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Die Treibjagd von Siam

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Kapitel 32
  38. Kapitel 33
  39. Kapitel 34
  40. Kapitel 35
  41. Kapitel 36
  42. Kapitel 37
  43. Kapitel 38
  44. Kapitel 39
  45. Kapitel 40
  46. Kapitel 41
  47. Kapitel 42
  48. Kapitel 43
  49. Leseprobe

Über dieses Buch

Bangkok 1938: Remy Birke ist seit vielen Jahren ein Spieler der Oberen Gemächer des Spielhauses, der höheren Spielklasse, in der es um unglaubliche Einsätze geht. Er wacht nach einer durchzechten Nacht mit der vagen Erinnerung auf, eine Wette eingegangen zu sein. Ein Freund erklärt ihm, dass er noch zwanzig Minuten Zeit habe, bis ein Spiel namens »Fangen-Verstecken« beginnt. Der örtliche Rahmen: ganz Thailand. Birkes Einsatz: all seine Erinnerungen.

Sein Gegner ist Abhik Lee, ebenfalls ein legendärer Spieler – und leider deutlich im Vorteil. Remys Kater ist schon schlimm genug, und die nun folgende Treibjagd wird noch viel schlimmer … Aber was will Abhik Lee mit seiner Herausforderung eigentlich bezwecken?

Über den Novellenzyklus

Das Spielhaus existiert jenseits von Raum und Zeit. Eingeweihte spielen hier um die wirklich interessanten Gewinne: die Macht über ganze Reiche, Einfluss – sogar Lebensjahre, Charaktereigenschaften und Erinnerungen können eingesetzt werden. Legendäre Spieler können auf diese Weise den Jahrhunderten trotzen. Doch je höher der Einsatz, desto tödlicher die Regeln …

In drei Novellen entwirft Claire North die faszinierende Welt des Spielhauses und verfolgt den Weg der großen Spieler über viele Kontinente und Jahrhunderte.

Über die Autorin

Claire North, geboren 1986, ist das Pseudonym der britischen Autorin Catherine Webb, die bereits seit ihrem vierzehnten Lebensjahr Romane schreibt. Seitdem hat sie viele Fantasy-Romane veröffentlicht. Sie lebt in London, ist Beleuchterin am Theater und liebt große Städte, urbanen Zauber und Thai-Essen.

Claire North

DIE TREIBJAGD
VON SIAM

Das Spielhaus
Zweite Novelle

Aus dem Englischen von Eva Bauche-Eppers

Kapitel 1

Das große Spiel steht bevor.

Noch ist es nicht so weit, noch nicht, noch ist das Spielbrett nicht bereitet, sind die Figuren nicht aufgestellt, aber bald, bald wird es beginnen. Warum hat sie uns nicht vernichtet? Unsere Schöne, so wohlbedacht in allen Dingen, warum hat sie uns nicht zermalmt, als es noch sehr viel einfacher gewesen wäre?

Vielleicht weil im Spiel, wie überall im Leben, der größte Reiz in der Herausforderung liegt.

Kapitel 2

Remy Birke war betrunken, als er sich auf die Wette einließ, aber das ist keine Entschuldigung. Jemand, der seit guten fünfzig Jahren ein Spieler der oberen Gemächer ist – und in seinem Fall keinen Tag älter aussieht als vierzig –, sollte es besser wissen. Wir beobachteten, wie er den ersten ihm angebotenen Drink ablehnte, beim ersten Mal höflich, beim zweiten kategorisch, und zollten ihm stumm Beifall für seine Standhaftigkeit. Dann aber nahm Abhik Lee ihm gegenüber Platz, bestellte Whisky – Single Malt, Fassstärke, kein Eis, kein Wasser – und leerte das Glas auf einen Zug. Prompt war Remy Burkes Stolz erwacht. Das Jüngelchen mit seinen gerade mal sieben Jahren Spielerfahrung, ein blutiger Anfänger nach den Maßstäben des Hauses, schien ihn herausfordern zu wollen. Das Funkeln seiner graugrünen Augen verriet es.

