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Royal House of Shadows: Die Traumprinzessin

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Jill Monroes Begeisterung für Romances begann, als ihre Großmutter ihr an einem heißen Sommertag einen Roman in die Hand drückte. Jahrelang schrieb sie für sich, bis sie 2003 von einem Verlag den Anruf bekam und ihr erstes Buch verkaufte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Oklahoma.

Jill Monroe

Royal House of Shadows:

Die Traumprinzessin

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Justine Kapeller

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PROLOG

Es war einmal in einem Land, das für das menschliche Auge unsichtbar ist, eine wunderschöne Prinzessin … deren Schicksal es war, zu heiraten, um die politischen Ziele ihres Vaters voranzutreiben.

Sie war nicht die Art von Märchenprinzessin, von der Breena von Elden im warmen Sonnenzimmer ihrer Mutter gelesen hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. In diesen Geschichten ritten die Prinzessinnen auf strahlenden Einhörnern, schliefen auf riesigen Bergen von Matratzen, unter denen nur eine kleine Erbse ihren Schlaf störte, oder sie lebten in hoch aufragenden verzauberten Schlössern mit magischen Kreaturen darin.

Allerdings konnte keine dieser Prinzessinnen im Schlaf mit sich selbst reden.

Breenas magische Gabe hatte kaum einen Wert. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie sich aus ihren Albträumen herausreden können, was sie als Siebenjährige ziemlich gut gefunden hatte, aber jetzt, als Erwachsene, nutzte ihr das nicht mehr besonders viel. Ihre Mutter konnte in die Träume von anderen sehen. Und sie konnte schreckliche Angst in die Herzen der Feinde ihres Vaters pflanzen. Sie konnte sogar sehen, was die Zukunft brachte.

Auch Königin Alvina hatte Breenas Vater vor langer Zeit geheiratet, um die politischen Ziele ihres Vaters voranzutreiben und um ihre Magie mit der Macht des Bluttrinkers zu verbinden. Breenas ältester Bruder, Nicolai, konnte die Gaben anderer in sich aufnehmen, und ihre anderen Brüder, Dayn und Micah, konnten in Gedanken mit allen Bluttrinkern ihres Reiches sprechen.

Doch auch wenn Breenas Gabe, in Träumen zu sprechen, ihr nicht viel nutzte … mit einem bestimmten Krieger konnte sie immer in Verbindung treten.

So nannte sie ihn, wenn sie wach war. Krieger. Während sie schlief, war er ihr Liebhaber. Seine dunklen Augen passten zu seinem unordentlichen Haar, durch das sie so gern mit den Fingern fuhr. Seine breiten Schultern schienen sich nach ihrer Berührung, nach ihren Lippen zu sehnen. Manchmal, in ihren Träumen, nahm er sie in die Arme, zog sie an seinen großen starken Körper und trug sie zum nächstgelegenen Bett. Oder er legte sie direkt auf den harten Boden. Manchmal stemmte er sie auch gegen die Wand. Ihr Liebhaber riss ihr die Kleider vom Leib und bedeckte ihre Haut dann mit Küssen seiner weichen Lippen oder seinen rauen Handflächen.

Breena wachte danach mit klopfendem Herzen auf, und ihre Brüste pochten vor Verlangen. Ihr ganzer Körper schmerzte vor Sehnsucht. Sie zog die Knie an und versuchte, tief einzuatmen und das Verlangen und die Leidenschaft aus ihren Gedanken zu verdrängen.

Wenn sie danach wieder zu Atem gekommen war und ihr Herzschlag sich beruhigt hatte, fühlte sie sich nur frustriert. Nach dem Aufwachen versuchte sie sich zu erinnern oder einen Weg zurück in den Traum zu finden. Sie war im Schlaf Hunderte Male bei ihrem Krieger gewesen, aber was kam, nachdem er ihr die Kleider zerrissen hatte und sie sich berührt hatten, verrieten die Träume ihr nicht. Auch sein Gesicht konnte sie nie erkennen. Sie wusste, wie er roch, wie er schmeckte und sich unter ihren Fingerspitzen anfühlte, aber er blieb verborgen. Geheimnisvoll. Ein Traum.

Nur eines war sicher: Wenn der Mann aus ihren Träumen entkäme, durch ihre Tür stürmte und durch ihr Zimmer schritte, hätte sie Angst. Er war kaum mehr als ein Wilder, ursprünglich und ungezähmt. Er hob sein Schwert mit der gleichen Leichtigkeit, mit der sie ihre Haarbürste benutzte.

Haare bürsten. Das war wichtig im Leben einer Prinzessin. Besonders einer, deren einzige Aufgabe darin bestand, zu heiraten. Breena seufzte und ging zwischen den engen Wänden ihres Zimmers auf und ab. Ihre Füße waren so rastlos wie ihre Gedanken.

Und sie wusste, dass diese Art von Überlegungen sie nur in Gefahr bringen konnte.

In all den Märchen, die ihre Mutter ihr vorgelesen hatte, als sie noch ein Kind gewesen war, bekam die Prinzessin immer genau dann Schwierigkeiten, wenn sie sich nach mehr sehnte. Sie führte das Schicksal in Versuchung – nein, sie forderte es heraus. Sie trat ans Fenster und sah hinab, hinaus, am Schlosstor vorbei, bis zu den Bäumen des Waldes, und sie fragte sich … was wäre, wenn? Was ist da draußen? Ist dort mehr als hier?

Genauso gut könnte sie die Türen weit aufreißen und die Katastrophe auf eine Tasse Tee einladen.

