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Die Verführung des Ritters

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Buch 1 - Die Saat
  7. Prolog
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Zwischenspiel - Das Jahr der Brache
  1. Buch 2 - Die Ernte
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  16. Kapitel 15
  17. Kapitel 16
  18. Kapitel 17
  19. Kapitel 18
  20. Kapitel 19
  21. Kapitel 20
  22. Kapitel 21
  23. Kapitel 22
  24. Kapitel 23
  25. Kapitel 24
  26. Kapitel 25
  27. Kapitel 26
  28. Kapitel 27
  29. Kapitel 28
  30. Kapitel 29
  31. Epilog
  32. Schlussbemerkung

Über die Autorin

Kris Kennedy ist Ehefrau, Mutter, Psychotherapeutin und Autorin. Sie glaubt, dass jede Frau es verdient, von einem guten Buch in eine andere Welt entführt zu werden. Sie stammt aus Philadelphia und lebt nun mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einem Hund an der Pazifikküste in den USA.

Für meinen Mann.

Durch alle Zeiten ist er der Mann, der mich versteht.

Dem es wichtiger ist, dass ich an den Tagen glücklich bin,

an denen mich die Muse küsst, und nicht fragt,

ob ich aufgeräumt, geputzt oder die Wäsche gemacht habe.

Und der wissen will, wie es mir an den Tagen geht,

an denen sie mir die kalte Schulter zeigt.

Weil er mich liebt.

Du musst nicht mit dem Schwert für mich kämpfen oder

dich von Kronleuchter zu Kronleuchter schwingen.

Auch ohne das bist du mein Held.

Prolog

Der Hafen von Barfleur, Normandie, Frankreich

1. April 1152

Wie viel?«

Misstrauisch musterte der Kapitän des Schiffes den Mann, der vor ihm stand. Der Fremde wirkte finster und unheimlich. Er trug einen dunklen Umhang, dessen Kapuze er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Seine grauen Augen glommen wie Kohlenstücke. Der Hafen von Barfleur lag im Dunkeln, er war menschenleer und gespenstisch still. Der Regen peitschte fast waagerecht vom Himmel.

»Mehr, als einer wie du sich leisten kann«, murmelte der Kapitän und wollte sich abwenden.

Eine Hand schloss sich um seinen Unterarm. »Ich kann mir mehr leisten, als einer wie du sich vorstellen könnte.« Ein Beutel mit Münzen wurde dem Kapitän in die schwielige Hand geschoben. »Reicht das?«

Der Kapitän hob eine buschige Augenbraue, dann öffnete er den Beutel. Goldmünzen und Kupfermünzen klirrten in der Stille des Hafens laut aneinander. Er blickte zum anderen Ende des Kais, wo das Schild einer Schenke sich knarrend im Wind bewegte. Er warf noch einen Blick auf die Münzen in dem Beutel und zog die Kordel wieder zu. »Das wird reichen.«

Der Fremde reagierte mit einem tiefen, spöttischen Lachen.

Der Kapitän schob den Beutel unter seinen Mantel und kniff die Augen zusammen. Fackelschein spiegelte sich auf dem Pflaster des regennassen Kais. Der Umhang des Mannes vor ihm blähte sich im Wind. Es war schwer, ihn als reales Wesen wahrzunehmen. Dieser Mann wirkte so geisterhaft wie schwarzer Nebel.

Der Kapitän strich sich durch den dichten Vollbart. »Was habt Ihr gesagt, wie viele ihr seid?«

»Dreizehn.«

Er beugte sich vor, um inmitten der finsteren Schatten unter der tief in die Stirn gezogenen Kapuze ein Gesicht zu erkennen. Sogar das Pferd des Mannes, das ein paar Schritte abseits stand, war so pechschwarz wie die Nacht. »Aye. Zweifellos eine Zahl, die einem Unglück bringen kann.«

Der Fremde - vermutlich ein Ritter - richtete sich auf, während er die Arme vor der Brust verschränkte. »Zweifellos. Aber vor allem wird sie Euch Unglück bringen, wenn Ihr irgendjemandem von uns erzählt.«

Der Kapitän griff nach dem Geldbeutel unter seinem Mantel. »Schon gut. Mein Mund wird sicherlich kein Verlangen haben, irgendwelche Geschichten auszuspucken, solange er mit gutem Essen und ausreichend Ale gestopft wird - und sich an feuchten Frauenschößen laben kann.« Er lachte bellend.

Die grauen Augen musterten ihn gleichgültig. Dem Kapitän blieb das Lachen im Halse stecken, und er räusperte sich. »Wohin wollt Ihr?«

»Nach Wareham. Anderthalb Meilen westlich davon.«

Der Kapitän erstarrte. »Was? An der Küste könnte sich nicht mal ein Schwarm Fische zurechtfinden! Nein, das Risiko kann ich nicht eingehen …«

Der Fremde beugte sich unerwartet schnell vor. Im nächsten Moment steckte seine Hand unter dem Mantel des Kapitäns, und er zog den Geldbeutel hervor. »Dann wird eben jemand anderer das Risiko eingehen … und das Geld nehmen.«

»Also … Sir, also gut, ist ja gut«, jammerte der Kapitän. Er leckte sich über die Lippen, während er auf den Geldbeutel starrte, den der Fremde zwischen ihnen in der Luft hin und her baumeln ließ. »Ich hab ja nicht gesagt, ich würd's nicht eingehen, bloß dass es unklug wäre, Mylord …« Ungewollt war ihm diese Anrede entschlüpft. Aber was konnte dieser geheimnisvolle Fremde anderes sein als ein Lord, der ihm gewiss nur Ärger einbringen würde? »Und Ihr könnt mich nicht dafür verantwortlich machen, falls ein Unglück geschieht.«

Er sah die Zähne des Mannes aufblitzen, als dieser grimmig lächelte. »Ich werde viele unkluge Dinge tun, Kapitän. Und ich werde nicht von Euch verlangen, dafür geradezustehen. Morgen früh um sechs werde ich mit meinen Männern hier sein.

»D'accord«, brummte der Kapitän. Mit einem erleichterten Seufzen steckte er den Geldbeutel wieder ein.

Die dunkle Gestalt wandte sich ab. »Wir haben Pferde dabei.«

»Also, was um alles …« Der Kapitän verstummte, als er sich umwandte und sah, dass er allein auf dem Kai stand. Der Fremde war in der Dunkelheit verschwunden.

Kapitel 1

Sechs Monate später, Oktober 1152

London, 250 Meilen südlich des Stammsitzes derer von Everoot, genannt das Nest

Das Gedränge war beängstigend. Die Gäste mochten allesamt Adelige sein, aber sie waren genauso laut und derb wie eine Horde betrunkener Tagelöhner.

Sie trug ein grünes Kleid aus kostbarer Seide, die wie ein smaragdgrüner Wasserfall schimmerte. Das Mieder schmiegte sich so eng um ihren Leib wie die Ärmel ihre Arme bis zu den Ellbogen umschlossen, ehe sie sich weit auffächerten und in eleganten Falten ihre Handgelenke umspielten. Das ebenholzschwarze Haar fiel ihr in Locken bis weit auf den Rücken, nur einzelne Strähnen umschmeichelten ihre Wangen. Ein dünner Silberreif um ihre Stirn hielt den zarten Schleier aus hellgrüner Spitze fest. Nach außen war sie das Musterbeispiel einer sittsamen Frau von bester Abstammung und von außergewöhnlicher Schönheit.

In ihrem Innern jedoch herrschte Aufruhr, und ihre Nervosität drohte überzukochen.

Guinevere de l'Ami, die Tochter des erlauchten Grafen von Everoot, stand dicht an der Wand des Saales und umklammerte ihren leeren Weinkelch so heftig, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Einem vorbeigehenden Baron lächelte sie gleichgültig zu, woraufhin dieser auf sie zusteuerte und ganz und gar nicht gleichgültig lächelnd seine grau verfärbten Zähne zeigte. Gwyn sank das Herz. Ein junger Knappe ging an ihr vorbei. Sie beugte sich vor.

»Darf ich?«, fragte sie mit einem Lächeln und nahm ihm den Weinkrug aus der Hand.

Sein bartloses Kinn sackte herab. Er starrte erst auf seine Hand, dann auf Gwyn, die sich bereits ihren Weg durch die Menge bahnte, den Weinkrug fest in den Händen haltend. Sollte jemand versuchen, ihn ihr wegzunehmen, würde sie ihn auf dessen Kopf zerschmettern.

Sie fand eine kleine Fensternische direkt neben der neuesten Errungenschaft in diesem alten, zugigen Gemäuer: einer Feuerstelle. Sie versuchte, zwei Dinge zugleich in die Tat umzusetzen: mit der Wand hinter ihrem Rücken zu verschmelzen und sich ordentlich zu betrinken. Sie verzog das Gesicht, weil der Wein tranig schmeckte, nahm dann aber doch einen großen Schluck.

Um sich für das Kommende zu wappnen, gab es viele Möglichkeiten.

Hingegen gab es nur wenige Orte, genauer gesagt, nur wenige so großartige Orte, die besser als dieser dazu geeignet waren, sich mit Wein zu stärken. Sie befand sich auf dem Fest des Königs, das dieser am Ende einer zermürbenden Woche voller Sitzungen mit seinen mächtigen Ratgebern gab. Männer wie der reiche Graf von Warwick oder der mächtige Graf von Leicester waren zu diesem Fest gekommen. Männer, die so viel Macht hatten wie ihr Vater. Es waren die wenigen, unschätzbar wertvollen Getreuen, die dem König inmitten dieses schrecklichen, blutigen Bürgerkriegs geblieben waren.

Seit sechzehn Jahren war der englische Adel nun schon in zwei Lager gespalten. Familien waren auseinandergebrochen, Freundschaften zerstört worden, Erbschaften verloren gegangen. Räuber beherrschten die Straßen und plünderten die Dörfer. Hinzu kam, dass das Land ausblutete und verdorrte. Aber jetzt würde es noch schlimmer kommen.

Die Nachricht verbreitete sich bereits: Der mächtige Graf von Everoot war gestorben. Und seine Erbin, Guinevere de l'Ami, war eine alleinstehende Frau.

Sie stürzte den nächsten Schluck Wein herunter.

In dem großen, weitläufigen Saal dieser Londoner Festung war es mit Einbruch der Dämmerung dunkler geworden. Als die Sonne sich dem Horizont näherte, verströmte sie ein letztes Mal einen rosafarbenen Hauch, der durch das offene Fenster neben Gwyn fiel und den Saal in ein Licht tauchte, das sie an verblühende Rosen erinnerte. Und an Blut, das sich mit Wasser mischte.

Gwyn schenkte noch mehr Wein in ihren Kelch und dachte verdrießlich darüber nach, wie sie in diesem Moment daran Gefallen finden konnte, so blutrünstige Beschreibungen für einen Sonnenuntergang zu ersinnen.

Vielleicht führte die Tatsache, dass sie vor nicht einmal zwei Wochen ihren geliebten Vater verloren hatte, zu einem so unlogischen Verhalten, dachte sie erschöpft.

Aber wenn dann auch noch die eigene Burg belagert wurde, konnten solche Gedanken durchaus aufkommen. Selbst wenn man auf dem Fest des Königs weilte, 250 sichere Meilen von dieser Burg entfernt. Und doch brach es ihr schier das Herz.

Sie hätte es wissen müssen.

