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Die Untoten von Veridon

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20

Über den Autor

Tim Akers wurde in North Carolina als einziger Sohn eines Theologen geboren. Später zog er nach Chicago, wo er das College besuchte und noch heute mit seiner Frau und seinem Schäferhund lebt. Er widmet seine Zeit zu gleichen Teilen der Pflege von Datenbanken und dem Führen von Füllfederhaltern.

Kapitel 1

ER WAR EINE KRÄHE,
ER WAR EIN CRANICH

Es gibt Leute, die sollte man bei der ersten Begegnung erschießen. Der Einfachheit halber. Nur weiß man das in der Regel erst, wenn es viel zu spät und wesentlich komplizierter ist, als man es je haben wollte. Ezekiel Cranich ist so ein Mann, den ich hätte erschießen sollen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Hätte eine Menge Ärger erspart.

Grau Anderson und ich hatten während des vergangenen Jahrs Gelegenheitsaufträge übernommen, nichts Besonderes, Jobs für Kleinganoven. Doch während ich damit zufrieden war, nie die Art von Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, die mir in der Vergangenheit zuteilgeworden war, besaß Grau Ehrgeiz. Eine nette Umschreibung für ›Leichtfertigkeit‹, denn Grau gehörte nicht zu der Sorte, die sich selbst aus Schwierigkeiten herausmanövrieren konnte. Das war der eigentliche Grund, weshalb er mich mitnahm. Ich neigte zwar dazu, in Schwierigkeiten zu geraten. Genau dadurch aber erlangt man die Fähigkeit, sich aus Schwierigkeiten auch wieder herauszuarbeiten. Man eignet sich gewisse Fertigkeiten an.

Das Problem war nur: Das gemeinsame Meistern so vieler Schwierigkeiten hatte Grau zu dem Glauben verleitet, dass er gut darin sei. Dass er große Risiken eingehen, schlechte Aufträge annehmen könnte, und der alte Jacob würde ihn schon rausholen, wenn die Wände Feuer fingen und die Waffen gezogen wurden. Er nahm immer miesere Aufträge gegen immer bessere Bezahlung an, und wir erlangten allmählich den Ruf, ein waghalsiges Gespann zu sein. Ein Gespann fürs Grobe. Was zu nichts Gutem führte.

Und so begegneten wir Mr. Cranich. Der übelste Auftrag, den Grau je annahm. Die übelsten Schwierigkeiten, aus denen ich uns je rausholen sollte.

Es war ein Dienstag, und es goss in Strömen. Eine jener Nächte, die ich gern in einer vertrauten Kneipe damit verbrachte, ins Feuer zu starren, bis man mich zwang, ein Bier zu bestellen. In der Regel konnte ich mir das eine oder andere Bier leisten. Jedenfalls stand ich nicht gern im Regen herum, auch nicht unter einer Traufe auf der nassen Straße, während Regen auf das Kopfsteinpflaster prasselte und meine Stiefel durchtränkte. Überhaupt gefiel mir das, was ich die ganze Nacht lang gemacht hatte, nicht – von einem Unterstand zum nächsten rennen, während mich Grau quer durch die Stadt zu einem Treffen führte.

Schlimmer noch, er war bester Laune. Normalerweise stänkerte Grau Anderson über das Wetter, oder er betrauerte den Verlust der Liebe einer tollen Frau, die er in Wirklichkeit nie näher kennengelernt hatte. So mochte ich den Mann. Missmutig. Morbid. Unbeschwertheit passte nicht zu ihm. Und dennoch, als er den Kopf einzog, bevor er über die Straße rannte, lachte er vor Freude gackernd, während er durch den strömenden Regen platschte. Es war erbärmlich.

»Eine große Nacht, Jacob! Eine ruhmreiche Nacht! Eine Nacht, an die wir uns erinnern werden, wage ich zu behaupten.«

»Wegen der Lungenentzündung, die uns umbringen wird?«, fragte ich. Ganz gleich, wie hoch ich meinen Mantel über die Schultern zog, mir rann bei jedem Lauf in den Regen ein Rinnsal eisigen Wassers den Rücken hinab. Allmählich begann ich an der Bereitschaft meines Mantels zu zweifeln, seine Pflicht zu erfüllen. »Oder wegen eines allgemeineren Elends, das nur unser Glück ruiniert, uns aber nicht umbringt?«

»Wegen des Vermögens, das wir einsacken werden, Jacob!« Mitten auf der Straße blieb Grau stehen und hob die Arme, als wolle er die Sonne begrüßen. »Wegen des Vermögens!«

»Das ist heute Nacht unser Auftrag? Ein Vermögen einzusacken?« Ich grinste. »Ziemlich guter Job. Überrascht mich, dass er überhaupt an jemanden vergeben wird.«

»Sei kein mürrischer Mistkerl, Burnie. Das ist bloß ein Schritt zum Vermögen. Aber ihr Götter, was für ein Schritt.« Er stupste mich in die Schulter, als ich an ihm vorbei zum nächsten Unterstand eilte. »Aber um ehrlich zu sein, mit diesem speziellen Auftrag ist kein Vermögen zu machen. Verstehst du, das ist der erste Schritt. Aber dahinter wartet ein Vermögen. Dieser Bursche, dieser Cranich, der hat richtig Geld.«

»Warum habe ich dann noch nie von ihm gehört, Grau?« Ich hielt unter unserem aktuellen Unterstand an und musterte meinen sonst so griesgrämigen Gefährten mit unglücklichem, finsterem Blick. »Ich kenne eine Menge reicher Leute in der Stadt. Man könnte sagen, ich kenne sie alle. Namentlich. Keiner davon heißt Erat-a-tat Cranich.«

»Ezekiel. Ezekiel Cranich. Jacob, du musst lernen, etwas Respekt zu zeigen. Er stammt von außerhalb. Nicht aus der Stadt. Aber wo immer er herkommt, der Ort strotzt vor Kellern mit Geld, Stil und Klasse.« Er setzte ein hässliches Grinsen auf, das eine Jugend verriet, in der standhaft gegen jede Art von Zahnchirurgie rebelliert worden war. »Diesem Cranich dringt es förmlich aus den Poren.«

»Tja, dann kann ich mir wirklich nicht vorstellen, was schiefgehen könnte, Grau. Ein geheimnisvoller Geldsack von außerhalb der Stadt wendet sich an die Unterklasse der Verbrecherwelt, mit dem ausschließlichen Ansinnen, sie stinkreich zu machen.« Ich klopfte Grau auf die Schulter. »Dein Plan ist tadellos, Freund Grau. Unfehlbar.«

»Du bist so ein Mistkerl. Aber ich lasse mich davon nicht runterziehen, Jacob. Nicht heute Nacht. Und er hat sich nicht einfach an die Unterklasse der Verbrecherwelt gewandt. Er hat nach dir verlangt, mein Junge. Nach Jacob Burn.«

»Wie bitte?«

»Er hat namentlich nach dir gefragt. Na ja, jedenfalls so gut wie. Er hat erfahren, mit wem ich zusammenarbeite, und sein Agent kam zu mir. Hat speziell mich aufgesucht, verstehst du?« Grau piekte mich kräftig in die Brust und lachte. »Ich wusste immer, dass es richtig war, mich mit dir zusammenzutun.«

Das gefiel mir nicht. Ich mochte keine Leute, die mich kennenlernen wollten. Sie hatten nie einen guten Grund dafür. Jedenfalls keinen, der mir behagte.

»Grau, ich möchte, dass du mir jetzt gut zuhörst. Das ist eine üble Sache. Für gewöhnlich wollen die Leute in dieser Stadt, die mit mir arbeiten möchten, mich im Zuge dessen auch gleich umbringen. Verstehst du? Ich kann mir nicht vorstellen, wieso es bei jemandem von außerhalb der Stadt besser sein sollte.«

»Hör auf, Jacob. Du bist zu ängstlich. Und das verstehe ich angesichts deiner …« – er schwenkte eine Hand – »deiner Vorgeschichte. Aber diese Sache wird klappen. Es ist ein guter Auftrag, ein guter Schritt vorwärts für uns. Hör auf, dir über alles Sorgen zu machen.«

»Das tue ich aber nun mal, Grau. Und das ist der Grund, weshalb wir noch nicht tot sind. Ich zerbreche mir über solche Dinge den Kopf.« Ich zog ihn von der Straße und starrte unglücklich hinüber zu unserem Ziel, dem Ort des Treffens mit diesem Mr. Cranich. »Und ich sage dir, das ist keine gute Sache für uns.«

»Jacob«, sagte Grau in ernstem Tonfall. Sein zahnlückiges Lächeln verschwand vorübergehend. »Hör mir zu. Wir kommen nicht weiter. Die Aufträge, die wir übernehmen, die Leute, für die wir arbeiten … das ist alles Scheiße. Die Bezahlung ist mies, die Arbeit ist mies. Alles daran ist einfach nur mies. Und eines Tages, wahrscheinlich schon bald, werden wir dabei draufgehen.«

»Die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt aber nicht, indem wir für einen reichen Auftraggeber arbeiten.«

»Nein. Aber ich will lieber in sauberen Kleidern und mit dem Bauch voll Steak sterben als hungrig in irgendeinem verfluchten Straßengraben.« Er löste sich aus meinem Griff und zupfte seinen schicken braunen Anzug zurecht. »Und jetzt komm.«

Von außen sah der Treffpunkt nicht besonders aus. Ein Holzhaus mit alten, schwarzen und fleckigen Brettern und dunkelroten, zugezogenen Vorhängen. Keine Spur von Licht im Inneren. Keine Wachen an der Vorderseite, kein Klopfer an der Tür. Grau schlurfte durch den Schlamm und hämmerte mit fleischiger Faust an die Tür. Geöffnet wurde von einem dürren Mann mit Brille und eigenartig glatten Zügen. Wir gingen rein.

