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Die Verschwörung der Münzer

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. Epilog
  22. Geschichtliche Anmerkungen

Über den Autor

Simon Beaufort lehrt als Historiker an der Universität von Cambridge in Großbritannien. Er hat zahlreiche Sachbücher verfasst. DIE VERSCHWÖRUNG DER MÜNZER ist der fünfte Band einer historischen Krimireihe um Sir Geoffrey Mappestone zur Zeit der Kreuzzüge. Simon Beaufort lebt mit seiner Frau, die ebenfalls eine erfolgreiche Schriftstellerin ist, in einem kleinen Dorf in Suffolk, England.

Simon Beaufort

Die Verschwörung
der Münzer

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
von Linda Budinger und Alexander Lohmann

1. KAPITEL

WESTMINSTER, OKTOBER 1102

Sir Geoffrey Mappestone kochte vor Wut. Er stand auf dem Damm am Ufer des Themsestromes, mit dem Hund an seiner Seite, und blickte finster auf die zahlreichen Boote hinab, die an ihrer Vertäuung zerrten. Vor der Audienz beim König musste er seine Gefühle in den Griff bekommen. Sein Freund, Sir Roger von Durham, beobachtete ihn besorgt und wusste nicht recht, wie er ihn beschwichtigen sollte. Eines allerdings wusste er nur allzu gut: Es wäre – ausgesprochen unklug, wenn Geoffrey vor den König trat und ihm unlautere Machenschaften vorwarf.

Roger schaute zum Himmel auf. Dunkle Wolken ballten sich über ihnen zusammen und kündigten einen weiteren Herbststurm an. Sie passten zu Geoffreys dräuender Stimmung, und Roger murmelte ein inbrünstiges Gebet, dass beide Stürme ohne Schaden vorüberziehen mögen.

Hinter den beiden Rittern lag Westminster mit der mächtigen Benediktinerabtei, ihren Kreuzgängen, Dormitorien und Refektorien und mit der herrschaftlichen Halle, die der letzte König hatte erbauen lassen. Sie zeichnete sich durch ihre bequeme Nähe zu London aus und war groß genug, um das Heer an Schreibern und Sekretären aufzunehmen, die König Henry beschäftigte. Regelmäßig berief Henry dort auch den königlichen Rat ein.

In diesen ansehnlichen Palast an der Themse war Geoffrey einbestellt worden, und hier stand er an diesem stürmischen Oktobermorgen – kalt, nass und aufgebracht.

»Ich richte dem König aus, dass du verhindert bist«, bot Roger an. Er wollte nicht länger warten, bis Geoffrey das Wort ergriff. »Ich sage ihm, du kannst dich heute nicht mit ihm treffen.«

Geoffrey starrte weiterhin übellaunig auf die Schiffe. »Warum?«

»Weil ich nicht am Galgen landen will, nur weil du Streit mit dem König anfängst«, gab Roger schroff zurück. »Wenn du aussprichst, was du denkst, tötet er dich. Und dann erzählt ihm irgendwer, dass du nicht alleine da bist, und er stöbert auch den Rest von uns auf – mich, Helbye, Uflrith und Durand. Uns räumt er dann ebenfalls aus dem Weg, nur damit jeder sieht, was mit Leuten passiert, die sich mit Verrätern einlassen.«

»Ich bin kein Verräter«, widersprach Geoffrey scharf. »Um Henry verraten zu können, müsste ich erst mal in seinen Diensten stehen. Und das ist nicht der Fall. Mein Lehnsherr ist Fürst Tankred, und nur ihm habe ich den Treueid geleistet.«

»Und Tankred hat dich davon entbunden«, sagte Roger. Er deutete auf den Brief, der Anlass für Geoffreys Ärger war. »Er hat dich aus seinen Diensten entlassen und drängt dich, stattdessen Henry den Lehnseid zu leisten. Die Anweisung ist deutlich genug.«

Geoffrey fuchtelte mit dem Schreiben vor Rogers Gesicht herum, und der Hund winselte besorgt. Geoffrey neigte sonst nicht zu Wutausbrüchen, und man erlebte ihn selten so aufgebracht. »Tankred hat das nicht geschrieben. Es war Henry!«

Roger kratzte sich am Kopf. Wie Geoffrey lehnte er die wallende Lockenpracht und geflochtene Bärte ab, wie sie gegenwärtig in Mode waren. Stattdessen war er glatt rasiert und trug auch das Haupthaar kurz. Geoffrey war hochgewachsen und kräftig, doch neben dem riesigen Roger wirkte er schmächtig.

»Aber der Brief trägt Tankreds Siegel«, wandte Roger ein. »Wie kann jemand anderes ihn abgeschickt haben?«

»Henry ließ es fälschen«, erwiderte Geoffrey. Er versuchte, geduldig zu sein. Roger neigte dazu, stets das Offensichtliche zu glauben – was voreilig war, wenn es um Männer wie Henry ging. »Tankred schickte ihm noch vor wenigen Monaten einen Brief, in dem er meine Rückkehr forderte. Den nutzte Henry als Vorlage, um Schreibstil und Siegel nachzuahmen.«

»Nein.« Roger blieb stur. »Mag sein, dass du für einen König nützlicher bist als ich – immerhin sprichst und schreibst du ein paar Sprachen. Aber so wertvoll bist du auch wieder nicht! Henry hat viele schlaue Leute an seinem Hof, und wenn du meinst, er lässt einen Brief fälschen, nur um dich in seinen Dienst zu kriegen, dann machst du dir was vor.«

Geoffrey antwortete nichts darauf. Widerstrebend gestand er sich ein, dass Roger Recht haben könnte. Henry hatte den englischen Thron an sich gerissen, nachdem sein Bruder William Rufus vor zwei Jahren bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen war, und seither hatte er sich tatsächlich mit klugen und fähigen Höflingen umgeben. Zudem legte er großen Wert auf Loyalität, die er wohl kaum von Leuten erwarten konnte, die er gegen ihren Willen in seinen Dienst presste.

»Außerdem«, fuhr Roger fort, »besitzt du neben deinem winzigen Gut an der walisischen Grenze gerade mal eine Rüstung und ein Streitross. Meinetwegen hast du Verstand und auch was gelernt, aber das ist lange nicht so viel wert, wie du glaubst.«

Geoffrey wusste nur zu gut, was der ungebildete Roger von seiner Gelehrsamkeit hielt. Als vierter Sohn mit geringer Aussicht auf ein Erbe war Geoffrey für den Dienst in der Kirche vorgesehen gewesen. Doch wie sich herausstellte, war er für ein Leben in Keuschheit und Gehorsam ungeeignet. Also hatte man ihn in die Normandie geschickt, wo er zum Ritter ausgebildet wurde, damit er sein Glück machen konnte und nicht der Familie zur Last fiel. Wie gut diese Strategie aufgegangen war, sah man nicht zuletzt daran, dass er England zwei Jahrzehnte lang ferngeblieben war.

»Es ist der Zeitpunkt, der mir zu denken gibt«, murmelte er. Viel von seinem Zorn war verraucht bei der Erkenntnis, dass Roger womöglich Recht hatte. »Wir waren schon in Southampton auf dem Schiff und wollten England gerade verlassen, als die Männer des Königs eintrafen und uns zurückbefohlen haben.«

»Dich haben sie zurückbefohlen«, berichtigte ihn Roger. »Mein Vater ist der Bischof von Durham, ein erklärter Gegner des Königs. Mich würde er nur allzu gern ziehen lassen. Er hat nur dich zurückgerufen.«

»Zurückgerufen«, wiederholte Geoffrey. »Das ist sehr höflich ausgedrückt! Sie sind mit gezückten Schwertern auf uns losgegangen und haben uns wie Gefangene hierhergeschleift. Und dann, kaum dass ich hier eintreffe, erhalte ich das da!« Wieder fuchtelte er mit dem Brief herum.

»Der kam erst hier an, nachdem Henry seine Leute hinter dir hergeschickt hatte«, erklärte Roger geduldig. »Der Bote hat dir doch alles erklärt, als er den Brief übergeben hat.«

Geoffrey beäugte das Pergament voll Abscheu. Wie konnte Roger nur so leichtgläubig sein? Für ihn war das Sendschreiben einfach das, was es zu sein schien: eine Empfehlung von Tankred, dass Geoffrey in Zukunft lieber Henry zu Diensten sein sollte; zugestellt nach Westminster, weil Tankred vermutet hatte, dass Geoffrey dort anzutreffen war.

Aber Geoffrey blieb misstrauisch. Er nahm an, dass die Schreiber des Königs ein wenig mehr Zeit gebraucht hatten, um ihre Fälschung abzurunden – der Brief war noch nicht fertig gewesen, als Henry seine Krieger ausgeschickt hatte.

»Ich könnte mir schlimmere Herren vorstellen«, fuhr Roger fort. »Henry hat jede Menge Gold, um dich zu bezahlen, und Feinde zum Kämpfen hat er im Überfluss. Was kann ein Ritter mehr wünschen?«

»Ich traue ihm nicht«, sagte Geoffrey. Wieder fühlte er den Zorn in sich aufsteigen. »Und ich will zu Tankred zurück.«

»Aber Tankred will dich nicht«, stellte Roger unverblümt fest und wies auf den Brief.

Der Wind blies heftig, und es war kalt am Ufer des Flusses. Aber Geoffrey war noch nicht bereit für eine Audienz beim König. Wenn das Schreiben tatsächlich erst eingetroffen war, nachdem er Geoffrey zurückbefohlen hatte, dann hatte die Vorladung nichts mit Tankreds Brief zu tun. In dem Falle hatte Henry etwas anderes im Sinn. Geoffrey war sich nicht sicher, ob er es erfahren wollte.

Er wanderte ein wenig am Ufer entlang bis zu einer Landungsbrücke, die weit in die graue, trübe Themse hinausragte. Er brauchte Zeit, um über den Brief, die Vorladung und die Schlussfolgerungen aus beidem nachzudenken. Gerade herrschte Ebbe, sodass nur das äußerste Ende des Steges im Wasser lag. Geoffreys schwarz-weißer Hund trottete vom Pfad hinab, um die dunklen Lücken zwischen den muschelverkrusteten Stützpfählen zu untersuchen. Plötzlich gab es dort heftige Unruhe. Der Hund bellte wild, und ein Mann rannte aus der Deckung hervor und lief davon. Unterwegs schleuderte er etwas ins Schilf. Der Hund lief nicht hinter ihm her, sondern schnüffelte aufgeregt an etwas herum.

Geoffrey war dankbar für jeden Vorfall, der sein Treffen mit dem König hinauszögerte. Vorsichtig suchte er sich einen Weg über die schlüpfrigen Ufersteine und bückte sich unter den Landungssteg. Der Hund liebte nichts mehr als eine fliehende Beute, die er hetzen konnte, und der Ritter war neugierig, was wohl interessanter sein mochte als eine solche Jagd. Dann blieb er abrupt stehen. Ein Mann lag dort, das Gesicht blutverschmiert, die Augen blicklos nach oben gerichtet.

Als Roger die Leiche unter dem Steg bemerkte, nahm er gleich die Verfolgung des Flüchtigen auf. Geoffrey hielt den Versuch für aussichtslos. Ein normannischer Ritter in voller Rüstung konnte nicht lange rennen. Rogers Jagdbeute hatte einen zu großen Vorsprung und war bald außer Sicht. Ihm blieb nichts anderes übrig, als erschöpft und enttäuscht kehrtzumachen.

»Das hat er weggeworfen«, verkündete er und ließ einen blutigen Stein vor Geoffreys Füße fallen.

