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Die Versuchung

Über den Autor

David Baldacci, geboren 1960, lebt in der Nähe von Washington, D.C. Er war Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist, bevor er mit Der Präsident (verfilmt als Absolute Power) seinen ersten Weltbestseller schrieb. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt und in mehr als 80 Länder verkauft, mit einer Gesamtauflage von 65 Millionen Exemplaren. David Baldacci ist Botschafter für die National Multiple Sclerosis Society, engagiert sich für zahlreiche soziale Einrichungen und hat selbst mit seiner Familie die Wish You Well Foundation, eine Stiftung zur Förderung des Lesens, eingerichtet.

David Baldacci

Die
Versuchung

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Edda Petri

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Collin,
meinen Kameraden,
meinen Jungen,
meinen Sohn

DANKSAGUNG

Mein Dank gilt Michelle, die dafür gesorgt hat, daß alles weiterlief, während ich in meiner Traumwelt weilte.

Jennifer Steinberg danke ich für ihre Forschungsarbeit, die so überragend war wie immer.

An Steve Jennings geht mein Dank für sein stets scharfes Auge als Lektor.

Carl Patton, meinem Lieblingsbuchhalter, und Tom DePont von der NationsBank möchte ich für die dringend erforderliche Hilfe bei komplizierten steuertechnischen Fragen danken, die in diesem Roman eine Rolle spielen.

Larry Kirschbaum, Maureen Egen und den anderen Mitgliedern der Warner-Crew danke ich für ihre großartige Unterstützung – und schlicht und einfach deshalb, weil sie gute Menschen sind.

Mein Dank gilt auch Aaron Priest, der für mich Seher, Mentor und – allem voran – mein Freund ist.

Frances Jalet-Miller danke ich, weil sie die Geschichte wieder einmal unschätzbar verbessert hat.

Und last, not least geht ein Dankeschön an meine anderen Familienangehörigen und an alle meine anderen Freunde für ihre immerwährende Liebe und Unterstützung.

ERSTER TEIL

KAPITEL 1

Jackson ließ den Blick über die lange Passage des Einkaufszentrums schweifen. Abgehetzte Mütter schoben Kinderwagen vor sich her. Eine Gruppe Senioren schlenderte an den Läden vorüber, um sich Bewegung zu verschaffen und zu plaudern. Der kräftig gebaute, untersetzte Jackson, in einen grauen Nadelstreifenanzug gekleidet, blickte gespannt zum Nordeingang des Einkaufszentrums. Der Bus hielt direkt davor; also würde die Frau zweifellos diesen Eingang benutzen. Jackson wußte, daß sie keine andere Fahrtmöglichkeit als den Bus hatte. Der Pickup ihres Lebensgefährten war wieder einmal beschlagnahmt – zum viertenmal in ebensovielen Monaten. Langsam muß ihr das doch zum Hals heraushängen, dachte Jackson. Die Bushaltestelle befand sich an der Hauptstraße. Die Frau mußte ungefähr eine Meile zu Fuß gehen, um dorthin zu kommen, aber das tat sie öfter. Was blieb ihr auch anderes übrig? Und das Baby würde bei ihr sein. Sie würde es niemals bei ihrem Freund lassen, da war Jackson ganz sicher.

Den Namen – Jackson – behielt er bei all seinen geschäftlichen Transaktionen bei, doch sein Aussehen würde sich im nächsten Monat dramatisch ändern. Bald würde er nicht mehr der untersetzte Mann mittleren Alters sein wie jetzt. Die Gesichtszüge würden wieder einmal verändert werden; vermutlich würde er an Gewicht verlieren, etwas größer oder kleiner werden, und das Haar würde anders aussehen. Mann oder Frau? Älter oder jünger? Oft wählte Jackson für seine neue Identität Menschen, die er kannte, und nahm sie entweder insgesamt zum Vorbild, oder er wählte bestimmte Bestandteile ihrer Persönlichkeit aus, die dann so sorgfältig verwoben wurden, daß sie ein perfektes Einzelstück aus feinstem Stoff ergaben. In der Schule war Biologie Jacksons Lieblingsfach gewesen. Hermaphroditen, die seltensten Exemplare in der Vielfalt der Arten, hatten ihn stets fasziniert. Er lächelte bei dem Gedanken an diese großartigste Doppelform in der Natur.

Jackson hatte an einer renommierten Universität an der Ostküste eine erstklassige Ausbildung genossen. Durch die Verknüpfung seiner Liebe zur Schauspielkunst mit der natürlichen Begabung für Naturwissenschaften und Chemie war ihm die seltene Kombination gelungen, sowohl Chemie als auch Schauspielerei als Hauptfächer zu studieren. Morgens saß er über dicke Wälzer mit komplizierten Formeln gebeugt oder vor übelriechenden Mixturen im Labor der Universität, und abends stürzte er sich mit Feuereifer in die Aufführung eines Klassikers von Tennessee Williams oder Arthur Miller.

Das Wissen, das er sich damals erworben hatte, war ihm nun sehr von Nutzen. Er wünschte sich, seine Kommilitonen könnten ihn jetzt sehen.

Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, was gut zu seiner derzeitigen Rolle paßte – ein Mann in mittleren Jahren, etwas zu dick und wegen der vorwiegend sitzenden Tätigkeit außer Form. Jackson lächelte. Das Schwitzen, diese körperliche Reaktion, befriedigte ihn ungemein, obgleich sie nicht nur durch seine innere Erregung, sondern auch durch die Isolierschicht des dicken Futters hervorgerufen wurde, das er trug, um seinem drahtigen Körper die für seine jetzige Rolle erforderliche Beleibtheit zu verschaffen. Doch es war noch mehr als das: Jackson war stolz darauf, stets so vollkommen zu der Person zu werden, die zu sein er vorgab, daß selbst die verschiedenen chemisch-biologischen Reaktionen des Körpers seinem jeweiligen Äußeren entsprechend abliefen.

Normalerweise besuchte er keine Einkaufszentren. Sein persönlicher Geschmack war weitaus gehobener. Doch seine Kundschaft fühlte sich in einer solchen Umgebung am wohlsten, und bei Jacksons Tätigkeit war es überaus wichtig, daß die Leute sich wohl fühlten. Bei den Gesprächen mit ihm gerieten sie allerdings leicht aus der Fassung, manchmal auch in negativer Hinsicht. Mitunter waren die Gespräche so lebhaft geworden, daß Jackson blitzschnell hatte improvisieren müssen.

Als er daran dachte, mußte er wieder lächeln. Doch der Erfolg sprach für sich. Er ging jetzt auf die Tausendermarke zu. Doch schon ein einziger Mißerfolg konnte den makellosen Rekord zunichte machen. Jacksons Lächeln schwand schlagartig. Töten war nie eine angenehme Erfahrung. Es war selten gerechtfertigt, aber wenn doch, mußte man es einfach hinter sich bringen und weitermachen. Aus mehreren Gründen hoffte Jackson, das heutige Treffen würde nicht zu einem derartigen Ergebnis führen.

Sorgfältig tupfte er sich die Stirn mit einem Taschentuch ab und zupfte die Manschetten zurecht. Dann glättete er eine kaum sichtbar verrutschte Strähne der gepflegten Perücke aus synthetischem Haar. Sein echtes Haar wurde von einer straffen Kappe aus Latex an den Kopf gepreßt.

Er öffnete die Tür zu dem kleinen Raum, den er im Einkaufszentrum gemietet hatte, und trat ein. Alles war sauber und ordentlich. Eigentlich zu ordentlich, dachte er plötzlich, als er das Innere betrachtete. Es sah nicht so aus, als würde hier tatsächlich gearbeitet.

Die Empfangsdame saß hinter dem billigen Metallschreibtisch und blickte zu ihm auf. Gemäß den zuvor von Jackson erteilten Anweisungen machte sie gar nicht erst den Versuch, ihn anzusprechen. Sie hatte keine Ahnung, wer er war oder weshalb sie hier war. Sobald Jacksons Gesprächspartner eintraf, sollte die Frau verschwinden. Kurz darauf würde sie in einem Bus sitzen und die Stadt verlassen, mit einer großzügigen Entlohnung für ihren minimalen Arbeitsaufwand. Jackson würdigte die Frau keines Blickes. Sie war lediglich eine Kulisse in seiner neuesten Aufführung.

Das Telefon stand schweigend vor ihr, die Schreibmaschine daneben sah unbenutzt aus. Ja, alles zu steril, dachte Jackson. Er sah einen Stapel Papiere auf dem Schreibtisch vor der Empfangsdame. Mit raschen Bewegungen breitete er einige Blätter auf der Schreibtischplatte aus. Dann verschob er das Telefon ein bißchen und spannte ein Blatt Papier in die Maschine, indem er ein paarmal den ratschenden Drehknopf betätigte.

Jackson betrachtete sein Werk und seufzte. Man konnte nicht an alles gleichzeitig denken.

Er ging durch die kleine Rezeption nach hinten, bog nach rechts ab und öffnete die Tür zu dem winzigen Büro. Er setzte sich hinter den verkratzten Holzschreibtisch. Von dem kleinen Fernseher in der Ecke des Zimmers starrte ihm der leere Bildschirm entgegen.

Jackson nahm eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und steckte sich eine an. Dann lehnte er sich im Stuhl zurück und versuchte sich trotz des ständigen Adrenalinausstoßes zu entspannen. Er strich sich über den dünnen dunklen, ebenfalls künstlichen Schnurrbart. Die synthetischen Fasern waren auf einen Streifen feinster Gaze geknüpft und mit einem Hauch Gummi auf die Haut geklebt. Auch Jacksons Nase war verändert. Mit Hilfe von Plastikmasse hatte er aus seiner schmalen, geraden Nase einen dicklichen Riechkolben geschaffen. Das Muttermal neben der Nasenwurzel war ebenfalls eine Fälschung: eine Mischung aus Gelatine und Luzernensamen, in heißem Wasser aufgelöst. Acrylkronen bedeckten seine geraden Zähne, so daß sie unregelmäßig und ungepflegt aussahen. Selbst ein zufälliger Beobachter würde sich an all diese vorgetäuschten Merkmale erinnern. Waren sie erst entfernt, löste Jackson sich buchstäblich in Luft auf. Was mehr konnte jemand sich wünschen, der voll und ganz in illegalen Geschäften verstrickt war?

Und bald – wenn diese Sache hier nach Plan lief – würde alles von neuem beginnen. Jedesmal war es ein bißchen anders, aber das war ja das Spannende: das Nicht-Wissen. Jackson schaute auf die Uhr. Ja, sehr bald. Er erwartete ein äußerst produktives Gespräch, das für beide Seiten vorteilhaft verlaufen würde.

Jackson mußte LuAnn Tyler nur eine Frage stellen. Eine einfache Frage, deren Beantwortung jedoch sehr komplexe und weitreichende Auswirkungen haben konnte. Aufgrund seiner Erfahrung war Jackson sich der Antwort gewiß, aber man wußte ja nie. Er hoffte inständig – um der Frau willen –, daß sie die richtige geben würde. Denn es gab nur eine einzige »richtige« Antwort.

Und was, wenn sie nein sagte? Nun, dann würde das Baby nie Gelegenheit haben, die Mutter kennenzulernen, weil es dann zur Waise würde.

Jackson schmetterte die Hand auf die Schreibtischplatte. Die Frau würde ja sagen. Alle anderen hatten es auch getan. Er schüttelte heftig den Kopf, als er alles noch einmal überdachte. Er würde ihr die Sache klarmachen, würde sie von der unausweichlichen Logik überzeugen, daß sie sich mit ihm zusammentun mußte. Er würde ihr erklären, auf welche Weise sich alles für sie verändern würde. Mehr als sie sich vorstellen konnte. Mehr als sie sich jemals erhoffen durfte. Wie konnte sie da nein sagen? Es war ein Angebot, das niemand ausschlagen konnte.

Falls sie kam. Jackson rieb sich mit dem Handrücken die Wange und nahm einen tiefen Zug an der Zigarette. Dann starrte er abwesend auf einen Nagelkopf in der Wand. Nein, der Gedanke war einfach absurd. Sie würde kommen.

KAPITEL 2

Der scharfe Wind pfiff über die schmale unbefestigte Straße und durch den dichten Wald. Die Straße machte eine plötzliche Kehre nach Norden, um dann ebenso plötzlich in östlicher Richtung abzufallen. Hinter einer Anhöhe waren weitere Bäume zu sehen. Manche waren von Wind, Wetter oder Krankheit gekrümmt und wirkten wie schmerzgepeinigte Gestalten. Die meisten jedoch standen kerzengerade da und breiteten ihre Äste mit dichten grünen Blättern aus. Links von der Straße hätte ein aufmerksamer Betrachter eine halbkreisförmige Lichtung erblickt, die von Schlamm und frischem Frühlingsgras bedeckt war. In die natürliche Umgebung auf dieser Lichtung fügten sich überdies verrostete Motorblöcke ein, Abfallhaufen, ein kleiner Berg leergetrunkener Bierdosen, weggeworfene Möbel und jede Menge anderer Schrott. Wenn der Schnee alles bedeckte, wirkte es wie eine Ausstellung visueller Kunstobjekte. Ansonsten machten sich hier Schlangen und andere Geschöpfe breit, sobald die Minusgrade nach Norden wanderten.

Direkt in der Mitte dieser halbkreisförmigen Insel stand auf einem bröckelnden Fundament aus Hohlziegeln ein kurzer, breiter Wohnwagen. Die einzige Verbindung mit dem Rest der Welt schienen die Strom- und Telefonleitungen zu sein, die sich von den schiefen Masten an der Straße bis zu einer Seite des Wohnwagens spannten. Diese Behausung inmitten des Nirgendwo war eine ausgesprochene Beleidigung für das Auge. Die Bewohner hätten dieser Beschreibung zugestimmt: Auch auf sie traf die Bezeichnung »mitten im Nirgendwo« zu.

Im Wohnwagen betrachtete LuAnn Tyler sich in dem kleinen Spiegel, den sie auf der windschiefen Kommode aufgestellt hatte. Sie hielt das Gesicht nicht nur deshalb in einem ungewöhnlichen Winkel, weil das Möbelstück wegen eines abgebrochenen Beins schief stand, sondern auch, weil der Spiegel gesprungen war. Wie zarte Zweige zogen sich Schlangenlinien von der Mitte des Glases nach außen. Hätte LuAnn direkt in den Spiegel geschaut, hätte sie nicht eines, sondern drei Gesichter gesehen.

LuAnn lächelte nicht, als sie sich betrachtete. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals über ihr Aussehen gelächelt zu haben. Ihr Aussehen war ihr einziges Kapital – das hatte man ihr eingehämmert, solange sie zurückdenken konnte. Allerdings hätten die Zähne einiger Korrekturen bedurft. Daß sie nie eine Zahnarztpraxis betreten hatte und mit Quellwasser ohne Fluorzusatz aufgewachsen war, hatte zu diesem Mißstand beigetragen.

»Schwachkopf«, hatte ihr Vater Benny sie immer genannt. War sie wirklich ein Schwachkopf? Oder hatte sie bloß keine Gelegenheit, ihren Verstand zu benutzen? Über dieses Thema hatte LuAnn nie eingehend mit ihrem Vater gesprochen, der nun schon fünf Jahre tot war. LuAnnes Mutter Joy war vor fast drei Jahren gestorben, und nie war Joy so glücklich gewesen wie nach dem Tod ihres Mannes. Inzwischen hätte LuAnn die Meinung des Vaters über ihren Mangel an Intelligenz eigentlich längst vergessen haben müssen, doch kleine Mädchen glauben meist vorbehaltlos, was ihr Daddy ihnen sagt.

