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Die Verlobte des Prinzen

Catherine Mann

Die verlobte des Prinzen

1. KAPITEL

Einen Prinzen vor die Linse zu bekommen war ja schon schwierig, aber einen Medina zu erwischen fast unmöglich.

Trotzdem hatte Kate Harper sich vorgenommen, das Unmögliche möglich zu machen. Deshalb hangelte sie sich mit klappernden Zähnen am Sims im dritten Stock entlang, um zu Prinz Duarte Medinas Suite zu gelangen. Die Holzfassade seines Resorts auf Martha’s Vineyard bot der Fotojournalistin herzlich wenig, woran sie sich festhalten konnte, doch so schnell gab sie nicht auf.

Sie würde ihr wertvolles Foto schießen, denn die Zukunft ihrer Schwester war noch unsicherer als sie selbst auf dem zehn Zentimeter breiten Sims stand.

Vom Hafen pfiff ein eisiger Wind herüber und presste ihr das grüne Kleid, eine billige Dolce & Gabbana-Kopie, gegen die Beine. Mit den kalten Zehen suchte sie auf der hölzernen Kante Halt. Die High Heels hatte sie nebenan auf dem Balkon ausgezogen, bevor sie ihre Kletterpartie begonnen hatte. Zum Glück schneite es wenigstens nicht.

Mit einem kleinen – zugegebenermaßen nicht ganz fairen – Trick hatte sie sich eine Eintrittskarte für die exklusive Hochzeitsfeier im luxuriösen Medina Resort ergattert. Ihr war es gelungen, den Sicherheitsleuten aus dem Weg zu gehen und Prinz Duartes Suite ausfindig zu machen. Jetzt musste sie nur noch ihr Foto machen.

Die Minikameras, die sie in ihren Ohrringen versteckt hatte, rissen ihr fast die Ohrläppchen ab.

Der Leuchtturm schickte einen schwachen Lichtstrahl durch den dichten Nebel, als sie sich näher an den Balkon des Prinzen herantastete.

Kate streckte das Bein aus, noch ein Stückchen weiter … endlich. Mit pochendem Herzen umklammerte sie das Geländer und schwang ein Bein hinüber.

Im selben Moment schloss sich eine Hand um ihr Handgelenk. Eine kräftige Hand. Eine männliche Hand.

Sie schrie auf, als eine andere Hand nach ihrem Knöchel griff und zog. Hoffentlich zerriss das dünne Fußkettchen nicht. Es war ein Glücksbringer, den ihre Schwester ihr geschenkt hatte und den sie jetzt wohl dringend brauchte.

Ein kurzer Ruck und sie war auf dem Balkon. Ihr Kleid rutschte bis zu den Oberschenkeln hoch, und als Kate versuchte, nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, prallte sie gegen eine Mauer.

Nein, Moment … Mauern hatten keine Brustbehaarung und ausgeprägte Muskeln, genauso wenig wie sie leicht nach Schweiß rochen. Unter normalen Umständen hätte all das Kate durchaus angemacht. Wenn sie nicht so auf die Zukunft ihrer Schwester konzentriert gewesen wäre – und ihre Lippen nicht schon blau vor Kälte gewesen wären.

Sie wagte einen Blick … und entdeckte einen breiten – sehr maskulinen – Oberkörper keinen Zentimeter von ihrer Nase entfernt. Ein schwarzes Hemd oder eine Art Morgenmantel stand offen und entblößte braun gebrannte Haut. Instinktiv hatte sie die Finger in dem Seidenstoff verkrallt. War das ein Karate-Anzug?

Du meine Güte, hatten die Medinas tatsächlich Ninjas als Sicherheitsleute angeheuert?

Kate ließ den Blick höher schweifen, registrierte den kräftigen Hals des Ninjas, das angespannte, kantige Kinn, bevor sie – verdammt! – in die pechschwarzen Augen blickte, die sie sich vorgenommen hatte zu fotografieren.

„Sie sind kein Ninja“, platzte sie heraus.

„Und Sie sind keine besonders gute Akrobatin“, erklärte Prinz Duarte Medina, ohne zu lächeln.