»Die Mordwaffe«, vermutete Geoffrey. »Er hat seinem Opfer damit den Schädel eingeschlagen.«

»Sie waren beide Sachsen«, sagte Roger, mit Blick auf die flachsblonde Haarpracht des Toten und dessen einfach genähten Wollkittel. »Würdest du den Mann wiedererkennen, hinter dem ich hergelaufen bin?«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Ich habe sein Gesicht nicht gesehen.«

»Er hatte blondes Haar unter seinem Hut. Vermutlich waren sie beide als Bittsteller hier. Aber wir können die Leiche nicht liegenlassen. Die Flut würde sie forttragen. Bleib hier, während ich Hilfe hole.«

Als Roger fort war, fing es an zu regnen, bösartige, eisige Tropfen, die auf der Haut stachen und von einem zunehmend heftigen Wind vorangepeitscht wurden. Die Bäume bogen sich unter den Böen, und schaumgekrönte Wellen kräuselten sich auf der Themse. Während Geoffrey wartete, las er Tankreds Brief noch einmal und versuchte, sachlich zu bleiben.

Der Schreibstil war derselbe wie in den Briefen, die er in der Vergangenheit empfangen hatte, mit den gleichen, charakteristischen Schnörkeln am Buchstaben T, und wenn das Siegel nicht das von Tankred war, so stellte es eine hervorragende Fälschung dar. Doch warum sollte Tankred seinen Ritter so plötzlich verstoßen? Lag es womöglich daran, dass Geoffrey zu viel Zeit auf persönliche Angelegenheiten verschwendet und andere Männer seine Rolle als geschätzte Ratgeber eingenommen hatten? Oder weil er nicht beim ersten Mal zurückgekehrt war, als Tankred es ihm befohlen hatte? Oder stammte der Brief doch nicht von Tankred?

Geoffrey wusste nicht, was er davon halten sollte. Wenn dieser Brief allerdings eine Fälschung war und Geoffrey ihretwegen in Henrys Dienste trat, dann wäre Tankred außer sich vor Zorn. Und zwischen Tankreds aufbrausendem Temperament und Henrys Heimtücke gefangen zu sein war keine angenehme Lage.

Roger kehrte bald mit vier Soldaten zurück. Zwei machten sich gleich an eine aussichtslose Suche nach dem Täter, während die anderen den Leichnam in eine Decke hüllten und sich dabei mit Roger unterhielten.

»Der Tote ist Fardin«, erklärte einer der Männer in normannischem Französisch. »Er gehörte zu einem Haufen Sachsen, die sich gegenseitig als Verbrecher beschimpfen. Es gibt zwei Gruppen unter ihnen, die eine erbitterte Feindschaft pflegen. Meinetwegen können sie sich gern alle gegenseitig umbringen. Ich bin es wirklich leid, mir diese Klagen über die armen unterdrückten Sachsen und die normannischen Eindringlinge anzuhören.«

»Allerdings«, stimmte Roger ihm inbrünstig zu. »Es wird Zeit, dass die Sachsen sich endlich mit ihrem Los abfinden.«

»Diese Leute treiben sich schon seit einer Woche hier herum«, fuhr der Soldat fort. »Am Anfang waren sie höflich, aber der König hat sie zu lange warten lassen. Inzwischen sind sie aufgebracht und unverschämt. Es sind Geldmacher.«

»Geldmacher?«, fragte Roger verwirrt. »Ihr meint, sie verdienen viel Geld?«

»Ich meine, sie machen Geld. Sie betreiben Münzstätten in einem Ort namens Bristol, und Meister Sendi beschuldigt den Meister Barcwit, minderwertige Pennys zu schlagen. Sie hassen einander, und anscheinend haben Barcwits Leute gerade einen von Sendis Männern umgebracht.«

»Es ist wirklich schade, dass ich das Gesicht des Mörders nicht erkannt habe. Aber er sollte nicht allzu schwer zu finden sein«, sagte Roger. »Man kann keinem Menschen den Kopf mit einem Stein zertrümmern, ohne danach mit Blut bespritzt zu sein.«

Der Soldat versprach, bei Barcwits Trupp nach verräterischen Spuren zu forschen. Dann trugen er und sein Begleiter Fardin fort. Als sie weg waren, teilte Roger Geoffrey noch mit, dass der König zur Jagd ausgeritten sei, sie aber am Nachmittag empfangen wolle. Geoffrey war überrascht. Das war um einiges früher, als er erwartet hatte. Wie die zänkischen Sachsen offenbar festgestellt hatten, konnte es lange dauern, bis der König geruhte, eine Audienz zu gewähren.

»Tankred hat anscheinend gemerkt, dass er ohne dich besser dran ist«, nahm Roger ihr ursprüngliches Gespräch wieder auf, als auch sein Freund sich wieder dem Brief zuwandte. »Er liebt ein aufrichtiges Gemetzel genauso wie ich. Da will er keinen bei sich haben, der ständig Mitleid predigt. Wenn du weg bist, hat er mehr Spaß.«

»Möglich.« Geoffrey hatte Tankred schon öfter zur Nachsicht gedrängt, wenn der Fürst seine Feinde töten wollte. Aber ihre Schonung hatte sich im Nachhinein ausgezahlt und Tankred manch einen Gegengefallen eingebracht. Und einen guten Rat würde der Fürst ihm ja wohl kaum nachtragen.

Glockengeläut rief zum Essen, und Rogers Gesicht hellte sich auf. Zum Frühstück hatte es nur eine Gemüsesuppe gegeben, und das lag nun schon eine Weile zurück. Roger war also hungrig. Aber Geoffrey ärgerte sich immer noch zu sehr, um ans Essen zu denken. Trübsinnig starrte er über den Fluss, wo die Schiffe im böigen Wind an den Ankertauen rüttelten. Er fragte sich, ob ein weiterer Sturm bevorstand. Seinetwegen konnte gern ein Unwetter den Palast von Westminster dem Erdboden gleichmachen – vorzugsweise, während der König sich im Inneren aufhielt. Dann könnte Henrys älterer Bruder, der Herzog der Normandie, den Thron beanspruchen. Viele hielten ihn ohnehin für den rechtmäßigen König von England.

Aber würde es England unter dem Herzog besser gehen? Widerwillig räumte Geoffrey ein, dass dies nicht der Fall wäre. Henry war ein guter Herrscher, ungeachtet seines zweifelhaften Charakters. Bereits mehrfach hatte er gierige und korrupte Barone verbannt – Männer wie Rogers Vater und Bellême, den Grafen von Shrewsbury, zwei der verworfensten Männer der Christenheit. Diese eigennützigen, lasterhaften Adligen würden ohne Zweifel wieder an Einfluss gewinnen, wenn der liebenswürdige, aber nachsichtige Herzog an die Macht gelangte.

»Beeil dich, sonst ist nichts mehr übrig«, sagte Roger und verfolgte besorgt, wie die Leute auf die Halle zuhielten. »Diese Schreiber futtern mehr, als …«

»Da sind sie!«, hörten sie einen Ruf. »Sie haben nicht mal den Schauplatz ihres Verbrechens verlassen. Kommt!«

Überrascht beobachtete Geoffrey, wie ein halbes Dutzend Männer mit Messern und Knüppeln bewaffnet auf sie zustürmten. Ihre Kleidung wies sie als Sachsen aus, und der Anführer war ein besonders großes Exemplar mit wallenden goldenen Locken und einer überkreuz gebundenen Wickelgamasche, die ein modebewusster Normanne niemals angezogen hätte.

Diese Leute waren offensichtlich auf Ärger aus, und daher zog Geoffrey das Schwert. Allerdings bedeutete er Roger, sich zurückzuhalten. Er wollte nur kämpfen, wenn es sich nicht mehr vermeiden ließ. Diese Männer waren keine Krieger, und Geoffrey wollte Henry nicht erst mal erklären müssen, weshalb er sechs seiner Untertanen abgeschlachtet hatte.

Er wehrte den unbeholfenen Schlag des Anführers ab und stieß ihn zurück in die Reihen seiner Kumpane. Es verblüffte ihn, dass der Mann es überhaupt wagte, schwer bewaffnete Ritter anzugreifen. Er und Roger trugen unter den Kreuzfahrer-Wappenröcken eine Kettenrüstung und auf dem Kopf einen Helm. Außerdem führten sie große Schwerter und Dolche. Für Leute, die nur mit Messern und Stöcken ausgestattet waren, gaben sie furchterregende Gegner ab.

»Ihr habt Fardin umgebracht«, brüllte der Anführer und mühte sich, sein Gleichgewicht wiederzugewinnen. Seine Begleiter erkannten rasch, dass es ein aussichtsloser Kampf für sie werden würde, und hielten sich mit zitternder Hand im Zaum.

»Dieser Soldat hat uns berichtet, dass zwei normannische Ritter ihn ›gefunden‹ haben«, fauchte ein anderer, der wütend genug war, um sich nicht viel um die Erfolgsaussichten zu scheren. Er war klein und trug eigentümliche Schuhe, bei denen die Absätze höher waren als die Sohle. Ganz offensichtlich sollten sie ihn größer erscheinen lassen. »Aber wer die Leiche eines Ermordeten ›findet‹, ist so gut wie immer auch der Mörder. Das hat mein Vater mir beigebracht.«

»Und damit hatte er Recht«, antwortete Geoffrey gelassen. »Fardins Mörder war tatsächlich noch bei der Leiche, als wir darauf stießen. Mein Freund tat sein Bestes, um ihn zu erwischen, aber der Täter entkam.«

»Fardin war mein bester Münzschläger«, knurrte der Anführer. »Wie viel haben sie euch für den Mord bezahlt?«

»Niemand bezahlt mich, um jemanden zu töten«, widersprach Roger entrüstet und ungeachtet der Tatsache, dass er schon oft seine Kampfkraft an wohlhabende Auftraggeber vermietet hatte. »Ich tue das, weil es mir gefällt.«

»Aber nicht in diesem Falle«, warf Geoffrey hastig ein. »Wir haben Fardin nichts zuleide getan.«

Der kleine Bursche wirkte wenig überzeugt und wandte sich an seine Gefährten: »Er will doch nur unsere Fehde mit Barcwit weiter anfachen. Sollen wir wirklich diesen normannischen Abschaum …«

»Lifwine!«, ließ sich eine scharfe Stimme vom Weg her vernehmen. Geoffrey wandte den Kopf und sah eine Frau heraneilen. Sie trug ein blaues Kleid mit weiten, herabhängenden Ärmeln, und ein Gürtel betonte die schlanke Taille. Sie mochte in den Dreißigern sein und hielt wohl nicht viel von der Gewohnheit normannischer Frauen, das Haar unter Schleiern zu verbergen: Sie trug es in zwei langen Zöpfen von verblüffendem Weißblond.

»Adelise«, meinte der Anführer und war offensichtlich nicht sehr erfreut, sie zu sehen. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst das mir überlassen.«

Adelise klang aufgebracht. »Ich wäre dir keine gute Frau, Sendi, wenn ich dich gegen zwei Ritter kämpfen ließe, die dich in Stücke hacken würden.«

Sendi tat diesen Einwand ab. »Wir sind zu sechst, und sie sind nur zwei.«

»Aber es sind zwei erfahrene Kämpfer«, antwortete Adelise ihm kühl. »Und ihr seid das nicht.«

Die Soldaten hatten von einem »Geldmacher« namens Sendi gesprochen, und Geoffrey musterte den Sachsen aufmerksam. Dessen Kleidung war zwar so geschnitten, wie es vor dem Einmarsch der Normannen üblich gewesen war, nichtsdestotrotz war sie von guter Qualität. Die Tunika war mit Silbergarn durchwirkt, und die Fibel am Mantel bestand aus Gold. Sendi war ein vermögender Mann.

Der kleine Bursche, den Adelise als Lifwine angesprochen hatte, war nicht so vornehm gekleidet, auch wenn seine Schuhe vielleicht einiges gekostet hatten. Die übrigen Sachsen trugen einfache Gewänder. Es waren Helfer von Sendi, keine Gleichgestellten.