LuAnn blickte zur Uhr an der Wand. Es war der einzige Gegenstand, den sie von ihrer Mutter besaß. Eine Art Familienerbstück, da Joy Tyler diese Uhr von ihrer Mutter am Tag der Hochzeit mit Benny bekommen hatte. Sie war nichts wert. In jedem Pfandhaus hätte man sie für zehn Dollar kaufen können. Doch für LuAnn war die Uhr ein Schatz. Als kleines Mädchen hatte sie bis tief in die Nacht dem langsamen, gleichmäßigen Ticken gelauscht. Sie wußte, daß diese Uhr immer da sein würde, auch inmitten der Dunkelheit, und sie in den Schlaf begleitete, um sie am Morgen wieder zu begrüßen. Als LuAnn aufwuchs, war diese Uhr eines der wenigen Dinge in ihrem Leben gewesen, an die sie sich stets hatte klammern können. Eine Zuflucht, ein Hafen – um so mehr, als die Uhr ihrer Großmutter gehört hatte, einer Frau, die LuAnn angebetet hatte. Wenn die Uhr in ihrer Nähe war, hatte sie das Gefühl, auch die Großmutter sei ständig bei ihr. Im Laufe der Jahre hatte das Werk sich abgenützt, so daß die Uhr einzigartige Töne hervorbrachte. Sie hatte LuAnn durch mehr schlechte als gute Zeiten begleitet und den Takt dazu geschlagen. Kurz bevor Joy Tyler gestorben war, hatte sie LuAnn aufgefordert, die Uhr zu nehmen und sie gut zu bewahren. Und jetzt würde LuAnn sie für ihre Tochter aufbewahren.

LuAnn kämmte ihr dichtes kastanienfarbenes Haar zurück, versuchte es zu einem Knoten zu binden und flocht es dann zu einem kunstvollen Zopf. Da ihr weder das eine noch das andere gefiel, türmte sie ihre Haarpracht zu einer Hochfrisur auf und steckte sie mit zahllosen Nadeln fest. Dabei drehte sie mehrmals den Kopf, um ihr Werk zu betrachten. Da LuAnn eins fünfundsiebzig groß war, mußte sie sich bücken, um sich im Spiegel sehen zu können.

Alle paar Sekunden schaute sie zu dem kleinen Bündel auf dem Stuhl neben ihr. Sie lächelte, als sie die winzigen schläfrigen Augen, die gespitzten Lippen, die Pausbäckchen und die kleinen Fäuste betrachtete. Ihre Tochter war acht Monate alt und wuchs schnell. Sie war bereits im Krabbelalter und hatte schon die ersten, schwankenden Schritte eines Kleinkindes gemacht – einer vor, zwei zurück. Bald würde sie laufen können.

LuAnns Lächeln schwand, als sie sich umschaute. Lange würde Lisa nicht brauchen, um die Grenzen dieser Behausung zu erkunden. Trotz LuAnns sorgfältigem Bemühen, alles sauberzuhalten, glich das Innere des Wohnwagens dank der Wutausbrüche des Mannes, der ausgestreckt auf dem Bett lag, sehr der Umgebung draußen. Duane Harvey war um vier Uhr morgens durch die Tür getaumelt, hatte sich ausgezogen und aufs Bett geworfen. Nun lag er regungslos dort, zuckte und grunzte nur hin und wieder.

LuAnn dachte sehnsüchtig an einen Abend zurück, als ihre Beziehung noch ziemlich neu und aufregend gewesen war. Damals war Duane nicht betrunken heimgekommen. Lisa war das Ergebnis. Für einen Moment glitzerten Tränen in LuAnns hellen Augen. Sie hatte weder Zeit noch Mitleid für Tränen, vor allem nicht für ihre eigenen. Mit zwanzig Jahren, ging es ihr durch den Kopf, habe ich schon so viele Tränen vergossen, daß es für den Rest meines Lebens reichen müßte.

Sie wandte sich wieder dem Spiegel zu. Mit einer Hand spielte sie mit Lisas winziger Faust, mit der anderen zog sie sämtliche Haarnadeln heraus. Sie strich sich die Haare zurück und ließ den Pony lose über die hohe Stirn fallen. So hatte sie das Haar in der Schule getragen, jedenfalls in der siebten Klasse, als sie wie viele ihrer Klassenkameraden von der Schule abgegangen war, um auf dem Land bezahlte Arbeit zu suchen. Sie alle hatten geglaubt – fälschlicherweise, wie sich herausstellte –, eine volle Lohntüte sei bei weitem besser, als einen Tag länger in der Schule herumzusitzen. Doch LuAnn hatte kaum eine andere Wahl gehabt. Mit der Hälfte ihres Lohnes half sie ihren chronisch arbeitslosen Eltern. Die andere Hälfte ging für Dinge drauf, die die Eltern ihr nicht geben konnten: Essen und Kleidung.

Sie behielt Duane vorsichtig im Auge, als sie ihren abgetragenen Bademantel öffnete und den nackten Körper entblößte. Da Duane kein Lebenszeichen von sich gab, zog sie rasch die Unterwäsche an. Als LuAnne herangewachsen war, hatten die Jungen in der Gegend sich förmlich die Augen nach ihrem aufblühenden Körper ausgeguckt und sich danach gesehnt, richtige Männer zu sein, noch ehe die natürliche Ordnung der Dinge ihnen offiziell den Eintritt in die Welt des Sex gestattete.

LuAnn Tyler, zukünftiger Filmstar oder Supermodel. Viele Einwohner im Rikersville County, Georgia, hatten sich eingehend mit dem Thema LuAnn beschäftigt und ihr das volle Gewicht dieser Titel aufgebürdet, die zu den höchsten Erwartungen Anlaß gaben. Lange würde dieses Mädchen nicht wie alle anderen hier leben, das sei klar zu sehen, verkündeten die fetten, faltengesichtigen Frauen, die auf den breiten, verfallenen Veranden ihrer Häuser über LuAnn zu Gericht saßen, und niemand widersprach ihnen. LuAnns natürliche Schönheit würde ihr nichts Geringeres einbringen als den glänzendsten aller Blechorden. Für die Leute in der Gegend war sie eine strahlende Hoffnung. New York, oder vielleicht Los Angeles, würde »ihre« LuAnn rufen. Es war nur eine Frage der Zeit.

Doch sie war immer noch hier, immer noch in demselben County, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Irgendwie war sie eine Enttäuschung – wenngleich sie vor kurzem noch ein Teenager gewesen war –, obwohl sie nie eine Chance gehabt hatte, eines ihrer Ziele zu verwirklichen. Sie wußte, daß die Leute in der Stadt überrascht gewesen wären, hätten sie gewußt, daß LuAnns Ehrgeiz nicht darauf zielte, nackt im Bett neben Hollywoods »Mann des Monats« zu liegen oder einem schaulustigen Publikum die neuesten Kreationen der Haute Couture auf dem Laufsteg vorzuführen. Doch jetzt, als sie den Büstenhalter zumachte, kam ihr der Gedanke, daß es gar nicht so übel sein müsse, für tausend Dollar am Tag die neueste Mode zu tragen.

Ihr Gesicht. Und ihr Körper. Auch über diese Attribute hatte ihr Vater oft gesprochen. Als »üppig« hatte er ihren Körper bezeichnet, als »verführerisch«, als wäre er ein von ihrem Verstand abgetrenntes Etwas. Nichts im Kopf, aber ein wundervoller Körper. Gott sei Dank hatte Dad es bei seinen Äußerungen belassen. Manchmal, in der Nacht, fragte LuAnn sich, ob ihr Vater sie je begehrt hatte und ob es ihm nur an Mut oder Gelegenheit gefehlt hatte, die eigene Tochter zu mißbrauchen. Jedenfalls hatte er sie manchmal sehr sonderbar angeschaut. Bei seltenen Gelegenheiten wagte LuAnn sich in die tiefsten Abgründe ihres Unterbewußtseins und der Erinnerungen – und spürte einen plötzlichen Stich, wie von einer Nadel. Denn irgendwelche zusammenhanglosen Erinnerungsfetzen führten sie zu der Frage, ob sich ihrem Vater vielleicht doch die Gelegenheit geboten hatte. Wenn LuAnn an diesen Punkt gelangte, fing sie stets zu zittern an und sagte sich, daß es nicht richtig sei, Schlechtes über Tote zu denken.

Sie musterte den Inhalt des kleinen Wandschranks. Eigentlich besaß sie nur ein einziges Kleid, das für ihre Verabredung geeignet war. Es war marineblau, hatte kurze Ärmel und weiße Paspelierung um Kragen und Saum. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie das Kleid gekauft hatte. Ein voller Lohnscheck war dafür draufgegangen. Die ganzen fünfundsechzig Dollar. Das war vor zwei Jahren gewesen, und LuAnn hatte diese wahnwitzige Extravaganz nie wiederholt. Tatsächlich war es das letzte Kleid, das sie sich gekauft hatte. Inzwischen war es da und dort ein wenig ausgefranst, doch sie hatte den Schaden mit Nadel und Faden geschickt beseitigt. Um ihren langen Hals lag eine kurze Kette mit falschen Perlen, das Geschenk eines einstigen Verehrers.

Gestern abend hatte LuAnn mühsam alle abgestoßenen Stellen ihres einzigen Paares hochhackiger Schuhe nachgefärbt. Sie waren dunkelbraun und paßten nicht zum Kleid, doch LuAnn besaß nichts Besseres. Heute konnte sie ja nicht mit den Sandalen oder den Leinenschuhen gehen. Allerdings würde sie die Leinenschuhe tragen, wenn sie die eine Meile bis zur Bushaltestelle lief. Heute würde der Aufbruch zu etwas Neuem stattfinden – zumindest zu etwas anderem. Wer konnte sagen, ob dieser Aufbruch nicht in eine bessere Zukunft führte, irgendwohin. Vielleicht brachte er sie und Lisa von hier weg, fort von den Duanes dieser Welt.

LuAnn holte tief Luft, öffnete das Reißverschlußfach ihrer Handtasche und faltete sorgfältig einen Zettel auseinander. Sie hatte die Adresse und andere Informationen notiert, welche der Anrufer ihr gegeben hatte, der sich Jackson nannte. Beinahe hätte LuAnn das Gespräch gar nicht entgegengenommen, weil sie gerade von Mitternacht bis sieben Uhr früh als Kellnerin in der Fernfahrerkneipe Number One geschuftet hatte.

Als der Anruf kam, hatte LuAnn mit fest geschlossenen Augen auf dem Fußboden in der Küche gesessen und Lisa gestillt. Das kleine Mädchen bekam Zähne, und LuAnns Brustwarzen brannten wie Feuer, doch die Babynahrung war zu teuer, und sie hatten keine Milch im Haus. Im ersten Augenblick hatte LuAnn gar keine Lust gehabt, ans Telefon zu gehen. Bei ihrem Job in der vielbesuchten Fernfahrerkneipe an der Interstate war sie pausenlos auf den Beinen, während Lisa sicher unter der Theke in ihrer Babytasche steckte. Zum Glück konnte die Kleine schon die Flasche halten, und der Geschäftsführer des Number One mochte LuAnn gern genug, daß dieses Arrangement ihren Job nicht gefährdete.

Sie bekamen nicht viele Anrufe. Hauptsächlich erkundigten sich Duanes Kumpel, ob er Lust hätte, sie auf einer Sauftour zu begleiten oder ein paar Autos auszuschlachten, die auf der Schnellstraße liegengeblieben waren. Die Kerle nannten es ihr »Sauf-und-Fick-Geld«, und oft sagten sie es LuAnn direkt ins Gesicht. Aber so früh riefen Duanes Kumpel nicht an. Um sieben Uhr morgens lagen diese Kerle nach dem nächtlichen Besäufnis erst seit drei Stunden im Tiefschlaf.

Aus irgendeinem Grund hatte LuAnn nach dem dritten Klingeln die Hand ausgestreckt und den Hörer abgenommen. Die Stimme des Mannes klang kühl und geschäftsmäßig. Er hatte geklungen, als würde er von einem Manuskript ablesen, und trotz ihrer Schläfrigkeit hatte LuAnn das Gefühl, daß er ihr etwas verkaufen wollte. Was für ein Witz. Keine Kreditkarten, kein Girokonto, nur das bißchen Bargeld in einer Plastiktüte im Korb für Lisas schmutzige Windeln. Es war der einzige Platz, an dem Duane nie suchen würde. Nur zu, Mister, versuchen Sie mal, mir was anzudrehen! Kreditkartennummer? Moment, ich denke mir schnell eine aus. VISA? Mastercard? Amex? Platin. Die habe ich alle – jedenfalls in meinen Träumen.

Doch der Mann hatte ihren Namen gekannt. Und dann hatte er von ihrem Job gesprochen. Er wollte ihr nichts verkaufen, er bot ihr einen Job an.

Wie er an ihre Telefonnummer gekommen sei, hatte LuAnn ihn gefragt. Diese Information sei mühelos zugänglich, hatte der Mann geantwortet – so überzeugend, daß LuAnn ihm auf Anhieb geglaubt hatte. Aber ich habe schon einen Job, hatte sie ihm gesagt. Der Mann hatte gefragt, wieviel sie verdiene. Anfangs wollte LuAnn die Frage nicht beantworten, dann aber schlug sie die Augen auf, während Lisa zufrieden nuckelte, und sagte es ihm. Sie wußte selbst nicht warum. Später redete sie sich ein, sie hätte vorausgeahnt, was kommen würde.

Denn da hatte der Mann die Bezahlung erwähnt.

Hundert Dollar pro Wochentag, zwei Wochen garantiert. Rasch hatte LuAnn die Summe im Kopf ausgerechnet. Das waren tausend Dollar und die reelle Chance, noch mehr Arbeit zu den gleichen Bedingungen zu bekommen. Und es waren nicht einmal ganze Tage. Der Mann hatte von vier Stunden pro Tag gesprochen. LuAnn könnte ihren Job in der Truckerkneipe also weiterführen wie gehabt. Fünfundzwanzig Dollar die Stunde bot ihr der Mann. LuAnn kannte niemanden, der soviel Geld verdiente. Mein Gott – in einem Jahr machte das fünfundzwanzigtausend Dollar! Und dabei würde sie nur halbtags arbeiten. Das entsprach fünfzigtausend Dollar jährlich im Vollzeitjob. Nur Ärzte und Anwälte und Filmstars verdienten eine so unvorstellbare Summe, nicht aber eine ledige Mutter ohne Schulabschluß, die sich mit einem versoffenen Typen namens Duane hoffnungslos in den Krallen der Armut befand. Wie als Antwort auf ihre unausgesprochenen Gedanken rührte sich Duane und starrte LuAnn aus blutunterlaufenen Augen an.

»Wo, zum Teufel, willst du hin?« Duane sprach mit dem gedehnten Akzent der Gegend. LuAnn hatte das Gefühl, als hätte sie die gleichen Worte und den gleichen Tonfall ihr Leben lang von allen möglichen Männern gehört. Als Antwort nahm sie eine leere Bierdose von der Kommode.