„Seit ich beim Kinderturnen rausgeflogen bin, nicht mehr.“ Das war wirklich das absurdeste Gespräch, das sie je geführt hatte, aber immerhin hatte er sie nicht wieder übers Geländer geworfen. Noch nicht.

Aber er hielt sie noch immer fest. Die unterdrückte Kraft, die von seinen rauen Fingern ausging, sandte einen unwillkommenen Wonneschauer über ihre kühle Haut.

Duarte quittierte ihre Aussage lediglich mit einer gehobenen Augenbraue.

Kate fummelte an ihrem Ohrring. Sie musste ihre Fotos machen und verschwinden. Solch eine Gelegenheit würde sich ihr nie wieder bieten.

Die Medinas waren vor ungefähr siebenundzwanzig Jahren von der Bildfläche verschwunden, nachdem König Enrique Medina bei einem Staatsstreich gestürzt und seine Frau dabei getötet worden war. Jahrelang hatte man gemunkelt, der Witwer hätte sich mit seinen drei Söhnen in Argentinien verschanzt. Irgendwann waren sie in Vergessenheit geraten. Bis Kate ihrem journalistischen Gespür gefolgt war und sich ein Foto, das sie geschossen hatte, genauer angeschaut hatte. Die Nachforschungen, die sie über eine Person im Hintergrund angestellt hatte, hatten zu einer Sensation geführt. Sie hatte herausgefunden, dass die drei inzwischen erwachsenen Prinzen alle unter falschen Namen in den Vereinigten Staaten lebten.

Leider hatte der Scheck, den sie für diese Story erhalten hatte, ihr noch nicht aus den finanziellen Schwierigkeiten geholfen.

Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, um ein Bild zu schießen, denn Paparazzi aus der ganzen Welt waren auf genau dieses Foto aus, nachdem ihre Enthüllungen sich in Windeseile verbreitet hatten.

Doch irgendwie war es ihr gelungen, schneller als alle anderen zu sein, denn Duarte Medina war tatsächlich hier. Er stand direkt vor ihr. Und sah in Wirklichkeit noch viel heißer aus als auf dem Foto. Sie schwankte – und konnte nicht einmal Höhenangst dafür verantwortlich machen.

Er hob sie in die Arme, was darauf schließen ließ, dass er nicht nur einen Ninja-Anzug trug, sondern auch entsprechend kräftig war.

„Kommen Sie herein, Sie sind ja schon fast erfroren.“ Er hatte einen leicht exotischen Akzent, der extrem verführerisch war.

Aber … Damit er den Sicherheitsdienst rufen und sie einsperren lassen konnte? Der Winkel für die Kamera im Ohrring war nicht sonderlich gut. Trotzdem hoffte Kate, dass sie schon ein paar brauchbare Schnappschüsse gemacht hatte.

„Äh, danke, dass Sie mich gerettet haben.“ Sollte sie ihn mit Prinz Duarte oder Majestät anreden?

Ihr Plan hatte darin bestanden, dass sie die Fotos heimlich machte. Nie im Leben wäre sie auf die Idee gekommen, dass sie den Prinzen in einem Karate-Anzug zu Gesicht bekommen könnte. Oder dass dieser fantastisch aussehende Prinz sie in seine Suite tragen würde.

Jetzt, da sie die Gelegenheit hatte, sein Gesicht ausführlicher zu studieren, erkannte sie, dass seine Abstammung unübersehbar war. Die Medinas stammten ursprünglich von San Rinaldo, einer kleinen Insel vor der Küste von Spanien. In diesem Moment konnte sie sein mediterranes Erbe genauso deutlich erkennen wie seine Arroganz.

Er stellte sie wieder auf die Füße, und ihre Zehen versanken geradezu in dem flauschigen Teppich. Der gesamte Raum mit seinen blütenweißen Sofas, dem antiken Mahagonischrank und dem großen Himmelbett zeugte auf untertriebene Art von Reichtum und Macht.

Ein Bett ? Kate versuchte zu schlucken, doch ihr Hals war wie ausgetrocknet.

