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Die Tränen der Maori-Göttin

SARAH LARK

DIE TRÄNEN
DER
MAORI-GÖTTIN

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNG

Wie immer haben an der Entstehung dieses Buches viele Menschen mitgewirkt, von meinem wunderbaren Agenten Bastian Schlück über meine nicht minder großartige Lektorin Melanie Blank-Schröder zu meiner hervorragenden Textredakteurin Margit von Cossart. Ohne sie würde ich mich im Zeitdickicht meiner Bücher hoffnungslos verstricken und auch schon mal verlaufen. Jahreszahlen und Himmelsrichtungen sind nicht mein Ding.

Vielen Dank auch meinen Testlesern und diesmal auch meinen Eltern und Freunden in Mojácar, die wochenlang mit einer gewissen geistigen Abwesenheit meinerseits leben mussten. Besonderen Dank meinem Hausmeisterehepaar Joan und Anna Puzcas – die neuerdings meine Bücher lesen können, da sie jetzt ja auch auf Spanisch erscheinen. Ohne euch ginge gar nichts, weder Lesereisen noch monatelanges Versinken in fremden Kulturen!

Und natürlich vielen, vielen Dank an alle Menschen, die helfen, dieses Buch an die Leser zu bringen, von der Marketingabteilung und dem Vertrieb bei Bastei Lübbe bis zu den Buchhändlern. Und den allergrößten Anteil am Erfolg von Sarah Lark haben natürlich die Leser selbst! In der letzten Zeit durfte ich viele von Ihnen kennenlernen und mich über persönlichen Kontakt freuen.

Sarah Lark

Stammbaum
Stammbaum

PROLOG

Neuseeland
Parihaka

1894

Langsam senkte sich die Dämmerung über die Berge und die See. Die Sonne, die jetzt, im Winter, ohnehin nicht hoch am Himmel gestanden hatte, ließ sich gelassen ins Meer gleiten, während ihre letzten Strahlen den majestätischen Mount Taranaki in rotgoldenes Licht tauchten.

Die Spitze des Berges war schneebedeckt und bildete eine beeindruckende Kulisse für das Dorf Parihaka.

Wie ein Wächter, pflegte Atamaries Mutter zu sagen, wir freuen uns an seiner Schönheit und fühlen uns sicher in seinem Schatten.

Atamarie fand das manchmal ein bisschen befremdlich – schließlich lernte sie in der Schule, dass der Mount Taranaki ein Vulkan war und keineswegs ein friedlicher! Vor hundertfünfzig Jahren war er das letzte Mal ausgebrochen, und theoretisch konnte das jederzeit wieder passieren. Ihre Mutter winkte jedoch ab, wenn Atamarie ihr das vorhielt. Aber nein, Atamarie, die Götter werden jetzt Frieden halten, die Zeit der Kriege ist vorbei, sagte sie. Und dann erzählte sie Atamarie und den anderen Kindern die Legende rund um den Gott des Mount Taranaki, der sich mit einem anderen Berggott um die Liebe einer Waldgöttin stritt. Die Göttin Pihanga entschied sich schließlich für seinen Rivalen, und Taranaki zog sich nach dem Kampf mit den anderen Berggöttern verärgert an die Küste zurück. Damit kam der Krieg in ihre Welt und auch in die der Menschen. Aber es gab Hoffnung. Irgendwann würde Taranaki einlenken, und wenn die Götter sich dann wieder vertrugen, konnten auch die Menschen mit dauerhaftem Frieden rechnen.

Die meisten Kinder lauschten diesen Geschichten mit offenen Mündern und voller Ernst, aber Atamarie interessierte sich eigentlich mehr für die vulkanische Aktivität des Mount Taranaki und ihre Auswirkungen auf das Land. Ihre Lieblingsfächer in der Otago Girls’ School in Dunedin waren Mathematik, Physik und Geografie. Für romantische Geschichten war eher ihre Freundin Roberta zuständig.

Insofern hatte Atamarie auch an diesem Abend wenig Sinn für die Erzählungen und Lieder der alten Menschen in Parihaka, die den Kindern von der Sternkonstellation berichteten, die sich in dieser oder einer der nächsten Nächte am Himmel zeigen sollte: von Matariki – den Augen des Gottes Tawhirimatea – oder von einer Mutter mit sechs Töchtern, auf dem Weg, der erschöpften Sonne zu helfen, sich nach dem Winter erneut zu erheben … Für Atamarie waren es einfach die Plejaden, die jeden Winter um diese Zeit am Himmel über Neuseeland in Sicht kamen. Sehr nützlich zur Bestimmung der Wintersonnenwende und früher auch für die Navigation auf dem Meer zwischen Hawaiki, der ursprünglichen Heimat der Maori, und Aotearoa, dem Land, in dem sie heute lebten und das die Weißen Neuseeland nannten. Und sehr hübsch anzusehen natürlich am nächtlichen Himmel. Die Magie der Sterne erschloss sich Atamarie allerdings nicht, und den Sagen und Märchen rund um Matariki lauschte sie stets nur mit halbem Ohr.

Dafür interessierte sie sich umso mehr für die Funktion der Erdöfen, welche die Bewohner Parihakas zuvor mit Gemüse und Fleisch befüllt hatten. Dies gehörte zur Zeremonie des Neujahrsfestes, das die Maori beim Auftauchen der Plejaden Ende Mai oder Anfang Juni begingen.

Atamarie linste begeistert in die glühend heißen Höhlen, welche die Männer schon am Vormittag ausgehoben hatten. Hangi nutzten die vulkanische Aktivität des Taranaki zum Garen der Speisen. Man wickelte Fleisch und Gemüse in Blätter, legte sie in Körbe und stellte sie auf die kochend heißen Steine. Anschließend wurden sie mit nassen Tüchern bedeckt, und dann verschloss man die Grube mit Erde. Im Laufe der nächsten Stunden sollten die Speisen garen – und möglichst genau dann fertig sein, wenn das Sternbild Matariki am Himmel aufleuchtete.

Atamarie sah genauso begierig nach den Sternen aus wie die anderen Kinder. Sie freute sich auf das Fest, schließlich war sie extra dafür aus Dunedin auf die Nordinsel gekommen. Wobei natürlich nicht sicher war, dass die Plejaden sich wirklich während der kurzen Winterferien zeigen würden. Aber Matariki und Kupe, Atamaries Mutter und ihr Stiefvater, hatten es darauf ankommen lassen.

»Du musst das Neujahrsfest mal in Parihaka erleben!«, hatte Matariki, die nach dem Sternbild benannt worden war, geschrieben. Viele Maori-Namen bezeichneten ursprünglich Naturphänomene – Atamarie hieß nach dem Sonnenaufgang. »Es hat hier einen besonderen Zauber.«

Atamarie verdrehte ein bisschen die Augen. Für ihre Eltern hatte alles, was mit Parihaka zusammenhing, einen besonderen Zauber. Sie hatten schon lange vor Atamaries Geburt in dem berühmten Dorf gelebt, damals, als der Prophet Te Whiti hier noch den Frieden zwischen den Weißen, den pakeha, und den Maori gepredigt hatte. Kupe hatte im Gefängnis gesessen, nachdem das Dorf dann von den Engländern gestürmt und die Bewohner enteignet worden waren. Und Matariki war mit dem Mann fortgelaufen, der Atamaries Vater werden sollte.

Sehr viel später war Te Whiti allerdings nach Parihaka zurückgekehrt und mit ihm viele seiner treuen Anhänger. Sie hatten das Dorf wieder aufgebaut und waren dabei, es erneut zu einem spirituellen Zentrum der ersten Siedler Neuseelands werden zu lassen. Diesmal allerdings weniger von Träumen getragen als von Verträgen und sicheren Absprachen. Kupe und Matariki hatten ihr Stück Land von der Regierung Taranakis gekauft – auch wenn sie es nach wie vor nicht richtig fanden, den Weißen Geld für ihr eigenes Stammland zu geben. Kupe, inzwischen Rechtsanwalt, hatte einige Klagen angestrengt. Es war recht wahrscheinlich, dass Te Whiti und sein Stamm Entschädigungszahlungen erhalten und auf Dauer ihr Land zurückbekommen würden.

Die Menschen jedenfalls kamen wieder, und es gab auch erneut Kinder in Parihaka, die Matariki in einer neuen Schule unterrichtete. An eine High School war vorerst allerdings nicht zu denken. Atamarie besuchte deshalb eine renommierte Mädchenschule in Dunedin und verbrachte die Wochenenden abwechselnd bei ihren Großeltern und in der Familie ihrer Freundin Roberta.

Parihaka konnte Atamarie nur in den Ferien besuchen, was sie wunderbar fand. Sie freute sich auf ihre Eltern und das freie Leben im Maori-Dorf, in dem es sehr viel weniger Regeln und Verbote gab als in der Otago Girls’ School. Einige Wochen Flachsweben, Tanzen und Spielen der traditionellen Maori-Musikinstrumente, Fischen und Arbeit auf den Feldern genügten ihr aber stets. Das Motto von Parihaka Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen! kam Atamaries Neigungen zwar entgegen, allerdings hatte sie völlig andere Vorstellungen als die Leute, die in Parihaka die traditionellen Künste des Maori-Volkes unterrichteten. Immer wenn das Mädchen Anstrengungen machte, etwas konkret zu verbessern – den Webrahmen zum Beispiel, an dem sie Flachs weben sollte, oder die Reuse zum Fischefangen –, lehnte man seine Vorschläge empört ab. Und manchmal fielen sogar unfreundliche Worte über Atamaries pakeha-Abstammung, worüber sich Matariki mehr aufregte als ihre Tochter. Atamarie war es gänzlich egal, wie viele ihrer Vorfahren aus dem einen oder dem anderen Volk stammten. Sie wollte nur nicht mehr Stunden mit Webarbeiten verbringen als unbedingt nötig, und sie hatte keine Lust, Fische zu verlieren, weil die Reuse nicht richtig schloss.

Am Ende der Ferien würde sie froh sein, Parihaka wieder verlassen und nach Dunedin zurückkehren zu können. Die Otago Girls’ School war eine äußerst moderne Einrichtung, und die Lehrerinnen unterstützten Erfindungsreichtum bei ihren Schülerinnen.

Jetzt aber stand das Neujahrsfest der Maori bevor, und irgendwann mussten die Plejaden erscheinen. Die alten Leute wachten bereits die dritte Nacht in Folge, obwohl das eigentlich sinnlos war. Wenn die Sterne in Sicht kamen, so in der Regel gleich nach Sonnenuntergang.

»Es ist eine Zeit des Wartens und des Sicherinnerns, Atamarie«, erklärte Matariki. »Die alten Leute denken über das Gestern, Heute und Morgen nach, über das alte Jahr und das neue … Da ist es gar nicht so wichtig, ob die Sterne an diesem Tag erscheinen oder an einem anderen.«

Atamarie verstand das zwar nicht, aber es zwang sie natürlich auch keiner dazu, wach zu bleiben. Wenn das Essen gar und verspeist war und die Erwachsenen noch Musik machten und redeten, verzogen sich die Kinder schon in die Schlafhäuser, kuschelten sich aneinander und erzählten Geschichten. Für Atamarie war das dann fast wie im Internat in Dunedin – nur dass hier nicht mit dem Auftauchen einer Lehrerin zu rechnen war, die ihre Zöglinge energisch zur Ordnung rief.

