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Die Vergessene Insel

Der alte Magier

Sinnend sah sich der alte Zauberer im Raum um und lächelte zufrieden bei dem, was er sah. Wieder war eine große Schar an Kindern gekommen, die seinen Geschichten aus der Vergangenheit lauschen wollten. Er fühlte sich durch die stete Schar der Besucher keineswegs gestört. Nein. Er fand es sogar wichtig, das sie die Schrecken der Vergangenheit kennen lernten und aus den Fehlern ihrer Vorfahren lernen konnten. Wie viele Generationen von Kindern hatten seit den düsteren Zeiten hier in diesem Zimmer zu seinen Füßen gekauert und seiner Geschichte gelauscht. Gerührt zog der mächtige Magnus sein für solche Fälle bereitgehaltenes Tuch aus seinem weiten Ärmel und schnäuzte gerührt hinein, bevor er wieder den Blick durch den Raum schweifen ließ. Es war ein unwahrscheinlich gemütliches Zimmer mit Holzwänden und riesenhaft erscheinenden Gemälden, aus denen die Männer und Frauen gütig lächelnd auf die anwesende Besucherschar herunter blickten.

Ein flackerndes Feuer im Kamin warf seinen Schein auf die Gesichter der Zuhörer und sein unruhiges Leuchten malte bizarre Schatten auf ihre gespannten Gesichtszüge. Wie Perlen aufgereiht auf einer Schnur saßen die Kinder auf gemütlichen Sitzkissen rund um den alten Mann herum. Ihre Blicke wanderten abwechselnd zwischen den auf den Gemälden abgebildeten Männern in abenteuerlichen Gewändern und Frauen in schwingenden langen Roben und dem Respekt einflößenden Zauberer auf seinem Krallenthron hin und her.

Manch ein kleiner Besucher war aber auch von den langen, feuerroten und gelben Fahnen fasziniert, die das Gesamtbild des Zimmers etwas auflockerten. Stolz reckten sie ihre Mäste in die Höhe, während neben ihnen die Banner in derselben Farbenfolge seiden gleich in die Tiefe fielen und die steinernen Wände elegant bedeckten. Gebannt hingen die kleinen Zuhörer an dem Gesicht des Magiers und schienen ihm die Worte von den Lippen ablesen zu wollen.

Er rückte seinen spitzen schwarzen Hut auf dem Kopf zurecht und beugte sich etwas auf seinem Gold schimmernden Stuhl nach vorne. Dabei schwang an seinem rechten Ohr ein langer Ohrring mit einem Zauberstab hin und her und blitzte immer wieder im Lichtschein hell auf. Fest umgriffen seine Hände die Löwen, welche die Enden seiner Armlehne bildeten. Er ließ den Blick über die ihn gespannten Kindergesichter gleiten und wärme durchflutete sein Herz. Solch ein Bild von gemeinsamer Harmonie hätte es vor einigen Jahren noch nicht gegeben. In der Zeit vor Semiramis.

Zärtlich strich er der kleinen Elfe, die neben ihm saß und ihn eifrig beobachtete über die bis zur Taille fallende blonde Mähne. Wild ringelten sich ihre Locken um seine streichelnden Finger und keck blitzten die spitzen Ohren zwischen ihnen hervor. Sie nutzte seinen kurzen Moment der Sentimentalität gleich aus um ihn zu bitten, weiter zu erzählen, denn für ihre Ungeduld dauerte die Pause in seiner Erzählung schon viel zu lange.

»Bitte Magnus. Erzähle uns noch einmal die Geschichte von Semiramis.« Bettelnd hingen ihre stahlblauen Augen mit den langen dunklen Wimpern an seinem faltigen Gesicht. Ihr kleiner zarter Körper war gespannt dem Zauberer zugeneigt. »Marissa«, sagte Magnus lächelnd und strich sich durch seinen langen Bart, der sich an den unteren Enden zweiteilte und jeweils in einer nach außen gerichteten Locke endete. Ein gepflegter Oberlippenbart verdeckte seinen Mund nur wenig. Die Nase, die sich über einem eigenwillig geschwungenen Mund befand, war weder gerade noch schief, aber etwas länger als das sie dem im Moment geltenden gängigen Schönheitsideal auf der Insel entsprochen hätte. Aber über das Alter war der alte Mann auch schon lange hinaus, indem er noch Frauen den Kopf verdrehen wollte. Bei diesem Gedanken hätte er wahrscheinlich amüsiert aufgelacht. Damit allerdings lenkte er immer noch alle Blicke auf sich, denn sein Gelächter war auch heute noch so anstecken wie früher. Wer es hörte, musste unweigerlich mitlachen, ob er wollte oder nicht. Und selbst diejenigen unter den magischen Geschöpfen, die über eine große Selbstdisziplin verfügten, konnten ein Zucken der Mundwinkel nicht unterdrücken. Seine Augen schauten umgeben von vielen Falten, die zeigten, dass er gerne und viel in seinem Leben gelacht hatte, gütig aus seinem Gesicht heraus. Er sah uralt aus, und doch auf irgendeine Art zeitlos jung. Manchmal, wenn das flackernde Kaminfeuer seine Gestalt streifte, schien es, als wenn ein viel jüngerer Mann dort auf dem mit Krallen verzierten Thron saß.

»Ihr habt die Geschichte doch schon tausendmal gehört.« Doch die kleine Elfe schüttelte vehement den Kopf, so das ihre langen Locken wild um ihren Kopf herum flogen. Bevor sie aber wieder das Wort ergreifen konnte, mischte sich eine tiefe, grollende Stimme ein. Ein kleiner Troll im hinteren Eck des Raumes meldete sich zu Wort. Niemand der seine gedrungene Gestalt betrachtete, hätte ihm diese tiefe Stimme zugetraut. Jetzt aber donnerte sie grollend und doch bittend zugleich durch den Raum. Seine Gestalt war über und über mit Beulen bedeckt. Ein Zeichen dafür, das seine Familie zum Herrschergeschlecht der Trollstämme zählen musste.

»Aber Magnus«, bettelte er. »Ich habe die Geschichte natürlich schon oft gehört. Aber du warst dabei. Von dir bekommen wir doch noch ganz andere Informationen und es ist doch wirklich etwas anderes, wenn jemand erzählt, der auch alles selbst erlebt hat. Ich bin schließlich heute erst in Feuerberg angekommen und hatte noch kleine Gelegenheit, hier in deinem Zimmer deinen Erzählungen zu lauschen. Bitte - B i t t e !« Magnus lachte sein tiefes, sympathisches Lachen. »Pete, ich weiß genau, dass auch du die Geschichte von Semiramis kennst. Dein Vater hat mir erzählt, dass ihr gerade erst von dem Besuch aus dem Einhornwald zurückgekommen seid und ich bin mir absolut sicher, dass du Königin Sternenstaub so lange gelöchert hast, bis sie dir alles erzählt hat, was sie von Semiramis und Deikugon weiß.«

»Ja schon«, grinste der kleine Troll, und seine kräftigen Zähne blitzten im Schein des Feuers. Bei dieser geheimnisvoll flackernden Beleuchtung wirkte seine grüne Haut fast wie ein schimmernder Smaragd. Bestimmt schüttelte er seinen Kopf, so das die kurzen feuerroten Haarsträhnen noch wilder nach allen Seiten ab standen. »Aber Magnus. Königin Sternenstaub kann doch nur von den Sachen erzählen, bei denen sie selbst mit dabei war. All die anderen Sachen kennt die Einhornkönigin doch auch nur vom Hörensagen. Sie hat mir aber genau erzählt, dass du fast die ganze Zeit über mit Semiramis zusammen warst. Ihr sollt die engsten Freunde gewesen sein. Bitte Magnus«, er sprang von seinem Kissen auf und kniete sich vor den klauenfüßigen Thron des alten Zauberers. Bittend ergriff er die alte, faltige Hand mit beiden Händen, bevor er wieder das Wort an den weisen Magier richtete: »Wir sind doch alle extra deswegen hergekommen.« Beifall heischend sah er sich nach den Anderen im Raum um und erntete kollektives Nicken.

Magnus seufzte tief. Sein langes Seidengewand knisterte leise, als er sich auf seinem Thron zurechtsetzte. Sinnend ließ er seinen Blick über die versammelten Kinder schweifen. Trollkinder und Elfen, Zwerge, Gnome, kleine Hexen und Zauberlehrlinge. Auch ein Einhornmädchen lag anmutig ausgestreckt ganz hinten im Zimmer auf einem Kissen. Wieder dachte er daran, dass früher eine solche Versammlung nicht möglich gewesen wäre. Nein. Auf gar keinen Fall. Früher, in den dunklen Zeiten der Angst und der Not, in der jeder gegen jeden kämpfte und Argwohn und Hass regierten. Früher, in der Zeit vor Semiramis.

»Alles begann damit, das Deikugon, der Sohn des Häuptlings der Panterreiter, einen Traum hatte. Es war damals eine dunkle Zeit. Unsere Stämme hier auf der vergessenen Insel waren verfeindet und lebten in Hass und Streit. Was einmal so schön und harmonisch war, nach der Flucht aus der Menschendimension, war durch den bösen Zauberer Maglador zunichtegemacht worden. Er strebte nach Ruhm und Macht, versuchte die Stämme der Insel zu unterdrücken und zu knechten.

