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Die Venezianierin und der Baumeister

Informationen zum Buch

Die Architektur des Glücks

Vom Aufstieg und Werdegang einer der größten Ikonen der italienischen Baukunst: Andrea Palladio.

Eine berührende Liebesgeschichte vor der Kulisse einer bewegten Epoche

Vicenza 1526–1548. Seit ihrer Kindheit schwärmt Mariangela für den Steinmetz Andrea Palladio. Doch entgegen all ihren Hoffnungen heiratet Andrea ihre Ziehschwester Allegra. Erst als er einen Totschlag begeht, um Mariangelas Leben zu retten, verzeiht sie ihm den Verrat und steht während seines ehrgeizigen Aufstiegs vom einfachen Handwerkersohn zum gefeierten Architekten immer an der Seite seiner Familie. Es wird viele Jahre dauern, bis sie sich von ihrer Liebe zu Andrea lösen und ihr eigenes Glück finden kann.

»Und so sag ich vom Palladio:

er ist ein recht innerlich und von innen heraus

großer Mensch gewesen.«

Johann Wolfgang von Goethe

ERSTER TEIL

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VICENZA, MAI 1526

Erstes Kapitel

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Mariangela stand auf dem Fensterbrett, die Arme seitwärts ausgebreitet. Sie wollte der Mutter folgen, die sich wie eine Schwalbe in das weite Blau erhob, sich immer weiter von ihr entfernte, kaum noch zu unterscheiden von den anderen, die dort flogen, kaum noch einzuholen. Sie musste doch wissen, dass Mariangela ihr nicht folgen konnte, musste zu ihr zurückkehren. Schon war ihre Mutter nur noch ein Punkt in der Ferne, der im nächsten Augenblick für immer verschwinden würde. Nur eines blieb Mariangela: Sie musste springen, dass auch ihre Arme zu Flügeln würden.

»Ich will weg, hier stinkt’s!«

Die Worte rissen Mariangela aus ihrem Traum. Sie fand sich auf dem Bett wieder, einen Arm um den Körper der Mutter geschlungen, die sich nicht bewegt hatte, noch immer nicht.

»Sei still, Fabio! Wir müssen nachsehen, sonst gibt es Ärger.«

Gedämpft drang die Mädchenstimme durch die Kleidungsstücke und Decken, unter denen Mariangela auf dem Bett begraben lag. Fremde in ihrer Wohnung. Wenn die Mutter doch nur aufwachte! Mariangela hielt den Atem an, ein Hämmern in ihrer Brust, das den ganzen Körper erfasste. Sie wollte Luft holen, endlich Luft holen. Doch nur solange sie die Erstarrung der Mutter teilte, konnte sie an ihrer Seite bleiben.

»Ist da jemand?«, hörte sie die unsichere Stimme des Mädchens. Von der anderen Stimme, die Mariangela geweckt hatte, war ein Schluchzen zu vernehmen.

»Lass mein Kleid los, Fabio! Du musst keine Angst haben, nur weil es dunkel ist. Ich glaube, hier ist niemand. Komm, gib mir die Hand. Wir machen jetzt die Läden auf und das Fenster auch, damit der faule Geruch abziehen kann.«

Das Mädchen plapperte vor sich hin, klapperte mit den Fensterläden, viel lauter als nötig. Mariangela hätte ihm gern gesagt, dass es sich nicht fürchten sollte, weil niemand hier war außer ihr und der Mutter. Doch sie durfte nicht sprechen, um den Traum nicht zu verlieren. Ihre Mutter rief nach ihr, Vogelgesang aus weiter Ferne.

Der Arm, auf dem sie lag, war eingeschlafen und kribbelte fast unerträglich. Mariangela drehte sich ein wenig, ohne die Mutter loszulassen.

Der kleine Junge kreischte: »Legra, da, auf dem Bett! Da hat sich was bewegt!«

»Vielleicht eine Maus, die an den Lumpen knabbert. Oder Ratten.«

Scharf sog Mariangela die Luft ein. Lumpen. So eine Gemeinheit! Und Ratten gab es auch nicht im Bett, auch keine Mäuse, das hätte sie bemerkt. Oder war dieses Kitzeln an ihrem Fuß vielleicht …? Angeekelt quietschte sie auf und trat zu.

»Keine Ratten, Fabio.« Die Stimme des Mädchens war jetzt ganz nah. Sie klang belustigt. »Sieht eher aus wie ein Eichhörnchen.«

Etwas packte Mariangelas Haare, sie schrie, dann wurden die Decken weggezogen. Geblendet von der plötzlichen Helligkeit, schlug sie um sich, bis sie freikam. Das fremde Mädchen wich ihren Schlägen rückwärts aus, stolperte über den Kleinen, der sich brüllend an ihre Beine klammerte, und fiel zu Boden.

Plötzlich war es still. Das fremde Mädchen rappelte sich auf.

»Du stinkst!«, schrie der Junge und fing sich dafür einen Klaps auf den Hinterkopf ein.

»Das ist mein Bruder Fabio«, sagte das Mädchen. Es war wunderschön mit seinen glänzenden schwarzen Locken und dem hellgrünen Kleid. »Ich heiße Allegradonna. Mein Vater schickt uns, Marcantonio, der Tischler.« Das Mädchen warf einen Blick auf das Spinnrad und den Stapel milchweißer Wollvliesbänder neben dem Fenster. »Wo ist deine Mutter? Sie hätte das restliche Geld für das Spinnrad bringen sollen, vor zwei Tagen schon.«

»Mama ist krank«, antwortete Mariangela heiser. Sie hatte schrecklichen Durst. Der Wasserkrug stand auf dem Tisch, doch sie wagte nicht, vom Bett aufzustehen. »Warum hast du Eichhörnchen zu mir gesagt?«

Allegradonna lächelte. »Dein Haar war alles, was ich von dir sehen konnte, ein dicker rotblonder Eichhörnchenschwanz.«

Mariangela mochte Eichhörnchen. Wenn sie sich in ein Tier verwandeln könnte, dann wollte sie ein Vogel sein oder ein Schmetterling. Doch wie ein Eichhörnchen von Ast zu Ast zu springen, die Stämme auf und ab zu huschen wäre auch nicht schlecht.

»Aber Eichhörnchen stinken nicht so eklig«, murmelte Fabio, duckte sich, um dem nächsten Klaps zu entkommen, und floh zur Tür. Mariangela konnte ihn nicht leiden.

»Hör nicht auf ihn, er ist erst fünf. Allerdings riecht es hier wirklich nicht gut.« Sie sah sich um. »Verdorbenes Fleisch vielleicht oder Fisch?«

»Das kommt von der Krankheit«, erklärte Mariangela. »Darf ich dich Allegra nennen? Wie alt bist du?«

»Elf. Alle nennen mich Allegra. Aber du hast mir deinen Namen noch nicht verraten.«

»Mariangela.«

»Ein Engel also, kein Eichhörnchen. Sagst du mir jetzt, Mariangela, wo ich deine Mutter finden kann? Ist sie im Hospital? Und wo ist dein Vater?«

Mariangela kaute auf ihrer Unterlippe, versuchte, sich an den rätselhaften Satz zu erinnern, mit dem die Mutter immer auf diese Frage geantwortet hatte. »Im Kampf für den geflügelten Löwen hingefallen.«

»Hingefallen?«, fragte Allegra.

Mariangela hob die Schultern. »Und nie mehr aufgestanden.«

Sie schwiegen. Schließlich folgte Allegra zögernd ihrem Bruder, der bei der Tür stehen geblieben war.

»Ich werde meinem Vater also sagen, dass deine Mutter krank ist.«

Das Brennen in Mariangelas Kehle nahm zu. Gleich würde sie wieder allein sein. Tränen sammelten sich in ihren Augen, ließen Allegras Kleid zu einer hellen Wasserfläche und ihr Gesicht zu dem der Mutter verschwimmen.

»Geh nicht weg!«, schluchzte Mariangela.

Mit stockenden Schritten kam Allegra auf sie zu. Mit gerunzelter Stirn blieb sie vor dem Lager stehen.

Mariangela beeilte sich zu erklären: »Meine Mama ist hier. Hier bei mir im Bett. Sie hat Fieber gehabt und gestern, als ich vom Wasser holen zurückkam, war sie auf einmal ganz kalt und hat nicht mehr mit mir geredet.« Sie wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. »Ich hab sie zugedeckt mit allem, was wir haben, und mich zu ihr gelegt, damit ihr wieder warm wird. Aber sie bewegt sich nicht.«

Nun, da sie es ausgesprochen hatte, würde sie nicht mehr zurückkehren können in ihren Traum. Tränen brannten salzig auf ihren aufgesprungenen Lippen. Mariangela schrie auf, schrie wie ein Vogel, bis die Nachbarn herbeiliefen und das Haus und die ganze Welt über ihr zusammenstürzten und sie nichts mehr spürte als Allegras Arme, die sie fest umschlungen hielten.

Zweites Kapitel

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Ein Jubelschrei stieg in ihm auf, kribbelte in seiner Kehle, nur mit Mühe zu bezwingen. Andrea wartete, bis Maestro Giovanni und der Bauherr sich abwandten und angeregt plaudernd auf die Leiter zuschritten, die hinab ins Erdgeschoss führte. Erst als der kahle Kopf des Auftraggebers außer Sichtweite war, erlaubte er sich ein triumphierendes Lächeln und ballte die Rechte zur Faust.

Eben noch hatte es ihm fast den Magen umgedreht vor Aufregung, und jetzt war es geschafft: Sein Vorschlag, das mittlere Fenster des Saales zu vergrößern und an der Fassade mit Halbsäulen zu flankieren, war auf Zustimmung gestoßen. Mehr noch: der Maestro hatte die Urheberschaft der Idee nicht für sich reklamiert, sondern ausdrücklich ihn, Andrea, gelobt und als den fähigsten Gesellen bezeichnet, den er je ausgebildet hatte. Es sei ein guter Gedanke, die ohnehin schon vertikale Orientierung des schmalen Stadthauses auf diese Weise noch stärker zu akzentuieren.

