war ein sehr kluger junger Mann mit Sinn für Zahlen und Geschäfte. Fiske hatte ihn schon immer mal fragen wollen, warum er keinen Immobilienhandel aufmachte. Der Ertrag wäre fast genauso hoch, die Sterblichkeitsrate jedoch beträchtlich niedriger.

Normalerweise hätte Turbo einen seiner Anwälte von der Main oder Franklin Street mit Gebührensätzen von dreihundert Dollar die Stunde beauftragt, Derek rauszupauken. Aber Dereks Tat hatte nichts mit Turbos Geschäften zu tun, und deshalb hatte er ihm diesen Gefallen nicht erwiesen. Derek jemandem wie Fiske vorzuwerfen war eine Art Bestrafung dafür, dass er so dumm gewesen war, wegen einer Frau den Kopf zu verlieren. Turbo brauchte auch nicht zu befürchten, dass Derek auspackte und ihn verpfiff. Der Staatsanwalt hatte gar nicht erst versucht, Derek ein dahingehendes Angebot zu machen; er wusste, dass es sinnlos war. Wer redete, starb – ob im Knast oder draußen, spielte keine Rolle.

Derek war in einer netten Mittelschicht-Familie in einem netten Mittelschicht-Viertel aufgewachsen, bis er von der High School abgegangen war und den raschen, leichten Weg zum Drogenhandel eingeschlagen hatte, statt wirklich für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Er besaß alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche berufliche Karriere, hätte alles aus seinem Leben machen können. Doch es gab so viele Derek Browns auf der Welt, dass die Menschen sich gar nicht mehr dafür interessierten, wie schrecklich das Leben jener Kinder war, die sich dem Zuckerelixier zuwandten, das Leute wie Turbo ihnen besorgten. Genau deshalb hätte Fiske sich Derek gern eines Nachts geschnappt, um ihn mit einem Baseballschläger in der Hand in eine dunkle Gasse zu schleifen und ihm ein paar gute altmodische Werte und Moralvorstellungen einzuprügeln.

»Der Staatsanwaltschaft ist es völlig egal, was Pack an dem Abend mit Ihrer Freundin gemacht hat.«

»O Scheiße, das is’ doch wohl der Hammer. Ein Kumpel von mir hat letztes Jahr ’nen Typen aufgeschlitzt und zwei Jahre dafür gekriegt, die Hälfte auf Bewährung! Man hat ihm die Untersuchungshaft angerechnet. Nach drei Monaten war er wieder draußen. Und ich soll verdammte fünf Jahre kriegen? Was für ’n beschissener Anwalt sind Sie eigentlich?«

»Hatte Ihr Kumpel Vorstrafen?« Ist Ihr guter alter Kumpel einer der zehn wichtigsten Leute in einer der schlimmsten Heimsuchungen, unter denen Richmond zu leiden hat, wollte Fiske fragen und hätte es auch getan, hätte er nicht gewusst, dass es reine Zeitverschwendung war. »Also gut – ich schlage der Staatsanwaltschaft drei Jahre vor, unter Anrechnung der Untersuchungshaft.«

Plötzlich wirkte Derek interessiert. »Glauben Sie, das können Sie rausholen?«

Fiske erhob sich. »Keine Ahnung. Ich bin nur ein beschissener Anwalt.«

Auf dem Weg nach draußen schaute Fiske aus einem vergitterten Fenster und beobachtete, wie eine neue Lieferung von Häftlingen aus der Grünen Minna stieg. Sie standen dicht beisammen, und ihre Fußketten schlugen einen metallenen Singsang auf dem Asphalt. Die meisten waren junge Schwarze oder Latinos, die sich jetzt schon gegenseitig taxierten. Herr oder Sklave? Wer kann den ersten Treffer landen, wer kriegt ihn ab? Die wenigen Weißen erweckten den Eindruck, als würden sie vor greller Panik zusammenbrechen und krepieren, noch bevor sie ihre Zellen betreten hatten. Einige dieser jungen Burschen waren vermutlich die Söhne von Männern, die Patrolman John Fiske vor zehn Jahren verhaftet hatte. Damals waren sie noch Kinder gewesen, die von etwas anderem geträumt hatten, als von der Stütze zu leben; kein Daddy im Hause; und die Mutter kämpfte sich durch ein schreckliches Leben, ohne Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Vielleicht aber auch nicht. Die Wirklichkeit verstand sich ausgezeichnet darauf, einen für die Wünsche des Unterbewusstseins zu bestrafen. Träume waren keine Begnadigung, lediglich eine Fortsetzung des Albtraums.

