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Die Vergessenen

Über den Autor

Neal Asher wurde in Essex geboren, wo er noch heute lebt. Mit 16 begann er, Science Fiction zu schreiben. Seine Kurzgeschichten erschienen in zahlreichen Magazinen. Mit der Reihe um den Agenten Ian Cormac begeistert er die internationale Fachpresse sowie unzählige Leser.

NEAL ASHER

DIE VERGESSENEN

ROMAN

Aus dem Englischen von
Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Martin Asher
1955–2010
Zu früh, Bruder. Verdammt zu früh.

PROLOG

Drei Jahre vor der Rebellion (Solstand 2434)

Die Plastik ruhte auf einem Felsen, der zwar, wie Chanter wusste, weit von den nördlichen Gebirgen des Kontinents entfernt war, aber trotzdem die Spitze eines Berges darstellte, der in der von Trikonussen erzeugten Erdschicht des Planeten Masada vergraben lag. Nachdem er die Bildschirmdarstellung noch einen Augenblick länger betrachtet hatte, wandte er sich den übrigen vor ihm arrangierten Displays zu und überprüfte so einiges. Sein Erd-Uboot war an die Oberfläche gekommen und hatte dabei eine Wurzelstockmatte wie einen Schild über sich hochgedrückt, sodass es für die Laserstellungen der Theokratie, die aus dem Orbit herabblickten, nahezu unsichtbar sein musste. Trotzdem achtete Chanter darauf, dass außerdem der Chamäleonwareschild funktionierte und sich bis auf den Felsen erstreckte, sodass sein Ausstieg aus dem Fahrzeug verborgen bleiben müsste. Nur durch solche Vorsicht in allen Einzelheiten war es Chanter gelungen, sich schon seit so vielen Jahrzehnten vor den Augen der Theokratie zu verbergen.

Er drehte den Sitz, stemmte dann den massigen amphibienadaptierten Körper daraus hoch und latschte zur Tür an der Bootsflanke, wobei er mit den großen Schwimmhautfüßen klatschende Geräusche auf dem Deck erzeugte. Neben der Tür nahm er die Wurzelschere vom Ständer und schaltete sie ein. Das Ding sah ähnlich wie ein Zahnseidenhalter aus; der Griff endete in einem bogenförmigen Aufsatz, über den eine Monofaser gespannt war, die jetzt mit hoher Frequenz vibrierte.

Mit einem dumpfen Klopfen öffnete sich die Tür, kam ein Stück weit auf Chanter zu und glitt dann seitlich in das Reinigungsfach. Zwangsläufig quollen ihm nun Schlamm und Stücke von Flötengras-Wurzelstöcken entgegen. Mitten in diesen Knäueln purzelte auch ein Nest grüner Fadenwürmer herein und schlängelte sich sogleich nass auseinander, sodass sich Chanter die Zeit nahm, nach einem Probenbeutel zu greifen und die Würmer hineinzustopfen. Spare in der Zeit, so hast du in der Not – nicht umsonst hatte er den eigenen Körper für die hiesige Umwelt adaptieren lassen, und hier bot sich ein Mittagessen.

Die Wurzelstockmatte hing über dem Ausstieg wie ein Laubengang, der beinahe unter der Last von Schlingpflanzen zusammenbrach, aber nach nur kurzer Arbeit mit der Wurzelschere fiel das alles in den schwarzen Schlamm herab.

Chanter stellte erst die Schere auf den Ständer zurück und stieg dann aus dem Fahrzeug. Einen Augenblick lang blieb er stehen, um tief durchzuatmen, wobei sich die Kiemenschlitze öffneten, um mehr Luft aufzunehmen und somit das bisschen Sauerstoff zu gewinnen, das darin enthalten war. Er hob die rechte Schwimmhauthand vors Gesicht und betrachtete die Plastik durch die durchscheinende Haut zwischen Zeige- und Mittelfinger, aber das Infrarotbild vermittelte ihm keine Daten, die er nicht schon mit den Sensoren des Erd-Uboots gewonnen hatte. Die nächste Schwimmhaut lieferte ein Ultraviolettbild und auf diesem Wege Hinweise auf einige rätselhafte radioaktive Spuren, aber das war alles.

Chanter seufzte, stapfte durch den Schlamm und schließlich die flachgedrückte Schicht Flötengras zum Felsen hinüber und starrte zur Plastik hinauf. Diese bestand aus geschnitzten Knochen, zusammengehalten von durch Löcher gefädelten, geflochtenen Sehnen sowie kleinen Nuten- und Zapfengelenken, mit einer Präzision zurechtgeschnitten, die normalerweise nur Maschinen leisteten. Einer der Äser dieses Planeten war zerlegt worden, sein giftiges Körperfett akribisch aus dem noch lebenden Körper entfernt und dann tatsächlich weggelegt, seitlich sauber zu einem pyramidenähnlichen chinesischen Puzzle aufgestapelt, wo es im Licht der Sonne glitzerte. Der Rest, ausgenommen Sehnen und Knochen, war verzehrt worden. Anschließend hatte das Raubtier die harten Überreste aufgenommen und diese Plastik angefertigt.

Wie immer empfand Chanter eine Art Ehrfurcht, wenn er einen derartigen Ausdruck künstlerischen Temperaments erblickte, und obwohl die Plastik mit hoher Präzision angefertigt worden war und sich durch Symmetrie und eindeutigen Vorsatz auszeichnete, hatte er doch noch immer keine Idee, was sie darstellte. Das Ding vor ihm sah nach etwas Lebendigem aus, zeigte aber kaum noch Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Gestalt. Soweit er sich erinnerte, ähnelte es auch nichts anderem auf diesem Planeten oder irgendeiner der übrigen Welten, die er besucht hatte. Der Künstler hatte den Schädel verkürzt, die mahlenden Platten entfernt, sie entlang einer Kante zu Stacheln geschnitten und seitwärts eingefügt, um den Schädel mit spitzen Zähnen auszustatten. Das Ding saß aufrecht da wie die Statue irgendeines Gottes der Menschheit, was vielleicht erklärte, warum die Proktoren der Theokratie diese Dinger zerstörten, wenn sie sie vor Chanter in die Hand bekamen.

Die Rippenknochen waren vertikal verbunden worden und ergänzten die Plastik an der Unterseite, sodass eine kegelförmige Struktur entstand. Die Hinterbeine ragten, an der Rückseite angefügt, nach oben und waren stark umgebaut worden: die langen Knochen der Länge nach in dünne Scheiben geschnitten und ausgespreizt, beinahe wie die Federn eines Pfaus. Die Vordergliedmaßen bildeten eine Schlaufe, die von der Oberseite des Kegels bis zur Basis reichten – ein perfekter Kreis.

Chanter pfiff, und Mick rollte aus dem Erd-Uboot hervor, die langzehigen Füße fast wie Paddel aus den Flanken des niedrigen, flachen lausähnlichen Robotchassis gereckt, damit die zerbrechliche Wurzelstockmatte sein Gewicht hielt. Mick näherte sich schnurstracks der Plastik. Seine Stielaugen klappten unter der Vorderkante hervor und inspizierten das Ding einen Augenblick lang; dann entfalteten sich Arme beiderseits des flachen Rumpfs, sondierten mit langen Fingern die Knochenarbeit und stellten sicher, dass das Ding unbeschädigt blieb, wenn es auf Micks flach gerippten Rücken geladen wurde. Wenig später hatte Mick die Plastik sicher an Bord des Erd-Uboots verstaut.

Chanter seufzte aufs Neue und wurde sich darüber klar, dass er keinerlei Erkenntnisfortschritt im Hinblick auf die Arbeit dieses Künstlers erzielt hatte. Diese Plastik würde sich zu der unergründlichen Sammlung in seinem unterirdischen Stützpunkt hinzugesellen. Natürlich dürfte ihn selbst nach fünfzig Jahren dieser Mangel an Verstehen nicht erstaunen. Er hatte es hier mit keinem alltäglichen Künstler zu tun. Der Techniker, wie ihn einige inzwischen nannten, war wirklich ein sehr seltsames und tödliches Untier.

Die Rebellion aus der Tiefe (Solstan 2437)

»Verdammt!«, rief Chanter.

Er packte die Konsole, raffte sich mithilfe dieser Haltemöglichkeit wieder vom schrägen Deck seines Erd-Uboots hoch und plumpste zurück in den Sitz. Sobald er sich dort niedergelassen hatte, schloss er die Sicherheitsgurte, die er normalerweise nur benutzte, wenn er besonders feuchte Erdschichten durchquerte – das Zeug, in dem sich Strömungen bewegten und in dem auch Trikonusse unterwegs waren, die die Ausmaße von Gravofahrzeugen erreichten.

Er rief eine seismische Karte auf dem Bildschirm auf, erstellt mithilfe diverser Infraschallsender, die er überall auf Masada installiert hatte. Was er darauf sah, ergab nicht wirklich Sinn. Zunächst hatte er gedacht, dass die Druckwelle, die sein Beförderungsmittel erschüttert hatte, aus der Erprobung der neuen Waffe der Theokratie resultierte – jener gewaltigen Gaußkanone mit der Bezeichnung Ragnarök, mit deren Hilfe Geschosse direkt durch die Berge ins Höhlensystem der Rebellen gejagt werden sollten –; aber nein, sie konnte nicht so schnell in Stellung gebracht worden sein, und die Ergebnisse im Display passten nicht so recht dazu. Die seismische Karte zeigte, dass etwas Großes, gerade mal fünfzig Kilometer von der Position, die er derzeit unterhalb der Erdoberfläche einnahm, niedergegangen war, aber auch, dass es nicht heftig genug niedergegangen war, um auf einen direkten Sturz aus dem Orbit zurückzugehen.

Er brauchte mehr Daten – etwas geschah hier, und er musste herausfinden, was das war. Um diese Daten zu sammeln, musste er auftauchen und nachsehen. Er schaltete den Förderantrieb des Fahrzeugs ein, und dieses schlängelte sich weiter und bewegte sich schließlich aufwärts, als er die Lenksäule nach oben zog. Gelegentliche Stöße kündeten davon, dass immer wieder mal ein Trikonus aus dem Weg geschoben wurde, aber von ihnen ging kaum eine Gefahr für Chanter aus, wenngleich ihre mahlenden Zungen auch das robusteste Metall pulverisieren oder in Schlamm verwandeln konnten; schließlich bemühte er sich, hier draußen nicht lange genug an einer festen Position zu bleiben, damit sie sich ringsherum ballen konnten. Und wenn es mal nötig wurde anzuhalten, verfügte er über die geeigneten Mittel, sie abzuwehren.

Innerhalb einer Stunde war er dicht an der Oberfläche, und das Uboot fuhr in der weniger dichten Erde schneller. Unterhalb der Wurzelstockmatte bremste er so weit ab, dass er kaum noch Fahrt machte, und ergriff die Vorsichtsmaßnahme, Chamäleonware einzuschalten, ehe er auftauchte. Dann lenkte er das Fahrzeug sachte nach oben.

Sobald es eine stabile Lage einnahm, fuhr er zunächst eine Kamera durch die Matte aus, um einen Rundblick zu erhalten. Weder Menschen noch Technik waren in der Nähe zu sehen, und er war ein ordentliches Stück weit von jeglicher Arachnikultur der Theokratie entfernt. Allerdings wehte da draußen ein gar nicht der Jahreszeit gemäßer Sturm, in dem sich das Gras heftig wiegte und die Luft von gebrochenen Halmen erfüllt war – die Nachwirkungen derselben Druckwelle, die er unter der Erde gespürt hatte. Auch das Licht wirkte seltsam. Da draußen war es Nacht, und obwohl die Nächte hier niemals sonderlich dunkel wurden, wirkte sie merkwürdig hell. Vielleicht ein fernes Feuer, das sich aus einem Sauerstoffvorrat speiste? Vielleicht war ein Raumschiff heruntergekommen – das hätte sicherlich zum seismischen Profil gepasst, aber als er die Kamera in Richtung des Einschlags wendete, entdeckte er keinerlei Feuer. Schließlich richtete er die Kamera nach oben und schnappte erstaunt nach Luft.

Meteorschauer und riesige mattorangene Blumen bedeckten den Himmel, die Nachwirkungen gewaltiger Orbitalexplosionen. Offensichtlich waren dort oben bedeutsame Ereignisse eingetreten, und was immer hier niedergegangen war, resultierte vermutlich aus ihnen. Hatte die Polis endlich eingegriffen? In den zurückliegenden Jahren hatten die KIs keine sonderlichen Hinweise gegeben, dass sie dergleichen planten. Soweit es Chanter verstand, war eine Intervention so etwas wie eine heiße politische Kartoffel, die womöglich Schwierigkeiten auf Grenzplaneten nach sich zog, wo die Zugehörigkeit zur Polis … ein heikles Thema war. Chanter entschied, dass die Kamera nicht leistungsfähig genug war, zog sie ein und fuhr als Nächstes seine Hauptsensorenphalanx aus.

Weitere Überraschungen. Chanter fluchte leise. Die Satellitenphalanx der Theokratie war verschwunden oder bildete, genauer gesagt, inzwischen eine Trümmerwolke, die den Meteorsturm fütterte. Das leistungsfähige Radioteleskop seiner Sensorenphalanx zeigte ihm viele Einzelheiten und offenbarte sogar, dass die Werft auf dem Minimond Flint, der Kalypse umkreiste, ebenfalls zerstört worden war. Aber was den Schaden angerichtet hatte, das war nicht zu erkennen. Chanter machte sich daran, die Funkfrequenzen der Theokratie abzuhören, gewann allmählich Fakten aus den Gerüchten und dem ganzen religiösen Geschwafel und konnte endlich die zeitliche Abfolge der Ereignisse rekonstruieren.

Das Ding, das die Theokraten Behemoth nannten und von dem Chanter wusste, dass es sich dabei um eine der verbliebenen drei von vier riesigen außerirdischen Organismen handelte, die ursprünglich das Wesen namens Drache gebildet hatten, war in recht übler Stimmung eingetroffen. Es zerstörte erst den Stützpunkt auf Flint, tat dann so, als nähme es direkten Kurs auf das Schiff des Hierarchen Loman und zwang ihn, die Flotte von Masada abzurufen und lieber ihn zu beschützen. Drache führte daraufhin einen Subraumsprung nach Masada aus, und die Flotte hatte ihm nicht folgen können, waren ihre Schiffe doch nicht in der Lage, ihre Subraummaschinen anzuwerfen, solange sie nicht schon Fahrt aufgenommen hatten. Über Masada zerstörte Drache die Lasersatelliten, ehe er sich nach unten warf und eine Bruchlandung auf dem Planeten hinlegte. Chanter überlegte, was das vielleicht zu bedeuten hatte.