»Keinen Durst heute, alter Mann?«, erkundigte der Jüngere sich, und schon hatte Remy ein Glas in der Hand und trank. Er wusste, er konnte einiges vertragen, und war überzeugt, dass er sich in diesem Wettstreit gegen den Spieler mit der kosmopolitischen Ahnenreihe behaupten konnte.

Sechs Whisky später fragte er mit bereits etwas schwerer Zunge: »Um was spielen wir eigentlich?«

»Um nichts«, antwortete Lee und orderte die nächste Runde. »Manchmal ist ein Spiel einfach nur ein Spiel.«

Ach, draufgängerischer Remy!

Leichtsinniger Remy, berauscht von Alkohol und Stolz.

Jedes Spiel hat seine Bedeutung, ausnahmslos.

Du hättest uns fragen sollen. Wir würden dir ins Ohr geflüstert haben und von dem Tag anno 1933 berichtet, an dem Lee mit einem New Yorker Waffenhändler Schiffe versenken spielte. Zwei Kreuzer und eine Fregatte wurden auf den Grund des Meeres geschickt, und als man Lee zum Sieger erklärte, hatte er nicht nur die Flotte seines Gegners gewonnen, sondern auch dessen Seebeine und den ausgepichten Magen, während der Geschlagene bis ans Ende seiner Tage an chronischer Diarrhöe litt.

Beim achten oder neunten Glas waren wir nahe daran, aus dem Schatten zu treten und dich zu warnen, doch es nahten die Schlichterinnen in ihren weißen Gewändern und fingen unseren Blick auf, und wir begriffen, du befandest dich, ohne es zu ahnen, schon mitten in einem Spiel.

Ach, Remy, du hättest deinen Gegner nicht unterschätzen sollen. Er hätte dich nicht zu einem Wetttrinken verführt, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre zu gewinnen.

Außerdem, nicht das Wetttrinken war das Spiel, jedenfalls nicht das Spiel, das Abhik Lee im Sinn hatte.

Es war nur Mittel zum Zweck.

Kapitel 3

Das Spielhaus.

Von jeher hat es Häuser gegeben, in denen dem Spiel gefrönt wurde, aber dies ist kein Casino und auch nicht das oft zitierte verräucherte Hinterzimmer, wo sich Rouletteräder drehen, die Würfel rollen und die Karten flüstern. Ist das der Zeitvertreib, den du suchst, so bist du herzlich eingeladen, dich im Parterre, wo es nur um Geld und Prestige geht, mit Gleichgesinnten zu messen. Bist du aber gut genug – und hast du den unbedingten Willen zu gewinnen –, dann tritt durch diese Tür von Silber und steige hinauf zu den oberen Gemächern, in denen wir Veteranen und Meister der Strategie um Leib und Leben spielen, um Augenlicht und Seelen. Ich könnte euch von meinen Spielen erzählen, von den Burgen, die ich erobert und gehalten habe, um eine Fahne gegen einen Angreifer zu verteidigen. Von den Königen, die ich vom Thron gestürzt, den Denkmälern, die ich errichtet habe, den riskanten Börsenspekulationen, bei denen ich meinen Protagonisten durch ein halsbrecherisches Monopoly um Öl, Holz, Erz, Menschenmaterial gehetzt habe. Von den Mördern, die ich gejagt habe, und den anderen Malen, da ich der Gejagte war. Von dem Wettsegeln über alle sieben Meere, einer Karavelle und zwanzig Mann Besatzung, und den seltsamen Figuren und Menschen, die ich manipuliert habe, um mir den Sieg zu sichern.

Aber Geduld, nur Geduld, meine Zeit ist noch nicht gekommen.