»Na, noch ’n Bier, Liebling?« Sie lächelte scheu und zog die Brauen hoch. Jede Silbe kam verführerisch über ihre vollen Lippen. LuAnn erzielte die erwünschte Wirkung. Duane stöhnte beim Anblick seiner Malz-und-Hopfen-Gottheit in der Blechrüstung und überließ sich den Schmerzen des heranrückenden Katers. Obwohl er häufig auf Sauftour ging, konnte er Alkohol schlecht vertragen. In der nächsten Minute war er wieder eingeschlafen.

Abrupt verschwand das Baby-Doll-Lächeln von LuAnns Gesicht. Sie las noch einmal den Zettel. Der Mann hatte gesagt, LuAnns Aufgabe bestehe darin, neue Produkte auszuprobieren, sich Werbespots anzuhören und ihre Meinung dazu abzugeben. Eine Art Marktforschung. »Demographische Analyse« hatte der Mann es genannt, was immer das bedeuten mochte. So etwas würde überall gemacht, hatte er gesagt. Es hinge mit den Preisen für die Werbung zusammen, bei Werbespots im Fernsehen und so was. Hundert Dollar pro Tag, um ihre Meinung zu sagen. Das tat LuAnn fast jede Minute ihres Lebens kostenlos.

Dieses Angebot ist zu schön, als daß nicht irgendein Haken daran wäre, hatte sie sich seit dem Anruf immer wieder gesagt. Sie war keineswegs so dumm, wie ihr Vater geglaubt hatte. Im Gegenteil – hinter dem hübschen Gesicht steckte eine weitaus höhere Intelligenz, als der verstorbene Benny Tyler sich je hätte träumen lassen, und diese Intelligenz war mit einer gewissen Cleverneß, ja, Gerissenheit gekoppelt. Nur so hatte LuAnn all die Jahre überleben können. Doch nur selten machte ein Mann sich die Mühe, mehr als ihr hübsches Äußeres zu ergründen. Oft träumte LuAnn von einem Leben, in dem Titten und Hintern nicht das Erste, Letzte und Einzige waren, das die Leute bei ihr sahen und worüber sie Bemerkungen machten.

Sie schaute zu Lisa. Die Kleine war jetzt wach. Ihre Blicke huschten im Zimmer umher, bis die Augen sich strahlend auf das Gesicht der Mutter hefteten. LuAnn lächelte ihre kleine Tochter an. Nur Mut, sagte sie sich. Schlimmer als das Leben, das sie und Lisa jetzt führten, konnte es nicht kommen. Normalerweise behielt sie einen Job ein paar Monate oder – wenn sie großes Glück hatte – ein halbes Jahr. Dann kam die Entlassung mit dem Versprechen, sie wieder einzustellen, sobald bessere Zeiten kamen, was aber anscheinend nie der Fall war.

Ohne Abschlußzeugnis der High School wurde LuAnn auf Anhieb als hübsch, aber doof eingestuft. Sie fand, daß sie dieses Etikett vollkommen verdiente, da sie schon so lange mit Duane zusammenlebte. Doch er war Lisas Vater, auch wenn er nicht die Absicht hatte, LuAnn zu heiraten. Sie hatte ihn auch nicht dazu gedrängt. Sie war, weiß Gott, nicht scharf darauf, Duanes Familiennamen anzunehmen oder das Mannkind, das dazu gehörte.

Obgleich LuAnn keineswegs in der Geborgenheit einer glücklichen, liebevollen Familie aufgewachsen war, war sie fest davon überzeugt, daß die Familieneinheit unabdingbar für das Wohlergehen eines Kindes war. Sie hatte alle Illustrierten gelesen und sich unzählige Talkshows angeschaut, die sich mit diesem Thema befaßt hatten. Lisa sollte – und würde – es besser als ihre Mutter haben. LuAnn hatte ihr Leben diesem Ziel gewidmet, auch wenn sie in Rikersville, wo sich auf jeden miesen Job mindestens zwanzig Leute meldeten, die meiste Zeit nur knapp über dem Sozialhilfesatz lag. Doch mit tausend Dollar würde sie vielleicht selbst ein besseres Leben finden. Eine Busfahrkarte nach irgendwo. Ein bißchen Geld, von dem sie leben konnte, bis sie einen Job fand. Es könnte der Notgroschen sein, den sie sich all die Jahre so sehnlichst gewünscht hatte, ohne jemals in der Lage gewesen zu sein, ihn anzusparen.

Rikersville lag im Sterben. Der Wohnwagen war Duanes heimliches Grabmal. Ehe die Erde ihn verschluckte, würde es ihm nie besser gehen als jetzt, wahrscheinlich sogar viel schlechter. Dieser Wohnwagen könnte auch meine Gruft werden, dachte LuAnn. Nein, nicht nach diesem Anruf! Nicht, wenn sie diesen Termin einhielt.

Sie faltete den Zettel zusammen und steckte ihn zurück in die Handtasche. In einer kleinen Schachtel in einer Schublade fand sie genug Kleingeld für die Busfahrkarte. Sie strich sich noch einmal übers Haar, knöpfte das Kleid zu, nahm Lisa auf den Arm und verließ leise den Wohnwagen – und Duane.

KAPITEL 3

Jemand klopfte kräftig an die Tür. Der Mann stand schnell auf, rückte die Krawatte zurecht und schlug eine Akte auf, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Im Aschenbecher daneben lagen die Reste von drei Zigaretten.

»Herein«, sagte er mit fester, klarer Stimme.

Die Tür öffnete sich, und LuAnn trat ein und schaute sich um. Mit der linken Hand hielt sie die Tragegurte der Babytasche fest, in der Lisa lag. Neugierig schweiften LuAnnes Blicke umher. Über ihrer rechten Schulter hing eine große Tragetasche. Der Mann sah die Ader an LuAnns sehnigem Oberarm, die sich am Unterarm mit einem Labyrinth anderer Adern verknüpfte. Die Frau war körperlich offenbar ziemlich stark. Aber was war mit ihrem Charakter? War er ebenso stark?

»Sind Sie Mr. Jackson?« fragte LuAnn. Sie blickte ihn beim Sprechen fest an und wartete darauf, daß seine Augen die unausweichliche Bestandsaufnahme ihres Gesichts, ihres Busens, ihrer Hüften und so weiter vornahmen. Es spielte keine Rolle, aus welchen Kreisen die Männer stammten – wenn es um »das Eine« ging, waren alle gleich.

LuAnn war sehr überrascht, als der Blick des Mannes auf ihrem Gesicht ruhen blieb. Er streckte ihr die Hand entgegen, und LuAnn schüttelte sie kräftig.

»Bin ich. Bitte, setzen Sie sich, Miss Tyler. Danke, daß Sie gekommen sind. Eine süße Tochter haben Sie. Möchten Sie die Kleine vielleicht dort drüben unterbringen?« Er zeigte auf eine Ecke des Büros.

»Sie ist gerade aufgewacht. Wenn ich sie herumtrage oder mit dem Bus fahre, schläft sie immer. Ich lasse sie einfach neben mir, wenn es nichts ausmacht.« Lisa begann zu brabbeln und wedelte mit den Ärmchen, als wollte sie ihr Einverständnis bekunden.

Der Mann nickte, setzte sich wieder und blickte für einen Moment in die Unterlagen.

LuAnn stellte die Babytasche mit Lisa neben sich. Dann holte sie einen Ring mit Plastikschlüsseln hervor und gab ihn ihrer Tochter zum Spielen. Sie richtete sich auf und musterte Jackson mit unverkennbarem Interesse. Sein Anzug war sehr teuer. Auf der Stirn hingen Schweißtropfen wie eine Perlenkette. Er schien ein bißchen unruhig zu sein. Normalerweise hätte LuAnn seine Nervosität ihrem Aussehen zugeschrieben. Die meisten Männer, die sie bisher kennengelernt hatte, benahmen sich entweder wie Idioten, um sie zu beeindrucken, oder verschlossen sich wie waidwunde Tiere. Irgend etwas sagte ihr, daß bei diesem Mann beides nicht zutraf.

»Ich habe kein Schild über Ihrem Büro gesehen. Da kann doch kein Mensch wissen, daß Sie hier sind.«

Jackson lächelte gezwungen. »Bei unseren Geschäften haben wir es nicht mit Laufkundschaft zu tun. Es spielt keine Rolle, ob die Leute im Einkaufszentrum wissen, daß wir hier unser Büro haben. Unsere Geschäfte werden telefonisch nach Terminabsprache abgewickelt.«

»Dann bin ich im Moment wohl die einzige, die einen Termin hat. Im Vorzimmer ist sonst keiner.«

Jacksons Wange zuckte, als er die Hände pyramidenförmig aneinander legte. »Wir legen unsere Termine so, daß niemand warten muß. In dieser Stadt bin ich der einzige Repräsentant der Firma.«

»Dann haben Sie noch andere Filialen?«

Er nickte geistesabwesend. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, dieses Informationsblatt auszufüllen? Lassen Sie sich ruhig Zeit.« Er schob ihr ein Blatt und einen Kugelschreiber hin. LuAnn füllte das Formular rasch aus. Sie schrieb mit kurzen, verkrampften Bewegungen. Jackson beobachtete sie genau. Nachdem LuAnn fertig war, las er ihre Angaben, obwohl er bereits alles wußte.

LuAnn schaute sich im Büro um. Sie hatte ihre Umgebung immer schon genau gemustert. Als Gegenstand vieler Männerträume prägte sie sich gewohnheitsmäßig jeden Raum ein, falls sie schnell einen Fluchtweg brauchte.

Als Jackson aufschaute, bemerkte er ihre forschenden Blicke. »Stimmt irgendwas nicht?« fragte er.

»Ist alles irgendwie … komisch.«

»Verzeihung, ich verstehe nicht recht.«

»Sie haben ein komisches Büro. Das ist alles.«

»Wie meinen Sie das?«

»Na ja, nirgends ist eine Uhr, oder ein Papierkorb. Es gibt keinen Kalender, kein Telefon und so was. Ich habe zwar noch nie in einem Laden gearbeitet, wo die Männer Schlipse tragen, aber sogar Rod in meiner Fernfahrerkneipe hat einen Kalender, und dauernd hängt er an der Strippe. Und Ihre Empfangsdame da draußen hat keinen blassen Schimmer, was hier läuft. Mit ihren langen Krallen könnte sie sowieso nicht tippen.« LuAnn bemerkte den verblüfften Blick Jacksons und biß sich schnell auf die Lippe. Ihr vorlautes Mundwerk hatte ihr schon mehr als einmal Ärger eingebracht, und gerade bei diesem Einstellungsgespräch konnte sie es sich nicht leisten, alles zu vermasseln. »Das soll aber gar nichts heißen«, fügte sie rasch hinzu. »Ich rede bloß so dahin. Bin wohl ein bißchen nervös. Das wird’s sein.«

Jackson öffnete den Mund, lächelte dann aber. »Sie sind eine hervorragende Beobachterin.«

»Ich habe zwei Augen im Kopf, wie jeder andere auch.« LuAnn lächelte liebenswürdig. Vielleicht war es besser, die altbewährte Methode zu benutzen.

Jackson beachtete sie nicht und raschelte mit den Papieren. »Sie erinnern sich an die Arbeitsbedingungen, die ich Ihnen am Telefon genannt habe?«

LuAnn wurde sofort sachlich. »Hundert Dollar am Tag für zwei Wochen und vielleicht noch ein paar weitere Wochen bei gleichem Lohn. Im Moment arbeite ich bis sieben Uhr morgens. Wenn’s Ihnen recht ist, würde ich bei Ihnen gern am frühen Nachmittag anfangen. So gegen zwei? Und ich würde gern meine Kleine mitbringen. Um diese Zeit schläft sie normalerweise. Sie macht bestimmt keine Schwierigkeiten. Das verspreche ich.« Automatisch bückte sich LuAnn und hob die Schlüssel vom Boden auf, wohin Lisa sie geworfen hatte, und gab sie der Kleinen zurück. Lisa bedankte sich mit lautem Glucksen bei der Mutter.

Jackson stand auf und schob die Hände in die Hosentaschen. »Das geht in Ordnung. Kein Problem. Sie sind Einzelkind, und Ihre Eltern sind tot, nicht wahr?«

Bei diesem plötzlichen Themenwechsel zuckte LuAnn zusammen. Sie zögerte erst, dann nickte sie. Ihre Augen wurden schmal.

»Und seit fast zwei Jahren leben Sie in einem Wohnwagen im Westen von Rikersville mit einem gewissen Duane Harvey zusammen. Ungelernter Arbeiter. Zur Zeit ohne Job.« Er schaute sie an, als würde er diese Informationen aus dem Gedächtnis zitieren. Er wartete auch gar nicht auf ihre Bestätigung. LuAnn spürte es, starrte ihn stumm an. »Duane Harvey ist der Vater Ihrer acht Monate alten Tochter Lisa. Sie haben nach der siebten Klasse die Schule verlassen und danach in mehreren Billigjobs gearbeitet – berufliche Sackgassen ohne jede Perspektive. Sie sind ungewöhnlich klug und verfügen über ein bewundernswertes Überlebenstalent. Das Wohlergehen Ihrer Tochter geht Ihnen über alles. Sie sind verzweifelt, möchten unbedingt Ihre Lebensumstände ändern und alles so weit wie möglich hinter sich zurücklassen, auch Mr. Harvey. Im Augenblick fragen Sie sich, wie Sie das zuwege bringen können, obwohl Ihnen die finanziellen Mittel dazu fehlen – was wohl auch in Zukunft der Fall sein wird. Sie kommen sich wie in einer Falle vor, und das zu Recht. Sie sitzen tatsächlich in der Falle, Miss Tyler.« Er schaute sie über den Schreibtisch hinweg scharf an.

LuAnn erhob sich. Ihr Gesicht war hochrot. »Was soll das? Woher nehmen Sie das Recht …?«

Ungeduldig unterbrach er sie. »Sie sind hergekommen, weil ich Ihnen mehr Geld angeboten habe, als Sie je im Leben verdient haben. Stimmt’s?«

»Woher wissen Sie das alles über mich?« fragte sie.

Er verschränkte die Arme und musterte sie scharf, ehe er antwortete. »Es ist wichtig für mich, alles über einen Menschen zu wissen, ehe ich eine Geschäftsbeziehung mit ihm eingehe.«

»Ich dachte, ich soll so was wie Meinungsforschung machen. Wieso müssen Sie da alles über mich wissen? Das kapiere ich nicht.«

»Es ist ganz einfach, Miss Tyler. Um feststellen zu können, wie gut Ihr Urteilsvermögen als Meinungsforscherin ist, muß ich Sie ganz genau kennen. Was für ein Mensch sind Sie? Was wollen Sie? Was wissen Sie und was nicht? Was mögen Sie, was nicht? Ich muß Ihre Vorurteile kennen, Ihre Stärken und Schwächen, wie wir alle sie in unterschiedlichem Maße haben. Kurz gesagt, wenn ich nicht alles über Sie weiß, habe ich meine Schulaufgaben nicht gemacht.« Er erhob sich und setzte sich auf die Schreibtischkante. »Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahegetreten bin. Manchmal bin ich ziemlich undiplomatisch. Aber ich wollte Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen.«

Langsam wich der Ärger aus LuAnns Augen. »Na gut, wenn Sie es so sehen.«

»Allerdings, Miss Tyler. Darf ich Sie LuAnn nennen?«

»So heiße ich«, sagte sie brüsk und setzte sich wieder. »Gut, ich will Ihnen auch keine Zeit stehlen. Was ist nun wegen der Arbeitszeit? Ist Ihnen nachmittags recht?«

Abrupt nahm Jackson wieder Platz, schaute auf die Schreibtischplatte und strich langsam über die rissige Oberfläche. Als er LuAnn wieder anblickte, war seine Miene noch ernster als zuvor.

