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Die Wahrheit über meinen Hintern

Über die Autorin

Hilary Winston arbeitet als Autorin und Producerin für die kritikergepriesene Comedy-Serie Community und hat unter anderem für die mit dem Emmy ausgezeichnete Show My name is Earl geschrieben. Ihre Karriere begann sie damit, anderen Leuten Kaffee an die Schreibtische zu bringen, etwa beim National Public Radio. Das machen heute glücklicherweise andere Leute für sie, darauf ist sie stolz. Auch wenn sie selbst gar keinen Kaffee mag, leider. Hilary Winston lebt in Los Angeles. Mit ihrer Katze Lolly

Hilary Winston

Die Wahrheit
über
meinen Hintern

… und andere Dinge,
die nicht im Buch
meines Exfreundes stehen

Aus dem Amerikanischen von
Petra Trinkaus

Dieses Buch ist meinen Lieblingskatzen gewidmet (ihr wisst schon, wer gemeint ist) und all denjenigen, denen schon mal jemand das Herz gebrochen hat. Und die davon träumten, sich nur ein klitzekleines bisschen zu rächen. Und es nicht getan haben, weil sie Angst hatten, für bekloppt gehalten zu werden.

Ich halte den Kopf für euch hin.

Gern geschehen.

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Inhalt

Anmerkung für die Leser

Vorwort

Teil 1: Mein Freund hat ein Buch über mich geschrieben

Wie ich entdeckte, dass mein Exfreund ein Buch über mich geschrieben hat, und was ich sonst noch dagegen zu unternehmen beschloss, außer Verrisse auf amazon.com zu schreiben.

Ich bin die Freundin mit dem dicken Hintern

Teil 2: In den Grundfesten erschüttert

Die Trottel, Schlappschwänze und Schwulen, mit denen ich vor meiner ersten richtigen Beziehung zusammen war.

Alles fing mit einem Total kaputten Kid an

Total versaute Witze oder: Meine ganz persönliche Sexualaufklärung

Ich weiß, dass du da drin bist, Hure!

Hey, Baby, zeig mir dein Tattoo!

Der Fall des viel zu harten Handjobs

Er würdigte mich keines zweiten Blickes

Austin Powers jr.

Meine schwulen Exlover

Schamhafter Scheißer

Teil 3: Tandem-Baden oder: Meine erste erwachsene Beziehung

Ausführlicher Bericht über meine erste und letzte wichtige Beziehung und ihr Scheitern, bevor er ein Buch über mich schrieb.

Meine erste erwachsene Beziehung

Der postkoitale Lachanfall

Streitet ihr euch etwa vor der Katze?

Ein dubioses Kacka: Das Ende der Romantik

Das Hexeninternat: Meine sexuelle Fantasie

Das traurigste Bad

Mein Landestreifen klebt an dir

Teil 4: Kein Baden mehr (na ja, vielleicht noch ein paar Mal)

In diesem Abschnitt geht es um Geschichten aus meiner wilden Phase. Das ist der Abschnitt, der den Mitgliedern meiner Familie und möglicherweise auch meinen Freunden und Nachbarn am peinlichsten sein wird.

Ein richtiges, echtes, hundert Prozent originales Weihnachtswunder

Delta-Mitarbeiter versus Frustesserin mit gebrochenem Herzen

Telefonsex unter Kollegen

Wie findest du meine Möpse?

Der, der später berühmt wurde

Lollys Akne

Als ich jemanden versehentlich befriedigte

Wie ein Lean-Cuisine-Gericht das perfekte Date ruinierte

Der »Ich-kann-nicht-fassen-dass-ich-am Strand-lebe«-Typ

Der Texas Titty Twister

Ein Hurenbad

Geburtstagsbad mit einem Fremden

Was soll das ganze Gebade?

Teil 5: Furchtbare, schreckliche, gar nicht gute, sehr schlechte Dinge und ein völlig durchgeknallter Postbote

Die Wahrheit schmerzt, und diese Geschichten sind so wahr, dass es verdammt weh tut. Dazu gehören der Brustkrebs meiner Mutter, wie ich an meinem Geburtstag meine Katze ins Diabetikerkoma versetzte (sorry, Emmett) und andere Dinge, mit denen man Männer fasziniert.

Mamas Brustkrebs, meine sterbende Katze und andere prima Gesprächsthemen fürs erste Date

Gary, mein völlig durchgeknallter, notgeiler Postbote

Du glaubst nicht an die Liebe

Singles unerwünscht bei Build-A-Bear

Reinkarnationstherapie

eFrust: Mein Beutezug im World Wide Web

Teil 6: Wo kommen die gebrochenen Vaginas hin? Finden sie wieder nach Hause?

Jedes gute Buch, jeder gute Kampf hat ein Finale. Dieses Kapitel handelt davon, wie ich mein Herz reparierte und mir die Vagina brach – wortwörtlich.

Meine gebrochene Vagina

Unspirituelles Erwachen auf Parkdeck 4

Etwa vier Monate später

Das letzte Abendmahl à la Olive Garden

Epilog

Danksagung

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Anmerkung für die Leser

Dieses Buch ist so wahr, dass es wehtut. Ich erzähle die Geschichten so, wie ich sie in Erinnerung habe, mit meiner persönlichen Meinung über Menschen, Ereignisse und letzten Endes auch die Wahrheit. Einige Details wurden verändert, um (Un-)Schuldige zu schützen. Der einzige Mensch jedenfalls, über den ich mich mit diesem Buch lustig machen möchte, bin ich selbst und vielleicht noch meine zuckerkranke Katze. Falls du einer von den Jungs bist, mit denen ich zusammen war und über die ich hier geschrieben habe: sorry. Aber wir hatten doch Spaß … oder? Und komm schon, wahrscheinlich bist du derjenige, der Schluss gemacht hat.