Der Bauherr hatte ihm beigepflichtet: »Warum auf Grandezza verzichten, nur weil der Raum begrenzt ist?«, hatte er schmunzelnd gesagt und Andrea seine üppig beringte Hand auf die Schulter gelegt.

Die Anerkennung erfüllte Andrea mit Stolz, stärkte ihn wie der kräftig gewürzte Bohneneintopf der Meisterin, auf den er sich nach dem langen Arbeitstag freute. Hoffentlich gab es auch eine ordentliche Scheibe Speck dazu.

Mit einem Sprung stand Andrea auf der Fensterbrüstung und stieg hinaus auf das Gerüst. Die flachen Strahlen der Frühlingssonne ließen die Ziegeldächer orangefarben aufleuchten. Versunken betrachtete er das Spiel der Schatten auf der gegenüberliegenden Fassade. Ihm war, als würden Stein und Putz im sanften Licht lebendig. Wenn er nur könnte, würde er mit Licht bauen, es einfangen und modellieren und mit dem Schatten zu Gebäuden schichten, die seinen Ruhm in der gesamten terraferma erstrahlen ließen. Ach was, warum sich auf das venezianische Hinterland beschränken, in der gesamten christlichen Welt sollte man ihn rühmen.

Er bedachte sich selbst mit einer tiefen Verbeugung, presste die Hände aufs Herz und deklamierte mit himmelwärts gerichtetem Blick: »Teurer Andrea, wie armselig wäre die Welt ohne deine hochfliegenden Pläne!«

Hastig sah er sich um – es war niemand zu sehen – und dankte Gott. Sosehr er selbst auch auf seine glänzende Zukunft vertraute, so sicher war, dass jeder Zeuge ihn ob seiner Albernheiten ausgelacht hätte. Lächelnd wandte er sich der Sonne zu, die nun leuchtend orange den First eines Daches zu berühren schien. Er hob die hohle Hand, legte sie an den Saum der glühenden Kugel und bewegte den Kopf, so dass es für ihn aussah, als rolle er die Sonne am Grat entlang. Eigenartig, dachte er, dass die Farbe des Lichts gegen Abend wärmer, die Luft jedoch kälter wurde. Wieder einer dieser Gegensätze, die ihn in letzter Zeit beschäftigten – Licht und Schatten; Gefühl und Verstand; ewige Werke aus Stein, von vergänglichen Menschen geformt.

Der Gedanke an die Vergänglichkeit ließ ihn an seine Eltern denken. Heimweh blies ihm das Lächeln aus dem Gesicht und die Wärme aus den Gliedern. Mutters Bein war schlechter geworden, das hatte der Vater ihm geschrieben, vor Tagen schon, und er war noch nicht dazu gekommen, Maestro Giovanni um ein paar freie Tage zum bevorstehenden Pfingstfest zu bitten. So sehr hatte er sich gefangen nehmen lassen von der Zeichenfeder und den Formen, die ihre zarten Striche im Stein zu wecken vermochten, dass er die eigenen Eltern vergessen hatte. Eine Schande. Noch heute beim Nachtmahl würde er um den Urlaub bitten.

Er gürtete seine Jacke enger, stieg zurück in das Gebäude und die Leiter hinab und trat durch das Tor auf die Straße, die schon im Dämmerlicht lag. Fröstelnd eilte er an Santa Maria dei Servi vorbei und stieß an der nächsten Ecke beinahe mit einem hünenhaften Mann zusammen, der ein Mädchen in den Armen trug.

»Hast du keine Augen im Kopf, Bursche!« Die Stimme des Mannes rumpelte wie Schotter aus seinem gewaltigen Brustkorb.

»Verzeiht, Maestro Marcantonio, ich bin es, Andrea, der Geselle von …«

»Ach, der Steinmetz, jetzt erkenne ich dich. Und nun lass mich weiter.« Der Tischler drängte sich an ihm vorbei.

»Kann ich Euch helfen? Ist Eure Tochter krank?«

Marcantonio hielt inne. »Meine Tochter zum Glück nicht.«

Mit einer Kopfbewegung deutete er in die Richtung, aus der er gekommen war. In einiger Entfernung zerrte ein Mädchen unter kräftigem Geschimpfe ein greinendes Kleinkind hinter sich her. Der Tischler wies mit dem Kinn auf das rotblonde Mädchen in seinen Armen.

»Die hier ist ein Waisenmädchen. Armes Ding. Die Tochter der verwitweten Venezianerin, die für den alten Rosario gesponnen hat. Ihre Mutter ist am Fieber gestorben, und nun …«

Er bewegte die Arme, schüttelte seine Last zurecht. Das Mädchen öffnete die verschwollenen Lider und blickte Andrea aus rotgeränderten Augen an. Noch bevor ein Lächeln auf seine Lippen gefunden hatte, wandte es den Kopf ab und barg ihn an der Schulter ihres Retters. Der drückte sie seufzend an sich.

»Du könntest mir schon helfen, Steinmetz. Allegra kann den Kleinen nicht den ganzen Weg tragen, du siehst ja.«

Inzwischen war das Mädchen bis auf wenige Schritte herangekommen. Andrea registrierte ihre üppigen Locken, die in Stein zu meißeln eine Herausforderung wäre, zu der ihm vermutlich die Geduld fehlte. Er beugte sich zu dem Kleinen hinunter, der mit vorgeschobener Unterlippe hinter den Röcken des Mädchens hervorlugte.

»Komm her, kleiner Ritter, ich setze dich auf meine Schultern, und wir reiten deiner Schwester davon.«

Er hob das Kind hinauf und war mit drei Galoppsprüngen neben dem Tischler, der ihm zunickte und seinen Weg wieder aufnahm.

»Danke, Junge.«

»Bringt Ihr die Kleine ins Waisenhaus, Maestro Marcantonio?«

»Nicht gleich. Wir nehmen sie mit nach Hause. Allegra will es so haben.« Er schnaubte. »Sie ist stur wie ein Maulesel.« Sein liebevolles Lächeln ließ seine Worte als Kompliment erscheinen.

»Ihr seid ein guter Mensch, Maestro Marcantonio.«

Der warf ihm einen Seitenblick zu, den Andrea nicht recht zu deuten vermochte.

»Man hört so allerlei über dich, Junge. Giovanni Pedemuro singt dein Loblied, gefragt und ungefragt. Und nun höre ich, dass du auch Menschenseelen wiegen kannst. Leg doch ein gutes Wort für mich ein, wenn du das nächste Mal mit den Heiligen speist!«

Andrea biss sich auf die Unterlippe. »Verzeiht die Respektlosigkeit, ich wollte nur …«

Der Tischler rempelte ihn mit dem Oberarm, dass Andrea Mühe hatte, sich mit seiner Last auf den Beinen zu halten, und lachte. »So hell, dass du einen guten Spaß erkennen kannst, bist du auch wieder nicht, was?«

Andrea schwieg. Zu gern hätte er sich nach Allegra umgesehen, die knapp hinter ihnen ging, doch er befürchtete, dass Marcantonio in dieser Hinsicht wenig Spaß verstand. Also sprang er ein wenig herum, gebärdete sich wie ein bockendes Pferd, um die Aufmerksamkeit des Kleinen auf seinen Schultern zu gewinnen, und rief nach oben: »Stolzer Ritter, darf ich nach Eurem Namen fragen?«

»Fabio. Und du?«

»Ich bin Andrea della Gondola aus Padua, edler Ritter Fabio.«

»Was ist Padua?«

»Eine große und prächtige Stadt, eine Tagesreise von Vicenza entfernt. Mein Vater ist dort Müller und Schiffer.«

Der Kleine kicherte. »Dein Vater ist ein Pferd. Pferde können keine Müller sein.«

Marcantonio lachte dröhnend, und auch Andrea musste grinsen. Humor schien in der Familie zu liegen. Nur Allegra schenkte ihren Späßen keine Beachtung. Sie hatte aufgeholt, ging jetzt auf der anderen Seite ihres Vaters, betrachtete besorgt das Mädchen in seinen Armen und griff nach dessen schlaff schlenkernder Hand.

»Sie ist ganz kalt, Vater. Sie wird doch nicht …?«

»Keine Sorge, sie ist nicht tot. Meine Schulter ist ganz nass von ihren Tränen.«

Darauf gab es nichts zu sagen. Beklommen legten sie die letzten Meter zurück. Am Tor der Tischlerei hob Andrea den Jungen von den Schultern und verabschiedete sich eilig. Er wollte nur noch heim, wollte essen und sich in seine Kammer unter dem Dach zurückziehen, wo er dem Herrn auf Knien für sein Schicksal danken würde. Was für ein Glückskind er doch war: siebzehn Jahre alt, und seine Eltern lebten noch, liebten ihn. Er durfte ein Gewerbe ausüben, zu dem es ihn von Kindheit an hingezogen hatte, und bei einem Maestro leben, der ihn wie einen Sohn behandelte. Hatte er je hungrig ins Bett gehen müssen? Er konnte sich nicht daran erinnern.

Sehr lebhaft hingegen erinnerte er sich an die Schläge, die ihm sein erster Maestro in Padua verabreicht hatte. Noch heute fühlte er die Erniedrigung und den Hass auf Cavazza, der ihn nicht nur für Fehler, sondern noch lieber für Vorschläge und eigene Ideen verprügelt hatte.

Nun, er war entkommen. Sein Vater und sein lieber Pate hatten ihm zur Flucht verholfen, hatten ihn, als alle Verhandlungen nicht fruchten wollten, freigekauft. Ihrem Einsatz verdankte er, dass er heute in der Werkstatt von Pedemuro leben und arbeiten durfte, wo er schon jetzt mehr gelernt hatte als der Rattensohn Cavazza in seinem ganzen Leben.