Sicher war, dass Lellan Stanton und ihre Rebellen die Lage auszunutzen gedachten. Bestimmt nahmen sie Kurs auf die Oberfläche, und er wusste, dass sie genug Mannschaftsstärke und Waffen besaßen, um diese einzunehmen. Loman würde reagieren und Truppen aus dem Weltraum herabschicken, um die Oberfläche zurückzuerobern – Truppen, die in der Zylinderwelt Hoffnung ausgebildet wurden. Die derzeit schon geheim durchgeführte Abstimmung über eine Polis-Intervention konnte sehr gut mehr als die erforderlichen achtzig Prozent ergeben, aber selbst wenn nicht, würde die Lage hier so schlimm werden, dass eine Polis-Intervention unausweichlich schien. Chanter hatte zwiespältige Gefühle, was das anging. Ihm gefiel seine heimliche Maulwurfexistenz hier, und er genoss seine einzigartige Forschung und den Mangel an Einmischung.

Er fuhr die Sensorenphalanx ein und aktivierte erneut das Triebwerk seines Erd-Uboots. Große Ereignisse warfen ihren Schatten voraus, und die Lage hier versprach ein wenig angespannt zu werden, aber er hatte vor, unter dem Radar all dessen zu bleiben.

Zunächst plante er, sich die Drachenkugel einmal von unten anzusehen.

Chanter stoppte das Erd-Uboot langsam, während das seismische Bild der Lage weiter voraus immer deutlicher wurde. Anhand von in seinem Computer gespeicherten Daten hatte er herausgefunden, dass Drachenkugeln einen Kilometer durchmaßen. Diese hier hatte viel Substanz verloren und war nicht mehr kugelförmig.

Der Aufprall in der weichen Erde hatte Berge von Schutt ringsherum aufgetürmt, und innerhalb des von ihnen umschlossenen Kraters war eine beträchtliche Menge der fremdartigen Überreste des Wesens zu sehen. Die Signale der Seismografierer zeigten unglaublich dichte Knochen aus einem Material, das Keramal ähnelte, aber komplex geformte, geschichtete Zellstrukturen bildete. Andere Dinge dort wirkten wie Mischlinge aus Fusionsreaktoren und riesigen tierischen Organen. Die in der Umgebung verstreuten Schuppen zeigten sich in den reflektierten Signalen so dicht wie die Panzerung eines Polis-Schlachtschiffs, und andere weichere Dinge bildeten ringsherum einen Morast. Jeder, der über diese Szene stolperte, wäre überzeugt gewesen, er hätte sämtliche Überreste der Kreatur gefunden, aber das hier war alles nur Show.

Unter der Erdoberfläche zeigte sich eine ganz andere Geschichte. Die Hälfte einer Drachenhalbkugel bestand hier fort und wurde durch einen dicken Stängel tiefer in den Boden gedrückt, was wie ein in die falsche Richtung wachsender Pilz aussah. In dieser Halbkugel herrschte ausreichend starke Aktivität, sodass Chanter sogar durch die Schlammschicht zwischen ihr und ihm Energiewerte angezeigt bekam. Die Seismik verriet, dass sich die Halbkugel in eine zellulare Struktur geteilt hatte, die keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Schutt über der Erde aufwies. Jede Zelle durchmaß einen Meter und bildete in ihrem Zentrum rasch etwas aus. Wie es schien, war Drache nicht tot, sondern führte etwas Ruchloses im Schilde.

Chanter erinnerte sich daran, wie gefährlich die Drachenkugeln waren: Schließlich hatte eine von ihnen ein Runcible auf dem kalten Planeten Samarkand zerstört, was zu dreißigtausend Todesfällen geführt hatte, und diese Kugel hier hatte gerade die Theokratie gründlich gevögelt.

All das bot Chanter Anlass für die Überlegung, wie prekär die eigene Lage womöglich war. Aber nein, er empfing rein passiv die Daten seiner Seismografierer, die Infraschallimpulse durch den Erdboden sendeten. Der nächste Seismografierer war zwanzig Kilometer weit entfernt, und Drache dürfte nichts von Chanters Anwesenheit hier in seiner unmittelbaren Nähe wissen.

Chanter lehnte sich seufzend zurück und versuchte das Unbehagen zu verbannen, da baute sich die seismografische Karte aufgrund frischer Daten neu auf und zeigte etwas Schlangenhaftes von zwei Metern Dicke, das sich von der Halbkugel ausgehend direkt auf sein Erd-Uboot zubewegte. Er fluchte, als er sah, wie sich das Ende dieses Dings zu vielen Strängen öffnete, ähnlich dem Kopf eines Röhrenwurms, und sich in diesem Moment um sein Fahrzeug schloss, es ruckartig in Bewegung setzte und hereinzuholen begann.

Nichts, was Chanter unternahm, vermochte Draches Griff abzuschütteln. Er probierte das Gerät, das man ihm als »Viehtreiber für richtig große Kühe« geschildert hatte – und womit er sonst hartnäckige Trikonusse vertrieb, wenn er irgendwo in großer Tiefe für Wartungsarbeiten oder um zu schlafen anhalten musste. Die Drachenhand aus Pseudopodien am Ende dieses gewaltigen Tentakels schüttelte das Erd-Uboot jedoch so heftig, dass Chanter schon glaubte, der Rumpf würde zerbrechen, sodass er von seinem Vorhaben Abstand nahm. Die Pseudopodienhand zog ihn weiter heran, und die seismografischen Bilder wurden deutlicher. Dinge wuchsen innerhalb dieser Zellen in Draches Restkörper. Das sah nach Puppen aus, die ein wenig an die Jungen von Schlammnattern erinnerten, obwohl sie sich von diesen durch ein beunruhigend fötenhaftes Aussehen unterschieden. Dann flippten Chanters Instrumente aus, ehe sie gänzlich ausfielen, einen Augenblick später gefolgt von der Beleuchtung.

Chanter erwartete den Tod, wartete darauf, dass sein Fahrzeug zermalmt wurde, dass der lose Schlamm der Umgebung hereinquoll und ihn verschlang, aber dann sprangen seine Instrumente wieder an, und er starrte verwirrt auf die Bildschirme. Es schien, als sichtete etwas methodisch und mit hoher Geschwindigkeit seine Dateien. Derzeit erblickte er das Layout seines Tagebuchs, obwohl die Worte so schnell vorbeizogen, dass er sie nicht lesen konnte. Als Nächstes rasten die Bilder all der Plastiken vorbei, die er gesammelt hatte, zusammen mit seinen Spekulationen darüber, was sie möglicherweise zu bedeuten hatten. Anscheinend als Reaktion darauf ertönte ein Zischen in seinem Kommunikator, begleitet von einem anderen Laut, der nach fernem Gelächter klang.

»Kleiner Krötenmann«, sagte eine geisterhafte Stimme, perfekt verständlich und doch auf irgendeine Art und Weise erkennbar nicht die eines Menschen. Drache sprach mit ihm. »Erkennst du, wie ich in deiner Gestalt erneut lebe?«

»Was machst du … Drache?«, fragte Chanter.

»Ich mache mich bereit zu schlafen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ja.«

»Warum hast du mein Fahrzeug gepackt?«, fragte Chanter, und als keine Antwort erfolgte, setzte er hinzu: »Ich bin keine Gefahr für dich.«

»Nein.«

Chanter wusste nicht recht, ob das ein Nein oder ein Ja war, aber andererseits dürfte ihn diese Ambivalenz nach einigen Dokumenten unter dem Titel »Drachendialoge«, in die er Einblick genommen hatte, auch nicht erstaunen.

Die Datensuche endete, und das seismografische Display kehrte zurück. Der Tentakel hatte das Erd-Uboot inzwischen sehr nahe an den Hauptkörper herangezogen, holte es inzwischen aber nicht mehr weiter ein. Während unsichtbare Eisfinger über Chanters Rücken strichen, starrte er auf diese Puppen, diese Dinger, die sich aus Draches eigentlicher Substanz bildeten. Sie erinnerten leicht an Menschenkinder und sehr stark an Reptilien. Verspottete Drache ihn irgendwie? Hatte Drache erwartet, dass er, Chanter, kommen würde? Das war Wahnsinn.

Unvermittelt lösten alle Pseudopodien außer einem ihren Griff um sein Fahrzeug, während das restliche Pseudopodium mit der Sensorenphalanx verknüpft blieb, über die Drache in sein Computersystem eingedrungen war. Chanter überlegte, ob er den Förderantrieb wieder einschalten sollte, aber er wusste, dass er nicht schnell genug fliehen konnte, um zu verhindern, dass er aufs Neue gepackt wurde. Er musste die Erlaubnis erhalten, sich zu entfernen, wenn er das hier überleben sollte.

»Du hast die Laserstellungen vernichtet«, probierte er es.

»Ja.«

»Warum?«

»Die Frage, die du stellst.«

»Ja, das ist die verdammte Frage, die ich stelle!«, entgegnete Chanter missmutig. »Ist dein Mangel an Klarheit ein Ausdruck enormer Intelligenz oder enormer Dummheit?« Die Worte waren ihm entwichen, ehe er sie zurückrufen konnte, und er zuckte zusammen. Ihm kam der Gedanke, dass die lange Isolation, die Jahre, in denen er mit niemandem außer seinen Maschinen gesprochen hatte, zu Lasten seines Urteilsvermögens gegangen waren, soweit es die Konversation anbetraf. Drache schien sich allerdings nicht um den Ausbruch zu kümmern.

»Ich gehe jetzt«, sagte die Kreatur. »Ich zerfalle.«

Und so war es. Auf dem Bildschirm löste sich die verbliebene Halbkugel dieses Teils von Gesamtdrache in diese einzelnen Zellen auf, die sich, während Chanter hinsah, schon aufblähten und zur Oberfläche hinaufstiegen.

»Begib dich dorthin, kleiner Krötenmann.« Koordinaten erschienen auf einem der Bildschirme, präzise Koordinaten des Planeten Masada, in denen Chanter eine Stelle irgendwo in den Bergen erkannte – eine Gegend, die er mied, hätte sie es doch nötig gemacht, auf der Oberfläche zu reisen. »Oder krieche ohne Antworten im Schlamm herum.«

Das letzte Pseudopodium schlenkerte verächtlich sein Erd-Uboot, und dann zog sich der gesamte Tentakel in die zerfallende Masse zurück, aber noch ehe er damit fertig geworden war, stockte er unvermittelt und zerbrach ebenfalls, als der lenkende Verstand verschwand – und, wie Chanter später herausfand, als einzelner Verstand zu bestehen aufhörte und in viele Verstandeseinheiten zerfiel.

Chanter flüchtete so schnell von hier, wie er konnte, und das Chaos da oben sorgte dafür, dass er noch lange Zeit im Schlamm kroch. Gefährliche Dschainatechnik traf in Gestalt eines riesigen, von ihr übernommenen Polis-Schlachtschiffs ein, und es schien, als schwebte der ganze Planet in der Gefahr, vernichtet zu werden. Rebellenstreitkräfte kämpften gegen Soldaten der Theokratie, die in Zombiediener desjenigen verwandelt worden waren, der diese Dschainatechnik einsetzte, und diejenigen, die an der Seite der Rebellen kämpften, erinnerten an Chanters Gestalt: Drachenmänner, aus dem Erdboden hervorgewachsen wie von einer Saat aus Drachenzähnen. Chanter kam ein oder zwei Mal an die Oberfläche und warf einen Blick auf die Zerstörung, während er fruchtlos nach weiteren Plastiken suchte. Er verwandte viele Jahre auf die Suche nach dem Techniker, der irgendwann während der Rebellion Chanters Peilgerät hatte abstreifen und untertauchen können.

Erst später, viel später, als es ihm weniger wahrscheinlich vorkam, von einer verirrten Kugel der Theokratie oder der Rebellen getroffen oder von einer gefährlichen Technik infiziert zu werden, lange nachdem die Polis endlich die Quarantäne aufgehoben hatte, sah er sich die Koordinaten einmal genauer an. Vielleicht war er einfach viel zu vorsichtig. Vielleicht war diese Vorsicht auch der Grund, warum sich ihm die gesuchten Antworten fortwährend entzogen.

KAPITEL EINS

Die Frage, die man sich stellen sollte, lautet nicht, wie die Theokratie von Masada fiel, sondern wie ein solch idiotisches Regime so lange überleben konnte. Es schloss Bündnisse mit Polisseparatisten und ignorierte arrogant, wie sehr es die Polis damit verärgerte. Es schloss ein Bündnis mit einer Drachenkugel, scheinbar der Gefahren nicht ahnend, die mit der Nutzung von Dracocorp-Verstärkern und mit einem Verrat an Drache verbunden waren. Die Theokratie sonnte sich auch in dem Trugbild, es wäre ihr bestimmt, einen künftigen Krieg gegen die Polis zu gewinnen, und benutzte eine von Drache erhaltene Waffe, um eine Raumstation der Polis zu zerstören und Polisbürger als Sklaven für die Schiffswerft auf Flint zu erhalten. Und als wäre das alles noch nicht selbstmörderisch genug gewesen, hielt sie auf einem von ihr beherrschten Planeten eine Sklavenbevölkerung, die sie mit begeistertem Sadismus traktierte, und stellte so sicher, dass ein Untergrund entstand, ein wirklich unterirdisch existierender Untergrund, der Waffen und Vorräte hortete und immer mehr Kämpfer rekrutierte. Die Theokratie hatte ihren Sturz in die Wege geleitet, und sie stürzte. Drache erschien als Erster und vernichtete die Laserstellungen, mit deren Hilfe die Theokratie ihr Volk unterjochte. Die Rebellen nutzten die Gunst der Stunde und eroberten die Planetenoberfläche, und eine Intervention der Polis schien unmittelbar bevorzustehen. Da dieser Riesenhaufen Scheiße noch nicht katastrophal genug schien, tauchte ein Irrer mit einer fünf Millionen Jahre alten Zivilisationen zerstörenden Technik in einem weltenzerstörenden Polisschlachtschiff auf, ergriff die Kontrolle über alles und jeden, was einen Dracocorp-Verstärker trug, und warf nebenbei mit Weltuntergangswaffen um sich, als wären es Streichhölzer. Sagte ich schon, dass die Theokratie sich selbst zum Sturz verdammt hatte? Gewalttätige Auslöschung wäre vielleicht eine passendere Beschreibung dessen, was aus ihr wurde.

aus Wie es aussieht von Gordon

Häretikerinsel (Solstan 2457 – heute)

Das Licht war hier anders; der Himmel zeigte bei Tag ein blasses Violett und kehrte nur bei Nacht zu tiefem Aubergine zurück, das Jeremiah Tombs wiedererkannte. Sanders war wieder da, das blonde Haar zurückgebunden, und eine hauchdünne Stola, auf der die langsame holografische Animation einer zur Nova werdenden Sonne lief, war eng um ihren nackten Körper gewickelt. Sie betrachtete Tombs mit der vertrauten schmerzlichen Frustration.