Außerdem, war sie überhaupt auf ein Abenteuer vorbereitet? Mit ihren mageren magischen Gaben wäre sie hinter den Toren genauso verloren wie der kleine Junge und das Mädchen, deren Spur aus Brotkrumen von Vögeln verspeist worden war. Könnte sie einen schrecklichen Oger mit einem fantastischen Menüplan außer Gefecht setzen, wäre das, was draußen vor den Toren auf sie wartete, vielleicht nicht so furchterregend. Aber Riesen und Oger ließen sich nicht davon beeindrucken, dass sie mehr als zwanzig Tänze aus dem ganzen Reich beherrschte. Oder dass sie einen Ball bis ins kleinste Detail organisieren konnte, von den Musikern bis zu den Kerzen, die man im großen Saal brauchte.

Sie betrachtete die Handarbeit, die sie zur Seite gelegt hatte. Über so etwas sollten Prinzessinnen sich Gedanken machen. Perfekte Stiche.

Morgen wollte ihr Vater mit der Suche nach einem Ehemann für sie beginnen. Breena wusste, dass König Aelfric die Suche hinausgezögert hatte. Er wollte nicht, dass seine Tochter ihn verließ. Sein Leben mit Alvina hatte als Zweckehe begonnen, doch es war Liebe daraus gewachsen, und sie hatten eine Familie gegründet, die sich sehr nahestand. Diese Familie allerdings wurde erwachsen und veränderte sich. Ihr ältester Bruder, Nicolai, stand, sobald das Abendessen vorüber war, schnell vom Tisch auf und verschwand, wahrscheinlich ins Bett einer Frau. Als behütet aufgewachsene Prinzessin von Elden sollte Breena über solche Details nichts wissen – aber das tat sie. Mit Mitte zwanzig war Breena bereits einige Jahre älter, als ihre Mutter es damals gewesen war, als diese nach Elden gekommen war, um ihren Ehevertrag zu erfüllen.

Deswegen war sie so rastlos. Ihre Familie konnte die Zeit und die Veränderungen, die sie mit sich brachte, nicht länger aufhalten. Sie würde das Zuhause ihrer Kindheit bald verlassen, heiraten und in ein anderes Königreich ziehen. Dort würde sie dann in den Armen eines Mannes liegen, dessen Gesicht sie deutlich erkennen konnte, dessen Züge kein verschwommenes Traumbild waren. Eines Mannes, der ihr zeigte, was geschah, wenn die Kleider ausgezogen waren. Die Zeit ihres Traumliebhabers war vorüber. Es wäre falsch, ihn noch in ihre Träume zu zwingen, wenn sie einem anderen gehörte.

Doch noch war sie nicht verheiratet. Ihre Finger legten sich um den Zeitmesser, den ihre Mutter ihr zum fünften Geburtstag geschenkt hatte. Sie trug ihn an einer Kette um den Hals, und der Deckel war mit einem Schwert und einem Schild verziert.

„Warum ein Schwert?“, hatte sie gefragt. Auch wenn sie eher dazu neigte, durch das Schloss zu rennen, statt elegant zu schreiten, hatte sie selbst mit fünf Jahren gewusst, dass die Waffen eines Kriegers nichts für eine Prinzessin waren.

Ihre Mutter hatte mit den Schultern gezuckt, und ihre grünen Augen hatten sich geheimnisvoll verdunkelt. „Ich weiß es nicht. Meine Magie schmiedet die Zeitmesser.“ Die Königin hatte sich hinabgebeugt und Breena auf die Wange geküsst. „Aber ich weiß, dass er dir auf deiner Reise zur Seite stehen wird. Bei deinem Schicksal. Gib dein Bestes dabei.“

Breena durchzuckte das Verlangen, ihren Krieger zu sehen. Sie hätte sich wahrscheinlich darüber Sorgen machen sollen, dass sie diese Gelüste immer öfter überkamen.

Aber wenn es schon nicht ihr Schicksal war, bei ihrem Krieger zu sein, dann wollte sie den Rat ihrer Mutter beherzigen und auf ihrem Lebensweg ihr Bestes geben. Breena zog die fein gearbeiteten Schuhe aus und legte sich auf die weiche Matratze. Sie machte sich nicht die Mühe, das Kleid abzulegen oder sich die Decke bis ans Kinn zu ziehen. Sie schloss die Augen und stellte sich eine Tür vor. Als ihre Mutter versucht hatte, ihr beizubringen, wie man die Traumwelt kontrollierte, hatte sie ihr gesagt, dass sie nur den Knauf drehen und hindurchgehen musste. Die Tür würde sie überall hinbringen, wohin sie wollte.

Doch die Tür brachte sie immer nur in die Gedankenwelt ihres wilden Liebhabers, und im Augenblick wollte sie auch an keinen anderen Ort.

Er war gerade dabei, den Stahl seiner Klinge zu schärfen. Breena traf ihn oft dabei an, wie er seine Waffen pflegte. In ihren Träumen war sie nie nervös wegen seiner Äxte oder Schwerter oder Messer. Sie genoss seine Wildheit und seine Fähigkeit, andere zu beschützen. Anzugreifen. Sie lehnte sich gegen einen Baum und sah einfach dem Spiel der Muskeln auf seinem nackten Rücken zu, während er das Tuch um den Griff schlang.