Um wie viel elender würde das Leben dieses kleinen Mädchens verlaufen, das vielleicht halb so alt war wie er und schon elternlos. Die Züchtigungen, das karge Essen und die schwere Arbeit im Waisenhaus wären immer noch besser als alles, was danach kommen konnte. Ohne Mitgift hatte es kaum eine Chance auf einen ehrbaren Ehemann. Als Magd würde sie enden, wenn sie Glück hatte, als Hure im anderen Fall.

Aber vielleicht, dachte Andrea, hatte ja der Tischlermeister Mitleid, behielt sie selbst als Magd. Seine Geschäfte liefen gut, das war bekannt. Kurz kämpfte Andrea mit dem Impuls, zurückzulaufen und Marcantonio diese Lösung vorzuschlagen, bis er sich eingestand, dass die Angelegenheit ihn rein gar nichts anging. Einen Vorschlag hatte er heute schon gewagt und Glück damit gehabt. Ein zweites Mal an diesem Tag einem Älteren gute Ratschläge zu erteilen würde möglicherweise als Respektlosigkeit aufgefasst, die ihm eine verdiente Ohrfeige eintrüge.

Ob sie Träume für ihre Zukunft gehabt hatte, die Kleine, wie er? Oder träumten Frauen immer nur für andere? Wie seine Mutter, die dem Vater beistand in allem, was er tat, deren einzige Sehnsucht auf den Erfolg und das Glück ihres Sohnes gerichtet war.

Er trabte durch die nächtlichen, nur vom Sternenglanz und einer schmalen Mondsichel erleuchteten Straßen. In Begleitung des gewaltigen Tischlers hatte er kein Unheil gefürchtet, doch nun meinte er in jedem Schatten einen Räuber zu sehen. Er legte die Hand auf das Messer, das an seinem Gürtel hing. Wie dumm, dass er nicht daran gedacht hatte, den Tischler um eine Fackel zu bitten. Er konnte nur beten, dass ihn kein Nachtwächter aufgriff.

Wenn doch die Straßen gleichmäßig erleuchtet wären, dachte er, an jedem Haus eine Fackel oder Laterne. Andererseits, wie hoch wäre dann die Brandgefahr? Besser wäre es, die Sterne sänken herab, um selbst dunkelste Winkel auszuleuchten, hingen glitzernden Bändern gleich über allen Gassen. Wie zauberhaft das von oben aussehen müsste, wenn man etwa vom Monte Berico auf die Stadt herabsähe. Eine große Aufgabe für Andrea, den Baumeister des Lichts. Über jedem Platz sollte ein Mond schweben, auf der Piazza dei Signori gleich eine ganze Reihe von ihnen. Marmorne Säulen würden im Mondlicht unter schwarzem Himmel schimmern, im Wettstreit mit der blassen Haut der Mädchen. Ungefährdet könnten sie sich zu nächtlichen Tanzveranstaltungen auf die Plätze wagen, sich vor seinen Augen drehen. Schaut, würden sie rufen, dort steht Andrea, dem wir unser Glück verdanken, sieht er her, meint er mich?

Er lächelte den imaginären Jungfrauen zu und schwenkte elegant seine Kappe. Die Straßenräuber, so nicht auch sie nur in seiner Einbildung existierten, erschraken vor seinen kunstvoll gesprungenen Tanzschritten, wichen zurück in die finstersten Schatten, vertrieben schon durch die Vorstellung künftigen Lichts.

Drittes Kapitel

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Mariangela zwang sich, still im Finsteren zu liegen, mit offenen Augen, und die ruhigen Atemzüge des Mädchens zu zählen, das neben ihr unter der Decke schlief. Nur nicht daran denken, dass es nicht die Mutter war, die da lag. Selbst nicht schlafen, nicht sprechen, nicht fühlen. Nur das Atmen konnte sie nicht lassen, sie hatte es versucht. Noch hing sie fest an einem dünnen Faden, der ihre Seele an den Körper band. Das hatte der Priester gesagt, den sie geholt hatten am zweiten Tag, weil sie weder sprechen noch essen wollte.

Immerhin – sie konnte ihren Körper verlassen, konnte sich selbst beobachten, etwa wenn sie mit der fremden Familie beim Essen saß. So sah sie also zu, wie ihr Löffel mit Gerstenbrei oder Suppe in den Mund geschoben wurden, sah sich sitzen, schlaff wie ein Lumpenpüppchen und ebenso leer.

Sie hörte, dass es so nicht weiterging, dass das Waisenhaus nicht weit und Besuch dort erlaubt wäre und welche Schande es sei, dass kein Verwandter sich um das Mädchen kümmern mochte. Das waren Worte, die Allegras Mutter sprach. Lisbet nannte der Tischler sie. Ein Name, so fremd, dass er Mariangela sicher zum Lachen gebracht hätte, früher.

Allegra redete viel, vor allem abends, wenn sie gemeinsam unter der Decke lagen. Dann erzählte sie von der Familie und ihren Freundinnen und davon, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sie endlich einen eigenen Haushalt führte. Sie redete und redete, überschüttete Mariangela mit Wörtern, als hoffte sie, diese würden sie irgendwann füllen und müssten dann über Mariangelas Lippen wieder herausrinnen. Doch Wort um Wort rieselte sandkorngleich in die große Leere, und es würde viele Tage dauern, hunderte, tausende, bis sie überquollen.

Mariangela sah zu, wie sich Allegras Miene verfinsterte, lange bevor sie die Beherrschung verlor und ihrer Mutter widersprach. Dass sie das Haus mit ihrem Schützling verlassen würde, schrie sie, dass die Heilige Jungfrau selbst sie zu Mariangela geführt und ihr befohlen hätte, diese dem Tod zu entreißen. Mariangela hörte ihre Beschützerin aufheulen, als Lisbet ihr einen Schlag auf den Hinterkopf versetzte, weil es eine gotteslästerliche Sünde sei, die Heilige Jungfrau für ihren Starrsinn verantwortlich zu machen.

Der kleine Fabio schnitt seiner Schwester Grimassen, von den Eltern unbemerkt. Mariangela sah Allegra die Zähne zusammenbeißen, sah sie den Löffel in die erkaltete Suppe tauchen und ihn ihr mit flehendem Blick an die blassen Lippen heben. Mariangela spürte nichts, öffnete dennoch den Mund und schluckte, wieder und wieder.

Einige Tage werde man noch abwarten, grummelte der Vater gutmütig, doch spätestens zu Pfingsten müsse eine Entscheidung fallen.

»Einige Tage«, wiederholte Lisbet und verdrehte die Augen. Fabio streckte Mariangela hinter dem Rücken des Vaters die Zunge heraus.

An einem wolkigen Tag, als Allegra mit der Mutter außer Haus war, um Besorgungen zu machen, schlich sich Mariangela in den Hof und nach hinten in die Werkstatt des Tischlers. Es war der Duft des frischen Sägemehls, der sie lockte. Sie kauerte sich in ein Eck, schloss die Augen und atmete den Geruch ein, der so frisch war und warm und der sie an nichts erinnerte, was sie kannte.

Der Lehrbub verspottete sie, als er bemerkte, wie sie an den Sägespänen schnüffelte. »Matta«, sagte er. »Pazza«, Verrückte. Er bewarf sie mit einer Handvoll Späne, die in ihrem Haar hängenblieben.

Der Tischler, der eben mit einem der Gesellen einen Kasten zusammenfügte, schwenkte drohend die Hand und rief den Burschen zu sich. Seine Stimme klang, als käme sie aus den Tiefen der Erde.

Mariangela zählte stumm bis tausend und wischte mit den Fingerspitzen Spuren in das Sägemehl, das den Boden bedeckte. Sie konnte nicht schreiben, doch zählen konnte sie, besser als viele Erwachsene. Weil es sie immer schon beruhigt hatte, große Zahlen auf ihrer Seite zu wissen. Zwei Brote waren besser als eines, und wer zehn Münzen hatte, musste sich nicht entscheiden zwischen Bohnen und Speck. Wenn von den tausend Blättern eines Baumes drei fielen, wurden sie nicht vermisst. Nur die letzten, die sich im Herbst an ihre Zweige klammerten, wurden bemerkt, betrauert vielleicht.

Tischler, Geselle und Lehrbub hatten den Kasten auf den Karren geladen und brachten ihn fort. Auch der zweite Geselle verließ die Werkstatt, ohne von Mariangela Notiz zu nehmen.

Mariangela erhob sich vorsichtig, als könnte sie bei jeder Bewegung zerbrechen, und durchstreifte die Werkstatt, betastete hier und da ein Stück Holz, legte schließlich einen Finger an die Zähne der großen Säge. Drückte fester, bis ein Tropfen Blut hervorquoll, prall und rund wie eine Perle. Sie schob den Finger in den Mund, dass der Tropfen nicht zu Boden fiel, saugte, bis nichts mehr kam. Schweren Schrittes schleppte sie sich hinaus, über den Hof in die Küche und zurück in Allegras Kammer. Sie ließ sich auf das gemeinsame Bett fallen und wartete.

Am nächsten Tag lebte sie noch immer. Lisbet drückte ihr eine Spindel in die Hand, weil sie spinnen können musste, das konnte jedes Mädchen, und dieses erst recht, wo doch die Mutter damit ihr Geld verdient hatte. Mariangela hielt die Spindel in der Hand, bis sie es nicht mehr ertrug und sie fallen ließ. Nie wieder würde sie eine anrühren, gerade wegen der Mutter.

»Schon wieder Tränen«, sagte Lisbet ärgerlich. Dabei meine man es doch nur gut. Sie schlug mit der Hand auf den Tisch, schüttelte den Kopf, dass sich eine blonde Strähne aus ihrer Flechtfrisur löste. Ihre lange Nase war an der Spitze ganz weiß.

Allegra kam, legte die Arme um Mariangela, die weinend am Tisch saß, flüsterte tröstende Worte in ihr Ohr. Dann nahm sie ihre Arbeit wieder auf, knetete Nudelteig. Als Fabio den Honigtopf umwarf und Lisbet ihn anschrie, stand Mariangela auf und ging hinüber in die Werkstatt.