Als Fiske noch Cop gewesen war, hatten die Gespräche, die er mit Verhafteten führte, sich ständig wiederholt.

»Ich bring dich um, Mann. Ich mach deine ganze verdammte Familie kalt«, brüllte der Täter, das Gesicht drogenverzerrt, während Patrolman Fiske ihm die Handschellen anlegte.

»Oh, oh, oh. Du hast das Recht zu schweigen. Du solltest es lieber in Anspruch nehmen.«

»Komm schon, Mann, is’ nicht meine Schuld. Mein Kumpel war’s. Er hat mich gelinkt.«

»Und wo ist dein Kumpel jetzt? Und woher kommt das Blut an deinen Wichsfingern? Und die Knarre in deiner Dreckshose? Woher kommt der Koks, der noch in deinem Riechkolben steckt? Ein Kumpel hat das alles getan? Toller Kumpel.«

Dann warfen die Burschen vielleicht einen Blick auf die Leiche und brachen wimmernd zusammen. »Große Scheiße! Gott im Himmel! Meine Mom! Wo ist meine Mom? Rufen Sie meine Mom an. Bitte! Tun Sie’s für mich, o Gott, tun Sie das, ja? Mom! Oh, Himmel, was für ’ne Scheiße!«

»Du hast das Recht auf einen Anwalt«, sagte er dann ruhig zu ihnen.

Und dieser Anwalt war nun aus Patrolman John Fiske geworden.

Nachdem Fiske noch einige Gerichtstermine in der Innenstadt wahrgenommen hatte, verließ er das John Marshall Courts Building, ein Gebäude aus Glas und Backstein, das nach dem dritten Obersten Richter des Supreme Court der Vereinigten Staaten benannt war. Marshalls damaliges Haus befand sich direkt nebenan und beherbergte nun ein Museum, welches das Andenken an den großen Virginier und Amerikaner aufrechterhalten sollte. Marshall hätte sich im Grab umgedreht, hätte er gewusst, was für abscheuliche Taten in dem Gebäude, das seinen Namen trug, verhandelt und verteidigt wurden.

Fiske ging die Ninth Street zum James River entlang. Es war in den letzten Tagen schwül und warm gewesen, doch mit der Ankunft der Regenfront hatte es sich abgekühlt, und er zog den Trenchcoat straffer um den Körper. Als es dann tatsächlich zu regnen anfing, rannte er los, und seine Schuhe durchpflügten Pfützen aus schmutzigem Wasser, die sich in den flachen Mulden im Asphalt und Beton des Bürgersteigs gebildet hatten.

Als er seine Kanzlei am Shockoe Slip erreichte, waren sein Haar und der Mantel patschnass, und das Wasser lief ihm in winzigen Bächen über den Rücken. Er ließ den Fahrstuhl links liegen, nahm im Treppenhaus immer zwei Stufen auf einmal und schloss die Tür zur Kanzlei auf. Sie befand sich in einem höhlenartigen Gebäude, das früher ein Lagerhaus für Tabak gewesen war; seinen Eingeweiden aus Eiche und Kiefer hatte man neue Rippen aus Trockenmauern verpasst und auf diese Weise zahlreiche Büroräume geschaffen. Doch der Geruch der Tabakblätter schien sich ewig zu halten. Und nicht nur hier. Wenn man auf der Interstate 95 in Richtung Süden fuhr, an der Zigarettenfabrik Philip Morris vorbei, bekam man fast eine Nikotinvergiftung, ohne sich auch nur eine einzige Fluppe anzuzünden. Wenn Fiske dort vorbeifuhr, spielte er oft mit dem Gedanken, ein brennendes Streichholz aus dem Fenster zu werfen, nur um festzustellen, ob die Luft in der ganzen Gegend explodierte.

Fiskes Kanzlei bestand aus einem Büroraum und einem kleinen Bad, was wichtig für ihn war, denn mittlerweile schlief er hier öfter als in seiner Wohnung. Er hängte den Mantel zum Trocknen auf und rubbelte Gesicht und Haar mit einem Handtuch ab, das er von einem Halter im Badezimmer holte. Dann setzte er eine Kanne Kaffee auf und beobachtete, wie die schwarzbraune Brühe aus dem Filter lief, während er über Jerome Hicks nachdachte.