Breena hatte selten Gelegenheit, ihn ausgiebig zu beobachten. Der Krieger in ihm war immer wachsam, und weil sie sich in einem Traum befand, waren seine Züge nie klar erkennbar. Waren an seinen Augen Falten, die zeigten, dass er gerne lachte? Waren Falten auf seiner Stirn, die ihn als ernsthaften Mann auszeichneten, der viel nachdachte? Alles, was sie sehen konnte, waren grobe Pinselstriche. Nichts, was ihr sagte, wer er wirklich war.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sah, wie seine Schultern sich anspannten. Ihr Liebhaber hatte ihre Anwesenheit bemerkt. Er drehte sich um und ließ Schwert und Tuch neben sich ins Gras fallen. Ihre Brüste reckten sich ihm entgegen, als er den Blick über ihren Köper wandern ließ und sein Atem dabei kaum mehr als ein Zischen war. Breena kniff die Augen zusammen und versuchte wieder einmal durch den Traumnebel zu sehen, der seine wahren Gesichtszüge vor ihr verbarg. Nur seine Augen konnte sie erkennen. Diese eindringlichen braunen Augen.

Mit lautlosen Schritten trat er über die Blätter und Zweige, die den Boden bedeckten. Sie löste sich vom Baumstamm und ging auf ihn zu, wollte so schnell wie möglich bei ihrem Liebhaber sein, jetzt, da er wusste, dass sie angekommen war.

Sie würden sich zum letzten Mal begegnen.

So sollte es jedenfalls sein. Ihre Pflicht war es, sich auf ihr Königreich zu konzentrieren und ihrem Vater dabei zu helfen, einen Ehemann für sie auszuwählen.

Breena schlang ihrem Liebhaber die Arme um den Hals, um ihn zu ihren Lippen hinabzuziehen. Der Mann ihrer Träume küsste sie nie zärtlich, wie ein Höfling es vermutlich tun würde, der dazu erzogen war, über ein Schloss zu herrschen. Nein, die Lippen dieses Mannes waren fordernd. Sein Kuss war leidenschaftlich und voll rohem Verlangen.

„Ich will dich nackt“, sagte er mit belegter Stimme zu ihr.

Sie blinzelte ihn einen Augenblick lang erstaunt an. Er hatte in ihren Träumen noch nie mit ihr gesprochen. Seine Stimme gefiel Breena, ursprünglich und voller Begehren auf sie. Er griff nach dem Stoff an ihrer Schulter, um ihn zu zerreißen, doch sie hielt seine Hand auf. Sie wollte heute nicht, dass er der Verführer war, auch wenn man sein Liebesspiel nie als geschickte Verführung bezeichnen konnte. Nein, sie wollte, dass sie bei diesem letzten Mal ebenbürtige Partner waren. Breena wollte sich für ihn ausziehen.

Mit einer einzigen Handbewegung löste sie die Bänder und spürte, wie der Stoff ihres Oberteils nachgab. Durch eine sanfte Bewegung ihrer Schultern fiel das Kleid bis zur Taille hinunter. Er kniff die Augen zusammen, als ihre Brüste zum Vorschein kamen und die Spitzen sich vor seinen Augen noch weiter zusammenzogen. Er streckte die Hand nach ihr aus. Breena wusste, was er tun würde, sobald er sie in den Armen hielt, und lachte.

„Noch nicht“, neckte sie ihn. Dann hob sie die Röcke und rannte auf den Baum zu. Dieses Spiel hatte sie noch nie mit ihm gespielt … es war ihr nicht in den Sinn gekommen. Sie wusste, dass ihr Krieger die Jagd genoss. Er würde gewinnen, aber sie hatte sowieso vor, sich von ihm fangen zu lassen.

Auch wenn ihr Liebhaber sich geräuschlos bewegte, wusste Breena, dass er ihr nahe war. Sie lachte wieder, als er ihr eine Hand um die Taille legte. Er zog sie an seine feste Brust. Sein harter Körper presste sich gegen sie, und ihr Magen zog sich zusammen vor Sehnsucht und Schmerz. Der Drang, ihn zu necken und davonzurennen, verschwand augenblicklich. Breena wollte – nein, sie brauchte – seine Hände auf ihrem Körper und seine Lippen auf ihren Brüsten.

Etwas Hartes presste sich auf ihren Mund. In seinen dunklen Augen stand Verwirrung, und sein scharfer Umriss begann zu verschwimmen. Zu vergehen. Seine Hände schlossen sich fester um ihre Arme, aber es war zu spät.

„Bleib bei mir“, verlangte er. „Was geschieht mit dir?“

Sie wehrte sich, konzentrierte all ihren Willen darauf, hinter der Tür zu bleiben, bei ihm. Aber es war zu spät.

Breena kämpfte gegen die Kraft an, die ihren Kopf festhielt.

„Still“, befahl eine Stimme.

Sie schüttelte den Kopf und streckte die Hand nach ihrem Liebhaber aus. Aber sie griff nur in die Luft. Etwas, irgendeine Kraft, riss sie fort von ihm. „Hilf mir“, versuchte sie zu rufen, aber durch die Hand über ihrem Mund konnte sie nicht sprechen.

Und dann war er fort.

Breena war wieder in ihrer Schlafkammer. Rolfe, ein Mitglied der Leibwache ihrer Eltern, stand über sie gebeugt. „Seid still, Prinzessin. Die Burg wird angegriffen. Sie haben bereits König und Königin in ihrer Gewalt.“

Breena setzte sich auf, und die letzten Reste ihres Traumes verflogen. Als ihr bewusst wurde, was der Wächter gerade zu ihr gesagt hatte, wurden ihre Finger eiskalt, und ihr Herz begann zu rasen. „Wir müssen ihnen helfen“, flüsterte sie.

