Logo weiterlesen.de
Die Verdammten

Über den Autor

Peter Liney wurde in Wiltshire geboren, hat jedoch den größten Teil seines Lebens in Übersee verbracht. Er hat Sitcoms für das englische und amerikanische Fernsehen geschrieben, unter anderem für die ABC und Channel 4, sowie Dramen für die BBC und das südafrikanische Radio. DIE VERDAMMTEN ist sein Debütroman. Peter lebt derzeit in London.

BASTEI ENTERTAINMENT

KAPITEL 1

In jedem von uns steckt ein Schrei, den wir uns für den Tod aufheben. Haben wir ihn erst einmal ausgestoßen, ihn der Welt preisgegeben, gibt es kein Zurück mehr. Dann ist es an der Zeit, abzutreten und den zerbrechlichen Halt am Leben aufzugeben. Sonst entreißt es uns Gott einfach.

Falls Sie diesen Schrei noch nie gehört haben, hoffe ich für Sie, dass Sie das nie müssen. Ich hingegen muss ihn wohl schon Tausende Male gehört haben. Ich kann ihn auch in diesem Augenblick hören. Eine Frau, irgendwo abseits in Richtung der Felsen, schreit wie ein Tier, dem gerade klar geworden ist, dass es nur lebt, um geschlachtet zu werden. Ihre Schreie dringen aus dem Nebel wie Blut durch einen Verband.

Inzwischen ist die Stimme eines Mannes dazugekommen, wahrscheinlich die ihres Lebensgefährten. Er brüllt die Angreifer an, fordert sie auf, die Frau in Ruhe zu lassen, als hätte er auch nur den geringsten Einfluss auf die Lage. Aber den hat er nicht. Sein Tonfall strotzt vor Furcht. Bald wird sie sterben und er auch. Und ich kann nichts anderes tun, als hier in der Dunkelheit zu liegen und dem Pochen meines verängstigten Herzens zu lauschen, genau wie Hunderte andere in meiner Nähe, die auch nur dem Pochen ihrer verängstigten Herzen lauschen. Wir scheinen keine andere Wahl zu haben.

Wenn mir im Leben ein Wunsch freistünde – wissen Sie, was ich mir dann wünschen würde? Wollen Sie es wissen? Wieder jung zu sein. Dreißig … ach Scheiße, vergessen Sie’s – einundzwanzig. O ja, ich weiß: »Mit dem Alter erlangt man Weisheit. Jeder Lebensabschnitt hat seine eigenen Vorzüge.« Das ist völliger Quatsch. Nur ein Schönfärben des Weges ins Grab. Altwerden hat mit Würde nicht das Geringste zu tun. Es ist nichts Ehrenhaftes daran, wenn man ewig krank ist, wenn der Körper verfällt und nicht mehr mitspielen will. Und schwach bin ich auch noch geworden. Meine Muskeln hängen von den Knochen, als ob sie schmelzen, als ob sie zu Boden tropfen wollten. Früher war ich zu allem imstande. Wenn etwas Menschenmögliches zu machen war, dann war ich derjenige, der es vollbringen konnte, das kann ich Ihnen sagen. Hat sich mir etwas oder jemand in den Weg gestellt, dann war es kein Problem für mich, dieses Hindernis zu beseitigen.

Nicht dass ich ein fieser Kerl gewesen wäre. Ich habe für eini­­ge fiese Mistkerle gearbeitet, aber ich selbst habe nicht wirklich viel Gemeines getan. In der Regel hat allein mein Anblick genügt. Der große, breite, vor Muskeln strotzende Hüne mit einem Gesicht wie aus Granit gemeißelt. Ich war ein Vesuv mit Muskeln als Lava. Wenn jemand sah, wie ich durch die Tür kam und dabei das gesamte Licht hinter mir verdrängte, stammelte derjenige nur noch: »Ja, Sir, was immer Sie wollen, Sir. Ist mir eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Sir. Nur lassen Sie diesen riesigen Bastard nicht auf mich los.«

In Wirklichkeit war ich eher ein Schauspieler als sonst was. Ein Einschüchterer. Aber wenn es sein musste, konnte ich schon auch stark sein. Vor zwanzig, vielleicht noch fünfzehn Jahren hätte ich diesen Sack voll alten Knochen, in dem mein müdes Herz und meine jämmerliche Seele vor sich hinscheppern, einfach packen und wie eine Tüte mit bröckeligen Keksen zerknüllen können.

Glauben Sie den Mist nicht, den man Ihnen übers Älterwerden auftischt, denn in Wirklichkeit möchte man am liebsten weinen. Man möchte um die Gesundheit und die Kraft weinen, die man einst hatte. Wenn ich heute in den Spiegel sehe, dann starrt mich ein alter Sack an. Ich kenne ihn nicht einmal! Seine Haut ist eine Nummer zu groß für sein Gerippe, sein Haar ist brüchig und farblos, und in den traurigen, stumpfen blauen Augen schimmert kein Funken Leben mehr. Kurz gesagt, er ist alt. Und mit alt meine ich hilflos. Unfähig, all die schrecklichen Dinge zu beenden, die hier vor sich gehen.

Großer Gott! Was zur Hölle war das? Was machen die mit ihr, um sie so zum Kreischen zu bringen? Lasst sie in Ruhe! Um Himmels willen, lasst sie doch zufrieden.

Aussperren, das ist es. Alle Eingänge verriegeln und nichts und niemanden durchlassen. Nur ich hier drin in diesem gequälten alten Kopf, umgeben von endlosen Barrikaden verblassender und zerbrechlicher Erinnerungen.

Soll ich sie mit Ihnen teilen? Sie weitergeben, bevor sie verdorren und verweht werden? Das würde Ihnen eventuell verstehen helfen, wie wir alle in solch einem Leben enden konnten.

Wie weit soll ich zurückgehen? Die Vergangenheit scheint mir inzwischen unendlich weit entfernt zu sein. Mit meiner Kindheit will ich Sie nicht langweilen. Von meinem Alten weiß ich nur noch eins: An Samstagabenden kam er immer sturzbetrunken heim und sang meiner Mutter entweder wie ein Idiot ein Ständchen vor, oder er fiel wie ein Irrer über sie her. Eine Kombination, die sie anscheinend unwiderstehlich fand, denn als er eines Nachts im Schlaf starb, weigerte sie sich, es irgendjemandem gegenüber zuzugeben. Sie machte einfach weiter, stand morgens auf, ging ihrem üblichen Kram nach und schlief sogar neben der Leiche. Ich kann Ihnen sagen, wenn ich nicht eines Morgens reingegangen und auf seinem fleckigen, aufgedunsenen Kadaver rumgehopst wäre, bis dieser abscheuliche Gestank aus ihm rausgeschossen kam, läge er wahrscheinlich jetzt noch dort.

Leider habe ich selbst nie geheiratet. Hatte nie auch nur eine richtige Beziehung. Fragen Sie mich nicht, warum. Ich hatte eine vollkommen ehrenwerte Karriere vorzuweisen, habe für einen der stilvollsten Verbrecher weit und breit gearbeitet. Aber wissen Sie, was? Der Große, Starke kriegt nie eine Frau ab. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Ich erinnere mich noch an frühere Kinobesuche: Der Starke hat die Frau nie bekommen.

Allerdings ist meinesgleichen in Filmen schon immer rundum schlecht weggekommen. In Filmen ist der Muskelprotz immer strunzdumm. Ein Trottel, der nie einen Witz kapiert. Meine Theorie ist ja, dass Filme von schmächtigen Knilchen gemacht werden.

Sie versucht, zu flüchten. Ich kann sie hören. Schreit wie am Spieß, stolpert in der Dunkelheit, während sie hinter ihr herhetzen. Sie lachen und spotten, wie sie es immer tun, stacheln sich gegenseitig für den Todesstoß auf. Die Stimme des Mannes ist schon vor einiger Zeit verstummt. Ihn haben sie wohl bereits erledigt. Bitte komm nicht hierher, Lady. Ich hasse mich dafür, das zu sagen, aber bitte komm zum Sterben nicht hierher.

Wo war ich? Ach ja. Nach all dem Gerede über die Vergangenheit und übers Älterwerden dürfte es Sie nicht überraschen, zu erfahren, dass ich ein Inselhäftling bin. Ich wurde vor sieben Jahren hierhergeschickt, nachdem man mich nach einem Test als bedürftig eingestuft hat. Ich habe diesen kleinen Verschlag mitten im Dorf auf der Seite zum Ostufer hin. Viel ist es nicht, nur ein paar Bretter und ein paar Lagen Plastik, aber auf mehr kann keiner von uns noch hoffen. Natürlich ist es feucht, was nicht gut für meine Brust ist, und im Winter kalt. Vom Meer schleicht eine ganz besondere Art von Kälte rein – es ist, als ob man Eiswürfel ins Blut injiziert bekäme.