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Vorwort

Ein bisschen Background, bevor es mit uns weitergeht, ich bin schließlich eine Lady.

Ich wurde in Los Angeles, Kalifornien, als Tochter eines Juristen und einer Bademoden-Designerin geboren. Ich habe eine Schwester, Christine. Sie ist Therapeutin und nach Meinung meiner Mutter viel, viel schlauer als ich. In der Grundschule machte sie einen IQ-Test, bei dem herauskam, dass sie ein Genie ist. Ich durfte einen solchen Test nicht machen, wahrscheinlich, weil sich meine Eltern ausrechneten, dass die Wahrscheinlichkeit, zwei Genies zur Welt zu bringen, sehr gering ist. So wurde ich zur dümmeren Schwester. 1980 zogen wir nach Corpus Christi in Texas, wo mein Vater im Autoteile-Laden der Familie arbeiten und ich mir einen leichten texanischen Akzent zulegen konnte.

Nachdem meine Eltern vier Jahre lang die Studiengebühren an der George Washington University bezahlt hatten, ermutigten/baten/erpressten sie mich, Anwältin zu werden und so all ihre Träume zu erfüllen. Das kam nicht einfach so aus heiterem Himmel, ich hatte darauf hingearbeitet. Ich ging auf die Uni in der Hoffnung, die erste republikanische US-Präsidentin zu werden, und übersprang sogar die erste High-School-Klasse, um mir einen Vorsprung vor den anderen Möchtegern-Elefantinnen zu sichern. Sofort nach meiner Ankunft in Washington D.C. schloss ich mich einer konservativen Studentenvereinigung an. Nach einem schlimmen Grillabend mit einem Haufen blasser Republikaner in Khakishorts, die die ganze Zeit den ultrakonservativen Radiomoderator Rush Limbaugh zitierten, fiel ich auf der Stelle vom Glauben an meine konservativen Wurzeln ab und machte eine 180-Grad-Wendung. Ich landete als Praktikantin für Bill Clinton im Westflügel des Weißen Hauses – pünktlich zur Umwandlung dieser Berufsbezeichnung in eine landesweite Lachnummer.

Um meinen moralischen Niedergang komplett zu machen, schloss ich mich der Uni-Comedytruppe Recess an. Wir tobten uns mit Improvisationen und Sketchen aus, als würden wir dafür bezahlt, und beim Verfassen dieser Sketche wurde meine Liebe zur Comedy geboren. Sie ist wie ein Geist. Hat man ihn einmal gesehen, kann man seine Existenz nicht mehr leugnen. Und als ich zur Comedy gefunden hatte, konnte ich nicht mehr leugnen, dass es genau das war, was ich machen wollte. Als ich nach einem Uni-Abschluss in International Affairs und nach Affären mit Typen, die meine Zuneigung nicht wirklich erwiderten, von der Uni abging, war ich komplett zur Linken übergelaufen und arbeitete als Assistentin bei einem Zusammenschluss nichtkommerzieller, freier Hörfunksender. Für meine Eltern war diese Zeit vermutlich der »Anfang vom Ende«. Und es war die Zeit, in der ich mir zum ersten Mal Katzen zulegte.

Als ich meinen Eltern sagte, dass ich Autorin werden wollte, sagten sie Nein. Immerhin waren sie meine Kapitalgeber. Ich glaube nicht, dass sie meine Träume zerstören wollten. Ich glaube, sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ihr kleines Herzblatt seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Pups- und Kackwitzen verdienen würde. Wenigstens gewann ich als Anwältin mit meinem High-School-Team einen Preis im Schauprozess. Damit brachte ich es in die Tageszeitung von Dallas – immerhin etwas, an dem sie sich festhalten können.

Ich weiß, dass ich meine Eltern mit dieser Berufswahl enttäuscht habe, obwohl ich es doch eigentlich »geschafft habe«. Seit fast acht Jahren verdiene ich mit dem Schreiben von Fernseh-Sitcoms (irgendwie ein Widerspruch in sich) meinen Lebensunterhalt. Ich weiß, dass meine Eltern stolz auf mich sind, obwohl sie es oft nicht zugeben wollen und dann ausweichend sagen: »Du musst doch sehr stolz auf dich sein.« Tatsächlich haben sie meinen Job also in gewisser Weise schätzen gelernt. Aber nun muss ich sie schon wieder enttäuschen, indem ich hier etwas sehr Unsüdstaatenmäßiges mache: meine schmutzige Wäsche vor anderen Leuten waschen. Ich bin vierunddreißig, und es gibt Geschichten, die einfach aus mir heraus wollen, unter anderem die über den Tod einer Beziehung und ihre Auferstehung in der Belletristik-Abteilung von Barnes & Noble. Genau genommen war es diese Story, die mich zum Auspacken inspirierte.

Meine Storys sind kein Stoff für rührselige Tragödien. Ich wurde als Kind nicht gekidnappt und mit Hackfleisch gefüttert. Ich habe keine schreckliche Krankheit besiegt und danach in einem schrumpfenden Regenwald ein Mittel gegen das Restless-Legs-Syndrom gefunden. Ich habe kein gehörloses Kind adoptiert (wohl aber beinahe ein blindes Kätzchen … nur beinahe, weil zu wartungsintensiv). Und ich habe keine Eizellen gespendet oder mir vor dem amerikanischen Kongress das Jungfernhäutchen wieder einsetzen lassen.