Nun sah sie gemeinsam mit den anderen Kindern zu, wie die Sonne in der Tasmansee versank. Das Licht über dem Ackerland rund um Parihaka wurde diffus, und nur der Schnee vom kegelförmigen Gipfel des Berges leuchtete noch ein wenig golden. Der Himmel verdunkelte sich rasch – und plötzlich sah Atamarie die Sterne! Strahlend hell und klar stiegen die Plejaden auf über dem Meer, angeführt von dem größten der sieben Sterne: Whanui.

Die Kinder begannen sofort, die Sternformation mit dem traditionellen Lied zu begrüßen, das ihre Lehrerin Matariki ihnen beigebracht hatte:

»Ka puta Matariki ka rere Whanui.

Ko te tohu tena o te tau e!«

Matariki ist zurück! Whanui beginnt seinen Flug.

Das Zeichen für ein neues Jahr!

»Und ein gutes Zeichen!«, freute sich Atamaries Mutter und nahm ihren Mann und ihre Tochter in die Arme. Kupe war extra von Wellington nach Parihaka gekommen, um das Neujahrsfest mit ihnen zu feiern. Er hatte oft dort zu tun, unter anderem bewarb er sich um einen der Maori-Sitze im Parlament. Jetzt küsste er Matariki und Atamarie und hörte zu, wie seine Frau die Zeichen deutete.

»Wenn die Sterne so klar am Himmel stehen, gibt es einen kurzen Winter, und wir können die Einsaat schon im September ausbringen«, belehrte sie ihre Familie und ihre Schüler. »Wenn sie dagegen verhangen wirken und nah beieinanderstehen, als müssten sie sich aneinander wärmen, dann wird der Winter hart, und das Pflanzen beginnt erst im Oktober.«

Atamarie runzelte mal wieder die Stirn. Ihre Lehrerin in Dunedin hätte wahrscheinlich nur ein paar Wolken dafür verantwortlich gemacht, wenn man die Sterne schlecht gesehen hätte. Atamarie stellte sich im Moment andere Fragen.

»Warum weinen die Großmütter eigentlich, Mommy?«, erkundigte sie sich. Die alten Leute waren beim Anblick der Sterne in Weinen und Wehklagen ausgebrochen. »Es ist doch schön, dass die Sterne da sind! Und ein neues Jahr!«

Matariki nickte und strich ihr langes schwarzes Haar zurück. »Ja, aber die Alten denken noch an das letzte Jahr. Sie nennen den Sternen die Namen der Menschen, die seit ihrem letzten Auftauchen verstorben sind, und beten für sie. Und dann beweinen sie die Toten zum letzten Mal, bevor das neue Jahr beginnt.«

Die alten Leute hatten nun auch begonnen, die hangi zu öffnen, wobei ihnen Kupe und die anderen Männer gleich halfen. Kurz darauf stieg aromatischer Duft aus den Erdöfen zum Himmel.

»Der Duft nährt die Sterne«, verriet Matariki, »und gibt ihnen Kraft nach ihrer langen Reise.«

Atamarie lief das Wasser im Munde zusammen, aber bevor sich die Menschen von den Speisen aus den Erdöfen nährten, gab es noch verschiedene Begrüßungszeremonien für die Sterne. Junge und Alte sangen und tanzten die traditionellen haka. Dazu ließen die Erwachsenen Bier- und Weinkrüge und Whiskeyflaschen kreisen, und Matariki und Kupe wurden wie immer wehmütig und sprachen mit ihren Freunden über die alten Zeiten in Parihaka. Wenn man ihnen glaubte, war das Leben damals ein einziges Fest gewesen. Das Dorf war angefüllt mit jungen Menschen aus allen Teilen Aotearoas, und jeden Abend gab es Lachen, Musik und Tanz.

Die meisten Erwachsenen verbrachten die gesamte Neujahrsnacht draußen an den Feuern, aber Atamarie und die anderen Kinder schliefen irgendwann ein – um gleich am nächsten Morgen wieder mit Feuereifer dabei zu sein. Am Neujahrstag ging das Fest schließlich weiter, wieder wurde getanzt, gesungen, wurden Spiele gespielt, und vor allem holten die Jungen ihre Fluggeräte hervor. Drachen zu bauen gehörte zu den Traditionen Aotearoas, die in Parihaka lebendig gehalten wurden. Das Maori-Wort dafür war manu.

Ein paar Fachleute in der Kunst des Drachenbaus hatten denn auch in den letzten Wochen im Dorf unterrichtet. Aber als Atamarie aus Dunedin gekommen war, hatten alle Männer und Kinder aus dem Dorf bereits ihre Arbeiten beendet, sie selbst hatte nicht mehr mitmachen können. Insofern stand sie jetzt mit leeren Händen daneben, während die anderen dem großen Augenblick entgegenfieberten, ihre manu als Mittler zwischen der Welt und den Sternen, den Göttern und den Menschen in den Himmel zu schicken. Natürlich war sie etwas traurig, den Lehrgang verpasst zu haben, aber dennoch konnte Atamarie es kaum abwarten, die Drachen fliegen zu sehen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mädchen bewunderte sie nicht in erster Linie den bunten Schmuck der manu, bestehend aus Federn und Muscheln, oder die kunstvolle Bemalung, die ihnen Gesichter gab und sie zu birdmen – Vogelmenschen – machte. Atamarie war es wichtiger, herauszufinden, warum sich diese flachen, aber doch recht schweren Gestelle aus Holz und Blättern überhaupt in die Lüfte erhoben.

Sie schlenderte zu einem der Jungen hinüber, der einen besonders großen, liebevoll mit Rauten und Stammeszeichen verzierten Drachen flugfertig machte.

»Der hat gar keinen Schwanz«, bemerkte sie.

Der Junge sah sie stirnrunzelnd an. »Wieso sollte ein manu einen Schwanz haben?«, erkundigte er sich.

»Weil pakeha-Drachen einen haben«, belehrte ihn Atamarie. »Ich hab’s auf Bildern gesehen.«

Der Junge zuckte die Schultern. »Da hat der tohunga nichts von gesagt. Nur dass man ein Gestänge braucht und eine Leine – oder zwei, wenn man lenken will. Aber das hat er uns noch nicht gezeigt. Das sei zu schwierig, meint er.«

Dennoch hatte der Junge zwei Schnüre aus Flachs an seiner Konstruktion angebracht.

»Erst mal muss das Ding aber überhaupt in die Luft«, konstatierte Atamarie. »Wie geht das? Warum steigt ein manu?«

»Durch den Atem der Götter«, antwortete der Junge. »Der manu tanzt mit ihrer Lebenskraft.«

Atamarie runzelte die Stirn. »Also durch den Wind«, sagte sie dann. »Aber wenn nun kein Wind ist?«

»Wenn die Götter ihm den Segen versagen, fliegt er nicht«, antwortete der Junge. »Es sei denn, man lässt ihn irgendwo heruntersegeln, von einer Klippe oder so. Aber dabei vermittelt er keine Botschaften an die Götter, er tanzt ja nicht hoch, sondern gleitet nur herunter. Und außerdem ist er dann natürlich weg.« Der Junge machte sich an den Seilen seines gewaltigen Drachens zu schaffen. Atamarie half ihm, das Fluggerät aufzustellen.

»Er ist fast so groß wie ich«, meinte sie. »Glaubst du, man könnte ihn sozusagen, hm … reiten? Und mitfliegen?« Atamarie reizte das weitaus mehr als die Kommunikation mit den Göttern.

Der Junge lachte. »Soll jedenfalls mal einer gemacht haben. Ein Häuptling der Ngati Kahungunu – Nukupewapewa. Er wollte das Pa Maungaraki erobern, aber es klappte nicht, seine Krieger konnten die Mauern des Forts nicht überwinden. Deshalb baute er einen riesigen manu aus Raupo-Blättern in der Form eines Vogels mit weit gespreizten Federn. Daran band er einen Mann fest und ließ den Drachen von einem Felsen oberhalb des Pa heruntersegeln. Er landete im Fort, und der Flieger öffnete den Eroberern die Tore.«

Atamarie lauschte mit leuchtenden Augen. »Deiner ist auch ein manu raupo«, stellte sie fest. »Du musst weit gelaufen sein, ich wüsste gar nicht, wo hier Raupo wächst.« Raupo war eine schilfartige Pflanze und wuchs in flachen Gewässern.

Der Junge lächelte verschmitzt und ein bisschen, als habe sie ein Geheimnis gelüftet. »Jaaa …«, sagte er dann, »war auch nicht einfach, ihn zu finden. Aber die Mühe lohnt sich vielleicht.«

Der Wunsch, den er an die Götter richten wollte, stand ihm im Gesicht geschrieben.

»Rawiri! Was machst du denn? Willst du den Drachen nicht endlich steigen lassen?«

Der Junge zuckte zusammen, als er die Stimme des tohunga hörte. Tatsächlich hatten sowohl er als auch Atamarie den Start der ersten Drachen verpasst, die meisten Jungen hatten ihre Fluggeräte bereits in den Wind gehalten und sahen nun fasziniert zu, wie sie aufstiegen. Die Priester von Parihaka beteten und sangen dazu, die Drachen sollten ihre Wünsche und ihren Segen hinauf zu den Sternen tragen. Atamarie verlor sich ein paar Herzschläge lang in dem wunderschönen Anblick der bunten manu vor dem auch heute sehr klaren Winterhimmel. Auch der Meister hatte seinen gewaltigen manu aute jetzt in die Lüfte gesandt und lenkte ihn geschickt zwischen all den kleineren Drachen seiner Schüler hindurch.

Rawiri kämpfte allerdings noch mit seinen zwei Schnüren und dem Problem, dass er allein kaum mit dem sehr großen Drachen fertig wurde.

»Soll ich ihn mal hochhalten?«, fragte Atamarie begierig.

Der Junge nickte. Und dann griff das Mädchen nach dem Drachen und wurde fast umgerissen von der Gewalt, mit der ihn der Wind aus seinen Händen zog. Der Drachen stieg steil in den Himmel, aber als Rawiri den ersten Versuch machte, seine Bahn zu beeinflussen, indem er die rechte Leine stärker anzog als die linke, stürzte er genauso steil ab.

Atamarie und Rawiri rannten gleichermaßen erschrocken und bestürzt auf den gefallenen Drachen zu, aber zum Glück war er nicht beschädigt.

»Jedenfalls ist nichts Wichtiges kaputt«, meinte Atamarie. Nur der Feder- und Muschelschmuck hatte ein bisschen gelitten.

Rawiri runzelte die Stirn und suchte hektisch nach einer Möglichkeit, die Verzierung wieder in Ordnung zu bringen. »Der tohunga meint, das sei durchaus wichtig. Der Drachen sieht durch die Augen aus Muscheln, und die Bemalung ist unsere Botschaft an die Götter …«

Tohunga waren nicht nur Fachleute auf speziellen Gebieten wie Drachenbau, Jadeschnitzen, Musik oder Heilkunst, sondern hielten auch Kontakt zu den für ihre Künste zuständigen Geistern.

