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Die Versuchung der Hoffnung

  1. Auflage, Dezember 2013

 

Copyright 2013 Hannah Kaiser

 

Covergestaltung: Catrin Sommer rausch-gold.de

Fotos: shutterstock.com Bildnummern: 74654947, 123501739

Lektorat: Lena Berg

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

 

 

 

Die Handlung und handelnden Personen, sowie deren Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden und / oder realen Personen ist rein zufällig.

 

hannah.kaiser79@gmx.de

 

 

 

Kapitel 1

 

Nach einem langen Vormittag voller Vorlesungen und Seminare an der Uni, einer überaus schwierigen Klausur in Geschichte der Literaturwissenschaft, in der der dazugehörige Professor jeden, aber auch wirklich jeden Mist abgefragt hat, und nach einem noch längeren Arbeitstag in der Unibibliothek habe ich jetzt endlich Feierabend.

Müde schlüpfe ich in meinen warmen Mantel und wickle mir den Schal um den Hals. Alles, was ich heute Abend will, ist in mein Zimmer zu gehen, mich aufs Bett zu legen, den Fernseher anzuschalten und eine Tüte Chips zu essen. Und zwar ohne darüber nachzudenken, wie ungesund das ist. Um die Kalorien brauche ich mir heute auch keine Sorgen zu machen. Nach dem Frühstück musste ich heute nämlich aus Zeitgründen alle Mahlzeiten ausfallen lassen.

Erschöpft gehe ich in Richtung der doppelten Eingangstür der Bibliothek und als ich die äußere der beiden Schwingtüren öffne und ins Freie trete, lähmt die klirrende Kälte für einen Moment meinen Atem. Und dabei ist es gerade mal Anfang November! Die ersten Atemzüge fühlen sich an, als würde ich lauter kleine, eiskalte Stecknadeln einatmen. Ich schlinge meinen dicken Schal über Mund und Nase und setze die Kapuze auf den Kopf. Am Rande meines Gesichtsfeldes nehme ich eine Bewegung wahr und mir schwant Böses.

Bitte nicht ausgerechnet heute!

Aber mein stummes Flehen wird nicht erhört und auch der Versuch, die dick vermummte Gestalt einfach zu übersehen, bleibt ohne Erfolg, denn im selben Moment spricht sie mich schon an.

„Tu nicht so, Hope. Ich weiß genau, dass du mich gesehen hast!“

Seufzend bleibe ich stehen. „Du bist ein Quälgeist, Val! Bitte nicht heute.“

Doch sie kommt erbarmungslos lächelnd auf mich zu und hält mir einen Plastikbeutel unter die Nase, der mich Übles erahnen lässt. Heftig schüttle ich den Kopf, aber Valerie kennt keine Gnade.

„Oh doch. Du hast es mir versprochen! Und jetzt bewegst du deinen süßen Arsch gefälligst zurück in die Bibliothek, gehst zur Toilette, ziehst dich um und frischst dein Make-up auf. Danach gehen wir zwei aus und betrinken uns wie geplant, weil wir heute die letzte Prüfung für dieses Semester hinter uns gebracht haben. Schön brav sein, hörst du?“

Grummelnd und leise fluchend nehme ich ihr die Tasche aus der Hand und gehe mich umziehen. Zugegeben, ich habe es ihr versprochen. Allerdings kann ich mein Bett bis hierher nach mir rufen hören und es lockt ständig damit, wie warm, weich und gemütlich es ist.

Es hilft trotzdem nichts. Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob das Toilettenfenster wohl groß genug ist, um einfach abzuhauen. Aber dann fällt mir ein, dass ich bei dem Versuch, dort hinauszuklettern, genau neben dem Haupteingang herauskommen und vermutlich wortwörtlich in Valeries Arme fallen würde.

Mit einem ergebenen Seufzen öffne ich die rosa Plastiktüte und inspiziere die Klamotten, die Val mir eingepackt hat. Wenn ich bislang gedacht habe, dass simples Ausgehen nach einem anstrengenden, langen Tag das Schlimmste ist, das mir passieren könnte, muss ich nun feststellen, dass ich mich geirrt habe. Valerie war nämlich nicht an meinem Kleiderschrank, um mir etwas Passendes für heute Abend herauszusuchen, sondern an ihrem. Und das bedeutet, dass die Sachen für meinen Geschmack viel zu knapp und viel zu sexy ausfallen und ich mir heute Abend zu allem Überfluss auch noch den Arsch abfrieren werde. Da aber selbst ich einsehe, dass ich schlecht mit meiner dicken Wollstrickjacke und meinen ältesten Jeans ausgehen kann, zumindest in keinen der Läden, in die Val mich vermutlich gleich schleifen wird, schließe ich mich letztlich kopfschüttelnd in einer der beiden Kabinen auf der Toilette ein.

Frierend schlüpfe ich aus meinen warmen Klamotten und tausche sie gegen ein graues Stückchen Satin, das vorne artig hochgeschlossen ist und hinten nur aus drei seidigen Bändern besteht, die man im Nacken, über dem BH-Verschluss und kurz über der Hüfte zu Schleifen zusammenbindet.

Wenn das mal nicht optimal bei Minustemperaturen ist.

Die blöden Bänder zuzubinden ist eine Herausforderung für sich. Vielleicht hat Valerie gehofft, ich würde halbnackt auf die Straße kommen, um sie um Hilfe zu bitten. Wundern würde mich das jedenfalls nicht. Nach ein paar Verrenkungen, die vermutlich für Außenstehende nach mittelschweren Krämpfen aussehen würden, gelingt es mir aber schließlich selbst, das aufwendige Kleidungsstück zu schließen. Sogar mit einem Doppelknoten, sicher ist sicher.

Dazu hat meine durchgeknallte Freundin mir eine enge schwarze Hose und ein paar schwarze Stiefel eingepackt. Letztere gehören zumindest mir und haben somit eine halbwegs bequeme Laufhöhe. Im Anschluss frische ich mein Make-up vor dem Spiegel ein bisschen auf und ziehe mir Strickjacke und Wintermantel wieder über, um mir draußen nicht den Tod zu holen.

 

Als ich zehn Minuten später wieder zurück zu Valerie gehe, wartet sie im Eingangsbereich der Bibliothek zwischen Innen- und Außentür auf mich. Vermutlich hat sie unter ihrer Daunenjacke noch knappere Sachen an als die, die sie mich zu tragen zwingt, und hat Angst, beim Warten in der Kälte tiefgefroren zu werden.

„Braves Mädchen“, sagt sie, als sie mein nun stärker geschminktes Gesicht sieht. Dann hakt sie sich bei mir unter, vermutlich um jeden Gedanken an eine Flucht gleich im Keim zu ersticken.

Es ist nicht so, als würde ich nicht gern mal ausgehen und ein bisschen Spaß haben. Nur leider unterscheiden sich Vals und meine Vorstellungen von Spaß signifikant.

Meistens sind die Abende mit ihr für etwas weniger extrovertierte Gemüter wie mich in erster Linie vor allem eines: sterbenspeinlich.

