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Die Verlorene

Informationen zum Buch

»Wie ich nun gar einsehen musste, dass ich das angstvoll gehütete Geheimnis preisgeben müsse und die Schande nicht mehr länger verheimlichen könne, gewann jener schreckliche Gedanke alle Macht über mich. Es ist entsetzlich, was ich tat, aber ich flehe Ihre Barmherzigkeit an, mir die Gnade des Lebens zu schenken.

Die Unglückliche. Frieda Keller«

Als Frieda Keller 1904 in St. Gallen ihr Gnadengesuch schreibt, liegen der Alptraum eines Missbrauchs, eine Verzweiflungstat und ein skandalöser Prozess hinter ihr.

Michèle Minellis Roman beruht auf dem historischen Kriminalfall, in dem die Schneiderin Frieda Keller in die Mühlen einer männerbestimmten Justiz geriet, die alle Schuld der Frau auflud und den Vergewaltiger ungeschoren ließ.

Als Friedas Dienstherr die Tür verriegelt und sich an sie drängt, ist sie verloren. Hinter ihr liegt eine unbeschwerte Kindheit im thurgauischen Bischofszell und vor ihr die jahrelange Schmach einer ungewollten Mutterschaft. Im aufstrebenden St. Gallen kann sie in der Anonymität der Stadt untertauchen, das Kind hält sie vor allen in einer Kinderbewahranstalt versteckt. Weil der Junge aber dort nicht bleiben darf und sie nicht für ihn sorgen kann, ergreift allmählich ein düsterer Plan von Frieda Keller Besitz.

Michèle Minelli

Die Verlorene

Die Geschichte der Frieda Keller

Roman

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Der Verlag bedankt sich für die Unterstützung
bei

und

Für Frieda
und Ernst

Davor

Altishausen, 1866

Und dieser Morgen ist noch dunkel. Kein fahles Licht verdrängt die Nacht, als sich ein Mädchen auf den Weg begibt, ein Päckchen im Arm, über die Felder, dem Walde zu. Das Mädchen, oder ist es eine junge Frau?, kennt den Weg, es hat ihn sich dutzendfach gedacht. Und doch ist jeder Schritt wie ein Schritt ins Leere, ungewiss, ob der Fuß, der ganze Mensch nicht selber auch versinkt. Und verschwindet.

Jetzt wird es Zeit, du kannst damit nicht ewig warten, hatte Vatti gesagt. Und die Stoffe, die Mueti ihr fürs Päckchenbinden reichte, waren keineswegs nur minder. Auch wenn die Bänder an den Enden ausfransen und immer einen Schritt zurückbleiben, hinter ihr und dem Päckchen im Wind ihr Adieu flattern.

Sie geht, und sie weiß nicht, dass sie geht, weiß nur, wohin sie geht und durch all die langen Felder bis zum Wald hinan. Er winkt in hellem Birkenkleid, sie winkt zurück mit Bändern.

Und nun wird der Boden weich, auig der Wald, in dem sie steht, allein, ein Atem nur, der geht.

Ein ausgestreckter Ast, der nach dem Päckchen langt, unter ihren Füßen der Morast, ein Balancieren. Und jetzt rennt sie, auch wenn das falsch ist, ein nasser Busch, ein Schlag übers Gesicht, und sie spürt es, es federt nach, und ihre Füße sumpfen, und ihre Füße suchen einen Halt im Hain, im endlos weichen Boden, der nachgiebig ist und willens für das, was sie vorhat, so willens, seit hundert Jahren schon.

Sie denkt an den Weg und kann sich nicht erinnern. Jetzt muss etwas geschehen, und Mueti rückte bestickte Bänder heraus.

Und hier ist sie, mit diesem viel zu leichten Päckchen in ihrem Arm, und stößt voran, weiter, tiefer noch hinein, dorthin, wo der Boden vom Schlamm schwarz ist, der Wald im Feuchten wurzelt. Wo er Kalkholz, Aspenholzli und Himmelisbuchen heißt.

Jetzt kniet sie also doch. Jetzt ist es bald so weit. Und jedes Schlucken dünkt sie jämmerlich und nicht zu schluchzen ein Verrat. Und wie das Päckchen langsam, langsam ihr aus beiden Armen rutscht, gleitet auch sie wie aus sich selbst hinaus, und wie es vor ihren Augen absinkt und untergeht, verschwindet und ertrinkt auch sie und weiß es, weiß es ganz genau, dass es diese Nacht, diesen frühen Morgen, diesen einen Tag nie gegeben haben wird, und auch den Nachmittag, den einen, nicht, ein Dutzend Tage noch davor gab es nicht, nichts von alledem war jemals wahr, und wahr würde es auch niemals werden.

Der Mond schaut hinab und leuchtet in ein ordentliches Bild. Denn da unten, auf seiner Erdenschwester, ist alles, wie es sich gehört. Und zu weit von seinem herrlichen Blick entfernt, der Laut vom All verschluckt, die schweren Lehmbatzen, die das Heimwärtseilen der jungen Frau, ja, jetzt ist sie es, eine Frau, die Kindheit hinter sich gelassen, über feuchten fremden Acker mühsam machen, die schweren Lehmbatzen an den Füßen, stolpert sie, und sie stolpert allein, weißer Hauch, der ihr vor dem Munde steht, und ein Atem, ein Atem nur, der geht.

Eins

Schreib, Mädchen, wenn du irgendetwas zu sagen hast, um Himmels willen, schreib es jetzt!

Wie kann man diese Tat in Worte fassen?

Wozu?

Da sitz ich hier, die Hände eingefaltet für ein bisschen Wärme und gar nicht viele Schritte von daheim entfernt. Sind es siebzig oder hundert? Mehr? Die Rorschacherstrasse leicht den Hang hinab.

Ich bin mitgegangen, was hätte ich auch sonst –

… diese Straße, die zum See hinführt. Daran will ich jetzt nicht denken.

Was mir am meisten fehlt, ist die Stimme meiner Mutter. Ihr breites Bern, das in jedes Wort die Liebe flicht. Und wie sie mich anschaut, wenn sie fragt: »Was brauchst du, Kind?«

»Sie brauchen dringend Hofgang, Wärme, Licht«, hat der freundliche Herr gesagt. Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen. Ich kenne seinen Namen nicht. Es ziemt sich nicht, allein mit einem Mann zu sein. Auf engem Raum. Und doch. Ich musste immer wieder zu ihm hinblinzeln. Wie ein Mensch von einer anderen Erde. Von einer fernen Welt. Mit ihm herein war der Duft von Flieder gegaukelt, das wenigstens bilde ich mir ein, einen Atem der Frische, einen Hauch Frühling, den der Wind unter seinen Hemdkragen geweht hat. Immer weht der Wind irgendetwas irgendwohin. Den Wind kann man nicht bremsen. Der Wind ist wie ein Mann.

Unerwartet war er eingetreten, schlank und lang, geduckt hatte er sich unter dem Türrahmen, drahtig in seinem teuren Kleid. Und wie er geschaut hat. Sein Blick, das ganze Gesicht voll Aufmunterungsbegehren. Wie der aussah in seinem Aufzug, wie hergerichtet für ein Fest. Hier könne ich nicht bleiben, hat er gesagt. Dabei bin ich doch schon ewig hier. Und er erst einen einzigen Moment. Er sagte: »Einen Monat. Einen Monat und einen Tag genau.«

Kann man die Zeit zählen? Die Glocken der Pfarrkirche St. Fiden meinen: Ja.

Ich höre die große mit dem runden Klang wie ein Bauch, der gefüllt sein will, und ich höre diese kleine, heisere, von irgendwoher. Zuvor war sie mir nie aufgefallen, wenn ich hier entlangging. Sie klingt wie ein Schöpflöffel aus Holz, der gegen eine Suppenschale klöppelt. Sie klingt wie ein Kind, das fröhlich ist, weil es weiß, dass es bald zu essen gibt.

Wo hat man Ernstli hingebracht?

Wie es ihm dort geht?

»Dieses Recht habt Ihr verwirkt.« So hat der Landjäger gesagt. Nie würde er mir sagen, wo der Ernstli ist. Ich sei ihm keine rechte Mutter.

Grad weil ich seine Mutter bin.

Grad drum.

Das Fenster geht nach hinten. Die Türe auf den Gang, der Gang führt einen nach draußen. Der freundliche Herr braucht lediglich zu klopfen. Ihm macht man auf. Er kann hinaus. Mir bleibt das Fenster, nutzlos wie eine Luftspiegelung. Der Mörtel und der Kalk rieseln lautlos. Und in diese Stille falle auch ich, falle ich, ich falle.

Dass ich mich nicht waschen kann, geniert mich. Wie viele Glockenschläge, bis es wieder Mittwoch ist? Dabei war der Herr so fein gekleidet. Er tat mir richtig leid in seinem zweireihigen Glanzanzug, Satinbesatz, perlmuttschimmernden Kragen um den rot ausrasierten Hals. Mit seinem Hut in der Hand, wie er nicht recht wusste, wohin mit sich. Seiner großen männlichen Gestalt.

Solche Anzüge hätte ich bei Fräulein Bahon auch gerne genäht.

Ungewaschen, bis es wieder Mittwoch ist. Schuhe ohne Bändel. So geht man nicht zum Haus hinaus. Und ich, ich gehe nirgendshin. Nicht, bis wieder Mittwoch ist. Freitag, und dann Sonntag, und dann Dienstag, und die Stimmen der Vögel, die Amsel am Morgen, die als Erste spricht, das ganze Tschilpgefleuch, das nach und nach ins Lied einstimmt. Das war mir früher nie bewusst. Hier höre ich es. Aber hier gehöre ich nicht hin.

Immer wieder muss ich mir vorstellen, wie sie mich holen kommen. Ich kann nicht dagegen an, da ist eine solche Angst.

Wenn man mir doch vergibt!

In einem langen Marsch werden sie kommen, der Bezirksammann und seine Landjäger. Sie kommen den Gang herunter bis vor meine Zellentür. Ich stelle mir vor, wie der eine den Schlüssel dreht und, ohne ihn abzuziehen, die Türe öffnet, Schlüssel und Klinke in seiner Hand, und ich, mit meinem nicht gewaschenen Haar, mit meinen zusammengefalteten Händen für ein bisschen Warm, sitze auf der Pritsche, ungemacht.

Das kann ich nicht ertragen.

Seine Stimme gehört zu einem Bergkanton, die Worte spricht er abfallend in ein Dunkles hinein. Hier sprechen wir hell und mancherorts gequetscht.

Grübeln hülfe nichts. Mit seinen brunnentiefen Vokalen aus einer gänzlich anderen Welt. Töne, die mich daran erinnern, dass ich tief gefallen bin. Und an meine Mutter. Daran, wie sie fragt: Was brauchst du, Kind? Und auch, wie froh ich immer war. In jener Zeit davor. Als sie noch lebte und für mich da war, als sie noch war.

