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Die Verlassenen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. VIOLET
  7. ILSA
  8. REE
  9. AMELIA
  10. Leseprobe – Totenhauch

Über dieses Buch

Ree Hutchins arbeitet als Praktikantin in einer psychiatrischen Klinik. Sie kümmert sich vor allem um Violet Tisdale: eine alte Dame, die abgeschottet und allein im Südflügel der Klinik lebt. Als Violet stirbt, findet Ree heraus, dass Violet geistig völlig gesund war und zu unrecht ihr Leben in der Klinik verbracht hat. Doch was hat der Friedhof von Oak Grove, der offenbar ein finsteres Geheimnis birgt, damit zu tun? Ree beginnt, der Sache nachzugehen. Dabei sucht sie Hilfe bei Amelia Gray, die den Friedhof Oak Grove restaurieren soll. Die Frau, die man auch „die Friedhofskönigin“ nennt, und die jedes Geheimnis der Toten aufdecken kann.

Die Graveyard-Queen Reihe

  • Die Verlassenen (Novella)
  • Totenhauch
  • Totenlichter
  • Totenstimmen
  • Totenrache

Über die Autorin

Amanda Stevens ist in Missouri, in der Nähe des Ozark-Plateaus, geboren und aufgewachsen. Sie fühlte sich schon immer zu düsteren Themen hingezogen, liebt Friedhöfe, ist eine passionierte Leserin von Geistergeschichten und Fan von Alfred Hitchcock. Sie hat schon mehrere Thriller geschrieben. In der Graveyard-Queen-Trilogie kombiniert sie auf gelungene Weise Elemente des Thrillers mit denen des Gruselromans.

Stevens lebt mit ihrem Ehemann und einer schwarzen Katze namens Lola in Houston, Texas. Weitere Informationen finden Sie auf ihrer Website: www.amandastevens.com

Amanda Stevens

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Die Verlassenen

Aus dem Amerikanischen von Diana Beate Hellmann

ranke

VIOLET

Als Violet Tisdale verschied, saß Ree Hutchins am Bett der alten Frau und schlief, eine zerlesene Ausgabe von Ruf der Wildnis aufgeschlagen auf dem Schoß.

Ree war so erschöpft von ihrem hektischen Tagesablauf, dass sie eingenickt war, als sie in dem ledergebundenen Roman gelesen hatte, der immer auf Miss Violets Nachttisch lag. Ree fragte sich oft, wie viele Male die alte Frau die Geschichte von Buck wohl schon gehört hatte während ihrer Zeit in der Nervenheilanstalt, dem Milton H. Farrante Psychiatric Hospital. Sie war schon Mitte achtzig, und niemand konnte sich erinnern, dass sie je woanders gelebt hatte als in der geschlossenen Abteilung dieser Klinik. Abgesehen von ihrer Kleidung und ein paar Toilettenartikeln war das Buch der einzige persönliche Gegenstand in ihrem Zimmer, obwohl es in der Widmung im Einband hieß: Für meine Tochter Ilsa zu ihrem zehnten Geburtstag. 3. Juni 1915.

Das zerfledderte Buch war also mit Sicherheit ein Erbstück von irgendeinem ehemaligen Betreuer oder vielleicht auch von einem anderen Patienten, denn niemand konnte sich erinnern, wann Miss Violet zum letzten Mal Besuch gehabt hatte.

Ree wachte zitternd vor Kälte auf, als ein eisiger Lufthauch in den Raum sickerte. Die Neon-Leselampe über ihrer Schulter flackerte, und sie erinnerte sich später, dass die Uhr auf dem Nachttisch genau um 20.30 Uhr stehen geblieben war. Draußen hatte inzwischen die Abenddämmerung eingesetzt, und das hieß, dass sie fast eine ganze Stunde geschlafen hatte. Miss Violet lag da, gegen die Kissen gelehnt, mit offenen Augen, die nicht mehr sehen konnten, mit geöffneten Lippen, die für immer verstummt waren. Sie war noch nicht lange tot. Ihr Handgelenk war immer noch warm, wie Ree feststellte, als sie ihren Puls fühlte.