Rolfe schüttelte den Kopf. „Dafür ist es zu spät. Eure Eltern würden wollen, dass ich Euch und Eure Brüder durch den Geheimgang aus der Burg bringe.“

„Aber …“, wandte sie ein. Tränen stiegen ihr in die Augen, und ihre Kehle zog sich zusammen. Der Geheimgang war von längst verstorbenen Vorfahren gebaut worden, als letzter Ausweg, wenn den Bewohnern der Burg nur noch die Flucht übrig blieb.

„Kommt, Prinzessin, und beeilt Euch. Zieht Eure Schuhe an. Wir müssen Micah und Dayn holen.“

„Was ist mit Nicolai?“

Der Wächter schüttelte den Kopf.

Breena wurde von Angst gepackt. Endlich drang durch den Nebel ihres Traumes, in welcher Gefahr sie sich wirklich befand. Das war nicht einfach ein Angriff auf die Burg, von denen sie in der Vergangenheit schon so viele abgewehrt hatten, es war ein richtiger Ansturm. „Haben sie ihn auch in ihrer Gewalt?“

„Ich kann ihn nicht finden. Kommt, wir müssen retten, so viele wir können.“

Breena begann zu zittern und atmete tief ein. Sie musste stark sein und sich der Gefahr stellen. Ihre Brüder verließen sich auf sie.

Nachdem sie ihre Füße in die Slipper am Fuß des Bettes gesteckt hatte, folgte sie Rolfe den Flur hinab, der zu den Schlafkammern von Micah und Dayn führte. Unter sich hörte sie Scheppern und Hämmern von Schwert gegen Schild. Kriegsgebrüll. Und Tod.

Sie beschleunigte ihre Schritte und stahl sich zuerst in Micahs Zimmer, während Rolfe zu Dayn ging. Eben noch hatten sie Micahs fünften Geburtstag gefeiert. Jetzt lag es an ihr, dafür zu sorgen, dass er noch einen weiteren erlebte. Wenn sie die Fähigkeiten ihrer Mutter hätte, könnte sie einfach Gedanken ans Aufwachen in die Träume ihres Bruders setzen. Stattdessen würde sie ihn sanft an der Schulter rütteln müssen.

Sie betrat Micahs Kammer. „Wo ist mein Bruder?“, fragte sie eine Magd.

„Seine Kinderfrau hat ihn mitgenommen. In eines der höchstgelegenen Zimmer der Burg.“

Breena sackte vor Erleichterung zusammen.

„Aber was ist mit Eurem kleinen Vetter?“

Entsetzt schlug sie die Hand auf den Mund, um ein Keuchen zu unterdrücken. Ihr Vetter Gavin, kaum mehr als vier Jahre alt, hatte sie zur Feier in der Burg besucht. Dass einer der Wächter daran denken würde, nach ihm zu sehen, bezweifelte Breena. Sie rannte den Korridor hinab bis zu seinem Schlafzimmer.

„Gavin, mein Schatz“, flüsterte sie. „Zieh dich an. Du musst mit mir und Rolfe kommen.“

Ihr kleiner Vetter rieb sich die Augen. „Warum?“, fragte er noch ganz verschlafen.

„Wir spielen Verstecken“, sagte sie mit einem Lächeln.

Er setzte sich im Bett auf, verwirrt über die späte Stunde, aber immer für ein Spiel bereit. Gavin war so klein, dass sie ihn tragen konnte. Sie hob ihn einfach aus den Laken und legte ihn sich über die Schulter. Dann sang sie ihm ein leises Schlaflied ins Ohr, damit er nicht unruhig und laut wurde.

Rolfe schloss sich ihr auf dem Korridor an. „Dayn ist nicht in seiner Kammer.“

Angst um ihren älteren Bruder ließ sie wieder am ganzen Körper zittern. „Vielleicht ist er schon entkommen.“

In Rolfes Augen glommen für einen Augenblick Zweifel, ehe der Wachmann seine Miene rasch verschloss. Dayn war dafür zuständig, die äußeren Mauern der Burg zu verteidigen. Natürlich war er bei der Verteidigung dabei. Aber man hatte ihre Verteidigung bereits durchbrochen. Das bedeutete, ihr Bruder …

Nein, sie gestattete sich diesen Gedanken nicht. Im Augenblick musste sie sich um Gavin kümmern. Rolfe eilte bereits auf den geheimen Fluchtweg zu, den seit mehreren Generationen niemand in Elden mehr benutzt hatte. Wer griff sie an? Und warum? Ihr Königreich lag in Frieden mit den meisten anderen.

Rolfe schob einen schweren Wandteppich zur Seite, hinter dem die Tür zum Fluchtweg lag. Kampfgeräusche drangen immer noch zu ihnen herauf, und sie kamen immer näher. Die verborgene Tür ächzte, als Rolfe sich gegen das uralte Holz stemmte. Die Scharniere wehrten sich lautstark, nachdem sie jahrelang nicht benutzt worden waren.

„Halt!“

Breena drehte sich um und sah eine furchterregende Gestalt, aus Bosheit geschaffen. Auf acht Beinen, besetzt mit glänzenden Rasiermessern, an denen noch das Blut ihrer Untertanen klebte, raste sie auf sie zu. Das Monster würde sie alle erwischen, wenn sie es nicht ablenkte.

„Du musst jetzt selbst laufen, Gavin.“

„Aber ich will auf den Arm“, protestierte er.