»Haben Sie je davon geträumt, reich zu sein, LuAnn? Ich meine, reicher als in Ihren kühnsten Phantasien? So reich, daß Sie und Ihre Tochter sich buchstäblich alles auf der Welt leisten könnten, was und wann immer Sie es wollen? Hatten Sie je diesen Traum?«

Beinahe wäre LuAnn in Gelächter ausgebrochen, fing dann aber Jacksons Blick auf. In den Augen des Mannes lagen weder Humor noch Zweifel, noch die Spur von Mitgefühl, nur der brennende Wunsch, ihre Antwort zu hören.

»Na klar. Wer hat nicht schon davon geträumt.«

»Nun, die Superreichen wohl kaum. Das kann ich Ihnen versichern. Aber Sie haben natürlich recht, die meisten Menschen haben zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens diesen Traum gehabt. Aber so gut wie keinem ist es gelungen, dieses Wunschbild in die Realität umzusetzen. Der Grund dafür ist einfach: Sie konnten es nicht.«

LuAnn lächelte entwaffnend. »Aber hundert Mäuse pro Tag sind auch nicht übel.«

Jackson strich sich mehrere Sekunden lang übers Kinn. Dann räusperte er sich. »LuAnn, spielen Sie schon mal in der Lotterie?«

Die Frage verwunderte sie, doch sie antwortete bereitwillig. »Ab und zu. Das machen alle hier. Aber es kann ins Geld gehen. Duane spielt jede Woche. Manchmal geht sein halber Lohnscheck dafür drauf. Das heißt, wenn er einen Lohnscheck bekommt. Aber er ist immer überzeugt davon, daß er gewinnt. Er spielt jedesmal dieselben Zahlen. Behauptet, er hätte sie im Traum gesehen. Ich glaube, er ist dämlicher, als die Polizei erlaubt. Aber warum fragen Sie mich das?«

»Haben Sie je bei der bundesweiten Lotterie mitgespielt?«

»Sie meinen, dem Lotto für die ganzen USA?«

Jackson nickte, ohne sie aus den Augen zu lassen. »Ja«, antwortete er langsam. »Genau das.«

»Ziemlich selten. Die Chancen stehen so schlecht, daß ich wohl eher auf dem Mond spazierengehe, als zu gewinnen.«

»Da haben Sie vollkommen recht. In diesem Monat stehen die Chancen ungefähr eins zu dreißig Millionen.«

»Sehen Sie? Da spiele ich lieber bei den Mickymaus-Lotterien mit. Dabei hat man wenigstens die Chance, auf die Schnelle mal zwanzig Dollar zu machen. Ich sage immer, es ist Schwachsinn, gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen. Besonders, wenn man keins hat.«

Jackson leckte sich die Lippen und stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch. »Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erkläre, wie Sie Ihre Chancen auf einen Lotteriegewinn drastisch verbessern können?« Mit geschultem Blick ließ er sie nicht aus den Augen.

»Wie bitte?«

Jackson sagte nichts. LuAnn blickte sich im Zimmer um, als rechnete sie damit, irgendwo eine versteckte Kamera zu entdecken. »Was hat das mit dem Job zu tun? Mister, ich bin nicht hergekommen, um bei schwachsinnigen Spielchen mitzumachen.«

»Was wäre, wenn ich Ihre Gewinnchancen in der Lotterie auf eins zu eins verbessern könnte?« fuhr Jackson fort, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. »Würden Sie mitmachen?«

LuAnn platzte der Kragen. »Wollen Sie mich veräppeln? Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich glauben, daß Duane hinter diesem Schwachsinn steckt. Verdammt noch mal, erklären Sie mir sofort, was dieser Blödsinn soll, ehe ich richtig wütend werde.«

»Das ist kein Witz, LuAnn.«

LuAnn stand auf. »Sie kochen irgendein stinkendes Süppchen, Mister. Nee, damit will ich verdammt noch mal nichts zu tun haben. Nichts! Auch nicht für hundert Dollar pro Tag«, sagte sie. Jackson hörte die tiefe Enttäuschung in ihrer Stimme, da ihre Hoffnung, so viel Geld zu verdienen, sich in Luft auflöste. Sie nahm die Tasche mit Lisa und wollte gehen.

Jacksons ruhige Stimme streichelte ihren Rücken. »Ich garantiere Ihnen, daß Sie in der Lotterie gewinnen werden, LuAnn. Ich garantiere Ihnen, daß Sie mindestens fünfzig Millionen Dollar kassieren.«

LuAnn blieb stehen. Obwohl ihr der Verstand riet, so schnell wie möglich zu verschwinden, drehte sie sich unwillkürlich um und schaute Jackson an.

Er hatte sich nicht bewegt. Immer noch saß er mit gefalteten Händen hinter dem Schreibtisch. »Keine Duanes mehr, keine Nachtschichten mehr in der Fernfahrerkneipe, keine Sorgen mehr, wie Sie an Essen und saubere Kleidung für Ihre Tochter kommen. Sie können sich leisten, was Sie wollen. Sie können reisen, wohin Sie wollen. Sie möchten eine andere werden? Auch das können Sie dann.« Seine Stimme blieb ruhig und fest.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu erklären, wie ich das anstellen soll?« Hatte er »fünfzig Millionen Dollar« gesagt? Du lieber Gott! LuAnn hielt sich mit einer Hand an der Tür fest.

»Ich brauche eine Antwort auf meine Frage.«

»Was für eine Frage?«

Jackson breitete die Hände aus. »Möchten Sie reich sein?«

»Sind Sie übergeschnappt? Hören Sie, falls Sie irgendwelche krummen Dinger mit mir vorhaben … ich bin kräftig genug, Sie in den Arsch zu treten, daß Sie auf der Straße landen. Und dann kann Ihnen noch eins auf die Rübe geben, daß Sie nur noch halb so viel Hirn haben wie jetzt.«

»Darf ich das als ›nein‹ verstehen?« fragte er.

LuAnn schleuderte mit einem Ruck des Kopfes ihr Haar aus der Stirn und nahm Lisas Babytasche in die linke Hand. Das kleine Mädchen blickte zwischen den beiden hin und her, als würde es die heiße Diskussion mitverfolgen. »Hören Sie, Mister, es ist völlig bescheuert, mir so was zu garantieren. Ich gehe jetzt und rufe in der Klapsmühle an, daß man Sie abholt.«

Jackson schaute auf die Armbanduhr, ging zum Fernseher und schaltete ihn ein.

»In einer Minute kommt die tägliche Ziehung. Heute geht es nur um eine Million, aber das dürfte genügen, um es Ihnen zu beweisen. Verstehen Sie mich recht: Ich profitiere nicht von der heutigen Ziehung. Sie dient lediglich zur Demonstration, um Ihr durchaus verständliches Mißtrauen zu zerstreuen.«

LuAnn blickte auf den Bildschirm. Die Trommel drehte sich, und die Ziehung begann.

Jackson schaute ihr in die Augen. »Die heutigen Gewinnzahlen lauten: acht, vier, sieben, elf, neun und sechs – genau in dieser Reihenfolge.« Er schrieb die Ziffern auf einen Zettel und gab ihn LuAnn.

Beinahe hätte sie gelacht. Sie schnaubte nur verächtlich. Doch das Lachen verging ihr, als die erste gezogene Zahl die Acht war. Es folgten rasch die Vier, Sieben, Elf, Neun und Sechs. Es war die Gewinnkombination. Mit blassem Gesicht starrte LuAnn auf den Zettel, dann auf die Gewinnzahlen auf dem Bildschirm.

Jackson schaltete den Fernseher aus. »Ich nehme an, damit sind Ihre Zweifel beseitigt, was meine Möglichkeiten angeht. Vielleicht könnten wir jetzt wieder auf mein Angebot zurückkommen.«

LuAnn lehnte sich an die Wand. Ihre Haut kribbelte so heftig, als wären eine Million Ameisen auf ihrem Körper unterwegs. Sie schaute sich den Fernseher genau an. Nirgends waren Drähte oder elektronische Hilfsmittel zu sehen, die Jackson bei der Voraussage hätten helfen können. Kein Videorecorder. Der Fernseher war ganz normal angeschlossen, mit Netz- und Antennenstecker. LuAnn schluckte kräftig und blickte Jackson wieder an.

»Wie haben Sie das gemacht?« fragte sie leise, beinahe ängstlich.

»Diese Information ist völlig bedeutungslos für Sie. Bitte, beantworten Sie nur meine Frage.«

Sie holte tief Luft und bemühte sich, ihre vibrierenden Nerven zu beruhigen. »Sie fragen mich, als ob ich etwas Unrechtes tun will. Ich sage Ihnen klipp und klar, nein. Ich hab’ nicht viel, aber ich bin keine Kriminelle.«

»Wer behauptet, daß es sich um etwas Illegales handelt?«

»Entschuldigung, aber Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß es mit rechten Dingen zugeht, wenn Sie mir einen Millionengewinn in der Lotterie garantieren? Für mich klingt das eindeutig nach Schiebung. Halten Sie mich für dämlich, bloß weil ich nur in Scheißjobs gearbeitet habe?«

»Im Gegenteil. Ich halte Sie für ausgesprochen intelligent. Deshalb sind Sie hier. Und irgend jemand muß das Geld ja gewinnen, LuAnn. Warum nicht Sie?«

»Weil die Sache stinkt, deshalb.«

»Und wem würden Sie schaden? Außerdem geht technisch gesehen alles mit rechten Dingen zu, solange niemand etwas weiß.«

»Ich würd’s wissen.«

Jackson seufzte. »Das ist eine selbstlose und hehre Einstellung. Aber wollen Sie wirklich den Rest Ihres Lebens mit Duane verbringen?«

»Er hat auch seine guten Seiten.«

»Ach, wirklich? Würden Sie mir welche nennen?«

»Gehen Sie doch zum Teufel, Sie Blödmann! Ich sollte zur Polizei gehen. Einer von meinen Freunden ist Cop. Würde ihn bestimmt sehr interessieren, was Sie mir hier erzählt haben.« Sie drehte sich um und legte die Hand an den Türknopf.

Auf diesen Augenblick hatte Jackson gewartet. »Dann wächst Lisa also in einem dreckigen Wohnwagen im Wald auf«, erklärte er mit einer Stimme, die immer lauter wurde. »Ihr kleines Mädchen wird einmal wunderschön, wenn es nach der Mutter kommt. Sobald Lisa ein gewisses Alter erreicht hat, werden die jungen Burschen sich für sie interessieren. Sie geht von der Schule ab, bekommt vielleicht ein Baby, und der Kreislauf beginnt von neuem. Wie schon bei Ihrer Mutter Joy.« Leise fügte Jackson hinzu: »Und bei Ihnen.«

LuAnn drehte sich langsam um. Ihre Augen waren groß und feucht.

Jackson betrachtete sie voller Mitgefühl. »Genau so wird es kommen, LuAnn. Ich spreche die Wahrheit, und das wissen Sie. Welche Zukunft haben Sie und Lisa bei Duane? Und wenn nicht dieser Duane, dann wird es ein anderer sein, und wieder ein anderer. Sie leben arm und werden arm sterben und Ihre kleine Tochter ebenfalls. So ist es, und so wird es bleiben. Natürlich ist es nicht gerecht, aber deshalb ändert sich nichts daran. Oh, sicher, Menschen, die nie in Ihrer Situation gewesen sind, würden sagen: Pack deine Sachen und geh fort! Schnapp dir deine Tochter und geh einfach weg! Aber diese Leute könnten Ihnen nicht sagen, wie Sie das anstellen sollen. Woher soll das Geld für die Busfahrkarte kommen, fürs Motelzimmer, fürs Essen? Wer wird auf die Kleine aufpassen, wenn Sie Arbeit suchen, und später, wenn Sie welche gefunden haben – falls Sie welche finden?«

Jackson schüttelte in einer mitfühlenden Geste den Kopf, stützte das Kinn auf die verschränkten Hände und schaute LuAnn an. »Selbstverständlich können Sie zur Polizei gehen, wenn Sie wollen. Aber wenn Sie zurückkommen, wird niemand mehr hier sein. Und glauben Sie ernsthaft, die Polizei würde Ihnen diese Geschichte abkaufen?« Seine Miene wurde herablassend. »Und was hätten Sie damit erreicht? Sie hätten die Chance Ihres Lebens verpaßt. Die einzige Möglichkeit, nach oben zu kommen. Weg. Futsch.« Mitleidig schüttelte er den Kopf, als wollte er sagen: »Bitte, Mädel, sei nicht so dumm.«

LuAnns Hand krampfte sich um die Gurte der Babytasche. Die kleine Lisa quengelte, wollte herausgenommen werden. Automatisch schaukelte ihre Mutter die Tasche hin und her. »Sie reden von Träumen, Mr. Jackson. Ich habe meine eigenen Träume. Große Träume. Verdammt große.« Ihre Stimme zitterte. LuAnn Tyler hatte während langer, harter Jahre, in denen sie um ihre Existenz kämpfen mußte, ohne es je weit zu bringen, eine rauhe Schale bekommen. Doch Jacksons Worte hatten sie verletzt – vielmehr die Wahrheit in seinen Worten.

»Das weiß ich, LuAnn. Wie ich schon sagte, Sie sind klug, und Sie haben bei unserem Gespräch meine Meinung nur bestärkt. Sie verdienen ein weitaus besseres Leben, als Sie es jetzt führen. Leider bekommen die Menschen im Leben nur selten, was sie verdienen. Ich biete Ihnen die Möglichkeit, Ihre großen Träume zu verwirklichen.« Er schnippte mit den Fingern. »Einfach so.«

Plötzlich schaute LuAnn ihn mißtrauisch an. »Woher soll ich wissen, daß Sie nicht von der Polizei sind und mir ’ne Falle stellen wollen? Wegen Geld gehe ich nicht in den Knast.«

»Weil das eine Vorspiegelung falscher Tatsachen wäre und vor Gericht nie Bestand hätte. Und warum, um alles in der Welt, sollte die Polizei gerade Sie für eine so komplizierte Sache auswählen?«

LuAnn spürte, wie ihr Herz heftig pochte.

Jackson stand auf. »Ich weiß, daß Sie mich nicht kennen. Aber ich versichere Ihnen, daß ich mein Geschäft sehr, sehr ernst nehme. Ich tue niemals etwas ohne guten Grund. Ich wäre nicht hier, wollte ich Ihre Zeit mit irgendwelchen dummen Scherzen verschwenden. Und meine kostbare Zeit erst recht nicht.« Jacksons Stimme klang sehr überzeugend, und er schaute LuAnn mit einer solchen Eindringlichkeit in die Augen, daß sie es unmöglich ignorieren konnte.

»Warum gerade ich, wo’s auf dieser Scheißwelt so viele Menschen gibt? Warum klopfen Sie da ausgerechnet an meine Tür?« Ihre Stimme klang beinahe flehend.

