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Die Wärme eines Sommers

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

Marcia Willett

Die Wärme eines Sommers

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Sonja Schuhmacher
und Rita Seuß

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Anne Ellison

DANKSAGUNGEN

Ich danke Bridget Rochard. Und ich danke
dem britischen Seenotrettungsdienst,
insbesondere der Crew des SALCOMBE LIFEBOAT,
die Jemima erlaubt hat, in den
Mannschaftsquartieren zu »wohnen«.

vignette_links.jpg Erster Teil vignette_rechts.jpg

EINS

Der Mann gegenüber, der per Handy telefonierte, belog seine Frau. Er lehnte sich an den Tisch, betrachtete die Landschaft, die draußen vorbeizog, und sprach mit leiser Stimme. Seine kräftigen Finger mit den gepflegten Nägeln und dem schweren Goldring trommelten nervös auf die Tischplatte, während er sich hin und wieder einen tiefen, ärgerlichen Seufzer abrang.

»Haben wir das nicht alles schon getan, Liebling?« Unüberhörbar schwangen Wut und Ungeduld in der höflich gestellten Frage mit, und dieses »Liebling« war eher eine Ohrfeige als eine Zärtlichkeit. »Ich habe dir doch gesagt – oder etwa nicht? –, dass ich heute Abend wahrscheinlich nicht nach Hause kommen kann … Es interessiert mich, ehrlich gesagt, nicht im Geringsten, was Jill meint … wie lange die Sitzung dauert. Sie hat keine Ahnung … Okay, sie weiß also, dass Lisa auch kommt. Wir waren uns doch einig, dass es keine gute Idee ist, die Ehefrauen meiner Kollegen zu Rate zu ziehen, wenn du wieder einmal einen dieser – Anfälle hast … Ich weiß, aber das ist die Wahrheit. Sie ist zufällig in meiner Abteilung, und wir arbeiten gemeinsam an diesem Projekt. Mehr nicht … Natürlich ist es schwierig, aber ich kann doch nicht verlangen, dass man sie rauswirft, nur weil sie jung und attraktiv ist … Meine Güte …«

Er wurde immer lauter, zügelte seine Ungeduld nicht mehr und warf Louise über den Tisch hinweg einen argwöhnischen Blick zu. Louise fühlte sich ertappt, wandte hastig die Augen ab und schaute aus dem Fenster. Auf einer Wiese, die sich zu einem schmalen glitzernden Bach senkte, stand eine junge Frau, ein Kind im Arm, und blickte dem vorbeifahrenden Zug nach. Sie winkte und ermunterte auch das Kind dazu, bewegte seine Hand und ließ es lachend auf der Hüfte wippen, während es unverwandt zum Zug aufsah. Louise beobachtete die beiden erschrocken und war einen Augenblick wie gelähmt, bevor sie sich vorbeugte und fast allzu ungestüm zurückwinkte, bis Frau und Kind in der Ferne verschwanden. Ihr Atem ging rasch, als sie in ihren Sitz sank, bemüht, die Gefühle zu unterdrücken, die sie mit einem Mal überwältigten.

Ihr Mitreisender hatte sein Telefongespräch beendet und musterte sie neugierig. Er taxierte sie wie ein Angler die Chancen auf einen guten Fang. Sie wusste schon, was jetzt kam. Gleich würde er seine Chancen austesten.

»Freunde von Ihnen?«

Das war ein ziemlich harmloser Köder, eine leicht auf und ab wippende, hübsche kleine Fliege, ein nicht gerade aufregender, aber charmanter Versuch, ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Sie beschloss, sich ein Stück weit darauf einzulassen, war es doch eine willkommene Ablenkung von ihren verwirrenden Gefühlen beim Anblick der Frau mit dem Kind.

»Nein, nein. Ein Reflex vermutlich. Wenn jemand winkt, ist es doch nur natürlich zurückzuwinken, oder?«

»Tja, ich weiß nicht.« Er rutschte auf seinem Sitz hin und her und streckte dann die Beine unter den leeren Sitz neben ihr. »Kommt ganz darauf an, wer winkt.«

Sein Lächeln und ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen deuteten an, dass er ganz bestimmt zurückwinken würde, wenn sie es wäre oder eine andere attraktive junge Frau. Sie ließ sich nicht anmerken, dass sie mit genau dieser Reaktion gerechnet hatte.

»Da ist was dran.« Träge umkreiste sie den Köder.

»Tut mir Leid, dass ich Sie mit meinen … äh … privaten Problemen belästigt habe«, sagte er hastig und deutete auf das Handy, das zwischen ihnen auf dem Tisch lag. »Das gehört sich nicht, aber …« Er spitzte spöttisch die Lippen und fügte in verschwörerischem Ton hinzu: »… diese argwöhnischen Ehefrauen …«

Die Fliege zitterte verführerisch, eine Einladung, sie genauer in Augenschein zu nehmen.

»Woher wollen Sie wissen«, fragte sie beiläufig, aber mit einer Spur amüsierter Koketterie, »dass ich nicht auch so eine ›argwöhnische Ehefrau‹ bin?«

Er machte es sich auf seinem Sitz noch bequemer, voller Zuversicht, sodass sie sich den Angler vorstellen konnte, seinen schief sitzenden Hut, seine Hand, die Rute locker, aber fest im Griff. »Oh, Sie sehen überhaupt nicht danach aus. Dafür sind Sie viel zu hübsch.«

»Finden Sie?«

Angebissen? Er schickte sich an, die Leine ein wenig einzuholen. »Auf jeden Fall. Und offenbar auch selbstbewusst. Nur unsichere Frauen werden eifersüchtig. Und reizlose natürlich.«

»Ist Ihre Frau denn reizlos?« Sie spielte mit dem Köder, verlockte den Mann zum Verrat. »Oder unsicher?«

»Nur ein wenig unausgeglichen. Schwieriges Alter. Ziemlich zermürbend auf die Dauer.«

»Dann bildet sie sich alles nur ein?« Ihre Stimme klang beinahe verächtlich; der Köder erwies sich als ziemlich fade.

»Oh, das würde ich nicht sagen.« Er ließ den Köder erneut tanzen, das spitzbübische Lächeln, das Erfahrung und Lust versprach. »Was sie nicht weiß, macht …« Er zuckte die Achseln.

»Scheint so, als wüsste sie mehr, als Sie gedacht haben.«

Überraschenderweise lachte er, und angesichts dieser spontanen Reaktion konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wider Willen fühlte sie sich von ihm angezogen.

»Eins zu null für Sie«, sagte er und lächelte zurück … Eine Pause entstand, sie sahen einander an. Die Angelleine straffte sich.

»Heikel, das Ganze, nicht …?« Sie ließ die Frage einen Augenblick im Raum stehen. »Vielleicht habe ich einen argwöhnischen Ehemann.«

»Das würde mich kein bisschen überraschen.« Seine Stimme klang erregt. »Andernfalls wäre er ein Dummkopf.«

»Also?« Sie beugte sich vor, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, und täuschte Vertraulichkeit vor. »Wie machen Sie das?«

»Ah.« Er lächelte beinahe selbstgefällig, und sie hatte das Gefühl, langsam, aber unaufhaltsam in seinen Bann gezogen zu werden. »Das habe ich meinem Freund hier zu verdanken, wissen Sie.«

Er hob das Handy hoch, und sie starrte verblüfft darauf. Er kicherte.

»Ich habe es immer bei mir. Keine verdächtigen Anrufe zu Hause, nicht die Ausreden, jemand habe sich verwählt, wenn meine Frau rangeht. Ich bin immer und überall erreichbar. Ich kann Nachrichten verschicken. Na ja, vorausgesetzt, dass die andere Person auch ein Handy hat. Auf der Telefon- oder der Hotelrechnung taucht nichts auf. Natürlich« – ein unmerkliches Augenzwinkern –, »natürlich schalte ich es aus, wenn ich in einer … Sitzung bin.«

»Nachrichten verschicken?«

»Genau. Man kann dem Menschen, den man liebt, alles schriftlich mitteilen. Man muss gar nicht sprechen. So kann man die Verbindung aufrechterhalten. Und in der nächsten Sekunde kann man die Nachricht wieder löschen. Keine Beweise und damit keine Lügen. Haben Sie keins?«

»Nein«, erwiderte sie langsam. »Nein. Ich bin ein bisschen technikfeindlich. Mikrowelle und Video – das genügt. Deshalb – nein, ich besitze kein Handy.«

Er beugte sich noch weiter zu ihr herüber und lächelte wieder, als sei er sicher, sie schon am Haken zu haben. »Vielleicht sollten Sie sich eins zulegen. Ich würde Sie gern beraten …«

Sie musterte ihn eine Weile, bis sie in einen Bahnhof einfuhren. Sie blickte aus dem Fenster.

»Ich muss aussteigen.«

»Was?« Er starrte sie ungläubig an. Die Leine schnellte zurück, seine Beute entwischte ihm, die Angelrolle surrte hilflos. »Wo sind wir? Totnes?«

»Richtig.« Sie schulterte ihre Tasche und nahm ihren Mantel. »Ich mache hier zwei Wochen Ferien. Vielen Dank für die Tipps.«

»Warten Sie.« Er kritzelte eine Nummer auf ein Blatt Papier und riss es aus seinem Filofax. »Falls Ihnen langweilig wird …«

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Ganz bestimmt nicht. Viel Spaß bei Ihrer … Sitzung.«

Die Abteiltür ging auf und schloss sich hinter ihr. Der Zug hielt. Er blickte ihr nach, als sie über den Bahnsteig ging.

»Mist!«, murmelte er. Übellaunig wählte er eine Nummer. »Hallo, Lisa … natürlich ist es okay.« Er schmiegte sich in seinen Sitz, als der Zug wieder anfuhr. Seine Miene hellte sich auf. »Du Ärmste, hast du dir etwa Sorgen gemacht? Es ist alles in Ordnung. Ich fahre gerade durch Totnes. Nein, eine sterbenslangweilige Fahrt. Ich habe die ganze Zeit gearbeitet …«

Brigid Foster wartete in ihrem alten Kombi und beobachtete den Ausgang des Bahnhofs, während sie gleichzeitig die Taxireihe im Blick behielt, aus Angst, den Verkehr zu blockieren. Als sie Louise entdeckte, sprang sie aus dem Wagen, um ihr mit dem Gepäck zu helfen und sie herzlich zu umarmen.