Als mein Leben noch ein Leben war.

Und ähnlich flehentlich wie der ihrige drang der Klang seiner Stimme zu mir hin, als er mich plötzlich nicht mehr siezte und auch nicht wie die Landjäger mit gemeinem Ihr ansprach, als er sich vorlehnte, dieser fremde freundliche Herr mit Kragen und Binder und seidigem Revers, der sich um mich kümmern will, um mich und meinen Fall, so nah an mein Gesicht heran, dass ich seinen Atem spürte, wie er mir Papier und Bleistift in die Finger legte, seine geäderten Hände, unerwartet fest und kühl, sie rochen karamellen, und seine Worte, einen ganzen Ton heller nun, flammend in der Luft: »Schreib, Mädchen, wenn du irgendetwas zu sagen hast, um Himmels willen, schreib es jetzt!«

Auszug aus den Akten der Staatsanwaltschaft St. Gallen, Aktenstück 57, Selbstgeschriebener Lebenslauf der Frieda Keller (geboren 1879)

Kann mich nur noch vom vierten Altersjahr erinnern, da wurde ich schwer krank, dass Herr Doktor alle Hoffnung aufgab, meine Eltern mussten Tag und Nacht wachen, als Herr Doktor mich auch wieder eines Abends besuchte, machte er meine Eltern darauf aufmerksam, dass es heute Nacht eine Änderung gebe; sie wollen sich bitte vorbereiten. Da war grad das Gegenteil! Meine Fieber nahmen ab und von derselben Stunde wurde es Tag für Tag besser, und Herr Doktor war ganz erstaunt, dass ich noch am Leben war! So musste ich fünf Viertel Jahre das Bett hüten. War so schwach, konnte nicht gehen und stehen, von meiner Krankheit an war ich bis jetzt immer schwächlich.

Vom ersten bis zum vierten Jahr war ich grässlich fett. Aber von der kranken Stunde an war ich leicht und mager. Solange ich im elterlichen Hause wohnte, hat mir meine Mutter, ohne dass die andern es wussten, immer noch Essen zugesteckt, aber es half alles nichts.

Mit dem siebten Jahr musste ich in die Schule, das erste und zweite Schuljahr war Fräulein Stutz unsere Lehrerin, und das dritte und vierte Schuljahr Herr Lehrer Wehrlin. Kann nicht sagen, dass ich von den Ersten gewesen bin, aber doch gab ich mir Mühe und Fleiß, dass der Lehrer mit mir zufrieden war. Musste die ganze Woche in die Schule, nur Mittwoch- und Samstagnachmittag hatte ich frei. Zuerst musste ich dann meine Schulaufgaben machen, und nachher mein Fach stricken, das mir meine Mutter aufgegeben hat, dann erst durfte ich noch bis zum Nachtessen auf der Gasse spielen oder mit der Puppe mich beschäftigen. Hatte mich aber meistens mit der Puppe abgegeben. Habe ihr die Kleider selber angefertigt, hatte sehr große Freude am Nähen. Konnte mich stundenlang verweilen, es war da schon mein Wunsch; ich wollte Damenschneiderin werden. Wohnte damals noch im Kanton Thurgau, in Bischofszell, dem schönen …

*

In die offenen Arme von Sitter und Thur schmiegte sich das Städtchen auf seinem Berg. Unterhalb der Terrasse, in der Talsenke, unweit der Thurbrücke, produzierte die Jacquardweberei Niederer mit Bildern durchwobene Stoffe, die mit der Eisenbahnlinie Sulgen–Bischofszell–Gossau in die weite Welt hinaustransportiert wurden. Dort, in der Mulde, bei den Brücken, in der Brüel und in der Bleiche, siedelte sich die Industrie an. Leinwandproduktion, Maßschneidereien, Schifflistickereien, Färbereien. Das feine Tuch wölbte sich zu Hügeln, und die Stoffe schwollen zu stolzen Bergen an; Bischofszells Glück platzte aus jeder Naht, und der Fluss verkündete es in tiefroten Wellen, wenn erfolgreich eingefärbt worden war.

Sie kamen von überall her mit ihren Familien, die anpackten für eine Saison, ein Jahr, ein Leben. Auch Friedas Vater, Jakob Keller, war einst von Neukirch an der Thur zugewandert, und im gleichen Jahr kam wohl auch der Gerber von irgendwoher, irgendwoher kommen wir schon, hatte er gesagt, ein bleicher Mann mit flinken Augen, die hin und her huschten und dabei etwas Vages, etwas Leeres hatten, so dass Frieda zusammenzuckte, wenn sein Blick sie traf, und nicht nur dieses erste Mal, als sie mit ihren älteren Schwestern den Vater begleitete, als der in der Oberstadt bei dem neuen Gerber Leder bezog. Frieda war, als würde sie allein dadurch schuldig gesprochen, dass dieser Gerber schaute, und sie unterdrückte den Impuls, sich unter dem Blick wegzuducken, Mal für Mal.

Aber Ida. Ida, die hinter dem Gerber über den Ladentisch lugte; die beiden Mädchen hatten sich vom ersten Augenblick an als Freundinnen erkannt. Wenn sie zusammen waren, verschmolzen sie zu einer Eins.

Die Bauern gewöhnten sich schnell an das Bild von vier Mädchenhänden, die den Kühen Zöpfe in die Schwanztroddeln flochten, wenn am Obertorplatz Viehmarkt war. Und auch der Fuhrhalter mit seinen Rappen reichte Zuckerbrösel, um zuzusehen, wie sie die tellerflachen Hände den Nüstern seiner Tiere entgegenstreckten. Schwer zu sagen, wer tiefer schnaubte, die Pferde oder die Kinder, deren Erregung als Schauer über die kleinen Körper lief. Für sie gab es nichts Schöneres, als die Köpfe zusammenzustecken und Pläne auszuhecken.

Frieda geriet schnell in einen Taumel, ihre Wangen überröteten sich mit Lebenslust, und wenn sie gemeinsam mit der Freundin die Puppe mit Stoffresten einkleidete, die sie zusammengestoppelt hatte, tat sie das mit Andacht und in betäubter Dankbarkeit.

Für die Puppenfüßchen hatte Friedas Vater dann doch noch aus Abfallleder Schlupfschuhe gefertigt. Er hatte lange gemurrt, er war einer, der sich beständig selber hören musste. Sein Murren, sein Schimpfen, sein Schweigen, die missmutigen schweren Schritte. Kinderspielzeug, noch dazu für eins der Mädchen. Als Jakob Keller eines Abends ein Paar ineinandergeschobene Patschen über den gedeckten Abendbrottisch warf, saß etwas Siegreiches in seinem Gesicht: So, jetzt brauchst du mich lange nicht mehr um einen Gefallen zu fragen. Seine Frau senkte erschrocken den Blick.

Wenn Ida die feinen Nähte bewunderte, wurde Frieda immer ein bisschen schwindelig, und sie schämte sich vor der Freundin für ihren Stolz.

Sie teilten, was sie teilen konnten. Das Essen, das Spiel, die Zeit. Hin und wieder die Kümmernisse von zu Hause. Und ihre ausgedehnte Furcht vor dem Chlenggen, dem Läuten der beiden Sturmglocken im Oberen Turm! Wenn mitten in der Nacht in Bischofszell, in der oberen oder in der unteren Stadt, ein Feuer ausgebrochen war und die Glocken nicht wie gewohnt ununterbrochen geläutet wurden, sondern man sie – ganz gespenstisch – nach jedem Läuten ausschwingen ließ, so dass ihr Klang verebbte wie ein Etwas, das durch die Zeit entschlüpft, und wenn dann nach dem Ausschwingen kraftvoll am Seil gezogen wurde und der grauenhafte Ton erneut erschallte, wussten die beiden Mädchen, dass die eine wie die andere sich im Bett an ein Geschwister schmiegte, sich festhielt gegen den Untergang, und dabei doch nur an die Zweite dachte. Daran, dass ihr, Gott mach’s möglich, nichts geschehe. Sie nicht zu Schaden käme in dieser Nacht.

Der Obere Turm. An den wuchernden Efeufäden ziehend, vertrieb sich hier im Schatten ein Flüchtlingskind die Zeit. Wobei man es Kind kaum mehr nennen durfte. Es war gut zehn Jahre älter als Frieda, aber in seinem Kopf tobte eine Erschütterung, so hieß es, ein Schrecken, so dass es lieber auf ewig kindlich blieb. Sein Name war nicht unbekannt. Dennoch wurde es von jedermann Bourbaki-Kind genannt. Es hauste in einer Hütte, bei den Wäldern. Eine krumm gewachsene Gestalt, knorrig wie eine Rebe. Wenn man ihm etwas Süßes hinhielt, tropfte ihm der Speichel aus dem Mund. Zuzugreifen traute es sich nicht. Zu oft hatten die Buben im Ort das Spiel getrieben und es damit halb rasend gemacht. Danach hat es die Hoffnung aufgegeben, und wenn die Mädchen ihm ein Bonbon in den Mund steckten – denn das war der einzige Weg –, liefen ihm neben dem Speichel auch die Tränen hinab.

Das blieb nicht lange unbemerkt. Wie eine unausgesprochen Verbündete steckte die Frau des Spezereienhändlers Frieda und ihrer Freundin Leckereien zu, die für alle drei ausreichten. Zuerst mussten die Mädchen einen Knicks machen und die Inschrift zweier benachbarter Häuser der Kirchgasse hersagen, als wären es Fürbitten, die Frau des Spezereienhändlers bestand darauf. Frieda war das Haus zum Licht: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil«; Ida gab das Haus zum Zorn: »Herr, im Zorn zeig Deine Güte, Herr, vor Zorn uns stets behüte.« Gewohnheitsmäßig lächelte die Frau dann in sich hinein, als sähe sie dort Bilder. In ihrem Rockschurz kramte sie die Süßigkeiten zusammen und streckte die Hand aus, auf dass die Mädchen ihre Hände als Schüsselchen darunterhielten. Dann ließ sie los. Unerschütterlich rief sie den beiden hinterher, wenn diese schon davongaloppierten: »Nehmt euch vor der Thur in Acht!«

Die Thur, die schon so viele Kinder stahl. Einst auch eines der ihren.