»Die Frage ist berechtigt. Doch ich bin nicht bereit, sie zu beantworten, und sie ist auch nicht besonders wichtig.«

»Woher wollen Sie wissen, daß ich gewinne?«

Er blickte auf den Fernseher. »Falls Sie es nicht für einen unglaublichen Zufall halten, was Sie vorhin gesehen haben, sollten Sie meine Worte nicht anzweifeln. Sie haben doch Augen im Kopf.«

»Im Moment traue ich nicht mal meinen Ohren. Und was ist, wenn ich mitmache und nicht gewinne?«

»Was hätten Sie dann schon verloren?«

»Die zwei Dollar Einsatz. Für Sie mag das nicht viel Geld sein, aber soviel kostet mich der Bus für eine Woche.«

Jackson lächelte, nahm vier Dollarnoten aus der Tasche und reichte sie LuAnn. »Damit wäre das Risiko wohl ausgeschaltet, und Sie haben noch hundert Prozent Gewinn gemacht.«

LuAnn rieb die Geldscheine zwischen den Fingern. »Und was springt für Sie bei der Sache raus? Ich bin ein bißchen zu alt, um noch an gute Feen zu glauben und daß Wünsche in Erfüllung gehen, nur weil man eine Sternschnuppe sieht.« LuAnns Augen waren jetzt klar und scharf.

»Wieder eine gute Frage. Doch sie wird nur aktuell, wenn Sie mitmachen. Aber Sie haben natürlich recht. Ich tue das nicht aus reiner Herzensgüte.« Er lächelte. »Es ist eine geschäftliche Transaktion. Und bei allen guten geschäftlichen Transaktionen profitieren beide Seiten davon. Ich bin allerdings sicher, daß Sie freudig überrascht sein werden, wenn Sie die Bedingungen erfahren.«

LuAnn steckte das Geld in die Handtasche. »Wenn Sie die Antwort auf der Stelle haben wollen, sage ich laut und deutlich nein.«

»Mir ist klar, daß mein Vorschlag etwas ungewöhnlich ist. Deshalb lasse ich Ihnen Zeit, darüber nachzudenken.« Er schrieb eine gebührenfreie Telefonnummer auf einen Zettel und hielt ihn LuAnn hin. »Aber viel Zeit ist es nicht. Die Monatsziehung der Lotterie findet in vier Tagen statt. Ich muß Ihre Antwort bis übermorgen um zehn Uhr früh haben. Sie können mich jederzeit unter dieser Nummer erreichen.«

LuAnn betrachtete den Zettel in seiner Hand. »Und wenn ich in zwei Tagen immer noch nein sage, was sehr wahrscheinlich ist?«

Jackson zuckte mit den Schultern. »Dann wird jemand anders die Lotterie gewinnen, LuAnn. Jemand anders wird dann um mindestens fünfzig Millionen reicher sein und deshalb bestimmt kein schlechtes Gewissen haben, das versichere ich Ihnen.« Er lächelte freundlich. »Sie können mir glauben, daß sehr, sehr viele Leute gern an Ihrer Stelle wären. Mit Freuden.« Er drückte ihr den Zettel in die Hand und legte ihre Finger darum. »Denken Sie daran: Übermorgen, eine Minute nach zehn, ist das Angebot für Sie gestorben. Für immer.« Jackson erwähnte nicht, daß auch LuAnn, falls sie ablehnte, nicht mehr lange leben würde. Seine Stimme hatte zuletzt beinahe schroff geklungen, doch er lächelte rasch wieder, als er LuAnn die Tür aufhielt und Lisa dabei anschaute. Das kleine Mädchen wurde ganz ruhig und blickte ihn mit großen Augen an. »Sie sieht Ihnen sehr ähnlich. Ich hoffe, Sie hat auch Ihren Verstand geerbt.« Als LuAnn hinausging, fügte er hinzu: »Danke, daß Sie gekommen sind, LuAnn. Einen schönen Tag noch.«

»Wieso werde ich das dumme Gefühl nicht los, daß Sie überhaupt nicht Jackson heißen?« sagte sie und blickte ihn durchdringend an.

»Ich hoffe sehr, bald von Ihnen zu hören, LuAnn. Ich sehe es gern, wenn Menschen Gutes widerfährt, die es verdient haben. Sie nicht?« Leise schloß er die Tür hinter ihr.

KAPITEL 4

Auf dem Heimweg hielt LuAnn den Zettel mit der Telefonnummer und Lisa gleichermaßen fest an sich gepreßt. Sie hatte das unangenehme Gefühl, daß alle Mitreisenden im Bus genau wußten, was sie gerade erlebt hatte, und sie deshalb scharf verurteilten. Eine alte Frau in einem abgetragenen Mantel und rutschenden Strümpfen, die bis zu den Knien Laufmaschen hatten, hielt ihre Plastik-Einkaufstüten fest und musterte LuAnn mit stechendem Blick, als würde sie tatsächlich etwas über das Gespräch mit Jackson wissen. Doch es konnte ebensogut sein, daß sie LuAnn nur um ihre Jugend, ihr Aussehen und die hübsche Tochter beneidete.

LuAnn lehnte sich im Sitz zurück und stellte sich ihr Leben vor, je nachdem, ob sie ja oder nein zu Jacksons Vorschlag sagte. Im Fall einer Ablehnung trugen alle Konsequenzen irgendwie Duanes Züge, doch eine Zusage erschien LuAnn auch nicht problemlos. Sollte sie tatsächlich in der Lotterie gewinnen und unglaublich reich werden, könnte sie alles haben, was sie wollte. Das hatte der Mann gesagt. Alles! Überall hinfahren. Alles tun. Mein Gott!

Bei dem Gedanken, daß ein einziges Telefonat ihr in vier Tagen diese schrankenlose Freiheit bringen könnte, wäre sie am liebsten vor Freude laut jubelnd durch den Bus gelaufen. Sie glaubte nicht mehr, daß alles nur ein schlechter Scherz oder ein verrückter Plan sei. Jackson hatte kein Geld verlangt. Sie hätte ihm auch keins geben können. Er hatte auch nicht den kleinsten Hinweis gegeben, daß er sexuelle Gefälligkeiten von ihr wollte. Allerdings hatte er ihr noch nicht die endgültigen Bedingungen erklärt. Doch sie hatte bei Jackson nicht den Eindruck, daß er sexuell an ihr interessiert war. Er hatte nicht mal versucht, sie anzufassen. Er hatte auch nichts über ihr Aussehen gesagt, jedenfalls nicht direkt. Er schien es in jeder Hinsicht rein geschäftlich und ernst zu meinen. Möglich, daß er ein Verrückter war, aber dann war es ihm auf alle Fälle großartig gelungen, ihr gegenüber völlig normal zu erscheinen. Außerdem kostete es Geld, das Büro zu mieten und die Empfangsdame zu bezahlen. Falls Jackson ein Irrer war, hatte er lichte Momente, soviel stand fest. LuAnn schüttelte den Kopf. Und er hatte die genauen Gewinnzahlen genannt, ehe dieses verdammte Ziehungsgerät sie ausgespuckt hatte. Das konnte sie nicht bestreiten.

Wenn Jackson also die Wahrheit sagte, war der einzige Haken an der Sache, daß sein Vorschlag sich irgendwie illegal anhörte und einen Beigeschmack von Betrug besaß, von üblen Machenschaften, über die LuAnn lieber gar nicht erst nachdenken wollte. Und da lag der Hund begraben. Was war, wenn sie mitmachte und erwischt wurde und die Wahrheit herauskam? Vielleicht würde sie für den Rest ihres Lebens in den Knast wandern. Was würde dann aus Lisa?

Plötzlich fühlte sie sich hundeelend. Wie die meisten Menschen hatte auch sie oft von dem Topf voller Gold geträumt. Dieses Traumbild hatte sie durch viele hoffnungslose Zeiten getragen, wenn sie in Selbstmitleid zu ertrinken drohte. Doch in ihren Träumen war an dem Topf voller Gold keine Kette mit einer Eisenkugel.

»Verdammt!« fluchte sie leise. Sie stand vor der Wahl zwischen Himmel und Hölle, so einfach war das. Und was waren Jacksons Bedingungen? Sie war sicher, daß der Mann einen hohen Preis dafür verlangen würde, sie von einer Frau ohne einen Cent in eine Prinzessin zu verwandeln.

Was würde sie tun, wenn sie das Angebot annahm und tatsächlich in der Lotterie gewann? Welche Möglichkeiten ihr das Geld eröffnete, war leicht zu sehen, zu spüren und zu hören. Aber die Möglichkeiten in die Tat umzusetzen stand auf einem ganz anderen Blatt. Die Welt bereisen? Sie war nie aus Rikersville herausgekommen, und das Kaff war nur wegen seiner jährlichen Landwirtschaftsausstellung mit Jahrmarkt und seiner stinkenden Schlachthöfe wegen bekannt. LuAnn konnte an einer Hand abzählen, wie oft sie in einem Aufzug gefahren war. Nie hatte sie ein Haus besessen oder ein Auto. Tatsache war, daß sie eigentlich nie irgend etwas besessen hatte. Kein Bankkonto hatte je ihren Namen getragen. Sie konnte die englische Sprache ganz gut lesen, schreiben und sprechen, aber sie war eindeutig nicht für die Gesellschaftsseiten der Zeitungen geschaffen. Jackson hatte gesagt, sie könnte alles haben. Aber konnte sie das wirklich? Konnte man eine Kröte tatsächlich aus dem Schlamm herausholen und in ein Schloß in Frankreich setzen und glauben, daß es gutgeht? Aber sie brauchte das alles ja gar nicht zu tun. Sie mußte ihr Leben ja nicht so radikal ändern und zu einem Menschen werden, der sie nie und nimmer war. Es lief ihr eiskalt über den Rücken.

Genau darum ging es. Sie warf das lange Haar aus dem Gesicht, lehnte sich gegen Lisa und streichelte ihrer Tochter über die Stirn, über die goldene Löckchen hingen. LuAnn holte tief Atem und füllte die Lungen mit der duftenden Frühlingsluft, die durch das offene Fenster in den Bus wehte. Ja, genau darum ging es: Sie wünschte sich sehnlichst, jemand anderer zu sein als jetzt. Beinahe ihr ganzes Leben lang hatte sie diesen Wunsch gehabt und darauf gehofft, es eines Tages zu schaffen. Doch mit jedem Jahr war die Hoffnung blasser geworden, zu einer Art Traum, der sich irgendwann ganz von ihr lösen und davonschweben würde. Und schließlich, wenn sie alt und verschrumpelt war, wenn ihr rasch schwindendes, unbedeutendes Leben verblaßte, würde sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, je solche Träume gehabt zu haben. Jeden Morgen, wenn sie neben Duane aufwachte, wurde ihre düstere Zukunft deutlicher – wie die Bilder im Fernsehen, wenn man eine Antenne anschloß.

Und jetzt hatte sich alles auf einen Schlag verändert. LuAnn starrte auf die Telefonnummer, während der Bus über die holprige Straße fuhr und sie und Lisa zurück zu dem Feldweg brachte, der zum dreckigen Wohnwagen führte, in dem Duane Harvey die Zeit totschlug und mit zweifellos selten mieser Laune auf ihre Rückkehr wartete. Er würde Geld für Bier verlangen. LuAnns Miene hellte sich auf, als sie an die beiden Dollarscheine in der Handtasche dachte. Mr. Jackson hatte ihr jetzt schon etwas Gutes getan. Wenn Duane erst verschwunden war, konnte sie in Ruhe alles überdenken. Das war wenigstens ein Anfang. Heute abend fand im Squat and Gobble, Duanes Lieblingskneipe, einer dieser Saufabende statt, an denen man für einen Dollar immer wieder den Bierkrug nachgefüllt bekam. Für zwei Dollar konnte Duane sich fröhlich bis zur Besinnungslosigkeit vollaufen lassen.

LuAnne blickte durchs Fenster auf die Welt, die aus dem Winterschlaf erwachte. Der Frühling war gekommen. Ein neuer Anfang. Vielleicht auch für sie? Die Entscheidung mußte vor übermorgen zehn Uhr fallen.

LuAnnes und Lisas Blicke trafen sich. Mutter und Tochter lächelten sich liebevoll an. Sanft legte LuAnn den Kopf auf Lisas Brust. Sie wußte nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Am liebsten hätte sie beides getan.

KAPITEL 5

Die rostige Fliegengittertür quietschte, als LuAnn, Lisa auf dem Arm, den Wohnwagen betrat. Drinnen war es dunkel, kühl und still. Möglich, daß Duane noch schlief. Trotzdem hielt sie Augen und Ohren offen. Nichts rührte sich.

Solange Duane sie nicht hinterrücks überfiel, hatte sie keine Angst vor ihm. In einem offenen Kampf war sie ihm keineswegs unterlegen. Sie hatte ihm schon mehrmals eine kräftige Abreibung verpaßt, wenn er stinkbesoffen nach Hause gekommen war. Duane riskierte normalerweise keine allzu große Lippe, wenn er halbwegs nüchtern war, und diesen Zustand – weiter kam er ohnehin nie – mußte er inzwischen erreicht haben. Es war eine seltsame Beziehung mit einem Mann, der eigentlich ihr »Lebensgefährte« hätte sein müssen. Doch LuAnn hätte zehn andere Frauen nennen können, die sich ähnlich arrangiert hatten – aus rein wirtschaftlichen Gründen, aus Mangel an Möglichkeiten, im Grund aber aus Trägheit, jedoch keineswegs aufgrund irgendwelcher zärtlicher Gefühle. LuAnn hatte andere Angebote gehabt. Aber das Gras war selten grüner auf der anderen Seite des Zaunes; das wußte sie aus eigener Erfahrung.

Als sie im Schlafzimmer Schnarchlaute hörte, ging sie schneller durch den engen Gang. Sie steckte den Kopf in den kleinen Raum. Dann holte sie tief Luft, als sie die beiden Gestalten unter der Bettdecke sah. Duanes Kopf schaute zur rechten Seite heraus. Die andere Person war völlig verdeckt, doch die beiden Hügel in Brusthöhe verrieten, daß nicht irgendein Saufkumpan neben Duane lag und seinen Rausch ausschlief.

Leise ging LuAnn durch den Gang zurück, stellte die verängstigt dreinschauende Lisa in der Babytasche im Bad ab und schloß die Tür. LuAnn wollte nicht, daß ihre kleine Tochter einen Schreck bekam bei dem, was gleich geschehen würde.

Als sie wieder die Tür zum Schlafzimmer öffnete, schnarchte Duane immer noch laut. Doch die Gestalt neben ihm hatte sich bewegt. Jetzt sah man deutlich die dunkelrote Mähne. In Sekundenschnelle hatte LuAnn die Haare gepackt und zog mit ihrer beträchtlichen Kraft die unglückliche Eigentümerin der roten Mähne aus dem Bett, so daß sie splitternackt gegen die Wand prallte.

»Scheiße!« schrie die Frau, als sie auf dem Hintern landete, sofort von der wütenden LuAnn gepackt und erbarmungslos über den rauhen, abgetretenen Teppich gezerrt wurde, wobei ihre fetten Oberschenkel schwabbelten. »Verflucht, LuAnn, laß los!«

LuAnn schaute sie kurz an. »Shirley, wenn du noch einmal hier herumhurst, dreh’ ich dir den Hals um. Das schwöre ich.«

»Duane! Mein Gott, hilf mir doch! Sie ist verrückt!« Shirley schrie vor Schmerz und versuchte vergeblich, LuAnns Griff zu lockern, indem sie schlug und kratzte. Shirley war klein und hatte ungefähr zehn Kilo Übergewicht. Ihre prallen, schwabbeligen Brüste klatschten gegeneinander, als LuAnn sie zur Schlafzimmertür schleifte.