Ree klappte das Buch zu und legte es zur Seite, dann stand sie von ihrem Stuhl auf und rief eine Krankenschwester. Trudy McIntyre kam sofort mit einem Stethoskop und einem Spiegel, untersuchte die Tote kurz und ging dann wieder, um die zuständigen Behörden zu informieren. Da Ree nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen, folgte sie ihr nach draußen.

„Was ist mit den nächsten Angehörigen?“

Trudy war eine tüchtige Frau mit einem verhärmten Gesicht und müden Augen. Sie arbeitete schon sehr lange in der Anstalt. „Soweit ich weiß, gibt es keine nächsten Angehörigen. Ich denke, dass Dr. Farrante sich persönlich um alles kümmern wird. Das hält er in solchen Fällen immer so.“

Ree brauchte bloß seinen Namen zu hören, und schon begann ihr Herz zu flattern. Dr. Nicholas Farrante war nicht nur eine Nummer zu groß für sie, er war auch viel zu alt für ernsthafte romantische Vorstellungen. Doch das hinderte weder sie noch die anderen Studenten weiblichen Geschlechts der Fakultät für Psychologie an der Emerson University daran, bei jedem Wort, das er von sich gab, an seinen Lippen zu hängen. Dabei hätte Ree das Thema „Experimentelle Psychologie und der menschliche Alterungsprozess“ auf jeden Fall faszinierend gefunden, ganz egal, wer der Dozent war. Aber Dr. Farrantes Vorlesungen waren eben nicht nur wegen seines Charmes und seines Charismas etwas Besonderes; es gab auch noch andere Gründe: Seine Familie war führend auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie, bis zurück zu seinem Großvater, Dr. Milton H. Farrante, der ein Schüler von Wilhelm Wundt gewesen war, dem Begründer der modernen Psychologie.

Milton hatte die Nervenheilanstalt Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet, und fast einhundert Jahre lang war sie eine der herausragenden psychiatrischen Privatkliniken des Landes gewesen. Ree hatte großes Glück gehabt, dass sie in diesem Haus ein Volontariat machen durfte, denn sogar die unbezahlten Posten waren hier schnell vergeben und gingen in aller Regel an die Doktoranden, deren Familien viel mehr Macht und Einfluss hatten als ihre eigene.

Als sie Trudy zu deren Schreibtisch folgte, kämpfte Ree gegen den unerklärlichen Drang an, sich umzudrehen. „Können wir wenigstens kurz in die Unterlagen schauen? Es muss da draußen doch irgendjemanden geben, der wissen möchte, dass Miss Violet tot ist.“

Mit einem lauten Seufzer schaute Trudy auf. „Mein Kind, ich arbeite seit über fünfundzwanzig Jahren in diesem Haus, und die ganze Zeit hat sich hier keine Menschenseele blicken lassen, um die alte Frau zu besuchen. Ich bin überzeugt, dass von ihrer Familie schon keiner mehr lebt. Oder es ist ihnen egal, was mit ihr ist. Jedenfalls kann ich da nichts tun. Wie schon gesagt, wird sich Dr. Farrante um alles kümmern. Er hat immer gut für Miss Violet gesorgt.“

Dem konnte Ree nur beipflichten. Miss Violets Suite – Schlafzimmer, Bad und Sitzecke – befand sich im Südflügel der Klinik, einem ruhigen, sonnigen Teil mit einem beschaulichen Blick in den Garten. Ree konnte sich gut vorstellen, wie Miss Violet jahrein, jahraus dort gesessen und dem Wechsel der Jahreszeiten zugesehen hatte. Wie sie auf den Frühling gewartet hatte und darauf, dass die Veilchen vor ihrem Fenster zu blühen begannen.