Duarte lächelte leicht und musterte sie abschätzend. „Ramon hat sich diesmal ja wirklich selbst übertroffen.“

„Ramon?“ Ihr Chef hieß Harold. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ Aber sie würde mitspielen, wenn es bedeutete, dass sie noch ein paar Minuten mehr herausschinden konnte. Natürlich um ihre Fotos zu machen.

„Der Vater des Bräutigams genießt den Ruf, die beste … äh …“, der Puls schlug gleichmäßig an seinem braun gebrannten Hals, „… Gesellschaft bereitzustellen, um es seinen Geschäftspartnern recht zu machen, aber Sie übertreffen alle – was Originalität angeht.“

„Gesellschaft?“ Es verschlug ihr fast die Sprache. Er wollte doch wohl nicht das andeuten, was sie gerade dachte?

„Ich nehme an, dass er Sie gut bezahlt. Bei dem gewagten Auftritt eben.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem herablassenden Lächeln.

Bezahlte Gesellschaft. Oh, verflixt, er hielt sie für ein Luxus-Callgirl? Okay, selbst für ihre Schwester würde sie nicht so weit gehen, aber vielleicht konnte sie noch ein paar Informationen für ihre Story aus ihm herausbekommen, wenn sie noch eine oder zwei Fragen länger blieb.

Kate legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Auf keinen Fall würde sie seine nackte Brust berühren. „Und wie oft hat er Ihnen schon solch ein großzügiges Geschenk gemacht?“

Er ließ seinen Blick über ihre Brüste wandern, die fast die Nähte des billigen Fummels sprengten. „Ich habe mich noch nie – wie soll ich sagen? – bezahlter Gesellschaft bedient.“

Als gute Journalistin musste sie weiterfragen. „Kein einziges Mal?“ Vielleicht konnte sie nur mit dem kleinen Finger in den Ausschnitt gleiten?

„Nie.“ Sein harter Tonfall ließ keinen Raum für Zweifel.

Sie unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung und genoss es, seine warme Haut an den Fingerspitzen zu spüren.

„Oh, äh …“

„Ich bin schließlich ein Gentleman. Und deshalb kann ich Sie auch nicht einfach wieder über den Balkon schicken. Bleiben Sie, während ich dafür sorge, dass Sie rausschlüpfen können.“ Seine Hand lag auf ihrer Taille. „Möchten Sie etwas trinken?“

Sie hatte ein zittriges Gefühl im Magen. Warum war sie so aufgeregt? Dies hier war einfach nur ein Job – einer, für den sie gut ausgebildet war. Erinnerungen an ihre Tage als Fotojournalistin für ein Nachrichtenmagazin stürmten auf sie ein. Tage, als ihre Aufträge Pilgerfahrten nach Jerusalem oder Berichte von Erdbeben in Indonesien beinhalteten. Jetzt arbeitete sie für den Internetdienst Global-Intruder.

Kate unterdrückte ein hysterisches Lachen. Mein Gott, wie tief war sie nur gesunken? Aber was hätte sie, angesichts der immer weiter schrumpfenden Zeitungsbranche denn machen sollen?

Okay, sie war nervös. Bei diesem verdammten Foto ging es um mehr als darum, im Medienrummel zu bleiben. Sie musste genügend Geld zusammenbringen, damit ihre behinderte Schwester nicht aus der Pflegeeinrichtung, in der sie lebte, hinausgeworfen wurde. Jennifer hatte den Körper einer Erwachsenen, war vom Verstand her jedoch Kind geblieben. Sie brauchte den Schutz, und Kate war die Einzige, die dafür Sorge tragen konnte, dass sie in keine staatliche Einrichtung kam.

Und dummerweise war Kates Konto leer.

Die Hand des Prinzen glitt über ihren Rücken, bevor er sie in ihrem Nacken ruhen ließ. Kate schimpfte innerlich auf ihren verräterischer Körper, der lustvoll kribbelte.