Marcus fitzMiles, Lord d'Endshire, hatte die Woche nach dem Tod ihres Vaters genutzt, sie mit seiner Aufmerksamkeit und Fürsorge zu überschütten wie ein Almosenier. Schon da hätte sie ahnen müssen, dass etwas Schreckliches auf sie zukam. Marcus fitzMiles war der nächste Nachbar und Verbündete ihres Vaters. Er war aber auch der habgierigste Baron in König Stephens vom Krieg gebeutelten Reich und fraß die kleinen Lehen auf wie Pinienkerne. Und bis Gwyn am Vorabend in London eingetroffen war, hatte er als Einziger gewusst, dass ihr Vater gestorben war. Der einzige Mensch, der wusste, wie ungeschützt Everoot jetzt war. Wie ungeschützt Guinevere war.

Sie hätte es wissen müssen.

Sie hob das Kinn und starrte blind vor sich hin. Ihre Augen brannten. Sie durfte das nicht zulassen. Nicht so schnell nach Papas … Nein, nicht so bald. Ihr Hals schmerzte, und sie kämpfte gegen die Enge in ihrer Kehle an, die sie würgen ließ. Nicht jetzt.

Sie hatte es ihm versprochen.

Andererseits habe ich an Papas Totenbett so manches Versprechen gegeben, das ich schlichtweg nicht verstanden habe, dachte sie verzweifelt. Aber man stritt nicht mit dem sterbenden Vater, wenn er darum bat, die Schatulle mit den Liebesbriefen, die er und ihre vor langer Zeit verstorbene Mutter sich geschrieben hatten, wie einen Schatz zu hüten. Oder wenn er sagte, er hätte sich geirrt, so schrecklich geirrt. (Was hatte er nur damit gemeint?) Oder wenn er sie flehentlich um etwas bat mit Worten, die er nur noch unverständlich hatte herausbringen können:. »Rade. Guh. Saw.« Was auch immer das hieß. Sie hatte neben seinem Bett auf dem kalten Steinboden gekniet und ihm alles versprochen.

Gwyn schluckte schwer. Anspannung, Angst und ein altes, sehr altes Gefühl der Scham verbanden sich in ihr zu einer rot glühenden Flamme. Sie krampfte die Finger um den Stiel des Weinkelches. Wo blieb denn nur der König, verdammt? Jede Minute, die verstrich, war eine Minute mehr, die fitzMiles blieb, um seinen bisher größten Happen zu verschlingen: Gwyns Zuhause.

Sie brauchte mehr Wein, drehte sich um - und lief direkt in Marcus fitzMiles hinein, den Graf d'Endshire.

»Himmel noch mal!«, rief sie ungehalten, als Wein über den Rand ihres Kelches schwappte. Einige Barone schauten zu ihr hin.

»Lady Guinevere«, begrüßte Marcus sie mit sanfter Stimme und nahm ihr den Kelch aus der tropfnassen Hand.

»Gebt her.« Sie entriss ihm den Kelch.

Ein routiniertes Lächeln umspielte seinen Mund. Er breitete die Arme aus und mimte die verwirrte Unschuld. »Aber selbstverständlich, Mylady. Ihr dürft so viel haben, wie Ihr wollt.«

»Vielen Dank, dass Ihr mir zurückgebt, was mir gehört. Wie auch das Nest.«

»Ahhhh.« Er neigte den Kopf leicht nach vorne. »Ihr habt also davon gehört.«

»Gehört? Gehört?«

Marcus warf einen flüchtigen Blick in die Runde. »Ja, in der Tat. Ihr habt davon gehört. Wie auch jeder andere davon erfahren wird, wenn Ihr Eure Stimme nicht mäßigt.«

»Ich soll meine Stimme mäßigen? Seid versichert, dass meine Stimme sich so laut erheben wird, dass selbst der König mich hört, Marcus. Oder jeder andere, der zuhören will. Bis Euch die Ohren klingen!«

Kühl betrachtete er sie von oben bis unten. »Gut möglich, dass Ihr diejenige seid, die brennt, Gwyn.«

Ihre Augen verengten sich zu engen, funkelnden Schlitzen. Ihre Finger, die den Stiel des Weinpokals hielten, verfärbten sich weiß. Wäre der Kelch ein Mann gewesen, er wäre jetzt eines grausamen Todes gestorben. »Ich? Brennen?«

»Wiederholt Ihr denn alles, was ich sage?«, monierte er mit gerade dem richtigen Maß Neugier, sodass sie den Mund zumachte.

»Dann machen wir es anders. Ihr wiederholt jetzt, was ich sage, damit wir sicher sind, dass Ihr es begreift, Marcus«, sagte sie mit gefährlich leiser Stimme. »Ihr werdet das Nest niemals besitzen.«

Er schüttelte den Kopf und lächelte so sanft, als geruhte er, ein Kind zu korrigieren, das sich irrte. »Nein, Mylady, Ihr missversteht mich. Ich ging davon aus, dass Eure Burg des Schutzes bedurfte, während Ihr und so viele Eurer Ritter abwesend wart.«

»Ihr habt Eure Armee zum Nest geschickt, um mich zu beschützen?«

»Im Grunde genommen, liebe Guinevere, scheint Ihr gut beschützt zu sein, weil Euch eine stattliche Anzahl Kämpfer zur Seite steht. Eine erkleckliche Zahl, wenn ich das so sagen darf, mit der Ihr in die Stadt eingezogen seid. Und eine kluge Entscheidung, denn so habt Ihr jeden, der nach dem Tod des Grafen an der Stärke von Everoot zweifeln könnte, gleich eines Besseren belehrt. Nein, Mylady, Ihr seid wahrlich gut bewacht.« Sein Mund verzog sich erneut zu einem Lächeln. »Es war Eure Festung, auf die das nicht zutraf.«

Sie ballte die Hände zu Fäusten. Der Pokal in ihrer Hand neigte sich, und der Wein floss auf den Fußboden. Sie schenkte dem keine Beachtung.

»Bauern und Dummköpfe haben sich vielleicht von Eurer Machtdemonstration beeindrucken lassen, mit der Ihr in die Stadt eingezogen seid«, fuhr er fort. Dann machte er eine Pause. »Ich allerdings nicht.«

»Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Ihr Euch nicht für einen Dummkopf haltet, Marcus«, zischte sie. »Aber Ihr irrt. Ich weiß, was Ihr vorhabt, und mein König wird davon erfahren.«

»Bedenkt, Gwyn, dass er auch mein König ist.«

Das klang eindeutig nach einer Drohung. Die knisternde Spannung ließ sie eine Winzigkeit zurückweichen. Ihre Lippen bewegten sich kaum, als sie erwiderte: »Ich bin sicher, König Stephen wird mir Gehör schenken.«

»Vielleicht hat er ja bereits mir Gehör geschenkt.«

In ihrem Hinterkopf begann ein Summen. Der Raum neigte sich leicht zur Seite und kippte, wie auch ihre Beine wegzuknicken schienen. »Was meint Ihr damit? Er hat nicht zugestimmt … Er wird nicht zulassen, dass Ihr mir mein Land nehmt!«

Sein Mund verzog sich zu einem mehr als nur beunruhigenden Lächeln. »Vielleicht lässt er mich ja mit Eurer Hand anfangen.«

Die Welle kam mit sanftem Pochen und flutete so machtvoll über sie hinweg, dass sie nichts mehr hörte als diesen langsamen hämmernden Rhythmus. »Wovon redet Ihr?« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Wispern.

Er hob eine Braue. »Eure Hand. Gereicht zum Ehebund.«

Der Kelch fiel scheppernd zu Boden. »Niemals«, flüsterte sie und wich entsetzt vor ihm zurück. »Nein, nie. Niemals! Ich werde Euch nie heiraten!«

»Nicht einmal dann, wenn Eure Festung auf dem Spiel stünde?«

»Um Himmels willen.«

»Natürlich wäre es, meinen guten Willen vorausgesetzt, ein Leichtes für Euch, für das Wohlergehen Eurer Leute zu sorgen.« Das Lächeln schwand. Es blieb nur der hungrige Blick. »Was ich ihnen zusichern könnte, wenn es mir auch gut ginge. Dank ihrer Herrin.«

»Ihr seid verrückt.« Sie begann sich durch die Menschenmenge vorwärtszukämpfen. Bloß weg von ihm. Überraschte Gesichter blickten zu ihr herunter, als sie Männer aus dem Weg schob. »Was mein Vater auch in Euch gesehen haben mag, es war eine Lüge.«

»Er sah einen Alliierten, Gwyn. Einen, mit dem man es sich lieber nicht verscherzte. Ich habe meine Ritter ausgesandt, um das Nest zu beschützen.«

»Ich weiß. Und jetzt seid Ihr hier allein. Mit mir.«

Gwyn schlug eine Hand vor den Mund.

Sie konnte diesen Wahnsinn einfach nicht glauben. Das Blut wich aus ihrem Gesicht, sackte in ihrem Körper nach unten. Ihre Knie wurden weich. Marcus beobachtete sie mit verschleiertem Blick.

Lieber Gott, er hatte geplant, sie hier in London zu heiraten! Er hatte nie vorgehabt, das Nest mit Gewalt einzunehmen, sondern hatte es sich durch Heirat aneignen wollen. Die Belagerung war nur eine List gewesen, damit sie genau das tat, was sie bereits getan hatte. Jetzt war sie schutzlos seiner Gnade ausgeliefert, und das war schon in besseren Zeiten keine gute Sache.

Nein, das war nicht möglich! Konnte er so gerissen sein?

Die Antwort konnte sie sich selbst geben. Höchstwahrscheinlich, ja. Vermutlich sogar noch gerissener, als sie sich vorstellen konnte.

Sie fühlte sich krank. Nicht schon wieder. Zwölf Jahre der selbst auferlegten Buße hatten keine Veränderung gebracht. Zwölf Jahre, in denen sie jeder wankelmütigen Laune widerstanden und jedes Gefühl niedergerungen hatte. Und jetzt wurden ihre Handlungen schließlich doch von Intuition und Gefühlen geleitet. Sie war impulsiv und leichtsinnig …

Wie viele Menschen mussten noch ihretwegen sterben?

Sie drehte sich abrupt um und machte zwei Schritte, ehe sie mitten in der Bewegung erstarrte, weil jetzt König Stephen am anderen Ende des Saals auftauchte.

Er eilte direkt in ihre Richtung. Die Menge teilte sich vor ihm wie ein Fluss aus Samt und Seide. Er marschierte an großen Adeligen vorbei, die leicht lächelten, an reichen Bürgern, die höflich nickten. Direkt auf sie zu. Gwyns Knie gaben fast unter ihr nach. Ihre Gedanken rasten.

Als er neben sie trat, nickte Stephen von Blois mit einem schmalen Lächeln Marcus zu, dem es irgendwie gelungen war, hinter Gwyn zu treten. Sie spürte seine Kälte, die wie ein gefrorener Fluss in ihren Rücken schnitt und ihr das Blut in den Adern erstarren ließ. Ehe sie mehr tun konnte, als ihren König wie ein Tölpel anzustarren, hob er ihre rechte Hand an seine Lippen.

Was fiel ihr nur ein, dass sie ihm direkt in die Augen blickte? Sie sank in einen tiefen Knicks nieder.