Aber es passiert etwas. Das Leben passiert. Im Lauf der letzten paar Jahre habe ich mich verliebt. Ich habe mich entliebt. Meine von Sexrobotern besessene bessere Hälfte beschloss, sich tiefgefrieren zu lassen. Meine Mama bekam Krebs und prahlte damit, wie viel sie abgenommen hatte. Meine Katze bekam Diabetes. Ich holte jemandem versehentlich einen runter. Ich brach mir die Vagina, wortwörtlich. Ich kaufte ein Haus. Ich legte einen fragwürdigen Haufen. Ich ließ meine komplette Schambehaarung entfernen. Ich hatte Schmerztabletten und Lean Cuisine zum Abendessen. Und gerade als ich dachte, meine Hiobs-Phase neige sich dem Ende zu, schrieb mein Ex ein Buch über mich.

Mein Ex hat unsere Geschichte einfach nicht kapiert. Und ich habe seit damals eine ganze Menge interessante Geschichten erlebt. Was soll ein ehemals braves Texas-Girl/jetzt Comedy-Autorin denn dann anderes machen als ein Enthüllungsbuch zu schreiben, um die Sache mit den Ex-Liebhabern ein für alle Mal klarzustellen? Hier ist sie also: Die »Best-of/Worst-of«-Version meines Lebens.

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Teil 1

Mein Freund hat ein Buch über mich geschrieben

Ich bin die Freundin mit dem dicken Hintern

Es ist ein Werktag im sonnigen Los Angeles, und ich möchte ihm den Schwanz abreißen. Ich stehe bei Barnes & Noble in The Grove, einem Freiluft-Shoppingcenter mitten in Hollywood, in dessen Zentrum ein großer, gepflegter, unnatürlicher Park mit einem kleinen, nachgeahmten Bellagio-Springbrunnen liegt. »Nachgeahmt« im weitesten Sinne des Wortes. Um die Weihnachtszeit »schneit« er Seifenblasen, zum Entzücken der shoppenden Bevölkerung von L.A., die völlig ausgehungert nach wechselnden Jahreszeiten ist. Am Wochenende fallen die Leute mit Familien und Kinderwagen hier ein. Die Erschaffer von The Grove, das größtenteils die Form eines Irrgartens oder einer Falle mit sehr wenigen Ausgängen hat, wollen einem das Gefühl vermitteln, als befände man sich an einem speziellen Ort, einer Enklave im tobenden Meer urbaner Enttäuschung, aber ganz egal, was es schneit, es bleibt ein verdammtes Einkaufszentrum.

Es ist ein herrlicher Tag. Es ist die Art Tag, wie ihn Kinder mit Wasserfarben malen – große gelbe Sonne, bauschige weiße Wolken und ein unwirklich strahlend blauer Himmel. Die Buchhandlung hat nicht besonders viele Fenster. Es ist mitten am Nachmittag, und der Laden ist überfüllt. Keine Ahnung, warum es hier immer so voll ist. Es ist doch nur eine Buchhandlung. Bibliotheken sind nicht so voll, und da gibt es dieselben Sachen – für umsonst! Es sind Unmengen Touristen da, und das haut mich um. Wenn man als Tourist in L.A. ist, warum geht man dann zu Barnes & Noble? Der Laden unterscheidet sich bestimmt kein bisschen von allen anderen Barnes & Noble-Läden.

Warum auch immer, jedenfalls schlendern die Leute durch die Gänge und beurteilen die Bücher nach dem Cover. Und dieselben Leute, die die Bücher beurteilen, beurteilen auch die Leute, die in diesen Büchern schmökern und Kaffee und Kekskrümel über In meinem Himmel verteilen, das sie zwar nicht kaufen wollen, jetzt aber gerade genießen. Es ist still, und alle verhalten sich bibliotheksmäßig ruhig. Ich hingegen will nicht ruhig sein. Ich will schreien und weinen und mir mit ihren schokoladenüberzogenen Keksen ins verdammte Herz stechen, aber das tut man nicht, mitten in Barnes & Noble an einem Wochentag. Vielleicht am Wochenende, wenn es lauter ist, aber nicht jetzt, nicht in einem halbvollen, dreistöckigen Laden mit erstaunlicher Akustik. Man würde mich rausschmeißen; man würde mich rausschleifen. Ich würde mich wehren und schreien und den Sicherheitsmann beißen, weil mir nichts anderes übrig bleibt, als irrsinnig zu werden. Und an alldem bin ich selbst schuld.

Dabei war ich nicht einmal in der Nähe. Ich war in der Reiseabteilung und kaufte Bücher über die Türkei, wohin ich mit meinem platonischen, besten Freund Len fahre. Wir werden ein Bett und unglaubliche Lebenserfahrungen miteinander teilen, denn ich habe ein Leben. Ich habe mich weiterentwickelt. Ich kenne mich mit Wein aus, rotem und weißem. Wenn ich per Flugzeug unterwegs bin, kaufe ich mir den Economist, und manchmal lese ich ihn sogar. Ich lade Leute zu mir nach Hause zum Essen ein, zumindest habe ich das einmal gemacht. Und trotz alledem werde ich plötzlich magnetisch von diesem Buch in der Belletristik-Abteilung angezogen, genau wie von einem Gespräch über Exfreundinnen. Man weiß, dass es nicht gut für einen ist, aber man kann nicht widerstehen. Ich sehe nichts anderes mehr im Laden. In diesem Laden mit den vielen Büchern, so vielen besser rezensierten Büchern, sehe ich nur noch seins. Sehe ich nur seinen Namen. Den Namen, den ich auf Notizblocks gekritzelt habe, um ein »Mrs« davorzusetzen, wie eine Viertklässlerin hinten im Schulbus. Den Namen, der, so dachte ich, auf meinen Hochzeitseinladungen und meinem Briefpapier, auf Wäsche und Partyservietten stehen würde. Den Namen, den meine Kinder hätten tragen sollen. Stattdessen aber steht sein Name nun auf diesem Buch und auf dem Notizblock einer anderen Frau. Und mir bleibt die Luft weg.