»Ich habe keinen Parkplatz gefunden, deshalb konnte ich dich nicht vom Bahnsteig abholen«, sagte sie, als sie losfuhren. »Gott sei Dank war der Zug pünktlich. Die Leute haben mir schon böse Blicke zugeworfen. Wie war die Fahrt?«

»Gut, danke.«

Louise wirkte etwas geistesabwesend, und Brigid musterte sie von der Seite. Seit drei Jahren machte Louise Urlaub in einem von Brigids Ferienhäusern, und die beiden Frauen hatten sich angefreundet. Brigid wusste, dass Martin Parry zweimal im Jahr mit drei alten Freunden vierzehn Tage zum Golfspielen fuhr und Louise diese Zeit in Devon verbrachte. Sie wanderte gern und war von der Flora und Fauna Südwestenglands begeistert. Brigid, deren Mann zur Besatzung eines U-Boots der britischen Marine gehörte, kannte das Alleinsein nur allzu gut. Sie wusste, dass Louise diese Zeit der Einsamkeit genoss. Brigid war in Dartmoor als einziges Kind eines irischen Archäologen aufgewachsen und hatte von ihrem Vater eine exzentrische Veranlagung geerbt, und so fand sie nichts Sonderbares dabei, wenn man das Bedürfnis hatte, stundenlang allein durch das öde, stille Moor zu wandern.

»Ich mache mir wirklich Sorgen um sie«, sagte Humphrey hin und wieder, wenn sein Urlaub mit Louises Ferien zusammenfiel. »Du bist hier aufgewachsen und kennst das Moor wie deine Westentasche, aber Louise ist ein Stadtmensch. Es kann gefährlich sein hier draußen.«

»Nur weil sie in London lebt, ist sie doch noch lange kein Stadtmensch«, erwiderte Brigid gelassen. »Sie weiß, was sie tut.«

Bei ihren ersten Besuchen hatte Brigid Louise »ihr« Moor gezeigt, ihr von den Tücken und Gefahren erzählt. Doch sie hatte rasch gemerkt, dass Louise nicht unerfahren war. Brigid freute sich auf Louises Besuche. Ab und zu aßen sie gemeinsam zu Abend, kauften zusammen in Ashburton ein, tranken Kaffee im Green Ginger oder fuhren nach Salcombe zum Tee zu Brigids Halbschwester Jemima Spencer. Doch keine drängte sich der anderen auf. Obwohl sie sich seit sieben Monaten nicht mehr gesehen hatten, unternahm Brigid keinen Versuch, Louise aus ihren Gedanken zu reißen.

Louise kämpfte gegen die Flut von Erinnerungen an, die beim Anblick der winkenden Mutter mit ihrem Kind draußen vor dem Zugfenster in ihr wach geworden waren. Sie war Brigid dankbar, dass sie nicht in sie drang, und freute sich, ihre Freundin wiederzusehen. Brigids schönes blondes, beinahe schulterlanges Haar war an diesem Tag mit einem ausgebleichten Baumwolltuch zusammengebunden. Ihre großen dunkelblauen Augen wurden von feinen Fältchen umrahmt. Das viel zu große Sweatshirt, das sie trug, gehörte wahrscheinlich Humphrey, und unter den Jeans zeichneten sich ihre knochigen Knie und ihre eleganten, langen Beine ab. Ihr Gesicht wirkte streng und kühl, man sah ihr nicht an, zu wie viel Herzlichkeit sie fähig war. Louise kannte diese Herzlichkeit – und noch vieles mehr. Sie wusste, wie stolz Brigid auf ihre beiden Söhne war und wie sehr sie sich über ihr neugeborenes Enkelkind freute. Als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten und in Richtung Dartington fuhren, entspannte sich Louise ein wenig.

»Wie geht ’s euch so?«, fragte sie. »Was macht Humphrey? Deine Mutter? Blot?«

Brigid schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. »Frag lieber nicht. Humphrey ist für sechs Monate auf die Bahamas versetzt worden; er ist dort für die Logistik oder so etwas zuständig. Mummie ist zu dem Schluss gekommen, dass sie das Frühstadium von Alzheimer erreicht hat, und braucht ständig Aufmunterung, um nicht in Depressionen zu verfallen. Blot schmollt, weil Freunde für die Dauer ihres Urlaubs ihren Hund dagelassen haben. Er fühlt sich dadurch vernachlässigt. Ansonsten hat sich hier auf Foxhole nicht viel verändert. Ach ja, vielleicht sollte ich dich warnen. In Devon hat es in letzter Zeit zwei Morde gegeben.«

»Du meine Güte!«, sagte Louise erschrocken.

»Aber nicht in der Nähe von Foxhole oder dem Moor«, beeilte sich Brigid beruhigend hinzuzufügen. »Der zweite ist drüben an der Nordküste passiert, der erste bei Exeter. Beide Male waren die Opfer alleinstehende Frauen, und daher vermutet die Polizei, dass ein Zusammenhang besteht. Der zweite Mord liegt jedenfalls schon ein paar Wochen zurück und geschah sechzig Kilometer von hier entfernt.« Sie zögerte. Sie musste Louise warnen, wollte sie aber auch nicht unnötig ängstigen. »Devon ist ziemlich groß. Es wäre was anderes, wenn zwei Morde in Chiswick passiert wären.«

»Ja, ich verstehe. Trotzdem, schrecklich.« Louise versuchte ihre ängstliche Reaktion herunterzuspielen. »Keine Sorge, ich leide nicht an Verfolgungswahn!«

»Gut. Hast du schon was zu Mittag gegessen?«

»Ja. Ein Sandwich im Zug.« Sie blickte wieder aus dem Fenster und seufzte zufrieden. »Schön, wieder hier zu sein, Brigid. Das Land wirkt so frisch, strahlend und grün.«

»Das liegt daran, dass es seit drei Tagen regnet.« Brigid fuhr über die Brücke auf die A 38 und nahm die Abzweigung nach Buckfast, die hinter der Abtei vorbeiführte. »Möchtest du in Holne ein paar Einkäufe erledigen, oder willst du damit lieber bis morgen warten? Heute Abend bist du selbstverständlich bei mir zum Essen eingeladen, wie immer. Ich habe auch ein paar Lebensmittel für dich eingekauft.«

»Ja, lieber morgen. Heute hab ich keinen Sinn dafür. Ich habe eine Flasche Wein zum Abendessen mitgebracht.«

Sie verstummte, als sie den Wald von Hembury erreichten und in einen von Licht und Schatten gesprenkelten Blättertunnel eintauchten. Leuchtende, dicke Mooskissen und zarte weiße Buschwindröschen wuchsen zwischen uralten Bäumen. Zwei Elstern stießen mit krächzendem Geschrei herab. Von ihrem Ast aufgescheucht, flatterte eine Ringeltaube in die Luft.

»Ist ja wunderbar.« Brigid fand Louises plötzliches Schweigen sympathisch. Auch wenn man hier seit achtundvierzig Jahren lebte, besaßen manche Orte eine Magie, die einem immer noch den Atem verschlug. »Je älter ich werde, desto lieber trinke ich mal ein Gläschen. Wenigstens das haben Mummie und ich gemeinsam. Allerdings ist sie noch schlimmer als ich. Ich bin mir ziemlich sicher, ihre Alzheimer-Symptome kommen schlicht und einfach daher, dass sie sich vor dem Schlafengehen ein Schlückchen zu viel genehmigt. Seit ihrem Schlaganfall dürfte sie eigentlich gar nichts mehr trinken.«

»Wie kommt sie denn an Alkohol ran?«, fragte Louise betont beiläufig. Sie wusste, dass das Verhältnis zwischen Brigid und ihrer Mutter schwierig war.

»Jemima«, antwortete Brigid knapp.

Als sie Holne hinter sich gelassen hatten und ins Moor hinausfuhren, fragte sich Louise, warum Brigid und ihre Mutter trotz aller Konflikte zusammenlebten. Frummie machte keinen Hehl daraus, dass sie das Landleben hasste. Ob wohl die Abgeschiedenheit von Foxhole der Grund dafür war, dass sie vor fast vierzig Jahren Brigids Vater verlassen hatte? Nun wohnte Frummie in einem der beiden Cottages, zu denen Brigid und Humphrey die Scheunen auf der anderen Seite des Hofes gegenüber dem hübschen alten Langhaus umgebaut hatten. Eigentlich konnte es nur finanzielle Gründe haben, dass Frummie erneut in Foxhole Zuflucht gesucht hatte. Und der leichte Schlaganfall machte den Umgang mit ihr nicht einfacher, obwohl sie relativ selbstständig leben konnte.

Louise fühlte sich solidarisch mit der unabhängigen Frau neben ihr, doch ihr fiel nichts ein, was sie hätte erwidern können. In der Hoffnung, dass Brigid ihr Schweigen richtig verstand, schaute sie wieder aus dem Fenster. Das Moor von Holne erstreckte sich in Richtung Westen, und sie richtete sich auf wie ein Kind, um den Venford-Stausee nicht zu verpassen: einen kleinen, verborgenen, glitzernden See, den Kiefern säumten. Erfreut nahm Louise die vertrauten und geliebten Orientierungspunkte in der Landschaft wahr: die Felstürme Bench Tor und Combestone Tor und dahinter in der Ferne die Hügel, die im nachmittäglichen Sonnenschein violett und indigoblau schimmerten. Dann überquerten sie auf der Saddle Bridge den O Brook, und Louise hielt bereits Ausschau nach dem alten, knorrigen Weißdorn an dem Weg nach Foxhole, dem massiven Refugium in den Hügeln über den reißenden Wassern des West Dart.