Atamarie zuckte die Schultern. »Also zu den Göttern muss er ja erst mal raufkommen«, bemerkte sie dann. »Lass es uns noch mal probieren. Die Botschaft können wir dann schicken, wenn wir wissen, dass es klappt.« Sie hatte auf keinen Fall Lust, jetzt noch zu warten, bis Rawiri den Schmuck erneuert hatte. Stattdessen schaute sie nun aufmerksamer zum Himmel und konzentrierte sich auf den Drachen des tohunga, der Rawiris abgestürzten Vogel eben etwas schadenfroh musterte. Natürlich, er hatte ihm gleich gesagt, es sei für Anfänger zu schwierig, einen Lenkdrachen zu bauen. Aber Atamaries Ehrgeiz war jetzt geweckt.

»Du musst die Leinen weiter außen festmachen«, schlug sie vor. »Und tiefer. Und das Beste wäre überhaupt, wir hätten vier …«

Rawiri schien ein bisschen in seiner Ehre gekränkt, aber nach einem weiteren erfolglosen Versuch fixierte er die Schnüre tatsächlich so, wie Atamarie es wollte. Mit verblüffendem Erfolg!

Der Drachen stieg wieder schnell auf, stand diesmal aber viel sicherer in der Luft, und als Rawiri einen vorsichtigen Lenkversuch machte, folgte er gehorsam seinem Leinenzug.

»Es geht! Er fliegt, er fliegt! Er fliegt, wohin ich will!« Rawiri jubelte. Sein vogelartiger Drachen behauptete sich stolz neben dem dreieckigen des Meisters.

»Willst du auch mal?«, fragte er großzügig.

Atamarie griff ohne Zögern nach der Schnur. Sie war das einzige Mädchen, das hier die Leinen eines manu hielt, aber das störte sie nicht. In großen Schwüngen lenkte sie den Drachen über den Himmel.

»Ich glaube, sie stimmt, diese Legende von den Ngati Kahungunu«, meinte Rawiri. »Man kann mitfliegen. Wie ein Vogel. Der Drachen muss nur groß sein und die Götter auf seiner Seite haben.«

Atamarie nickte. Natürlich konnte man mitfliegen, der Wind hätte sie ja eben schon fast mit hochgerissen. Aber …

»Es muss auch ohne Wind gehen«, gab sie entschieden zurück.

GESCHENKE
DER GÖTTER

Neuseeland
Dunedin, Christchurch,
Lawrence, Parihaka

1899 – 1900

KAPITEL 1

Das Lehrerseminar war in einem Nebengebäude der Universität von Dunedin untergebracht, und Atamarie fand den schmucklosen Bau einfach nur scheußlich. Aber gut, sie musste ja nicht hier studieren. Das College, das sie selbst gerade aufgenommen hatte, war sehr viel weitläufiger und wirkte deutlich imponierender. Gotischer Stil, hatte ihre Tante Heather gesagt, aber natürlich ein Nachbau. Als man in Europa gotische Kathedralen gebaut hatte, war Neuseeland noch nicht von Weißen besiedelt gewesen.

Atamarie fragte sich, ob sie sich die Namen aller möglichen Baustile würde merken müssen, wenn sie jetzt am Canterbury College studierte. »Baukonstruktion« stand tatsächlich auf dem Lehrplan. Aber das war ja wieder etwas anderes als Architektur, oder? Nun ja, sie würde noch genug Zeit haben, sich damit zu beschäftigen. Jetzt musste sie erst mal Roberta von ihrem Erfolg berichten – und hören, wie es ihr am ersten Tag ihrer Studentenzeit ergangen war.

Atamarie stieg die Treppe zum Eingang hinauf und ließ sich auf einer der oberen Treppenstufen nieder. Fröhlich summte sie vor sich hin. Sie war ausgesprochen guter Dinge, wenn auch etwas müde nach der langen Zugfahrt. Dabei war die Verbindung gut, es war heute kein großes Problem mehr, zwischen Christchurch und Dunedin hin- und herzureisen.

Das jedenfalls versicherten sich Atamarie und Roberta, seit sie sich für ihre jeweiligen Studienfächer entschieden und dabei festgestellt hatten, dass sich ihre Wege hier zum ersten Mal seit neun Jahren trennen würden. Die Mädchen hatten einander kennengelernt, als ihre Mütter noch beide in Wellington auf der Nordinsel lebten und gemeinsam das Büro einer der Organisationen leiteten, die für das Frauenwahlrecht kämpften. Nachdem das glücklich errungen war, hatten beide Frauen geheiratet. Atamaries Mutter Matariki war mit ihrem Mann Kupe nach Parihaka gezogen und Robertas Mutter Violet mit ihrem Gatten Sean in dessen Heimatstadt Dunedin. Roberta hatten sie natürlich mitgenommen. Sie durfte wie Atamarie die Otago Girls’ School besuchen. Die beiden hatten hier einige Wochen zuvor ihren Highschoolabschluss gemeistert und freuten sich nun an einem weiteren Erfolg der Frauenrechtlerinnen in Neuseeland: Die Universitäten der Südinsel standen Frauen unbeschränkt offen. Selbst dann, wenn sie ein eher ungewöhnliches Studienfach anstrebten wie Atamarie.

Im Inneren des Schulgebäudes tat sich jetzt etwas. Anscheinend endete der Seminartag, und gleich darauf traten auch die ersten Studenten aus den Toren. Fast durchweg junge Frauen, konservativ gekleidet in engen dunklen Röcke und Blusen in gedeckten Farben, die unter den strengen Kostümjacken hervorblitzten. Einige wenige trugen schmucklose, sackartig fallende Reformkleider, die in Atamaries Augen ebenso langweilig und altjüngferlich wirkten wie der scheinbar unvermeidliche Kapotthut, den hier wirklich jede junge Frau spazieren trug. Dabei ging es doch auch anders. Atamarie und Roberta schnürten sich nicht, aber ihre raffiniert geschnittenen Kleider stammten aus Lady’s Goldmine, dem berühmtesten Modehaus der Stadt. Sowohl Roberta als auch Atamarie nannten Kathleen Burton, eine der Besitzerinnen der Boutique, Grandma, obwohl nur Atamarie blutsverwandt mit ihr verwandt war. Deren leiblicher Vater Colin war Kathleens Sohn, ebenso wie Robertas Stiefvater Sean.

Atamarie trug an diesem Tag jedenfalls ein sonnengelbes, mit bunten Blumen bedrucktes Reformkleid, darüber eine dunkelgrüne Mantille und dazu einen niedlichen Strohhut auf ihrem blonden Haar. Sie bemerkte, dass die Blicke der wenigen männlichen Studenten wohlgefällig auf ihr ruhten, während die Frauen eher ungnädig schauten. Sicher war es nicht üblich, womöglich sogar verboten, hier auf den Stufen zu sitzen.

Aber dann erschien auch endlich Roberta, und Atamarie sprang auf, um die Freundin zu umarmen. Dabei hätte sie Roberta auf Anhieb kaum wiedererkannt, so sehr versuchte die, sich der hiesigen Kleiderordnung anzupassen. Sie trug ihr unauffälligstes dunkelblaues Kleid, kombiniert mit einem schwarzen kurzen Mantel.

»Du siehst aus wie eine Eule!«, warf Atamarie ihr vor, nachdem sie die ersten Begrüßungen ausgetauscht hatten. »Müsst ihr euch so anziehen? Dieser Hut sieht aus, als käme er aus der tiefsten Truhe von Grandma Daldy.«

Amey Daldy war eine Frauenrechtlerin, die Atamaries und Robertas Mütter zwar überaus schätzten, die aber nicht gerade für ihre Extravaganz in Sachen Mode bekannt war.

Roberta lächelte verschämt – und zog damit trotz ihrer dezenten Aufmachung die Aufmerksamkeit der männlichen Studenten auf sich. Egal, wie sie sich verkleidete, Roberta Fence war eine Schönheit. Ihr volles Haar – jetzt in einen Knoten gezwungen, aber sonst lang und wellig über ihren ganzen Rücken fallend, war von einem satten Kastanienbraun. Ihr Gesicht war herzförmig und wirkte trotz klassischer Schönheit stets weich und sanft. Sie hatte volle Lippen und blaue Augen – nicht ganz so spektakulär türkisfarben wie die ihrer Mutter, aber tiefblau und klar wie die Seen im Hochland.

»Wir sollen seriös aussehen«, meinte sie dann. »Aber das sollen doch alle Studentinnen, oder?« Sie musterte Atamaries Aufzug missbilligend.

Atamarie zuckte die Achseln. »Ich falle sowieso auf, egal, was ich anziehe. Und sag jetzt nicht, Eulen seien die Vögel der Weisheit. Wenn du mich fragst, sind Papageien sehr viel pfiffiger.«

Roberta lachte und hakte sich bei Atamarie ein. Wenn sie ehrlich sein sollte, so hatte sie die Freundin schon in den zwei Tagen vermisst, die Atamarie in Christchurch gewesen war. Auf jeden Fall hatte sie in diesen Tagen erheblich zu wenig gelacht.

»Hast du den Studienplatz denn überhaupt gekriegt?«, erkundigte sie sich, während die zwei ein Café in der Nähe der Universität ansteuerten.

Atamarie nickte. »Klar. Ging ja nicht anders. Ich hatte die besten Noten von allen. Aber es war lustig! Professor Dobbins hielt mich zuerst wohl für eine Art Luftspiegelung.«

Sie kicherte und zog die Nase kraus, als trüge sie einen Kneifer oder eine dicke Brille. Dann imitierte sie den Hochschullehrer: »›Mr. Parekura Turei … oder nein … äh … Miss?‹ Der Mann war total verwirrt. Und dabei hatte er sich doch so auf den ersten Maori-Studenten gefreut. Wahrscheinlich hat er einen Riesenkrieger mit Tätowierungen erwartet.«

Roberta kicherte jetzt auch. »Und dann kamst du …«

Atamarie hatte mit einem Maori-Krieger absolut nichts gemeinsam. Sie war nicht klein, aber doch zartgliedrig, ihre weiblichen Formen zeichneten sich unter dem weiten Reformkleid erst zaghaft ab. Zudem hätte auf den ersten Blick niemand eine Maori in ihr vermutet. Atamarie hatte zwar etwas dunklere Haut als die meisten Weißen, und ihre Augen standen ein wenig schräg, aber ansonsten kam sie ganz nach ihrer Großmutter Kathleen – einer klassischen Schönheit mit hohen Wangenknochen, einer geraden Nase und feingeschnittenen Lippen.

»Aber wie konnte er …? Dein Vorname …«

Atamarie zuckte die Schultern. »Du musst zugeben, dass auch viele Maori-Männernamen auf i enden«, meinte sie. »Und der Mann ist Ingenieur, kein Sprachwissenschaftler. Das merkte man auch daran, dass ihm gleich erst mal die Worte fehlten. Aber ich hab mich dann vorgestellt, ihm mein Zeugnis hingehalten …«

»Was hat er dazu gesagt?«, fragte Roberta.