Adelise sprach weiter auf ihren Gemahl ein: »Es ist doch offensichtlich, was hier geschehen ist: Barcwits Leute haben Fardin ermordet. Sie wollen uns einschüchtern, damit wir die Anklage gegen sie fallen lassen.«

»Aber diese Normannen waren allein mit Fardins Leiche«, wandte Sendi ein. »Lifwine hat es mir erzählt. Und …«

Adelise fuhr zu Lifwine herum. »Du hättest vielleicht besser zuhören sollen. Die Soldaten haben außerdem gesagt, das Fardins Mörder voll Blut sein muss.« Sie zeigte auf die beiden Ritter, an denen keins zu sehen war, und sprach dann Geoffrey an: »Es ist niemand zu Schaden gekommen. Mein Gemahl und seine Gesellen haben sich einfach nur vertan, das ist alles.«

Mit einem Nicken wies sie ihre Leute an, abzuziehen. Die meisten folgten dem bereitwillig und wirkten erleichtert, weil sie der gefährlichen Auseinandersetzung entkommen waren. Sie und Sendi blieben bald allein zurück, und Sendi sah sehr unglücklich aus.

»Aber wir haben Barcwits Handlanger den ganzen Vormittag über im Auge behalten«, sagte er verstört. »Alwold ist uns kurz entkommen, aber ich habe später belauscht, wie er Rodbert berichtete, dass er bei den Latrinen war – er verträgt das normannische Essen nicht.«

»Ihr habt Barcwits Leute beobachtet, aber nicht Barcwit selbst?«, fragte Geoffrey. »Womöglich ist er der Schuldige.«

»Barcwit ist nicht hier«, gab Adelise kurz angebunden zurück. »Er hat seine Frau Maude und seinen Vertreter Rodbert geschickt, um die Verteidigung vorzubringen. Er geht davon aus, dass der König unsere Anschuldigungen ohnehin sofort verwerfen wird. Er hält es für Zeitverschwendung, Bristol zu verlassen.«

»Womöglich hat er Recht«, beschied Roger ihr kühl. »Ihr habt uns ohne weitere Beweise beschuldigt. Womöglich macht ihr bei ihm dasselbe.«

»Unsere Anklage ist hervorragend abgesichert«, schnauzte sie. »Sie wird Barcwit in Schande stürzen und die Auflösung seiner Münzstätte bewirken.«

Sendi fuchtelte mit dem Messer herum und wollte unbedingt das letzte Wort haben. »Diesmal lasse ich euch noch davonkommen. Aber wenn ich herausfinde, dass ihr etwas mit dem Mord zu tun habt, dann werde ich euch töten!«

»Versucht es doch!«, erwiderte Roger aufgebracht.

Adelise sprach beruhigend auf ihren Ehemann ein. »Es ist furchtbar, wie lange wir warten müssen, bis der König sich unseren Fall anhört. Aber wenn er uns glauben soll, müssen wir uns bis dahin als rechtschaffene Bürger präsentieren. Es wäre doch jammerschade, wenn Henry zu Barcwits Gunsten entschiede, nur weil du mit irgendwelchen Fremden Streit anfängst. Vermutlich haben Rodbert und Maude genau darauf gehofft, und deswegen haben sie Fardin umgebracht. Lass nicht zu, dass sie mit ihren Schlichen Erfolg haben.«

Sie entfernten sich, und Geoffrey tauschte ein müdes Lächeln mit Roger. Vermutlich waren solche Vorfälle am Hofe des Königs, wo so viele Leute mit ihren Klagen zusammenkamen und dicht beieinander ausharren mussten, an der Tagesordnung. Er hoffte nur, dass er diesen Ort bald hinter sich lassen konnte.

»Besorgen wir uns was zu essen«, sagte Roger. »Und dann triffst du dich mit dem König. Vielleicht will er etwas von dir, was du ablehnen kannst, und wir können heute noch nach Jerusalem aufbrechen.«

So einfach würde es wohl nicht werden, und Geoffrey spürte erneut den Zorn in sich hochkochen.

»Essen solltest du jedenfalls«, empfahl Roger, als sein Freund keine Anstalten machte, sich in Bewegung zu setzen. »Das beruhigt dich möglicherweise. Henry wird es gar nicht mögen, wenn du ihm feindselig kommst, und du willst sicher nicht, dass ihr gleich beide in schlechter Stimmung seid.«

Der Palast von Westminster war ein eindrucksvoller Bau, der von einer weiten Halle von kathedralenartigem Ausmaß beherrscht wurde – er war der größte weltliche Steinbau in ganz Europa. Mit der Größe endete auch schon jede Ähnlichkeit zu einer Kirche: Wandgemälde im Inneren stellten Jagdszenen dar, und nicht ein einziges religiöses Motiv war zu sehen. Der Erbauer, William Rufus, hatte sich mit der Kirche zutiefst zerstritten und wollte nichts davon in seinem Hause sehen.

Die Halle öffnete sich zu einem Hof, der gedrängt voll mit Menschen war. Mönche eilten zu ihren Gebeten; Dienstboten und Köche in den königlichen Farben liefen geschäftig umher; Bittsteller warteten auf eine Audienz, und Höflinge standen in kleinen Gruppen beieinander und plauderten. Trotz seines Ärgers schaute sich Geoffrey interessiert um. Die Menge an Volk verblüffte ihn. Er sah Sendi, Adelise, Lifwine und ihre Gefährten, die die Köpfe zusammensteckten und miteinander flüsterten. Als er ihren finsteren Blicken folgte, entdeckte er eine weitere Schar Sachsen.

Im Gegensatz zu Sendis Haufen stellten diese ihre sächsische Herkunft weniger herausfordernd zur Schau. Zwei von ihnen – ein Ritter mit finsteren Gesichtszügen, dessen zweckmäßige Rüstung ihn als erfahrenen Kämpfer auswies, und eine elegante Dame, deren Haar schicklich unter einem Schleier verborgen war – trugen sogar Kleidung, die sich in nichts von der hochgestellter Normannen unterschied. Die Frau spürte Geoffreys Blick und erwiderte ihn mit amüsierter Geringschätzung, als wäre sie an die Aufmerksamkeit der Männer gewöhnt und davon gelangweilt.

Auch Geoffreys Reisegefährten standen in der Menge. Der alte Will Helbye, der ihn bereits seit zwei Jahrzehnten begleitete, eilte herbei, dicht gefolgt von beiden Knappen. Rogers Bursche war ein stämmiger Sachse namens Ulfrith, der in einer fröhlichen Unschuld durchs Leben ging, die manchmal schon aufreizend sein konnte; Geoffreys Knappe trug den Namen Durand.

Aus Durand würde niemals ein Krieger werden, egal wie viel Mühe Geoffrey sich mit ihm gab. Durand hatte Geistlicher werden sollen, war jedoch wegen anstößigen Verhaltens ausgestoßen worden. Als sein Vater Tankred gebeten hatte, Durand als Krieger auszubilden, hatte Tankred ihn sogleich Geoffrey aufgenötigt. Durand war klein und zierlich, trug eine goldene Lockenpracht und bewegte sich affektiert. Er war verschlagen und hinterhältig, und Geoffrey hätte ihn lieber heute als morgen zu Tankred zurückgebracht. Die Vorladung des Königs verlängerte auch seine Zeit in Durands Gesellschaft, und das war ein weiterer Grund für seinen Ärger.

»Nun?«, fragte Durand frech. »Habt Ihr Euch wieder beruhigt? Oder soll ich lieber beim König vorsprechen und in Erfahrung bringen, was er möchte? Das wäre sicherer. Er mag mich.«

Geoffrey verzog das Gesicht. Möglicherweise mochte der König den Knappen tatsächlich gut leiden – weil er eine verwandte Seele in ihm sah. Auch hegte Geoffrey den Verdacht, dass Henry Durand dafür bezahlt hatte, ihn während des vergangenen Sommers auszuspionieren. Dafür fehlten ihm allerdings die Beweise.

»Geh nach dem Essen zu den Ställen«, ließ er Roger wissen. »Sattle die Pferde, und mach dich zum Aufbruch bereit. Und behalt meinen Hund bei dir. Er beißt gerne Leute, die er nicht leiden kann, und ich fürchte, davon laufen hier eine ganze Menge herum.«

»Ich begleite dich«, erklärte Roger und wirkte überrascht, dass Geoffrey irgendetwas anderes annahm. Er legte bedeutungsvoll die Hand auf den Schwertgriff. »Womöglich brauchst du mich.«

»Nein«, sagte Geoffrey. Rogers Reaktionsweise auf höfische Drohungen würde sie eher beide ins Grab bringen.

»Hört lieber auf Geoffreys Rat«, wandte Durand ein. »Er hat seine Stimmung immer noch nicht im Griff, und der König wird ihn töten, wenn er etwas Unverschämtes sagt. Ihr wollt sicher nicht sterben, nur weil er seine Zunge nicht im Zaum halten kann.«

Geoffrey ignorierte ihn und sprach weiter mit Roger: »Helbye und Ulfrith können ebenfalls hierbleiben. Ich schicke Durand zu euch, wenn etwas schiefläuft.«

Durand starrte ihn an. »Aber dann muss ich ja mit Euch in die Halle. Wo es gefährlich werden kann.«

»Ja«, stimmte Geoffrey ihm bei. »Dafür sind Knappen da – um ihrem Herrn zur Seite zu stehen.«

Durand erbleichte. »Aber wenn das Ganze in einem Kampf endet? Was soll ich dann anfangen?«

»Mir zur Seite stehen.«

»Aber ich bin ein Mann Gottes!«, rief Durand. »Ich kann nicht zur Waffe greifen – vor allem nicht, wenn ich verletzt oder getötet werden könnte.«

Diese unverblümte Zurschaustellung von Feigheit überraschte selbst Geoffrey, der an Durands Schwäche gewöhnt war. »Das Vorrecht der Gewaltlosigkeit hast du aufgegeben, als du dich mit diesem Schlachterssohn eingelassen hast. Aber du machst dir grundlos Sorgen: Henry würde uns nicht herbestellen, nur um uns dann umzubringen.«

»Ich mache mir keine Sorgen um ihn«, wandte Durand ein. »Ich denke an Euch! Ihr habt keine Ahnung, wie man sich als Höfling verhalten muss, und das könnte uns in Schwierigkeiten bringen.«

»Und du weißt das besser, nehme ich an?«, fragte Roger verärgert. Er konnte Durand nicht ausstehen.

»Natürlich. Da ist kein großer Unterschied zum Kloster. Man muss allem zustimmen, was der König sagt, egal wie geistlos es sich anhört. Niemals widersprechen und nie die Geduld verlieren. Sir Geoffrey ist normalerweise nicht leicht zu reizen, aber seit diesem Brief von Tankred ist er aufgebracht.«

»Das ist eine Fälschung«, behauptete Geoffrey gepresst. »Natürlich bin ich darüber aufgebracht.«

Durand nahm das Schreiben an sich und betrachtete es eingehend. »Ich bin ebenso schriftkundig wie Ihr – sogar noch mehr, denn ich wurde im Kloster ausgebildet. Es ist eindeutig die Handschrift von Tankreds Schreiber. Und es ist sein Siegel. Der Brief ist echt, daran besteht kein Zweifel.«

»Worum ging es in dem anderen Brief, der hier auf dich gewartet hat?«, fragte Roger, um das Thema zu wechseln. Er hatte keine Lust, einer langen und langweiligen Debatte über Schriftfälschungen zu lauschen, wenn Geoffrey und Durand aneinandergerieten.

»Kam er von Eurer Schwester Joan?«, fragte Helbye erfreut. »Sie ist eine gütige Dame.«

»Eine hartnäckige Dame«, berichtigte ihn Durand. »Sie schreibt ihm jeden Monat, obwohl die meisten ihrer Briefe verloren gehen, weil wir einfach zu viel unterwegs sind und die Boten uns nicht finden können.«

»Es spielt gar keine Rolle, ob er alle Briefe bekommt oder nicht«, befand Roger. »Er liest mir schon seit Jahren daraus vor, und es steht immer nur drin, welcher Bock welches Schaf bestiegen hat oder wie viel Korn in welcher Scheuer lagert. Ich habe keine Ahnung, warum er seine Zeit damit verschwendet.«

Geoffrey seufzte. Dieses Thema kam nicht zum ersten Mal auf, und er war Rogers beiläufige Geringschätzung genauso leid wie Durands Spott. Ulfrith und Helbye zeigten mehr Verständnis – Helbye deswegen, weil Joan oft eine Nachricht von seiner Frau beifügte, und Ulfrith, weil er selbst aus ländlichen Verhältnissen stammte und sich für Schafe und Kornspeicher interessierte.

