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Die Wächter der Teufelsbibel

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Für meine Großmutter. Sie hat mir meinen ersten Bibliotheksausweis gekauft. Schau mal, Oma, was daraus geworden ist! Ich wünschte nur, wir hätten jemals die Zeit gefunden, uns zusammenzusetzen und all die Geschichten aufzuschreiben, die du zu erzählen hattest. Das müssen wir in einem anderen Leben nachholen. Danke dafür, dass du mir den Schlüssel zur Welt der Bücher in die Hand gegeben hast.

Die Grenzen der Seele kannst du nicht finden.
HERAKLIT VON EPHESOS

 

Es gibt eine Legende …

Ein Mönch wurde eingemauert, als Sühne für eine schreckliche Tat.  

Während er in seinem Gefängnis verschmachtete, wollte er sein Vermächtnis niederschreiben. Sein Buch sollte all die Kenntnisse enthalten, die er ein ganzes Leben lang gesammelt hatte, für die er sein Leben verwirkt hatte. Es sollte eine Bibel des Wissens werden.  

Schon in seiner ersten Nacht erkannte er, dass er niemals damit fertig werden würde. In seiner Not begann er zu beten, und da Gott seine Gebete nicht erhörte, betete er zum Teufel und bot ihm seine Seele an.

Der Teufel kam und schrieb das Buch in jener einen Nacht zu Ende. Aber statt wie vereinbart die gesammelte Weisheit der Welt darin festzuhalten, ergänzte er sie um das Wissen des Teufels. Durch alle Zeiten hindurch hatte der große Verführer versucht, der Menschheit sein Wissen zuzuspielen, für das sie noch nicht reif war und mit dem sie sich selbst zerstören würde. Seinetwegen wurden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben; seinetwegen würde sich die Menschheit nun endgültig zugrunde richten. Und da er wusste, dass die meisten Menschen vor ihm auf der Hut waren, tarnte er sein Vermächtnis als Niederschrift der Bibel. Wer es ohne Verstand las, dem würde es sich nicht erschließen; die klugen Köpfe jedoch würden es entschlüsseln. Dem Teufel war von jeher daran gelegen, stets die Glänzendsten von uns zu verderben.

Der Mönch würde erkennen, was geschehen war. Doch wenn er das Werk zu zerstören trachtete, so würde auch sein Wissen verloren gehen. Nicht nur sein Leben, auch seine Buße wäre vollkommen vergebens gewesen.

Der Teufel wusste, dass der Mönch dies niemals fertigbringen würde.

Als das Verlies des Gefangenen nach Wochen aufgebrochen wurde, fand man neben seinem Leichnam ein gigantisches Buch. Die Mönche, die es aufschlugen, zuckten entsetzt zurück – auf einer Seite grinste ihnen ein riesiges Abbild des Leibhaftigen entgegen. Alles, was der einsame Mönch hatte tun können, war, die Nachwelt mithilfe dieser Zeichnung zu warnen. Und den Schlüssel zu des Teufels Werk auf drei Seiten in dem Buch zu verstecken.

Es gibt eine Legende …

Wer den Glauben an Gott besitzt, dem gehört das Himmelreich.

Wer das Wissen des Teufels besitzt, der beherrscht die Welt.

DRAMATIS PERSONAE

(ein Auszug)

 

 

 

 

AGNES KHLESL

Von ihrer sterbenden Mutter auf die Welt gebracht und in
einem Haus ohne Zuneigung aufgewachsen, hat Agnes ihr Herz für immer an Cyprian verschenkt – doch der Preis
ihrer Liebe ist hoch

 

CYPRIAN KHLESL

Er ist dem Bösen stets in den Weg getreten, wenn es nach
den Menschen gegriffen hat, die ihm lieb und teuer sind.
Wie nahe es ihm diesmal gekommen ist, ahnt er nicht

 

ANDREJ VON LANGENFELS

Cyprians bester Freund und Partner war einmal Dieb,
Helfer eines Scharlatans, Erster Kaiserlicher Geschichtenerzähler und ein Mann, dem die große Liebe seines Lebens
genommen wurde.

Seither hat er die Schatten der Vergangenheit
zu groß werden lassen

 

ALEXANDRA KHLESL

Agnes’ und Cyprians Tochter glaubt an die Liebe
und verzweifelt am Zustand der Welt

 

WENZEL VON LANGENFELS

Andrejs einziger Sohn muss sich seiner Herkunft stellen

 

FILIPPO CAFFARELLI

Der junge Kleriker kennt die Kirche so gut,
dass ihm nur noch eine einzige Frage an Gott geblieben ist

 

ADAM AUGUSTÝN

Der Oberbuchhalter der Firma Khlesl & Langenfels hat einen Hang zu außergewöhnlichen Verstecken

 

OBERST STEPHAN ALEXANDER SEGESSER

Der Kommandant der Schweizergarde ist seinem Vorgänger ein loyaler Kamerad – und vor allem ein guter Sohn

 

VILÉM VLACH

Der einflussreiche Brünner Händler hat Verbindungen
bis ganz nach oben – und eine Rechnung zu begleichen

 

SEBASTIAN WILFING JUNIOR

Er ist noch immer der Traum zumindest einer prospektiven Schwiegermutter

 

HEINRICH VON WALLENSTEIN-DOBROWITZ

Der Vetter eines bekannten Feldherrn hat die Erfahrung
gemacht, dass die größte Dunkelheit immer in der eigenen Seele ist

 

KASSANDRA DE LARA HURTADO DE MENDOZA

Sie hat den Teufel im Gesicht – und im Herzen

… UND NOCH EIN PAAR
HISTORISCHE FIGUREN

(ebenfalls ein Auszug)

 

 

 

 

MELCHIOR KARDINAL KHLESL

Der Erzbischof von Wien vernachlässigt seine
politische Vorsicht

 

POLYXENA VON LOBKOWICZ

Die Gattin des kaiserlichen Reichskanzlers und schönste
Frau ihrer Zeit bewahrt ein Geheimnis

 

ZDENEÙ POPEL VON LOBKOWICZ

Ein geschmeidiger Realpolitiker im höchsten Amt des Reichs

 

ABT WOLFGANG SELENDER VON PROSCHOWITZ

Ein Hirte, der an die Kraft Gottes glaubt,
aber nicht an die eigene

 

JAN LOHELIUS

Erzbischof von Prag, Primas von Böhmen,
Großmeister der Kreuzherren –
und Kriegstreiber wider Willen

 

Jaroslav Graf von Martinitz,
Wilhelm Slavata, Philipp Fabricius

Drei Männer fallen aus dem Fenster
und lösen eine Katastrophe aus

 

GRAF MATTHIAS VON THURN

Wortführer der protestantisch-böhmischen Stände

 

KARL VON ŽEROTíN, ALBRECHT VON SEDLNITZKY, SIEGMUND VON DIETRICHSTEIN

Mährische Politiker mit unterschiedlichen
Moralvorstellungen

 

MATTHIAS I. VON HABSBURG

Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und Nachfolger
des verhassten Rudolf II.; im Übrigen keine wirklich
bessere Wahl

 

FERDINAND II. VON HABSBURG

Erzherzog von Innerösterreich, König von Böhmen
und künftiger Kaiser des Heiligen Römischen Reichs;
Matthias’ Bruder; ein fanatischer Protestantenhasser

 

PAPST PAUL V.

Sein Geist beschäftigt sich mit Prachtbauten, sein Herz
mit dem vatikanischen Geheimarchiv – für die Christenheit bleibt da leider kein Platz mehr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da nahm ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sagte zu ihm: »Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

EVANGELIUM NACH MATTHÄUS

1612:
CAESAR MORTUUS EST

Alle, die wir tot dort unten liegen,
sind Gebein und Asche und sonst nichts.

INSCHRIFT AUF EINEM RÖMISCHEN GRABSTEIN

1

DER KAISER WAR TOT, und mit ihm war all das gestorben, was an ihm menschlich gewesen war. All das Bizarre, Unverständliche, Monströse, all das Phantastische, Visionäre und Irrsinnige aber, das die Welt darüber hinaus mit seiner Person verbunden hatte, würde bleiben. Es würde in der Erinnerung an ihn konserviert sein für alle Zeiten – und es war hier konserviert, in seinem Reich, seiner Drachenhöhle, seinem Hort tief in den Eingeweiden der Burg auf dem Hradschin.

Sebastiàn de Mora, ehemaliger Hofnarr des toten Kaisers Rudolf, erschauerte. Er erwartete jeden Moment, dass der Geist des Toten um eine der Säulen in der Wunderkammer kommen würde.

»Heiliger Wenzel, was ist denn das?«, flüsterte einer der vermummten Mönche. Er hatte einen Behälter ein Stück weit aus einem Regal gezogen. Glas schimmerte im Licht der Laterne, die der Mönch hielt. Sebastiàn wusste, was es war, er kannte fast alle Sammlerstücke des verstorbenen Kaisers.

Konserviert, dachte er. Genau.

Hastig warf er einen Blick zu den anderen hinüber. Er hatte sich stets gefragt, ob Kaiser Rudolf eines Tages, wenn sein Hofnarr vor ihm sterben sollte, dafür sorgen würde, dass auch dessen Leichnam konserviert werden würde.

Die anderen waren nie hier hereingekommen, aber an ihren Mienen sah er, dass sich diese Frage nun auch ihnen unwillkürlich stellte. Die Bedrohung durch die Mönche, die Rapiere und Dolche in den Händen hielten, war nur zu greifbar; doch wenn man sah, was sich in diesen Regalen befand, und sein eigenes Spiegelbild kannte, dann drängte sich die Frage in den Vordergrund.

Der Mönch wich zurück. Das Glas rutschte aus dem Regal, fiel durch den Lichtschein und zerbarst auf dem Boden. Der Inhalt schwamm heraus und kam auf den Fliesen zu liegen. Ein Gestank von Alkohol und Fäulnis wallte auf.

»Herr im Himmel!«

Der Mönch sprang beiseite. Sebastiàns Leidensgenossen wandten den Blick von der bleichen, aufgedunsenen Gestalt auf dem Boden ab. Der Hofnarr holte tief Luft, obwohl der Geruch ihm in die Nase stach. Er hätte erklären können, dass in den Dutzenden von Gläsern in diesem Regal weitaus entsetzlichere Dinge konserviert waren als ein Säugling mit zwei Köpfen, die beide mit blinden Augen aus ihren halb zerfallenen Gesichtern starrten.

»Das nisst risstige Mönken seien«, flüsterte die Stimme von Brigitta. Er warf ihr einen Seitenblick zu; im Laternenlicht war ihr Antlitz eine Ansammlung von missgestalteten Schattenflächen, die beinahe Ähnlichkeit mit den grauen Gesichtern der Scheußlichkeit auf den Fliesen aufwiesen. Sie war als eine der Letzten an Rudolfs Hof gekommen, ein Geschenk des schwedischen Königs. Sie alle, wie sie hier standen, kleinwüchsige, krummbeinige, kurzgliedrige Wesen mit knolligen oder schiefen Gesichtszügen, hatte Kaiser Rudolf auf der halben bekannten Erdkugel zusammengesammelt.

»Man sollte das alles verbrennen, all diese grässlichen … Monstrositäten!«, stieß der falsche Mönch hervor, der das Glas aus dem Regal gekippt hatte. Sein Blick fiel auf die sechs Zwerge, die sich unwillkürlich zusammendrängten.

»Weiter«, sagte der Anführer der Mönche. »Wir vertrödeln nur Zeit.«

Sebastiàn führte sie tiefer in das Kuriositätenkabinett hinein. Er hatte keine andere Wahl. Er hatte auch keine andere Wahl gehabt, als das böse Spiel der Männer mitzuspielen, als sie plötzlich in dem einsamen Flur aufgetaucht waren, in den Sebastiàn sich zurückgezogen hatte, um Kaiser Rudolfs Tod beweinen zu können. Sie waren zu zweit gewesen. Zuerst hatte er sie für wirkliche Mönche gehalten, dann hatte er das Knallen der Stiefelabsätze gehört, einen Blick in die dunklen Kapuzen geworfen – und zu fliehen versucht. Der Anführer der Männer hatte ihn erwischt und mit einer Hand hochgehoben, ihm mit der anderen den Mund zugehalten; dann hatten sie ihn in eine der vielen Kammern geschleppt, und er hatte sich den anderen Hofzwergen gegenübergesehen und zwei weiteren Mönchen, die Sebastiàns Leidensgenossen mit gezückten Klingen in Schach gehalten hatten.

»Du weißt, wo der Kaiser die Teufelsbibel versteckt hält?«, hatte der Anführer ihm ins Ohr geflüstert. Sebastiàn hatte geschwiegen. Der Anführer hatte ihn geschüttelt. Sebastiàn hatte weiterhin geschwiegen und gefühlt, wie seine Blase vor Angst nachzugeben gedroht hatte. Der Anführer hatte eine kleine Kopfbewegung gemacht, und einer seiner Männer hatte den ihm zunächst stehenden Zwerg gepackt – es war zufällig Miguel gewesen, mit dem Sebastiàn schon am spanischen Königshof zusammen gewesen war – und mit dem Rapier ausgeholt.

Sebastiàn hatte wie wild genickt, halb erstickt vom eigenen trommelnden Herzschlag.

»In einer Truhe in der Wunderkammer, verschlossen mit einer Kette? Und den Schlüssel zur Truhe trägt der Kaiser am Leib?«

Resigniert hatte er ein weiteres Mal genickt.

»Der Kaiser liegt aufgebahrt auf seinem Bett. Glaubst du, du kommst an den Schlüssel ran, Toro?« Die Stimme des Anführers hatte erregt geklungen. Dass er Sebastiàns Spitznamen kannte, wies ihn als Mitglied von Rudolfs Hofstaat aus. Die Stimme war Sebastiàn dennoch unbekannt gewesen.

Er hatte erneut genickt. Und dann war er losgegangen, hatte seine Aufgabe erfüllt, weil niemand auf die kleine, täppisch vorwärtsstapfende Gestalt geachtet hatte, die sich zum Bett des toten Kaisers vorgearbeitet hatte, während die Würdenträger und Hofbeamten alle in einer Ecke gestanden und flüsternd beratschlagt hatten. Danach war er in die kleine Kammer zurückgekehrt, wider alle Erwartungen hoffend, dass die verkleideten Männer ihn und seine Kameraden freilassen würden.

Die Gruppe blieb erneut stehen, als sie im letzten der Räume angelangt war. Hier hatte Rudolf all die Dinge gehortet, die ihn am meisten faszinierten. Bezoare, mit Gold überzogen, in Silber gefasst oder zu Kelchen umgearbeitet, lagen und standen in Regalen. Ein präparierter Hase mit einem Kopf und zwei Körpern, einer verkrüppelter als der andere, und ein zweiköpfiges Kalb starrten ihre Besucher mit Glasaugen an. Das Laternenlicht strich hastig über die Ausstellungsstücke. Ein äußerlich unscheinbarer Stock glitt aus den Schatten; der Kaiser war überzeugt davon gewesen, dass es sich um den originalen Stock Mosis handelte, so wie er auch geglaubt hatte, dass die lange elfenbeinerne Spindel in ihrer opulenten Gold- und Juwelenfassung das Horn eines Einhorns gewesen sei. Mechanische Spielzeuge glitzerten matt; das Gewicht der vielen Menschen in der Kammer verschob ein paar Holzbohlen, die nicht ganz abgelaufene Feder eines der Automaten reagierte, und mit lautem Schnarren setzte sich eine metallene Diana auf einem ebenso metallenen Zentauren in Bewegung und rollte ein paar Zoll weit über den Boden. Einer der falschen Mönche fluchte.

Sebastiàn deutete auf einen Ring im Boden. Die Laterne beleuchtete die feinen Umrisse einer meisterlich eingepassten Falltür. Als sie geöffnet war, drangen die scharfen Dünste von Schwefel und Salpeter, der Staubgeruch von getrockneten Pilzen, Totenmoos und anderen Flechten, die Düfte von Rosenöl, Leinöl, Terpentin und Sandelholz nach oben, schwimmend auf einer undefinierbaren, kaum wahrnehmbaren Note von Heimlichkeit, Verstohlenheit und schwarzer Magie.

Sebastiàn und die anderen wurden gezwungen, die Leiter als Erste hinunterzusteigen. Er hörte, wie einer von den Männern die Luft durch die Zähne saugte. Er wollte es nicht, aber dann drehte er sich doch um.

Kaiser Rudolf hatte ein mächtiges Pult für die Teufelsbibel anfertigen lassen. Ein Eisenkäfig war darum herum angebracht, eine kurze Treppe wendelte sich zu ihm empor; es sah aus wie die Kanzel in einer Kirche, in der nicht Gott, sondern abseitigen Experimenten gehuldigt wurde. Sebastiàn erinnerte sich an die Gelegenheiten, bei denen er die Teufelsbibel auf dem Lesepult gesehen hatte: Das weiße Leder schien von sich aus zu schimmern, die metallenen Beschläge sahen darauf aus wie schwarze Tatzenspuren, das ebenfalls metallene Ornament in der Mitte des Deckels wirkte wie ein magischer Schlüssel zu einer Welt jenseits der Realität. Er hatte nie ein ähnlich großes oder gar noch größeres Buch gesehen. Für jemanden wie ihn, der sich auf Zehenspitzen stellen musste, um über eine Tischkante zu spähen, dräute es auf dem Lesepult wie eine mächtige, schimmernde Klippe. Sebastiàn hörte das Dröhnen in seinen Ohren, das er immer hörte, wenn er hier war; es schien von der Teufelsbibel zu kommen, aber es war tatsächlich nur das Blut, das in seinem Schädel pochte.

»Leer«, sagte der Anführer der Mönche.

Sebastiàn wies zum Fuß der unheiligen Gebetskanzel, wo eine gewaltige Truhe stand. Ein Kettenschloss hing davor. Unaufgefordert watschelte er zur Truhe und sperrte das Schloss auf. Ein langer Arm fasste an ihm vorbei und öffnete den Deckel. Etwas leuchtete matt in der Finsternis des Truheninneren, Beschläge funkelten. Sebastiàn wurde schlecht.

»Gute Arbeit«, sagte der Anführer der Mönche. »Ihr könnt gehen, Zwerge.«

Noch im Umdrehen hörte Sebastiàn das metallene Geräusch, wie eine Sense, die ein zu dickes Büschel Gras mäht. Miguel stand vor Sebastiàn, und einen gähnenden Augenblick lang fragte Sebastiàn sich verwirrt, was anders an Miguel war als sonst, dann wusste er es. Miguels Beine knickten ein, soweit seine verkrüppelten, steifen Gelenke es zuließen, dann fiel er seitlich um wie eine Holzpuppe. Aus dem Halsstumpf schoss ein langer, schwarzer Strahl Blut. Miguels Kopf kam am Fuß des Pults zur Ruhe.

Stille.

Einen Wimpernschlag lang herrschte Stille, einen Wimpernschlag lang, der sich bis in die Ewigkeit ausdehnte.

Miguels Blut prasselte auf den Steinboden nieder wie ein Regenschauer.

Dann begann Brigitta zu kreischen, und die Stille zerstob in panisch wirbelnder Bewegung.

Fünf kleine, stämmige Gestalten rannten kopflos im Labor umher. Die falschen Mönche fluchten und schwangen die Klingen, aber die Todesangst machte die kurzen Beine wieselflink, und das zum Bersten mit Tischen, Bänken und Trögen vollgestopfte Labor hinderte die großen Männer daran, ihren Vorteil auszuspielen. Ein Rapier zuckte einem Flüchtling hinterher, schlug aber in die Kante eines Tisches statt in dessen Rücken. Die Phiolen und Kolben darauf klirrten und tanzten, fielen herunter und zerplatzten, als der Besitzer des Rapiers hastig versuchte, es aus dem Holz zu zerren. Funken sprühten auf, als eine andere Klinge über einen Steintrog schrammte und die bunte Gestalt, die hineingekrabbelt war, verfehlte. Brigitta kreischte wie von Sinnen, während sie unter Tischen hindurchschlüpfte und mit wedelnden Ärmchen versuchte, die Leiter zu erreichen. Jemand rannte in vollem Lauf gegen das Pult mit der Teufelsbibel, prallte zurück und fiel zu Boden, und ein Rapier zuckte an der Stelle durch die Luft, wo eben noch ein fliehender Zwerg gestanden hatte.