Atamarie lachte. »Solange er mich nicht angucken musste, war alles gut. Wobei ich ja eigentlich gar nicht furchterregend aussehe, oder?« Roberta verdrehte die Augen. Atamarie wusste genau, dass sie einen mehr als ansprechenden Anblick bot. »Aber immer, wenn er von den Papieren aufguckte, schien er an seinem Verstand zu zweifeln. Und dann fragte er mich, ob ich denn auch wirklich wüsste, was hier auf mich zukäme, und betete den Lehrplan runter: Grundsätze des Hoch- und Tiefbaus, Vermessungswesen, technisches Zeichnen, praktische Geometrie – Theorie und Praxis der Konstruktion von Dampfmaschinen …«

Atamarie lächelte voller Vorfreude.

»Und, was hast du gesagt?« Roberta ahnte bereits Schreckliches.

Atamarie blinzelte. »Na, was schon? Ich hab ihm gesagt, ich interessierte mich für Flugmaschinen. Und dann auch ein bisschen von Cayley und Lilienthal erzählt, er sollte ja nicht denken, ich wäre so eine Art … hm … Luftikus!« Sie lachte schon wieder.

Roberta öffnete die Tür des Cafés. »Ein wahres Wunder, dass du nicht gleich rausgeflogen bist«, bemerkte sie.

Atamarie hob die Brauen. »Dann hätte Onkel Sean das College verklagt«, sagte sie gelassen. »Aber Professor Dobbins trug es sowieso mit Fassung. Er war ganz nett und lächelte sogar. Und meinte, er fände es immer schön, wenn seine Studenten hoch hinaus wollten. Dann konnte ich gehen – und den nächsten sprachlos machen. Der Student, der den Neuen die Hochschule zeigen sollte, hat deutlich länger gebraucht, bis er wieder zu sich kam!«

Das Canterbury College of Engineering bestand seit zwölf Jahren und hatte mit zwei Teilzeitdozenten und zweiundzwanzig Studenten klein angefangen. Nach wie vor war der Studentenkreis überschaubar – und Atamarie würde als erste Frau ins College eintreten.

»Und wie war’s sonst?«, fragte Roberta. »Mit Heather? Habt ihr was unternommen?«

Atamarie zuckte die Schultern. »Erst mussten wir ja mal ein Zimmer finden. Aber das war einfach, Heather und Chloé haben Bekannte in Christchurch, zwei ganz nette Frauen. Wohnen zusammen wie Heather und Chloé und haben einen Buchladen. Da krieg ich auch gleich die ganzen Fachbücher. Und das Haus ist hübsch und nah an der Universität. Das Zimmer schön groß – Herrenbesuch soll ich vorher ankündigen!«

Sie kicherte. Die letzte Regelung war großzügig, gewöhnlich war es Studenten vollständig verboten, andersgeschlechtliche Freunde oder Freundinnen mit aufs Zimmer zu nehmen. Aber Heather und Chloé waren aufgeschlossen und modern – und ihre Freundinnen offensichtlich auch.

»Du willst dir doch wohl nicht gleich einen Freund suchen!«, empörte sich Roberta.

Atamarie seufzte. »Robbie, ich bin das einzige weibliche Wesen, das Ingenieurwissenschaften studiert. Wenn ich nicht völlig vereinsamen will, muss ich mich zwangsläufig mit den Jungen anfreunden. Was ja nicht gleich heißen muss, das Bett mit ihnen zu teilen.«

Roberta lief umgehend rot an, als Atamarie so unverblümt von Geschlechtsverkehr sprach. Die beiden jungen Frauen waren aufgeklärt – auch Roberta hatte die Ferien schon in Parihaka verbracht und den lockeren Umgang der Maori-Frauen mit der Liebe mitbekommen. Trotzdem hätte sie sich vorsichtiger ausgedrückt. Und sie selbst hatte auch noch keinerlei praktische Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, während Atamarie schon mal mit hübschen Jungen in Parihaka Küsse tauschte. Roberta war romantischer veranlagt. Sie konnte sich durchaus verlieben, aber das behielt sie für sich …

»Ansonsten waren wir dann noch auf der Rennbahn. In Addington. Weil Rosie unbedingt hinwollte. Aber leider lief gerade kein Trabrennen. Lustig war’s trotzdem. Lord Barrington hat uns in die Besitzerloge eingeladen, wir haben Sekt getrunken – und wir durften auf Pferde wetten.«

»Atamie!«

Roberta war entsetzt. Sie war im Rennbahnmilieu aufgewachsen und hatte es immer gehasst. Wetten und Whiskey, das hatte ihre Mutter ihr von klein auf vermittelt, konnten eine Familie ruinieren. Wobei sie aus Erfahrung sprach: Robertas leiblicher Vater war beidem verfallen gewesen.

»Nun hab dich nicht so! Lord Barrington hat drauf bestanden. Und Heather hat verloren, aber ich habe gewonnen. Zwei Mal. Wobei es ganz einfach war, ich hab immer auf das Pferd mit den längsten Beinen gesetzt und dem stromlinienförmigsten Körper. Alles pure Physik … na ja, beim dritten Mal hat’s nicht so geklappt, der Gaul kam nicht in die Gänge, ich glaube, er war einfach faul. Aber es ist genug übrig, um den Kaffee zu bezahlen!«

Vergnügt bestellte Atamarie dazu noch einen großen Teller Kuchen.

»In einer Galerie waren wir auch noch … aber ich hab vergessen, wie der Künstler hieß. Heather war jedenfalls ganz begeistert. Kommst du übrigens heute Abend? Oder muss man sich nicht nur wie die Eulen anziehen, sondern auch mit den Hühnern ins Bett, wenn man Lehrerin werden will?«

Roberta sah ihre Freundin tadelnd an. »Eulen sind nachtaktiv«, quittierte sie die Neckerei. »Und natürlich komme ich. Es ist ja eine Vernissage, kein Nachtclubbesuch! Wie heißt noch die Künstlerin?«

Atamarie zuckte die Achseln. Sie hatte sich auch das nicht gemerkt, aber damit war sie nicht allein in Dunedin. Es gab in dieser Stadt zwar recht viele reiche Leute, die sich Kunst leisten konnten, aber echten Enthusiasmus brachten nur wenige dafür auf. Dennoch waren die Vernissagen in Heathers und Chloé Coltranes Galerie sehr beliebt. Sie gehörten zu den wichtigsten gesellschaftlichen Anlässen in der Stadt, und die Einladungen waren heiß begehrt. Chloé war allerdings auch eine ausgesprochen begabte Gastgeberin und Heather als Künstlerin weit über Neuseeland hinaus bekannt. Die beiden Frauen lebten seit zehn Jahren zusammen, und viele ihrer Kunden nahmen an, dass es sich um Schwestern handelte. Das stimmte jedoch nicht, Chloé verdankte ihren Nachnamen einer unglücklichen Ehe mit Heathers Bruder.

Zwischen Atamarie und Roberta entstand eine kurze Gesprächspause, während der Kaffee serviert und Kuchen aufgetragen wurde. Roberta gab Zucker in ihre Tasse, während Atamarie ihren Gedanken nachhing. Wahrscheinlich überlegte sie schon, welches Kleid sie am Abend tragen würde – Kathleen hatte sicher etwas Neues für ihre beiden Enkelinnen. Sie pflegte stets zu behaupten, die Mädchen täten ihr einen Gefallen damit, die teuren Kleider anzunehmen. Schließlich machten sie damit ja Reklame für Lady’s Goldmine.

Roberta kämpfte ein wenig mit sich, wagte dann aber, Atamarie die Frage zu stellen, die ihr schon tagelang auf den Nägeln brannte.

»Weißt du zufällig, ob … ob dein … hm … Onkel auch kommt?«

Atamarie grinste. »Welcher?«, fragte sie dann hinterhältig.

Roberta lief sofort rot an. »Na ja, hm … Kevin?«

Sie versuchte, ihre Stimme unbeteiligt klingen zu lassen, fast, als fiele es ihr schwer, sich an Kevins Namen zu erinnern. Aber im Grunde war das sowieso vergebene Liebesmüh. Atamarie kannte sie zu gut. Sie wusste genau, von welchem der beiden jüngeren Brüder ihrer Mutter die Rede war. Roberta war seit Monaten verliebt in Kevin, den Älteren der beiden, der nach einem irischen Heiligen benannt worden war wie sein Großvater. Aber natürlich durfte davon niemand etwas wissen. Es war ja Unsinn, auch nur zu hoffen, dass der erfolgreiche junge Arzt die Freundin seiner Nichte bemerken, geschweige denn ihr Avancen machen würde. Jedenfalls solange Atamarie und Roberta noch zur Schule gingen, war das höchst unwahrscheinlich gewesen. Aber nun, als Studentin … Robertas Eltern gehörten zur besseren Gesellschaft von Dunedin, in ihrem Gefolge würde die junge Frau sicher zu Konzerten und Bällen, Vernissagen und Theateraufführungen eingeladen werden. Kevin Drury traf man bei fast jedem dieser Anlässe. Gemeinsam mit einem Freund hatte er vor wenigen Jahren eine Arztpraxis in Dunedin eröffnet und warb immer noch um neue Patienten. Am liebsten natürlich gut betuchte Herrschaften und bevorzugt Frauen. Die liefen ihm auch in Scharen zu. Mit seinem lockigen schwarzen Haar und seinen wachen blauen Augen sah er ausgesprochen gut aus. Dazu war er ein verwegener Reiter, der kein Jagdspringen ausließ und sein Pferd mitunter sogar auf der Rennbahn selbst vorstellte.

Kevins Bruder Patrick war sehr viel unauffälliger. Er hatte Landwirtschaft studiert und gedachte, eines Tages die Farm seiner Eltern zu übernehmen. Vorerst arbeitete er allerdings als Berater für die Viehzüchtervereinigung und das Landwirtschaftsministerium in Otago. Die Gegend wandelte sich langsam wieder vom Zentrum der Goldgräberei zu einer landwirtschaftlich geprägten Region. Und nicht all die neuen Grundbesitzer und Schafzüchter kannten sich wirklich aus mit Weideführung und Wollerzeugung. Mancher träumte zwar vom Dasein als Schafbaron, hatte aber im Grunde nicht mehr aufzuweisen als Erfahrung – und Glück – beim Waschen von Gold.

»Kevin kommt bestimmt«, erklärte Atamarie. »Allerdings meint Heather, er habe schon wieder eine neue Freundin. Sie soll wunderschön sein, sie überlegt, sie zu bitten, ihr Modell zu stehen …«

Frauenporträts gehörten zu Heathers liebsten Motiven, und sie hatte damit schon große Erfolge erzielt. Heather verstand sich darauf, das Wesen einer Frau, ihren Charakter und ihre Erfahrungen in den Bildern einzufangen.

Roberta seufzte. »Kevin sieht ja auch sehr gut aus«, bemerkte sie, scheinbar beiläufig, aber es klang verzweifelt.