Duane wachte auf. »Was is’ ’n hier los?« fragte er verschlafen.

»Halt’s Maul!« fuhr LuAnn ihn an.

Als Duanes trübe Augen sich klärten, so daß er sah, was vor sich ging, nahm er eine Schachtel Marlboro aus der Schublade des Nachttischs. Er grinste Shirley an, als er sich eine Zigarette ansteckte.

»Gehst du schon, Shirley?« Er wischte sich Haarsträhnen aus dem Gesicht und zog zufrieden an der Zigarette.

Shirley funkelte ihn an. Ihre Pausbacken waren burgunderrot. »Du bist ein mieses Stück Scheiße!« schrie sie wütend.

Duane blies ihr einen Kuß zu. »Ich liebe dich auch, Shirl. Danke für den Besuch. Hat Spaß gemacht.« Er lachte schallend und schlug sich auf den Schenkel. Dann verschwanden LuAnn und Shirley auf dem Gang.

LuAnn schubste Shirley neben dem verrosteten Motorblock vor dem Wohnwagen zu Boden und wollte wieder hineingehen.

Shirley sprang auf und schrie: »Du hast mir Haare ausgerissen, du Miststück.« LuAnn ging weiter, ohne sich umzudrehen. »Ich will meine Sachen. Gib mir meine verdammten Sachen, LuAnn.«

LuAnn drehte sich um. »Du hast in meinem Bett keine Klamotten gebraucht, deshalb sehe ich nicht ein, daß du sie jetzt brauchst.«

»Ich kann so nicht nach Hause gehen.«

»Dann gehst du eben nicht nach Hause.« LuAnn stieg die Stufen aus Hohlbeton hinauf und knallte die Tür hinter sich zu.

Im Gang kam ihr Duane entgegen. Er hatte sich Boxershorts angezogen. Im Mundwinkel hing eine Marlboro, die er noch nicht angezündet hatte. »Tut einem Mann richtig gut, wenn sich zwei streunende Katzen wegen ihm prügeln. Hat mich schwer geil gemacht, LuAnn. Wie wär’s, Baby? Komm, gib mir ’nen Kuß.«

Er grinste und wollte LuAnn den Arm um den Hals legen. Im nächsten Moment stöhnte er vor Schmerzen, als LuAnns rechte Faust auf seinem Mund landete und einige Zähne lockerte. So schmerzhaft dieser Schlag gewesen war – er war nichts im Vergleich zu dem Tritt, den sie ihm zwischen die Beine versetzte. Duane sank zu Boden.

LuAnn baute sich vor ihm auf. »Wenn du noch mal so ’n Scheiß machst, Duane Harvey, reiß ich ihn dir ab und schmeiß ihn ins Klo. Das schwöre ich.«

»Du blöde Sau, bist du völlig übergeschnappt?« stieß Duane keuchend hervor und hielt sich wimmernd seine edelsten Teile. Blut lief ihm über die Lippen.

Sie packte ihn mit eisernem Griff an den Wangen. »Nein, aber du mußt verrückt sein, wenn du auch nur eine Sekunde lang geglaubt hast, daß ich mir diesen Scheiß gefallen lasse.«

»Wir sind nicht verheiratet.«

»Stimmt, aber wir leben zusammen. Wir haben ein Kind. Und dieser Wohnwagen gehört nicht nur dir, sondern auch mir.«

»Shirley ist mir doch scheißegal. Was machst du so ein Theater?« Er schaute zu ihr auf. In seinen Augenwinkeln standen Tränen. Immer noch hielt er sich die Hände vor die Geschlechtsteile.

»Weil diese kleine, fette Schlampe beim Friseur und in deiner verdammten Kneipe allen, die es hören wollen, erzählen wird, was passiert ist. Und ich stehe dann da wie der letzte Dreck.«

»Du hätt’st mich heute morgen eben nicht allein lassen sollen.« Duane rappelte sich mühsam auf. »Eigentlich ist ja alles deine Schuld. Shirley wollte was von dir. Was hätte ich denn tun sollen?«

»Weiß ich nicht, Duane. Aber du hättest ihr ja eine Tasse Kaffee geben können und nicht deinen Schwanz.«

»Ich fühl’ mich sauschlecht, Baby. Ehrlich.« Er lehnte sich an die Wand.

Sie stieß ihn grob zur Seite, als sie zum Bad ging, um nach Lisa zu sehen. »Das ist die beste Nachricht, die ich heute gehört habe.«

Gleich darauf marschierte sie wieder an ihm vorbei und riß im Schlafzimmer die Laken und Bezüge vom Bett.

Schmollend beobachtete Duane sie von der Tür aus. »Na los, schmeiß alles weg. Mir doch scheißegal. Du hast den ganzen Dreck ja gekauft.«

Sie blickte ihn nicht an. »Ich bringe alles zu Wanda. Da kann ich es waschen. Wenn du deine Nutten vögelst, will ich nicht auch noch dafür bezahlen.«

Als sie die Matratze hochhob, sah sie die grünen Scheine. »Was, zum Teufel, ist das?«

Duane blickte sie kühl an. Dann kam er ins Zimmer und stopfte die Scheine lässig in eine Papiertüte, die auf dem Nachttisch neben dem Bett gelegen hatte. Er ließ LuAnn nicht aus den Augen, als er die Tüte verschloß. »Sagen wir mal … ich hab’s in der Lotterie gewonnen«, meinte er schnippisch.

Bei diesen Worten zuckte LuAnn zusammen, als hätte er sie ins Gesicht geschlagen. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Steckte Duane doch hinter der ganzen Geschichte? Machten er und dieser Jackson gemeinsame Sache? Nein, sie konnte sich kein ungleicheres Paar vorstellen. Es war unmöglich. Rasch faßte sie sich wieder und verschränkte die Arme vor der Brust. »Red keinen Stuß! Wo hast du das Geld her, Duane?«

»Sagen wir einfach, es ist ein echt guter Grund, daß du nett zu mir bist und die Schnauze hältst.«

Wütend schob sie ihn aus dem Zimmer und schloß die Tür ab. Sie schlüpfte aus dem blauen Kleid und zog Jeans und ein Sweatshirt an. Dann packte sie rasch ein paar Sachen für eine Nacht. Als sie aufschloß und die Tür öffnete, stand Duane immer noch an derselben Stelle und hielt die Tüte in der Hand. Rasch schob sie sich an ihm vorbei und holte Lisa. Dann ging sie zur Tür, die Reisetasche mit der schmutzigen Wäsche in der einen Hand, Lisa in ihrer Babytasche in der anderen.

»Wo gehst du hin, LuAnn?«

»Das geht dich einen Scheißdreck an.«

»Wie lange willst du eigentlich noch sauer auf mich sein? Ich bin ja auch nicht sauer, weil du mich in die Eier getreten hast. Ich hab’ die Sache schon vergessen.«

Sie wirbelte herum und funkelte ihn wütend an. »Duane, du bist der dümmste Hund auf der Welt.«

»Ach ja? Und für wen hältst du dich? Für ’ne Prinzessin, was? Wenn du mich nicht hättest, hätte Lisa nicht mal ein Dach überm Kopf. Ich hab’ dich aufgenommen, sonst hättest du überhaupt nichts.« Er steckte sich noch eine Zigarette an, blieb aber außer Reichweite ihrer Fäuste. Das Streichholz trat er auf dem schäbigen Teppich aus. »Vielleicht solltest du mal aufhören, pausenlos an mir herumzumeckern, und ein bißchen nett zu mir sein.« Er hielt die Tüte mit den Geldscheinen hoch. »Wo diese Knete herkommt, ist noch jede Menge mehr, Baby. Ich werd’ nicht länger in diesem Drecklock bleiben. Überleg’s dir gut. Sehr gut. Ich hab’ die Schnauze voll, mir von dir oder sonst jemand irgendeinen Scheiß anzuhören. Sei nett zu mir! Kapiert?«

Sie machte die Vordertür auf. »Ich bin jetzt schon richtig nett zu dir, Duane. Und weißt du warum? Weil ich abhaue, bevor ich dich noch umbringe!« Lisa fing an zu weinen, so wütend war die Stimme ihrer Mutter – so, als würde Mom mit ihr schimpfen. LuAnn küßte die Kleine und sagte ihr etwas Zärtliches ins Ohr, um sie zu beruhigen.

Duane schaute LuAnn hinterher, als sie über die schlammige Wiese ging, und bewunderte ihr Hinterteil in den engen Jeans. Shirley fiel ihm ein. Suchend blickte er sich um, doch sie war offensichtlich getürmt, splitternackt, wie sie war.

»Ich liebe dich, Baby«, rief er LuAnn grinsend hinterher.

»Geh zur Hölle, Duane.«

KAPITEL 6

Das Einkaufszentrum war viel belebter als bei ihrem Besuch am Vortag. LuAnn war froh, daß so viele Menschen unterwegs waren, als sie einen weiten Bogen um das Büro schlug, in dem sie gestern gewesen war. Allerdings riskierte sie im Vorbeigehen einen Blick durch die Scheiben. Alles war dunkel. Sie war sicher, daß die Tür abgeschlossen war. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, daß Jackson noch lange geblieben war, nachdem sie sich auf den Weg gemacht hatte. LuAnn vermutete, daß sie seine einzige »Klientin« gewesen war.

Sie hatte bei der Fernfahrerkneipe angerufen, sich krank gemeldet und eine schlaflose Nacht bei einer Freundin damit verbracht, den Vollmond anzustarren und Lisa zu betrachten, deren kleines Mündchen im Schlaf die komischsten Grimassen schnitt. LuAnn hatte sich dazu durchgerungen, die endgültige Entscheidung über Jacksons Vorschlag erst dann zu fällen, wenn sie weitere Informationen besaß.

Nur einen Entschluß hatte sie sehr schnell gefaßt: Sie würde nicht zur Polizei gehen. Sie konnte nichts beweisen, und wer würde ihr glauben? Dieser Schritt würde sie keinen Fingerbreit weiterbringen, und mindestens fünfzig Millionen Gründe sprachen dagegen. Obgleich LuAnn sonst sehr genau wußte, was richtig und was falsch war, nagte ständig die Versuchung in ihr: Vielleicht lag unglaublicher Reichtum direkt vor ihren Augen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil die Entscheidung nun nicht mehr schwarz und weiß war. Doch die letzte Episode mit Duane hatte sie darin bestärkt, daß Lisa nicht in einer solchen Umgebung aufwachsen durfte. Es mußte etwas geschehen.

Die Verwaltung des Einkaufszentrums befand sich am Ende eines Korridors auf der Südseite des Gebäudes. LuAnn machte die Tür zum Büro auf und trat ein.

»LuAnn?«

Verblüfft starrte LuAnn in die Richtung, aus der die Stimme erklungen war. Hinter dem Schalter stand ein junger Mann in kurzärmeligem Hemd, Krawatte und schwarzer Hose. Vor Aufregung schnippte er mit dem Kugelschreiber. LuAnn blickte ihn an, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wer der Bursche war.

Der junge Mann schwang sich über den Schalter. »Ich hab’ auch nicht erwartet, daß du dich an mich erinnerst. Johnny Jarvis. Aber ›John‹ ist mir lieber.« Er streckte ihr geschäftsmäßig die Hand entgegen, grinste und schloß sie in die Arme. Dann bewunderte er Lisa eine volle Minute lang. LuAnn nahm eine kleine Decke aus der Tasche und setzte ihre Tochter samt einem Stofftier darauf.

»Ich kann’s nicht fassen. Du bist es, Johnny. Ich hab’ dich seit – wie lange? – seit der sechsten Klasse nicht mehr gesehen.«

»Du warst damals in der siebten und ich in der neunten.«

»Du siehst gut aus. Wirklich gut. Wie lange arbeitest du schon hier?«

Jarvis lächelte stolz. »Nach der High School bin ich aufs Community College gegangen und habe mein Diplom in Naturwissenschaften gemacht. Ich hab’ hier mit dem Eingeben von Daten in den Computer angefangen, aber inzwischen bin ich so was wie ein Assistent der Geschäftsleitung des Einkaufszentrums.«

»Gratuliere. Das ist ja großartig, Johnny – ich meine, John.«

»Ach was. Du kannst Johnny zu mir sagen. Ich kann’s immer noch nicht glauben, daß du einfach durch die Tür gekommen bist. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich dich gesehen habe. Ich hätte nie geglaubt, daß wir uns noch mal über den Weg laufen. Ich dachte, du wärst nach New York City oder sonstwohin gegangen.«

»Nee, ich bin immer noch hier«, sagte sie schnell.

»Dann wundert es mich aber, daß ich dich bis jetzt noch nie hier im Einkaufszentrum gesehen habe.«

»Ich komme nicht oft. Es ist ziemlich weit von da, wo ich jetzt wohne.«

»Setz dich doch und erzähl mir, was du so gemacht hast. Ich hatte keine Ahnung, daß du ein Baby hast. Ich hab’ nicht mal gewußt, daß du verheiratet bist.«

»Bin ich nicht.«

»Oh.« Jarvis errötete. »Äh, möchtest du einen Kaffee oder sonst etwas? Ich habe gerade frischen gekocht.«

»Ich hab’s ein bißchen eilig, Johnny.«

»Ja, nun, was kann ich für dich tun?« Plötzlich lächelte er nicht mehr. »Du suchst doch nicht etwa ’nen Job, oder?«

LuAnn blickte ihn scharf an. »Und wenn doch? Wäre das so schlimm?«

»Nein, äh, natürlich nicht. Ich hab’ nur nicht damit gerechnet … na ja, ich hätte nie erwartet, daß du mal in einem Einkaufszentrum arbeiten würdest. Das hab’ ich gemeint.« Er lächelte.

»Ein Job ist ein Job, stimmt’s? Du arbeitest doch auch hier. Und überhaupt – was hätte ich deiner Meinung nach mit meinem Leben anfangen sollen?«

Jarvis lächelte nicht mehr, sondern wischte sich nervös die Hände an den Hosenbeinen ab. »Ich wollte dir wirklich nicht zu nahetreten, LuAnn. Aber ich hatte mir immer vorgestellt, daß du in irgendeinem Schloß leben würdest, schicke Kleider trägst und tolle Autos fährst. Tut mir leid.«

LuAnns Zorn verrauchte, als sie an Jacksons Vorschlag dachte. Schlösser könnten jetzt zum Greifen nahe vor ihr liegen. »Schon gut, Johnny. Es war eine lange Woche. Du weißt schon, was ich meine. Ich suche keinen Job. Ich brauche nur ein paar Informationen über einen eurer Mieter hier im Einkaufszentrum.«

Jarvis warf einen Blick über die Schulter in den hinteren Teil des Büros, wo Telefone klingelten, Tasten klickten und leise gesprochen wurde. »Informationen?« fragte er.