„Prinzessin“, brüllte das Monster mit gefletschten Zähnen. Ihr wurde klar, dass dieses abstoßende Monster nur sie selbst wollte. Es würde alles tun, um zu ihr zu gelangen, auch ihren kleinen Vetter umbringen.

„Lauft!“, rief sie und drückte Gavin Rolfe in die Arme, ehe sie die Tür hinter den beiden zuwarf.

„Breena“, hörte sie ihren kleinen Vetter weinen. Aber dann vernahm sie das tröstliche Klicken, als Rolfe die Tür aus dem Inneren des Ganges verriegelte. Ihre Beine zitterten vor Erleichterung. Sie atmete tief durch und drehte sich um. Das Monster stand jetzt dicht vor ihr. Wie ihre Mutter konnte auch dieses Wesen Magie wirken, doch anders als sie bediente es sich dabei der dunklen Mächte, die aus verdorbenem Blut kamen.

Das Monster schob Breena gegen die Wand zurück, und eines der rasiermesserbesetzten Beine hielt sie dort fest. Die Kreatur rüttelte an der Türklinke, aber die Tür rührte sich nicht. „Egal. Sie können sich da drinnen nicht auf ewig versteckt halten.“ Dann sah das Monster zu ihr herüber. Seine Augen waren kalt. Sie hatte noch nie Augen so voller … Leere gesehen. Ein kalter Schauer überlief sie.

Ein Lächeln, wenn man es so nennen konnte, verzerrte seine Oberlippe. „Kommt. Der Meister wird Euch sehen wollen.“

Es packte sie am Arm, und sie atmete scharf ein, als eines der Rasiermesser ihre Haut durchschnitt. Ihr Häscher zerrte sie zur Treppe, auf der immer noch gekämpft wurde. Das Klirren von Schwert gegen Schwert verhallte bereits, als das Monster sie hinab in die große Halle brachte. Das leidende Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden mischte sich mit dem angsterfüllten Weinen der Gefangenen. Dann entdeckte sie ihre Eltern auf der Empore, von der aus sie sonst Hof hielten – an ihre Thronsessel gekettet. Eine spottende Demütigung.

In ihrer Brust machte sich Wut breit und verdrängte die Angst. Ihr Vater lag dort, wo er einst stolz regiert hatte. Zusammengesackt. Blut lief ihm die Wange hinab und sammelte sich zu seinen Füßen. So viel Blut. Zu viel Blut. Ein Schluchzen löste sich aus ihrer Kehle, und sie entriss dem Monster ihren Arm. Sie konnte ihn nicht so sterben lassen. Nicht ihren Vater, der gerecht regiert, der sein Volk geliebt hatte.

Der Schlag kam von hinten. Er warf sie zu Boden, und die kalten Steine der Feuerstelle schnitten ihr in die Stirn. Ihr wurde schwarz vor Augen, und sie blinzelte, um wieder klar sehen zu können und den Schmerz zu verdrängen. Sie sah ihrem Vater in die Augen. Er hatte nicht mehr lange zu leben. Breena zwang sich, auch ihre Mutter anzusehen. Ihre wunderschöne Mutter mit den außergewöhnlichen silberfarbenen Haaren, die jetzt rot von ihrem Blut gefärbt waren.

Ihre Eltern streckten die Hände nacheinander aus. Die Geste gab Breena Trost. Sie würden gemeinsam sterben. Dunkelbraune Augen tauchten in ihren Gedanken auf. Der Krieger aus ihren Träumen würde diese Kreaturen, die Blutmagie benutzten, bekämpfen. Er würde sterben bei dem Versuch, zu retten und zu rächen. Sie wünschte, er wäre bei ihr.

„Nein!“, rief ein Mann mit kalter Stimme. Er klang wie der Tod.

Breena wusste sofort, dass dieser Mann – oder etwas, was einst ein Mann gewesen war –, der auf ihre Eltern zulief, der Blutmagier war. Eine Legende. Ein Gerücht. Vor ihm mit seiner großen und knochigen Gestalt warnten Mütter ihre Kinder. Er nahm sich jene, die dumm genug waren, die sicheren Grenzen von Elden zu verlassen, und machte sie zu etwas Bösem.

Etwas Mächtiges begann zwischen den Händen ihrer Eltern zu entstehen. Sie streckten nicht die Hände nacheinander aus, wie Breena erst geglaubt hatte, sie vereinten ihre Kräfte. Breena griff nach dem Zeitmesser. Ihre Finger gruben sich in das Schwert und das Schild, mit denen der Deckel verziert war. Wie ironisch, wo doch ein Schwert und ein Schild genau das waren, was sie jetzt am meisten brauchte.

Und einen Mann, der dieses Schwert schwang.

Ihr Zeitmesser erwärmte sich und fing an zu glühen. Eine Welle der Magie durchfuhr ihren ganzen Körper. Breena konnte den Schmerz an ihrer aufgeplatzten Schläfe nicht mehr spüren – und auch nicht die kalten Steine unter ihrem Körper.

Ihr letzter Gedanke galt ihrem Krieger.

1. KAPITEL

A furore libera nos, Domine!

Erlöse uns von unserem Zorn, oh Herr!

Zehn Jahre zuvor

Osborn schloss die Finger fest um den glatten Griff seines Speers. Er hatte unzählige Stunden damit verbracht, die Rinde abzuschälen und das grobe Holz abzuschmirgeln, bis es gut in seiner Hand lag. Seine Beine bebten vor Vorfreude, während er am Lagerfeuer saß und dabei zusah, wie die Holzscheite sich orange färbten und der Rauch zu den Sternen hinaufstieg.