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Kyle und ich begegneten uns im Jahr 2000 bei einem Ivy-League-Uni-Umtrunk im Liquid Kitty, einer finsteren Martini-Bar. Martini und Zigarren waren damals total in, aber ich mochte keins von beiden. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte weder besonders viel Erfahrung mit Langzeitbeziehungen noch Lebenserfahrung überhaupt.

Wir waren beide nicht auf Ivy-League-Unis, dafür aber ein paar Freunde von uns. Ich wollte immer schon mit einem Ivy-League-Typen ausgehen, vielleicht weil ich Komplexe hatte, nicht auf einer solchen Elite-Uni gewesen zu sein. Hätte ich gewusst, wie viel einmal davon abhängen würde, hätte ich mich mehr angestrengt, dort reinzukommen.

Ein Idiot (Dartmouth) stieß mich an. Klassische Anmache. Ich wollte nicht mit dem Idioten reden (er hatte eine Menge Fragen, interessierte sich aber nicht für die Antworten) und landete bei seinem Freund, Kyle. Kyle war eher klein und hatte feines blondes Haar, das sich bemühte, seine Stirn, blaue Augen, Sommersprossen und blasse Haut zu verdecken. Man konnte sehen, dass er ins Fitnessstudio ging, vielleicht zu oft für meinen Geschmack. Ich fand heraus, dass wir beide aus Texas stammten. Ich lächelte. Er lächelte. Ich trug mein Haar in einem strengen Bibliothekarinnen-Knoten, damals mit missglückten blonden Strähnchen, und eine Hose, in der ich dick aussah. Mädchen mit ausladendem Hintern sollten keine Caprihosen tragen, egal wie angesagt sie gerade sind. In diese Falle bin ich mehr als einmal getappt. Wofür ich mich hiermit öffentlich entschuldige.

Ich schrieb Kyle meine Nummer auf die Visitenkarte meines Chefs (ich war Assistentin eines TV-Produzenten und hatte nicht mal eine eigene Karte) und schrieb »Texas Girl« darunter. Ich machte mir wohl insgeheim Sorgen, er könnte uns verwechseln, wenn er auch von anderen Mädchen Telefonnummern bekäme. Damals kannte ich Kyle eben noch nicht richtig. Er ist keiner, der sich auf Mädchen stürzt. Er gibt sogar zu, dass er Angst vor ihnen hat. Das mit »uns« war ein Zufall. Ich weiß, dass er diese Karte mit »Texas Girl« immer noch besitzt. Und obwohl wir heute beide in Kalifornien leben, sind wir im Herzen immer noch Texaner. Ich mag Dates mit Texanern. Texaner haben diese merkwürdige Liebe zu ihrem Heimatstaat, aber da wir uns dazu entschieden haben, Texas zu verlassen, wissen wir, dass es nicht perfekt ist. Kyle rief mich ein paar Tage nach dieser Begegnung an. Er klang, als müsse er sich das Lachen verkneifen.

»Hey, hier ist Kyle. Wir haben uns im Liquid Kitty kennengelernt.«

Ich war aufgeregt und verbarg das mit dem trockensten Ton, zu dem ich fähig war. »Ich erinnere mich.« Der Tonfall kostete Kyle sämtliches Selbstvertrauen, das er für den Anruf aufgebracht hatte. »Und, sollen wir irgendwann mal was trinken gehen?«

Ich schnappte hörbar nach Luft, dann sagte ich: »Was? Zum Essen bin ich wohl nicht gut genug?«

Oh, das Selbstvertrauen der Jugend. Kyle holte mich zu unserem ersten Date in meinem lausigen, heruntergekommenen Apartment am Fuß der Hollywood Hills ab. Die Wohnanlage war schon Monate vor meinem Einzug zum Drogentreff verkommen. An meiner Wohnungstür gab es Einbruchsspuren und in der Wohnung Kakerlaken. Ich habe sie nicht ausgesucht, das war einer meiner schwulen Exlover.

In meiner ersten Woche dort war ich gerade in der Wohnung des Verwalters, um ihm einen Scheck zu bringen, als ein anderer Mieter hereinstürmte und in extrem gepflegtem Englisch, jedes Wort glasklar artikulierend, schrie: »Sir, ich denke, Sie sollten wissen, dass ich gerade die Polizei gerufen habe. Mein Mitbewohner hat sich nämlich im Bad eingeschlossen, mit meinem Kokain und einer Hure … schon wieder.«

Der Nachbar über mir war auf Speed und lieh sich von mir zu den unglaublichsten Tageszeiten Klopapier aus, das er mir in Donuts zurückzahlte. Es war genau wie in der Anzeige »Reizendes 1-Zi-Ap. in Hllwd Hlls mit Aussicht«. »Aussicht« hatte man auf die Neon-Reklame eines Motels (The Falcon), es sei denn, man stieg aufs Bett, dann konnte man die Hollywood Hills sehen. Der Vormieter hatte einen Hund, und es roch nach Hundepisse. Als ich mich beschwerte, antwortete der Verwalter: »Moment. Wissen Sie, wonach es tatsächlich riecht? Nach dem Zeug, mit dem man Hundepisse wegmacht.« »Reizend« war schon richtig.