Trudy nahm eine dicke Aktenmappe von ihrem Schreibtisch und gab sie Ree. „Hier. Wenn du dich nützlich machen willst, bring das nach oben in Dr. Farrantes Büro. Er hat bestimmt schon Feierabend gemacht, also leg es einfach auf den Schreibtisch seiner Assistentin.“

Ree drehte sich um und blickte den Korridor hinunter. „Und was ist mit Miss Violet?“

„Was soll mit ihr sein?“

„Ich finde es irgendwie traurig, sie so allein zu lassen.“

Trudys Gesicht wurde weich, und mit einer mütterlichen Geste tätschelte sie Rees Arm. „Du hast alles für sie getan. Mehr als irgendjemand sonst in all den Jahren. Jetzt ist es Zeit, sie gehen zu lassen.“

Damit hatte sie natürlich recht, und Ree wusste wirklich nicht, warum der Tod der alten Frau sie so tief traf. Sie arbeitete erst seit zwei Monaten hier, und in Anbetracht von Miss Violets Alter war ihr Tod nicht unerwartet gekommen. Wenn man ihre Lebensumstände bedachte, hätten manche vielleicht sogar gesagt, er sei ein Segen. Jetzt war sie frei.

Doch Ree konnte die düsteren Gedanken und Gefühle einfach nicht abschütteln, als sie die Treppe zu Dr. Farrantes Büro im zweiten Stock hinaufstieg. Die Sohlen ihrer Turnschuhe machten ein Geräusch, das wie ein Flüstern klang, und sie drehte sich zwischendurch immer wieder um und schaute hinter sich ins Treppenhaus.

Die Außentür zu Farrantes Reich stand offen, und sie spähte kurz hinein, bevor sie eintrat. Die großzügigen Büroräume sahen ungefähr genau so aus, wie sie es sich vorgestellt hatte – dezent und geschmackvoll, von den rehbraunen Ledermöbeln bis hin zu den dicken Orientteppichen auf dem Teakholzboden.

Sie ging durch das Vorzimmer und legte die Mappe mitten auf den Schreibtisch, sodass die Assistentin sie sofort sehen würde, wenn sie am nächsten Morgen zur Arbeit kam.

Erst als Ree sich zum Gehen wandte, fiel ihr auf, dass die Doppeltür, die in Dr. Farrantes Büro führte, ebenfalls offen stand, wenn auch nur einen Spaltbreit. Als sie seine Stimme hörte, blieb sie wie angewurzelt stehen und horchte, nicht weil sie ihn bespitzeln wollte, sondern weil sie es genoss, seinem volltönenden Bariton zu lauschen.

Doch dann hörte sie eine zweite Stimme, und als sich im weiteren Verlauf der Unterhaltung herausstellte, dass Dr. Farrante außer sich war vor Wut, hatte sie zu große Angst, sich noch von der Stelle zu rühren, damit nicht das Quietschen einer losen Fußbodendiele sie verraten konnte.

„… hättest nicht herkommen sollen!“

„Oh, glaub mir, Nicholas, für das, was ich dir zu sagen habe, lohnt es sich, dass ich extra hergekommen bin. Außerdem dachte ich, ich schaue mal bei Violet vorbei, wo ich schon mal hier bin. Durch den Tod meines Vaters vor Kurzem ist mir bewusst geworden, dass sie nicht mehr lange unter uns sein wird. Ich hoffe, du bist fertig mit deiner neuesten Abhandlung.“

Ein Schauer lief Ree über den Rücken. Was hatte dieser Mann mit Miss Violet zu tun?

„Rührend, wie du dich um sie sorgst“, sagte Dr. Farrante in sarkastischem Ton.

„Ein Kompliment, das ich gern zurückgebe. Aber die Farrantes haben sich ja immer so gut um meine Tante gekümmert.“

Tante? Sie hatte also doch noch einen lebenden Verwandten. Warum hatte dieser Mann sie nicht schon früher einmal besucht?

„Sie hat hier ein langes und, wie ich glaube, zufriedenes Leben geführt“, sagte Dr. Farrante.