In dieser Zeit träumte Deikugon von einer jungen Frau. Sie schien nicht von unserer Insel zu stammen, sondern aus der alten, beinahe in Vergessenheit geratenen Welt, der Welt der Menschen. Das glaubte er daran zu erkennen, das sie eine Straße entlang ging, so bizarr aussehend, wie er es noch nie gesehen hatte. Riesige Häuser waren links und rechts des Weges, den sie ging, und erdrückten die junge Frau schier. Metallene Ungetüme wälzten sich auf einem Pfad neben ihrem Weg dahin und schwarze Wolken schossen aus ihren hinteren Teilen heraus, wie der Atem von bösen Drachen. Er sah die Frau in eines der riesigen Häuser hineingehen. Als sie darin ankam, erkannte er Gegenstände, die anscheinend zum Verkauf ausgestellt waren. Dies musste also der Laden eines Händlers sein, in dem sie sich befand. Seltsame Dinge waren dort in einem Sammelsurium zusammen gestellt.

Die Frau griff nach einem runden Gegenstand, der aussah wie eine Abbildung einer Weltkugel. Dann wechselte das Bild und er sah wieder die junge Frau. Sie war anscheinen in einem anderen Haus, denn sie war von Möbeln umgeben und Sonnenlicht strömte durch ein riesiges Fenster. Sie hielt wieder diese Weltkugel in der Hand und drehte sie auf einem komischen Fuß. Die Kugel löste sich plötzlich von dem Fuß und kullerte über den Boden. Der Häuptling sah im Traum, wie die Frau sich bückte, wobei ihre langen, lockigen schwarzen Haare über die Schulter fielen, und ihr Gesicht bedeckten wie ein Schleier. Sie zog aus dem Fuße des Kugelgestells ein Buch heraus, auf dem er sein eigenes Gesicht sah. Unruhig warf er sich in seinem Bett hin und her. Während er noch völlig verwirrt auf sein Bild in den schlanken anmutigen weißen Händen der jungen Frau starrte, erklang die tiefe Stimme eines Mannes in seinem Kopf.

»Diese Frau ist der Schlüssel zu euer aller Frieden.« »Wer bist du?« Fragte er verwirrt. »Ist das die Menschenwelt, die du mir hier zeigst? Ich habe sie noch nie gesehen, denn ich selbst bin ja erst hier auf der Insel geboren worden, aber so fremd, wie sie ausschaut, kann es nur die Welt sein, die meine Urgroßväter verlassen haben. Mama hat manchmal von solch merkwürdigen Häusern erzählt. Sie sagte immer, Urgroßvater Regennass hat sich oft über ihre eckigen Häuser mokiert und gesagt, das da so gar keine Harmonie herrscht und sich die Menschen auf gar keinen Fall in ihnen wohlfühlen können.« Leise lachte er in sich hinein bei der Vorstellung, dass sie immer in die Ecken laufen und sich dann erst umdrehen müssen, um wieder einen anderen Weg durch ihr Zimmer zu nehmen. Auch konnte er sich schwer vorstellen, was man denn mit solchen Zimmerecken anfangen sollte. Was sollte man denn da hinstellen? Alles war dann doch irgendwie aus dem Weg geräumt und nicht mehr im Fluss des Lebens. Unwirsch schüttelte er den Kopf und versuchte, wieder Klarheit in seine Gedanken zu bekommen.

»Wer bist du Stimme aus dem Nichts. Was willst du mir sagen und was zeigst du mir hier? Willst du mich narren und konfus machen oder willst du mir wirklich helfen?« Sobald die Frage über seine Lippen gekommen war, bereute er seine voreiligen Worte schon wieder. Er wusste doch gar nicht, wer diese Stimme aus dem Nichts war und ob er ihm wirklich helfen wollte oder es nur eine Finte der Feinde war, um ihn uns seinen Stamm endgültig ins Verderben zu reißen. Gespannt hielt er unbewusst die Luft an und wartete auf die Antwort seines unsichtbaren Gesprächspartners. Leise lachend, erst leise, dann immer lauter werdend, erklang die Stimme wieder in seinen Gedanken.»Mein alter Freund.«

Er hörte den abgrundtiefen Seufzer seines Gegners, der so tief war, dass er sogar in seiner eigenen Brust zu vibrieren schien. »Du bist immer noch so misstrauisch wie früher. Ich spreche zu dir aus unser beider Zukunft. Du selbst hast mir hierzu den Auftrag gegeben. Vertrau mir. Das Mädchen, welches du hier gesehen hast, ist Semiramis.......und sie wird uns alle retten.« Die Stimme wurde immer leiser und verklang plötzlich. Er hörte nur noch ganz leise ein Gehauchtes: »Vertrau mir, wie Bärenkralle dir einst beibrachte, dass man manchmal dem Unmöglichen vertrauen muss, wenn es das einzig Mögliche ist.« »Bärenkralle?« Fragte sich Deikugon. »Was wusste die fremde Stimme von seinem Vater. Und woher kannte der Fremde den Rat seines Vaters? Aber vor allem, wie kann eine Frau, sei sie auch noch so schön, aus der Menschenwelt uns den Frieden bringen kann?«

Da war die Stimme plötzlich wieder in seinem Geist. Leises Lachen erfüllte ihn. Und obwohl er ungeduldig auf eine Antwort wartete, fühlte er, dass dieses Lachen ansteckend war. Unmerklich hoben sich seine Mundwinkel trotz der Anspannung etwas an. Schnell unterdrückte er diese Regung und wartete auf eine Antwort. Als er schon glaubte, dass die Stimme sich zurückziehen würde, erklang sie noch einmal. Kam noch hörbar flüsterte sie ihm zu »Sie ist eine Tochter der Insel. Finde sie und du findest auch dein Glück.«Mit einem Ruck richtete er sich plötzlich hellwach im Bett auf. Verwirrt schüttelte er den Kopf. Wie war diese Menschenwelt, die er noch nie gesehen hatte. Wer war diese junge Frau? Er war sich sicher, dass er sie noch nie zuvor gesehen hatte, aber ihr Anblick ließ sein Herz schneller schlagen. Ein tiefes Sehnen war in ihm. Sein Herz klopfte hart in seiner Brust, die ihm auf einmal zu eng für seine Gefühle erschien. Gefühle, die er doch selbst nicht verstand. Die Schönheit der jungen Frau hatte ihn gefangen genommen. Noch immer sah er ihre blitzenden blauen Augen mit einem leicht grünlichen Schimmer und den langen schwarzen Wimpern vor sich. Er hatte sie so deutlich gesehen, dass er geglaubt hatte, ihr seidiges, lockiges Haar berühren zu können. Ihre Figur war schlank und biegsam gewesen, an den richtigen Stellen gerundet, aber nicht zu dünn. Was ihn aber völlig verwirrte, war das Buch, welches sie aus dem fremdartigen Ding herausgezogen hatte. Warum war sein Bild darauf gewesen? Was hatte das alles zu bedeuten?

Verwundert schüttelte er den Kopf und sah sich in seinem Zimmer um. Alles befand sich noch an seinem Platz und der kleine Raum mit den ockergelben Lehmwänden sah genau so aus wie vorher. Ein urgemütliches relativ großzügig geschnittenes Zimmer, mit runden Fenstern und schönen geschnitzten Holzmöbeln. Im Zimmer des jungen Häuptlings der Pantherreiter war alles rund oder rund geformt. Sogar die Bilder an den Wänden steckten in rund gebogenen, wunderschön geschnitzten Holzrahmen, die sich elegant den Wänden anschmiegten. Die langen zartgrünen Vorhänge aus gewebten Ranken wehten leicht in der sanften Brise, die durch die geöffneten Fenster hinein wehte. Mit zitternden Händen zog er seine weiche, bunt gewebte Schlafdecke höher und kuschelte sich in die weichen Kissen ein.

Etwas von der Ruhe und der Zärtlichkeit seiner Mutter Mondenschein schien in ihn überzugehen, welches sie beim Weben in die Kissen und den Stoff mit hinein gewebt hatte. Vor langer Zeit hatte sie sie mit all ihrer Liebe für ihren kleinen Sohn angefertigt. Er seufzte. Wie lange war sie schon Tod. Vielleicht konnte er sich daher noch nicht von der alten Decke trennen. Trotzig schüttelte er den Kopf. »Schließlich war es eine schöne Decke.« Dachte er und glitt endgültig wieder in den Schlaf zurück. Der Mond schien durch die Fenster seiner Hütte und sein Schein schien gütig auf das schlafende und nun endlich wieder entspannte, schöne Gesicht des jungen Häuptlings zu fallen. Langsam verschwamm die Szenerie in der Kugel und entließ die kleinen Zuhörer in der Gegenwart aus ihrem Bann. Langsam schienen sie sich wieder zu erinnern, wo sie waren und unruhig begannen sie wie ein Schwarm Vögel zu zwitschern, bevor sich die nächste Szene in der geheimnisvollen Kugel bilden konnte. Ein kleiner Elf schubste eine Hexe an und flüsterte geheimnisvoll: »Er hat ihr das Buch geschickt«, wobei er besondere Betonung auf das »er« legte.