»Guten Morgen, Jem«, sagte sie. »Wie geht es Ihnen heute?«

Er legte los und nuschelte die Worte des Dritten Satagenten, und sie wandte sich einfach ab und nahm Kurs auf die Treppe, die zum Meer hinabführte. Mithilfe der Ballsteuerung auf der Armlehne lenkte er den Rollstuhl an die Kante der Terrasse, beugte sich vor, um über die Steinbrüstung zu sehen, und blickte ihr auf dem Weg hinab nach.

Verkümmertes Flötengras wuchs in stacheligen Büscheln auf dem Hang unter ihm, und unweit der Stelle, wo die Treppe am blassgrauen vulkanischen Sand endete, ragte ein Bestand Buntblätter auf, ebenfalls verkümmert, zerfleddert und gekräuselt wie angesengtes Haar. Auf dem Strand angekommen, schritt Sanders aus und hinterließ glitzernde Fußstapfen, wo ihre Füße Leuchtamöben zwischen den Sandkörnern anregten. Am Wasser eingetroffen, legte sie die Stola ab, und diese regnete wie eine Flamme durch die Luft. Tombs wandte den Blick von solch beschämender Nacktheit ab, aber sein Blick schweifte zu Sanders zurück, als sie ins Wasser stieg und losschwamm.

Das war alles so verkehrt.

Er hätte sie am liebsten angeschrien und ihr erklärt, dass sie sich im Freien nicht ohne Atemmaske oder einen Skole bewegen sollte, der ihr Blut mit Sauerstoff anreicherte, denn die Luft hier war nicht atembar – enthielt nicht genug Sauerstoff für Menschen. Dann fiel ihm auf, dass er sich ja selbst im Freien aufhielt, und Verwirrung befiel ihn.

Und er zog sich in die eigene Innenwelt zurück, wie er es auch beim letzten Mal und davor schon getan hatte. Wie er es schon länger tat, als er sich überwinden konnte zu erinnern.

Triada-Lager (Solstan 2437 – Nachspiel der Rebellion)

Wenn er sich auf die Schemata konzentrierte, auf die Sammlung bunter euklidischer Formen, die ihm durch den Verstand wirbelten, half das, die Agonie einzudämmen. Diese Vision schien alles, was Jeremiah Tombs noch hatte, seit das Sehvermögen nur noch matte, verschneite und verschwommene Eindrücke lieferte – sowie die Erinnerung an höllische gelbe Augen über ihm, umgeben vom klickenden Schwirren gläserner Sensen, die sich in der Dunkelheit gegenseitig schärften.

Wie war alles nur so entsetzlich schiefgegangen?

Die liturgischen Gesänge der Brüder von der Septarchie, die es Behemoth verwehrten, die Gedankenkontrolle über die gesamte Bruderschaft zu erlangen, hatten nicht verhindern können, dass die Kreatur den Planeten Masada aufsuchte, um dort Vergeltung zu üben. Sie vernichtete die Lasersatelliten und wirbelte dann zu feuriger Vernichtung auf den Erdboden hinab …

Nein, so war das nicht gewesen.

Die Agonie wogte in ihm empor, und jemand stöhnte, und dieser Laut verwandelte sich in den unaufhörlichen Singsang der Brüder …

Nein, nein, es gibt sie nicht mehr.

Nachdem Behemoth sich selbst zerstört hatte, brachte Hierarch Loman die Brüder zum Schweigen und wuchs selbst in Statur und Macht auf allen Kanälen der Dracocorp-Verstärker, die sämtliche Mitglieder der Bruderschaft trugen – Behemoths Gabe an sie. Es wurde unmöglich, auch nur einen Befehl Lomans zu verweigern.

Flüssigkeit auf Jems Augen wurde von jemandem weggewischt. Das Bild verschwamm zunächst und wurde langsam klarer. Ein Stich in den Hals, und sofort wichen die Schmerzen.

»Sieh mal«, sagte eine Stimme in der Nähe, »entweder bringst du ihn hinaus und jagst ihm eine Kugel durch den Kopf, oder du lässt mich mit meiner Arbeit fortfahren.«

»Unsere Leute haben Vorrang«, erfolgte die barsche Entgegnung.

Das Bild war inzwischen deutlicher, und Jem sah eine Frau in weißem Overall, der so blutbespritzt war wie die Kleidung des Soldaten: ein Kampfanzug von der Farbe alten Flötengrases. Der Soldat trug ein elektromagnetisches Schienengewehr auf dem Rücken, und ein Stromkabel führte von der Waffe zur Energiequelle am Gürtel. Er gab jetzt den Arm der Frau frei, wich einen Schritt weit zurück und blickte mit undeutbarer Miene auf Jem hinab.

»Ich nehme keine Befehle von dir entgegen.« Ihr Ton war belehrend und präzise. »Ich wurde vielleicht hier geboren, aber jetzt bin ich eine Polis-Meditech und es ist mein Job, in erster Linie Leben zu retten und dann Körper zu reparieren.« Mit einem Wink erfasste sie etwas außerhalb von Jems Blickfeld. »Keiner von denen schwebt jetzt noch in Gefahr.« Sie deutete auf Jem. »Er benötigt umfassende rekonstruktive Eingriffe, um überhaupt am Leben zu bleiben.«

»Yeah, ich schätze, die braucht er wohl«, sagte der Soldat, dessen Miene inzwischen Verwirrung und sogar Mitgefühl zeigte, was Jem von jemandem wie ihm gar nicht erwartet hätte.

»Wie zum Teufel kommt es eigentlich, dass er noch lebt?«, fragte die Frau.

»Ich habe keinen Dunst – niemand hat je die Begegnung mit einem dieser Bastarde überlebt.« Seine Stimme klang rau und streng, die Stimme eines Menschen, der es gewöhnt war, Befehle zu brüllen.

»Du hast mich missverstanden: Wie kommt es, dass er in diesem Lager noch am Leben ist? Ich habe ihm die Reste seiner Uniform heruntergeschnitten, also weiß ich, was er ist.«

Der Soldat schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln.

Die Frau lächelte. »Also, Commander Grant, du hast den größten Teil deines Lebens gegen die Theokratie gekämpft und bist, wie so viele aus der Unterwelt, ein entschiedener Atheist, und doch scheint es, als wärst du nicht so immun gegen Aberglauben, wie du denkst.«

Jem verschwamm erneut das Bild vor Augen, und was immer die Frau ihm verabreicht hatte schien in Wellen durch ihn zu laufen. Er war furchtbar müde und wollte schlafen. Er versuchte das Auge zu schließen, aber er sah nach wie vor.

»Was meinst du damit?«

»Allein aufgrund dessen, was er überlebt hat, hast du ihn gerettet und hergebracht«, dozierte sie. »Man findet keinen Menschen, der auf diesem Planeten lebt und dessen Raubtiere nicht mit abergläubischer Scheu betrachtet. Gib es zu!«

»Er muss verhört werden«, sagte der Soldat und wandte sich ab. »Wir müssen erfahren, was passiert ist.«

»Grant«, sagte die Frau, als er Anstalten traf zu gehen.

»Was?«, feuerte er zurück und drehte sich verärgert um.

»Vielleicht solltest du dir diese Scheu bewahren.«

»Wieso?«

»Nun ja, so seltsam es klingt, der Kapuzler hat ihm das Leben gerettet. Ich habe den Mann schon kurz untersucht und Spuren von Verbrennungen rings um die Myzelien gefunden, die in seinen Schädel eindrangen. Zum exakt richtigen Zeitpunkt hat ihm der Kapuzler den Verstärker heruntergeschnitten, als dieses Gerät gekapert wurde – hat es ihm heruntergeschnitten und zugleich das Gesicht abgezogen.«

Die Worte sagten Jem nichts, während sich die beiden durch einen langen dunklen Tunnel zu entfernen schienen, aber etwas, was sie gerade gesagt hatten, lockte eine frische Erinnerung an die Oberfläche seines Denkens.

Glaube ist tot.

Nach Behemoths Ableben und dem Aufstieg des Hierarchen war der Teufel erschienen. Er packte Ragnarök, die Waffe, mit deren Hilfe die Theokratie Rebellen zu vernichten trachtete, die in einem echten Untergrund hausten, und schleuderte sie ins Angesicht des Gasriesen Kalypse. Er brannte Glaube aus und brachte den Hierarchen um – ein Lehrbeispiel für die Folgen der Anmaßung. Und Glaube, eine Zylinderwelt mit Zehntausenden Seelen, wurde durch das Feuer einer entsetzlichen apokalyptischen Waffe vernichtet.

Dann ergriff der Teufel mithilfe der Gabe der Dracocorp-Verstärker die Macht über die Bruderschaft – die Verstärker wurden an den Schädeln aschfarben, und alle Gedanken tanzten nach seiner Musik. Jem wusste noch, wie er dagegen angekämpft hatte, wie er gesehen hatte, dass seine Kameraden aus dem Triada-Lager ringsherum zu Zombies wurden, und er wusste noch, dass er damit gerade gescheitert war, als er eine Begegnung hatte, in deren Verlauf etwas ihn in seine persönliche Hölle warf und dort seiner Gabe beraubte. Dann meldete sich die Hölle auf einmal zurück.

»Wirkt dieses Schmerzmittel nicht?«, fragte der Soldat.

»Doch«, antwortete die Frau.

»Woher dann dieses Geräusch?«

»Ich weiß nicht.«

Die höllischen gelben Augen des Dämonen waren zurück und wetzten erneut ihre Messer.

Ein Motor jaulte, und das Bett vibrierte unter ihm, während sich das Rückenteil hob und ihn so langsam in die Sitzhaltung beförderte. Das rechte Auge wirkte wie zugeklebt, und das Bild, das vom linken übermittelt wurde, war verschwommen, aber eine Frau in Weiß beugte sich herab und sprühte etwas hinein, und die Eindrücke wurden deutlicher. Er versuchte zu blinzeln, um den Vorgang zu beschleunigen, aber nichts geschah. Es schien, als wäre das Augenlid in offener Stellung festgeklebt.

Wie tollpatschige Nebelriesen fuhrwerkten unklare Erinnerungen in seinem Kopf herum: von einem Feuer irgendwo, Explosionen, Schüssen … und deutlicher als alles andere seltsame euklidische Formen, die sich irgendwie zu einem Gesamtmuster fügten. Auf einen Klicklaut hin krochen ihm kalte Finger den Rücken hinab, und er wandte die Aufmerksamkeit der Quelle zu: eine Art Maschine, die nach einem großen Chrominsekt auf einem Sockel aussah. Sie hatten hier Polistechnik!

Er nahm die Umgebung weiter in Augenschein. Sein Bett gehörte zu einer Zehnerreihe auf dieser Seite des Zwischengangs, der etwas durchschnitt, das nach einer Schlafbaracke für Teicharbeiter aussah. Zehn Betten standen auch auf der anderen Seite aufgereiht. Fünf davon waren mechanisierte Krankenhausbetten wie seines, allesamt belegt; bei den übrigen handelte es sich um einzeln aufgestellte Stockbetten, von denen acht belegt waren. Man hatte die Wände der Schlafbaracke jüngst weiß gestrichen und damit die Worte der Heiligen Schrift und Leitsprüche übertüncht, die normalerweise dort geschrieben standen – was rätselhaft war.

Medizinische Geräte beanspruchten Platz zwischen den Betten; in manchen davon erkannte er Produkte der Theokratie wieder, während andere wie dieses insektenhafte Ding kleinere, elegantere Polisgeräte waren. Direkt gegenüber half gerade ein weiß gekleideter Arzt dem Patienten dabei, aus einem der mechanisierten Betten aufzustehen. Verbrennungen zogen sich seitlich am Gesicht des Patienten nach unten, und ein Arm und die Rumpfflanke auf dieser Seite zeichneten sich hässlich unter einer Art durchsichtigem Überzug ab. Ein schwerer Unfall musste geschehen sein, in den Jem selbst verwickelt gewesen war. Ihn schauderte, und er wandte sich wieder der Frau zu, die als Nächstes etwas an seiner Kehle manipulierte. Ein Laut stieg von dort auf, halb Seufzer, halb Stöhnen.

»Okay, der Stimmgenerator ist aktiviert«, sagte sie.

Unvermittelt fiel ihm ein, dass er schon vorher wach geworden war und zu sprechen versucht hatte – zu verlangen versucht hatte, dass sie nur Theokratietechnik an seinem Körper verwendete –, aber der ganze Mund war starr gewesen, und er hatte nur Laute aus dem Rachen hervorstoßen können. Er probierte es erneut, und obwohl der Mund starr blieb, vervollständigte das Gerät an der Kehle die dort erzeugten Laute.

»Ich brauche keine gottlose Polismaschine, die mir zu sprechen verhilft.«

Sie starrte ihn eine ganze Weile lang an und sagte schließlich: »In alter Zeit nannte man das: die Augen vor den Tatsachen verschließen. Sicherlich haben Sie doch genug gehört, um inzwischen Bescheid zu wissen?«

Zwei Reihen gelber Augen öffneten sich, und von irgendwoher ertönte ein entsetzliches Wiehern und Klicken. Dann wurde alles von einem Wirbel aus diesen euklidischen Formen fortgetragen.

»Ich kann anscheinend nicht blinzeln«, stellte er fest.

»Sicherlich liegt der Grund dafür doch offen zutage, wenn Sie darüber nachdenken?«

»Was haben Sie mit mir gemacht?«

»Sie am Leben gehalten. Sie sind der einzige bekannte Fall eines Menschen, der den Angriff eines Kapuzlers überlebt hat. Deshalb weilen Sie noch unter uns.« Sie klang jetzt zornig. »Ihre Proktorenkollegen hatten weniger Glück.« Sie deutete auf die übrigen Betten. »Ich hatte hier bislang dreihundert Fälle, und Sie sind darunter der einzige überlebende Proktor.«

Glaube ist tot.