Damals war das Viertel zu gefährlich, um zu Fuß zu gehen, aber manchmal fuhr ich zum 7-11, nicht weit vom Plo-boy Liquor, auch so eine tolle Location, wo ich einmal zwei Obdachlose neben dem Parkplatz vor einer Schachtel hocken sah. Als ich einen Blick auf deren Inhalt warf, sah ich einen riesigen Blechkuchen mit der Aufschrift »Herzlichen Glückwunsch zur 100. Folge«. Willkommen in Hollywood. Ironie dieses Kalibers war so verbreitet wie Waschsalons. Ein Studio, in dem Schauspieler Porträtfotos machen ließen, lag direkt neben der anonymen Spritzentausch-Stelle. Nach ein paar Jahren aber verdrängten schicke Nachtclubs die Stripteaseclubs, das Theaterhaus, in dem die Oscar-Verleihung stattfindet, verdrängte »3 für 10 Dollar«-T-Shirt-Shops, und Starbucks verdrängte die Donutshops und Chinaläden. Und das Viertel verlor ganz schnell seinen »Reiz«.

Kyle wagte sich von der Westside in mein verrufenes Viertel. Auf der Westside war das Leben etwas einfacher. Das größte Problem dort war die Straßenreinigung. Kyle kam pünktlich zu unserem ersten Date, wartete aber fünfzehn Minuten auf der falschen Seite meines Hauses. Es war ein Nebeneingang, nicht der Haupteingang. Ich ärgerte mich, dass er zu spät kam. Er ärgerte sich, dass ich zu spät kam. Es war unser erster, aber mit Sicherheit nicht unser letzter Streit. Er machte einen Witz darüber, dass ich an der Ecke Dix/Wilcox Street wohnte. Ich war zu nervös und zu sehr eine Lady, um ihn zu kapieren.

Kyle hatte ein schwarzes, besticktes Schlüsselband, auf dem »Jesus 2000« stand. Ich fragte mich, ob er mir zu christlich sei. Wie sollte ich wissen, dass er später ein Buch schreiben würde, in dem er die Vaginas berühmter »Fotzen« beschrieb. Ganz toll.

Kyle ging mit mir zu einem altmodischen Italiener namens Micheli’s mit rot-weiß karierten Plastiktischdecken und verstaubten Pappmaschee-Gemüsen. Später gestand er, dass er kein anderes Restaurant in der Stadt kannte, das nicht zu einer Kette gehörte. Der Italiener war die Art Lokal, die nur zwei aufstrebende Hollywood-Assistenten als »stilvoll« beschreiben würden. Kyle hatte gerade die Filmhochschule abgeschlossen und keinen Job, er war einer von den Typen, die an einem Dienstagmittag um eins die Cafés und Buchläden bevölkern.

Kyle trug das Hemd, das, wie ich später erfuhr, sein »schickes Hemd« war: grau, synthetisch, glänzend. Ich trug mein »cooles« Outfit: ärmelloses limonengrünes Stretchoberteil, graue Stretchhose und rote Plateausandalen. In meinem Kleiderschrank herrschten noch die frühen Neunziger. Da ich in L.A. relativ neu war, war mir noch nicht klar, dass ich hier als »dick« galt. Ich stürzte mich auf das warme, knusprige Brot, sobald es auf unserem kleinen, vollgestellten Tisch landete. Zu trinken bestellte ich Chianti, weil das der einzige Wein war, den ich jemals getrunken hatte. Kyle und ich redeten das ganze Essen über pausenlos. Wir sprachen übers Schreiben und darüber, was einen Witz ausmacht und wie schwer es ist, es tatsächlich »zu schaffen«. Wir sprachen darüber, warum die meisten Frauen nicht witzig sind (die Gesellschaft trainiert ihnen die Pupswitze ab). Und er sagte, ich sei die witzigste Frau, die ihm je begegnet sei. Wir sprachen darüber, wie schwer es werden würde, Autor zu werden, und auch wenn wir es nicht zugaben, klang durch, dass wir beide unsere Erfolgschancen eher gering einschätzten. Wir verglichen unsere Jugend in Texas. Ich sagte, dass ich mich nach meinem Wegzug wie eine Vertriebene fühlte. Wir hatten beide konservative Eltern, die es lieber gehabt hätten, wir wären Anwälte geworden, statt unserem Traum nachzujagen. Ich weiß nicht mehr, was ich zu essen bestellte, denn es spielte keine Rolle. Nichts spielte eine Rolle außer uns. Es störte mich, dass uns der Kellner immer wieder unterbrach und fragte, ob wir mehr Wasser oder Dessert oder die Rechnung wollten. Ich wollte nichts weiter, als mit Kyle reden. Meine Brust hatte rote Flecken, ein super geheimes und total öffentliches Zeichen meines echten Interesses an einem Mann. Als wir mit dem Essen fertig waren, kam ein Typ in einer kompletten, klirrenden Ritterrüstung herein und machte dem Mädel neben uns einen Heiratsantrag. Wäre es eine Filmszene gewesen, hätte man sie dem Regisseur nicht durchgehen lassen. Man hätte gedacht: »So was macht doch im richtigen Leben keiner.« Die Glückliche weinte so heftig, dass man ihr gepiepstes Ja kaum hören konnte. Aber sie sagte Ja. Es gab Applaus und Trinksprüche und gute Wünsche für die Zukunft.