»Lady Guinevere.«

»Mein König«, hauchte sie ehrfürchtig. Papa hatte in den letzten sechzehn Jahren oft von diesem Mann gesprochen und ihr erzählt, wie er die Krone an sich gerissen hatte, nachdem der alte König gestorben war. Wie er Mathilda, die rechtmäßige Erbin des Throns, verbannt und die besten Truppen ganz Englands aufgeboten hatte, um seinen Herrschaftsanspruch zu sichern. Wie er die rebellierenden Lords und geldgierige Bürger in den letzten zwei Jahrzehnten in ihre Schranken verwiesen hatte. Und jetzt stand er nur wenige Zoll von ihr entfernt und drückte seine Lippen auf ihren Handrücken.

Und hinter ihr stand Marcus.

»Ich habe Euer Geschenk erhalten«, sagte der König und berührte ein Gesteck aus getrockneten Rosenblütenblättern, das er an dem Innenfutter seiner Weste befestigt hatte. Gwyn hatte ihm die seltene Rose von Everoot geschickt, die zweimal im Jahr blühte. Sie hatte zugleich ihre jährlichen Unterstützungszahlungen an den König geleistet.

Sie hob den Blick und schaute ihn aus Augen an, die so rund waren wie der Stopfen in einem Fläschchen. »Es war wohlgewählt, Euer Gnaden«, stammelte sie.

»Es kam mit einer Nachricht.«

»Ja, mein Herr«, murmelte sie und neigte erneut den Kopf.

»In der stand, ich könne mir der unsterblichen Treue der Erbin von de l'Ami gewiss sein.«

Sie neigte den Kopf noch tiefer. »Es ist nur ein geringes Zeichen meiner tiefen Ergebenheit und der unverbrüchlichen Beständigkeit Eurer nördlichen Provinz, Mylord.«

»Und ein schönes Zeichen, Herrin. Eines, an das ich mich erinnern werde, sobald ich der Unterstützung bedarf.« Mit einer leichten Berührung seiner Hand half er ihr, sich aufzurichten. »Die Treue Eures Vaters war unerschütterlich, und ich werde ihn vermissen. Er war mein Freund.«

»Wie es unser Name schon sagt«, murmelte sie.

»De l'Ami«, besann sich der König mit einem schmalen Lächeln. »Ein Freund, das war er wirklich.«

»Mein Vater hätte sich geehrt gefühlt, hätte er Euch so reden hören können. Dass er nun von uns gegangen ist, bereitet mir große Pein, aber die Möglichkeit, Eurem Willen zu gehorchen, lindert diesen Schmerz, Euer Gnaden. Ich stehe Euch jederzeit zur Verfügung.«

Die dunklen Augen des Königs betrachteten nachdenklich ihren gesenkten Kopf. »Ich werde mich daran erinnern.«

»Mylord«, murmelte Gwyn. Ihr Gesicht war leichenblass, als sie sich aufrichtete. Es hatte sich keine Gelegenheit ergeben, ihn im Gespräch um eine persönliche Unterredung zu bitten. Er schob sich bereits wieder durch die Menschenmenge.

Sie wollte ihm folgen, als Aubrey de Vere, einer der engsten Ratgeber des Königs, sich ihr in den Weg stellte. Der Graf von Oxford hatte eine wechselvolle Vergangenheit, in der er seinen Treueschwur beständig einem anderen Herren geleistet hatte. Aber ihre Väter waren zusammen auf dem Kreuzzug gewesen, und Gwyn spürte, wie ein leiser Funke Hoffnung in ihr aufflackerte, als er ihre Hände umfasste und mitfühlend drückte.

»Mylady, bitte lasst mich Euch mein aufrichtiges Beileid ausdrücken. Wie sehr es mich betrübt hat, vom Tod Eures Vaters …«

»Mein lieber Lord Oxford«, unterbrach sie ihn und schloss ihrerseits die Hände um seine. »Ich muss dringend eine Audienz beim König haben. Sofort. Könnt Ihr mir das ermöglichen?«

Er drückte ihre Hände. »Natürlich, Mylady«, sagte er beruhigend. »Es wird das Erste sein, was ich in der Früh für Euch tun werde. Ich werde die Termine des Königs sichten und …«

»Nein. Ich muss ihn jetzt sofort sprechen.« Sie drängte nach vorn und versuchte, über Oxfords breite Schulter einen Blick auf den König zu erhaschen. Sie bedrängte ihn so unnachgiebig, dass sie sich tatsächlich fast an ihm hätte vorbeischieben können, wenn er auch nur einen Zoll nachgegeben hätte.

»Aber, Mylady«, sagte er mit weicher, ruhiger Stimme, als wollte er sie beschwichtigen. Stattdessen stellten sich ihr die Nackenhaare auf. »Der König kann jetzt nicht. Er hat zu viele Verpflichtungen, denen er sich heute Abend widmen muss.«

»Das ist doch lächerlich«, widersprach sie. »Er ist doch da vorne. Es wird nur …« Sie verstummte, als ihr gleichzeitig zwei Dinge bewusst wurden. Erstens: Der König war nicht mehr zu sehen. Er war erstaunlich schnell davongeeilt, ob auf eigenen Wunsch oder auf Drängen anderer, vermochte sie nicht zu sagen. Und zweitens: Der Graf von Oxford und Marcus blickten einander über ihren Kopf hinweg an. Oxford nickte kaum merklich.

Ein kalter Angstschauder lief Gwyn den Rücken hinunter. Das Herz hämmerte ihr in der Brust. Der Graf senkte den Blick und verbeugte sich mit einer übertrieben höflichen Geste. Sein aalglattes Lächeln klebte geradezu auf seinem Gesicht.

»Euer Anliegen ist das Erste, um das ich mich morgen Früh kümmern werde, Mylady. Ihr habt mein Wort. Würde es Euch etwas ausmachen, über Nacht in der Residenz des Königs zu bleiben, damit Ihr am Morgen schnell zur Stelle seid? Nein? Nun schaut doch nicht so erschrocken drein, Mylady, es war nur eine Frage. Nun, dann bis morgen früh.«

Er bewegte sich durch die Menge wie ein Schiff, das durch das Meer pflügt. Gwyn fuhr herum. Kälteschauer krochen über ihre Haut, spannen ein Netz aus prickelndem Entsetzen. Das war doch nicht möglich. Heiliger Judas, das konnte doch nicht sein.

Marcus' Stimme erklang dicht an ihrem Ohr. »Wisst Ihr, Gwyn, der König glaubt, Eure Treue zu ihm wird auch mich an ihn binden. Aber wer kann schon sagen, ob das so sein wird? Wenn jedoch eine so schöne Frau wie Ihr zu Hause auf mich wartet …« Er wickelte eine Haarsträhne um seine Finger. »Vielleicht könnte ich dann ein gewisses Maß an Loyalität in meinem Herzen finden.«

Sie trat ihm wütend auf den Fuß und lief davon.

Nachdem er in der Menge nach ihr gesucht und seine Nase, auf der Suche nach der grünäugigen Schönen in jeden Mauerriss und jeden Winkel gesteckt hatte, musste Marcus fitzMiles sich schließlich eingestehen, dass sie verschwunden war. Die kleine Närrin.

Sie glaubte allen Ernstes, ihn so leicht loszuwerden? Nicht, solange eine Grafschaft auf dem Spiel stand. Und erst recht nicht, wenn es um ein Anwesen ging, das ihm immerhin um die zweitausend Pfund im Jahr einbringen würde. Oh nein. Selbst wenn die Gräfin ein hässliches Weib mit zusammengewachsenen Augenbrauen gewesen wäre - die Grafschaft Everoot wäre es allemal wert, diese Qual auf sich zu nehmen.

Zum Zeitpunkt des überraschenden Todes von Ionnes de l'Ami - das Ereignis lag jetzt zwei Wochen zurück - war Marcus Gast auf der Burg gewesen. Er hatte sogleich den Entschluss gefasst, sich das Nest mitsamt der Erbin zu schnappen. Dieses Küken mit den rabenschwarzen Haaren war einfach zu verführerisch, um es einem anderen Mann zu überlassen.

Aber zu seiner Überraschung hatte er feststellen müssen, dass er auf den rechten Augenblick warten musste. Lady Guinevere hatte ihre Flügel vielleicht noch nie erproben können, aber man hatte sie ihr auch noch nie gestutzt. Was ihr an Führungserfahrung fehlte, vermochte sie durch die Fähigkeit wettzumachen, Loyalität zu wecken. Ihre Ritter waren wie eine Meute wilder Hunde. Marcus hatte war klar geworden, dass er die Männer umhätscheln und umsorgen musste, obwohl er ihnen am liebsten einen Tritt verpasst hätte, damit sie von hier zu den Cinque Ports flogen.

Darum hatte er abgewartet. Er hatte neben Lady Guinevere gestanden, als ihr Vater in der Familiengruft beigesetzt wurde, hatte ihr sein Beileid ausgedrückt - was sie mit einem finsteren Blick quittiert hatte - und ihr angeboten, ihr mit Rat und Tat bei der Verwaltung des Lehens zur Seite zur stehen. Sein Angebot war mit gleichgültiger Verachtung abgelehnt worden. Er hatte das mit Anstand und lächelnd ertragen, doch bei der Erinnerung daran schmerzte ihm noch jetzt der Kiefer. Und er hatte gewartet. Auf den richtigen Augenblick.

Aber jetzt war das Warten vorbei. De l'Ami war tot, die Soldaten von d'Endshire standen vor den Toren der Burg Everoot, und König Stephen befand sich in einem Zustand zunehmender Verwirrung, der es ihm unmöglich machte, mehr als kraftlosen Widerstand zu leisten, wenn Marcus das Nest übernahm. Wenn überhaupt Widerspruch vom König kam. König Stephen hatte Marcus' Bitte, Guinevere heiraten zu dürfen, abgewiesen. So ein Dummkopf! Aber solange die Countess anderes glaubte, war das für ihn umso besser. Es war dann einfacher, sie zu überreden.

Aber ob einfach oder nicht, Guinevere würde seine Frau werden. Die Wurzeln des Stammbaums der Familie Everoot reichten weit zurück in der Geschichte dieses Landes, und die Äste dieses Baumes umfassten verschiedene Anwesen und Forstrechte von Schottland im Norden bis hin zur Irischen See. Und in Northumbrien, im Herzen des Heidelandes, lag das Nest.

Und dieses schlagende Herz barg einen Schatz in sich, der faszinierender war, als man es sich vorstellen konnte.

Ein letztes Mal ließ Marcus den Blick über die Menschenmenge gleiten. Guinevere war tatsächlich verschwunden.

Voller Wut hätte er am liebsten ausgespien. Rücksichtslos bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge, bis er vor den großen Holztüren auf einen seiner Männer stieß. »Sucht die Countess d'Everoot. Vermutlich ist sie in ihrer Unterkunft in Westcheap. Haltet sie dort fest, bis ich komme.«

Der Ritter wandte sich zum Gehen, doch Marcus packte ihn an der Schulter und drehte ihn grob zu sich herum.

»Und schickt nach einem Priester«, zischte er.

Kapitel 2

Zwanzig Minuten später trat d'Endshire die Tür zu den Räumlichkeiten in Westcheap auf. Er streifte die Kapuze vom Kopf und verharrte einen Moment lang regungslos im Schein der Fackeln. Dann sah er den finster dreinschauenden Ritter an, der neben der Tür stand.

»Sie ist verschwunden, de Louth?«, fragte er.

Die Räume sahen aus, als wäre ein Sturm hindurchgefegt. Was sich in den Regalen befunden hatte, war herausgerissen und in wilder Unordnung auf dem Boden verstreut worden. Auf den Bänken lagen Kleidungsstücke, und die Beine eines umgestoßenen Tisches ragten im Schatten empor. Gobelins, die einst die Wände geschmückt hatten, lagen zu Fetzen zerrissen am Boden. Aber nirgendwo fand sich eine Spur der Frau.