Irgendwann ging der Tischler neben ihr in die Knie, hielt ihr einen Gegenstand unter die Augen. »Schau«, sagte er, »das habe ich für dich gemacht.« Es war ein Pferd aus Holz, so klein, dass sie die Hand darüber schließen konnte, glatt und warm. Sie hielt es fest.

Ob er ihr zeigen sollte, wie er es gemacht hatte?

Sie vermochte nicht zu antworten, nicht einmal zu nicken, aber ansehen konnte sie ihn und zusehen, wie er ein weiteres Holzstück aus der Kitteltasche zog und es mit dem Schnitzmesser bearbeitete. Man müsse spüren, welches Tier im Holz schlief, sagte er, und es befreien. Es sei ganz einfach und doch den wenigsten möglich. Er fand eine schlafende Katze, schälte sie behutsam aus ihrem Gehäuse und stellte sie auf ein Wandbord, um sie später zu polieren.

Auf dem Boden vor Mariangela lag nun das Schnitzmesser, daneben einige Holzreste. Niemand hätte in diesen verborgene Formen entdecken können, ob sie ihr Glück versuchen wolle, fragte der Tischler und erhob sich ächzend. Achtsam müsse sie sein, rief er ihr noch zu, die Klinge sei scharf, zärtlich zum Holz, nicht zum Fleisch.

Bis die Vesperglocken läuteten, tastete Mariangela nach den eingeschlossenen Gestalten, zunächst nur mit den Augen, später nahm sie die Finger zu Hilfe. Sie fand einen Käfer, eine Ratte, beließ sie in Gefangenschaft.

In dieser Nacht träumte sie, lief an der Spitze einer Schar hölzerner Tiere durch Straßen und Felder.

Gleich nach dem Frühstück ging sie in die Werkstatt. Zaghaft begann sie mit dem Messer die Fesseln des Wesens zu lösen, das niemand außer ihr entdecken konnte.

»Lass sie allein«, hörte sie den Tischler flüstern, als Allegra kam, um nach ihr zu sehen.

Mariangela arbeitete den ganzen Tag. Es war schwieriger, als sie erwartet hatte. Winzige Späne schabte sie ab, um das Tierchen nur ja nicht zu verstümmeln. Als Lisbet zum Abendessen rief, hielt Mariangela ihr Werk umklammert, die Hand in der Tasche des Kittels verborgen. Nach dem Tischgebet ließ sie es Allegra in den Schoß fallen.

Allegra schrie auf, hielt das Geschenk in die Höhe und strahlte, dass man hätte meinen können, es bestünde aus purem Gold. Sie umarmte Mariangela, küsste sie auf Wangen und Stirn.

»Ein Eichhörnchen«, rief sie, »es ist ein Eichhörnchen!«

Der Tischler lächelte und nickte, und dann langte er mit seiner Pranke über den breiten Tisch, dass Mariangela fürchtete, er wolle sie schlagen, und den Kopf zwischen die Schultern zog. Doch er strich ihr nur übers Haar. Fabio schaute eifersüchtig drein. Lisbet verzog die Lippen zu einem freudlosen Lächeln und tauchte ihren Löffel in die Linsen.

»Es ist«, sagte der Tischler, »nun wohl die Zeit der Entscheidung gekommen.«

Mariangelas Herz blieb stehen.

»Lisbet?«, sagte der Tischler und sah seine Frau an, die mit gesenktem Blick gemächlich kaute und schluckte. Es war so still im Raum, dass man ihre Zähne mahlen hörte. Nur Allegra rutschte auf der Bank umher und bewegte die Lippen in lautlosem Gebet, die Augenlider fest zusammengepresst.

Schließlich hob Lisbet den Kopf, fixierte die erstarrte Mariangela und sprach zum ersten Mal ihren Namen aus.

»Meinetwegen kannst du bleiben, Mariangela.« Sie wandte sich wieder ihrer Mahlzeit zu.

Allegra lachte und zischte Mariangela zu, sie sei jetzt ihre kleine Schwester, dann packte sie ihre Schultern mit beiden Händen und schüttelte sie in ihrer Freude so heftig, dass Mariangela nach Luft schnappte. Schließlich griff sie nach ihrem Löffel.

VICENZA, FEBRUAR 1530

Viertes Kapitel

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Inmitten der anderen Mädchen trat Mariangela aus dem Tor der Klosterschule auf die Straße. Die Mittagssonne blendete sie, ein kühler Wind blies und wirbelte den Lernstoff der vergangenen Stunden in ihrem Kopf durcheinander. Zu beiden Seiten des Tores warteten Knechte, Ammen und ältere Brüder, um ihre Schützlinge in Empfang zu nehmen. Mariangela umarmte Virginia, winkte der kleinen Gianna Maria und blieb bei den anderen Mädchen stehen, die wie sie ihren Heimweg allein antraten.

Auf einem Apfelschimmel trabte ein junger nobile heran, die Wangen vom Wind gerötet. Als er die Blicke der Mädchen bemerkte, schwenkte er den Hut zum Gruß und lächelte ihnen zu. Schmutz spritzte auf Mariangelas Rock, als er sein Pferd antrieb und vorbeipreschte, als ritte er in die Schlacht.

»Das war Giorgio Capra«, verkündete Giulia. Die Tochter des Goldschmieds galt unter den Mädchen als Expertin in Gesellschaftsfragen. »Ob er mit seinem Vater nach Bologna zur Kaiserkrönung reist? Ich würde mir das an seiner Stelle nicht entgehen lassen. Alle wichtigen Männer des Reichs werden dort sein! Erst letzte Woche hat mein Vater mit seiner Mutter gesprochen, als er ihr die bestellten …«

Mariangela wandte sich ab. Mehr als die neuesten Ketten oder Kelche der Edelfrau Capra interessierte sie, warum alle so begeistert von dieser Krönung sprachen. Die halbe Stadt schien im Aufbruch. Fürsten von jenseits der Alpen hatten sich auf der Durchreise in Klöstern und Herbergen einquartiert. Man erkannte sie gleich an ihren seltsamen Gewändern mit den vielen Schlitzen, aus denen die Unterhemden quollen. Sie ritten durch die Straßen oder standen vor den brechend vollen Tavernen und prosteten einander in kehligen Dialekten zu.

Gestern hatte Mariangela nach dem Unterricht die Lehrerin, Schwester Candida, gefragt, warum die Fremden, die noch kurz zuvor das Land verwüstet hatten, jetzt wie Freunde willkommen geheißen würden. War es denn nicht derselbe Kaiser Karl, der den Sacco di Roma vor drei Jahren zu verantworten hatte? Dessen Söldner die Frauen Roms geschändet und Papst Clemens VII. verhöhnt und erniedrigt hatten? Und der sollte jetzt von ebendiesem Papst zum römischen Kaiser gekrönt werden? Eine seltsame Strafe für Raub und Mord.

Der Kaiser hätte die Plünderung der heiligen Stadt ja nicht angeordnet, es wären die Landsknechte gewesen, die außer Kontrolle gerieten, hatte Mutter Candida geantwortet und dabei zum Kruzifix geblickt. Und als hätte der Herr Jesus ihr tatsächlich Rat gespendet, hatte sie leise hinzugefügt: »Die hohen Herren kann eine Frau nicht verstehen, Mariangela. Sie schlagen sich, sie vertragen sich, und die Gnade des Vergessens wird ihnen, so nur genug Gold fließt, schneller zuteil als uns Frauen. Es ist besser für unser Seelenheil, wenn wir nicht zu viel grübeln, wenn wir in Demut verharren, da wir ohnehin nichts ändern können.«

Ja, dachte Mariangela, der Herr weiß die Antwort auf jede Frage, und meistens lautet sie: »Sei still!«

Sie presste sich die Hand gegen den Mund, um das Kichern zu ersticken. Übermut und schlechtes Gewissen hielten sich die Waage, wie beim Grimassenschneiden hinter dem Rücken von Mutter Lisbet. Doch anders als sie sah der Herr alles. Schnell schlug Mariangela ein Kreuz. Die unerforschlichen Wege Gottes auch nur ein einziges Mal in Zweifel zu ziehen konnte ihr Monate, wenn nicht gar Jahre im Fegefeuer einbringen.

Ohne auf den Weg zu achten, war sie hinter Rosalba und Caterina hergetrottet und auf dem Corso gelandet. Ein Stück weiter vorn stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite das schönste Haus der Stadt, wie sie fand, der Palazzo Braschi-Brunello. Sie konnte nicht daran vorbeigehen, ohne hinaufzusehen und die zierlichen Balkone zu beiden Seiten der Loggia zu bewundern, die ihrerseits wie ein gerahmtes Bild in der rot verputzten Fläche saß.

Mariangela überhörte die Abschiedsworte der anderen Mädchen. Wieder einmal stellte sie sich vor, mit Allegra auf einem der beiden Balkone zu stehen und das Treiben auf der Straße zu kommentieren. In den Schatten hinter den Spitzbögen der Loggia meinte sie helle Kleider wallen zu sehen, hörte Mädchenstimmen zwitschern, als wäre ein Teil von ihr den Tagträumen vorausgeeilt. Doch dann streckte sich tatsächlich eine Mädchenhand zwischen den zierlichen Säulen ins Licht, wies auf sie, gefolgt von leisem Kichern. Erschrocken fuhr sie zusammen, eilte weiter. Es gab sie also, die Mädchen, die an ihrer statt in ihrem Lieblingshaus wohnten. Einfach herumstehen und in fremde Häuser starren, wenn das Mutter Lisbet wüsste.

Seit Allegra nicht mehr mit ihr in den Unterricht kam, geschah es allerdings häufiger, dass Mariangela auf dem Heimweg trödelte und träumte. An allen Ecken wurde gebaut, wurden hölzerne Häuser durch solche aus Stein ersetzt und Straßen frisch gepflastert. In den Arkaden und bei den Straßenhändlern gab es eine solche Vielfalt an Waren zu bestaunen, dass Mariangela ganze Tage dort hätte verbringen können. Doch Mutter Lisbet wartete nicht gern.