»Das ist lächerlich! Entfernen Sie sofort diese Halteriemen.« Aber noch während er das sagte, erschrak er vor etwas, das in sein Bewusstsein stieg. Glaube ist tot? Was hatte das zu bedeuten? Er versuchte, über seinen Verstärker, seine Gabe, eine Verbindung aufzubauen, erzielte aber keinerlei Reaktion.

»Oder liegt hier mehr vor als eine Leugnung von Tatsachen?«, fragte sich die Frau. »Erzählen Sie mir, Tombs, woran Sie sich erinnern.«

»Eine Art Zwischenfall … einen Unfall.« Er unterbrach sich und sammelte seine Gedanken. »Offenkundig war es ein schwerwiegendes Ereignis, oder ich läge jetzt in einem städtischen Krankenhaus statt in dieser provisorischen medizinischen Einrichtung.« Er versuchte, auf die Umgebung zu deuten, aber sein Arm war nach wie vor angeschnallt.

»Der Untergrund?«, gab sie ihm ein Stichwort.

Ah, jetzt war es offensichtlich!

»Ich verstehe – diese Maden haben eine Bombe gelegt, nicht wahr?«

Sie starrte ihn ungläubig an, schüttelte dann nur den Kopf und ging weg.

Jem inspizierte erneut die Umgebung und fragte sich allmählich, ob er die Lage zutreffend einschätzte. Polisgeräte wurden hier eingesetzt, und man hatte die Worte der Schrift an der Wand übermalt … Vielleicht war das hier auch gar keine Schlafbaracke für Teicharbeiter, ungeachtet der Ähnlichkeit. Mit unvermitteltem Grauen wurde es ihm klar: Er war Gefangener des Untergrundes! Sie hatten etwas auf der Erdoberfläche im Triada-Lager angerichtet und ihn geschnappt. Die Menschen in den übrigen Betten waren Rebellen, die im Zuge der Ereignisse verletzt worden waren. Vielleicht war auch er verletzt worden, aber man würde ihn, was ihm sicher erschien, bald verhören. Er kämpfte gegen die Halteriemen an, erreichte jedoch gar nichts. Polistechnik; sie hatten ihm einen Nervenblocker verabreicht, was wahrscheinlich auch der Grund dafür war, dass er nicht richtig sprechen konnte. Er vermochte gar nichts auszurichten.

»Ich kann Sie nicht komplett wiederherstellen.«

Sie war wieder zurück und stellte einen Stuhl neben sein Bett, und sie trug etwas unter dem Arm, was in weißes Tuch eingewickelt war. Diesen Gegenstand platzierte sie neben ihm auf dem Bett, während sie sich setzte. Dann holte sie einen weiteren Gegenstand aus der Tasche – einen kleinen Handspiegel – und legte ihn mit der Spiegelfläche nach unten ebenfalls aufs Bett.

»Sie erfahren gar nichts von mir«, erklärte er. »Sie haben mir vielleicht meine Gabe genommen, aber ich bin nach wie vor ein Mitglied der Bruderschaft.«

»In einer solchen kritischen Phase kann eine Schocktaktik manchmal das Erinnerungsvermögen wiederherstellen.« Sie nickte vor sich hin. »Ich bin jedoch kein Gedankentech und weiß es deshalb nicht mit Bestimmtheit – tatsächlich haben wir hier niemanden mit einer solchen Ausbildung; ich habe gerade nachgesehen.«

»Ich werde nichts verraten, nicht mal unter Elektrostimulation.« Dass er gar nichts zu verraten hatte, das war, was ihn am meisten ängstigte. Sie glaubten ihm womöglich nicht und folterten ihn einfach weiter.

»Ja, Sie von der Religionspolizei standen sehr auf Elektrostimulation.«

Wieherndes Klicken.

Sein Blick zuckte zur Insektenmaschine. War es das, was sie benutzen würden?

»Die körperliche Rekonstruktion ist bei Ihnen vom Hals bis zu den Knien gut verlaufen«, sagte sie. »Mithilfe von Zellschweißungstechnik, Karbonmuskelgerüsten und Kollagenschaum konnte ich den größten Teil Ihres Körpers in diesem Bereich neu aufbauen, obwohl Sie keine Spermien mehr produzieren können und die Muskulatur noch etwa einen Monat brauchen wird, um in die Gerüste hineinzuwachsen.«

Wovon in Smythes Namen redete sie da?

»Ich habe eine transparente Synthohaut darübergezogen, die allmählich Hautfarbe annehmen wird, während Ihre Hautzellen sich darin vermehren – sämtliches vorgefärbte Material hatten wir schon anderswo verbraucht.« Sie unterbrach sich kurz. »Dieselbe Haut habe ich an Ihrem rechten Arm benutzt, und auch die Fingernägel werden nachwachsen, aber den linken Arm konnte ich nicht rekonstruieren. Bis die Polis hier eintrifft und frisches Material bringt, müssen Sie sich mit einer Prothese begnügen.«

Allmählich wurde ihm klar, was hier geschah. Das war bereits das Verhör, obwohl er erst noch herausfinden musste, worauf die Frau mit ihrer Technik abzielte.

»Sie haben eine sehr komplizierte Art, Drohungen auszustoßen«, sagte er, um Gelassenheit bemüht. Aber körperlich erinnerte er sich an … etwas … eine Linie aus Agonie, die von seinen Knien aus emporstieg, während gelbe Augen zusahen und etwas Scharfes, etwas so ungemein Scharfes …

»Im Hinblick auf Ihr Gesicht konnte ich kaum etwas ausrichten.«

»Eine neue Verhörtechnik der Rebellen«, sagte er, und eine Kugel des Grauens wuchs in seiner Brust. »Wir sind so viel besser darin!«

Sie senkte den Kopf. »Ja, die Theokratie versteht sich sehr gut darauf, Schmerzen zuzufügen. Manche denken, dass es eine Schande war, ihr so schnell den Garaus zu bereiten. Andere möchten es denen von Ihnen, die überlebt haben, heimzahlen, weshalb Grant eine bewaffnete Wache vor diesem Haus aufgestellt hat.«

Grant?

Glaube ist tot, schwatzte eine Stimme in seinem Kopf.

Die Frau hob den Blick zu seinem Gesicht, und er sah sie zusammenzucken.

»Sie sagten eben, Sie bräuchten kein ›gottloses Polisgerät‹, das Ihnen zu sprechen hilft, und Sie fragten sich außerdem, warum Sie nicht blinzeln können. Hier sind die Fakten: Der Kapuzler, der offenbar unter dem Titel Der Techniker firmiert, fügte Ihnen Verletzungen zu, die Ihnen eigentlich das Leben hätten kosten müssen. Jedoch versiegelte er sehr sorgfältig die Blutgefäße, während er an Ihnen herumschnitt, und er hat Ihnen nicht die Atemmaske abgenommen, ehe er Ihr Gesicht erreichte, wo er den meisten Schaden anrichtete. Vielleicht ist das die übliche Art, wie Kapuzler vorgehen. Wir wissen es nicht. Sie sind noch das meiste, was wir jemals von einem ihrer menschlichen Opfer gefunden haben.«

»Der Techniker existiert nicht. Hierarch Chalden erklärte ihn zu einem Mythos, von jenen verbreitet, deren Glaube nicht stark genug ist. Wer dabei ertappt wird, wie er Gerüchte von der Existenz des Technikers verbreitet, muss der Bestrafung Nummer sechs unterzogen werden.«

Glaube ist tot.

Ein Laut drang aus dem Stimmgenerator. Offenkundig ein Defekt, denn es klang nach einem Kichern.

»Bestrafung Nummer sechs. Ja, dazu fesseln Ihre Leute jemanden nackt auf dem frischen Flötengras des Frühlings, sodass sich die Triebe gleichmäßig durch seinen Körper bohren.«

Jem spürte auf einmal Flötengras unter sich, trockenes altes Gras, das sich an seiner restlichen Haut wie Papier anfühlte. Es war jedoch nicht das Gras, das diese Geräusche in der Dunkelheit ringsherum erzeugte. Standen Sterne am Himmel? Nein, es waren gleichmäßige Reihen, gelb … Er rezitierte den Ersten Satagenten, genau wie er es damals getan hatte.

»Religiöses Geschwätz«, sagte sie. »Nachdem er Ihnen die Maske abgenommen hatte, schnitt er auch das Gesicht herunter. Er entfernte die weiche Materie Ihres Schädels bis hin zu den Mandeln. Warum er Ihnen ein Auge ließ, das bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist er eher ein Künstler als ein Techniker. Sie können nicht reden, weil Sie keine Lippen oder Zunge mehr haben, und Sie können nicht blinzeln, weil sie keine Augenlider mehr haben.«

Seine Rezitation stockte. Er hatte einen Albtraum, das war es. Die ganze Situation schien ihre eigene innere Logik zu haben, aber wenn man sie aus der Distanz betrachtete, wurden die Ungereimtheiten deutlich. Was war das da drüben? Etwas bewegte sich am Ende der Baracke, dort, wo dieser große Schatten lauerte …

»Er ging sogar noch weiter«, fuhr sie fort. »Ihr Schädel weist zahlreiche Löcher auf, zahlreiche Einschnitte, Blutungen, etwas, das wie Kaustik aussieht, und die Reste von Faserverbindungen, wie man sie mit einem Verstärker hat. Alle Gesichtsnerven wurden bis auf die Wirbelsäule zurückgestutzt. Diese Schäden übersteigen die Wiederherstellungstechnik, die mir hier zur Verfügung steht. Bis echter Polis-Sachverstand eintrifft, kann ich für Sie nur das hier tun.«

Sie zog das Tuch von dem Gegenstand auf dem Bett herunter und legte damit einen haarlosen Menschenschädel frei, der aus einem blanken weißen Material hergestellt worden war. Er wies ein Auge auf, gelb wie altes Glas, während das andere fehlte. Jem starrte auf dieses gelbe Auge und wandte dann den Blick ab, aber es schien ein Nachbild zu hinterlassen. Ein Klicken ertönte, und er blickte in bodenlosem Grauen wieder hin, nur um festzustellen, dass die Frau den Kopf wie eine Muschel aufgeklappt und dadurch das glänzende elektronische Innenleben freigelegt hatte.

»Er ist mit einer Sonderzustellung eingetroffen«, sagte sie, runzelte verwirrt die Stirn und fuhr fort: »Wie der Stimmgenerator erkennt er relevante Nervenaktivität und überträgt sie in Aktion. Mit seiner Hilfe können Sie reden und essen, und auch der Geruchssinn wird wieder funktionieren. Außerdem leitet er Blut in die darunterliegenden Knochen und verhindert so deren Absterben.«

Sie tippte auf einen Klumpen im offenen Schädel, drehte diesen um und öffnete den Mund, wodurch eine durchgängig weiße Zunge sichtbar wurde. Jem wurde klar, dass der Klumpen, auf den sie getippt hatte, die Auskleidung des Mundes gewesen war, von der Innenseite des Schädels aus betrachtet. Sie drehte den Kopf erneut, deutete auf das gelbe Auge und nahm die wurmähnliche Verbindung zur Hand, die an diesem hing.

»Der Kapuzler hat Ihnen den Sehnerv belassen, und obwohl er etwas Merkwürdiges damit angestellt hat, können wir trotzdem eine Verbindung herstellen, damit Sie wieder ein binokulares Sichtfeld erhalten.« Sie deutete jetzt auf sein Gesicht. »Er hat Ihnen die Trommelfelle gelassen, weshalb Sie mich hören, aber mit den Zusatzschaltungen dieser Prothese verbessert sich auch Ihr Hörvermögen.«

Sie klappte den Kopf zu, und da war wieder dieses gelbe Auge. Er versuchte das Nachbild von eben durch Blinzeln loszuwerden, brachte dies nicht zuwege und hatte jetzt erst zwei Nachbilder, dann drei. Die Dunkelheit hatte sich ausgebreitet und füllte inzwischen die halbe Baracke, und dieses insektenhafte medizinische Gerät schien viel größer als zuvor.

»Ich … glaube Ihnen nicht«, brachte er hervor.

Sie seufzte, nahm den Spiegel zur Hand und hielt ihm diesen vors Gesicht. Ein Schädel mit einem feucht glänzenden Auge in einer der Augenhöhlen grinste ihm entgegen. Dann fand er sich blind in Dunkelheit wieder, und das medizinische Gerät ragte über ihm auf. Gelbe Nachbilder vermehrten sich weiterhin und bildeten zwei Reihen gelber Augen. Der Stimmgenerator schrie, ein wunder entsetzlicher Laut. Jem begann, irgendwohin zu stürzen, und euklidische Formen blitzten rings um ihn auf und umwirbelten ihn wie Schneeflocken.

»Okay, das ist nicht besonders gut gelaufen«, sagte jemand.

Aber Jem war fort.

»Gut, sie sind hier«, sagte Sanders. »Das ist der abschließende Nagel für den Sarg der Theokratie – sie ist am Ende.«

In Jem blitzte frustrierter Zorn angesichts dieser Gewissheit auf. Wie war nur möglich, dass Sanders eines nicht verstand: Die Polis hatte als politische Einheit, die von gottlosen Maschinen geleitet wurde, keine Zukunft. Sie war eine Konstruktion, errichtet auf einem Trikonus-Schlammabfluss, und das einzig Ungewisse an ihrem Sturz war der Zeitpunkt. Und die Theokratie? Unter direkter Anleitung Gottes hatte Zelda Smythe den alten Religionen der Erde das Beste entnommen und das Buch der Satagenten verfasst: die Grundlage der wahren und endgültigen Religion bis zum Ende aller Tage. Somit war die Theokratie für die Ewigkeit bestimmt.

»Und wir haben Anweisungen zu Ihnen erhalten«, setzte sie hinzu und wandte sich von ihrem neuen Begleiter ab und ihm zu. »Sie finden Ruhe und Erholung auf einer sonnigen Insel.«

Er hatte den Aerofan draußen gehört, das Jaulen eines Geländewagenmotors und später das Tosen eines großen Transporters, der zur Landung ansetzte. Daraus folgerte er, dass er irgendwo auf der Oberfläche Masadas sein musste. Einen Augenblick lang hegte er die Hoffnung, dass Truppen der Theokratie zu seiner Rettung kamen, aber die mangelnde Reaktion der übrigen Mitarbeiter hier zeigte ihm, dass das vermutlich nicht der Fall war. Dann war da ein Soldat bei Sanders – ein Mann, den Jem zu kennen glaubte.

»Und wie geht es ihm?«, fragte der Soldat.

»Er wird überleben«, antwortete Sanders.