Wenn Fiske verdammt gute Arbeit leistete, würde Hicks den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen, statt in der Todeszelle von Greene County die Todesspritze verpasst zu bekommen. Einen achtzehnjährigen schwarzen Jungen umzubringen würde Graham nicht den Posten des Attorney-General, des Obersten Justizbeamten von Virginia, einbringen, auf den er es abgesehen hatte. Ein Mord von einem Schwarzen an einem Schwarzen, einem Loser an einem Loser, würde es in den Zeitungen nicht mal bis auf die hinteren Seiten schaffen.

Als Cop in Richmond hatte Fiske mit knapper Not die brutale Gewalt ständiger Kämpfe überlebt. Sie überrollte die County und die Innenstadt, schwoll an wie ein hässliches Geschwür, bis zur Größe eines ganzen Bezirks, und dann platzte es, und die ekelhafte Woge spülte über die Städte hinweg und ließ die zerstörten Ghettos und die hoch aufragenden, sündhaft teuren Turmspitzen der Innenstadt hinter sich; dann schwappte sie über, riss die schwächlichen Barrikaden der Vorstädte ein und überschwemmte das Umland. Und so war es nicht nur in dieser Stadt, in diesem Bezirk. Gletscher der kriminellen Aktivität krochen von allen Seiten heran.Was wird aus uns, wenn diese Eisströme irgendwann zusammentreffen, fragte sich Fiske.

Abrupt setzte er sich.Wie fast immer hatte das Sodbrennen ganz allmählich angefangen. Langsam, schleichend. Fiske spürte, wie es von seinem Magen zur Brust hinaufstieg und sich dort ausbreitete. Schließlich strömte das Gefühl unerträglicher Hitze wie Lava in einem Graben seine Arme hinab und ergoss sich in seine Finger.

Fiske erhob sich taumelnd, schloss die Bürotür ab, riss sich die Krawatte auf, warf sie zur Seite und zog sich das Hemd aus. Darunter trug er ein T-Shirt; er trug immer ein verdammtes T-Shirt. Durch die Baumwolle berührten seine Finger jene Stelle, wo die dicke Narbe begann, die nach all diesen Jahren noch immer aufgeraut war. Die Narbe begann direkt unter dem Nabel und folgte dem gewundenen Weg der Chirurgensäge, bis sie am Hals endete.

Fiske ließ sich zu Boden fallen und machte fünfzig Liegestütze hintereinander, und die Hitze in seiner Brust und den Extremitäten stieg mit jeder Wiederholung an und ebbte dann wieder ab. Ein Schweißtropfen fiel von seiner Stirn auf den Holzfußboden. Er glaubte, sein Spiegelbild darin sehen zu können. Wenigstens war es kein Blut. Fiske ließ den Liegestützen ebenso viele Klappmesser folgen. Die Narbe kräuselte und verzog sich bei jedem Beugen seines Körpers wie eine Schlange, die unfreiwillig seinem Torso aufgepfropft worden war. Dann befestigte er eine Querstange am Türbalken zum Badezimmer und machte keuchend, mit brennenden Muskeln, ein Dutzend Klimmzüge. Früher hatte er spielend doppelt so viele geschafft, doch seine Kraft ließ allmählich nach. Was unter seiner verwachsenen Haut lauerte, würde ihn irgendwann einholen und töten. Immerhin ließ die Hitze jetzt nach. Die körperliche Anstrengung schien sie zu verjagen, schien diesem unbefugten Eindringling zu verraten, dass immer noch jemand in diesem Körper zu Hause war.

Er wusch sich im Bad und zog das Hemd wieder an.Während er am Kaffee nippte, schaute er aus dem Fenster. Von hier aus konnte er den Lauf des James River kaum ausmachen. Wenn der Regen heftiger wurde, würde er den Fluss stark anschwellen lassen. Fiske und sein Bruder waren oft mit einem Boot den Fluss hinuntergefahren oder hatten sich an heißen Sommertagen gemächlich auf Flößen stromab treiben lassen, die sie sich aus Schläuchen von Lastwagenreifen gebastelt hatten. Das war schon Jahre her. Heutzutage kam Fiske dem Wasser nicht mehr näher als bis zu dieser Stelle. Mit der Freizeit war es vorbei. In seiner verkürzten Lebensspanne war kein Platz mehr dafür.