Atamarie lachte, legte die Hand auf den Arm ihrer Freundin und tat, als wollte sie Roberta schütteln. »Er mag ja der Prinz sein, Robbie, aber du bist auch alles andere als Aschenputtel! Wenn du dich ein bisschen zurechtmachst und nicht immer auf den Boden guckst oder rot anläufst und vollständig die Sprache verlierst, wenn du Kevin siehst, kannst du alle ausstechen.«

Roberta rührte weiter in ihrer Kaffeetasse. »Dazu müsste er mich erst mal angucken«, murmelte sie. »Aber er …«

»Dann mach’s anders und werd einfach mal ohnmächtig!«, schlug Atamarie scherzhaft vor. »Das ist gut, du lässt dich hinfallen, und ich schreie: Wir brauchen einen Arzt! Dann kann er nicht anders.«

Roberta hätte jetzt eigentlich in Gelächter ausbrechen müssen, aber sie kaute nur auf ihrer Unterlippe. »Du nimmst mich nicht ernst«, sagte sie schließlich.

Atamarie stöhnte. »Vielleicht siehst du die Sache mit Kevin etwas zu ernst«, gab sie dann zu bedenken. »Was sehr bedenklich ist. Denn du … du willst doch nicht einfach nur ein paar Küsse, oder? Du suchst einen Mann, der dich wirklich liebt. Und was das angeht, bist du bei Kevin sicher an der falschen Adresse. Er ist nett, und er ist witzig – ich hab ihn wirklich sehr gern, Robbie. Aber er sucht keine Frau, zumindest vorerst nicht, das hat er deutlich gesagt, als Grandma Lizzie ihn neulich drauf ansprach. Auf Dauer muss er natürlich heiraten, das erwartet man ja von einem niedergelassenen Arzt. Aber erst mal … Grandma Lizzie meint, er sei wie Grandpa Michael. Der hätte sich auch erst ›die Hörner abstoßen müssen‹, bevor er sich ernstlich für sie interessierte. Keine Ahnung, was sie damit meint, aber eins ist sicher: Kevin will erst mal nicht heiraten. Der sucht das Abenteuer!«

KAPITEL 2

Heather Coltrane hatte nicht übertrieben, als sie von Kevin Drurys neuer Freundin sprach. Juliet, wie er die junge Frau kurz vorstellte, ohne sich mit einem Nachnamen aufzuhalten, war eine außergewöhnliche Schönheit. Wobei sich kaum feststellen ließ, zu welchen Volksgruppen ihre Vorfahren gehört haben mochten. Ganz sicher war sie keine Weiße, aber eine Maori-Abstammung stand ihr auch nicht im Gesicht geschrieben. Juliet hatte schwarzes Haar, das in dichten Locken über ihre Schultern fiel, goldbraun angehauchte Haut und volle Lippen, dazu aber erstaunlich leuchtend blaue Augen unter schweren Lidern.

»Sie wirkt eher wie eine Kreolin«, mutmaßte Heather. Sie war weit gereist und dabei Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen begegnet. »Und findet ihr es nicht seltsam, dass er sie nur mit dem Vornamen vorstellt? Wo mag er sie getroffen haben?«

Heather begrüßte eben Robertas Mutter Violet und ihren Stiefvater Sean, die kurz nach Roberta und Atamarie die Galerieräume betreten hatten. Atamarie war gleich ungehemmt zu Kevin und seiner neuen Freundin herübergeschlendert und hatte kurz mit den beiden gesprochen, während Roberta vor Aufregung im Boden zu versinken schien. Sie hatte bei der Vorstellung kaum ein Wort herausbekommen, aber Juliet sah ohnehin nicht aus, als hätte sie vor, sich die Namen irgendwelcher Mädchen zu merken. Dafür sprach sie angelegentlich mit ein paar Herren, die sich sofort um sie versammelt hatten und sich jetzt darum rissen, sie mit Champagner und Hors d’œuvres zu verwöhnen.

»Als Herkunftsland des Champagners bevorzugt die Lady jedenfalls Frankreich«, bemerkte Chloé säuerlich und küsste Violet zur Begrüßung auf die Wange. »Das ist bestimmt schon das dritte Glas von dem teuersten Sekt, den wir haben. Wenn das so weitergeht, tanzt sie uns am Ende des Abends auf dem Tisch.«

»Ein bisschen Demimonde, nicht?«, fragte Violet stirnrunzelnd, und Sean lächelte.

Es klang, als erprobe sie da wieder mal ein neues Wort. Violet hatte als junges Mädchen ein mehrbändiges Lexikon geschenkt bekommen und daraus ihre gesamte Bildung bezogen. Über Jahre hinweg hatte sie immer wieder darin gelesen, bis ihr auch die ungewöhnlichsten Begriffe geläufig waren. Selbst solche, für die es im braven Dunedin selten Anwendungsmöglichkeiten gab.

Heather lachte. »Jedenfalls weit entfernt von einer Schafbaronesse. Lizzie und Michael werden nicht begeistert sein.«

Kevins und Patricks Eltern, Lizzie und Michael Drury, führten eine Schaffarm in Otago, und natürlich hofften sie, dass ihre Söhne irgendwann Frauen ehelichen würden, die den Hof mit ihnen führten. Aber Kevin schlug ja ohnehin aus der Art. Er hatte sich nie besonders für Farmarbeit interessiert und ganz sicher nicht für die Töchter der reichen Viehzüchter aus den Plains.

Die mysteriöse Juliet war jedenfalls das Gesprächsthema des Abends – die etwas düsteren Gemälde, welche die Vernissage heute zeigte, fielen deutlich gegen sie ab. Wobei es vor allem die Frauen waren, die sich für Juliets Herkunft interessierten. Die Männer hatten zu viel damit zu tun, sie zu bewundern: Juliets schlanke, aber kurvenreiche Figur war ähnlich faszinierend wie ihr fremdländisch wirkendes Gesicht. Kevin führte die junge Frau denn auch vor wie eine Trophäe. Er war unverkennbar stolz auf seine Eroberung, ohne dabei allerdings seine anderen Bewunderinnen zu vernachlässigen. Mit Juliet im Schlepptau wanderte er von einer der Dunediner Matronen zur anderen und plauderte charmant über dies und das, während Juliet geheimnisvoll lächelte und sich auf keinen Versuch einließ, sie auszuhorchen.

»Es wirkt einfach besser, wenn man sich schnürt«, seufzte Roberta, als Juliet an ihr vorbeitänzelte.

Dabei sah sie selbst an diesem Abend entzückend aus. Roberta trug ein aquamarinblaues Kleid, das raffiniert geschnitten war und allein durch seinen Faltenwurf die Figur der Trägerin betonte. Ein Korsett hätte das natürlich in noch stärkerem Maße getan, aber ohne den Panzer aus Fischgrät konnte Roberta durchatmen und sich mit natürlicher Anmut bewegen. Juliet, die obendrein einen der hochmodernen, sehr engen Röcke trug, vermochte dagegen nur zu trippeln. Was sie wieder rührend hilflos wirken ließ, wie Roberta bemerkte.

»Im Korsett wird man auch schneller ohnmächtig«, neckte dagegen Atamarie. »Wobei dir diese Option immer noch offensteht. Los, Robbie, dieses Bild da, von dem kriegt man unweigerlich Schwindelanfälle. Bau dich davor auf, und dann lass dich fallen!«

Die Bilder wirkten tatsächlich deprimierend, aber Roberta fühlte sich heute auch ohne düstere Landschaftsansichten schlecht. Unglücklich verfolgte sie Kevin und seine Eroberung mit Blicken. Atamarie zog sie schließlich energisch weg.

»Nun lächle endlich mal, Roberta! Schau, da ist Patrick, den haben wir noch gar nicht begrüßt.«

Patrick Drury, Kevins jüngerer Bruder, war ein aufgeschlossener, freundlicher Mensch, und ihm gegenüber war Roberta gewöhnlich nicht schüchtern. Sie wurde ihm bei Gesellschaften oft als Tischdame zugewiesen, da er bislang stets allein kam und bei den Gastgebern als umgänglich bekannt war. Wen auch immer man neben ihm platzierte, Patrick konnte sich unbeschwert unterhalten. Sein Beruf zwang ihn schließlich zur höflichen Konversation mit den unterschiedlichsten Menschen. Auf den Schaffarmen begegneten ihm vom britischen Adligen bis zum ungeschlachten Goldgräber alle. Bisher hatte Atamarie zudem das Gefühl gehabt, dass er gerade mit Roberta gern zusammen war und seine Augen neuerdings sogar aufleuchteten, wenn er sie sah. Früher hatte er sie zweifellos nur als kleines Mädchen wahrgenommen, aber jetzt begann er, die schöne junge Frau in ihr zu erkennen.

Bis jetzt war das jedenfalls so gewesen, aber an diesem Abend verhielt er sich anders. Obwohl er den jungen Frauen pflichtschuldig Champagner holte und auch ein wenig mit ihnen plauderte, wirkte er doch abgelenkt und schien sich nur aus Höflichkeit mit Atamarie und Roberta abzugeben. Roberta fiel das nicht auf, aber Atamarie bemerkte schnell, dass Patrick ein ähnliches Problem zu haben schien wie ihre Freundin: Auch er konnte die Augen nicht von Kevin und Juliet lassen. Die schwarzhaarige Schönheit schien ihn vollkommen zu faszinieren, aber hier hatte er sicher keine Chancen.

Patrick war längst nicht so gut aussehend wie Kevin. Statt des schwarzen vollen Haars seines Vaters Michael hatte er die dunkelblonden Locken seiner Mutter Lizzie geerbt und ebenso ihre sanften porzellanblauen Augen. Insgesamt war er kleiner und wirkte weniger imposant als Kevin – sicher kein Mann, den sich eine Frau wie Juliet lange genug ansehen würde, um seine inneren Werte zu erkennen.

Atamarie gab es schließlich auf, ein Gespräch zwischen Roberta und Patrick anzuregen. Die beiden würden sich höchstens gegenseitig herunterziehen. Sie lotste Roberta also weiter und schaute sich dabei nach einem Kellner um. Vielleicht besserte sich Robertas Stimmung, wenn sie noch ein Glas Sekt trank. Patrick folgte derweil seinem Bruder und dessen Freundin wie ein Hündchen.

In der Mitte der Galerie trafen Roberta und Atamarie auf Rosie, Heathers und Chloés Dienstmädchen. Die hellblonde junge Frau stand hölzern herum und hielt ein Tablett mit Sektgläsern in der Hand. Sie wirkte dabei so unbeteiligt, als versuche sie, einen Tisch zu imitieren.

Atamarie nahm ihr zwei Gläser Sekt ab und lächelte ihr zu.

»Was macht das Fohlen, Rosie?«, erkundigte sie sich – woraufhin Rosies eigentlich recht hübsches Gesicht sofort zu strahlen begann.

Rosie kam nur im Umgang mit Pferden aus sich heraus. Als Hausmädchen bewährte sie sich halbwegs – sie hatte ihrer Schwester Violet schon als Kind geholfen, Chloé als Zofe zur Hand zu gehen. Aber wirklich glücklich und überaus geschickt war sie nur mit Trabrennpferden. Chloé hatte sie angelernt, als sie noch gemeinsam mit ihrem früheren Mann ein Gestüt in den Fjordlands bewirtschaftete. Heute war von all den Pferden nur noch die Stute Dancing Rose geblieben, ehemals zum Trabrennen gezüchtet, aber jetzt nur noch vor Chloés und Heathers Chaise eingesetzt. Rosie fand das stets etwas traurig. Aber im letzten Jahr hatte Chloé ihr Pferd decken lassen, und jetzt stand ein Stutfohlen im Stall. Und Chloé wehrte sich auch längst nicht mehr so vehement, das Nachwuchspferd vielleicht noch mal auf der Rennbahn starten zu lassen. Schließlich hatte sie ihren früheren Mann seit Jahren nicht gesehen. Colin Coltrane war auf den Rennbahnen der Südinsel kein Begriff mehr, weder Chloé und Heather noch Rosie liefen Gefahr, ihn dort zu treffen. Warum sollte Rose’s Trotting Diamond also nicht an frühere Erfolge anknüpfen? Rosie jedenfalls schien der Zeit entgegenzufiebern, wenn das Fohlen alt genug war, einen Sulky zu ziehen.