Derweil haben wir Muße, unsere Aufmerksamkeit dem bedauernswerten Remy Burke zu widmen, der ein guter, wenngleich konservativer Spieler ist und im Hochsommer des Jahres 1938 auf dem Fußboden seines Hotelzimmers in Bangkok nicht so sehr erwachte, als vielmehr etappenweise zu Bewusstsein kam, im Mund einen torfigen Geschmack, einen Kopf wie ein Luftballon kurz vor dem Platzen und gepeinigt von der schrecklichen Ahnung, eine noch näher zu definierende Dummheit katastrophalen Ausmaßes begangen zu haben.

An das Trinkgelage der vergangenen Nacht konnte er sich nur mehr vage erinnern und wusste auch nicht, wie er in sein Zimmer zurückgekommen war. Doch als er den Kopf hob und sein Blick an den Hosenbeinen des vor ihm sitzenden Mannes im Leinenanzug hinaufkroch, traf ihn die Erinnerung fast härter als die Nachwehen der geballten vierundfünfzig Volumenprozent in seinem Blut.

Er schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Fenster, steckte den Kopf hinaus und erbrach den Inhalt seines Magens in breitem Schwall auf die Straße einige Stockwerke tiefer.

Remys Mutter war Engländerin, sein Vater Franzose, eine Mésalliance von alters her.

Ihre Familie hatte irgendwas in Indien dargestellt, die seine irgendwas in Laos; alles lange her, weit weg, alle tot, alle begraben. Das Spielhaus gewährt den Seinen, sofern sie gut zu spielen verstehen, eine Lebensspanne über das gewöhnliche Maß hinaus, aber der Nutznießer sind wenige und sie müssen lernen, Liebgewordenes zurückzulassen. Nun hatte Remy manches Spiel gespielt und auch gewonnen und wanderte seit vielen Jahrzehnten kreuz und quer durch die Weltgeschichte, doch die Familienbande schienen ihn noch nicht gänzlich freigegeben zu haben. Immer wieder zog es ihn in die Länder seiner Kindheit und Jugend zurück, durchstreifte er den malaiischen Archipel, die Hügel von Laos, befuhr die breiten Flüsse Vietnams, um sich früher oder später jedes Mal in Bangkok wiederzufinden.

Franzosen und Engländer zelebrierten in Südostasien kolonialen Futterneid, schnappten sich hier eine Halbinsel, dort ein alteingesessenes Kulturvolk vor der Nase weg, bis zu guter Letzt nur noch ein fetter Happen übrig war. Siam – das nach dem Willen der neuen Machthaber in »Thailand« umbenannt werden sollte – war in größter Gefahr, zerquetscht zu werden wie ein Schmetterling unter der Pranke des Leoparden. Der König schaute zu den Briten und sah, dass nur die Franzosen ihn davor bewahren konnten, als britische Kolonie zu enden. Er schaute zu den Franzosen und sah, dass er, um sie in Schach zu halten, der Hilfe der Briten bedurfte. Zwischen Hammer und Amboss lavierend, gelang dem Land der Freien das unmöglich scheinende Kunststück, seine Unabhängigkeit zu bewahren; der fette Happen hatte sich als unverdaulich erwiesen. Nur – wie frei kann ein Land sein, wenn ringsum andere Mächte zum Krieg rüsten?

So gelangen wir in Remys Kielwasser nach Bangkok und sitzen nun auf den Rängen; unsichtbare Beobachter, um zu sehen, wie sich das Schicksal unseres Helden entwickelt, der sich gerade die letzten Spuren der nächtlichen Ausschweifungen vom Mund wischt und neben dem Fenster an der Wand herunterrutscht, bis er auf dem Boden sitzt.

»Heraus damit, worauf habe ich mich eingelassen?«, fragte er endlich.