Ich sagte zu Kyle, nur halb im Scherz: »Ganz schön schräg, bei unserem ersten Date. Und das erste Date kann also zu so was führen.«

Ich lächelte. Er machte sich in die Hose. Ich dachte: »Bitte, mach, dass er Derjenige ist.« Er dachte: »Ist ihr Hintern wirklich so dick?« – aber das erfuhr ich erst später. Nach dem Essen lud ich ihn zu mir nach Hause ein, was für ihn Rummachen hieß und für mich mehr mit Reden über Comedy, Schreiben, das Leben, Schule, Verkehr und warum ich zwei Katzen und mehrere schwule Exlover zu tun hatte. Gegen Ende des Abends wollte er mich küssen, aber mein Kater, Emmett, vermasselte ihm die Tour. Zwei Katzen zu haben ist sowieso ein Erotikkiller. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis Kyle mich küsste.

Am Tag nach meinem ersten Date mit Kyle ging ich in mein trendiges Fitnessstudio in West Hollywood, Crunch. Es liegt in einem Shoppingcenter, in dem es auch ein Programmkino und einen Laden gibt, der offenbar ausschließlich Sexspielzeug für schwule Männer führt. Ich entdeckte Kyle und seinen Freund Benny (den ich damals noch nicht kannte). Ich sah scheußlich aus; ich trug zu enge Gymnastikshorts und ein verschwitztes T-Shirt mit »Las Vegas 2000« und einem Alien auf der Brust. Also machte ich, was jede wackere Lady tun würde, die auch nur einen Hauch von Selbstachtung besitzt: Ich versteckte mich.

Später fand ich heraus, dass Kyle mit Benny im California Pizza Kitchen zu Mittag aß (einem der wenigen für Kyle akzeptablen Lokale), um unser erstes Date durchzuhecheln. Benny erzählte mir Kyles Gesprächsbeitrag eines Abends nach ein paar Drinks:

»Ich bin gestern Abend mit diesem echt coolen Mädchen ausgegangen, aber sie hat den dicksten Hintern, den ich je gesehen habe.«

Benny wollte mich nicht verletzen. Ich glaube, er versuchte witzig zu sein, aber das Wörtchen »je« hätte er ruhig weglassen können. Er hätte sagen können, »den dicksten Hintern, den ich seit langem gesehen habe«.

Als Kyle und ich uns regelmäßig trafen, gingen wir in das Programmkino im Shoppingcenter. Wir sahen einen Film mit dem Titel Jesus’ Son, und als ich die Rolltreppe hinauffuhr, war ich schockiert, Kyle in hellblauen, acid-washed Jeans zu sehen, die er, wie sich später herausstellte, auch noch als Shorts besaß. Ein erwachsener Mann in acid-washed Jeans-Shorts. Ein absoluter Abtörner. Genau wie mein Riesenhintern. Nach unserem vierten Date in einem kitschigen mexikanischen Restaurant mit flambierten Margaritas und Kellnern, die endlich die Stühle hochstellen wollten, gingen wir wieder zu mir und machten Smalltalk über mein beiges IKEA-Sofa, und ich sagte: »Also, willst du mich eigentlich irgendwann küssen, oder was?«

Da beugte er sich zu mir rüber und tat es. Der erste Kuss. Ich hasse ihn. Er ist immer irgendwie linkisch und bringt mich an komischen Stellen zum Schwitzen. Dies aber war der grässlichste erste Kuss aller Zeiten. Meine Lippen waren fest zusammengepresst, als wollte meine Mutter mir Hustensirup einflößen – ein wirklich bizarrer Gedanke, wenn man gerade geküsst wird. Mein mickriges Selbstbewusstsein redete mir ein, er täte das nur, weil ich ihn gefragt hätte. Zum Glück wurde es besser.

Und das war’s. Nach ein paar weiteren Wochen Dating waren wir unzertrennlich. Kyle war mein erster richtiger Freund. Der erste Typ, der mich seinen Eltern vorstellte. Der erste Typ, mit dem ich so häufig Sex hatte, dass es der Rede wert ist. Der erste Typ, der sich darum sorgte, ob ich beim Sex kam oder nicht. Der erste Typ, der sich um mich kümmerte, als ich Darmgrippe hatte (2001 über Silvester, zwei Kilo abgenommen!). Der erste Typ, der mir einen Geburtstagskuchen kaufte. Der erste Typ, der einen Zettel auf mein Bett legte, auf dem stand, dass er kaum abwarten könne, mich wiederzusehen, sodass ich ihn fand, als ich von der Arbeit zurückkam. Der erste Typ, der Klopapier in meinem Po fand. Der erste Typ, der sagte, dass er mich liebte.

Süß, oder? Er spielte Baseball; ich besuchte Improvisationskurse im Groundlings Comedy Theatre. Er trank Bier; ich trank Cola light. Er litt unter zwanghaftem Ordnungswahn; ich war ein Messie. Er hatte einen perfekten, haarlosen Körper; ich hatte mich noch nie enthaart. Wir badeten jeden Morgen und jeden Abend zusammen. Zu Beginn unserer Beziehung wohnte er in einer finsteren, schäbigen Eigentumswohnung aus den Siebzigern, mit einer komischen winzigen Wanne im Bad. Wir saßen im Schneidersitz darin. Manchmal machten wir das Licht aus und zündeten Kerzen an. Dort fanden immer die ernsten Gespräche statt, und das war gut so. Es ist schwer, richtig wütend auf jemanden zu werden, wenn man nackt und in einer winzigen komischen Wanne zusammengequetscht ist. Kyle und ich aßen jeden Sonntagabend im Olive Garden. Der Kellner kannte unsere Bestellung auswendig (Salat und Grissini als Hauptmahlzeit mit einem Halb-Marinara-halb-Alfredo-Dip für mich. Hühnchen mit Parmesan für ihn). Wir schrieben ein Drehbuch nach dem anderen, jagten einer Gelegenheit nach der anderen hinterher und fragten uns ständig, ob wir wirklich zu denjenigen gehören würden, die es in Hollywood tatsächlich schafften. Wir schafften es tatsächlich. Nur eben nicht, als wir zusammen waren.