Aber gerade unten bei den Flüssen war’s im Sommer doch das Höchste! Wenn die Sitter und die Thur eine sumpfige Färbung hatten und vor sich einen metallischen Geruch durchs Tal schoben, wenn sich ihr Wasserspiegel in der Hitze senkte und sich im Schlick Schwemmgut fand; wenn die Mädchen an den Ufern für die Mütter Wiesensauerampfer, Löwenzahn und Wildspinat in Flechtkörben sammelten, Körbe, die im Frühling mit Bärlauch gefüllt waren und im Herbst mit Pilzen aus dem Wald, Körbe, die man mit Lindenblüten und Wildkamille zu Verheißungen machen konnte, Körbe auch, die in strengeren Zeiten vom Bauer mit grünen Bohnen gefüllt und gewogen wurden, diesen Bohnen, die man in mühseliger Feinarbeit abfädeln musste, um sie nachher zurückzubringen und erneut zu wiegen, zusammen mit dem Abfall, damit auch ja keiner etwas für den eigenen Mund wegstahl, zwei große Körbe, die jetzt neben den beiden Mädchen im Gras lagen und stumm den Mund gen Himmel aufsperrten. Grad so wie sie, Frieda und Ida, bevor sie losprusteten und sich gegenseitig an den Zöpfen zu fassen versuchten in ihrer Ausgelassenheit. Eine Freiheit, die sie nur hier unten, bei den Flüssen, kannten.

Die Blüten der Stauden waren regenschwer, das nasse Gras kitzelte an den Waden. Ida war wie immer barfuß, Frieda zog die Socken stramm. Keines von Jakob Kellers Kindern war jemals ohne Schuhe auf der Gasse gesichtet worden, keines ohne Fußkleid unterwegs. Dass Ida mit nackten Füßen ging, jedenfalls im Sommer, daran hatte sich Frieda nur schlecht gewöhnt. Oft hebelte sie dann die Schuhe von den Fersen, zog ihre Strümpfe aus und ließ wie Ida das Gras zwischen die Zehen fahren. Zusammen erforschten sie, was Ida ihren Garten irdischer Freuden nannte, ein Begriff, den sie von ihrer Mutter aufgeschnappt haben musste, die gerne blumig sprach. Ida hatte das tadellose Gebiss und die Haut ihrer Mutter vererbt bekommen, weiß und weich wie Magnolienblätter. Mit ihrem glatten dunkelbraunen Haar, das in der Sonne flirrte, als berge es ein Feuer in sich, sah die Freundin zum Entzücken aus. »Mit dir zu spielen ist fast genauso schön, wie mit der Puppe zu spielen«, sagte Frieda hingerissen, und Ida knuffte Frieda für diese Schlaumeierei mit Lust.

Weil auch ihre Mütter miteinander befreundet waren, konnten die Mädchen unbeschwert dem Laufe ihrer Freundschaft folgen. Beide Mütter waren Auswärtige, Fremdkantönlerinnen aus dem Herzen der Schweiz, aus Bern, und beide waren heimwehkrank. Und auch wenn Anna Keller-Kobi, Friedas Mutter, nach dem Umzug der Familie ihre Jugend im thurgauischen Altishausen verbracht hatte, haftete ihrer Sprache unverwüstlich der Klang des Bernischen an.

Wenn die Frauen in den seltenen Momenten, die sie sich für einen Schwatz gönnten, beisammensaßen, setzten sich Frieda und Ida gern dazu. Dann tauchten sie unter deren Röcke und kicherten und giggelten und pressten sich die Fingerknöchel vor den Mund, ob all der unterhaltsamen Ausdrücke, die für die Frauen Trautheit bedeuteten.

Für ihre Mütter holten die Mädchen Rhabarber von fremdem Feld, zupften Johannisbeeren von Sträuchern und gruben vergessen gegangene Kartoffeln aus. Idas Mutter versteckte die Beute rasch im Schurz. Für ihre Mütter hätten die beiden Mädchen egal was getan.

Im Gegensatz dazu waren Väter etwas, dem man besser nicht in die Quere kam. Väter, das war etwas, das abends zu spät zum Essen auftauchte und mürrisch den Kopf in den Schultern vergrub, wenn die Kinder zu laut schwatzten. Der Gerber, umgeben von Tod und Gestank, der ganzen Hässlichkeit der Welt, der Schuster von deren Ordentlichkeit und Glanz. Und während dieser in der Oberstadt scherte, säuberte und schabte, nähte und klopfte der andere in der Unterstadt.

»Hämmerlein im Kämmerlein«, gluckste Ida und wich einem Grasklumpen aus, der angeflogen kam.

Frieda liebte diese Freundin mit dem Vollmaß ihrer Lebensfreude. Sie liebte sie, die gut zwei Jahre älter war und eigentlich gar nicht passte. Vater sagte, das Gerbermädchen sei kein rechter Umgang, zu wild, zu frei, zu ungehörig, frühreif. Er wolle keine Klagen von den Nachbarn hören, ein Schustermädchen wie sie, draußen in den Feldern. Es reichte schon, dass die beiden Mütter sich gern trafen. Man sei jetzt in der Unterstadt, man sei nicht in den Wäldern. »Mädchen sind dann gut, wenn man sie nicht hört und auch nicht sieht. Im Haushalt sollen sie wirken.«

Aber Frieda wusste, sie wurde von ihrer Freundin wiedergeliebt.

Und überhaupt: Jünger als Ida war sie zwar, aber an Körpergröße in nichts kleiner. Schon damals wie ein Weidenzweig, lang, sperrig und mager. Und so schnell aufschießend, dass Ida und ihre Mutter nach einem Besuch bei Kellers an der Kirchgasse 19 dann und wann ein abgelegtes Kleid, das Frieda unter den Achseln scheuerte, eine Schürze, ein Nachthemd über den Arm gelegt bekamen.

Nach Frieda sind die beiden Brüder zur Welt gekommen, Klein Jakob, zwei Jahre, und Oskar, vier Jahre jünger, und die beiden Schwesterchen, Maria und Olga, waren noch zu klein, also reichte Friedas Mutter die Kleider gerne her. »Die Schuhe aber nicht, keine Schuhe!«, schimpfte Friedas Vater.

Dann und wann steckte Anna Keller-Kobi der Gerbersfrau ein halbes Pfund Pastinaken zu, einen Salatkopf, ein Büschel Lauch. Damit die Ida gedeihe. Bei Frieda habe es das frische Gemüse schließlich auch vollbracht. Frisches Gemüse und Obst aus eigenem Anbau.

Seit sie hier wohnten, eingegliedert in die Unterstadt, ging es ihnen gut.

Und mit jedem Tag besser, Frieda, mit jedem Tag, sagte die Mutter, wenn sie der Tochter die blonden Haare aus der Stirne strich. Mit Friedas Geburt sei der Wandel eingezogen, du wirst sehen, du bist etwas Besonderes, Kind. Das letzte in einer Dreierreihe von Mädchen; danach sind endlich die Buben gekommen, nach denen der Vater so sehr verlangte. »Wozu denn die ganze Plackerei, wenn nicht für einen Erben?«

Als Frieda noch nicht einjährig war, hatte Jakob Keller das Gütchen Türkey gegen das Heimwesen an der Kirchgasse getauscht. Hinter sich ließ die Familie die langen Tage am verschatteten Hang. Katasternummer 159, das Wohnhaus und die Scheune. Zwei Hektar nebst einundzwanzig Ar Wiesen- und Ackerland, gen Morgen grenzend an das Weideli im Tobel, gen Mittag an die Straße, gen Abend an Isaak Moser und gen Mitternacht an Engeli im Tobel und Ferdinand Stäheli in der Bitzi. Von dem Täuscher Jakob Keller überlassen wurde dem Täuscher Benedikt Haag die folgende Haushabe: eine Leiter, zwei Sensen, dazugehörende Rechen und Gabeln, der gesamte noch vorhandene Dünger, die Gülle im Graben sowie Fahrhabe im Wert von eintausend Franken. Das Handänderungsprotokoll, das ihn per Martini 1880 zum Besitzer des Wohnhauses Kirchgasse 19 gemacht hatte, kannte Jakob Keller auswendig wie einen Kirchenpsalm. Und davon, dass sich Benedikt Haag die auf der Liegenschaft Kirchgasse befindlichen Erdäpfel und das Sommergemüse vom hinteren Garten noch eine Saison lang vorbehalten hatte, als ob man ihm die Quetschkartoffeln auf dem Teller streitig machen wollte, redete Friedas Vater jahrelang. Besonders aber, wenn zu Silvester die Bürger von Bischofszell dem Waldrand entgegenpilgerten, sich ihren Bürgernutzen abzuholen. Diese Wurst, das Brot und den Wein, vom Fass in den Zuber abgelassen und dort mit dem Dreilitermaß herausgeschöpft in Großmännermanier, damit der gute Wein vorn und hinten und links und rechts über die Faust, die das Maß am Henkel umschloss, zurück in den Zuber floss, diese Wanne, dieses Taufbecken, ach! Die Bischofszeller Bratwurstbürger und ihre Insignien der Berechtigten! Und sie, die Kellers, Bürger von Neukirch an der Thur, hier lediglich Zugezogene wie auch die Studers und die Sutterlütis und all die anderen Fremdstämmigen, die sie dem heiteren Treiben fernblieben, die sie leer ausgingen und von weit her zusehen mussten, mit welcher Wucht man den Zapfen ins Spundloch schlug. Die sich die Ohren nie genug verschließen konnten gegen all die besitzende Fröhlichkeit, bis die seit Jahr und Tag ansässigen Bürger von Bischofszell Stunden später, Zoten von sich gebend und einander vergeblich stützend, heimwärts torkelten von ihrem Fest. Einem Fest, das sogar die ausgewanderten Bischofszeller dazu bewog, zurückzukehren für einen Tag, mit Kind und Kindeskind, so dass sie aus aller Herren Dörfern und Weilern und Orten und Kantonen in Scharen anreisten, ihr Bürgerrecht zu fassen in ihrer Gierigkeit.

Endlose Tiraden. Jakob Keller rüsselte seinen Unmut in die rauchdicke Luft des Wirtshauses zur Post, wo er einen Verbündeten in Carl Zimmerli fand, dem Wirt, ebenfalls einem Reingeschneiten, oder, wenn die Post geschlossen hatte, allein vor sich hinbrütend in seinem Verkaufslokal mit der breiten Fensterfront zur Gasse hin, wo die Schuhe wie Traubendolden an ihren Bändeln von der Decke baumelten.

Hämmerlein im Kämmerlein, wie schnell und unmittelbar konnte doch das Wetter umschlagen, die klöpfelnde Gemütlichkeit im Hause Keller abrupt zu Ende sein. Nur die Buben durften sich vernehmen lassen, die Mädchen der Familie hatten still zu sein. Frieda empfand es wie eine alte Sühnepflicht, von der sie nicht wusste, wer sie ihr auferlegt hatte, wann und warum.

Zwei Stockwerke bewohnte Friedas Familie, und das oberste wurde an Gesellen der umliegenden Handwerksbetriebe fremdvermietet. Zwei Stockwerke für ihre Eltern Anna und Jakob, die Geschwister Emma, Bertha, Jakob, Oskar, Maria und Olga, und Frieda selbst, die Nummer drei in der Reihe, und war drei nicht eine ganz wunderbare Zahl?, Friedas Platz in der Welt ein feiner? Die Mutter sagte es immer wieder.