Es sollte seine letzte Nacht als Kind werden.

Morgen würde er dem Pfad folgen, den sein Vater und dessen Vater und Generationen seiner Vorväter beschritten hatten, seit dem Anfang aller Anfänge. Morgen wollte er sich der letzten Herausforderung stellen. Morgen wurde er zum Mann, oder er starb.

„Du musst schlafen“, sagte sein Vater.

Osborn blickte zu ihm auf. Selbst im trüben Licht des Feuers konnte er die Falten um die Augen seines Vaters erkennen. Morgen würde er sich ihm entweder als Krieger anschließen, oder sein Vater musste einen weiteren Sohn begraben.

„Ich bin nicht müde“, gestand Osborn.

Sein Vater nickte und setzte sich zu ihm auf den Boden. Das Feuer wärmte die kühle Nachtluft. „Das war ich in jener Nacht auch nicht.“

Osborn kniff die Augen zusammen. Auch wenn er schon ein Dutzend Mal nach der Bärenjagd seines Vaters gefragt hatte, er hatte darauf nur knappe Antworten bekommen. Die Aufgabe eines Vaters war es, seinen Sohn auf den Kampf vorzubereiten, aber was einen erwartete, was man fühlen würde … diesen Kampf musste jeder Junge alleine austragen. Nach seinen eigenen Regeln. Er prägte den Krieger, der er einmal werden würde.

Wenn er es überlebte.

Am Morgen erwachte Osborn dadurch, dass jemand an seiner Schulter rüttelte. Irgendwie war er doch in tiefen Schlaf gefallen. „Es wird Zeit.“

Das Feuer war verloschen, und er unterdrückte den Impuls, das Fell fester um seine Schultern zu ziehen. Dann erinnerte er sich.

Es war so weit. Jetzt.

Ein Lächeln legte sich auf das Gesicht seines Vaters, als er sah, wie hastig Osborn sich bewegte. Wie der Blitz hatte er sich angezogen, seine Bettrolle zusammengebunden und seinen Speer in der Hand.

„Die Zeit ist gekommen“, verkündete sein Vater und wiederholte damit die Worte, die man auch zu ihm gesagt hatte.

Sie standen sich jetzt auf Augenhöhe gegenüber, und Osborn würde noch weiter wachsen. Später, am Abend, würde er als Mann zurückkehren und seinen Platz bei den Kriegern einnehmen.

Sein Vater nickte. „Ich werde dir jetzt sagen, was mein Vater mir gesagt hat und wohl auch sein Vater zu ihm und die Väter vor ihm. Was du jetzt tun musst, tust du allein. Lass deinen Bierschlauch hier, nimm keinen Proviant mit. Trag nichts bei dir als deine Waffe. Sei mutig, aber vor allem sei ehrenhaft.“

„Woher weißt du, wann es vorbei ist?“, fragte Osborn.

„Ich werde es einfach wissen. Jetzt geh.“

Osborn drehte sich um und suchte schweigend seinen Weg durch das Unterholz, wie sein Vater es ihn vor vielen Jahren gelehrt hatte. Eine seiner vielen Lektionen. Letzte Nacht hatten sie an der Grenze zum heiligen Bärenland geschlafen. Jetzt war es an der Zeit, die Grenze zu übertreten.

Mit einem tiefen Atemzug betrat er das heilige Land und genoss den unerwarteten Schwall der Macht, die sich in seinem Körper ausbreitete. Sie schwoll in seiner Brust an und wuchs dann bis in seine Gliedmaßen und seine Finger. Mit dieser neuen Kraft packte Osborn seinen Speer und fing an zu rennen. Schneller als je zuvor folgte er diesem Sog der Macht und vertraute seinen Instinkten.

Zeit verlor alle Bedeutung. Er wurde nicht müde, nicht einmal, als die Sonne am Himmel höher stieg. Sein Blickfeld verengte sich, und der schwere Duft nach Moschus hing in der Luft. Bärenmoschus.

Die Zeit war gekommen.

Jeder Muskel, jeder seiner Sinne spannte sich an. Instinktiv wendete er den Kopf, und er sah ihn.

Der Bär war ein Riese. Er ragte mehr als zwei Fußspannen höher auf als Osborn, seine wilden Klauen waren geschwungen, sein dunkelbraunes Fell spannte sich straff über festen Muskeln. Osborn sah der schrecklichen Kreatur in die Augen. Wieder durchfuhr ihn etwas Mächtiges, und seine Muskeln verkrampften sich. Sein Körper erstarrte.

Der Bär knurrte, ein donnerndes Geräusch, das die Erde unter seinen Füßen zum Beben brachte. Osborn fühlte, wie er die Augen aufriss, aber er konnte sich immer noch nicht bewegen.

Die Zeit war gekommen.

Osborn zwang sich, die Finger zu bewegen und entspannte seinen Arm. Und dann, in einem schwungvollen Bogen, den er Hunderte Male mit seinem Vater geübt hatte, warf er den Speer. Die scharfe Spitze voran, sauste die Waffe durch die Luft. Das Tier brüllte, als sie in seiner Brust versank. Blut verdunkelte seinen Pelz.