Dann sind da noch die Ratten. Tausende. An manchen Tagen hat man den Eindruck, die ganze Insel sei in Bewegung. Und rotzfrech sind sie außerdem. Die nehmen nicht die geringste Notiz von einem, ganz gleich, was man ihnen zubrüllt oder womit man nach ihnen wirft. Man kann sie nur als Mitbewohner betrachten, die nicht neben einem her, sondern mit einem zusammenleben. Man teilt sich mit ihnen das Heim, das Essen, manchmal sogar das Bett. Tut man’s nicht, treiben sie einen in den Wahnsinn.

Ich schätze, das hört sich ziemlich übel an. Endlose Reihen behelfsmäßiger Verschläge, die mal in diese, mal in die andere Richtung wegkippen; unzählige bunte Plastikplanen, die wie festgezurrte Vögel im Wind flattern; Fliegen, die ständig versuchen, einem die Flüssigkeiten aus dem Mund und den Augen zu saugen. Aber das ist nicht das Schlimmste. Nicht annähernd. Das mit Abstand Schlimmste ist der Geruch.

Es heißt, man gewöhnt sich letztlich daran. Aber selbst jetzt noch, nach all der Zeit, gibt es Tage, da ist mir vom Aufstehen morgens bis zum Schlafengehen abends durchgehend schlecht. Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf, würge und kotze meinen spärlichen Mageninhalt auf den Boden.

Vieles hängt vom Wetter ab. Im Hochsommer, wenn es stickig und windstill ist, wird es schier unerträglich. Dann herrscht ständig ein so süßlicher und Übelkeit erregender Mief, dass es sich anfühlt, als ob einem jemand seine dreckigen Finger in die Kehle steckt. Richtig beschreiben kann ich das nicht, aber falls Sie je ein totes Tier an einem heißen Sommertag gerochen haben und das mal hundert, besser mal tausend nehmen, dann bekommen Sie eine ungefähre Vorstellung davon.

Müll. Nichts als Müll. Aufgetürmt erstreckt er sich modernd über etliche Hektar in die Ferne wie eine von Maden befallene, vom Tod zersetzte und entstellte Leiche. Der Großteil ist bereits durchkämmt, nach allem Wertvollen durchsucht und dann zum Verrotten zurückgelassen. Jahrein, jahraus, bis er sich ausreichend gesetzt hat, um wieder etwas draufzuschütten – immer und immer wieder.

Wenn man an manchen Stellen tief genug gräbt, stößt man auf das 20. Jahrhundert. Antiker Müll. Und ob Sie’s glauben oder nicht, es gibt Menschen, die sind bereit, danach zu buddeln. Natürlich ist es gefährlich. Man muss ’ne Maske tragen. Allerdings ist das kein großer Schutz vor dem, was dort unten liegt. Krebs ist auf der Insel belanglos geworden. Akuter Krebs, schleichender Krebs, aufgeblähte Schwellungen, schwärende Wunden. Wir betrachten ihn nicht mal mehr als Krankheit. Bloß als Parasit. Wie die Fliegen, die man im Auge behalten muss, damit sie keine Eier in Schnittwunden oder Kratzern legen.

Gott sei Dank, es ist vorbei. Der Tod ist hier gewesen und hat nichts zurückgelassen. Nur die dunkle Leere des Nebels, der uns umschließt, uns gefangen hält, während er sie ungestraft davonkommen lässt.

Wenigstens ist es schnell gegangen, das muss ich ihnen zugutehalten. Ich habe schon Nächte erlebt, da hat es sich fast bis zum Morgengrauen hingezogen. An- und abschwellende Schreie, die verstummen und wieder einsetzen, wenn sie ihre Opfer bis an die Schwelle des Todes foltern und dann dort zappeln lassen.

Aber am schlimmsten ist es, wenn jemand einen um Hilfe anfleht. Wenn jemand draußen vor meinem Verschlag steht und mich kreischend auffordert, rauszukommen und ihn zu retten. Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt? Für jemanden wie mich? Früher wäre ich vielleicht in der Lage gewesen, etwas zu tun. Aber jetzt nicht mehr. Nicht gegen sie. Ich hätte keine Chance.

Wenn ich als junger Mann obdachlose alte Menschen herumlungern sah, hatte ich mir nie auch nur im Traum vorstellen können, dass ich selbst eines Tages so enden würde. Warum auch? Ich war gesund und stark, und nachdem ich angefangen hatte, für Mr Meltoni zu arbeiten, hatte ich immer reichlich Geld. Läuft man mit beschwingtem Schritt und einem Haufen Kohle in der Tasche rum, denkt man schnell, man würde ewig leben. Jedenfalls gingen alle immer davon aus, es würde besser werden, nicht schlimmer. Aber mittlerweile sind die­jenigen, die ein Zuhause haben, die Ausnahme. Diejenigen auf der anderen Seite des Wassers hinter ihren befestigten Mauern in ihren privaten Enklaven, die all die Regeln machen und beschlossen haben, sie hätten alles in ihrer Macht Stehende für uns getan, indem sie uns hierhergeschickt und uns diese »letzte Chance, autark zu werden« gegeben haben. Und falls Sie es noch nicht wissen: So sind wir auf diesem Berg voll Müll gelandet – sechseinhalb Kilometer lang, knapp fünf Kilometer breit, fast zwei Kilometer vom Festland entfernt.

Früher war es eine Wohninsel, die zum Einzugsgebiet gehörte, aber irgendwann entschied jemand, es sei der ideale Ort, um darauf den Müll vom Festland abzuladen. Im Laufe der Jahre, in denen sich der Abfall immer höher auftürmte und die Bewohner unter sich zu begraben drohte, wurde die Insel immer weniger zu einem Wohngebiet und mehr zu einer Deponie. Vor fast dreißig Jahren wurden die letzten Bewohner schließlich gezwungen, die Insel ihrem modrigen Schicksal zu überlassen.

Ich vermute, damals ist nie jemandem der Gedanke gekommen, dass irgendwann wieder jemand darauf wohnen könnte. Ich meine, die Insel ist dafür nicht geeignet. Trotzdem sind Tausende von uns hier. Vorwiegend alte Menschen ohne Geld, die früher wahrscheinlich dachten, man würde sich schon um sie kümmern. Allerdings kümmert sich niemand mehr um einen. Entweder man überlebt, oder man stirbt, so einfach ist das. Der Staat jedenfalls macht keinen Finger krumm. Der kann es sich nicht leisten, irgendjemanden zu versorgen. Und wissen Sie auch, wem man die Schuld dafür zuschreibt? Nicht etwa inkompetenten und korrupten Politikern, nicht den Schweinen, die sich am Trog der Börse mästen – nein, uns. Den alten Menschen. Uns alten Leuten, weil wir zu alt werden. Als hätten wir die Wahl.

Ein Großteil der Bevölkerung des Landes ist über siebzig. Das soziale Sicherheitsnetz ist längst zusammengebrochen – zu wenige junge Menschen, die einzahlten, zu viele alte Menschen, die Leistungen bezogen. Also ist es unsere Schuld, weil wir selbst keine Vorsorge für uns getroffen haben. Tja, soll ich Ihnen was sagen? Ich dachte, genau das hätte ich getan. Mr Meltoni hat immer darauf bestanden, dass ich jeden Monat einen kleinen Betrag in einen Pensionsfonds einzahlte.

»Triff Vorsorge für dich, Großer«, pflegte er zu sagen, »denn ein anderer wird das nicht mehr für dich tun.«

Und soll ich Ihnen noch was sagen? Er hatte recht. Nur haben es die Pensionsvorsorgeunternehmen leider vermasselt. Trotz allem, was geschehen war, trotz all der Probleme, die wir zu Beginn des Jahrhunderts mit Banken und dem Finanzsystem hatten, haben sie weiter alles auf den Markt gebracht. Kann man sich das vorstellen? Die Zukunft einer gesamten Nation aufs Spiel gesetzt. Es bedurfte nur eines leisen Flüsterns im Internet, das besagte, sie hätten die Summen völlig falsch angesetzt, weil ihre Kunden durch die medizinischen Fortschritte wesentlich länger Rente beziehen würden als angenommen, und schon krachte alles zusammen. Nicht nur der Markt, nicht nur die Pensionsvorsorgeunternehmen und die Banken dahinter, sondern diesmal auch alles andere.

Ich meine, es war wirklich nicht zu glauben. Dieses Gefüge, das wir als Gesellschaft kannten, als Zivilisation, als alltägliches Leben, das wir als dauerhaft und über jeden Zweifel erhaben betrachteten – es brach innerhalb weniger Wochen rings um uns zusammen.

»Großer!«

Jimmys leicht zittrige Stimme, die unmittelbar vor meinem Verschlag ertönte, weckte mich schlagartig, und mir wurde klar, dass ich trotz der Schrecken der Nacht irgendwann eingeschlafen sein musste.