Der Mann im Leinenanzug antwortete nicht gleich, wandte stattdessen den Oberkörper halb zur Seite, um aus dem Fenster zu schauen. Auf der Straße manifestierten sich die Gegensätze eines sich anbahnenden kulturellen Umbruchs. Schwarze Importlimousinen zockelten missmutig hinter mit Stroh und Reis beladenen Pferdekarren her. Bangkok war eine Stadt im Wandel, hier die Maßanzüge der Europäer und die Maßanzüge der Asiaten, die westlicher sein wollten als der Westen, dort die staubigen Sarongs der allgegenwärtigen Kinder, die löchrigen Hosen der Straßenverkäufer, die ihre Waren ausriefen, dazwischen die orangenen Farbtupfer der buddhistischen Mönchsgewänder.

»Sag mir, dass es nicht Blinde Kuh ist«, stöhnte Remy, als sein Besucher sich hartnäckig ausschwieg. »Das letzte Spiel hat sieben Monate gedauert, und fünf davon bin ich am Stock gegangen.«

»Blinde Kuh ist es nicht.«

»Gut, dann …« Der Rest blieb ungesagt, weil Remy sich erstaunlich behände für einen metabolisch derart belasteten Menschen am Fensterbrett hochzog und sich würgend weit hinausbeugte. Doch nur etwas zäher Schleim kleckste auf das Pflaster unten, mehr gaben seine malträtierten Eingeweide nicht her. Falls der Anblick eines baumlagen Franko-Engländers mit grau meliertem Bart und dunkelbraunem Haarschopf, der sich redlich abmühte, auf die Straße zu reihern, irgendwelches Interesse erregte, ließ es sich niemand anmerken. Dies war Bangkok, die Stadt hatte Schlimmeres gesehen.

Brechreiz kam, Brechreiz ging, und Remy sackte schnaufend wieder auf den Fußboden.

Der Mann im Anzug lehnte sich zurück, er hatte die Beine übereinandergeschlagen und die Hände zeltförmig zusammengelegt, die Spitzen der Zeigefinger tippten rhythmisch gegen den Nasenrücken. Sein Gesicht wirkte jung, unnatürlich jung. Es war zu glatt, zu weich, als wären alle Spuren gelebter Jahre abgeschliffen worden, und doch war sein Haar silberweiß, heller als der Anzugstoff. Endlich sagte er: »Was ich nicht verstehe, Remy, wie konntest du dir derart die Lampe begießen? Und mit einer Kanaille wie Abhik Lee! Wir alle wissen, dass er der miserabelste kleine Hundsfott ist, der je in die oberen Gemächer aufgenommen wurde.«

»Unsere kleine Feier war nicht Teil eines tödlichen Plans, falls du darauf hinauswillst.«

»Abhik neigt dazu, auch Bagatellen persönlich zu nehmen.«

»Er ist jung, er wird ausbrennen wie ein Strohfeuer. Zehn Jahre, zwanzig höchstens, und er wird bei einem dummen Spiel für einen dummen Einsatz sang- und klanglos untergehen. Wenn er dir so zuwider ist, Silver, warum holst du ihn nicht von seinem hohen Ross herunter?«

Der Mann, den er mit Silver angesprochen hatte, schüttelte bedächtig den Kopf. »Abhik spielt nicht gegen mich. Einstweilen gründelt er im seichten Wasser nach kleinen Fischen. Eines Tages wird er vielleicht den Mumm haben, sich mit mir anzulegen, aber noch nicht jetzt.«

Remy räusperte sich. »Vielen Dank für das nette Kompliment. Verrätst du mir auch, in welcher Pfanne meine Wenigkeit, auch Kleiner Fisch genannt, gerade brutzelt?«

»Versteckst du immer noch einen Notgroschen unter der Matratze?«

»Derzeit vielleicht fünfzig Baht.«

»Du wirst sie brauchen.«

Remys Oberkörper bekam Schlagseite, er stützte sich mit einer Hand auf dem Boden ab. Sein Gleichgewichtssinn ließ immer noch zu wünschen übrig. »Silver, spann mich nicht auf die Folter. Um was für ein Spiel geht es?«

»Bei deinem elften Glas hast du dich, wie ich glaube, bereit erklärt, mit ihm Fangen-Verstecken zu spielen.«

Remy schloss die Augen, sein Kopf kippte in den Nacken. »Oh ja«, sagte er. Überlegte. »Okay.«

Wieder Schweigen.