»Macht die Missgeburten fertig!«, schrie der Anführer der Mönche, stolperte über den kopflosen Leib Miguels und fiel gegen die Truhe. Seine Kapuze rutschte zurück, und Sebastiàn, der wie erstarrt inmitten des Chaos stand, sah ein von einem schwarzen Kopf- und Halstuch verhülltes Gesicht, in dem nur die Augen nicht vermummt waren. Ebendiese Augen starrten auf das weiße Leder der Teufelsbibel, nur eine Handbreit entfernt. Sebastiàn sah Gier und Angst gleichermaßen in ihnen, dann wurden sie blind vor Zorn. Der falsche Mönch fuhr herum und trat gegen Miguels Körper, so dass dieser unter einen Labortisch rutschte. Er hob das Schwert und machte einen riesigen Schritt auf Sebastiàn zu, doch jemand – Hänschen, Sebastiàn war sicher, es war Hänschen, der so dick war, dass er bei einer Aufführung einmal in dem Drahtkorb unter der Pastete stecken geblieben war, aus der er hätte herausspringen sollen – warf sich gegen die Beine des Mannes und brachte ihn zum Wanken. Eine Stiefelsohle glitt in Miguels Blut aus, und der falsche Mönch stürzte zusammen mit einem Tisch zu Boden, eine Explosion aus Glasscherben, vielfarbigen Flüssigkeiten, Pulvern und magischen Kristallen auslösend. Hänschen taumelte in die andere Richtung und entging dadurch einem Klingenstoß, der einen Ledersack durchbohrte. Feinster Rotwein, den Rudolf zur Waschung von Erdwürmern verwendet hatte, spritzte in hohem Bogen heraus.

Sebastiàn erwachte aus seiner Erstarrung und sprang zurück. Seine Blicke hefteten sich auf das Licht der Laterne auf einem Tisch. Wenn er sie löschen könnte, wäre es stockdunkel im Labor; dann wäre die Größe und Stärke der vier Männer ihnen kein Vorteil mehr. Er sah, dass Brigitta sich auf die Leiter gerettet hatte und bereits halb nach oben geklettert war, aber ein kuttenverhüllter Arm streckte sich nach ihr aus. Er sah, dass Hänschen versucht hatte, einem der Angreifer zwischen den Beinen hindurchzuschlüpfen, und es nicht geschafft hatte und eben hervorgezerrt wurde; er sah die beiden anderen Zwerge, die sich in die entfernteste Ecke geflüchtet hatten und sich dort gegenseitig umklammert hielten, gelähmt wie in die Enge getriebene Kaninchen … Wenn es ihm gelang, die Laterne zu erreichen, konnte er seine Kameraden retten.

Er ließ sich gegen den Tisch fallen, auf dem sie stand. Sie schwankte. Seine Ärmchen waren zu kurz; er konnte sie nicht erreichen. In blinder Panik stemmte er sich gegen die Tischplatte, hob den Tisch fast hoch und knickte dann unter ihm ein, aber der Aufprall der Tischbeine auf dem Boden ließ die Laterne tanzen, sie tanzte auf Sebastiàn zu, drohte, von der Kante zu fallen, er kriegte sie zu fassen, verbrannte sich die Finger, warf sich herum, um sie zu Boden zu schmettern …

… die Szene stand eingefroren vor seinen Augen und würde es für den Rest seines Lebens bleiben: Brigitta, die der lange Arm in der dunklen Kutte von der Leiter gefegt hatte und die gegen eine Wand flog in einem Aufprall, der alle Knochen in ihrem Leib brechen ließ. Ihr Kreischen verstummte. Hänschen, der mit Armen und Beinen zappelnd auf dem Rücken lag und den Mann anstierte, der über ihm stand und das Schwert in seinen dicken Leib trieb. Die beiden in der Ecke, einander immer noch umklammernd, aber jetzt zu Boden gesunken und still liegend, während der Anführer der Mönche sich von ihnen abwandte und das Blut von seiner Schwertklinge troff.

Die Lampe zerplatzte. Plötzliche absolute Dunkelheit, das Tropfen von Flüssigkeiten, das Geräusch von Scherben, die langsam tanzend zum Stillstand kamen, das Knarren von Holz. Ein blubberndes, lang gezogenes Ächzen, das aus Hänschens Mund gekommen sein musste. Ein gezischter Fluch. Das Stolpern von Stiefeln und ein lauterer Fluch. Jemand, der sagte: »He?«, als wäre alles ein Spiel und einer hätte versehentlich die Kerze ausgeblasen. Dann Stille. Und Sebastiàn, der an der Stelle stand, an der er die Lampe zerschmettert hatte, bewegungslos, atemlos, blutlos, keines Gedankens fähig, halb irre vor Entsetzen.

»Das hat man überall gehört«, sagte eine Stimme.

»Hauen wir ab.«

»Toro?« Es war die Stimme des Anführers. Sebastiàn erschauerte von Kopf bis Fuß. »Nicht schlecht, Toro!«

»Lass uns abhauen, Henyk! Jeden Moment werden die Palastwachen hier sein.«

»Toro?«

Sebastiàn hielt den Atem an.

»Lass die kleine Missgeburt. Hier, ich hab die Leiter gefunden.«

Sebastiàn hörte förmlich das Zögern des Anführers.

»Na gut, na gut. Wir sehen uns wieder, Toro! Los, schnappen wir uns das Ding und verschwinden wir, solange es noch geht.«

Die nächsten Minuten – Stunden? Tage? Jahrhunderte? – waren angefüllt von Ächzen, Fluchen, Herumtappen und Sebastiàns vorsichtigem Kriechen über Glasscherben, stinkende Flüssigkeiten und durch die Finsternis, bis er unter einem der umgefallenen Tische lag, sicher vor einem versehentlichen Tritt, der seine Position verraten hätte. Er hörte die Diebe, wie sie zu viert die Truhe, die zusammen mit dem Buch so viel wiegen musste wie zwei erwachsene Männer, die Leiter hinaufwuchteten; er hörte die Schritte über sich, wie sie schnell in Richtung Ausgang verschwanden. Er wusste nicht, wie lange er noch so dagelegen hatte, als alles wieder verhältnismäßig still war und er seinen Beinen den Befehl gab aufzustehen, während sie sich weigerten. Schließlich kroch er die Leiter empor; seine Haut kribbelte bei dem Gedanken, dass sie ihn hereingelegt hatten und oben bei der Falltür auf ihn warteten, doch nichts geschah. Er torkelte durch das Kuriositätenkabinett, von seinem Instinkt durch die Finsternis gelenkt; als er dachte, er müsse bei den Regalen mit den missgestalteten Fehlgeburten angelangt sein, roch er auch schon den Alkohol und spürte die Konservierungsflüssigkeit um seine Schuhe herum aufspritzen.

Dann flog die Tür auf, Lichtschein drang herein, und ein weiterer Instinkt ließ Sebastiàn hinter das nächste Regal huschen.

»Los, mehr Licht!«

Eine Handvoll Männer drang in das erste Gewölbe. Rüstungen schimmerten. Sebastiàn kroch tiefer in das Regal hinein. Das Licht näherte sich, während die Gruppe die Gewölbe durchquerte. Auch sie hatte einen Anführer, einen Mann mit einem langen, dunklen Mantel. Die Soldaten folgten ihm.

»Mein Gott, was ist das da vorn?«

»Heilige Maria …!«

»Eine Missgeburt«, sagte die erste Stimme und hörte sich krank an. Sebastiàn kannte sie nicht – dafür wurde ihm plötzlich klar, was der knöchellange Mantel tatsächlich war: die Soutane eines Pfarrers. »Seine Majestät hat sie gesammelt. Ich glaube, hier gibt es Dutzende davon.«

»Heilige Maria …«

»Wo ist das geheime Labor?«

»Unterhalb der letzten Kammer, Ehrwürden.«

Das Licht glitt an Sebastiàns Versteck vorbei. Sein Blick fiel auf einen schmuckvoll gefassten Pokal direkt vor ihm. Ein Gesicht starrte ihn aus dem Pokal heraus teilnahmslos an, schwerlidrige Augen, eine breite Nase, wulstige Lippen, ein Kopf, der auf keinem Hals saß und oberhalb der Augen einfach abgeflacht war wie ein Brett. Das Licht verschwand im Kuriositätenkabinett. Sebastiàn hörte die überraschten oder angeekelten Ausrufe der Wachen und dann die plötzliche, schockierte Stille, als sie die Falltür entdeckt und mit ihren Lampen hinuntergeleuchtet hatten. Er kroch aus seinem Versteck heraus und rannte zum Ausgang des Kuriositätenkabinetts, so schnell er konnte, merkte nicht, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen und dass sein Mund versuchte, Worte zu rufen, die seine verformte Kehle niemals würde hervorbringen können, die sich wie ein dumpfes Muhen anhörten und der andere Grund waren, der ihm seinen Spitznamen eingebracht hatte.

Er lief in den Gang hinaus, rannte an die gegenüberliegende Wand, rutschte an ihr zu Boden und schluchzte. Durch die Tränen in den Augen sah er eine Gestalt in gelb-rotem Gewand eilig herankommen, sah einen breitkrempigen Hut mit langen Federn in denselben Farben darüber wippen. Es war ihm egal, dass der Mann ihn auf dem Boden liegen und weinen sah; das Entsetzen über das, was er gesehen und mit knapper Not überlebt hatte, überdeckte alle anderen Gefühle. Er krümmte sich zusammen und wünschte sich, nicht mehr am Leben zu sein.

Plötzlich fühlte er sich hochgehoben; er starrte in ein hübsches Jungengesicht über den Flammenfarben des Gewandes, sah es lächeln.

»Leb wohl, Toro«, sagte das Gesicht, und falls das Entsetzen in Sebastiàns Seele noch größer werden konnte, dann war die Stimme daran schuld. Er kannte sie. Wenige Augenblicke vorher hatte er sie sagen hören: »Macht die Missgeburten fertig!«

Der junge Mann mit dem flammenfarbenen Gewand hielt ihn mühelos mit einer Hand in die Höhe. Sebastiàn schlug mit seinen kleinen Fäusten gegen den Arm, an dem er hing. Es war, als kämpfe ein Schmetterling mit seinem Flügelschlag gegen einen Löwen. Er hörte das Geräusch des Fensters, als sein Gegner es mit der freien Hand öffnete, fühlte die Januarkälte hereindringen. Er hörte sich ächzen …

… dann war er auf einmal schwerelos. Ein Teil seines Wesens fühlte, wie lächerlich die Erinnerung in diesem Augenblick war, die Erinnerung an einen warmen Sommertag, die erhitzten Gesichter, die auf ihn zukamen und sich von ihm wegbewegten, die Decke, die sich spannte und ihn in die Höhe schleuderte, die ihn weich in Empfang nahm, als er wieder nach unten stürzte, nur um ihn von Neuem nach oben zu katapultieren … das Lachen und Kreischen der Hofdamen, die an der Decke ruckten … die kleinen Flügel, die man ihm auf den Rücken geschnallt hatte und die sich in Federgestöber auflösten, während er auf und ab flog, so dass er in einem weichen, warmen Schneegestöber zu taumeln schien … das knielange Hemdchen, das sein einziges Kleidungsstück war und das ihm bei jedem neuen Emporschnellen bis zu den Achseln hochrutschte, zum johlenden Vergnügen der Hofdamen … ein lebender, drei Fuß großer Puttenengel mit feschem schwarzen Schnauz- und Kinnbart und einem Gehänge, das an einem normal großen Mann schon mächtig gewesen wäre und das den ersten Grund für seinen Spitznamen darstellte … das Gelächter ringsherum und die Angst, dass ihn die kreischenden Weiber danebenstürzen ließen, vermischt mit der Erregung, wieder und wieder hochgeschleudert zu werden, zu fliegen …

Er hörte Gebrüll und wunderte sich über den Lärm, bis er merkte, dass er ihn selbst verursachte. Überrascht erkannte er, dass er tatsächlich nichts so sehr wollte wie leben! Er vernahm die Stimme seiner Mutter, die sagte: »Mein kleiner, kleiner Glücksstern!«, und ihn an sich drückte, während Tränen ihre Wangen hinunterliefen und er sich wunderte, worüber sie traurig war, er war doch gesund …

Er hörte den Wind brausen.

Ein winziger Mann, der dem Tod entgegenstürzte.

2

REICHSKANZLER ZDENEÙK VON LOBKOWICZ gelangte beim Eingang zur kaiserlichen Wunderkammer an, als sich die Soldaten eben davor postierten. Er keuchte.

Wer glaubte, dass mit dem Tod eines Kaisers das Leben am Hof zu einem trauervollen Stillstand kam, war gut beraten, diese Theorie nicht ihm zu präsentieren; der kleine, harmlos aussehende Mann mit dem gesträubten Schnurrbart und dem glatt nach hinten gekämmten Haar hätte ihn vermutlich angesprungen. Zdenk von Lobkowicz war durch all die Jahre hindurch der höchste Beamte im Reich gewesen – Jahre, die vom Verfall Kaiser Rudolfs und von den plumpen Versuchen seines Bruders Matthias, nach der Reichskrone zu greifen, geprägt gewesen waren. Diese Erfahrung hatte ihn ein großes Maß an Verachtung gegenüber fast allen Kreaturen des Hofs gelehrt, die von Gott angeblich auserwählten Herren des Reichs absolut eingeschlossen. Er hatte versucht, dieser Verachtung mit höchster eigener Effizienz zu begegnen, um sie nicht auch noch eines Tages zu verspüren, während er gerade in den Spiegel blickte.

Nur gegenüber einem hochrangigen Mann im Dienst des Reichs hatte er sich Respekt bewahrt: Melchior Khlesl. Der alte Kardinal und Minister war zwar eigentlich als Unterstützer von Rudolfs Bruder Matthias im feindlichen Lager gewesen, doch in diesem Sumpf aus Hofschranzentum, Faulheit und Wichtigtuerei mussten die beiden einzigen kompetenten Beamten notgedrungen Achtung voreinander entwickeln, selbst wenn sie politische Gegner waren.

Der Kreuzherren-Hochmeister und Prager Weihbischof Jan Lohelius stand neben den Soldaten und trat von einem Bein auf das andere; der alte Mann hatte sich eine Soutane angezogen statt des Bischofsstaats und sah darin aus wie ein fetter, gichtkranker Dorfpfarrer; er war geradezu leuchtend blass. Ein junger Mann lehnte gegenüber neben einem Fenster an der Wand und wirkte so blasiert wie alle jungen Höflinge, die ihre verzweifelte Abhängigkeit von der Gunst eines einfältigen hohen Beamten oder einer ältlichen, nach junger Haut hungernden Hofdame mit Arroganz kaschierten. Ein zweiter Blick in die blauen Augen des jungen Mannes ließ ihn ahnen, dass er hier möglicherweise mit seiner Beurteilung danebenlag, aber warum sich weiter um einen Menschen Gedanken machen, der von keinerlei Wichtigkeit mehr war, wenn diese Aufgabe hier abgeschlossen war, und der mit der Auswahl seiner Kleiderfarben (gelb und rot) zu solch einer Zeit schlechten Geschmack bewies?

Er wandte sich an Lohelius. »Hat es geklappt?«, flüsterte er.

Hochmeister Lohelius nickte wie jemand, der nicht mehr damit aufhören kann.

Lobkowicz forschte in den Taschen seiner Kleidung und fand zwei kleine metallene Kapseln, die mit abblätternder Farbe bemalt waren – rot und grün. Er starrte die grüne Kapsel an.

»Reichskanzler …«, wisperte Lohelius.

Lobkowicz zögerte, dann öffnete er die Kapsel und nahm das kleine Papierband heraus, das darin eingerollt war. Er hatte es in den letzten Stunden bestimmt ein Dutzend Mal herausgenommen, gelesen, wieder hineingesteckt und dann erneut herausgenommen und gelesen, um sicherzustellen, dass er die richtige Nachricht in die richtige Kapsel getan hatte. Er spähte auf die winzige Schrift. Arcimboldo hat das Gebäude verlassen.

»Reichskanzler …«

»Was denn, Ehrwürden?«

»Es hat geklappt, aber trotzdem … etwas ist geschehen …«

»Was?« Lobkowicz versuchte, die Papierrolle wieder in die Kapsel zu stopfen. Er stellte fest, dass seine Finger zu stark zitterten, und verfluchte sich dafür. Irgendwo von jenseits des Fensters, das in die Gärten hinabführte, kamen gedämpfter Lärm und Geschrei. »Was ist denn da los, zum Teufel?«

»Ich … ich …« Der Weihbischof würgte plötzlich und musste sich angestrengt räuspern. »Erzählen Sie es ihm, von Wallenstein.«

Der junge Mann stieß sich von der Mauer ab. Er glitt zu Lobkowicz heran, nahm ihm ungefragt Papier und Kapsel aus der Hand und verstaute die Botschaft mit einer flinken Bewegung. Der Reichskanzler schenkte ihm einen aufgebrachten Blick, hielt aber den Mund und nahm die geschlossene Kapsel wieder in Empfang. Der junge Mann lächelte. Er hatte Gesichtszüge, die man als Vorlage für eine Engelsstatue hätte verwenden können, doch das Lächeln ließ Lobkowicz trotz aller Ebenmäßigkeit, der blitzenden Zähne und feinen Grübchen auf den Wangen erschauern. Er fühlte sich eiskalt angeweht.

»Im geheimen Labor liegen ein paar Tote«, sagte der junge Mann.

»Sind Sie dafür verantwortlich … äh …?«

»Heinrich von Wallenstein-Dobrowitz«, sagte der junge Mann und verneigte sich. »Nein, sie waren schon dort, als ich mit meinen Männern eintraf.«

»Der Schlüssel zur Tür hat gepasst …?«

»Es war offen«, sagte der junge Mann liebenswürdig.

Lobkowicz biss die Zähne zusammen. »Was sind das für Tote?«

»Des Kaisers Hofzwerge.«

Der Reichskanzler war fassungslos. »Wem sollte daran gelegen sein, die kleinen Missge… die kleinen Burschen umzubringen?«

»Lassen Sie uns annehmen, es war eine Art kollektiver Selbstmord«, sagte Lobkowicz’ Gesprächspartner. »Nachdem ihr Protektor Kaiser Rudolf verblichen war und so weiter …«

»Einer oder zwei waren regelrecht zerstückelt …«, brachte der Weihbischof heraus. »Selbstmord, von Wallenstein!?«

»Ich sage nicht, dass es so war, ich sage nur, dass wir das annehmen sollten. Laut und vernehmlich annehmen, meine ich.«

Lobkowicz, der in allen politischen Dingen von schneller Auffassung war, nickte. »Gut«, sagte er. »Es gibt genug Probleme, da müssen wir uns nicht noch ein paar erschlagene Zwerge ans Bein binden.«

»Auch das sind arme Seelen vor dem Herrn!«, protestierte Lohelius.

Lobkowicz musterte ihn. »Haben Sie einmal zugesehen, wie eine dieser armen Seelen Sie selbst nachgemacht hat, um den Kaiser zu belustigen, komplett mit Amtsgewand, das Seine Majestät dafür hat anfertigen lassen? Und in ein grinsendes Knollengesicht geblickt, von dem Sie ablesen konnten, dass sein Besitzer genau wusste, Sie würden ihn am liebsten in Stücke reißen, es aber nicht wagen, weil der Kaiser sonst noch einen freien Käfig im Hirschgraben für Sie gefunden hätte? Und haben Sie voller Scham festgestellt, dass Sie vor lauter Besorgnis um Ihr Amt zu dieser Komödie gelacht haben?«

Der Weihbischof stotterte.

»Nein, haben Sie nicht«, sagte Lobkowicz. »Ich schon. Lassen Sie mich also in Ruhe mit den armen Seelen. Nur weil sie klein waren, heißt das nicht, dass ihr Vergnügen an Bosheit nicht genauso ausgeprägt war wie das aller anderen.«

»Aber derjenige, der die Tür offen gelassen hat … das kann nur wenige Augenblicke vor der Ankunft von Herrn von Wallenstein gewesen sein … Wir haben sogar ein kaputtes Glas mit einer eingelegten Missgeburt gesehen …«

»Wenn nur mehr davon zerschlagen worden wären!«

»Aber, Herr Reichskanzler – es kann doch etwas aus der Wunderkammer gestohlen worden sein!«

»Was denn? Eine ausgestopfte Meerjungfrau, der jeder Trottel ansieht, dass sie eine Fälschung ist? Eine unwahrscheinlich wertvolle Nuss? Ein Automat, der so tut, als fresse er Perlen, und sie nach zehn Minuten wieder ausscheißt?«

Weihbischof Lohelius bemühte sich, Worte zu finden. Der Reichskanzler kam ihm zuvor.