Lässt man sie den Abend planen, landet man mit ihr in der nächsten Karaokebar und wird dazu gezwungen, ein Duett mit ihr zu singen. Sie hat mich auch schon mal auf eine Menstrip-Show gezerrt und es irgendwie geschafft, dass ich zu dem selbstverliebten Stripper mit auf die Bühne musste, um ihm beim Ausziehen zu helfen. Während sie selbst, mich lauthals anfeuernd, fröhlich im Publikum stand. Mit Grauen erinnere ich mich auch an den Abend, an dem sie mich dazu genötigt hat, mit ihr auf dem Tresen zu tanzen. Zum Glück hatte ich mich vorher wenigstens für die lange Hose anstelle des kurzen Rocks entschieden, den sie mich zu tragen überreden wollte. Seltsamerweise bin ich immer schon mitten in der peinlichen Situation, bevor mein Gehirn überhaupt registriert, dass es eventuell sinnvoll gewesen wäre, mich zu wehren.

Und auch wenn ein Abend, an dem Valerie und ich zusammen ausgehen, ein bisschen konventioneller verläuft, ist es immer noch alles andere als entspannend.

Für sie ist ein Abend erst dann erfolgreich, wenn man sein Bett frühestens im Morgengrauen sieht, man kein Gefühl mehr in den Füßen hat, weil sie in den hochhackigen Schuhen beinah abgestorben sind, und man mindestens vier Telefonnummern von bis dato unbekannten Typen in der Tasche hat. Nicht, dass sie jemals einen davon anrufen würde! Ich habe die Theorie, dass sie heimlich in irgendwen verliebt ist und es mir nicht verraten will, aber sammeln tut sie die Nummern trotzdem.

Mit Valerie auszugehen ist dementsprechend anstrengend, feuchtfröhlich bis entsetzlich peinlich und langwierig. Außerdem wird es meistens teuer, zumindest für mich. Val schafft es im Normalfall, sich den ganzen Abend einladen zu lassen, während ich daneben stehe und den hässlichen Freund von ihrem gut aussehenden Telefonnummernopfer zwecks Ablenkung überlassen bekomme und meine Getränke sicherheitshalber selbst bezahle. Nicht dass sich der arme Kerl hinterher falsche Hoffnungen macht. Es ist jedes Mal wieder wie in einem schlechten Film. Einem ziemlich schlechten, um genau zu sein.

Um es deutlich zu machen: Ich mag Valerie wirklich sehr, aber ich gehe nicht wirklich gern mit ihr aus. Nie. Und an Tagen wie heute schon gar nicht.

Aber leider habe ich es ihr tatsächlich versprochen. Es war unser Kompromiss. Sie lässt mich während der Lernphase in Ruhe und dafür gehe ich mit ihr weg, wenn alle Prüfungen für dieses Semester hinter uns liegen.

Und dieser Tag ist leider genau heute.

Resigniert stapfe ich hinter Valerie her und denke mit Grauen daran, was ich wohl Ende des nächsten Semesters mit ihr werde machen müssen, wenn wir nicht nur unsere ganz normalen Klausuren, sondern unsere Abschlussprüfungen und damit unser ganzes Studium hinter uns haben.

Allein bei dem Gedanken daran durchläuft ein Schaudern meinen Körper.

Denk lieber gar nicht erst darüber nach, Hope.

 

 

Kapitel 2

 

Gähnend und frierend sitze ich in der Bar, in die Val mich gezwungen hat zu gehen. Wir sind für diesen Schuppen völlig overdressed und ich überlege seit mehreren Minuten, ob ich mir nicht doch meine Strickjacke wieder überziehen soll.

„Denk nicht mal dran“, zischt Valerie, als könne sie meine Gedanken lesen.

Während sie mit einem kunterbunten Cocktail in der Hand am Tresen lehnt und sich nach Beute umschaut, bestelle ich mir ein Bier und beobachte eine Gruppe von fünf Typen beim Dartspielen. Irgendwann folgt Vals Blick dem meinen und ein zufriedenes Grinsen macht sich auf ihrem Gesicht breit.

„Hope …“, flötet sie entzückt, packt mich am Handgelenk und zieht mich in Richtung der Dartspieler. Ich stolpere ein paar Schritte in die Richtung, in die sie mich zieht und realisiere erst dann, was sie genau vorhat – wie immer zu langsam.

„Oh nein! Bitte, bitte nicht“, flüstere ich ihr zu, doch sie zieht mich erbarmungslos weiter.

„Oh doch, Hope! Wir haben es verdient, uns ein bisschen zu amüsieren. Also sei schön brav und tu so, als wärst du tatsächlich so blöd, wie du blond bist, und alles wird gut. Nicht wieder die Intellektuelle raushängen lassen, okay? Die Jungs mögen das nicht.“

Unsanft zieht sie mich am Handgelenk hinter sich her, bis wir bei ihren potenziellen Opfern angekommen sind.

„Dürfen wir mitspielen, Jungs?“

Oh nein, bitte nicht.

Wenn sie Dartspielen will, dann um Geld. Und weil Valerie und ich in einem kleinen Kaff groß geworden sind und ihr Großvater ein Waffennarr war, haben wir von klein auf mit allem zielen und treffen gelernt, das auch nur ansatzweise an eine Waffe erinnert. Ich habe die Jungs vorhin beim Spielen beobachtet. Wir müssten schon sehr betrunken sein, um gegen die nicht zu gewinnen. An sich wäre das ja auch alles kein Problem, aber die letzten beiden Male, als Valerie auf diese Idee gekommen ist, sind wir beinah verprügelt worden und man hat uns des Betrugs bezichtigt. Ich bin in dieser Beziehung also wohlweislich vorsichtig geworden.

„Hope und ich spielen zusammen gegen die beiden Besten von euch. Und die Verlierer laden die Gewinner auf die nächsten drei Runden ein!“ Vals üppige Lippen schließen sich feuchtglänzend um den Strohhalm ihres Drinks und ich könnte schwören, dass mindestens einer der Typen anfängt zu sabbern.

„Val, ich denke nicht, dass das so eine gute Idee ist …“, wende ich vorsichtig ein. Auf Streit mit einer Horde schon leicht angetrunkener Kerle habe ich heute Abend wirklich keinen Bock. Ohnehin habe ich ja auf den ganzen Abend keinen Bock.

„Hast wohl Schiss zu verlieren, Kleines? Vor mir musst du keine Angst haben, Süße. Ich beiße nicht, auch nicht, wenn du verlierst. Es sei denn, du bittest mich darum.“

Ich kann ein gelangweiltes Gähnen nicht unterdrücken. Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachte ich den jungen Mann genauer, der sich offenkundig für besonders witzig hält. Er ist langweilig. Und er trägt ein T-Shirt auf dem steht „Ich bin gut zu VÖGELN“. Innerlich verdrehe ich die Augen. Wenn so ein wortgewandter Scherzkeks unbedingt von uns beim Dartspielen abgezockt werden will, dann kann er das haben. Irgendwann muss auch mal Schluss sein mit dem Gutmenschentum. Ich meine, man muss ja niemanden vorsätzlich provozieren, aber wenn jemand förmlich darum bettelt, ein paar aufs Maul zu bekommen … Wer bin ich denn, dass ich ihm das verwehren würde? Aber solche Typen zu ertragen, schaffe ich nicht, ohne vorher Alkohol getrunken zu haben. Und zwar mehr als nur ein halbes Bier.