Zwei Stockwerke, eins davon im Erdgeschoss mit Ladenlokal, daran angrenzend die Küche mit der Speis, im ersten Stock vier Zimmer und ein halbes, der Balkon mit dem Plumpsklo und in der südlichen Unterkellerung des Hauses, wenn man gartenwärts die steilen Stiegen hinabkletterte, Vaters Werkstatt, und auch sie verteilt auf zwei Kammern – die eine links, die andere rechts –, das vollkommene Paradies, wenn man wusste, wohin man treten durfte. An den beiden Schusterkammern huschte Frieda meist vorbei. Der Vater mochte es nicht, wenn sie ihm um seine Beine strich. Lautlos glitt sie hinab und gelangte hinaus in Mutters parzellierten Garten. In der Landschaftsschräge lag er zwischen den Nachbarshäusern 17 und 21, dahinter ein verstohlenes Weglein und dann auch schon der Bach. Manchmal saß hier Frieda und phantasierte, wohin ihr Leben sie dereinst führen werde, wo sie einmal anlangen würde und wann.

Idas Mutter besaß keinen Gartenblätz, nichts. Da kam es Frieda fast schäbig vor, wenn ihre eigene Mutter Jahr für Jahr über das Grundwasser klagte, das durch die Erde hochdrückte und die Setzlinge aus ihren Betten hob. Ein ganz und gar durchfeuchteter Batzen Erde, jammerte sie, und doch: Chabis, Blaukraut, Zwiebeln, Lauch, das alles kam. Vom Lauch hatten sie so viel, dass die Mutter ihn in die eigenen Blätter einschlug und vergrub. »Im Erdbettli wird er haltbar gemacht, Frieda, schau zu, lern.«

So viel also hatten sie, so viel, dass man den Überfluss im Boden vergrub.

»Hör auf zu gründeln, Frieda, komm!«, rief ihr die Freundin zu, die über eine lange Brandnarbe zickzack sprang. Die Mädchen fegten durch die Wiesen und, rechtzeitig zum Eindunkeln hin, den Hügel hinauf.

»Frieda, was meinst?«

Ihre Gesichter leuchteten, als sie die Körbe hinstellten und für ein allerletztes Mal abtauchten. Sie verschwanden im luftigen Grün, und für einen Moment hörte man nur das Fächeln des Windes über den Blüten des Rispengrases. Schon gab es einen Ruck, und die beiden Kinder rollten nebeneinanderher, ihre Körper drehten sich seitlich, Bobinen gleich, die Steile hinab, spulten zuerst langsam, dann schneller und schneller in unkontrolliertem Drall bis in die letzte Senke, wo sie sich weitertreiben ließen, um auch wirklich alles aus sich herauszuholen, auch noch das letzte bisschen Schub.

Sich wieder aufzurichten war eine Kunst. Die Welt drehte sich, und es dauerte, bis man wieder klarer sah. Dabei hielten sie sich an Händen.

»Frieda«, keuchte Ida, »wenn du lange in die Sonne schaust, kerbt sich ihr Bild in deinen Augen ein.«

»Ich weiß das doch schon, Ida. Man soll nicht in die Sonne schauen!«

»Ja, aber hör mir zu! Wenn du es doch tust«, sie hechelte nach Luft, »bleibt der Abdruck eine Weile bestehen, gell?«

»Ja-haa«, trotzte Frieda weiter. Aber als Ida sie ansah mit allem Ernst, den ein dreizehnjähriges Gerbermädchen an einem satten Sommerabend in Bischofszell im Jahre 1890 in ihren Blick zu legen vermochte, verschluckte sich die Jüngere beinahe ob dieser Ernsthaftigkeit und wartete schweigend ab.

Ida hatte das Handgelenk der Freundin gepackt. Ihre Finger verstärkten den Druck und pressten es erschreckend überzeugt zusammen. Frieda biss sich auf die Lippen und zwang sich, das Handgelenk in der Umklammerung der anderen zu lassen. Endlich gab es Ida frei. Sie sagte: »Dasselbe wie mit der Sonne auf der Netzhaut gibt es auch als Nachhall bei Druck. Der Druck ist zwar weg, aber das Gefühl bleibt bestehen. Gell, du meinst, ich halte dich da noch?«

Frieda rieb sich das Gelenk. Sie wusste, dass Ida von ihrem Vater geschlagen wurde. Alle Väter taten das. Aber darauf wollte Ida gar nicht hinaus. »Ich frage mich, Frieda, wie lange und wie fest ich dich drücken müsste, damit ich für den Rest deines Lebens, egal, wo wir dann sind, bei dir bleibe.«

Diese Worte erinnerten Frieda daran, dass die Freundin bald in die Sekundarschule ins Haus an der Steig gehen würde, wo sie auch Französisch, Englisch und Italienisch lernte, derweil für Frieda die evangelische Oberschule im Haus zur Palme, nur einen Steinwurf von ihrem eigenen Riegelhaus entfernt, genügen müsste, ein schlecht geheizter Raum, durch dessen Ritzen der Wind fegte und wo es im Winter fürchterlich klamm wurde. Wenn die Stadtverwaltung mit der Brennholzlieferung in Verzug geraten war, mussten die Kinder abgestorbene Äste von ausgeholzten Bäumen der eigenen Gärten als Heizmaterial herantragen. Ausgekämmte Haare, Zuckerpapierchen, den einen oder anderen Lederrest – was immer herzugeben war, stopfte man in die Ritzen. War es das, was Ida ihr hatte sagen wollen? Ich gehe zwar, aber ich bleibe doch bei dir?

Frieda hatte es mit dem Lernen nicht, wie sehr sie sich bemühte, auf die neuerrichtete Sekundarschule würde man sie niemals schicken. Da war Ida besser dran; wenn sie auch sonst nichts hatte, so hatte Ida Köpfchen. Und im Lehrer Gut einen unverhofften Fürsprech! Der schaute dazu, dass das Kind im Leben weiterkam, selbst wenn das hieß: ab von seiner Schule.

Frieda wurde mit einem Mal ganz trüb.

Das gegenseitige Herausrupfen der Kletten, das Absuchen nach Zecken und das Glattstreichen der grasfleckigen Sachen gehörten zum Abschiedsritual. Frieda spürte es, dass er hier begann, hier unten am Fluss, nahe den windzerfressenen Schindelhäusern bei der Fabrik, auf einer feuchten Wiese, der Abschied, und nicht nur der für heute.

Die Grenze, an der sie sich von der Freundin trennen musste, war dann das Obertor. Alles, was stank oder Lärm machte, hauste in Bischofszells Oberstadt. Deshalb war Friedas Vater so unverhohlen stolz, in der Unterstadt zu wohnen, einem Schuhmacher kam das zu. Hier war’s auch, am Obertor, dass die zwei von einem neugierigen Augenpaar beobachtet wurden, unbemerkt.

»Morgen wieder, Ida, gell? Ich bring auch ein paar alte Bändel mit, die schnüren wir zu einem Seil und spielen Pferd und Kutscher!«

Die Kirchglocke begann schon mit dem Läuten. Und zwischen den einzelnen Glockenschlägen trippelten Berthas Füße übers Pflaster. Sie wollte unbedingt noch vor der Schwester zu Hause sein. Sie wollte den Ungehorsam dem Vater berichten. Für einmal wollte nicht sie im Zentrum von Vaters abendlicher Wut sein. Sollte jemand anderer geschlagen werden, sollte das heute Frieda sein.

*

Sieben Schläge. Sieben Uhr. Das Tram im Schritttempo. Ein spätes Fuhrwerk, ich höre den Kutscher, den Karren, die Räder. Etwas Kleineres rumpelt hintennach. Vielleicht ein zweirädriger Anhänger. Vorbei. Wie lange ich hier sitze und so träume? Viel geschrieben habe ich nicht. Schreib, Mädchen, wenn du irgendetwas zu sagen hast, schreib es jetzt! Will wissen, wer ich bin und wer ich war. So oder ähnlich hat der freundliche Herr gesagt.

Wann ist das gewesen? Heut am Morgen? Am Mittag? Nachmittags?

Kann mich nicht daran erinnern, einem Mann die Hand geschüttelt zu haben.

War da überhaupt je einer?

Die Tür geht auf.

Ein weiteres Verhör?

»So, hier kommt das Nachtessen.« Der Landjäger bringt den Blechnapf, der daran befestigte Löffel klappert gegen die Schale. Es klingt wie eine Imitation der Pfarrkirche St. Fiden, es klingt wie seichter Hohn.

Frieda Keller streckt die Hände aus; bleibt auf dem Bett sitzen.

»Wenn ich nachher wiederkomme und Ihr den Eimer raustragt, habe ich dann noch etwas für Euch.«

Die Ordnung will, dass die Inhaftierten nach dem Essen abends ihre Koteimer draußen in die Toilette leeren, sie auswaschen und mit dem gereinigten Kübel zurück in ihre Zelle treten. Frieda weiß, dass die Gefangenen, wenn einmal mehrere da sind, einzeln und nacheinander auf den Korridor geführt werden. Begegnungen sind unerwünscht.

Von allem, was sie weiß, sind es doch immer nur die gleichen Schwerenöter, die in den Zellen nebenan und gegenüber das Schicksal der Unfreien mit ihr teilen. Weinerliche Männer, die ihren Rausch ausschlafen und dann wieder gehen können. Zuweilen sogar der eine oder andere Corporal. Der wird dann vom Kameraden für eine jammervolle Ausnüchterungsnacht weggesperrt. So lange wie Frieda, vier Wochen und einen Tag, ist noch keiner da.

Einzige Frau unter all den Männern.

Gsödsuppe. Heute mit sauber abgefädelten Bohnen. Frieda führt den Löffel zum Mund. Einmal, als der Postenchef höchstpersönlich für eine Nacht einsaß – lustlos gegen die Türe trommelnd und brüllend –, hatte seine Frau Gsöd mitsamt den Bohnenfäden zubereitet. Frieda war beinahe erstickt daran. Da die Angelegenheit als peinlich genug galt, fühlte sich niemand zuständig, und so konnte sie ihr Erbrochenes erst tags darauf vom Boden wischen.

Heute also soll es noch was geben.

Was?

Einen Kanten Brot vielleicht? Was täte das für mich?

Hatte eine Freundin, die hieß Ida.

*

Die Butterblume unter Idas Kinn versprühte einen zitternden gelben Lichtpunkt. Da! Du hast Butter gern! Dabei wusste Frieda, dass es bei Ida zu Hause Brot bar jeglicher Butter gab. Und wenn, dann ohnehin nur schwarzes.

*

Brot wär mir lieb. Aber vielleicht hat der Landjäger statt Brot gute Neuigkeit für mich? Vielleicht darf ich heute gehen? Vielleicht kann ich endlich zurück und zur Bertha heim? Sie nimmt mich sicher wieder. Doch.