Joan und Geoffrey gerieten unweigerlich in Streit, sobald sie zusammentrafen. Aber ihre Briefe waren ein Zeichen der Zuneigung, und abgesehen von seinem Bruder Henry, dem er sich entfremdet hatte, war Joan seine einzige Familie und daher wichtig für ihn.

»Hat sie mein Schwein erwähnt?«, fragte Helbye begierig. »Oder meine Frau?«, fügte er verspätet hinzu.

Geoffrey achtete nicht auf Durands spöttisches Schnauben. »Deine Sau hat neun Ferkel geworfen.«

»Neun!«, rief Helbye erfreut. »Und die Ländereien von Goodrich gedeihen immer noch?«

Geoffrey nickte und unterdrückte den Drang, Roger und Durand mit ihren grinsenden Gesichtern aneinanderzuschlagen. »Joan hat sich seit Jahren abgemüht, um das Gut notdürftig aufrechtzuerhalten. Doch in den letzten Monaten ist es geradezu aufgeblüht. Sie hat neues Vieh erworben, das Burgdach repariert und plant sogar, die Kapelle neu bauen zu lassen.«

»Dann hat sie vermutlich bei ihren Nachbarn geplündert«, befand Roger, denn so hätte er seine Einkünfte aufgebessert. »Wie sonst sollte sie plötzlich so reich geworden sein?«

»Sie hat wohl ein paar gute Ernten eingefahren«, erwiderte Geoffrey, obwohl er selbst nicht daran glaubte. Joan blieb ungewöhnlich vage, wenn es um das plötzliche Florieren der Güter ging. Vermutlich hatte sie eine Einkommensquelle angezapft, die sie für sich behalten wollte. Doch darüber wollte er mit Roger nicht reden. »Ihr Wohlstand rührt von harter Arbeit und gutem Wetter.«

»Aber das Wetter war nicht gut«, widersprach Roger. »Im August war es verdammt heiß, und das Getreide ist auf den Feldern vertrocknet.«

»Und dazu dieser Krieg gegen Bellême«, ergänzte Ulfrith. »Viele Leute haben sich nicht mal getraut, die Ernte einzubringen – oder Bellême hat sie verbrannt.«

»Ich bin Joan nie begegnet«, sagte Roger, als Geoffrey nichts darauf antwortete. »Ich weiß also nicht, ob sie Wunder wirken kann, aber … da kommt der königliche Sekretär. Was will der denn?«

»Der König wird Euch jetzt empfangen«, verkündete der junge Mann, als er herankam. »Es ist stürmisch, darum ist er vorzeitig von der Jagd zurückgekehrt. Als er von Eurer Ankunft erfuhr, schickte er mich gleich, um Euch zu holen. Ihr solltet Euch beeilen. Er wartet nicht gerne.«

Geoffrey und Durand blieb keine andere Wahl, als dem Sekretär über den Hof zur Halle zu folgen. Als sie die Treppen zum Eingang emporstiegen, blies der scharfe Wind Geoffrey Staub ins Gesicht. Unwillkürlich schloss er die Augen und stieß sogleich mit jemandem zusammen, der ihm entgegenkam. Er machte schon den Mund auf, um sich zu entschuldigen, aber der Mann fühlte sich bereits beleidigt.

»Ungeschickter Tölpel!«, schnauzte er. »Habt Ihr mich nicht gesehen?«

»Nein«, erwiderte Geoffrey. Er machte Anstalten, um den Mann herumzugehen, aber der ließ ihn nicht vorbei.

»Wollt Ihr Euch etwa davonstehlen, nachdem Ihr mich fast zu Boden gestoßen habt, ungehobelter Flegel?«

Geoffrey musterte ihn abschätzig. Der Mann war pummelig und hatte ein eigentümlich knabenhaftes Gesicht, das von hellen Locken umrahmt war. Er trug goldene Schnallen an den Schuhen, und eine große Silberbrosche hielt den Mantel auf der Schulter. An seinem Gürtel hing ein Schwert, und ungeachtet seiner Fettwülste wirkte der Mann wie ein fähiger Kämpfer.

»Beeilt Euch«, drängte der Sekretär. »Der König wartet.«

»Der König kann warten«, schimpfte der Mann. »Ich verlange eine Entschuldigung.«

»Entschuldigt Euch lieber, Sir Geoffrey«, empfahl Durand. »Und dann kommt, bevor der König Euch noch der Trödelei bezichtigt.«

Geoffrey war drauf und dran, nachzugeben – nicht, weil der Mann ihn einschüchterte oder er sich Sorgen um den König machte. Aber er wollte sich nicht in einen Streit verwickeln lassen, der ihn noch länger an diesem Ort festhielt. Da aber mischten sich weitere Personen in die Auseinandersetzung. Die ganze Schar, die Sendi eben so finster angefunkelt hatte, stand plötzlich hinter Geoffrey. Offenbar gehörte der fette Bursche auf der Treppe zu ihnen. Trotz seines normannischen Aufputzes wirkte der Mann ziemlich sächsisch, und seine feine Kleidung legte nahe, dass er einer einträglichen Beschäftigung nachging – beispielsweise als Münzmeister.

»Was geht hier vor?«, wollte der dunkelhaarige Ritter wissen, der im Gegensatz zu seinen Begleitern Normanne war. Er sah kräftig aus und wirkte erfahren. Der wohlgepflegten Bewaffnung nach handelte es sich um einen Söldner. »Braucht Ihr meine Unterstützung, Rodbert?«

Der füllige Mann schnaubte höhnisch. »Diesem Schurken kann ich auch allein eine Lektion erteilen.«

»Der König«, zischte Durand Geoffrey zu. »Ihr könnt dem Burschen auch später noch das Schwert in den Magen stoßen. Jetzt aber solltet Ihr zu Henry eilen.«

»Er wird niemandem das Schwert irgendwohin stoßen, solange ich dabei bin«, sagte der fremde Ritter. »Er mag ein Jerosolimitanus sein, aber ich habe vor Konstantinopel gekämpft, bevor ich den Kreuzzug verlassen habe. Er ist kein Gegner für mich

»Er mag was sein?«, fragte einer seiner Begleiter verwirrt.

Der Ritter lachte freudlos. »Jerosolimitanus ist ein Titel, der jenen gewährt wurde, die beim Fall Jerusalems zugegen waren. Doch viele nehmen ihn fälschlich für sich in Anspruch. Gehört Ihr auch zu diesen, Herr Ritter?«

Sein Tonfall war beleidigend, aber Geoffrey wollte sich nicht von jemandem provozieren lassen, der beim Kreuzzug gerade mal bis Konstantinopel gekommen war. Erneut versuchte er, Rodbert zu umgehen. Es wunderte ihn nicht im Geringsten, dass die Münzer so erbitterte Rivalen waren. Anscheinend konnte keiner von ihnen den Mund aufmachen, ohne irgendwelche Niederträchtigkeiten von sich zu geben.

»Dem hat’s die Sprache verschlagen«, stellte Rodbert höhnisch fest. Er verstellte Geoffrey weiterhin den Weg. »Was meinst du, Tasso?«

»Er kriegt vor Angst kein Wort heraus«, stimmte der Ritter ihm zu. »Lass ihn laufen. Er ist deiner Aufmerksamkeit nicht wert.«

»Nein«, sagte Rodbert entschlossen. »Er muss sich entschuldigen. Ich lass mich nicht von einem Bauern herumschubsen.«

»Ich bin kein Bauer«, erwiderte Geoffrey milde. »Ihr könnt also beruhigt sein. Und wir haben beide Besseres zu tun, als von einer Seite der Treppe zur anderen zu tanzen, also tretet beiseite.«

Rodbert war wütend. »Und wenn ich mich weigere? Ihr habt nur Euren Knappen an Eurer Seite, während ich von Sir Tasso und vielen starken Männern unterstützt werde. Dreht Euch um. Meine Freunde sind bewaffnet und zum Kampf bereit.«

»Das wird dem König gar nicht gefallen«, winselte Durand furchtsam. »Nicht in seiner Halle.«

»Wir sind nicht in seiner Halle«, stellte Rodbert spitzfindig fest. »Wir stehen davor.«

»Großer Gott«, murmelte Geoffrey. Warum nur waren heute so viele Leute so versessen auf einen Kampf mit ihm? Er sah sich um. Fünf oder sechs Sachsen standen hinter ihm und umklammerten ihre Dolche. Sie konnten ihm in seiner Rüstung nicht viel anhaben, trotzdem hatte er keine Lust auf eine Rauferei im königlichen Palast, und ganz bestimmt wollte er nicht, dass Henry wütend wurde, nur weil Rodbert während der langweiligen Warterei auf die königliche Audienz eine Ablenkung gesucht hatte. Er handelte rasch.

Er täuschte nach links an, sodass Rodbert zu dieser Seite sprang. Sobald der fette Mann seinen festen Stand aufgegeben hatte, packte Geoffrey ihn am Mantel und riss ihn herum, sodass er gegen Tasso prallte. Sachse und Normanne kippten beide hintenüber und stürzten den eigenen Männern in die Arme. Sie alle purzelten mit wirbelnden Armen und Beinen die Treppe hinab. Überall auf dem Hof brandete lautes Gelächter auf, besonders von Sendi und seiner Schar. Geoffrey wandte sich wortlos ab und betrat den großen Saal.

»Ihr habt zu lange gezaudert«, fuhr der wartende Sekretär ihn an. »Eben ließ man mich wissen, dass der König es müde geworden ist, auf Euch zu warten. Er hat jetzt jemand andern empfangen. Ich habe Euch doch gesagt, Ihr sollt sofort mitkommen.«

Geoffrey wartete in der Halle darauf, dass Henry wieder geruhte, ihn zu sehen. Der Saal war gut gefüllt. An dem einen Ende arbeiteten zahllose Schreiber an ihren Pulten. Manche schrieben, andere diktierten, und wieder andere kopierten bereits fertiggestellte Dokumente für das königliche Archiv auf große Pergamentbögen. Der König war schriftkundig und ließ seine sämtlichen Geschäfte aufzeichnen – zumindest alle, die ihm später zum Vorteil gereichen konnten.

Am anderen Ende der Halle, bei der Tür, standen Speisen für die Jagdgesellschaft bereit. Ringsherum bedienten sich Männer an Brot und Braten. Ein paar von ihnen erkannte Geoffrey wieder, und der auffallendste davon – sowohl vom Ruf wie auch von der Leibesfülle – war Maurice, der Bischof von London. Er war besonders berühmt für die Kathedrale, die er in London zu Ehren des Heiligen Paulus errichten ließ. Im Augenblick plauderte er mit einem mageren, verbissen dreinblickenden Mann, der unter der Mönchskutte ein härenes Gewand trug: William Giffard, Bischof von Winchester, ein nüchterner, humorloser Geistlicher, der Henry fanatisch ergeben war.

»Sir Geoffrey!«, rief Maurice erfreut.

Geoffrey erinnerte sich an sein zurückliegendes Abenteuer in diesem Sommer, bei dem er nicht recht gewusst hatte, wem von all den Männern um Henry er trauen konnte. Maurice zählte zu denen, deren Treue er in Zweifel gezogen hatte, und Giffard ebenso. »Ich dachte, Ihr wäret inzwischen schon wieder in Jerusalem.«

»Ich wünschte, das wäre ich«, murmelte Geoffrey.

Maurice schien seine mangelnde Begeisterung nicht wahrzunehmen. Er wandte sich an Giffard und lachte, was seinem Gesicht sehr angenehme Züge verlieh – und die waren sein großer Vorteil, denn so berühmt er für seine Kathedrale war, so berüchtigt war er dafür, tagtäglich eine große Zahl Frauen zu verführen. Er behauptete, dass er nur so seine Körpersäfte in einem gesunden Gleichgewicht halten könne und auf den Tod erkranken würde, wenn er sich nicht oft und regelmäßig Befriedigung verschaffte. Dem genügsamen Giffard hingegen waren derartige Laster fremd, er lebte kompromisslos enthaltsam.