De Louth nickte grimmig. »Sie hat alles zurückgelassen.« Um seine Worte zu unterstreichen, hob er ein Stück hauchdünner goldgelber Seide hoch, das auf der Treppe zu den Zimmern im Obergeschoss lag. Der zarte Stoff verfing sich an seiner schwieligen Handfläche, als er ihn prüfend hochhielt. Marcus hatte dafür keinen Blick.

»Sie war schon weg, als wir kamen, Mylord. Keine Frau, keine Diener, keine Wachen …«

»Und keine Truhen, wie ich annehme?«

»Truhen?«

»Koffer. Truhen. Kleine Holzkisten.«

De Louth schüttelte den Kopf.

»Sie ist in aller Eile abgereist, aber ich habe keine kleinen Holzkisten gesehen, die sie zurückgelassen hat - abgesehen von der einen am Fußende des Betts. Und die haben wir durchsucht. Aber seht selbst.« Marcus schob sich an ihm vorbei und stürmte die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

In diesem Zimmer herrschte ein noch größeres Durcheinander. Kleider und Tuniken lagen zu großen bunten Stoffbergen gehäuft auf dem Boden. Eine Kerze war umgestoßen und ausgetreten worden, der Talg haftete als klebrige, noch warme Pfütze auf dem Boden. Marcus' Blick glitt zu der Truhe. Das Vorhängeschloss war gewaltsam geöffnet worden, der gewölbte Deckel der Truhe stand offen.

Er hockte sich auf die Fersen und betastete das zerstörte Schloss.

»Ihr habt nichts gefunden?«, fragte er mit gefährlich leiser Stimme. »Absolut nichts?«

De Louth schluckte. »Nur das hier.« Er hielt ihm einen kleinen silbernen Schlüssel hin, der an einer rostigen Kette hing. Marcus richtete sich auf. »Den habe ich auf dem Fußboden gefunden, Mylord. Sieht aus, als wäre er ihr heruntergefallen, als sie geflohen ist.«

»Beim Gekreuzigten«, murmelte Marcus beinahe ehrfürchtig. »Einer der geheimnisvollen Schlüssel.« Er nahm die Kette aus de Louths Hand. Seine Augen ruhten auf dem Silberschlüssel. Seine Stimme klang leise und beinahe summend. »Ich erinnere mich, diesen Schlüssel vor vielen Jahren schon einmal gesehen zu haben. Es gibt drei davon, wisst Ihr.« Er ließ die lange Kette durch seine Finger gleiten und lächelte leise.

»Nein, Mylord. Das wusste ich nicht.«

Marcus hob abrupt den Kopf. »Findet die Frau. Heute Nacht. Sofort.«

»Mylord.« De Louth verschluckte sich fast an dem Wort und verließ hastig den Raum. Der zarte Stoff, den er in der Hand gehalten hatte, flatterte zu Boden. Ein goldgelber Farbklecks, der sich an das dunkle Holz schmiegte. Marcus hatte kaum einen Blick dafür, als er de Louth folgte. Er zertrat den Seidenstoff unter seinem Schuh.

Gwyn hieb dem Pferd die Fersen in die Flanken. »Es tut mir leid«, flüsterte sie und machte es ein zweites Mal.

Dampf stieg aus den geblähten Nüstern des Hengstes auf, als er wütend schnaubte und sich halb auf die Hinterläufe erhob. Seine monströsen Hufe fuhren durch die Luft, doch er beruhigte sich wieder. Große Klumpen feuchte Erde flogen auf, als er im Galopp weiterpreschte. Gwyn wurde im Sattel heftig durchgeschüttelt, und sie stieß sich am Sattelknauf, ehe sie sich wieder fing. Sie biss sich auf die Lippen, um nicht aufzuschreien, und beugte sich tiefer über den Widerrist des Pferdes. Mit zitternder, aber dennoch fester Hand lenkte sie den Hengst.

Der Sonnenuntergang war gekommen und vergangen, der Abend war zur Nacht geworden, und sie hatte sich erst knapp zwei Meilen von London und der dort auf sie lauernden Gefahr entfernt.

Als sie in ihrer Unterkunft in Westcheap angekommen war, hatte niemand sie erwartet. Auch nicht Eduard und Hugh, die beiden jungen Ritter, die zu ihrem Schutz zurückgeblieben waren, nachdem Gwyn die anderen nach Norden geschickt hatte, um die Belagerung abzuwehren. Im Haus war es unheimlich still gewesen. Sie war durch die verlassenen dunklen Räume gehuscht und war vor der großen Eichentruhe am Fußende ihres Betts auf die Knie gesunken.

Kleider und Unterwäsche und Ballen feinster Stoffe waren durch die Luft geflogen, als sie verzweifelt nach der Schatulle suchte, die ihr Vater ihr auf seinem Sterbebett anvertraut hatte. Die verschlossene, mit Schnitzwerk verzierte Schatulle enthielt Liebesbriefe, die ihr Vater ihrer Mutter geschrieben hatte, als er sich auf dem Kreuzzug befand.

Sie würde diese Schatulle auf keinen Fall zurücklassen.

Gwyn hätte fast verzweifelt aufgeschrien, als sie eine weitere Hand voll Leibwäsche über die Schulter hinter sich warf. Durch das Fenster drang das Geräusch hämmernder Schritte herein.

»Bitte, lieber Herr Jesus«, flehte sie leise. Tränen brannten in ihren Augen. Just in diesem Moment berührte ihre Hand eine weiche, dicke Filztasche. Sie griff danach und riss sich dabei einen Fingernagel an einem Eisenscharnier ein.

Ein unverständlicher Ruf hallte durch das Fenster herauf.

»Nur ein paar Türen weiter«, antwortete ihm eine Stimme.

Schweiß rann an ihrem Leib herab. Sie erhob sich rasch und griff zuletzt nach dem einzigen Beutel Silber, der ihr geblieben war. Die Schatulle glitt aus ihrer Hand, und unzählige Pergamentrollen hüpften auf den Boden. Sie schnappte nach Luft, bückte sich und sammelte rasch die Schatulle und die Pergamente auf, befestigte die Filztasche und den Beutel an ihrem Gürtel und lief die Stufen hinunter. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie sich um. Ihr Haar löste sich aus dem Knoten, als sie verzweifelt den Kopf schüttelte und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

Eduard und Hugh, die beiden Wachen, die zu ihrem Schutz zurückgeblieben waren, waren noch immer nirgends zu finden. Eines war jedoch sicher: Sie durfte keine Zeit damit vertun, nach den beiden zu suchen. Sie rannte in den Stall und sattelte Crack, der nervös tänzelte. Der Hengst gehörte Hugh, und er hatte ihn erst vor Kurzem erworben. Er würde tief betrübt sein, wenn er feststellte, dass sein Schlachtross verschwunden war.

»Das soll ihm eine Lehre sein!«, stieß sie wütend hervor, während sie das sensible, tausend Pfund schwere Tier zu einem Steinblock führte. Sie kletterte in den Sattel und schwang ein Bein über die Kruppe. Es blieb keine Zeit, auf ihre abtrünnigen Beschützer zu warten, und erst recht nicht für solche Feinheiten, wie darauf zu achten, einen Damensattel zu benutzen. Gwyn riss die Zügel herum und galoppierte aus dem Stallhof. Seit ihrer Heimkehr vom Fest des Königs waren weniger als zehn Minuten vergangen.

Wie alle anderen Stadttore war auch Aldersgate um diese Zeit längst geschlossen. Gwyn galoppierte darauf zu und ließ das Pferd erst langsamer gehen, als das Tor in Sicht kam. Ein saftiges Bestechungsgeld sorgte dafür, dass ihr trotz vorgerückter Stunde gestattet wurde, zu passieren. Das hieß zwar auch, dass jeder, der ihr folgte, ebenfalls die Stadt verlassen konnte, aber das war etwas, über das nachzudenken ihr keine Zeit blieb. Sie ließ das Pferd langsam durch das Tor trotten und hielt das gemächliche Tempo, bis eine Anhöhe und eine Baumgruppe sie vor Blicken schützte. Dann stieß sie Crack die Fersen in die Flanken und spürte den Wind, der an ihren Ohren vorbeipfiff.

Die Herbstnacht war kühl und feucht. Dünne Nebelschleier schwebten etwa einen Fuß über dem Boden und waberten wie geisterhafte Bänder. Cracks weit ausgreifende Vorderbeine durchschlugen die Nebelbänder und ließen sie aufwirbeln, bis sie sich um Sträucher und Bäume legten. Das einzige Geräusch, das Gwyn außer Cracks Hufschlag hörte, war der Wind, der ihr in den von der Kälte geröteten Ohren sang.

Crack stieg plötzlich, und seine Hinterhufe gruben Furchen in die Straße. Nervös schwang er den Kopf hin und her, unschlüssig, ob er stehen bleiben oder weiterlaufen sollte. Gwyn zog heftig an den Zügeln und warf ängstlich einen Blick über die Schulter. Es konnte nicht sein. Nicht so schnell.

Hufschlag. Sie hörte ihn hinter sich auf der Straße. Es waren mehrere Pferde, die in rasendem Galopp zu ihr aufholten.

Sie schlug ihrem Hengst die Zügel gegen die Schulter und veranlasste ihn dazu, einen rasanten Satz nach vorn zu machen. Die Haare klebten Gwyn schweißfeucht im Nacken. Sie zerrte heftig daran und schnappte nach Luft. Zweimal schaute sie über die Schulter zurück und versuchte, durch die langen Strähnen ihrer Haare, die ihr ins Gesicht peitschten, etwas zu erkennen. Aber sie sah nichts, nur die Nebelbänder in der zunehmenden Dunkelheit. Ihr Herz klopfte so heftig, das dessen Hämmern das Donnern der Hufe übertönte.

Als sie sich zum dritten Mal umschaute, bot sich ihr ein erschreckender Anblick. Die Silhouetten von fünf Reitern auf riesigen Schlachtrössern waren hinter ihr aufgetaucht und hatten den Kamm eines kleinen Hügels erreicht. Die Männer hatten Schwerter gegürtet, und ihre Umhänge blähten sich im Wind. Von den Leibern der heranpreschenden Pferde stieg Dampf auf. Sie sahen wie wilde geisterhafte Höllenwesen aus.

Gwyn grub ihre Fersen in Cracks Flanken. Die morastige, unebene Straße vor ihr war bei Tageslicht schon gefährlich, aber in der nächtlichen Dunkelheit war es Wahnsinn, so schnell zu reiten. Es war daher kein Wunder, dass sie fast über den Hals des Pferdes nach vorn gestürzt wäre, als Crack mit den Vorderläufen einknickte und es ihm den Boden unter den Hufen wegriss. Schlamm spritzte hoch.

Dann stürzte sie aus dem Sattel. Der Hengst warf den Kopf zurück. Seine Augen waren weit aufgerissen, rot und wild. Er kam wieder auf die Beine und stürmte davon, auf eine Baumgruppe zu. Mit Schlamm bespritzt und auf den Knien liegend blieb Gwyn zurück. Mitten auf der Straße und absolut allein.

Kapitel 3

Lieber Gott, bitte rette mich, denn ohne deine Hilfe schaffe ich es nicht«, flüsterte Gwyn und kam stolpernd wieder auf die Füße.