„Hauptsache, du kannst nachts ruhig schlafen, wenn du dir das einredest.“

„Und was redest du dir ein, damit du nachts ruhig schlafen kannst, Jared? Du oder dein Vater, ihr hättet sie jederzeit hier herausholen können. Ihr hättet sie zu euch nach Hause nehmen können.“

„Das hättest du doch nie zugelassen.“

„Du hast es ja gar nicht versucht. Machen wir uns doch nichts vor. Das Arrangement war allen Beteiligten ganz recht.“

„Das Arrangement ist der Grund, warum ich hier bin“, sagte der Mann. „Ich nehme an, du hast gehört, was sie mit dem Friedhof von Oak Grove vorhaben.“

„Wie vorhaben?“ Ganz plötzlich bekam Dr. Farrantes Stimme einen scharfen Ton.

„Camille Ashby will, dass der Friedhof restauriert wird. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, dass Oak Grove zum zweihundertsten Jubiläum für die Aufnahme ins Staatliche Verzeichnis Historischer Stätten nominiert wird. Dafür braucht sie natürlich die Zustimmung des Ausschusses. Aber du kennst ja Camille. Sie hat sehr viel Einfluss in diesen Kreisen und wird sich nicht kampflos geschlagen geben.“

„Wann wird darüber abgestimmt?“

„Bald, könnte ich mir vorstellen. Camille hat schon eine Restauratorin vorgeschlagen, eine Frau namens Amelia Gray. Wenn ihre Referenzen in Ordnung sind und sie keine unverschämten Honorarvorstellungen hat, hat der Ausschuss keinen Grund, ihr den Auftrag nicht zu geben.“

Ree, die immer noch da stand wie erstarrt, runzelte die Stirn. Amelia Gray. Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört?

„Das gefällt mir nicht“, murmelte Dr. Farrante. „Eine Restaurierung könnte das Interesse der Medien wecken. Irgend so ein neugieriger Reporter könnte auf die Idee kommen und sich fragen, warum man Oak Grove so hat verwahrlosen lassen. Eine solche Aufmerksamkeit könnte katastrophale Folgen haben.“

„Für dich vielleicht. Ich für meinen Teil habe beschlossen, es als günstige Gelegenheit zu betrachten.“

„Als günstige Gelegenheit? Bist du wahnsinnig?“

„Was das angeht, bist du zwar der Experte, aber ich habe mir schon oft gedacht, dass Wahnsinn, genau wie Schönheit, im Auge des Betrachters liegt.“ Auf einmal klang die Stimme des Mannes belustigt. „Nimm dich nur mal selbst als Beispiel. Du hast dein ganzes Leben dem Funktionieren des menschlichen Geistes gewidmet, aber du selber lebst in einer Parallelwelt. Du bist dermaßen auf das Innenleben fixiert und hast dich so in deiner eigenen Welt verschanzt, dass du noch gar nicht gemerkt hast, wie sich unsere Beziehung seit dem Tod meines Vaters verändert hat.“

„Was da heißt?“

„Es ist mir egal, was unsere Familien vor zwei Generationen getan haben. Ich habe nicht das geringste Interesse, irgendetwas zu bewahren, egal, ob es um den Namen Tisdale geht oder um den Friedhof von Oak Grove oder um unser kleines schmutziges Geheimnis. Solange der alte Mann noch gelebt hat, habe ich seinen Wunsch respektiert. Aber jetzt ist er tot, und ich bin in der unglücklichen Situation, dass ich ein paar äußerst unangenehmen Leuten eine ganze Menge Geld schulde.“

„Und was geht das mich an?“, fuhr Dr. Farrante ihn an.

„Du bist doch daran interessiert, ein Geheimnis zu bewahren. Wenn die Wahrheit über meine Tante jemals ans Licht käme, würde das großartige Vermächtnis der Farrantes wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Sie würden dir den Laden hier dichtmachen, dir alle deine Auszeichnungen aberkennen und den Namen deines Großvaters aus den Geschichtsbüchern löschen. Denk nur mal an die Aufmerksamkeit, die das erregen würde. Deine Kollegen würden dich meiden, und vielleicht würde man dich sogar ins Gefängnis stecken.“

„Das hier ist also ein Erpressungsversuch.“ Durch den samtweichen Ton hörte Ree etwas in Dr. Farrantes Ton, das sie bis ins Mark erschütterte.