Wenn sie Mariangela doch gestatten würde, ihre kleinen Holztiere mit Hilfe eines Bauchladens zu verkaufen. Ganze Brigaden hatte sie inzwischen geschnitzt. Doch bisher wurden sie nur verschenkt. Lisbet brachte sie den Nachbarinnen mit, Marcantonio verteilte sie an seine Auftraggeber, Fabio nahm sie sich einfach und ließ sie dann irgendwo liegen.

»Na, Mädchen, Schal gefällt dir?«

So gut gefiel ihr der, dass sie gar nicht auf den Händler mit der ledrigen Haut und der rauen Stimme geachtet hatte, der sich nun über den Tisch beugte und ihr das Tuch um die Schultern schlang.

»Wo ist Vater, Mutter? Kaufen Schal für Principessa.«

Mariangela wand sich, doch der Fremde hielt sie im Schal gefangen. Er zwinkerte ihr zu, lachte.

»Du kommst mit mir, dann ich schenke dir.«

Sie duckte sich nach unten, entkam der Schlinge und lief schimpfend weiter, verfolgt vom Gelächter des Händlers und einiger Passanten. Ihr Herz pochte wild. Sie senkte den Kopf, dass niemand die Röte in ihrem Gesicht entdeckte, und flüchtete um die nächste Ecke.

Früher, als sie noch mit ihrer Mutter gelebt hatte – sie blickte zum Himmel, bekreuzigte sich –, hatte sie nicht so aufregende Dinge erlebt. Damals war sie überhaupt kaum je aus der Nachbarschaft herausgekommen. Die paar Schritte bis zum Markt, eilige Besorgungen an der Hand der Mutter, Spiele mit den Nachbarskindern, immer in Rufweite.

Sie meinte, die sanften Finger der Mutter zu fühlen, die sich um ihre weiche Kinderhand schlossen, sie leiteten. »Schau nur dort vorn, mein Schatz, dort steht schon die alte Maria, siehst du sie? Und ihre Marillen leuchten wie Abendsonnen!«

Mit geballten Fäusten blieb Mariangela stehen, schloss die Augen und schluckte die Tränen. Sie blickte in den blauen Himmel, sah zwei Mauersegler mit dem Wind spielen und ging weiter.

Ein paar Jahre war das alles erst her, und schon entglitt ihr das alte Leben. Oft reichten selbst Tränen nicht aus, ihr das Gesicht der Mutter in Erinnerung zu spülen. Sie hatte versucht, sie zu zeichnen, auf der Rückseite einer alten Rechnung, doch das Porträt war Papier geblieben. Bei dem Versuch, ein Bildnis zu schnitzen, hatte sie sich fast den Daumen abgehackt. Der Tischler hatte ihr verboten weiterzumachen. Er hatte ihr einen Handspiegel geschenkt.

»Dadrinnen siehst du sie«, hatte er gesagt, »dort wird sie für immer sein.«

Doch er irrte sich. Es gab Tage, an denen fand sie dort nichts.

In ihrem neuen Leben durfte sie fast jeden Tag zum Unterricht ins Nonnenkloster, durfte schreiben, rechnen und zeichnen lernen und Geschichten über Heilige und Helden hören. Fast das Beste daran war der Weg quer durch die Stadt. Ein oder zwei Jahre würde es wohl noch gehen. Dann hätte sie genug gelernt, würde wie alle anderen jungen Mädchen nur noch in Begleitung ausgehen dürfen. Ehrbar hieß das. Weil man sonst nicht geheiratet wurde.

Aber vielleicht wollte sie gar nicht heiraten, wollte lieber mit einem fahrenden Händler ziehen, nach Venedig reisen, der Stadt, in der sie geboren war, die sie mit der Mutter verlassen hatte, als man sie nach dem Tod des Vaters aus dem Haus geworfen hatte. Manchmal meinte sie, sich zu erinnern. An Wäsche, die über schmalen Kanälen im Wind wehte, an Gerüche. Doch nicht an die Pracht, von der alle sprachen. Ja, nach Venedig wollte sie, sich dort auf einem Schiff verstecken, aufwachen in einem fernen Land, in dem die Menschen auf den Händen gingen, mit Tierstimmen sprachen und schwarze, grüne oder gelbe Haut hatten. Ob farbige Abdrücke blieben, wenn man von ihnen berührt wurde? Ob die Frauen dort Hosen trugen, da Röcke doch ihre Beine freigeben mussten, wenn sie auf Händen gingen?

Doch ohne Allegra würde sie niemals fortgehen, und die wollte nicht weg. Seit sie nicht mehr zur Schule ging, führte sie Rechnungsbücher für den Vater, stritt mit der Mutter um die Haushaltsführung, bis es krachte. Sie traf sich mit ihren Freundinnen aus der Nachbarschaft, von denen zwei schon verlobt waren. Mariangela hätte Allegra gern öfter für sich gehabt. Es kam ihr albern vor, wie die Schwester mit den anderen Mädchen kicherte und über die Haare und Schultern und Nasen und Zähne der jungen Männer redete, als wären das entweder Süßigkeiten oder eklige Käfer. Sie hatte das Gefühl, als summe Allegra innerlich wie ein Bienenstock.

Vor einigen Tagen, vor dem Einschlafen, hatte sie Mariangela fest umarmt, regelrecht erdrückt und ihr mit vor Aufregung zitternder Stimme anvertraut, dass sie auf einen Antrag wartete. Von Sali, Salvatore, dem Weberssohn, der Mariangela manchmal kurze Briefe für Allegra zusteckte, über deren Unbeholfenheit die Mädchen dann abends im Bett kicherten.

Heimlich trafen sie den Jungen am Brunnen oder auf dem Weg zum Markt. Mariangela blieb dann ein wenig zurück, tat, als interessiere sie sich für den Schmutz zwischen den Pflastersteinen oder ein ausladendes Gesims.

Hübsch war Sali, zweifellos, und freundlich, aber als Mann doch zu jung zum Heiraten mit seinen achtzehn Jahren. Es brauchte Geld, um einen Hausstand zu gründen. Und dass Allegra mit ihrer Mitgift in das Elternhaus des Jungen zog, würde Mutter Lisbet bestimmt nicht erlauben, zumal der alte Weber für seine Liebe zum Würfelspiel bekannt war.

Allerdings begannen die Eltern bereits, auf den üblichen Wegen nach einem geeigneten Kandidaten zu forschen, befragten Verwandte, Freunde, Nachbarn, obwohl Allegra erst in drei Monaten ihr fünfzehntes Lebensjahr vollenden würde. Ein junger Handwerksmeister wäre wohl willkommen, einer, den man in einer mehrjährigen Verlobungszeit gründlich auf seine Tauglichkeit prüfen könnte. Mariangela hoffte, dass sie nicht so bald fündig würden. Wenn sie schon sein musste, die Heiraterei, dann wollte sie gemeinsam mit Allegra Hochzeit feiern. Brüder sollten es sein, die Haus an Haus wohnten.

Wieder blieb sie stehen, strich mit der Hand über einen Ziegelstapel, der aufgeschichtet in einer Baulücke lag, schnupperte Baustellenstaub, der so frisch roch, viel besser als der Straßenstaub. Aus diesen Ziegeln könnte ihr Haus entstehen. Es hätte einen Balkon an der einen Seite, von dem sie Allegra im Nachbarhaus die Hand reichen könnte, ohne die Straße zu betreten, und einen Balkon auf der anderen Seite, des Gleichgewichts wegen. Sie lächelte.

»Eh, Püppchen«, rief ihr ein Handwerksbursche zu, »du bist süß! Hast du eine ältere Schwester? Die würde ich gern kennenlernen!«

Er vollführte eine Geste, von der Mariangela nur wusste, dass sie unanständig war, und lachte. Was heute nur los war, dass man sie nicht in Ruhe ließ. Finster sah sie den Burschen an, der sich jetzt die Lippen leckte und hechelte wie ein Hund. Er war vielleicht zwei, drei Jahre älter als sie. Wenn ihr nicht bald eine Antwort einfiel, irgendetwas, was ihn kindisch und dumm dastehen ließ, würde ihr nichts übrigbleiben, als wegzulaufen.

»Was glaubst du, Sandro? Dass die ältere Schwester einen Hofhund sucht? Ist dir die Arbeit als Maurer zu beschwerlich?«

Die Worte kamen von einem jungen Mann, sehr schlank und höchstens mittelgroß, mit hoher Stirn und dunklen Locken, der mit einem halbaufgerollten Plan in der Hand hinter der Bauhütte hervortrat. Mariangela hatte ihn schon einmal gesehen. Das Mitleid in seinem Gesicht hatte ihr die gerade versiegten Tränen zurück in die Augen getrieben, damals, als der Tischler sie in sein Haus getragen hatte.

Der junge Mann stieß einen schrillen Pfiff aus und deutete mit dem Zeigefinger auf eine kniehohe Mauer. Der Lehrling warf Mariangela eine Kusshand zu, rollte die Augäpfel gen Himmel und ging an die Arbeit.

»Du solltest besser nicht allein durch die Stadt laufen, meine Schöne, sonst bleibt überall die Arbeit liegen.«

Schon wieder spürte Mariangela die Röte über ihre Wangen ziehen. Dabei war sie gar nicht sicher, ob sie gerade ein Kompliment bekommen hatte oder eine Rüge. Weil auch sie ihre Pflichten vernachlässigte.

»Ich bin auf dem Heimweg von der Klosterschule«, verteidigte sie sich.

»Und wo wohnst du? Wer ist dein Vater?«

Mariangela zögerte. Eigentlich wollte sie ihn nicht an ihre erste Begegnung erinnern.

»Ich wohne bei Marcantonio, dem Tischler.«

Er sah sie an, die Augen mit einem Mal traurig, als wüsste er alles über sie. Dann lächelte er schwach, nickte.