Vielleicht findet mein Elend dann ein End?

So fern von hier ist die Florastrasse nicht. Sieben Schritte. Oder siebzig. Siebenhundert. Ich glaube, ließe man mich gehen, ich könnte in weniger als sieben Minuten unten sein. Ich glaube, ich würde fliegen.

Die Florastrasse. Eine Straße, die parallel zur Rorschacherstrasse verläuft, mit hohen Arbeiterhäusern. Häusern, die kleine Vorgärten haben und Weglein, die zu Haustüren führen. Haustüren, die nach innen leiten in irgendeines Menschen sicheres Daheim.

Eine ganze freundliche Häuserzeile an sonnendurchglühten Abenden.

Mein Zimmer bei der Bertha in der Florastrasse geht nach Westen hin. Dort hängt das Licht am längsten.

Dort ist mein Daheim.

Mit Ida habe ich früher Zeit verbracht.

*

Im Sommer flohen die Mädchen vor den Pferdebremsen, die Brauereirösser, nass vor Schweiß, von den Feldern mit ins Städtchen brachten. Nach Bischofszell, wo jedes dritte Haus ein Wirtshaus war, trabten viele Rösser. An irgendeinem Brunnen stand immer eines angeschirrt, und auf seiner Flanke klebten im Schweiß die fetten Bremsen. Eins der Mädchen, zumeist war es Ida, machte den Kutscher darauf aufmerksam. Wenn dieser die Bremsen mit seinem Peitschenstiel verfehlte, flogen sie erbost brummend auf und verfolgten nicht selten die beiden Freundinnen. Und lachend und glucksend, mit einer Mischung aus ernstem Schiss und schrankenlosem Übermut, tobten sie davon und rannten durch die Gassen.

Alles war besser, fand Frieda, als in der Schule ohne Ida zu sein. Dieses Schulzimmer, einst ein Ort, wo Blicke zueinanderwanderten, war nun Ausgangspunkt ohnmächtiger Ratlosigkeit. Ein Flickenrest. Ein Geviert, in dem sie zusammen mit anderen Mädchen, aber eben ohne Ida misslaunig auf die Glocke wartete. In dem sich Lehrer Gut in schlecht versteckter Entgeisterung wiederholt mit den Fingern durch die Haare fuhr und dabei ein Zittern kaum verbergen konnte.

Es sei denn, man war gescheit. Es sei denn, man gab geistig etwas her. Aber so wie Ida war hier leider keine.

Frieda war nicht dumm, aber sie konnte sich nur schwer auf etwas konzentrieren, bei dem ihre Hände still zu liegen hatten und der Mund geschlossen war. Das war ohnedem das Schwerste, dass man nirgends frei nachfragen konnte, wie man wollte. Und als sie merkte, dass Zusammenreimen nicht immer Sinn ergab, wenigstens nicht den, den der Lehrer in seinem Kopf längst parat hatte, hörte sie mit dem Zusammenreimen auf. Und mit dem Fragen.

Sie gab sich Mühe, daran lag es nicht. Sie brachte ein mäßiges Interesse auf für Deutsch, Geographie, Geschichte, und sogar vaterländische Staatseinrichtung sagte ihr etwas. Aber dass sie zu Hause von ihren Brüdern gehänselt wurde, dass sie ihr nachriefen, du musst nichts lernen, du nicht, und sie doch die Dümmste nannten, die Lästigste und Einfältigste – Klein Jakob hatte ihr einmal ein Blatt Papier gereicht und sie geheißen, es einzufalten; so, so bist du, hatte er gelacht und war davongestiebt mit seinem Bruder Oskar –, hatte Frieda arg zu schaffen gemacht.

Im Singen allein fand sie Freude, wenn ihre Stimme erklang, gemeinsam mit den drei Dutzend anderen Kinderstimmen, im Musiksaal über dem Schlachthaus; und hin und wieder auch im Zeichenfach.

Und lange Zeit wollte sie es sich nicht eingestehen, dass sie eben doch ein bisschen eifersüchtig war auf ihre Freundin. Der Lehrer Gut hatte Ida weitergeholfen, hatte sie ausgewählt und emporgehoben, die Ida, die nun in die Sekundarschule ging und etwas Besseres im Leben vor sich hatte, als selber einmal Gerbersfrau zu werden, vielleicht Sprachlehrerin, Handarbeitslehrerin oder sogar Aufpasserin in einer großen Stickerei. Hinter der Stirne war’s dann wie ein Schleier, der sich über alles legte und der Frieda ganz unruhig machte, weil er die Sicht aufs eigene Leben verschlierte, so dass sie nie zu lange darüber nachdenken wollte. Über ihr eigenes Los und etwaige Möglichkeiten, denn davon, beschloss sie hinten im Garten, gab es für sie keine.

Frieda argwöhnte, ihr Vater trage vielleicht Schuld daran. Sein ungehobelter Umgang mit der Kundschaft, seine Schererei mit Lehrer Gut. Es war nichts Besonderes, dass die Leute vom Ort ihre Schuhe bei ihm in Auftrag gaben. Der Vater fertigte, geschickt und fachgerecht, jedem seinen Leisten. Aber allzu oft blieben die bestellten Schuhe einen ganzen Sommer im Geschäft hängen, fingen Staub und Fliegendreck, weil man grad nicht flüssig war und lieber wartete und sparte, bis man, zusammen mit dem ersten Schnee, endlich doch im Laden aufkreuzte und verdrossen in die Börse langte, das wenige Geld gegen die Schuhe herzutauschen.

Dabei hatte ihr Vater nicht einmal Zinsen verlangt! Abhängezinsen, wie er sie nannte. Nicht jeder könne Geld schöpfen, indem er bei anderen anschreiben ließ. Selber konnte er das jedenfalls auch nicht länger als höchstens ein oder zwei Monate, beim Metzger nicht und nicht beim Gerber.

Und dann der Lehrer Gut. Frieda musste an ein struppiges Vögelchen denken, eine Amsel vielleicht, zu früh geschlüpft aus einem grünen Ei und hinuntergepurzelt in die Welt. Vielleicht weil Lehrer Guts Haare so oft zerzaust waren, seine Kleidung offenkundig defekt. Ein Schranz im Rock, ein aufgelassener Saum am Hosenbein. Fäden, die von Knöpfen hingen, weil nicht verwahrt, Pappfutter, das aus einem Gürtel kroch. Die Kinder lächelten sich untereinander zu, der Lehrer lächelte voll einfältiger Freude über so viel Begeisterungsfähigkeit an seinem Unterricht mit, selig sind die geistig Armen – sagte so nicht Pfarrer Hund?

Vermutlich aber war er wirklich arm, der Lehrer Gut. Er hatte seine Schuhe nicht nur einen Sommer lang nicht abgeholt, sondern deren zwei! Und als er endlich hereinschneite, mitten in einem Wintersturm, in dem große Schneebatzen von den Giebeln platzten, besaß er die Unverfrorenheit, nach Lammfellsohlen zu verlangen.

Mit beiden Händen hatte sich Frieda die Ohren zugedrückt, dieser wüste Händel sollte keinen Einlass in sie finden. Leidenschaftlich heftete sie ihren Blick an den Weihnachtsengel mit Glaswollehaar, der leicht schräg im Fenster hing.

Sie schämte sich für ihren Vater, der vom Leder zog, bevor Lehrer Gut überhaupt sein Geldsäckel vorholen konnte. Dieser war höflich geblieben und hatte ein paar Rappen mehr bezahlt. Mit großherzigem Lachen.

Frieda sah beim Hinüberspienzeln, dass ihr Vater zu einem friedfertigen Lächeln seinerseits keinesfalls bereit war. Als ob er befürchtete, mit Größe auch Herz herzeigen zu müssen. So ganz anders als die Mutter war dieser Mann. Der Engel, schien’s, zitterte an seinem Ästchen. Bang hatte sich Frieda gefragt, wie sie dem Lehrer anderntags in die Augen würde sehen können.

Und dem Vater. »Menschen, die etwas verlangen, was ihnen nicht gebührt«, hatte er geraunt, »sind mir doch zuwider.«

Als das Schuljahr vorüber war, dachte sie am letzten Tag an jenen Streit zurück. Dass Lehrer Gut in ausgerechnet diesen Schuhen das Jahr abschloss, war ihr schon ein Rätsel. Er musste doch wissen, dass er sie damit in Verlegenheit brachte!

Seine Haare standen nach allen Seiten, sein Hemd war verfleckt, Schokolade, eine braune Soße vielleicht, aber die Schuhe … Friedas Augen suchten den geheimen Ankerpunkt unter dem Lehrerpult und prallten an dem polierten Glanz zurück. In ihrem neuen Baumwollkleid, der gestärkten Schürze und den weißen Strümpfen, ja mit ihren feinen Bottinen, die ihr der Vater zurechtgezwickt hatte, fühlte sie sich wie eine Verräterin. Ein jäher Sturz wie in sich selbst hinab. Als Frieda bemerkte, dass der Lehrer beobachtete, wie sie zu seinen Schuhen sah, und ihr sogar flüchtig aus dem Handgelenk zuwinkte, wurde ihr heiß bis in die Haarwurzeln. Für den Rest der Stunde lächelte sie angestrengt zurück.

*

Mit dem sechsten Schuljahr wurde ich wieder krank, hatte böse Beine, konnte sechs Wochen lang gar nicht mehr stehen, meine Beine waren ganz steif. Herr Doktor konnte nicht genau sagen, woher das komme. Schon am selben Abend, als ich noch den ganzen Tag in die Schule ging, fühlte ich, dass die Beine gespannt wurden, sagte aber nichts, bis mich die Mutter in den Keller schickte zum Most holen, da klagte ich mein Leid.

*

Jakob Keller zog die Kniepe zu sich heran. Schon unzählige Male, dass er sich mit seinem Schusterkneif in den Daumen geschnitten hatte, seine Hände waren mehrfach vernarbt, aber die Hand hatte sich durch Schwielen dem Messer angepasst, er rutschte nur noch ab, wenn er zu viel getrunken hatte.

Die Schusterkugel streute das Licht über das Arbeitstischchen. Jakob Kellers kraftvolle Finger, die Hände, die verbreiterten Gelenke taten ihre Arbeit wie im Schlaf. Sehnen hoben sich unter der Haut, schwollen an und schwollen ab; Friedas Vater hatte Pranken wie ein Bauer. Die eine steckte im Handleder, gleich würde er zur Schusterahle greifen. Frieda kämpfte mit sich. Der Mutter einen Gefallen tun wollte sie. Mutter, die jetzt über Kopfschmerzen klagte. Mutter, die ihre Verbündete war, die nun einmal etwas von ihr brauchte, Most aus dem Keller, nur wenige Stufen noch, am Vater mit seinen Werkzeugen vorbei, denn diesen Vater belästigen, das durften nur die Brüder.