»Ja. Ich war schon gestern hier. Ich hatte einen Termin.«

»Mit wem?«

»Das sollst du mir ja gerade sagen. Es war in dem kleinen Büro, das gleich rechts liegt, wenn man den Eingang an der Bushaltestelle nimmt. Da ist kein Schild oder Name, aber das Büro liegt direkt neben der Eisdiele.«

Im ersten Moment war Jarvis ratlos. »Ich dachte, der Laden ist immer noch leer. Wir haben viele Räume, die nicht vermietet sind. Dieses Einkaufszentrum steht nicht gerade in einer blühenden und kaufkräftigen Umgebung.«

»Tja, gestern war das Büro jedenfalls nicht leer.«

Jarvis ging zum Computer und drückte auf ein paar Tasten. »Worum ging es denn bei dem Termin?«

»Ach, so einen Job im Außendienst. Klinkenputzen.«

»Ja, wir hatten schon mehrere Leute, die Räume auf Zeit gemietet haben. Als eine Art Besprechungszimmer. Wenn wir Platz haben, was meist der Fall ist, vermieten wir denen was, manchmal nur für einen Tag, vor allem, wenn die Räume schon als Büro eingerichtet sind.«

Er blickte auf den Bildschirm, dann wieder zum hinteren Teil des Büros, und machte rasch die Tür zu. Schließlich schaute er LuAnn an. Seine Miene war ein wenig angespannt. »Also, was willst du genau wissen?«

LuAnn bemerkte Johnnys besorgten Ausdruck und blickte zur Tür, die er soeben geschlossen hatte. »Du bekommst deshalb doch keinen Ärger, Johnny, oder?«

Er winkte ab. »Ach wo. Ich hab’ dir doch gesagt, daß ich Assistent der Geschäftsleitung bin«, erwiderte er wichtigtuerisch.

»Na gut. Sag mir alles, was du weißt. Wer die Leute sind. Was für ein Geschäft das ist. Die Adresse und so weiter.«

Jarvis blickte sie verblüfft an. »Haben sie dir das denn nicht beim Einstellungsgespräch gesagt?«

»Schon«, antwortete sie zögernd. »Aber ehe ich den Job annehme, will ich sicher sein, daß alles legal ist, weißt du. Ich muß mir neue Kleider kaufen, vielleicht sogar ein Auto. Aber da muß ich erst wissen, daß alles lupenrein in Ordnung ist.«

»Das ist sehr klug von dir. Ich meine, bloß weil wir den Leuten ein Büro vermieten, heißt das nicht, daß sie es ehrlich mit dir meinen.« Beunruhigt fuhr er fort: »Sie haben doch kein Geld von dir verlangt, oder?«

»Nein, keinen Cent, aber es hat ziemlich verrückt geklungen, wieviel Geld sie mir versprochen haben.«

»Wahrscheinlich zu schön, um wahr zu sein.«

»Genau. Und deshalb kommt’s mir komisch vor.« Sie beobachtete, wie Johnnys Finger über die Tastatur huschten. »Wo hast du das gelernt?« fragte sie mit Bewunderung.

»Was? Ach, das! Auf dem Community College. Die haben da Programme, die dir fast alles beibringen. Computer sind cool.«

»Würde mir nichts ausmachen, eines Tages wieder zur Schule zu gehen und den Abschluß nachzuholen.«

»Auf der Schule warst du ein echtes As, LuAnn. Ich wette, du würdest schneller lernen als die meisten anderen.«

Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. »Vielleicht mache ich irgendwann wirklich den Abschluß und gehe zum College. Aber jetzt erzähl schon, was sagt der Computer?«

Jarvis betrachtete den Monitor. »Die Firma heißt Associates, Inc. Jedenfalls haben sie das auf den Mietvertrag geschrieben. Läuft nur für eine Woche. Gestern war der erste Tag. Bezahlt haben sie bar. Keine andere Adresse. Bei Barzahlung ist uns das auch egal.«

»Jetzt ist aber keiner mehr da.«

Jarvis nickte geistesabwesend und tippte auf den Schirm. »Den Mietvertrag hat der Typ mit ›Jackson‹ unterschrieben«, sagte er.

»Ungefähr meine Größe? Schwarze Haare? Ziemlich dick?«

»Genau. Jetzt erinnere ich mich an den Burschen. Hat einen sehr seriösen Eindruck gemacht. Ist bei dem Einstellungsgespräch irgendwas Ungewöhnliches passiert?«

»Hängt davon ab, was du ungewöhnlich nennst. Aber der Mann hat sich auch mir gegenüber seriös verhalten. Kannst du mir sonst noch was sagen?«

Jarvis blickte wieder auf den Computer und suchte nach weiteren Informationshappen, mit denen er LuAnn füttern konnte. Schließlich aber zeigte sich Enttäuschung auf seinem Gesicht. Er schaute LuAnn an und seufzte. »Nichts mehr, leider.«

LuAnn nahm Lisa auf den Arm, als sie auf dem Schalter einen Stapel Stenoblöcke und eine Tasse sah, in der Kugelschreiber steckten. »Könnte ich einen von den Blöcken und einen Kuli haben, Johnny? Ich kann dafür bezahlen.«

»Macht du Witze? Du liebe Güte, nimm dir, soviel du willst.«

»Ein Block und ein Kuli reichen. Danke.« Sie steckte beides in die Handtasche.

»Null Problem. Solches Zeug haben wir tonnenweise.«

»Also dann, Johnny. Ich bin dir ehrlich dankbar, daß du mir geholfen hast. Wirklich. Es war schön, dich mal wiederzusehen.«

»Und ich werde mich noch ein ganzes Jahr lang freuen, daß du heute hergekommen bist.« Er warf einen Blick auf die Armbanduhr. »In zehn Minuten habe ich Mittagspause. Ein Stück weiter gibt’s ein nettes chinesisches Restaurant. Hast du Zeit? Ich lade dich ein. Wir könnten noch ein bißchen über die alten Zeiten plaudern.«

»Vielleicht ein andermal. Wie ich schon sagte, ich hab’s ziemlich eilig.«

LuAnn bemerkte Johnnys Enttäuschung und bekam ein schlechtes Gewissen. Sie stellte Lisa in ihrer Babytasche ab und nahm Johnny in die Arme. Sie lächelte, als er den Kopf in ihrem frisch gewaschenen Haar vergrub und tief einatmete. Als Jarvis die Hände auf ihr Gesäß legte und die Wärme und Weichheit ihres Busens auf seiner Brust spürte, war er sofort wieder in Hochstimmung.

»Du hast es wirklich weit gebracht, Johnny«, sagte LuAnn und trat einen Schritt zurück. »Ich hab’ immer schon gewußt, daß aus dir mal was wird.« Vielleicht hätte sich alles anders entwickelt, hätte ich Johnny vor einiger Zeit wiedergesehen, dachte sie.

Jarvis schwebte jetzt auf Wolke sieben. »Ehrlich? Es überrascht mich, daß du überhaupt an mich gedacht hast.«

»Wie du siehst, bin ich immer für eine Überraschung gut. Paß auf dich auf. Vielleicht sieht man sich mal wieder.« LuAnn nahm Lisa hoch. Die Kleine rieb das Stofftier gegen die Wange ihrer Mutter und plapperte fröhlich vor sich hin, als LuAnn zur Tür ging.

»He, LuAnn.«

Sie drehte sich um.

»Nimmst du den Job an?«

Sie dachte kurz über die Frage nach. »Ich weiß es noch nicht. Aber wenn, wirst du’s erfahren, schätze ich.«

LuAnns nächster Halt war die öffentliche Bibliothek. Während ihrer Schulzeit hatte LuAnn sie oft besucht, doch inzwischen war es Jahre her, seit sie das letzte Mal dort gewesen war. Die Bibliothekarin war sehr nett und machte LuAnn Komplimente über ihr Töchterchen. Lisa kuschelte sich an die Mutter, während diese die vielen Bücher betrachtete.

»Da. Da. Uu.«

»Sie mag Bücher«, sagte LuAnn. »Ich lese ihr jeden Tag etwas vor.«

»Sie hat Ihre Augen«, meinte die Frau und blickte zwischen Mutter und Tochter hin und her. LuAnn legte zärtlich die Hand an Lisas Wange.

Das Lächeln der Bibliothekarin schwand, als sie sah, daß LuAnn keinen Ehering trug.

LuAnn bemerkte es. »Es war das Beste, was ich je getan habe. Ich habe zwar nicht viel, aber an Liebe wird es diesem kleinen Mädchen niemals fehlen.«

Die Frau lächelte gequält und nickte. »Meine Tochter ist alleinerziehende Mutter. Ich helfe ihr, so gut ich kann, aber es ist sehr schwierig. Das Geld reicht einfach nie.«

»Davon kann ich auch ein Lied singen.« LuAnn holte eine Flasche und einen Wasserbehälter aus der Windeltasche, mischte etwas Babynahrung und half Lisa, die Flasche festzuhalten. »Ich glaube, ich könnte es gar nicht begreifen, wenn ich irgendwann am Ende einer Woche mal mehr Geld hätte als am Anfang.«

Die Frau nickte verständnisvoll. »Es heißt zwar, daß Geld die Wurzel allen Übels ist, aber ich denke oft daran, wie herrlich es wäre, sich nicht laufend wegen der Rechnungen Sorgen machen zu müssen. Ich kann mir das Gefühl gar nicht vorstellen. Können Sie’s?«

»Ja, ich schon. Ich glaube, es wäre ein verdammt schönes Gefühl.«

Die Frau lachte. »Also, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Sie haben doch mehrere Zeitungen hier auf Film oder so, nicht wahr?«

Die Frau nickte. »Auf Mikrofilm. In dem Raum dort drüben.« Sie zeigte auf eine Tür am Ende der Bibliothek.

LuAnn zögerte.

»Können Sie den Mikrofilmapparat bedienen? Wenn nicht, zeige ich es Ihnen. Es ist nicht schwierig.«

Das Zimmer war leer und dunkel. Die Frau schaltete die Deckenbeleuchtung ein, ließ LuAnn vor einem der Geräte Platz nehmen und holte eine Mikrofilmspule aus dem Archiv. Es dauerte nur eine Minute, dann hatte sie die Spule eingelegt, und die Information stand auf dem hellen Bildschirm. Die Frau drehte an einigen Knöpfen. Textzeilen glitten über den Schirm. LuAnn schaute genau zu, wie die Frau die Spule wieder herausnahm und das Gerät ausschaltete. »Versuchen Sie es jetzt mal selbst«, sagte die Frau.

Geschickt legte LuAnn die Spule ein und drehte an den Knöpfen, um den Film zu transportieren.

»Das ist sehr gut. Sie lernen schnell. Die meisten Leute begreifen es nicht auf Anhieb.«

»Ich hatte schon immer geschickte Hände.«

»Der Katalog ist beschriftet. Wir haben natürlich die örtlichen Zeitungen, aber auch ein paar bundesweit erscheinende Blätter. Die Erscheinungsdaten stehen außen auf den Katalogschubladen.«

»Vielen Dank.«

Sobald die Bibliothekarin gegangen war, erforschte LuAnn mit Lisa auf dem Arm die vielen Schubladen des Archivs. Dann setzte sie Lisa samt Flasche auf den Boden. Erheitert sah sie zu, wie Lisa sich zu einem Schrank rollte und versuchte, sich daran hochzuziehen. LuAnn entdeckte eine überregionale Zeitung und suchte in der Schublade die Spulen heraus, auf denen die Ausgaben der letzten sechs Monate archiviert waren. Dann wechselte sie rasch Lisas Windeln und ließ sie ein Bäuerchen machen, ehe sie die erste Spule ins Mikrofilmgerät einlegte.

Während Lisa auf LuAnns Schoß saß, aufgeregt plapperte und auf die Zeilen auf dem Bildschirm wies, überflog LuAnn die erste Seite der Zeitung. Es dauerte nicht lange, bis sie den gesuchten Artikel gefunden hatte. Die fette Schlagzeile lautete: »Fünfundvierzig Millionen Dollar für Lotteriegewinner.«

Rasch las LuAnn die Story. Von draußen drang das Prasseln eines Platzregens an ihre Ohren. Im Frühjahr regnete es viel in dieser Gegend, meist begleitet von heftigen Gewittern. Wie eine Antwort auf LuAnns Fragen erfolgte ein so starker Donnerschlag, daß das Gebäude zu beben schien. Beunruhigt blickte sie zu Lisa, doch das kleine Mädchen schien völlig unbeeindruckt zu sein.

LuAnn nahm die Decke aus der Tasche, breitete sie auf dem Boden aus und setzte Lisa mitsamt ein paar Spielsachen darauf. Dann widmete sie sich wieder der Schlagzeile. Sie holte den Stenoblock und den Stift hervor und machte sich rasch Notizen. Dann nahm sie sich den nächsten Monat vor.

Die Ziehung der U.S.-Lotterie fand stets am Fünfzehnten jeden Monats statt, so daß LuAnn nur die Ausgaben vom Sechzehnten bis zum Zwanzigsten las. Zwei Stunden später hatte sie die Berichte über die letzten sechs Gewinner gelesen. Sie drehte die letzte Spule zurück und legte sie wieder in die Schublade. Dann lehnte sie sich zurück und betrachtete ihre Notizen. Ihr dröhnte der Schädel, und liebend gern hätte sie eine Tasse Kaffee getrunken. Immer noch prasselte der Regen.

LuAnn nahm Lisa auf den Arm und ging in den Bibliothekssaal. Dort holte sie einige Kinderbücher, zeigte Lisa die Bilder und las ihr vor. Nach zwanzig Minuten war die Kleine eingeschlafen. LuAnn legte Lisa in ihre Babytasche und stellte diese auf den Tisch. Im Saal war es still und warm. Als LuAnn spürte, daß sie einschlief, streckte sie rasch die Hand aus und umfaßte schützend Lisas Beinchen. Irgendwann schreckte sie auf, als sie eine Hand auf der Schulter spürte. Sie hob den Blick und schaute direkt in die Augen der Bibliothekarin.

»Es tut mir leid, daß ich Sie geweckt habe, aber wir schließen jetzt.«

Benommen blickte LuAnn sich um. »Du meine Güte, wie spät ist es?«

»Kurz nach sechs, meine Liebe. Sie haben fast zwei Stunden geschlafen.«

LuAnn packte schnell zusammen. »Tut mir leid, daß ich einfach so eingeschlafen bin.«

»Ach, das hat mich überhaupt nicht gestört. Es tut mir nur leid, daß ich Sie wecken mußte. Sie haben so friedlich ausgesehen mit Ihrer süßen kleinen Tochter.«

»Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe.« LuAnn legte den Kopf schief und lauschte dem Trommeln des Regens auf dem Dach.

Die Frau blickte sie an. »Ich wünschte, ich könnte Sie irgendwohin mitnehmen, aber ich fahre mit dem Bus.«

»Ist schon gut. Ich und der Bus sind auch alte Freunde.«

LuAnn zog den Mantel über Lisa und verließ die Bibliothek. Sie rannte zur Bushaltestelle, wo sie eine halbe Stunde warten mußte, bis der Bus mit quietschenden Bremsen hielt. Die luftdruckbetriebene Tür öffnete sich mit lautem Zischen. LuAnn fehlten zehn Cent fürs Fahrgeld, doch der Busfahrer, ein kräftiger Schwarzer, den sie vom Sehen kannte, winkte ab und legte die zehn Cent aus eigener Tasche drauf.

»Wir alle brauchen ab und zu ein bißchen Hilfe«, sagte er. LuAnn dankte ihm mit einem Lächeln. Zwanzig Minuten später betrat sie die Fernfahrerkneipe Number One, mehrere Stunden vor Beginn ihrer Schicht.