»Von mir aus kann alles gestohlen werden, was da drin ist. Sobald Matthias Kaiser ist, wird er ohnehin das meiste davon verbrennen, in den Hirschgraben werfen lassen oder veräußern.«

»Ja, aber …«

»Ja, ja.« Der Reichskanzler fühlte, wie der Zorn ihn langsam verließ. Er zuckte mit den Schultern. »Solange der König von Böhmen noch nicht Kaiser des Heiligen Römischen Reichs ist oder mir keiner etwas anderes gesagt hat, bin ich für die Bewahrung von Seiner Majestät Wunderkammer verantwortlich. Ich weiß schon. Und solange dies gilt, hänge ich jeden auf, der sich daran vergreift.«

»Meine Männer haben die Fracht ordnungsgemäß für die Übergabe vorbereitet«, sagte Heinrich von Wallenstein-Dobrowitz in die Pause hinein, die entstanden war.

»Ein Ledersack mit dem kaiserlichen Wappen darauf?«

»Eine unbezeichnete Kiste mit einem Kettenschloss.« Heinrich von Wallenstein-Dobrowitz gestattete sich ein mitleidiges Lächeln.

»Haben Sie hineingesehen?«

»Wir hatten nur den Schlüssel zur Eingangstür.«

»War sie schwer?«

»Wie ein Sarg.«

Lobkowicz starrte den jungen Mann an. »Welch ein geschmackloser Vergleich.«

Heinrich von Wallenstein-Dobrowitz breitete die Hände aus. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung.«

»Ich will die Kiste sehen.« Lobkowicz drehte sich um und drückte dem Weihbischof die grüne Kapsel in die Hand. »Hier, Ehrwürden. Da Sie sich schon als einfacher Pfarrer verkleidet haben, können Sie auch die Taube auf den Weg schicken. Sie kennen ja den Weg zum Schlag.«

»Kann ich Ihnen sonst noch behilflich sein, Exzellenz?«, fragte Heinrich von Wallenstein-Dobrowitz.

Reichskanzler Lobkowicz schüttelte den Kopf. »Gott helfe uns allen«, sagte er. »Bringen Sie mich zu Ihren Männern, damit wir die verdammte Übergabe hinter uns bringen können.« Irritiert blickte er zum Fenster. »Und sorge in Gottes Namen endlich jemand dafür, dass der Lärm da draußen aufhört. Man könnte ja meinen, jemand sei aus dem Fenster gefallen!«

3

DER PERGAMENTFETZEN HÄTTE FÜR jemanden, der mit dem Geheimen Archiv des Vatikans nichts zu tun hatte, keinerlei Bedeutung gehabt. Ein Mensch, der sich in den letzten Jahren allerdings mit nichts anderem beschäftigt hatte, als im Auftrag von Papst Paul V. eine komplette Umstrukturierung des Archivs vorzunehmen mit dem Ziel, es noch geheimer zu machen, erkannte sofort, was die Zahlenkolonnen bedeuteten: einen Archivierungsort.

Das handschriftliche Gekritzel hinter der Koordinate hätte jemand, der nicht den ganzen Tag von Traktaten, Erlassen und Bullen umgeben war, nicht unbedingt als eine Notiz von Papst Urban VII. erkannt, der im September 1590 überraschend nach einem extrem kurzen Pontifikat von zwölf Tagen verstorben war. Letzteres wäre nicht vollkommen ungewöhnlich gewesen, hätte es da nicht die Gerüchte und Ungereimtheiten gegeben, die sich mit dem Tod des Pontifex verbanden. Wie die Dinge standen, war das Ableben von Papst Urban immer noch ein offizielles Rätsel.

Der Text der kurzen Notiz wäre jemand anderem als Pater Filippo Caffarelli nicht ins Auge gestochen: Reverto meus fides! Du hast mir den Glauben zurückgebracht!

Was hatte Papst Urban den Glauben zurückgebracht? Oder wer?

Und die viel wichtigere Frage: Würde es in seiner Macht stehen, auch Pater Filippo den Glauben zurückzugeben?

»Du bist nicht bei der Sache«, sagte die junge Frau und gab ihm einen spielerischen Nasenstüber.

»Entschuldigung«, sagte Pater Filippo und begann wieder zu stoßen. Es ließ sich nicht leugnen, dass sein Herz nicht bei seiner Tätigkeit war. Er spürte die Hände der jungen Frau, die die seinen umklammerten, und ahnte, dass seine Bewegungen schnell wieder erstorben wären, wenn sie nicht schon nach der letzten Mahnung die Initiative ergriffen hätte. Er hörte sie keuchen und sah in ihr verschwitztes Gesicht, ohne es wirklich zu sehen.

Wer sollte nicht den Glauben verlieren in einer Zeit wie dieser, in der ein katholischer Erzherzog sich mit protestantischen Ständen verbündete, um seinem Bruder die böhmische Königskrone abzunehmen, seit Jahrhunderten das Unterpfand für die Wahl zum nächsten Kaiser? Wer sollte nicht am Kaisertum an sich verzweifeln, wenn er überlegte, wie lange Kaiser Rudolf seine Würde getragen hatte, ein von jeder Religion abgefallener Ketzer, der widernatürliche Experimente in seinen geheimen Laboren trieb und Sterndeuter, Quacksalber und alchimistische Ketzer um sich versammelt hatte? Und wer sollte nicht an seiner Kirche irrewerden, wenn ihr oberster Hirte sich nicht um die Wiedervereinigung der gespaltenen Christenheit bemühte, sondern in seinen drei Hauptprojekten vollkommen aufging: dem Geheimen Archiv, dem Neubau der Fassade des Petersdoms und der Verteilung von Kirchenpfründen an seine Familie?

»Das führt zu nichts«, sagte die junge Frau und stellte ihre rhythmischen Bewegungen ein. Sie ließ die Hände sinken; beschämt rückte Filippo von ihr ab.

»Du denkst zu viel, Brüderchen«, sagte sie, schob das Butterfass in eine andere Position, umklammerte den Stampfer und begann, alleine zu stoßen. Filippo betrachtete seine Hände und schwieg. »Und es wird immer schlimmer mit dir.«

»Ich wollte dir wirklich helfen.«

»Hilf dir selbst, und sag mir, was du auf dem Herzen hast.«

»Hast du schon mal etwas von der Teufelsbibel gehört?«  

»Wovon?«

Filippo seufzte.

»Gehört nicht, aber ich glaub’s aufs Wort, dass es so was gibt. Wenn der eine da oben ein Buch über sich hat schreiben lassen, warum nicht auch der da unten?«

»Vittoria, es ist schockierend, dass jemand so spricht, in dessen Familie ein lebender Papst und ein Kardinal sind.«

»Gerade dann lernt man das.« Vittoria Caffarelli ließ den Stampfer ruhen und betrachtete ihren jüngeren Bruder Filippo, das Nesthäkchen, unter dem Vorhang ihres aufgelösten langen Haars hindurch. »Besonders wenn man dem Kardinal den Haushalt führt. Warum fragst du ihn nicht, unseren großen Bruder?«

»Scipione?« Filippo schüttelte den Kopf.

»Was ist so wichtig für dich an dieser Teufelsbibel? Wenn du sie findest, wird sie sich gewiss als dämliche Fälschung irgendeines minderbemittelten Mönchs vor vierhundert Jahren herausstellen und nicht mal Geld wert sein.«

»Woher weißt du das?« Filippo kniff die Augen zusammen. »Das mit den vierhundert Jahren?«

Vittoria lachte. »Das weiß ich gar nicht. Ich hab einfach eine Zahl genannt.«

»Die Teufelsbibel ist vor vierhundert Jahren entstanden. Und Papst Urban hat danach gesucht.«

»Lange Zeit kann er damit nicht zugebracht haben.«

»Ich glaube, seine Suche hat ihn getötet.«

»Ich glaube, der Blick in die Abgründe aus Schweinerei, aus denen der Vatikan zum großen Teil besteht, hat ihn getötet.«

Filippo fragte sich, ob ihm das Los des Zweiflers im Angesicht der katholischen Kirche erspart geblieben wäre, wenn er eine weniger zynische ältere Schwester gehabt hätte. Vittoria und er waren die letzten in der Reihenfolge der Caffarelli-Geschwister. Nachdem zwei weitere Kinder vor ihnen nicht über das Säuglingsalter hinausgekommen waren, bestand eine große altersmäßige Lücke zwischen dem nächstälteren Geschwister und ihnen, und zum ältesten Kind der Familie, Erzbischof Scipione Kardinal Caffarelli, waren es zehn Jahre – eine mächtige Distanz, die sich vielleicht dennoch hätte überbrücken lassen, wenn alle Beteiligten nur intensiv genug daran gearbeitet hätten. Dies war nicht geschehen, und so hatten sich die beiden jüngsten Geschwister eng zusammengetan, bereits als Kinder ahnend, dass ihre Daseinsberechtigung einmal darin bestehen würde, auf die eine oder andere Weise all den anderen zu dienen.

Vittoria war Scipiones Haushälterin geworden, Filippo ein Pfarrer ohne Gemeinde in der Diözese seines großen Bruders, der für all die gelegentlichen Aufgaben innerhalb des Vatikans ausgeliehen wurde, mit denen Scipione Caffarelli sich lieb Kind machen konnte. Scipione, der große Schatten im Leben von Filippo, ein düsteres Monument aus Glaubensfestigkeit, Bigotterie und katholischem Eifer, in dessen klammer, kalter Dunkelheit Filippo seinen persönlichen Scheiterhaufen des Zweifels errichtet hatte und darin brannte.

»Ich habe herausgefunden, dass Papst Urban der festen Überzeugung war, mithilfe der Teufelsbibel die Spaltung der Kirche überwinden zu können. Es muss etwas darin stehen, das einen alle Zweifel verlieren lässt …«

»Armes Brüderchen. Der Glaube kommt nicht von außen, das müsstest du doch wissen, der du täglich mit den Lektionen des Papstes und der anderen Kirchengrößen konfrontiert wirst.«

Filippo zuckte mit den Schultern. Nicht einmal zu seiner Schwester hatte er genug Vertrauen, um ihr zu gestehen, dass in seiner Seele ein gähnendes Loch war, wo sein Glaube sich hätte befinden sollen. Dort drin war nichts außer Schwärze. Ein Loch dieser Art schrie danach, von außen gefüllt zu werden.

»Was hast du noch herausgefunden?«

»Dass die Protokolle über Papst Urbans Tod nicht ganz zusammenpassen. Aber darüber hinaus – nichts.«

»Was sagen die Protokolle der Schweizergardisten aus?«

Filippo starrte Vittoria an.

»Die Schweizergardisten«, wiederholte Vittoria. »Schon mal gesehen? Die Kerle, die aussehen wie Pfauen, mit den langen Hellebarden und einem grässlichen Akzent …«

»Vittoria!« Filippo hasste es, wenn ihr Zynismus sich gegen ihn richtete. Sie räusperte sich und nahm den Stampfer wieder zur Hand.

»Die Kerle wissen alles«, sagte sie zum Takt des Butterstampfers. »Aber du wirst nichts aus ihnen rauskriegen. Die sagen nur was, wenn du sie unter Druck setzt.«

»Wie sollte ich die Schweizergarde unter Druck setzen?«

»Jeder hat Dreck am Stecken.«

»Die Schweizergarde nicht.«

»Dann hast du ja schon einen wunden Punkt gefunden.«

Filippo gab seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn. »Warum arbeitest und kochst du für unseren verdammten großen Bruder?«, fragte er. »Du bist die Klügste von uns allen.«

Vittoria betrachtete ihn liebevoll. »Ich habe zu oft zugesehen, wie Scipione sein Spiel mit dir gespielt hat«, sagte sie und strich ihm über die Wange. »Das Glaubensspiel. Weißt du noch?«

»Ja«, sagte Filippo erstickt.

»Eines Tages«, sagte sie, »finde ich den Mut und mische ein Pfund Rattengift in seinen Fraß. Nur aus diesem Grund koche und arbeite ich für ihn.«

4

DAS GERÄUSCH ERINNERTE ABT Wolfgang Selender an Iona. Wo er sich auch aufgehalten hatte – er hatte dem Auf- und Abschwellen des Lärms niemals entgehen können. Es hatte zum Leben auf der Insel dazugehört, so wie die Kälte, der Regen, die tief hängenden Wolken und die beständige schlechte Laune der schottischen Brüder. Das Geräusch hier klang ähnlich; es wurde lauter und leiser, hallte in den Gängen des Klosters wider, brach sich an Kanten, Mauerecken und Treppenstufen, wogte vor und zurück.

In Iona war es die Brandung gewesen, die die Mönche in der stolzen Benediktinerabtei niemals allein gelassen hatte, mit der sie in den Schlaf gesunken und wieder aufgewacht waren.

Hier, in Braunau, war allen außer Abt Wolfgang das Geräusch der Brandung unbekannt, und auch Wolfgang wusste, dass es nur das An- und Abschwellen war, das ihn an das kalte, einsame, ganz und gar in Gott und seine Schöpfung versunkene Jahr auf der schottischen Insel erinnerte.

Das Geräusch selbst hatte mit dem geduldigen Schlag der Wellen nicht das Geringste zu tun. In Wahrheit war es das rhythmische Grölen einer hasserfüllten Menge, durch die Klostermauern auf ein Rauschen reduziert.

Er hasste die Meute. Er hasste sie dafür, dass sie die Frechheit besaß, vor seiner Klosterpforte zu lärmen, er hasste sie dafür, dass sie sich frei genug fühlte, ihn – den Abt von Braunau, den Herrn der Stadt! – zu bedrohen. Er hasste sie für ihren protestantischen Irrglauben und dafür, dass sie all seinen Maßnahmen zu ihrer Einschüchterung und all seinen Lockungen zum Abfall vom Ketzertum widerstand. Am meisten hasste er sie dafür, dass sie seine Erinnerung an Iona beschmutzte.

Abt Wolfgang hörte, wie sich die Tür zu der kleinen Zelle öffnete, in der er tagsüber zu sitzen pflegte, um Anfragen der Mönche zu beantworten oder Probleme zu lösen. Er drehte sich nicht um.

»Es werden immer mehr, ehrwürdiger Vater«, sagte eine zittrige Stimme.

Er nickte. Sein Blick wich nicht von der Inschrift an der Wand. Er hatte sie dort stehen lassen, als Mahnung für sich selbst und als Hinweis darauf, was geschehen konnte, wenn man aufhörte, der Kraft Gottes zu vertrauen.

»Was sollen wir tun, ehrwürdiger Vater? Wenn sie anfangen, gegen das Tor zu rennen … Du weißt doch, dass es nicht viel aushält …«

Natürlich wusste er, dass das Tor es nicht einmal wert war, so genannt zu werden. Als er hier auf Befehl des Kaisers und auf Vermittlung eines guten Freundes in höchsten Kirchenkreisen angekommen und das durch den Tod Abt Martins, seines Vorgängers, verwaiste Amt übernommen hatte, hatte es kein Tor gegeben. Die Klosterpforte hatte ausgesehen, als sei ein Sturmangriff über sie hinweggegangen. Später, als er begriff, welch düsteren Schatz sein Kloster hütete, erfuhr er auch, dass es tatsächlich so gewesen war. Abt Martin hatte nichts mehr reparieren lassen; die Klosterdisziplin war vor die Hunde gegangen. Nicht anders als auf Iona, hatte Wolfgang gedacht. Die üppige Kulturlandschaft und das sich langsam von der letzten Pestwelle erholende Braunau waren zwar vollkommen anders als die schottische Insel in ihrer kargen, maritimen Klarheit, aber ansonsten gab es kaum einen Unterschied: Er, Wolfgang Selender von Proschowitz, war an einen Ort gerufen worden, an dem Gott und die benediktinischen Regeln eine entschlossene Hand benötigten, die wieder Ordnung schaffte. Dass er, der seit Jahrzehnten dieser Berufung folgte, von Herzen gern auf Iona geblieben wäre, wo das Meer den simplen, alles durchdringenden Rhythmus des Glaubens vorgab, durfte keine Rolle spielen. Er hatte die Aufgabe angenommen, in fester Zuversicht, sie in einem oder zwei Jahren vollendet zu haben. Nachdem er erkannt hatte, was hier in Braunau wirklich im Argen lag, hatte er sich fünf Jahre gegeben und die Gegenreformation in der Stadt in seine Zeitberechnung mit aufgenommen.

Mittlerweile waren bereits zehn Jahre vergangen, und alles, was er geschafft hatte, war, die neuen Torflügel an der Klosterpforte anbringen zu lassen. Sie jedoch so einzumauern, dass sie einem Sturmangriff trotzen würden, war ihm noch nicht möglich gewesen. Das Kloster, einst eines der Zentren der Gelehrsamkeit in Böhmen, gespeist von der reichen Tuchmacherstadt vor seinen Mauern, lag nun am Ende der Welt, und die Stadt war geschwächt von Überschwemmungen, Seuchen und einem hartnäckigen Ketzertum, das sich jeder Bekehrung verschloss.

Manchmal, in seinen einsamsten Gebeten, fragte er Gott, warum er ihn hier hatte versagen lassen. Die Antwort aber kam zuweilen aus einer anderen Quelle, die in den Gewölben tief unterhalb des Klosters atmete und ihre Verdorbenheit in seine Seele hauchte.

»Geh zurück zu den anderen. Betet weiter. Singt weiter. Die da draußen müssen euch hören können. Wenn das Tor fällt, müssen eure Körper der Widerstand sein, der die Ketzer aufhält.«

Der Mönch zögerte. Abt Wolfgang blickte ihm in die Augen. Sie waren weit aufgerissen in dem grauen Gesicht.

»Das Tor wird halten«, sagte der Abt und zwang sich zu einem Lächeln.

Der Mönch hastete wieder davon. Abt Wolfgangs Blicke wanderten zurück zu der einen Inschrift, die er bewusst hatte stehen lassen, als er den Befehl gegeben hatte, über all die anderen Putz und Farbe zu schmieren. Er hatte sich darauf vorbereitet, gegen Laxheit, Irrlehre und Orientierungslosigkeit zu kämpfen; er hatte sich – wie immer – darauf eingestellt, seinen kleinen Kreuzzug gegen das Nachlassen des Glaubens an dem Ort zu führen, für den er verantwortlich war. Niemand hatte ihm gesagt, dass er in Wahrheit gegen ein Ding anzugehen hatte, das in mehrfachen Truhen verschlossen und mit Ketten gesichert in einem Verlies in den Gewölben unterhalb des Klosters lag, ein Ding, von dem manche behaupteten, sie könnten sein Vibrieren spüren und sein Flüstern hören. Ein Ding, das sich ihm nicht offenbarte, weil er sich weigerte, an die Geschichte seiner Schöpfung zu glauben, und das dennoch manchmal auch in seinen Ohren zu flüstern schien, wenn sein Hass auf die Widerstände, die sich ihm hier entgegenstemmten, so groß wurde, dass er daran zu ersticken glaubte.

Abt Martin, der die Monate vor seinem Tod in dieser Zelle verbracht hatte, ein freiwilliger Gefangener seines Wahns, musste vor Angst gelähmt gewesen sein. Abt Wolfgang wusste nicht, was mit Martins katholischem Glauben oder seinem Vertrauen auf die Regeln des heiligen Benedikt geschehen war, aber er nahm an, dass jemand, der in seinem Glauben fest war, keinen Bannspruch benötigt hätte, um die Furcht von sich fernzuhalten. Martin hatte den Bannspruch wieder und wieder in die Wand seiner Zelle geritzt, große Buchstaben, kleine Buchstaben, leserlich wie eine Grabinschrift und unleserlich wie ein Sgraffito. Immer und immer wieder derselbe Spruch, bis die Wände von ihm bedeckt waren und der Putz an manchen Stellen bereits abplatzte. Als er zum ersten Mal hier hereingesehen hatte, hatte Wolfgangs Fleisch sich zu kräuseln begonnen vor Entsetzen. Dass ihm keiner seiner Mönche gefolgt war, wunderte ihn nicht. Wolfgang hatte einen der Sprüche übrig gelassen, direkt in Augenhöhe. Mittlerweile bereute er es; es kam ihm nun vor, als habe er dadurch eine kleine Öffnung geschaffen, durch die das Gift des verfluchten Schatzes in den Klostergewölben in seine Zelle eindringen konnte.