Das lange Geräusch von zerreißendem Leder, wie ein Stöhnen, das eine Kehle hinaufdringt, alles war doch wie immer, die Stufen steil, Friedas Füße seitlich aufgesetzt, alles, alles wie gewohnt, aber ihre Beine taten nicht, was sie tun sollten.

»Mueti, ich kann nicht! Ich kann dir keinen Most raufholen …«

*

Sie glaubte es nicht und sagte, ich sei nur zu faul, ich klagte aber nicht mehr. Ich kroch die weiteren Stufen hinunter. Am anderen Morgen konnte ich gar nicht mehr umherlaufen, meine Beine waren ganz steif. Dann wurde Herr Doktor gerufen. Er gab mir etwas zum Einreiben, und so ging es sechs Wochen, bis es wieder heil war, und bis in vier Wochen war dann wieder die gleiche Geschichte, da musste ich aber nur vierzehn Tage das Bett hüten. Von da an hatte ich nichts mehr gespürt. Bis zum siebten Schuljahr hatte ich die Schule alltag besucht (es war freiwillig, man konnte in der siebten Klasse im Sommer nur am Mittwoch die Schule besuchen) und das achte Schuljahr musste ich noch die Gesangsstunde besuchen, und nachher noch ein Jahr in den Konfirmandenunterricht, und in der freien Zeit musste ich zuerst in der Stickerei Fäden abschneiden, aber der Verdienst war nicht groß, nachher lernte ich von Hand nachsticken, da verdiente ich dann mehr. Bis zur Konfirmation habe ich so nachgestickt.

*

Hedy, Hans, Lukas und Kurt. Der geistig behinderte Junge hieß Jost. Jost-nicht-ganz-bei-Trost. Niemand wollte neben ihm sitzen. Es ging das Gerücht, er hätte Läuse.

Frieda mied Buben in staunender Sprachlosigkeit. Buben, die sich so viel herausnahmen aus dem Suppentopf. Buben, die durch die Gassen polterten, als könnte man sie nie genug bemerken. Es schien, sie trugen keine Schuld, keine Pflicht zur Sühne, nicht wie Mädchen. Wenn sie, Frieda, durch die Gassen bummelte, dann saß ihr das schlechte Gewissen auf der einen Schulter und die Angst auf der anderen. Wer würde sie heute beobachten? Wer dieses Mal verraten?

Lästigerweise kam zur Furcht auch noch ein Gruseln hinzu, ein nervenaufreibendes Frösteln. Sie schämte sich vor diesem schwummrigen Gefühl, wenn der Blick eines Jungen zu lange auf ihr verweilte, so, als ob der Boden plötzlich unterwassert war und sie ihre eigenen Begrenzungen durch diese alles abtastenden Augen spüren konnte, ganz besonders ihren Scheitel, ihre schlenkernden Arme, die spitzen Knie, die gegen den Stoff rieben, wenn ihr die Beine zitterten, die unangenehmen und so überraschenden Hubbel, die ihre Bluse neuerdings wölbten und über die ihr Vater das eine oder andere Mal eine verwirrende Bemerkung fallengelassen hatte zur Mutter hin, die sie an sich gezogen hatte und umarmt. Frieda fühlte, wie sich zornige Tränen hinter ihren Augen aufstauten, wie etwas von innen heraus an ihre Schläfen pochte. Im Mund schmeckte sie Metall. Viel lieber war ihr, in sich selber versunken zu sein, in vertrauter dumpfer, heimeliger Benommenheit.

Zudem war sie überzeugt davon: In ihrem Unmut gegenüber knabenhafter Neugier lag Übereinkunft mit der Mutter. Eine Mutter-Tochter-Einigkeit – du bist etwas Besonderes, Frieda, mit dir fängt das gute Leben an –, ein Wohlwollen, das allein das gallerte Gefühl, das sich in ihrem Kopf ausbreitete, zu vertreiben vermochte, schhh, schhh. Gschhh!

Die Mutter selbst fasste ihre Söhne ja auch anders an als ihre Töchter. Das konnte jeder sehen, der Augen hatte. Mit spitzen Fingern, wenn überhaupt, und abgewinkelten Ellenbogen. Frieda war’s, als sei das die einzig rechte Art, mit Knaben zu verkehren: indem man sie auf Abstand hielt.

Und doch wurde nun Frieda das Los zuteil, den Platz neben Jost einzunehmen. Sie war als Letzte an die Türe zur Stube von Pfarrer Hund getreten, neugierig auf die dienstägliche Doppelstunde, die sie ein Jahr lang bis zu ihrer religiösen Mündigkeit genießen sollte. Ihr Blick war über die Anwesenden gewandert, mit den Zehen hatte sie ihren Unwillen gegen das Leder ihrer Schuhe gedrückt, als sie etwas vom Eintreten zurückhielt. Sie zögerte, und der Pfarrer hatte sie da warten lassen. Das war seine Macht, die er demonstrierte. Auch er ein Kunde ihres Vaters; nur wer Macht hat, lässt warten.

Keiner sonst hätte sich schließlich dorthin gesetzt, und dass Jost überhaupt in den Konfirmandenunterricht gehen durfte – konnte einer wie er vor Gott je ausgewachsen sein? –, war derzeitiger Redestoff bei den Frauen Bischofszells. Frieda bemerkte, dass sie an ihrer Unterlippe sog, und gab sich einen Ruck. Und Jostli jauchzte, als er begriff, dass er eine Sitznachbarin auf der Ofenbank bekam.

Schon in der nächsten Woche bat Frieda ihre Mutter um die alte Strickjacke, die ganz oben hinten im Schrank verstaut zwischen Lumpen lag. Vater war fuchsteufelswild geworden, als ihm das Gerücht zu Ohren kam, die verwöhnte Keller-Frieda sei grad die Rechte, Schenkel an Schenkel neben dem Jostli. Die werde nun ein für alle Mal Sittsamkeit erlernen müssen oder schnurstracks verlorengehen auf ihrem Weg ins Verderben. Bei den Keller-Mädchen sei das ohnedies kein Wunder, nein.

So redete es aus den Gassen. »Wenn ein Mädchen einen Jungen zu nahe an sich herankommen lässt, ist es immer selber schuld«, hatte Vater entschieden.

Für ein ganzes Jahr würde sich Frieda gegen die ungestümen Anlehnversuche Jostlis mit nichts als dieser alten Jacke und unter dem gelegentlichen Gekicher der anderen, mit dem die allgemeine Aufgereiztheit des Unterrichts Entladung fand, zur Wehr setzen müssen.

Ein aussichtsloses und ermüdendes Unterfangen.

*

Es ist schon fast dunkel. Licht brauche ich, hat der freundliche Herr gesagt. Vielleicht gibt man mir eine Kerze? Wozu aber sollte eine Kerze gut sein?

Bin ich allein mit ihm gewesen? War das wirklich heute?

Wie sehe ich auch aus.

Was gäbe ich um einen Spiegel.

Der Schlüssel geht. Der Landjäger tritt ein. Frieda blinzelt gegen das Licht. Doch ein Verhör? Er bedeutet ihr mit sparsamen Bewegungen, den Eimer zu fassen. Frieda erhebt sich mühsam vom Bett, das Blechgeschirr händigt sie ihm wortlos aus und ohne ihn dabei anzusehen. Er ist nur eine Uniform. Ein zweireihiger Waffenrock, Ordonnanzrevolver, Säbel. Er ist eine Schranke, die sie nicht überwinden kann, wieso also mit Blicken suchen.

»Kommt«, sagt er gemütlich, und Frieda wankt vor ihm hinaus. Hundert Schritte nach rechts und noch einmal hundert Schritte, so weit kommt ihr der Gang zum Abort vor. Sie bückt sich nach der Bürste. Sie lässt das Wasser sprudeln, wischt. Wischt. Reinigt sich die Hände. Die Finger bleiben kalt. Die ganze Zeit über hört sie etwas hinter sich rumoren, Schritte gehen, etwas schurrt über den Boden, und Männerstimmen. Männerstimmen. Weil es die Stimmen der Landjäger sind, dreht sie sich nicht um. Sie wartet, bis man sie dazu auffordert. Erst dann geht sie an der Uniform vorbei und an dem Säbel, schreitet in müden langen Schritten den Gang zurück, bis sie nach links abdreht und über die breite Bodenschwelle in ihre Zelle steigt.

Da steht er.

Ein Tisch mit Stuhl, ein Tischchen nur beim zweiten Hinsehen, aber doch einer mit Stuhl.

»Damit Ihr’s beim Schreiben bequemer habt. Dr. Janggen hat das für Euch beordert.«

Der Fremde. Der heute bei ihr war.

Also doch.

Frieda schweigt beunruhigt.

Der Landjäger räuspert sich. »Mit Dr. Janggen habt Ihr einen ganz hervorragenden Advokaten an Eurer Seite.«

Janggen also. Er hat einen Namen. Aus dem Augenwinkel sieht Frieda, wie der Uniformierte mit seinen Fingern den Türrahmen inspiziert. Verlegenheitsgeste; er ist einer der freundlichen. Noch kein böses Wort von ihm. »’s wird schon nicht zum Schlimmsten kommen.«

Und als sie vor lauter Schrecken nichts erwidert, den anderen aber auch nicht anschaut, fügt dieser hinzu: »Dass der ausgerechnet jetzt Zeit für Euch gefunden hat, will sicher etwas heißen. Das ist nicht selbstverständlich.«

Er wird gerufen. Er ist schon zu lange hier. Ein frecher Ruf, ein zweiter, der den Gang hinübergellt. Rasch streckt er Frieda etwas hin, sie schaut nicht, aber ihre Hände greifen mechanisch danach. Sie ist ganz aufgewühlt und weiß nicht einmal, warum.

Als sie den Schlüssel im Schloss drehen und das Schloss zuklicken hört, merkt sie, dass es eine Decke ist, in die sich ihre Finger krallen.

Wolle, dicht und fest.

Danach habe ich mich auch gesehnt.

Das habe ich nicht einmal gewusst.

*

Das Wasser wurde mehrfach genutzt, Wasser musste arbeiten. Nicht nur in Bischofszell, auch in den umliegenden Weilern und Dörfern, den Städtchen an Fluss, Bach oder See wurde es nutzbar gemacht. Im Mittelalter hatte das Chorherrenstift St. Pelagius in Hauptwil ganze fünf Weiher angelegt. Fischzucht sollte man betreiben. Mächtige Karpfen stöberten im Schlamm. Aber mit den abfließenden Bächen wurde nach und nach weit mehr in Gang gebracht. In den Textilbetrieben wurde gewoben, eingefärbt und veredelt, das war im Sorntal nicht anders als in Sulgen oder Bischofszell. Und wer hier kein Zusatzauskommen fand, der beschaffte es sich dort. Eine Regel, die für Erwachsene genauso wie für Kinder galt. Friedas ältere Schwestern, Emma und Bertha, halfen schon lange aus. Wenn sie irgendwo anheuern konnten, taten sie es.