Der Mond war aufgegangen, und sie sah die Schwerter der Männer aufblitzen, die ihr immer näher kamen. Einer von ihnen war ein Ritter; sie erkannte in ihm einen Angehörigen der Leibgarde Marcus': de Louth. Die anderen waren bewaffnete Kämpfer, die mit Kettenhemden und Helmen ausgerüstet waren. Gwyn stand auf und wischte sich den Schlamm von Kinn und Brust.

Die Reiter kamen näher. Der dumpfe Klang der Hufe wurde zu einem schmatzenden Geräusch, als die Pferde die riesige Schlammpfütze durchquerten, die Crack zum Verhängnis geworden war. Gwyn richtete ihren Blick auf de Louth, der zwei Längen vor den anderen ritt. Es waren fünf gegen eine.

»Lady Guinevere?«

Seine Stimme hallte unheimlich in der Dunkelheit wider. Er war nur noch ungefähr zwanzig Schritt entfernt. »Mylady? Lord d'Endshire hat uns geschickt, nach Euch zu suchen.«

»Ihr könnt ihm sagen, dass Ihr mich in bester Laune angetroffen habt«, erwiderte sie und keuchte atemlos, während sie die Röcke über ihre Knöchel zog, als wollte sie sie ordnen. »Richtet ihm meinen Dank für seine Besorgnis aus.«

Der Ritter zögerte. Er parierte augenblicklich sein Pferd, und die anderen Reiter verharrten hinter ihm wie dunkle Spiegel seiner selbst. Ihre Augen waren unter den Helmen fast unsichtbar, die Nasen von dem hakenförmigen Nasenschutz bedeckt, der von dem Helm hinabragte.

De Louth räusperte sich. »Er hat uns geschickt, um für Eure Sicherheit zu sorgen.«

»Seid versichert, Mylord, dass Lord Marcus Euch nur ausgesandt hat, um für sein Vermögen zu sorgen.«

De Louth berührte mit den Fersen leicht die Flanken seines Pferdes, das sich daraufhin langsam vorwärtsbewegte. Gwyn schluckte die Angst herunter, die sich in ihrer Kehle ballte. Das würde nie und nimmer gut gehen. Haare klebten an ihrem schlammverschmierten Gesicht. Sie hob trotzig das Kinn.

»Ich bin hier sicher, Sir, und ich würde es sehr schätzen, wenn Ihr mich jetzt allein ließet, damit ich ungestört meiner Wege gehen kann.«

Die Männer ritten näher zu ihr und wechselten dabei Blicke.

»Was soll der Unsinn, Mylady?« De Louths Stimme klang vor Verwunderung ganz hell. »Wir sind nicht mehr am Hofe des Königs, wo solche Höflichkeiten vielleicht etwas gelten. Ihr seid allein und steht ohne Pferd auf einer verlassenen Straße. Und da glaubt Ihr, hier sicher zu sein?«

Sie verlagerte ihr Gewicht. Morast quoll aus einem ihrer Schuhe. »Sicherer als bei Eurem Lord, denke ich. Darum werde ich einfach hierbleiben und warten, bis mein Pferd zurückkommt.«

Der Ritter lachte. Ein leises, amüsiertes Lachen, das das Vorrücken der fünf Reiter begleitete, die sich durch den Nebel langsam vorarbeiteten. »Wusstet Ihr, Mylady, dass seit gestern früh das Gerücht kursiert, einer von Henris Spionen würde sich auf diesem Teil der Straße herumtreiben? Was glaubt Ihr wohl, wird er tun, wenn er eine wie Euch hier allein vorfindet?«

»Vielleicht dasselbe wie Ihr? Er wird mich auf den Rücken eines Pferdes werfen und mich irgendwo hinbringen, wo ich nicht sein will?« Sie schob die Ärmel ihres Kleids nach oben, die jedoch sofort wieder bis zu ihren Handgelenken hinabrutschten. Es waren weite bestickte Ärmel, die sie im Augenblick mehr behinderten, als sie ihr nützlich waren. »Mir ist bereits klargeworden, was mich bei Lord Marcus erwartet, und ich ziehe das Risiko vor, dem normannischen Wegelagerer zu begegnen.«

»Es ist nur die Frage, was der Baron dann tun wird, Lady Guinevere.« Sein stählerner, konisch geformter Helm ragte jetzt dicht vor ihr auf, und seine Worte kamen, begleitet von dichten Atemwölkchen, darunter hervor. »Jedenfalls ist so gut wie sicher, dass er etwas unternehmen wird, wenn Ihr ihm Widerstand leistet.«

»Aber nur, wenn Ihr mich zu ihm zurückbringt.«

Schweigen senkte sich über die kleine Gruppe, als sie im Nebel verharrte. Dann führte de Louth seine Männer vorsichtig weiter. Alle paar Schritte parierte er sein Pferd, als wäre sie ein verwundetes Tier, das es langsam in eine Falle zu locken galt. Die Hufe der schweren Schlachtrösser versanken im Schlamm, rutschten ein wenig zur Seite, ehe sie sich mit einem abscheulichen saugenden Geräusch wieder hoben.

Rechts und links von Gwyn erstreckten sich dichte Baumgruppen, die Ausläufer der ausgedehnten Wälder. Verzweifelt warf sie einen Blick über die Schulter, aber hinter ihr waren nur die einsame Straße und die Dunkelheit. Kein Haus, keine Menschenseele. Keine Möglichkeit zu fliehen.

Entschlossen hob sie ein paar Steine vom Boden auf und ging einen Schritt zurück. Die Reiter folgten ihr. Gwyn wich erneut zurück und prallte gegen einen Baum.

»Das läuft wohl nicht so ab, wie Ihr es Euch erhofft habt, oder?«, fragte der Baum.

Die kalte Angst lief ihr den Rücken hinunter. Sie schaute zu dem Mann auf, der über ihr aufragte. Die tiefschwarze Silhouette, die sich von den Nebelschwaden abhob, ließ Gwyn an ein mythisches Ungeheuer denken. Sie öffnete den Mund, aber kein Laut drang über ihre Lippen. Das Blick des Fremden war jetzt auf d'Endshires Männer gerichtet.

»Tretet hinter mich, Mylady.«

»Was?«

»Tretet hinter mich, wenn Euch nichts geschehen soll.« Für einen Moment sah der Fremde sie an. Gwyn erkannte die Linie eines festen Kinns und einer geraden Nase, ehe er den Blick wieder abwandte. »Was wollen die Männer von Euch?«

»Wisst Ihr, wer die sind?«, flüsterte sie. Ihre Lippen fühlten sich trocken an.

»Das weiß ich.« Seine tiefe Stimme klang leise und unbeeindruckt.

Gwyn sah zu den fünf Reitern, die stehen geblieben waren. Sie starrten überrascht auf den Mann, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, und Gwyn empfand einen Anflug von Genugtuung, und ihr Mund fühlte sich plötzlich nicht mehr so trocken an.

Mit einer Armbewegung warf der Fremde seinen Umhang zurück und stellte sich vor Gwyn. »Was wollen sie von Euch?«, wiederholte er seine Frage.

»Sie wollen nichts von mir. Aber Lord d'Endshire schon.«

Etwas flackerte in dem Blick auf, mit dem er sie ansah. »Marcus fitzMiles will Euch?«

»Nicht mich. Aber mein Geld.«

»Ich verstehe«, erwiderte er, während er zu Gwyns Verfolgern sah, die jetzt wieder näher rückten. »Er war noch nie für eine Überraschung gut.«

»Wer wagt es, die Verlobte meines Herrn anzugreifen?«, rief de Louth. Dem weichen Zischen der Schwerter, die aus den Schwertscheiden gezogen wurden, folgte eine tödliche Stille.

»Ich bin nicht seine Verlobte!«, rief sie de Louth zu. Dann senkte sie die Stimme. »Er hat die Männer hinter mir hergeschickt, damit sie mich zurückbringen und dafür sorgen, dass es mein Wunsch ist, ihn zu heiraten.«

»Hmmm.« Bis auf das Geräusch zurückweichender Schritte und näher rückender Hufe herrschte Stille. »Bisher haben sie ihre Aufgabe eher schlecht erfüllt.«

»Sollten seine Männer hier scheitern, wird seine Streitmacht vor meiner Burg dafür sorgen, dass er Erfolg hat.«

»Das wäre keine Überraschung«, hörte sie ihn murmeln.

Dann, ehe Gwyn die Bewegung überhaupt wahrnahm, wich der Fremde nach rechts aus und duckte sich unter eine riesige Eiche. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er den größten Langbogen in der Hand, den sie je gesehen hatte. Zugleich zog er einen von drei Pfeilen aus seinem Gürtel. Dann hob er den Bogen, spannte die Sehne, bis sie fast sein Kinn berührte, und blickte am Pfeil entlang auf seine Gegner.

De Louth hob einen Arm, und die ihm folgenden Reiter parierten ihre Pferde. »Wir wollen nur die Lady, du Halunke!«, rief er laut. »Wir werden dich nicht dem Sheriff übergeben oder dich anderweitig belangen. Mein Wort darauf. Gib uns einfach nur die Frau.«

Plötzlich durchbrach ein lautes Lachen die herrschende Stille. »Und ich verspreche Euch auch etwas: Ihr werdet ohne die Lady von hier verschwinden. Wenn Ihr versucht, sie mit Euch zu nehmen, wird Euer Blut die Straße Eures verlogenen Königs tränken. Ihr werdet ohne sie gehen. Und jetzt verschwindet.«

Gwyn zuckte zusammen. Die Straße Eures verlogenen Königs?

»Nicht ohne die Frau.«

Der Fremde senkte das kantige Kinn und sah seinen Gegner unverwandt an. »Die Lady bleibt.«

Einer von de Louths Männern trieb sein Pferd vorwärts. Das Bild des furchtlosen Ritters abzugeben schien ihm verlockender zu sein, als auf seinen Verstand zu hören. Ein Pfeil sirrte durch die Luft und drang dem Mann in die Kehle. Er rutschte röchelnd aus dem Sattel und krümmte sich im Fallen. Gwyn erhaschte einen Blick auf eine gezackte Pfeilspitze, die, in Rot gebadet, an der Nackenseite des Halses hervortrat. Ein letztes Mal zuckten die blutbesudelten Hände des Soldaten, ein erstickter Schrei erklang, dann fiel er zur Seite und blieb tot auf der Straße liegen.

Die anderen vier Männer starrten ihren Gegner überrascht an. Doch der hatte bereits den nächsten Pfeil in den Bogen gespannt. Stille breitete sich aus. Die Bedingungen waren klar: Wenn die Männer sich zurückzögen, würden keine Pfeile mehr abgeschossen. Aber sie würden nicht gehen.

»O mein Gott«, hauchte Gwyn und berührte den Fremden am Arm. »Ihr habt einen von Marcus' Männern getötet. Er wird darüber nicht erfreut sein.«

Ein gutes Stück von ihnen entfernt stieg de Louth jetzt aus dem Sattel, ging zu dem Toten und versetzte ihm einen Tritt in den Rücken.

»Was d'Endshire erfreut, war noch nie meine Sorge.«

Sie zwang sich, ihm in das von Schatten verhüllte Gesicht zu sehen. »Ihr seid entweder dumm oder verrückt. Lasst mich Euch von den Dingen erzählen, die Marcus erfreuen. Einmal war er über den Tod seines Zwergfalken so erzürnt, dass er seinen Falkner d'Aubry mit Honig beschmieren ließ und ihn dann fünf Tage lang gefesselt auf einem Ameisenhügel liegen ließ. D'Aubry ist nie zurückgekehrt. Zumindest nicht im Ganzen.«

Er sah sie an.