Mit einem kehligen Schrei sprintete Osborn dorthin, wo der Bär zu Boden gefallen war, und griff nach dem Holz, das in seinem Körper steckte. Das Tier wurde wild, als Osborn sich ihm näherte, und hieb mit seinen tödlichen Klauen nach ihm. Eine Welle der Angst lief ihm über den Rücken. Der rostige salzige Geruch nach Blut drang ihm in die Nase. Osborn schüttelte den Kopf, um das heisere wütende Grollen des Bären an sich abprallen zu lassen. Der Bär rollte sich auf die Füße, ragte wieder über ihm auf, ganz nah diesmal. So nah.

Osborn nahm all seine Entschlossenheit zusammen. Er sollte ein Krieger werden. Ein tapferer. Er griff nach dem Speer. Eine Waffe war alles, was ein Junge mit sich bringen durfte. Der Bär schlug nach ihm, seine Klauen zerfetzten den Stoff seines Hemdes und rissen die Haut über seinem Bizeps auf. Mit einem mächtigen Hieb warf das Tier Osborn so hart zu Boden, dass ihm die Luft aus den Lungen wich.

Vergiss den Schmerz. Vergiss das Blut. Vergiss die Angst.

Wieder konzentrierte sich Osborn nur auf den Augenblick. Er griff noch einmal nach dem Speer, und dieses Mal gelang es ihm, ihn aus dem Körper des Bären zu ziehen. Doch dafür zahlte er einen Preis. Das mächtige Tier schlug noch einmal nach ihm, und die Pranke riss ihm das Fleisch von der Schulter bis hinab zur Hüfte auf. Der Schmerz war die reine Qual, und die Welt verschwamm vor seinen Augen, doch er hielt die Hand ruhig und zielte auf die Kehle des Bären.

Das Tier fiel erneut zu Boden, und Osborn wusste, dass es dieses Mal nicht wieder aufstehen würde. Er sah in die dunkelbraunen Augen des Bären. Quälendes Mitleid überkam ihn plötzlich. Deswegen erzählten die Krieger nie von ihren Erfahrungen.

Der Bär atmete mühsam. Blut tropfte ihm aus der Nase. Osborn kniff die Augen fest zusammen und kämpfte gegen die Übelkeit an, die ihn zu überwältigen drohte. Sein Blick fiel auf die schmerzgetrübten Augen des Bären. Er entehrte die Seele dieses mächtigen Tieres, indem er es leiden ließ. Die Seele des Bären brüllte darum, entlassen zu werden. Auf die nächste Reise zu gehen.

Die Zeit war gekommen.

Osborn fasste den Speer fester, trieb ihn direkt ins Herz des Bären und beendete so dessen Leben. Die Welle der Macht, die über ihn hereinbrach, ließ ihn fast rückwärts stolpern. Er kämpfte dagegen an, aber sie riss seine Seele einfach mit sich. Die Energie des Ber verschmolz mit seiner eigenen Natur und machte ihn zu einem der Krieger, die im ganzen Reich als Berserker bekannt waren.

Er spürte, wie seine Muskeln zu zittern begannen, fühlte, wie ihn der Blutverlust schwächte. Aber die Wunden würden heilen. Und dann wäre er stärker als je zuvor. Osborn rang nach Luft und stolperte zurück an die Stelle, an der er sich von seinem Vater getrennt hatte.

Sichtbare Erleichterung glitt über die Miene seines Vaters, und seine braunen Augen wurden warm, als er seinen Sohn kommen sah. Osborn richtete sich trotz des Schmerzes sofort auf. Er war ein Krieger, er würde seinen Vater auch begrüßen wie ein Krieger. Aber sein Vater umarmte ihn, packte ihn und drückte ihn fest an seine Brust. Einige Augenblicke lang sonnte Osborn sich im Stolz und in der Liebe seines Vaters, ehe er sich von ihm löste und begann, das Lager zusammenzupacken.

„Es war schwerer, als ich dachte. Ich hatte nicht erwartet, mich so zu fühlen“, platzte es ohne erkennbaren Grund aus Osborn heraus. Er bereute seine übereilten Worte sofort. Das waren die Gefühle eines Jungen. Nicht die eines Mannes. Nicht die eines Kriegers.

Doch sein Vater nickte nur. „Es soll auch nicht einfach sein. Ein Leben, egal wessen Leben, darf man nie ohne einen Sinn und ohne Mitleid nehmen.“ Er stand auf und legte sein Bündel über die Schulter. „Führe mich zu dem Bären. Wir müssen ihn vorbereiten.“

Sie gingen schweigend nebeneinander her in das heilige Land, wo der Bär seinen letzten Atemzug getan hatte. Sein Vater brachte ihm bei, nach altem Brauch dem Bären Ehre zu zollen, und dann machten sie sich an die Arbeit.

„Jetzt hast du das Herz eines Bären. Als ein Krieger von Ursa wirst du den Geist des Bären in dir tragen. Dein Ber-Geist wird immer bei dir sein, wird schweigend in dir warten, bereit sein für deinen Ruf. Die Stärke des Bären kommt zu dir, wenn du deine Bärenhaut trägst“, sagte sein Vater und hob den Pelz des Bären hoch. „Überlege es dir gut, bevor du den Pelz anlegst. Du wirst in der Lage sein zu töten, Osborn, und das mit Leichtigkeit. Doch niemals ohne Ehre.“

„Das werde ich, Vater“, schwor er mit einem bescheidenen Gefühl des Stolzes. „Was machen wir jetzt?“

„Wir nehmen das Fleisch, damit unser Volk etwas zu essen hat. Die Klauen benutzen wir als Waffen. Wir verschwenden nicht, was der Bär uns gegeben hat. Wir ehren sein Opfer.“ Sein Vater fuhr mit einem Finger den Pelz des Bären entlang. „Aber der Pelz gehört dir allein. Du trägst ihn nur, wenn du in die Schlacht ziehst und den Geist des Bären zu dir rufen musst.“

So wie er es schon bei seinem Vater gesehen hatte und bei Dutzenden Kriegern von Ursa, die ihr Heimatland beschützten. Jetzt schloss er sich ihren auserlesenen Rängen an.