Über dem Pulsieren der Brandung auf Iona hatte er, wenn er sich angestrengt hatte, einzelne Geräusche ausmachen können: Möwengekreisch, das Bellen von Seehunden … Hier konnte man, wenn man wollte, ebenfalls Obertöne vernehmen, nicht viel anders als das schrille Kreischen der weißen Vögel. Es waren Schmähungen und Verwünschungen. Sein Name, Abt Wolfgangs Name, kam darin vor. Er hörte die Beschimpfungen, und die Erinnerung an die ziehenden Wolken und die segelnden Möwen davor wurde faul.

Er starrte die Wand an. Seine Zähne mahlten aufeinander, dass sie ihm wehtaten. Auf Iona hatte er sich manchmal in den peitschenden Wind gestellt, die Arme ausgebreitet, in das beständige Brausen hineingebrüllt, die Augen geschlossen und den Regen im Gesicht, und in all seiner Kleinheit gegenüber den Elementen gespürt, dass Gott ihn dort hingestellt hatte, wo er gebraucht wurde, und ihn mit seiner Kraft erfüllte. Das Brüllen war in Wahrheit ein Psalm gewesen. Hier hatte er mehr und mehr das Gefühl, die Kiefer verschließen zu müssen, weil sonst ein Gebrüll herausgekommen wäre, das von Hass erfüllt war und nicht von der Erkenntnis der göttlichen Macht. In seinen schlimmsten Momenten war er sicher, dass er etwas in seiner Seele pochen und flüstern hörte, das nichts Menschliches an sich hatte. Die Inschrift auf der Wand schien zu atmen.

Vade retro, satanas.

Es hatte ihm den Atem genommen, alle Zellenwände damit bedeckt zu sehen. Ein einziger Aufschrei, tausendmal wiederholt. Jesus Christus hatte ihn voll Zuversicht ausgesprochen. Hier kreischte die Verzweiflung aus jedem einzelnen Buchstaben. Abt Wolfgang hatte eine Woche in diesem stumm hallenden Gefängnis verbracht und sich mehr und mehr wie im Innern von Abt Martins Schädel gefühlt. Dann hatte er es nicht mehr ausgehalten und den Cellerar damit beauftragt, einen Handwerker zu finden.

Vade retro, satanas.

Wie nahe war der Verderber an Abt Martin herangekommen?

Die Tür zu seiner Zelle flog auf und krachte an die Wand. Abt Wolfgang fuhr herum. Der Bruder Torhüter stand da, schwer atmend und kalkweiß.

»Sie brechen das Tor auf!«, rief er.

Der Halbkreis aus betenden und singenden Mönchen, den Abt Wolfgang direkt hinter dem Tor hatte Aufstellung nehmen lassen, sah ausgedünnt aus und keineswegs wie eine Wand aus Leibern, fest im Glauben, die sich der Ketzerhorde entgegenstellen würde. Ihre Psalmen hörten sich dünn an über dem Dröhnen, das die in ihren Aufhängungen schwingenden Torflügel verursachten. Die Meute schien sich dagegenzustemmen. Sie hatte keine Rammen zum Einsatz gebracht, sie wogte einfach nur dagegen. Wolfgang sah den trockenen Putz von den Stellen rieseln, an denen die Eisenbänder der Torscharniere vermauert waren. Die Torflügel schienen zu atmen, und für einen Augenblick nahm das grau gebleichte Holz die Farbe der See an, die in einem heftigen Sturm vor- und zurückwogte, der Frühlingshimmel über Iona dunkelblau, dramatisch, zerfurcht von Wolkenfetzen, die darüberjagten. Der Himmel über Braunau sah unschuldig aus, ein warmer böhmischer Apriltag mit langsam dahinsegelnden Wolkenkissen, musikalisch untermalt von wüstem Geschrei jenseits des Tores.

»Katholische Heidenschweine!«

»Wolfgang Selender – verrecke!«

»Sankt Wenzel, erschlag sie alle!«

Abt Wolfgang spürte die Blicke der Brüder auf sich. In einem Aufwallen unsäglichen Zorns bereute er, die Urkunde nicht vor aller Augen zerrissen zu haben, die sie ihm damals, im dritten Jahr seiner Amtszeit, erstmals unter die Nase gehalten hatten. Abt Martins krakelige Handschrift und Signatur waren darauf zu sehen gewesen, unter einem länglichen, von unterdrücktem Triumph triefenden Abschnitt, in dem der Bau einer protestantischen Kirche innerhalb der Stadtmauern gefordert wurde. Als wollten sie der Frechheit noch den Hohn aufsetzen, hatten sie ihren beabsichtigten Heidentempel dem böhmischen Patron Sankt Wenzel gewidmet. Martin hatte damals »… auf dem Markt der Stadt …« durchgestrichen und durch »… direkt beim Niedertor …« ersetzt; in seinem Wahn, den Bau überhaupt zu erwägen, war er dennoch klarsichtig genug gewesen, ihn nur am entgegengesetzten Ende der Stadt zu sanktionieren. Martin hatte die Urkunde niemals gesiegelt – der Tod war ihm zuvorgekommen. Ohne Siegel des Klosters aber war die Erlaubnis nichtig. Wolfgang hatte den Vorgang niemals nachgeholt. Über Jahre hinweg hatten die Ketzer jeweils am Todestag ihres verfluchten Doktor Luthers vorgesprochen und das Siegel verlangt. Wolfgang hatte es jedes Mal verweigert.

Unter einem neuerlichen Ansturm gab das Tor fast nach, die Mönche wichen zurück, ihr Gesang geriet ins Stottern. Wolfgang war überzeugt, dass diese Situation schon vor Jahren entstanden wäre, wenn er die Urkunde gesiegelt hätte – sie hätten ihn dann nicht mehr gebraucht, und Urkunde war Urkunde und gab ihnen alles Recht, selbst wenn der Kaiser eine Abordnung nach Braunau geschickt hätte, um die Plünderung des Klosters und den Tod einiger Mönche (darunter zufälligerweise des Abtes) zu untersuchen. Die Torflügel ratterten und wackelten, das gequälte Holz knarrte.

»Hängt die Brüder auf!«

Einer der Mönche in der Reihe machte kehrt und rannte winselnd davon, in den Hauptbau hinein. Das Singen verstummte völlig. Wolfgang ballte die Fäuste und sprang zu der Lücke hinüber, die durch die Flucht des einen Mönchs entstanden war. Er packte die Hände der Brüder links und rechts von sich und hielt sie fest.

»Sed et si ambulavero in valle mortis non timebo malum quoniam tu mecum es virga tua et baculus tuus ipsa consolabuntur me!«, brüllte er den Text aus dem dreiundzwanzigsten Psalm. »Und wenn ich auch wandere im finsteren Todestal …«

Ein paar Stimmen schlossen sich zögernd an.

»Pones coram me mensam ex adverso hostium meorum …«

Die Tore bebten. Die Stimmen wankten, aber sie verstummten nicht.

Das ist es, dachte Abt Wolfgang. Das ist die Kraft der katholischen Kirche. Das ist die Quintessenz des Glaubens.

Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde.

Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über.

»Wolfgang Selender, du wirst in der Hölle brennen!«

Er vermeinte, aufs Neue das drängende Flüstern zu hören über all dem Geschrei, aber die Strophen des Psalms ertränkten es.

Nur Güte und Gnade werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Haus des Herrn immerdar.

Die Mönche fanden sich langsam zu einem geschlossenen Choral zusammen. Abt Wolfgang starrte den Torhüter an, der wie vom Donner gerührt angesichts der Bedrohung dagestanden hatte, und dieser ergriff wie in Trance die Hand des nächststehenden Bruders und fiel in den Gesang mit ein. Immer mehr Mönche nahmen sich an den Händen. Der Cellerar, der Novizenmeister, der Prior … Es konnte kaum mehr einen Bruder geben, der sich nicht dem lebenden Wall hinter dem Tor angeschlossen hatte. In all seiner Wut fühlte Wolfgang, wie sich eine beinahe heilige Zuversicht in ihm ausbreitete. So war es auf Iona gewesen, als im Herbst plötzlich die Sturmflut gekommen war und die fünf ältesten Brüder im Dormitorium ertrunken wären, wenn nicht alle anderen eine Menschenkette gebildet und sie in das Obergeschoss des Turms gezerrt hätten, die Gefahr für das eigene Leben nicht achtend.

»Ein Psalm Davids!«, brüllte Wolfgang, und die Brüder wiederholten den Psalm von vorne.

Das war der Glanz der katholischen Kirche, das war der Triumph des christlichen Glaubens – zusammenzustehen gegen jede Bedrohung von außen, auch wenn es einem das Märtyrertum abverlangte.

»Gib uns, was uns zusteht!«

»Verschwindet aus der Stadt, ihr Papsthuren!«

Eines der Torscharniere sprang plötzlich aus seiner Verankerung, Putzbrocken und Steine stoben davon. Der Torflügel wölbte sich. Der Torhüter verschluckte sich vor Angst.

Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf grünen Auen und führt mich zu stillen Wassern.

Er erquickt meine Seele; er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Die Torflügel kamen zur Ruhe. Das Geschrei draußen verstummte plötzlich. In die Stille hallte der Choral wie die Stimmen der Engel selbst und echote von der klippenhohen Wand des Klosterbaus wider. Abt Wolfgang sang weiter. Die Stimmen folgten ihm, bis der Psalm ein zweites Mal zum Ende gekommen war. Dann senkte sich Schweigen über den Klostervorhof. Ein letzter Putzbrocken löste sich von dem aus der Mauer geplatzten Eisenband und fiel zu Boden. Die Mönche wechselten unsichere Blicke. Abt Wolfgang schritt auf fühllosen Beinen zum Tor. Er packte den Riegel mit beiden Händen. Der Torhüter gab ein Geräusch von sich. Wolfgang hob den Riegel aus der Verankerung und ließ ihn dröhnend auf den Boden fallen; die Mönche zuckten zusammen. Mit der Faust stieß er die Torflügel auf. Sie schwangen nach außen. In der Gasse, die zum Stadtplatz führte, lagen zertretenes Gemüse und Steine; die Wurfgeschosse waren niemals zum Einsatz gekommen. Die Gasse war leer, die Gassenmündung zum Marktplatz lag hell und sonnig da.

Wolfgang drehte sich um. Er empfand es als eine der schwierigsten Aufgaben seines ganzen Lebens, in dieser Situation nicht in Triumphgeheul auszubrechen.

»Amen«, sagte er ruhig.

Die Brüder bekreuzigten sich. Die ersten begannen zu lächeln.

In Wolfgangs Ohren sang es.

Dann sah er den Mönch mit der schwarzen Kutte aus dem Eingang des Hauptbaus taumeln. Blut lief ihm über das Gesicht.

5

DER TRAUM WAR SO real gewesen, dass Agnes mit offenen Augen und schwer atmend in der Dunkelheit lag, wie gelähmt vor Entsetzen. Eigentlich war er eher eine Art lebhafter Erinnerung gewesen, denn die einem Traum eigenen surrealen Dinge und Ungereimtheiten fehlten vollkommen. Voller Angst hielt Agnes sich daran fest, dass die Dinge sich in Wahrheit ganz anders abgespielt hatten. Oder nicht? Was war in diesen Minuten zwischen Schlafen und Wachen die Wirklichkeit? War das, was sie bisher für Realität gehalten hatte, gar der Traum?

Sie sah sich erneut in dem baufälligen Haus auf der Prager Kleinseite: eine große, schlanke Frau in einem Kleid, das weniger wegen auffälliger Preziosen als wegen des schlichten, wertvollen Stoffes, aus dem es der Schneider angefertigt hatte, teuer war. Ihr Haar war zu einem Knoten gebunden, aus dem sich schon erste Strähnen gelöst hatten, als sie ihr Heim verlassen hatte. Cyprian, der sie besser kannte als jeder andere Mensch, pflegte zu sagen, dass Selbstbehauptung und Freiheitswille im Kopf anfingen; bei ihr, war sein Credo, fingen sie am Kopf an, nämlich bei ihrem Haar, das sich jeder anderen Frisur als einer lockeren, lockigen Mähne hartnäckig widersetzte. Mit dem Rest ihrer Person, so Cyprian, der es wissen musste, sah es in puncto Selbstbehauptung nicht viel anders aus. Agnes hatte sich vor langer Zeit gefunden, und wonach immer sie auf der Suche war, ihre eigene Mitte gehörte nicht dazu – sie befand sich bereits darin. Abgesehen davon gehörte sie zu der Art von weiblichen Wesen, die andere Frauen dazu veranlassten, ihren Begleitern einen Rippenstoß zu versetzen, weil diese ihr allzu auffällig Blicke zuwarfen, und die sich dessen lediglich halb bewusst war, weil in ihrem Herzen nur für einen Platz war: Cyprian, den Mann, der seit zwanzig Jahren an ihrer Seite war. Man hätte ihr Alter auf Anfang dreißig schätzen können. Sie war genau vierzig.

Agnes presste sich an den Türstock und horchte nach draußen.

»Mutter …«, flüsterte Alexandra. Agnes’ Tochter saß auf dem Bett, die Hände ineinander verkrampft, die Augen weit aufgerissen und leuchtend in der Dunkelheit. Die schwangere Frau unter den Decken stöhnte vor Furcht. Agnes verfluchte sich dafür, der Gefahr zum Trotz aufgebrochen zu sein, um nach der Schwangeren zu sehen; noch mehr verfluchte sie sich dafür, Alexandra mitgenommen zu haben. Sie hatte gedacht, dass es der Fünfzehnjährigen guttun würde, die behütete Welt ihres Heims zu verlassen und sie bei diesem Besuch zu begleiten. Er stellte Agnes’ Art und Weise dar, den Bedürftigen Almosen zu geben: mit tatkräftiger Hilfe, einem warmen Essen und praktischem Trost für ein Mädchen, das im selben Alter wie Alexandra bereits dem Tod im Kindbett oder einem Leben in Schande als Mutter eines unehelichen Kindes entgegenblickte. Und nun bestand die Gefahr, dass der Erfahrungsschatz ihrer Tochter darum erweitert werden würde, von den verrohten Passauer Landsknechten vergewaltigt und erschlagen zu werden. Agnes biss die Zähne zusammen, damit sie nicht ebenfalls vor Furcht zu stöhnen begann wie die Schwangere.

Natürlich hatte sie wieder schlauer sein müssen als alle anderen. Natürlich hätte jemand, der weniger impulsiv war als sie, zuerst nachgedacht und die panikerfüllten Warnungen vor dem Heer der Landsknechte in diese Überlegungen einbezogen. Aber die Geburt war in ein oder zwei Wochen fällig, und das junge Ding, eine entfernte Verwandte ihrer Köchin, konnte jeden Trost gebrauchen. Aus ihrer eigenen Geschichte heraus empfand sie Achtung für eine werdende Mutter, die sich für das Kind entschieden hatte, obwohl sie vor dem Nichts stand und der Gang zu einer Engelmacherin einfacher gewesen wäre. Und so hatte Agnes es sich zur Aufgabe gemacht, alle zwei Tage zur Kleinseite hinüberzugehen, ein Fußmarsch von einer knappen halben Stunde, von der glänzenden, reichen Welt um den Goldenen Brunnen herum in die düstere Armut der Tagelöhner und Habenichtse. Sie brachte Essen, Getränke, abgelegte Kleider, half der Schwangeren, sich zu waschen, unterhielt sich mit ihr, besprach mögliche Namen für das Kind, weinte mit ihr und lachte mit ihr und hatte noch immer das Gefühl, nicht genug zu tun, um ihre eigene vermeintliche Schuld dem Schicksal gegenüber abzutragen, das sich in ihrem Fall als so gütig erwiesen hatte.

Nun aber verfluchte sie sich ein drittes Mal dafür, Alexandra mit hineingezogen zu haben, ihr erstes Kind, die Tochter, die ihr in allem so ähnlich war und die stets, wie sehr sie Alexandras zwei jüngere Brüder auch liebte, einen besonderen Platz in ihrem Herzen einnehmen würde …

… und überlegte gleichzeitig mit kalter Furcht, ob dies wohl der Zeitpunkt war, zu dem die Rechnung für zwanzig Jahre Glück fällig werden würde.

»Mutter …«, flüsterte Alexandra nochmals.

»Sch!«

»Mutter, das Haus hat doch einen Ausgang zur rückwärtigen Gasse. Wenn wir anpacken, können wir sie vielleicht hinaustragen und unbemerkt in Sicherheit bringen.«

Agnes schüttelte den Kopf. Ihr wurde heiß vor Liebe zu ihrer Tochter, dass diese nicht vorgeschlagen hatte, sich davonzustehlen, sondern die Schwangere zu retten. Aber fünf Schwangerschaften, von denen zwei durch eine Fehlgeburt beendet worden waren, hatten Agnes so weit zu einer Expertin gemacht, dass sie wusste, dass die junge Frau nicht transportiert werden durfte. Sie würden entweder ihr und dem Ungeborenen Schaden zufügen oder eine verfrühte Geburt auslösen – mitten in der Gasse, im Winter, während sich überall die Landsknechte herumtrieben auf der Suche nach neuen Gräueltaten.

Agnes legte den Finger auf die Lippen. Draußen ertönte das Lachen mehrerer Männer, die so betrunken waren, dass sie selbst darüber gelacht hätten, wenn jemand ihre Großmutter aus einem Fenster geworfen hätte. Agnes wurde schlecht. Noch vor wenigen Tagen wäre sie bereit gewesen zu glauben, dass diese Männer, hätte man sie nüchtern angetroffen, vermutlich halbwegs zivilisierte, anständige Gesellen gewesen wären, die sich sogleich bereit erklärt hätten, eine Frau nach Hause zu eskortieren – anstatt lachend Schlange zu stehen, um sie mitten in einer Gasse zu schänden und danach zu töten.

Dann hatte sie die Berichte über die Taten der Landsknechte vernommen: von Familienvätern, die lebendig angezündet wurden, wenn sie ihre Lieben zu schützen versuchten, von Kleinkindern, die mit den Piken aufgespießt und durch die Luft geschleudert wurden, noch zappelnd, noch lebend, noch schreiend, von Schwangeren, die kopfunter an Türstöcke gehängt und denen die Kinder aus dem Leib geschnitten wurden. Erzherzog Fürstbischof Leopold I. hatte die Passauer Landsknechte im Auftrag von Kaiser Rudolf in seinem Bistum angeworben, dann nicht eingesetzt und im Stich gelassen. Die kranken, in ihren Zelten dahinvegetierenden, halb verhungerten Männer hatten sich schließlich selbständig gemacht und waren plündernd bis nach Prag gezogen, um, wie sie sagten, den Kaiser zu schützen. Die protestantischen Ständetruppen Prags hatten sie an der Überquerung der Moldau gehindert, ihnen aber fürs Erste die Kleinseite überlassen.

Agnes hörte das Klirren von Geschirr und Glas von der Gasse und das Geräusch der Fausthiebe, mit denen die Gruppe von Soldaten einige der Nachbarn hin- und hertrieb. Sie wusste, dass diese Rohheit noch gar nichts war, und sie ahnte, dass sich die Landsknechte an den ausgeschlagenen Zähnen und gebrochenen Nasen ergötzten und hochschaukelten. In einer Viertelstunde würde es die ersten Toten geben, dazu das Geschrei der Frauen und Mädchen, die aus den Häusern gezerrt wurden … Sie schluckte trocken. Was sollte sie tun?

Dann hörte sie den Anführer der Landsknechte rufen: »He, ihr Trottel, wo habt ihr eure Weiber? Bringt sie raus!«, und ihr wurde eiskalt. Niemand von den draußen Gequälten würde hier hereinkommen, aber das hieß nur, dass die Soldaten selbst nachsehen würden. Sie wechselte einen Blick mit der Schwangeren und krümmte sich innerlich vor der Todesangst, die sie darin sah; sie blickte in Alexandras Augen und erkannte die gleiche Angst darin, nur gefasster, nicht an der Schwelle der Panik. Plötzlich wusste sie, was ihre einzige Möglichkeit war.

Alexandras Augen weiteten sich, als habe sie die Absicht ihrer Mutter in deren Blick gelesen. Sie öffnete den Mund. Agnes nickte ihr zu, drängte die Tränen zurück, die ihr in die Augen schossen, und schlüpfte zur Tür hinaus.

»Da kommt ja eine freiwillig«, grölte ein Landsknecht nach einer langen Überraschungspause. »Die hat es nötig, Leute!«

Agnes musterte die Männer gelassen. Sie hatte nicht erwartet, dass sie sie mit einem Blick würde einschüchtern können. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie kaum Luft bekam. Die halb besinnungslos geprügelten Männer auf dem Boden hoben resigniert die Gesichter in ihre Richtung.