»Ihr erinnert Euch an Geoffrey?«, fragte Maurice. »Er half uns unlängst bei diesen Unannehmlichkeiten mit Bellême.«

Geoffrey beäugte ihn argwöhnisch. Diese »Unannehmlichkeiten« hatten immerhin mehrere Belagerungen, einen Feldzug und die Verbannung mehrerer rachsüchtiger Barone und ihrer Familien umfasst.

»Oh ja, ich erinnere mich«, sagte Giffard. »Er hat sich als nützlich erwiesen, weswegen Henry ihn nur ungern ziehen lässt. Er hätte seinen Pflichten eben nicht so gewissenhaft nachkommen dürfen.«

»Mir blieb keine Wahl«, erwiderte Geoffrey schroff. »Der König drohte, andernfalls meine Schwester bei einem walisischen Einfall ohne Schutz zu lassen.«

»Seid still, Mann«, fuhr Maurice ihn an. Besorgt blickte er sich um. »Das ist nicht der rechte Ort, um dem König eine Erpressung vorzuwerfen! Sprechen wir lieber von angenehmeren Dingen, bevor Ihr noch unsere Festnahme bewirkt. Habt Ihr meine Kathedrale gesehen? Seit Eurem letzten Besuch im März sind die Arbeiten erheblich vorangeschritten.«

»Ich hätte Euch nicht hier erwartet«, sagte Giffard, bevor Geoffrey antworten konnte. »Ihr wart so begierig darauf, ins Heilige Land zurückzukehren, dass ich davon ausging, Ihr würdet die Einladung des Königs ausschlagen.«

»Es war keine Einladung. Es war eine Verhaftung – durch zwanzig Männer mit gezogenen Schwertern.«

»Ist Eure Begleiterin bei Euch?«, fragte Maurice erwartungsvoll. »Jener prachtvolle Engel, der mich bei der Belagerung von Burg Bridgnorth in meinem Zelt besucht hat?«

»Mein Knappe«, sagte Geoffrey. Er hatte ganz vergessen, dass der lüsterne Bischof Durand für eine Frau hielt und dass dieser dem Geistlichen eine beachtliche Summe für seinen Besuch abverlangt hatte. Für gewöhnlich wäre Geoffrey das egal gewesen – Maurice war ein erwachsener Mann und hätte den Unterschied bemerken müssen. Aber die Strafen für »widernatürliche Praktiken« waren schwerwiegend, und er wollte nicht beschuldigt werden, er hätte seinem Knappen womöglich befohlen, einen Geistlichen zu verführen. Durand hatte noch mehr Grund zur Sorge, was sich schon daran zeigte, wie rar er sich mit einem Mal machte: Als Geoffrey sich umblickte, war von dem Knappen nichts zu sehen.

»Engellöckchen«, hauchte Maurice sehnsüchtig. »Wenn Ihr noch eine Weile hier seid, könnt Ihr sie womöglich zu einer zweiten Begegnung überreden? Ich bezahle auch gut.«

»Ich reise heute noch ab«, antwortete Geoffrey entschlossen. »Ich sage dem König, er kann sich zum Teufel scheren, und dann reite ich so schnell nach Süden, wie mein Pferd mich trägt.«

Giffards Stimme klang scharf. »Reißt Euch zusammen! Maurice hat Recht: Bei Hofe sollte man sein Herz nicht auf der Zunge tragen. Wenn irgendein anderer Euch dazu befragt, so antwortet stets, dass Ihr aus freien Stücken gekommen seid, weil Ihr gerne Eurem König dienen wollt.«

»Aber ich bin nicht …«

»Das weiß ich auch. Aber Ihr müsst es nicht aller Welt erzählen! Ihr seid ein guter Mann, Geoffrey, und ich will Euch nicht hängen sehen, nur weil Ihr bei Männern, die nicht halb so viel wert sind wie Ihr, unbedachte Bemerkungen fallen lasst. Westminster ist voll von solchen Leute. Eben erst konnte ich beobachten, wie Ihr zwei davon die Treppe hinuntergeworfen habt.«

»Rodbert und Tasso«, ergänzte Maurice. »Ich werde froh sein, wenn sie endlich wieder abreisen. Sie bringen nichts als Ärger. Vermutlich haben sie aus Langeweile Streit mit Euch gesucht. Sie sind unruhig und wollen wieder nach Hause.«

»Sendi und seine Flegel sind keinen Deut besser«, sagte Giffard. »Sie sind allesamt reizbar und streitlustig.«

»Warum hört der König sich ihren Fall dann nicht an und schafft sie sich so vom Hals?«, erkundigte sich Geoffrey.

»Das wissen wir auch nicht«, erwiderte Maurice. »Aber ein Streit unter Sachsen geht uns nichts an. Wir sollten nicht unsere Zeit verschwenden, indem wir darüber reden. Weshalb hat der König Euch herbestellt, Geoffrey? Hat er es Euch mitgeteilt?«

»Ich dachte eigentlich, Ihr wüsstet das«, sagte Geoffrey. Aber an Maurice’ offenem, heiterem Gesicht ließ sich ablesen, dass er keine Ahnung hatte. Giffards Gesicht blieb allerdings undurchdringlich. Geoffrey musterte ihn eingehend, aber der Bischof von Winchester war viel zu schlau, um sich von einem einfachen Ritter durchschauen zu lassen. Da ihn forschende Blicke nicht weiterbrachten, zog Geoffrey Tankreds Brief aus der Tasche und zeigte ihn vor.

Giffard überflog ihn und reichte ihn dann an Maurice weiter. »Er ist vor zwei Tagen hier eingetroffen. Wir haben schon darauf gewartet, ihn an Euch übergeben zu können.«

»Es tut mir leid«, sagte Maurice und legte Geoffrey seine feiste Hand auf die Schulter. »Ich wusste nicht, was darin steht. Ihr müsst bestürzt sein über Eure Entlassung. Ich verstehe jetzt, warum ihr so verdrießlich auftretet. Es sieht Euch gar nicht ähnlich, mit alten Freunden grob zu sein.«

»Woher kam dieser Brief?«, fragte Geoffrey. Er mochte Maurice und Giffard, aber sie waren Gefolgsleute des Königs, und er betrachtete sie nicht als »Freunde«. Er schaute zu den Schreibern hinüber: »Von ihnen?«

Giffard betrachtete ihn verblüfft, während Maurice erschrocken aufkeuchte. Geoffrey war das gleichgültig. Er hatte genug von Henry und seinen Ränken, und es kümmerte ihn auch nicht, wen seine Worte beleidigen konnten.

»Er stammt von Tankred«, erklärte Giffard mit Bestimmtheit. »Ihr könnt sein Siegel darauf erkennen. Und ich warne Euch noch einmal: Behaltet Eure Gedanken für Euch, wenn Ihr hier als freier Mann fortreiten wollt. Der König duldet keine Verräter.«

»Ich bin kein …«

Giffard fiel ihm ins Wort. »Und jetzt sagt nicht, Ihr könnt kein Verräter sein, weil Henry nicht Euer König ist. Aber Ihr habt Güter in England, und deshalb schuldet Ihr ihm Lehnstreue.«

»Güter?«, wiederholte Geoffrey. »Ein winziges Rittergut mit ein paar Hütten und einem baufälligen Herrenhaus. Henry kann sie meinetwegen haben. Ich will nur, dass er mich in Ruhe lässt.«

»Henry hat kein Interesse an Rwirdin.« Giffard deutete auf den Brief, den Maurice Geoffrey wieder in die Hand gedrückt hatte. »Und Ihr seid nicht in der Position, in Bezug auf Eure Herren wählerisch zu sein. Ihr habt zu lange hier verweilt, und Euer bisheriger Lehnsherr möchte nicht länger auf Euch warten. Wenn Tankred Euch nicht mehr will, ist Henry alles, was Euch bleibt.«

Geoffrey hielt seinen Ärger nur mühsam im Zaum. Zuerst dieser Brief, den er immer noch für eine Fälschung hielt, dann dieser Zwischenfall mit Fardin und die Beschuldigungen, die Sendi deswegen gegen ihn erhoben hatte, dazu der Zusammenprall mit Tasso und Rodbert, und jetzt musste er sich auch noch von zwei Bischöfen anhören, dass ihm keine Wahl blieb, als in den Dienst des Königs zu treten.

»Henry hatte mir versprochen, dass er mich gehen lässt, nachdem ich ihm im Sommer geholfen habe«, schimpfte er. »Er hat sein Wort gebrochen!«

Giffards strenges Gesicht wurde ein wenig weicher. »Wenn der König Euch die Gründe erklärt, werdet Ihr zu schätzen wissen, dass er Euch zurückgerufen hat. Ihr werdet ihm dankbar sein!«

Eine besonders heftige Windbö traf die Halle, sodass einer der großen, hölzernen Türflügel donnernd zufiel. Erschrockenes Schweigen legte sich über den Saal, dann fingen die Leute über ihren Schreck an zu lachen. Giffard war ein wenig zusammengezuckt, aber Maurice wäre fast in Ohnmacht gefallen.

»Mein Gott!«, hauchte er und fächelte sich heftig Luft zu. »Meine Säfte sind ganz aus dem Gleichgewicht von Eurem ganzen verräterischen Geschimpfe, Sir Geoffrey. Wenn ich nicht innerhalb der nächsten Stunde eine Frau bekomme, werde ich einem tödlichen Anfall zum Opfer fallen.« Er entfernte sich und hielt dabei nach geeigneten Anwärterinnen Ausschau.

»Nicht Adelise«, rief Giffard ihm hinterher. »Sie schätzte Eure Annäherungen gestern gar nicht, und ein zweites Mal kann ich sie wohl nicht mehr besänftigen. Diese sächsischen Damen sind sehr grimmig auf ihre Tugend bedacht.«

»Adelise?«, warf Geoffrey ein. »Etwa Sendis Ehefrau?«

Giffard seufzte, während der Bischof von London sich einen Weg durch die Menge suchte. »Ich hoffe, er beherzigt meinen Rat. Sendi hat schon angekündigt, dass er Maurice umbringen wird, wenn der Adelise noch einmal anspricht. Leider ist die Welt voller Männer, die meine Hinweise missachten, Ihr eingeschlossen. Dennoch wiederhole ich sie gern noch ein weiteres Mal, da ich Blutvergießen verabscheue: Henry hatte einen guten Grund, Euch herzubestellen. Also gebt zumindest Treue vor, wenn Ihr sie schon nicht empfindet. Ihr werdet im Nachhinein froh darüber sein.«

Geoffrey gefielen diese Andeutungen gar nicht. Er spürte, wie sein Zorn in etwas noch Unangenehmeres umschlug: eine Ahnung drohenden Unheils.

2. KAPITEL

Belustigt sah Geoffrey zu, wie der Bischof von London den großen Saal von Westminster verzweifelt nach einer Dame absuchte, die ihm zu Willen sei könnte. Giffard schürzte bei diesem Anblick nur die Lippen. Maurice fasste eine Frau am Arm und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die wich darauf entsetzt zurück und fing dann an zu lachen.

Geoffrey verstand sehr gut, warum Maurice sie ausgewählt hatte: Unter einem dunkelblauen Obergewand trug sie ein gelbes Unterkleid. Ihre Haare steckten unter einem Schleier; eine Strähne lugte darunter hervor und verriet, dass ihre Locken kastanienbraun waren, von derselben Farbe wie die faszinierenden Augen. Sie war nicht unbedingt schön, denn ihr Mund war zu groß und das Kinn zu lang, aber sie hatte etwas Anziehendes an sich. Es war die Frau, die vorhin bei Tasso im Hof gestanden und Geoffreys Blick erwidert hatte.