»Seitdem lässt Marcus zu jeder Mahlzeit Honig servieren. Gewärmten Honig«, fügte sie hinzu.

Er zuckte mit den muskulösen Schultern. »Wie ich schon sagte, sind d'Endshires Vergnügungen nicht meine Sorge«, murmelte er, und etwas, das sich fast wie Freude anfühlte, ließ Gwyn das Herz höher schlagen.

De Louth bückte sich jetzt und zog den Pfeil aus dem Toten. Er betrachtete ihn eingehend. Etwas Silbriges blitzte auf, als der Mond für einen Moment hinter den Wolken auftauchte. De Louth ließ den Pfeil fallen und stieg wieder in den Sattel.

Gwyn zog sich ihren Umhang fester um die Schultern. »Ich sollte Euch dazu überreden, diese Angelegenheit mir zu überlassen. Geht lieber, solange Ihr noch mit heiler Haut davonkommen könnt.«

»Ich werde nicht gehen.«

»Und ich möchte nicht, dass Ihr wie d'Aubry, der Falkner, endet.«

»Was mit mir geschieht, liegt nicht in d'Endshires Ermessen.« Er sah zu ihr herunter. Sein Mund verzog sich zu einem winzigen Lächeln. »Außerdem bevorzuge ich Süßeres als Honig, Mylady.«

Sie wollte das Lächeln erwidern und hätte es wohl auch getan, wenn sie nicht das Gefühl gehabt hätte, dass es unter diesen Umständen einfach nicht richtig gewesen wäre.

De Louth richtete sich im Sattel auf, wandte sich an seine Männer und sagte leise etwas zu ihnen.

»Also dann«, sagte Gwyn und straffte die Schultern. »Wenn Ihr so sehr darauf erpicht seid, Eurem Tod ins Auge zu sehen, will ich nicht undankbar scheinen.« Keiner von beiden wandte den Blick von den mit Schwertern bewaffneten Soldaten, die leise miteinander sprachen.

»Habt Ihr eine Waffe?«, fragte der Fremde.

»Einen Stein.«

»Einen Stein? Wisst Ihr, wie man einen wirft?«

»Ob ich weiß, wie man einen Stein wirft? Na, hört mal! Man … wirft ihn einfach.«

Er schnaubte verächtlich. In diesem Moment stiegen die Männer von ihren Pferden. In der Zeit, die es brauchte, einen Atemzug zu tun, hatte ihr Retter seinen Bogen abgelegt, das Schwert gezogen und sich schützend zwischen Gwyn und den Halbkreis der Angreifer gestellt.

Die Männer trugen Breitschwerter, waren aber auch mit Falchions und Dolchen bewaffnet. Sie rückten vor.

Gwyns Retter schwang sein Schwert gegen die Angreifer. Er befand sich hoffnungslos in der Unterzahl, doch das schien ihn nicht im Mindesten zu stören. Er beugte leicht die Knie und duckte sich, während seinem Blick keine Regung seiner Gegner entging. Er agierte mit einer Sicherheit und Eleganz, wie sie nur nach jahrelanger Erfahrung im Kampf möglich waren.

Einer der Männer d'Endshires versuchte einen Ausfall und zerschnitt mit seinem Schwert die Tunika ihres Retters, bevor er wieder zurücksprang. Die Tunika und der Waffenrock, auf dem kein Wappen aufgenäht war, fielen zur Seite, und ein Kettenhemd kam zum Vorschein. Er trug eine Rüstung. Eine teure Rüstung, die ihm wie auf den Leib geschnitten war. Und das schimmernde Schwert, das er führte, musste so viel wert sein wie ein kleines Landgut.

Wer war dieser reiche Wegelagerer, der sich auf einsamen Straßen herumtrieb und junge Damen rettete, die in Schwierigkeiten steckten? Wer war dieser Mann, der seinen - offensichtlich adeligen - Hals für sie riskierte?

Erneut traf Stahl auf Stahl, und Funken sprühten auf. Der nächste von de Louths Soldaten fiel zu Tode getroffen zu Boden und blieb auf der Straße liegen. Seine Kameraden wichen einige Schritte zurück, und für einen Augenblick herrschte eine Stille, in der nur das mühsame Atmen der Männer und das schmalzende Geräusch ihrer Stiefel auf der schlammigen Straße zu hören war, als sie einander umkreisten.

Allein ihre Überzahl sollte Marcus' Männern den Sieg sichern. Doch ihre Blicke huschten immer wieder zu ihren getöteten Kameraden. Keine der beiden Seiten schien gewillt, den Kampf voranzutreiben.

»Ich glaube, jetzt haben wir sie«, stellte Gwyn zwischen zwei Atemzügen fest, während sie sich weiterhin vorsichtig hinter dem breiten Rücken ihres Beschützers verbarg.

»Haben wir das, ja?«

Sie hielt ein paar Steine fest umklammert. »Oh ja.«

Er lächelte leicht, als sein Blick sie kurz streifte. Blaugraue Augen und ein Körper, der mit so vielen Muskeln bepackt war, dass er auf Gwyn wie ein Berg wirkte. Und dann dieses Lächeln. Erneut flammte Hoffnung in ihr auf. Drei gegen einen waren allerdings kaum ein günstiges Kräfteverhältnis.

Andererseits hatte es zu Beginn des Kampfes fünf gegen einen gestanden.

Erneut wagte sie, ein wenig Hoffnung zuzulassen. Trotz ihrer Angst lächelte sie.

»Das hier gefällt Euch wohl?«, fragte er sie und blickte wieder zu den Angreifern hinüber. »In der Nähe der Brücke sammeln sich einige Aufständische. Ich würde Euch gern dorthin mitnehmen, wenn wir hier fertig sind.«

»Das hier genügt mir vollauf. Aber vielen Dank.«

Unvermittelt stieß er sie von sich weg, fort von den Soldaten, die immer weiter auf ihn zukamen. De Louth und seine Kumpane rückten dieses Mal in einer Reihe vor, die Schwerter hielten sie mit beiden Händen umfasst und schwenkten sie vor ihren Körpern hin und her. Sie drängten Gwyns Beschützer bis zu der ersten Baumreihe zurück. Er versank bis zu den Knöcheln im Morast.

Gwyn begann, die Männer mit Steinen zu bewerfen, und versuchte verzweifelt, sie dadurch abzulenken. Aber niemand beachtete sie. Vielleicht lag es daran, dass sie niemanden traf. Sie schimpfte auf sich selbst, klaubte noch eine Hand voll Steine auf und bedeckte die Männer mit den kleinen schmerzenden Wurfgeschossen. Ein Kiesel prallte gegen de Louths Helm.

Als würde das etwas nützen. Sie war vielleicht diejenige, die von den Männern gejagt worden war, aber jetzt zählte sie gar nicht mehr. Die Blutrünstigkeit der Männer hatte die Oberhand über ihre Rettungsmission gewonnen. Sie konnte ihren schweren Atem hören, als sie sich immer näher an ihre Beute heranschlichen. Sie nahmen keine Notiz von Gwyn und dem Umstand, dass sie, je weiter sie vorrückten, außer Reichweite geriet.

Ihr Held wich zurück und stolperte. Ein Knie berührte den Boden.

»Hier drüben!«, schrie sie.

Drei Augenpaare fuhren zu ihr herum. Sie lief los.

Ein Soldat stolperte zu seinem Pferd und nahm die Verfolgung auf. De Louth und der andere zögerten, weil sie für den Moment abgelenkt waren. Dieses Zögern nutzte Gwyns Retter zu seinem Vorteil. Er sank auf beide Knie, hob seinen Bogen auf und schoss in schneller Folge zwei Pfeile ab.

Der zweite traf zuerst ins Ziel und drang tief in de Louths Oberschenkel ein. Der Getroffene schrie auf und sank zu Boden. Der erste Pfeil flog weiter, ehe er sein Ziel traf.

Er durchschlug den aus Leder gefertigten Brustpanzer des Reiters in dem Moment, als der sich zur Seite beugte, um Gwyn vor sich in den Sattel zu heben. Der Mann wurde nach hinten geworfen, seine Hände zerrten an den Zügeln. Der Kopf des Pferdes wurde zurückgerissen, und das Tier sank auf die Knie und brach zusammen. Gwyn stolperte und fiel zu Boden.

Aus dem Nirgendwo kam die Hand ihres Retters und schloss sich um ihr Handgelenk.

»Kommt«, keuchte er und riss sie grob auf die Füße. Zuerst sahen sie den Dolch nicht, den der letzte Soldat aus dem Gürtel gerissen und in ihre Richtung geschleudert hatte. Es war nur ein leises Zischen zu hören. Alles um Gwyn herum schien sich zu verlangsamen. Die Stahlschneide taumelte und durchschnitt die Luft. Gwyn stieß einen leisen Schrei aus.

Ihr Retter stieß Gwyn zur Seite, ehe er selbst zur anderen sprang. Diese Bewegung machte ihn angreifbar. Der Soldat setzte ihm nach und hob sein Schwert, als er vor ihm stand. Ihr Retter drehte sich instinktiv weg und fing den Hieb mit dem Rücken statt mit der Brust ab. Statt der Schneide traf ihn nur der Knauf des Schwertes. Dennoch war es ein erschütternder Hieb, der ihn in die Knie zwang. D'Endshires Söldner kniete über ihm und hob das Schwert, um ihm den Todesstoß zu versetzen.

So schnell, wie der schlammige Boden es zuließ, und ohne lange nachzudenken rannte Gwyn zu den Kämpfenden. Ihre Waffe war von eher zweifelhafter Durchschlagskraft. Sie hob ihren matschigen Schuh hoch.

Der Soldat blickte erstaunt zu ihr auf und drehte sich weg, um ihrem Schlag zu entkommen. Sein Schwert schlug auf dem Erdboden auf, ohne Schaden anzurichten. Gwyn schleuderte ihm ihren Pantoffel gegen die Stirn, bevor sie ihm mit aller Kraft den Bauch gegen die Schulter rammte. Die Heftigkeit dieses Angriffs wurde durch die Wut verstärkt, die sie verspürte. Sie und der Soldat flogen nach hinten.

Gwyn stöhnte, als sie landeten. Der Aufprall auf der gepanzerten Schulter des Soldaten trieb ihr die Luft aus der Lunge. Der Mann kam schnell wieder auf die Füße und hielt sich mit gespreizten Fingern seinen Kopf. Blut quoll unter seinen Händen hervor. Er starrte auf seine Hände, dann auf Gwyn, dann wieder auf die klebrige Flüssigkeit, die zwischen seinen Fingern hervortropfte.

Als er den Kopf hob, bleckte er die Zähne und brüllte so laut, dass ihr selbst aus einem halben Meter Entfernung die Haare aus dem Gesicht geweht wurden. »Du Miststück!«

Er stürzte sich auf die am Boden liegende Gwyn und drückte ihr mit einer Hand die Kehle zu. »Mein Lord ist ein Dummkopf, wenn er auch nur ein Stück von dir will, du Teufelsbraten«, keuchte er. »Ich werde ihm den Kummer ersparen.«

Gwyn konnte nicht mehr atmen, nur noch würgen. Ihr Herzschlag wurde langsamer, ihre Brust schmerzte, ihre Lunge schrie nach Luft. Sie widerstand dem Drang, das Bewusstsein zu verlieren, und kämpfte um ihr Leben. Seltsame Bilder kamen ihr in den Sinn: ihr geliebtes Pferd Windstalker, wie er Heu malmte; ihr Vater beim Nachtmahl; der Schrank, in dem sie die Gewürze aufbewahrte; die Haushaltspflichten, die zu erledigen sie versäumt hatte.