»Wer?« Fragte die Hexe sofort neugierig, und versuchte ihren Gesprächspartner mit Blicken zu zwingen, ihr das Geheimnis zu verraten. Magnus runzelte die Stirn, und seine buschigen Brauen zogen sich bedrohlich zusammen. »Willst du die Geschichte weitererzählen, Sefte?« Donnerte er den kleinen Elf an. »Nö«, grinste der und lächelte über sein ganzes, pausbackiges Gesicht, während seine senffarbigen langen Haarzotteln durch die Luft flogen.» Ich wollte dich nicht unterbrechen Magnus. Aber es ist sooo spannend. Und das wir in der Kugel die Bilder sehen können ... das hast du uns noch nie gezeigt«, flüsterte er aufgeregt. Magnus seufze, dann lächelte er die aufgeregte Menge gütig an. »Du hast vollkommen recht mein kleiner Troll.« Begütigend strich er ihm über den Kopf. Der meisterhafte Geschichtenerzähler begann erneut aus seinem reichen Erinnerungsschatz heraus zu berichten und schon bald waren die Kinder wieder völlig in der Vergangenheit versunken.

Deikugon

Der junge Häuptling der Pantherreiter dachte den ganzen Morgen noch über den Traum nach. War es wirklich nur ein Traum oder handelte es sich vielleicht sogar um eine Vision, die von größerer Wichtigkeit war? Schließlich entschloss er sich eine Sitzung des Rats einzuberufen. Hier versammelten sich die Weisesten unter den Elfen, um den jungen Häuptling bei seinen Entscheidungen zum Wohle des Stammes zu beraten. Seit Deikugon, nach dem schrecklichen Tod seines Vaters Bärenkralle, vor einigen Jahren die Leitung des Stammes übernommen hatte, schätzte er die Unterstützung und Weisheit seiner Räte sehr.

Gerade am Anfang, als er in seinen Entscheidungen noch unsicher war, hatten sie ihn tatkräftig unterstützt. Nie stellten sie seine Machtposition infrage, sondern zeigten ihm die verschiedenen Wege auf, die der Stamm durch diese oder jene Entscheidung gehen würde. Am frühen Abend strömten sie zum Ratskreis, einem Platz in der Mitte des Dorfes, wo kreisförmig um ein Feuer steinerne Sitzblöcke angeordnet waren. Über ihnen befand sich ein Holzgerüst, über und über mit Pflanzen berankt, welches die Ratsmitglieder vor Nässe und Wind schützen sollte. Die Ranken reichten bis zur Erde und boten so durch ihr dichtes Flechtwerk genug Schutz vor Witterung oder neugierigen Blicken. Ein Elf nach dem anderen verschwand hinter dem dichten Vorhang der Pflanzen und nahm seinen Platz im Rat ein. Nachdem Ruhe eingekehrt war, beschrieb der junge Häuptling den ihm aufmerksam zuhörenden Elfen seinen Traum und erwähnte sowohl seine merkwürdigen Gefühle dabei wie auch die Stimme, die er in seinen Gedanken gehört zu haben glaubte.

Aufgeregt begannen die Pantherreiter miteinander zu diskutieren. Einige von ihnen erinnerten sich noch lebhaft an die Erzählungen ihrer Väter, welche aus der Menschendimension kommend hier auf der Insel ein neues zu Hause gefunden hatten. Immer wieder musste der junge Häuptling die Bilder beschreiben, die er in seinen Gedanken gesehen hatte, aber sie schienen sich so gar nicht mit den Beschreibungen ihrer Ahnen zu decken. Schließlich kam man überein, dass auch in der Menschenwelt die Zeit nicht stillgestanden sein konnte und man nicht wisse, wie die Entwicklung in der Welt der Menschen weiter gegangen sei. Deikugon seufzte frustriert auf. »Na toll. Jetzt bin ich genau so schlau, wie vorher.« Nachdenklich strich er sich die vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihm immer wieder ein solch jungenhaftes Aussehen verlieh.

»Es kann eine Vision aus der Menschenwelt gewesen sein, aber sicher sein können wir uns nicht, da niemand von uns mehr weiß, wie es dort aussieht.« Enttäuscht ließ er den Kopf hängen und über sein gut aussehendes Gesicht legte sich ein Schatten der Frustration. Schließlich wurde beschlossen, dass der junge Häuptling zu dem weisen Vilad in die Stadt der Magier nach Melicor reisen sollte. Vielleicht hatten die Magie, wie sie sich selber nannten, eine Idee, wie er mit diesen merkwürdigen Bildern in seinem Kopf umgehen sollte. Der alte Vilad war der mächtigste der guten Zauberer der Insel und führte schon seit sehr langer Zeit die Geschicke aller Magie. Nur er konnte noch Antworten haben. Die Reise würde sehr gefährlich werden, denn sich in letzter Zeit die Angriffe der Trolle verdoppelt hatten, aber Deikugon wollte es wagen. Man hörte auch schon Gerüchte, das einige der Hexen zu Magladors böser Seite gewechselt waren.

Wenn dies stimmte und sie ebenfalls Angriffe auf BarDon starten würden, wären sie wirklich in Schwierigkeiten. Gegen magische Angriffe hatten sie wenig, mit dem sie sich verteidigen konnten. Da lobte sich Deikugon einen gepflegten Schwertkampf. Da konnte er sich auf seine Schnelligkeit und die Kraft seiner Armmuskeln verlassen. Gedankenverloren kickte er einen Stein mit dem Fußweg, mit dem er unbewusst schon die ganze Zeit gespielt hatte und ihn während der ganzen Zeit hin und her gerollt hatte. In hohem Bogen flog er durch die Luft ... und traf mit einem dumpfen Plopp ein Ziel ... welches seinen Unmut auch sofort fauchend zeigte. »Grrrrrrr. Deikugon. Warum zielst du auf meinen Kopf?« Mit anmutigen Bewegungen kam Dragon, Deikugons Panther und Partner aus dem Gebüsch auf ihn zu geglitten. »Warum hast du dich denn im Gebüsch versteckt?« Fragte Deikugons verwundert.

»Ich hätte dir doch sowieso alles Neuigkeiten erzählt. Außerdem kenne ich dich doch sehr genau. Selbst wenn ich nicht willig gewesen wäre, dir die Informationen zu geben, hättest du mich so lange gepiesackt, bis du doch deine Neugier befriedigt hättest. Warum also jetzt dieses Versteckspiel? Vertraust du mir denn so wenig, mein Freund?« Das samtige Gesicht des schwarzen Panthers schimmerte im Schein der Feuer und wäre es möglich, hätte man ihm vermutlich angesehen, wie peinlich es ihm war, erwischt worden zu sein. »Naja«, druckste er herum. »Ich wollte bei dir sein und alles aus erster Hand erfahren. Es geht doch schließlich um deine Gefährtin.« Deikugons wurde blass.

»Meinst du wirklich, sie könnte die für mich bestimmte Gefährtin sein? Die eine Frau, mit der ich die Gedanken teilen kann, die einzige, die mich auf dem geheimen Pfad der Lebenspartner hören kann? Du weißt doch selbst, wie selten und kostbar es ist, solch ein Wesen zu finden.« Dragon strich anmutig um Deikugons Beine. »Na was meinst du denn, warum du sie sonst hören kannst?«, fragte er. Deikugons war noch dabei, Dragons Behauptung innerlich zu widerlegen, als sich die Versammlung langsam aufzulösen begann. Da fühlte er plötzlich ein Leuchten tief in sich und eine noch nie erlebte Wärme umgab sein Herz.

Das Leuchten wurde heller und der Pfad auf dem sich Lebenspartner bei den Pantherreitern miteinander gedanklich unterhalten konnten, erwachte in ihm zum Leben. Immer wohligere Wärme strömte zu seinem Herzen und er fühlte plötzlich die Anwesenheit einer anderen Person. Sie nahm aber nicht vollständig den ihr gebührenden Platz in seinem Bewusstsein ein, sondern blieb nur an dessen Rändern verharren. Sie waren also noch nicht vollständig verbunden, aber für ihn war es unendlich wichtig, das seine Gefährtin existierte und er in der Lage sein würde, sie zu finden. So weit sie auch noch voneinander getrennt waren, es gab sie. Die Verschmelzung der Gedankeninhalte von Lebensgefährten, die nur der Tod noch beenden konnte, hatte begonnen. Unendlich leise hörte er auf einmal ihre Stimme und er wusste nun kristallklar, dass es die Stimme seiner Frau war. »Soll ich es wirklich wagen Deikugon? Soll ich zu dir kommen?« Immer leiser wurde die Stimme. Seine Gefährtin hatte den gemeinsamen Gedankenpfad nur gestreift, aber sie hatte ihn gefunden.