»Die kleine Venezianerin. Soll ich dich nach Hause bringen? Oder«, er zwinkerte ihr zu, »darf ich dich der Obhut meines wohlerzogenen jungen Kollegen anvertrauen?«

Mariangela verdrehte die Augen. All das anzügliche Gezwinker heute, erst der Händler, dann der hier. »Nein, vielen Dank, ich finde den Weg. Auf Wiedersehen!«

Davoneilend spürte sie seinen Blick im Rücken, nicht stechend, wie den von Mutter Lisbet, eher ein Prickeln zwischen den Schulterblättern. Sie richtete sich auf, setzte die Füße elegant in einer Linie. Nun aber wirklich heimwärts.

Fünftes Kapitel

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Die Straßen hatten sich in der einsetzenden Dämmerung bereits deutlich geleert. Handwerker klopften sich den Staub aus den Kleidern, bevor sie ihre Häuser betraten, manche mürrisch nach einem harten Tag, andere lächelnd im Gedanken an Frau und Kinder und ein gutes Essen. Aus den Tavernen drang der freundliche Lärm der frühen Abendstunden, in den sich wenig später die ersten betrunkenen Streitereien mischen würden.

Andrea liebte diese Zeit nachlassender Betriebsamkeit. Sein Magen rumorte, und die Vorfreude auf das Nachtmahl mit seinem Freund Elio wuchs. Lächelnd nickte er drei älteren Männern zu, die auf der Bank vor einem baufällig wirkenden Haus die letzten Sonnenstrahlen genossen, und bog um die nächste Ecke.

Immer wieder blickte er auf die halbfertige Skizze in seiner Hand. Den Weg durch die vertrauten Straßen fanden seine Füße allein. Er brauchte bis zum nächsten Tag eine Lösung für dieses Eckdetail, dessen Unbeholfenheit ihm bisher zu seiner Schande entgangen war. So, wie er es jetzt skizziert hatte, würde es immerhin gehen, wenn ihm nicht noch etwas Besseres einfiele.

Ausgerechnet der verstockte Lümmel Sandro hatte ihn auf den Fehler stoßen müssen. »Ist doch egal«, hatte der gesagt, »das wird auch so halten.«

Als ob es der einzige Zweck eines Gebäudes wäre, nicht einzustürzen. Andrea kratzte sich mit der Linken hinter dem Ohr und erhielt einen unvermittelten Schlag gegen den Ellbogen. Erschrocken sah er auf und bekam im gleichen Moment einen Stoß von der anderen Seite.

»Was fällt dir ein, mich anzurempeln?«, knurrte einer der drei Burschen, die seinen Weg blockierten.

»Bildest dir wohl ein, die Straße gehört dir«, fügte ein anderer hinzu.

»Vielleicht weil du so schön zeichnen kannst«, höhnte wieder der erste und riss Andrea die Skizze aus der Hand.

Andrea kannte ihn, wenn auch nicht mit Namen. Ein Hufschmiedgeselle aus dem Viertel Pedemuro, nicht größer, aber fast doppelt so breit wie er selbst. Größer waren dafür die beiden anderen, die er noch nie gesehen hatte.

Nun, er würde sich nicht provozieren lassen. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass ihm Derartiges widerfuhr. Ob es an seiner wenig furchteinflößenden Statur lag oder andere Ursachen hatte, bereits in seiner Kindheit war er ein beliebtes Opfer der Dummen und Starken gewesen. Er atmete tief durch und lächelte, als hielte er den Angriff für einen gelungenen Scherz, dann streckte er die Hand aus.

»Schön, dass dir die Skizze gefällt. Kann ich sie jetzt bitte wiederhaben?« Er hoffte inständig, dass das Zittern seiner Stimme nur für ihn hörbar war.

»Bitte, bitte, bitte!«, höhnte der Hufschmied mit Kinderstimme. Er grinste böse und gab das Papier an seinen Kumpan weiter.

»Spring doch, wenn du sie wiederhaben willst!«, rief der und schwenkte die Zeichnung über seinem Kopf. »Ist wohl ein Geschenk für deine Mamma?«

Andrea hielt die Luft an und fühlte seine Knie weich werden. Sein Magen verkrampfte sich.

»Gut, dann behaltet sie eben«, stieß er hervor.

Er versuchte sich zwischen den Burschen hindurchzudrängen, doch die Lücke schloss sich, und die drei tänzelten nun im Kreis um ihn. Einer riss ihm die Kappe vom Kopf.

»Und die, können wir die auch behalten?«

Andrea schluckte. Er sah sich nach Hilfe um, doch gerade jetzt war die schmale Gasse leer. Er dachte daran, zu schreien. Vielleicht würde sich dann ein Fenster öffnen, und jemand käme ihm zu Hilfe. Doch er war kein Kind mehr, das auf das Einschreiten Fremder zählen konnte, wenn es in Schwierigkeiten geriet. Wer würde sich ihm zuliebe mit drei kräftigen Burschen anlegen? Wieder traf ihn ein Stoß, ließ ihn taumeln.

»Was ist, Hosenscheißer? Vielleicht gebe ich dir die Kappe, wenn du noch einmal ganz brav bitte sagst. Wird deine Mamma böse, wenn du ohne dein feines Käppchen heimkommst?«

»Ach was, Rocco, die Hure macht dann ein paarmal die Beine breit, und schon kann sie ihrem kleinen Schätzchen was Neues kaufen, nicht wahr, Liebling?«

Ein kräftiger Rempler ließ Andrea gegen den Hufschmied prallen, der ihn zu Boden stieß. Er stützte sich auf Hände und Knie, wagte nicht, gleich aufzustehen, aus Angst vor dem nächsten Schlag. Was wollten die Dreckskerle von ihm? Wenn er nur wüsste, was sie so wütend machte. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, rappelte er sich auf, hob die Handflächen.

»Leute, bitte! Ich habe euch doch nichts getan. Ich will nur meinen Frieden. Wenn es euch Spaß macht, euch zu prügeln, dann tut das doch untereinander.«

Für einen Moment hielten die drei tatsächlich inne. Andrea meinte, es in ihren Köpfen rattern zu hören. Dachten sie ernsthaft über seine Worte nach? Einer der Rüpel, der, den sie Rocco genannt hatten, kratzte sich am Kopf.

»Du meinst wohl, wir schlagen keine kleinen Mädchen. Du bist doch ein Mädchen, nicht?«

Affektiert winkelte er die Hand ab und schwenkte x-beinig die Hüften. Begleitet vom hämischen Gelächter des Hufschmieds, steckte sich unterdessen der größte der Wegelagerer die Kappe vorn in die Hose und rief: »Ich mag deine Kappe! Die wärmt mir so schön die Eier!«

Andrea fühlte, wie der Zorn begann, ihm den Verstand zu vernebeln, ihn bald seine Ohnmacht vergessen und das Messer ziehen lassen würde, wenn sie ihn nicht endlich zufriedenließen. Er biss die Zähne zusammen, richtete sich auf und zischte, fast gegen seinen Willen: »Das freut mich! Ich habe noch schönere, du kannst mir die abkaufen.«

Ein Fausthieb traf ihn über dem Auge, ließ ihn zurücktaumeln und die Haut aufplatzen.

»He, ihr da unten!«, keifte eine Frau aus einem Fenster. »Macht euch davon, sonst gieß ich euch meine Pisse über die Schädel! Vorstadtpack, elendiges!«

Alle vier sahen auf zu der grauhaarigen Frau, die tatsächlich ein Nachtgeschirr in der Hand hielt. Gerade in dem Moment kam ein Reiter die Gasse herunter. Er zögerte kurz, legte dann die Hand an sein Schwert und trieb sein Tier energisch vorwärts, zwang sie, den Weg freizumachen. Andrea sah seine Peiniger nach rechts ausweichen und drückte sich links an die Hauswand, quetschte sich an dem Pferd vorbei und rannte, bog um die nächste Ecke und rannte weiter, zweigte erneut ab und fand sich endlich auf einem belebten Platz, gerade vor der Taverne, die er ursprünglich angesteuert hatte. Er beugte sich vor, stützte die Hände auf den Knien ab und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Eines Tages, dachte er, eines Tages … Doch was wollte er tun? Die Kerle hinterrücks töten? Ihre Frauen und Töchter schänden? Nein, dachte er, eines Tages werde ich der Reiter sein, den niemand anzugreifen wagt. Und ich werde ein Schwert tragen oder einen eisenbeschlagenen Knüppel, der euch die Dummheit aus den Schädeln schlägt.

Er klopfte sich den Straßenschmutz von der Hose, strich sich das verschwitzte Haar aus der Stirn und betrat die Taverne.

Sechstes Kapitel

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Sie hatten ihre schönsten Kleider angezogen und Bänder in die Haare geflochten. Arm in Arm schritten sie über die Piazza, die edelste aller Prinzessinnen und ihre treue Vertraute Mariangela. Hoheitsvoll grüßten sie Bekannte und kicherten über dieses Kleid und jenen allzu affigen Bart. Die Köpfe in den Nacken gelegt, verfolgten sie die Kunststücke eines Seiltänzers, der zwischen zwei Häusern in der Luft hin- und herspazierte. Wie eine Spinne, dachte Mariangela und schlug sich keuchend eine Hand vor den Mund, als der Mann ausglitt und mit dem Hinterteil auf dem Seil landete, um zurückfedernd gleich wieder auf den Beinen zu stehen. Hoch über den applaudierenden Zuschauern verbeugte er sich, warf Kusshände in die Menge.

Fabio jammerte und drängelte, und so spazierten sie weiter, obwohl Mariangela gern noch länger zugesehen hätte. Vor einem Tanzbären, der sich zu schiefer Flötenmusik lustlos auf der Piazza drehte, blieb Fabio stehen, beide Hände um Marcantonios Arm geklammert.

»Der tanzt besser als du«, sagte Lisbet zu Marcantonio, der sie daraufhin einige Male im Kreis herumwirbelte, den kreischenden Jungen mit sich reißend.