„Was für ein unfeiner Ausdruck für einen Mann von deinem Format.“

„Wie viel?“

„Eine halbe Million würde reichen.“ Der Mann hielt einen Moment inne. „Für den Anfang zumindest“, sagte er dann.

„Das ist sehr viel Geld.“

„Nicht für dich. Ich gehe jede Wette ein, dass du noch jeden Penny von deiner Erbschaft besitzt.“

„Verspielt habe ich sie jedenfalls nicht, was du ja offenbar mit deiner Erbschaft gemacht hast. Nur sind die Unterhaltskosten für dieses Krankenhaus astronomisch. Ganz zu schweigen von meiner Forschung. Ich bin kein reicher Mann.“

„Ich bin überzeugt, dass du das hinkriegst, eine halbe Million zusammenzukratzen. Denn wenn du es nicht tust …“ Seine Stimme hatte auf einmal einen warnenden Ton, doch er sprach den Satz nicht zu Ende. Stattdessen sagte er: „Du hast es selbst gesagt. Die Restauration des Friedhofs von Oak Grove wird sehr wahrscheinlich das Interesse der Medien wecken. Man braucht nur ein, zwei Namen ins richtige Ohr zu flüstern, und schon kannst du dich von deinem guten Ruf verabschieden.“

Eine Pause trat ein. „Du bluffst. Dein Vater ist zwar tot, aber du würdest es trotzdem nicht wagen, den Orden zu verraten.“

„Wie es allen Geheimgesellschaften früher oder später ergeht, ist auch der Orden inzwischen ziemlich kastriert worden“, spottete der Mann über The Order of the Coffin and the Claw, den Orden des Sarges und der Klaue. „Die Mitglieder haben nicht mehr die Macht, die sie früher einmal hatten. Das Risiko würde ich also eingehen.“

„Dann bist du ein größerer Idiot, als ich dachte.“

„Und du bist größenwahnsinnig mit einer Achillesferse. Du hast das gleiche Problem, Nicholas, das schon dein Vater und dein Großvater hatten. Deine größte Stärke ist zugleich auch deine größte Schwäche. Wenn ihr Name plötzlich in der Öffentlichkeit …“

„Deine Tante ist eine alte Frau. Zieh sie nicht in deine erbärmliche Intrige mit hinein!“

Der Mann lachte. „Ich rede doch nicht von Violet. Ich rede von ihrer Mutter. Noch aus dem Grab heraus hat Ilsa Tisdale die Macht, dich zu zerstören … und das weißt du auch.“

Als er ihren Namen aussprach, legte sich eine eisige Hand auf Rees Schulter.

Schaudernd drehte Ree sich um, überzeugt, dass jemand den Raum betreten hatte, ohne dass sie es gemerkt hatte. Man hatte sie auf frischer Tat ertappt, wie sie eine private Unterhaltung belauschte, und einen Moment lang setzte tatsächlich ihr Herz aus.

Doch das Büro hinter ihr war leer.

Sie spürte, wie Erleichterung sie durchströmte, doch dann fröstelte sie in einem plötzlichen Luftzug. Vielleicht hatte sich die Klimaanlage eingeschaltet, und sie stand direkt vor der Lüftung. Das würde die Gänsehaut erklären, die sich auf einmal auf ihren Armen und in ihrem Nacken bildete.

Doch Ree achtete nicht auf Eiseskälte und sagte sich, dass sie das Büro verlassen sollte, bevor sie wirklich erwischt wurde. Trotzdem blieb sie wie versteinert stehen, vor Angst, aus Versehen irgendein Geräusch zu verursachen und damit die Aufmerksamkeit von Dr. Farrante und seinem Besucher zu erregen. Was sie belauscht hatte, war schlicht und ergreifend Erpressung gewesen – sofern Erpressung überhaupt schlicht und ergreifend sein konnte. Die ganze Unterhaltung hatte sie aufgewühlt, und sie wusste, dass sie später in Ruhe darüber nachdenken und jedes verstörende Detail durchgehen würde.