Er hatte sie gefunden. Er würde nicht zu einem einsamen Leben verdammt sein und die Erbfolge der Häuptlinge der Pantherreiter war gesichert. Zwar konnten auch Elfen eine Partnerschaft eingehen, die nicht wahre Lebensgefährten waren, aber diese Partnerschaften wurden nie von Kindern gekrönt. Außerdem wurde eine Verbindung zwischen echten Lebensgefährten immer glücklich. Etwas anderes gab es da nie. Verzweifelt rief er ihr ein »ja« zu und er meinte selbst den unterdrückten, hoffnungsvollen Jubel in diesem einen kleinen Wort mitklingen zu hören. »Komm zu mir, mein schwarz gelockter Engel. Ich warte auf dich!« Schon am nächsten Tag machte sich Deikugon mit einer kleinen Abordnung von Pantherreitern auf den gefahrvollen Weg nach Melicor.

Semiramis

Semiramis war nach einem sehr schönen Einkaufsbummel wieder in ihre kleine Wohnung zurückgekehrt. Stolz stellte sie ihre neueste Errungenschaft auf den Wohnzimmertisch. Den Antiquitätenladen hatte sie noch nie vorher entdeckt, obwohl sie jeden Tag von der Schule diesen Weg entlang ging. Sie hatte es sich nicht verkneifen können, ein bisschen in dem von Sammelsurium vollgestopften Geschäft zu stöbern. Und was hatte sie entdeckt? Einen wunderschönen, alten Schifferglobus.

Auf einem Sockel ruhte eine meisterlich geschnitzte Weltkugel, die auch noch von einem begabten Künstler bemalt worden war. Mit zarten Pinselstrichen waren die Kontinente aufgezeichnet und mit kleinen Details verziert.  Es war ein ganz bezauberndes Stück, wenn auch unglaublich schwer. Sie hatte schon etwas gekeucht, bis sie das gute Stück den kurzen Weg zu ihrer Wohnung getragen hatte. Manchmal konnte sie es noch immer nicht fassen, das sie mit 17 Jahren schon eine eigene Wohnung hatte.

Als ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen, hatte sich ihr Bruder ihrer angenommen. Pierre war zehn Jahre älter als sie und er hatte bereitwillig die Verantwortung für sie übernommen, wie er es nannte. Verantwortung?!? Semiramis schnaubte bei dem Gedanken. Pierre war ein gefragter Modedesigner und im Moment stark gefragt. Dies bedeutete aber nicht nur, dass er unverschämt viel Geld verdiente, sondern dass er im Gegenzug ständig rund um die Welt auf Reisen war. Sie sah ihren Bruder selten, aber er war immer für sie erreichbar, wenn sie ihn brauchte. Der Einfachheit halber hatte er ein Haus direkt am Kurfürsten-Damm in Berlin gekauft. Im Erdgeschoss befand sich sein Atelier mit den Verkaufsräumen. Im ersten Stock hatte er selbst seine große Wohnung eingerichtet und hoch oben unter dem Dach war von ihrem verständnisvollen Bruder ein separates Apartment für seine kleine Schwester eingerichtet worden. »Naja..verständnisvoll«, grinste Semiramis in sich hinein.

»Er wollte wahrscheinlich mit seinem ständig wechselnden Damenbesuch ungestörte Momente genießen.«Semiramis pustete sich eine freche lockige Strähne aus dem Gesicht, die wieder einmal nicht da liegen wollte, wo sie hingehörte. Es war wirklich zum Verzweifeln. Obwohl Pierre sie von einem Friseur zum nächsten schleifte, wollten ihre Haare doch nie so liegen, wie sie sollten. Widerspenstig nannte sie es, bezaubernd eigenwillig sagten die Haarkünstler dazu. Semiramis zuckte die Schultern und betrachtete wieder ihren Neuerwerb. Gedankenversunken begann sie die Weltkugel zu drehen und betrachtete die wunderschönen Zeichnungen der Kontinente, als sich die Kugel auf einmal vom Sockel löste und laut knallend über den teuren Parkettboden schrammte.

»Mist«, entfuhr es ihr. »Hoffentlich ist jetzt weder das Parkett noch der schöne Globus kaputt gegangen«, grummelte sie vor sich hin. Aber .. was war denn das? Im Sockel des Globus befand sich etwas. Neugierig polkte sie mit den Fingern in der entstandenen Öffnung im Sockel und holte ein schmales Heftchen daraus heraus. »Ein Comic Heft?«, fragte sie sich und schüttelte ungläubig ihren Kopf. Erstaunt sah sie die wenigen Seiten genauer an. Als Cover war die Zeichnung eines jungen Mannes mit weißblonden Haaren darauf, der einfach unverschämt gut aussah. Verwirrt schaute sie das Bild an. Ihr Herz begann plötzlich und unvermutet heftig zu pochen. »Menno, sieht der Kerl gut aus. Der Zeichner versteht wirklich sein Werk.« Das Bild zeigte das lachende Gesicht eines jungen Mannes mit ungebärdigen Ponyfransen, die ihm über die großen, schräg stehenden Augen fielen. Volle, sinnliche Lippen waren zu einem bezwingenden Lächeln verzogen und der Schalk schien aus jeder Pore dieses anziehenden Gesichtes zu Luken. Die Haare waren am Oberkopf zu einer Art Knoten aufgetürmt, die von einem goldenen Reif gebändigt wurden. Von dort fielen sie lang und wild auf die Schultern hinab und reichten bis zum Unteren Bildende. Semiramis hätte gerne gewusst, wie weit diese Mähne noch reichte, aber das war leider nur zu erahnen.

Ärgerlich über ihre heftige Reaktion auf die Zeichnung schüttelte sie den Kopf. Ich bin doch kein Kleinkind mehr, das sich noch in Comicfiguren verliebt. Sie warf das Heft auf die Couch und ging erst einmal ins Badezimmer, um sich ein schönes Vollbad einzulassen. Genießerisch schwelgte sie in ihrem Badevergnügen und erst sehr viel später am Abend, als sie sich zum Fernsehen auf die Couch legte, fiel ihr wieder das merkwürdige Buch ein. Gemütlich lümmelte sie sich auf ihre Couch, schlug die Beine übereinander und begann in dem merkwürdigen Heftchen zu blättern.

»Mein Name ist Deikugon. Ich bin ein Elf vom Stamme der Panterreiter und lebe mit meinem Stamm auf der vergessenen Insel. Wir befinden und hier an unserem Zufluchtsort, einem Eiland, geschützt vor neugierigen Blicken, in den Weiten der Dimensionen versteckt. Lange lebten wir in Frieden, aber vor einigen Jahrhunderten griff ein mächtiger Zauberer nach der Macht und stürzte uns ins Verderben. Gierig vor Macht, schürte er Streit und Zwist unter unseren Völkern. Inzwischen herrscht ein brutaler Krieg auf unserer früher so paradiesischen Insel. Stamm kämpft gegen Stamm und Zwietracht und Hass beherrschen das Denken fast aller Wesen.

Viele von uns sehnen sich nach Frieden und mein Vater war ein Vorkämpfer dieser Strömung. Er hat viele Gespräche geführt, was eines Tages sein Verhängnis geworden ist. Er wurde getäuscht und während einer geheimen Versammlung verraten und hinterrücks ermordet. Die Krieger Magladors stürmten die Versammlung und metzelten alle übrigen Anwesenden ebenfalls nieder. Seit diesem Moment bin ich der Häuptling der Pantherreiter und muss mein Volk jetzt führen. Ich folge dem Weg des Friedens, den mein Vater Bärenkralle beschritten hat, und werde seine Bestrebungen fortführen. Mädchen mit dem schwarzen Haar und den blauen Augen.

Ich habe dich in meinem Traum gesehen. Eine Stimme in meinem Traum sagte mir, dass du der Schlüssel zum Frieden bist. Du musst zu mir kommen. Fahre über die Meere zu dem Ort, den ihr Bermudadreieck nennt. Du gelangst dort in den Sturm des Grauens. Du wirst alle möglichen Gestalten sehen, die dir Angst machen werden und dein Herz vor Schreck stehen lassen können. Halte durch und durchquere den Sturm. Bist du dort hindurch, gelangst du in den Nebel des Vergessens. Du wirst vergessen, warum du überhaupt so weit gefahren bist, und was du wolltest, aber auch dort musst du bestehen und fest an dein Vorhaben glauben. Dann gelangst du an die Strände der vergessenen Insel. Dort warte ich auf dich beim Stamm der Panterreiter.

«Verwirrt ließ Semiramis das Buch sinken. »Mädchen mit den schwarzen Haaren und den blauen Augen. Hallo? Der konnte doch nicht etwa mich meinen. Das war nicht möglich. Meer des Grauens, Nebel des Vergessens.« Sie schüttelte den Kopf, dass ihre lange Mähne um ihren Kopf flog. Das ist doch alles Humbug.