Aber ihm gefiel, was er tat, jedenfalls zum größten Teil. Es war nicht das Leben eines Superanwalts am Obersten Gerichtshof, wie sein Bruder es führte, aber er war stolz auf seinen Job und darauf, wie er ihn erledigte. Er würde nicht als reicher Mann sterben, und er würde keinen großen Namen hinterlassen, doch er glaubte fest daran, dass er halbwegs zufrieden sterben würde, weil er Erfüllung gefunden hatte.

Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

KAPITEL 4

Wie ein brütender Falke kauerte Fort Jackson in der trostlosen Landschaft des südwestlichen Virginia, etwa gleich weit von den Grenzen zu Tennessee, Kentucky und West Virginia entfernt, inmitten eines abgelegenen Gebiets, in dem Kohlenbergbau betrieben wurde. Es gab nur wenige eigenständige Militärgefängnisse in den Vereinigten Staaten, falls überhaupt; normalerweise waren sie militärischen Einrichtungen angeschlossen, was einerseits auf die Tradition zurückzuführen war, andererseits auf die Einschränkungen des Verteidigungsetats. Fort Jackson war zwar auch ein Militärstützpunkt; dennoch würde das Gefängnis stets das alles beherrschende Gebäude sein. Es war ein Gefängnis, in dem die gefährlichsten Straftäter der United States Army leise den Countdown ihres Lebens zählten.

Noch nie war jemandem die Flucht aus Fort Jackson gelungen, und selbst wenn ein Insasse ohne Hilfe eines Gerichtsbeschlusses die Freiheit erlangen sollte – sie würde sinnlos und kurzlebig sein. Die Landschaft um Fort Jackson herum war ein viel gefährlicheres Gefängnis als das Fort selbst: schroffe, vom Tagebau zerklüftete Berge, trügerische, plötzlich und steil abfallende Straßen und dichte, tückische Wälder, in denen es nur so wimmelte von Mokassin- und Klapperschlangen, deren noch aggressivere Cousine, die Wassermokassinschlange, an den umweltverpesteten Wasserstraßen lauerte und nur darauf wartete, dass in Panik geratene Füße durch ihr Revier patschten. Und die kantigen, knorrigen Einheimischen dieses vergessenen »Zehs« von Virginia – menschliche Gegenstücke zu Stacheldraht – waren sehr erfahren im Umgang mit Gewehr und Messer und schreckten nicht davor zurück, beides zu benutzen. Und doch lag in den sanften Hügeln dieses Landes, in den weiten Wäldern, den Sträuchern und Blumen, dem Geruch einer urtümlichen, unverfälschten Flora und Fauna, und in der Stille der Meerestiefen eine erhabene Schönheit.

Anwalt Samuel Rider fuhr durch das Haupttor des Forts, bekam seinen Besucherausweis und stellte den Wagen auf dem Besucherparkplatz ab. Nervös ging er zum Eingang des Gefängnisses mit seinen klobigen Steinmauern; sein Aktenkoffer schlug leicht gegen den blauen Stoff seiner Hose. Zwanzig Minuten lang musste er die Sicherheitsüberpüfungen über sich ergehen lassen, die damit begannen, dass er sich ausweisen musste; dann wurde überprüft, ob er auf der Besucherliste stand, er wurde abgetastet und musste durch einen Metalldetektor gehen, und schließlich durchsuchte man seinen Aktenkoffer. Die Wächter beäugten misstrauisch das kleine Transistorradio, doch nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass es keine Konterbande enthielt, durfte Rider es behalten. Man las ihm die Vorschriften für Besucher vor, und er musste nach jedem einzelnen Absatz laut und deutlich erklären, dass er ihn verstanden hatte. Rider wusste, dass die höfliche Fassade der Wächter sehr schnell zerbröckeln würde, sollte er auch nur gegen eine dieser Vorschriften verstoßen.