Doch was konnte sie tun? Auch wenn das Ganze noch so schlimm war, es hatte absolut nichts mit ihr zu tun.

Trotzdem konnte sie eine düstere Vorahnung nicht abschütteln, und sie wusste, dass die Drohungen und die versteckten Anspielungen, die sie in diesem Büro mitangehört hatte, das Bild, das sie bisher von Nicholas Farrante gehabt hatte, für immer verändern würden. Aber … sie hatte später noch genug Zeit, sich über ihren gefallenen Helden den Kopf zu zerbrechen. Im Moment musste sie nur hier raus.

Sie wandte sich gerade zum Gehen, als sie sich an die Aktenmappe erinnerte, die sie auf den Schreibtisch der Assistentin gelegt hatte. Wenn Dr. Farrante diese Mappe heute Abend sah, wusste er, dass jemand hier gewesen war. Ein kurzes Gespräch mit Trudy McIntyre würde Rees Namen enthüllen, und Ree hatte das bedrückende Gefühl, dass ein akademischer Verweis und die sofortige Entlassung aus dem Krankenhaus dann ihre kleinsten Probleme sein würden.

Sie tastete sich zum Schreibtisch zurück, nahm die Mappe und hielt inne. Das Gepolter, das aus Farrantes Büro drang, gab ihr das beruhigende Gefühl, dass man sie nicht ertappt hatte. Sie schlich durch den Raum, wobei ihre Schritte auf dem dicken Teppich zum Glück nicht zu hören waren, und schlüpfte gerade auf den Flur hinaus, als sie hörte, wie hinter ihr die Türen aufgingen und die Stimmen lauter wurden.

Verzweifelt suchte Ree nach einem Fluchtweg. Zur Treppe würde sie es nie im Leben rechtzeitig schaffen, und sie konnte sich hier nirgendwo verstecken. Also fuhr sie herum und trat wieder zur Tür zurück, so als wäre sie gerade erst gekommen, und blieb stehen in gespielter Überraschung, als ein Mann aus Dr. Farrantes Büro rannte.

Er sah aus wie Mitte vierzig, war groß und drahtig und hatte ein so unscheinbares Äußeres, dass er in der Masse untergehen würde. Doch Ree hatte ein gutes Gedächtnis für Gesichter; eine Gabe, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, der Privatdetektiv war. Fast instinktiv prägte sie sich seine Gesichtszüge ein – die nicht sehr markante Kieferpartie und das ebenso wenig ausgeprägte Kinn, die Tränensäcke unter den Augen, die darauf hindeuteten, dass er einen Hang zum Trinken hatte. Als ihre Blicke sich trafen, wurde ihr mit einem Schlag klar, dass sie direkt in die Augen eines Erpressers starrte.

Mit taxierendem und zugleich abweisendem Blick musterte er sie kurz von oben bis unten, dann rannte er quer durch den Raum und an ihr vorbei nach draußen. Ree hätte ihm nachgeschaut, doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf Dr. Farrante gelenkt. Der stand im Türrahmen seines Büros, und seine edlen Züge waren verzerrt vor Wut.

„Wer sind Sie?“, fuhr er sie an.

„Ree … Hutchins.“ Sie hoffte, dass er ihr nervöses Zögern nicht bemerkte. Sie atmete tief durch und versuchte, sich wieder zu fassen. „Eine der Krankenschwestern hat mich gebeten, das hier auf den Schreibtisch Ihrer Assistentin zu legen.“ Sie hielt die Mappe hoch.

„Wie lange stehen Sie schon da?“

„Ich bin gerade gekommen. Es tut mir leid, wenn ich Sie störe. Ich dachte, Sie seien schon nach Hause gegangen.“

Sein Blick fiel auf ihren Krankenhauskittel. „Sie sind Angestellte in dieser Klinik, wie ich sehe.“ Sein Zorn wich einer Art kalter Berechnung, die Ree nur noch nervöser machte.

„Ich mache ein Praktikum. Ich bin auch in einer Ihrer Vorlesungsreihen an der Emerson University.“

„Dann habe ich Sie also da schon mal gesehen.“

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