Der Antiquitätenhändler

Zum Glück waren gerade Ferien und Semiramis konnte gleich am nächsten Tag den Händler erneut aufsuchen. Aber was war denn das? Da wo am letzten Tag noch der Laden war, war nichts mehr zu finden. Rechts befand sich immer noch das Teppichgeschäft und links der Modeladen, aber dazwischen war ... nichts mehr. Nur eine Baulücke. Fassungslos schaute sie genauer hin. Sie war sich hundert prozentig sicher, dass genau dort der Laden gewesen war. Sie lief die Straßen hinauf und hinunter.

Nein, sie hatte sich nicht verlaufen. Sie war genau an der richtigen Stelle, aber wie konnte das sein. Geschäfte verschwanden doch nicht von einem Tag auf den anderen. Noch immer war da das Haus mit der Hausnummer 12. Wie immer war dort der Schuhladen untergebracht. Hier hatte Semiramis schon oft atemberaubende Schuhe gekauft und die junge Verkäuferin im Laden winkte ihr fröhlich durch die Scheibe zu. Semiramis ließ den Blick die Straße hinauf und hinunter gleiten. Verständnislos schüttelte sie den Kopf.

Jetzt müsste eigentlich der schöne Altbau kommen, in dem sich der Antiquitätenhandel befand. Eigentlich merkwürdig, dass ihr ein solch schönes altes Gebäude nicht vorher aufgefallen war. Es war einfach wunderschön und behutsam restauriert worden und hatte sich seinen viktorianischen Charme bewahren können. Sie erinnerte sich noch genau an die steinernen Wasserspeier, die trutzig die Fassade bewacht hatten. Nun jedoch sah sie .... Nichts. Neben der Hausnummer 12 befand sich ein Neubau mit der Hausnummer 14.

Ein modernes Geschäftshaus mit vielen Büros ragte hoch in den Himmel hinein und hatte nicht die geringste Ähnlichkeit, mit dem heimeligen, wunderschönen Gebäude von gestern. Kurz entschlossen betrat sie das Schuhgeschäft und wartete ab, bis die sympathische Verkäuferin ihr Gespräch mit der Kundin, die sie eben bediente, abgeschlossen hatte. Dann sprach Semiramis sie an. Zuerst tat sie so, als würde sie sich für ein Paar roter Stiefel interessieren, die nicht in ihrer Größe im Regal standen. Dann kam sie aber zu ihrem eigentlichen Anliegen und dem Grund für den Besuch des Geschäfts.

»Ich wundere mich gerade, das es kein Haus mit der Hausnummer 13 gibt. Der Schuhladen hier hat die Nummer 12 und dann folgt schon ein Haus Nummer 14. Aber es ist auch keine Häuserlücke da, wo einmal ein Haus Nummer 13 gestanden haben könnte.« Die Verkäuferin lachte hell auf. »Da haben sich schon einige Leute darüber gewundert. Aber früher einmal waren die Einwohner in dieser Straße sehr abergläubisch. Da niemand in einem Haus mit der Nummer 13 leben wollte, wurde einfach keines mit dieser Hausnummer gebaut. Daher gab es hier noch nie die Hausnummer 13.«

Freundlich bedankte sich Semiramis bei der Verkäuferin und kaufte auch die roten Stiefel, die eigentlich der Vorwand für das Gespräch waren, dann aber doch sowohl in ihrer Größe da waren, ihr sehr gut passten und einfach bezaubernd waren. Nachdem sie das Geschäft mitsamt der Schuhtüte verlassen hatte, sah sie noch einmal auf die Visitenkarte des Antiquitätenhändlers, die er ihr gestern mitgegeben hatte. Da stand es doch genau. Brunnengasse 13, Antiquitäten Miragus. Kostbarkeiten und Einzigartigkeiten dieser und jeder Welt. Während sie noch auf die Visitenkarte starrte, begannen sich die Buchstaben wie von Geisterhand zu bewegen, veränderten ihren Platz, bildeten neue Gruppen, verschwanden und neue Buchstaben erschienen.

Als sich schließlich die wirbelnden Buchstaben wieder beruhigten, stand ein einziger Satz auf der Karte: Rette uns, Semiramis! Langsam begann sie, an ihrem Verstand zu zweifeln. Wenn der Laden plötzlich nicht mehr da war, vielleicht meinte dann ja der Briefschreiber wirklich sie. War hier Magie am Werk? Sollte sie versuchen, die vergessene Insel zu finden? Konnte das denn wirklich alles sein, oder war sie auf dem besten Weg, verrückt zu werden? Tief atmete sie ein. Aber er sah wirklich gut aus, dieser merkwürdige Elf ... .wirklich gut ... Pierre war gerade wieder auf Reisen, sie hatte Ferien und ihr Segelboot lag am Jachthafen im Wasser. Sollte sie einfach los segeln? Einer Fantasie nachjagen? Fragt sich nur, ob Deikugon wirklich existierte ... die Ohren waren einfach zu süß. Unwillig schüttelte sie den Kopf. »Mädel, du hast jetzt aber einen Knall. Demnächst glaubst du auch noch an Elfen und Hexen.«

Das Abenteuer beginnt

Lange hatte Semiramis mit sich gerungen, aber dann stand ihre Entscheidung unumstößlich fest. Sie würde ihre Ferien auf ihrem Segelboot zu verbringen und dabei in Richtung Bermudadreieck zu schippern. Wenn sie dabei, natürlich völlig unabsichtlich, den Anweisungen aus dem Buch folgen würde ... »Das wäre dann doch wirklich Schicksal«, meinte sie. Pierre war natürlich nicht sehr begeistert davon, dass sie alleine los segeln wollte, als sie es ihm telefonisch mitteilte. Aber sie hatte ihren großen Bruder schon immer gut um den Finger wickeln können.

»Wenn ich diese merkwürdige Insel finde, dann ist es gut und wenn nicht«, sie zuckte die Schultern. »Ich habe es dann wenigstens versucht und muss mir später keine Vorwürfe machen.«Auf ihr iPhone hatte sie sich einige Seekarten und manche nützliche Apps gespeichert. Die Vorbereitungen und das Packen an sich dauerten doch länger, als die junge Frau gedacht hatte! Aber endlich war es so weit. Sie nahm Proviant für mehrere Wochen an Bord und segelte schließlich in Richtung Bermudadreieck los.

Einfach war es wirklich nicht gewesen, Pierre zu überzeugen. Er ließ sie mutterseelenallein oft in Berlin zurück, wenn er rund um den Globus jettete, aber eine kleine Seereise alleine, das wollte er einfach nicht zulassen. Semiramis schnaubte innerlich, also sie noch einmal an die heftige Auseinandersetzung mit ihrem Bruder dachte. Zum Glück fand diese nur am Telefon statt und er hatte sich nicht leibhaftig drohend vor ihr Aufbauen können, als sie so gar nicht machen wollte, was er für richtig hielt.

»Pah.« Schimpfte sie vor sich hin. »Zuhause bleiben«, grummelte sie weiter. »Ein gutes Buch lesen oder einen von meinen bluttriefenden Krimis. Der spinnt doch.« Mit jeder Seemeile, die Semiramis zurücklegte, wurde sie unruhiger. Tat sie wirklich das Richtige? Hatte ihr Bruder vielleicht doch damit recht, das es eine Schnapsidee war, einfach alleine ins Blaue zu segeln? So richtig wohl war ihr ja selber nicht bei der ganzen Sache aber irgendein innerer Drang zwang sie dazu, dem geheimnisvollen Hilferuf zu folgen. Und dann war da ja auch noch dieser Elf mit dem umwerfenden Lächeln und dem traurigen Ausdruck in seinen Augen.

Natürlich hatte sie ihrem Bruder nichts von Deikugon erzählt. Er hätte sie dann wahrscheinlich für total übergeschnappt gehalten. Irgendwie ging ihr dieses anziehende Gesicht nicht mehr aus dem Kopf. »Es war nur eine Zeichnung ... Himmel NUR EINE ZEICHNUNG!«  Versicherte sie sich innerlich immer wieder selber. Deikugon beobachtete sie immer noch im Traum und sah die nächste Gefahr auf sie zukommen. Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her. »Pass auf Mädchen ... die Wellen sind hoch ... Schwarze Haar die vom Wind gepeitscht werden ... Mädchen ... Achtung ... der Mast kommt auf dich zu ... bück dich!« Schweißgebadet wachte der junge Häuptling auf. Als er sich ruckartig im Bett aufrichtete, stieß er dabei an die Pfote seines Panthers. Dragon gähnte mit weit aufgerissenem Maul und stupste seinen Freund in die Seite. Da war aber noch eine andere Hand, die unbarmherzig an ihm rüttelte. Neben dem Bett stand sein bester Freund Goldherz und sah ihn mit großen, sorgenvollen Augen an.

»Na endlich bist du wach. Du hast so laut geschrien, dass ich drei Hütten weiter nicht schlafen konnte. Was ist los Deikugon. Hattest du wieder diesen geheimnisvollen Traum von deiner schwarzhaarigen Schönheit?« Deikugon warf seinem Freund einen Seitenblick zu und erwiderte frustriert: »Ich glaube, sie ist unterwegs. Das dumme Mädchen bringt sich um Kopf und Kragen. Sie segelt ganz alleine mitten auf die gefährlichen Schutzwälle der Insel zu. Wenn ich ihr doch nur helfen könnte. Bei der großen Göttin und ich weiß einfach nicht, wie ich sie erreichen kann ... Ich weiß nicht, wie ich ihr helfen soll«.  Verständnislos sah ihn Goldherz an. »Na dann macht sie doch genau das, was du dir erträumt hast. Sie kommt zu dir«.