Der Soldat deutete auf Jems Gesicht. »Das ist also die Prothese? Wirkt nach Polismaßstäben ein wenig primitiv.«

»Könnte man meinen«, sagte Sanders, »aber wenn du wüsstest, welche Schäden darunter vorliegen, würdest du anders denken. Die einzige Möglichkeit zu einer völligen Wiederherstellung wäre kontrolliertes Neuwachstum unter KI-Aufsicht.«

»Was nicht passieren wird, solange die KIs da oben bleiben.« Der Soldat stach mit dem Finger Richtung Decke und musterte dann Sanders konzentriert. Jem erlebte eine merkwürdige Reaktion, als er sah, dass eine Verbindung zwischen den beiden zu bestehen schien. Er, Jem, sollte für Sanders im Mittelpunkt stehen, nicht dieser unwichtige Infanterist!

Der Soldat fuhr fort: »Ich habe gehört, dass sie ein Runcible auf Flint installieren werden, aber nicht hier unten. Wir erhalten nur Versorgungslieferungen und Kommunikation mit beschissener Bandbreite, bis sie den Schlamassel da draußen aufgeräumt haben.« Er deutete erneut zur Decke.

»Glaube, Hoffnung und Barmherzigkeit?«, fragte Sanders.

»Glaube ist komplett ausgebrannt, und in den beiden anderen und dem Rest der Satelliten und Stationen ist drei Vierteln ihrer Bevölkerung das Hirn durchgeschmort.«

Glaube ist tot.

»Sie können mich nicht brechen«, erklärte Jem und drehte das Gesicht des neuen weißen Metallkopfes von ihnen weg. Er gedachte sie zu ignorieren – genau das. Er fand, dass sie einen Fehler gemacht hatten, als sie ihm das Gesicht wegschnitten, denn jetzt konnte er nichts mehr durch seine Miene verraten.

Nachdem sie diese einschließende Metallhülle über seinen Schädel gestülpt hatten, benötigte er eine lange Zeit der Innenschau, um daraus schlau zu werden, was genau hier ablief. All das drehte sich um Glauben, aber nicht um die Zerstörung der Zylinderwelt dieses Namens. In der Fiktion, die sie für ihn erzeugt hatten, existierte die Theokratie nicht mehr, war der Untergrund siegreich und dräute jetzt die Polis in ihrer ganzen angeblichen Herrlichkeit über ihnen.

»Mein Glaube ist unzerstörbar«, brummte Jem, mehr für sich selbst als für sie.

Das war die Crux bei alldem. Der Untergrund hatte gewusst: Solange der Glaube der Bruderschaft stark blieb, konnten weder die Rebellen noch ihre verdammte Polis den Sieg davontragen. Also versuchten sie jetzt, Möglichkeiten zu finden und den Glauben zu zerstören. Er gehörte zu den Testpersonen, und sie wollten seinen Glauben an Gott zerstören, wollten, dass er auf die Lehren Zelda Smythes spuckte. Auf eine Art hatte er Mitleid mit ihnen, denn sein schlussendliches Martyrium würde das Ende ihrer Selbsttäuschung bedeuten.

»Er ist verrückt«, sagte der Soldat.

»Er glaubt nichts davon«, sagte Sanders. »Als er zum ersten Mal wach wurde, erinnerte er sich noch an das meiste, aber das Trauma dieser Erinnerungen hat den Verstand zum Rückzug gezwungen. Als er zum zweiten Mal erwachte, entschied er, er wäre ein Gefangener des Untergrunds und würde einer neuen Verhörtechnik ausgesetzt. Und jetzt denkt er, wir wollten seinen Glauben an Gott und seine Prophetin Zelda Smythe zerstören. Er weiß nichts mehr von dem, was sich zwischen seiner Inspektionstour der Sprawnkanäle vor zwei Monaten und seinem Aufenthalt hier zugetragen hat.«

»Er erinnert sich nicht an mich?«, fragte der Soldat.

»Nein. Die Erinnerungen kehren entweder irgendwann von selbst zurück, oder er benötigt eine tiefe Gedankentech-Behandlung, vermutlich unter KI-Aufsicht, ganz wie bei der körperlichen Wiederherstellung.«

»Hier können wir nichts unternehmen?«

»Unter anderen Umständen hätte ich das bejaht«, sagte Sanders, »aber der Techniker hat nicht einfach seinen Schädel geflenst – er hat noch weitere Sachen tiefer im Körper angestellt, physische Veränderungen, und er hat dort auch Dinge zurückgelassen.«

Da: Erneut schrieben sie seine Verfassung einer mythischen nichtexistenten Kreatur zu und übten so noch mehr Druck auf seinen Glauben aus. Falls sie ihm irgendwie bewiesen, dass dieser mythische Kapuzler ihn verstümmelt hatte, dann musste er notgedrungen an dessen Existenz glauben, was dann wiederum einen seiner Glaubenssätze untergrub.

Jem wandte den Kopf und starrte den Soldaten an. »Warum sollte ich mich an Sie erinnern?«

Es war jedoch Sanders, die Antwort gab: »Sie sollten sich an Colonel Grant erinnern, weil er es war, der sah, was der Techniker mit Ihnen anstellte, und weil er es war, der Sie zu einer Geländeambulanz trug. Er ist der Grund dafür, dass Sie noch leben.«

Jem wandte sich ab und ignorierte sie aufs Neue.

Der Hauptkontinent von Masada hatte die Form des Rahsegels einer antiken Galeone, an einer der oberen Ecken zerknittert, wo das Nordgebirge aufragte. Weitere große Landmassen sprenkelten den Planeten, darunter der Subkontinent – eine nahezu kreisförmige Landmasse von über tausend Kilometern Durchmesser im Osten – und noch andere, von deren Namen und Lage Jem nur vage Vorstellungen hatte. Er hatte allerdings von der Kette der Sorgeninseln gehört, denn auf eine dieser Inseln, die Häretikerinsel, verfrachtete die Theokratie jene Gefangenen aus dem Untergrund zu langen Verhören und Internierungen, die nicht in den Dampfkesseln der Zylinderwelt Glaube endeten.

Wie gedachten sie das in die Fiktion einzubauen, die sie für ihn aufgebaut hatten? Zweifellos kam dabei eine Droge zum Einsatz, und wenn er schließlich wieder zu Bewusstsein kam, würde er sich in einem anderen Zimmer wiederfinden und man würde ihm dort erzählen, er befände sich jetzt in dem »Krankenhaus« auf der Häretikerinsel, die jetzt den Rebellen gehörte, nachdem sie sie im Zuge ihres offenkundig siegreichen Krieges gegen die Theokratie erobert hatten. Während Sanders jetzt auf ihn zukam, wartete er gespannt auf ihre Erklärung für die Droge, die sie ihm verabreichen wollte, welche immer das auch war.

»Sie sind erkennbar nicht ganz geheilt«, sagte sie und starrte auf ihn herab, »sodass Sie ein gewisses Unwohlsein empfinden werden und sich der eigene Körper für Sie recht fremd anfühlt. Auch müssen Sie wissen, dass die Neubildung der Muskulatur an der Vorderseite des Rumpfs und den Oberschenkeln noch nicht sehr weit fortgeschritten ist und Sie sich deshalb sehr schwach fühlen werden.«

Aha, also eine Art Schmerzmittel – ein Anästhetikum, um seine Verbindung zur Realität zu dämpfen.

Sie griff mit einer Hand an die Stelle zwischen Kopfkissen und Hals, und etwas löste sich dort mit einem grausigen Knirschen. Empfindungsfähigkeit meldete sich zurück, strömte in den Körper hinein wie eine Flüssigkeit, die ein menschenförmiges Gefäß füllte. Schienbeine und Füße waren kalt, alles darüber hingegen bis zum Hals übertrieben heiß und dabei bar jeder anderen Empfindung, während ihm der Kopf nur als nervenfreier Klotz vorkam, der auf dem Hals saß. Er neigte diesen Klotz vor, aber nicht zu stark, denn er fürchtete fast, dass er herunterfallen könnte, wenn er ihn zu stark aus der Senkrechten kippte. Er lag nackt im Bett – keinerlei Decke schützte seine Würde. Zwischen Knien und Brust bedeckte die gleiche durchscheinende Beschichtung den Körper, die er schon bei anderen Patienten hier gesehen hatte, und er konnte sehen, wie sich die nassen Muskeln darunter bewegten, alle umwickelt von haarfeinen Netzen, dem blutigen Gewürm der Kapillaren, die sogar in die Hautschicht eindrangen, wo sich die ersten Stellen allmählich durch neu wachsende Hautzellen trübten.

Was sie ihm über seine Verletzungen berichtet hatten, das stimmte ganz und gar, aber deshalb stimmte noch lange nicht, dass irgendein mythisches Wesen ihm die Verletzungen zugefügt hatte. Vielleicht war er während einer terroristischen Gräueltat verwundet worden, als sie ihn entführten, oder vielleicht hatten sie ihm das alles selbst angetan. Jetzt hob er die Hände und nahm sowohl diese als auch die Arme in Augenschein.

Der rechte Arm wies den gleichen Überzug auf wie der Rumpf, obwohl inzwischen eingetrübt, und er entdeckte kleine Borsten darauf und kleine Fingernägelmonde an den Fingern. Der linke Arm wirkte bis in die Einzelheiten perfekt, bis hin zu vollständigen Fingernägeln, den runzligen Knöcheln und der Hautbeschaffenheit, aber das Ding war komplett weiß wie die Schale, die seinen Kopf bedeckte. Er tastete mit der rechten Hand nach dem linken Arm, hatte aber kaum eine Empfindung in den Fingerspitzen; die Armprothese spürte jedoch den Griff dieser Fingerspitzen und wies damit beträchtlich mehr Tastgefühl auf als der noch echte rechte Arm.

»Das Tastempfinden verbessert sich zunehmend, während wieder Nerven in die Hautschicht hineinwachsen«, erklärte Sanders. »Sobald Ihre Haut die Synthohaut komplett ersetzt hat, funktioniert das wieder normal … na ja, beinahe.«

Er fasste sich ans Gesicht, und das Gefühl war sehr seltsam. Er spürte tatsächlich die Fingerspitzen auf der Wange, aber auf eine entkoppelte Art und Weise, als würde die Berührung durch ein Baumwolltuch gedämpft. Während er die Schale über dem Schädel abtastete, öffnete Sanders ein Paket und brachte damit einen schlichten weißen Pyjama und Hausschuhe zum Vorschein.

»Sie müssten sich selbst anziehen können«, sagte sie. »Oder möchten Sie, dass ich Ihnen helfe?«

»Ich werde versuchen, es selbst zu tun«, sagte er kalt. Er hatte das Gefühl, dass es an der Zeit war, ihre Vertrautheit mit seinem Körper zurückzufahren.

Es fiel ihm schwer, sich vorzubeugen. Die Bauchmuskeln fühlten sich an wie Gelee und schienen gerade noch kräftig genug, um alles dahinter festzuhalten, als könnte der Hauch einer falschen Bewegung gleich zu einem Bruch führen. Beim Zusammenziehen der Oberschenkelmuskeln hatte er das Gefühl, dass sie nicht richtig befestigt waren.

»Wo sind die übrigen Patienten?«, erkundigte er sich. »Wurden sie auf die Häretikerinsel gebracht?« Er konnte ruhig mal in ihrer Fantasiekonstruktion mitspielen und sehen, wohin ihn das führte.

»Die meisten sind wieder bei ihren Familien oder Freunden oder machen ihre Reha im städtischen Krankenhaus«, antwortete sie. »Nur spezielle Patienten werden zur Insel gebracht – hochrangige Angehörige der Theokratie.«

»Gefangene.«

Als er die Pyjamajacke endlich angezogen hatte, betrachtete er verwirrt deren Front und suchte nach den Knöpfen. Sanders half ihm, indem sie die beiden Hälften zusammendrückte, worauf diese eine Bindung herstellten. Als Sanders zurückwich, blickte er auf seine Genitalien hinab. Sie waren durchsichtig: Röhren, Adern und Hoden deutlich sichtbar. Er musste sofort die Hose anziehen. Er versuchte, die Beine anzuziehen. Zunächst reagierten sie nicht, aber wenig später konnte er die Knie beugen und bekam die Füße in Griffweite. Er zog die Hosenbeine darüber und über die Knie bis zu den Oberschenkeln; dann musste er abbrechen, denn er atmete schwer.

»Mir ist zu heiß.«

»Ihre Prothese verfügt nicht über Schweißdrüsen, aber der Rest Ihres Körpers müsste das kompensieren«, sagte sie. »Geben Sie ihm eine Chance – je mehr Sie sich bewegen, desto schneller adaptieren sich die synthetischen Teile und desto rascher verläuft die Heilung.«

Endlich konnte er die Beine aus dem Bett schwenken, die Füße in die Hausschuhe stecken und, während er sich mit dem künstlichen Arm festhielt, die Hose hochziehen, obwohl Sanders dann dabei half, die Haftnähte zu schließen.

»Sind Sie so weit, mal einen Versuch zu wagen und umherzugehen?«, fragte Sanders. »Der Transporter steht bereit.«

Er stieß sich vom Bett ab, und ihm war schlecht und schwindelig, sodass er keine Einwände erhob, als Sanders herbeitrat und ihn stützte. Ganz langsam näherten sie sich der Luftschleuse. Ob er jetzt wohl bequemerweise ohnmächtig wurde und nicht zu sehen brauchte, was draußen lag? Als sie vor der Luftschleuse stehen blieben, half ihm Sanders, das Gleichgewicht zu halten, bis er einen Ständer mit einem Arsenal unterschiedlicher Werkzeuge für Teicharbeiter packen konnte – Netze, Stachelstöcke und Teleskopgreifer. Dann ging sie zur anderen Seite der Schleusenluke, nahm eine Atemmaske von einem weiteren Ständer und legte sie an.

»Was ist mit mir?«, fragte er, als ihm auffiel, dass sie keine Atemmaske für ihn zur Hand genommen hatte.

»Sie brauchen keine – Ihre Prothese enthält einen superdichten Sauerstoffvorrat, der sie fortwährend auf dem höchsten Pegel hält«, erklärte sie ihm. »Draußen halten Sie zehn Tage durch, ehe dieser Vorrat erschöpft ist. Sie tragen also Ihren eigenen mechanischen Skole.«

Zweifellos erlitt, sobald sie draußen waren, diese Prothese eine Störung, und er wachte dann entweder innerhalb eines Transporters ohne Sicht nach draußen auf oder im Gefängniskrankenhaus auf der Häretikerinsel.