Er schaute sich um, konnte seine Furcht und die schier überwältigende Nervosität jedoch nicht abschütteln. Es war, als sei es dem Architekten des Gefängnisses gelungen, zusammen mit Stein und Mörtel auch Angst und Schrecken zu vermauern. Riders Magen verkrampfte sich, und seine Handflächen waren schweißnass, als wollte er angesichts eines bevorstehenden Hurrikans in eine zwanzigsitzige Propellermaschine steigen. Er war zwar während des Vietnamkriegs beim Militär gewesen, hatte das Land aber nie verlassen, an keiner einzigen Kampfhandlung teilgenommen, war kein einziges Mal in Todesgefahr geraten. Die reinste Ironie, wenn er nach einem Herzinfarkt tot umfiel, während er in einem Militärgefängnis auf amerikanischem Grund und Boden stand.

Er atmete tief ein, gab seinem Herzen den geistigen Befehl, sich zu beruhigen, und fragte sich erneut, warum er überhaupt hergekommen war. Rufus Harms konnte weder ihn noch jemand anderen zu irgendetwas zwingen. Aber nun war Rider hier. Er atmete noch einmal tief durch, befestigte den Besucherausweis an seiner Jacke und umklammerte den beruhigenden Griff des Aktenkoffers, während ein Wächter ihn zum Besucherraum führte.

Während Rider ein paar Minuten lang allein wartete, betrachtete er das stumpfe Braun der Wände, das mit Absicht verwendet worden zu sein schien, um diejenigen, die ohnehin schon die Hölle durchlebten und am Rande des Selbstmords standen, zusätzlich zu deprimieren. Er fragte sich, wie viele Männer hier hausten, von ihren Mitmenschen eingekerkert, und das aus sehr gutem Grund. Und doch hatten sie alle Mütter, selbst die widerwärtigsten; und bei einigen von ihnen, vermutete Rider, war sogar der Vater mehr als nur ein Samenfleck auf einer Eizelle. Trotzdem waren diese Männer hier gelandet. Hatte das Böse schon in ihrer Wiege gelegen? Möglich. Vielleicht, überlegte Rider, gibt es bald einen Gentest, der den Leuten verrät, ob ihr Kind die Wiedergeburt von Charles Manson ist, während es noch in die Vorschule geht. Aber, verdammt noch mal, was sollen die Leute tun, wenn man ihnen diese schlechte Nachricht überbringt?

Rider wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Rufus Harms den Besucherraum betrat. Er war wesentlich größer als die beiden Wächter, die ihn hineinführten. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, ein Herr würde von seinen Leibeigenen begleitet, doch in Wirklichkeit war es genau umgekehrt. Harms war der größte Mensch, dem Rider je persönlich begegnet war, ein Riese mit außergewöhnlicher Kraft. Auch jetzt schien er den Raum mit seiner Körpermasse auszufüllen. Sein gewaltiger Brustkorb sah aus, als bestünde er aus zwei gegossenen, armierten Betonblöcken, die nebeneinander verankert waren, und die Arme waren dicker als die Oberschenkel der Wächter. Harms trug Schellen an beiden Händen und Füßen, die ihn zwangen, im »Häftlings-Schlurfschritt« zu gehen. Doch er war geübt darin; bei ihm wirkten die trippelnden Schritte seltsam anmutig.

Er muss an die fünfzig sein, dachte Rider, sieht aber gut zehn Jahre älter aus. Der Anwalt bemerkte die Narben im Gesicht und den unnatürlich verbogenen Knochen unter Harms’ rechtem Auge. Der junge Mann, den Rider damals verteidigt hatte, besaß gut geschnittene, ebenmäßige Gesichtszüge. Nun aber war dieses Gesicht verwüstet. Rider fragte sich, wie oft Rufus hier verprügelt worden war und welche anderen verräterischen Beweise von Misshandlung unter seiner Kleidung verborgen waren.

Harms ließ sich gegenüber von Rider an einem Holztisch nieder, dessen Oberfläche von Tausenden nervöser, verzweifelter Fingernägel arg zerkratzt war. Er schaute Rider noch nicht an, blickte stattdessen zu dem Wächter hinüber, der im Raum blieb.

Rider erkannte, was Harms ihm stumm mitteilen wollte. »Gefreiter«, sagte er zu dem Wächter, »ich bin sein Anwalt und möchte ungestört mit ihm sprechen.«

Die Antwort erfolgte ganz automatisch. »Sie sind hier in einem Hochsicherheitsgefängnis. Jeder Gefangene gilt als gewalttätig und gefährlich. Ich bin zu Ihrer eigenen Sicherheit hier.«

Die Männer hier waren gefährlich, sowohl die Häftlinge als auch die Wächter. So war es nun mal; es ließ sich nicht ändern.