Schnaubend antwortete Deikugon mit blitzenden Augen: »Wenn sie so weitermacht, dann liegt sie tot auf dem Meeresgrund ohne das ich sie jemals zu Gesicht bekommen habe.« Den ganzen Tag über war der junge Anführer der Elfen tief in Gedanken versunken. Immer wieder horchte er in sich hinein, aber es kamen keine weiteren Visionen. Schließlich holte ihn der Alltag wieder ein und er hatte keine Zeit mehr, über die merkwürdigen Begebenheiten nachzudenken. Die Angst aber um die schöne junge Frau hatte sich tief in sein Herz eingegraben.

Semiramis war schon gefühlte Wochen unterwegs. Immer wieder hatte sie die kleine Jacht auch mit Motorkraft durch die Wellen getrieben, aber das Segeln fand sie doch viel schöner. Allein in den Weiten des Ozeans. Manchmal hatte sie auch Delphine gesehen, die dicht an ihr Boot heran schwammen und sie eine Weile begleiteten. Nie vorher hatte sie solch ein tiefes Gefühl von Frieden und Freiheit verspürt, wie jetzt hier in der Einsamkeit des Meeres. Aber die Idylle sollte nicht ewig anhalten. Ohne Vorwarnung begannen auf einmal Nebelschwaden um das Boot zu wabern. Sie durchzogen die Luft und die Kälte und Nässe, die sie mitbrachten, drang ihr in die Knochen und ließ ihre Kleidung feucht werden. Immer dichter wurde der Nebel, bis sie nicht mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Gestalten schienen sich aus dem Nebel herauszuschälen.

Direkt neben ihrem Kopf bildete sich die knochige Hand eines Skelettes aus den Nebelschwaden, die sich nach ihren Haaren ausstreckte. Immer näher kam die Hand auf sie zu und plötzlich verspürte sie einen harten Ruck, als sie ihre Haare erreicht hatte und kräftig an ihnen zerrte. Semiramis war starr vor Schreck und stieß einen schrillen Schrei des Grauens aus. Verzweifelt versuchte sie, nach dem Gerippe zu schlagen. Schließlich wendete sie den Kopf, versuchte das Entsetzen, das sie gefangen hielt, abzuschütteln und biss beherzt in die Knochenhand. Doch statt auf harte bleiche Knochen zu treffen, glitten ihre Hände durch die nun wieder neblig werdende Hand und schlugen hart aufeinander. »O.K.«, dachte sie. »Also keine Angst zeigen. Die Biester haben keine körperliche Macht über mich.« Tief atmete sie ein und stieß die Luft laut pfeifend wieder aus. Entschlossen griff die junge Frau wieder nach dem Ruder und lenkte die kleine Jacht zurück auf Kurs gen Norden.

»Woher weiß ich denn, dass dies der richtige Kurs ist«, dachte sie verzweifelt. »Aber ich weiß es einfach. Ich muss nach Norden...... immer nach Norden.« Ihre Finger verkrampften sich um das Ruder und die Knöchel traten weiß hervor, als der Horror weiter ging. Starr vor Grauen sah sie wie sich jetzt ein grauenhafter Pirat mit Holzbein aus dem Nebel schälte und mit schwingendem Säbel langsam auf sie zukam. Sein Gesicht war von einem bösen Grinsen verzerrt und seine Augen nur noch rot glühende Löcher. Das Holzbein löste immer wieder ein dumpfes »Poch« auf den Planken aus, als er auf sie zukam. Näher und näher schob er sich auf sie zu. Grinsend öffnete er seinen Mund und entblößte unzählige faulige Zahnstumpen. So dicht war er schon, dass sie meinte, seinen fauligen Atem riechen zu können, der in Wölkchen den schiefen Mund verließ. Seine Augen konnte sie nicht wirklich fixieren, denn die Pupillen rollen immer entgegengesetzt zueinander in den Augäpfeln herum als würden sie miteinander fangen spielen. Bedrohlich hob er die Hand, in der er einen Gold schimmernden Säbel hielt, an dem dunkle Flecken im unwirklichen Licht des Nebels zu erkennen waren. »Blut«, dachte Semiramis schaudernd.

»Ob da wirklich Blut dranklebt? Ist dieser Kerl denn tatsächlich echt oder spielen mir einfach nur meine Fantasie und der Nebel einen Streich?« Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die Gestalt in den abgerissenen kurzen Hosen und dem fleckigen schwarzen Hemd, das eigentlich nur noch von Löchern zusammengehalten wurde. Ein rotes Tuch war um seinen Kopf gebunden und hielt die fettigen Haare aus seiner Stirn. »Keine Angst zeigen«, betete sie sich selber wie ein Mantra vor, während sie spürte, wie kleine Rinnsale von Schweiß ihren Rücken hinunter liefen.

»Ich darf ihnen meine Angst nicht zeigen. Sie bekommen ihre Energie wahrscheinlich aus meiner Panik, und wenn ich ihnen die nehme, dann verschwinden sie. Aber wie macht man das, bei solch einem grässlichen Anblick keine Angst zu haben?« Fragte sie sich. »Ich muss mitten im Nebel des Grauens sein. Na der hat seinen Namen aber wirklich verdient. Dieser hässliche Pirat hätte jeden Kostümbildner eines Horrorfilms bestimmt stolz gemacht.« Trocken lachte sie auf. »Also Deikugon, wenn du mir irgendwie helfen kannst, dann tue es jetzt. Ich weiß nicht, wie ich hier alleine durchkommen soll und vor allem wie ich bei diesem stinkenden Atem noch Luft bekomme.«

Der Kopf der jungen Frau flog ungläubig zur rechten Seite herum, dass ihre langen Locken nur so um ihren Kopf peitschten, als von dort ein tiefes, wütendes Fauchen erklang. Aus heiterem Himmel tauchte aus dem Nebel ein Panther auf. »Mist«, dachte sie verzweifelt. »Jetzt habe ich es nicht nur mit dem verrücken Piraten, sondern auch noch mit einem wilden Panther zu tun.« Semiramis riss die Augen weit auf. Sie konnte kaum ihren Augen trauen. Der Panther stürzte sich auf den Piraten und biss ihm in das Holzbein.

Heftig den großen Kopf schüttelnd zerrte er das Bein vom Körper des Piraten, schüttelte es triumphierend kurz hin und her, bevor er es dann einfach mit einer Drehung des Kopfes über Bord warf. Der Pirat löste sich wieder in den Nebel auf, aus dem er entstanden war. Der Panther aber drehte noch einmal den Kopf und schenkte Semiramis einen langen Blick, ehe er mit eleganten Sprüngen über die Bordwand setzte und vom Nebel verschluckt wurde. Wild pochte das Herz in ihrer Brust und drohte sie zu zersprengen. »Wann um Himmels willen bin ich endlich durch diesen fürchterlichen Nebel hindurch?« Verständnislos schüttelte sie den Kopf.

»Der Panther scheint mich beschützt zu haben. Aber wieso das? Hmmmm. Deikugon ist der Häuptling der Pantherreiter. Ob das was mit ihm zu tun hatte? Hat er mich vielleicht gehört und das schöne Tier geschickt?« Tief und erleichtert atmete sie auf, als der Nebel sich endlich zu lichten begann. Ohne Übergang war über ihr ein strahlend blauer Himmel zu sehen. Die See lang ruhig und flach vor ihr, als wäre sie nicht gerade durch diesen Horrornebel gefahren, sondern befände sich auf einem Segelausflug am Sonntag. Semiramis wusste, dass diese Atempause nur von kurzer Dauer sein konnte.

»Wenn es den Nebel des Grauens wirklich gibt, dann gibt es auch den Sturm des Vergessens. Hmmmm. Was kann ich nur tun, um mich darauf vorzubereiten.«Nach einigem Grübeln kam ihr die zündende Idee und schnell setzte sie ihre Gedanken in die Tat um. Mit einem wasserfesten Stift, den sie in ihrer Tasche hatte, schrieb sie sich auf den Unterarm: Nicht umkehren. Deikugon wartet! Kaum mehr als eine halbe Stunde fuhr Semiramis mit dem Boot durch ruhige See. Sie nutzte die Atempause, um schnell etwas zu trinken und ein Butterbrot zu essen. Eine richtige Mahlzeit auf dem kleinen Campingkocher zu kochen traute sie sich nicht. Jederzeit könnte der Sturm des Vergessens kommen, vor dem sie Deikugon ja auch gewarnt hatte. Vorsichtshalber hatte sie die Segel gerefft und den Motor angeworfen.