»Das ist ja ’n resches Huhn! Sind da noch mehr, wo du hergekommen bist, Süße?«

Agnes nickte.

»Dann hol sie raus, oder wir holen sie.«

Agnes dachte an ihren Mann Cyprian, wünschte sich, sie hätte ihm mitteilen können, in welcher Lage sie war, und fühlte zugleich Dankbarkeit, weil er ihr vor zwanzig Jahren die Lösung gezeigt hatte, mit der sie der Lage hier würde entkommen können.

»Holt sie euch selbst«, sagte sie. »Aber beeilt euch, solange sie noch warm sind.«

»Hä?«

Agnes schwankte. Es bereitete ihr keine Mühe, das Schwanken zu spielen; in ihren Muskeln war Wasser.

»Meine Mutter und meine Großmutter«, sagte sie und tat so, als bereite das Sprechen ihr Mühe. »Die Pest hat sie geholt. Macht mit ihnen, was ihr wollt, sie spüren es nicht mehr.«

Die Augen der Soldaten wurden groß. Sie wechselten Blicke miteinander.

»Abgekratzt?«, fragte einer.

»Sollte es euch Vergnügen bereiten«, sagte Agnes und betonte sorgfältig, was sie für ihren Trumpf hielt, »zwei Tote zu schänden, dann nur zu. Wenn ein paar Pestbeulen dabei aufplatzen, was macht das schon?« Sie schwankte erneut …

… und hörte zu ihrem grenzenlosen Entsetzen Gelächter.

»Warum sollen wir die Toten vögeln, wenn wir dich haben, Süße?«

»Macht dir ja nix aus, du hast eh die Pest, oder?«

»Lass dich noch mal richtig rannehmen, bevor du die Kurve kratzt!«

»Ihr werdet euch anstecken …«, brachte Agnes heraus.

»Na und? Wir sind eh ein Fraß für die Krähen.«

Drei von ihnen schlenderten bereits auf Agnes zu, der Erste von ihnen mit der Hand in der Hose. Agnes sah, wie seine Faust sich bewegte. Sie wich zurück. Das Grinsen auf den Gesichtern verstärkte sich. Plötzlich erkannte sie, dass sie all die Geschichten von den verbrannten Männern und den aufgeschlitzten Schwangeren bis jetzt nicht wirklich geglaubt hatte … und sie wusste, dass sie genau das Falsche getan hatte. Vielleicht hätte es noch eine Möglichkeit gegeben zu entkommen! Stattdessen hatte sie sich den Männern ausgeliefert und sie auch noch auf die beiden Frauen im Innern des Hauses aufmerksam gemacht.

Ihr Entsetzen war unsäglich, als ihr dämmerte, was unwiderruflich geschehen würde. Sie wich einen weiteren Schritt zurück und spürte den Türstock im Rücken. Hier würde sie also ihren letzten Kampf liefern, in der Tür eines heruntergekommenen Hauses – denn es war keine Frage, dass sie die Türschwelle bis zum letzten Atemzug nicht freigeben würde. Inmitten aller Angst vor dem, was man ihr antun mochte, betete sie, dass Alexandra sich still verhielt und dass man sie vielleicht nicht … O Herr, bitte gib, dass diese Kerle sie nicht …

Der Landsknecht mit der hin- und herzuckenden Faust in der Hose nestelte mit der freien Hand an dem Strick, mit dem seine Beinkleider um die Hüften hingen. Er griente. »Lieber verrecke ich auf dir und an der Pest als allein an einem Strick!«

»Kann ich dir nachfühlen, Freundchen«, sagte eine neue Stimme.

Die Landsknechte drehten sich um. Agnes war, als könne sie mit ihren Augen sehen: Ein Mann stand allein in der Gasse. Er war bullig; seine runden Schultern und sein breiter Körperbau ließen ihn kleiner wirken, als er war. In einer Welt, in der die wohlhabenden Männer schwammige Weinbäckchen und spitze Bierbäuche pflegten, gehörte er zu den athletischen Typen. Man hätte ihn dennoch unterschätzen können, solange man seine Augen nicht sah. Wer sich aber auf ein Blickduell mit ihm einließ, wurde mit einer beinahe tödlichen Ruhe konfrontiert, die zum einen aus dem Wissen herrührte, dass der Besitzer dieser Augen immer noch einen Trick auf Lager hatte, sobald es ums Ganze ging, und zum anderen aus der Überzeugung, dass in einem Kampf immer der überlegen war, der für etwas kämpfte. Wer klug war, erkannte, dass dieser Mann stets für das Wohlergehen der Menschen zu kämpfen bereit war, die ihm nahestanden.

»Wer is’n der Arsch?«, brummte einer der Soldaten.

Agnes’ Herz machte einen Sprung. Der Mann war Cyprian.

»Es gibt zwei Möglichkeiten«, sagte Cyprian. »Wenn ihr euch für die Möglichkeit eins entscheidet, könnt ihr unter Zurücklassung eurer Waffen und nach Zahlung eines Schmerzensgeldes für die Herren hier auf dem Boden unbehelligt abziehen.«

»Und wenn wir uns für die andere entscheiden, Klugscheißer?«

»Dann werdet ihr euch wünschen, der Möglichkeit eins den Vorzug gegeben zu haben.«

Cyprian deutete auf die Fenster eines Hauses weiter vorn in der Gasse. Die Landsknechte folgten seinem Fingerzeig.

Agnes sah voller Horror, wie Cyprians Lächeln plötzlich erlosch. In dem Haus, auf das er gedeutet hatte, regte sich nichts.

»Nachhut nich’ eingetroffen, was?«, bemerkte einer der Landsknechte und gackerte.

Er hob seine Muskete. Agnes fing Cyprians Blick auf. Ihr Herz blieb stehen.

Der Soldat feuerte. Sie sah den Einschlag der Kugel in Cyprians Brust. Er wurde nach hinten gerissen …

… Agnes kreischte auf und stürzte zu der Stelle, an der Cyprian fiel, die Türschwelle, die sie bis zuletzt hatte verteidigen wollen, vergessend …

… und war von ihrem eigenen Schrei aufgewacht und lag jetzt schwer atmend in der Dunkelheit.

So war es nicht gewesen. Tatsächlich hatte aus fast jedem Fenster des Hauses ein Musketenlauf gezeigt, genügend Gewehre, um jeden der Landsknechte dreimal zu erschießen, und an einem der Fenster war ihr Bruder Andrej gewesen, Cyprians bester Freund, ein Tuch in der hocherhobenen Hand, und jeder wusste, sobald er es fallen ließ, würden die Musketen losgehen und die Kugeln die Landsknechte zerfetzen. Andrej hatte ihr zugezwinkert. Die Soldaten hatten sich ergeben.

Agnes tastete zu Cyprians Seite hinüber, aber sie war leer. Sie kletterte aus dem Bett, immer noch zitternd, und schlüpfte in einen Mantel. Der Boden war kalt unter ihren Füßen, das Haus stockdunkel. Cyprian hatte die Angewohnheit, manchmal nachts in den Saal hinunterzugehen, selbst den Kamin anzuheizen und dann vor dem Feuer zu sitzen und es zu betrachten, als sei er nach all den Jahren immer noch nicht sicher, ob er der Herr im Hause war. Zuweilen wachte Agnes auf und fand ihn dort, brachte ihm eine Decke, wickelte ihn und sich ein, und dann liebten sie sich auf dem Boden vor dem Feuer, auf der einen Seite halb erstarrt von der Kälte des Saals, auf der anderen halb geröstet. Agnes zerrte Cyprians Decke vom Bett und huschte in den Saal.

Zu ihrer Überraschung brannten dort Kerzen. Statt des großen Tisches war ein Bock in der Mitte des Raums aufgestellt. Vor dem Bock hockte zusammengesunken eine Gestalt. Auf dem Bock, ausgestreckt auf seinem Totenbrett, lag Cyprian, kalt und starr, wie eine schlecht gemachte Wachspuppe.

Der Traum war die Wirklichkeit gewesen.

Agnes presste die Fäuste an den Mund und schrie.

Ruckartig setzte sie sich auf. Sie hörte das Echo ihres Schreis in der Schlafkammer zerstieben.

»Du meine Güte«, sagte Cyprians Stimme schlaftrunken neben ihr. »Das bringt mich noch mal um.«

Agnes warf sich herum. Sie stierte in die vage Düsternis. Draußen schien die Dämmerung soeben angebrochen zu sein. Cyprian spähte aus den Decken heraus, halb belustigt, halb noch im Tiefschlaf. Sie hörte, wie sich das Schluchzen in ihrer Kehle Bahn brach, bevor der Weinkrampf von ihr Besitz ergriff. Sie schlang die Arme um Cyprian. Er zog sie zu sich heran. Sie spürte an der Wärme seines Körpers, wie eiskalt sie war, und an der Stärke seiner Arme, wie sie bebte.

»Ich sah, wie sie dich erschossen …«, stotterte sie mit klappernden Zähnen. »Und dann sah ich dich tot im Saal liegen!«

»Schon wieder der Traum?«, meinte Cyprian und wiegte sie sanft. »Du hast hartnäckige Albdrücke, Liebste. Das ist doch schon ein gutes Jahr her. Und keinem von uns ist etwas passiert, nicht mal den verdammten Landsknechten. Du solltest nicht einmal im Traum daran denken, dass Andrej mich hätte allein losziehen lassen.«

Sie klammerte sich an ihn, von ihrem Schluchzen geschüttelt. Er wiegte sie weiter.

»Mach dir keine Sorgen um mich«, sagte er sanft. »Ich komme immer wieder zu dir zurück.«

6

FILIPPO LEHNTE SICH ZURÜCK, als Oberst Segesser zur Tür hereinkam und strammstand. Er betrachtete den Schweizergardisten stumm und nachdenklich. Früher hatte Filippo es als persönliche Schwäche empfunden, dass er vor jedem Gespräch mit einem Fremden eine Weile brauchte, um seine Gedanken zu sammeln. Die Disziplin, die sein Vater ihm eingebläut hatte, war ebenso einfach wie dauerhaft: Halt unter allen Umständen den Mund, und wenn du etwas gefragt wirst, dann lass mich oder deinen Bruder Scipione die Antwort geben.

Vater Caffarelli hatte als Schwager des mächtigen Kardinals Camillo Borghese immer darauf geachtet, dass der Bruder seiner Frau nicht versehentlich durch kindliches Geplapper kompromittiert wurde. Im Hause Caffarelli hatte Kardinal Borghese im engsten Kreis kühl seinen Aufstieg zum Papsttum geplant – und wer von seiner Familie später davon profitieren sollte. Natürlich tat dies jeder Kardinal auf die eine oder andere Weise, aber es war ungünstig für die Wahlchancen, wenn dies öffentlich bekannt wurde. Allenfalls hatte noch Scipione etwas von sich geben dürfen, der mit dreizehn Jahren klug genug gewesen war, um zu wissen, was für seine eigene versprochene Karriere in der Kirche gut war.

Filippo hatte erst spät erkannt, dass das, was er als Fluch empfand, ihm oft genug von Nutzen war. Seine Wortlosigkeit, kaschiert von einem ausdruckslosen Gesicht, erschütterte die Zuversicht eines jeden Gesprächspartners und bot eine willkommene Fassade für seine eigenen Zweifel. Er fragte sich, ob Vittoria nicht auch bezüglich seiner eigenen Person mit dem Gedanken an Rattengift gespielt hätte, wenn sie heute hätte Zeugin werden können, was er tat. Filippo wusste, dass das, was er plante, nicht besser war als das Tagesgeschäft von Kardinal Scipione.

Er sah, wie das linke untere Lid des Obristen zu zucken begann.

»Es geht um Ihren Vater«, sagte Filippo schließlich.

»Mein Vater hat dem Heiligen Stuhl treu und redlich gedient«, schnarrte Oberst Segesser. Die Zuversicht der Schweizergardisten in ihre eigene Unfehlbarkeit war beneidenswert. Filippo musste zugeben, dass sie auch eine solide Basis hatte.

»Erzählen Sie mir vom Tod Giovanni Castagnas«, sagte Filippo. Als Oberst Segesser stumm blieb, fügte er an: »Papst Urbans VII.«

Der Oberst stand noch strammer. Filippo dachte nach. Gedrillte Soldaten wie Oberst Segesser waren schwierigere Gesprächspartner als die meisten; sie verstanden sich auf das Schweigen besser als jeder andere, weil sie ihre Körpersprache einsetzen konnten. Stumm strammzustehen konnte alles bedeuten, von Zustimmung bis zu einer ausgesuchten Beschimpfung, ohne dass das eine oder das andere jemals mündlich geäußert werden musste.

»Papst Urban kam aus dem Geheimarchiv und brach tot in den Armen Ihres Vaters zusammen«, sagte Filippo. »So steht es in dem Bericht, den Ihr Vater darüber abgeliefert hat.«

»Ich kann mich nicht daran erinnern, Hochwürden.«

»Ich habe den Bericht gefunden. Er muss versehentlich falsch archiviert worden sein. Sie waren damals der Hauptmann Ihres Vaters und haben den Bericht mit unterzeichnet.«

»Jawohl«, sagte Oberst Segesser, und man musste ihm lassen, dass seiner Stimme nicht das Geringste anzumerken war. Filippo, der innerlich schwitzte, überlegte jeden seiner nächsten Schritte wie ein Mann, der barfuß durch Glasscherben geht.

»Für jeden Schweizergardisten muss es schlimm sein, wenn der Heilige Vater stirbt.«

»Jawohl.«

»Am schlimmsten muss es für den Anführer der Garde sein, wenn der Heilige Vater direkt in seinen Armen stirbt.«  

»Jawohl.«

»Unter Umständen, die äußerst merkwürdig waren …«

Filippo hätte es nicht für möglich gehalten, aber der Oberst konnte noch ein wenig strammer stehen. Sein Lid zuckte nun stärker. Er hatte beinahe Mitleid mit dem Mann, aber jemand, der durch die Schule des späteren Kardinals Caffarelli gegangen war, als dieser noch Scipione, die Hoffnung der Familie, gewesen war, wusste, dass Mitleid einen nicht ans Ziel brachte.

»Ich will sie sehen, Oberst Segesser«, sagte er.

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Hochwürden.«

»Papst Gregor, der Urban auf den Heiligen Stuhl nachfolgte, hat Ihrem Vater den Abschied gegeben. Wenn ich richtig informiert bin, hat Ihr Vater selbst darum nachgesucht. Natürlich kann man annehmen, dass Ihr Vater einfach zu erschüttert war, um seinen Dienst weiterhin versehen zu können. Es wäre eine von mehreren möglichen Erklärungen.«

Oberst Segesser sagte nichts.

»Machen Sie es uns beiden doch ein wenig einfacher, Oberst Segesser. Bevor Ihr Vater die Schweizergarde verließ, hat er auf eigene Faust nachgeforscht, was Papst Urban im Archiv gesucht hatte. Man könnte das selbstverständlich so auslegen, dass Ihr Vater in seiner Gewissenhaftigkeit herausfinden wollte, ob etwas dort für den Tod des Papstes verantwortlich war.«

»Jawohl.«

»Es kommt allerdings nicht darauf an, welcher Auslegung ich Glauben schenke«, fuhr Filippo fort. »Letztlich kommt es darauf an, was die Heilige Inquisition glaubt, wenn sie sich bemüßigt fühlt, den Tod Papst Urbans noch einmal zu untersuchen. Oder auf den Gedanken kommt, eine Verknüpfung zu der traurigen Tatsache herzustellen, dass Papst Urban so rasch zwei weitere Päpste in den Tod gefolgt sind.«

»Die Untersuchungen sind abgeschlossen«, sagte der Oberst.

»Die Untersuchungen wurden abgeschlossen, ohne dass das Tribunal von dem Geschnüffel Ihres Vaters im Archiv erfahren hat.«

»Mein Vater hat nicht geschnüffelt!«

Filippo betrachtete den Gardisten stumm. Der Oberst versuchte vergeblich, den Hass in seinen Blicken zu verbergen. Sein Gesicht war unbewegt, aber seine Augen brannten.

»Haben Sie als Kind einmal nach einem Schatz gesucht, Oberst Segesser?«

Der Oberst blinzelte verwirrt.

»Man glaubt gar nicht, wie schlecht manche Schätze versteckt sind. Die Hinweise sind für jedermann sichtbar. Man braucht ihnen nur nachzugehen. Für manche Schätze wäre es besser, sie lägen offen auf der Straße, dann würde man sie bedeutend schlechter finden, weil man sie einfach übersähe.«

Schatzsuche, dachte Filippo. Er erinnerte sich an das Spiel, das Scipione mit ihm gespielt hatte, wenn er von seinen Studien Urlaub genommen hatte; Scipione, der sechzehnjährige Kleriker mit der Tonsur, der alle Welt an seiner Nase herab musterte. Filippo war sechs gewesen. »Weißt du, was der Glaube ist, Filippino?« – »Nein, Scipione.« – »Den Weg zum Glauben musst du selbst finden, Filippino.« – »Ja, Scipione.« – »Glaubst du, dass ich dir eine Süßigkeit aus der Stadt mitgebracht habe, Filippino?« – »Ich weiß nicht, Scipione; hast du mir eine mitgebracht?« – »Folge den Hinweisen, Filippino; sie sind rot und grün.«

Filippo war den Hinweisen gefolgt: Kirschen, die auffällig drapiert auf Blättern lagen, oder Erdbeeren oder Himbeeren, je nach Jahreszeit. Sie hatten eine Spur geformt, die ihn zu irgendeinem Versteck geführt hatte. Wenn er dort angekommen war, hatte Scipione in dem Versteck gesessen und ihm lächelnd die leeren Hände gezeigt. »Hab ich sie selbst gegessen, weil du zu lange gebraucht hast, Filippino, oder hab ich gar keine mitgebracht? Hm? Was glaubst du, Filippino?«

Filippo beugte sich nach vorn.

»Es gibt eine Legende, Oberst. Der Teufel hat ein Buch geschrieben und sein Wissen darin festgehalten. Das Wissen des Teufels, Oberst Segesser. Sagen Sie mir, ob es einen noch größeren Schatz gibt.«

Filippo konnte einen Schweißtropfen sehen, der sich auf der Schläfe des Gardisten geformt hatte.

»Ihr Vater ist den Hinweisen gefolgt, und ich bin seinen Spuren gefolgt. Mir fehlt nur noch ein Schritt, Oberst Segesser, dann bin ich dort, wo auch Ihr Vater gestanden hat. Der letzte Hinweis führt zu Ihnen, zu seinem Sohn.«

Der Schweißtropfen rann langsam an Oberst Segessers Wange herab. Der Mann versuchte, nicht zu zucken.

»Wo finde ich die Teufelsbibel, Oberst Segesser?«

7

ABT WOLFGANG RANNTE DIE Treppe hinunter, so schnell er konnte. Alles Triumphgefühl in ihm war zu Asche erstorben.

»Sie sind über die Rampe hereingekommen, über die die Küchenabfälle in den Graben gekippt werden«, keuchte der Torhüter. »Das Gatter ist eingedrückt. Geflohen sind sie auf demselben Weg.«

Wolfgang hätte nie geahnt, dass ihm noch mehr würde aufgebürdet werden als die Führung eines katholischen Klosters im Herzen der protestantischen Glaubenswüste. Während er nach unten stürmte, immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmend, spielte sich vor seinem geistigen Auge sein erster Tag im Kloster Braunau ab. Er sah die Brüder den Kapitelsaal verlassen, nachdem sie ihm den Treueid geschworen hatten, sah die Gesichter der beamteten Brüder, die neben ihm standen, hart werden, sah seine eigene fragende Miene angesichts des Umstands, dass die Mönche nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, zögernd gingen, sondern den Kapitelsaal fluchtartig verließen, als ob nach ihnen Aussätzige erwartet würden. Er sah die sieben schwarzen, kapuzenverhüllten Gestalten zum Eingangsportal hereinkommen und erinnerte sich daran, wie sein Herzschlag sich plötzlich schwer und ängstlich angefühlt hatte. Er sah sich selbst, nachdem die sieben schwarzen Mönche ihren ganz eigenen Treueid abgelegt hatten, fassungslos in seiner Zelle sitzen, auf Tausende von eingeritzten Aufschreien an den Wänden starren und hörte, wie sie immer lauter und immer verzweifelter in seinem Kopf widerhallten: Vade retro, satanas!