ZWEI

Brigid stellte den Wagen ab und trennte sich von Louise, die sich gleich ans Auspacken machte. Einen Augenblick verweilte sie noch in der warmen Maisonne, um den Schwalben zuzusehen. Sie nisteten jedes Jahr in der offenen Scheune, und Brigid freute sich jedes Mal, wenn sie auftauchten, auch wenn sie den Boden unter den Holzbalken verdreckten. Schon als Kind war sie von den jungen Schwalben fasziniert gewesen, die in ihren Nestern piepsten und flatterten und sich später verstört auf den Balken aneinander drängten, wo sie nach ersten ängstlichen Flugversuchen Schutz suchten. Wie schnell sie doch an Selbstsicherheit und Geschicklichkeit gewannen, bis sie schließlich Nest und Scheune verließen, sich sammelten und ihren Flug gen Süden antraten! Eines Morgens war dann der Himmel leer, und die Schwalben waren bis zum nächsten Frühjahr verschwunden. Als Brigid so in dem kopfsteingepflasterten Hof stand, erkannte sie, wie wichtig die Gewissheit dieses stillen Kreislaufes der Natur in der kleinen Welt ihrer Kindheit gewesen war. Das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter hatte dieses Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit erschüttert. Danach war nichts mehr gewesen wie zuvor. Sie hatte ihren Vater geliebt, hatte mit ihm zusammen das Moor erkundet, Rundhäuser, Menhire, Siedlungen und stillgelegte Bergwerke besichtigt, aber es war ihre geistreiche, temperamentvolle Mutter gewesen, die stets dafür gesorgt hatte, dass das Leben nicht langweilig wurde. In ihrer Gesellschaft hatte sie immer eine atemlose Anspannung erfüllt, der Wunsch zu gefallen, alles richtig zu machen – Gefühle, die sich im Arbeitszimmer ihres Vaters mit den Papierstapeln und den überall verstreuten Büchern niemals eingestellt hatten.

»Mir macht es nichts aus«, hatte sie ihren wohlmeinenden Schulfreundinnen trotzig erklärt. »Ich bin lieber bei meinem Daddy.« Aber sie hatte begonnen, sich dem Interesse an ihrer Situation, den verlogenen Tröstungsversuchen der entsetzten, aber gleichwohl neugierigen Eltern zu entziehen. Eine Scheidung war damals noch etwas Außergewöhnliches gewesen, und sie hatte sich sehr allein gefühlt. Sie hatte sich einen Schutzpanzer der Gleichgültigkeit zugelegt, eine kühle, brüchige Selbstsicherheit, die, während sie heranwuchs, einen eigentümlichen Reiz gewann und ihre Altersgenossinnen durchaus beeindruckt hatte. Ihre Mutter hatte Geschenke geschickt, ungewöhnliche, sorgfältig ausgewählte Präsente, die die kleine Brigid, auf dem Bett sitzend, verstohlen auspackte. Sie hielt sie in der Hand, roch daran und versuchte etwas von der Eigenart ihrer Mutter zu erspüren. Sie hatte die Schriftzüge auf den Karten und Umschlägen studiert und sich vorgestellt, wie ihre Mutter den Stift gehalten, die Briefmarke befeuchtet und den Umschlag zugeklebt hatte. Als sie mit zwölf erfuhr, dass ihre Mutter ein Baby bekommen hatte, ein zweites Töchterchen, war es, als töte dieser Schock alle ihre Gefühle ab. Wie betäubt hatte sie den Worten ihres Vaters gelauscht.

»Sie heißt Jemima«, hatte er müde gesagt. »Tut mir Leid, mein Liebling, es ist meine Schuld. Ich hätte sie niemals hierher bringen dürfen. Das war verrückt. Vermutlich war es der Reiz des Neuen, was ihr an mir gefiel. Das war für sie eine Herausforderung …«

Sie hatte ihn beobachtet, während er sich einen Reim auf die ganze Geschichte zu machen versuchte, und dann war sie in die Küche gegangen, um für sich und ihren Vater Tee zu kochen.

»Jemima.« Allein in der großen, quadratischen Küche mit dem Steinboden, hatte sie den Namen laut ausgesprochen. »Puddle-duck, hässliches Entchen. Jemima Puddle-duck. Ein dickes, dummes Entchen mit riesigen Plattfüßen und kleinen Augen.«

Sie hatte angefangen zu lachen und ihrer Phantasie freien Lauf gelassen, um Jemima lächerlich zu machen. Sie keuchte vor Gehässigkeit, und allmählich schwand die Abgestumpftheit. Die Empfindung kehrte zurück, ein brennendes Gefühl, das sich in glühenden Hass verwandelte. Als sie später erfuhr, dass ihre Mutter auch ihren zweiten Mann verlassen hatte, wollte sie nur eines wissen.

»Hat sie Jemima mitgenommen?«

Die Antwort lautete ›ja‹. Dann war ihr also Puddle-duck, das widerwärtige, fette, lächerliche Entchen – ein Kind mit ungesunder blasser Haut, winzigen Augen und riesigen Plattfüßen –, zu wichtig gewesen, um es zurückzulassen. Geradezu zwanghaft nährte Brigid den Hass und die Verachtung für Mutter und Halbschwester, und als sie Englische Liebschaften las, hatte sie einen neuen Namen für ihre Mutter: Bolter, die Ausgebüchste.

»Ist von Bolter und Puddle-duck«, meinte sie geringschätzig und warf die Weihnachtskarte auf den Tisch. Später jedoch betrachtete sie neugierig das beiliegende Foto: das kleine blonde Kind mit dem rosigen Teint, den großen Augen, den Füßchen mit den gekrümmten Zehen und die Frau mit dem kühlen, amüsierten Blick, die das Baby auf den Knien hielt. Brigid legte das Foto mit der Vorderseite nach unten ab und betrachtete sich im Spiegel. Sie hatte das Gesicht ihres Vaters: knochig, gebieterisch, interessant – aber nicht hübsch. Doch Brigids Lächeln blieb jedem unvergesslich, der es einmal gesehen hatte. Die Herzlichkeit, die so unerwartet aufblühte, überraschte jedermann. Brigid aber hatte für ihr Spiegelbild kein Lächeln übrig. Sie starrte sich forschend an und wandte sich mit einem schmerzlichen Gefühl ab, das ihr die Kehle zuschnürte.

Humphrey hatte sie die Kränkung durch ihre Mutter ein Stück weit vergessen lassen und ihr ein gewisses Selbstwertgefühl zurückgegeben. Er hatte sich erfreulicherweise in sie verliebt, vergötterte sie und linderte ihren Schmerz. Die beiden Söhne hatten ihr ein tiefes Glück geschenkt und waren in den langen, öden Monaten, in denen Humphrey zur See fuhr, Beistand und Trost gewesen. Humphrey und ihr Vater hatten sich glänzend verstanden, und als der alte Mann starb, hatte er ihr seinen gesamten Besitz vermacht, einschließlich Foxhole.

»Und für mich nichts?«, hatte ihre Mutter mit ihrem typischen ironischen Lächeln gefragt, die Mundwinkel nach unten gezogen. Sie war zur Beerdigung erschienen, obwohl sie nicht eingeladen war: In tadellosem Schwarz saß sie mit Jemima ganz hinten in der Kirche von Holne. Brigid hatte sich verpflichtet gefühlt, die beiden mit den anderen Trauergästen nach Foxhole einzuladen. »Absolut gar nichts?«

Sie hatte sich umgesehen, als belustige sie die Versammlung, aber die vierzehnjährige Jemima hatte ihre Halbschwester angelächelt.

»Hallo«, sagte sie. »Wir sind Schwestern. Ist das nicht komisch? Ich wollte dich schon immer kennen lernen.«

»Ach ja?« Voll Trauer um ihren Vater, entsetzt über das unerwartete Auftauchen ihrer Mutter und beschäftigt mit den Freunden ihres Vaters, hatte Brigid nicht mehr als diese matte Antwort herausgebracht. Jemimas dickes blondes Haar lugte unter ihrer schwarzen Baskenmütze hervor; sie hatte rosa Wangen und große, strahlende blau-grüne Augen. Sie war ein wenig rundlich, aber alles andere als ein hässliches Entchen.

Brigid kämpfte mit einem Gefühl der Übelkeit. »Ich habe dich immer ›Puddle-duck‹ genannt.«

Diese boshafte Bemerkung weckte bei Jemima keinerlei Rachegelüste. Sie musste vielmehr unbändig lachen – ein angenehmes Geräusch in diesem düsteren Raum, ein spontanes Glucksen, das den bedrückten Gesichtern ein unfreiwilliges Lächeln entlockte.

»Tatsächlich? Ach, wie lustig! Tja, Frummie sagt immer, dass ich einen Watschelgang habe …«

»Frummie?«, wiederholte Brigid scharf.

»Ja. Also, es ist so: Daddy nannte sie Freda, ich nannte sie Mummie, und daraus wurde schließlich Frummie.«

Brigid hatte ihre Mutter angestarrt, die sich soeben mit leeren Händen von dem Tisch mit Sandwiches und Snacks abgewandt hatte. Frummie? Diese erwachsene Frau? War das die Möglichkeit?

»Ich habe Brigid gerade erzählt, dass dich alle Frummie nennen.« Jemima wünschte sich, ihre Familie glücklich vereint zu sehen. »Sie hat es nicht gewusst.«

Die Mutter ließ sich von dem ungläubigen, spöttischen Blick ihrer älteren Tochter nicht aus der Ruhe bringen. »Nicht alle, Liebling«, hatte sie erwidert. »Brigid nicht. Sie nimmt alles so genau wie ihr Vater. Sie mag keine Spitznamen. Sie findet das albern.«

»Aber nein!« Jemima wollte sich mit ihrer Schwester, die sie soeben kennen gelernt hatte, verbünden. »Sie hat mich Puddle-duck genannt. Das hat sie mir selbst erzählt.«

»Tatsächlich?«

Diese amüsierte Frage verriet, dass ihre Mutter mit geradezu unheimlichem Gespür den wahren Grund für die Wahl dieses Spitznamens erraten hatte. Brigid errötete bis zu den Haarwurzeln. Die Mutter brach in ein unbarmherziges Gelächter aus.