»Das verstehe ich«, erwiderte der Anwalt. »Ich bitte Sie ja auch nicht, das Zimmer zu verlassen. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ein bisschen zurücktreten würden. Ein dem Anwalt und seinem Mandanten verfassungsmäßig zugestandenes Recht – Sie verstehen, nicht wahr?«

Der Wächter antwortete nicht, ging aber zum anderen Ende des Raumes, vorgeblich außer Hörweite. Schließlich schaute Rufus Harms zu Rider hinüber. »Haben Sie das Radio mitgebracht?«

»Eine seltsame Bitte, aber ich habe sie erfüllt.«

»Holen Sie es bitte hervor, und schalten Sie es ein.«

Rider tat wie geheißen. Sofort wurde der Raum von den traurigen Klängen von Country-Musik erfüllt. Wie hohl, wie gekünstelt die Lieder klingen, dachte Rider unbehaglich. Wenn die Texter einmal wirkliches Elend erleben wollen, wirkliche Hoffnungslosigkeit, sollten sie hierher kommen.

Als der Anwalt Harms fragend ansah, schaute dieser sich im Raum um. »Hier haben die Wände viele Ohren, und manche kann man nicht sehen, nicht wahr?«

»Es verstößt gegen das Gesetz, das Gespräch zwischen einem Anwalt und seinem Mandanten abzuhören.«

Harms bewegte leicht die Hände, und die Ketten rasselten. »Viele Dinge verstoßen gegen das Gesetz, aber die Leute tun sie trotzdem. Sowohl in diesem Gebäude als auch draußen. Nicht wahr?«

Rider ertappte sich dabei, wie er nickte. Harms war kein junger, verängstigter Bursche mehr. Er war ein Mann. Ein Mann, der sich unter Kontrolle hatte, obwohl jede Minute, jeder Bereich seines Lebens überwacht wurde. Rider bemerkte überdies, dass sämtliche Bewegungen Harms’ gemessen und genau überlegt waren. Als wäre er in ein Schachspiel vertieft, streckte er langsam die Hand aus, um eine Figur zu berühren, und zog die Hand dann mit ähnlicher Vorsicht wieder zurück. Hier konnte eine schnelle Bewegung tödlich sein.

Der Häftling beugte sich vor und fing so leise zu sprechen an, dass Rider sich anstrengen musste, ihn trotz der Musik zu verstehen. »Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Es überrascht mich, dass Sie den Weg auf sich genommen haben.«

»Und mich hat es sehr überrascht, von Ihnen zu hören. Aber es hat wahrscheinlich auch meine Neugier erregt.«

»Sie sehen gut aus. Die Jahre sind freundlich zu Ihnen gewesen.«

Rider musste lachen. »Ich hab kaum noch Haare auf dem Kopf und fünfzig Pfund zugelegt. Trotzdem vielen Dank.«

»Ich will Ihre Zeit nicht verschwenden. Ich möchte, dass Sie bei Gericht einen Antrag für mich stellen.«

Riders Erstaunen war offensichtlich. »Bei was für einem Gericht?«

Wenngleich die Musik seine Worte übertönte, sprach Harms noch leiser. »Beim höchsten Gericht, das es gibt. Beim Obersten Gerichtshof.«

Riders Kinnlade fiel herab. »Das ist ein Witz.« Doch der Ausdruck in Harms’ Augen besagte etwas ganz anderes. »Na schön. Und was genau soll ich beantragen?«

Mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung zog Harms trotz der Behinderung durch seine Fesseln einen Umschlag aus dem Hemd und hielt ihn hoch. Augenblicklich trat der Wächter heran und riss Harms den Umschlag aus der Hand.

Sofort protestierte Rider. »Gefreiter, das ist ein vertrauliches Gespräch zwischen Anwalt und Mandant.«

»Lassen Sie es ihn lesen, Samuel, ich habe nichts zu verbergen.«

Der Wächter öffnete den Umschlag und überflog den Inhalt des Briefes. Er nickte zufrieden, gab ihn Harms zurück und ging wieder zur entfernten Seite des Raumes.

Harms gab Umschlag und Brief an Rider weiter, der sich beides ansah. Als er wieder aufschaute, beugte Harms sich noch näher an ihn heran und sprach mindestens zehn Minuten lang. Während Harms’ Worte sich über Rider ergossen, riss der Anwalt mehrmals die Augen auf. Schließlich lehnte der Häftling sich zurück und schaute Rider an.