»Welches Brett?«, fragte er nach einer Weile.

»Thailand.«

»Ganz Thailand?«

»Ganz Thailand.«

»Und die Karten?«

»Ich kann nicht sagen, was dem Sucher zugeteilt wurde, aber ich vermute, er kann aus dem Vollen schöpfen. Du solltest davon ausgehen, dass er über einige Trümpfe aus den Bereichen Polizei, Regierung und Klerus verfügt. Wahrscheinlich hat er auch ein paar Söldner gezogen, Ex-Agenten, ehemalige Häftlinge, vielleicht einen Banker oder zwei.«

»Wie lange werde ich mich verstecken müssen?«

»Du willst von mir wissen, wie gut Abhik ist?«

»Ja. Du hast die Augen überall. Ja, ich frage dich, wie gut er ist.«

»Das letzte Mal, als Abhik Fangen-Verstecken spielte, war der Schauplatz Palästina. Er hat die Fänger fünfzehn Monate lang auf Trab gehalten, und nachdem die Seiten gewechselt worden waren, brauchte er nur elf Tage, um seinen Gegner aufzuspüren. Man muss sich nicht lange verstecken, wenn man schnell suchen und finden kann.«

»Sehr beruhigend, weil es in diesem Land für mich ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte, länger als eine Woche unterzutauchen.«

»Abhik Lee hat Übung in diesem Spiel, ich rate dir dringend, dich anzustrengen und es ihm möglichst schwer zu machen.«

»Welcher Art sind die Einsätze?« Erneutes Schweigen vonseiten des Mannes namens Silver. »Erspar mir bitte dein Pokerface. Um was haben wir gewettet?«

»Abhik hat fünfzig Jahre seines Lebens eingesetzt.«

»Das hält sich im Rahmen.«

»Für Abhik Lee ist es viel, ein hoher Einsatz für jemanden, der noch so jung ist. Nach meinem Dafürhalten ist das sogar faszinierend in seiner Kühnheit.«

»Ich kann es mir leisten zu liefern, falls ich verliere.«

»Du hast deine Erinnerungen eingesetzt.«

Schweigen.

Tiefes Schweigen.

Als Remy seine Stimme wiederfand, klang sie leise und stocknüchtern. »Alle meine Erinnerungen?«

»Das ganze Paket.«

Schweigen.

»Wie viel Zeit habe ich?«

»Spielbeginn ist zwölf Uhr mittags, nach meiner Uhr bleiben dir zwanzig Minuten für deine Vorbereitungen. Ich gehe davon aus, dass Abhik den Angriff auf dieses Hotel längst vorbereitet hat. Du solltest startbereit sein, wenn die Mittagsglocke schlägt.«

Für ein, zwei Atemzüge rührte Remy sich nicht, dann nickte er kurz, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und krabbelte auf allen vieren zum Bett, wo er die Matratze anhob. Ein Briefumschlag kam zum Vorschein: Reisedokumente, etwas Bargeld – weniger, als ihm lieb war. Wann ist Remy so nachlässig geworden?, fragen wir uns, und er hat wahrscheinlich denselben Gedanken.

Als er aufstand, überkam ihn wieder ein Schwindelgefühl. Er lehnte sich gegen die Wand und wartete darauf, dass es vorbeiging.

»Irgendwelche speziellen Regeln, die zu beachten sind?«, fragte er zwischen schweren Atemzügen.