Giffard gab einen abfälligen Laut von sich. »Maurice ist ein Dummkopf! Als ich ihm empfahl, Adelise aus dem Weg zu gehen, meinte ich nicht, dass er stattdessen Maude nachstellen soll.«

»Sie ist einfach die Erste, die ihm zufällig über den Weg lief«, sagte Geoffrey. Er sah, wie sie sich von Maurice losriss. »Und was stimmt nicht mit ihr? Ich sehe nichts an ihr auszusetzen.«

»Das glaube ich gern«, erwiderte Giffard eisig. »Seit ihrer Ankunft zieht sie die Blicke aller Männer auf sich, und das wird unweigerlich zu Streit führen. Sie ist die Ehefrau von Barcwit dem Münzer.«

Als der Bischof sich weiter über die Einzelheiten auslassen wollte, winkte Geoffrey ab. »Ich habe bereits beide Seiten dieses Geldmacherstreits kennen gelernt; beide Parteien sind vorschnell, streitlustig und dumm. Ich will nichts weiter über sie oder ihren Zank hören.«

»Weist niemals Informationen zurück, die Euch freimütig angeboten werden«, riet ihm Giffard. »Ihr wisst nie, wann Ihr sie gebrauchen könnt. Barcwit ist der reichste Münzmeister von Bristol und dazu einer der meistgefürchteten Männer in der Grafschaft, so heißt es. Seine Berufsgenossen sind hier, um sich beim König über ihn zu beschweren.«

»Weil er ihnen die Geschäfte streitig macht?«, fragte Geoffrey und zwang sich, höflich zuzuhören.

»Sie beschuldigen ihn, zu leichte Münzen anzufertigen – mit zu viel Zinn im Silber. Kein König möchte seine Währung entwertet sehen.«

»Warum nicht?«, fragte Geoffrey zerstreut. Seine Aufmerksamkeit galt Durand, der gerade lebhaft zu einem rothaarigen Mann mit markanter Nase sprach. Er wirkte unbeschwert und ahnte nicht, dass Maurice sich in seine Richtung bewegte. Bei hellem Tageslicht konnte selbst ein von Lust geblendeter Bischof nicht übersehen, dass Durand keine Frau war. Geoffrey bereitete sich auf Ärger vor.

»Gebraucht Euren Verstand!«, erwiderte Giffard ungeduldig. »Wenn sich herumspricht, dass manche Pennys mehr wert sind als andere, schwindet das Vertrauen in die Währung. Die Menschen werden die Münzen nicht mehr akzeptieren, und der Handel des Landes kommt zum Erliegen.«

Geoffrey war erleichtert, als Durand aufblickte, Maurice bemerkte und einen hastigen Rückzug antrat. Enttäuscht rieb sich Maurice die Wangen und sah sich nach einem anderen Opfer um. Maude war immer noch in der Nähe, und der Prälat betrachtete sie abschätzend. Was er sah, gefiel ihm anscheinend gut genug, um ihr eine zweite Chance zu geben. Er näherte sich ihr erneut. In der Zwischenzeit setzte Giffard seine ermüdenden Belehrungen über das Geldwesen fort:

»Ein jedes Land, das Handel treiben möchte, braucht eine solide und verlässliche Währung auf Grundlage eines Edelmetalls. England hat ein zentralisiertes System, das die Größe und die Anzahl aller Münzen überwacht, die in einer unserer gut siebzig Münzstätten geprägt werden. Doch für einen Münzer ist es nicht schwer, zu betrügen. Wenn Sendi Recht hat, dann begeht Barcwit ein schwerwiegendes Verbrechen.«

»So schwerwiegend nun auch nicht«, sagte Geoffrey und beobachtete, wie Maurice sich an Maude heranpirschte. »Sonst hätte Henry den Fall sogleich angehört.«

Auch Giffard bemerkte, dass Maurice einen zweiten Versuch bei Maude unternahm. Er seufzte schwer. »Barcwit ist mächtig und gefährlich, und Maurice ist ein Narr, seine Frau verführen zu wollen. Seht Ihr den Burschen dort drüben? Das ist Alwold, Barcwits Verwalter. Er folgt ihr überall hin und meldet jeden ihrer Schritte an Barcwits Handlanger – Tasso und Rodbert. Das sind die beiden, die Ihr gerade die Treppe hinuntergeworfen habt.«

»Maurice muss es gewohnt sein, sich aus solchen Situationen herauszuwinden«, stellte Geoffrey fest. Er erinnerte sich, dass Alwold als der Mörder des Mannes am Fluss im Gespräch gewesen war. Geoffrey musterte den Verwalter eindringlich, konnte aber nicht sagen, ob er derjenige war, den er hatte fortlaufen sehen. Sämtliche Münzer trugen dunkle Gewänder, und Fardins Mörder konnte jeder von Barcwits Leuten gewesen sein, selbst Maude. »Er wird Barcwits Raufbolde um den Finger wickeln.«

»Trotzdem treibt er ein gefährliches Spiel. Tasso ist ein erfahrener Söldling, während Rodbert ein geübter Schwertkämpfer ist. Ich werde froh sein, wenn der ganze Haufen wieder fort ist. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Handgemenge kommt, weil irgendwer Anstoß daran nimmt, was sie tun oder sagen. Sie sind gelangweilt und gereizt, weil man sie warten lässt.«

Ehe Geoffrey noch antworten konnte, erklang ein beinahe ohrenbetäubender Lärm. Aus dem Nieseln war ein Platzregen geworden, der auf das Dach hämmerte. Durch die Tür sah er, wie Hagelkörner einen weißen Teppich auf dem Hof bildeten. Der Wind blies eine Regenfahne in den Saal, und mehrere Leute sprangen erschrocken kreischend beiseite. Zwei Barone, die einen wenig würdevollen Sprint über den Hof hinter sich gebracht hatten, wurden mit Klatschen und Gelächter empfangen. Einer von ihnen zog unter viel Aufhebens einen Schuh aus und schüttete daraus eine erhebliche Menge Wasser auf den Boden.

Maude stand an der Tür bei Alwold und Maurice, die mit anderen Höflingen dem ungewöhnlich heftigen Regenfall zusahen. Maurice schob sich nach vorne, blickte zum Himmel auf und versuchte abzuschätzen, wann der Guss nachlassen würde, damit er hinausgehen und seine Medizin genießen konnte. Er runzelte die Stirn, trat dann ins Freie und blinzelte empor. Sogleich wurde er nass bis auf die Knochen, doch darauf achtete er gar nicht.

Andere versuchten zu erkennen, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sie fingen an zu rufen und zeigten mit den Fingern. Maurice fiel auf die Knie. Neugierig sahen Geoffrey und Giffard nach der Ursache für die Bestürzung.

Oben am Himmel strahlte die Sonne durch eine Lücke in den schwarzen Wolken. Unmittelbar unter ihr gleißte ein zweiter Lichtkreis als blasses Abbild des Gestirns. Aber während die Menschen noch zuschauten, schlossen sich die Wolken, und das Phänomen geriet außer Sicht. Die Höflinge flüsterten untereinander und sprachen von einem Zeichen.

»Was war das?«, fragte Sendi ehrfurchtsvoll. Seine Frau und seine Männer drängten sich schutzsuchend um ihn zusammen. Tasso und Rodbert standen in der Nähe und hatten angesichts des himmlischen Schauspiels ihre Rivalen vergessen.

»Das war ein göttliches Zeichen«, verkündete Durand selbstsicher und erntete ein ehrfurchtsvolles Raunen aus der Menge. Aufgrund seiner klösterlichen Vergangenheit hielt er sich für einen Experten in derlei Dingen und sprach mit einer solchen Autorität, dass niemand an seinen Worten zweifelte.

»Es war eine Naturerscheinung«, widersprach Geoffrey. Er hatte eine Abhandlung arabischer Astronomen über himmlische Phänomene gelesen und neigte zu der Annahme, dass es etwas mit der Art zu tun hatte, wie das Sonnenlicht durch dichte Wolken und Regen drang. »Das Gewitter hat sie hervorgebracht.«

»Nein, Euer Knappe hat Recht«, sagte Giffard leise, der ebenfalls auf die Knie gefallen war. »Es war ganz eindeutig ein göttliches Zeichen. Eine Mahnung, dass wir von unserem sündigen Treiben ablassen müssen, ganz besonders von der Unzucht.« Er bedachte Maurice mit einem bedeutungsvollen Blick.

Maurice blickte verklärt zum Himmel auf. »Es ist ein Zeichen der göttlichen Liebe. Womöglich gefällt Ihm meine Kathedrale. Immerhin war ich der Erste, der die zwei Sonnen erblicken durfte. Die Botschaft muss für mich bestimmt gewesen sein.«

»Tatsächlich war sie an mich gerichtet«, erklang eine vertraute Stimme hinter Geoffrey. Es war der König, der in seinem hermelingesäumten Mantel einen prächtigen Anblick bot. »Zum Zeichen, dass Gott mit Wohlgefallen auf Seinen gesalbten Vertreter auf Erden blickt. Warum sollte Er sich mit Bischöfen abgeben, wenn Er sich genauso gut mit einem Monarchen in Verbindung setzen kann?«

»Oder womöglich wollte Er auch sein Missfallen zum Ausdruck bringen, weil gerade ein Mord geschah«, sagte Geoffrey zu Giffard. Er sprach ruhig, aber in der schweigenden Halle trug seine Stimme weit.

»Was für ein Mord?«, wollte Henry sofort wissen. Missbilligend beäugte er die von der Reise verdreckte Kleidung des Ritters. »Wie ich sehe, habt Ihr Euch einige Mühe mit Eurem Erscheinungsbild gegeben, ehe Ihr Eurem König gegenübertretet.«

Geoffrey zeigte auf einen schattigen Winkel in der Nähe, wo Alwold zusammengesunken dalag. Ein Messer ragte aus seinem Bauch, und sein Gesicht trug den Ausdruck äußersten Entsetzens. Der Dolchgriff stand in einem Winkel ab, der einen Selbstmord ausschloss. Hier war jemand so kühn, leichtfertig oder verzweifelt gewesen, dass er im Palast des Königs einen Mord beging.

»Beim Blute Christi!«, rief Henry aus und starrte entsetzt auf den niedergestreckten Mann. »Wie ist das passiert? Eben war er noch am Leben, denn ich habe beobachtet, wie er Maude hinterherschlich.«

»Alwold folgte mir überallhin, Majestät«, sagte Maude. Geoffrey fragte sich, ob sie dieser Aufmerksamkeit müde geworden war und beschlossen hatte, sich davon zu befreien. Sie wirkte nicht erschrocken oder wütend über den Tod des Verwalters, aber sie sah auch nicht erleichtert oder erfreut aus. Sie schien unbewegt.

»Warum?«, fragte Henry. »Ist er in Euch verliebt?«

»Er folgte den Anweisungen ihres Mannes, Majestät«, erwiderte der fette Rodbert, trat vor und verneigte sich. »Barcwit traut den lüsternen Männern nicht, die sich an den Herrscherhöfen herumtreiben.«

»Womit er zweifellos Recht hat«, murmelte Henry mit Blick auf Maurice.

»Aber er wird nicht erfreut sein, wenn er hiervon erfährt«, fügte Tasso hinzu. Er funkelte Sendi an. »Alwold stand seit vielen Jahren in unseren Diensten, und es ist eine Schande, dass er so brutal gemeuchelt wurde.«

»Und umso schändlicher, weil es in meiner Halle geschah«, stellte Henry eisig fest. Er wandte sich an Geoffrey. »Ihr habt meine Frage nicht beantwortet: Wie wurde Alwold ermordet?«

»Ich habe keine Ahnung, Majestät«, antwortete Geoffrey. Der König machte doch hoffentlich nicht ihn dafür verantwortlich? Geoffrey wünschte sich, er hätte gar nicht erst die Aufmerksamkeit auf das Opfer gelenkt. »Aber irgendwer muss etwas beobachtet haben.«

Fragend sah er sich um, aber er war nicht überrascht, als niemand antwortete. Nach allem, was Giffard über Barcwit erzählt hatte, würde nur ein Narr riskieren, mit seinem Haushalt aneinanderzugeraten. Auch Henry konnte nicht glücklich sein über einen Mord, der in unmittelbarer Nähe seiner königlichen Person verübt worden war. Zudem waren die meisten Leute – Geoffrey eingeschlossen – durch die zwei Sonnen abgelenkt gewesen.