Während Atamarie gutmütig ihren Schwärmereien lauschte, sprach Roberta mit Kathleen Burton und ihrem Mann Peter. Der Reverend wirkte wie immer beruhigend auf die junge Frau. Roberta konnte sich noch genau erinnern, wie sicher sie sich damals in seinem und Kathleens Haus gefühlt hatte, nachdem ihre Mutter ihrem gewalttätigen Ehemann endlich entkommen war. Zudem bemerkte sie, dass der Reverend heute zu den wenigen anwesenden Männern gehörte, denen Kevin und Juliet keinen zweiten Blick wert schienen. Stattdessen befragte er Roberta und dann auch Atamarie freundlich nach ihren Studien. Er fand es aufregend, dass Atamarie Ingenieurwissenschaften studieren wollte, und regte Roberta jetzt schon an, nach Abschluss ihrer Ausbildung in seinem Pfarrsprengel zu unterrichten.

»Wir bauen gerade eine Schule, Roberta, es lohnt sich endlich, die Leute werden sesshaft und kriegen Kinder!«

Bislang hatte der Reverend sich hauptsächlich mit den seelischen, aber auch ganz praktischen Problemen der neu einwandernden und frustriert von den Feldern zurückkehrenden Goldsucher beschäftigt. Inzwischen war der Goldrausch in Otago jedoch abgeflaut. Es zog europäische Abenteurer in die Gold- und Diamantenminen Südafrikas. Die in Dunedin gestrandeten erfolglosen Digger hatten andere Arbeit gefunden, oft mithilfe des Reverends. Sie bauten nun ihre Häuser im Umfeld seiner Kirche, sein Sprengel vergrößerte sich, und er freute sich auf ganz normale Pfarrarbeit mit Sonntagsschule, Taufen und Eheschließungen.

Schließlich gesellten sich auch Heather und Chloé zu der Gruppe um Kathleen und den Reverend. Ihre wichtigsten Pflichten als Gastgeberinnen und Betreiberinnen der Galerie hatten sie schließlich erledigt. Alle Gäste waren mit Getränken versorgt, und Chloé hatte ihre einführende Rede zu der Künstlerin und ihren Werken gehalten.

»Der Verkauf lässt sich allerdings schleppend an«, meinte Heather bedauernd. »Dabei sind das kleine Kostbarkeiten.« Bewundernd studierte sie eins der akribisch gemalten Gemälde.

Atamarie verdrehte die Augen. »Also, für Kostbarkeiten schillern sie mir zu wenig«, bemerkte sie. »Aber vielleicht solltet ihr Beerdigungsunternehmer ansprechen. Da könnte ich mir die Bilder gut vorstellen, in den Empfangsräumen oder …«

Die anderen lachten.

»Du verstehst nichts von Kunst«, rügte Heather ihre Nichte.

»Aber von kubischen Modifikationen von Kohlenstoff«, gab Atamarie die Neckerei ungerührt zurück. »Wie viele von diesen komischen Bildern muss man wohl malen, damit man sich so einen Ring kaufen kann?«

Sie wies auf Heathers Finger und lenkte damit auch Kathleens und Robertas Aufmerksamkeit auf den feinen Goldring mit dem glitzernden Diamanten.

Kathleen lächelte ihrer Tochter zu. »Was für ein wunderschönes Stück! Überhaupt siehst du großartig aus in dem neuen Kostüm! Nur schade, dass es nicht aus meiner Kollektion ist.«

Heather wurde ob der Schmeichelei unweigerlich ein bisschen rot. Sie war keine außergewöhnliche Schönheit mit ihrem feinen aschblonden Haar, das ziemlich unfrisierbar wirkte. In Europa hatte Heather es eine Zeitlang kurz getragen, aber hier galt so etwas auch für Künstlerinnen als zu extravagant. Man tuschelte schon genug über ihr Faible für weite, orientalisch geschnittene Hosenröcke und die dazu passenden gewagten Jacken und Blusen. Heathers Gesichtszüge waren früher zart und madonnenhaft gewesen, jetzt wirkten sie fast etwas herb, und ihre braunen Augen blickten nicht mehr sanft und fügsam wie ehedem, sondern klug und durchaus mal spöttisch in die Welt.

»Ich finde, er steht Chloé viel besser!«, spielte sie das Kompliment nun auch herunter. »Komm, Chloé, zeig mal deinen!«

Die dunkelhaarige Chloé wirkte insgesamt fraulicher und damenhafter als ihre Freundin. Sie trug heute ein rotes Empirekleid aus Kathleens Kollektion, dessen Farbe der Diamant in ihrem Ring widerzuspiegeln schien.

»Diamantringe!«, bemerkte der Reverend lächelnd. »Nobel, nobel, ich sehe schon, ich übe längst nicht genug Druck auf euch aus, wenn ich für meine Armenküchen sammle. Ihr scheint ja Geld im Überfluss zu haben.«

»Heather hat ein paar Bilder verkauft«, erklärte Chloé und wirkte dabei ein bisschen befangen. »Und da meinte sie … also die Galerie besteht doch jetzt seit bald zehn Jahren … Wir sollten das feiern.«

»Gibt’s die wirklich schon so lange?«, fragte Kathleen verwundert, hielt dann aber inne, bevor sie laut nachrechnete. Es war offensichtlich, dass Heather und Chloé hier keine Geschäftsidee feierten, sondern eher eine große Liebe. »Jedenfalls sind die Ringe wunderschön«, sagte sie dann. »Und Diamanten sind ja jetzt auch durchaus erschwinglich, seit sie so viele davon finden, in … wo war das noch, Peter, in Südafrika, nicht wahr?«

Peter Burton nickte, wurde dabei jedoch ernst. »Am Kap der Guten Hoffnung. Und ich fürchte, den Namen des Landes werden wir demnächst häufiger hören«, meinte er dann. »Es heißt, es würde dort Krieg geben …«

»Krieg?«, fragte Atamarie interessiert. Bislang kannte sie Kriege eigentlich nur aus dem Geschichtsunterricht. Und natürlich aus den Erzählungen ihrer Eltern, die sich noch an die letzten Gefechte der Landkriege zwischen Maori und pakeha erinnerten. Ihr selbst erschien es allerdings ziemlich unvorstellbar, wirklich mit Gewehren oder gar Speeren aufeinander loszugehen. Kämpfe waren für sie eher mit Wortgefechten, Zeitungsartikeln und dem Verfassen unendlicher Mengen von Petitionen verbunden, mit denen man das Parlament für die eigenen politischen Ziele zu begeistern suchte. »Zwischen wem?«, erkundigte sie sich.

Roberta wäre diese Angelegenheit normalerweise gleichgültig gewesen – Politik interessierte sie nicht wirklich, trotz ihres und Atamaries früherem kindlichen Traum, erste Premierministerin Neuseelands zu werden. Aber nun lebte sie auf, denn Kevin Drury gesellte sich zu ihnen. Juliet war ebenfalls näher getreten, um einen Blick auf Heathers und Chloés Ringe zu werfen, schien davon aber nicht sonderlich beeindruckt. Sie trug auffälligeren Schmuck, der kaum weniger schillerte – allerdings zerrissen sich die Damen bereits die Mäuler darüber, ob es sich nicht lediglich um Strasssteine handelte. Ein Fauxpas in der calvinistisch geprägten Gesellschaft Dunedins, wo man eher wenig Schmuck trug – aber wenn, dann echten!

Kevin hatte die letzten Worte des Reverends gehört. Auch Patrick mischte sich nun in die Unterhaltung ein – offensichtlich ganz froh, endlich etwas beitragen zu können. Juliet hatte bislang kein Wort mit ihm gewechselt.

»Zwischen England und den Buren«, beantwortete er jetzt Atamaries Frage. »Letztere sind eigentlich Niederländer, aber seit sie in Südafrika siedeln, nennen sie sich Buren oder Afrikaaner. Sie beanspruchen da ein paar Gebiete, obwohl das Land eigentlich schon vor ein paar Jahrhunderten von England erobert worden ist.«

Der Reverend nickte. »Und bislang hat kein Hahn danach gekräht«, bemerkte er. »Erst seit sie massenhaft Diamanten und Gold fördern, beginnt man die Sache infrage zu stellen. Natürlich nur unter den edelsten Gesichtspunkten. Kann England es hinnehmen, dass sie die Eingeborenen schlimmer behandeln als Vieh? Dass die Zuwanderer in den Goldgräbergebieten kein Stimmrecht haben?«

Kathleen runzelte die Stirn. »Seit wann interessieren sich Goldgräber für Politik?«, fragte sie. »Die meisten können doch kaum lesen und schreiben, und wer an der Regierung ist, ist ihnen absolut egal.«

»Umgekehrt wird allerdings ein Schuh draus.« Kevin lächelte. »Die Politik interessiert sich für das Gold.«

Roberta beobachtete fasziniert, wie seine leuchtend blauen Augen spöttisch aufblitzten und Grübchen auf seinen gebräunten Wangen erschienen. Sie ließen sein sonst etwas kantiges Gesicht weich wirken – und seinen Blick unwiderstehlich.

Roberta bemühte sich, sein Lächeln ungeniert zu erwidern, und erinnerte sich jetzt auch an Atamaries Anregung vom Morgen. Sie musste Kevin irgendwie auf sich aufmerksam machen. Zum Beispiel, indem sie etwas sagte. Am besten etwas Kluges. Roberta zermarterte sich das Hirn.

»Aber Neuseeland hat doch nichts damit zu tun, wenn England in Südafrika kämpft, oder?«, fragte sie schließlich – und errötete, als alle sie ansahen.

»Das kommt ganz darauf an, was unserem Premierminister einfällt«, meinte Heather trocken. »Wobei Mr. Seddon für seine sonderbaren Ideen bekannt ist. Und seine Seitenwechsel …«

Seddon hatte den Frauen beim Kampf um das Wahlrecht so manche Nuss zu knacken gegeben.

»Mal ganz abgesehen davon, dass es jeden denkenden Menschen etwas angeht, wenn um Gold und Diamanten Kriege geführt werden«, sagte der Reverend, und Roberta errötete gleich wieder. Allzu klug war ihre Bemerkung also nicht gewesen.

»Ihr meint, sie könnten wirklich Neuseeländer nach Südafrika schicken, um da zu kämpfen?«, fragte Atamarie. Sie sah mehr den Aspekt des Abenteuers.