Sie kamen in der Nacht. Doch Vampire waren in der Nacht am stärksten. Sie griffen an, als alle schliefen, während die Krieger und ihre Söhne auf Bärenjagd waren. So verhielten sich Feiglinge.

Die Schreie der Frauen erfüllten die Luft. Das Lodern der brennenden Häuser und Scheunen und Kornschober erleuchtete den Himmel. Vater und Sohn betrachteten die Szene, die sich ihnen darbot. Osborns Mutter war dort unten. Seine Schwester.

Sein Vater streifte die Kleider ab und griff nach seiner Bärenhaut und seinem Schwert, die er stets in Reichweite behielt. Osborns eigenes Fell war noch nicht fertig, noch nicht in der Sonne gegerbt, aber er griff dennoch danach und legte es sich um die nackten Schultern. Blut und Sehnen klebten noch an dem Pelz und drangen durch die Wunden an seinen Armen in seinen Körper ein und tropften an ihm hinab. Mächtige Wut erfasste ihn. Er spürte nichts anderes mehr. Keine Trauer um den Bären, keine Sorge um seine Brüder oder seine Schwester oder Mutter, kein Bedauern über den Verlust der Vorräte, die sein Volk durch den harten Winter bringen sollten. Osborn fühlte nichts mehr außer todbringender Wut.

Mit einem Kriegsgebrüll stürmte er den Hügel hinab zu seinem Dorf, seinem Volk. In die Schlacht. Er achtete nicht auf die Warnung seines Vaters. Ein Vampir drehte sich nach seinem Schrei um. Blut tropfte ihm vom Kinn, und ein eiskaltes Lächeln lag auf seinen grausamen Lippen.

Die Kraft seines Zornes überwältigte Osborn. Er griff den Vampir an, packte ihn an der Kehle, zerrte an seinem Fleisch, riss den Körper der Kreatur mit bloßen Händen in Stücke. Er brauchte keinen Pflock, nur seine Faust. Er trieb sie durch Haut, Knochen, bis ins Herz. Der Vampir brach vor seinen Füßen zusammen.

Osborn drehte sich noch einmal um, bereit, einen weiteren umzubringen. Und er tat es. Wieder und wieder. Doch die Krieger von Ursa waren in der Unterzahl. Die Vampire warteten, mit Keulen bewaffnet, auf die Väter und Söhne, die langsam ins Dorf zurückkehrten. Sie waren leichte Beute. Die Kreaturen wussten, was sie taten, indem sie weder mit Klingen noch mit Flammen gegen sein Volk antraten.

Die Leichen seiner Nachbarn lagen zwischen den Bluttrinkern, die er getötet hatte. In der Ferne sah er, wie sein Vater immer noch kämpfte. Er trat mit Leichtigkeit gegen zwei Vampire an, sein Berserkergang ein treuer Verbündeter. Doch dann sah er seinen Vater fallen. Die Vampire machten sich bereit, ihm die letzte Lebenskraft auszusaugen. Seine Seele.

„Nein“, brüllte er, und seine Wut stieg immer weiter an. Er griff sich noch im Rennen ein Schwert von einem der gefallenen Männer. Die Klinge mochte seinem Fleisch nichts anhaben können, doch sie würde bald eine Heimat im bitteren düsteren Herzen eines Vampirs finden.

Der Bluttrinker am Hals seines Vaters verlor seinen Kopf, noch ehe er merkte, dass Gefahr drohte. Der zweite Vampir hatte noch Zeit, sich zu wehren, und steigerte damit nur Osborns Wut. Der Krieger lachte in den Sonnenaufgang, als der Vampir ihm zu Füßen fiel. Er drehte sich um, bereit, weiter zu töten. Seine Wut wurde nur durch den Tod seines Feindes gelindert. Aber er war umzingelt.

Die Vampire bewegten sich in unfassbarer Geschwindigkeit, um sich denen anzuschließen, die ihn langsam einkreisten. Selbst unter seinem Berserkergang, angefüllt mit dem Geist des Bären, wusste er, dass er so viele Vampire nicht besiegen konnte. Die Vampire hatten dafür gesorgt, dass niemand ihm mehr helfen konnte.

Er konnte nur noch dafür sorgen, dass er so viele von ihnen wie möglich mit sich nahm, wenn er starb. Er hob sein Schwert und machte sich für die Schlacht bereit.

Ebenso schnell, wie die Vampire ihn umzingelt hatten, ließen sie von ihm ab. Licht drang durch das Laub der Bäume. Einer nach dem anderen verschwanden die Vampire, schneller als seine Augen ihnen folgen konnten.

„Kommt zurück und kämpft!“, rief er ihnen nach.

Das Rascheln des Windes im Gras war seine einzige Antwort.

„Kämpft, ihr Feiglinge.“

Aber seine Wut verflog, und stattdessen blieb ihm nur Verzweiflung. Sein Pelz rutschte ihm von der Schulter.

Die Vampire, die auf dem Boden im Sterben lagen, fingen an zu zischen. Rauch stieg von ihren Körpern auf, und bald waren sie nur noch Asche.

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