Er hatte gelernt, dass das Kloster von Braunau sein ganz eigenes, schreckliches Geheimnis bewahrte. An jenem Tag war er, Abt Wolfgang Selender, Dutzende Male erprobt darin, den Zweifelnden ihren Glauben wiederzugeben, zum Hüter dieses Geheimnisses geworden, und der tägliche Kampf, angesichts des dunklen Schatzes in den Gewölben den eigenen Glauben nicht zu verlieren, hatte seinen Anfang genommen.

Er flog die Treppen hinunter in der hämmernden Angst, dass er in dieser Aufgabe versagt hatte und dass das Geheimnis von Braunau jetzt über die Menschheit kam.

Am Ende der Treppe brannte eine Fackel. Er riss sie an sich und leuchtete in den Gang.

Die erste schwarze Gestalt lag am Rand des Lichtscheins, ein Schatten, der in der Finsternis dahinter versank. Die hellen Schäfte von Armbrustbolzen ragten aus dem reglosen Körper.

»O mein Gott«, krächzte der Novizenmeister, der nach Wolfgang den Fuß der Treppe erreicht hatte. Der Torhüter kam hinter ihm heruntergestolpert, sein Atem pfiff. Zu mehr als einem entsetzten Winseln war er nicht imstande.

Wolfgang biss die Zähne zusammen und schritt an dem Toten vorbei. Er wusste bereits, was er finden würde. Doch er merkte erst, dass er zu flüstern begonnen hatte, als die beiden Männer hinter ihm in sein Gebet einstimmten.

»… und wenn ich auch wanderte im finsteren Todestal, so fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab, die trösten mich …«

Die restlichen fünf Kustoden lagen vor der Zellentür, erschossen, erstochen, erschlagen. Sie hatten ihre Armbrüste nicht einmal abgefeuert. Die Zellentür stand offen. Wenn Wolfgang allein gewesen wäre, hätte er sich auf den Boden gesetzt. Aber die beiden anderen Mönche waren hinter ihm, und so riss er sich zusammen. Die Schwärze hinter der Zellentür gähnte wie die Schwärze, die nun über die Welt kommen würde. Was nützte es, sich zu vergewissern? Er wusste genau, dass die Truhen aufgebrochen und der Inhalt verschwunden sein würde. Sein Hirn vermochte den Beinen keinen Befehl zu geben, ihn zu der offenen Tür zu tragen.

Weitere Schritte näherten sich von der Treppe her. Er drehte sich um. Der Cellerar stand zwischen den beiden anderen beamteten Brüdern. Sein Gesicht war kalkweiß.

»Es … es … es sieht aus, als wäre der Aufruhr vor dem Tor nur ein … ein Ablenkungsmanöver gewesen«, stammelte der Cellerar. »Sie waren mindestens ein Dutzend, schwer bewaffnet. Sie haben angefangen, zu schießen und um sich zu hauen, noch bevor die Kustoden wussten, wie ihnen geschah. Sie hatten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Ehrwürdiger Vater … wir haben sie alle verloren!«

Wolfgang biss die Zähne zusammen. Der Cellerar nickte unglücklich, als er seinen Blick auffing. »Es war schon ein Wunder, dass der Unglückliche oben es überhaupt bis ins Freie geschafft hat …« Der Cellerar verstummte mit einem Misston.

»Der Herr sei ihren Seelen gnädig«, flüsterte Wolfgang. »Mea culpa, mea maxima culpa …«

»Dich trifft keine Schuld, ehrwürdiger Vater«, sagte der Torhüter.

»Wir müssen nachsehen«, warf der Novizenmeister ein.  

Wolfgang holte Luft. Was blieb von seinem Leben hiernach? Was blieb vom Glauben, von der Hoffnung, von der Liebe, wenn sie versagt hatten? Was blieb von der Welt?

Vorhin bei der Klosterpforte hatte er das Gefühl gehabt, er bewege sich durch die Luft, als er der plötzlichen Stille gefolgt war und das Tor geöffnet hatte. Jetzt schien es ihm, als müsse er durch Schlamm waten. Unendlich vorsichtig stieg er über die Toten; er ahnte, dass er zu schreien begonnen hätte, wenn er einen von ihnen mit dem Fuß berührt hätte. Er zog die Zellentür auf, so weit er konnte; es war nicht weit. Noch im Tod versuchten die Kustoden, ihr Geheimnis zu schützen. Er streckte die Hand mit der Fackel aus und verschwand im Innern des Verlieses.

Der Cellerar, der Novizenmeister und der Torhüter starrten auf die Tür. Der Lichtschein schimmerte matt daraus hervor. Ihre eigene Fackel blakte und spuckte. Sie warfen sich kurze, verlegene Blicke zu. Jeder von ihnen dachte, dass er dem Abt in das Verlies hinein hätte folgen sollen, und jeder schämte sich dafür, dass er nicht den Mut gehabt hatte. Die Toten in ihren schwarzen Kutten schienen bereits mit der Dunkelheit eins zu werden, selbst ihr Blut wirkte im Fackellicht schwarz.

Endlich kam der Abt wieder aus der Zelle heraus. Seine Augen waren trüb. Er stieg mit der gleichen Sanftheit wie zuvor über die Toten und kam zu ihnen herüber. Die Münder der drei Mönche waren trocken; jeder spürte seinen Herzschlag schmerzhaft bis in den Hals. Der Cellerar merkte nicht, dass er mit der freien Hand seine Brust knetete; der Torhüter hatte seinen Rosenkranz mit beiden Fäusten gepackt und zerrte daran, als wolle er ihn zerreißen.

Der Abt schaffte es bis zu ihnen, dann sank er zu Boden. Sie starrten auf ihn hinab, außerstande, ihm zu helfen.

Abt Wolfgang senkte den Kopf und begann zu weinen. Die Hand, in der er die Fackel hielt, sank nach unten, die Fackel zischte auf und verlosch. Die zweite Fackel spuckte erneut. In der plötzlichen Düsternis sahen die drei Mönche farbige Muster vor den Augen. Der Novizenmeister streckte unwillkürlich die Hand aus, um sich an der Wand festzuhalten.

»Etwas muss sie gestört haben«, flüsterte der Abt. »Gott der Herr muss sie aufgehalten haben. Sie haben sie aus den Truhen genommen, aber dann liegen gelassen.«

Er sah zu ihnen auf. Tränen liefen über sein Gesicht.

»Die Teufelsbibel ist noch da«, wisperte er. »Wir sind gerettet.«

8

HEINRICH VON WALLENSTEIN-DOBROWITZ STAND sich in einem der Wartezimmer im Lobkowicz’schen Palais die Beine in den Bauch und versuchte, sich keine Sorgen zu machen.

Die Fenster des Raums gingen zum Osttor der Prager Burg hinaus. Heinrich beobachtete das hektische Kommen und Gehen, und es machte ihn nervös, nicht Teil dieser Hektik zu sein. Er hätte keinen Einfluss gehabt, natürlich nicht – aber er hätte zumindest den Finger in den Wind halten und herausfinden können, woher er wehte. Ein Niemand wie er, der nichts hatte als einen Namen und eine riesige, miteinander verfeindete Familie, war darauf angewiesen, so früh wie möglich Windrichtungen zu erkennen.

Natürlich wusste er so gut wie jeder andere im Groben, was in der Burg vor sich ging: Matthias, König von Böhmen und Bruder des toten Kaisers, versuchte, seine Kandidatur zum Herrn des Römischen Reichs zwischen den verschiedenen Wünschen der Stände und der Geistlichkeit durchzusetzen. Die katholischen Kurfürsten hatten auf Erzherzog Albert gesetzt, waren aber bereit, mit Matthias vorliebzunehmen, solange der neue Kaiser überhaupt katholisch und aus dem Hause Habsburg war. Die Kurpfalz wünschte sich einen protestantischen Herrscher, wollte sich Matthias aber gefallen lassen, wenn sich das Haus Habsburg nicht umgehen ließ, weil er lenkbarer erschien als der selbstbewusste, integre Albert. So würde Matthias – den Heinrich persönlich für einen Furz im Wind hielt und im Vergleich zu Kaiser Rudolf für eine noch schlechtere Besetzung, selbst wenn dies einem denkenden Menschen fast unmöglich erschien – auf dem Gaul der kleinstmöglichen Gemeinsamkeit aller Voraussicht nach ins Ziel und das Reich als eine weitere Jammergestalt näher an den Abgrund reiten.

Nicht dass Heinrich sich deswegen seine Sorgen gemacht hätte. Ob protestantisch oder katholisch, war ihm egal. Wenn er überhaupt an etwas glaubte, dann daran, dass derjenige, der zuerst zugriff, die dickeren Brocken erwischte. Welches Haus letztlich die Macht errang, kümmerte ihn ebenso wenig; sein Geschlecht, so weit verzweigt es auch war, würde allenfalls die Helfershelfer stellen und sich damit zufriedengeben, sich ein so großes Stück wie nur möglich vom Kuchen abzuschneiden, während Mächtigere noch darüber stritten, wem die Rosinen darin gehörten. Was sein persönliches Schicksal anging, so hatte es schon immer von seiner eigenen Flexibilität abgehangen, und diese – er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken – hatte er in den letzten Wochen einmal mehr bewiesen. Der Bote mit dem Geld war zur Stelle gewesen, als er die Lieferung an den Mann gebracht hatte, und er hatte eine weitere Zusammenarbeit in Aussicht gestellt. Weitere Aufträge dieser Fasson waren exakt nach Heinrichs Geschmack, und dass er nicht genau wusste, wer wirklich dahintersteckte, war eher spannend als beunruhigend. Fest stand jedenfalls, dass er es offensichtlich geschafft hatte, beide Auftraggeber zufriedenzustellen – den, der besser bezahlt hatte, und den, für den er ursprünglich hätte arbeiten sollen.

Vielleicht aber stand es doch nicht fest. Er machte sich Sorgen darüber, dass man ihn ins Haus des Reichskanzlers zitiert hatte, zumal er gehört hatte, dass Zdenk von Lobkowicz sich mittlerweile zu Beratungen in Wien aufhielt. Er musste sich getäuscht haben, oder Lobkowicz war heimlich nach Prag zurückgereist. In diesem Fall schien die Aufforderung, in sein Palais zu kommen, doppelt bedenklich. Lobkowicz war sein erster Auftraggeber gewesen.

Er wandte sich von den Fenstern ab und betrachtete die Gemälde. Was das Haus des Reichskanzlers von den meisten anderen, die er von innen kannte, unterschied, war, dass sich keine hellen Rechtecke an den Wänden fanden. An diesen Stellen hatten zu Lebzeiten Kaiser Rudolfs die unsäglichen Werke Giuseppe Arcimboldos gehangen. Heinrich hatte ebenso viel Verständnis dafür, dass jemand, der am Hofe Kaiser Rudolfs etwas gelten wollte, dessen Lieblingskünstler mit Aufträgen beehrte, wie dafür, dass dieser jemand die Machwerke wieder abnahm und verheizte, sobald er sich von ihnen keinen Vorteil mehr versprach. Hätte er ein nennenswertes eigenes Haus besessen, hätte er es nicht anders gehalten. Er hätte allenfalls den Meister gebeten, keine Gesichter aus Obst oder Gemüse zu malen, sondern aus Geschlechtsteilen. Er hatte stets empfunden, dass die Bilder Arcimboldos aus einem gewissen Blickwinkel wie Tausende einzelner Mösen aussahen; einmal war er sogar frech genug gewesen, dies im Haus eines Hofbeamten zu äußern, der seine ganze Familie samt toten Urahnen von Arcimboldo hatte darstellen lassen. Es hatte Zeiten gegeben, da war er noch unvorsichtig gewesen … Der Lohn für seine lose Zunge hatte darin bestanden, nie mehr eingeladen zu werden, was insofern bedauerlich war, als die Dame des Hauses ihm vor seinem Rausschmiss ins Ohr geflüstert hatte, dass sie genauso empfand und dass sie ihm gern Gelegenheit gegeben hätte, demnächst die Malerei mit einem echten Objekt zu vergleichen. Wie auch immer, Heinrich war überzeugt, dass Giuseppe Arcimboldo, hätte er ihm seine Auslegung von des Meisters Kunstwerken direkt mitgeteilt, gelacht und ihm einen Becher Wein angeboten hätte. Arcimboldo war bereits nach Mailand zurückgekehrt, als Heinrich noch nicht einmal geboren war, und vor beinahe zwanzig Jahren gestorben. Dennoch war sich Heinrich sicher, dass sie beide sich verstanden hätten. Es brauchte einen Spitzbuben, um einen anderen zu erkennen.

Die Bilder in diesem Raum waren Allegorien, Heiligenbilder, einige nachgedunkelte Lobkowicz’sche Ahnen, eine Szene voller muskelstrotzender Rüstungsträger mit einem halb nackten Weibsbild in ihrer Mitte, der übliche Wandschmuck. Ein Porträt hing etwas prominenter. Heinrich pfiff durch die Zähne. Wer immer die Frau war, die darauf dargestellt war, er hätte sie gern kennengelernt. Heinrich ging näher heran. Er hätte sie sogar sehr gern kennengelernt. Wenn man die steife Haltung, das formelle Gewand, die strenge Frisur und die mögliche Inkompetenz des Malers in Rechnung stellte, musste die Schönheit auf der Leinwand in Wahrheit umwerfend sein. Vermutlich war sie eine angeheiratete Verwandte – der pausbäckige Lobkowicz konnte keine solche Aphrodite in seinem Stammbaum haben – und seit hundert Jahren tot. Dann fiel ihm ein kleines Gemälde auf, das der Maler im Hintergrund seines Porträts abgebildet hatte. Es war das Bild mit den antiken Soldaten und der Halbnackten. Heinrich prüfte das Original und stellte überrascht fest, dass es ein Datum vom vorvorigen Jahr trug. Das Porträt war maximal zwei Jahre alt. Und plötzlich wurde ihm klar, wen es darstellte: Polyxena von Lobkowicz, vormalige Rosenberger – die Frau des jetzigen Reichskanzlers und die Witwe des früheren königlichen Burggrafen. Er trat einen Schritt zurück. Er hatte immer sagen hören, dass Polyxena von Lobkowicz die schönste Frau des ganzen Heiligen Römischen Reichs sei, und sich im Stillen darüber lustig gemacht. Wie es schien, hatte er zu früh gelacht. Er pfiff noch einmal durch die Zähne. Nun konnte er auch die Szene mit den Soldaten zuordnen: Sie stellte die Opferung der mythologischen Polyxena am Grab des Achilles dar. Er studierte das kleine Gemälde ganz genau, in der Hoffnung, dass der Maler der halb nackten Frau die Züge Polyxenas gegeben haben mochte, aber er hoffte vergebens. Mit nur halbem Amüsement stellte er fest, dass der Gedanke ihn erregte, und er zupfte an seinen Hosen herum, um darin etwas Platz zu schaffen. Wie hatte der unscheinbare Lobkowicz es nur geschafft, dieses Prachtweib zu ehelichen? Wahrscheinlich leckte er ihr die Füße und fragte sie nach dem Besuch ihrer Liebhaber fürsorglich, ob es ihr gefallen habe. Heinrichs Hose, so weit, wie es die herrschende Mode verlangte, fühlte sich dennoch eng an.

Eine kleine, von widerstreitenden Gedanken und Gefühlen bestimmte Weile später kam ein Lakai, führte ihn endlos durch das Haus und stellte ihn in einem weiteren Raum ab. Die vorherige Nervosität ergriff wieder Besitz von Heinrich. Vielleicht war er zu leichtsinnig gewesen! Vielleicht hatte doch jemand Toro gesehen, wie er sich am Leichnam des Kaisers zu schaffen gemacht hatte, und hatte über die letzten Wochen hinweg versucht, aus dem Ableben der Zwerge inklusive Toros einige Schlüsse zu ziehen. Heinrich hatte den Schlüssel zu der Truhe in die Moldau geworfen. Aber vielleicht hatte Toro ja noch genug Atem gehabt, irgendjemandem etwas ins Ohr zu flüstern? Plötzlich verfluchte er sich dafür, sich nicht deswegen vergewissert zu haben. Der Gedanke, das Haus einfach zu verlassen und sich für die nächste Zeit unsichtbar zu machen, meldete sich und besaß eine zwingende Verlockung. Weglaufen, flüchten vor einem kleinen, pausbäckigen Mann, der seiner Frau die Füße ableckte? Wenn es jedoch eine Gewissheit gab, dann die, dass es besser war, fünf Minuten ein Feigling zu sein als ein Leben lang tot.

Er war schon fast an der Tür, als diese sich öffnete. Er prallte zurück, dann vergaß er, dass er sich hatte aus dem Staub machen wollen; er vergaß sogar die angemessene Verbeugung. Sein Mund stand offen, und er gaffte.

9

FILIPPO HATTE VERMUTET, OBERST Segesser werde ihn durch irgendwelche versteckten Treppenhäuser führen, die ihm, Filippo Caffarelli, trotz der vielen Jahre, die er im Vatikan verbracht hatte, noch immer verborgen geblieben waren. Stattdessen stapfte der Oberst vor ihm durch die trocken-kalten Kellergewölbe her, in denen all der Unrat gelagert wurde, den irgendein Vorgänger des jetzigen Papstes der Kirche vermacht hatte und den wegzuwerfen noch niemand die Zeit oder genügend Kaltschnäuzigkeit besessen hatte. Anfangs war Filippo noch fasziniert gewesen, als er gelernt hatte, dass die farbbekleckerten Stangen und Bretter die Einzelteile des Gerüsts waren, mit dessen Hilfe Michelangelo Buonarotti vor hundert Jahren die Sixtinische Kapelle bemalt hatte, oder dass die holzwurmzerfressenen, bauklotzartigen Gebilde, die zu Hunderten wild durcheinander in Kisten lagen, die verschiedenen Entwürfe zur Umgestaltung des Petersdoms darstellten und aus den Händen so prominenter Möchtegernarchitekten wie Bramante, Raffael, Sangallo, Peruzzi und wiederum Michelangelo stammten. Reliquienschreine von aus der Mode gekommenen Heiligen, aus deren goldfarben bemalten Fassungen vorher die Edelsteine herausgebrochen worden waren, lagen zwischen Stein- und Terrakottastatuen, die irgendwelche Delegationen aus irgendwelchen Städten irgendeinem Heiligen Vater als Geschenk ihrer Heimat mitgebracht hatten. Ein Stapel Pergamentrollen schimmelte in halb zerbrochenen Tonröhren in einer Ecke vor sich hin und sah aus wie das komplizierte Heizungssystem eines Hypokaustums; angeblich handelte es sich um Abschriften von Traktaten des großen Aristoteles, in denen er über die Qualität des Lachens referiert hatte, was nicht zu den sonstigen Schriften des griechischen Philosophen passte, auf denen die Kultur der katholischen Kirche beruhte und die deshalb nur gekonnte Fälschungen sein konnten. Warum man sie in diesem Fall nicht einfach verbrannt hatte, entzog sich Filippos Kenntnis und ließ ihn seine eigenen Schlüsse ziehen.

In seinen ersten Monaten war Filippo immer wieder hierhergekommen und hatte die Dinge berührt, die einmal berühmten Händen wichtig gewesen waren. Mit der Zeit aber hatte sich bei ihm die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein bekleckertes Holzgerüst eben doch nicht mehr war als das: ein bekleckertes Holzgerüst.

Zu seiner Überraschung steuerte Oberst Segesser auf die Tonröhren in der Ecke zu. Er stellte die Laterne ab und räumte die Röhren beiseite. Verblüfft erkannte Filippo, dass die Röhren, die obenauf und an den Seiten lagen, länger waren als die anderen. Sie kaschierten den Umstand, dass eine niedrige Nische in der Wand war und dass eine wuchtige Truhe, so weit es ging, in diese Nische hineingeschoben worden war. Filippo schluckte plötzlich. Die am besten verborgenen Schätze lagen tatsächlich offen da … Wie oft war er hier vorbeigekommen, hatte sogar einmal versucht, eines der Pergamente aus seiner Röhre zu ziehen, sich aber vor dem modrigen Verfall und dem huschenden Krabbeln darin geekelt? Er spürte das Herz in seinem Hals schlagen und seine Hände plötzlich feucht werden.

Der Oberst hatte den Zugang zur Truhe freigeräumt. Der Riegel war nur vorgelegt, nicht mit einem Schloss gesichert.

»Ein Schatz, der offen daliegt?«, wiederholte er laut. »Hm, Oberst? Treten Sie beiseite.«

Als er vor der Truhe stand, gellte ein einzelner Gedanke durch den Wirrwarr, zu dem seine Hirntätigkeit sich reduziert hatte. Die Suche war zu Ende. Nun würde er wissen, ob er den wahren Glauben finden konnte – oder ob sich die Befürchtung bewahrheitete, dass es keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Liebe gab, sondern nur das Wissen darüber, dass das Gute auf der Welt lediglich das Böse war, das zufällig nicht eintraf.