„Passt auf, Ladys. Ihr spielt eure kleine Mädchenrunde da schnell zu Ende und dann steigen Val und ich mit ein, okay? Aber ich habe keinen Bock, um die nächsten drei Runden zu spielen, ich finde es nämlich langweilig hier und will schnell wieder weg. Wie wäre es stattdessen mit zwanzig Dollar von jedem?“ Zustimmendes Nicken folgt und ich bin überaus zufrieden, dass es für uns lukrativ sein wird, ich aber gleichzeitig nicht gezwungen sein werde, den halben Abend mit diesen Trotteln zu verbringen, nur um meinen Gewinn einzulösen.

„Sehr schön. Ich gehe mir in der Zwischenzeit schnell was zu trinken holen. Macht mal keinen Blödsinn, bis ich zurück bin!“ Nach einem Blick auf Valerie, die mir gut gelaunt zuzwinkert, und einem Blick in die Runde der Jungs, deren Gesichter zwischen Belustigung und Verwirrtheit so ziemlich jede Gefühlsregung zeigen, drehe ich mich um und gehe zur Bar.

„Was darf’s denn sein?“ Freundlich lächelt der Barmann mich an.

„Einen doppelten Scotch bitte. Ohne Eis!“ Kurz überlege ich, ob ich nicht gleich zwei davon bestellen soll, befürchte aber, das könnte einen schlechten Eindruck erwecken.

Obwohl, bei wem denn schon?

Schulterzuckend bestelle ich gleich noch einen zweiten.

So ausgerüstet gehe ich langsam zurück zu Valerie und unseren Opfern.

 

+++

Jonathan Petterson lehnt sich gemütlich in seinem Stuhl zurück und beobachtet das Spektakel. Die kleine Blonde kommt gerade mit zwei doppelten Whisky zurück und stürzt den ersten hinunter, als könnte sie das alles nüchtern nicht ertragen. Er hat sie schon mal in irgendeinem Seminar gesehen, als er noch zur Uni gegangen ist … Hope heißt sie, wenn er sich richtig erinnert.

Grübelnd fragt er sich, wie die Jungs nur so arrogant und dumm sein können, zu glauben, dass sie auch nur die kleinste Chance gegen die beiden Mädels haben werden. Jeder Vollidiot hätte erkennen müssen, dass es eine Falle war und die Brünette der beiden nie jemanden herausgefordert hätte, wenn sie sich nicht absolut sicher wäre zu gewinnen. Warum sollte sie auch? Mit so einem plumpen Spruch Männer aufzureißen, hat mit Sicherheit keine der beiden nötig.

Und tatsächlich kommt es, wie es kommen musste: Die Jungs gewinnen nicht eine Runde. Und das, obwohl sie ihre angeblich besten Männer an den Start geschickt haben.

Die beiden Mädels sind wirklich gut und haben ziemlich viel Übung. Was nicht wirklich eine große Überraschung ist. Die Gruppe beim Spielen zu beobachten, ist ein wahres Fest. Den Unglauben auf den Mienen der Jungs, der nach und nach in Ärger umschlägt, und die ruhige Gelassenheit auf den Gesichtern der Frauen, die sich mit der Zeit in leisen Triumph umwandelt. Dazu Hopes durchaus hübsch zu betrachtender Rücken, der von dem Oberteil, das sie trägt, eher, und das nicht gerade subtil, in Szene gesetzt als verdeckt wird …

Eigentlich war John genervt, weil er mit Frank verabredet war, der ihn offenkundig versetzt hat. Aber jetzt könnte er sich weitaus schlimmere Arten vorstellen, sich die Wartezeit zu vertreiben.

Die Jungs werden immer ärgerlicher, einer von ihnen sieht fast so aus, als würde er sich später heimlich in den Schlaf weinen müssen, während sich auf den Gesichtern der Mädchen zunehmend ein Strahlen ausbreitet.

Nachdem sie haushoch gewonnen haben, sammelt Hope gut gelaunt ihr Geld ein, um sich dann mit ihrer Freundin in eine Ecke zu verziehen und ihren Whisky auszutrinken. Die Dunkelhaarige entdeckt schon bald offenbar ein paar Bekannte, die gerade hereinkommen und denen sie fröhlich zuwinkt. Hope sieht weniger begeistert aus und verabschiedet sich nach kurzer Zeit von den anderen.

Erst als sie ihren Mantel nimmt und sich anzieht, bemerkt John, dass er nicht der Einzige ist, der sie beobachtet. Der Typ mit dem bekloppten T-Shirt, den sie vorhin besiegt hat, steht auf und folgt ihr, als sie die Bar verlässt.

Scheiße, das wird Ärger geben!

Es wirkt nicht gerade so, als würde er ihr folgen, um ein nettes Pläuschchen mit ihr zu halten …

Fluchend steht John auf und geht den beiden hinterher.

 

Draußen angekommen sieht er, wie der Typ Hope die Hand auf die Schulter legt und sie sich erschrocken umdreht.

Die beiden reden aufgebracht miteinander, aber John ist noch zu weit weg, um verstehen zu können, worum es genau geht. Allerdings kann er sehen, dass es dabei alles andere als freundlich zugeht.

Als der hässliche T-Shirt-Typ Hope am Arm packt, um sie zu sich heranzuziehen, fängt John an zu laufen. Die eine Hand des dämlichen Wichsers landet auf Hopes Brüsten, mit der anderen versucht er sie immer noch festzuhalten.

„Hey!“, ruft John laut und im selben Moment krümmt sich der Typ zusammen und hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Eier.

+++

 

Heiß pumpt Adrenalin durch meine Adern.

„Dämlicher Wichser!“

Ich schaue auf ihn hinab, als er sich auf den Boden fallen lässt. Der Tapferste ist er wirklich nicht gerade. Der Drang, ihm auch noch mal kräftig in die Rippen zu treten, während er sich zu meinen Füßen zusammenkrümmt, ist groß, aber so hinterhältig bin ich dann doch nicht. Obwohl er es verdient hätte.

Bevor ich es mir doch noch einmal anders überlegen kann, steht ein weiterer Typ neben mir. Kampfbereit drehe ich mich zu ihm um, während er in einer kapitulierenden Geste die Hände hochnimmt.

„Hey, ich bin einer von den Guten!“ Er ist ein bisschen aus der Puste und sein Atem bildet kleine Dampfwölkchen in der kalten Winterluft. Er sieht nicht aus wie einer von den Guten, wirklich nicht. Mit einem schnellen Blick registriere ich jede Menge schwarzes Leder, dunkles Haar und noch dunklere Augen. Ich kenne ihn, er hat mal an meiner Uni studiert. Das ist John Petterson, Sänger in irgendeiner Rockband. Letztes Jahr hat er deshalb sein Studium abgebrochen.