»Sie werden mir helfen, nicht wahr?«

Rider konnte nicht antworten, musste erst noch verdauen, was er gehört hatte. Hätte die Hüftkette die Bewegung nicht unmöglich gemacht, hätte Harms den Arm ausgestreckt und seine Hand über die Riders gelegt – nicht als Drohgebärde, sondern als nachdrückliche Bitte um Hilfe von einem Mann, der seit fast dreißig Jahren keine Hilfe mehr bekommen hatte. »Nicht wahr, Samuel?«

Schließlich nickte Rider. »Ich werde Ihnen helfen, Rufus.«

Harms erhob sich und ging zur Tür.

Rider schob das Blatt in den Umschlag zurück; dann verstaute er ihn und das Radio in seinem Aktenkoffer. Der Anwalt konnte nicht wissen, dass auf der anderen Seite eines großen Spiegels, der an einer Wand des Besucherraums hing, jemand den gesamten Austausch zwischen Häftling und Anwalt beobachtet hatte.

Und dieser Jemand rieb sich nun das Kinn, in tiefe und sorgenvolle Gedanken versunken.

KAPITEL 5

Um zehn Uhr erhob sich Richard Perkins, der Marshal des Obersten Gerichtshofs. Er trug einen grauen Frack, der auch die traditionelle Gewandung von Anwälten aus dem Büro des Staatssekretärs im Justizministerium war. Perkins stand an einem Ende des riesigen Richtertisches, hinter der sich neun Ledersessel unterschiedlicher Stilrichtung und Größe, aber alle mit hohen Lehnen befanden; dann schlug er mit seinem Hammer auf ein hartes Kissen. »Der ehrenwerte Oberste Richter und die beigeordneten Richter der Vereinigten Staaten«, verkündete er.

Der lange, burgunderrote Vorhang hinter dem Richtertisch teilte sich an neun verschiedenen Stellen, und dieselbe Anzahl von Richtern erschien. Sie wirkten steif und mürrisch in ihren schwarzen Roben, als wären sie soeben aus dem Schlaf hochgefahren und hätten festgestellt, dass sich neben ihren Betten eine Menschenmenge versammelt hatte. Als sie Platz nahmen, fuhr Perkins fort: »Hört, hört, hört. Wer dem ehrenwerten Obersten Gericht der Vereinigten Staaten etwas vorzubringen hat, der möge in Respekt und Achtung vortreten, denn das Gericht sitzt nun zurate. Gott schütze die Vereinigten Staaten und dieses hohe Gericht.«

Perkins setzte sich und ließ den Blick durch den quadratischen Gerichtssaal schweifen, der die Ausmaße eines kleinen Sportfeldes besaß. Die mehr als dreizehn Meter hohe Decke ließ das Auge beinahe nach dahinziehenden Wolken suchen. Nach einigen Präliminarien und der Vereidigung neuer, vor dem Obersten Gericht zugelassener Anwälte würde der Erste der beiden Fälle aufgerufen werden. An diesem Tag, einem Mittwoch, würden am Morgen nur zwei Fälle verhandelt werden. Nachmittags tagte das Gericht ohnehin nur am Montag und Dienstag. Donnerstags und freitags fanden keine mündlichen Verhandlungen statt. Und so würde es bis Ende April weitergehen, drei Tage die Woche, alle vierzehn Tage – etwa einhundertfünfzig mündliche Verhandlungen, bei denen die Richter die Rolle eines modernen Salomo für das Volk der Vereinigten Staaten übernahmen.

Beide Seiten des Gerichtssaals wurden von beeindruckenden Friesen geziert. Auf der rechten sah man Gesetzesschaffende aus dem vorchristlichen Altertum, auf der linken ihre Gegenstücke aus nachchristlicher Zeit. Zwei Heere, die bereit standen, übereinander herzufallen. Vielleicht um zu entscheiden, wer recht gehandelt hatte. Moses gegen Napoleon, Hammurabi gegen Mohammed. Das Gesetz, die Verkündung von Gerechtigkeit, konnte äußert schmerzhaft sein – sogar blutig. Unmittelbar über dem Richtertisch befanden sich zwei Marmorstatuen. Die eine stellte die Majestät des Gesetzes dar, die andere die Macht der Regierung.

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