Langsam und gemächlich schipperte die kleine Jacht durch ruhige Gewässer, aber die Augen der jungen Frau huschten immer wieder zum Himmel. Dann geschah, womit Semiramis gerechnet hatte. Mit einem Schlag verdunkelte sich der Himmel und plötzlich ballten sich tiefschwarze Wolken drohend zusammen. Immer düsterer wurde es, und die Wellen schlugen höher und höher gegen die Bordwand. Vorsorglich hatte Semiramis ein starkes Tau zurechtgelegt, das sie sich jetzt um die Hüften band und schließlich am Ruder befestigte. Die »Nixe« begann wie eine Nussschale auf den Wellen zu tanzen. Eisern hielt Semiramis das Steuer umkrallt und hielt stur weiter Kurs auf Norden.

Ohne Unterlass wehte der Wind immer stärker und peitschte ihr ihre langen Locken immer wieder ins Gesicht. Das Wasser war inzwischen fast schwarz und wieder und wieder rollten die meterhohen Wellen heran, um sich an der Bordwand zu brechen. Heftig schaukelte die Jacht und schien den Elementen hilflos ausgeliefert zu sein. Hoch trugen die Wellen sie hinauf, nur um sie dann umgeben von wirbelnder Wassergischt wieder hinuntergleiten zu lassen. Wie durch ein Wunder kenterte die kleine tapfere Jacht nicht, sondern nur etwas Wasser sammelte sich auf dem Deck zu Semiramis Füßen.

Dann öffnete der Himmel auch noch seine Schleusen und es begann heftig zu regnen. In kurzer Zeit war die schlanke junge Frau mit dem eisenharten Willen bis auf die Haut durchnässt. Wild peitschte der Wind und bald schon war der Regenvorhang so dicht, dass sie kaum noch etwas sehen konnte. Beinahe schwarz war der Himmel inzwischen geworden. Dunkle Schatten krochen heran und umfingen die junge Frau.»Oh man«, grübelte sie. »Und das alles nur, weil mich ein Mann, von dem ich nur eine Zeichnung kenne, um Hilfe gebeten hat. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob der Kerl auch wirklich mich gemeint hat. Es gibt schließlich viele Mädchen mit schwarzen Haaren und blauen Augen.«

Sie stöhnte auf. »Ich muss doch echt bescheuert sein, mir so eine Tortur anzutun. Selbst schuld Semiramis.« Schrie sie weiter gegen den Sturm an. »Das hast du nun von deiner Neugier. Wehe der Kerl entpuppt sich als hässlicher Affe oder hat an jeder Hand eine Freundin. Soll ich es wirklich wagen Deikugon? Soll ich zu dir kommen?« Verzweifelt rief sie ihre Frage gegen den peitschenden Wind und dieser schien ihr die Worte von den Lippen zu zerren und im Nebel zu verwaschen. Da hörte sie plötzlich eine tiefe, wohlige Wärme in ihren klammen Knochen. Ein Feuer schien sich in ihrem Geist anzuzünden und füllte sie aus. Es vertrieb die Kälte und Steifheit des Nebels aus ihren Knochen und die Verzweiflung aus ihrer Seele.

»Ja«, hörte sie da in ihrem Kopf eine wunderschöne, sonore Männerstimme sagen. »Komm zu mir, mein schwarz gelockter Engel. Habe Mut. Du hast es bald geschafft. Ich bin in Gedanken bei dir und ich warte auf dich!« Der Sturm wehte ihr den Regen so hart ins Gesicht, dass es sich anfühlte, als würden kleine Eisdolche auf sie einstechen, aber die Stimme hatte ihr neuen Mut gegeben. Sie war so fertig, dass sie nicht einmal hinterfragte, wieso der Elf geantwortet hatte. Sie zweifelte nicht einmal an, dass es Deikugon gewesen war. Mit der ihr eigenen Sturheit hielt sie die »Nixe« auf Kurs. Sie trotzte mit fest um das Ruder verkrampften Fingern den wütenden Elementen.

Als sie wieder einmal den steifen Nacken ausschüttelte und den Kopf zu den wild flatternden Segeln hob, die sie vorhin extra gerefft hatte, sah sie, wie sie sich wie von Geisterhand von den Tauen befreit entrollten. Eine riesige Hand schob sich durch die dunkle Wolkenwand hindurch und teilte sie. Hell glühte sie gut sichtbar in der sie umgebenden Dunkelheit. Dann begannen die Fingerspitzen der unheimlichen Geisterhand aufzuglühen. Der Zeigefinger streckte sich und näherte sich unaufhaltsam den im Wind flatternden Segeln. Angstvoll schrie Semiramis auf, als die fauchenden Flammen begannen, auf dem Hauptsegel herumzukratzen. Es dauerte etwas, bis die geschockte junge Frau begriff, dass etwas auf ihr Segel geschrieben wurde. Wild fauchend fuhr der Wind in die Segel und blähte sie auf. Pfeil gleich schoss das schnelle Boot voran und panikartig krampfte sich die Hand der jungen Seglerin um die Pinne.

Panikartig schaute sie zum Segel und erwartete, es nun in Flammen stehen zu sehen. Etwas tröstete sie der peitschende Regen, der vielleicht das Schlimmste verhindern konnte. Aber anstatt das Segel nun zu verbrennen, loderte die Schrift kurz auf und schien ihr wie eine Fackel den Weg zu weisen. Immer weiter segelte sie geradeaus. Immer sturer hielt sie eisenhart die Faust um die Pinne gekrallt. Den Blick immer starr auf die flammende Schrift auf dem Segel gerichtet. Dann wurde es schlagartig heller um sie herum. Der Regen hörte so plötzlich auf, wie er gekommen war. Die wilden Wogen des Wassers glätteten sich und setzten die »Nixe« sanft ab.

Wieder kam dichter Nebel auf. Urplötzlich war er um sie herum … weiß und bedrohlich. Erschöpft schüttelte die junge Frau kurz ihre steife Hand aus: »Wenigstens regnet es nicht mehr«, dachte sie resigniert. Sie hob den Kopf zu der flammenden Schrift auf dem Segel und sah gerade noch, wie sie erlosch. Nur die kohlschwarzen Umrisse des Namens Deikugon waren noch auf dem Segel zu sehen und versicherten ihr stumm, dass sie nicht verrückt wurde, sondern dass dies alles eben wirklich passiert war. Kohlrabenschwarz stand die Schrift auf dem Segel und war im dichten Nebel fast das Einzige, was sie erkennen konnte. Stunde um Stunde schien es ihr, dass sie durch die weiße Nebelwand fuhr. Oder bewegte sie sich gar nicht vorwärts?

War alles nur eine Illusion? Kein Laut drang an ihr Ohr und sie schien jede Orientierung verloren zu haben. Geradezu unheimlich war die Stille in diesem weißen nichts. Sie machte ihr beinahe mehr Angst als der tödliche Sturm vorher. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, in der der Kampf Mädchen gegen die Natur andauerte. Dann änderte sich die Lage unvorhergesehener maßen. Die verkrampften Finger des Mädchens, in denen sie beinahe schon kein Gefühl mehr hatte, lösten sich vom Ruder. Verwirrt schüttelte sie sich die immer noch nasse Mähne aus dem Gesicht. »Was mache ich hier eigentlich?«, überlegte sie.

»Wieso bin ich so nass?« Verwirrt guckte sie an sich herunter und registrierte ihre klammen Sachen, die unangenehm an ihrer nasskalten Haut klebten. »Ich schippere hier mitten durch diese Nebelsuppe und anstatt umzudrehen, fahre ich immer weiter? Bin ich denn total plemplem?«Ratlos ließ sie den Blick über ihre Umgebung schweifen und sah um sich herum nichts als das immer wiederkehrende geisterhafte fahle Licht des Nebels. Seine Schwaden waberten um sie herum und krochen feuchtkalt in ihre sowieso schon durchgefrorenen Knochen fast hinein. »Wenn ich das Boot ruiniere, macht mein Bruder Sushi aus mir. Ganz zu schweigen, wenn er erfährt, in welche Gefahr ich mich da schon wieder hineinmanövriert habe.«

Nachdenklich runzelte sie die Stirn. »Wenn ich umkehre, musste ich eigentlich bald zu den Ausläufern Nebels kommen und irgendwann auf eine Küste treffen. Ich hab mich sowieso wahrscheinlich total verirrt.« Ein entschlossener Zug trat um ihren Mund, als sie wieder nach dem Ruder griff, um das Boot zu wenden. Als sie den Kopf drehte, um einen Blick auf den Zustand ihrer Segel zu werfen, fiel ihr Blick auf den Hauptmast. »Hä? Da hat ja jemand ganz groß einen Namen auf den Mast geschrieben.«

Verwirrt schüttelte sie den Kopf und rieb sich die Augen. »Geschrieben? Neee...das ist ja ins Segel hinein gebrannt worden. Mit welcher Technik funktioniert das denn? Was steht da eigentlich? D-e-i-k-u-g-o-n-? Deikugon?«, grübelte sie. Ihr Blick wurde auf ihren Unterarm gelenkt, als sie gerade die Pinne herumdrehte. Kurz rutschte ihr Ärmel nach oben und entblößte eine Schrift auf ihrem Unterarm. Immer wieder flog ihr Blick zwischen der Schrift auf dem Segel und dem Namen auf ihrem Unterarm hin und her: »Deikugon ? Moooooment mal.« Elektrisiert fuhr sie auf. »Natürlich. Der Elfenhäuptling.