»Großer, bist du da drin?«

Jimmy ist dieser kleine, zwergenhafte Kerl, krumm und mit großer Nase. Seitlich am sommersprossigen, ansonsten kahlen Schädel hat er ein paar weiße Haarbüschel, die er gern zu einem Pferdeschwanz zusammenzwängt. Außerdem humpelt er, wohinter keine Geschichte steht. Er ist einfach eines Morgens aufgewacht, und das Hinken war da. Später hat er zwar versucht, sich ein Märchen darüber einfallen zu lassen, wie es dazu kam – eines, das ihn gut dastehen lässt –, aber wir alle wissen genauso gut wie er, dass es nur ein weiteres Symptom des zunehmenden Alters ist.

Eine Zeit lang hat er es mit einem Wunderheiler versucht. Richtige Ärzte gibt es auf der Insel nicht, jedenfalls nicht für uns. Eine Ewigkeit lief er mit einem Mooswickel am Bein rum, noch lange nachdem er vertrocknet und völlig braun geworden war. Nur geholfen hat es nichts. Wenn ihm das Bein Pro­bleme bereitet, muss er mittlerweile einen Stock benutzen.

Ich kenne Jimmy fast schon so lange, wie ich auf der Insel bin. Ich mag ihn. Er weiß, wann er mich in Ruhe lassen soll. Ich brauche nicht einmal etwas zu sagen. Ich werfe ihm dann einfach »den Blick« zu, und schon ist er weg.

»Großer!«

»Schon gut«, brummte ich. »Komm ja schon.«

Ich hievte mich aus meiner Grube und hinaus in einen kalten, klaren und Gott sei Dank nebelfreien Morgen. Jimmy stand mit jenem leicht durchtriebenen Gesichtsausdruck da, der bedeutete, dass er mich etwas fragen wollte und nicht wusste, wie ich darauf reagieren würde.

»Hast du’s gehört?«

Ich nickte. Er wusste, dass ich es gehört hatte. Alle hatten es gehört.

Er schwieg kurz, bevor er fragte: »Würdest du … äh … Hättest du was dagegen … mir zu helfen?«

Ich seufzte lang und tief, was er so auffasste, dass ich keine besonderen Einwände hatte. Jimmy drehte sich um, humpelte los und ging davon aus, dass ich ihm folgen würde.

Einige Augenblicke lang rührte ich mich nicht von der Stelle und fühlte mich ein wenig ausgenutzt, weil er sich so anmaßend wie immer benahm, dann dackelte ich widerwillig hinterher.

Wir gingen die lange Reihe der Hütten entlang. Jimmy warf einen raschen Blick zu seiner Bleibe auf der anderen Seite, um sich zu vergewissern, dass er nicht gesehen worden war. Dann bogen wir zum Meer ab und liefen eine weitere Reihe entlang in die Richtung der Schreie der vergangenen Nacht. Bald erreichten wir einen Verschlag, bei dem das Plastik vom Gerüst gerissen und benutzt worden war, um etwas auf dem Boden zu bedecken. Man brauchte kein Genie zu sein, um zu erahnen, was.

»Ich bin vorher hier gewesen. Die haben eine echte Sauerei angerichtet.«

Ich hob das Plastik an und spähte darunter. Er hatte recht. Ein Paar, das ich flüchtig gekannt hatte, war zu Tode gehackt worden. Mit den letzten Hieben hatte man die beiden enthauptet. Ich wandte mich ab und ließ das Plastik aus meiner Hand fallen. Man kann es einfach nicht glauben. Es ist wie ein Schock, der ewig andauert. Schwer genug, zu verarbeiten, was getan wurde, geschweige denn, wer es tat.

»Großer Gott«, murmelte ich.

Jimmy nickte. »Weißt du, ich finde bloß … man kann sie nicht einfach so hier liegen lassen.«

Ich seufzte. Wieder hatte er recht – irgendjemand musste seine »Bürgerpflicht« erfüllen. Aber da ich Jimmy kannte, war ich mir ziemlich sicher, dass er dabei Hintergedanken hatte.

Wir wickelten die Leichen in das Plastik, achteten darauf, dass durch die Enden nichts herausrutschte, und schleiften sie in Richtung des Ätzbeckens, wo niemand – oder nichts – länger als ein paar Stunden fortbesteht. Den gesamten Weg entlang starrten ältere und erschöpftere Augen als meine aus dem dunklen Inneren der Verschläge. Aber niemand sprach, niemand erkundigte sich, was geschehen war. Ich habe den Eindruck, je länger wir so ohne Bedeutung oder Struktur leben, desto mehr entwickeln wir uns zu dem zurück, was wir eigentlich immer gewesen sind: dumme Tiere. Wir fressen, wenn wir können, wir schlafen, wenn wir können, und wir finden uns stumm mit jenen ab, die gelegentlich kommen, um die kranke, alte Herde zu keulen.

Ich kann Ihnen sagen, an manchen Tagen macht mich das so wütend, dass ich am liebsten herumlaufen und so viele Hütten wie möglich dem Erdboden gleichmachen würde. Nur damit die Leute reagieren, damit sie ausnahmsweise mal etwas sagen. Aber stattdessen schotte ich mich immer mehr ab, werde übellauniger und zunehmend ein Mensch, dem die meisten Dorfbewohner aus dem Weg gehen, wie ich sehr wohl weiß.

Wir erreichten das Ätzbecken in Begleitung eines Fliegenschwarms, der wusste, dass es irgendwo ein Festmahl gab, nur nicht genau, wo. Der Frauenkopf fiel heraus, als wir die Plane auseinanderwickelten, und Jimmy wandte den Blick ab, als ich den Schädel mit den Zehen den Hang hinabstupste. Kaum plumpste er in die wartende grünliche Flüssigkeit, konnte man dabei zusehen, wie sich das Fleisch runzelte und vom Knochen zu lösen begann. Es war fast, als fütterten wir eine Kreatur, die alles verschlang, was wir ihr gaben, und trotzdem immer nach mehr gierte.

Eine Weile standen wir da und beobachteten, wie die beiden kopflosen Rümpfe außer Sicht und aus dem Dasein entschwanden, dann drehte sich Jimmy um und trat mit plötz­licher Zielstrebigkeit den Weg zurück zum Dorf an, ohne groß darauf zu achten, dass ich einige Meter zurückblieb.

Unterwegs konnte ich vom Gipfel eines der zahlreichen Müllberge aus beinah die gesamte Insel überblicken. Die ausgekotzte Hüttenansammlung des Dorfes, die Ruinen der Alten Stadt und in der Ferne der Pier, den die Müllboote jeden Tag anlaufen. Eigentlich ist es gar kein Pier, sondern lediglich der letzte Rest einer Brücke, die sich früher von hier bis zum Festland erstreckt hat. Sie wurde in einer nebligen Nacht von einem Tankschiff demoliert und aus Bequemlichkeit nie wieder aufgebaut. Unten im Lager brannte das übliche Feuer, dessen aufsteigender schwarzer Rauch sich um die Insel kräuselte wie eine riesige Schlange, die langsam das Leben aus uns herauspresste.

Von all den Höllen, die von der Menschheit je erschaffen worden sind, ist das hier mit Sicherheit eine der schlimmsten. Nur kilometerweit Abfall, Mist und Geröll – der Arsch der Zivilisation. Und wir ersticken in seiner Scheiße.

Ich drehte mich um und schaute zum Festland. In der Bucht hing noch immer eine Schicht des Nebels der vergangenen Nacht, und die Stadt erhob sich daraus wie ein Orchester. Die frühmorgendliche Sonne tünchte ihre Mauern in Rosa. Ein neues Gebäude beherrscht eindeutig das Bild. Jimmy glaubt, dass es einem der Versorgungsunternehmen gehört, aber ich bin mir da nicht so sicher. Wie dem auch sei, es wirkt wie die Hauptfigur auf dem Schachbrett.

Es könnte der Himmel sein. Oder vielleicht das Gelobte Land. Ich will damit nicht sagen, dass ich neidisch auf das bin, was sie da drüben haben – bin ich nämlich nicht. Die können ihren Reichtum, ihre Wärme und ihre privilegierten Leben ruhig behalten. Mich stört nicht mal, dass sie sich nicht vor dem fürchten müssen, was in dunklen, nebligen Nächten Jagd auf uns macht. Nur eins von dem, was die haben, will ich auch haben. Mann, das will ich so sehr, dass es sich manchmal anfühlt, als würde ich tief in meinem Inneren Tag und Nacht jeden Augenblick danach schreien.

Ich will frei sein. Ich will weg von diesem widerlichen, Übelkeit erregenden Müllhaufen, die Lunge mit frischer Luft füllen, das Herz mit Hoffnung, und wieder an die Menschen glauben.

Aber genauso gut könnte ich mich hinhocken und den Mond anheulen. Niemand hat es je von dieser Insel weg geschafft. Niemand. Dafür hat man gesorgt. Ist man erst mal hier, kommt man nur noch weg, indem man stirbt. Indem man sich mit den Flügeln des eigenen Geistes emporschwingt und sich von ihnen von diesem gottverdammten Ort wegtragen lässt.