»Keine Nutzung von Hilfsquellen außerhalb des Spielbretts.«

»Bedeutet?«

»Kein telegrafischer Hilferuf an deinen Banker in Indien oder den Jäger, den du in Rangun gewonnen hast.«

»Du weißt von dem Jäger?«

»Du hast es selbst gesagt: Ich informiere mich über das Potenzial der Spieler.«

»Okay. Nur Ressourcen innerhalb Siams. Was noch?«

»Sie dürfen dich verletzen.«

»Oha?«

»Der Sucher muss den Coup persönlich erzielen. Einen Spieler zu töten verstößt gegen die Regeln, aber wenn Abhiks Männer dich schnappen, bevor er selbst den Ort des Geschehens erreicht, sind sie berechtigt, dich festzuhalten, bis ihr Boss eintrifft. Notfalls auch mit Gewalt.«

»Und darf ich Abhik verletzen?«, fragte Remy hoffnungsvoll.

»Du kannst seine Helfer eliminieren, und meines Wissens verbietet keine Regel, ihn zu verletzen. Aber wäre das nicht ein unkluger Schachzug, während du gerade alles daransetzt, ihm möglichst weit aus dem Wege zu gehen?«

»Sonst noch was?«

»Keine weiteren Einschränkungen, nur ein gut gemeinter Rat – es war Abhik, der dieses Spiel spielen wollte. Er hat dich zum Trinken animiert, du bist ihm auf den Leim gegangen, und dann hat er dich zu diesem Spiel überredet. Er hat den Rahmen und die Regeln bestimmt. Er wird seine Hausaufgaben gemacht und ausgekundschaftet haben, was dir an Hilfsmitteln zur Verfügung steht. Er wird deine bekannten Kontakte überwachen lassen und darauf warten, dass du zu einem davonrennst und um Hilfe bittest.«

»Das habe ich mir bereits gedacht.«

»Gratulation, die kleinen grauen Zellen fangen offenbar wieder an zu arbeiten.«

»Wie spät ist es?«

»Viertel vor zwölf.«

»Wo ist mein Startpunkt?«

»Genau hier.«

»Und Abhiks?«

»Das Spielhaus.«

»Das ist nur zwanzig Minuten von hier.«

»Zwanzig Minuten zu Fuß«, berichtigte Silver. »Fünf mit dem Auto.«

»Fünf Minuten Vorsprung sind nicht viel.«

»Bangkok ist groß, und du warst sternhagelvoll.« Dann stellte Silver die Frage, die er nicht hatte stellen wollen, doch sie verlangte gebieterisch danach, beantwortet zu werden: »Warum will Abhik gegen dich spielen, Remy?«, fragte er. »Die Umstände legen den Verdacht nahe, dass er ein Hühnchen mit dir zu rupfen hat. Was hast du ihm angetan?«

Remy angelte einen Rucksack vom Kleiderschrank. »Ehrlich, alter Freund, ich habe nicht die geringste Ahnung.«

Kapitel 4

Wir sind das Publikum.

Wir sehen Silver fünf Minuten vor zwölf das Hotel durch den Hinterausgang verlassen. Das Spiel hat noch nicht begonnen – die Glocke im Wat wird das Signal geben, doch es gilt als schlechtes Benehmen, als ungehörig für einen Spieler, sich dabei ertappen zu lassen, wie er einem anderen über ein akzeptables Maß hinaus mit Rat und Tat zur Seite steht. In den oberen Gemächern könnte man anfangen, sich zu fragen, welche Absichten der betreffende Spieler mit dieser selbstlosen Geste insgeheim verfolgt.

Wir sehen Abhik Lee vor der Tür des Spielhauses auf- und abmarschieren. Wie erklärt es sich, dass dieses Haus hier steht? Wir haben diese Tür in Venedig und in London gesehen, in Paris und New York, Tokio und Peking, stets dieselbe Tür mit dem Messingklopfer in Form eines brüllenden Löwenhaupts. Doch wo das Haus auch stehen mag, wo immer es sich manifestiert: Es sieht alt aus, verwachsen mit seinen Nachbarn links und rechts, als sei es schon immer da gewesen; und wenn es von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, hinterlässt es keine Lücke.