»Und wie findest du mein hässliches Entchen, meine liebe Brigid?«

Zufrieden mit ihrer Schlagfertigkeit, drehte sie sich um, auf der Suche nach einem Drink. Jemima zuckte verdutzt die Achseln und lächelte beflissen, und Brigid durchströmten zum ersten Mal diese schmerzlich verwirrenden Gefühle, die von nun an ihre Beziehung zu der Halbschwester prägen sollten.

Jetzt, zweiundzwanzig Jahre später, als sie in dem sonnigen Hof stand, wusste Brigid, dass sich daran kaum etwas verändert hatte. Unzufrieden ging sie ins Haus.

Louise ließ ihren Koffer am Fuß der Treppe stehen und sah sich erleichtert um. Merkwürdig, die Rückkehr an diesen Ort war wie eine Heimkehr. Seit Frummie hierher gezogen war, musste Louise das größere Cottage mieten, was jedoch durchaus Vorteile besaß. Brigid hatte beim Umbau der Scheune klugerweise auf die typische Raumaufteilung eines ländlichen Ferienhauses verzichtet und eine große Wohnküche zum zentralen Raum gemacht. Besonders für Familien war dieser gemütliche, helle Raum der ideale Ort, wo man gemeinsam essen, sich erholen und Pläne schmieden konnte. Neben dem kleinen Wohnzimmer mit einem Holzofen und dem obligatorischen Fernseher – »ohne Fernseher kann heute kein Mensch mehr leben«, hatte Brigid gemeint, »nicht einmal im Urlaub« – befand sich im Erdgeschoss noch eine Abstellkammer mit Dusche. Oben gab es zwei Schlafräume und ein Bad. Das größere der beiden war mit einem Doppelbett, einem Einbauschrank und einer Kommode ausgestattet. In dem anderen Zimmer standen zwei Etagenbetten und ein Schrank, sodass insgesamt sechs Personen in dem Cottage übernachten konnten. Aber Louise hielt die Tür des zweiten Schlafzimmers stets geschlossen – das war ja kein Familienurlaub – und genoss die Einsamkeit.

Doch an diesem Nachmittag fühlte sie sich unbehaglich. Ohne sich das einzugestehen, vollzog sie die vertrauten Rituale, mit denen jeder Aufenthalt in Foxhole begann. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie dem Cottage ihren Stempel aufdrücken musste, damit es für diese kurze Zeit ihr »Zuhause« werden konnte. Sie füllte den Wasserkessel und stellte ihn auf den Herd, und während das Wasser heiß wurde, packte sie eine kleine Tasche aus. Ein paar Bücher und ein Fernglas legte sie auf die Fensterbank und einen Paschmina-Schal auf den Sessel neben dem Fenster, ihre Lieblingstasse stellte sie neben den Wasserkessel, ein hübsches Notizheft, ein paar Stifte und ein kleiner Malkasten kamen auf den quadratischen Kiefernholztisch. Diese wenigen persönlichen Dinge verbreiteten eine wohnliche Atmosphäre und erfüllten den Raum mit Leben. Louise öffnete das Fenster, das aufs Moor hinausging, und atmete tief durch. Das ferne Murmeln des Flusses, der fröhliche Gesang einer aufsteigenden Lerche drangen zu ihr herein … Einen Moment lang tauchte das Bild der winkenden und lachenden Frau mit dem Kind vor ihr auf, und Louise wandte sich abrupt ab.

Sie schleppte den schweren Koffer die Treppe hinauf, trug ihn in das große Schlafzimmer und legte ihn auf das Bett. Dann ließ sie das Schloss aufschnappen und nahm die Kleidungsstücke, den Toilettenbeutel und ihre Hausschuhe heraus. Bald sah das Schlafzimmer genauso bewohnt aus wie die Küche, und nachdem Louise den leeren Koffer in den Schrank gestellt und ihren Morgenmantel an einen Haken hinter der Tür gehängt hatte, trat sie auf den schmalen Treppenabsatz hinaus. Diesmal jedoch schloss sie die Tür des anderen Schlafzimmers nicht mechanisch, sondern verharrte einen Augenblick mit seitwärts geneigtem Kopf, als lausche sie gedämpftem Gemurmel, Gesprächsfetzen, die aus diesem Zimmer drangen: – Ob Daddy wohl mein neues Bett gefallen wird, Mummy? – Bestimmt, aber du sollst nicht immer wieder aufstehen und runterkommen. – Nur Babys haben kleine Betten, stimmt ’s? – Ja, aber große Mädchen bleiben bis zum nächsten Morgen in ihrem Bett liegen. – Auch wenn sie nicht schlafen können? – Große Mädchen geben sich Mühe einzuschlafen. – Vielleicht könnte ich einschlafen, wenn wir noch eine Geschichte lesen. – Also gut. Aber nur noch eine 

Louise machte ein bedrücktes Gesicht, schloss energisch die Tür und begab sich nach unten, um den Tee aufzugießen.

»Hallooo? Darf ich reinkommen?« Frummies melodiöses Rufen wurde begleitet von einem vernehmlichen Klopfen an der offenen Haustür, und Brigid seufzte. Frummies übertrieben rücksichtsvolle Art weckte bei ihr ein schlechtes Gewissen, aber sie wusste, dass sie es ebenso wenig ertragen würde, wenn sich ihre Mutter bei ihr »wie zu Hause« fühlen würde. Frummie ließ sie deutlich spüren, dass dieses Bedürfnis nach Privatsphäre ein Zeichen von Schwäche sei und dass andere, weniger neurotische Menschen glücklich wären, wenn ihre Angehörigen bei ihnen ein- und ausgingen. Die unterschwellige Botschaft, dass Jemima ganz anders sei – nämlich großzügig und gastfreundlich –, vermittelte Brigid ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Einmal hatte sie Frummie angefahren und sie gefragt, warum sie dann bei ihr und nicht bei Jemima wohnte. »Brigid, Herzchen«, hatte Frummie gemurmelt. »Sei doch nicht gleich … eingeschnappt. Du bist zur Zeit derart gereizt.«

Sie hatte sich einen Löffel Zucker aus der Schale genommen und dabei ein wenig verschüttet. Beim Anblick ihrer runzeligen, mit Leberflecken übersäten Hände und ihres abgewandten Gesichts hatte Brigid Mitleid und Reue empfunden.

»Komm rein«, rief sie jetzt und bückte sich, um den schwarzen Spaniel zu begrüßen, der vor Frummie in die Küche lief. Er hatte am Morgen gebrochen, und deshalb hatte sie ihn nicht mit nach Totnes genommen, aus Angst, er könne Louises Gepäck ruinieren. »Na, du«, murmelte sie und tätschelte das aufgeregte Tier. »Warst du auch schön brav?«

»Ich habe mir eingebildet, ich hätte den Wagen gehört.« Frummie verfolgte die Begrüßung von der Tür. »Er war brav. Hat ein bisschen gewinselt, aber das war alles.«

»Alles nur wegen dem armen Oscar. Er hat sich regelrecht hineingesteigert. Gott sei Dank kommen Thea und George morgen zurück. Ich wusste gar nicht, dass Blot derart eifersüchtig sein kann. Ich trinke gerade Tee, Mummie. Möchtest du auch eine Tasse?«

»Mach dir meinetwegen keine Umstände. Ich hab grade welchen getrunken.« Frummie setzte sich an den Tisch. Auf den ersten Blick mochte die magere und zartgliedrige Frau zerbrechlich wirken, aber das Blitzen in ihren Augen kündete davon, dass in dem schwachen Körper ein unbezwingbarer Geist steckte. »Dann ist Louise also da. Wie geht es ihr?«

»Wie immer.« Während sich Brigid Tee einschenkte, überlegte sie, ob das die richtige Antwort war. Louise war keineswegs wie immer, obwohl Brigid nicht hätte sagen können, woran das lag. »Sie kommt zum Abendessen rüber.«

»Ich habe mich gerade gefragt …« Frummie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. »… ob es eventuell für drei reicht?«

»Für drei?« Brigid warf ihr einen flüchtigen Blick zu. »Wieso …? Ich dachte, Jemima geht mit dir essen.«

»Ihr ist was dazwischengekommen«, sagte Frummie und zuckte betont gleichgültig die Schultern. »Jemand, den sie von früher kennt, macht Ferien in Salcombe. Reist morgen wieder ab. Kommt mir wirklich sehr ungelegen. Ich hab nicht viel im Haus, weil ich erst morgen einkaufen gehe.«

»Jemand, den sie von früher kennt?« Brigid verhehlte ihre Zweifel nicht. »So plötzlich? Ich wette, es ist ein Mann.«

»Vermutlich. Aber spielt das eine Rolle? Ich will dir natürlich nicht zur Last fallen. Wenn du ein paar Eier übrig hast, mache ich mir ein Omelett.«

»Sei doch nicht albern!« Brigid klang verärgert. Wie gewöhnlich war sie zwischen Schuldgefühlen und dem Bedürfnis nach Selbstschutz hin und her gerissen. Sie hatte sich so auf das Abendessen mit Louise gefreut. Zwischen ihnen herrschte immer so eine zwanglose Atmosphäre, die sich in Frummies Gegenwart bestimmt nicht einstellen würde. Brigid wollte Louise von ihrem Enkelchen Josh erzählen, die neuesten Fotos zeigen und davon schwärmen, wie hübsch der Kleine war – gewissermaßen zum Trost dafür, dass die kleine Familie im fernen Genf lebte. Unter dem spöttischen Blick ihrer Mutter würde der Abend völlig anders verlaufen, doch ihr blieb nichts anderes übrig, als so sanftmütig wie nur möglich nachzugeben. »Es ist genug da für drei. Aber ich finde, dass Jemima es sich allzu leicht macht.«

»Unsinn. Sie ist jung, das ist alles. Sie hat ihr eigenes Leben.«

Ich auch, dachte Brigid, aber darüber scheinst du dir nicht groß Gedanken zu machen.

»Nun gut.« Jetzt, da Frummie ihr Anliegen vorgetragen und ihr Ziel erreicht hatte, wandte sie sich zum Gehen. »Dann komme ich so gegen acht, oder? Das ist reizend von dir, Herzchen.«

Sie tätschelte Blot, der schwanzwedelnd bis zur Haustür hinter ihr hertapste, dann in die Küche zurückkehrte, überall herumschnupperte und schließlich erwartungsvoll an der Tür zum Wintergarten stehen blieb.