KAPITEL 2

Den Rest des Tages richteten alle im Dorf ihre Aufmerksamkeit auf das Wetter. Die Sonne wird um diese Jahreszeit immer sehr geschätzt, weil sie den alten, knirschenden Gelenken ein wenig Erleichterung verschafft – wie ein Spritzer warmes Öl. Allerdings heißt das auch, dass der Nebel später zurückkehren und sie wieder herbringen könnte.

Ich erinnere mich, dass mir mal jemand erklärt hat, warum wir hier so häufig Nebel haben. Hat etwas mit den Strömungen und der Landmasse zu tun – ich weiß es nicht mehr so genau, hab damals nicht richtig zugehört. Ich weiß nur, dass man zu manchen Zeiten im Jahr das Festland manchmal eine Woche lang nicht sehen kann. Es ist seltsam, fast so, als wäre es denen auf der anderen Seite gelungen, uns von allem abzuschneiden. Die Welt dreht sich weiter, während wir in einer stillen, grauen, feuchten Raumblase treiben. Aus den Augen, aus dem Sinn, und daraus folgt, dass alles, was uns hier widerfährt, mit ihrem Segen geschieht.

Auf dem Rückweg von der Entsorgung der Leichen humpelte Jimmy unter einem Vorwand allein davon. Es überraschte mich überhaupt nicht, als er später an den Hütten entlang zurückgehumpelt kam, in den Armen eine Ladung Krempel, den er sich offensichtlich aus dem Verschlag der Opfer genommen hatte.

»Ich hätte es ahnen müssen«, brummte ich, als mir schlagartig klar wurde, dass dies von Anfang an sein Hintergedanke gewesen war, warum er den Vorschlag mit dem Entfernen der Leichen gemacht hatte.

»Hab hier echt cooles Zeug«, meinte er zu mir und zeigte auf die große Kiste, die er, obwohl er am Stock ging, irgendwie tragen konnte.

Er neigte sie zu mir hin, damit ich einen Blick hineinwerfen konnte. Flüchtig sah ich eine Ansammlung von Gegenständen, für die Ramsch noch eine höfliche Bezeichnung wäre. Ein Teil eines alten Radios, ein Metallrohr, Draht. Gott allein wusste, was er damit anfangen wollte.

Ich nickte nur. Es ist zwar nicht wirklich ein ungeschriebenes Gesetz, aber ich finde, nachdem er die Leichen wegzuschaffen geholfen hatte, konnte er jedes Recht darauf beanspruchen, ihre Habseligkeiten als Erster zu durchwühlen. Und er wusste, dass ich nicht daran interessiert gewesen wäre.

Jimmy warf die Kiste durch den Eingang seiner Hütte und wandte sich ab, um zurückzugehen und mehr zu holen. Er hatte noch kein Dutzend Schritte zurückgelegt, als Delilah her­ausgestürmt kam.

»Jimmy! Was zum Henker ist das?«, brüllte sie und trat herzhaft gegen die Kiste.

Der kleine Bursche zog die Schultern hoch, klemmte den kahlen Kopf dazwischen wie eine verschreckte Schildkröte und humpelte weiter, als hätte er nicht das Geringste gehört. Womit er jedoch der Einzige auf dieser Seite der Insel gewesen wäre.

»Jimmy!«

Delilah ist Jimmys Lebensgefährtin. Ich würde ja Geliebte sagen, aber ich glaube, Lebensgefährtin trifft es eher, weil sie zwar viel Zeit miteinander verbringen, aber nicht erkennen lassen, dass sie sich sonderlich lieben. Sie ist ein langes Elend von einer Frau, so dünn, dass man sich fragt, woher sie die Kraft nimmt, überhaupt aufrecht zu stehen; aber in Wirklichkeit ist sie zäh wie Leder. Falls je die Gene aller Nationen in eine Person geflossen sind, muss wohl sie diese Person gewesen sein. Ihr Teint entspricht diesem bräunlichen Grau, das man erhält, wenn man zu viele Farben zusammengemischt hat und weiß, dass man von Neuem anfangen muss. Ihre breite Nase, ihre kantigen Wangenknochen, ihr riesiger Mund – eigent­lich all ihre Gesichtszüge – könnten ohne Weiteres einer ganzen Reihe von Volksgruppen entstammen, ihr Temperament hingegen konnte nur von den wildesten sein.

Mein Gott, was die beiden sich streiten. Ich habe schon erlebt, dass er mitten in der Nacht rausgestürmt ist, ohne darüber nachzudenken, was draußen lauern mochte, weil er wusste, dass es nur besser als das drinnen sein konnte.

Wie lange sie schon zusammen sind, können die beiden selbst nicht genau sagen. Stellt sich auch die Frage, ob man die Phasen dazuzählen soll, in denen sie ihn verlassen hat. So beschrieben, hört sich ihre Beziehung vermutlich ziemlich brüchig an, aber Sie wissen ja, wie das ist: Manchmal halten gerade solche Verbindungen ewig.

Mir ging der Gedanken durch den Kopf, am Nachmittag in die Alte Stadt hinüberzuwandern und den Müll ein wenig zu durchstöbern. Aber da durchaus die Gefahr bestand, dass der Nebel wieder aufziehen würde, beschloss ich, stattdessen im Dorf zu bleiben und einige andere Arbeiten zu erledigen, die ich vor mir hergeschoben hatte – zum Beispiel den großen Riss in meinem alten Mantel zu nähen. Ich kramte eine Nadel und Garn hervor und setzte mich hinaus in die fahle Wärme des Winternachmittags. Ich war einer von vielen, die sich draußen aufhielten und versuchten, die krumme alte Wirbelsäule zu strecken, und ich empfand einen Anflug von Verlegenheit darüber, meine Häuslichkeit offen zu zeigen – ein Kerl wie ich, der Näharbeiten verrichtete.

Ich war erst kurz draußen gewesen, als ich Jimmy nach mir brüllen hörte. Als ich aufschaute, sah ich ihn wild in meine Richtung humpeln und Leute aus dem Weg stoßen. Irgendein Verrückter war hinter ihm her.

»Großer! Großer!«, rief er.

Mir schien ziemlich offensichtlich zu sein, was passiert war. Jimmy hatte die Hütte des toten Paares nach weiterem Krempel durchforstet, und dieser Verrückte hatte beschlossen, dabei mitzumachen. Das hatte dem kleinen Burschen wohl nicht gefallen. Wahrscheinlich war er pampig geworden und hatte versucht, den Eindringling zu verscheuchen, und ihm gesagt, dass alles ihm gehöre, und dadurch war ein Streit ausgebrochen.

»Großer, hilf mir!«

Es war ein bemerkenswert einseitiges Rennen. Jimmy kämpf­­­te sich halb hopsend, halb laufend voran, sein Stock fuchtelte durch die Luft, und seine Beine verrenkten sich in allen möglichen Winkeln, während sein Verfolger mit einem Ausdruck geballter Wut im Gesicht rasch aufholte.

Zunächst wollte ich lachen. Ich meine, manchmal provoziert Jimmy das. Aber irgendetwas daran, wie entschlossen der Verrückte aussah und wie verängstigt Jimmy wirkte, ließ mich erkennen, dass es sich um etwas mehr als das übliche Gezänk handelte, das öfter mal vorkommt.

»Großer!«, heulte Jimmy, dem zusehends die Luft ausging.

Dann knickte sein schlimmes Bein ein, und er kippte, taumelte seitwärts in irgendjemandes Verschlag und brachte ihn beinah zum Einsturz.

Gleich darauf hatte ihn der Verrückte erreicht, hockte sich rittlings auf ihn, und erst da – als er einen Gegenstand hervorzog und anhob – begriff ich, weshalb Jimmy so verängstigt war. Der Kerl hatte eine Axt, groß und schwer, mit einem polierten Blatt, das glänzte, weil es anscheinend ausgiebig geschärft worden war.

Ich sprang auf und rannte zu den beiden hin, doch ich wusste, dass ich es nicht rechtzeitig schaffen würde. Als die Axt kurz in der Luft verharrte wie ein Raubvogel, der im Begriff ist, sich auf seine Beute zu stürzen, stieß ich einen Schrei aus. Dann ließ sie der Kerl mit aller Kraft auf Jimmys blanken Schädel niedersausen.

Nur erreichte sie ihn nie. Es ertönte ein Geräusch, das an das Zischen eines elektrischen Kurzschlusses erinnerte, und das Nächste, was ich sah, war, dass der Verrückte flach auf dem Gesicht lag, während sein Körper zuckte, als hätte er einen Anfall.

Ich kann Ihnen sagen, ich habe das schon gesehen, aber noch nie aus solcher Nähe. Es kommt so plötzlich und ist verheerend. Im einen Moment war der Bursche noch im Begriff, Jimmy auszuschalten, im nächsten war er selbst ausgeschaltet.

»Großer Gott!«, stieß Jimmy hervor und kämpfte sich unter dem immer noch krampfhaft zuckenden Körper hervor. »Was zur Hölle ist passiert?«

»Satellit«, erwiderte ich knurrend und mit einer Ruhe, die ich eindeutig nicht empfand.