In den Jahren im Geheimen Archiv hatte Filippo so viele Dokumente der Unterdrückung von Wissen, des Betrugs, des Opportunismus, der Korruption und der Ketzerei innerhalb der katholischen Kirche gesehen, dass es drei Menschen seines Charakters gereicht hätte, um an der Sinnhaftigkeit seines Glaubens zu zweifeln. In gewissenhafter Arroganz hatte die Kirche penibel Buch geführt über all die Gelegenheiten, zu denen sie die Tradition von Jesus Christus verraten hatte, angefangen bei den Absolutionen für Kaiser Konstantin, der in treuer Befolgung christlicher Machtpolitik seine gesamte Familie hatte ermorden lassen, bis hin zum Flammentod Giordano Brunos. Filippo hatte sie allesamt studiert, zuerst voll Faszination, später voll Ekel. Vielleicht wäre er zum protestantischen Glauben übergewechselt – wenn er nicht ebenfalls genügend Dokumente gefunden hätte, die über die Anhänger Luthers und Calvins berichteten und aus denen hervorging, dass Jesu Christi Lehre ihnen auch nicht näherstand als der angeblich einzig wahren Kirche.

Wenn er die Hand auf die Teufelsbibel legen und das Pochen spüren würde, dann wüsste er, dass es nur einen wahren Glauben geben konnte: den an die Macht des Bösen. Wenn das Testament des Satans ebenso stumm bliebe wie die Heilige Schrift, dann wäre beides nicht mehr als Aberglaube.

Wenn die Macht des Bösen das einzig Wahre wäre, dann würde er, Filippo Caffarelli, resigniert von all der Falschheit, frustriert von all den Lügen, angeekelt von der Korruption, all seine Kräfte dafür einsetzen, ihm zu dienen. Er war so weit, dass er lieber mit der Wahrheit in die Dunkelheit gehen würde, als mit der Lüge weiterhin im Dämmer zu leben.

Er bückte sich, um die Falle des Truhenbandes aus der Öse zu heben. Seine Hände zitterten so sehr, dass das Metall klapperte. Er holte tief Luft. In seinem Rücken spürte er eine plötzliche Bewegung, und voller Unglauben registrierte er, dass er eine Kleinigkeit nicht mit einkalkuliert hatte: dass Oberst Segesser ihm einfach sein Schwert in den Rücken rammen und dann seinen Leichnam irgendwo verstecken könnte. Niemand würde den Schweizergardisten je eines Mordes bezichtigen, niemand würde hier unten Spuren vom Tod Filippos finden, selbst wenn er blutete wie ein Schwein oder Oberst Segesser ihn vor Ort in Einzelteile zersägte. Filippo wäre einfach für immer verschwunden, ein winziger Skandal, der Vater Caffarelli enttäuschtes Stirnrunzeln und Kardinal Scipione Caffarelli eine ärgerlich hochgezogene Augenbraue entlocken würde. Der Atem stockte ihm. Er konnte nicht anders – er musste aufblicken.

Oberst Segesser war ein paar Schritte zurückgetreten. Sein Gesicht war gespannt, die Arme hatte er vor der Brust verschränkt. Filippo lächelte verzerrt, um sich nicht anmerken zu lassen, was er gedacht hatte.

Die Falle klemmte. Filippo rüttelte daran. Sie löste sich mit einem kurzen Quietschen. Er warf den Deckel der Truhe zurück.

Scipione saß darin, breitete die Arme aus und fragte: »Hab ich sie an mich genommen, weil du zu lange gebraucht hast, Filippino, oder war sie nie da?«

Die Truhe war leer.

10

»SETZEN SIE SICH, HERR von Wallenstein«, sagte die Erscheinung. Sie deutete auf einen der Stühle. »Oder soll ich Sie mit Dobrowitz anreden? Oder wie wünschen Sie genannt zu werden?«

Heinrichs Hirn, das noch keine Zeit gehabt hatte, die Überraschung zu überwinden, ließ seiner natürlichen Frechheit den Vortritt.

»Meine Freunde nennen mich Henyk«, hörte er sich sagen.

Sie lächelte. »Nun gut, Henyk. Setzen Sie sich.«

Das Porträt hatte gelogen, und dem Maler hätte man seine Pinsel in den Hintern stecken und dann anzünden sollen. Heinrich, der es mit Mühe schaffte, nicht wie ein Mehlsack auf den Stuhl zu plumpsen, starrte sie offen an. Ihr Gesicht war weiß geschminkt, aber das war auch das Einzige, was mit der Kühle übereinstimmte, die das Porträt ausgestrahlt hatte. Im Leben war sie von einer flammenden, alles überstrahlenden Schönheit, an der die Sonne sich verbrannt hätte. Heinrich sah ihr in die Augen und verging wie eine Motte, die in das Feuer geflogen war. Die Augen waren smaragdgrün, ein schockierender Farbkontrast zu ihrem blonden Haar und düster leuchtend in der maskenhaften Weiße ihres Gesichts. Ihre Züge ebenmäßig zu nennen wäre vergleichbar gewesen damit, das Innere eines Vulkans als warm zu beschreiben; ihre Gestalt und ihre Haltung perfekt zu nennen hätte geheißen, einen Wirbelsturm als leichte Brise zu bezeichnen. Sie schimmerte vor ihm, das weiße Gesicht, das Kleid aus weißer Seide, mit weißem Brokat besetzt, an manchen Stellen schillernd mit Regenbogenreflexen. Heinrich erkannte, dass er schon eine ganze Minute dagesessen hatte, ohne etwas gesagt zu haben. Zwei winzige Grübchen kerbten die Schminke an ihren Mundwinkeln, als sie amüsiert lächelte. Sie hatte die Lippen tiefrot geschminkt. Der Effekt war der eines auf die Erde herabgestiegenen Engels, der Blut geleckt hat.

»Und Sie, Madame von Lobkowicz«, sagte er, »wie soll ich Sie nennen?«

Ihre Augen ließen die seinen nicht los.

»Welchen Namen würden Sie denn als passend für mich erachten?«

»Aphrodite«, sagte er, ohne nachzudenken.

Ihr Lächeln vertiefte sich um eine Nuance. »Nein«, sagte sie.

Heinrichs Hirn hatte mittlerweile aufgeholt. Sein Herz und etliche tiefer gelegene Regionen seines Körpers waren noch immer in Aufruhr, aber das Denken hatte wieder eingesetzt.

»Nein«, sagte er. Er erwiderte ihr Lächeln. »Diana«, sagte er.

»Muss es eine Göttin sein?«

»Unbedingt.« Er probierte das Lächeln, von dem er wusste, dass es selbst Klosterschwestern erröten ließ. Es prallte nicht an ihr ab, sondern wurde spurlos aufgesaugt. Ihre eigene Miene veränderte sich nicht.

»Diana«, sagte sie und nickte.

»Was kann ich für Sie tun, Madame … Diana?«

Einen kleinen Augenblick schien sie nachzudenken, ob sie ihm nicht zu viel Raum gegeben hatte, und zu seiner eigenen Überraschung wartete er geradezu angespannt auf ihre Zurechtweisung. Seine Überraschung war noch größer, als ihm klar wurde, dass sie ihn damit treffen und dass er sich uneingeschränkt daran halten würde. Er dachte daran, wie er gehofft hatte, auf dem Bild der geopferten Polyxena ihre Gesichtszüge über den prallen gemalten Brüsten zu sehen. Er schämte sich dafür; nicht, weil es ihm plötzlich schmutzig erschien, sondern weil ihre ganze Erscheinung, eingehüllt in dieses Kleid von Kopf bis Fuß, hundertmal mehr Begierde in ihm auslöste als das lächerliche Gemälde. In seinem Schoß pochte es, und er war froh über die weiten venezianischen Überhosen, die selbst einen aufrecht stehenden Bidenhänder kaschiert hätten.

Nicht dass er nicht ahnte, dass sie seine Erektion in seinen Augen sehen konnte.

»Sie haben schon etwas für mich getan … Henyk.«

»Ja?« Er wusste, dass er es zu schnell und zu überrascht gesagt hatte. Im Stillen fragte er sich, wann er in diesem Gespräch wieder die Oberhand bekommen würde, und fand sich bereits damit ab, dass es vielleicht nie sein würde.

»Sie haben mir einen Dienst erwiesen.«

»Nennen Sie mir einen weiteren, und ich werde ihn mit Freuden aufs Neue erweisen.«

Sie hob eine Hand und hielt sie vor sein Gesicht. Er wollte danach greifen, im Glauben, er solle ihr die Hand küssen, da erkannte er, dass sie zwischen Zeige- und Mittelfinger eine silberne Münze hielt. Er wollte sie aufnehmen, doch mit einer Fingerfertigkeit, die er so nur bei Gauklern gesehen hatte, ließ sie die Münze über ihre Finger wandern, bis sie unter ihrer Handmuschel verschwunden war. Sie lächelte ihn an. Er lächelte verwirrt zurück. Ihr Blick senkte sich auf ihre Hand, seine Blicke folgten ihr, und da kam die Münze wieder nach oben, sie schnippte sie in die Luft, fing sie und drückte sie ihm mit einer einzigen Bewegung in die Hand, die immer noch in der Luft gehangen hatte wie die eines Idioten. Dann trat sie einen Schritt zurück und beobachtete ihn.

Er sah die Münze an. Er kannte die Prägung. Die Erkenntnis war wie ein Guss Eiswasser, dem ein Schwall Kochwasser folgte.

»Mein Geburtsname ist Pernstein«, sagte sie. »Pernstein, wie die Burg in Mähren. Die Burg, zu der Sie die Teufelsbibel gebracht haben.«

»Sie haben mich beauftragt, sie zu stehlen?«

»Enttäuscht, mein lieber Henyk?«

Es pulste durch seinen Körper wie ein heftiger Stoß, als ihm klar wurde, dass sie sich damit in seine Hände begeben hatte, so wie er in den ihren war. Natürlich hatte er Mutmaßungen angestellt, wer der geheimnisvolle Auftraggeber sein mochte, der ihm in Einzelheiten geschildert hatte, was er an sich bringen sollte. Dass es nicht irgendjemand war, war klar – irgendjemand hätte nicht gewusst, dass es die Teufelsbibel gab, geschweige denn, dass sie in Kaiser Rudolfs Kuriositätenkabinett lag. Aber dass es die Frau des Reichskanzlers war … Er hatte sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet hatte, dass er seine Beute nach Pernstein bringen sollte. Pernstein war nicht mehr als eine halbe Erinnerung an den Hofklatsch über einen Sohn, der das Erbe seines Vaters verprasst hatte, und an einen Besitz, der so stark verschuldet war, dass die Steine knirschten. Die Burg hatte verlassen gewirkt – jeder hätte sich, so wie es der Empfänger der Teufelsbibel getan hatte, vor dem Tor aufstellen und so tun können, als sei er hier zu Hause.

»Enttäuscht? Entzückt!«

»War die Bezahlung ausreichend?«

Was sollte er sagen? Irgendwie hatte er plötzlich das Gefühl, dass von der Antwort eine Menge abhing.

»Für einen Knecht – ja«, sagte er langsam. »Für einen Partner – nein.«

Sie musterte ihn erneut auf diese schweigende, maßnehmende Art, die es ihm schwer machte, den Blick ruhig zurückzugeben. Das Kribbeln in seinem Unterleib war abwechselnd von Lust und von Angst bestimmt. Auf einmal beugte sie sich über ihn, stützte sich mit den Händen auf den Armlehnen des Stuhls ab und brachte ihr Gesicht nahe an seines heran. Er roch ihren Duft nach Parfüm und Schminke, unterlegt von etwas, das so animalisch und geil auf ihn wirkte, dass er blinzeln musste. Er fühlte seine Männlichkeit zucken.

»Was nehmen Partner als Bezahlung?«, flüsterte sie.

Unter der Schminke sah er die schwachen Andeutungen von Schatten. Sie hatte Sommersprossen. Ganz hinten in seinem sich langsam in klebrige Fäden verwickelnden Gehirn meldete sich der Gedanke, dass die Natürlichkeit eines kleinen Fehlers wie einer Spreu Sommersprossen ihre Schönheit nur noch steigerte, doch angesichts der roten Lippen, zwischen denen jetzt eine Zunge hervorkam und darüberleckte, hörte niemand dem Gedanken zu.

Er wollte die Arme ausstrecken, um sie an sich heranzuziehen, doch da stellte er fest, dass sie den Stoff seiner Ärmel eingeklemmt hatte. Rätselhafterweise fehlte ihm die Kraft, die Arme zu befreien.

»Alles«, krächzte er.

»Gut«, sagte sie. Ein Kolibri flatterte gegen seine Lippen – ein gehauchter Kuss. »Ich nehme es an … Partner!«

Sie richtete sich auf, nahm ihn an der Hand und zog ihn hinter sich her zu einer Tür. Als sie sie öffnete, schlug Heinrich eine fast stickige Wärme entgegen. Der Raum dahinter war üppig eingerichtet. Schwere Vorhänge sperrten das Tageslicht zum großen Teil aus. Vor einem riesigen Bett mit Pfeilern und einem blutroten Baldachin stand ein Kohlenbecken und sandte sein Glühen und eine schwindlig machende Hitze in das Zimmer. Sie führte ihn vor das Bett. Er hörte sein Herz pochen und spürte fast Schmerz bei jedem Schlag. Das Kohlenbecken röstete seine Seite. Er blinzelte in die Glut und stellte fest, dass ein halbes Dutzend langer Eisenstangen herausragten, Holzgriffe an den freien Enden, damit man sie ohne Gefahr packen konnte. Die Enden, die auf den glühenden Kohlen lagen, hatten alle möglichen Formen – flache Klingen, spitze Dornen, Spiralen … Seine Augen weiteten sich, als er den grob geformten Phallus sah, dessen Umrisse in der Höllenglut flirrten. Seine Eingeweide zogen sich zusammen.

Plötzlich musste er an Ravaillac denken, auf der Place de Grve. Dort hatte sein zweites Leben seinen Anfang genommen; nein, dort hatte sein Leben überhaupt erst begonnen. Das Kohlenbecken des Henkers hatte ebenso vor Hitze geflirrt. Der Aussichtsplatz, den er gehabt hatte, war ausgezeichnet gewesen, wenn auch für seinen Geschmack etwas zu weit entfernt vom Schafott. Dennoch hatte er die rot schimmernden Backen der Zangen deutlich gesehen, als der Henker sie aus der Glut hob und die Menge aufseufzte und Ravaillac laut zu beten begann …

Unter der Bettdecke drang ein dumpfes Geräusch hervor, wie von jemandem, der versuchte, durch einen Knebel im Mund um Hilfe zu rufen. Madame – nein, Diana! – schritt an ihm vorbei, zog die Decke weg und trat wieder zurück. Eine nackte Gestalt lag auf dem Bett, mit den Hand- und Fußgelenken an die Bettpfosten gefesselt, einen Knebel im Mund. Er sah die von alten und neuen Prellungen und Kratzern verunzierte Haut, die Rippen, die deutlich zu erkennen waren, den mageren, sehnigen Bauch, der sich im krampfhaften Bemühen, trotz Panik und Knebel Luft zu bekommen, hob und senkte. Jemand hatte sie gewaschen, rasiert und gesalbt. Es war dennoch deutlich zu sehen, dass sie eine billige kleine Hure war, die noch gestern ihren Freiern hinter den Ställen bei einem der Tore Erleichterung verschafft hatte. Ihre Augen waren riesig in dem vom Knebel aufgeschwollenen Gesicht und starrten ihn flehentlich an. In seinem Schoß pulste es; zugleich war er enttäuscht.

»Das ist auch die Bezahlung eines Knechts«, sagte er und wandte sich zu der weißen Gestalt um. Er verstummte. Sie war lautlos aus ihrem Kleid geschlüpft und stand vollkommen nackt vor ihm. Wie er vermutet hatte, war auch ihr Körper makellos. Sein Mund arbeitete, während er den Anblick in sich hineintrank. Schweiß brach ihm aus; das Kohlenbecken war nur zum Teil schuld daran.

»Reden Sie keinen Unsinn, Henyk«, sagte sie sanft. Sie breitete leicht die Arme aus. »Das ist für Sie. Jenes dort …« Sie trat mit einer Natürlichkeit an ihm vorbei, die fast vergessen ließ, dass sie nackt war. Ihre Schulter streifte ihn beim Vorbeigehen, und sein Unterleib pochte, dass ihm ein Keuchen entwich. Zwischen dem Bett und dem Kohlenbecken blieb sie stehen. »Jenes dort ist für die Götter.« Ihre grünen Augen musterten die gefesselte Frau, dann fasste sie hinter sich und hob den rot glühenden Phallus aus dem Kohlenbecken. Die Gefangene warf den Kopf hin und her. Ihre Augäpfel röteten sich beim Versuch, den Knebel loszuwerden und um Hilfe zu brüllen. Diana steckte den Phallus wieder zurück in das Kohlebecken.

»Später«, sagte sie. Sie kam zu Heinrich, und er musste sich gleichzeitig beherrschen, nicht einen Schritt zurückzuweichen oder sie zu sich heranzuziehen. Ihre Blicke verhakten sich in seinen. Er spürte, wie sie die Bänder seiner venezianischen Hose löste, ohne dass sie hinuntergesehen hätte; dann fuhr sie mit einer kühlen Hand hinein und umfasste seinen hitzigen Kolben. Er stöhnte. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie weit sie ihn schon gebracht hatte, ohne ihn auch nur angefasst zu haben. Sie bewegte die Hand, und das Lächeln, das in ihre Augen trat, verriet, dass sie das Gleiche gedacht hatte. »Viel später.«

Sie presste die Faust zusammen, und er kam mit wilden Zuckungen, ergoss sich in ihre Hand und in seine Hosen, jubilierte und spürte die Lust zugleich in ihm zu Asche werden, fiel in ein schwarzes Loch und erkannte erschrocken, dass sie mehr von ihm erwartete und dass ihre Partnerschaft keine Stunde alt werden würde, wenn er ihre Erwartungen nicht erfüllte. Er versuchte, sich zusammenzureißen, merkte, dass er vergessen hatte zu atmen, und schnappte verzweifelt nach Luft.

Ihr Lächeln hatte sich nicht verändert. Sie trat zurück und legte sich neben die Gefesselte auf das Bett. Ihr weißer Körper sah neben dem blau geschlagenen, halb verbrauchten Leib der Hure aus wie eine Statue aus Carrara-Marmor. Die Gefangene stöhnte und wand sich. Heinrich nahm sie allenfalls als Geräusch wahr.

»Kommen Sie, Partner«, sagte Diana und öffnete die Beine mit einer Gelassenheit, die sein Glied sich wieder schmerzhaft versteifen ließ.

Er riss sich die Kleider vom Leib und krabbelte zu ihr auf das Bett. Die Gefesselte war im Weg; er drängte sie beiseite wie ein Stück Holz. Er sah nichts anderes mehr als das weiß geschminkte Gesicht unter sich, die weit offenen grünen Augen, den von der Sünde geschaffenen Körper. Er presste eine ihrer Brüste zusammen, und sie öffnete den Mund und atmete schneller, er sank in sie hinein und dachte, er verbrenne sich in ihr, fühlte, wie ihre Beine ihn umklammerten und noch weiter herabzogen.

Das verzweifelte Ächzen der Hure neben sich hörte er nicht mehr. Was er plötzlich hörte, war das Keuchen von Madame de Guise und ihrer Tochter, die an den Fensterbrüstungen des Stadtpalastes lehnten, mit freiem Ausblick auf das Schafott, wo der Tod von König Heinrich an seinem Mörder Ravaillac gerade tausendfach gesühnt wurde, die Röcke über ihre Hüften hochgeschlagen und die Hinterbacken willig gereckt, während er, Henyk, und der ihm unbekannte französische Edelmann an seiner Seite sich abmühten, den Damen die stundenlange Hinrichtung zu verkürzen. Er hörte das ferne, unwichtige Schmerzgebrüll Ravaillacs, erinnerte sich daran, wie es gewesen war, einundzwanzig Jahre alt und der König der Welt zu sein, erinnerte sich, wie dieses Hochgefühl in vagem Entsetzen verging, als er plötzlich erkannte, dass der grässliche Todeskampf des Delinquenten auf der Place ihn mehr erregte als die willigen Pforten des jungen Mädchens und der schönen, reifen Frau am Fenster, als seine Unschuld in dem Blick verging, den er in sein eigenes Herz werfen konnte, und er verstand plötzlich und mit einem Ruck, der ihn fast aus dem Takt gebracht hätte, was er selbst damit gemeint hatte, als er gesagt hatte, die Bezahlung eines Partners bestehe aus allem. Er gehörte bereits voll und ganz dieser Frau, die unter ihm mit der Wildheit einer ungezähmten Stute bockte und seinen Rücken und sein Gesäß zerkratzte; sein Körper, sein Herz – und seine Seele. Wenn es ihr Freude machte zu sehen, wie er den rot glühenden Phallus bei der Unseligen neben ihm auf dem Bett anwandte, dann … sollte es so sein!