Sie betraten gemeinsam die Luftschleuse, wo er sich schwer auf Sanders stützte, und während der Luftaustausch lief, erfüllte es ihn auf einmal mit Grauen, sich in dieser Lage vorzufinden. Noch nie im Leben hatte er sich ohne Atemmaske auf dem Gesicht in einer Luftschleuse aufgehalten, und eine Gefühlslage tiefer schmerzte ihn die Würdelosigkeit dieser Situation. Die einzigen Menschen, die ohne Atemmasken Luftschleusen durchquerten, waren Teicharbeiter, die Unterschicht, an deren Körpern die großen blattlausähnlichen Skole hingen, um das Blut mit Sauerstoff anzureichern. Er versuchte, dieses Grauen zu leugnen, denn dies alles war vorgetäuscht, inszeniert …

Sanders öffnete die Außenluke, und sie traten ins Freie. Das Lager war sumpfig, und Gehwege aus geschäumtem Plastik waren angelegt worden, damit man sich hier bewegen konnte. Einer davon führte zu einem Truppentransporter der Theokratie. Jem blickte sich völlig verwirrt um und versuchte, diesen Eindrücken einen Sinn abzugewinnen. Rechts von ihm erblickte er die ausgebrannten Ruinen von Aufseherhütten, und direkt dahinter ragte eine dreistöckige Proktorenstation im schiefen Winkel auf, nachdem das Fundament aus dem Erdboden gerissen worden war. Die Umzäunung lag am Boden, und nicht besser ging es den nächsten Wachtürmen, die er sah. Dahinter breitete sich das Schachbrett der Teiche bis in die Ferne aus, jedoch durchsetzt von Kratern und übersät mit den Wracks gepanzerter Fahrzeuge. In größerer Ferne stiegen Rauchsäulen zum Himmel, und dort am Horizont sah er eine große stelzenbeinige Heroyne von Teich zu Teich staksen, und der lange Schnabel zuckte gelegentlich herab, um etwas aufzuspießen.

»Eine Heroyne bewegt sich innerhalb des Perimeters«, sagte er hölzern, denn er hatte das Gefühl, dass er sich nur an diese eine Tatsache zu klammern brauchte, diese Störung der Ernteteichsicherheit, damit einen Augenblick später auch alles andere Sinn ergab.

»Das ist nicht alles«, wandte Sanders ein. »Sehen Sie mal dort hinüber.«

Widerstrebend folgte er ihrem Fingerzeig. Zwei Aerofans waren auf der Uferböschung eines Teichs links von dem Truppentransporter gelandet. Menschen in Uniformen von der Farbe neuen Flötengrases hatten sich dort um eine auf einem Dreifuß montierte Schienenkanone versammelt und zielten damit auf eine gewaltige Kreatur, die in einem der Teiche hockte.

Die Schnatterente schien Jem direkt anzustarren, und die Tiara ihrer grünen Augen strahlte einen unnatürlichen Glanz aus. Sie hob den Schnabel von der Brust, öffnete einen ihrer dimorphen Arme und breitete eine Klaue aus. Sie schien auf die Verwüstung ringsherum zu deuten: Bitte schön, hier ist es, wie kannst du das abstreiten? Jem riss sich von ihrem Anblick los, und diese Augen blieben ihm als Nachbild erhalten, während ihre Farbe das Spektrum durchlief und schließlich jene Farbe annahm, die er fürchtete. Sein Blick blieb an einem von Kugeln durchsiebten Schild hängen, das halb im Schlamm vergraben lag. Triada-Lager.

Jems Beine gaben nach, und er fiel vom Gehweg in den Schlamm, wo er sich mit den Fingern voranzuarbeiten bemühte, zu fliehen versuchte. Nirgendwo bot sich ihm jedoch eine Zuflucht. Etwas versperrte ihm jeden Horizont, versuchte ihn in die Dunkelheit zu zerren, und aus dem Himmel entfalteten sich Sensen rings um diese beiden Reihen gelber Augen. Etwas schloss sich um seine Schläfen, und er hörte mit knapper Not ein schrilles Heulen durch die eigenen Schreie dringen.

KAPITEL ZWEI

Der Rollstuhl

Diesen Anachronismus kann man nach wie vor in Museen betrachten, jedoch nur den Museen der Erde, denn er war schon keine Option mehr, ehe Menschen einen Fuß auf den Mars setzten. Im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert erließen viele Gesellschaften Vorschriften und Bestimmungen, um Gebäude für Rollstuhlfahrer leichter zugänglich zu machen, aber man kann erkennen, dass die dafür aufgewendeten riesigen Summen besser in etwas investiert worden wären, das bereits denkbar geworden war. Die Robotik hielt schon zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts den Ersatz bereit, nämlich computergesteuerte motorisierte Exoskelette, aber wie bei so vielen Techniken jener Zeit lautete die Frage, wie die Energieversorgung realistisch zu gewährleisten war. Die spätere Entwicklung des Doppelschichtkondensators und der Nanoröhrenbatterie beseitigte dieses Problem rasch, und innerhalb von zehn Jahren waren sämtliche Rollstuhlhersteller aus dem Geschäft. Ein japanisches Kybernetikunternehmen, das später von Cybercorp übernommen wurde, verkaufte als Erstes seine Motorleg- und Fullbot-Exoskelette für Querschnittsgelähmte bzw. Tetraplegie-Patienten.

aus dem Quittenhandbuch, zusammengestellt von diversen Menschen

Wildnis von Masada (Solstan 2438 – Nachspiel der Rebellion)

Der Aerofan zog rasch seine Bahn über das Flötengras und wirbelte dabei einen vielfarbigen Sturm aus Blütenblättern empor, und Grant wurde klar, dass die Blütezeit bald vorüber sein würde, während das Gras die restlichen Blütenblätter abwarf und dabei Samenknollen ausbildete. Der Fan war eine Proktorenmaschine: ein einzelnes großes Gebläse unter dem kanzelähnlichen Aufbau, alles kreiselstabilisiert und aus leichten Blasenmetallen hergestellt. Eine Schienenkanone war mit Bolzen an der Reling befestigt, und eine einzelne Lenksäule ragte wie ein Rednerpult vor dem stehenden Fahrer auf. Diesmal war die Fahrerin jedoch kein Proktor, denn in der patriarchalischen Theokratie erlangten nur wenige Frauen überhaupt irgendeinen Rang. Grant spürte, wie sich etwas in ihm verspannte, als er das lange blonde Haar um ihr Gesicht flattern sah, während sie den Aerofan auf die Lichtung hinablenkte, wo er seinen Geländewagen geparkt hatte. Als er sich dann ihr Fahrzeug genauer ansah, erlebte er ein kurzes Aufflackern von Groll. Wie es schien, hatte Jerval Sanders ihre Entscheidung getroffen – obwohl sie direkt vom Zentralkommando in Zealos kam, verrieten Codenummer und Bauweise des Aerofan, dass er von den südlichen Inseln stammte. Da das Zentralkommando befohlen hatte, diese Fahrzeuge möglichst in den zugewiesenen Gebieten einzusetzen, stand vermutlich zu erwarten, dass dieses Fahrzeug dorthin zurückgebracht werden würde.

Der Aerofan sank hinab und jagte einen Sturm von Fragmenten trockenen alten Flötengrases ringsherum hoch, das in die Wurzelstockschicht hineingetrampelt worden war. Als die Maschine schließlich am Boden ruhte und das Triebwerk allmählich auslief, stiegen auch noch Schlammspritzer auf. Die Wurzelstockschicht wurde hier durch den Verkehr vieler Füße und Fahrzeuge langsam instabil. Man sah sogar Trikonusse oberhalb des Erdbodens – die drei Kegel wie bei einer Panflöte verknüpft, und es bestand eine Ähnlichkeit zu der hier ebenfalls herumliegenden Munition. Bald würde man die hiesige Gegend in Ruhe lassen müssen, damit sie sich erholte, und bis dahin waren hier auch keine Daten mehr zu sammeln.

Sanders öffnete das Tor in der Reling und stieg aus. Sie trug einen Kampfanzug in den Frühlingsfarben Grün und Purpur, schwere Stiefel und ein ärmelloses Isoliertop. Ihr Gesicht war deutlich zu sehen, und Grant wusste, dass sie jetzt eines dieser Polisatemgeräte tragen musste, das Sauerstoff unter einem fast unsichtbaren Schimmerfeld ums Gesicht herum verteilt hielt – eine der am häufigsten anzutreffenden Vergünstigungen durch die Versorgungsflüge der Polis; er plante selbst, sich alsbald so eines zu besorgen.

»Grant«, sagte sie, während sie auf ihn zukam. Sie sah traurig und ernst zugleich aus.

Er wartete mit einer Reaktion, bis sie vor ihm stand. Er deutete mit dem Kopf auf den Aerofan. »Von der Häretikerinsel?«

Sie nickte mit ernster Miene.

»Also nimmst du diesen Job im Sanatorium an?«

»Ja«, antwortete sie und fuhr dann eilig fort: »Das heißt aber nicht, dass unsere Beziehung enden muss.«

Ihre Liebesaffäre war gut, aber kurz gewesen, während die Rebellen allmählich akzeptierten, dass sie gesiegt hatten, und sie war für ihn ein etwas anderes Erlebnis, da er früher nur mit amazonenhaften Rebellinnen – Soldaten wie er selbst – Beziehungen gepflegt hatte. Jetzt kam jedoch das Nachspiel. Grant erwartete nicht, sich jeweils lange am selben Ort aufzuhalten, da ihre faktische Anführerin Lellan Stanton ihn mal hierhin, mal dorthin schickte, während Sanders südlich des Kontinents auf dieser abgelegenen Insel arbeiten würde. Und im Grunde erwartete er auch nicht, dass jemand wie Sanders jemanden wie ihn lange tolerierte.

»Nein, ich schätze, das heißt es nicht«, log er. Verdammt, sogar ihre jetzige Begegnung hatte halb offiziellen Charakter. Sanders musste die ganze Geschichte ihres wichtigsten Patienten im Sanatorium erfahren, und sie wollte sie von ihm hören. Die Tatsache, dass er ihr es nicht schon erzählt hatte und sie ihn noch nicht danach gefragt hatte, gab vielleicht einen Hinweis darauf, dass keiner von ihnen die Beziehung ernst genommen hatte. Liebe zwischen Ruinen, getragen von Verlangen und Feierstimmung, das war alles. Er fühlte sich auf einmal unwohl und suchte nach den richtigen Worten.

»Wie ich gehört habe, wollte Lellan Stanton dich dort haben?«

»Ja«, antwortete sie mit einer Grimasse. »Die Militärgouverneurin von Masada hat mir diese Position persönlich übertragen. Ich sagte ihr, dass ich nicht sicher wäre, sie haben zu wollen. Sie sagte mir, sie wollte ihren eigenen Job auch nicht, aber wir hätten nun einmal keine Wahl.«

»Yeah, ich weiß … Mir ist zu Ohren gekommen, dass wir in naher Zukunft nicht mit einem KI-Gouverneur rechnen können.«

»Die Quarantäne hat weiter Bestand«, stellte sie fest. »Wir erhalten weiter Lieferungen aus der Polis, aber dabei bleibt es, bis sie es für ungefährlich halten, hier zu landen.«

Er nickte, wusste nicht recht, was er jetzt sagen sollte.

»Sehen wir uns die Stelle mal an, ja?«, schlug sie vor.

Er deutete auf eine Stelle seitlich seines Geländewagens und ging voraus, wobei er zu einem Stück verkohlten Erdbodens hinüberblickte. Hier hatten vier Leichen aufgestapelt gelegen – vier Proktoren, die er mit dem Schienengewehr niedergemacht hatte, ehe er Jeremiah Tombs nachsetzte. Man hatte sie erst kürzlich geborgen und den Boden unter ihnen sterilisiert. Selbst nach vielen Monaten waren die Leichen noch intakt gewesen – förderte die Umwelt doch die Zersetzung menschlicher Leichen nicht gerade. Auch Sanders warf einen Blick dorthin.

»Sie sind in einem Gefrierraum«, erklärte sie. »Alle, die Skellor berührt hat, werden so eingesammelt.«

»Du warst drüben in der Zentrale«, sagte er. »Wozu die Quarantäne?«

Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Es ist kompliziert.«

»Ich habe das eine oder andere gehört, aber nicht alles«, sagte er. »Man gibt sich ein wenig wortkarg.«

»Du weißt, dass der Vorgänger unseres Hierarchen zu glauben schien, der unausweichliche …« Das Wort ging ihr mit bitterem Sarkasmus über die Lippen. »… Sturz der Polis wäre lange überfällig, und er beschloss, den Vorgang zu beschleunigen. Er tat sich dazu mit einem außerirdischen Sendboten namens Drache zusammen …« Sie warf ihm einen Blick zu. »… der der Bruderschaft hier als Behemoth bekannt war.«

»Das Ding, das den Stützpunkt auf Flint einebnete und die Laserstellungen zerstörte, yeah, das habe ich verstanden.«

»Ja. Drache überreichte Amoloran die Gabe … diese Dracocorp-Verstärker, aber außerdem ein metallzerstörendes Myzelium, das Drache zuvor schon gegen eine Runcible-Einrichtung der Polis eingesetzt hatte. Amoloran richtete dieses Myzelium gegen eine Polis-Outlinkstation, und man gab Drache die Schuld daran. Im Versuch, sich dafür zu rächen, griff er ein Schiff der Theokratie an, wurde jedoch durch die Triebwerksflamme verletzt und kam dann hierher, um es ihnen heimzuzahlen.«

»Aber warum hat er sich selbst zum Absturz gebracht?«

»Selbstmord und Wiedergeburt: Er brachte sich um und verwandelte im Übrigen den größten Teil der eigenen Substanz in eine außerirdische Rasse hier auf Masada.« Sie zuckte die Achseln. »Interessante Zeiten.«

»Ist das der Grund für die Quarantäne?«

»Seltsamerweise nicht.« Grant sah, wie ein Ausdruck der Erheiterung kurz bei ihr aufleuchtete. »Wie es scheint, war das Debakel, in dem wir steckten, zu dem Zeitpunkt noch nicht schlimm genug – das hat Skellor bewirkt, der Typ an Bord jenes Polisschlachtschiffs. Drache und einige Polisbürger, die dieser mitbrachte, wurden von Skellor verfolgt – denn er hatte etwas in die Finger bekommen, was man Dschainatechnik nennt, und konnte mit dessen Hilfe das Schlachtschiff übernehmen. Scheint, dass diese Technik auf eine seit fünf Millionen Jahren ausgestorbene außerirdische Lebensform zurückgeht. Das ist sehr gefährliches Zeug, und vor seiner Abreise und seinem schlussendlichen Ableben ließ Skellor es überall auf unserem Planeten verstreut zurück. Das ist der Grund für die Quarantäne.«

Sie brauchten eine Viertelstunde, um die Stelle zu erreichen, wo der Kapuzler Tombs auseinandergenommen, aber lebend zurückgelassen hatte. Alle verbliebenen Fetzen dieses Mannes waren eingesammelt und in Probenfläschchen verstaut worden, aber Blutflecken waren nach wie vor im flach gedrückten Gras zu sehen und hatten sich durch den Sauerstoffmangel der Luft blauschwarz verfärbt. Es wimmelte hier auch von Pfennigmuscheln, die aufgrund der euklidischen Formen und Muster auf ihren Schalen den Eindruck erweckten, dass hier uralte Elektronikteile verstreut worden waren. Sanders hockte sich hin und starrte auf das Blut.

