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Fridolin Schley wurde 1976 in München geboren, wo er heute als Buchautor und Redakteur des Literaturportals Bayern lebt. 2001 erschien sein erster Roman »Verloren, mein Vater«. Für seine Bücher wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Tukan-Preis für den Erzählband »Wildes schönes Tier«. 2015 war er einer der Autoren der Anthologie »Die Hoffnung im Gepäck« (Allitera Verlag), für die sich Münchner Schriftsteller mit Geflüchteten trafen und deren Lebensgeschichten aufschrieben.

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Später scheint es fast SO, aber die Veränderungen kommen nicht über Nacht wie ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt, sondern allmählich, über einen längeren Zeitraum, all die Vorschriften und Verbote, die Patronenmänner, die Gewalt und die Toten, was manches noch schwerer zu verstehen macht – dass es da eine Zeit gibt, ganze Wochen und Monate, in der das alte und das neue Leben gleichzeitig da sind, übereinanderliegen, und das Dunkle erst nach und nach die Oberhand gewinnt, wie ein langsam eindämmernder Himmel – wie der Alltag, der weiter vor sich geht, die Schule, die Amal vier oder fünf Stunden am Tag besucht, es gefällt ihr, wenn sie morgens alle aufstehen, um die somalische Hymne zu singen, Somaliyaay toosoo, Toosoo isku tiirsada ee, und nach der Schule hilft sie ihrer Mutter im Haus und mit den kleinen Geschwistern, die es wie die meisten Kinder gewöhnt sind, dass es für alles Regeln gibt und diese sich ändern, je älter man wird – und so nehmen Amal und ihre Freunde vieles erst einmal hin und zucken mit den Schultern oder kichern manchmal sogar darüber, dass die Väter jetzt auf der Straße keinen Kat mehr kauen sollen, bestimmte Frisuren von den Köpfen verschwinden und die Männer sich nach und nach alle dichte Bärte wachsen lassen, irgendwann sogar Amals Vater, dem die Stoppeln zunächst bloß auf Oberlippe und Kinn sprießen, nur langsam und vereinzelt auch an den Wangen – andere Männer, darunter Nachbarn und Freunde, scheinen mit ihren Bärten auch ihr Wesen zu verändern, tragen sie bald stolz in der Moschee zur Schau, schreiten plötzlich aufrechter und selbstbewusster durch den Ort und wissen über jede neue Regel immer als Erste Bescheid – einige von ihnen gehen mit ihren Familien zu den öffentlichen Auspeitschungen und stülpen ihren Frauen dafür Socken über die Hände, um sie ganz zu bedecken, und ein paar Witwen und Alte bekommen etwas Geld von den Patronenmännern und grüßen sie fortan freundlich auf der Straße – aber am meisten stört Amals Brüder und Cousins eigentlich zunächst nur, dass sie draußen nicht mehr Fußball spielen dürfen, während Amal und ihre Freundinnen in der Nähe seilhüpfen, manchmal noch in Schuluniform, in der sie mehrmals die Woche aus dem Nachmittagsunterricht kommen, und es ärgert die Kinder, dass das örtliche Al-Furqan-Kino geschlossen wird, wo sie samstags nach dem Einkaufen oft hingehen, und dass in den Regalen keine 2Pac-CDs mehr stehen und ihre ersten Büstenhalter jetzt im Schrank bleiben müssen, wenn sie mit der Mutter zum Markt gehen, um