Geoffrey schaute zu Sendi und seinen Männern. Die Annahme lag nahe, dass ›Gerechtigkeit‹ geübt worden war und jemand Fardins Tod gerächt hatte. Sie erwiderten seinen Blick mit einem Ausdruck, der von Sorge bis zu Befriedigung reichte. Jeder von ihnen hätte der Mörder sein können. Lifwine stand in der Nähe, während neben ihm Adelise ein betont nichtssagendes Gesicht machte. Es bedurfte keiner großen Kraft, einem Menschen ein Messer in den Bauch zu stoßen. Selbst die beiden kleinsten Mitglieder von Sendis Haushalt hätten es zuwege gebracht.

Als Nächstes musterte Geoffrey Rodbert und seine Gefolgsleute. Sie hätten Alwold ebenfalls töten können, in der Gewissheit, dass Sendis Haufen die offensichtlichen Verdächtigen wären. Der Mord an ihrem eigenen Verwalter konnte ihrer Sache nur dienlich sein, denn wer würde Leuten glauben, die ihre Gegner sogar im königlichen Palast umbrachten?

Geoffrey war nicht der Einzige, der die Münzer für die wahrscheinlichsten Täter hielt. Auch andere Gäste des Hofes erwogen die Umstände und kamen zu dem Schluss, dass alles auf die Sachsen hindeutete. Sie rückten von ihnen ab, bis beide Gruppen allein standen.

»Ich habe nichts von Bedeutung gesehen«, sprach Giffard in die nachfolgende Stille hinein. »Aber Geoffrey hat Unrecht: Gott hat die zwei Sonnen nicht erscheinen lassen, um seine Missbilligung über den Mord auszudrücken. Vielmehr hat der Mörder sie als Ablenkung genutzt – beide standen bereits am Himmel, als er seine verruchte Tat beging. Womöglich hat Gott uns den doppelten Glanz deshalb nicht länger sehen lassen.«

Wenn die Münzer schon viel Platz für sich hatten, so hielt man noch viel größeren Abstand zu dem toten Alwold. Niemand war an ihn herangetreten, um ihn zu untersuchen oder Gebete für seine Seele zu sprechen. Geoffrey ging zu ihm hin und sah ein wenig erschrocken, dass seine Augenlider flatterten. Alwold war nicht tot, auch wenn die Menge an Blut vermuten ließ, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Geoffrey kniete nieder und drückte die Wunde mit beiden Händen zusammen, um die Blutung zu stillen und ihm eine letzte Beichte zu ermöglichen.

Henry schnippte inzwischen mit den Fingern und rief in die wartende Menge: »Holt die Hofärzte. Clarembald versichert mir immer wieder, dass er alles heilen kann, während der Bischof von Bath seine Fähigkeiten als überlegen anpreist. Wir werden sehen, ob ihre Prahlereien berechtigt sind.«

Aber Geoffrey konnte eine tödliche Wunde sehr wohl erkennen: Kein Heilkundiger würde Alwold noch retten, ganz gleich wie groß sein Können war. Geoffrey beugte sich tief zu dem Sterbenden hinab, weil er spürte, dass dieser etwas sagen wollte. »Wollt Ihr einen Priester?«

Alwold schüttelte den Kopf. Sein Blick fiel auf Maude, Rodbert und Tasso, die immer noch anklagend zu Sendi schauten. Sendi starrte finster zurück, während Adelise Maurice lautstark wissen ließ, dass ihre Leute unschuldig waren.

»Wollt Ihr Rodbert sprechen?«, fragte Geoffrey. Alwold schüttelte den Kopf und richtete die Augen fest auf Barcwits sinnliche Frau. »Maude?«

Alwold nickte, und Geoffrey winkte sie heran. Maude kniete neben dem Verwalter nieder und ergriff seine schlaffe Hand. Allerdings achtete sie sorgfältig darauf, nicht mit dem Kleid durch die Blutpfütze zu wischen, die sich um den Sterbenden ausbreitete.

»Was ist, Alwold?«, fragte sie sanft. »Was möchtest du sagen?«

Tasso und Rodbert rückten ebenfalls näher heran, aber Alwold presste bei ihrem Anblick fest die Lippen zusammen. Maude bedeutete ihnen, sich wieder zu entfernen. Beide gehorchten bereitwillig und setzten ihr verstohlenes Geflüster fort. Geoffrey bekam den Eindruck, dass keiner von ihnen Alwold mochte und sie über seinen bevorstehenden Tod eher empört als betrübt waren.

»Der muss auch weg«, hauchte Alwold mit Blick auf Geoffrey. »Er könnte zu Sendi gehören.«

Geoffrey wollte gar nichts von den Geheimnissen wissen, die Alwold auf dem Sterbebett mitzuteilen hatte. Aber sobald er die Hände zurückzog, spritzte das Blut aus der Wunde und zeichnete ein Spitzenmuster auf den Boden.

»Ihr bleibt, wo Ihr seid«, befahl Henry. »Es wäre schade, wenn der arme Bursche verblutet, nur weil Ihr nicht noch ein paar Augenblicke auf meine Heilkundigen warten könnt.«

»Sprich leise«, sagte Maude zu Alwold. »Der Ritter wird dich nicht hören, wenn du flüsterst.«

Alwold blieb keine Zeit für lange Diskussionen, und anscheinend wusste er das auch. Er sprach so leise, dass Maude angestrengt hinhören musste. Geoffrey, der sich über den Bauch des Sterbenden beugte, hörte ihn sehr viel besser.

»Sagt Barcwit, das Silber liegt bei Piers«, hauchte Alwold.

»Was?«, fragte Maude und wirkte plötzlich wesentlich interessierter.

Alwolds blutige Lippen öffneten sich zu einem unangenehmen Lächeln. »Das Silber«, wiederholte er. »Überbringt Barcwit meine Botschaft, niemandem sonst. Er wird wütend sein, wenn Ihr ihn hintergeht. Ihr wisst nicht, wie er sein kann, wenn er wütend ist.«

»Wer ist Piers?«, wollte Maude wissen. »Wo kann ich … wo kann Barcwit ihn finden?«

»Lasst Barcwit wissen, dass es mir leidtut, aber ich war ihm treu bis in den Tod. Sein Silber liegt bei Piers. Er wird es verstehen.«

»Wer ist Piers?«, drängte Maude weiter. »Ich kenne niemanden, der so heißt. Wo lebt er? Und warum hast du das Silber bei ihm gelassen, wenn du es doch Barcwit bringen solltest? Wir haben dir geglaubt, als du erzählt hast, es sei von Gesetzlosen gestohlen worden. Und jetzt sagst du, so ist es nicht gewesen?«

»Keine«, flüsterte Alwold. »Gesetzlosen.«

»Ist Piers der Dieb?« Maude klang drängend. »Meinst du das? Ist Piers der Schurke, der uns ausgeraubt hat? Um Himmels willen, Mann, sag es mir! Das ist wichtig!«

»Erzählt es Barcwit«, beharrte Alwold, während Geoffrey dachte, dass der Mann sich etwas vormachte, wenn er Maude für eine vertrauenswürdige Botin hielt. Selbst für ihn war offensichtlich, dass sie ihre eigenen Pläne hatte. »Ihr müsst …«

»Wo lebt Piers?«, unterbrach ihn Maude hektisch, als sie bemerkte, wie Alwold ihr entglitt. »Ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht sagst, wer …«

»Aus dem Weg«, ließ sich eine wichtigtuerische Stimme vernehmen und übertönte jede Antwort, die Alwold womöglich gegeben hatte. Maude blickte überrascht auf.

Ein beleibter Mann mit buschigen, rotblonden Augenbrauen schob sich mit großem Getue durch die Menge und ging neben Alwold in die Hocke. Maude wurde beinahe umgestoßen, und nur ein gut abgepasster Sprung von Maurice bewahrte sie vor dem Umkippen.

»Das ist Clarembald«, ließ Henry sie wissen. »Einer meiner Hofärzte.«

»Ich bin ebenfalls hier«, kündigte sich eine zweite Stimme an. Geoffrey sah einen schlanken, hochgewachsenen Geistlichen herankommen. »Ich bin ebenfalls ein Medikus – und ein besserer als Clarembald. Mein Name ist John de Villula, Bischof von Bath.«

»Dieser Mann wurde erstochen«, sagte Henry. Wenn man das den Heilkundigen erst noch erklären musste, war Alwold in der Tat verloren – das Messer steckte noch im Leib des Verwalters, und er war blutüberströmt. »Ich möchte, dass Ihr ihm das Leben rettet.«

»Das ist unmöglich«, sagte Clarembald. »Die Wunde ist tödlich, nur Gott könnte ihn heilen.«

»Dann werde ich Ihn darum bitten«, sagte John und fiel auf die Knie. »Er hört stets auf die Gebete seiner Bischöfe, auch wenn er sich nicht viel mit einfachen Heilern abgibt.«

»Ich heile mit den Gaben, die Gott mir geschenkt hat«, erwiderte Clarembald gereizt und präsentierte seine Hände, als wären sie von besonderer Bedeutung. »Ich fordere Ihn nicht bloß, meinen Patienten zu helfen.«

John öffnete den Mund zu einer Antwort, aber Henry mischte sich ein. »Ja, ja, wir wissen, was Ihr voneinander haltet. Aber ein Verletzter braucht Euch, und ich will, dass Ihr ihn rettet, denn ich habe gehört, wie er von Silber sprach.«

»Clarembald wird scheitern«, stellte John geringschätzig fest. »Der Verletzte ist seinen kläglichen Fähigkeiten längst entglitten.«

»Dann rettet Ihr ihn«, forderte Clarembald ihn auf. Er erhob sich und bedeutete John, seinen Platz einzunehmen.

Aber John war kein Dummkopf. Er wusste genauso gut, dass Alwold verloren war. »Jetzt kann ich nichts mehr tun – nicht etwa, weil meine Fähigkeiten nicht ausreichen, sondern weil Clarembald ihn bereits berührt und Schaden angerichtet hat.«

Clarembald war entsetzt. »Beschuldigt Ihr mich, diesen Mann getötet zu haben?« Er senkte die Stimme zu einem wütenden Flüstern. »Das ist Barcwits Verwalter, Mann! Soll Barcwit mich wegen Eurer falschen und bösartigen Beschuldigungen umbringen?«

Johns Miene ließ vermuten, dass er das für eine gute Idee hielt. »Vielleicht solltet Ihr in Zukunft Bristol meiden«, entgegnete er aalglatt.

Mit einem ungeduldigen Laut trat Henry zwischen sie. Geoffrey hielt es für sehr schlechtes Benehmen, wenn Ärzte miteinander stritten, während ein Mann im Sterben lag. Er wandte sich wieder Alwold zu. Der Verwalter war grau im Gesicht und brauchte einen Priester, keine Heiler.

»Der Priester von St. John kennt das Geheimnis«, flüsterte Alwold so leise, dass Geoffrey sich nicht sicher war, ob er es überhaupt gehört hatte. Alwolds Augen standen offen, aber sie waren trübe. Wahrscheinlich glaubte er Maude noch an seiner Seite, denn er fuhr fort »Der König weiß davon, und Bloet und William de Warel …«

Seine Stimme verebbte, dann stockte auch sein Atem, und Geoffrey hatte das beunruhigende Gefühl, als ob etwas den Körper des Mannes verließ. Alwold war tot.

Geoffrey nahm die Hände von der Stichwunde und erhob sich. Giffard trat an seine Stelle, um für die Seele des Toten zu beten. Maude hatte sich wieder zu Rodbert und Tasso gesellt, während Bischof Maurice zwischen ihnen und Sendis Leuten stand. Möglicherweise mit Absicht, um weitere Morde zu verhindern.

»Was hat Alwold gesagt?«, wollte Henry von Maude wissen.