»Warum nicht?«, meinte Kevin und spielte beiläufig mit Juliets Fingern. Die junge Frau hatte ihm lasziv die Hand auf den linken Arm gelegt, und er seinerseits schob die rechte darüber. Kathleen registrierte, dass dies schon den ganzen Abend so ging – Kevin und Juliet konnten die Hände nicht voneinander lassen. »Ob man Truppen aus England oder aus Neuseeland schickt, verschiffen muss man sie so oder so. Natürlich kann man keinen zwingen. Aber Freiwillige …«

Roberta spürte plötzlich Angst in sich aufsteigen.

»Aber Sie … du … ihr …« Im letzten Moment dachte sie immerhin daran, auch die anderen Männer in die Frage einzubeziehen. Wobei natürlich nur noch Patrick infrage kam, der Reverend war sicher zu alt, um ins Feld zu ziehen. »Ihr würdet doch nicht gehen?«

Sie atmete auf, als die Männer lachten, fühlte sich allerdings peinlich berührt, als Juliet einstimmte.

»Nicht ohne meine Erlaubnis«, erklärte diese anzüglich und zog Kevin an sich. »Es gibt süßere Schlachtfelder als das Kap, um sich als Held zu zeigen …«

KAPITEL 3

»Meinst du eigentlich, dass die … Beziehung zu dieser Juliet deinem Renommee guttut?« Lizzie Drury betrat Kevins Praxisräume und war nahe daran, die Tür mit Schwung hinter sich zuzuwerfen. Dabei hatte sie eigentlich ruhig mit ihrem Sohn reden wollen. Aber nachdem sie den Stein des Anstoßes eben ganz selbstverständlich aus seiner Wohnung hatte kommen sehen, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. »Meine Güte, dem Mädchen sieht man die Halbwelt doch auf hundert Yard Entfernung an. Wo hast du es bloß aufgegriffen? Und wie kommst du auf den Gedanken, es mit zu … zu solchen Einladungen zu nehmen wie gestern?«

Kevin wandte sich heftig zu Lizzy um. »Ich muss doch bitten, Mutter! Nicht in diesem Ton. Und nicht so laut, sicher kommen gleich Patienten …«

Kevin lauschte besorgt in Richtung seiner über den Praxisräumen gelegenen Wohnung. Er lebte hier, sein Kollege Christian Folks hatte ein Haus in der Nähe.

»Patienten!« Lizzie rang die Hände. »Heute ist Sonntag, Kevin. Und falls es dich beruhigt, die junge Dame ist schon weg.«

Das Wort Dame klang eher wie eine Beleidigung als wie ein Ehrentitel. »So viel Benimm hat sie wenigstens, dass sie sich rausstiehlt, bevor das Hausmädchen kommt.«

Über Kevins selbstbewusste Miene zog eine leicht verlegene Röte. Es war ihm zweifellos nicht recht, dass seine Eltern Juliets Abgang mitbekommen hatten. Schließlich kannte er seine Mutter und wusste, was sie von seinen diversen Frauenbekanntschaften hielt.

Lizzie ihrerseits hatte das Thema Juliet eigentlich nicht mehr ansprechen wollen, nachdem sie Kevins neue Freundin bei einer Abendeinladung kennengelernt hatte. Heute Morgen brannte es ihr jedoch so auf den Nägeln, dass sie das Hotelfrühstück gar nicht recht hatte genießen können. Sobald ein Besuch am Sonntagmorgen eben vertretbar war, hatte sie ihren Mann Michael zu dem hochherrschaftlichen Steinhaus in der Lower Stuart Street geschleppt, in dem Kevin und Christian ihre Praxisräume gemietet hatten.

»Juliet hatte … äh … sie hatte etwas in … in meiner Wohnung vergessen, und da …«

»Ich frag mal besser nicht, was«, meinte sein Vater belustigt. Michael hatte die gleichen strahlend blauen Augen und das Grübchenlächeln wie sein Sohn. Auch er hatte in jungen Jahren nichts anbrennen lassen – und auch ihm waren die Ausreden gerade Lizzie gegenüber nicht immer glatt von den Lippen gegangen.

Kevin versuchte, sich nicht einschüchtern zu lassen. »Juliet ist eine äußerst ehrbare junge Dame, die sich in Gesellschaft zu benehmen weiß«, verteidigte er seine Eroberung. »Sie erschien mir als durchaus adäquate Begleitung zu dem Empfang der Dunloes. Und Mr. Dunloe war ja auch sehr beeindruckt …«

»Was einiges über die Talente der jungen Frau aussagt«, kommentierte Lizzie bissig. »Mr. Dunloe mag beeindruckt gewesen sein. Mrs. Dunloe erschien mir eher peinlich berührt.«

Letzteres war ein wenig übertrieben. Claire Dunloe hatte zwar etwas indignierte Blicke auf Juliets auffälliges rotes Kleid und ihren Talmischmuck geworfen, aber ansonsten gab es eigentlich nichts anzumerken. Juliets Tischmanieren waren perfekt, sie wusste nichtssagend zu plaudern, und diesmal hatte sie sich auch mit dem Champagnerkonsum zurückgehalten. Aber dennoch hatte sie auf dem Empfang des Bankdirektors Dunloe und seiner Gattin Claire wie ein exotischer Fremdkörper gewirkt – wobei Lizzie eher an einen Feuerwerkskörper dachte. Diese junge Frau konnte für Zündstoff sorgen, da war sie sich sicher.

»Die Gesellschaft redet jedenfalls über sie«, meinte Lizzie. »Und so laut, dass es bis nach Tuapeka durchgedrungen ist.« Tuapeka, in dessen Nähe Lizzies und Michaels Farm lag, befand sich etwa vierzig Meilen von Dunedin entfernt und wurde seit dem Jahr 1866 Lawrence genannt. Lizzie und Michael konnten sich an die Namensänderung allerdings nie ganz gewöhnen. Nach Dunedin kamen die Drurys eher selten, aber eine Einladung des Bankdirektors mochten sie nun doch nicht ausschlagen. »Ich habe jedenfalls davon gehört, dass sie auf der Vernissage von Heather und Chloé gesungen hat!«

Kevin rieb sich die Stirn. Dieser Auftritt gehörte nicht zu seinen liebsten Erinnerungen, Juliet hatte es zweifellos übertrieben. Aber die Vernissage war unbestreitbar langweilig gewesen, die Bilder düster und die Leute wenig gesprächig. Dafür hatte es aber reichlich Champagner gegeben, dem Juliet schwer widerstehen konnte … Jedenfalls hatte sie sich, als die Unterhaltung nur noch dahinplätscherte, an die Musiker gewandt, und das Trio hatte sie schließlich beim Singen eines populären amerikanischen Schlagers begleitet. Die Reaktion der Dunediner Gesellschaft darauf war keineswegs ablehnend gewesen, wenn Kevin sich recht erinnerte. Auch er hatte vorher schon einige Gläser geleert. Allerdings … Überrascht hatten die Burtons und die Dunloes, die McEnroes und McDougals schon geguckt … Chloé, eine geschickte Gastgeberin, hatte die Situation schließlich gerettet, indem sie kurz mit der Sängerin sprach und sich dann mit deren Vorstellung an die Gäste wandte. Sie löste damit das Rätsel um ihren Namen und ihre Vorgeschichte, was allerdings für weiteren Gesprächsstoff sorgte: Juliet LaBree war gebürtige Amerikanerin und gehörte dem Ensemble einer in Wellington gastierenden Varietétruppe an. Zumindest noch einige Wochen zuvor …

»Wie kommt die ehrbare junge Dame denn überhaupt von Wellington hierher?«, erkundigte sich Michael, wobei er eher interessiert klang als inquisitorisch. Juliet hatte durchaus Eindruck auf ihn gemacht – wie wohl auf so ziemlich jedes männliche Wesen, vom Straßenfeger bis zum Bankdirektor. Und egal, wie eifrig die Herren ihren Damen zustimmten, wenn es darum ging, dass sie sicher nicht in die allerfeinste Gesellschaft gehörte: Ein bisschen beneideten sie Kevin alle um seinen Fang.

Kevin biss sich auf die Lippen. »Juliet … äh … hatte wohl genug von der Truppe. Und es gefällt ihr in Neuseeland. Sie will sich lieber hier ein neues Engagement suchen …«

»Ach ja?«, spottete Lizzie. »Dann sollte sie sich in Auckland oder Wellington danach umsehen. Und nicht ausgerechnet in Dunedin, Metropole der Church of Scotland, der Stadt mit den kleingeistigsten Bürgern der ganzen Südinsel. Was wollte sie hier singen, Kevin? Kirchenlieder?«

»Mit ihrer Stimme kann sie alles singen!«, behauptete Kevin. »Außerdem hat sich Dunedin in den letzten Jahrzehnten gewandelt – falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte, Mutter. Es hat hier einen Goldrausch gegeben!«

Lizzie lachte höhnisch. »Ich erinnere mich«, bemerkte sie. »In Tuapeka stehen immer noch die Ruinen der Bordelle.«

»Und du hast dort die Fahne der Moral hingetragen?«, gab Kevin zurück.

Lizzie blitzte ihren Sohn an. »Ich habe mich nie in Tuapeka ver…«

Sie hielt verschämt inne. Natürlich hatte sie ihren Söhnen nichts von ihrer unrühmlichen Vergangenheit in London und Kaikoura erzählt, aber Kevin war klug und konnte sich bestimmt manches zusammenreimen. Als Lizzie Michael auf die Goldfelder folgte, war sie jedoch längst ehrbar geworden – so weit man den Vertrieb von schwarz gebranntem Whiskey in einem Pub in Kaikoura als ehrbare Tätigkeit bezeichnen wollte.

Michael griff ein, um seine Frau zu schützen. »Kevin, deine Mutter und ich waren auch keine Engel, aber gerade das befähigt uns dazu, Juliet LaBree einzuschätzen. Sie läuft vor irgendetwas weg, Kevin. Glaub mir, ich kenne den Blick. Wahrscheinlich hat diese Truppe sie rausgeschmissen. Und jetzt war sie auf dem Weg nach Otago. Auf die Goldfelder bei Queenstown. Eine Menge Männer, eine Menge Pubs …«

Kevin strich die Segel. »Na ja, und wenn … Aber du musst mir doch zugestehen, dass sie hinreißend ist, Vater! Egal, was vorher geschehen ist, dies ist alles, was ich von ihr wissen muss. Schließlich will ich sie nicht gleich heiraten …«

Er warf einen Blick auf die wuchtige Standuhr, die sein Sprechzimmer zierte. Lizzie und Michael waren noch zu einer Matinee geladen, wie er wusste. Eine Modenschau in Lady’s Goldmine. Lizzie würde sich das nicht entgehen lassen.