»Ja, da draußen ist er«, sagte Brigid, »und genießt die Ruhe und den Frieden. Verdammt noch mal! Also gut, komm mit! Wir machen zu dritt einen kurzen Spaziergang. Dann werden wir wenigstens unseren Frust los.«

Sie stellte ihre Tasse ab und trat in den Wintergarten. Ein großer Neufundländer, der schlafend dagelegen hatte, erhob sich ängstlich, als Blot herausstürmte.

»Los geht ’s!«, rief Brigid, während sie in ihre Gummistiefel schlüpfte und einen Mantel anzog. »Los, hab ich gesagt. Komm, Oscar. Wenn wir laufen, lässt er dich in Ruhe. Glaub mir.«

Sie öffnete die Tür nach draußen und wartete, bis Oscar sich schwerfällig in Bewegung gesetzt hatte und hinaus in die Sonne getrottet war. Dann lief sie hinunter zum Fluss, und die Hunde folgten ihr auf den Fersen.

DREI

Louise kam über den Hof, die versprochene Flasche Wein in der Hand. Das lange, niedrige Haus mit dem alten reetgedeckten Dach hatte etwas Märchenhaftes. Dazu trugen auch die weißen Tauben bei, die in ihrem Schlag gurrten. Vor dem Wintergarten, der an die Küche angrenzte, lag ein großer schwarzer Hund ausgestreckt und schlief. Das musste der Gast sein, den Blot, der Spaniel, nicht leiden konnte. Weit und breit war keine Spur von ihm zu sehen. Louise klopfte an die silbrig schimmernde Eichentür und trat ins Haus. In dem kleinen Flur blieb sie stehen. Sie konnte nicht widerstehen, einen Blick in die Räume zu werfen, die sich nach alter Cottage-Tradition hintereinander auftaten. Die beiden Räume gingen nach Osten aufs Moor hinaus und nach Westen zum Hof; die Fußböden bestanden aus Schieferplatten, die rauen Granitwände waren weiß getüncht. Die Holzöfen an den Innenwänden teilten sich einen Kamin. Der hintere Raum war das Wohnzimmer. Von hier aus führte eine Holztreppe ins Obergeschoss und eine Tür zu den einstöckigen Stallungen auf der anderen Seite des Hofes, in dem früher die Kinderzimmer untergebracht waren. Jetzt wurden das große Spielzimmer und die zwei Schlafräume mit dem Bad von den Familien der beiden Söhne bewohnt, wenn sie zu Besuch kamen. Die andere Hälfte der Scheune wurde als Garage genutzt. Seinerzeit waren Brigid und Humphrey froh gewesen über den zusätzlichen Platz.

»Langhäuser haben etwas sehr Romantisches«, hatte Brigid gesagt, als Louise zum ersten Mal hier war, »aber man kann sich nicht zurückziehen. Alle Zimmer sind miteinander verbunden, und als die Kinder klein waren, war es ein richtiger Albtraum, wenn sie mehrmals in der Nacht aufs Klo mussten.«

Louise beobachtete das Spiel der letzten Sonnenstrahlen auf den weißen unebenen Wänden, den dicken Teppichen und den hohen Krügen mit den Trockenblumen – leuchtend blaue Kornblumen, tiefgelber Sonnenhut und scharlachroter Mohn. Sie kannte die feuchte Kälte, die einem bis in die Knochen drang, und die Unannehmlichkeiten des Lebens im Moor, aber plötzlich beschlich sie ein Gefühl des Neids. Während sie sich in Brigids Wohnzimmer umsah, stiegen Erinnerungen in ihr auf: das Bild eines kleinen steinernen Cottage, ein wärmender Arm, der sich um ihre Schulter legte, und eine beflissene, sanfte Stimme, die sagte: »Es gab keine Wohnungen für junge Paare. Aber das hier geht auch, oder? Ich habe es für sechs Monate gemietet …«

Brigid lief leichtfüßig die Treppe herunter und kam durch die beiden Zimmer auf Louise zu.

»Entschuldige, dass ich dich habe warten lassen. Ich war mit den Hunden draußen und wollte mich noch rasch duschen und umziehen. Komm.«

Louise folgte ihr. Während sie Brigid den mitgebrachten Wein überreichte, war sie noch immer ganz benommen, ja verängstigt von der Erinnerung, die so plötzlich aufgeflammt war.

»Mummie kommt auch zum Essen«, sagte Brigid und stellte die Flasche neben einen bereits entkorkten roten Bordeaux. »Tut mir Leid, aber es ging nicht anders. Jemima hat sie versetzt.«

Louise murmelte eine höfliche Bemerkung und nahm ihr Glas. Gleich darauf ertönte ein lautes Klopfen an der Tür, und Frummie trat ein.

»Louise, Herzchen.« Sie küsste die Jüngere leicht auf die Wange. »Wie geht es dir? Schön, dich wiederzusehen! Hat Brigid es dir schon gesagt? Man hat mich versetzt. Aber lasst euch durch mich nicht stören. Ich freue mich auf ein nettes Plauderstündchen.« Sie sah sich in der Küche um. »Weißt du, zu meiner Zeit war hier nicht die Küche, sondern Diarmids Arbeitszimmer. Der einzige Raum, in den er sich zurückziehen konnte, wenn er ungestört sein wollte. Ich verstehe nicht, Brigid, warum du daraus die Küche gemacht hast. Es wäre ein wunderbares Wohnzimmer. Ein Salon wäre natürlich zu elegant für ein Haus wie dieses, aber ist es nicht schade, den einzigen abgeschlossenen Raum ausgerechnet zur Küche umzubauen?«

»Das hab ich dir doch schon hundertmal erklärt«, erwiderte Brigid und stellte eine Schüssel Salat auf den Tisch. »Ich bin nun mal ein Küchenmensch. Hier verbringe ich die meiste Zeit, und hier gefällt es mir am besten. Trink einen Schluck, Mummie, und hör auf zu nörgeln! Du weißt, dass mich das nervös macht.« Sie nahm einen Topf vom Herd. »Es gibt Koteletts in Backpflaumensoße, ich hoffe, es schmeckt euch. Dazu Salat und neue Kartoffeln.«

»Wahrscheinlich ägyptische«, gab Frummie zurück. »Für englische ist es noch zu früh.«

»Sie sind aus Cornwall, wenn du ’s genau wissen willst.«

Brigids Stimme klang gereizt, aber als sie sich an den Tisch setzte, sah Louise, dass auf Frummies Gesicht ein fast unmerklich triumphierendes Lächeln lag, als sei sie Siegerin in einem uralten Wettstreit.

»Es sieht köstlich aus«, sagte Louise herzlich. »Ich freue mich jedes Mal auf mein erstes Abendessen hier. Das ist eigentlich schon der Höhepunkt.«

»Brigid ist eine großartige Köchin«, pflichtete ihr Frummie bei. »Eine perfekte Hausfrau, nicht wahr, Herzchen? Ganz im Gegensatz zu mir oder Jemima.«

»Mir ist ja auch nichts anderes übrig geblieben«, gab Brigid barsch zurück und servierte die Koteletts. »Vater hatte für den Haushalt nicht viel übrig.«

»Da hast du allerdings Recht.« Frummie erschauderte leicht. »Ich konnte es gar nicht fassen, dass er hier ganz allein lebt, ohne irgendjemanden, der ihm zur Seite steht. Natürlich war das am Anfang wahnsinnig romantisch, aber die Ernüchterung kam ziemlich schnell. Damals gab es nämlich noch keinen Strom. Und der Gestank dieser Öllampen! Obwohl ich sagen muss, dass das Licht sehr stimmungsvoll wirkte.« Sie nahm sich von den Kartoffeln. »Ich muss gestehen, dass ich so oft wie möglich nach London geflüchtet bin. Zum Glück ist Brigid nach ihrem Vater geraten und liebt das Landleben.«

»Ja, das war wirklich ein Glück, nicht wahr?«

Brigids Stimme klang zwar beherrscht, aber Louise spürte die Spannung zwischen den beiden Frauen und lenkte das Gespräch auf andere Dinge: den Mietwagen, den sie abholen wollte, die Einkäufe und ihre Pläne für den Urlaub.

»Das Auto holen wir morgen früh«, schlug Brigid vor, »dann kannst du auch Lebensmittel einkaufen. Ich muss sowieso nach Ashburton.«

»Du musst unbedingt nach Salcombe kommen und Jemimas neue Wohnung anschauen«, warf Frummie fröhlich ein. »Nicht wahr, Brigid? Jems Vater ist letztes Jahr an Weihnachten gestorben, Louise, und hat Jem eine kleine Erbschaft hinterlassen. Sie hat eine Wohnung über dem Museum des Seenotrettungsdienstes gemietet. Direkt am Meer. Es ist himmlisch.«

»Es wäre vernünftiger gewesen, das Geld für eine eigene Wohnung zurückzulegen.« Brigid schenkte Wein nach und schob Louise die Salatschüssel hin. »Ist es nicht dumm, das Geld für Miete auszugeben, anstatt sich eine Wohnung zu kaufen?«

»So ein vernünftiges Mädchen«, murmelte Frummie zuckersüß. »Unsere liebe Jem besitzt eben nicht deinen praktischen Verstand. Eine derart hinreißende Wohnung könnte sie sich niemals kaufen. Du musst sie dir anschauen, Louise! Hunderte von Leuten wollten sie haben, aber Jemima hat sie gekriegt. Was für ein Glück, nicht wahr, Brigid?»

»Ja, was für ein Glück.« Brigid lächelte gezwungen. »Jemima fällt immer auf die Füße.«

»Das liegt daran, dass sie große gelbe Plattfüße mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen hat.«

Verblüfft hob Louise den Kopf und bemerkte Frummies boshaften Blick und Brigids schmerzliches Erröten. Wieder fühlte sie sich in der Verlegenheit, hastig das Thema zu wechseln. Sie bat um ein weiteres Stück Kotelett. Während sie von der köstlichen Soße nahm, wünschte sie, Frummie wäre mit Jemima essen gegangen. Ihr erster Abend in Foxhole war verdorben. Diese ersten Stunden ihres Ferienaufenthalts waren für sie von besonderer Bedeutung – es ging darum, sich häuslich einzurichten und zu dem gemächlichen Rhythmus des Müßiggangs zu finden. Es war nicht das erste Mal, dass sie eine solche Auseinandersetzung zwischen Brigid und Frummie miterlebte, aber heute Abend hatten diese Reibereien eine ganz neue Qualität.