Die unglaubliche Ruhe, die sie plötzlich überkam. Habe ich daran gedacht, die Binsen auszuwechseln?, fragte sie sich und wusste in diesem Moment, dass ihr Leben vorbei sein musste.

Der dröhnende Schmerz in ihrem Kopf bedeutete nichts mehr. Er bedeutete nichts verglichen mit der Qual zu wissen, dass sie nach dem nächsten Herzschlag sterben würde. Ein dumpfer Schmerz zerriss ihr das Herz, und sie konnte aberwitzigerweise an nichts anderes mehr denken als an schmutzige Tischtücher.

Kapitel 4

Gwyn war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, und spürte zunächst nicht, dass das schwere Gewicht nicht mehr auf ihr lastete. Erst dann nahm sie wahr, dass ihr fremder Beschützer über ihr stand. Er hielt das Schwert in seiner Rechten, und sein Gesicht war blutüberströmt.

Neben ihr lag der blutige, in zwei Hälften gespaltene Kopf des Soldaten, aus dem eine breiige Masse hervorquoll, die sich mit dem Morast vermischte.

Gwyn öffnete den Mund, aber kein Laut kam ihr über die Lippen. In einiger Entfernung hörte sie die Schritte eines Menschen, der davonlief. Ihr Retter wirbelte herum, als wollte er dem Fliehenden nachsetzen. Doch dann murmelte er ein paar unverständliche Worte und wandte sich wieder Gwyn zu.

»Ist er tot?«, wisperte sie, als könnte irgendwer sie hören, der nichts von dem lautstarken Kampf mitbekommen hatte. Als könnte noch Leben in dem zerteilten Körper sein und von ihren Worten wieder geweckt werden.

Ein Blick aus dunklen, schattigen Augen glitt über den leblosen Körper. »Ja.« Mit einem Fußtritt schob der Fremde den Leichnam beiseite und streckte Gwyn die Hand entgegen, die in einem Handschuh steckte. »Kommt jetzt.«

»Er ist ganz sicher tot?«

»Ganz und gar.« Er streckte ihr noch immer die Hand hin.

»Wirklich tot?«

»Nein, er ist nur halbtot, und er wird Euch in den kommenden Jahren ständig verfolgen. Und jetzt steht endlich auf und kommt.«

Gwyn lag flach auf dem Rücken und runzelte die Stirn. Ein knirschender Schmerz ballte sich in ihrem Hinterkopf zusammen. »Ich habe eher Angst, er könnte mich verfolgen, wenn er vollständig tot ist, Mylord.«

Das brachte ihn für einen Augenblick zum Schweigen. »Steht Ihr jetzt auf oder nicht?«

»Habt Ihr denn schon so viele Männer umgebracht, dass einer mehr für Euch nichts bedeutet?«

Er richtete sich auf und blickte auf die verlassen daliegende Straße. Als er sich wieder Gwyn zuwandte, konnte sie nur am Schimmern seiner Zähne erkennen, dass er in der Dunkelheit grimmig lächelte. »Und Ihr, Mylady? Seid Ihr erst auf so wenigen Landstraßen unterwegs gewesen, dass Ihr nicht wisst, wie gefährlich es ist, allein zu reiten?«

Sie öffnete den Mund, klappte ihn aber sofort wieder zu.

»Wisst Ihr so wenig über Männer, dass Ihr glaubt, einer wie der wäre tot nicht besser dran?«

Er wies auf den Leichnam des Mannes, und sein Lächeln schwand. Er fuhr sich mit einer Hand durch das Haar und zerzauste die dunklen Locken zu feuchten Stacheln.

»Wisst Ihr eigentlich, wie erschöpft ich bin? Wie sehr ich mir einfach nur wünsche, nach Hause zu kommen?«

Er ragte vor ihrem ausgestreckten Körper auf. Aber sie hatte keine Angst vor ihm. Er hatte ihr das Leben gerettet. Wovor sollte sie sich da noch fürchten?

Ihr Verstand zählte die verschiedenen und durchaus überzeugenden Gründe auf. Vielleicht, weil er ein so beeindruckender Mann war, der nur aus harten Muskeln und durchdringend schauenden Augen zu bestehen schien? Vielleicht, weil er vier Männer in weniger Zeit getötet hatte, als sie zum Rupfen eines Hühnchens brauchte? Oder vielleicht auch, weil er in der Hand ein Schwert hielt, von dem noch immer warmes Blut tropfte?

»Steht auf.«

»Ich … ich …«

»Ihr …«, er beugte sich zu ihr herunter und packte ihre Hand, »hört nicht besonders gut auf das, was man Euch sagt.«

Er hob sie einfach vom Boden hoch, riss sie von dem Leichnam fort. Der gespaltene Schädel des Soldaten rollte zur Seite, und ein dünnes Rinnsal aus rot gefärbtem Speichel lief aus einem der Mundwinkel. Ihr Retter ließ sich auf ein Knie nieder, hob das Kinn des Toten, als überprüfte er sein Werk. Dann ging er zu den anderen toten Männern und machte bei ihnen dasselbe, ehe er sie zum Straßenrand trug.

»Uns bleibt nur wenig Zeit«, sagte er, während er die Toten zwischen den Bäumen ablegte. »Sobald de Louth die Tore von London erreicht, wird d'Endshire wissen, was geschehen ist. Und dann wird er hinter Euch her sein.«

»Oder hinter Euch.« Sie strich sich mit beiden Händen ihr Kleid glatt. Ihre Hände zitterten. »Es ist gut möglich, dass es ihm im Moment besser gefällt, Euch zu finden.«

Sie hörte ein scharrendes Geräusch, bevor er wieder auftauchte. Er hielt einen wertvollen Pfeil mit Eisenspitze in der Hand. Sie starrte ihn entsetzt an. Den Pfeil konnte er nur aus dem Leichnam gezogen haben.

Er hob sein Schwert auf. »Wie ich bereits gesagt habe, soll sein Vergnügen nicht meine Sorge sein.« Er verstaute den Pfeil wieder sicher in seinem Gürtel und kam auf sie zu. Das Schwert fuhr mit einem flüsternden Laut zurück in die Scheide. Er holte seinen Bogen, der unter einer Eiche gelegen hatte. Dann pfiff er.

Aus dem Nirgendwo kam das Schnauben eines Pferdes, und dann tauchte zwischen zwei hohen Eichen ein riesiges Ungetüm auf. Das Pferd sah aus, als habe die Natur sich bei dessen Erschaffung geirrt. Es schien nur aus Ecken und Kanten und krummen Beinen zu bestehen. Das Tier trug einen gebisslosen, mit Silberbeschlägen verzierten Zaum. Wieder so ein Stück, das mehr einbringen würde es als für ein ordentliches Schmiergeld für den Sheriff von Nottingham nötig wäre. Kostbarer Schmuck für ein merkwürdiges Tier.

Der Mann machte eine Handbewegung, und das Pferd kam zu ihm getrottet. Gwyn beobachtete, wie er liebevoll mit der Hand über den Hals des Pferdes strich. In der Sprache der Normannen flüsterte er seinem offenbar sehr geliebten Pferd etwas ins Ohr.

Gwyns Blick glitt ins Leere, dann blieb er an ihrem Schuh hängen, der noch immer halb versunken im Schlamm lag. Sie humpelte hinüber und hob ihn auf. Bei allen Heiligen, wie hatte sie nur glauben können, dass sie ihrem Retter mit diesem Schühchen zu Hilfe hatte kommen können?

Und was sollte sie jetzt tun? Ihr ursprüngliches Ziel, das sie so spontan ausgewählt hatte, als sie durch die Straßen Londons gelaufen war, war die Abtei von St. Alban gewesen. Aber die lag noch mindestens zwanzig Meilen entfernt. Und ohne Pferd war diese Entfernung unüberwindlich geworden.

Sie legte eine Hand gegen ihre Stirn. Alles war so schrecklich. Der Nebel, die dunkle Straße und ganz besonders der Fremde, der sie jetzt aus seinen graublauen Augen ansah. Er stand reglos neben seinem Pferd. War ihr das Blut zuvor noch heiß durch die Adern geflossen, wenn sie an ihn gedacht hatte, spürte sie jetzt nur noch eine eisige Furcht, die ihr wie ein Messerstich in den Rücken fuhr.

»Also gut«, sagte er schließlich. Seine Stimme klang in ihren Ohren wie ein betäubendes Grollen. »Was soll ich jetzt mit Euch machen?«

Die Eiseskälte grub sich tiefer in ihr Rückgrat. Was sollte das heißen: Mit ihr machen? Hatte sie nicht die erste Hälfte dieses Abends vor allem dafür gesorgt, dass kein Mann irgendetwas mit ihr machen konnte?

Und jetzt kam es zu diesem entsetzlichen Ende.

Sie schob den Fuß in ihren Schuh. Kalter Morast quoll an den Seiten heraus. »Ich möchte Euch meinen Dank aussprechen, dass Ihr mich gerettet habt, Sir, aber fühlt Euch bitte zu nichts verpflichtet oder aufgefordert, noch mehr für mich zu tun.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Ich bin Euch wirklich sehr dankbar für das Risiko, das Ihr um meinetwillen eingegangen seid«, fügte sie hinzu. »Nicht nur für Eure Person, sondern auch für den Ruf, den Ihr vielleicht genießt.«

Er schien sich um Letzteres nicht besonders zu sorgen, da er auf ihre Worte keine Reaktion zeigte. Allerdings schien er nicht besonders erfreut zu sein. Viele Möglichkeiten blieben ihr jedoch nicht. Gwyn räusperte sich.

»Ihr reitet nicht zufällig in Richtung der Abtei von St. Alban?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nun, das habe ich mir schon gedacht.« Sie atmete tief durch. Es gab noch eine andere Möglichkeit der Zuflucht, auch wenn sie den Weg dorthin nicht kannte. Aber vielleicht kannte dieser Ritter den Weg. Natürlich war es nicht die sicherste Variante. Papa hatte immer wieder betont, dass Lord Aubrey of Hippingthorpe, dessen Landgut in der Nähe lag, ein Mann mit zwar lächerlichem Namen, aber dennoch höchst gefährlichem Temperament war.

Aber, so befand Gwyn und drückte ihren Fuß tiefer in den kalten Schlamm, der ihren Schuh ausfüllte, Gefahr war im Moment wirklich relativ, oder nicht?

Sie blickte zu ihrem Retter auf. »Ihr könnt mir nicht zufällig den Weg in Richtung Hippingthorpe Hall weisen, oder?«

Etwas in seinem Blick flackerte kaum merklich auf. »Wollt Ihr jetzt jede Behausung entlang der Straße nach York aufzählen?«, fragte er kalt.

Sie wich zurück, raffte ihren ramponierten Umhang fester um die Schultern und hob um eine Winzigkeit das Kinn. »Nein. Natürlich nicht. Ich möchte mich entschuldigen für die … Probleme, die ich Euch bereitet habe. Darf ich Euch für die Unbill entschädigen?« Sie begann an dem Beutel mit dem Silber herumzufingern, den sie am Gürtel befestigt hatte.