»Da ist nicht viel zu sehen«, meinte Grant.

»Wo hast du gestanden?«

Er deutete ins noch stehende Flötengras seitlich der Stelle. Die langen Halme waren durch die Seitentriebe zu einer fast undurchdringlichen Masse verflochten worden; später würden die Seitentriebe abfallen und Löcher in den hohlen Halmen zurücklassen. Aus diesen Löchern drang im weiteren Jahresverlauf eindringliche Musik, wann immer Wind wehte, und man hatte die Pflanze danach auch benannt.

Sanders drehte sich um und sah ihn an. »Du hast also alles gesehen?«

»Ja.«

»Du bist dir in allen Punkten sicher?«

Grant nickte und schilderte erneut den Ablauf der Ereignisse. Tombs war schreiend dahingerannt und hatte an seinem Verstärker gezerrt, hatte sich gegen das gewehrt, was immer seinen Verstand zu kapern versuchte. Die übrigen vier Proktoren wurden innerhalb eines Augenblicks übernommen. Grant hatte gezögert, als er sie in der Zielerfassung hatte, denn er wusste überhaupt nicht, was hier geschah. Sie stolperten herum wie Leute, die gerade Nervengas eingeatmet hatten, und zwei von ihnen stürzten. Dann wurden die beiden reglos, die noch auf den Beinen standen, und die beiden Gestürzten standen wieder auf. Ihre Gesichter wirkten idiotisch. Einer schien einen Schlaganfall erlitten zu haben, denn eine Gesichtshälfte hing durch. Trotzdem bückten sich alle, um die Waffen aufzuheben, die sie fallen gelassen hatten. In diesem Augenblick eröffnete Grant das Feuer. Die Schienengewehrkugeln durchschlugen ihre Körper, sodass sie wie ein blutiges Ballett herumruckten, bis sie schließlich stürzten. Dann setzte er Tombs nach.

Grant deutete auf eine Halbinsel aus Flötengras, die sie gerade umgingen.

»Ich bin an dieser Seite herumgelaufen, habe Tombs’ Spur verfolgt, bis ich beinahe über das Mistvieh stolperte, ehe ich verstand, was ich da sah. Den Techniker, hier.« Er deutete seitwärts auf niedergetrampeltes Flötengras. »Ich dachte, das wäre es für mich – ich würde sterben.«

Der Anblick brachte ihn ruckartig zum Stehen. Der Techniker war einer der größten Kapuzler und maß vom Kopf bis zum Schwanz über hundert Meter. Er hatte hier eingerollt gelegen wie das Rückgrat eines schon lange toten Riesen, nur dass seine Beine zwischen den Wirbeln hervor in die Wurzelstockschicht hinabstießen. Auf diesem Rückgrat saß ein gepanzerter löffelförmiger Kopf und hielt gerade etwas am Boden fest, etwas, das in nackter Qual brüllte. Dann stieg der Kopf empor, bis zu zehn Meter hoch und klar vom Licht umrahmt. An der Unterseite erblickte Grant die Nahbereichsaugen – zwei Reihen davon, die in einem seltsamen inneren Licht von seltsam gelber Färbung leuchteten. Und überall rings um diese Augen herrschte das glasige Klicken und Wiehern der Fresssensen und -bohrer. Zu dem Zeitpunkt hielt Grant sich den Lauf des eigenen Schienengewehrs unters Kinn und wich allmählich zurück.

»Bist du sicher, dass es der Techniker war?«

»Sind das die Fragen, die man dich angewiesen hat zu stellen?«, knirschte er.

»Das sind sie – wir müssen sichergehen.«

»Ich bin sicher – es sei denn, du kennst sonst noch Albinokapuzler, die sich hier draußen herumtreiben?«

»Okay.«

Niemand kam einem Kapuzler so nahe und überlebte, und dieses Ding, das sich vor dem Kapuzler auf dem Boden wand und einst ein menschliches Wesen war, sah nicht danach aus, als bliebe es noch lange am Leben. Grant hatte das Gefühl, dass sich das Thema erledigt hatte, sobald der Kapuzler mit dem Löffelkopf auf dieses Ding einschlug, und er plante, sich zu diesem Zeitpunkt selbst das Hirn wegzupusten – denn er wollte auf keinen Fall zum Gegenstand des langwierigen und qualvollen Fressverfahrens der Kreatur werden. Der Techniker betrachtete ihn jedoch nur für eine Zeitspanne, die sich der Ewigkeit anzunähern schien, ehe er den Kopf neigte und Tombs aufs Neue zudeckte. Grant hätte zu diesem Zeitpunkt fliehen sollen, aber da er schon so lange Soldat war, hatte er seine Rolle als angehende Leiche akzeptiert – jener Wesenszug eines Soldaten, der es ihm ermöglichte, inmitten von fleischzerfetzendem Metall zu funktionieren. Er hatte einen Überlebensinstinkt, aber dessen Griff um ihn war abgeschwächt, und eine grauenhafte Faszination bannte ihn jetzt an Ort und Stelle.

»Wir wissen, dass es nur Tiere sind«, sagte Sanders. »Komplizierte Tiere mit einigen Rätseln, die noch ungelöst sind, aber trotzdem Tiere.«

»Warum dann das … enorme Interesse der Polis?«, fragte er. »Seit Jahrzehnten kratzen wir für die Polis Proben zusammen und machen Aufnahmen von Kapuzlern, und dann ist da noch dieses … Gesicht …«

Sanders nickte. »Ja, die Prothese war unerwartet.«

Das war sie. Sobald sie von den Ereignissen hier auf dieser Lichtung gehört hatte, schickte irgendeine ferne KI eines der schnellsten Polisraumschiffe los, um vor der Interventionsflotte einzutreffen. Dieses Schiff warf daraufhin eine Nachschubkapsel ab. Darin enthalten war ein neues Gesicht für Jeremiah Tombs – ein Ding, das Sanders persönlich angepasst hatte.

»Und du bist dir dessen, was du gesehen hast, absolut sicher?«, fragte sie.

Grant verbarg den aufblitzenden Groll, denn er wusste, dass sie die Frage stellen musste. Noch immer wurde seine Aussage angezweifelt, besonders der Teil, in dem er sah, dass Tombs, als sich der Techniker das zweite Mal von ihm aufrichtete, wieder mit der Atemmaske auf dem Gesicht dalag. Der Kapuzler musterte Grant daraufhin mit einer Intensität, die über die eines Raubtieres hinausging, das potenzielle Beute ins Auge fasste, fast als versuchte er sicherzustellen, dass Grant auch begriff: Tombs musste am Leben bleiben. Dann schwenkte die Kreatur unvermittelt ab.

»Vollkommen sicher!«, blaffte er.

»Was ist danach geschehen?«

Nachdem er verfolgt hatte, wie der Kapuzler seine gewaltige Masse durch das Grasgestrüpp entfernte, ging Grant zu Tombs hinüber, der auf der Seite im eigenen Blut lag. Zwischen Knien und Kehle lag überall die Muskulatur frei; ein Arm bestand nur noch aus Knochen, und die Maske saß grotesk auf einem weitgehend von Fleisch entkleideten Schädel. Rings um Tombs liefen Pfennigmuscheln durcheinander, obwohl sich Grant nicht vorstellen konnte, woher sie so schnell gekommen waren. Er hatte den Proktor für tot gehalten, bemerkte dann jedoch einen seltsamen sägenden Laut, der von dem nach wie vor atmenden Mann ausging. Es schien auch, als betrachtete er mit dem verbliebenen Auge die Pfennigmuscheln.

»Also hast du ihn zurück zur Ambulanz getragen?«, fragte Sanders.

»Er war außer mir der einzige lebende Zeuge«, sagte Grant und zuckte die Achseln.

Sanders fixierte ihn einen Augenblick lang mit dem Blick, wandte sich dann ab und sagte dabei: »Yeah – ich verstehe.« Nach einer kurzen Unterbrechung fuhr sie fort: »Für die Polis scheint die Feststellung zu reichen, dass er einen Angriff des Technikers überlebte.«

Yeah, der Teil von Grants Aussage, der von der Atemmaske sprach, war nicht für alle freigegeben – zu viele derer, die das gehört hatten, glaubten, dass Grant es erfunden hatte, nachdem er selbst Tombs die Maske wieder aufgesetzt hatte.

Sie machten sich auf den Rückweg zu ihren Fahrzeugen, und eine unbehagliche Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Als sie sich trennten, sagte Sanders: »Ich sehe dich bald.«

»Yeah, sicher«, sagte er und fragte sich, wie viele Monate oder Jahre bis dahin vielleicht ins Land gingen.

Der Friedhof (Solstan 2448)

»Und weshalb wird meine Erfahrung benötigt?«, fragte der riesige Eisenskorpion. »Obwohl auf Masada einige interessante Entwicklungen eingetreten sind, hat man dort in jüngster Zeit nicht mehr viel Aktion erlebt. Was gibt es dort für mich?«

»Tue nicht begriffsstutzig, Amistad«, entgegnete der Kopf. »Du hast ein besonderes Interesse, und dein derzeitiges Projekt ist ebenfalls relevant.«

Der polierte Chromkopf schien über ihm in der Dunkelheit zu schweben, hatte seinen Platz aber tatsächlich in Amistads Gedanken – war er doch nur die Repräsentation der KI, mit der die Drohne sprach, wie auch diese KI zweifellos in irgendeiner temporären Virtualität einen großen Eisenskorpion anblickte. Der Kopf war das Standard-Icon, das vom Hersteller für künstliche Intelligenzen angeboten wurde, die sich noch keine eigene Gestalt ausgesucht hatten, die noch nicht entschieden hatten, ob sie leben wollten, in was für einem Körper sie leben wollten und welche Absichten sie vielleicht verfolgen wollten, wenn überhaupt welche. Amistad wusste jedoch, dass diese KI schon auf eine längere Zeit zurückblickte, zuerst als KI eines Polisschlachtschiffs und jetzt als der Verstand, der die riesige Konstruktion Jerusalem leitete, ein Raumschiff und eine Forschungsstation. Jerusalem hatte sich jedoch ihre Beschäftigungen nicht ausgesucht, sondern sie hatten die KI ausgesucht.

Drei tote außerirdische Lebensformen waren von der Wissenschaft mit Namen belegt worden: die Csorier, die Dschaina und die Atheter. Die Csorier waren das besondere Interessengebiet einer KI namens Geronamid – ein Teilzeithobby, das sie neben ihren Amtspflichten als Sektor-KI ausübte, vor allem deshalb, weil man die meisten Csorier-Artefakte in dem Sektor der Polis fand, den sie verwaltete. Keine einzelne KI hatte sich bislang der Atheterforschung zugewandt – war zum führenden Experten zu dieser ausgestorbenen Lebensform geworden –, aber Jerusalem war der führende Kopf in allen Fragen der Dschainaforschung. Während des lange zurückliegenden Krieges der Polis mit den bösartigen Gliederfüßern, die man Prador nannte, ein Krieg, an dem auch Amistad beteiligt gewesen war, hatte Jerusalem einen kleinen Gegenstand der Dschainatechnik gefunden und mit verheerender Wirkung gegen den Feind eingesetzt. Erst dann bemerkten die künstlichen Intelligenzen überall in der Polis, wie gefährlich diese Technik sein konnte, und Jerusalem wurde »freiwillig gemeldet«, um der Sache nachzugehen. Genau diese Technik, die die Polis beinahe zu Fall gebracht hätte, ruhte jetzt außerhalb ihrer Grenzen in der Akkretionsscheibe eines Sterns. Dort hielt sich Jerusalem gerade auf, studierte Dschainatechnik und achtete darauf, dass diese eingedämmt blieb, und eine seltsame Ansammlung von Helfern stand ihm dabei zur Seite.

»Was für ein besonderes Interesse?« Amistad wandte sich dem Technikschrott ringsherum zu und konzentrierte sich einen Augenblick lang auf ein Durcheinander aus Stacheln und Tentakeln, das den Eindruck vermittelte, als hätte etwas Riesenhaftes einen gleichfalls gigantischen Mischling aus atlantischem Diademseeigel und Tintenfisch zerstampft.

»Ich weiß genau, wo du bist«, sagte Jerusalem.

»Oh yeah?«

Die Anfrage nach einer Direktverbindung war Amistad über ein nahes Runcible zugegangen, und die Drohne hatte sich erst damit einverstanden erklärt, nachdem sie sichergestellt hatte, dass damit keinerlei Aufspürroutinen einhergingen. Sofern Jerusalem keine Programmiertechnik benutzte, von der Amistad nichts wusste – keinesfalls undenkbar –, dürfte die große KI den Standort der Drohne nicht kennen.

»Ich kenne den Standort des Runcibles, das du zuletzt benutzt hast«, erklärte Jerusalem, »und da ich deine Interessen kenne, vermute ich, dass du dich derzeit auf dem Friedhof befindest. Wenn ich jetzt noch die Reisezeiten berechne, ist es das Einfachste auf der Welt, deinen Aufenthaltsort in jener Höhle zu bestimmen, wo die schwarze künstliche Intelligenz Penny Royal ihr Ende fand. Vermutlich hältst du dich gerade sehr nahe an den Überresten dieser Kreatur auf.«

»Ein Zufallstreffer«, sagte Amistad. »Jetzt erkläre mir mal: Was denkst du, ist mein besonderes Interesse?«

»Als wir von der Polis mit den Prador im Krieg lagen, war die Schnelligkeit industrieller Fertigung der Schlüssel zum Sieg. Unabhängige Kriegsdrohnen wurden damals hergestellt, und weil ihre Herstellung so überstürzt verlief, zog manch eine davon mit einem Verstand in die Schlacht, der nicht ganz stabil war. Manche fanden ihr Gleichgewicht; andere wurden verrückt und mussten zerstört werden, falls man sie fand. Einige fanden von selbst ihr Ende – wie diese schwarze KI in deiner Nähe.«

»Komm zur Sache«, verlangte Amistad.