Du bildest dir das nur ein, dachte sie. Du hattest schon den ganzen Tag so ein merkwürdiges Gefühl, seitdem du dieser Frau zugewunken hast …

»Du hast keine Kinder, Louise, nicht wahr?« Frummie beobachtete, wie Brigid die leeren Teller abräumte. »Du bist ja auch noch jung …«

»Nein, keine Kinder. Martin will keine.« Louise stand abrupt auf und half Brigid, die Teller für den Zitronenkuchen und die Schüssel mit der dicken Sahne auf den Tisch zu stellen. »Das sieht gut aus. Der arme Humphrey! Der Abschied ist ihm bestimmt nicht leicht gefallen.«

»Ich habe ihm Lunchpakete mitgegeben. Jetzt, da Michael im Verteidigungsministerium arbeitet, ist Humphrey oft mit ihm und Sarah zusammen. Ich glaube, er ist sehr dankbar für ihre Anhänglichkeit.«

»Die meisten Leute freuen sich über Humphreys Gesellschaft«, sagte Frummie. »Er ist ein reizender Mensch.«

Mit diesem kleinen Seitenhieb wollte sie wohl ausdrücken, dass Brigid eine der wenigen war, die sich nicht über Humphreys Anwesenheit freuten. Wieder hatte Louise das Bedürfnis, ihrer Gastgeberin zu Hilfe zu kommen.

»Haben Michael und Sarah inzwischen geheiratet?«, fragte sie hastig. »Ich erinnere mich, dass sie davon gesprochen haben.«

»Die jungen Leute heutzutage heiraten doch nicht mehr«, antwortete Frummie anstelle von Brigid. »Sie nehmen eine Hypothek auf – das ist es, was sie aneinander bindet. Aber ich mache ihnen keinen Vorwurf. Zu meiner Zeit haben wir viel zu jung geheiratet. Das wurde von uns erwartet, und so sind wir in Ehen mit völlig unpassenden Partnern hineingeschlittert. Ich beneide die jungen Leute von heute um ihre Freiheit.«

»Das verstehe ich nicht.« Brigid nahm sich von der Sahne. »Du hast dich durch dein Ehegelübde doch nicht gebunden gefühlt.«

»Aber ich habe sie immerhin geheiratet, Herzchen. Alle vier. Heute schäme ich mich dafür.«

»Du schämst dich dafür?« Brigid hielt inne, den Sahnelöffel in der Luft.

»O ja. Es war derart spießig und kleinbürgerlich. Aber ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, mit ihnen in Sünde zu leben. Nun, jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum hinweg. Jemima ist da sehr viel vernünftiger. Sie will sich nicht binden, zumindest im Moment noch nicht. Warum hast du eigentlich geheiratet, Louise? Offenbar nicht, um Kinder zu bekommen …«

»Mummie, bitte!«, rief Brigid, peinlich berührt. »Das geht dich gar nichts an. Trinken wir lieber die Flasche aus. Noch etwas Nachtisch, Louise?«

»Kein Problem.« Louise lächelte, um zu zeigen, dass sie keineswegs gekränkt war. »Wahrscheinlich deshalb, weil …« Sie grinste Frummie an. »… weil ich spießig und kleinbürgerlich bin.«

»Auf dich und auf mich.« Brigid hob dankbar das Glas und prostete ihr zu, hilflos die Achseln zuckend. »Verzeihung.«

»Du meine Güte«, grummelte Frummie wie ein schmollendes Kind, »das war doch eine völlig harmlose Frage. Kein Grund, beleidigt zu sein. Ich möchte noch etwas Nachtisch, Brigid. Er schmeckt ausgezeichnet.«

Das ließ sich Brigid nicht zweimal sagen. Sie nahm Frummies Teller, schnitt ein großes Stück Zitronenkuchen ab, reichte ihr die Sahne und stand auf, um Kaffee zu kochen. Louise atmete tief durch. Um die Unterhaltung in weniger heikle Bahnen zu lenken, beschloss sie, sich nach Brigids ältestem Sohn zu erkundigen, auch wenn der eigene Seelenfrieden durch ein Gespräch über Mutterfreuden womöglich gestört würde; auf jeden Fall würde sie Brigid damit eine Freude machen.

»Wie geht es Julian?«, fragte sie. »Haben sie sich in Genf gut eingelebt?«

Frummie, die sich gewöhnlich von solchen Manövern nicht täuschen ließ, widmete sich ihrer zweiten Portion Nachtisch und goss sich den letzten Rest Wein ins Glas. Plötzlich wurde sie von einer ungeheuren Müdigkeit überwältigt; sie schob den leeren Teller beiseite und nickte zufrieden ein, während das Gespräch weiterging. Brigid warf einen Blick auf ihre schlafende Mutter und verzog das Gesicht.

»Ich habe ein paar Fotos von dem Baby«, sagte sie dann leise, ohne zu bemerken, dass Louise unwillkürlich zusammenzuckte. »Der Kleine ist so süß. Darf ich als stolze Großmutter sie dir beim Kaffee zeigen?«

Brigid sah ihrer Mutter nach, wie sie mit unsicheren Schritten über den Hof tappte, und winkte Louise zu, die sich mit einem leisen »Gute Nacht und danke, es war wunderbar« verabschiedet hatte. Dann ging sie ins Haus zurück und schloss die Tür. Von einer ungeheuren Erleichterung überwältigt, musste sie sich kurz an die schwere, alte Tür lehnen. Foxhole war für sie ein Zufluchtsort gewesen, seit sie denken konnte, ein echtes Refugium. Wenn sie sich hier nicht mehr sicher fühlen konnte, würde sie den Verstand verlieren. Aber wovor sollte sie sich denn fürchten? Merkwürdig, dass sie ihren inneren Frieden nur fand, wenn sie allein war. Lag das an dem Gefühl der Unzulänglichkeit, das sie seit dem Schock über den Weggang ihrer Mutter nicht mehr losgelassen hatte? Das prägte seit Kindertagen ihr Verhalten gegenüber anderen Menschen. Seither fürchtete sie sich davor, erneut verlassen zu werden, falls sie den Anforderungen anderer nicht genügte. Es war einfacher, allein zu sein. Und genau darauf hatte Frummie vorhin angespielt. Ja, sie fürchtete sich vor Humphreys Pensionierung. Nicht, dass sie ihn nicht liebte – ihr Mann und die Söhne waren für sie die wichtigsten Menschen auf der Welt. Aber sie hatte in ihrem Leben so viel Zeit allein verbracht, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, ihn ständig um sich zu haben. Die Kinder waren sieben und fünf Jahre alt und besuchten bereits die Vorschule, als sie Foxhole geerbt hatte. Humphrey und sie waren sich einig gewesen, dass es an der Zeit sei, das unstete Wanderleben von Hafenstadt zu Hafenstadt zu beenden und irgendwo sesshaft zu werden. Und nun lebte sie seit über zwanzig Jahren hier allein. Die Jungs waren nur in den Schulferien hier gewesen, und Humphrey hatte nur seinen Urlaub hier verbracht. Aber Brigid hatte sich hier ein eigenes Leben aufgebaut. Der Umbau der Scheunen hatte mehrere Jahre gedauert, weil Brigid einen Großteil der Arbeiten – anstreichen, Fliesen legen und Vorhänge nähen – selbst erledigt hatte. Als sie damit fertig war, musste das Haupthaus renoviert werden, und die Frucht dieser Tätigkeit war ein kleines Atelier für Innenausstattung gewesen. Ein bescheidenes Unternehmen, das sie ohne großen Aufwand betreiben konnte und das ihr nicht nur enorme Befriedigung, sondern auch ein kleines Einkommen einbrachte. Das und die Vermietung der Cottages machten sie glücklich und zufrieden. Aber dieses Glück war nur allzu brüchig, und deshalb brauchte sie dieses Refugium.

Brigid ging in den Wintergarten, öffnete die Tür und ließ Blot herein. Durch das Fenster sah sie, dass Oscar noch immer friedlich auf dem Kopfsteinpflaster schlief. Sie beschloss, ihn draußen zu lassen.

»Er fühlt sich wohl im Freien«, hatte Thea ihr versichert. »Er ist eher ein Shetland-Pony als ein Hund. Aber natürlich braucht auch er seine Streicheleinheiten.«

Aus Sorge, dass Oscar Herrchen und Frauchen vermisste, hatte Brigid ihn oft gestreichelt und getätschelt, ob es ihm passte oder nicht. Er hatte ihre Zuneigung äußerst geduldig und höflich über sich ergehen lassen und sich anschließend mit einem erleichterten Seufzer auf den Boden gelegt. Mittlerweile war er ihr richtig ans Herz gewachsen, aber Blots Eifersucht hatte ihr die Freude etwas verdorben.

»Du bist total verwöhnt, das ist das Problem«, murmelte sie, als er schwanzwedelnd in die Küche tapste. »Aber das ist wohl meine Schuld.«

Sie stellte den Futternapf mit den Überresten des Abendessens neben den Herd und fing an aufzuräumen. Das meiste erledigte die Spülmaschine – »die jungen Leute heute wissen gar nicht mehr, wie gut sie es haben«, hatte Frummie giftig gemurmelt. Brigid schüttelte die Kissen auf der Eckbank auf, rückte den glänzenden blauen Tontopf mit den gelben Tulpen in die Mitte des Tisches und stellte die übrig gebliebene Sahne in den Kühlschrank. Dann öffnete sie das Fenster nach Osten und beugte sich hinaus, um dem murmelnden Wiegenlied des West Dart zu lauschen und den Sternenhimmel zu betrachten. Die Eule, die im Wald von Combestone hauste, durchstreifte das Tal, und ihr dünner wehklagender Schrei hallte von den Felsen wider. Irgendwo heulte ein Fuchs, und dann war es wieder still.