Ida, die dank Lehrer Guts Fürsprechen in der Stickereifachschule zu St. Gallen einen Kurs in Nachsticken belegt hatte, zeigte ihrer Freundin gerne, wie das ging. Ein Fergger wurde auf die beiden aufmerksam. Der Mittelsmann besuchte das Wohnhaus des Gerbers und das des Schuhmachers wiederholt wie selbstverständlich. Die Mädchen hatten geschickte Hände und beherrschten bald nicht mehr nur das Nachsticken und Repassieren; sie waren im Umgang mit den feinen Repassiernadeln nicht besser und nicht schlechter als andere Kinder, die im Akkord zu Hause oder im Taglohn in der Fabrik zum Auskommen der Familie beitrugen, aber sie waren aufrichtig glücklich, wenn er unter ihrem Haussegen stand, sie machten diese Arbeit gern.

Zehntausend Stich, beschwor der Fergger, wenn er die feinen Taschentücher nach Mustervorlage vorbeibrachte, zehntausend Stich, so viele hat ein Taschentuch, und du, Frieda, stickst die fehlerhaften nach. Du machst es schließlich ganz.

An guten Tagen durften die Mädchen nun gemeinsam mit dem Vater um die Schusterkugel sitzen, gebückt dem Licht entgegen. Mag sein, dass Jakob Keller einen ganzen Tag lang Drähte hergestellt hatte, sie hatten nur Augen für den Faden, für den Stoff. Stumm, der Jakob Keller, den massigen Rücken vorgekrümmt, auf seinem Schemel, den Flachs oder den Hanf in der Hand, Fäden, die er mit Pech bestrich, einen um den andern.

Frieda brauchte nicht zu schauen, sie kannte diesen speziellen Geruch, mit dem das hellgelbe Baumharz das Kämmerchen bestimmte und der so typisch war für ihren Vater, als wäre er ihm angeboren. Der Geruch und die regelmäßigen Geräusche, die der Vater beim Bestreichen der Fäden von sich gab, sein Atem, der stoßartig ging, lange zurückgehalten, um dann plötzlich aufzuseufzen, als ob sein wuchtiger Körper um diesen Atem ringe, ihn in sich behalten wolle, wie seine Gedanken, mit denen Jakob Keller sparsam war, das alles ergab ein Bild des Vaters, das sich auf Friedas Netzhaut einbrannte wie die Sonne, in die man nie zu lange schauen durfte, und dort als Eindruck haftenblieb.

Auch wenn sie kaum Zugang zu ihm hatte, Frieda bewunderte ihren Vater insgeheim dafür, wie er mehrere gesponnene Fäden ineinanderdrehte, sie bestrich und dann in ihren Spitz hinein die Sauborste flocht. Ganze Büschel von Drähten, Schuhbändeln für die Kundschaft, hingen von der Decke, in den Farben Hellbraun, Dunkelbraun, Schwarz und neuerdings auch Blau. Wenn man die eigenen Ansprüche hintanstellte, wenn man die Zähne zusammenbiss, konnte man’s im Leben weit bringen.

Zu viert kauerten sie stundenlang, Vater Keller, Frieda, ihre Schwester Emma und die Freundin Ida, die stumm geduldet war, die jüngeren Geschwister konnte man noch nicht brauchen, und Bertha half im Wirtshaus zur Post aus, und während der Vater wiederholt seufzte und sonst schwieg, blinzelten sich die Mädchen zu und stickten Taschentücher nach, die der Fergger bald würde einziehen können, um sie in der Welt zu handeln.

Da waren farbenfrohe Schmetterlinge, die über Wiesenblüten tanzten, Elfenkinder im Klee, da waren Pferde mit Mähnen und fliegendem Schweif und einmal sogar ein rosaroter Frosch auf einem Pilz, da zitterten Libellen, und Hasen schliefen neben Fuchs und Reh im Gras, und aus jedem dieser Bilder erfanden die Mädchen Geschichten, die sie weiter- und vorandenken konnten, um nicht einzuschlafen, denn keine wollte da die Erste sein, und sie stickten nach und erdachten sich diese Geschichten, wenigstens ein paar Abenteuer lang, bis dann der Schlaf doch kam.

Später brachte Ida Frieda noch das Rollieren von Seidentüchern bei und sonst so allerlei, das sie sich in St. Gallen angeeignet hatte. Sie zeigte ihr, wie man Kupferplättchen mit Monogrammen ausstickte und – geschickt! – zuerst einen Faden einwickelte, damit die Stickerei gewölbt hervortrat und etwas Besonderes war.

Die Stickerei mit ihren Haupt- und Zuarbeiten wurde in Bischofszell das ganze Jahr hindurch betrieben, im Winter kam das Leinenweben noch hinzu. Den Mädchen zahlte man einen Taglohn von siebzig Rappen, wenn sie in der Fabrik arbeiteten. Die Keller-Kinderhände waren unermüdlich, noch nie hatte es mit ihnen ein Missgeschick gegeben und keins, das unverhofft ins Zahnrad griff.

Unverdrossen folgten sie dem Sticker, der bei guter Leistung in fünfzehn Stunden seine zweitausendzweihundert Stiche an der Handstickmaschine erzielte, den Pantographen Stund um Stund zuverlässig bediente, derweil eine dicke Frau schwitzend und schnaubend die gut vier Meter breite Stoffbahn auf und ab ging, sicherstellte, dass kein Fadenbruch entstand. Und brach doch einmal ein Faden, waren die Mädchen zur Stelle und schnitten ihn schnipp, schnapp weg.

Zuweilen waren Ida und Frieda im Keller der Fabrik beschäftigt und fädelten im Akkord die Nadeln ein. Sieben bis zehn Nadelwechsel pro Maschine und Tag bedeuteten bis zu dreitausend eingefädelte Nadeln. Frieda schwirrte der Kopf, wenn sie daran dachte.

Neben Frieda hockte sich eines Tages ein Junge hin. Er war deutlich kleiner als sie und vier, fünf Jahre jünger. In seinem Gesicht hatte er etwas Verschlagenes. Zusammengebackener Schmutz, Sand, oder war es Lehm, der ihm da an der Schläfe, auf der Wange und am Kinn klebte? Frieda hatte ihn in Bischofszell noch nie gesehen, er musste ein Auswärtiger sein. Mit seinem grabenden Blick hockte er ihr auf, seine Finger hantierten eingeübt, und ohne dass er die Augen von Frieda nahm, schubste er sie, besser, man tat so, als merkte man nichts, aber er schubste wieder und noch einmal. Es gab kein Darüber-Hinwegsehen. Dann öffnete er den Mund, Frieda hörte auf zu atmen, so stank es von zwischen seinen Zähnen: »Habe heute einen Hund getroffen. Der hat mit seinem Zipfel an einer Hündin herumgestochert.«

Angewidert rückte Frieda ab. Er schob nach. Seine Finger fädelten doppelt so schnell wie ihre, kurz dachte sie, etwas sei mit ihren Armen falsch, vielleicht, dass Blei statt Blut durch ihre Adern strömte. Er schien unbeeindruckt, sie fühlte sich unsicher und beschämt. Sie machte etwas falsch, egal, was sie machte, es war falsch, und sie kam nicht dahinter. Sie konnte das unmöglich zu Hause erzählen. Nicht nach allem, was man ihr wegen Jost angedichtet hatte. Nicht nach all dem, wie ihr Vater damals reagiert hatte.

Dann war da wieder sein schlechter Atem nah an ihrem Gesicht, als er sagte: »Die Hündin hat gezittert und gelacht. Die Lefzen hat sie hochgezogen und die Zähne gezeigt. Ihre Nasenlöcher waren geweitet, so …« Der Junge blies durch seine Nüstern. Seit dem Konfirmationsunterricht war sie einem Jungen nicht mehr dergestalt nahegekommen. Selbst ihren Brüdern ging sie lieber aus dem Weg.

Unerträglich, wie sich jetzt ihre Arme berührten, bei jeder Bewegung, die sie tat. Kein Platz, an den Frieda hätte aufrücken können. Der Junge machte eindringlich weiter: »… jedes Loch war weit, als sie dem Rüden ihren Hintern entgegenstreckte.«

Frieda warf Nadel und Faden hin und polterte die Holzstiege hinauf. Sie wusste, dass der Vorarbeiter ein strenger Mann war, sie hörte ihn schon rufen: »Was kasperst du herum?« Männer waren einfach so, ungeduldig. Sie hat es die Mutter oft genug klagen hören.

Draußen, auf dem Klo, in diesem nasskalten Kabuff, wartete sie darauf, bis ihr Atem ruhiger wurde. Die Kellerstiege hinab würde Frieda heute nicht mehr klettern. Jedenfalls nicht, solange der fremde Junge dort am Werken war.

An manchen Tagen schnitt sie Fäden. An anderen füllte sie Schiffchen mit Bobinen ab. Sie stickte nach, sie rollierte Taschentücher, und wenn der Vorarbeiter nicht da war, blätterte sie die Seiten im Stoffmusterbuch um; Frieda konnte staunen mit offenem Mund.

Abends, wenn es dunkel war und die Mädchen ihren langen Marsch nach Hause antraten, rochen ihre Hände und Haare nach Schmiere und Maschinenöl. Die Fingergelenke schmerzten, aber darüber trösteten die Rappen hinweg, die sie als Taglohn eingesackt hatten und nun heimwärts trugen. Auch wenn es nur wenig war, was sie, die eine wie die andere, dem Vater aushändigten, es war Beweis ihrer Fähigkeit. Wenigstens Mutter strich die Schürze glatt, zuweilen zog sie sogar ein Taschentuch aus ihrem Ärmel, sagte item und verdrückte eine Träne. Auch Mädchen konnte man gebrauchen. Auch Mädchen waren patent.

Das Bild der Hündin, welches der Junge heraufbeschworen hatte, verblieb Frieda lange im Sinn. Warum Buben so sein mussten? Ihre eigenen Brüder waren nicht anders. Unbeherrscht. Hemmungslos. Wie Sturmwinde, die einen plattfegten, so dass man kaum zu Atem kam. Und worüber die sprachen war nur dazu erdacht, andere zu erschrecken. Von den Buben kam nur Ungemach.

Als sie eines Tages eine kreuzlahme Bernhardinerhündin mit ihren Welpen durch die Schottengasse traben sah, die Kette ließ sie ungerührt nachschleifen, wandte sich Frieda angeekelt ab.

Später hörte sie den Vater berichten, diese Hündin hätte ihre Räude mit der Muttermilch an ihre Welpen weitergegeben. Ein solch elendigliches Verrecken hatte man ihnen nicht zumuten wollen und die Hündin kurzerhand in der Sitter ertränkt, mitsamt dem Welpenhaufen, dem verruchten halben Dutzend. Das verdiente nicht zu leben.