„Alles okay bei dir?“ Besorgt mustert er mich und ich nicke nur.

„Aber bei ihm nicht.“ Ich mache eine Bewegung in Richtung des Typen im Schnee, der sich immer noch krümmt und leise wimmert.

„Die dämliche Schlampe hat mir in die Eier getreten“, presst der Idiot jetzt zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Wenn er schon wieder in der Lage ist zu schimpfen, hätte ich wohl lieber ein bisschen fester zutreten sollen!

„Erstens habe ich nicht getreten, sondern lediglich mein Knie hochgezogen. Zweitens bist du ein so erbärmlicher Feigling, dass es mich wundert, dass du überhaupt Eier hast …“ Tief hole ich Luft, um weiterschimpfen zu können, werde dann aber von Jonathans amüsiertem Lachen abgelenkt und mein Blick wandert zu ihm. Im schwachen Licht der Straßenlaterne wirken seine Augen so dunkel, dass sie beinah schwarz aussehen und ich starre ihn fasziniert an.

„Und drittens?“

„Wie bitte?“, frage ich wie ein debiler Volltrottel und starre noch immer.

„In deiner Aufzählung … wenn man ‚Erstens‘ und ‚Zweitens‘ sagt, dann folgt in der Regel auch noch ein ‚Drittens‘.“

„Drittens war selbst mein Knie in seinen Eier für meinen Geschmack noch zu viel Körperkontakt“, beeile ich mich zu sagen, um meine Würde zu bewahren.

„Amen, Schwester“, schließt John ganz trocken.

Mein Opfer liegt immer noch am Boden und krümmt sich und langsam drängt sich mir der Eindruck auf, dass er es ein bisschen übertreibt.

„Du solltest mal lieber reingehen. Deine Kumpels vermissen dich bestimmt schon und du willst doch sicher nicht, dass sie mitbekommen, dass du dich von einem Mädchen, das schätzungsweise die Hälfte von dir wiegt, hast fertigmachen lassen!“ John steht so vor ihm, als könne er sich kaum zurückhalten, ihn unsanft mit der Fußspitze anzustupsen, was tatsächlich Wirkung zeigt, denn unter theatralischem Stöhnen richtet sich der Typ nun auf, um sich zurück in Richtung Bar zu schleppen.

Als er weg ist, atme ich erleichtert auf. Der Schreck sitzt mir immer noch ganz schön in den Gliedern. Von solchen Situationen hatte ich bisher nur theoretisch Ahnung und ich weiß auch nicht, wie weit er tatsächlich gegangen wäre. Vermutlich war das alles vergleichsweise harmlos, aber dennoch ist es eine Erfahrung, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können. Ich spüre, dass meine Beine anfangen zu zittern.

Du bist ein Weichei, Hope! Es ist doch gar nichts passiert. Und vorbei ist es jetzt auch.

„Ist wirklich alles okay bei dir?“ John sieht mich besorgt an, und kommt ein bisschen näher.

„Ja, mir geht’s gut. Danke. Ich … habe nur einen Schreck bekommen. Vielen Dank für deine Hilfe!“

Er gibt einen amüsierten Laut von sich. „Ich hatte eher nicht den Eindruck, dass du meine Hilfe wirklich gebraucht hättest. Die hätte schon eher der Typ gebraucht, dem du so elegant in die Eier getreten hast.“

„Nicht getreten. Es war mein Knie“, wiederhole ich meine Worte von vorher.

„Ich vergaß. Verzeihung bitte!“ Eine angedeutete Verbeugung folgt und ich muss schmunzeln. Dann wird John wieder ernst. „Soll ich dich nach Hause begleiten? Leider gibt es ziemlich viele Idioten auf dieser Welt und um diese Zeit solltest du wirklich nicht mehr allein unterwegs sein.“

„Ich kann ganz gut selbst auf mich aufpassen!“ Meine Stimme klingt aggressiver, als ich es beabsichtigt habe, deshalb füge ich schnell hinzu: „Trotzdem vielen Dank für dein Angebot.“

In diesem Moment beginnt mein Magen zu knurren, und zwar laut und deutlich vernehmbar.

Mist!

Ich habe den ganzen Tag kaum etwas gegessen und irgendwie scheint mein Körper auf überstandene Schreckerlebnisse mit dem Verlangen nach Energiezufuhr zu reagieren. Das Knurren ist nicht zu überhören, auch nicht für John, der jetzt anfängt zu lachen.

„Komm. Wenn ich dich schon nicht nach Hause begleiten darf, dann lass mich dich wenigstens in das nächste Diner einladen. Von dort aus ist es auch nur ein Katzensprung bis zum Studentenwohnheim. Da wohnst du doch, oder?“ Fragend legt er den Kopf schief.

Erstaunt schaue ich ihn an. Wo ich wohne ist kein Geheimnis, die halbe Uni wohnt in meinem Wohnheim. Dass er das weiß, erstaunt mich allerdings trotzdem. Schließlich nicke ich, als Zustimmung zum Wohnort, will dem Rest aber widersprechen, doch er unterbricht mich.

„Du kannst auf keinen Fall Nein sagen. Als ich gesehen habe, wie der komische Vogel dir gefolgt ist, hat alles in mir auf den „Rettet die Jungfer in Not“-Modus umgeschaltet. Nachdem du dich nun aber selbst gerettet hast, lass mich dir wenigstens etwas zum Essen besorgen. Alles andere würde schwere Wunden in meinem männlichen Ego hinterlassen. Und ein schwer verwundeter Mann pro Abend sollte doch in deiner Statistik genügen, oder?“ John hebt die Schultern, was bei ihm aber eher fragend und ein wenig provokant als unsicher aussieht.

Amüsiert betrachte ich ihn einen Moment.

„Würdest du dich auch auf dem kalten Boden wälzen und wimmern wie der andere Typ, wenn ich jetzt Nein sage?“

Seine Zähne blitzen weiß auf, als sich sein Mund zu einem diabolischen Lächeln verzieht.

„Den Gefallen tue ich dir nicht.“

Mit schief gelegtem Kopf betrachte ich ihn noch einmal eingehend.

„Dann ist es ja langweilig. Wenn du dich nicht für mich im Dreck wälzt und mir zu Füßen liegst, kann ich auch einfach Ja sagen.“

Zufrieden lächelnd streckt er mir seinen Arm hin, sodass ich mich bei ihm unterhaken kann.

„Dann kommt, holde Maid.“

Etwas zaghaft schiebe ich meinen Arm unter seinen und gemeinsam gehen wir zu dem kleinen Diner gleich um die Ecke.

Eigentlich solltest du klüger sein und nicht einfach so mit fremden Männern mitgehen, Hope!