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Sein Buch liegt in riesigen Stapeln vor mir und in drei verschiedenen Farben (Rot, Blau, Schwarz). Keine Illustration auf dem Umschlag, nur der schlichte Titel und drinnen eine Geschichte, die für mich alles andere als gewöhnlich ist. Die Schrift des Titels ist schlicht und einfach, und würde ich den Namen nicht kennen, der unten in derselben schlichten, einfachen Schrift gedruckt ist, würde ich mich angezogen fühlen. Ich aber fühle mich abgestoßen. Ich will dieses Buch nicht lesen. Aber da liegt es. Und hier stehe ich … und schwitze. Mein Mund ist trocken. Ich zittere. Ich werde mich übergeben.

Die erste Zeile der ersten Seite, die ich aufschlage, handelt von seiner Freundin mit dem dicken Hintern, die Improvisationskurse am Groundling besucht. Ich sterbe. Ich sterbe auf der Stelle. Ich habe Improvisationskurse am Groundling besucht. Ich habe einen dicken Hintern. Ich war seine Freundin. Dieses Buch liegt in der Belletristik-Abteilung, also hat es verdammt noch mal Fiktion zu sein! Wo ist hier die Fiktion? Ich blättere fieberhaft die Seiten um, Worte, Menschen, Orte, Erinnerungen rasen mir durch den Kopf. Liebe Leser, wisst ihr noch, der Typ, der seiner Freundin in Ritterrüstung einen Heiratsantrag machte? Da steht’s! Und die Hauptfigur hat eine langfristige Beziehung mit seiner Freundin, die einen dicken Hintern hat. Wisst ihr noch, mein dicker Hintern?! Und sie wohnen in der Nähe der University of California. Wir wohnten in der Nähe der UCLA! Ich hatte das noch nicht erwähnt, aber es stimmt.

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Als wir ein Jahr zusammen waren, wollte ich mit Kyle zusammenziehen. Für mich ging es darum, mit jemandem aufs nächste Level zu gelangen. Es ging darum, ihn nicht zu verlieren. Er weigerte sich. Er hatte Angst, wir würden dann nur noch nebeneinanderher leben. Ich hörte irgendwann auf, davon zu reden. Und eines Tages war er so weit.

Wir nahmen das erste Haus, das wir besichtigten. Es lag in Westwood, nahe der UCLA, nur ein paar Blocks von seinem alten Apartment entfernt. Ich wollte lieber weiter im Osten wohnen, aber ich opferte mich. Das Haus war göttlich. Sah aus wie ein englischer Landsitz. Zwei Stockwerke. Zwei Schlafzimmer. Zwei Parkplätze. Zwei Badezimmer. Zwei Eingänge. Zwei Leute. Eine gigantische Badewanne. Der Wohnkomplex stammte aus den Dreißigern, und in unserem Haus standen noch ein paar der ursprünglichen Möbel. Angeblich hatten dort einmal zwei Oscar-Gewinner gewohnt, deren Namen aber schon längst vergessen waren. Wir sahen das als Zeichen. Wir unterschrieben einen Mietvertrag für zwei Jahre. Ich führte die Verhandlungen, und ein Trick, die Miete zu senken, bestand darin, zu sagen, dass wir auf unsere Hochzeit sparten, woran ich auch tatsächlich glaubte. Wie sich herausstellte, sparte ich auf ein Haus, das ich alleine kaufen würde.

Muffins.tif

Ich blättere durch sein Buch, mein Herz rast, mein Gesicht glüht. Dieses Buch ist unser Leben. Unsere Freunde, unsere Familie, unser Sex. Dieses Buch trieft von unserem Sex. Die Sachen, über die wir wieder und wieder redeten. Dieses »Du machst dies« (du schläfst bei meinen Baseballspielen) und »Du machst jenes« (du redest ständig von Robotern), worüber man so lange lacht, bis man sich streitet und es als Munition verwendet. Jede Seite ist Verrat; jede Seite reißt mir ein Kleidungsstück herunter, bis ich nackt vor den ältlichen Touristen bei Barnes & Noble stehe. Das Buch liegt in so wahnsinnig vielen Exemplaren aus, und ich möchte es verstecken wie ein schmutziges Sexvideo. Wir haben tatsächlich mal ein Sexvideo aufgenommen, mit der Handkamera. Und als wir es uns ansahen, sagte Kyle nur: »Ich sehe fett aus.« Kyle! In 69er-Stellung sieht jeder fett aus. Die 69 und ein ominöser Ich-Erzähler ziehen sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Was wohl seine Eltern dazu sagen werden?!

Ich vermisse seine Familie. Jedes Mal, wenn ich in Dallas lande, denke ich an seine Eltern und seine Schwester. Den Schokoladen-Zimt-Kuchen und das fröhliche Lachen seiner Mutter, die fanatische Liebe seines Vaters zum Uni-Football und seine Schwester, die ich nie in etwas anderem als im Sweatshirt gesehen habe, und ihre unglaublichen Zeichnungen. Ihr klitzekleiner Chihuahua, Corky, dessen Würstchen aussehen wie dunkle Kaubonbons. Seine Mutter und Schwester sind jetzt meine Facebook-Freunde. Wir werden sehen, was passiert, wenn sie das hier lesen.