Wer nicht selber auf sich achtgab, auf den gab auch kein anderer acht. Frieda kannte die ungeschriebenen Gesetze. Wie viele andere mied sie unbewusst den Gang durchs Verlorene Loch, eine Gasse, durch die man in eherner Zeit die Siechen und die Toten aus dem Städtchen bannte.

Unten, unweit der Sitterbrücke, stand das Siechenhaus. Ida und sie strichen wider das Verbot ab und an trotzdem dorthin und verweilten im Schutz der überdachten Brücke, wenn der Regen aufs Holz klopfte und die Luft ganz dampfig war. Da hockten sie in einer schummerigen Ecke und fabulierten über das Schicksal der Vergessenen, der Dahingegangenen, der Sonderlinge, einhändig, dreibeinig, hohlköpfig, wund, und reimten Schlotterverse auf die toten und bald toten Männer. Zum Abschluss dann regelmäßig, wie abgeklärt und eins: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil«, »Herr, im Zorn zeig Deine Güte, Herr, vor Zorn uns stets behüte«. Dabei dachte Frieda an Bertha, die man oben hatte stehen lassen, sie möge Wort halten und sie dieses Mal nicht beim Vater melden.

Ansonsten war Frieda eine Brave, sie wusste, ihr Gehorsam brachte ihr das Lob. Die Schuhe waren ordentlich gebändelt, ihr seit kurzem krisseliges Haar mit einem Hauch Öl aus der Stirn geglättet. Mit Fremden sprach sie einzig durch das Lichtgitter der messingbeschlagenen Eingangstüre, und wenn der Nachtwächter zu Bischofszell seine Runden drehte, lag sie längst im Bett neben ihren Schwestern, mit gefalteten Händen.

Es gab eine Zeit, in der begegnete Frieda rundherum dem Tod und dem Töten. Beim Metzger, beim Bauern, hinter den Häusern und sogar in Mutters Garten wurde nach und nach den Tieren das letzte Häuchlein ausgedrückt. Hasenklein statt Hühnereintopf. »So wie die sich vermehren, essen wir bald öfter Fleisch als die Könige und die Kaiser …«

Hundejungen ersäufte man, Katzenjungen wurden in Jutesäcken so lange gegen die Wand geschlagen, bis alles lautlos war. Ihr Bruder Oskar lehnte lässig an der hinteren Hausmauer und berichtete vom Tod der Kätzchen. Das sei der Welten Lauf, selbst Katzenmütter würden ihre Jungen verbeißen, wenn sie zu viele davon hätten. Das komme vom maßlosen Herumschwanzen, den tierischen Ausschweifungen, der Wollust, die allem Weibischen inne sei. Frieda runzelte die Stirn. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Bruder einen Witz gemacht hatte, Zweideutigkeit verstand sie nicht, also lachte sie kurzerhand darüber hinweg.

»Du dumme Hummel«, sagte Oskar wütend und verabreichte seiner Schwester einen Schubs, »deine schwitzigen Finger machen ihm die Flügel lahm!«

Erschrocken blickte Frieda auf den Schmetterling in ihrer Hand, den sie kurz zuvor von einer Blüte gepflückt hatte. Sie öffnete die Finger und gab ihn frei. Er gaukelte, zuerst unsicher, dann, wie an der Freiheit erstarkt, bachwärts und davon. Frieda war heilfroh, dass er noch am Leben war.

»Pass bloß auf, dass keiner deine Blüte pflückt!«

Diese Bemerkung trug ihm einen scheltenden Blick der Mutter ein, die still dazugetreten war. »Woher hast du das, Kind? So etwas sagt man nicht.« Sie strich ihre Hände an der Schürze ab. »Item. Geh und kümmere dich um die neuen Hasen, reich ihnen frisches Stroh, dann tust du wenigstens ewas Gescheites.« Klein Jakob, mittlerweile fast so groß wie seine Schwester, war nahebei gestanden und legte seinem Bruder schützend die Hand an den Rücken.

Frieda entschied sich, bei diesem Hasenpaar aufs Streicheln zu verzichten.

Aber noch etwas anderes plagte sie, beinahe mehr als das Töten, vor dem es keinen Ausweg gab. Frieda hatte vor langer Zeit etwas mit angesehen, das jetzt in ihr aufstieg als Erinnerung. Dieses andere hatte mit Ida Studer zu tun und damit, wie Frieda sie eines Tages entdeckt und damit zugleich gerettet hatte, auch wenn Frieda sich selbst durch das, was sie damals sah, alles andere als gerettet fühlte und sich hernach auch nicht damit beruhigen ließ, dass sie mit ihrem Auftauchen die Freundin vor Schlimmerem bewahrte.

Kinder waren sie gewesen, vielleicht neun und elf Jahre alt, und dennoch stand das Bild, das Frieda damals in sich aufgenommen hatte, scharf und ohne Gnade vor ihr, Mal für Mal. Ida Studer. Wie die Freundin am Boden liegt im krautigen Gras, die Haare voll von Kletten, und einen Jungen aus der Oberstadt, der sich rittlings auf ihr reibt.

… Und dann rutscht Idas Rock die Beine hoch, und der Junge macht stöhnende Geräusche. Sein Speichel tropft ihm aus dem Mund,

… und dann wischt sich Ida diesen Speichel heulend von der Wange.

Als der Junge Frieda bemerkte, breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, das seinen Kopf wie in zwei Hälften teilte. In ihrer Erinnerung vermischte sich sein Gesicht abwechselnd mit dem des Jungen in der Fabrik, mit dem von Jost, ein Allerweltsjungengesicht, das Gesicht von einem und von allen.

… Und dann erhebt er sich langsam, er ist groß, durchschießt es Frieda, so groß, und mit einem schauerlichen Lachen rückt er seine Leiste vor, einmal, zweimal, zuckend der Frieda entgegen, die mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen auf etwas starrt, das da steif und drall nach oben zeigt.

… Und dann zieht sich der Junge die Hose hoch.

… Und dann trottet er, ein Liedlein pfeifend, davon.

… Und dann. Unheimliche Stille.

Und dann, und dann … Frieda spürte Entrüstung, einen fiebrigen Zorn, obwohl sie diese Gefühle nicht benennen konnte. Sie hatte sich schon umgewandt, um nach Hause zu laufen, aber Ida, die aufgesprungen war, hielt sie mit aller Kraft am Handgelenk zurück. »Wenn du jemandem davon erzählst, sind wir beide tot! Kennst du denn nicht die Geschichte von der Barbara und dem Malefizgericht?«

Frieda machte große Augen.

»Einst lebte in Bischofszell die schöne Barbara. Und weil sie so schön war, hatte sich ein Mann mit ihr zusammengelegt, und ein Kindlein ward geboren. Und weil das Kind keinen Vater hatte, brachte sie es um.«

»Wieso hatte das Kind keinen Vater?«

»Weil der Mann sich so zu der Barbara gelegt hatte wie der Bursche grad eben zu mir.«

Frieda biss sich in die Fingerknöchel.

»Die schöne Barbara wurde verurteilt, man sollte sie bei lebendigem Leib begraben. Oder pfählen.«

»Pfählen?«, fragte Frieda ohne Stimme.

»Man würde ihr den Holzstock in den Leib rammen, so – !«, und Ida begann die Jüngere zu kitzeln, dass diese nach Luft japste.

»Schließlich hatte man sie enthauptet, einfach – zack! – geköpft! Das ist, Frieda, was die Männer mit den Frauen machen. Sie missbrauchen und sie töten sie.«

Lange hielt Ida Friedas Gesicht in ihren Händen. Als das Schluchzen endlich verklang, drückte sie ihr einen Kuss auf die Lippen. »So. Und jetzt hilf mir, mich sauberzumachen. Die Kletten pieken mich überall.«

*

Nachher kam ich zu Fräulein Müller in die Lehre als Damenschneiderin für anderthalb Jahre. Ich hatte große Freude am Nähen (schon in der Nähschule war ich bald eine von den Ersten), musste im Sommer morgens von sieben bis abends um sieben Uhr arbeiten, meine Lehrmeisterin war sehr zufrieden, hatte alles schnell im Begriff, als ich dann die anderthalb Jahre vollendet hatte, machte ich zu Hause meiner Schwester Emma ein Kleid, hatte es selber zugeschnitten, also von Anfang bis ans Ende ganz allein fertig gemacht, sie zog es an, ging zu meiner Lehrmeisterin und sie machte mir ein schönes Kompliment und meine Eltern hatten auch große Freude.

Dann blieb ich noch fast ein Jahr im elterlichen Hause, mein Vater sagte, ich könne der Mutter in den Hausgeschäften helfen und das Kochen gründlich erlernen, was ich sehr gerne tat, nahm der Mutter ab, was ich konnte, und in der Zwischenzeit habe ich für meine Mutter und Geschwister die Kleider selber angefertigt.

*

Zuerst waren sie zwölf, die sich in zwei Kammern im Haus gegenüber der Kirchgasse 19 drückten, Augen und Ohren aufsperrten und voneinander lernten, nach einem halben Jahr noch elf, die verschwundene Zwölfte – Bischofszells Gespräch der Stunde – durch ihre plötzliche Abwesenheit aber eine noch viel heftigere Präsenz. »In erster Linie ist für das Maßnehmen ein genau mit dem Maßstab übereinstimmendes Maßband erforderlich und ein Gürtel, der straff um die Taille gelegt werden muss zur genauen Feststellung der Längenmaße.« Fräulein Müller deklamierte. Man konnte nicht häufig genug die Bibeln der textilen Berufe mit ihr durchbeten, denn ja: Fräulein Müller besaß mehrere davon. Je nach Laune und Programm griff sie sich die Materialkunde für textile Berufe, den Frauenfleiß, die Praktische Schneiderei oder die Schule der weiblichen Handarbeit vom Handregal, schlug mit theatralischer Miene eine Seite auf und posaunte los. Für eine so zierliche Gestalt brachte sie ein herzhaftes Stimmorgan zum Klingen. »Das Maßnehmen ist etwas so Wichtiges, dass man sich der größtmöglichen Genauigkeit befleißigen sollte. Sehr oft ist der Misserfolg beim Schnittmusterzeichnen auf unrichtiges Maßnehmen zurückzuführen. Oberflächlich und ungenau genommene Maße ergeben selbstverständlich ein schlechtes Schnittmuster und somit auch gutsitzenden Gegenstand nicht.« Sie klappte die Broschur zu, rückte das Brillengestell auf ihrem Nasenrücken zurecht und schrillte durch den Raum: »Mes Demoiselles, erhebt euch! Immer zwei und zwei: Nehmt Maß!«

Frieda stand der klugen Martha gegenüber und versuchte, mit den ruckweise vorgebrachten Anweisungen ihrer Lehrmeisterin ...

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