Da wäre ich Riesenhirsch doch glatt auf diesen blöden Sturm des Grauens und den Nebel des Vergessens hereingefallen. Wenn das hier stimmt, dann stimmt vielleicht alles andere aus dem Brief von Deikugon auch? Und unheimlich genug war es wirklich, das hier nur Magie mit im Spiel gewesen sein kann.« Wie auf einen Schlag lichtete sich der geisterhafte undurchdringliche Nebel und hob sich wie ein Schleier über der jungen Frau. Strahlender Sonnenschein umfing sie auf einmal und ein wunderschöner blauer Himmel spannte sich über sie. Duftige Schäfchenwolken zogen am Himmel und leise plätschernd schlugen türkisfarbene, sanfte Wellen gegen die Bordwand.

Fassungslos sah sie sich um und nahm verwundert diesen friedlichen und fast schon paradiesischen Anblick in sich auf. Wohltuend drang nun die wärme in ihre durchgefrorene Gestalt ein. Schlagartig war die Temperatur um fast 20 Grad gestiegen. Resolut riss sie das Ruder wieder herum und gehorsam nahm die »Nixe« wieder Kurs auf Norden. Schaudernd dachte sie daran, dass sie ja, wenn sie umgekehrt wäre, schon wieder durch den Nebel gemusst hätte. »Danke«, lachte sie trocken auf. »Ein Mal Nebel des Vergessens reicht mir an einem Tag.«Übermütig lachend hielt sie ihr Gesicht der Sonne entgegen. Die »Nixe« schipperte wieder über einen völlig ruhigen Ozean. Das Haar klebte ihr strähnig um den Kopf herum und ihre Kleidung war klatschnass, aber Semiramis war glücklich. Sie hatte den Kampf mit den Barrieren der vergessenen Insel gewonnen. Und die warme Sonne würde schon das Ihrige tun, sie wieder vollständig zu trocknen. Ein heiseres Krächzen ließ sie erschrocken den Blick zum Himmel schnellen lassen, aber es waren nur ein paar Möwen, die oben kreisten. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entschlüpfte ihren kalten, bebenden Lippen.

»Gut«, seufzte sie erleichtert. »Möwen zu sehen bedeutet Land ist in der Nähe. Ich glaube«, grinste sie „»Deikugon, ich komme wirklich!«Sie warf den Kopf in den Nacken und die langen Haare wirbelten um sie, als sie sich vor Freude drehte. »Deikugon...Pass auf. Jetzt kommt Semiramis.«

Die Schlacht von BarDon

 

 

 

 

 

Während Semiramis die Ränder der vergessenen Insel am Horizont vor sich auftauchen sah, befand sich Deikugon mitten in einem alles entscheidenden Kampf auf Leben und Tod. Trolle hatten sich nachts an das Dorf der Elfen heranzuschleichen versucht, um die Pantherreiter im Schlaf zu überfallen. Deikugon war sich sicher, dass die Grünhäuter wieder einmal einem Befehl Magladors folgten. Der junge Elfenhäuptling war dem schwarzen Hexer ein Dorn im Auge. Er warb zu sehr für den Frieden und bisher hatte er alle Angriffe auf sich oder sein Dorf mit Witz und Cleverness abgewehrt.

 

Auch diesmal waren die Wächter der Elfen wachsam und schlugen sofort Alarm. Dies geschah aber, ohne dass die Trolle eine Ahnung von ihrer Entdeckung hatten, denn die Wachen riefen auf dem gemeinsamen Gedankenkanal des Volkes um Hilfe. So wurden die schlafenden Elfen mittels der Gedankenübertragung geweckt und eilten ohne Zeitverlust ihren Freunden zu Hilfe. Die Pantherreiter waren immer auf einen Angriff gefasst und das nicht erst, seitdem die Kriege wieder ausgebrochen waren.

 

Schon lange vorher schlief jeder Krieger mit dem Schwert neben sich. Das war noch zurückzuführen auf die Zeit, in der die Jäger in der Menschenwelt Elfenohren als Trophäen für ihren Mut ansahen. Auch Deikugon, der junge Häuptling, war sofort in seine Kleidung gefahren und saß wenig später auf dem Rücken seines Panthers Dragon und versammelte seine Kämpfer um sich. Mit lautem Kriegsruf warfen sich die Pantherreiter, wie ihr Name schon sagte reitend auf ihren treuen Gefährten, ihren Panthern, den heranwogenden Kohorten der Trolle entgegen. BarDon lag eigentlich idyllisch inmitten einer Talsenke, umgeben von hohen Bergen.

 

Rund um das Dorf plätscherten drei Flüsse und nur über eine schmale Brücke konnte man in das Innere des Ortes gelangen. Hier standen die Baumhütten der Elfen. Ihre Häuser schienen Teil der großen Bäume zu sein, die ihre Kronen Stolz gen Himmel reckten. Hoch in ihren Ästen waren die Holzhütten errichtet und schienen teilweise in den Baum hinein zu wachsen. Sie waren mit Hängebrücken miteinander verbunden und bildeten so ein Dorf hoch in den Lüften. Um die Baumstämme herum wanden sich Treppen zu den Behausungen der Elfen hinauf.

 

Die Fenster in den Hütten waren wie Bullaugen geformt, nur um einiges größer und hatten auch runde Fensterläden. Mit ihren Panthern befanden sich die Elfen in einer symbiotischen Verbindung. Jeder Pantherreiter suchte schon als Kind aus mehreren Würfen seinen Pantherfreund aus.sein. Nur wenn Elf und Panther sich über eine Gedankenbrücke miteinander verständigen konnten, waren sie die idealen Gefährten und wuchsen dann auch miteinander auf wie Spielgefährten. Sie gingen zusammen auf die Jagd und balgten sich herum. Ging man durch das Dorf, sah man oft ineinander verkeilte Bündel von Elfenjungen und Pantherbabys miteinander herum kugeln. Die Panther teilten die Langlebigkeit ihrer jungen Freunde und mit den Jahren wurden sie zu einem tödlichen Gespann.

 

Als aufeinander eingespielte Einheit reagierend sie mit tödlicher Genauigkeit bei jedem Kampf. Die Panther schliefen mit ihren Freunden hoch oben in den Bäumen und sprangen anmutig die Pfade hoch und runter. Rund um die Füße der Bäume waren Beete angebaut mit Gemüse, aber auch mit Blumen. Es gab Bänke zum Innehalten an den plätschernden Flüssen ebenso, wie Trinkbrunnen mit dem kühlen, salzhaltigem Nass aus dem Schoß der Mutter Erde.

 

Diese Idylle und der Frieden ihres Dorfes wurden nun von den Trollen bedroht. Sie wühlten sich durch die herrlichen Berge. Erde spritzte an den Stellen auf wo, sie aus dem Berg brachen und die grüne Naht der saftigen Wiesen zerstörten. Schon allein diese Verletzungen ihrer geliebten Heimat versetzten die naturverbundenen Elfen in Rage. Mit wilden Kampfschreien und grimmigem fauchen ihrer Panther setzten sie in großartigen Sprüngen über die Flüsse hinüber, die Brücke ignorierend. Es war ein beeindruckender Anblick der schimmernden, schwarzen Panther mit ihren hellhäutigen, langhaarigen Reitern auf den Rücken, die wie ein Mann in einer kaum aufzuhaltende Welle über die Flüsse setzten.

 

Als Deikugon den Trollkönig erblickte, preschte er mit Dragon mitten unter die Hauptmacht der Trolle und sprang behände vom Rücken des Panthers. Breitbeinig stand er dem großen, hässlichen Troll gegenüber und zog ruhig sein Breitschwert aus der Scheide auf seinem Rücken. Dragon umkreiste derweil die beiden und hielt mit gefletschten Zähnen die anderen Trolle auf Abstand. Drohend hob Deikugon sein Schwert mit beiden Armen über den Kopf und sah seinen Kontrahenten böse an. Grimbor war gut zwei Meter groß. Seine Haare waren tiefschwarz und standen wie Schweineborsten starr von seinem Kopf ab.

 

Sein Körper war vollständig von grüner, lederner Haut mit dicken Beulen bedeckt. Bei den Trollen galten diese Beulen als Zeichen ihrer edlen Geburt. Je größer die Beulen und je mehr man davon über den Körper verteilt vorzeigen konnte, desto angesehener war man in ihrem Volk. Sie waren ein Zeichen der Reinblütigkeit ihrer Träger. Grimbor war demnach hoch angesehen, dachte Deikugon, als er dessen Beulen übersäten Körper anvisierte, um zu überlegen, wo er am besten seinen Schwerthieb platzieren sollte.Grimbor dagegen schätzte Deikugon ab. Seine Augen waren hinter den hohen Stirnwülsten kaum zu erkennen, aber die riesige Axt in seiner Hand bereitete dem jungen Häuptling etwas Kopfzerbrechen. Außer einem braunen Lendenschurz war der Troll nackt.

 

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