Aber ganz fremd ist er ja gar nicht. Immerhin habe ich ihn in der Uni schon ein paar Mal gesehen, bevor er letztes Jahr sein Studium abgebrochen hat. Ich durchforste mein Gehirn nach Informationen über ihn. Weil ich jedoch über den neuesten Tratsch meistens nicht sonderlich gut Bescheid weiß, sind die Informationen rar gesät. Seine Band heißt Sick Theories und angeblich sollen sie kurz vor dem großen Durchbruch stehen. Aber das tun sie doch fast alle irgendwie … Er ist ein bisschen älter als ich, vierundzwanzig, vielleicht auch schon fünfundzwanzig. Und er riecht gut. Verdammt, warum riecht der Kerl nur so gut? Er riecht nach Leder und nach dunklen Gewürzen, nach Ingwer oder so etwas. Ich ertappe mich dabei, wie ich tief einatme, um seinen Duft besser in mir aufnehmen zu können. Und dann noch einmal. Irgendetwas in meinem Körper reagiert darauf, auf eine Art, die mich plötzlich nervös werden lässt. Was mache ich hier eigentlich? Ist doch egal, wie er riecht. Ich lecke mir über die Lippen und drehe dann, ärgerlich über mich selbst, meinen Kopf ein bisschen von ihm weg. John wirft mir einen vielsagenden Seitenblick zu und ich könnte schwören, dass er genau weiß, was gerade in mir vorgeht.

Als wir an der Tür des Diners angelangt sind, beugt er sich plötzlich zu mir.

„Würde es dir eigentlich gefallen, wenn ich dir zu Füßen läge, Hope?“ Seine Stimme ist plötzlich ganz tief und in meinem Kopf machen sich Bilder breit, die mich eine entzückte Gänsehaut bekommen lassen.

Aber was soll man auf so eine Frage schon antworten?

Ich ziehe meine rechte Augenbraue in die Höhe und schenke ihm ein Lächeln, bevor ich wortlos das Diner betrete.

 

 

 

Kapitel 3

 

Im Diner ist es warm und hell, nach der Kälte und Dunkelheit draußen ist der Kontrast im ersten Moment beinah unangenehm.

Blinzelnd schäle ich mich aus meinem Mantel, lasse aber meine Strickjacke an. So warm ist es dann doch wieder nicht und außerdem käme ich mir in meinem sexy Satinoberteilchen hier deutlich deplatziert vor.

Müde kommt die Kellnerin an unseren Tisch geschlurft und reicht uns wortlos die Karte, um danach genauso unmotiviert wieder in Richtung Tresen zu verschwinden.

„Was möchtest du essen?“ Ich kann nur Johns Augen erkennen, die über der Karte hervorblitzen.

„Eigentlich möchte ich nur einen Tee.“

„Du meinst, der wird gegen dein Magenknurren helfen?“

Ich zucke mit den Schultern. Hunger habe ich schon, aber irgendwie ist es mir unangenehm, mich von ihm einladen zu lassen.

„Okay.“ Energisch klappt er seine Karte zu und nimmt mir meine aus der Hand. „Dann bestellen wir für dich einen Tee und für mich so viel Essen, dass ich es allein nicht schaffe und du mir beim Aufessen helfen musst.“

Als die Kellnerin erneut an den Tisch kommt, bestellt John die halbe Speisekarte. Und für mich einen Tee.

„Welchen?“ Die Kellnerin scheint keine Freundin großer Worte zu sein.

„Fenchel, bitte. Falls es den gibt.“

Kommentarlos schlappt sie weg und knallt uns fünf Minuten später die Getränke auf den Tisch, weitere acht Minuten später folgt das bestellte Essen. Nachdem es erst einmal auf dem Tisch steht, kann ich mich nicht zurückhalten und stopfe gierig Pommes und Chickenwings in mich hinein.

John scheint sehr zufrieden mit sich und seinem Plan, und beobachtet mich wohlwollend beim Essen.

Zwischendrin nippe ich an meinem Tee, alles unter Johns aufmerksamem Blick.

„Ich verstehe nicht, wie man das Zeug freiwillig trinken kann. Fencheltee! Den musste ich als Kind immer trinken, wenn mir schlecht war oder ich gekotzt hatte.“

Bedächtig stelle ich die Tasse wieder auf den Tisch.

„Ich mag ihn. Der Tee beruhigt meinen Magen. Und mit ein bisschen Süßholz und Minze zusätzlich würde er sogar richtig gut schmecken.“

„Aha.“

„Echt jetzt.“ Auch wenn das saudumm ist, macht mich diese Unterhaltung plötzlich verlegen. So, als würde ich zugeben müssen, dass ich immer noch mit Barbies spiele. Oder als Hobby Briefmarken sammle. Eben so, als wäre ich furchtbar langweilig. Welcher erwachsene Mensch trinkt schon Fencheltee?

Meine Mutter trinkt auch welchen.

Okay, ich korrigiere meine Frage: Welcher erwachsene Mensch, der außerdem über solche Attribute wie aufregend, cool, interessant oder anziehend verfügt, trinkt schon Fencheltee? Und da fällt mir keiner ein. Nicht ein einziger.

Aber ich habe mich vorhin aufgeregt und der warme Tee beruhigt nun mal meinen Magen. Und mich während eines Essens mit John Petterson übergeben zu müssen, wäre vielleicht auch nicht unbedingt als lässig zu bezeichnen. Dann eindeutig lieber der langweilige Tee.

Da ich nicht weiß, über was ich reden soll, esse ich einfach schweigend. Das soll ja bei manchen Menschen ohnehin für gute Manieren stehen. Mir ist sowieso nicht ganz klar, warum ich mir überhaupt so viele Gedanken darüber mache, was Jonathan so alles über mich denken oder auch nicht denken könnte. Natürlich ist er total angesagt und war bestimmt früher schon immer der Coolste auf dem Schulhof. Kritisch beobachte ich ihn beim Essen. Er hat ein schönes, markantes Gesicht mit herben Zügen. Wenn er lächelt, kann man erkennen, dass sein rechter Schneidezahn ein bisschen schief ist. Komischerweise macht ihn dieser Makel eher interessanter, als dass er störend wirken würde. Obwohl John ständig auf der Bühne und mitten im Rampenlicht steht, ist er jetzt ruhig, beinah in sich gekehrt. Eher der einsame Krieger als der draufgängerische Rockstar. Aber er ist natürlich absolut gar nicht mein Typ. Ich stehe eher auf Intellektuelle mit seriösen Berufen und guten Manieren. Auf Männer, die man ohne Bauchschmerzen auch zu einem Kaffeekränzchen bei seiner Großmutter mitnehmen könnte.

Auf Kerle, die genauso langweilig sind wie du selbst, Hope!

Ärgerlich versuche ich, die bösartige Stimme in meinem Kopf zu ignorieren. Bodenständig, nicht langweilig. Das sind zwei grundverschiedene Begriffe. Und außerdem: Was bitte ist verwerflich daran, wenn man gern ein bisschen Sicherheit haben will? Ich finde das völlig in Ordnung so.