»Während des Krieges wurdest du verrückt, Amistad, obwohl es ein nützlicher Wahnsinn war, der den Feind mehr gefährdete als uns. Als wir nach dem Krieg die Scherben zusammenkehrten, erlangtest du etwas zurück, was man locker als geistige Stabilität bezeichnen könnte. Seitdem gilt dein besonderes Interesse jenen Intelligenzen, die – um ganz offen zu sein – schlimm verformt worden sind.«

»Insoweit stimme ich dir zu.«

»Wir möchten, dass du auf Masada solche Intelligenzen erforschst. Dort findest du einen menschlichen Verstand – den eines Mannes, der früher zur einheimischen Religionspolizei gehörte.«

Ein Informationspaket traf ein, und Amistad öffnete und studierte es. Jeremiah Tombs war gewiss ein interessantes Individuum, und was zu seiner Störung geführt hatte, das war sogar noch interessanter.

»Du hattest im Plural gesprochen?«

Ein weiteres Paket traf ein.

»Bist du sicher, dass dieser Techniker über Intelligenz verfügt?«

»Es liegt an dir, das festzustellen.«

»Und die Relevanz meines derzeitigen Projekts?«

»Die Ereignisse, die zu Penny Royals Ableben führten, sind bislang ein scharf gehütetes Geheimnis. Diese schwarze KI starb, weil sie versuchte, die Verstandesaufzeichnung eines Atheters in einem seiner tierischen Nachfahren zu installieren, einer Schnatterente. Vielleicht kannst du jetzt allmählich selbst aus der Sache schlau werden?«

»Ja, ich denke, ich erkenne allmählich ein Muster.«

»Dann kann ich es dir überlassen?«

»Das kannst du, obwohl ich mindestens drei Jahre brauchen werde, um Masada zu erreichen.«

»Die Lage ist nicht kritisch – noch nicht.«

Während Amistad über dieses »Noch nicht« grübelte, verspürte er Ärger. Man hatte ihn gerade »freiwillig« für eine Aufgabe gemeldet, die der Jerusalems ähnelte, nur dass in seinem Fall die Atheter, die schon lange tote Lebensform, darstellten. Man hatte ihn gerade in eine Position manövriert, die unbesetzt geblieben war, seit die Atheter ihren Namen erhielten, und das war auch richtig so, denn es schien, dass diese gesamte Lebensform einer Art Massenwahnsinn anheimgefallen war. Es tröstete ihn etwas, dass die gewaltige Intelligenz namens Jerusalem in so vielem recht behalten konnte, denn eine solche Intelligenz wurde genau dort benötigt, wo sie derzeit war, um über diese tödliche Technik da draußen zu wachen. Als er dann eine Tentakelspitze zucken sah, empfand Amistad auch eine gewisse Zufriedenheit über die Erkenntnis, dass sich Jerusalem in manchen Dingen auch komplett irren konnte.

Masada (Solstan 2451 – 14 Jahre nach der Rebellion)

Mit dem in ihrem Innern rumpelnden Gravomotor stieß die skorpionförmige Kriegsdrohne Amistad auf ein Gebäude hinab, das inmitten sumpfiger Wildnis stand. Sein Gefährte – nur eine Kugel aus schwarzen Stacheln von drei Metern Durchmesser – bewegte sich auf einem Parallelkurs.

Von hier oben wirkte das Gebäude wie ein schwarzer Stern, umringt von den weißen Strahlen der Plaston-Gehwege inmitten des Flötengrases ringsherum. Amistad sank tiefer und näherte sich dabei einem der Gehwege, und jetzt löste sich die schwarze Scheibe zu einem Kuppeldach aus fotoelektrischem Glas auf – ein Material, das bei abgelegenen Polisbauwerken häufig verwendet wurde. Das also war die Stelle. Nachdem Amistad erst vor wenigen Monaten auf Masada eingetroffen war, hatte er eine Zeit lang gebraucht, um sich zu orientieren und wirklich zu verstehen, was von ihm erwartet wurde. Die Polis benötigte Daten, Daten über Jeremiah Tombs, über den Techniker, über die gesamte Lebensform der Atheter und den Grund für ihre Selbstvernichtung. Dieses Bauwerk barg eine Atheter-KI, wenn auch eine ziemlich zugeknöpfte, und das erschien Amistad als ein so guter Ansatzpunkt wie jeder andere.

Penny Royal landete Sekunden vor ihm sachte auf der Wurzelstockschicht und rollte dann auf das Bauwerk zu, wobei sich die Stacheln wie die Füße eines Seesterns bewegten. Als Amistad schließlich auf einem Gehweg aufsetzte, betrachtete er seinen Gefährten nachdenklich. Man nannte diese Wesen nicht aufgrund ihrer Farbe schwarze KIs; sie trugen diese Bezeichnung, weil sie die Erzbuhmänner der Polis darstellten, in deren Gesellschaft niemand sicher war. Nachdem er Penny Royals Verstand von der bitteren Dunkelheit befreit und die KI wieder zusammengesetzt hatte, hatte Amistad sie bei sich behalten, weil Penny Royal vielleicht noch Kenntnisse von dem Ding besaß, das ihn angegriffen hatte und das wahrscheinlich mit den hiesigen Ereignissen zusammenhing. Nachdem er Penny Royals geistige Verfassung anscheinend wiederhergestellt hatte, war Amistad auch für ihn verantwortlich, und er konnte nicht abstreiten, dass er eine anhaltende Faszination für ihn empfand. Allerdings fragte er sich nach wie vor, ob er dieses vielschichtige und verwirrende Wesen wirklich zu einem sicheren Zeitgenossen gemacht hatte. Es in seiner Gesellschaft zu behalten, das war mindestens riskant.

Amistad wandte sich wieder dem gemeinsamen Ziel zu und sah jetzt den Ring der tragenden Säulen unter der Kuppel. Die ganze Konstruktion wirkte wie ein griechischer Tempel, der hier schon lange verlassen stand. Er stakste darauf zu, wobei sich der Gehweg unter seinem Gewicht bog, und dachte daran zurück, wie dieses Ding auf Masada eingetroffen war.

Der Planet, von dem das hier untergebrachte Artefakt stammte, trug den Namen Shayden’s Find – nach der Frau, die dieses Ding entdeckt hatte und dort gestorben war. Es wäre so leicht gewesen, überlegte Amistad, die Ereignisse auf jenem Planeten als Teil eines Musters zu betrachten, denn der dschainainfizierte Wahnsinnige, der die Theokratie von Masada vernichtete, war zuvor auf Shayden’s Find gewesen. Die Deutung als Muster wäre jedoch ein Zeichen gewesen, dass man in die Art Verschwörungstheorie verfiel, wie es die Menschen, die im Grunde kein Verständnis von Statistik hatten, gern taten. Es war Zufall, nichts weiter.

Eine einzelne Felsplatte, eine kleine tektonische Platte, die auf einem Meer aus Magma schwamm, war das einzige dauerhafte Merkmal von Shayden’s Find gewesen. Dieses Objekt hätte dort eigentlich nicht von Bestand sein dürfen, wäre es nicht durch einen einzelnen Umstand möglich geworden: das Magma akkumulierte und verfestigte sich rings um ein großes flaches Objekt, das von der Hitze unbeeinflusst blieb. Jene Frau, Shayden, reiste dorthin, um dieses Objekt zu studieren, und stellte fest, dass Fragmente seiner unglaublich zähen und widerstandsfähigen Substanz abgebrochen waren – genug, um sie einzusammeln und gründlich zu erforschen. Diese Substanz hatte etwas von Diamant an sich, aber auch von Memokristallen. Aus Neugier befestigte Shayden ein optisches Interface an einem Fragment, und die Unmengen von Codes, die hindurchströmten, verblüfften sie. Sie hatte etwas sehr Wichtiges entdeckt. Es handelte sich hierbei um ein Artefakt, das später als zu jung verifiziert wurde, um ein Produkt der Dschaina zu sein, und als zu alt, um auf die Csorier zurückzugehen. Also war es ein Produkt der Atheter. Ein Memokristall von der Größe des Abschlussglieds eines menschlichen Daumens brachte jedoch den Verstand eines Menschen unter, also was enthielt eine solche Masse an Kristall? Den Verstand eines Gottes? Die Börsengeschäfte einer kompletten galaktischen Zivilisation? Außerirdische Pornos und Familienalben? Blogs der Atheter?

Penny Royal erreichte als Erster die Säulen, faltete sich zu einer flachen Form und klapperte hindurch, expandierte erneut zu einer Kugel und rollte ins Zentrum, wo er sich niederließ, die Form inzwischen ein Stück weit abgeplattet. Tentakel schlängelten sich zwischen den Stacheln hervor. Am Säulenring eingetroffen, musste sich Amistad zur Seite drehen, um sich hindurchzuquetschen, und landete scheppernd auf dem Boden aus Keramalgitterrost. Ein Blick nach unten zeigte ihm, dass sich unter dem Gitterrost eine Schlammschicht gebildet hatte, vielleicht von einheimischen Tieren hereingeschleppt, womöglich gar den Schnatterenten. In diesem Schlamm hatte im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre Flötengras gekeimt und seine Wurzelstockmatte ausgebreitet. Nur Grasstummel waren jedoch zu sehen, da der in einer der Säulen untergebrachte Wartungsroboter die Fläche vor Amistads Ankunft gesäubert hatte. Die Kriegsdrohne bewegte sich zu ihrem Begleiter hinüber, streckte eine Klaue aus, schloss deren Spitzen um ein Gitter von ein paar Metern Durchmesser, klappte es auf, und schnitt mit der scharfen Innenkante einer Klaue einmal im Kreis um die freigelegte Stelle, löste damit eine Matte aus Wurzelstöcken und Schlamm und warf auch diese zur Seite. Damit legte Amistad die Oberfläche eines unglaublich harten grünen Kristalls frei.

»Hier«, sagte er.

Penny Royal klappte einen Augenstiel hervor, blinzelte mit einem höllenroten Auge und versetzte belehrend: »Überall.«

Als Nächstes streckte die schwarze KI einen einzelnen Tentakel aus. Diese Gliedmaße von zehn Zentimetern Dicke schienen aus flüssigem Glas zu bestehen, in dem sich Dinge bewegten und zitterten wie das Innenleben einer Kieselalge. Die Spitze dieses Tentakels glich dem Kopf eines Röhrenwurms. Penny Royal öffnete diesen und drückte ihn auf den Kristall. Die sternförmig angeordneten Wedel, in denen der Tentakel auslief, verschmolzen mit der Oberfläche des Kristalls und sanken dann allmählich hinein. Amistad wich vorsichtig einen Schritt weit zurück und brachte so leise wie möglich seine internen Waffensysteme online.

Ein Wissenschaftsschiff, die Hourne, war speziell dafür gebaut worden, dieses Artefakt von Shayden’s Find zu bergen, und dies geschah auch auftragsgemäß. Als Nächstes hatte die KI dieses Schiffes Verbindungen zum Artefakt hergestellt, um es mit Energie zu versorgen und hineinzublicken. Das, was darin enthalten war, erwachte unvermittelt zum Leben und ergriff sogleich die Macht sowohl über die KI als auch über das Schiff. Die sich anschließenden Verhandlungen führten dann zu dem Ergebnis, den Kristall hier zu lagern. Er hatte nur gelagert werden wollen, hatte keine weiteren Forderungen gestellt, nicht mal nach einer Energieversorgung, um aktiv zu bleiben. Die Polis-KIs entschieden jedoch anders, errichteten dieses Bauwerk und sorgten für Energiezufuhr und Leitungen zu Projektoren, Sensoren und einigen Abwehreinrichtungen.

Amistad drehte sich jetzt und betrachtete forschend den Säulenring mit seinen eingefügten Konsolen, und eine tiefer gehende Abtastung zeigte ihm weitere Technik innerhalb der Säulen. Obwohl all diese Technik eigenständige Aktivität aufrechterhielt, hatte sie seit zwei Jahrzehnten keinerlei Anweisungen von dem Wesen erhalten, das im Kristall zu Amistads Metallfüßen hauste.

»Irgendetwas?«, erkundigte sich Amistad.

»Du erfährst es, sobald ich es erfahre.«

Es schien offenkundig, dass die Atheter-KI hier die persönliche Entscheidung getroffen hatte, jede Kommunikation einzustellen, und dass sie diese wiederaufnehmen konnte, falls sie das wünschte. Die Polis hatte diese Wahl respektiert, obwohl die wahrscheinlich gewaltigen Datenmengen der Atheter-KI sehr nützlich sein könnten. Im Allgemeinen waren Polis-KIs zu einem Wartespiel bereit. Eine Kriegsdrohne enthielt jedoch Ungeduld als eingebautes Merkmal, und für etwas wie Penny Royal existierten kaum irgendwelche anwendbaren Regeln.

»Reaktion«, stellte Penny Royal fest.

»Gut.«

Falls Amistad der führende Experte in allen Atheterfragen werden sollte, brauchte er die Informationen, die hier zu finden waren. Der Planetengouverneur von Masada, eine KI mit Namen Ergatis, hatte davor gewarnt, irgendetwas dieser Art zu tun, und bei Earth Central Protest eingelegt. Ohne Ergebnis, denn Amistad hatte Blankovollmacht.

»Eindeutig …«, begann Penny Royal und verstummte wieder, als sich ein weiteres riesiges Wesen zu ihnen gesellte.

Die kolossale pyramidenförmige Schnatterente hockte seitlich von ihnen, scheinbar in tiefem Schatten, obwohl das sicherlich ein Effekt der Projektion war. Sie hatte die Vorderglieder auf dem Bauch verschränkt, und der Schnabel ruhte auf der Brust, als döste sie. Sie hatte die Augen geschlossen, und ein tiefes Rumpeln lag in der Luft. Schnarchte sie?

»Mach mit dem weiter, was immer du gerade tust«, wies Amistad Penny Royal an und wandte sich dann an die Schnatterente. »Wie soll ich dich nennen?«

Das Hologramm zuckte nur leicht, nichts weiter. Amistad wartete, drehte sich dann um und sah Penny Royal genau an, als die schwarze KI einen seltsamen Zischlaut ausstieß, erzeugt durch die Stacheln, die wie trockenes Schilf aneinander rieben.

»Vergessen«, sagte eine tiefe volltönende Stimme.

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