»He, Mädel, wieso kommst du jetzt schon?« fragte Beth, LuAnns Arbeitskollegin, und wischte den Tresen mit einem feuchten Lappen ab. Sie war um die Fünfzig und ein mütterlicher Typ.

Ein gut zwei Zentner schwerer Lastwagenfahrer musterte LuAnn über den Rand der Kaffeetasse hinweg. Obwohl sie vom Regen klatschnaß war, zollte er ihr pflichtschuldig Bewunderung, wie alle anderen. »Sie ist so früh gekommen, weil sie den guten alten Frankie nicht verpassen wollte«, sagte er mit breitem Grinsen. »Sie hat gewußt, daß ich die Nachmittagsschicht fahre und konnte den Gedanken nicht ertragen, mich nicht zu sehen.«

»Da hast du recht, Frankie. Es würde LuAnn glatt das Herz brechen, wenn sie dich alten haarigen Affen nicht regelmäßig zu Gesicht bekäme«, meinte Beth und stocherte sich mit einem Cocktailquirl zwischen den Zähnen herum.

»Hi, Frankie, wie geht’s?« fragte LuAnn.

»Jetzt geht’s mir super«, erwiderte Frankie und grinste immer noch übers ganze Gesicht.

»Beth, kannst du einen Moment auf Lisa aufpassen? Ich muß meine Uniform anziehen«, sagte LuAnn und wischte sich Gesicht und Arme mit einem Handtuch ab. Sie nahm Lisa hoch und war froh, daß die Kleine trocken und hungrig war. »Ich mache ihr gleich ’ne Flasche zurecht. Und Weizenbrei. Dann müßte sie eigentlich durchschlafen, obwohl sie erst vor kurzem ziemlich lange gepennt hat.«

»Na klar. Ich nehm’ dieses wunderschöne Mädelchen gern in meine Arme. Komm her, mein Schatz.« Beth nahm Lisa hoch und drückte sich die Kleine an die Brust. Lisa plapperte fröhlich und zog an dem Kugelschreiber, der hinter Beths Ohr steckte. »Aber mal ehrlich, LuAnn. Du mußt doch erst in ein paar Stunden anfangen. Was ist los?«

»Ich bin klatschnaß, und die Uniform ist das einzige saubere Stück, das ich habe. Außerdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich euch gestern abend versetzt habe. Sag mal, ist noch was vom Mittagessen übrig? Ich glaube, ich hab’ heute noch keinen Happen gegessen.«

Beth warf LuAnn einen tadelnden Blick zu und stemmte eine Hand in die Hüfte. »Wenn du doch auf dich auch so gut aufpassen würdest wie auf dieses Baby! Mein Gott, Kind, es ist fast acht Uhr.«

»Mach keinen Aufstand, Beth. Ich hab’s schlicht und einfach vergessen.«

Beth brummte. »Vergessen. Ha! Duane hat dein Geld wieder mal versoffen, stimmt’s?«

»Du solltest diesen Mistkerl endlich in die Wüste jagen«, meinte Frankie. »Aber laß mich ihn vorher noch kräftig in den Arsch treten. Für dich, Kleine. Du hast was Besseres verdient als dieses Scheißleben.«

Beth zog eine Braue hoch – ein deutliches Zeichen, daß sie Frankies Meinung teilte.

LuAnn musterte die beiden mit finsterer Miene. »Ich danke euch, daß ihr über mein Leben bestimmt, aber wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet?«

Einige Zeit später setzte LuAnn sich in eine Ecke und aß die Riesenportion, die Beth ihr zurechtgemacht hatte. Schließlich schob sie den Teller von sich und trank einen Schluck frischen Kaffee. Es hatte wieder heftig zu regnen angefangen. Das Prasseln auf dem Wellblechdach der Fernfahrerkneipe klang tröstlich. LuAnn zog den dünnen Pullover straffer um die Schultern und schaute auf die Uhr hinter der Theke.

Sie hatte immer noch zwei Stunden, bis ihr Dienst anfing. Normalerweise versuchte sie Überstunden angerechnet zu kriegen, wenn sie früher kam, doch der Geschäftsführer ließ das nicht mehr zu. Es schade der Bilanz, hatte er zu LuAnn gesagt. Und was ist mit meiner Bilanz, hatte sie zurückgefragt. Doch es hatte nichts genützt. Ansonsten aber war der Mann in Ordnung. Er gestattete LuAnn, Lisa mitzubringen. Ohne dieses Entgegenkommen hätte sie überhaupt nicht arbeiten können.

Lisa lag in ihrer Tasche und schlief. LuAnn stopfte die Decke fest. Sie hatte Lisa etwas von ihrem Essen gegeben. Bei fester Nahrung stellte Lisa sich schon sehr geschickt an. Allerdings war sie bei den gestampften Möhren wieder eingeschlafen. LuAnn machte sich Sorgen, daß ihre Tochter keine geregelten Schlafzeiten hatte. Würde es Lisa die Zukunft verbauen, wenn sie jede Nacht unter dem Tresen einer Kneipe schlief? Es konnte ihre Selbstachtung zerstören und andere seelische Schäden anrichten, wie LuAnn in Illustrierten gelesen und im Fernsehen gesehen hatte. Dieser alptraumhafte Gedanke hatte LuAnn mehr Schlaf gekostet, als ihr lieb war.

Und das war noch nicht alles. Wenn Lisa erst mal richtig aß – würde dann immer genug Essen da sein? LuAnn hatte kein Auto und mußte stets das Geld für den Bus zusammenkratzen. Wenn es nicht reichte, mußte sie zu Fuß gehen, auch im Regen. Was war, wenn Lisa krank wurde? Oder wenn sie selbst krank wurde? Wenn sie eine Zeitlang nicht arbeiten konnte? Wer würde dann für Lisa sorgen? LuAnn hatte keine Versicherungen irgendwelcher Art. Wenn Impfungen oder Untersuchungen erforderlich waren, ging sie mit Lisa zum kostenlosen Gesundheitsdienst in der Bezirksklinik, doch LuAnn selbst war seit zehn Jahren nicht mehr beim Arzt gewesen. Sie war jung und kräftig, aber das konnte sich schnell ändern. Man wußte ja nie. Beinahe mußte sie lachen, als sie sich vorstellte, wie Duane für Lisas tägliche Bedürfnisse sorgen würde. Der Kerl würde nach wenigen Minuten laut brüllend in den Wald flüchten. Nein, eigentlich war das überhaupt nicht komisch.

Während LuAnn beobachtete, wie Lisas Mündchen sich öffnete und schloß, wurde ihr das Herz plötzlich so schwer wie einer der Sattelschlepper, die vor der Fernfahrerkneipe parkten. Ihre Tochter war vollkommen abhängig von ihr, und die traurige Wahrheit sah so aus, daß LuAnn nichts besaß. An jedem Tag ihres Lebens war sie nur einen Schritt vom Abgrund entfernt, und der Abstand wurde ständig geringer. Ein Sturz war unausweichlich. Es war nur eine Frage der Zeit. Sie dachte an Jacksons Worte. Ein Kreislauf. Ihre Mutter. Sie selbst. Duane ähnelte Benny Tyler mehr, als sie zu denken wagte. Die nächste würde Lisa sein, ihr kleiner Liebling, für den sie töten oder sich töten lassen würde – alles, was nötig war, um die Kleine zu beschützen.

Amerika war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jedenfalls sagten das alle. Man mußte sich die Möglichkeiten nur erschließen. Aber man hatte vergessen, einigen Menschen den Schlüssel zu geben. Menschen wie LuAnn. Oder hatte man es gar nicht vergessen? Vielleicht war es Absicht. Wenn LuAnn tief deprimiert war – wie jetzt –, kam es ihr verdammt so vor.

Sie schüttelte heftig den Kopf, um wieder klaren Verstand zu bekommen, und preßte die Hände zusammen. Solche Gedanken halfen ihr jetzt auch nichts. Sie nahm den Stenoblock aus der Handtasche. Was sie in der Bibliothek entdeckt hatte, hatte sie ungeheuer fasziniert.

Sechs Lotteriegewinner. LuAnn hatte mit den Gewinnern vom vergangenen Herbst angefangen und alle aufgelistet, bis zum letzten. Sie hatte die Namen und sämtliche Informationen notiert, die in der Zeitung gestanden hatten. Zu jedem Artikel war ein Foto des jeweiligen Gewinners gebracht worden; mit ihrem Lächeln schienen diese Glücklichen die volle Breite der Zeitungsseite in Beschlag nehmen zu wollen. In rückläufiger Reihenfolge lauteten die Namen der Gewinner: Judy Davis, siebenundzwanzig Jahre, alleinerziehende Mutter von drei kleinen Kindern, Sozialhilfeempfängerin. Herman Rudy, achtundfünfzig Jahre, ehemaliger Fernfahrer, arbeitsunfähig nach Betriebsunfall, mit gigantischen Arzt- und Krankenhausrechnungen. Wanda Tripp, sechsundsechzig, verwitwet, hing kümmerlich im »sozialen Netz«, das aus Fäden bestand, die knapp vierhundert Dollar im Monat dünn waren. Randy Stith, einunddreißig, kürzlich verwitwet, mit kleinem Kind, Fließbandarbeiter, jetzt arbeitslos. Bobbie Jo Reynolds, dreiunddreißig, eine Kellnerin in New York, die laut Zeitungsartikel ihre Träume von einer Karriere am Broadway oder als Malerin in Südfrankreich aufgegeben hatte. Der letzte war Raymond Powell gewesen, vierundvierzig, dessen Firma kurz zuvor pleite gegangen war und der damals im Obdachlosenasyl lebte.

LuAnn ließ sich zurücksinken. Und LuAnn Tyler, zwanzig Jahre, alleinerziehende Mutter, arm wie eine Kirchenmaus, keine Aussichten, keine Zukunft. Sie paßte perfekt in diese Gruppe Verzweifelter.

Sie war nur sechs Monate zurückgegangen. Wie viele Gewinner gab es noch? Stoff für großartige Zeitungsstorys, das mußte sie zugeben. Menschen im Elend knacken den Jackpot. Alte Menschen, reich über Nacht. Junge Leute aus ärmlichen Verhältnissen, die plötzlich vor einer strahlenden Zukunft standen. Alle Träume wurden wahr.

Jacksons Gesicht tauchte in LuAnns Gedanken auf. Jemand muß gewinnen. Warum nicht Sie, LuAnn? Seine ruhige, kühle Stimme klang verlockend. Und ständig hallten diese beiden Sätze in LuAnns Kopf wider. Sie hatte das Gefühl, über die imaginäre Mauer eines Staudamms zu laufen. Was erwartete sie im tiefen Wasser dort unten? Sie wußte es nicht. Diese Ungewißheit machte ihr angst, zog sie aber auch magisch an.

Sie betrachtete Lisa. Sie konnte das Bild nicht abschütteln, wie ihre Tochter in einem Wohnwagen zur Frau heranwuchs, ohne eine Chance zu haben, vor den jungen Wölfen zu fliehen, die diese jämmerliche Behausung umkreisten.

»Was ’n los, Süße?«

LuAnn zuckte zusammen. Sie drehte sich um und schaute in Beths Gesicht. Die ältere Frau balancierte gekonnt volle Teller mit beiden Händen.

»Nicht viel. Ich zähle nur meine Sternstunden«, antwortete LuAnn.

Beth grinste und warf einen Blick auf den Stenoblock. LuAnn klappte ihn rasch zu. »Na schön. Aber vergiß die kleinen Leute nicht, wenn du auf ’ne Goldmine stößt, Miss LuAnn Tyler.« Beth kicherte und brachte den wartenden Gästen das Essen.

LuAnn lächelte unsicher. »Das werde ich nicht, Beth. Ich schwör’s«, sagte sie leise.

KAPITEL 7

Es war acht Uhr morgens und DER TAG. LuAnn stieg mit Lisa aus dem Bus. Es war nicht die übliche Haltestelle, aber nahe genug, um von hier aus zu Fuß in einer halben Stunde beim Wohnwagen zu sein, was für LuAnn kein Problem darstellte. Der Regen hatte aufgehört. Der Himmel war jetzt strahlend blau und die Erde üppig grün. Vögel sangen in Scharen den Lobpreis für den Jahreszeitenwechsel und den Abschied von einem langen, beschwerlichen Winter. Wohin LuAnn auch schaute, überall sproß frisches Grün unter der gerade aufgegangenen Sonne. LuAnn liebte diese Tageszeit. Es war still, voller Ruhe ringsum, und sie schöpfte Hoffnung für die Zukunft.

LuAnn blickte nach vorn auf die sanft wogenden Felder. Langsam schritt sie durch den Torbogen und an dem mit Grünspan bedeckten Schild vorüber, das den Eingang zum Heavenly-Meadow-Friedhof kennzeichnete. Ihre langen, schlanken Beine trugen sie wie von selbst zu Bereich 14, Platz 21, Grab 6. Die Stelle befand sich auf einer Anhöhe im Schatten alter Hartriegelbüsche, die bald schon ihre einzigartige Pracht entfalten würden.

LuAnn legte Lisa in ihrer Babytasche auf die Steinbank am Grab ihrer Mutter und nahm das kleine Mädchen heraus. Dann kniete sie sich ins taunasse Gras und entfernte Zweige und Erde von der bronzenen Grabplatte.

LuAnns Mutter Joy hatte nicht sehr lange gelebt: siebenundvierzig Jahre. Für Joy Tyler hatte das Leben nur kurze Zeit und zugleich eine Ewigkeit gedauert, das wußte LuAnn. Sie war fest davon überzeugt, daß die schwierigen, unerfreulichen Jahre mit Benny den Tod ihrer Mutter beschleunigt hatten.

»Erinnerst du dich, Lisa? Hier ist jetzt deine Grandma. Wir waren ziemlich lange nicht mehr hier, weil das Wetter so schlecht war. Aber jetzt ist der Frühling gekommen, und es wird Zeit, daß wir sie wieder besuchen.« LuAnn hielt die Tochter hoch und zeigte mit dem Finger auf die Grabplatte. »Genau hier schläft sie jetzt. Aber immer wenn wir herkommen, wacht sie ein bißchen auf. Sie kann nicht mit uns sprechen, aber wenn du die Augen so fest zumachst wie ein kleiner Vogel und genau hinhörst, ganz genau, kannst du sie irgendwie hören. Dann sagt sie dir, was sie über alles denkt.«

Nach diesen Worten setzte LuAnn sich auf die Bank und nahm Lisa auf den Schoß. Es war ein kühler Morgen, und die Kleine war dick angezogen und noch schläfrig. Für gewöhnlich brauchte Lisa eine Zeitlang, um richtig wach zu werden. Doch war sie es erst einmal, blieb sie mehrere Stunden in Bewegung oder plapperte unablässig. Der Friedhof war verlassen, abgesehen von einem Arbeiter, den LuAnn in der Ferne Rasen mähen sah. Das Motorengeräusch der kleinen Fahrmaschine drang nicht bis zu ihr. Auch auf der Straße fuhren wenig Autos. Die Stille war friedvoll, und LuAnn machte die Augen so fest zu wie ein kleines Vögelchen und lauschte, so angestrengt sie konnte.

In der Fernfahrerkneipe hatte sie beschlossen, Jackson gleich nach Feierabend anzurufen. Er hatte gesagt, sie könne ihn jederzeit erreichen, und LuAnn war sicher, er würde nach dem ersten Klingeln den Hörer abnehmen, ganz gleich, wieviel Uhr es wäre.

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