Interessiert beobachte ich John weiter. Seine Essmanieren sind tadellos, was mich erstaunt. Sie stehen im krassen Gegensatz zu seinem Äußeren, das so sehr nach hartem Kerl schreit. Wenn ich ihn nicht genauer beobachtet hätte, wäre mir das vor lauter groben Silberringen an seinen Fingern und den Tätowierungen, die unter den hochgeschobenen Ärmeln seines Shirts zum Vorschein kommen, gar nicht aufgefallen. Dabei hätte ich mich für viel weniger vorurteilsbelastet gehalten!

Gute Manieren. Die standen doch auf deiner Liste!

Aber es ist ohnehin albern, dass ich mir über so etwas Gedanken mache, immerhin haben wir ja kein Date oder so etwas in der Art.

Und warum bist du dann so nervös, als hättest du eins?

Plötzlich fühle ich mich gar nicht mehr so wohl und bin mit einem Mal todmüde. Jetzt erinnere ich mich wieder daran, wie anstrengend der heutige Tag gewesen ist und kaum, dass es mir wieder einfällt, will ich dringend in mein Bett. Vielleicht liegt es daran, dass ich das erste Mal heute ein bisschen zur Ruhe gekommen bin, aber ich fühle mich auf einmal wieder fix und fertig und kann ein Gähnen nicht unterdrücken.

„Ich sollte dringend schlafen gehen!“

„Warte kurz!“ Während John bezahlt, ziehe ich mir meinen Mantel über.

„Fliehst du etwa vor mir?“, fragt er mich, als er zum Tisch zurückkommt und ich dort fix und fertig angezogen auf ihn warte. Er sieht irgendwie amüsiert aus.

„Du hast doch vorhin gesehen, was ich mit bösen Jungs anstelle. Wenn hier jemand einen Grund zum Fliehen hat, dann bist das wohl eher du.“

Gut gemacht, Hope. Niemals Schwäche zeigen. Die bösen Jungs können Angst bestimmt riechen. Und bevor du dich versiehst, liegst du flach!

Flachliegen!

Meinem Körper scheint der Gedanke zu gefallen, sich von diesem bösen Jungen flachlegen zu lassen, denn er reagiert mit einem warmen Kribbeln an ziemlich eindeutigen Stellen.

So habe ich das doch nicht gemeint …, versuche ich meinen gedanklichen Freudschen Versprecher vor meinem Körper wieder richtigzustellen. Aber der kribbelt nur völlig unbeeindruckt weiter.

 

+++

Aus der Nähe betrachtet ist die Kleine wirklich noch niedlicher als gedacht. Ein bisschen brav vielleicht, da kann auch das sexy Oberteil nicht drüber hinwegtäuschen. Und wenn sie diesen strengen Gouvernantenblick aufsetzt, dann ist er sich nicht ganz sicher, ob er das unglaublich sexy findet oder ob ihm das Angst einjagt. Zweimal hat er sich dabei ertappt, sich unter ihrem gestrengen Blick unwillkürlich gerade hingesetzt zu haben, als wäre er ein kleiner Sonntagsschüler.

Trotzdem hat sie was. Das blonde, lange Haar, die gewittergrauen Augen mit den vielen bunten Flecken darin und einer kleinen Spur von Silberblick … Und dann dieser Mund! Süß, rosig und selbst, wenn sie ihn eigentlich ganz geschlossen hat, bleibt er in der Mitte ein winziges Stück geöffnet. Aus irgendeinem Grund macht ihn das völlig wahnsinnig.

Sie reizt ihn. Und sie hat ohne Frage Schneid.

Schade, dass sie vermutlich nicht zu der Art von Frau gehört, die mal eben so mit ihm in die Kiste springen würde. Das fände er durchaus spannend – und an allem anderen hat er so überhaupt kein Interesse.

Denn wenn er etwas gerade so gar nicht gebrauchen kann, dann ist das eine Frau, die Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Oder seine Treue. Mit all dem kann er momentan nämlich absolut gar nicht dienen.

+++

 

Mein Unterbewusstsein formt am laufenden Band Sätze, in denen flachlegen das wichtigste Verb darstellt und schickt sie dann unaufgefordert an mein Bewusstsein.

Währenddessen begleitet John mich bis zu meinem Wohnheim, obwohl ich die kurze Strecke auch gut und gerne allein hätte zurücklegen können. Er hat wohl tatsächlich ziemlich gute Manieren.

Auch diesen Gedankengang nimmt mein Unterbewusstsein wieder mit Freude auf und bildet nun jede Menge Sätze mit Manieren und flachlegen, kommt dabei von den guten Manieren allerdings ziemlich schnell auf schlechte und bei schlechten Manieren scheint ihm dann alles Mögliche mit dreckig, schmutzig sowie versaut einzufallen. Flachlegen gefällt dabei offensichtlich nach wie vor so gut, dass es als wichtigstes Verb bestehen bleibt. Als John und ich endlich angekommen sind, habe ich das Gefühl, dem Wahnsinn noch nie näher gewesen zu sein. Vermutlich brauche ich eine Therapie, und zwar ganz dringend. Ungewollte Stimmen in seinem Kopf zu hören, kann einfach nicht gesund sein.

Beinah hektisch verabschiede ich mich von John. Keine zehn Minuten später liege ich endlich im Bett. Jetzt bin ich plötzlich froh, dass ich so entsetzlich erschöpft bin, denn ich kann einschlafen, ohne entsetzt darüber nachdenken zu müssen, dass ich irgendwie scharf auf John Petterson bin. Einen stadtbekannten Frauenaufreißer, Mädchenschwarm und Herzensbrecher, dessen persönliches Telefonbuch vermutlich dicker ist als das städtische, selbst wenn seins nur Telefonnummern hübscher Mädchen enthalten dürfte.

 

Kapitel 4

 

Die ganze Woche vergeht so schnell, dass ich gar nicht glauben kann, dass heute schon wieder Freitag sein soll. Es ist erstaunlich, wie schnell vierundzwanzig Stunden vorbei sein können, wenn man nur genug zu tun hat.

Tatsächlich bin ich momentan ziemlich froh darüber, dass das so ist. Denn wenn man viel zu tun hat, hat dies noch einen anderen angenehmen Nebeneffekt: Man kommt nicht dazu, sich ständig Sorgen und Gedanken über Dinge zu machen, die man ohnehin nicht ändern kann. In meinem Fall bezieht sich das weniger auf John Petterson, der für mich ohnehin nicht infrage kommt und insofern eigentlich keinen Gedanken wert ist, als auf meinen großen Bruder, der leider sehr krank ist und dem es von Woche zu Woche schlechter geht.

Samstag fahre ich nach Hause und ich weiß nicht, ob ich mich darauf freuen soll, oder ob es mir davor graut. Aber glücklicherweise habe ich auch heute keine Zeit, meine Gefühlslage diesbezüglich näher zu erforschen, denn ich bin spät dran. Viel zu spät!