Auf der Hochzeit von Kyles Schwester war ich furchtbar neidisch. Neidisch darauf, dass zwei Menschen so genau wussten, was sie wollten. Sie war fünf Jahre jünger und hatte ihren Mann später kennengelernt als ich Kyle. Ich war für das Gästebuch zuständig, in das scheinbar niemand hineinschrieb, und ich glaube, die Familie ist immer noch sauer deswegen. Kyle sagte mir am Abend dieser traditionellen, förmlichen Traumhochzeit in Schwarz und Weiß und mit roten Rosen, dass er sich nicht vorstellen könne zu heiraten, auch nicht in ferner Zukunft. Ich war verzweifelt. Ich weinte im Flur vor ihrer Honeymoon-Suite. Die meisten Menschen werden bei Hochzeiten von romantischen Gefühlen befallen, nicht von Ekel.

Kyle wollte nicht heiraten, aber etwas in ihm wollte Kinder, um sie zu formen und zu modellieren. Das war mein »Fuß in der Tür«, dachte ich. Wir badeten oft und sprachen häufig darüber, wie wir unsere Kinder nennen würden. Ich mochte Clementine oder Wilson. Er war für Robot oder Dead. Ich sagte, »Robot« klänge zu sehr wie »Robert«, und jeder würde den Jungen einfach »Robert« nennen. Ich dachte, ich sei aus diesem Streit als strahlender Sieger hervorgegangen, bis er mit »Dead« anfing. Er fand die Vorstellung saukomisch, ein klitzekleines Baby im Kinderwagen liegen zu haben, und wenn die Leute fragten »Na, wie heißt der süße kleine Kerl?«, konnte Kyle sagen »Dead – tot«. Was ihn daran reizte, war das Unbehagen, das er bei den Leuten auslöste. Unbehagen auszulösen gehörte zu Kyles Lieblingsdingern.

Während wir zusammen waren, verreisten wir getrennt und vermissten einander. Wir verreisten zusammen und vermissten unser Zuhause. Wir machten aus unserem Haus ein Zuhause. Einen Cocktail aus der Wäsche, die er nie wegräumte, und meinen Gap-Schlussverkaufsklamotten, die nicht in den Schrank passten. Eine Mischung aus meinen Katzen und seinen Action-Figuren, aus seinen Science-Fiction- und meinen Selbsthilfebüchern. Wir aßen Salat und Grissini als Hauptgericht, wir gingen zusammen ins Gym; wir sparten unser Geld für Sachen, die später auf dem Bürgersteig endeten und in der Nacht von Familien in heruntergekommenen Mini-Vans eingeladen wurden. Wir bettelten, wir hofften, wir beteten (nicht-religiös) um Schreibjobs, damit wir unsere Eltern/Exen/High-School-Stars anrufen und ihnen sagen konnten: »Ich hab’s immer gewusst.«

Wir waren mehr als dieses Taschenbuch, das in riesigen Stapeln in drei verschiedenen Farben auf dem Büchertisch lag, mehr als Futter für nachmittägliche Gaffer. Ich war am Boden zerstört. Das war es. Und er hatte nicht mal den Nerv, es als Sachbuch zu verkaufen.

Sechs Monate, bevor das Buch herauskam, gingen wir bei einem Italiener namens Dominic’s essen, zum ersten Mal seit unserer Trennung. Es war die edlere Variante des Lokals, in dem wir bei unserem ersten Date waren. Ich hatte ihn um das Treffen gebeten; er gestand, er hätte gedacht, ich hätte mich vielleicht verlobt und wollte es ihm mitteilen. Es schmeichelte mir sehr, dass er das dachte, aber natürlich befand ich mich gerade am hässlichen Ende einer Beziehung mit jemandem, der schlimm für mich war, und er war am Anfang von einer Sache mit einer, die er toll fand. Ich fragte, wer hübscher sei, seine neue Freundin oder ich. Als ich diese Worte aus meinem Mund hörte, schämte ich mich. Die Antwort war nicht so wichtig1, weil er mit ihr badete. Sie war sauer, dass wir zusammen essen gingen. Ich wünschte mir, dem Typen, mit dem ich zusammen war, wäre es nicht egal, ob ich jemand anderen vögelte.

Bei Spaghetti und knusprigem Weißbrot (genau wie beim ersten Date) erzählte Kyle mir, er hätte ein Buch verkauft. Ich war froh und traurig und neidisch und fragte mich, ob er mehr verdiente als ich.

Ich sagte mit gezwungenem Lächeln: »Das ist ja super.« Kyle erwiderte lässig: »Yeah. Ziemlich cool. Genau das, was ich immer wollte.« Unsere Worte waren nichtssagend, aber schwerwiegend. Ich hatte so etwas schon mal erlebt.

Als ich noch in D.C. lebte, traf ich in der U-Bahn einen Ex aus der Uni. Wir tauschten Hallos und Smalltalk aus. Ich hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er mir mit seinen schmutzigen Fingernägeln das Herz aus dem Leib gerissen hatte. Als wir so dastanden und sehnsüchtig auf die Haltestelle warteten, redeten wir übers Wetter. Das Wetter! Ich wollte so laut schreien, dass es alle Pendler hörten: »Du hast mich nackt gesehen. Du Arschloch!

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