Die Arme auf die Fensterbank gestützt, ließ sich Brigid vom Zauber dieser Szenerie betören – von der ländlichen Stille und der Weite des einsamen Moors. Dankbar sog sie die Luft ein. Von innerem Frieden erfüllt, schloss sie das Fenster und wandte sich wieder der warmen, hellen Küche zu.

An ihrem Schlafzimmerfenster, von dem man über den O Brook auf Combestone Tor blickte, stand Louise und lauschte ebenfalls dem Ruf der Eule. Heute jedoch fand sie in der Stille des ländlichen Lebens keinen inneren Frieden. Sie war unruhig, verwirrt. Seit sie den Mann im Zug getroffen und sein Gespräch belauscht hatte, nagte ein Unbehagen an ihr, und ihr Argwohn gegenüber Martin steigerte sich zu nackter Angst. Auch der Anblick der Frau mit dem Kind hatte sie verstört. Da waren sie wieder, die Schatten der Vergangenheit. Diese Bilder hatten ihre mühsam errungene Selbstbeherrschung untergraben. Deshalb, das wusste sie jetzt genau, war sie so ungeheuer hellhörig für die Spannungen zwischen Brigid und Frummie. Sie hatte gespürt, dass sich hinter Frummies Sticheleien und Brigids Bedrücktheit andere Emotionen verbargen.

Unten im Tal heulte der Fuchs. Es war ein wildes, verstörendes Jaulen, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Hastig wandte sich Louise vom Fenster ab, nahm ihren Bademantel und ging ins Bad.

Frummie schloss die Tür hinter sich, überprüfte mit zitternder Hand, ob sie auch wirklich verriegelt war, und steuerte auf den Schrank neben dem Kamin zu, wo sie die alkoholischen Getränke verwahrte. Es war ein großes, hübsches Zimmer mit Fenstern nach Süden und Westen, aber Frummie hatte es Brigid noch immer nicht verziehen, dass sie ihr das kleinere der beiden Cottages zugewiesen hatte.

»Wir brauchen das Geld, Mummie«, hatte Brigid fast flehentlich gesagt. »Das größere Cottage bringt viel mehr Miete. Der Umbau hat Geld gekostet. Bitte, versuch uns zu verstehen.«

»Du brauchst mich nicht ganz so deutlich spüren zu lassen, dass ein Bettler nehmen muss, was man ihm gibt«, hatte Frummie bitter geantwortet. »Keine Sorge. Ich bekomme Geld vom Staat und kann euch Miete zahlen.«

Zu ihrer Genugtuung war Brigid vor Verlegenheit errötet. Das hatte es ihr leichter gemacht, die eigene Scham zu ertragen.

»Ich will keine Miete von dir«, hatte Brigid erwidert. »Das weißt du ganz genau. Es ist nur … Ach, vergiss es! Ich will nicht mit dir streiten. Wenn dir das kleinere Cottage genügt, freue ich mich, dass ich dir helfen kann. Tu, was du für richtig hältst!«

Frummie öffnete die Schranktür und griff nach der Whiskyflasche. Bei der Erinnerung an die Szene mit Brigid zog sie eine Grimasse. Sie hatte keine Wahl gehabt. Ihr vierter Ehemann war um einiges jünger und hatte sie schließlich wegen einer Frau verlassen, die halb so alt war wie sie. Der Mietvertrag ihrer gemeinsamen Wohnung lief aus, sie verfügte über kein eigenes Einkommen und hätte die wissenden Blicke ihre neugierigen Freunde nicht ertragen. Diese Demütigung war zu viel. Es hätte keine Gnade gegeben für eine wie sie, die sich in der Vergangenheit so gern über andere lustig gemacht hatte. Die Flucht aufs Land war ihre einzige Hoffnung gewesen; sie brauchte ein Refugium. Es war Brigid hoch anzurechnen, dass sie sie bei sich aufgenommen hatte, aber Frummie fühlte sich in ihrem Stolz verletzt. Für das Entgegenkommen ihrer Tochter zeigte sie keine besondere Dankbarkeit. Immerhin hatte sie in diesem gottverdammten Nest – Foxhole, Fuchsbau, war wirklich ein treffender Name dafür – acht lange, geisttötende Jahre verbracht. Sie hätte eine Entschädigung dafür verdient. Natürlich hatte er alles Brigid vermacht.

Frummie goss sich mit zittriger Hand ein Glas Whisky ein, stellte die Flasche in den Schrank zurück und tappte unsicher die Treppe hinauf. Sie zog sich langsam aus, nahm dazwischen immer wieder einen Schluck und schlüpfte dann ins Bett. Dort saß sie noch ein Weilchen aufrecht, das Glas in der Hand, während eine angenehme Schläfrigkeit über sie kam und sie in den aufgetürmten Kissen einnickte. Auch sie hörte den klagenden Schrei der Eule und das Heulen des Fuchses. Mit einem Schauder kippte sie den letzten Tropfen hinunter und verkroch sich unter die Decke.

VIER

Heute darfst du wieder nach Hause«, sagte Brigid zu Oscar, als sie ihm seinen morgendlichen Hundekuchen brachte und Acht gab, dass Blot ihm die herunterfallenden Krümel nicht vor der Nase wegschnappte. Er kaute bedächtig, als grübele er über ihre Worte nach, und Brigid streichelte seinen großen schwarzen Schädel. »Nicht, dass du glaubst, ich will dich loswerden«, beruhigte sie ihn. »Hau ab, Blot! Friss dein eigenes Futter, und lass Oscar in Ruhe … Ich würde dich so gern hier behalten, wenn dieser neurotische Kerl nicht wäre. Hau ab, Blot! Du strahlst so eine Ruhe aus, Oscar. Kein Wunder, dass Thea immer so ausgeglichen ist. Außerdem hast du etwas von Humphrey. Groß, bodenständig und zuverlässig. Bist du fertig? Wirklich? Gut, dann geh ich jetzt Kaffee trinken.«

Oscar saß vor der Tür zum Wintergarten und musterte mit fast gnädigem Erstaunen Blot, der eifrig umhertapste, um die letzten Krümel zu ergattern. Brigid trat in die lichtdurchflutete Küche und kochte Kaffee, wobei sie eine ungewöhnliche Dankbarkeit erfüllte. Sie hatte schon bald gemerkt, dass erstaunlich viele Feriengäste, die ein Cottage mieteten, sie, Brigid, für das Wetter hier verantwortlich machten.

»Wenn ich gewusst hätte, dass es so viel regnet!«, stöhnten manche verzweifelt. »Ich dachte, Devon wäre eine sonnige Gegend.« Andere murrten: »Wären wir doch auch dieses Jahr wieder ins Ausland gefahren! Dort ist wenigstens anständiges Wetter.« Brigid, die sich in vielen schlaflosen Nächten und sorgenvollen Tagen den Kopf darüber zerbrochen hatte, ob die Cottages den gängigen Standards für Ferienquartiere genügten, empfand solche Bemerkungen als persönliche Kritik.

»Liebste«, hatte Humphrey gesagt und ihr dabei den Arm um die Schulter gelegt, »selbst du hast keine Macht über das Wetter. Lass sie ruhig nächstes Jahr ans Mittelmeer oder sonst wohin fahren, wenn es ihnen hier nicht gefällt. Alles wird sich einspielen, und wir werden bestimmt Stammgäste finden, denen es hier wirklich gefällt.«

Er hatte Recht behalten. Trotzdem fiel ihr jedes Mal ein Stein vom Herzen, wenn am ersten Ferientag eines Gastes die Sonne schien. Nicht dass sie sich um Louise hätte Sorgen machen müssen. Louise liebte diese Gegend so sehr wie Brigid, und der Regen gehörte für sie einfach dazu. Viele Feriengäste waren zu Freunden geworden; sie schickten ihr Weihnachtskarten, und Brigid hatte miterlebt, wie die Kinder groß wurden. Ihre allerersten Gäste waren inzwischen Großeltern wie Brigid und Humphrey. Die meisten von ihnen suchten hier Ruhe und Beschaulichkeit, erwanderten und erkundeten die Gegend, stellten geringe Ansprüche und passten gut hierher. Mit einigen hatte sich ein engeres Verhältnis entwickelt. Man aß gemeinsam zu Abend, machte einen Ausflug zum Church House Inn in Holne, zeigte sich bei einer Tasse Tee oder einer Grillparty gegenseitig Hochzeits- und Tauffotos. Aber nur Louise hatte den Schutzwall durchbrochen, den Brigid um sich errichtet hatte, und in Brigids Seelenleben Einblick gewonnen.

Es war Brigid nicht leicht gefallen, den Stammgästen zu erklären, dass eines der Cottages von nun an nicht mehr zur Verfügung stand. Denn es bedeutete, dass einige von ihnen ihre Ferien auf das Frühjahr oder in den Herbst verlegen mussten. Louise war eine der wenigen gewesen, die ihren alten Urlaubstermin – zweimal im Jahr vierzehn Tage – beibehalten durfte. Ende Mai und Mitte September war zwar die Nachfrage geringer, aber auch wenn es anders gewesen wäre, hätte Brigid Louises Terminplan auf keinen Fall in Frage gestellt.

»Manche Gäste sind einem eben lieber als andere«, hatte sie fast entschuldigend gesagt, »und ich habe das Gefühl, für Louise ist der Urlaub hier wichtiger als für die meisten.«

»Das glaube ich auch«, meinte Humphrey lächelnd. »Du brauchst mich also nicht erst davon zu überzeugen.«

»Ich weiß.« Sie hatte über sich selbst gelacht, aber dann doch bedrückt den Kopf geschüttelt. »Es fällt mir nicht leicht, Leute abzuweisen, die wir schon so lange kennen …« Sie hatte es sich verkniffen hinzuzufügen: »… und das alles nur wegen meiner schrecklichen Mutter«, aber er hatte verstanden.

»Wir hatten doch keine Wahl«, hatte er leise erwidert. »Wir konnten sie doch nicht einfach im Stich lassen.«

»Sie hat mich im Stich gelassen«, hatte Brigid voller Empörung ausgerufen und sich abgewandt, damit er nicht sah, dass ihr die Tränen herunterliefen.