Mariangela bemühte sich, neben der hochgewachsenen Allegra nicht allzu unscheinbar zu wirken. Immerhin leuchtete ihr rotblondes Haar in der Abendsonne, fing die Blicke ein, die an Allegra abwärts glitten. Mariangela streckte sich noch ein wenig, schwebte dahin auf Zehenspitzen. Doch so fiel noch mehr auf, dass ihr Kleid zu kurz war. Allegra warf ihr einen belustigten Blick zu und küsste ihre Stirn.

Hinter ihnen gingen Lisbet und Marcantonio, den Kleinen zwischen sich, damit er in der Menge nicht verlorenging. Die Mädchen fühlten den Tischler in ihrem Rücken wie einen lebenden Wachturm. Immer wieder sahen sie die Mienen entgegenkommender Burschen mitten im Lächeln gefrieren. Offenbar bestrich der Vater ihre Route mit Blicken, die wirkungsvolle Drohungen enthielten. Als sich wieder einmal ein Junge abwandte, als hätte er eine Ohrfeige kassiert, bohrte Allegra der Gefährtin den Ellbogen in die Rippen.

»Der hatte es auf dich abgesehen, mein Eichhörnchen, hat bei deinem Anblick an Dinge gedacht, von denen du noch gar nichts wissen darfst.« Sie kicherte.

Mariangela fühlte sich geschmeichelt und gleichzeitig ausgeschlossen. Doch das aufregende Gedränge, das rund um sie herrschte, ließ sie den kurzen Stich gleich wieder vergessen. Fast vergessen war auch die Kopfnuss von Mutter Lisbet. Nur wegen der Tücher, die sie in ihren Ausschnitt gestopft und die Lisbet ihr mit verkniffenen Lippen wortlos wieder herausgerissen hatte. Dabei war das Allegras Idee gewesen.

Vor ihnen geriet die Menge ins Stocken. Ein Spielmann griff nach seiner Laute. Er war fast so groß wie Marcantonio, doch schlank und weizenblond und mit einem Lächeln, das alle Frauen auf sich bezogen. Selbst Mutter Lisbet flatterte mit den Wimpern, lächelte sogar. Silberblond glänzte ihr Haar, wie das des Lautenspielers. Zum ersten Mal fiel Mariangela auf, dass sie früher hübsch gewesen sein musste. Wenn man von der langen Nase absah.

»Gern wär ich Gero aus Gent, doch meine Wiege stand in Antwerpen, weshalb man mich Anselm nennt«, stimmte der Spielmann an, scherzte mit den Umstehenden, verteilte Komplimente.

Sein Italienisch war einwandfrei, auch wenn es sich in Mariangelas Ohren anhörte, als wäre sein Mund so mit Wörtern angefüllt, dass jedes einzelne etwas verbogen herauskam. Doch seine tiefe Stimme klang anziehend, so dass sich Trauben von Mensch um ihn bildeten.

»Den ganzen weiten Weg zu Fuß?«, rief ein Mann aus der Menge.

»Zu Land, zu Wasser, durch die Luft, ganz wie es sich ergab. Der Wind, der dort im Norden bläst, weht ganze Häuser oft davon, lässt sich zum Reisen trefflich nutzen.«

Er spreizte seinen Mantel mit den Armen und sirrte und pfiff, dass Mariangela beinahe meinte, sie stünde mitten im Sturm. Anderen schien es ebenso zu gehen. Rote Wangen rundherum, ausgelassenes Pfeifen und Johlen der jungen Männer.

Allegra rangelte mit ihrem Bruder, der sich von ihrer Hand losgerissen hatte. Der Spielmann rief den Kleinen zu sich, drückte ihm seine Kappe in die Hände und deutete auf die Umstehenden.

»Ich bitt um eine Münze euch, teilt euren Schatz mit mir! So wie ich meinen teil mit euch. Wie zahl ich sonst mein Bier?«

Scheinbar aus dem Stegreif reimte er vor sich hin, während Fabio mit wichtiger Miene die Runde machte. Schließlich warf Anselm einen Blick in die Kappe, nickte zufrieden und steckte seinem kleinen Gehilfen eine Münze zu. Mit vor Stolz federnden Schritten lief Fabio auf seine Schwester zu.

Von Sultan Süleyman, den man den Prächtigen nannte, sang Anselm. Dass der von Osten her Venedig bedrängte, davon hatte Mariangela gehört, doch nicht, dass sein Reich dem des Kaisers ebenbürtig war. Wie kann das sein, dachte sie, wo Gott doch mit den Gläubigen ist? Schon lieferte Anselm die Erklärung: Groß wie ein Federbett wäre der Turban, den der Sultan auf dem Kopf trug. Was als Teufelshörner konnte sich darunter verbergen?

Rundherum Gemurmel, hastig wurde das Kreuz geschlagen.

Anselm ließ nun Süleyman gen Wien ziehen, mit hundertzwanzigtausend Mann. Fingerspitzen klopften im Takt der Pferdehufe auf das Holz der Laute. Kamele zogen durch das sommerliche Serbien, durchquerten im Dauerregen Ungarn, und Mariangela wanderte in Gedanken mit ihnen.

Sie zog die Schuhe aus dem Schlamm, jeder Schritt beschwerlich, bis endlich in der Ferne die Stadt auftauchte, größer als Vicenza noch. Fast bis zum Himmel reichte die Turmspitze des Doms, der in ihrer Mitte stand. Und rund um Wien die Felder voller Zelte. Nur einige tausend Verteidiger standen schaudernd auf den Mauern, bis der Beschuss begann. Die Kirchenglocken schwiegen.

Teuflische Grausamkeiten der Ungläubigen beklagte der Spielmann. Die Zuhörer schrien auf bei den Beschreibungen von Kleinkindern am Spieß, von Schwangeren mit aufgeschlitzten Bäuchen und Bauernblut, das Erde in Morast verwandelte. Die fremden Verluste riefen die eigenen wach, die Kriege der letzten Jahrzehnte.

Unter dem dauernden Beschuss der Kanonen drangen die Belagerer weiter vor. Wie Maulwürfe wühlten sie unterirdische Gänge, unbemerkt, bis ein christlicher Überläufer den Plan in der Stadt verriet. Wasserbottiche wurden rundum auf die Stadtmauer gestellt. Der Wellenschlag sollte anzeigen, wo unterirdische Erschütterungen stattfanden.

Mariangela mochte den Mann kennenlernen, dem diese Idee gekommen war. Sicher war es in Wirklichkeit eine Frau gewesen, dachte sie. Was wussten Männer schon von Waschzubern?

Die Verteidiger gruben nun eigene Gänge, trachteten die Ungläubigen abzufangen, bevor sie von unten Löcher in die Stadtmauer sprengten. Kämpfe von Mann zu Mann, Schwert auf Fleisch und Schreckensschreie in grabesgleicher Finsternis. Von Zeit zu Zeit feuerte ein Leichtsinniger seinen Vorderlader ab und traf ein Fass mit Schießpulver, »und näher«, tönte Anselm, »kann man der Hölle auf Erden nicht kommen«.

Achtzehn Tage währte die Belagerung, prüfte der Herr die Gläubigen, um ihnen schließlich beizustehen. Auf den vom Regen aufgeweichten Straßen geriet der Nachschub der Türken ins Stocken. Jeder Hof, jedes Dorf war geplündert, die Tiere hingeschlachtet. Schließlich musste Süleyman zum Rückzug blasen. Und endlich läuteten wieder die Glocken von Sankt Stephan. Der Herr hatte die Seinen gerettet, mit Strömen von Wasser das Höllenfeuer gelöscht, wenn auch nicht ohne Hilfe der Landsknechte.

Wie viele von ihnen, dachte Mariangela, mochten beim Kampf um Wien die Sünden abgebüßt haben, die sie bei der Plünderung Roms zweieinhalb Jahre zuvor begangen hatten?

»Huren und Söldner«, sang Anselm, »wer wollt auf sie verzichten, bevor sein Leben sie vernichten.«

Gelächter, ein Tumult, eine betrunkene Stimme rief Unfreundliches in fremdem Dialekt.

»Was sagt er?«, fragte Allegra. Mariangela zuckte mit den Schultern.

»Er sagt, ich solle auf meine Worte achten, wenn ich nicht mit einem Schlitz in der Kehle erwachen will«, antwortete der Spielmann mit einer galanten Verbeugung. »Ich danke also dem hochgeschätzten Herrn Landsknecht für seine nimmermüden Bemühungen zur selbstlosen Verteidigung der Christenheit, die in wenigen Tagen mit der Krönung des allerchristlichsten Herrschers in Bologna ihren Höhepunkt finden werden. Halleluja!«

Der besoffene Söldner grinste, hob seinen Krug und trank ihn in einem Zug leer. Rülpsend wischte er sich mit dem Ärmel über den Mund, drehte sich um und wankte auf die Taverne zu. Auch Anselm packte zusammen, hängte sich die Laute auf den Rücken, drechselte Reime über klamme Finger.

Als hätten erst seine Worte die Februarkälte wieder geweckt, fröstelte auch Mariangela. Sie zog das Wolltuch enger um die Schultern, klemmte das Unterkleid zwischen die Beine, um die Kälte abzuhalten, die unter ihre Röcke zog. Allegra stieß sie an, schüttelte missbilligend den Kopf.

Die Eltern standen jetzt bei dem Lautenspieler. Marcantonio lachte, dass sein massiger Körper bebte, während Lisbet mit leicht geöffneten Lippen jedes Wort des Fremden aufzufangen schien.

»So habe ich sie noch nie gesehen«, flüsterte Mariangela.

»Er kommt aus der Heimat ihres Vaters«, antwortete Allegra. »Wann sonst hat sie Gelegenheit, diesen barbarischen Dialekt zu üben?« Grimassierend stieß sie einige flandrisch klingende Phantasiewörter aus.

Natürlich kannte Mariangela die Geschichte von Lisbets Vater, den es einst als wandernden Helmschmiedgesellen über die Alpen nach Vicenza verschlagen hatte. Die Liebe zur Tochter seines Maestros, die Übernahme der Werkstatt. Bis zu seinem Tod im letzten Jahr war er in Vicenza geblieben, hatte sechs Töchter gezeugt und keinen einzigen Sohn.