»Nein.«

»Seid Ihr sicher? Eure Tunika ist zerrissen, und …« Sie verstummte, weil er die Arme vor der Brust verschränkte und sie betrachtete, als wäre sie ein ihm bisher unbekanntes Insekt.

»Also gut«, bemerkte sie fröhlich und wandte sich um. Mit großer Würde begann sie die Straße entlangzuwandern. Eine einsame, dunkle und zerlumpte Gestalt mit nassen Röcken, die an ihren Knien klebten und die sie bei jedem zweiten Schritt von sich wegtrat.

»Eines ist gewiss: Ich habe mich auf einen merkwürdigen Weg begeben, als ich heute Abend das Haus verlassen habe«, murmelte sie und strich sich die unordentlichen Strähnen ihrer von Dreck verklebten Haare aus dem Gesicht. »Wenn ich bisher gedacht habe, ich hätte mein Leben unter Kontrolle, wurde ich heute wohl eines Besseren belehrt.« Sie tastete nach dem nassen Stoff ihres Kleides, der sich bei jedem Schritt an ihren Beinen höher hinaufschob. »Und das gefällt mir überhaupt nicht.«

Griffyn »Pagan« Sauvage blieb lange reglos stehen und starrte die Straße entlang. Wind kam auf und blies beständig unter den Saum seines Umhangs.

Das Letzte, was er jetzt brauchte, das wirklich allerletzte von allen Dingen auf dieser Welt, war eine weitere Bürde. Ausgerechnet in dieser Nacht der Nächte.

Griffyns Mission war im Grunde nicht besonders kompliziert: Er sollte England auf die Invasion vorbereiten. Er sollte die Mächtigen ködern und die Dummen bestechen. Aber er musste es auf Biegen und Brechen schaffen und alle Hindernisse aus dem Weg räumen, denn Henri fitzEmpress, der Graf von Anjou, Herzog der Normandie und rechtmäßiger König von England, war bereit, wie ein Sturm über das Land hinwegzufegen und es von der Küste im Süden bis zum Hadrianswall im Norden einzunehmen.

Vor sechs Monaten war Griffyn heimlich an der englischen Küste gelandet und hatte sich seitdem mit Dutzenden kriegsmüden Lords getroffen. Männer, deren Loyalität auf Messers Schneide stand. Er hatte sie alle überzeugt, dass Henris Schwert das schärfere war. Er hatte Dinge getan, die keinem anderen Mann möglich gewesen wären, und er plante, diese Dinge heute Nacht ein letztes Mal zu tun. Denn heute fand das wichtigste Treffen seiner ganzen Mission statt. In einer abgelegenen Jagdhütte, etwa eine halbe Meile von dieser Straße entfernt, fand ein Treffen statt. Ein sorgfältig geplantes Treffen mit Robert Beaumont, dem Grafen von Leicester und mächtigstem Baron in Stephens Königreich. Wenn es Griffyn gelang, Beaumont auf Henris Seite zu ziehen, gehörte das ganze Land ihnen.

Der Name dieser Jagdhütte? Hippingthorpe. Genau der Ort, zu dem sie gern gebracht werden wollte.

Konnte sie ihm mehr im Weg stehen? Und zwar buchstäblich im Weg?

Das Schicksal von zwei Königreichen stand bei diesem Treffen auf dem Spiel. Wenn er Beaumont überzeugte, würde England ihnen in den Schoß fallen.

Und dann konnte Griffyn endlich nach Hause zurückkehren.

Ein unerklärlich heftiger Schmerz erwachte in seiner Brust. Ein Schmerz, den der Lauf der Zeit stets gedämpft hatte, der jedoch immer da gewesen war. Nach Hause. Sanft geschwungene, duftende Hügel, dichte Wälder und Heidekraut, das überall die Moore umschloss. Berge und Seen. Wildes, vom Wind umtostes Land. Mein Zuhause.

Er konnte keine Ablenkung gebrauchen. Heute Nacht nicht, eigentlich nie.

Er sah der einsamen, zerlumpten Gestalt nach, die in der Ferne immer kleiner wurde. Dann fluchte er leise und wandte sich ab.

Kapitel 5

Gwyn schniefte und beschloss, optimistisch nach vorn zu schauen. Doch dann verfinsterte sich ihr Blick. Bis jetzt schien sie St. Alban kein Stück näher gekommen zu sein. Andererseits mochten aber auch erst zehn Minuten vergangen sein, seit sie ihren Fußmarsch begonnen hatte.

»Heute Nacht werde ich wohl in einem hohlen Baumstamm schlafen müssen. Hoffentlich rieche ich nicht zu verlockend für irgendwelche Wildschweine.« Sie rümpfte die Nase. »Aber so, wie ich stinke, werde ich sie vermutlich in Scharen anziehen.«

Gwyn schaute zum Himmel und zog die Stirn kraus, als sie die Wolken sah, die sich über ihr zusammenballten. »Verflixt. Das sieht nach einem Gewitter aus. Und natürlich wird es auch zu regnen anfangen. Warum kriege ich eigentlich nicht gleich die Beulenpest oder es fällt ein Heuschreckenschwarm über mich her? Das würde doch gut als Abschluss dieser schrecklichen Nacht passen.«

Sie zitterte vom Kopf bis zu den nassen Füßen und war völlig durchgefroren. Ihre Fingerspitzen fühlten sich taub an, und die Knie zitterten vor Erschöpfung. Gwyn hob eine Hand und wischte sich damit die Nase. Dann rieb sie sich die Augen, die sofort zu tränen begannen. »Ich werde nicht weinen«, befahl sie sich wütend. »Ich habe mir das alles selbst zuzuschreiben. Weil ich dumm, naiv und stur war.«

Sie lief weiter, watete durch schlammige Pfützen und stolperte über die Unebenheiten der Straße. Ihre Beine zitterten und drohten, unter ihr nachzugeben. In der Sohle ihres Schuhs klaffte ein großes Loch.

Gwyn setzte sich mitten auf die Straße und zerrte sich den Schuh vom Fuß. Verfluchtes Ding. Was nutzten einem Schuhe, die nicht einmal eine widrige Nacht wie diese durchstanden? Ihr Kleid war vom Ausschnitt bis zur Hüfte zerrissen, und sie versuchte, die zerfetzte Seide notdürftig zusammenzuhalten und fester um sich zu ziehen. Ihr war so kalt wie noch nie, und sie fühlte sich einsamer als je zuvor in ihrem Leben.

»Was macht Ihr da?«

Die Stimme kam von oben. Gwyn legte den Kopf in den Nacken und starrte in die schiefergrauen Augen ihres Retters. Mit lässiger Eleganz saß er auf dem Rücken seines grobschlächtigen Pferdes und wirkte vor dem schwarzen Nachthimmel und den vom aufkommenden Wind gepeitschten Bäume dunkel und geheimnisvoll. Noch geheimnisvoller als zuvor, als er wie aus dem Nichts erschienen war, um ihr Leben zu retten.

Sie hielt den Schuh hoch. »Mein Schuh hat ein Loch.«

Der Grimm, mit dem er Gwyn angesehen hatte, wich etwas anderem. »Und was habt Ihr jetzt vor?«, fragte er. Seine Worte klangen wie ein Grollen.

»Ich gehe nach Norden.« Heiße Tränen brannten in ihren Augen.

Er nickte, dann zögerte er. »Das ist ein ziemlich vages Ziel.«

Sie versuchte, ihn wütend anzublitzen. Er blieb davon unbeeindruckt und starrte sie weiter aus seinen unergründlichen Augen an. Gwyn begann sich mit kühler Würde zu wappnen. Es war ihre einzige Verteidigung gegen die Panik und die Tränen, die in ihr aufstiegen. »Ich will nichts weiter, als nach Norden zu gehen, und werde ständig von irgendwelchen Leuten bedrängt, denen das nicht passt. Kann ich nicht einfach eine öffentliche Straße entlanggehen und …«

»Nein.«

Die Wuttränen brannten heftiger.

Sein finsterer Blick glitt über ihren Umhang. »Ihr seid auf dieser Straße nicht sicher. Schon gar nicht, wenn Ihr allein unterwegs seid.«

Sie spürte jetzt die Tränen, die heiß hinter ihren Lidern stachen. »Es mag bedauerlich sein, aber ich bin nun einmal allein auf dieser Straße unterwegs. Und es macht mir nichts aus, allein zu sein, denn das bin ich gewohnt. Was ich allerdings nicht gewohnt bin, ist, im Dreck zu sitzen.«

Er richtete sich im Sattel auf. »Dann kommt mit mir«, sagte er mit einer Stimme, die jetzt sanfter klang.

»Ich weiß doch gar nicht, wohin Ihr reitet.«

Er lachte. Ein leises, angenehmes Lachen, das ihre Furcht besänftigte. »Ihr wisst nicht, wohin ich reite, Mistress? Ich werde mich ins Warme begeben und mir ein Bett suchen. Wohingegen Ihr Euch in große Gefahr begebt, wenn Ihr allein weitergeht.«

»Ich bin es durchaus gewohnt, allein zu sein. Woran ich mich nicht gewöhnen kann, ist, dass meine Füße so wehtun. Oder dass mein Kleid so nass an mir klebt, oder … Verdammt!«

Sie starrte auf die Straße, die sich vor ihr erstreckte. Der Wind raschelte im trockenen Gras, das am Straßenrand wuchs, und machte ein leises sirrendes Geräusch. Dunkle Wolken jagten am Himmel dahin und verbargen die Sterne. Gwyn blickte zu dem Reiter auf und stellte fest, dass er jetzt lächelte. Ihr Blick verfinsterte sich. »Ihr findet das amüsant?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. Dunkel hob er sich von der Schwärze des Nachthimmels ab. »Es ist nur … Ich habe von einem Mädchen nicht erwartet, dass es so offen ausspricht, was es denkt.«

»Ach so, das. Nun, ich hatte oft mit den Dingen zu tun, mit denen Männer sich ja so gut auskennen.«

Er hob eine Augenbraue.

»Schlecht zu herrschen und gut zu fluchen«, beantwortete sie seine stumme Frage mit lässigem Gleichmut.

»Gut zu fluchen«, wiederholte er nachdenklich, während sein Blick über die auf der Straße kauernde Gestalt glitt. »Und schlecht zu herrschen. Und was noch, wenn ich fragen darf?«

»Ratlos zu sein, was die richtige Richtung angeht. Oh, und natürlich eine gewisse Neigung, niemals um Hilfe zu bitten«, erwiderte sie in mahnendem Ton.

Was ihn nicht zu bekümmern schien. Seine grauen Augen wirkten jetzt wärmer, schimmerten beinahe blau. In ihnen blitzte Heiterkeit auf. »Aber ich bin nicht verloren, Mistress.«

»Ich schon.«

»Dann dankt dem Himmel, dass ich jetzt bei Euch bin.«

Sie schnaubte recht undamenhaft, während sie sich ihren Schuh anzog und aufstand. Dass dieser Mann sich über ihre recht missliche Lage lustig machte, empfand sie mehr als frevelhaft.

Sie schaute wieder die Straße entlang, und ihr Blick fiel auf eine Hand, die aus dem Gebüsch ragte. Klein und weiß, hätte es aus dieser Entfernung alles Mögliche sein können, aber Gwyn war sich ganz sicher: Es war eine Hand. Die Hand eines toten Mannes.

Das war zu viel. Sie kniff die Augen zusammen, als eine Welle der Übelkeit sie packte.

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