»Aber doch nicht allein und unter Fremden«, entgegnete er im selben ruhigen Tonfall. »Es ist komisch, aber wenn wir sie nicht aufgenommen hätten, wärest du vor Schuld vergangen. Eine vertrackte Situation.«

»Ich weiß.« Sie hatte sich die Nase geputzt und ihn dankbar angelächelt. »Entschuldige!«

»Wofür? Wir wissen doch beide, wie es ist, wenn Eltern nur an sich denken. Einen guten Elternteil hatten wir doch.«

Während sie die vertrockneten Geranienblüten abbrach, den Wasserkessel füllte und sich in der Küche zu schaffen machte, überlegte Brigid, warum sie sich eigentlich vor Humphreys Pensionierung so sehr fürchtete. Er war ein liebenswürdiger, ausgeglichener Mensch, dem es immer wieder gelang, sie aufzumuntern, wenn sie niedergeschlagen oder besorgt war. Sie vermisste ihn und freute sich auf die Wochenenden mit ihm und auf seinen Urlaub. Wovor also sollte sie sich fürchten? Ob er wohl gekränkt wäre, wenn sie gelegentlich das Bedürfnis verspüren würde, allein zu sein? Wie würden sie damit zurechtkommen, ständig zusammen zu sein, wo sie doch so oft getrennt gewesen waren? Die Vorstellung, dass die Mieteinnahmen der Ferienhäuser für den gemeinsamen Lebensunterhalt ausreichten, sodass Humphrey frühzeitig in den Ruhestand gehen konnte, war vor achtzehn Jahren etwas Wunderbares gewesen. Aber jetzt, da dieser Zeitpunkt näher rückte, überfiel sie diese schreckliche Angst. Humphrey dagegen konnte es gar nicht erwarten. Er plauderte gern mit den Gästen. Befürchtete sie etwa, dass er mit seiner Aufgeschlossenheit ihre sorgsam gehütete Privatsphäre zerstören würde? Rasch schob sie diese lähmende Angst beiseite.

»Ich bin eben ein introvertierter Mensch«, sagte sie zu Blot. »Das ist mein Problem.«

Er sah sie treuherzig an und wedelte dabei freundlich mit dem Schwanz. Sie bückte sich und tätschelte ihn. Sein lockiges Fell war weich und warm, und sie kitzelte seine Nase mit einem seiner langen Ohren. Als das Telefon klingelte, stand sie unwillig auf.

»Ein reizender Abend, Herzchen. Es hat mir so gut gefallen.« Frummie klang putzmunter. »Ich wollte fragen, ob du mich mitnehmen kannst, wenn du Louise zum Autoverleih fährst. Ich bräuchte ein paar Sachen aus Ashburton, und es wäre doch albern, mit zwei Autos zu fahren.«

»Selbstverständlich.« Brigid fand sowieso, dass Frummie nach ihrem kleinen Schlaganfall überhaupt nicht mehr Auto fahren sollte. »In einer halben Stunde, ja?«

»Wunderbar. Ach, übrigens, Jemima kommt heute gegen Mittag, und wir gehen ins Pub, um den gestrigen Abend nachzuholen. Wir haben uns überlegt, ob du nicht mitkommen möchtest.«

Brigid schwieg einen Augenblick. Normalerweise trafen sich die beiden lieber allein. Diese Einladung war eindeutig eine Geste der Versöhnung. »Das ist nett von euch«, antwortete sie schließlich. »Der Haken an der Sache ist nur, dass Thea heute Nachmittag kommt.«

»Wir bleiben nicht so lange. Und es macht ihr doch bestimmt nichts aus, ein paar Minuten zu warten. Wahrscheinlich erscheint sie doch erst zum Tee. Willst du dir da ein nettes Mittagessen entgehen lassen? Du darfst alles nicht so eng sehen, Herzchen.«

»Nein. Na gut, ich werde Thea anrufen und ihr sagen, dass sie erst zum Tee kommen soll.«

»Tu das.«

Damit war das Gespräch abrupt zu Ende, und Brigid legte langsam den Hörer auf die Gabel. »Na«, sagte sie zu Blot, »das ist ja eine Überraschung. Hoffen wir mal, dass es nicht in wüste Beschimpfungen ausartet.«

Sie schaute in den Spiegel und schnitt eine Grimasse. Jetzt bereute sie, dass sie sich nicht die Haare gewaschen hatte. Dann setzte sie sich achselzuckend an den Tisch, um die Einkaufsliste zu schreiben.

Louise stand vor der geöffneten Tür in der Sonne, einen Teebecher in der Hand. Sie hatte unruhig geschlafen und war nun froh über den klaren, hellen Morgen. In der Nacht hatte es heftig geregnet. Doch als sie aufstand, zogen draußen vor dem offenen Fenster die Tauben ihre Kreise – die blendend weißen Flügel zeichneten sich gegen den rein gewaschenen, makellos blauen Himmel ab. Sie hatte sich aus dem Fenster gelehnt, ihre weichen dunklen Locken im Nacken zusammengebunden und die frische kühle Luft eingesogen. Sie wollte an dem Zauber dieses strahlenden Morgens teilhaben. Rasch hatte sie Jeans und ein Sweatshirt übergestreift und ein Glas Orangensaft getrunken, ihre Wanderstiefel angezogen und war zum Fluss hinuntergegangen. Ihre Mühe wurde durch den großartigen Anblick des rauschenden Wassers belohnt, das mit mächtigem Tosen dem East Dart unten im Tal entgegeneilte. An diesem Morgen schien es, als könne der Fluss die Vereinigung kaum erwarten, so ungeduldig brauste er durch sein felsiges Bett. Sein Rauschen übertönte den Gesang der Vögel, und selbst die tief herabhängenden Zweige der Weide wurden von der reißenden Strömung erfasst.

Überwältigt von diesem Schauspiel, entfernte sich Louise in Week Fort von dem Uferweg und folgte dem Pfad zur Saddle Bridge, wo der O Brook, gesäumt von Ebereschen, beschaulich dahinplätscherte. Auf die Steinbrücke gelehnt, beobachtete sie zwei Schwarzkehlchen, die in einem Stechginster miteinander flirteten. Die Sonne stieg immer höher, und schließlich meldete sich der Hunger. Auf der einsamen Landstraße kehrte Louise nach Foxhole zurück. Als sie später am Tisch saß und gerösteten Toast mit Honig verzehrte, fielen ihr die Schwarzkehlchen wieder ein, und sie notierte sich noch ein paar weitere reizvolle Eindrücke, den blühenden Ginster und den Weißdorn am steinigen Flussufer … Anschließend widmete sie sich der nüchternen Aufgabe, ihre Einkaufsliste zu schreiben.

Dann ging sie hinaus in die Sonne, trank Tee und sann über ihre Gefühle nach. Diesmal war sie mit einem Verdacht in die Ferien gefahren, der ihre Freude trübte. Die Vermutung, dass Martin eine Affäre hatte, war aus vagen Empfindungen erwachsen, aus Beobachtungen von unmerklichen Veränderungen, die sie gar nicht genau benennen konnte. Es gab keine eindeutigen Indizien wie ein abgebrochenes Telefonat, Zettelchen in der Tasche oder plötzlich anberaumte abendliche Sitzungen im Büro. Nein, es war nur Martins Benehmen, das ihren Argwohn weckte. Er strahlte eine Heiterkeit aus, einen Überschwang, der sich in spontaner Großzügigkeit äußerte – nichts so Banales und Offensichtliches wie Geschenke, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Vielmehr erschien er von einer unbezähmbaren neuen Freude erfüllt, die er einfach ausleben musste, selbst ihr gegenüber, die allen Grund hatte, ihm diesen Überschwang zu verübeln. Doch auch hier gab es nichts Greifbares, nichts Eindeutiges. Martin war immer ein liebevoller, großzügiger, aufmerksamer Partner gewesen. Schließlich war es seine Feinfühligkeit gewesen, die ihr an ihm so gefallen hatte – und seine optimistische Lebenseinstellung, der sie nicht hatte widerstehen können.

Sie hatte seine Expartnerin kennen gelernt, eine attraktive Frau mit säuerlichem Lächeln und spöttischem Blick. »Lassen Sie sich nur nicht täuschen«, hatte sie ihr gesagt, »Martin liebt alle. Wirklich alle. Und alle lieben Martin. Aber man muss eine Herausforderung für ihn bleiben.« Verwirrt und verlegen hatte Louise irgendeine Erwiderung gemurmelt; sie hatten sich nie wiedergesehen. Louise hatte Martin gegenüber dieses Gespräch nie erwähnt. Sie brauchte seine Fröhlichkeit, seine Lebensfreude, seinen riesigen Bekanntenkreis. Drei Jahre lang hatte sie sich ihm angepasst, hatte seine Freunde kennen gelernt, sich auf das gesellige Leben eingelassen, das er so liebte, und gelegentlich sogar Gastgeberin für Kunden seiner Werbeagentur gespielt. Zwischen ihnen hatte es niemals Streit gegeben; nichts hatte den gewohnten Alltag gestört. Dennoch hatte sich der Argwohn bei ihr eingeschlichen, und sie war unfähig, sich ihr Gefühl zu erklären. Sie konnte Martin unmöglich mit haltlosen Verdächtigungen konfrontieren, war aber auf der Hut. Der Mann im Zug hatte ihr einen Wink gegeben, als er verriet, welche Vorteile ein Handy haben konnte. Martin trug sein Handy immer bei sich, ließ es nie herumliegen und hatte sich sogar geweigert, es ihr zu leihen, als sie einmal überraschend mit dem Zug nach Schottland hatte fahren müssen. »Du wirst nie kapieren, wie es funktioniert, mein Schatz«, hatte er gesagt. »Und notfalls gibt es ja ein Zugtelefon.« Aber sein Handy läutete nie, wenn sie mit ihm zusammen war. Ob er wohl Textnachrichten bekam?

Und dann noch das Erlebnis mit der Frau und dem Kind, das sorgsam verdrängte Erinnerungen in ihr wachgerufen hatte.

»Guten Morgen! Was für ein wunderschöner Tag!«

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