Wenn sie mehr Informationen aus ihm herausbekommen wollte, musste sie ein wenig Distanz zwischen ihnen schaffen. Die überraschende Anziehungskraft des Mannes war zu gefährlich. „Ich hätte gern etwas zu trinken. Kann ich mich vorher etwas frisch machen? Wenn ich Ihre Suite verlasse, sollte ich vielleicht besser nicht so aussehen, als wäre ich draußen auf Ihrem Balkon herumgeklettert.“

„Ich bringe Sie hin.“

Das war nicht der Plan gewesen. Aber sie hatte auch schon unter härteren Bedingungen die Ruhe bewahrt. „Sagen Sie mir einfach nur, wo das Bad ist. Ich habe einen guten Orientierungssinn.“

„Ich nehme an, Sie sind in vielen Dingen gut.“ Sein Atem strich über ihren Hals, als er den Kopf beim Sprechen etwas senkte. „Ich mag bisher solche Angebote immer abgelehnt haben, aber ich muss zugeben, dass Sie sehr anziehend sind.“

Hilfe!

Jetzt strich sein warmer Atem ihr über die bloße Schulter, und seine Lippen waren so nahe, dass sie fast ihre Haut berührten. Ihre Brustspitzen zeichneten sich unter dem Stoff des engen Kleids ab. Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, stieß Kate die Fersen tiefer in den Teppich. Ihr Fußkettchen rieb dabei gegen das andere Bein. Ihr Glücksbringer von Jennifer. Denk an deine Schwester, ermahnte sie sich.

„Das Bad?“ Hektisch sah sie sich im Schlafzimmer um.

„Dort drüben.“ Beim Klang seiner Stimme bekam sie eine Gänsehaut.

„Äh, aber …“ War sie das etwa gewesen, die gerade so verlangend nach Atem gerungen hatte? „Ich gehe lieber allein.“

„Wir wollen doch nicht, dass Sie sich unterwegs verlaufen“, hauchte er ihr ins Ohr, als wollte er ihr ein Geheimnis mitteilen.

Hatte er sie berührt? Seinen Atem zu spüren machte sie ganz schwindelig. Er berührte die andere Seite ihres Kopfes, und Kate spürte ein unbändiges Verlangen, die Wange in seine Hand zu schmiegen.

Dann trat er zurück, strich ihr jedoch noch einmal flüchtig über die Wange. „Dort, durch diese Tür, Miss Kate Harper.“

In der Hand, mit der er zur Tür deutete, baumelten ihre beiden Ohrringe.

Duarte hatte schon lange auf diesen Moment gewartet. Und zwar seit er erfahren hatte, wer das sorgsam gehütete Familiengeheimnis gelüftet hatte. Er hielt Kate Harpers Ohrringe in der Hand und hatte damit wohl ihre Hoffnungen zunichtegemacht, einen weiteren Coup zu landen. Er war vorgewarnt worden und hatte die versteckten Kameras bereits entdeckt, bevor sie den Balkon verlassen hatten.

Sein ganzes Leben lang hatte er versucht, der Presse aus dem Weg zu gehen. Er kannte alle Tricks. Sein Vater hatte seinen Söhnen schon in jungen Jahren eingetrichtert, dass ihre Sicherheit von ihrer Anonymität abhing. Sie waren beschützt, erzogen und vor allem trainiert worden. Schweiß rann ihm über den Rücken. Er war bei seinen Karate-Übungen unterbrochen worden, weil man ihn über darüber unterrichtet hatte, dass die Sicherheitsvorkehrungen durchbrochen worden waren.

Duarte hatte einen Blick auf den Monitor geworfen und entschieden, abzuwarten, um zu sehen, wie weit sie gehen würde.

In diesem eng anliegenden Kleid stellte sie eine ziemliche Versuchung dar. Wie ein Pin-up-Girl längst vergangener Tage hatte sie eine zeitlose Schönheit und starke Anziehungskraft, die seine niederen Instinkte ansprachen. Wenn er sich vorstellte, was für ein herrliches Bild sie ausgestreckt auf dem weißen Sofa abgeben würde … oder noch besser, in seinem Bett …

Aber er war Experte, was Selbstbeherrschung anging. Außerdem genügte es, sich in Erinnerung zu rufen, welch zweifelhaftem Beruf sie nachging, um ihn zu ernüchtern.