»Macht mir den Krieg nicht schlecht!«, hatte Mariangela den alten Mann sagen hören. »In Friedenszeiten hätte ich jede zweite Tochter nach der Geburt ersäufen müssen, was immer noch besser ist, als sie auf die Straße zu schicken. Mitgift für sechs, das treibt den besten Schmied in den Ruin.«

Ein Scherz, sicherlich.

Marcantonios Arm lag jetzt auf den Schultern des Spielmanns, als wäre der ein alter Freund. Die Kinder näherten sich. Fabio hängte sich an die Hand seiner Mutter, hüpfte auf und ab.

»Mir ist kalt, ich bin müde!«

»Wir sehen uns also wieder, in wenigen Wochen«, sagte Marcantonio. »Ihr seid herzlich willkommen in meinem Haus!«

Anselm bedankte sich, verbeugte sich vor Lisbet, lächelte den Mädchen zu, tätschelte Fabios Kopf. »Ich bringe euch Geschichten mit, für jede warme Mahlzeit eine«, sagte er. Dann rieb er sich die Hände, blies hinein und rieb sie wieder. »Wenn ihr mich jetzt entschuldigt. Warmer Wein tut not, sonst frier ich mich noch tot.«

Allegra stieß Mariangela an, verdrehte die Augen. Anselms Charme schien ihren Geschmack nicht zu treffen.

»Er wird bei uns wohnen?«, fragte Fabio und boxte seine Schwester gegen den Oberschenkel.

»Fabio!« Der Tischler packte seinen Sohn am Nacken, dirigierte ihn weg von den Mädchen. »Ja, er will bei uns wohnen auf dem Rückweg von Bologna. Er kommt aus der Heimat von Großvater Hans, kennt sogar dessen Bruder, den Onkel eurer Mutter.«

»Ich werde auch Spielmann«, schrie Fabio und zupfte wild eine unsichtbare Laute. »Dann zieh ich in den Krieg gegen die Türken!«

Mariangela nahm kichernd Allegras Arm und sah zu ihr auf. Wie dumm der Kleine war.

Ihr Atem bildete Wölkchen in der kühlen Abendluft. Einen samtenen Mantel mit Pelzfutter wollte sie haben, so wie die Kaufmannsfrau, die ihnen jetzt entgegenkam. Marcantonio grüßte sie mit freundlichem Nicken. Doch nein, sein Gruß galt gar nicht ihr, sondern den drei jungen Männern, die hinter ihr kamen.

Mariangela hielt den Atem an. Einer von ihnen war der Steinmetzgeselle, mit dem sie vor wenigen Tagen erst auf dem Heimweg gesprochen hatte. Andrea. Sein linkes Auge war zugeschwollen, die Braue darüber blutverkrustet. Ob er sich geschlagen hatte? Womöglich um ein Mädchen? Hoffentlich schwieg er, verriet nichts von ihrem Streifzug nach der Schule. Doch nein, er grüßte nur höflich zurück, ging weiter, und erst im letzten Moment streifte er wie zufällig ihren Arm und zwinkerte ihr zu.

VICENZA, APRIL 1530

Siebentes Kapitel

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Eingehüllt in eine Decke, saß Mariangela auf den Stufen, lauschte den gedämpften Stimmen aus der Küche. Nicht eine der Geschichten wollte sie versäumen, die der Spielmann zu erzählen hatte. Auch wenn die nicht für Kinderohren gedacht waren.

Wenn Anselm am Tisch saß, sparte er sich zumeist die Dichtung, nahm auch nur selten sein Instrument zur Hand. Doch sein Vorrat an Geschichten schien endlos. Manchmal saß er nur da, ganz in sich selbst versunken, und murmelte neue Reime vor sich hin, drehte und wendete sie, bis sie sich fügten. Den sechsten Tag teilte er nun schon ihr Heim, würzte jede Mahlzeit mit Anekdoten, Märchen oder Selbsterlebtem. Untertags, wenn er aus seiner Heimat erzählte, ließ Mutter Lisbet sogar die Arbeit liegen. Oft wiederholte sie Namen, ganze Sätze, Beschreibungen von Orten, als müsste sie sich die für späteren Gebrauch einprägen. Als könnte sie je so weit reisen.

Fabio wich dem Spielmann nicht von der Seite, und der erteilte ihm Unterricht. Anfangs hatte der Kleine wie ein Krieger auf die Laute eingehackt. Doch mit Geduld und vielen süßen Worten hatte Anselm ihn gezähmt. So jedenfalls schien es Mariangela, die gar nicht fassen konnte, wie viel Sanftheit in dem sonst so groben Bengel steckte.

Auch sie selbst hatte sich einige Griffe zeigen lassen und dafür finstere Blicke von Allegra geerntet. Die konnte Anselm nicht ausstehen, sagte nicht, weshalb. Damit machte sie es Mariangela unmöglich, zuzugeben, wie aufregend sie selbst ihn fand. Und es waren nicht nur die Geschichten. Er sprach jede Sprache der christlichen Welt, hatte ihr beigebracht, wie man das R trocken in der Kehle krächzte wie im Deutschen oder wie in England mit gerollter Zunge formte, so dass es klang, als jaule ein Hund. Sogar ein englisches Lied hatte er sie gelehrt, mit dem sie Fabio nun jeden Abend in den Schlaf sang. Doch wenn sie es anstimmte, verließ Allegra den Raum.

»Wie ein Hündchen läuft er der keuschen Anna nach, sagt man, überhäuft sie mit Geschenken und kommt doch nie zum Stoß.«

Mariangela hörte Mutter Lisbet lachen. Schon beim Abendessen war vom englischen König Enrico die Rede gewesen, der vom Papst den Segen für die Trennung von seiner Frau Katharina begehrte. Einen gotteslästerlichen Barbaren hatte Marcantonio ihn genannt, juwelenbehängt oder nicht, das Sakrament der Ehe gelte auch für Fürsten. Und die Kinder gehörten auf der Stelle ins Bett.

Kaum war der widerstrebende Fabio in seine Kammer gebracht und das Schlaflied gesungen, hatte Mariangela unter Allegras Protest auch schon ihre Decke an sich gerafft und ihren allabendlichen Lauschposten eingenommen.

Von Maria und Anna Bolina war die Rede, zwei Schwestern am englischen Hof. Die eine hatte das Bett des Königs geteilt, die andere die gleiche Gunst verweigert, und nun erniedrigte sich der König vor ihr und der ganzen Welt. Seit Jahren schon verfolgte er sie mit seiner Liebe und wollte sie sogar zur Königin machen.

Mariangela wurde ganz schwindelig bei dem Gedanken, dass eine Frau den König eines Landes nach ihrem Willen lenken konnte. Indem sie nahm, was ihr gegeben wurde, und Unmögliches forderte, ohne selbst etwas zu geben. Ob das ein Beweis für die Überlegenheit der Keuschheit war, die Schwester Candida so gern betonte?

Ein Leben in Keuschheit. Schon sah sich Mariangela majestätisch zur Sonntagsmesse schreiten, gefolgt von einer Schar ihr verfallener Männer, denen sie, und das war das Beste, in keiner Weise entgegenkommen musste. Mit etwas Glück, dachte sie, konnte eine Frau so gleich reihenweise Männer zur Keuschheit verführen. Sie musste Allegra wecken, fragen, was die von diesem Plan hielt.

»Das Volk allerdings nennt Anna trotz ihres keuschen Gehabes eine Hure«, sagte der Spielmann jetzt. »Weil sie am französischen Königshof aufgewachsen ist. Wie liederlich es dort zugeht, weiß jeder. Manche behaupten auch, nur durch die Kunst der Hexerei könne es ihr gelungen sein, den König auf diesen ketzerischen Irrweg zu locken. Eine über zwanzig Jahre dauernde Ehe, der immerhin ein Kind entsprungen ist, für ungültig zu erklären. Wer hätte so etwas schon gehört?« Anselm lachte auf. »Andererseits, wer weiß, wie viele Leben sich auf diese Weise retten ließen? Keine Frau müsste mehr den Mann vergiften, kein Gatte sein Weib mit dem Kissen ersticken.«

Schweigen. Mariangela bekämpfte den Drang, sich zu räuspern und die herabrutschende Decke zu richten. Jedes noch so leise Rascheln würde sie verraten. Endlich nahm der Spielmann seine Laute, schlug einige Akkorde an.

»Der Huren Keuschheit, das gäbe einen Titel für eine Ballade.«

»Für heute ist’s genug«, brummte Marcantonio, stellte seinen Becher geräuschvoll ab und schob die Bank zurück. »Sonst verderben mir deine gottlosen Geschichten noch den Schlaf.«

Eilig stand Mariangela auf, wobei sie auf ihre Decke trat und sich vor Schreck auf die Zunge biss. Sie stützte sich an der Wand ab, verhinderte gerade noch den Sturz.

»Ich komme bald nach«, hörte sie Lisbet sagen. »Muss noch Gerste und Rosinen einweichen für den Frühstücksbrei. Und die Becher auswaschen.«

Blieb Mutter Lisbet allein mit Anselm in der Küche, wo der sein Lager neben dem Herd aufgeschlagen hatte? Der Tischler murmelte etwas, das Mariangela nicht verstand, dann hörte sie seine Schritte nahen und verzog sich schleunigst.

PADUA, APRIL 1530

Achtes Kapitel

Ornament

Mit Daumen und Zeigefinger angelte sich Andrea eine Gräte aus dem Mund und ließ sie zu Boden fallen. Nachdem er die restliche Suppe mit einem Stück Brot aus der Schale gewischt hatte, lehnte er sich zurück.

»Du könntest an jedem Fürstenhof kochen, Mutter. Keine würzt den Fischeintopf so gut wie du!«

»Ach, Junge, du tust ja gerade so, als gingst du bei den nobili ein und aus. Drei Sorten Fisch aus dem Fluss, mit Zwiebel und Knoblauch in Öl angeschmort, Mehl darauf und dann mit ...

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