Er kam erneut mit einer Wildheit, die ihm fast die Besinnung raubte, und ihm wurde bewusst, dass der Gedanke, was er und die heidnische Göttin mit ihrem Opfer noch tun würden, mindestens ebenso daran schuld war wie die Mechanik des Geschlechtsakts.

»Wobei sind wir eigentlich Partner?«, stöhnte er.

Sie presste die Muskeln in ihrem Unterleib zusammen. Er ächzte. Der Ritt machte nur eine Pause.

»Auf dem Weg zum Kaiserthron«, sagte sie, und dann flüsterte sie in sein Ohr: »Fick mich noch einmal.«

Er hatte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

Er war ein toter Mann.

Er war gesegnet.

11

WENZEL VON LANGENFELS BALANCIERTE vorsichtig über das Trümmerfeld. Gerade eben war er abgerutscht und nur mit viel Glück dem Schicksal entgangen, von einem senkrecht in die Höhe ragenden Teil eines Spießes gepfählt zu werden. Der Spieß hatte sich als ein langes, gerades, in sich gewundenes Horn herausgestellt, dessen Basis man ansehen konnte, dass es aus einer Goldfassung herausgebrochen worden war. Mehr konnte man von einem Tag nicht erwarten: gleichzeitig der Pfählung zu entgehen und dabei einen Schatz zu finden.

Wenzel hastete die lange Strecke hinunter zur Stadt, am Ufer der Moldau entlang zur Kleinseite und von dort wieder hinauf zum Hradschin, voll wilder Hoffnung, dass das Horn von einem Einhorn stammen möge. Andrej, sein Vater, war zu Hause und betrachtete den Fund mit finsterer Miene.

»Das ist der Zahn eines Wals«, sagte er schließlich. »Wirf das Ding weg.«

»Wieso denn, um Himmels willen? Es ist schön!«

»Es bringt Unglück!«

»Was?« Wenzel schnaubte ungläubig.

Andrej seufzte. »Ich kann mir denken, wo du das Ding gefunden hast. Im Hirschgraben, an der Stelle, wo all die alten Wurzeln und Äste, das zerbrochene Mobiliar und der sonstige Abfall aus dem Schloss liegen.«

Eine Antwort erübrigte sich. Wenzel fühlte, dass sein Gesicht rot wurde. Sein Vater tat so, als sehe er es nicht.

»Kaiser Matthias ist seit zwei Wochen im Amt, und schon fängt er damit an, Rudolfs Sammlung zu zerstören. Es gibt weiß Gott genügend dort drin, das man wegwerfen sollte – oder verbrennen. Und noch viel mehr, was man erhalten sollte. Das Horn eines Einhorns! Du bist in bester Gesellschaft, mein Sohn – Kaiser Rudolf war fest davon überzeugt, dass es genau das war. Er hatte mehrere davon.«

Wenzel empfand stets ein merkwürdiges Gefühl, wenn sein Vater solche unfreiwilligen Andeutungen machte. Er meinte, aus ihnen herauszuhören, dass Andrej zu irgendeiner Zeit seines Lebens eng mit Kaiser Rudolf verbunden gewesen war. Wenzel konnte es nicht glauben – sein Vater? Ein Intimus von Kaiser Rudolf, der bereits jetzt, ein halbes Jahr nach seinem Tod, die bizarrsten Dimensionen angenommen hatte und doppelt so groß wie das Leben gewesen sein musste? Andrej von Langenfels, der zuweilen melancholische, hin und wieder tollpatschige, meistens freundlich-heitere Geschäftspartner und beste Freund von Cyprian sowie Bruder von dessen Frau Agnes Khlesl, die wiederum die Eltern von Alexandra …? An dieser Stelle zwang Wenzel seine Gedanken meist in eine andere Richtung. Das merkwürdige Gefühl blieb in der Regel – wenn er ihm genauer auf den Grund ging, stellte er fest, dass es das Gefühl völliger Fremdheit gegenüber diesem schlanken, langgliedrigen Menschen war, der immer noch wie ein junger Mann aussah und bisher das Zentrum von Wenzels Leben gewesen war. Er ging dem Gefühl nicht gern auf den Grund. Was sollte er daraus schließen? Dass er sich als Fremder dem Menschen gegenüber empfand, der alles war, was er an Familie besaß?

»Man kann sehen, dass es eine Fassung hatte.«

»Natürlich – Gold und Juwelen. Kaiser Matthias braucht Geld.«

»Wieso glaubst du, dass es Unglück bringt?«

Andrej drehte das Horn in den Händen. Wenzel wusste, dass ihr gegenseitiger vertrauter Umgang von vielen als nachlässig und respektlos angesehen wurde. Andrej kümmerte sich nicht darum. Solange Wenzel sich zurückerinnern konnte, war er an der Seite seines Vaters gewesen, ob auf Reisen oder zu Hause; selbst zu den Besprechungen im Hause Khlesl war er mitgekommen. Seine um vier Jahre jüngere Cousine Alexandra war dort seine Spielgefährtin gewesen. Sie hatte den Besuch zu Anfang lallend besabbert, später voll ernster Gewissenhaftigkeit mit Dingen beworfen und schließlich als eine Art peinlichen älteren Bruder betrachtet, dem man einen Tritt ans Schienbein versetzen musste, wenn er einem auf die Nerven ging. Wenzel hingegen konnte sich nicht erinnern, dass er sie zu irgendeiner Zeit anders als absolut hinreißend empfunden hätte.

»Alles, was aus dieser Wunderkammer kommt, bringt Unglück.«

»Zum Beispiel …?«

Andrej ging zu Wenzels Enttäuschung nicht in die Falle. »Wenn es das Kuriositätenkabinett nicht gegeben hätte, wäre Rudolf gezwungen gewesen, sich der Wirklichkeit zu stellen, und das Kaisertum hätte nicht diesen tiefen Fall getan.«

»Was soll ich jetzt damit anfangen?«

»Meinetwegen behalt es. Aber behalt es auch für dich, und zeig es nicht herum.«

»Danke.«

»Wenzel?«

»Ja?«

»Was hast du sonst noch dort gefunden?«

»Außer dem Horn? Zerbrochene Bilderrahmen … einen Haufen Scherben … Muscheln … Nüsse … eine sah tatsächlich aus wie ein …«

»Ja, ja, ich kenne diese Nüsse. Bücher?«

Wenzel hörte die ganz kleine Nuance, um die die Stimme seines Vaters von ihrem normalen Timbre abwich.

»Bücher? Nein.«

»Na gut.«

Wenzel kam bis zur Tür.

»Wenzel?«

»Ja?«

»Geh nicht mehr dorthin.«

Wenzel gab keine Antwort. Er hätte es gehasst, seinen Vater anzulügen. Er wusste längst, dass er wieder zu der einsamen Stelle zu Füßen des Schlosses gehen würde, vorbei an den moosüberwucherten Statuen und verstopften Brunnen, für die sich niemand mehr interessierte, vorbei an den in Bäumen hängenden leeren Käfigen, in denen, wenn man dem Klatsch glaubte, Rudolf die Alchimisten hatte verrotten lassen, die versucht hatten, ihn zu betrügen.

Und nun war er wieder hier, zum fünften oder sechsten Mal bereits, schwitzend in der warmen Junisonne, vorsichtig über das Gewirr aus Ästen und Wurzeln kletternd. Alles, was er bei den letzten Besuchen hier gefunden hatte, waren weitere Scherben gewesen, eine Unmenge bizarrer Schneckenhäuser, zerbrochene Gläser, in denen nach Alkohol und Verwesung riechende Flüssigkeitsreste klebten, und zerrissene Leinwände von Gemälden. Es war kein einziges Buch dabei gewesen. Wenzel war mittlerweile nahe daran, die Hoffnung aufzugeben.

Etwas blinkte in der Sonne. Wenzel kniff die Augen zusammen. Gold? Hatte irgendeine Hofschranze vergessen, eine Fassung von einem der Naturwunder zu brechen? Andrej und Wenzel waren nicht arm, aber ein schönes Stück goldenen Schmucks zu finden … Sein Vater würde lächeln, wenn er es nach Hause brächte, und erklären, dass er daran keinen Anteil habe und es ganz allein Wenzel gehöre, und Wenzel könnte es zu einem Goldschmied bringen und einen Anhänger oder einen Armreif daraus machen, etwas Kleines, Feines, etwas für eine junge Frau … für Alexandra, nur so, aus vetterlicher Hochachtung …

Er fasste zwischen die Äste, unter die das metallene Ding gerutscht war, und zerrte es nicht ohne Mühe heraus. Es hatte die Größe einer Spieluhr, eine vage quadratische, phantastisch ornamentierte Form und war erstaunlich schwer. Vor allem glomm es mattgolden wie das Hauptstück einer Schatzkammer. Er schleppte es erregt ein Stück weiter nach oben, wo das Licht besser war.

Es sah aus wie ein ganz und gar fehlgeschlagenes Modell für den Sockel einer Statue – drei Ebenen übereinander, wie die Stufen einer Pyramide. Rädchen, Spindeln und Zahnkränze bildeten eine verwirrend geometrische Verzierung auf der Vorderseite. Auf der obersten Ebene lagen zwei Figuren auf der Seite, dem Betrachter den Rücken zuwendend. Es sah aus, als wären ihre Gliedmaßen einzeln zusammengesetzt. Über die Oberfläche der letzten Stufe zogen sich Spalten; sie führten zu den Figuren, hinter denen sie verschwanden. Wenzel probierte, ob die Figuren sich auf den Rücken drehen oder von der Oberfläche lösen ließen, aber obwohl es aussah, als lägen sie nur lose darauf, ließen sie sich nicht bewegen. Er schüttelte das Ding vorsichtig – in seinem Innern erklang etwas wie ein kompliziertes Glockenspiel. Von dem Gedanken, dass es aus Gold sein mochte, hatte er sich bereits verabschiedet. Die Figuren und auch die Oberfläche des letzten Sockels zeigten besonders um die Spalten herum abblätternde Goldfarbe und darunter einfaches Blech. Er schüttelte es erneut. Ein kleiner Schlüssel, den er bislang übersehen hatte, löste sich aus seiner Verankerung und baumelte an einem dünnen Kettchen. Wenzel fand das Schlüsselloch. Vorsichtig steckte er den Schlüssel hinein; er passte. Er drehte daran. Im Inneren des Objekts schnarrte etwas. Ungläubig wurde ihm bewusst, dass es sich um eine Art mechanisches Spielzeug handelte. Etwas klickte, die Rädchen und Zahnstangen an der Außenseite verschoben sich ruckartig und zitternd. Der Fall bis hier herunter auf diesen Abfallhaufen hatte dem Automaten nicht unbedingt gutgetan. Er drehte weiter. Er hätte seinen Fund beinahe fallen gelassen, als die beiden Figuren sich plötzlich von allein auf den Rücken drehten. Wenzel sah dünne Stangen und Drähte, die aus den Spalten kamen und mit den Gliedmaßen der Figuren verschweißt waren. Die Figuren waren ein nackter Mann und eine nackte Frau. Der nackte Mann hatte nur einen rechteckigen Schlitz dort, wo seine Männlichkeit hätte sein sollen. Es war bemerkenswert, dass ausgerechnet dieses Teil abgebrochen war. Die anatomisch genaue Ausarbeitung der beiden Figuren ließ Wenzel ahnen, dass es nicht absichtlich weggelassen worden war. Er drehte den Schlüssel erneut.

Weitere Räder kamen in Bewegung. Ruckartig und marionettenhaft steif kamen beide Figuren in die Höhe, standen nach einem zittrigen Geklacker dank spinnenhaften Fuhrwerkens von Stängelchen, Drähten und Gelenken senkrecht und schauten sich über den obersten Sockel hinweg an. Wenzel war fasziniert.

Eine noch längere Schlüsselumdrehung transportierte die Figuren auf den Sockel hinauf, und ein dünnes Sirren ertönte.

»Oh, oh …«, machte Wenzel.

Etwas zeigte sich in der Aussparung zwischen den Beinen der männlichen Figur, das offenbar doch nicht abgebrochen war, sondern nun von einem weiteren Mechanismus dort hervorgeholt wurde. Mit weit aufgerissenen Augen sah er einen mächtigen Phallus, der sich langsam und anatomisch schmerzhaft unkorrekt nach unten aus dem Bauch der Figur schob, dann aber – anatomisch ebenso schmerzhaft korrekt – zu steigen begann. Wenzel schluckte.

»Aha«, sagte jemand fast in sein Ohr.

Wenzel fuhr zusammen und stieß den Automaten aus Versehen gegen einen Ast. Das Sirren verstummte, alle Bewegung kam ruckartig zur Ruhe. Etwas klackerte im Inneren, als sei die letzte Stunde des Geräts nahe.

Wenzel stierte nach unten zum Fuß des Wurzelhaufens, wo nur ein paar Handbreit unter seinem eigenen Platz ein junges Mädchen stand. Wenzel hatte Cyprian Khlesl einmal lachend sagen hören, dass er vor seiner Hochzeitsnacht drei Stoßgebete gesprochen habe: das erste, dass er nicht vor Aufregung versagen möge, das zweite, dass, wenn seine Frau schwanger würde, alles gut ausginge, und das dritte, dass ihr erstes Kind, wenn es ein Mädchen werden sollte, nicht so aussehen solle wie ihr Vater. Da alles genauso eingetroffen sei, hatte Cyprian weiterhin ausgeführt, habe er nicht mehr gewagt, ein viertes Gebet zu sprechen: dass seine Tochter gehorsam werden möge. Alexandra hatte eine Schnute gezogen und, als Wenzel ihr einen Seitenblick zugeworfen hatte, die Augen gerollt, halb in amüsiertem beiderseitigen Einvernehmen, dass die eigenen Eltern unmöglich waren, halb verärgert, dass er, Wenzel, dies überhaupt mit angehört hatte.

Alexandra hatte alles geerbt, was ihre Mutter ihr an Schönheit vermachen konnte: Sie war groß, schlank, bereits jetzt fraulich, hatte ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, kühnen Augen und eine Mähne dunklen Haars. Wenzel war jedes Mal aufs Neue irritiert, wenn er in diese Augen blickte und das Gefühl hatte, in die Augen seiner Tante oder seines Vaters zu blicken. Er selbst dagegen war völlig aus der Art geschlagen; wie es schien, hatte er von dieser Seite der Familie nicht das Geringste geerbt. Wie bei Alexandra musste auch in seinem Fall seine Natur nach der Mutter gekommen sein. Er wusste es nicht; sie war kurz nach seiner Geburt gestorben. Cyprian hatte ihn einmal scherzhaft an sich gedrückt und gesagt, sie beide seien die Außenseiter in dieser Familie aus schönen Menschen, zwei hässliche Kerle, die nur existierten, um die Schönheit der anderen herauszustellen. Wenzels Lachen hatte selbst in seinen eigenen Ohren blechern geklungen.

»Ich wollte mal wissen, was du hier treibst«, sagte Alexandra. »Ich habe dich neulich zufällig im Hirschgarten verschwinden sehen. Deshalb bin ich dir nachgegangen.«

»Ah ja«, sagte Wenzel schwach und versuchte, unauffällig den Automaten zu verbergen.

»Was hast du da?«

»Nichts«, sagte Wenzel und schaffte es, das Gerät so zu kippen, dass sie die Figuren von unten nicht sehen konnte. Die Bewegung löste etwas im Inneren der Maschine, und sirrend stieg der Phallus der männlichen Figur ein paar Hundertstelzoll weiter.

»Was war das?«

»Nichts.«

»Hältst du mich für dumm, Wenzel? Was hast du da?«

»Ein … eine … einen Automaten …«

»Hast du den hier gefunden?«

»Äh … ja.«

»Zeig her.«

»Äh … nein.«

»Was? Zeig schon her!«

Voller Panik erkannte Wenzel, dass sie Anstalten machte, zu ihm hochzuklettern.

»Bleib unten!«, stotterte er. »Es ist wacklig hier!«

»Wenn es dich hält, hält es mich auch.«

Wenzel zog den Höllenautomaten, von dessen eingebauter Pantomime er mittlerweile eine schreckliche Ahnung hatte, noch näher zu sich heran. Was Alexandra denken würde, wenn sie ihn sah, war ihm weit schrecklicher klar. Eine Kante stieß an einen Ast. Klackend und zuckend begann die Frauenfigur, nach hinten zu kippen, erstarrte aber mitten in der Bewegung.

»Das funktioniert noch, oder?«

»N… nein …«

»Du bist einfach blöd, Wenzel!«, schnappte Alexandra. »Ich komm jetzt hoch und hol mir das Ding.«

Wenzel versuchte, den Automaten hinter seinem Rücken zu verstecken. Er stieß damit gegen einen Ast, und das Teufelsding entglitt seinen schwitzigen Fingern. Einen lähmenden Augenblick lang sah er ihm zu, wie es nach unten fiel, von einer Wurzel abprallte. Er griff danach mit einer Bewegung, die so langsam war wie die einer Schildkröte. Es überschlug sich, polterte weiter und landete aufrecht direkt vor Alexandras Füßen. Sie starrten beide darauf nieder. Alle Stoßgebete seitens Wenzel ignorierend, waren die beiden Figuren nicht abgebrochen. Sie standen regungslos. Wenzel war sich sicher, dass sich das mechanische Spiel im nächsten Moment vollenden würde, so wie es immer in derartigen Situationen war, aber die Figuren bewegten sich nicht. Alexandra bückte sich und hob den Automaten hoch. Sie musterte ihn mit gerunzelter Stirn. Wenzels Blicke saugten sich förmlich an den Figuren fest, an dem kleinen metallenen Mann. Er sah, dass der Sturz ihn ein kleines Stückchen hatte zurückfahren lassen, und diese Bewegung hatte den Phallus wieder eingezogen … Fassungslos begann er zu glauben, dass er gerettet war.

»Das ist alles?«, fragte Alexandra und schnippte mit dem Finger gegen den kleinen Mann.

Surrend setzte sich die gesamte Apparatur in Marsch. Der Mann schnarrte auf seine Geliebte zu, der Phallus erhob sich und – Wenzels Blick verschwamm vor Entsetzen – wurde nicht nur groß, sondern riesengroß, jenseits aller vorstellbaren Dimensionen und nicht nur ein Pfahl, sondern teuflisch detailliert dargestellt, bis hin zu Äderchen und lockigem Schamhaar. Die Figur der Frau legte sich graziös auf den Rücken, das Sirren, Schnarren und Klickern wurde immer drängender, ihre Beine reckten sich in die Höhe, der Mann sank auf sie nieder, und nach einem winzigen Augenblick mechanischen Zögerns, das von den Beschädigungen herrühren musste und den Akt nur umso echter aussehen ließ, begann er loszupumpen. Es konnte keinerlei Missverständnis darüber geben, was hier dargestellt wurde. Wenzels Blicke hoben sich zu denen Alexandras, als hingen Bleigewichte daran; an seinem Gesicht hätte man einen Docht entzünden können.

»So«, sagte Alexandra vollkommen ruhig, aber sie war bleich. »Das hast du hier also gemacht.«

Sie stellte den Apparat ohne Hast auf den Boden, musterte Wenzel noch einmal von Kopf bis Fuß, drehte sich um und schritt davon, jeder Zoll eine Königin. Das Gepumpe auf dem obersten Sockel der Maschine erstarb, der Mann richtete sich ruckend wieder auf, seine Mannespracht ungebrochen, die Frau streckte sich lang aus – und mit dem Vibrieren metallener Zungen zirpte ein schmissiger Triumphmarsch los und begleitete Alexandras Abgang durch das Dickicht.

Wenzel vergrub das Gesicht in den Händen und verfluchte sich selbst, Kaiser Rudolf, die Wunderkammer, den Idioten, der diese Höllenmaschine hier heruntergeworfen hatte, und danach die ganze Welt.

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