Jimmy versuchte, sich hochzurappeln. Sein heiles Bein wirkte genauso unstet wie das schlimme. »Lebt er noch?«

»Ja. Das Ding muss es wohl als tätlichen Angriff gewertet haben. Oder als das Tragen einer Waffe.«

Einige Augenblicke lang standen wir da und beobachteten, wie der Verrückte auf dem Boden zappelte, die Augen so weit aufgerissen, dass es wirkte, als würden sie gleich aus den Höhlen springen. Aus seinem Mund rann Speichel.

Eine Menschenmenge begann sich einzufinden, näherte sich zögerlich, als wären alle bereit, jeden Moment kehrtzumachen und zu fliehen. Ich meine, das ist schon was – unser neuer Gott, sein Urteil aus luftiger Höhe. Und es so aus nächster Nähe mitzuerleben vermittelte einem das Gefühl, man hätte soeben an einem schrecklichen Wunder teilgenommen.

Ich weiß nicht recht, wie ich Ihnen die Sache mit der Satellitenüberwachung erklären soll. Ich schätze, die Wurzeln liegen am Anfang dieses Jahrhunderts, als zahlreiche Städte entschieden, Überwachungskameras zu installieren. Als die Verbrechensrate in der unmittelbaren Umgebung der Kameras zurückging, wurden im weiteren Umfeld nach und nach immer mehr davon aufgestellt. Aber die kriminellen Elemente der Gesellschaft reagierten darauf, indem sie noch weiter nach außen gingen – in die grüneren Vororte, aufs Land, also in genau die Orte, wo es Verbrechen bis dahin kaum gegeben hatte und in denen viele Reiche ihre ländlichen Nebenwohnsitze hatten. Es wurde viel Druck gemacht, bis schließlich irgendein Klugscheißer eine Idee hatte, von der jeder dachte, sie würde dem Verbrechen endgültig einen Riegel vorschieben: Überwachungsdrohnen. Hunderte davon. Koordinierte Navigation auf niedriger Flugbahn, die sich von einer Seite des Landes zur anderen erstreckte.

Plötzlich konnte man nirgendwo mehr hin, ohne beobachtet zu werden. Ob auf dem Land, im Wald, in der Wüste, in der Wildnis, es spielte keine Rolle – man wurde überall bespitzelt, mit so leistungsstarken Kameras, dass man die Schuppen zählen konnte, die jemand auf den Schultern hatte.

Viele von uns gerieten in Panik und fingen an, davon zu sprechen, redlich zu werden. Ich meine, wir dachten wirklich, es wäre alles vorbei … bis uns dämmerte, dass es nutzlos war, zu sehen, was vor sich ging, wenn man nicht hinkommen konnte, um einzugreifen. Die Polizei war überfordert. Wenn man den Ort klug wählte, fernab der inzwischen eingerichteten Helikopterstationen, dann konnte man so ziemlich alles anstellen, was man wollte.

Bald redeten alle darüber: Die Polizei konnte ein so großflächiges Gebiet unmöglich abdecken. Zu lange Reaktionszeiten oder überhaupt keine Reaktion. Statt zur ultimativen Verbrechensabschreckung wurde das System rasch zur Zielscheibe billiger Witze.

Aber schließlich ließ man sich etwas einfallen, das jegliches Gelächter zum Verstummen brachte und unsere Gesellschaft für immer veränderte. Dadurch erhielten bestimmte Personen Macht, und das gab den Ausschlag für die Realisierung von etwas, das nie hätte umgesetzt werden dürfen. Ich meine natürlich die Bestrafungssatelliten.

Wann immer eines dieser Dinger ein Verbrechen sieht, macht es zisch! – und schaltet denjenigen aus. Nicht nur das: Im Bruchteil der Sekunde, bevor man getroffen wird, beurteilt es die Schwere des Vergehens und verhängt die entsprechende Strafe. Handelt es sich um ein geringfügiges Fehlverhalten – Friedensbruch oder Sachbeschädigung –, dann wird man nur für ein paar Stunden ins Reich der Träume befördert. Ist es etwas Schwerwiegenderes – bewaffneter Raubüberfall oder tätlicher Angriff wie im Fall des Kerls, der Jimmy attackiert hatte –, wird man so heftig getroffen, dass es Monate, manchmal sogar Jahre dauert, bis man seine Gesundheit und Mobilität vollständig zurückerlangt. Und geht es um Mord oder ein Staatsverbrechen, dann kann man sich endgültig verabschieden, denn es gibt nichts, was einen vor diesen Dingern retten kann.

Wer braucht also noch die Polizei? Wer braucht das gesamte Justizwesen, wenn man im Bruchteil einer Sekunde auf frischer Tat ertappt, vor Gericht gestellt, verurteilt und bestraft werden kann? Für die Regierung bedeutete das gewaltige Einsparungen: sofortige Gerechtigkeit von oben – nicht von Gott, sondern durch ein Sicherheitssystem, das eine demokratisch gewählte Regierung im Auftrag des Volkes installiert hatte.

Das einzige Problem daran ist, dass ich sie nicht gewählt habe, und für die Satelliten habe ich auch nicht gestimmt. Ebenso wenig wie sonst irgendjemand, den ich kenne. Allerdings darf man auch nur dann wählen, wenn man einen dauerhaften Wohnsitz vorweisen kann, einen aus Ziegelsteinen und Mörtel. Was bedeutet, dass knapp über vierzig Prozent der Bevölkerung den Rest kontrolliert. Vierzig Prozent, die das größte Interesse daran haben, den Status quo aufrechtzuerhalten.

Gut, an manchen Tagen, wenn man draußen unterwegs ist und belästigt oder bedroht wird, kann man dem Herrgott für die Satellitenüberwachung danken. Etliche Menschen, die ich kenne, sind dadurch schon davor bewahrt worden, zusammengeschlagen zu werden. Oder sogar vor etwas viel Schlimmerem. Trotzdem ist das System nicht die Antwort, und ebenso wenig ist es hundertprozentig zuverlässig. Manchmal fangen die Satelliten während eines Gewitters an, wild durch die Gegend zu feuern. Vor ein paar Jahren wurden dadurch sechzehn Menschen getötet. Und in Nächten, in denen es richtig neblig ist und nicht das geringste Licht herrscht und wir in völliger Finsternis eingeschlossen sind, dann funktionieren sie natürlich überhaupt nicht. Das ist der Grund für all die Besorgnis hinsichtlich des Wetters. Diese Nebelparanoia. Denn sobald diejenigen, vor denen wir beschützt werden, wissen, dass wir nicht mehr beschützt werden, spielen sie verrückt. Dann strömen sie hierher, töten und verstümmeln, baden ihre Körper in unserem Blut.

Vielleicht denken Sie jetzt, das sei umso mehr ein Grund, die Satelliten zu behalten, wenn sie ihre Aufgabe doch die meiste Zeit tadellos erfüllen. Aber so einfach ist das nicht. Wissen Sie, ich glaube nämlich nicht, dass es diese Satelliten gibt, um uns zu beschützen. Recht und Ordnung sind nur ein Nebenaspekt. Der wahre Grund für ihre Existenz ist, dass sie den Istzustand schützen. Man will die unerwünschte Mehrheit an all den Orten im Auge behalten, an denen man uns versteckt – und sicherstellen, dass wir nichts tun, was zur Bedrohung für die Privilegierten werden könnte. Deshalb gilt jeder Versuch, die Insel zu verlassen, als Staatsverbrechen. Dafür wird man von einem Satelliten ausgelöscht. Einfach ins Jenseits befördert.

Nur für den Fall, dass Sie sich noch nicht zusammengereimt haben, weshalb wir hier draußen sind, will ich es Ihnen sagen. Jedenfalls definitiv nicht als »Pioniere der Selbstversorgung«. Nein, in Wahrheit sind wir Gefangene, dazu gezwungen, bis zu dem Tag auf diesem stinkenden Müllhaufen zu leben, an dem wir sterben.

Ich begleitete Jimmy zurück zu seiner Hütte. Delilah warf einen Blick auf ihn, erkannte, wie erschüttert er war, und kehrte schlagartig die andere Seite ihres Charakters hervor. Nicht unbedingt mitfühlend, aber intensiv und vorbehaltlos loyal.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

»Ein Irrer«, antwortete Jimmy. »Hätte mich um ein Haar abgemurkst. Der Satellit hat mich gerettet.«

»Was? Um Himmels willen! Die sollten diese Leute nicht hierherschicken!«, schimpfte sie. »Haben wir denn nicht schon genug Probleme?«

»Vielleicht war er ja noch nicht verrückt, als er eintraf«, warf ich verhalten ein.

»Ja. Könnte sein … O Jimmy«, tröstete sie ihn, schlang die Arme um ihn, drückte sein Gesicht an ihre knochige Brust und küsste ihn auf die kahle Platte.

Ich stand eine Weile da und fühlte mich wie ein Eindringling, dann wandte ich mich zum Gehen.