Kate Harper stemmte eine Hand in die Hüfte. „Ich glaube es ja wohl nicht! Sie haben die ganze Zeit gewusst, wer ich bin?“

„Von der Sekunde an, als Sie das Fest verlassen haben.“ Man hatte ihm Fotos von ihr geschickt, als er Nachforschungen darüber angestellt hatte, wer den Artikel über ihn und seine Familie geschrieben und damit die jahrzehntelange Tarnung der Medinas aufgedeckt hatte.

Weitere Fotos hatten etwas ganz anderes gezeigt: eine bodenständige Frau in Jeans, weißem T-Shirt, ungeschminkt, das braune Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, statt wie jetzt zu einer kunstvoll zerzausten Hochsteckfrisur. Ein Hauch von Apfel-Zimt-Duft stieg ihm in die Nase.

Sie verzog die knallroten Lippen missbilligend. „Und warum haben Sie dann so getan, als wäre ich ein Callgirl?“

„Callgirl? Das ist vielleicht doch ein bisschen hochgegriffen für den Müll, den Sie verbreiten.“ Er steckte ihre Ohrringe ein und bemühte sich, ihr niedliches Schmollen zu ignorieren.

Das Leben seiner Familie war aus den Fugen geraten, dabei brauchte sein Vater gerade jetzt allergrößte Ruhe. Zu viel Stress könnte Enrique Medina schneller töten als ein extremistischer Attentäter aus San Rinaldo.

„So, so, jetzt wird also mit härteren Bandagen gekämpft.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Was haben Sie vor? Rufen Sie den Sicherheitsdienst oder die Polizei?“

„Ich muss zugeben, ich hätte nichts gegen einen kleinen Nahkampf mit Ihnen auszusetzen“, meinte Duarte zweideutig, während er die Balkontür schloss.

„Äh, hören Sie, Prinz Duarte oder Majestät oder wie auch immer ich Sie anreden soll.“ Ihre Stimme überschlug sich fast. „Wir sollten uns beide beruhigen.“

Er blickte über die Schulter und hob eine Augenbraue.

„Okay, ich beruhige mich. Sie machen, was Sie wollen.“ Mit zitternden Fingern strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Sehen Sie es doch mal so. Ich bin hier. Sie wollen keine große Medienschlacht. Warum posieren Sie nicht einfach für ein einziges Foto? In welcher Form auch immer. Sie haben die freie Auswahl.“

„Freie Auswahl? Ist das eine Art Spiel für Sie?“ Er trat näher. „Für mich ist das nämlich absolut kein Spiel. Hier geht es um die Privatsphäre meiner Familie, um unsere Sicherheit.“

Königliche Familien – selbst solche ohne eigenes Königreich – waren niemals vor Bedrohungen sicher. Seine Mutter war bei dem Umsturz, der die Medinas den Thron gekostet hatte, ums Leben gekommen. Sein älterer Bruder war beim Versuch, sie zu retten, schwer verletzt worden. Infolgedessen war sein Vater – König Enrique Medina – besessen, was Sicherheit anging. Er hatte sich eine unüberwindbare Festung auf einer Insel vor der Küste Floridas erbaut, wo er seine drei Söhne großgezogen hatte. Erst als Erwachsene hatten Duarte und seine Brüder die Insel verlassen. Sie hatten sich, weit entfernt voneinander, in abgelegenen Winkeln der USA niedergelassen und ein weitgehend normales Leben geführt – er auf Martha’s Vineyard, Antonio in Galveston Bay und Carlos in Tacoma.