Wir fragen uns, Ihr und ich, wer kontrolliert diese Stippvisiten weltweit? Wer ist es, der verfügt, dass hier, jetzt, 1938, sich in Bangkok eine Tür zum Spielhaus öffnen soll?

Diese Frage führt zu einer weiteren, weitaus komplizierteren: Warum?

Abhik Lee stellt keine solchen Fragen. Er ist ein Spieler der oberen Gemächer des Spielhauses. Er hat nur eine Motivation, dieselbe, die jeden anderen Mann, jede andere Frau beherrscht, die je den Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzten: Er ist besessen von dem Wunsch zu gewinnen. Jeder Gedanke darüber hinaus wäre lediglich eine störende Ablenkung von diesem Ziel.

Widmen wir nun eine Minute der Betrachtung dieses Abhik Lee. Wer kennt die Völker, nennt die Namen, die fruchtbar hier zusammenkamen, möchte man in leichter Abwandlung von Schillers Ibykus sagen. Perser, Bengalen und Nepalesen vereinigten vor einigen Generationen ihr Erbgut mit dem eines schottischen Sergeanten der East India Company, der Indien zu seiner neuen Heimat erkor, sich den Kopf kahlscheren ließ und gelobte, sich künftig des Genusses von Fleisch zu enthalten. Seine Enkel waren die hübschesten von sämtlichen Kindern im Dorf, schwarzhaarig, mit grünen Augen. Und sie wurden gemieden, weil sie anders waren. Auch Abhik war ein Außenseiter in seinem Dorf, doch eines Tages stolperte er durch die Tür des Spielhauses, wo die weiß verhüllten Schlichterinnen ihn empfingen, und fand dort heraus, dass Geschick im Umgang mit Karten mehr einbringen konnte als Klimpergeld und Schulterklopfen.

Exklusiver grauer Anzug und elegante schwarze Schuhe, maßgefertigt in London oder in Paris – er muss schwitzen in dem Kammgarn, denken wir, aber man sieht ihn nie salopp gekleidet, erblickt zu keiner Zeit eine Knitterfalte im Hemd, einen Fleck auf der Hose, denn nun, nachdem Abhik Lee sich die Dinge leisten kann, nach denen andere Menschen neiderfüllt schielen, will er sie auch zur Schau tragen. Abhik Lee kleidet sich mitten in der Sahara zum Abendessen um. Er trägt Sockenhalter in der Taklamakan, weil er es kann und du nicht. Er hat die Wahlplakate in Bangkok registriert und wittert, dass sich Veränderungen anbahnen, vernimmt Gerüchte von japanischen Truppen, die das nahe gelegene Singapur anvisieren, von Armeegenerälen, die sich nicht mehr darum scheren, was der einst gottgleiche König will – und es lässt ihn kalt. In seinen Augen ist all das nur ein Daumenkino der Geschichte, das ihn nicht tangiert. Panta rhei – nur er bleibt.

Seine Uhr hat ein silbernes Gehäuse und geht immer auf die Sekunde genau.

Es schlägt Mittag, und die Jagd beginnt.

Kapitel 5

Bangkok entstand, als eine andere Stadt, eine Hauptstadt, unterging: Ayutthaya, glanzvoller Sitz edler Könige. Sie wurde dem Erdboden gleichgemacht und die königliche Familie abgeschlachtet oder in die Sklaverei geführt. Danach begann die Herrschaft von Generälen, deren Nachfahren nun schweigsam und voller Unbehagen in dem Großen Palast in Bangkok saßen, während neue Generäle neue Befehle gaben und sich vor Königen verneigten, die sich ermahnen mussten, diese Verneigung nicht zu erwidern.

Am Anfang hatte nicht mehr als ein Sumpfgelände gestanden, worauf man einen Palast errichtete.

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