»Sind Sie Mr. Cranich?«, fragte Grau den Dürren. Der Bursche schwieg, gab keine Antwort, verließ nur den Raum. Als ich Anstalten machte, ihm zu folgen, schloss sich die Tür hinter ihm. »Du bist dem Kerl noch gar nicht begegnet?«, fragte ich und sah mich um. Eine kleine Diele, die Wände aus blankem Holz, zwei leere Bücherregale, die womöglich schon seit hundert Jahren hier standen und unter dem eigenen Gewicht durchhingen. Die Tür, durch die wir hereingekommen waren, die Tür, durch die Mr. Dünn verschwunden war. Ein einziges Licht – eine altmodische Öllampe, die in der Zugluft flackerte und tänzelte. Hinter den Wänden hämmerte der Regen gegen die Zimmerfenster, und durch diesen harschen Hintergrundlärm hörte ich Bewegung. Körper bewegten sich über Böden, Gelenke knackten, Türen wurden geöffnet, Unterhaltungen geführt. An diesem Ort fiel es schwer, sich zu orientieren. Das Haus hätte sowohl größtenteils leer sein als auch vor Menschen strotzen können. Es ließ sich kaum abschätzen.

»Ihm begegnet? Nein. Ich habe mich mit einem Mittelsmann getroffen, der sich mit einem Mittelsmann dieses Cranich getroffen hatte. Über mehrere Ecken eben.« Grau schüttelte Regenwasser von seinem Mantel und zuckte mit den Schultern. »Du weißt ja, wie solche Geschäfte ablaufen.«

Grau und ich standen in gegenüberliegenden Ecken des kleinen Raums und waren insgesamt unzufrieden miteinander. Viele der Aufträge, die Grau an Land zog, bekam er, weil er mich kannte. Ich verkörperte sozusagen seine Fahrkarte nach oben. Der Umstand, dass ich nicht nach oben wollte, weil ich dort schon gewesen und fertig damit war, sorgte immer wieder für Spannungen in unserer Beziehung. Das war zwar nicht mein Problem, aber manchmal gestalteten sich die Dinge dadurch schwierig. Warum also trieb ich mich mit ihm herum? Er war seltsam. Auf der Straße hieß es, Grau sei früher ein Erschaffer des Heiligen Algorithmus gewesen und hätte damit aufgehört. Und das war etwas, das man einfach nicht tat. Ich hatte versucht, ein wenig in dieser Geschichte herumzustochern, doch darüber redete er nicht. Allerdings besaß er die richtigen Hände für einen Erschaffer, große, fleischige Hände, ewig schmierig, und er konnte mehr als gut mit Maschinen umgehen. Wenn es um Mechagenetik ging, umgab ihn dieses göttliche Flair. Und dennoch – die Kirche des Algorithmus ließ ihre Leute nicht einfach gehen. Ein Erschaffer blieb in der Kirche oder starb in Ausübung seines Dienstes. Der einzige andere Weg in die Freiheit bestand darin, sich das Pumpenimplantat in den Kopf einpflanzen zu lassen, und da Grau noch reden konnte und sich nicht allzu regelmäßig benässte, glaubte ich nicht, dass er diesen Pfad beschritten hatte. Kurzum: Er machte mich neugierig.

Unbehaglich schweigend standen wir herum, bis sich die Tür wieder öffnete und Mr. Dünn hereinkam. Trotz all der Bewegung, die ich im Haus wahrnahm, hatte ich ihn nicht gehört, weder vorher, als er sich von der Tür entfernt hatte, noch jetzt, als er sich ihr wieder näherte. Trotzdem war er hier. Er nickte uns zu und verschwand im Flur. Wir warteten eine Sekunde, dann folgten wir ihm.

Der Gang erwies sich als schmal und niedrig, wie ein langer, in einen Hügel gegrabener Tunnel mit Holzverkleidung. Türen zweigten davon ab, aber keiner der Räume schien beleuchtet zu sein. Dennoch hielt sich jemand darin auf, so viel stand fest. Ob beleuchtet oder nicht, in den Räumen bewegten sich Leute. Mich überkamen schlimme Vorahnungen über das, worauf wir uns einließen, und ich fragte mich, ob man je wieder etwas von uns hören würde; allerdings besaß keine der Türen ein sichtbares Schloss. Für alle Fälle hielt ich die Hand in der Nähe meines Revolvers.

Soweit ich es beurteilen konnte, führte uns Mr. Dünn in die Mitte des Hauses. Treppen hatte ich zwar noch keine gesehen, dennoch gab es unbestreitbar ein Obergeschoss. Tatsächlich klang es so, als liefe jemand im Gang über uns und hielte mit uns Schritt. Wir gelangten zu einer Tür, die größer als die anderen und rot lackiert war. Sie wies Messingbeschläge auf. Unter der Schwelle schien Licht hindurch. Unser stiller Freund öffnete die Tür, verbeugte sich und hielt inne. Grau zwinkerte mir zu, dann trat er ein.

In dem Raum war es warm, fast tropisch. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein Kamin, dessen knisternder Schein den Großteil der Einzelheiten des restlichen Raums erleuchtete. Ansprechende Möbel aus der Zeit der Epochenwende. Vermutlich hatten sie von Anfang an zum Haus gehört. Früher einmal war es ein ansprechendes Viertel gewesen. Wie der Großteil von Veridon. Früher einmal.

In der Mitte des Raums stand ein Tisch. Papier lag darauf ausgebreitet. Die sich rollenden Ränder wurden von Flaschen und Leuchtern fixiert, dazu von einem Wald von Wachskerzen, die darauf geschmolzen waren. Alle waren angezündet, trotzdem nahmen sie sich neben dem Licht und der Wärme des Kamins nur wie Sterne neben einer Sonne aus. Uns zugewandt erblickte ich einen Mann, unseren Mr. Cranich. Er stand über den Tisch gebeugt, die langen Arme weit über die Oberfläche ausgebreitet. Der Mann besaß weiche Züge, weiße, glatte Haut und sah wie ein Gelehrter aus. Gepflegtes schwarzes Haar, eine Drahtgestellbrille, in der sich das Kerzenmeer auf dem Tisch spiegelte. Er wirkte gedankenverloren. Grau Anderson trat vor und räusperte sich.

»Mr. Cranich, richtig? Wir …«

»Wissen Sie, ich habe gehört, dass Sie eingetreten sind.« Seine Stimme hörte sich weich, klar und wesentlich älter an, als man aufgrund des Gesichts vermuten würde. Er erinnerte mich an einen Lehrer, den ich auf dem Land gehabt hatte, damals, als das Vermögen der Familie Burn noch ausgereicht hatte, um sich Semester außerhalb der Stadt zu leisten. »Ich war nur gerade dabei, einem besonders schwer fassbaren Gedanken nachzujagen, den ich nicht verlieren wollte.« Er richtete sich auf, nahm die Brille ab und klappte sie mit seinen großen Händen zusammen, wobei sie leise knarrte. »Was nun bedauerlicherweise passiert ist.«

Ein Dutzend Atemzüge lang musterte er uns mit klinischem Interesse, die sanften Augen etwas verengt, als konzentriere er sich. Schließlich klopfte er mit der Brille auf den Tisch, dann legte er sie hin und erhob sich zu voller Größe. Anscheinend hatte er zuvor auf einer Bank gesessen. Ich verblüfft darüber, wie groß und hager er war. Seine ordentliche Frisur berührte beinah die Decke.

»Meine Fresse«, murmelte Grau. »Jetzt ist mir klar, wieso Sie so heißen, mein Freund.«

Cranich lächelte geduldig. »In Wirklichkeit ist es ein ziemlich alter Familienname. Aber ja, ich scheine ihm gerecht zu werden.«

Er kam um den Tisch herum, deutete auf einige Stühle in der Nähe des Feuers und nahm selbst auf einem davon Platz. Wir ließen uns ihm gegenüber nieder.

»Also«, sagte Cranich. »Jacob Burn, richtig?«

»Und Grau Anderson, Sir. Natürlich ist Grau nicht mein richtiger Vorname, aber jeder nennt mich so.«

»Es hat mir entsetzlich leidgetan, vom Abstieg Ihrer Familie zu erfahren, Jacob. Die Politik in Veridon kann manchmal ein wahrhaft grausamer Witz sein.«

»Entschuldigen Sie«, erwiderte ich und verlagerte mein Gewicht so auf dem Stuhl, dass sich der Revolver nicht zu offensichtlich abzeichnete. »Grau hat gesagt, Sie kämen von außerhalb der Stadt.«

»So ist es. Von sehr weit außerhalb der Stadt. Ich bin erst vor einem Monat den Fluss herunter gekommen. Dabei hatte ich großes Glück, diese Unterkunft mit so wenig Mühe aufzutreiben. Aber ich habe ein Auge darauf, wie es anständigen Leuten ergeht.« Er kratzte sich am Kopf und starrte nachdenklich ins Feuer. »Man könnte es als eine Art Zeitvertreib von mir bezeichnen.«

»Und was führt Sie in die Stadt?«, erkundigte ich mich.

»Geschäfte. Familienangelegenheiten. Die Cranichs hatten jahrelang sehr wenig mit Veridon zu tun. Wir halten nicht besonders viel von dieser Stadt.« Er hob eine Hand. »Nichts Persönliches. Wir halten allgemein nicht viel von Städten. Hoffentlich werde ich für dieses Unterfangen nicht lange brauchen.«

»Und dabei kommen wir ins Spiel«, meinte Grau, der versuchte, sich ins Gespräch zu bringen. Cranich nickte ihm höflich zu, ehe er die Aufmerksamkeit wieder auf mich richtete.

»Ich hoffe, Sie verzeihen mir die Frage, aber Ihr Freund Valentine ist nicht mehr Ihr Freund?«

»Für jemanden, der erst seit einem Monat hier ist, wissen Sie eine Menge über Veridon.«

»Ich mache meine Hausaufgaben, Mr. Burn. Bevor ich einen Plan schmiede, sehe ich mir die Dinge genau an. Sie arbeiten also nicht mehr für Valentine. Haben keinen Kontakt zu ihm.«

?« »Richtig.«

Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und betrachtete mich eingehend, wog mich ab.

»Na schön. Und Ihr Partner hier?«

»Valentine weiß nicht mal, dass es Grau gibt. Wir sind nicht wichtig genug, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist eines der Dinge, die mich am Leben erhalten. Darf ich fragen, weshalb das eine Rolle spielt?«

»Und würden Sie sagen, dass Sie ihn hassen?« Meine Frage ignorierte er völlig. »Oder dass er Sie hasst?«

»Jedenfalls sind wir keine Busenfreunde«, antwortete ich. Nicht, seit er mich als Köder in einer üblen Geschichte benutzt und mich dann mir selbst überlassen hatte. Erst, als es profitabel für ihn ausgesehen hatte, war er wieder auf den Plan getreten und hatte mir Hilfe angeboten. Ich hatte abgelehnt. Mit gewalttätigem Nachdruck. »Worauf wollen Sie hinaus?«

»Ich brauche etwas erledigt, nichts Drastisches. Aber es muss ohne Valentines Einmischung und Wissen erledigt werden. Es ist äußerst schwierig, in dieser Stadt fähige Leute zu finden, die nicht an diese Ausgeburt von einem Uhrwerk gebunden sind.«

»Er tötet Leute, die ihm gegen den Strich gehen«, erklärte ich. Mich überraschte ein wenig, wie er »Uhrwerk« ausgesprochen hatte. Wie ein Schimpfwort.

»Und doch hat er Sie nicht getötet«, gab Cranich leise zurück. »Hm. Nun ja, ich würde sagen, das ist seine Sache.«

»Wollen Sie damit andeuten, dass Sie es an seiner Stelle getan hätten?« Ich beugte mich auf dem Stuhl vor. »Mich umbringen?«

»Mein lieber Jacob«, sagte Cranich und verschränkte die Hände über den spitzen Knien ineinander. »Töten ist nicht mein Geschäft. Allerdings finde ich es nützlich, Menschen zu verstehen, die in dieser Branche tätig sind. Und Sie nicht getötet zu haben entspricht nicht dem, was ich über den Mann weiß. Das ist alles.« Er stand auf und ging zum Tisch.

»Also, dieser Auftrag …«, setzte Grau an.

»Dieser Auftrag.« Cranich bedachte Grau mit einem durchdringenden Blick und ergriff seine Brille. »Dieser Auftrag ist ziemlich einfach. Aber wie gesagt, er muss diskret ausgeführt werden.« Seine Hände tasteten über den Tisch, bis er einen Umschlag fand, dann drehte er sich um und reichte ihn Grau. »Das ist der Betrag, der vereinbart wurde.«

Grau öffnete den Umschlag und erbleichte, bevor er ihn in seine Jacke steckte. Mehr brauchte Cranich als Antwort nicht. Er ergriff einen weiteren Umschlag vom Tisch, den er mir reichte, wobei er Grau wieder ignorierte. Der Umschlag fühlte sich wächsern an, als sei er wasserdicht, und er war versiegelt.

»Ich brauche zwei Dinge an eine bestimmte Adresse zugestellt. Dies ist das Erste davon. Für das Zweite treffe ich Vorkehrungen, damit Sie es morgen früh abholen können.«

»Um was für ein Ding handelt es sich?«, wollte ich wissen.

»Um ein kompliziertes. Es wird gerade nach meinen Vorgaben gebaut. Mir wurde versichert, dass es heute Nacht fertig wird.« Er legte die Brille wieder beiseite und stützte sich auf den Tisch. Selbst in dieser Haltung ragte er immer noch einen guten Kopf höher auf als ich. »Jemand wird Sie aufsuchen und Ihre Anweisungen überbringen. Ihre Reisevorkehrungen müssen Sie übrigens selbst treffen. Mein Name soll dabei nicht aufscheinen.«

»Eine Reise? Verlassen wir die Stadt?«

»Eigentlich nicht. Aber Sie werden einen etwas schwierigen Ort aufsuchen. Dafür werden Sie geeignete Ausrüstung brauchen. Und das rasch. Die Zustellung der Lieferung muss übermorgen am Vormittag erfolgen.«

»Was für Ausrüstung?«, hakte ich nach. »Wohin gehen wir?«

Zur Antwort setzte Ezekiel Cranich das schneidendste Lächeln auf, das ich seit geraumer Zeit gesehen hatte.

»In den Fluss«, antwortete er. »Sie statten den Fehn einen Besuch ab.«

»Im Fluss, wie?«, sagte ich und steckte den Umschlag in meine Jackentasche. »Tja. Ich habe einen Freund, der uns dabei behilflich sein kann.«

Der Reine präsentierte sich in Form dunkler Ufer unter einem Mantel aus Nebel. Veridon lag hinter uns. Die Konstellation der Lichter der Stadt schimmerte matt durch die Schwaden, die Geräusche des Hafens drangen gedämpft durch die kalte, feuchte Luft. Schaudernd zog ich den abgewetzten Kragen meines Mantels enger um den Hals. Mit einer Hand umfasste ich die Reling. Die Kälte des Eisens brachte meine Fingerspitzen zum Kribbeln. Meine andere Hand ruhte auf dem Revolver an meinem Gürtel. Dies war ein guter Ort, um eine Leiche zu entsorgen, und ich kannte die Besatzung nicht. Die Männer befanden sich hinter mir und unterhielten sich leise miteinander.

Mein Tag hatte früh und finster begonnen. An den Docks hatten Grau und ich uns mit meinem alten Freund Wilson getroffen. Wilson verstand etwas von Maschinen und war gut darin, Gerätschaften aufzutreiben, die Sonderbares bewerkstelligten. Zum Beispiel einen Menschen unter Wasser reisen zu lassen, ohne dass er ertrank. Er kreuzte mit einer Kiste und einem Lächeln auf. Grau ließen wir am Dock zurück. Er sollte Cranich mitteilen, dass die Lieferung gerade erfolgte. Wilson und ich fuhren auf diesem verdammten Boot mitsamt seiner verdammten, tuschelnden Besatzung los. »Nicht alle Aufträge, die du an Land ziehst, gefallen mir, Grau«, murmelte ich zu niemandem. Wilson schnaubte neben mir.

»Tja, du darfst nicht pingelig sein. Wer sich solche Freunde aussucht, wird zwangsläufig in üble Geschichten verstrickt.«

Ich schaute ihn an. Er hatte beide Hände auf der Reling und streckte die Nase in den Wind wie ein verfluchter Tourist. Wilson trug eine adrette Weste und einen Mantel, beides gebügelt und sauber. Er wirkte eher wie ein Professor als wie ein Verbrecher. Hinzu kam, dass er ein Anansi war. Seine höckerartigen Schultern verbargen sechs lange, mit scharfen Klauen bewehrte Spinnenglieder, die wie Flügel aus seinem Rücken wuchsen. Wilson bot in der Tat einen äußerst seltsamen Anblick. Seufzend wandte ich mich wieder dem Wasser zu.

»Nicht unbedingt. Er müsste ja nicht alles annehmen, was sich ihm bietet.«

»Und du müsstest ihm ja nicht überallhin folgen.« Er sah mich an und lächelte. In seinem Mund prangten mehrere Reihen winziger, spitzer Zähne. »Für einen Mann wie dich gibt es bessere Wege.«

Und so war Wilson. Er bearbeitete mich ständig, um mich zurück in die Art von Schwierigkeiten zu locken, die ich hinter mir gelassen hatte. Die Art von Schwierigkeiten, die dafür gesorgt hatte, dass die einzige Frau, die ich je geliebt hatte, gestorben war. Die Art von Schwierigkeiten, die die Aufmerksamkeit des Rats erregen würde. Ich schwöre, hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte gedacht, dass der Junge eine Revolution wollte. Oder zumindest einen ordentlichen Aderlass unter den höheren Rängen der Gesellschaft.

»Lass es, Wilson.«

»Du kannst dich nicht ewig davor drücken. Du hast Verpflichtungen, ganz gleich, was dein Vater sagt. Verpflichtungen gegenüber deinem Namen, aber auch Verpflichtungen gegenüber der Stadt.«

»Ich habe dich mitgenommen, damit du dafür sorgst, dass deine Maschine läuft. Hätte ich einen Vortrag über meine Verpflichtungen gegenüber meiner Familie gewollt, hätte ich stattdessen meinen Vater mitgenommen.« Ich rieb mir die Kälte aus dem Gesicht und verzog es zu einer Grimasse. »Vielleicht auch nur, um ihn über Bord zu werfen. Keine üble Idee, wenn ich’s mir recht überlege.«

»Jacob, ich bin enttäuscht. Ein Jahr lang höre ich überhaupt nichts von dir, dann willst du plötzlich meine Hilfe. Ich hatte gehofft, die Dinge hätten sich gebessert.« Er ließ den Blick über das Schiff wandern und lächelte. »Aber wie sich herausstellt, brauchst du lediglich einen Mechaniker. Oder nein – du willst lediglich einen Mechaniker. Was du alles brauchst, will ich gar nicht erst aufzählen.«

»Verflucht noch eins, Wilson. Hör auf damit.«

Er hob die Hände und seufzte.

»Schon gut, Jacob. Vergiss, was ich gesagt habe.« Er verzog das Gesicht und schaute auf den Fluss hinaus. »Erledigen wir einfach deinen kleinen Auftrag und gehen einander wieder aus dem Weg.«

»Das ist die Stelle«, verkündete der Kapitän von oben. Ich blickte zum Besatzungsturm hinauf. Nur mit Mühe konnte ich den Kreis des bärtigen Gesichts des Kapitäns ausmachen, der sich aus dem Fenster beugte.

»Hier ist es?«, fragte ich. »Woher wissen Sie das?«

»Dafür haben Sie bezahlt, Mr. Burn. Verlässliche Beförderung zu den Fehn, abseits der Docks. Dafür haben Sie mich bezahlt.«

»Verlässliche, heimliche Beförderung, Mr. Hamilton.« Ich schaute zur Besatzung, die sich plötzlich emsig an der Kiste zu schaffen machte, die wir mitgebracht hatten. »Und keine Schwierigkeiten bei der Rückfahrt.«

Der Kapitän räusperte sich und spuckte in den Nebel. »Keine Schwierigkeiten, Mr. Burn. Sie sind ein Mann, mit dem ich mich nicht anlegen möchte.«

»Hörst du das?«, fragte Wilson und stupste mich. »Du hast einen Ruf zu wahren. Bist ein gefährlicher Mann.«

»Ja, ja.« Es gab reichlich Leute, die unter Umständen dafür bezahlen würden, dass man sich mit mir anlegte. Ich beobachtete, wie die Besatzung die Kiste zerlegte und den sperrigen Eisenmann daraus hervorholte. Die Brust öffnete sich knarrend. Schläuche und Einstellräder ergossen sich auf das Deck. »Ist nicht der beste Ruf, den man haben kann.«

Der alte Kapitän grunzte, dann schloss er das Fenster. Wilson und ich gingen zum Eisenmann hinüber. Das Ding war groß und knollig. Der Kopf war so breit wie die Schultern und bestand aus glattem, dickem Glas. Die Besatzung wich nervös zurück. Die Blicke der Männer wanderten zwischen mir und der sperrigen Metallgestalt hin und her. Ich zog meinen Mantel aus.

»Bist du sicher, was dieses Ding angeht?«, fragte ich.

Wilson nickte glücklich. Er kniete sich neben den Eisenanzug und begann, die Arme aufzuschnallen und Stellräder zu justieren.

»Absolut. So sicher wie die Liebe einer Hure.« Mit einem Funkeln in den Augen knuffte er mich in den Arm. »Und genauso teuer.«

»Prima. Dann bringen wir es hinter uns«, gab ich zurück. Ohne auf seine Anspielung einzugehen, trat ich in die Umarmung des Eisenmanns, der sich rings um mich schloss. Ein Ächzen ertönte, als das Ding versiegelt wurde, und die Luft wurde schlagartig backofenheiß. Die Besatzung scharte sich hinter Wilsons merkwürdig bucklige Schultern und starrte mich durch das dicke Glas an. Ich schwenkte einen schweren Arm, und man gab den Weg für mich frei. Wilson führte mich zur Reling und beförderte mich mit einem leichten Stoß über den Rand des Boots. Geräuschlos nahm mich der Reine auf.

Eine Weile wurde es dunkler und dunkler, kälter und kälter. In absoluter Stille sank ich durch das Wasser. Meine Atemgeräusche wurden von den Schläuchen und vom Metall des Eisenmanns verschluckt. Ich starrte auf mein Gesicht, das sich im trüben Licht der lautlosen Motoren der Maschine im Glas widerspiegelte. Meine Augen wirkten tot, meine Haare bildeten ein wirres Chaos um meinen Kopf, meine Züge sahen blass und müde aus. Ich war in den letzten beiden Jahren um zehn Jahre gealtert. Die Geschäfte gingen schlecht. Seit ich der Nummer eins von Veridons Verbrecherwelt eine Waffe an den Kopf gehalten und dadurch unsere komplizierte Freundschaft beendet hatte, liefen die Dinge nicht gut für mich. Meine Kontakte hatten aufgehört, mit mir zu reden. Meine Stammkunden suchten mich nicht mehr auf. Ich war gezwungen, Aufträge von Leuten anzunehmen, denen ich nicht vertraute – Aufträge, die ich nicht haben wollte. Ich musste mit Menschen wie Grau zusammenarbeiten und mich in Situationen begeben, bei denen ich nicht wusste, ob ich wieder aus ihnen herauskommen würde. Aufträge wie diesen. Situationen wie diese.

Ein totes Gesicht klatschte gegen das Glas, die Haut schlaff und weiß, die Augen wie glatte, bleiche Murmeln. Ich erschrak und stieß mir den Kopf an dem Metallanzug an. Die Gestalt legte die Hände auf das Glas und fuhr den Rand entlang hinab, bis sie Halt fand. Der Tote beobachtete mich mit ausdruckslosen Augen. Weitere Hände tauchten aus der Dunkelheit auf und hielten meinen Rücken, schlangen sich um meine Arme. Mein erster Instinkt war Gegenwehr. Ich musste die aufsteigende Panik niederringen und ließ mich von jenen vom Fluss aufgedunsenen Armen ergreifen. Sie führten mich nach unten. Ich nahm Lichter wahr, einen weitläufigen Ring von Lichtern, die in der Dunkelheit verblassten. Eine flache, runde Tür in einer von Muscheln überzogenen Wand aus Eisen. Sie öffnete sich wie eine Blende, und wir begaben uns hinein. Meine Begleiter trieben zurück, hinaus in die kalte Strömung. Ich blieb allein in einer kleinen Kammer zurück, wo ich zu Boden sank. Ein schwerer, dumpfer Schlag ertönte. Das Wasser rings um mich schien zu vibrieren, dann floss es langsam ab. Der Anzug fühlte sich schwer um meine Schultern an. Mühsam befreite ich mich daraus. Die Luft in der Kammer erwies sich als kalt und steril.

Ich ließ den Eisenmann von mir abfallen und kramte in dem kleinen Lederranzen, den ich dabei hatte. Meine Finger waren taub, und mir wurde bewusst, wie sehr ich fror. Nach mehreren Versuchen gelang es mir, die Reibungslampe zum Leben zu erwecken. Ich richtete mich auf. Der Raum war voll von Leichen, die dicht um mich herum standen, dichter, als ich gedacht hätte. Dutzende davon. Ich brauchte eine Sekunde, um zu erkennen, dass ich mich in einem Raum aus Glasscheiben befand und in das trübe Wasser des Reine hinausblickte. Auf dieser Seite des Glases befand sich mein winziger, trockener Raum, auf der anderen drängten sich wahre Heerscharen von Fehn, die leicht in der Strömung des Flusses schwankten.

Die Fehn … nun ja. Die Fehn bereiten mir Unbehagen. Ich hatte schon früher mit ihnen zu tun gehabt und betrachtete einen unter ihnen sogar als Freund, Erschaffer Morgan, wenngleich ich ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte. Vermutlich war er mittlerweile aus den Rängen der individuellen Fehn ausgeschieden und in den trägen Chor jener eingegangen, die ihre Persönlichkeit und ihren Geist an das Gruppenbewusstsein des Fehnschwarms verloren hatten. Ich unterdrückte ein Schaudern, während ich mein Publikum betrachtete, dessen Augen lose in den Köpfen prangten und dessen Münder im kalten Wasser offen standen.

»Sind wir so abstoßend?«, fragte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen der Fehn aus einem Niedergang im Boden heraufkommen. Seine Kleider waren größtenteils trocken, in seinen Augen funkelte noch Empfindungsvermögen. Er überquerte den Boden und streckte die Arme wie ein Bittsteller aus. »Ist unsere Gegenwart so schrecklich, Jacob Burn?«

»Also …«, setzte ich an und betrachtete die Fenster rings um uns, an denen sich die Heerscharen drängten. »Sie kann ein wenig beunruhigend sein. Für einen Mann in meiner Lage.«

»Hm.« Er zog einen Stahlzylinder von seinem Gürtel, schraubte ihn auf und trank einen ausgiebigen Schluck daraus. Wasser platschte um seinen Mund und lief ihm die Wange hinab. »Für einen Mann in deiner Lage. Du meinst, einen Mann, der unter Wasser in einem kleinen Raum gefangen ist, umzingelt von den Toten Veridons?«

»Ja. Etwas in der Art.«

Er nickte und trank erneut, dann ging er zum nächstbesten Fenster und blickte hinaus auf das Panorama der ausdruckslosen Gesichter und schlaffen Gliedmaßen, die wie Gras in einer Brise wogten.

»Kennst du welche unter ihnen, Jacob? Sind Freunde von dir hier? Ein Mann wie du muss doch einige Freunde an unseren geliebten Fluss verloren haben.«

Und das war der springende Punkt, der Umstand, der die Fehn so beunruhigend machte. Sie waren unsere Toten. Jeder, der im Fluss starb, der ertrank oder aus einer finsteren Seitengasse im Hafen ins Wasser geworfen wurde – jede Leiche, die unter das dunkle Wasser des Reine glitt, wurde zu ihrem Eigentum. Ein Teil ihrer Bürgerschaft. Die Fehn waren eine symbiotische Rasse. Ihre Urform verbarg sich in den Tiefen des Flusses, aber sie infizierten die Körper der Ertrunkenen. Eine Zeit lang bewahrten sich diese Körper ihre Persönlichkeit, ihren Geist, wie es bei meinem Freund Morgan gewesen war. Manchmal gelang es ihnen, Monate oder Jahre durchzuhalten … vielleicht sogar Jahrzehnte. Morgans Alter hatte ich nie erfahren, aber ich hatte das Gefühl, dass er unter Umständen sogar noch länger unter Wasser gewesen war. Etwas an der Symbiose sorgte dafür, dass die Körper frisch blieben. Allerdings verabschiedete sich letztlich ihr Geist, und dann wurden sie zu einer der unzähligen verstandlosen Kreaturen, die in diesem Augenblick vor den Fenstern trieben.

»Von denen kenne ich keinen, nein. Die meisten meiner Freunde sterben an Land.«

»Ein Glück«, meinte er und drehte sich mir zu. Er trank einen ausgiebigen Schluck Wasser. »Für dich zumindest. Für uns weniger.«

»Ja.« Ich bückte mich zum Eisenmann und wickelte das Paket aus. »Ich bin ein wenig unter Zeitdruck.«

»Wirklich? Dann bist du wohl ein viel beschäftigter Mann, was?«

»Klar«, gab ich zurück.

»Ich habe etwas anderes gehört. Ich habe gehört, dass es zurzeit nicht so gut um Jacob Burn bestellt ist.« Müßig lehnte er sich an das Glas des Fensters. Hinter ihm hoben die Gestalten des stummen Chors die Hände und strichen über die Scheibe, als wollten sie seine Schultern berühren. »Seit du deinen Kumpel Valentine verärgert hast, den Rat und die Kirche … Ich habe gehört, dass deine Geschäfte eher stockend laufen.«

Ich richtete mich mit der matten Metallkassette auf, die zu überbringen ich angeheuert worden war. »Ich komme zurecht. Ich arbeite doch gerade, oder etwa nicht?«

»Sicher. Aber das ist ein Scheißauftrag, Jacob. Die Bezahlung ist mies, und niemand will so etwas tun. Die Zeiten müssen wirklich hart sein, wenn sich ein Mann von deinem Rang als Lieferjunge für den Fluss hergibt.«

Etwas an der Art, wie er es sagte, etwas an seiner Stimme oder seinem Gesicht … wirkte unheimlich.

»Kenne ich dich?«, fragte ich. Der Fluss hatte seine Züge abgestumpft, doch ich hatte nicht den Eindruck, dass mir der Kerl bekannt vorkam.

»Nicht wirklich. Nicht mehr. Ich war vor einiger Zeit einer der Diener deines Vaters.« Er hob eine aufgedunsene Hand und streckte sie aus. »Anthony Flowers.«

»Das Schiff zum Bettlerfest«, sagte ich und ignorierte die mir angebotene Hand demonstrativ. »Du und deine Familie, ihr seid zusammen mit dem Großteil des Küchenpersonals ertrunken. Tut mir sehr leid.«

»Wir sind darüber hinweg.« Er verzog das Gesicht, senkte die Hand, ballte sie ein paar Mal zur Faust und deutete dann mit dem Kopf zum Fenster. »Meine Kinder und meine Frau sind irgendwo da draußen. Ich treffe mich nicht mehr mir ihnen, suche sie eigentlich gar nicht.«

»Ja.«

»Wie auch immer, ich hoffe, wir haben euren Bettlertag nicht ruiniert.«

Ich schüttelte den Kopf und streckte ihm das Paket hin. »Ich war damals noch ein Kind.«

»Ja. Das waren meine Kinder auch.« Er ergriff die Kassette und stellte sie auf einen unscheinbaren, in den Boden eingelassenen Tisch. »Was bringst du uns da?«

»Geht mich nichts an«, erwiderte ich.

»Bist du nicht neugierig?«

»Neugierig zu sein ist nicht mein Geschäft, Anthony. Brauchst du noch etwas von mir?«

Er musterte mich, dann seufzte er und ergriff die Kassette. »Ich denke nicht. So geh denn. Sobald du deinen ausgeklügelten Anzug anhast, wird der Raum geflutet.«

Ich nickte und wandte mich dem Anzug zu. Anthony verschwand den Niedergang hinab, eine Tür schloss sich, und ich blieb allein mit den stummen Wänden der Toten zurück. Ohne aufzuschauen, stieg ich in meinen Anzug und bereitete mich auf die Rückkehr zur Wasseroberfläche vor. Ich hoffte, der Kapitän und seine tuschelnde Besatzung würden noch da sein. Ich hoffte, sie hatten sich nicht auf Wilson gestürzt, ihn über Bord geworfen und mich allein mitten im Reine zurückgelassen. Ich hatte noch nie im Fluss sterben wollen, und nun wollte ich es noch weniger.

Kapitel 2

SCHWARZES BLUT AUS DEM FLUSS

»Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Sir?«

Ich wandte mich vom winzigen Fenster des Dampfers ab und drehte mich zum Kapitän um. Er starrte geradeaus, als wäre ich gar nicht da. Ich nickte.

»Nur zu.«

»Sie waren einer von Valentines Jungs?«

»Ja.«

»Aber jetzt sind Sie es nicht mehr?«

»Jetzt nicht mehr, nein.« Ich schaute wieder aus dem Fenster. Der Fluss strömte in hohen, schweren Wogen vor sich hin. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet, trotzdem herrschte noch wenig Verkehr. Über den durchscheinenden Schwaden konnte ich die ansteigenden Türme von Veridon sehen. Ich wusste, wohin diese Fragen führten.

»Die meisten, von denen ich weiß, dass sie für Valentine arbeiten, hören nicht damit auf, für ihn zu arbeiten.« Er schaute zu mir herüber, dann blickte er wieder zum Bug des Schiffs. »Jedenfalls nicht, ohne umgebracht zu werden.«

»Noch wurde ich nicht umgebracht, oder?«

»Nein, Sir. Deshalb frage ich ja. Sie arbeiten also nicht mehr für ihn?«

»Nein, tue ich nicht.«

»Denn wenn Sie es täten, wissen Sie, dann wäre es fein, wenn Sie ein gutes Wort für uns einlegen könnten. Über unsere Dienste hier. Ist immer gut, jemandem wie Valentine einen Gefallen zu erweisen. Oder einem seiner Jungs.«

»Tja, wenn ich ihn das nächste Mal sehe, werde ich Sie ihm wärmstens empfehlen. Gleich, nachdem er aufgehört hat, auf mich zu schießen oder sonst etwas mit mir anzustellen, wonach ihm der Sinn gerade steht.«

»Na ja.« Der alte Mann nickte. »Ich dachte nur. Falls Sie doch noch für ihn arbeiten.«

»Ja.« Ich öffnete die kleine Tür, die hinaus zur Aussichtsreling führte. »Tja, das tue ich nicht.«

Draußen war es besser. Draußen roch es nicht nach Schmierfett in Dosen und nach Verzweiflung. Draußen war es kühl und feucht, und dünne Nebelschwaden kräuselten sich über das Schiff. Wilson schlenderte über das Deck, beide Hände in die Taschen seiner Jacke gesteckt. Er wirkte unruhig. Die Besatzung war weit und breit nicht zu sehen. Mein Blick wanderte über das Wasser, während ich über das Leben der Fehn, das Schicksal von Erschaffer Morgan und all die anderen Menschen nachdachte, die im kalten, dunklen Fluss ihr Ende gefunden hatten. Ich stützte die Ellbogen auf das Geländer des kleinen Turms des Kapitäns. Gut, dass ich diesen Halt hatte! Denn noch hatte ich kaum den Ruf »Mann über Bord!« vernommen, als das Schiff auch schon schaudernd nach rechts schwenkte und die Fahrt drosselte. Um ein Haar wäre ich gestürzt, was nur das Geländer verhinderte. Wilson war hingefallen, sprang jedoch bereits wieder auf und eilte zum Rand des Boots.

»Mann über Bord, ahoi!«, brüllte jemand zu meiner Rechten. Ich lief zu dieser Seite des Schiffs und blickte hinab. An der Reling hatte sich eine Schar von Mitgliedern der Besatzung eingefunden und schaute ins Wasser hinunter.

»Wo ist er?«, rief der Kapitän von seinem Fenster hinter mir. Die Besatzung sah zu uns beiden herauf.

»Es ist einer, Sir, ein Stück abseits der Reling, Sir. Keine Ahnung, wer es ist.«

»Ist es einer von uns? Hat ihn jemand reinfallen gesehen?«

»Nein, Sir. Kelly hat ihn gesichtet. Andere Schiffe sind da draußen nicht.«

»Könnte eine Wasserleiche aus der Stadt sein«, meinte ich zum Kapitän. Ich erblickte das Objekt der Aufregung, das ohne Hemd in der Strömung des Flusses schaukelte. Lebendig wirkte die Gestalt nicht. Mit jeder Sekunde trieb sie näher zum Boot. »Sieht nicht allzu gut aus.«

»Könnte bloß eine Leiche sein«, pflichtete mir ein Besatzungsmitglied zu. Dann kam Bewegung in die Truppe, und ein langer Haken wurde hervorgeholt. Die Männer piekten damit in das glänzende, weiße Fleisch des Rückens der Gestalt und erzielten keine Reaktion.

»Mann über Bord!«, brüllte wieder jemand, und wir alle drehten uns um. Ein Junge, der am Heck des Boots stand, deutete nach links. Ich kniff die Augen zusammen und erblickte, worauf er zeigte. Ein weiterer Körper. Und noch einer. Ein halbes Dutzend, allesamt so gut wie nackt. Die bleiche Haut hob und senkte sich friedlich mit den Wellen.

»Hier stimmt etwas nicht«, sagte ich zum Kapitän. Er starrte auf das Wasser hinaus und zählte. Ich erhob die Stimme. »Wilson, was denkst du?« Er schaute nicht zu mir herauf, wandte den Blick nicht vom Wasser ab.

»Schiffbruch?«, schlug der Kapitän vor. »Der Nebel ist fürchterlich dicht.«

»Dann hätten wir etwas gehört«, gab ich zurück. »Werfen Sie den Motor an und bringen Sie uns zurück zum Ufer. Das sind Leichen, Kapitän. Hier gibt es niemanden, der gerettet werden könnte.«

»Wir sollten sie einholen. Ich würde eingeholt werden wollen, wenn meine Leiche so im Wasser rumtriebe.« Er zupfte an der Krempe seiner Mütze und wandte sich der Steuerung zu. »Ich würde nicht zurückgelassen werden wollen, um Teil der Fehn zu werden.« Ich verzog das Gesicht und wandte mich wieder dem Wasser zu. Nach dem Treffen, das ich hinter mir hatte, konnte ich ihm keinen Vorwurf aus seiner Einstellung machen. Trotzdem wollte ich zurück ans Ufer. Ich nahm mir fest vor, auf hohem Gelände zu sterben, weit weg von den Fehn und ihrem unsterblichen Ertrinken. Die Besatzung machte sich an die schaurige Arbeit, Leichen einzuholen, während ich das Geländer umklammerte und sie beobachtete. Wilson befand sich immer noch an der Reling und schaute hinab. Eine seiner Hände ruhte auf der Messerhalterung an seinem Gürtel.

Ich starrte gerade wieder auf das Wasser, als etwas tief unter uns seufzte und zur Oberfläche emporstieg. Erst war es nur ein kurzes Erhellen der Tiefe, ein Grau zwischen dem Schwarz. Rasch kristallisierte es sich als wallende, weiße und graue Masse heraus, dann wurden wir förmlich überschwemmt, als sich ein Ungetüm aus Leichen aus dem Wasser erhob; Körper, Arme und Beine, tot und bleich, blubberten an die Oberfläche, zeichneten sich mit weißer, glänzender Haut gegen die schiefrige Schwärze des Reine ab. Sie stießen dumpf gegen den Rumpf des Bootes, schlitterten die Seiten entlang empor und wurden schäumend und blutlos vom Propeller durchgerüttelt. Die Besatzung hatte ihren Platz an der Reling aufgegeben und suchte brüllend auf dem Lotsendeck Zuflucht. Ich drängte mich an den Männern vorbei hinunter auf das Deck, hinunter zu Wilson.

Wir trieben in einem Schwarm von Leichen, vormals die Fehn. Die Räume zwischen den Körpern strotzten glitschig vor den dicken schwarzen Würmern ihrer Symbioten. Ein lebender Fehn war bis zu den Lungen voll mit diesen Kreaturen, die sich an Stelle von Blut, Luft und einem Gehirn in ihren Adern und Organen wanden. Die Würmer glänzten in öligem Tod, quollen aus schlaffen Mündern und platschten träge ins Wasser. Und für jeden Leichnam, den ich sah, stiegen zehn weitere an die Oberfläche und schoben ihre Brüder beiseite. Unsere Motoren kamen stotternd zum Stillstand. Wir steckten fest.

»Das gefällt mir nicht«, flüsterte Wilson, als ich ihn erreichte. Er zitterte, hatte eine Hand an seinen Messern.

»Wem würde das schon gefallen?«, fragte ich.

»Nein, ich meine, es gefällt mir wirklich nicht. Was, wenn … Was, wenn wir …« Mit schlaffen Zügen schaute er zu mir auf.

Was, wenn wir das getan haben, wollte er fragen. Was, wenn unsere kleine Lieferung soeben die Toten des Flusses umgebracht hatte? Was für Ärger verhieße das?

»Weg da, ihr Lahmärsche! Zurück auf eure Posten!«, brüllte der Kapitän aus seiner Kabine. Die Besatzung kauerte auf der Treppe und blickte auf das wogende Meer der Leichen hinaus. Die Luft roch nach Flussfäulnis, durchsetzt mit dem Gestank von verbranntem Fleisch, der von unserem verstopften Propeller aufstieg. Der Kapitän stieß die letzten Besatzungsmitglieder zum Deck hinab und zog sich wieder in seinen Verschlag zurück. Zögerlich begaben sich einige Männer unter Deck, um nach den Motoren zu sehen. Der Rest stellte sich neben uns an die Reling.

»Was um alles in der Welt ist das«, flüsterte einer der Männer. Ich hatte weder eine Antwort noch den Hauch einer Ahnung. Wir alle starrten auf den klumpigen Schwarm und zitterten in der Brise. Der Nebel verdichtete sich, ließ nur die Leichen und unser Schiff sichtbar.

»Geht mit Haken an den Propeller und versucht, ihn freizumachen!«, brüllte der Kapitän aus seinem behaglichen Hochstand. Ein paar Männer der Besatzung rafften sich auf und gingen nach achtern. Wir alle schienen in einem Traum gefangen zu sein. Vor Leichen konnte man kaum das Wasser erkennen.

»Wir sollten eine Leuchtfackel anzünden«, schlug ich vor, indem ich mich einem Besatzungsmitglied zuwandte. »Oder vielleicht Signale mit dem Horn geben. Um andere Schiffe zu warnen, die hierher unterwegs sind.«

»Das wird der Kapitän nicht zulassen. Nicht, bis wir näher am Dock sind, wo wir sein dürfen.« Der Mann fasste sich wie zu einer Segnung an die Stirn. »Signale rufen die Ordnungshüter auf den Plan. Das wollen wir nicht.«

»Immer noch besser, als von einem Frachtkahn gerammt zu werden«, murmelte ich und blickte zur Kabine hinauf. Der Kapitän hantierte an einem Steuerpult und brüllte in ein Sprechrohr. Der ölige Gestank von Rauch stieg von unter Deck auf.

»Solltest du nicht runtergehen, um zu helfen?«, fragte ich den Mann, der neben mir stand.

»Ich, Sir? Lieber nicht.« Eine rasche Abfolge von Erschütterungen durchlief das Deck, und der Motor brüllte kurz und wütend auf, bevor er stotternd wieder verstummte. »Scheint alles in guten Händen zu sein. Außerdem halte ich Wache.«

»Verstehe.« Ich nickte und lehnte mich an die Reling. »Ich frage mich, ob man uns unter Quarantäne stellen wird.«

»Weshalb?«

»Irgendetwas hat die getötet«, gab ich zurück und nickte in Richtung des Schwarms der leblosen Körper rings um uns. »Vielleicht eine Krankheit, vielleicht eine Waffe.«

»Vielleicht das Ding, das Sie überbracht haben?«, meinte der Mann unbekümmert, bevor ihm klar wurde, was er gesagt hatte. »Ich meine, Sir, nicht, dass Sie es gewollt hätten. Sie wissen schon. Nicht, dass Sie die töten wollten, Sir.«

Wilson und ich starrten den Mann in Grund und Boden, bis er den Kopf einzog und wieder auf den Fluss hinausschaute. Mittlerweile war der Nebel noch dichter geworden. Ich blickte zur nächsten Leiche hinab, deren knotiger Rücken gegen unseren Rumpf trieb. Die Gestalt unterschied sich nicht von den geistlosen Kreaturen, denen ich unter der Wasseroberfläche begegnet war. Nur waren sie jetzt allesamt empfindungslos und unbeweglich. Wie es sich für Tote ja eigentlich gehörte. Vielleicht hatten die Fehn lediglich die Kontrolle über ihre Wirte verloren. Wir wussten so wenig über sie. Uns war lediglich bekannt, dass sie schon länger in diesem Fluss lebten, als Veridon an dessen Ufer aufragte.

»Sir«, flüsterte der Mann. Ich schaute auf. Mit schlaffen Zügen starrte er auf das Wasser. Ich folgte seinem Blick. Die Wasseroberfläche kräuselte sich und plätscherte. Etwas kroch zwischen den Leichen hervor. Hände streckten sich empor, schoben Schultern, Köpfe und perlweiße Rümpfe beiseite. Sie kletterten auf die Körper ihrer gefallenen Brüder und setzten sich in Bewegung.

»O Scheiße, Jacob«, flüsterte Wilson. »Verdammte Scheiße.«

»Das kannst du laut sagen«, gab ich zurück. Der Revolver befand sich in meiner Hand.

»Sir!«, brüllte das Besatzungsmitglied neben mir und taumelte rücklings auf die Mitte des Bootes zu. Ich sah mich um. Es gab noch mehr von den Kreaturen, etliche mehr. Zwar nur eine für jedes Dutzend der Leichen, die rings um uns trieben, aber davon gab es Hunderte, ja Tausende.

Allerdings waren diese neuen Kreaturen anders. Immer noch Fehn oder ehemalige Vertreter dieser Rasse von Toten des Flusses, doch im Gegensatz zu allen anderen Fehn, die ich je gesehen hatte, bluteten sie. Schwarze Pechtränen flossen aus ihren Augen, quollen von ihren teerartigen Gaumen und verfärbten ihre schiefen, lückigen Zähne. Die Flüssigkeit troff in zähflüssigen Rinnsalen von abgebrochenen Fingernägeln und aus durchlöcherten Bäuchen und verschmierte widerwärtig die glänzenden, weißen Körper, die über die glitschige Landschaft ihrer einstigen Brüder stolperten.

»Kapitän!«, schrie ich, dann legte ich an und feuerte. Der Knall wurde vom Lärm und vom Nebel verschluckt. Die Kugel traf den nächsten Wiedergänger direkt in den Kiefer. Schwarzes Blut schwappte wie Molasse von dem zerschmetterten Knochen, und die Gestalt taumelte kurz, kam dann jedoch weiter auf uns zu. Mein zweiter Schuss hielt die Kreatur auf, aber es gab Dutzende weitere. Ich rannte zurück zum kleinen Turm der Besatzungskabine.

»Wir müssen die Motoren zum Laufen bringen!«, brüllte ich. Das Besatzungsmitglied, mit dem ich zuvor geredet hatte, stand wie betäubt an der Treppe, die Hand über dem Mund. Zu den Füßen des Mannes befand sich Erbrochenes. »Matrose! Unter Deck mit dir, und bring die Motoren zum Laufen!«

Wilson stürmte an mir vorbei, hastete die Treppe zum Maschinenraum hinunter und stieß dabei obskure Flüche der Art aus, wie ich sie selten zu hören bekam. Damit waren die Motoren in guten Händen. Oder zumindest in verzweifelten, kompetenten Händen.

Ich hastete die Stufen zum Hochstand des Kapitäns hinauf, wo ich von der Tür zurückprallte. Hinter dem Fenster konnte ich den Kapitän sehen. Er hielt eine Schrotflinte, Lauf und Kolben abgesägt für den beengten Einsatz an Bord. Er hatte das Schloss seiner Tür blockiert und starrte mich mit großen, weißen Augen an.

»Sie müssen das Boot in Bewegung setzen, Kapitän! Wir müssen ans Ufer. Sofort!«

Er schüttelte den Kopf wie ein Mann, der träumt, und wich zur gegenüberliegenden Wand der Kabine zurück. Ich verzog das Gesicht und rannte die Treppe wieder hinunter. Inzwischen hatten die Kreaturen das Boot erreicht und kletterten mit vor Blut glitschigen Händen über die Reling. Vor Blut oder Öl, ich vermochte es nicht zu sagen.

Es spielte eigentlich auch keine Rolle.

Ich brach eine Werkzeugkiste am Fuß der Treppe auf und holte eine Spleißklinge daraus hervor. Es handelte sich um eine schwere, lange, dicke Klinge, die verwendet wurde, um verhedderte Leinen und in den Propeller geratene Netze zu durchtrennen. Auf einem Schiff wie diesem mochte sie auch bei Entermanövern zum Einsatz kommen. Ich wog sie in den Händen ab und schwang sie versuchsweise einige Male, um mich an das Gewicht zu gewöhnen. Eine rasche Zählung ergab, dass sich höchstens zehn der Kreaturen an Bord befanden, allerdings hatten uns Dutzende bereits fast erreicht, und Aberdutzende bemühten sich nach wie vor, zu uns zu gelangen.

»Die Motoren, Kapitän!«, brüllte ich und stürzte mich auf die wandelnden Schrecken.

Den ersten Wiedergänger schaltete ich mit der Klinge aus, indem ich zweimal flink über seine Brust hieb, Rippen brach und madenbleiche Haut aufschlitzte. Das Blut jagte mir Angst ein – es war schwarz wie Pech und heiß, als es auf meinen Arm spritzte. Fehn bluteten nicht. Die Fehn waren kalt und tot wie Flussschlamm. Der Wiedergänger taumelte gegen die Reling zurück und kippte darüber. Ein weiterer tauchte hinter ihm auf. Von seinen knochigen Schultern perlte Flusswasser ab. Ich trat ihm in die Zähne und zuckte zusammen, als sie wie Porzellan brachen, dann wandte ich mich den anderen zu. Mittlerweile befanden sich etliche weitere an Bord, und es wurden mit jeder Minute mehr.

Ich kämpfte mir den Weg zurück zu den Kabinen. Dabei kam ich nur langsam voran – die Kreaturen mochten schwerfällig sein, aber sie erwiesen sich als zäh wie Leder. Es bedurfte einer kräftigen Hand, um sie zu Fall zu bringen. Als ich mein Ziel erreichte, verteidigten dort einige Besatzungsmitglieder mit Kohlenschaufeln und Tauhaken die Treppe, die in den Bauch des Schiffs hinunterführte. Die Ungetüme waren die Stufen zum Hochstand des Kapitäns hinaufgeschlurft und hämmerten mit flachen, aufgedunsenen Händen gegen das Glas. Der Kapitän verlor die Nerven. Ein Schuss der Schrotflinte zerschmetterte eines der Fenster und zersprengte mehrere der Kreaturen. Die verbleibenden Wiedergänger wankten auf die neue Öffnung zu und begannen, hindurchzukriechen. Ein zweiter Schuss hinterließ wenig mehr als leblose Körper und pechschwarzes Blut auf der Treppe. Ich wandte mich einem der Männer der Besatzung zu, der vor dem Zugang zum Maschinenraum stand.

»Wie sieht’s da unten aus?«

»Die Antriebswelle ist geknickt. Ihr Freund begradigt sie im Moment, aber wer weiß, ob sie halten wird?«

»Sie wird halten«, gab ich zurück. »Celesten, steht uns bei, sie muss halten. Ich wollte noch nie ein Wasserbegräbnis.«

»Aye«, knurrte der Mann, dann waren wir wieder damit beschäftigt, uns zurück an Land zu kämpfen.

Die Dinge wandten sich rasch gegen uns. Aus der Woge der Kreaturen wurde eine wahre Flut. Von oben hörte ich mehrere Schüsse, gefolgt vom unverkennbaren Krachen eines Türrahmens und entsetzten Schreien des Kapitäns. Ich konnte nicht zu ihm, konnte mich nicht durch die Mauern der nach mir greifenden, stöhnenden Ungetüme mit den toten Augen kämpfen. Die Männer rings um mich erbleichten und sahen einander nicht an. Einer unserer Ränge nach dem anderen fiel. Schwierig, nach vorn zu schauen, wenn solche grauenhaften Dinge geschehen und keine Hilfe in Sicht ist. Schwierig, einfach weiterzumachen, einige Männer der Besatzung konnten es nicht. Sie standen nur da und glotzten kurz auf das Gemetzel, bevor sie niedergerissen wurden. Nicht gerade motivierend.

Schließlich waren wir nur noch zu zweit, ein junger Bursche mit dicken Armen und verängstigtem Blick und ich. Er fiel, stolperte hinter meinem Rücken die Treppe hinunter und landete mit einem lauten Poltern. Ich konnte weder über die Schulter schauen, noch die Treppe allein verteidigen. Also begann ich, mich rückwärts die Stufen hinunter zurückzuziehen. Die Kreaturen folgten mir langsam und schwerfällig, mit Blut an den Händen und in den Mündern.

Bald gelangte ich zur Tür des Maschinenraums und verharrte dort einige Atemzüge lang. Jemand hatte den jungen Burschen hineingezogen. Das bedeutete, dass es hinter mir noch weitere Besatzungsmitglieder geben musste, wenngleich mir niemand zu Hilfe eilte. Ich stürmte zu einem letzten Ausfall vor und ließ mit der Klinge Blut spritzen, dann wich ich zurück und zog die schwere Eisentür hinter mir zu.

Der Maschinenraum erwies sich als klein und beengt. Diejenigen Männer der Besatzung, die nicht an Deck gestorben waren, hatten sich in die Nischen zwischen Kolben und Turbinen gezwängt. Die Luft bestand halb aus Rauch, halb aus dem Gestank von Angst und Adrenalin. Alle starrten mich von Grauen erfüllt an – alle außer Wilson. Der Anansi wirkte zum ersten Mal seit langer Zeit vollkommen lebendig. Er hatte die Jacke beiseite geworfen und die Ärmel hochgerollt, so dass seine dünnen Arme entblößt waren. Das glatte, weiße Ei seines Kopfes glänzte vor Schweiß, während Wilson über dem zerlegten Herzen des Boots stand, bis zu den Ellbogen zwischen Getrieben. Sein Blick wirkte lebhaft und konzentriert.

»Wilson«, sagte ich scharf. »Wie sieht’s damit aus, die Motoren zum Laufen zu bringen?«

Er ignorierte mich. Hinter mir polterte etwas gegen die Tür. Alle zuckten zusammen.

»Könnte der Kapitän sein«, meinte ein Besatzungsmitglied zaghaft und eindeutig in der Hoffnung, jemand anderer würde einen Grund vorbringen, warum es nicht der Kapitän war, damit die Tür nicht geöffnet werden musste. Ich hatte einen Grund parat.

»Er ist tot«, sagte ich. »Oder liegt im Sterben, was unter diesen Umständen auf dasselbe hinausläuft. Wilson!« Er schaute auf. »Was ist mit den Motoren?«

»Wenn ihr mich alle …«, flüsterte er und verzog das Gesicht. »Wenn ihr mich alle einfach in Frieden lassen, mir ein wenig Ruhe gönnen könntet …« Damit bückte er sich und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe.

»Alles klar, ihr habt den Mann gehört. Alle raus.« Ich trat beiseite und deutete auf die Tür. Niemand rührte sich. »Nein? Na schön. Wilson, du wirst die Motoren wohl oder übel in unserem unerträglichen Beisein reparieren müssen. Tut mir leid.«

»Du bist immer so verdammt witzig, Jacob.« Er riss etwas heraus und warf es auf den Boden. »Glaubst du, das hier ist einfach?«

»Ich bin derjenige, der voller Blut ist, mein Freund. Also ja, ich denke, du solltest aufhören, herumzumaulen, und …«

Ein weiterer Aufprall erschütterte die Tür. Ich wirbelte herum und sah sie an. Stahl. Guter, robuster Stahl. Solange wir hier blieben, würde uns wahrscheinlich nichts passieren.

»Reparier sie einfach, Wilson«, flüsterte ich. »Bevor sie sich über den Rumpf hermachen.«

Die Besatzung bewegte sich nervös im Raum hin und her. Ich wechselte die Klinge von einer Hand in die andere und schüttelte dazwischen jeweils die Finger aus. Das über meine Arme verschmierte Wiedergängerblut fühlte sich immer noch warm an. Meine Haut darunter begann zu jucken.

»Ernsthaft, Wilson, wir müssen …«

Brüllend erwachten die Motoren zum Leben, unvorstellbar laut nach unserem beunruhigten Schweigen. Wilson klappte die Abdeckung zu und schraubte sie fest. Er sah mich an und begann zu reden. Seine Stimme ging im Lärm unter. Ich schüttelte den Kopf und trat einen Schritt vor. Er beugte sich mir zu.

»Ich habe sie zum Laufen gebracht«, schrie er.

»Gut«, rief ich zurück. »Was jetzt?«

Völlig verständnislos musterte er mich, dann zuckte er mit den Schultern.

»Wir schippern hier weg?«, fragte er.

»Der Kapitän ist tot, und wir können nicht nach oben. Besteht die Möglichkeit, das Schiff von hier unten zu steuern?«

Er sah sich im Raum um, betrachtete die angespannten Mienen, die geschlossene Tür und richtete den Blick schließlich auf das schwarze Blut an meinen Händen und auf meiner Klinge. Seiner Miene war anzusehen, dass er begriff.

»Oh verdammt.«

Ich nickte. »Können wir es?«

»Nein«, antwortete er kopfschüttelnd. »Ich kann die Motorleistung regeln, aber ich habe kein Ruder. Wir brauchen die Steuerung.«

»Wir können also fahren, aber nicht manövrieren.«

»Ja.«

Ich ließ den Blick durch den Raum wandern. Die Besatzung stand stumm und stramm da, völlig führerlos ohne Kapitän. Die Männer sahen wie verängstigte Kinder aus.

»Weiß jemand, in welche Richtung der Bug ausgerichtet war, als wir in diese … Unannehmlichkeit geraten sind?«

»Ost-Süd-Ost«, antwortete jemand. »Aber wir könnten uns gedreht haben.«

»Haben wir ganz sicher«, brummte ein anderer.

Ich verzog das Gesicht. Mittlerweile konnte der Bug in Richtung des Wasserfalls oder vielleicht flussaufwärts weisen. Es war unmöglich zu sagen.

»Meldet sich jemand freiwillig, um rauszugehen und die Steuerung zu sichern?«, erkundigte ich mich. Stille, zumindest so viel Stille, wie in einem Maschinenraum möglich war. Ich nickte. Ein Mann trat vor, den Blick zu Boden gerichtet.

»Sir, falls Sie … also, falls Sie rausgehen, dann wäre das Mindeste, was wir … das Mindeste, was ich tun könnte, Ihnen den Rücken zu decken.«

»Lobenswert tapfer. Aber ich will verflucht sein, wenn ich da rausgehe.« Ich wandte mich Wilson zu und lächelte. »Stell auf volle Kraft. Lass die Maschinen fünf Minuten lang laufen, dann drosseln wir und finden heraus, wo wir sind.«

Wilson machte sich an einigen Kolben zu schaffen, setzte ein Schwungrad in Gang und brachte ein Zahnrad zum Einrasten. Wir setzten uns in Bewegung. Vom Propeller ertönte ein hackendes Stampfen. Leichen in unserem Kielwasser. Es dauerte einige Minuten, bis das Geräusch verstummte. Der Motor hielt durch. Ich drehte mich gerade Wilson zu und wollte ihn auffordern, die Motoren zu drosseln, als ein tiefes, eindringliches Dröhnen durch den Raum hallte. Verwirrt sah ich mich um.

»Was …«

»Näherungssignal!«, brüllte jemand. Wilson fluchte und stellte die Motoren ab. Trotzdem bewegten wir uns weiter, nur langsam Geschwindigkeit abbauend. Das Horn ertönte wieder und wieder, jedes Mal verzweifelter, panischer. Ich stellte mir den armen Matrosen vor, der es hektisch bediente, während wir auf ihn zuhielten.

»Festhalten!«, brüllte ich.

Begleitet von einem Chor berstenden Holzes und entfernter Schreie krachten wir gegen etwas Großes. Das Schiff neigte sich wild, und ich wurde zu Boden geschleudert.

Ein langes, knarrendes Stöhnen wanderte über das Schiff, dann standen wir still. Ich rappelte mich auf.

»Ein anderes Schiff? Oder die Docks?«, fragte ich die Allgemeinheit. Die Besatzungsmitglieder rappelten sich vorsichtig auf und starrten nur umher. Diese Kerle erwiesen sich als völlig nutzlos. Dann ging ein Rumoren durch das Schiff, und es bewegte sich erneut, krängte in üblem Winkel zur Seite. Von draußen ertönten Schreie und das unverkennbare, gedämpfte Getöse eines Schrotflintenschusses. Ich hob die Klinge auf, die ich beim Aufprall fallen gelassen hatte, und ging zur Tür.

»Wir können nicht hierbleiben. Entweder sinken wir, oder die Ordnungshüter schwärmen über die Decks aus und werden einige sehr unangenehme Fragen haben.« Ich nickte Wilson zu, dann sah ich den Rest der Besatzung an. »Verschwindet am besten, solange ihr noch könnt.«

Wilson verstand, was ich meinte, und ergriff einen Hammer. Wir würden uns den Weg nach draußen erkämpfen müssen, ob wir dafür nun Wiedergänger oder Ordnungshüter hinmetzelten. Ich riss die Tür auf.

Ein träger Schwall von Wasser schwappte über den Rahmen und klatschte gegen die Motoren. Zischend verdampfte es, als es sich über die Maschinen ergoss. Der Raum füllte sich rasch. Ich rannte die Treppe hinauf, die kaum mehr war als undeutliche Stufen inmitten eines Wasserfalls. Der Anansi befand sich unmittelbar hinter mir, dicht gefolgt von der Besatzung.

Wir sanken. Das Schiff hatte sich in steilem Winkel geneigt, und der Großteil der Steuerbordseite stand bereits unter Wasser. Wir hatten ein Versorgungsfloß gerammt und schwammen nur deshalb noch, weil wir uns auf dessen Deck verkeilt hatten. Auch die große, flache Weite des anderen Wasserfahrzeugs zog Wasser, und die sorgfältig gestapelten Kisten der Ladung wurden zu einem chaotischen Haufen auseinandergespült. Ich rannte das geneigte Deck hinauf und hechtete auf das Floß. Das Wasser schwappte etwa einen Fuß hoch träge über das teerige Holzdeck. Die Besatzung des Floßes bemühte sich verzweifelt, unser Schiff zu lösen, um das eigene zu retten. Kisten rutschten langsam auf die sinkende Seite zu, sorgten für zusätzliche Schräglage und ließen weiteres Wasser auf das Deck gelangen.

Unsere Freunde waren mitgekommen.

Tötend und sterbend wandelten sie über das Deck. Die Besatzung des Floßes hatte Mühe, mit der doppelten Katastrophe zurechtzukommen. Die meisten hatten sich desjenigen Problems angenommen, das sie verstanden, sie scharten sich um unser havariertes Schiff und versuchten, es vom Deck des Floßes zu lösen. Nur wenige kümmerten sich um die grausigere Angelegenheit – die Dutzenden lebender Toten, die sich langsam und mordend den Weg über das Floß bahnten.

Ich stürzte mich in das Gefecht. Eine Hand voll der Kreaturen kämpfte sich an einigen umgestürzten Kisten vorbei, die zu einer improvisierten Barrikade geworden waren. Ich griff sie von hinten an, brach Schädel auf und trennte längst tote Gliedmaßen mit meiner Klinge ab. Der Rest der Besatzung, angeführt von Wilson, krachte mit der Kraft der Verzweiflung in die Wiedergänger. Die Männer brüllten dabei wie Wahnsinnige, wollten diesen Albtraum nur noch hinter sich bringen.

Zusammen rieben wir die letzten Wiedergänger auf. Rings um uns im Wasser trieben Leichen, aber anscheinend keine animierten mehr. Ich sammelte mich und hielt nach dem Kapitän des Floßes Ausschau. Plötzlich ertönte ein grauenhaftes Knirschen, und unser dem Untergang geweihtes Schiff löste sich vom Floß. Weitere Kisten stürzten um, als wir uns aufrichteten, und das Wasser auf dem Deck schwappte über den Rand. Ich lief zur Seite, um zu beobachten, wie das Schiff unterging, und um zu sehen, ob etwas wieder nach oben käme.

Das Schiff glitt rasch ins Wasser, ließ nur Treibgut und perlweiße Leichen zurück. Nichts rührte sich. Ich war umgeben von der ehemaligen Besatzung, die stumm hinabstarrte, während ihr Boot verschwand. Das Letzte, was wir sahen, waren die ausdruckslosen Augen der verheerten Kapitänskabine, von zerbrochenem Glas gesäumte Fenster, angesengt von seiner Schrotflinte.

Einer der Offiziere des Floßes kam mit vor Wut geröteten Zügen zu uns geeilt.

»Was hat das alles zu bedeuten? Uns zu rammen! Bei diesem Nebel mit so einer Geschwindigkeit zu fahren! Habt ihr den verdammten Verstand verloren?« Er zitterte in seinem schlecht sitzenden schwarzen Anzug. Die billigen Epauletten hatten sich durch zu viel Verschleiß und unzureichende Reinigung gekräuselt. »Ich verlange, mit eurem Kapitän zu sprechen. Sofort!«

Ich blickte auf die Klinge in meiner Hand hinab. Das schwarze Blut der Wiedergänger überzog sie glitschig, sammelte sich und tropfte auf das Deck des Floßes. Im Fallen gerann es vor meinen Augen und kristallisierte zu winzigen Zahnrädern, die geräuschvoll zu meinen Füßen landeten. Ich starrte auf die schneeflockenartigen Rädchen, die friedlich in zurückgebliebenen Wasserpfützen wirbelten und sich mit dem Blut der Männer vermischten, die im Kampf gestorben waren – und mit meinem Blut, das aus zahlreichen Schnitten und Quetschungen troff.

»Der Kapitän ist tot«, sagte ich zu dem aufgebrachten kleinen Mann. Ich schaute zu dem Strudel, der die letzte Ruhestätte des Schiffs, dessen Kapitäns und eines Großteils der Besatzung kennzeichnete. Wilson stand neben mir. Seine Knöchel traten weiß um den dreckigen Griff eines Hammers hervor, den er aufgehoben hatte.

»Vorerst jedenfalls«, flüsterte er und wandte sich ab.

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