Kate berührte ihn vorsichtig am Handgelenk. „Tut mir leid, was mit Ihrer Familie passiert ist … dass Sie Ihre Mutter verloren haben.“

Ihre Berührung und ihre Worte trafen einen wunden Punkt. Duarte strich ihr mit dem Finger übers Ohrläppchen. „Wie leid tut es Ihnen?“

Das musste er ihr lassen, sie zuckte nicht zurück, sondern schaute ihn mit ihren blauen Augen direkt an. Doch sie zog die Hand zurück. „Wie wäre es mit einem Bild von Ihnen im Ninja-Anzug?“

„Und wie wäre es mit einem Foto von Ihnen – nackt in meinen Armen?“

Sie schnappte nach Luft. „Sie arroganter, überheblicher …“

„Ich bin ein Prinz.“ Er hob einen Finger. „Aber das weiß natürlich jetzt jeder, dank Ihres ausgezeichneten journalistischen Gespürs.“

„Sie sind wütend, das ist verständlich.“ Sie trat hinter das Sofa, als wollte sie eine Barriere zwischen ihnen errichten, doch sie gab sich nicht geschlagen. „Aber nur weil Sie adlig sind, haben Sie nicht das Recht, sich alles zu erlauben“, erklärte sie eisig.

Er hatte sich alles selbst erarbeitet, denn er hatte die Insel seines Vaters damals lediglich mit einem Koffer verlassen. Allerdings hatte er nicht vor, diese Information mit Kate zu teilen, sie würde sie nur für ihre nächste Story verwenden. „Sie können es einem Prinzen nicht verübeln, es zumindest versuchen zu wollen.“

Die Bemerkung entlockte ihr kein Lächeln. „Warum haben Sie mich hier hereingelassen? Soll ich zu Ihrer Unterhaltung beitragen, indem Sie mich zusammenzucken sehen, wenn Sie meine Kameras zerstören?“

Kate Harper war eine Frau, die schnell ihre Fassung wiedergewann. Duarte bewunderte das. „Sie wollen dieses Foto wirklich.“

Sie presste die Hand so fest auf das Sofapolster, dass ihre kurzen roten Fingernägel verschwanden. „Mehr, als Sie sich überhaupt vorstellen können.“

Wie weit würde sie gehen, um es zu bekommen? Eine Sekunde lang spielte er mit dem Gedanken, ihre Grenzen auszutesten. Die Erinnerungen an Kates weiche Haut und ihre perfekten Kurven, als er sie im Arm gehalten hatte, brachten ihn arg in Versuchung.

Entschlossen, die Hitze, die ihn durchströmte, zu unterdrücken und sich in Selbstbeherrschung zu üben, drehte er sich um. „Sie sollten jetzt gehen. Nehmen Sie die Tür direkt hinter sich. Der Sicherheitsposten im Flur wird Sie hinausbegleiten.“

„Sie geben mir meine Kameras nicht zurück, oder?“

Er drehte sich wieder zu ihr um. „Nein.“ Er schob eine Hand in die Tasche und spielte mit den Ohrringen. „Obwohl … Sie können gern versuchen, sich Ihren Schmuck wiederzuholen.“

„Ich bin mehr für Kämpfe zu haben, bei denen ich auch eine Gewinnchance habe.“ Sie verzog die Lippen zu einem kleinen Lächeln. „Kann ich wenigstens eine Zigarre haben, die ich auf eBay versteigern kann?“

Wieder überraschte sie ihn. In letzter Zeit gab es wenig, was er noch unterhaltsam fand. „Sie sind witzig. Das gefällt mir.“

„Geben Sie mir meine Kameras, und ich mausere mich in Sekundenschnelle zu einem Stand-up-Komiker.“

Wer war diese Frau in dem schlecht sitzenden Kleid mit einem Fußkettchen, das aus einem Silberfaden und weißen Plastikperlen gemacht war? Die meisten Menschen wären in ihrer Situation höllisch nervös gewesen oder würden katzbuckeln. Obwohl, vielleicht war sie klüger als der Rest, trotz ihres zweifelhaften Berufs.

Diese Frau hatte ihn mehr gekostet, als er je zurückbekommen könnte. Er würde schon zurechtkommen, doch sein Vater machte sich um die Sicherheit seiner Söhne Sorgen. Sorgen, die den kranken Monarchen zusätzlich belasteten. Ein erschreckender Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Verdammt, warum hatte er nicht schon eher daran gedacht? Diese Frau raubte ihm nicht nur den Atem, sondern auch den Verstand. Was war, wenn ihre Minikamera die Fotos direkt auf ein Computerportal schickte? Fotos, auf dem Weg in alle Medien?