»He. Wo willst du hin?«, wollte Delilah wissen.

»Ja, Großer. Du kannst nicht gehen«, sagte Jimmy, der sich aus Delilahs Umarmung löste. Er trat einen Schritt auf mich zu und senkte die Stimme, als hätte er eine Ankündigung zu machen, die sonst niemand hören sollte. »Sie sind bereit.«

»Bereit?«, fragte ich und wusste auf Anhieb, was er meinte.

»Und ob.«

Jimmy baut dieses MSI-patentierte Gemüse in einer Art falscher Wand an der Rückseite seiner Hütte an. Nicht den normalen, armseligen, dürren Mist, den der Rest von uns anbaut und den man erst einweichen und dann trocknen muss, um zu versuchen, ihn in etwas Essbares zu verwandeln, sondern große, makellose weiße Kartoffeln und üppigen Kohl mit samtweichen Blättern. Jimmy hat einem Kerl einen Wassertank verschafft und dafür Samen vom Schwarzmarkt bekommen. Natürlich ist das ein Vergehen, und er könnte deshalb eine Menge Ärger bekommen, aber Jimmy kümmert das nicht. Das ist einer der Gründe, warum ich den kleinen Burschen so mag. Im Gegensatz zu den meisten Leuten hier hat er nicht aufgegeben. Man kann nicht bloß rumsitzen und auf den Tod warten, wobei der einzige Unsicherheitsfaktor darin besteht, welche Gestalt er annehmen wird. Man muss Gründe finden, weiterzumachen, um Hoffnung zu nähren, und in Jimmys Fall sind das seine Erfindungen.

Ich meine, Sie können sich vermutlich vorstellen, dass angesichts des Materials, das uns zur Verfügung steht, niemandes Verschlag ein Kunstwerk ist. Aber Jimmy hat sich etwas zusammengebaut, das eher einem Jahrmarktszelt ähnelt. Überall hängt merkwürdiges Zeug. Eine Uhr, die mit Regenwasser betrieben wird. Windmühlen, mit denen er, so seine Überzeugung, in der Lage sein wird, regenerative Energie aus Windkraft zu erzeugen, falls er je im Müll die richtigen Teile findet. Er hat da sogar die Idee, rotierende Solarmodule zu bauen, die Energie sowohl aus dem Wind als auch von der Sonne beziehen.

Drinnen kann man sich kaum rühren vor Krempel, den er von den Halden geholt hat und von dem er überzeugt ist, dass er ihm eines Tages nützlich sein wird. Sie und ich würden den Kram wohl eher als Müll betrachten. Delilah jedenfalls tut es. Darum geht gelegentlich das Temperament mit ihr durch, und sie wirft alles raus. Aber für Jimmy ist jedes einzelne Stück ein Baustein für eine mögliche Zukunft.

Natürlich ist der Großteil davon Müll, und das weiß er auch. Jimmys innigster Wunsch ist es, den Abfall durchwühlen zu dürfen, wenn er frisch vom Festland eintrifft – bevor er sortiert, bevor all das gute Zeug herausgepickt wird. Er redet ständig davon. An manchen Tagen treibt er mich damit regelrecht in den Wahnsinn. Was er nicht alles finden, was er tun und wie er das Leben aller verändern könnte. Ich weiß nicht recht, ob ich ihm glauben soll oder nicht. Ich schätze, ich habe es ihn schon so oft sagen gehört, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke. So oder so, es spielt keine Rolle. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Jimmy oder sonst jemand von uns je an den neuen Abfall rangelassen wird.

»Klar erinnerst du dich noch!«, meinte der kleine Bursche zu mir. »In der Union Street. Fast ganz unten.«

Die Mahlzeit mochte etwas Besonderes sein, vor allem die Kartoffeln, die wir über dem Feuer brieten und dann mit ein wenig Fett bestrichen, aber unsere Unterhaltung verlief so ziemlich wie immer. Wir unterhielten uns über die »alten Zeiten«, das Leben auf dem Festland. Eine Zeit, in der wir nun bleichen, verbannten alten Geister noch normale, gesunde Menschen gewesen waren, die ein normales, gesundes Leben führten.

Ich schüttelte den Kopf.

»Doch, tust du!«, beharrte Jimmy. »Pass auf. Du gehst weiter. Vorbei an dem Imbiss, an dem Italiener, der früher Schuhe gemacht hat, dann an der Wäscherei, klar? Und dort ist es!«

Ich wusste, dass er eine Straße neben der meinte, in der er sich wähnte, aber nur weil das früher mein Revier war. Allerdings hatte ich keine Lust, ihn zu korrigieren. Wir begannen mittlerweile ständig, Dinge zu vergessen, fast so, als hätten wir unsere Erinnerungen dermaßen oft hervorgekramt, dass sie sich abnutzten und sich nach und nach Löcher darin auftaten.

»Der beste Jazz, den du je gehört hast. Und dann das chinesische Essen. Wie hieß der Besitzer noch gleich? Wing oder Wang oder so ähnlich. Eine Visage, als hätte ihn jemand mit ’ner Schaufel geschlagen. Als ich für die Abteilung gearbeitet habe, sind wir jedes Jahr zu Weihnachten hingegangen. Die haben uns dort gehasst, weil der Boss darauf bestanden hat, dass wir Essstäbchen verwenden und wir deshalb den Tisch die ganze Nacht besetzt haben.«

»Ich hab’s nicht so mit den Chinesen«, sagte ich zu ihm. »Oder mit Jazz«, fügte ich hinzu. Der Laden hatte Blue China geheißen, und ich war einmal im Monat hingegangen, um Schutzgeld für Mr Meltoni einzutreiben.

Jimmy stöhnte. Er schien weniger über mein schwächelndes Gedächtnis als über meine mangelnde Begeisterung frustriert zu sein.

»Er ist jünger als du, vergiss das nicht«, erinnerte ihn Delilah.

»Nur ein paar Jahre.« Jimmy zuckte wegwerfend mit den Schultern. Dabei hat er mir vor einiger Zeit erzählt, dass er siebzig geworden ist. Es sind also mindestens sieben Jahre.

In Erinnerungen zu schwelgen ist ein wenig so wie das Kratzen einer juckenden Stelle – anfangs angenehm, aber nach einer Weile kann es wehtun. Allerdings brauchten wir in dem Moment etwas Kameradschaft, ritualisiertes Gelächter, um unsere Stimmung zu heben, und wir alle wussten, weshalb. Sie würden kommen. Die Dunkelheit und ihre Schatten waren schon unterwegs. Sie schlichen über die Felsen, verschlangen den Müll, krochen die Reihen der Hütten entlang auf uns zu.

Delilah wollte sich nicht davon runterziehen lassen, holte tief Luft und begann, vielleicht als Trotzmaßnahme, ohne Vorankündigung zu singen.

Sie haben noch nie im Leben eine Stimme wie die dieser Frau gehört. Manch einer würde vielleicht meinen, die Laute kämen tief aus ihrem Inneren, aber ich denke, es ist eher so, dass sich tief in ihrem Inneren eine Tür befindet, die sie gelegentlich öffnet, und von dort kommen sie. Manchmal ist es ein fröhliches Lied, und ein großes, sonniges Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Andere Male ist es eine traurige Weise, und tief aus ihrer Trockenheit steigen Tränen auf, die sich willkürlich einen Weg über ihre rauen Wangen hinab bahnen. Diese Frau hat eine Menge erlebt. Das meiste davon hat geschmerzt, und ich habe kaum je jemanden gekannt, den ich mehr respektiert habe.

Die Trommeln ließen sie verstummen. Sie fangen immer gleich an, mit einem langsamen, eindringlichen Rhythmus, der allmählich anschwillt und den Hügel heraufhallt wie durch den Nebel wogende Wellen.

»O Scheiße«, stöhnte sie.

Wenigstens wussten wir es nun. Gewissheit war besser als nichts. Sie kommen nämlich nicht immer. In manchen Nächten kann man warten und warten, und sie kreuzen nie auf. Als wollten sie bloß die Spannung für das nächste Mal steigern. Aber nicht in dieser Nacht. Sie befanden sich dort unten, johlten und tanzten umher, steigerten sich in einen Rausch, beschworen eine dunkle Bestie herauf, auf der sie alle reiten würden.

Ich habe es zwar nie mit eigenen Augen aus nächster Nähe gesehen, weil ich immer viel zu sehr darauf achte, im Hintergrund zu bleiben, aber ich weiß, dass sie sich verkleiden. Mit bizarrem Kram, den sie im Müll gefunden haben. Frauenkleider, Perücken, Hüte, jedes verrückte Kostüm, das sie in die Finger bekommen können. Schminke benutzen sie auch – grellrote Lippenstiftstriche auf den Wangen, Mascararinge um die wirren Augen. Manchmal rasieren sie sich sogar die Körper und malen sie so an, dass sie wie wilde Tiere aussehen. Sie feilen sich die Zähne spitz und lassen sich die Nägel wie Krallen wachsen. Sie sind nach jeder Definition, die ich je gehört habe, wahnsinnig.