Normalerweise bin ich absolut pünktlich und es kommt selten vor, dass ich mich beeilen muss. Heute allerdings war die letzte Viertelstunde, die ich noch hatte, bis ich zur Arbeit in die Bibliothek los musste, plötzlich und unerwartet vorbei. Als wäre die Zeit irgendwie schneller abgelaufen, als sie es normalerweise tut.

Zugegeben, die logischere Erklärung wäre, dass ich schlicht herumgetrödelt habe. Aber das kann natürlich auf keinen Fall sein. Ich bin super strukturiert und habe einen tollen Zeitplan. Immer. Bis auf die Male, wo es nicht so ist …

Aber ob es nun eine Gemeinheit des Universums oder vielleicht doch meine eigene Schuld war: Fakt ist, ich bin viel zu spät dran.

Zu allem Unglück muss ich vorher auch noch in den Drugstore und eine Bestellung für meine Mutter abholen. In aller Eile laufe ich auf die altmodische, gläserne Drehtür zu. Dabei suche ich aus meiner Handtasche den Zettel für ihre dämlichen Hormonpflaster heraus, die hier sagenhafte 98 Cent günstiger sind als in ihrer Apotheke vor Ort. Was es in ihren Augen völlig rechtfertigt, mich die Dinger regelmäßig besorgen zu lassen. Und jedes Mal, wenn ich zu Hause bin, fühle ich mich irgendwie zu geschwächt, um ihr zu widersprechen.

Als ich das Rezept endlich gefunden habe und wieder nach oben schaue, schaffe ich es gerade eben noch, nicht gegen die Tür zu laufen, die stehen geblieben ist, weil sie niemand mehr dreht. Ich sollte wirklich besser aufpassen. In so einer Tür einen Unfall zu erleiden, würde aussehen wie in einer schlechteren Slapsticknummer - und vor allem wäre es unglaublich peinlich.

Zum Glück gibt es mal ausnahmsweise keine Schlange vor dem Tresen und ich bin sofort dran. Nachdem ich bezahlt habe, raffe ich mein Wechselgeld und die kleine Schachtel mit den Pflastern zusammen und stürze mich wieder in Richtung Glastür. Gleichzeitig versuche ich, all meine Habseligkeiten wieder in meiner Handtasche unterzubringen. Als ich kurz aufschaue, um sicherzugehen, dass ich die Drehtür unfallfrei passiere, sehe ich etwas auf der gegenüberliegenden Seite der Tür. Jemanden, um ganz genau zu sein. Und dieser jemand ist niemand Geringeres als Jonathan Petterson. Unsere Blicke kreuzen sich und meiner bleibt fasziniert an seinem Gesicht hängen, auf dem sich ein Lächeln ausbreitet, als er mich erkennt. So sehr ich mich auch bemühe, meinen Blick wieder von ihm abzuwenden, es klappt einfach nicht. Und dann stehe ich, sozusagen plötzlich und unvermittelt, wieder im Laden drin, statt mich auf der anderen Seite im Freien wiederzufinden. Offenbar war ich so sehr mit Glotzen beschäftigt, dass ich einfach weitergelaufen bin, anstatt die Tür zu verlassen, als ich draußen angekommen war. Diese Erkenntnis schockiert mich dermaßen, dass ich nun umgehend den nächsten blöden Fehler mache: Statt einfach weiterzugehen, bleibe ich wie erstarrt stehen. Was eindeutig keine besonders gute Idee ist, wenn man in einer sich drehenden Tür steht. Unsanft knallt in exakt diesem Moment auch schon die Tür gegen meinen Po, lässt mich nach vorne stolpern und ich falle hin. Natürlich nicht ohne vorher Kleingeld, die mütterlichen Hormonpflaster sowie meine geöffnete Handtasche fallen zu lassen.

Elende, mistverdammte Scheiße!

Was würde ich jetzt für ein Erdloch geben, in dem ich mich verkriechen und umgehend in Tränen ausbrechen könnte und aus dem ich dann nie wieder auftauchen müsste!

Aber auch meine Stoßgebete helfen nicht. Kein Loch im Boden, so weit das Auge reicht. Nur hässlicher, grauer Linoleumbelag. Und ein Paar abgewetzte, schwarze Stiefel, die sich jetzt in mein Sichtfeld schieben. Ich schaue mich noch einmal um, nur um ganz sicherzugehen, dass ich auch wirklich kein Erdloch übersehen habe, dann fange ich hektisch an, meine Sachen wieder einzusammeln. Als Allererstes schnappe ich mir die verschiedenen Tampons, die ich immer in meiner Handtasche habe, und stopfe sie zurück, um sie außerhalb des sichtbaren Bereichs zu bringen. Albern eigentlich. Ich meine, jeder erwachsene Mensch weiß, dass Frauen so etwas eben ab und an brauchen, und trotzdem sorgt es jetzt dafür, dass ich rote Ohren bekommen. Auf die Tampons folgen zwei Lippenstifte, ein Labello und ein Puderdöschen. Dann meine Schlüssel. John hat sich ebenfalls gebückt und sammelt das Kleingeld für mich ein, das ich habe fallen lassen. Und … Oh nein, bitte nicht …

„Hormonpflaster gegen Wechseljahresbeschwerden, Hope? Bist du dafür nicht vielleicht doch ein bisschen zu jung?“ Seine Augenbrauen schnellen provokant und amüsiert in die Höhe.

Ich kann mich spontan an keinen Moment erinnern, in dem ich die elende Sparsamkeit meiner Mutter mehr gehasst habe als in diesem.

„Die sind für meine Mom“, murmle ich, reiße sie ihm aus der Hand und stopfe sie zu den anderen Sachen in meine Handtasche. Mit zittrigen Händen nehme ich das Kleingeld entgegen, das John mir hinhält, und bringe es diesmal sicher im Kleingeldfach meines Portemonnaies unter.

„Danke fürs Einsammeln.“ Ich klinge unsicher und piepsig und mir ist die ganze Situation so peinlich, dass ich mich kaum traue, ihm ins Gesicht zu sehen.

„Gern geschehen!“ Seine Stimme ist tief und angenehm und wieder frei von jeglicher Belustigung. Obwohl ich mir an seiner Stelle vermutlich schon den Bauch vor lauter Lachen halten müsste. Das rechne ich ihm hoch an.

Langsam wandert mein Blick hoch und trifft wieder auf Johns, der warm und freundlich ist.

„Ist alles okay mit dir? Hast du dir wehgetan?“ Er beugt sich zu mir herab und klopft Staub und Dreck von meinem schwarzen Wintermantel ab, die sich bei meinem hocheleganten Sturz dort gesammelt haben. Wenn mir die ganze Situation nicht so unendlich peinlich wäre, würde mich seine Fürsorge mit Sicherheit rühren.

„Alles in Ordnung!“ Ich versuche zu lächeln und mache dann entschlossen meine Handtasche zu. „Ich habe es ein bisschen eilig. Danke noch mal für deine Hilfe!“ Umgehend ergreife ich die Flucht und passiere die Drehtür diesmal ohne weitere Zwischenfälle und Peinlichkeiten. Aber ich bin kaum zwei Meter weit gekommen, als ich schwere Schritte in nicht minder schweren Stiefeln hinter mir höre.