Fotos von ihnen beiden?

Duarte drehte die Ohrringe zwischen den Fingern. Ein Plan nahm in ihm Gestalt an. Ein Plan für alle Eventualitäten, der zudem noch alle seine Bedürfnisse befriedigen würde – Lust und Rache. Jemand anderer würde solch eine weitreichende Entscheidung vermutlich erst noch einmal überdenken, doch sein Vater hatte ihm beigebracht, seinen Instinkten zu vertrauen.

„Miss Harper“, sagte er und folgte ihr hinter das Sofa. „Ich möchte Ihnen stattdessen ein Angebot unterbreiten.“

„Ein Angebot?“ Sie machte einen Schritt nach hinten und stieß gegen einen kleinen Tisch. „Ich dachte, das Thema hätten wir bereits abgeschlossen. Sogar ich habe meine Grenzen.“

„Wie schade. Das hätte für uns beide …“ Er hielt mitten im Satz inne. „Es ist nicht diese Art von Angebot. Glauben Sie mir, ich habe es nicht nötig, Geld oder Exklusivstorys gegen Sex einzutauschen.“

Sie beäugte ihn misstrauisch und zog den Ausschnitt ihres Kleides ein wenig höher. „Und von welcher Art von Angebot reden wir denn dann?“

Er beobachtete jede ihrer Bewegungen, während sein Plan weiterreifte.

Das war der beste Weg. Der einzige. „Ich habe, wie soll ich sagen, ein kleines Familienproblem. Mein Vater ist krank – was alle Welt dank Ihrer Neugier weiß.“

Zum ersten Mal zuckte sie sichtlich zusammen. „Tut mir wirklich leid. Ehrlich.“ Dann fiel die Nervosität wieder von ihr ab, und ihre azurblauen Augen funkelten ihn intelligent an. „Was ist mit dem Angebot?“

„Mein Vater möchte, dass ich mich häuslich niederlasse und heirate, damit ich einen Erben produziere. Er hat sogar schon eine Frau ausgesucht …“

Kate riss die Augen auf. „Sie haben eine Verlobte?“

„Wirklich erstaunlich, wie ihr Reporter euch auf pikante Einzelheiten stürzt, wie Fische, die nach Brotkrumen schnappen. Nein, ich habe keine Verlobte. Wenn Sie noch eine Brotkrume wollen, sollten Sie mich nicht verärgern.“

„Entschuldigung.“ Sie fummelte an ihrem Ohrläppchen. „Was ist denn nun mit unserem Handel?“

Zurück zu dem faszinierenden Problem, das vor ihm stand. Er würde sich später mit ihr vergnügen. Wenn sie bereit war. Und wenn er ihre Verzweiflung richtig einschätzte, würde es ihn nicht viel Überredungskünste kosten. Nur ein wenig Zeit, die er sich erkaufen konnte, um die Rechnung zu begleichen und seinen Vater vorerst zu beruhigen.

„Wie ich bereits erwähnte, ist mein Vater ziemlich krank.“ Genau genommen dem Tode nahe, dank einer Hepatitis, die er sich auf der Flucht zugezogen hat. Die Ärzte fürchteten, dass seine Leber jederzeit versagen könnte. Duarte verdrängte die Erinnerung an seinen blassen Vater. „Ich möchte ihn natürlich nicht aufregen, solange sein Gesundheitszustand so labil ist.“

„Natürlich nicht. Familie ist wichtig“, erklärte sie voller Mitgefühl.

Aha! Das war also ihr wunder Punkt. Da würde der Rest einfach werden.

„Genau. Also, ich habe etwas, was Sie wollen, dafür können Sie mir im Gegenzug etwas geben.“ Er hob ihre kalte Hand und küsste sie auf die kurzen roten Fingernägel. So wie Kates Pupillen sich weiteten, vermutete er, dass diese Rache für sie beide zu einem Vergnügen werden könnte. „Sie haben unserer Familie viel Schaden zugefügt, weil Sie unsere sorgfältig aufgebaute Anonymität zerstört haben. Jetzt sollten wir darüber sprechen, wie Sie diese Schuld abtragen können.“

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