Das Tempo der Trommeln begann sich zu steigern, und ich spürte, wie mein Herzschlag dasselbe tat. Aus der Ferne ertönte ein schrilles Kreischen. Dann noch eines. Sie waren fast da; die Pforte zum Wahnsinn öffnete sich knarrend Stück für Stück. Es folgte ein weiterer Schrei, wilder und etwas näher, und da wir wussten, dass sie unterwegs waren.

»Ich sollte besser gehen«, meinte ich.

»Bleib ruhig, wenn du willst«, bot mir Delilah an.

»Ja! Bleib, Großer«, stimmte Jimmy sofort mit ein.

»Ich muss auf mein Zeug aufpassen«, sagte ich zu den beiden.

»Clancy!«, beharrte Delilah. »Wir werfen seinen Krempel raus und machen es dir gemütlich.«

Sie nennt mich Clancy, weil das mein richtiger Name ist. Delilah ist die Einzige, die sich je die Mühe gemacht hat, ihn in Erfahrung zu bringen.

Kurz starrte ich in ihre bleichen, gehetzt wirkenden Gesichter und lief Gefahr, die unausgesprochene Vereinbarung zu brechen, dass keiner von uns je die Angst eingestand, die wir empfanden.

»Ist schon gut. Ich bin ja nur ein paar Meter entfernt. Wir können trotzdem aufeinander aufpassen.« Ich fühlte mich ein wenig verloren, als wollte ich die beiden beruhigen, aber keine große Sache daraus machen, und so klopfte ich ihnen linkisch auf die Schulter und ging.

Als ich hinaustrat, herrschte so dichter Nebel, dass ich nicht weiter als vier oder fünf Hütten sehen konnte. Keine Menschenseele befand sich in der Nähe. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich hätte gedacht, das gesamte Dorf wäre verwaist.

Ein paar Reihen entfernt ertönte ein langer, gequälter Aufschrei, und mir wurde klar, dass sie sich wesentlich näher befanden, als ich gedacht hatte. Hastig zwängte ich mich in meinen Verschlag, ließ das Plastik herab und schleifte einige Ziegelsteine zur Tür, um die Plane zu beschweren. Sonst kann man nicht viel tun. Nur dasitzen und warten. Oder vielleicht zu Gott beten, dass man nicht selbst derjenige sein wird, den sie diesmal nach draußen zerren.

In jener Nacht war nicht ich es, den sie sich holten. Ebenso wenig Jimmy oder Delilah. Aber sie holten sich andere. Kreischend bewegten sie sich die Reihen auf und ab, stießen Hütten um, schleiften Leute daraus hervor, folterten und töteten sie.

Es ging eine Menge wirklich schräges Zeug vor sich. Ritual­artige Schlachtungen, Gestalten, die um ihre Opfer tanzten, dabei Lieder sangen und sie dann niederhackten, als wäre all das Bestandteil einer makabren Theateraufführung. Eine ganze Hüttenreihe wurde in Brand gesteckt. Am Eingang ­eines Verschlags ließen sie die aufgespießten Köpfe des Paares, das darin gelebt hatte, wie eine grausige Dekoration zurück. Ich meine, was soll man dazu sagen? Woher in Gottes Namen kommt so etwas?

Jimmy, ich und, das muss man der Fairness halber sagen, einige der anderen Dorfbewohner räumten alles auf. Acht verstümmelte Leichen wurden zum Ätzbecken hinübergeschleift und hineingeworfen. Wie üblich sprach keiner von uns ein Wort. Ich schwör’s Ihnen, manchmal ist es, als versuchten wir, so zu tun, als wäre es nicht geschehen. Als wäre es so obszön und würde die Menschlichkeit derart untergraben, dass niemand bereit ist, es zuzugeben.

Später schlug das Wetter um. Wind kam auf, Wolken wurden herbeigeweht, und es begann zu regnen. Man konnte beinah hören, wie ein kollektives Seufzen durch das Dorf ging. Jeder Einzelne von uns war ein Wetterexperte geworden und wusste, dass es vorläufig keinen weiteren Nebel geben würde und sie gezwungen sein würden, uns in Ruhe zu lassen.

KAPITEL 3

Es war später Nachmittag, als wir endlich damit fertig waren, die Wunden am zernarbten alten Leib des Dorfes zu flicken. Danach verspürte ich den Drang, allein loszuziehen, um mich von dem Makel zu befreien, den ich in meinem Inneren spürte. Aber da es Winter und der Tag kurz war, blieb dafür nicht genug Zeit. Ich beschloss, stattdessen früh zu Bett zu gehen, im Morgengrauen aufzustehen und den nächsten Tag in der Alten Stadt zu verbringen.

Allerdings macht einem in solchen Nächten die Anspannung schwer zu schaffen, die damit einhergeht, nicht zu wissen, ob man selbst es sein wird, den sie beim nächsten Mal hinauszerren. Wenn man dann endlich einschläft, wirkt das Gefühl der Sicherheit wie ein Betäubungsmittel, und ich wankte erst deutlich nach neun aus meinem Verschlag. Aber selbst da war ich noch einer der Ersten, die auf waren.

Es war einer jener sehr stillen, metallischen Morgen. Rauchfinger von den Feuern der vergangenen Nacht erstreckten sich gerade in den Himmel wie Drähte, an denen die Landschaft schwebte. Ich schnitt mir eine Scheibe von dem gepökelten Rindfleisch ab, mit dem ich mich durch den Winter schlug, dazu nahm ich mir ein Stück von dem verkohlten, gipsartigen Gemisch aus Mehl und Milchpulver, das manche als Brot bezeichnen. Beides stopfte ich in die Taschen meines Mantels, dann schnallte ich mir meinen Werkzeuggürtel um und brach in Richtung der Alten Stadt auf.

Viel gibt es dort nicht zu sehen. Wie so viele Städte wurde der Großteil davon bei den Wohlverhaltensunruhen zerstört. Nur Hektar um Hektar verheerter Gebäude, bröckelnder Mauern und versengten Gerölls. Und doch erfüllt mich jedes Mal, wenn ich hingehe, ein Gefühl der Erwartung. Vielleicht liegt’s daran, was ich einmal dort gefunden habe.

Der Trick beim Durchwühlen von Müll besteht darin, dass man versuchen muss, anders zu denken und auf Möglichkeiten zu achten, die andere eventuell übersehen. Die Alte Stadt muss inzwischen Tausende Male durchkämmt worden sein. Jeden Tag sind Dutzende Menschen dort und stochern herum, aber das hat mich nicht davon abgehalten, das zu finden, was ich gefunden habe. Wenngleich es in Wirklichkeit wohl eher an Glück als an sonst etwas lag.

Ich durchforstete damals dieses Wohngebiet und bemerkte ein bröckliges Wandsegment, das unlängst umgekippt war, wodurch sich am Boden darunter eine Öffnung aufgetan hatte. Ich kletterte einen Sandsteinhaufen hinauf, schaffte es, mich durch das Loch zu zwängen, und fand mich in etwas wieder, das früher jemandes Küche gewesen sein musste.

Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass der Raum längst ausgeräumt worden war, und ich wollte schon wieder hinausschlüpfen, da fielen mir im Zement Ziegel auf, die lose wirkten. Ich rechnete nicht damit, dass dort etwas sein würde. Nicht nach all der Zeit. Trotzdem kratzte und ruckelte ich daran, bis es mir gelang, einen Ziegel herauszubekommen. Dahinter befand sich ein Hohlraum, in dem etwas versteckt lag. Einige Ziegel später konnte ich einen alten Lederkoffer erkennen, bedeckt von Staub und mit einem Seil umwickelt. Können Sie sich das vorstellen? Ich war so aufgeregt, dass ich beinah den Griff abgerissen hätte, als ich versuchte, ihn hervorzuholen.

Wie sich herausstellte, war er voll von Relikten aus dem 20. Jahrhundert: Kleider, Schuhe, persönliche Gegenstände einer Frau und, am interessantesten von allem, ein Tagebuch. Auf dem verblassten roten Einband stand mit sichtlich aufwendiger Zierschrift: »Mein Tagebuch – Ethel Weiss – 1987«.

Natürlich habe ich es gelesen. Hätten Sie das nicht auch getan?

Zu der Zeit war sie Mitte dreißig gewesen, verheiratet. Sie wurde von ihrem wesentlich älteren Ehemann schlecht behandelt, war aber in den Burschen verliebt, der jeden Monat vorbeikam, um die Lebensversicherungsprämien zu kassieren. Der Koffer stand fertig gepackt und für den richtigen Augenblick bereit, um zusammen mit ihm zu fliehen – ihr Geheimnis in der Dunkelheit, eine winzige, schimmernde Kerze des Trostes, nur wenige Meter von einem offenbar ziemlich elenden Dasein versteckt.