„Hey, läufst du etwa vor mir weg?“ Schon ist John neben mir.

Ähm … ja.

„Nein, bestimmt nicht. Aber ich muss in dreieinhalb Minuten in der Bibliothek sein und arbeiten.“ Und der Fußweg dauert in normalem Tempo von hier aus ungefähr fünf Minuten.

„Dann begleite ich dich.“ Er klingt so entschlossen, dass ich gar nicht erst versuche, ihm zu widersprechen. „Nur um sicherzugehen, dass es dir auch wirklich gut geht. Dein Sturz gerade sah nämlich übel aus.“

„Tu, was du nicht lassen kannst.“ Ich empfinde die ganze Situation immer noch als entsetzlich blamabel. Zum Glück dauert der Weg bis zur Bibliothek nicht sehr lang.

„Ihr schließt um acht Uhr?“

Man muss wirklich kein Genie sein, um das herauszufinden, denn an der Tür hängt ein großes Schild mit den Öffnungszeiten. Also nicke ich nur zustimmend mit dem Kopf.

„Okay. Dann rufe ich dich später an. Nur um sicherzugehen, dass du deinen kleinen Unfall auch gut überstanden hast. Denn irgendwie habe ich ein wenig den Eindruck, dass ich daran nicht ganz unschuldig gewesen bin.“ In seine Augen tritt ein schelmisches, selbstgefälliges Funkeln und ein paar Sekunden lang verspüre ich den Drang, ihm kräftig gegen sein Schienbein zu treten, damit dieses Funkeln wieder verschwindet.

„Du kannst mich gar nicht anrufen, weil du meine Telefonnummer nicht hast!“

Hah!

In meiner Stimme schwingt leiser Triumph mit.

Leider hält das Hochgefühl nur so lang an, bis John mein Handy aus seiner Jackentasche zieht.

„Das hast du vorhin liegen lassen. Ich war so frei, mich kurz damit anzurufen. Jetzt hast du meine Telefonnummer und ich habe deine.“

Mist!

Verärgert reiße ich ihm mein Telefon aus der Hand und drehe mich dann wortlos um, damit ich nicht noch später komme, als es ohnehin schon der Fall ist.

 

+++

Mit verschränkten Armen und einem amüsierten Lächeln schaut John Hope nach, während sie energischen Schrittes in der Bibliothek verschwindet.

Wenn er nicht ihren Blick in der Drehtür gesehen hätte, als sie ihn vorhin entdeckt hat, hätte er geschworen, dass sie ihn nicht sonderlich gut leiden kann. Aber was er da vorhin in ihrem Blick gesehen hat, weckt endgültig den Jagdinstinkt in ihm.

Und ein Anruf kostet ihn ja schließlich nichts.

+++

 

 

Kapitel 5

 

Mit dem Handy in der Hand stehe ich frierend vor der Tür und will mich nicht bewegen, weil ich Angst habe, irgendetwas von dem, was er sagt, nicht mitzubekommen, wenn ich mich bewege. Die vernichtenden Diagnosen, die Mike heute bekommen hat, müssen auch so schon schlimm genug für ihn sein. Ich will ihm auf keinen Fall zumuten, irgendetwas davon ein zweites Mal erzählen zu müssen.

Am liebsten würde ich sofort heimfahren, aber der letzte Bus ist schon vor einer Stunde gefahren und der nächste fährt erst morgen früh wieder. Mit klappernden Zähnen schreibe ich Valerie eine SMS, vielleicht will sie morgen ja auch nach Hause und wir können zusammen mit ihrem Auto fahren. Heute hat sie einen Termin, aber ich weiß, dass sie das Wochenende frei hat.

Ich friere immer noch. Nicht mehr nur aufgrund der eisigen Winterluft. Die Kälte, die ich empfinde, kommt irgendwo aus meinem Inneren.

Ich bin so unendlich müde und erschöpft heute. Als ich mich die vielen Stufen bis zu meinem Zimmer hinaufschleppe, komme ich mir vor wie eine alte Frau. Wie eine uralte Frau. Eine Greisin, kurz bevor sie aus dem irdischen Dasein scheidet. Zutiefst ausgelaugt schließe ich die Tür zu meinem Zimmer auf. Kammer wäre vermutlich der bessere Begriff. Der Raum ist winzig. Mit Bett, Schreibtisch und Bücherregal, dem Schrank, dem Waschbecken und dem kleinen Nachttisch ist er so voll, dass man umgehend Atemnot und klaustrophobische Anfälle darin bekommen könnte. Zumindest, wenn man dazu neigen würde.

Trotzdem ist es eines der beliebtesten Zimmer im ganzen Studentenwohnheim, weil es nämlich eines der ganz wenigen Einzelzimmer ist. Und ich habe es nur bekommen, weil diejenige, die an der Uni für die Verteilung der Zimmer zuständig ist, eine alte Schulfreundin meiner Mutter ist.

Eigentlich würde ich jetzt gern duschen gehen, so heiß, dass ich es gerade so ertragen kann und so lang, dass alles an mir schrumpelig wird. Aber irgendwie fehlt mir die nötige Energie, um mich über den halben Flur bis in die Gemeinschaftsduschen zu schleppen.

Also ziehe ich mich langsam aus, schlüpfe in meinen warmen Flanellschlafanzug mit den rosa Wölkchen drauf, den ich immer dann trage, wenn sich das Leben grausam und gemein anfühlt. Müde putze ich meine Zähne und lege mich ins Bett.

Der Versuch, meine Augen zu schließen und an nichts zu denken, schlägt ziemlich schnell fehl. So erschöpft ich auch sein mag, ich kann einfach keine Ruhe finden. Außerdem fühle ich mich einsam. Ausnahmsweise bedaure ich einmal, keines der vielen Doppelzimmer im Wohnheim zu haben.

Einen Moment lang fühle ich mich so einsam und verlassen, dass ich mit den Tränen kämpfen muss. Dann klingelt mein Handy. Die angezeigte Nummer kenne ich nicht. Ich will auch gar nicht drangehen, weil mir, trotz des Gefühls des Alleinseins, nicht danach ist, mit jemandem zu sprechen.

Eher aus Reflex drücke ich trotzdem auf den Annehmen-Knopf und weil es viel zu unhöflich wäre, dann gleich wieder aufzulegen, halte ich das Telefon widerwillig an mein Ohr.

„Hallo?“ Meine Stimme klingt kalt und abweisend.

„Hi!“, kommt von der anderen Seite samtweich zurück und es dauert einen Moment, bis mein müder Verstand zugeordnet hat, wer dran ist.

„Hey, John!“ Ohne dass ich das heute Abend für möglich gehalten hätte, macht sich plötzlich ein Lächeln auf meinem Gesicht breit. Dass er anrufen wollte, hatte ich völlig vergessen. Und dass ich mich jetzt darüber freue, erstaunt mich ...

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