»Nichts, was irgendeinen Sinn ergab«, erwiderte sie. Geoffrey hatte Mühe, sie bei dieser Lüge nicht fassungslos anzustarren. »Ich sollte meinem Mann eine Botschaft überbringen – etwas Persönliches.«

»Was?«, fragte Henry. Er beäugte sie mit zusammengekniffenen Augenlidern: Ihm war nicht entgangen, wie eifrig sie sich vorgebeugt hatte, um Alwolds Worte zu verstehen. »An meinem Hof gibt es keine Geheimnisse vor mir. Was hat er gesagt?«

Maude hielt seinem Blick stand, während sie antwortete: »Es ging um einen Mann namens Piers, Majestät. Das muss ein Freund meines Mannes sein. Wie ich sagte, es ergab keinen Sinn.«

Geoffrey musterte ihre Gefährten. Tasso stellte eine professionelle Gleichgültigkeit zur Schau, aber Rodberts Blick ging zwischen dem König und Maude hin und her, während er den Wortwechsel verfolgte. Geoffrey nahm stark an, dass Maude Alwolds Geständnis vor Barcwit verheimlichen wollte, und fragte sich, ob sie das bei Tasso und Rodbert vorhatte.

Er rief sich Alwolds letzte Worte ins Gedächtnis, die Maude nicht mehr gehört hatte, wonach der Priester von St. John das Geheimnis kannte, wie auch der König, Bloet und William de Warel. Geoffrey beschloss, lieber darüber zu schweigen. Es war klüger, die ganze Angelegenheit zu vergessen und nichts weiter mit den Münzern und ihrem Silber zu tun zu haben – oder mit dem König, dessen Gier bereits erwacht war.

»Erzählt mir ganz genau, was er gesagt hat«, forderte Henry sie auf und setzte sein einnehmendstes Lächeln auf. »Womöglich kann ich Euch helfen, seine Worte zu verstehen.«

»Es war ohne Bedeutung«, antwortete Maude ausweichend. »Er meinte, dieser Piers hätte Barcwit etwas zu sagen. Bei meiner Rückkehr soll ich meinem Gemahl vorschlagen, diesen Mann aufzusuchen.«

»Ich hörte, wie Alwold Silber erwähnte«, sagte Henry, und das Lächeln auf seinem Gesicht verschwand. Er wusste, dass Maude versuchte, ihn in die Irre zu führen.

»Er sprach wirres Zeug«, behauptete Maude nervös. »Er hat von Silber gesprochen, aber er war der Verwalter eines Münzers, sein ganzes Leben drehte sich darum – schließlich prägen wir Münzen daraus.«

»Und das ist alles?«, fragte Henry. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Stimme hatte einen bedrohlichen Unterton.

Maude blickte ihn an und erkannte, dass sie mit dem Feuer spielte. »Normalerweise würde ich Euch nicht mit unseren kleinlichen Sorgen behelligen, Majestät, aber da Ihr danach fragt, werde ich mich Euch anvertrauen. Vor ungefähr drei Wochen, am Sankt-Michaelis-Tag, wurde Barcwit eine große Menge Silber gestohlen. Ich nehme an, Alwold dachte an diesen Vorfall, als er starb.«

»Und warum sollte er das?«, fragte Henry beiläufig.

Maude gab weiter nach, und Geoffrey gewann den Eindruck, dass ihre Geschichte für den König nichts Neues enthielt: Henry hatte bereits davon gewusst. »Alwold hatte diese spezielle Lieferung von einer Mine in Devon begleitet. Aber kurz vor Bristol wurden die Wagen überfallen und das Silber geraubt. Es war nicht Alwolds Schuld, aber ohne Zweifel machte es ihm zu schaffen, dass er eine so kostbare Ladung verloren hatte.«

»Ich weiß von diesem Überfall.« Henry lächelte angesichts ihrer Überraschung. »Auf meinen Straßen gehen keine Edelmetalle verloren, ohne dass ich davon erfahre.«

»Mein Gemahl meint, die Straßen wären viel sicherer, seitdem Ihr König seid«, erklärte Maude mit schmeichlerischem Lächeln. »Wir waren daher alle überrascht, dass der Transport angegriffen wurde.«

»Und entsetzt«, fügte Rodbert hinzu. »Da war eine Menge Silber auf diesem Wagen, und der Verlust war ein schwerer Schlag für unser Geschäft.« Er warf Sendi einen Blick zu, der deutlich machte, wen er dafür verantwortlich machte. Sendi fuhr auf und funkelte zurück, aber Adelise kniff ihn in den Arm, und er sagte nichts.

»Das alles lässt Alwolds Tod in einem anderen Licht erscheinen«, befand Giffard, der seine Gebete beendet und sich erhoben hatte. »Womöglich wurde er um des Silbers willen ermordet. Hat irgendwer gesehen, wer ihn erstochen hat?«

»Ich stand in der Nähe von Bischof Maurice«, erwiderte Maude und lächelte den fetten Geistlichen scheu an. »Daher habe ich nichts gesehen.«

»Ich habe kaum etwas wahrgenommen, nachdem ich die beiden Sonnen erblickt hatte«, erklärte Maurice entschuldigend. »Ich glaube, dass Ihr hinter mir standet, aber ich bin mir nicht sicher.«

»Ich war unmittelbar bei ihr«, verkündete Rodbert loyal. Er starrte Maurice wütend an. »Gewisse Geistliche zeigen viel zu viel Interesse an ihren Schäfchen, und ich wollte aufpassen, dass sie nicht zu Schaden kommt. Tasso wird bestätigen, dass wir alle zusammen waren, als Alwold so heimtückisch erschlagen wurde.«

Geoffrey war wenig beeindruckt; diese allzu bereitwillig gegebenen Alibis hatten keinen großen Wert. Henry wandte den Blick von Barcwits Männern zu Sendis Haufen. Sendi trat sogleich vor.

»Mit Verlaub, Majestät«, sagte er. »Wir haben mit Alwolds Tod ebenso wenig zu tun. Wir sind nur aus einem Grund hier: um zu berichten, dass Barcwit Euch betrügt. Er schlägt minderwertige Münzen, und …«

Henry schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab. »Ich habe Euch bereits wissen lassen, dass ich mir Euren Fall später anhören werde. Ich will nicht jetzt über diese Klagen reden.«

»Die ohnehin allesamt erlogen sind«, warf Rodbert mürrisch ein. »Sendi ist neidisch, weil Barcwit erfolgreicher ist als er. Aber das liegt nur daran, dass wir härter arbeiten und bessere Münzen fertigen.«

Sendi hob einen Finger, der vor unterdrückter Wut zitterte. »Lügen!« Er wandte sich an Henry. »Sie haben heute Fardin ermordet, und jetzt haben sie Alwold ebenfalls getötet. Sie hoffen, dass Ihr Alwolds Tod als Rachetat anseht – damit man uns die Schuld zuweist und unser Fall abgewiesen wird.«

Rodbert grinste verächtlich. »Und warum sollten wir unseren eigenen Mann umbringen? Wir …«

»Genug!«, brüllte Henry. »Ich habe gesagt, dass ich heute von Euren Zänkereien nichts hören möchte. Wie könnt Ihr es wagen, Euch Eurem Herrscher zu widersetzen? Das Einzige, was mich jetzt interessiert, ist Alwold und jeder, der womöglich seinen Mörder gesehen hat.« Er blickte finster über seinen Hofstaat, und viele der Anwesenden bewegten sich unruhig auf der Stelle.

»Wir alle haben uns die zwei Sonnen angeschaut«, erklärte der Rotschopf, mit dem Durand gemeinsam gekichert hatte. Seine Augen standen über der langen Nase zu dicht beisammen und verliehen ihm einen hinterhältigen Ausdruck. »Aber keiner von uns Höflingen ist ein Mörder, also müsst Ihr den Schurken unter den Fremden suchen.«

»Muss ich das?«, fragte Henry spöttisch.

Der Mann umfasste die Münzer und Geoffrey in einer ausholenden Geste. »Diese Sachsen hegen einen Groll aufeinander, und über die Männer, die dem Aufruf des Papstes zum Kreuzzug folgten, habe ich schon so allerhand gehört. Das ist ein gefährlicher und unbeherrschter Haufen.«

»Stimmt das, Geoffrey?« Henry klang belustigt. »Sind Jerosolimitani gefährlich und unbeherrscht?«

»Jawohl, Majestät«, erwiderte Geoffrey, der genau wusste, dass jede andere Behauptung gelogen wäre. Sie hatten eine blutige Spur durch die zivilisierte Welt geschlagen, um Jerusalem zu »befreien«, waren weit davon entfernt, sanftmütige Heilige zu sein.

»Geoffrey hat Alwold nicht getötet, Bloet«, sagte Giffard gereizt. »Er war bei mir, als es geschah, und ich hätte es bemerkt, wenn er seinen Dolch gezogen und in irgendeinen Umstehenden gestoßen hätte.«

»Meine Beauftragten werden dieser Sache nachgehen«, schloss der König in einer diffusen Drohung. »Und ich werde herausfinden, ob mich jemand angelogen hat.«

»Wir haben nicht gelogen, Majestät«, warf Maude rasch ein. »Alwold hätte mich nicht gerufen, um seine letzten Worte zu hören, wenn ich ihn getötet hätte. Und keiner sollte zu viel auf sein Geschwätz über Silber geben. Er fühlte sich schuldig wegen des überfallenen Transports.«

»Wir werden sehen«, sagte Henry unbestimmt. Er klatschte in die Hände, um anzuzeigen, dass diese Angelegenheit abgeschlossen war. Dann blieb sein Blick an Geoffrey hängen. »Ich werde jetzt mit Euch sprechen. In meinen privaten Gemächern.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er davon. Sogleich redeten alle aufgeregt durcheinander und schwatzten über die zwei Sonnen und den gleichzeitigen Mord. Als Geoffrey sich umwandte, um dem König zu folgen, fühlte er seinen Arm von einem eisernen Griff umfangen. Verärgert schüttelte er die Berührung ab und war bereit, mit einem Schlag nachzuhelfen, wenn der Bursche ihn nicht losließ. Doch er öffnete die geballte Faust, als er Maude erblickte. Ihre Augen glühten, als sie sich ihm zubeugte.

»Nun?«, zischte sie. »Was habt Ihr gehört?«

Er wollte nicht zugeben, dass er mehr von Alwolds letzten Worten gehört hatte als sie, denn das würde ihn auf jeden Fall in die Fehde der Münzer verwickeln. Allerdings wollte er auch nicht ihren Verdacht erregen, indem er behauptete, er hätte gar nichts gehört, wenn sie es besser wusste.

»Warum möchtet Ihr das wissen?«, wich er der Frage aus.

»Ihr habt nichts gehört, was meinen Worten vor dem König widerspricht«, stellte sie fest, als müsse sie ihm einprägen, was er zu sagen hatte. »Außerdem hat Alwold Englisch gesprochen, das nur wenige Normannen beherrschen.«

»Henry schon«, betonte Geoffrey. »Deshalb hat er auch das Wort ›Silber‹ aufgeschnappt.«

»Vermutlich kennt er die Worte ›Silber‹, ›Gold‹ und ›Geld‹ in jeder Sprache unter der Sonne«, gab Maude beißend zurück. »Aber Ihr werdet niemandem irgendetwas über Alwolds letzte Worte verraten. Wenn Ihr diesen Rat missachtet, bringt Ihr Euch in größte Gefahr.«

»Durch Euch?«, fragte Geoffrey kühl. Er ließ sich gar nicht gern drohen, nicht einmal von hübschen Frauen.

»Durch den König«, antwortete Maude und klang überrascht, dass er etwas anderes annehmen konnte. »Dieses Silber ist einiges wert, und Henry interessiert sich weit mehr für dessen Verbleib, als es für jemanden angemessen ist, dem es nicht gehört.«

Geoffrey folgte dem König zu einer Wendeltreppe. Zwei Wachen traten dort beiseite, um ihn vorbeizulassen. Sendi – offensichtlich darauf bedacht, seinen Fall voranzutreiben – versuchte ebenfalls zu folgen, aber die Wachen verstellten ihm mit ihren Speeren den Weg, und ein Hauptmann kam mit gezücktem Schwert aus einem Schatten hervor. Der Sachse trat eilig den Rückzug an.

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