Gott weiß, warum, aber sie hat es eindeutig nie geschafft. Ethel war seit langer Zeit fort, aber der Koffer war zurückge­blieben. Was immer geschehen sein mochte, es musste unerwartet eingetreten sein, denn in ihrem Tagebuch fanden sich keinerlei Hinweise darauf. Es endete nur plötzlich.

14. August 1987

Ein weiterer Tag ist vorbei. Es ist falsch, sich das Leben wegzuwünschen, aber was wäre ich doch froh, wenn ich diesen Teil auslassen könnte. Nächstes Mal, wenn ich zu diesem Stift greife, werde ich dir einen Tag näher sein. Dann noch einen und noch einen, bis wir für immer zusammen sein können.

Was ist geschehen? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist ihr der alte Ehemann auf die Schliche gekommen und ausgerastet. Vielleicht hat ihr Liebhaber nicht nur bei ihr Prämien kassiert. Oder vielleicht war die Lebensversicherung Teil eines Plans, und sie hat den Ehemann umgebracht, wurde überführt und hat den Rest ihres Lebens so eingekerkert wie ihr Koffer verbracht. Wie auch immer, ich finde es traurig, dass ihr Symbol der Freiheit auf diese Weise geendet hat: vergessen inmitten von Dunkelheit und Verfall auf der Müllinsel.

Letztlich überließ ich den Koffer einem der Kerle, die sich von den Müllbooten zu uns herüberschleichen. Eigentlich dürften sie das nicht, und sie setzen ihr Leben dabei aufs Spiel, aber sie tauschen nahezu alles mit einem, wenn sie glauben, das, was wir haben, verkaufen zu können. Er gab mir dafür neue Winterstiefel – also, für mich neu –, etwas Angelleine und eine Menge Räucherfleisch. Demnach dachte er offensichtlich, dass der Koffer etwas wert sei. Trotzdem fühlte ich mich irgend­wie schuldig. Es schien mir falsch zu sein, Profit aus dem persönlichen Leben eines anderen Menschen zu schlagen. Nur half Ethel der Koffer ohnehin nicht mehr, und mir half er auch nicht weiter. Und wie ich schon sagte: Wenn’s ums Überleben geht, muss man tun, was man kann.

Seither fange ich immer bei Ethels Haus an, wenn ich in die Alte Stadt gehe, um den Müll zu durchsuchen. Nur für den Fall, dass sie mir eine weitere Überraschung hinterlassen hat. Aber wenn dem so ist, dann handelt es sich um eine noch größere Tragödie als bei der ersten – denn es sieht nicht so aus, als würde ich sie je finden.

Ich klopfte eine Weile mit meinem Hammer auf den Wänden herum, lauschte auf etwas, das vielleicht hohl klang, und kratzte an einigen Ziegelsteinen, doch letztlich gab ich es auf und schlenderte weiter.

Da ist noch etwas, das ich über die Alte Stadt anbringen muss, und ich habe es mir bis zuletzt aufgehoben, weil ich weiß, dass Sie mir nicht glauben werden. Tatsächlich bin ich nicht mal sicher, ob ich es selbst glaube. An manchen Tagen, wenn ich allein hier oben bin und ein wenig Abgeschiedenheit suche, dann … Ich weiß nicht, was es ist, aber … dann höre ich Schritte. Ehrlich! Ich schwör’s! Sicher, meine alten Ohren sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, aber ich höre sie eindeutig. Leise und irgendwie widerhallend, als würden sie irgendwo hervordringen. Eines Tages hätte es mich um ein Haar in den Wahnsinn getrieben – ich lief überall rum, rief sogar ein paar Mal, konnte aber niemanden finden.

Ob es Echos aus der Vergangenheit sind? Von den Millionen Füßen, die früher hier herumgelaufen sind? Vielleicht werden irgendwann, wenn die menschliche Rasse ausgestorben ist, noch Geister über die Erde wandeln. Verirrt und einsam wie betagte Eltern, die von ihren Kindern verlassen worden sind.

Ich ging langsam zum alten Anlegesteg hinüber, wo vor Jahren Fischer, die Bestandteil eines blühenden Gewerbes waren, ihren Fang abluden. Zwei, drei andere Dorfbewohner waren ebenfalls unterwegs und taten dasselbe wie ich: Sie schlichen von einem Müllhaufen zum nächsten, stocherten bald hier, bald da und hielten mitten in der Bewegung inne, wann immer ihnen jemand zu nahe kam.

Ich kratzte ein paar Aluminiumstücke zusammen – entdeckt man genug davon, kann man sie zum Einschmelzen weiterverkaufen –, dazu noch eine Handvoll Nägel, die ich im Dorf bei irgendjemandem eintauschen konnte, der gerade etwas baute, aber nichts von echtem Wert.

Trotz des wirklich schneidend frostigen Winds vom Meer schlenderte ich auf die Überreste des alten Stegs hinaus. Sein feuchtes, grünliches Holz biegt sich mit jedem verstreichenden Jahr mehr durch. Manchmal kann man im Sommer fehlende Teile des Stegs im Wasser erkennen, aber um diese Jahreszeit ist es zu trüb.

Ich drehte mich zum Ufer um und wollte gerade zu einer der neueren Halden gehen, auf die wir dürfen, als mir plötzlich ein Gedanke kam. Ich bin schon so oft dort unten gewesen und konnte kaum glauben, dass ich zuvor noch nie darauf gekommen war.

Es musste über dreißig Jahre zurückliegen, dass der Steg zuletzt benutzt worden war. Als das Fischereigewerbe zusammenbrach, war er noch kurze Zeit für Vergnügungsfahrten verwendet worden. Mit der Ankunft der Müllboote hatte auch das geendet. Aber irgendwann musste es hier doch eine Beleuchtung gegeben haben. Die nächstgelegenen Überreste eines Gebäudes befanden sich rund achtzig Meter entfernt. War es möglich, dass einst ein unterirdisches Kabel zum Steg gelaufen war, das vielleicht, nur vielleicht, nie jemand ausgegraben hatte? Falls es ein Kabel gab, würde es wahrscheinlich aus Kupfer bestehen, und das bedeutete, es wäre einiges wert.

Es mochte verflucht weit hergeholt sein, aber nach einiger Zeit wird man so. Man braucht ein Projekt, irgendetwas, woran man glauben kann, ganz gleich, wie albern es erscheinen mag.

Ich lief zum landseitigen Ende des Stegs, entschied mich für eine Linie von dort zu den Überresten jenes Gebäudes, löste meine zusammenklappbare Schaufel vom Gürtel und begann zu graben.

Ich konnte es nicht glauben. Nach nur ungefähr vierzig Zentimetern wurde ich doch tatsächlich fündig: ein etwa einen Zentimeter dicker, mit braunem Kunststoff ummantelter Kupferdraht. Nicht wirklich ein vergrabener Schatz, aber für einen Inselgefangenen kam es dem schon ziemlich nahe.

Mehrere Augenblicke lang stand ich mit galoppierendem Herzen da, sah mich um und vergewisserte mich, dass mich niemand beobachtet hatte. Herrgott noch mal. Ich wusste auf Anhieb, dass ich ein Problem hatte: Wie zum Geier sollte ich achtzig Meter Kabel ausbuddeln, ohne dabei gesehen zu werden? Es musste in einem Arbeitsgang geschehen. Wenn ich nur einen Teil machte, aufhörte und ein anderes Mal wiederkam, würde es sich nicht vermeiden lassen, dass inzwischen jemand die aufgewühlte Erde bemerkte, ganz gleich, wie gut ich sie tarnte.

Ich ließ den Blick erneut aufmerksam umherwandern, um mich davon zu überzeugen, dass ich allein war. Ich konnte es nicht einfach sein lassen, nicht bei dem, was der Draht wert war. Dann fiel mir die Lösung ein. Allerdings fühlte sich mein Magen schon beim Gedanken daran an, als hätte jemand einen gefrorenen Stein hineingeworfen. Ich konnte das Loch zuschütten, darauf hoffen, dass es den restlichen Tag über niemand bemerkte, und später zurückkommen. Nachts. Dann hätte ich reichlich Zeit.

Wieder sah ich mich um. Meinte ich das wirklich ernst? Die Dorfbewohner gingen nachts nicht raus, und das aus gutem Grund. Und dennoch, angesichts dessen, was es zu holen gab: Hatte ich eine andere Wahl?

Ich füllte das Loch sorgfältig auf, klopfte die Erde fest und verschwand, so schnell ich konnte. Ich ging nicht durch die Alte Stadt zurück, sondern folgte dem felsigen Ufer, um das Dorf aus dieser Richtung zu betreten.

Kaum hatte ich meinen Verschlag erreicht, kam Jimmy herüber, um zu sehen, ob ich Glück gehabt hatte. Ich hatte bereits beschlossen, ihm nichts zu erzählen. Ich wusste, dass er ausflippen würde, wenn er hörte, was ich vorhatte, und ich wollte nichts davon hören. Vor allem da mir bewusst war, dass alles, was er sagen würde, wahrscheinlich absolut richtig war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Verdammten" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen