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Die Unsichtbaren

Imre Szabo

Die Unsichtbaren

Wenn du denkst, dein Leben gehört dir





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Dienstag 16.11.2011 gegen 5:00

„Wieso müssen diese Arschlöcher sich immer mitten in der Nacht das Leben nehmen?“ Hansen war stinksauer, dass er wieder aus seinem Tiefschlaf herausgerissen und zu einem Tatort gerufen worden war. Gegen fünf Uhr hatte sein Telefon geklingelt. „Ein Toter unter der Sauertalbrücke. Sieht nicht gut aus. Am besten du frühstückst nichts“, hatte der Kollege von der Rufbereitschaft ihn vorbereitet. Und so war es dann auch. Die Leiche sah übel aus. Kein Wunder, wenn man von da oben herunterspringt. Hansen wusste nicht genau, wie hoch die Brücke war. Aber um die hundert Meter werden es schon sein.

 „Konnte der Blödmann nicht zwanzig Meter weiter drüben abspringen?“, maulte Hansen in sich hinein. „Dann wäre er bei den Luxemburgern aufgeschlagen. Hätten die sich halt drum kümmern müssen und ich hätte noch ein paar Stunden schlafen können. Hat Glück, der Kerl, dass er schon tot ist, sonst hätte ich ihm nachträglich noch den Hals rumgedreht, eigenhändig sogar. Als hätte unsereins nichts besseres zu tun, als sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, nur weil so einer keine Lust mehr am Leben hat. Ich hab noch Lust am Leben, mein Lieber, ich schon! Aber wenn mir noch mehr von deiner Sorte übern Weg laufen, dann wird sie mir auch bald vergehen. Wieso nehmen die keine Schlaftabletten? Die machen sich anscheinend keine Gedanken darüber, wie es uns dabei geht, die wir den ganzen Rest, der von ihnen übrig bleibt, zusammenkratzen müssen. Sieht doch zum Kotzen aus, so ne Leiche, wenn sie mit voller Wucht aufn Asphalt geklatscht ist. Da ist ja nichts mehr heil oder an der Stelle, wo es zu sein hat. Papiere hat er auch keine dabei. Na, super, jetzt können wir aus dem Hackfleisch auch noch versuchen herauszufinden, wer das mal früher war. Meine Güte, bin ich froh, wenn ich in Rente bin. Die denken wohl, dass wir nichts anderes zu tun haben, als ihre Identität zu ermitteln, als ob wir nicht schon genug zu tun haben mit dem Anblick, den sie uns bieten. Die von der Streckenkontrolle sollen mal Schilder oben auf der Brücke anbringen mit Hinweisen an Selbstmörder, dass sie aus Rücksicht auf uns Ermittler doch lieber Schlaftabletten nehmen sollen. Ist doch ne schöne und saubere Sache. Nimmst ne Überdosis, legst dich hin, dämmerst weg und wenn du morgens wach wirst, biste tot und hast nix gemerkt. Und wenn du es dir zwischendurch anders überlegst, kannste immer nochn Rettungswagen rufen. Damit erspart uns der Herr Selbstmörder viel Arbeit und kann vielleicht noch seine Rente verfrühstücken, die er sonst dem Staat schenkt. Aber wenn du erst mal in der Luft bist, gibt’s kein Zurück mehr.“

Schlecht gelaunt und verschlafen haderte Hansen mit seinem Job an solchen Tagen wie dem heutigen und vor allem mit solchen Leuten, die keinen Sinn mehr sahen in ihrem Leben. Er war nicht gerade zum Zyniker geworden im Laufe seiner Dienstjahre, aber seine eigentlich zarte Seele, die hinter diesem scheinbar gefühllosen Geschimpfe Schutz suchte, schrie immer lauter um Hilfe, wenn er zu solchen Einsätzen gerufen wurde, wo ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer, seinem Leben ein Ende gesetzt hatte.

 „Die sind ja nicht vor lauter Glück da runter gesprungen. Die sind verzweifelt.“ Aber manchmal sagte sich Hansen nach Abschluss der Ermittlungen, wenn sie die Motive herausgefunden hatten. „Dafür bringt man sich doch nicht um, meine Güte. Das hätte mit etwas Vernunft und Besonnenheit, mit der Bereitschaft zum Dialog und weniger Rechthaberei auch anders gelöst werden können. Aber so sind die Leute heute. Früher haben sie sich aus Not das Leben genommen. Heute, weil sie total plemplem sind und vernagelt im Kopf. Alles muss nach ihren verquasten Vorstellungen gehen. Und wenn es anders läuft, als sie glauben, dass es laufen muss, dann bringen sie sich gegenseitig um oder die eigene Familie und dann sich selbst oder manchmal auch alle zusammen. Und das alles nur, weil sie sich nicht von den eigenen Vorstellungen und Hirnfürzen lösen können. Die meisten haben ja keine materielle Not, höchstens seelische. Komische Zeiten heute. Jeder hält sich für das Zentrum des Universums und glaubt, dass es nur die eigene Weltsicht gibt und die eigenen Interessen und Gefühle und Wünsche. Dass auch andere Menschen das haben und wünschen, dass es respektiert wird, kommt ihnen nicht in den Sinn, und schon gar nicht, dass man Vieles durch Gespräch und gegenseitige Bereitschaft lösen könnte. Da springen die Idioten lieber hier über das Brückengeländer in den Tod als über den eigenen Schatten.“

 „Melchi, komm mal her! Was kannst du mir sagen über unsere Portion Hackfleisch hier?“ Melchi, eigentlich Melchisedech, zuckte nur mit den Schultern. „Was ich dir mit Sicherheit sagen kann, Hansen, ist, dass es sich bei der Leiche um einen Mann handelt und dass er Schuhgröße 44 hatte. Alles andere ist unklar. Todeszeitpunkt zwischen 22 und 1.30 Uhr nach dem Auskühlungsgrad der Leiche zu urteilen. Aber bei den ungewöhnlich lauen Temperaturen schließe ich eher auf 22 Uhr als später. Aber Genaueres erst nach… Du kennst ja meine Standardantwort. Und frag mich nicht, ob es Hinweise auf einen Kampf gibt. Bei dem Zustand der Leiche wäre es ein Glücksfall, wenn ich etwas Eindeutiges finden könnte. In dem Falle sollten wir beide die Glückssträhne ausnutzen und Lotto spielen.“

„Mach mal weiter, Melchi. Ich brauch so schnell wie möglich Handfestes, damit wir rauskriegen können, wer der Kerl war. Wo ist der Mann, der die Leiche gefunden hat? Glaub’ ich gerne, dass der nen Schock hat. Wo ist er, im Krankenhaus? Na wunderbar, auch das noch. Welches Krankenhaus? Hatte ihn jemand vernommen? Hatte er irgendetwas Sachdienliches sagen können? Dachte ich mir, Scheiße! So ein Mist, das ganze sieht wieder nach nem Haufen Arbeit aus, wobei nichts weiter herauskommt als das, was offensichtlich ist, dass der Kerl sich vor lauter Übermut das Leben genommen hat. Habt Ihr schon oben die Brücke abgesucht? Was? Noch keiner? Seid Ihr von allen guten Geistern verlassen? Der Kerl muss doch irgendwie hierher gekommen sein. Vielleicht steht da oben sein Auto mit laufendem Motor, Ausweispapiere und fertig geschriebener Abschiedsbrief hinter der Windschutzscheibe und wir Deppen suchen hier unten nach jeder kleinsten Spur eines Hinweises. Los zwei von Euch nach oben. Wie Ihr da hinkommen sollt? Versucht es doch mal auf demselben Wege wie der hier, fliegen. Was weiß ich, wie ihr da oben hinkommen sollt, Macht Euch selbst Gedanken. Wie wärs, wenn ihr es in Euer Navi eingebt, ihr Vollpfosten?“ Hansens Laune verschlechterte sich zusehends. Soviel Stümperei bei solch alten Hasen, wie er sie in seinem Team hatte, brachte seine Galle regelmäßig zum Überlaufen. Nach so vielen Berufsjahren müsste doch jeder von denen wissen, was zu tun ist, auch wenn sie nicht jedes Mal Anweisungen von ihm bekamen. Durfte doch nicht wahr sein, dass die immer noch nicht die Brücke abgesucht haben!

„Ist die Prinzessin schon eingetroffen? Hat die jemand verständigt?“ rief er über die Schar seiner Mitarbeiterin hinweg. So nannte Hansen die Praktikantin, die ihm zugeteilt worden war und die er lieber heute als morgen wieder dahin zurückschicken würde, wo sie hergekommen war. Sie war eine dieser Neumalklugen aus guten Hause, die aufgrund von Abitur und zwei Semestern BWL, Jura oder Psychologie glaubte, es immer besser zu wissen, wie alles läuft. Zudem war sie fest überzeugt und frei von jedem Zweifel, dass dieses Wissen die bestens abgesicherte Grundlage dafür war, zu allem seinen Senf dazugeben zu können.

 „Ruft die noch mal an. Die soll gleich zur Brücke kommen und nicht erst hier ins Tal fahren. Warum ich die nicht selbst anrufe? Geht dich gar nichts an, Thömmes? Wenn ich die jetzt noch an der Strippe habe, dann ist der Tag für mich für heute gelaufen. Hab keine Lust, mich mit dem Naseweis in endlose Diskussionen zu verstricken. Ruf sie an, Thömmes! Die soll ihren hübschen Hintern, dem du immer so gierig hinterherschaust, hierher bewegen. Aber dalli.“

 Hansen konnte diese Frau nicht ausstehen. Ihre altkluge Art und ihre ständige, aufgeregt und moralisch vorgetragene Empörung ließen eine Wut in ihm aufsteigen, die er an sich sonst eigentlich gar nicht kannte. Moralisches Empörtsein war ihre Qualifikation und damit glaubte sie, überall die Regeln bestimmen und missionieren zu können. Hatte sie von Zuhause: Vater Lehrer, Mutter Lehrerin. Eine Kombination, die Hansen im schulischen Umfeld seiner Kinder kennengelernt hatte und die in ihm schlagartig ein bisher nie gekanntes Verständnis für Amokläufer hatte entstehen lassen. Das hieß nicht, dass er die Gewaltexzesse solcher Schüler rechtfertigte, ganz und gar nicht. Aber er glaubte zum ersten Mal nachempfinden zu können, was in solchen jungen Menschen vor sich gehen musste, wenn sie ständig konfrontiert waren mit diesem Moralgetue, das nur einen Sinn hatte: Konflikte unterdrücken und Fragen abwimmeln, auf die das akademische Personal selbst keine befriedigenden Antworten hatte.

„Nein, die ist noch nicht da. Wir haben sie zur gleichen Zeit angerufen wie Sie, Chef. Müsste eigentlich schon längst da sein“, kam es zurück auf seine Frage. Seine Kollegen wussten um seine Abneigung ihr gegenüber. Und da sie bei allen anderen auch nicht gerade sehr beliebt war, genossen sie es, ihren Chef mit nachlässig hingeworfenen Bemerkungen gegen die Praktikantin aufzubringen. Sie mochten es, wenn er sie in den Senkel stellte. Und wäre sie nicht eine solche Schönheit gewesen, von der nicht zuletzt sie selbst so sehr begeistert war, hätte sie sicherlich das Dasein einer grauen Maus im Behördenapparat der Kripo gefristet. Aber so sprach dann doch einiges für sie, wenn es auch nicht gerade ihr Charakter war. Sympathisch war sie nicht, aber hübsch, was ja in Männeraugen viel aufwiegt.

 „Ruf sie an, Thömmes! Ich geh auch nach oben. Hier unten kann ich sowieso jetzt nichts ausrichten. Die soll zur Brücke kommen, Thömmes. Hast Du mich verstanden?“ Hansen keuchte die Böschung hinauf zu seinem Auto, nahm noch einen Kollegen von der Spurensicherung mit und fuhr hinauf zur Brücke.

 Gleichzeitig mit ihm kam auch die Praktikantin an. „Auch schon da?“, fuhr Hansen sie an. „Wollen Sie in die Disco oder uns hier bei der Ermittlungsarbeit helfen? So wie Sie rumlaufen, gehe ich zum Abschlussball meiner Tochter. Hier ist Arbeit angesagt, nicht Modenschau. Und das nächste Mal, wenn Sie zu einem Tatort gerufen werden, kommen Sie wie alle andern sofort und nicht erst ne halbe Stunde später. Schminken und aufbrezeln können Sie sich, wenn Sie abends auf die Piste gehen. Hier können Sie gerne ungeschminkt rumlaufen. Und wenn Ihnen das nicht passt, dann machen Sie Ihr Praktikum in der Wellness-Oase. Ihre Kollegen machen zum Teil schon seit einer Stunde da unten ihre Arbeit. Die wären froh um jede Hilfe, auch wenn sie nicht gerade ausm Modekatalog gesprungen ist.“ Hansen war erleichtert. Das hatte ihm den ganzen Morgen schon im Magen gelegen. Und trotzdem brodelte es weiter in ihm.

 „Guten Morgen, erst einmal“, antwortete sie schnippisch und beleidigt. „Wollen Sie nicht zuerst einmal fragen, weshalb ich zu spät komme. Vielleicht habe ich ja gute Gründe? Und außerdem finde ich Ihren Ton total daneben.“ „Das interessiert mich überhaupt nicht. Können Sie später auf facebook posten. Wir sind hier bei der Kripo und nicht bei der Telefonseelsorge oder in einem Psychologieseminar. Machen Sie Ihre Arbeit. Das ist das einzige, was mich interessiert und was von Ihnen erwartet wird. Und das bedeutet, dass Sie von hier aus die Straße absuchen, ob sie Hinweise finden, die dazu beitragen können, den Tod dieses Mannes da unten aufzuklären. Denn irgendwie muss er ja hierher gekommen sein, um runter zu springen. Sein Auto hat er ja offensichtlich nicht gerade dort geparkt, wo er den großen Sprung gemacht hat.“ Hansen wandte sich zu seinem Kollegen. „Und du untersuchst das Geländer auf Spuren. Ich werde mal sehen, ob der Kerl vernehmungsfähig ist, der den Toten gefunden hat. Anschließend treffen wir uns im Präsidium zur Auswertung der Erkenntnisse.“

 Alle gingen auseinander und ihren Aufgaben nach. „Mann, geht die mir aufn Sack. Hoffentlich geht die, noch bevor ich in Rente gehe. Sonst werde ich zum noch kurz vor meiner Rente zum Frührentner“, grummelte Hansen noch vor sich hin, als er sein Auto bestieg. Die Befragung des Zeugen ergab nichts. Er war Rentner, der sich mit der Zustellung der Zeitung etwas dazuverdiente. Deshalb war er so früh auf den Beinen gewesen. Er nahm immer seinen Hund mit, damit er Gesellschaft hatte und auch Schutz im Dunkeln. Man höre ja oft genug von Überfällen und Ähnlichem. Der Hund hatte die Leiche gefunden, und er selbst hatte dann sofort die Polizei verständigt. Aber sonst hatte er nichts gesehen, was Bedeutung gehabt hätte.

Dienstag, 16.11. 9:30 Uhr

Alle Ergebnisse der Ermittlungen deuteten auf Selbstmord hin bis auf den Umstand, dass der Tote den weiten Weg bis zur Sauertalbrücke zu Fuß zurückgelegt haben soll. Aber das alleine war kein Grund, an der Selbstmordtheorie zu zweifeln. „Auch wenn’s unwahrscheinlich klingt, werden wir die Taxiunternehmen der Umgebung anrufen, ob es einen Fahrgast gab, der sich um die Zeit hat in Richtung Luxemburg fahren lassen. Wir werden auch die Luxemburger einbeziehen. Vielleicht hat ja jemand an der Raststätte an der Grenze etwas Ungewöhnliches gesehen. Noch Vorschläge oder Ideen, vielleicht ne Theorie, was passiert sein könnte? Aber keine psychologischen Abhandlungen ausm realitätsfernen Uni-Universum. Wenn dann muss es abgedeckt sein durch die Erkenntnisse, die uns vorliegen, also durch Fakten.“ Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl an seine Lieblingspraktikantin, der es immer wieder gefiel, sich mit ihrem Seminarwissen hier aufzuspielen. Aber sie schien verstanden zu haben und schluckte runter, was sie so gerne zum Besten gegeben hätte.

 „Gut, dann alle an die Arbeit. Jeder weiß, was er zu tun hat. Wir treffen uns noch einmal hier nach der Mittagspause um auszuwerten, was es an neuen Erkenntnissen gibt. Vielleicht haben wir bis dahin ja auch was Neues von unserem Leichenfledderer.“ Hansen wollte nicht so lange warten, bis der Pathologe ihm einen Bericht rüberreichte. Er hatte das seltsame Gefühl, das Ergebnis seiner langjährigen Erfahrung war, dass die Sache doch nicht so eindeutig war, wie man den Eindruck gewinnen konnte.

„Was sagen Ihre Abstriche, Doc?“ polterte er ins Labor des Pathologen. „Gibt’s was Hilfreiches, das mir das Leben erleichtern und die Sache zu einem erfreulich schnellen Abschluss bringen könnte? Mein Urlaub steht vor der Tür und dahinter lauert meine Rente. Und bis dahin will ich die Sache aus der Welt haben. Will nicht noch in meiner freien Zeit daran denken. Mir reichen schon die Bilder, die mich nachts immer noch verfolgen, obwohl ich doch mittlerweile alles gesehen haben müsste, was das Kabinett des Grauens so alles anzubieten hat. Aber ich glaube, daran werde ich mich nie gewöhnen. Also, Doc, was können Sie mir sagen? Aber sagen Sie bloß nicht, dass Sie nichts sagen können. Meine Laune ist im Begriff, sich aufzuhellen. Schieben Sie mir keine Wolken davor, sonst können Sie sich gleich neben Ihren Kunden da legen.“

Doc mochte Hansen mit seiner leicht cholerischen Art und seiner drastischen Ausdrucksweise. Er brachte immer etwas Frische und Schwung in diese Totenhalle, Leben halt, auch wenn seine Art sicherlich nicht jedermanns Sache war und schon gar nichts für zart besaitete Gemüter. Doc grinste leicht zu Hansen Ausbrüchen und Wortwahl. „Viel ist ja nicht übrig von dem guten Mann. Geschätzte 50 Jahre, plus, minus 5 Jahre. Bis auf die Tatsache, dass er tot ist, war er anscheinend kerngesund. Knochen sind so ziemlich alle gebrochen, kein Wunder bei dieser Fallhöhe. Also schlechte Prognose für Sie und Ihre Ermittlungen, Hansen, bisher.“ Der Pathologe schien aber noch nicht fertig. Das klang mehr nach einer Pause als nach einem Schlusspunkt.

„Was mich aber stutzig machte, sind die Abschürfungen in den Handinnenflächen. Habe deshalb mal einige Proben genommen. Fanden sich Partikel von Lack drin. Passt nicht zum Selbstmord. Vielleicht hat er aber zu Hause Malerarbeiten gemacht. Könnte aber auch vom Metallgeländer der Brücke herrühren. Nehmen Sie mal Proben von dem Material der Brücke. Ich vergleiche das dann mit dem, was ich in der Handinnenfläche gefunden habe. Wir fanden auch Spuren von Beton in seiner Kleidung. Jedenfalls stammt es nicht vom Sturz. Wo ihr ihn gefunden habt, war kein Beton. Und dann haben wir noch Blut und Hautpartikel unter den Fingernägeln, die nicht von ihm selbst stammen. Vielleicht hatte er vorher eine körperliche Auseinandersetzung oder sehr wilden Sex gehabt. Aber egal was es von beiden war, die andere Person wird auf jeden Fall deutliche Kratzspuren aufweisen.“

Hansen telefonierte sofort. „Fahr mal einer von Euch raus an die Brücke und nehmt ne Probe vom Material der Brüstung. Was? Erzähl ich dir später. Und bring das Material gleich zum Doc ins Labor. Mach schnell. Habt ihr schon was rausgekriegt über den Toten? Gar nichts? Scheiße! Und auch bei den Taxis nichts? Habt Ihr die schon alle durch? Dann beeilt Euch mal! Lass das die Prinzessin machen. Die telefoniert doch so gerne. Aber sag ihr genau, was sie fragen muss. Das ist ne Intellektuelle. Die wissen nicht, worauf es ankommt im richtigen Leben.“ Hansen legte auf.

Unter sich

Mitte Oktober 2010 saß man im „Arbeitskreis Meinungsfreiheit“ zusammen in gepflegter Runde. Man traf sich gelegentlich zum Meinungsaustausch. Die Besetzung wechselte. Es war immer nur ein informelles Treffen, nichts Offizielles. Früher, als Bonn noch Regierungssitz gewesen war, hatte sich hier mehr abgespielt. Jetzt war das Haus zu einer Art Nebenstelle herabgesunken. Die Musik spielte jetzt in Berlin. Aber man traf sich doch immer wieder gerne hier, alleine schon der alten Zeiten wegen. Die Regierungsferne hatte dem Kreis in Bonn nicht geschadet, wie einige anfangs befürchtet hatten, als die Regierung nach Berlin umgezogen war. Man pflegte nun mehr den Meinungsaustausch, die Meinungsbildung. Das war langfristig gesehen wesentlich fruchtbarer.

Die Regierungsnähe und die Medienwucht Berlins verleiteten doch so manches Mitglied, Politik machen zu wollen. Das führte besonders im Berliner Hauptsitz gelegentlich zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten und Interessenkonflikten innerhalb dieses Kreises. Hier in Bonn war es ruhiger. Es gab weniger Schnellschüsse von Heißspornen, die sich noch ihre Sporen verdienen wollten. Hier trafen sich die Senatoren des Medienbetriebes und tauschten sich aus über die allgemeine Lage. Man diskutierte über Entwicklungen, die sich abzuzeichnen schienen. Und natürlich ging man dann auch der Frage nach, welchen Einfluss das auf die Geschäfte haben könnte. Konnten daraus politische oder wirtschaftliche Vorteile entstehen oder gar Nachteile? In beiden Fällen drehte sich dann natürlich die Diskussion um die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Besonnenes Handeln war Trumpf. Aber man schreckte auch nicht vor entschlossenem Handeln zurück, wenn erkennbar war, dass eigenen Interessen bedroht waren.

 Hier war das Kraftzentrum des deutschen Medienbetriebs. Hier trafen sich die Besitzer und Lenker der Zeitungen und Fernsehsender, der Buch- und Zeitschriften-Verlage. Sie waren nicht nur die Besitzer der Medien, sondern auch die Meinungsmacher. Sie bestimmten darüber, welche Informationen man für wichtig hielt, um sie der Öffentlichkeit zukommen zu lassen und in welcher Form das geschehen sollte. Wenn diese Fragen auch meistens von den Leuten entschieden wurde, die in ihrem Interesse ihre Geschäfte führten, so hatten doch im Ernstfall die hier Versammelten das letzte Wort. Aber von solchen Diskussionen erfuhr die Öffentlichkeit nichts. Zwar betrieb man Öffentlichkeit als Geschäft, das bedeutete aber noch lange nicht, dass alles für die Öffentlichkeit bestimmt war. Worüber sie hier sprachen, kam nicht in ihre Zeitungen und Sendungen. Denn das war nicht für jedermanns Ohren bestimmt.

Dazu gehörten Absprachen über ihre Geschäfte. Man war sich einig, dass man sich nicht auseinanderdividieren lassen durfte, wenn es um gemeinsame Interessen ging. Wie die Stahlunternehmer, die Elektroindustrie, die chemische Industrie und alle anderen Wirtschaftszweige so hatten auch sie als Medienunternehmer ihren eigenen Verband gegründet, um ihre besonderen Interessen innerhalb der Gesellschaft und gegenüber dem Staat geltend zu machen. Dieses geschäftliche Interesse stand für sie im Vordergrund. Aber neben diesem gab es auch ein gemeinsames politisches Interesse. Dieses bestand im Schutz der bestehenden Gesellschaftsordnung, die die Grundlage ihrer Geschäftstätigkeit bildete. Diese Ordnung war die kapitalistische Ordnung des freien Unternehmertums. Sie als Medienunternehmer waren sich ihrer besonderen Verantwortung für diese Ordnung bewusst. Denn sie beeinflussten in ganz besonderem Maße über ihre Medien das Denken der Menschen. Sie lenkten die öffentliche Meinung, indem sie auswählten, worüber berichtet wurde und worüber nicht und in welchem Umfang über einzelne Vorgänge berichtet wurde. Aber nicht nur das. Sie nahmen auch Einfluss auf die Stimmungen, die mit ihrer Berichterstattung vermittelt werden sollten. Sie versuchten, das Weltbild der Medienkonsumenten im Interesse der bestehenden Ordnung zu beeinflussen. Denn sie wollten keine andere Ordnung als die bestehende. Das war ihr gemeinsamer Nenner.

In allen anderen politischen und wirtschaftlichen Tagesfragen konnte es mitunter erhebliche Differenzen geben. Da konnte es manchmal ordentlich stauben zwischen ihnen. Da fielen in der Hitze des Gefechtes auch schon einmal sehr harte Worte, die bis zu lautstarkem Streit eskalierten. Aber das dauerte meistens nicht lange und führte in der Regel auch nicht zu dauerhaften Zerwürfnissen. Man war nicht empfindlich. Man teilte aus und steckte aber auch ein. Das brachte das Geschäft so mit sich.

Eine dieser tagespolitischen Fragen, die das Zeug hatten, zu einigen lautstärkeren Auseinandersetzungen zu führen, war die letzte Rede des Bundespräsidenten Vogell. Nicht zuletzt deswegen waren an dem heutigen Abend mehr Teilnehmer in dieser Runde erschienen als gewöhnlich. Man wollte die Meinungen der anderen hören, ein Stimmungsbild erfassen. Was dachten die anderen? Wie schätzten sie die Auswirkungen dieser Aussagen des Bundespräsidenten ein auf ihre Interessen? Und wie sollte mit dem Thema weiter verfahren werden? Erste zurückhaltende Reaktionen hatte es schon gegeben in Presse und Fernsehen. Das aber waren eigentlich nur Testballons. Man wollte die öffentliche Befindlichkeit zu dem Thema ausloten. Nun aber stand die Frage im Raum, wie wollte man sich verhalten, wenn die Diskussion über das Thema, das der Bundespräsident angeschnitten hatte, sich ausweitete? Welchen Standpunkt hatte man selbst dazu?

„Wie konnte der so etwas sagen“, regte sich Bulthaupt von der Verlags- und Senderdynastie Henkelmanns auf. „Haben wir denn in der letzten Zeit nur noch politische Dilettanten im höchsten Amt unseres Landes. Der Köhler, dieser Märchenonkel, stellt sich hin und faselt da unüberlegt vor sich hin, dass Kriege auch aus wirtschaftlichen Erwägungen geführt werden. Und jetzt kommt dieser Vogell und behauptet, dass der Islam ein Teil von Deutschland sei oder wie er sich ausgedrückt hat. Ja, ist der denn von allen guten Geistern verlassen? Oder besser, die beiden? Sind das Schwachköpfe oder denken die sich was dabei? Wie sehen Sie das, Läufer?“

Läufer vom Läufer-Verlag war der Platzhirsch unter den Versammelten. Sein Vater hatte nach dem Kriege ein riesiges Zeitungsimperium aufgebaut. Er lehnte sich wichtig in dem edlen Ledersessel zurück. „Ich würde mal so sagen. Von dem Köhler konnten wir nicht unbedingt mehr erwarten. Der kam zu dem Posten wie die Jungfrau zum Kind. Der ist Ökonom. Für die ist es selbstverständlich, dass wirtschaftliche oder wirtschaftspolitische Überlegungen Grundlage fast jeder Entscheidung sind. Der denkt sich nichts dabei, wenn er so etwas sagt, und fällt dann aus allen Wolken, wenn es aus seiner Umgebung Proteste hagelt. Der Struck von der SPD war da schlauer gewesen. Der behauptete, dass die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt wird. Damit hat er den deutschen Angsthasen auf seiner Seite. Denn viele unserer Landsleute haben Schiss vor Taliban und Islamisten. Bei denen hat der Struck offene Türen eingetreten. Wir hier wissen, dass das Blödsinn war. Aber der deutsche Hosenscheißer lässt sich doch gerne einen Arm abhacken, wenn es zu seiner Sicherheit ist. Hauptsache Sicherheit…“.

„Ja, und dann kommt dieser Köhler daher und faselt was von den wirtschaftlichen Aspekten dieses Kriegs. Recht hat er ja, aber das kann man doch öffentlich so nicht sagen. Der Krieg ist ohnehin nicht populär. Und wenn der dann noch so etwas sagt, dann liefert er doch nur den Gegnern Munition. Wie sollen wir dann den Krieg schön schreiben, wenn der Bundespräsident daraus einen geschäftlichen Vorgang macht?“, meldete sich der Pohl vom Verlagshaus Brincks zu Wort.

„Klar, da macht sich der Bundespräsident zum Kronzeugen all dieser Friedensschwuchteln. Die Leute im Land sind ja bereit, die Opfer zu tragen, solange sie glauben, dass es um Menschenrechte, Frauenrechte und all das Zeug geht. Aber sie machen doch nicht mehr mit, wenn ihre Kinder für wirtschaftliche Interessen dort den Kopf hinhalten sollen.“ Das war Lehmann, Chefredakteur der KLAR-Zeitung. Er grinste in sich hinein bei dem Gedanken, dass sie als Meinungsmacher nicht unwesentlich dazu beigetragen hatten zu diesem Zeug, wie er die Kriegsziele genannt hatte.

„So sehe ich’s auch“, meinte ein anderer. „Und deshalb war es wichtig und gut, dass die Kanzlerin damals schnell den Onkel Horst aus dem Amt gedrängt hatte. Nicht auszudenken, wenn damals noch eine breite Diskussion über die wirtschaftlichen Hintergründe dieses Krieges ausgebrochen wäre. Aber das ist jetzt nicht unser Thema. Onkel Horst hat den Dienst quittiert und damit ist die Sache vom Tisch. Aber mit dem Vogell, das wird schwieriger. Der hat uns ein ganz schönes Kuckucksei ins Nest gelegt.“

„Aber meine Herrn, was ist denn schon passiert, außer dass das ausgesprochen wurde, was die meisten ohnehin akzeptiert haben, weil es seit Jahrzehnten schon Realität ist. Diese Ausländer leben nun schon zum Teil über fünfzig Jahre hier. Sie haben hier Familie, Kinder und zum Teil schon Enkel. Die sind alle hier geboren. Deutschland ist deren Heimat, nicht die Türkei oder sonst was. Das ist doch einfach Fakt. Die haben doch auch einen Großteil zu unserem Wohlstand beigetragen. Wer wollte denn damals, als die kamen, noch in den Bergwerken arbeiten oder bei VW am Band oder bei der Müllabfuhr. War uns Deutschen doch alles zu dreckig und anstrengend geworden“.

 „Na, na, na, Senftl, nun werden Sie mal nicht so liberal und sozialromantisch wie ihr Südkurrier. Wir wissen ja, dass das ihre Marktlücke ist, Linksliberalismus“, ging der Läufer dazwischen. „Das geht bei den Intellektuellen, die Ihre Zeitung lesen. Die mögen so etwas oder all diese verzückten Christenmenschen. Aber mir ist das zu gutmenschlich, und den meisten der kleinen Leute auf der Straße ist das zu kompliziert. Die mögen es lieber knapp und klar, weshalb auch meine Zeitung ja nicht umsonst KLAR heißt.“

Der letzte Teil des Satzes war im allgemeinen Gelächter untergegangen, das schon beim ersten „klar“ ausgebrochen war. Man kannte den Läufer. Der war ein Schlitzohr, und er machte mit seinem witzigen Spott nicht einmal vor sich selbst und seinem Zeitungsimperium halt. Er liebte es, solche Sätze zu formulieren, in denen er Anspielungen auf eine seiner vielen Zeitungen machte. Man hatte ihm schon scherzhaft vorgeworfen, für seine Käseblätter hier in diesem Kreise Werbung zu machen, um seine Auflagen noch mehr zu steigern. Einer von ihnen hatte sogar vor aller Augen ein Abonnement für eine von Läufers Zeitungen abgeschlossen. Dabei machte er aber die Auflage, dass Läufer dann in Zukunft seine Eigenwerbung unter ihnen einstellte. Man hatte sich einen Riesenspaß aus der Sache gemacht. Läufer soll den Abo-Vertrag dann am nächsten Tag eigenhändig in seiner Vertriebsabteilung abgegeben haben. Er hatte sogar das Werbegeschenk dafür verlangt und auch erhalten. Der Mitarbeiter im Vertrieb hatte seinen Chef nicht erkannt. Der ganze Arbeitskreis hatte getobt, als Läufer diese Geschichte bei nächsten Treffen zum Besten gegeben hatte. Und das war nicht das letzte Mal, dass er sie hat erzählen müssen. Diese Geschichte wurde zu einem ähnlichen Muss wie Dinner for one am Silvesterabend.

Noch immer lachend, wandte einer von der Wochenzeitschrift „die Woche“ ein: „Herr Senftl hat ja nicht ganz unrecht. Viele dieser Ausländer leben doch schon länger hier als die meisten Deutschen selbst. Die können zum Teil sogar besser Deutsch als die meisten Hauptschüler, die unsere Schulen verlassen. Aber von denen verlangt niemand Integrationsnachweise oder ähnliches. Sie gelten als integriert, nur weil die Eltern Deutsche sind. Wenn ich dann aber das Verhalten von manchen dieser Früchtchen aus gutem Hause ansehe, dann frage ich mich, wer sich denn sozialverträglicher verhält, diese scheuen Türken oder die verwöhnten deutschen Klugscheißer?“ Man überging diesen Einwurf.

„Ich muss dem Läufer da beipflichten, Senftl“, mischte sich der alte Bolda ein. Er war der Herrscher über das gleichnamige Zeitschriften-Imperium, das die Lesezirkel der Arztpraxen und Kaffeetische der älteren Damen mit dem Neusten aus der Welt der Schönen, Reichen und Blaublütigen versorgte. „Mit dem Köhler war auch das Problem weg. Und zum Glück war das damals sehr schnell gegangen, sodass dessen unüberlegte Worte nicht zu einer Diskussions-Epidemie geführt hatten. Die Ansteckung der Gesellschaft mit dem Antikriegs-Virus hatte gerade noch rechtzeitig unterbunden werden können. Die Frau Doktor Merkel hatte die richtige Therapie angewendet.“ Manche schmunzelten bei diesem Wortspiel, auch Bolda selbst, während er weiter sprach. „Mit dem Vogell ist das aber nicht so einfach, gerade weil er genau das sagt, was viele denken. Viele halten es für richtig. Anderen ist es egal. Sie sehen da kein Problem drin, wenn der Islam auf einmal genau so zu Deutschland gehört wie alle anderen Religionen auch. Im Grunde ist den meisten die Religion ja schnuppe.“

„Und was spricht dagegen? Bolda und Sie, Läufer, was haben Sie für ein Problem mit dem Satz des Vogell?“, drängte der Senftl. „Wir sollten die Tatsachen anerkennen, die sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt haben.“

„Dann hätten wir auch die Mauer anerkennen müssen“, ging Läufer dazwischen. „Die war auch Realität und hat Jahrzehnte lang Deutschland geteilt, und nicht nur Deutschland, sondern auch Europa, ja die ganze Welt. Ich habe diese Realität nie anerkannt so wie wir alle hier. Sie, Senftl, haben ja auch nie vom Wiedervereinigungsgedanken abgelassen, oder? Ich habe immer mit meinen Zeitungen gegen diese Mauer und den Sozialismus dahinter angearbeitet. Nicht auszudenken, was aus uns geworden wäre, hätten die Kommunisten auch hier die Herzen der Leute erobern können wie in China oder Südostasien. Nach dem Krieg hatte ja nicht viel daran gefehlt und die sozialistische Epidemie hätte sich auch in ganz Europa ausgebreitet. Ich hatte die Mauer in Berlin jeden Tag vor Augen. Und was ist heute mit dem Ding? Es gibt sie nicht mehr. Hätte ich, hätten wir uns dieser Realität gebeugt, stünde sie immer noch. Manchmal muss man Realitäten anerkennen, auch wenn sie einem nicht passen. Man kann aber auch Realitäten, die einem nicht passen, versuchen zu verändern, wenn man die Macht hat und die Gelegenheit sich dazu bietet. Und wir haben die Macht. Wir müssen uns nicht dem beugen, das uns gegen die Strich geht. Wir haben die Mittel, die öffentliche Meinung in unserem Sinne zu beeinflussen.“ Läufers Gedanke beeindruckte. Einen kurzen Moment herrschte Stille.

„Daher also weht der Wind“, dachte Lehmann. Deshalb also war er von Läufer zu diesem Treffen eingeladen worden. Lehmann sollte hören, was der Läufer über eine bestimmte Sache dachte. Natürlich konnte ihm Läufer keine Anweisungen geben, denn als Chefredakteur der KLAR-Zeitung war Lehmann unabhängig von Weisungen aus dem Kreis der Aktionäre. Aber was der Läufer an Vorstellungen andeutete, war für Lehmann ein Hinweis auf das, was der Läufer gerne umgesetzt wünschte. So hieß es nun für Lehmann, genau aufpassen, in welche Richtung der Läufer politisch zielte und argumentierte. Und eines konnte Lehmann sicher sein, wenn er nicht das Richtige in den nächsten Tagen tat, würde er nicht mehr lange seinen Posten haben bei der KLAR-Zeitung. Zwar hatte Läufer in seinem ehemaligen Verlag auch nicht mehr zu sagen als jeder andere Aktionär. Aber so zu denken war blauäugig. Denn wenn Läufer wollte, dass Lehmann geht, dann würde Lehmann gehen. Das war dann nur noch eine Frage der Abfindung, nicht der Argumente. „Also, Spitz pass auf“, sagte sich der Lehmann innerlich. „Was will der alte Fuchs mir sagen. Was soll geschehen in der Sache Vogell?“

Nach einer kleinen Pause, die einer Schrecksekunde glich, nach den Worten des Zeitungszaren, war allen klar, dass es jetzt mit der unverbindlichen Diskutiererei vorbei war. Es wurde ernst. Läufer wollte etwas, das war allen klar. Ab jetzt ging es um mehr. Läufer wollte einen Vorschlag zu einer Vorgehensweise diskutieren. Politisches Handeln war jetzt auf die Tagesordnung gesetzt worden, politisch im Sinne ihrer Interessen. Wie sollte in den Medien, in ihren Medien, mit Vogell verfahren werden, wenn dieser so weiter machte, wie es sich in seiner letzten Rede angedeutet hatte? Diese Frage stand nun auf der Tagesordnung.

Der Senftl erholte sich als erster. „Wir sind nicht die Politik, Läufer, auch wenn wir manchmal Politik beeinflussen. Wir sollten uns auch davor hüten, zu tief einzugreifen in diese Vorgänge. Das kann sehr schnell gegen uns zurückschlagen. Das Ansehen der Medien hat gelitten in den letzten Jahren, wie das Ansehen fast aller staatstragenden Einrichtungen. Überall im Internet schießen Blogs wie Pilze aus dem Boden. Die Menschen informieren sich zunehmend aus anderen Quellen und diskutieren immer weniger in unseren Leserbriefecken, die wir als Reservate der freien Meinungsäußerung anbieten. Sei tun das, weil sie seit der Finanzkrise und den erlogenen Gründe für die Kriegseinsätze im Irak und Afghanistan auch den Medien nicht mehr so rückhaltlos glauben. Wir haben uns zu oft als Hauspostillen der Politiker erwischen lassen. Solche Treffen wie die unseren kommen sehr schnell in den Geruch von Verschwörung. Und wenn die Öffentlichkeit den Eindruck bekommt, dass wir hier Absprachen treffen über das, was veröffentlicht wird, dann ist die Scheune am Brennen.“

„Von Absprachen kann doch wohl keine Rede sein, Senftl, nun übertreiben Sie mal nicht. Wir sind doch hier nicht in China oder Russland, wo einige wenige darüber bestimmen, was gebracht wird und was nicht“, regte sich Pohl auf. „Bei uns herrscht doch Meinungsvielfalt. Es ist doch immer unsere Entscheidung, worüber wir berichten.“ „Und doch hat der Senftl nicht ganz Unrecht“, kam es wieder vom Vertreter der „Woche“.

„Ich stimme Ihnen, Senftl, da in gewisser Weise zu. Aber umso wichtiger ist es, sich nicht wegzuducken. Wir müssen das Thema offensiv angehen. Nicht umsonst haben wir von der KLAR-Zeitung über all die Jahre immer wieder gesellschaftliche Gruppen isoliert. Und nicht nur das. Wir haben sie sogar selbst geschaffen, wenn sie noch nicht vorhanden waren. Wir haben die Bezieher von Transferleistungen denen gegenüber gestellt, die hart schuften müssen und dafür kaum mehr bekommen. Wir haben die Deutschen und die Ausländer, wir hatten die Asylanten und die Einheimischen, die islamistische Bedrohung und die deutschen liberalen Kämpfer für Menschen- und Frauenrechte. Wir haben die geschaffen, die ein Herz für Kinder haben und eins für Tiere, die Nicht-Raucher gegen die Raucher aufgebracht, Frauen gegen Männer. Wir haben damit eine ständige gesellschaftliche Diskussion ins Leben gerufen zwischen all diesen Gruppen. Und!“, Läufer machte eine Pause, um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu testen und gleichzeitig zu erhöhen.

„Wir haben damit Schuldige angeboten. Wir haben sie damit von den Leuten im Lande entfremdet, die sich als deutsche Leitkultur und deutsches Kernvolk betrachteten. Das war zwar mitunter plump und an der Grenze zur Hetzerei. Das wissen wir auch. Wir sind ja nicht blöde. Aber wir haben gemerkt, dass es ankommt bei der Leserschaft. Sonst hätten unsere Zeitungen nicht die Auflagen, die sie haben. Wir haben damit ein Klima des fortwährenden Misstrauens und Neids der einzelnen Gruppen untereinander geschaffen.“

„Genau, Läufer“, mischte sich Bolda ein. „Dieses Misstrauen hat einen ganz, ganz großen Nutzen für uns alle hier gehabt. Es ist uns damit gelungen, die Solidarisierung dieser Gruppen gegen uns, die Reichen und Mächtigen, zu verhindern. Dadurch dass sich alle diese Gruppen untereinander streiten und Vorwürfe machen, achten sie nicht auf das, was wir machen. Bestes Beispiel: Die Radfahrer werfen den Autofahrern vor, dass sie die Luft verpesten und die Autofahrer unterstellen den Radfahrern, dass sie auch noch mehr CO2 ausstoßen durch ihre Körperanstrengung. Aber niemand klagt mehr die Industrie der Umweltverschmutzung an, die ein Millionenfaches eines Rad- oder Autofahrers ausstößt. Und so haben es nicht nur die Zeitungen vom Läufer-Verlag gemacht. Auch meine Verlags-Gruppe hat dieses Denken unterstützt. Das haben die meisten privaten Sender gemacht, auch Ihre, Bulthaupt. Und ebenso die meisten Zeitungen. Selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen hat sich teilweise diese Art der Berichterstattung und Manipulation der Öffentlichkeit durchgesetzt. Denn es schafft weniger Probleme, wenn die gesellschaftlichen Gruppen sich untereinander die Haare raufen, als wenn sie vereint uns an den Kragen gehen.“

 „So sieht es aus“, sekundierte Läufer, „und einen Teil unserer Anstrengungen macht der Vogell nun zunichte, wenn er behauptet, dass der Islam ein Teil von Deutschland ist. Wie sollen wir da weiter von der islamistischen Bedrohung berichten, wenn doch die Moslems nun keine Islamisten sind und dazu gehören wie Du und ich. Wie sollen wir dem Leitkulturdeutschen die Beispiele für die islamistische Bedrohung neben die Kaffeetasse legen, wenn der Vogell die Islamisten heilig spricht? Der macht uns doch alles kaputt, was wir mühsam aufgebaut haben. Merkt der denn nicht, wie der Hase läuft? Erkennt der nicht, den Vorteil für diese Gesellschaft, wenn wir die Solidarisierung der gesellschaftlichen Gruppen verhindern? Dabei ist es uns doch auch immer wieder gelungen, diese Feindseligkeiten unter der Schwelle von handfesten Auseinandersetzungen halten zu können. Von diesem Vogell, der doch sein Leben lang nichts anderes als Politik gemacht hatte, musste doch anzunehmen sein, dass er weiß, was er zu sagen hat. Der war doch ein alter Hase im Politikgeschäft. Wie kann der denn so etwas machen? Da haben wir uns wohl offensichtlich sehr in ihm geirrt. Wir jedenfalls von der KLAR-Zeitung haben uns seine Amtsführung etwas anders vorgestellt.“

„Ich weiß nicht, wie die Mehrheitsverhältnisse zu dieser Frage hier sind“, ergriff Bolda das Wort. „Aber ich denke, wir sollten seine Politik und seine Reden in einem anderen Licht darstellen. Und auch in unseren Kommentaren sollten wir dem Herrn verständlich machen, dass wir anderes von ihm erwarten.“

Viele nickten zustimmend, andere schwiegen nachdenklich. Was Läufer und Bolda nicht gesagt hatten, Vogell soll zurück in die Spur kommen oder seinen Hut nehmen. Aber den meisten war das wohl klar, auch wenn so ausdrücklich nicht gesagt worden war. Lehmann, für seinen Teil, hatte verstanden, was Läufer wollte. Die anderen Teilnehmer der Diskussion mussten sich nun entscheiden, wie sie sich verhalten würden, wenn die KLAR-Zeitung gegebenenfalls auf den Sturz Vogells hinarbeitete. Sicherlich war dies noch nicht das letzte Gespräch, das in der Sache Vogell geführt worden war. Eine klare gemeinsame Vorgehensweise war auch noch nicht abgesprochen. Sollte es aber dazu kommen, dann wussten alle, dass die Minderheit der Mehrheit nicht in den Rücken fallen durfte. Denn das hätte das Ende für diesen Verband als Vertreterin des gemeinsamen Interesses aller Medienunternehmer.

 Lehmann wusste, was von ihm erwartet wurde. Er würde zügig die Vorbereitungen für dieses Projekt treffen. Er würde etwas Zeit vergehen lassen müssen, um zu sehen, in welche Richtung sich die Sache entwickelte und die Diskussion im Lande beobachten. Es musste auch der nötige Druck aufgebaut werden, um den Vogell zur Umkehr zu bewegen. Denn diese Möglichkeit bestand weiterhin, und sie wäre mit Sicherheit allen hier Versammelten die liebste gewesen. Würde Vogell merken, wie die Stimmung im Lande war? Bei dieser Frage meinte Lehmann nicht die Stimmung in der Öffentlichkeit, sondern die Stimmung derer, die die Stimmung und Meinung der Öffentlichkeit formten.

Aber wenn klar war, dass Vogell an seiner Politik festhielt, dann sollte alles vorbereitet sein. Das bedeutete, dass die Geschütze gegen Vogell in Stellung gebracht werden mussten. Man durfte sie nicht zu früh abfeuern. Aber laden wollte Lehmann sie trotzdem schon. Unüberlegte Schnellschüsse durfte es nicht geben. Der erste Schuss musste sitzen, denn einen zweiten würde er vermutlich nicht haben. Lehmann arbeitete bereits innerlich an der Vorbereitung seiner Pläne. Aber sollte die Kampagne zu seinem Sturz in Gang gesetzt werden, so durfte kein offensichtlicher Zusammenhang erkennbar werden zwischen Vogells Islam-Rede und dem Wirken des Arbeitskreises oder gar der KLAR-Zeitung.

Dienstag 16.11. nach der Mittagspause

 

„Es gibt neue Entwicklungen in unserem Fall. Der Doc hat Lackspuren in den Handflächen und Betonpartikel in der Kleidung unseres Opfers gefunden, die identisch sind mit den Materialien der Brückenbrüstung. Diese Spuren an den Händen stammen nicht davon, dass das Opfer auf die Brüstung geklettert ist, sondern es muss versucht haben, sich da festzuhalten, meint der Pathologe. Zudem gibt es fremde Blut- und Hautspuren unter den Nägeln. Das würde aber bedeuten, dass unser Kunde nicht freiwillig da rüber ist. Was haben eure Telefonate und sonstigen Ermittlungen ergeben? Haben wir Hinweise auf die Identität des Toten?“, Hansens Blicke kreisten über den Köpfen seiner Mitarbeiter. Es gab keine Wortmeldungen. „Nichts? Gar nichts? Wie sieht’s aus mit der Luxemburger Amtshilfe? Vielleicht hat da einer was gesehen am ehemaligen Grenzübergang oder an der Raststätte. Haben die schon was ermittelt?“

„Ist schwierig mit den Luxusburgern. Zwischen 12 und 14 Uhr hat anscheinend das ganze Land Pause. Da erreicht man niemanden. Die reißen sich auch kein Bein aus, um uns Scheiß-Preußen zu helfen. Europa findet nur im Fernsehen statt und in den Sitzungssälen der Politiker, nicht beim kleinen Mann. Aber ich ruf noch mal an, wenn die Landes-Mittagspause vorüber ist. Ich hoffe nur, dass die nach der Mittagspause nicht gleich Feierabend machen. Die haben auch ganz seltsame Öffnungszeiten: morgens von 8:15 bis 11:45 und das nur an Montagen, mittwochs und donnerstags. Dienstags und freitags ist es dann wieder ganz anders und nachmittags hat auch jeder Tag ne andere Öffnungszeit, wenn sie nicht sogar ganz geschlossen haben. Aber wenn du dann anrufst, wo sie eigentlich arbeiten sollten, ist keiner da, oder es ist bis Feierabend besetzt. Vielleicht kennen die ihre eigenen Arbeitszeiten nicht. Da käme ich auch ganz durcheinander“, regte Weyrich sich auf.

„Und wenn du dann Glück hast und erreichst einen, dann kannste Pech haben, dass da so ein Knallkopp sitzt, der nur französisch spricht, obwohl er deutsch kann. Manche reden nur ihren Luxemburger Kauderwelsch und erwarten, dass alle Welt das versteht. Die ganze Welt einigt sich immer mehr auf Englisch als gemeinsame Sprache und die machen aus ihrem Bauerndialekt ne eigene Sprache. Und haste dann vielleicht das große Glück, dass ihr eine gemeinsame Sprache findet, dann muss der Kollege am anderen Ende erst beim Großherzog anrufen und sich dessen O.K abholen. Die haben nämlich alle Schiss, ne eigene Entscheidung zu treffen und vielleicht was falsch zu machen. Ich weiß nicht, wie die ihren Laden schmeißen?“ Thömmes schüttelte nur mit dem Kopf, und die anderen am Tisch schmunzelten wissend, soweit sie schon einmal mit Luxemburger Behörden zu tun gehabt hatten.

„Versuch’s weiter. Ich nehme den kleinen Dienstweg. Ich kenne bei denen einen vom Zoll. Der ist ganz umgänglich. Wenn du bei den Luxemburgern nämlich jemanden gut kennst, dann kannste die Schlüssel bekommen zum Palais vom Großherzog. Da sind sie dann wieder ganz anders als wir Deutsche. Ich fahr mal hin. Vielleicht finde ich ja etwas auf einer Kameraaufnahme. Einer von Euch setzt sich mit den lokalen Medien in Verbindung. Sollen was bringen über den Fall. Vielleicht findet sich ja einer, der was beobachtet hat. Das können Sie machen, Frau Praktikantin. Ja, ja, ganz ruhig bleiben, junge Frau. Ist kein Grund sich aufzuregen. Kann mir nicht den Namen von jeder merken, die hier bei uns Praktikum macht. Und wenn ich endlich den Namen gefressen habe, sind die meistens schon wieder weg. Also, machen Sie das mit den Medien. Liegt Ihnen ja sicherlich. Schildern Sie den Fall und vergessen Sie nicht zu erwähnen, was wir erreichen wollen mit dieser Veröffentlichung. Na, regen Sie sich mal nicht so künstlich auf! Ich weiß auch, dass Sie nicht blöd sind!“

Hansen ließ eine Pause entstehen. Für einen kurzen Moment trat im Raum Stille ein. Alle warteten auf ihn, dass er fortfuhr in seinem Vortrag. Aber er schien mit sich selbst beschäftigt, schien mit den Gedanken ganz wo anders. Dann rief er sich zurück in den Raum, sah die Praktikantin fest an, sodass sie auf einmal sehr viel kleiner wurde, als sie sich sonst gab. „Aber wissen Sie auch, junge Frau, dass ich hier der Chef bin und nicht unterbrochen werde, wenn ich spreche! Es sei denn, dass ich zu Redebeiträgen auffordere! Oder haben Sie hier ein einziges Mal erlebt, dass jemand außer Ihnen mir ins Wort fällt? Das machen nicht einmal diejenigen, die schon seit Jahren hier arbeiten. Das sind Leute drunter, die länger hier arbeiten, als Sie auf der Welt sind. Keiner von denen nimmt sich heraus, was Sie glauben, sich erlauben zu können. Und glauben Sie mal nicht, dass die Angst haben vor mir. Die brauchen auch niemanden wie Sie, der ihnen zeigt, wie man mit einem autoritären Arschloch umgehen muss. Die wissen einfach, was sich gehört, im Gegensatz zu Ihnen!“ Mit diesen letzten Worten war Hansen sehr laut geworden, was man sonst nicht von ihm kannte. Er hasste diese neunmalkluge und epidemisch um sich greifende Unart, dazwischen zu quatschen anstatt zuzuhören. Das führte nur zu Fehlern in der Verständigung, und Fehler konnten sie sich nicht leisten in einem Job, wo alle aufeinander angewiesen waren.

Hansen genoss die Fahrt auf der Autobahn zur Grenze. Außer den Fahrzeuggeräuschen herrschte Ruhe um ihn herum. Im Radio lief ein Stück seines Lieblingskomponisten, Beethoven. Er hätte so noch Stunden weiterfahren können. Stille, bescheidene Freude stieg in ihm auf beim Anblick dieser lieblichen Landschaft, durch die er fuhr. Trotz Spätherbst war es lauwarm wie im Frühling. Und diesen herrlichen Tag hatte der, um den es hier ging, nicht mehr erleben dürfen. Auf der Brücke, von der das Opfer in den Tod gestürzt war, schwebte er über das friedliche Tal der Sauer. Die alte Grenzstation tauchte auf am anderen Ende der Brücke, Überbleibsel europäischer Kleinstaaterei. Hier hatte noch sein Vater 1939 auf die Luxemburger geschossen, als die Nazis das kleine Land überfallen hatten. Viele der alten Luxemburger haben das natürlich nicht vergessen. Aber die Deutschen und Luxemburger, die diese Zeit nicht mehr hatten erleben müssen, waren trotz so mancher nationaler Empfindlichkeiten sich nicht mehr feindlich gesonnen. „Wollen hoffen, dass das so bliebt“, dachte Hansen. Er parkte das Auto an der alten Zollstation.

„Mojen, Jean! Alles klar bei Euch und Eurem König? Hast Du schon von dem Toten gehört, der letzte Nacht unter der Brücke gelegen hat? Habt Ihr ja mal wieder Glück gehabt, dass er nicht bei Euch gelandet ist. Wäre aber gar nicht so einfach gewesen, weil Euer Land ja so klein ist“. Beide lachten. Sie verstanden sich und ließen keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen mit ihren unterschiedlichen nationalen Eigenheiten und Empfindlichkeiten. „Eigentlich hatte der sich ja bei Euch das Leben nehmen wollen. Aber der konnte nicht so gut zielen, und da isser dann bei uns gelandet. Scheiße? Genau! Das sagst du gut. Wir haben jetzt den Schlamassel, und Eure Gendarmerie kann sich jetzt weiterhin die Eier schaukeln und uns bei der Arbeit über die Grenze zuschauen. Aber vielleicht kannst du mir helfen. Haha, sehr witzig! Ich weiß selbst, dass mir nicht mehr zu helfen ist. Aber das muss mir gerade son Luxemburger wie du sagen.“ Beide lachten wieder.

 „Aber jetzt mal Spaß beiseite. Die Umstände dieses Todesfalls sind uns noch nicht ganz klar. Ihr habt doch sicherlich Kameras an der alten Grenzstation. Vielleicht ist jemand über die Grenze gefahren, der mit der Sache zu tun hat oder was gesehen haben könnte. Kann ich mir mal Euer Material ansehen? Es dauert zu lange, bis ich Amtshilfe bekomme. Die Sache ist ja schnell erledigt. Handelt sich um nen Zeitraum von etwa drei Stunden. Bleibt ja unter uns.“

„Es gibt keine Videoüberwachung an der Grenze, Hansen, jedenfalls nicht bei uns. Wir leben in einem freien Europa mit Freizügigkeit und Reisefreiheit“, grinste der Luxemburger ihn schelmisch an. „Überwachungsstaat ist bei Euch. Bei Euch findet man in jedem Pissoir ne Kamera. Kann Dir da leider nicht weiterhelfen. Aber komm mit. Wir trinken nen Kaffee, damit du nicht umsonst gekommen bist. Wann soll das denn gewesen sein? Zwischen 22 Uhr und etwa 5:00 hast du gesagt?“

Hansen wollte sich eigentlich nicht lange aufhalten, wenn es ohnehin kein Material gab, das er einsehen konnte. Aber Jean ließ nicht locker. Und während der Kaffee durchlief, hantierte der Luxemburger in einem Raum nebenan. Der Kaffee war fertig, man plauderte noch ein wenig. Als Hansen sich verabschiedete, drückte ihm Jean eine CD in die Hand. „Vergiss die nicht. Tolle Musik, ist von Deinem Freund Beethoven, wird dir gefallen. Hab ich für dich kopiert.“ Hansen verstand. Grinsend verabschiedete er sich von Jean aus dem freien Teil Europas, wo es keine Überwachungskameras gab. Vermutlich enthielt die CD das Ergebnis einer Videoüberwachung, die es gar nicht gab. Und mit dieser Annahme lag Hansen vollkommen richtig, wie sich anschließend im Präsidium herausstellte. Die CD dokumentierte den Grenzverkehr zur fraglichen Zeit.

 

"Meier, du überprüfst mit der Prinzessin die Autokennzeichen. Soweit es deutsche sind, ruf die Halter an und frag, ob ihnen etwas aufgefallen ist. Lass die Praktikantin die Kennzeichen ermitteln, und Du machst das mit den Anrufen. Du hast ein Gespür dafür, ob man dir die Wahrheit sagt oder ob da was faul ist, wo man eventuell nachhaken muss. Aber lass sie zuhören, damit sie es lernt. Ich befürchte, ich muss damit leben, dass sie nach dem Praktikum hier bleibt. Ich denke, die hab ich noch länger an der Backe. Dir gefällt sie ja. Ist ja objektiv gesehen auch sehr hübsch anzusehen. Wenn sie ihren vorlauten Mund halten würde, wäre es ja auch kein Problem. Aber mir gehen solche Weiber aufn Frack. Aber egal, tut ja nichts zur Sache. Wünsch Dir viel Spaß mit ihr.“

Die Überprüfung der Kennzeichen brachte Ergebnisse. „Einer der Fahrer auf dem Video hatte auf der Brücke gegen 23 Uhr einen schwarzen Mercedes gesehen. Die Warnblinkanlage war an, hatte anscheinend eine Panne. Ein Mann stand an der Brüstung und schaute hinab ins Tal, während der andere auf Hilfe zu warten schien. Er war gekleidet wie ein Chauffeur, dunkler Anzug. An das Kennzeichen konnte der Zeuge sich nicht erinnern“, referierte Thömmes. „Wir haben den schwarzen Mercedes auf dem Video von der Grenzstation wiedererkannt. Aber die Nummer war nicht zu erkennen. Es war zu dunkel. Für mich sieht das so aus, als hätte der Chauffeur sein Opfer absichtlich bis zur Brücke gefahren, dort eine Panne vorgetäuscht, das Opfer entsorgt und dann verliert sich seine Spur in den Verzweigungen des europäischen Straßennetzes. Vielleicht ist er über einen anderen Grenzübergang nach Deutschland zurückgefahren oder in Luxemburg untergetaucht, obwohl das nicht so klug wäre. Das Land ist ja nicht so groß.

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