Sie verstand nun auch den Wink. »Schon gut, Kevin, wir gehen ja schon«, meinte sie. »Aber so, wie ich Juliet LaBree einschätze, ist es ziemlich egal, was du möchtest. Die Frage ist allein, was sie will!«

Juliet LaBree wollte vor allem Ruhe. Wobei es ihr schwerfiel, das zuzugeben, sogar sich selbst gegenüber. Schließlich hatte sie ihr wildes Leben geliebt, sie hatte sich jahrelang nichts Schöneres vorstellen können, als sich von Stadt zu Stadt, von Theater zu Theater, von Mann zu Mann treiben zu lassen. Dies war auch das Leben gewesen, von dem sie immer geträumt hatte, durch ihre ganze Höhere-Töchter-Ausbildung hindurch. Juliet hatte sich nie für Bücher, fürs Reiten, für kleine Hausfeste und Picknicks begeistern können. Nicht nur ihr exotisches Äußeres unterschied sie von den braven Töchtern der umliegenden Plantagen im Terrebonne Parish, Louisiana. Juliet war lebenslustig, es trieb sie in Konzerte und Theateraufführungen. Nun war das nicht allzu weit entfernte New Orleans dafür auch eine ideale Stadt, und Juliets Eltern waren ebenfalls keine Kinder von Traurigkeit. Ihre Mutter war eine Kreolin aus der Karibik, irgendwann aus Jamaika nach New Orleans eingewandert – wobei sich Juliet keine Illusionen darüber machte, wie es sie dorthin verschlagen haben konnte. Zweifellos war sie nicht mit ihrer Familie gekommen, sondern mit einem Mann. Aber Juliets Vater war ihr wohl sofort verfallen gewesen, hatte sie auf seine Plantage geholt und fortan geliebt und verwöhnt, wie eine Frau es sich nur wünschen konnte.

Als Juliet dann zur Welt kam, wurde sie sein Augenstern, nichts war gut genug für seine schöne Tochter. Juliet erhielt die besten Lehrer – wobei sie sich allerdings nur für den Musikunterricht wirklich interessierte. Sie lernte Französisch, Gesellschaftstanz – und als sie siebzehn wurde, sollte es dann auch der perfekte Mann sein. Ihr Vater fand ihn zwei Plantagen weiter: in einer alten Familie, die den Bürgerkrieg mit nur geringen finanziellen Einbußen überstanden hatte – unermesslicher Reichtum. Aber der junge Mann war so blutleer, dass Juliet sich bei jedem Besuch auf seiner Plantage nervös nach Vampiren umsah, die hier zweifellos ihr Unwesen trieben. Zu ihnen passte auch das Herrenhaus – für Juliet eine Gruft.

Kurz vor der Hochzeit war sie dann nach New Orleans geflohen und gleich weiter nach Tennessee. Zunächst reichte das Geld, das sie mitgenommen hatte und das sie für die Kleider und Schmuckstücke erhielt, die sie versetzte. Wenn sie trotzdem in Clubs sang, so eher zum Vergnügen – in Memphis stieg sie bald zu einem kleinen Star auf. Aber dann gab es Schwierigkeiten mit einem Mafiaboss, Juliet musste die Stadt schnell verlassen, diesmal ohne Geld. Sie war nicht stolz auf das, was sie getan hatte, um sich anschließend nach New York durchzuschlagen. Schließlich bot sich die Möglichkeit einer Überfahrt nach Europa. Juliet sang auf dem Luxusliner, der reiche Reisende nach London brachte, dann wechselte sie nach Paris. Drei Jahre tingelte sie durch den halben Kontinent – und sie genoss jede einzelne Nacht und oft auch die Tage. Juliet verliebte sich selten, aber sie küsste oft, ihr Leben war ein einziger Rausch.

Und dann kam das Engagement, das sie nach Australien und Neuseeland führte. Eigentlich eine Operntruppe, aber nicht sehr professionell. Juliet war nett zu ihrem Leiter, aber der Mann hatte schließlich ein anderes Mädchen gefunden – eine lange Geschichte. Juliet hatte versucht, eine Szene zu machen, und war sofort geflogen. Wobei sie einen Teil der Einkünfte mitgehen ließ, man hatte sie ohnehin zu schlecht bezahlt. Auf der Nordinsel hatte sie daraufhin jedoch nicht mehr bleiben mögen. Sie war auf die Südinsel übergesetzt, nur um festzustellen, dass die Städte hier noch biederer waren als im Norden. Es gab praktisch keine Varietés – und wenn Pubs oder Hotels junge Frauen anheuerten, um zu singen und zu tanzen, so handelte es sich im Grunde nur um bessere Bordelle.

Juliet war heilfroh gewesen, als sie zufällig Kevin Drury kennenlernte – und stellte überrascht fest, dass er sie auch noch nach einigen Wochen des Zusammenseins nicht langweilte. Im Gegenteil, sie genoss die Sicherheit, die Kevin ihr bot, die er aber durchaus mit Vergnügen zu verbinden wusste. Er war außerordentlich gut aussehend und sehr erfahren – Kevin verstand es, Juliet zu befriedigen. Gleichzeitig war er entzückt von ihren Kenntnissen darüber, wie man Männer glücklich machte. Er stellte keine Fragen – und er war großzügig. Wenn sie einen Wunsch äußerte, so war er schon so gut wie erfüllt, zumindest im Rahmen von Kevins finanziellen Möglichkeiten.

Juliet fand schnell heraus, dass er wohlhabend war, wenn auch nicht reich. Seine Praxis florierte, aber natürlich war es kein Großunternehmen, und er musste die Einnahmen ja auch noch mit seinem Kompagnon teilen. Immerhin würde er später einiges erben, die Farm seiner Eltern galt als Musterbetrieb. Und Juliet merkte zu ihrer Verblüffung, dass ihre Ansprüche sanken. Man musste kein ganzes Lokal mehr für sie mieten, um mit ihr tanzen zu dürfen, sie brauchte keinen protzigen Schmuck, den sie später nur wieder versetzte. Natürlich waren die gesellschaftlichen Anlässe, zu denen Kevin sie mitnahm, provinziell. Eine Vernissage in Dunedin, ein Konzert in Christchurch … Juliet war glänzendere Auftritte gewohnt. Aber andererseits hatte sie nie zuvor derartig Furore gemacht wie in diesem Provinznest! In Memphis, New York, Paris und Berlin war sie eine Schönheit unter vielen gewesen. Hier dagegen lag ihr die Männerwelt zu Füßen.

Juliet begann davon zu träumen, sesshaft zu werden, ganz zu dieser besseren Gesellschaft zu gehören – und sie gründlich aufzumischen. Wenn sie hier erst mal Empfänge gab, würde die ganze Südinsel darüber reden. Der Salon der jungen Mrs. Drury würde Künstler und Musiker anziehen, die Zeitungen würden darüber berichten, welche Kleider sie zu welchem Anlass getragen hatte. Natürlich würde man ein repräsentativeres Haus brauchen. Aber wenn sie erst mal Kinder hatten, konnten sie sowieso nicht mehr in einer Mietwohnung leben. Allein die Angestellten, die man dann brauchte … Juliet stellte belustigt fest, dass schon die Planung ihr Spaß machte. Vielleicht sollte sie an ihre Eltern schreiben und von ihrer Hofhaltung am Ende der Welt erzählen ….

Der einzige Wermutstropfen in diesem schönen Traum lag darin, dass Kevin bislang keine Anstalten machte, sie um ihre Hand zu bitten. Juliet hatte sich inzwischen etwas umgehört, der junge Arzt galt als Frauenheld. An Familiengründung schien er vorerst nicht zu denken, was Juliet in einen Zwiespalt brachte. Wenn sie Kevin zur Heirat bewegen wollte, musste sie sich schwängern lassen – aber eigentlich wollte sie nicht gleich ein Kind. Juliet konnte sich gut vorstellen, noch ein oder zwei Jahre neben Kevin durch das bescheidene Dunediner Nachtleben zu tanzen, die Männerwelt der Stadt um den Finger zu wickeln, eifersüchtige Blicke der Matronen zu sammeln. Ein Kind würde das einschränken, zumindest ihren Start als glanzvolle Gastgeberin und Mittelpunkt jeder Gesellschaft verzögern.

Wenn es jedoch nicht anders ging …

Juliet war etwas nervös, seit sie im Treppenhaus mit Kevins Mutter zusammengestoßen war. Elizabeth Drury hatte nichts gesagt, aber die Blicke, die sie Juliet zugeworfen hatte, waren nicht zu missdeuten gewesen. Auch schon am Abend vorher, bei dem Dinner der Dunloes. Wobei diese Lizzie Drury nicht zu unterschätzen war. Juliet hätte fast darauf gewettet, dass diese kostbar gekleidete Matrone auch keine ganz lupenreine Vergangenheit hatte. Der Mann mochte ja als Goldgräber sein Vermögen gemacht haben, wie man sich erzählte. Aber ob die Frau ihm dabei die Schaufel gereicht oder nicht doch anderweitig zum Familieneinkommen beigetragen hatte?

Lizzie jedenfalls hatte diesen wissenden Blick – und garantiert ließ sie nichts unversucht, Kevin von seiner Liaison mit Juliet abzubringen. Die ersten Erfolge dabei meinte Juliet schon zu erkennen. Er war nicht mit ihr zu dieser Modenschau gegangen, die das unter den Frauen von Dunedin wohl meistdiskutierte Ereignis der Saison war. Und neuerdings führte er sie lieber allein aus, statt sie zu gesellschaftlichen Veranstaltungen mitzunehmen. Juliet ahnte den Anfang vom Ende, und sie war fest entschlossen, das nicht zuzulassen!

Als Kevin sie an einem Abend warten ließ, weil noch Patienten in der Praxis waren, schloss sie die Tür seiner Wohnung hinter sich und durchsuchte seine Nachttischschubladen. Als Arzt verließ sich Kevin bei der Vermeidung unerwünschten Nachwuchses nicht auf die Frau, was Juliet zumindest am Anfang sehr angenehm gefunden hatte. Natürlich verstand auch sie sich auf die gängigen Methoden, die fruchtbaren Tage zu errechnen und im Zweifelsfall Scheidenspülungen durchzuführen. Aber Kevin setzte lieber auf Overcoats. Juliet hatte früher schon Männer gekannt, die solche Schläuche vor der Liebe überzogen – und sich stets etwas davor geekelt, weil sie meist aus Schafdarm oder anderem tierischen Material hergestellt wurden. Kevin bevorzugte jedoch die modernen Modelle aus Gummi. Sie waren dick und sperrig, oft etwas lästig, aber sehr vertrauenerweckend. Bestimmt kam hier keine befruchtende Flüssigkeit durch, zumindest solange sie unbeschädigt blieben.

Juliet fand gleich ein ganzes Päckchen davon in Kevins Nachttischschublade. Und dahinter ein weiteres – anscheinend kaufte ihr Liebhaber die Overcoats en gros! Juliet überlegte, ob sie beide Packungen behandeln sollte, aber nein, eine musste genügen. Ihre letzte Periode war zwei Wochen her, die fruchtbaren Tage standen also kurz bevor. Zwei- oder dreimal Liebe sollten genügen …

Juliet griff entschlossen nach ihrer Hutnadel und stach sie in den ersten Gummischlauch. In spätestens zwei Monaten würde Kevin sie zum Traualtar führen.

KAPITEL 4

Atamarie hätte sich nie träumen lassen, dass sie Roberta noch mal um ihren langweiligen Studiengang beneiden würde. Und natürlich dachte sie auch jetzt noch nicht daran, lieber Kinder zu unterrichten, als Flugmaschinen zu bauen. Aber nach zwei Monaten allein in Christchurch war sie einfach tödlich gelangweilt. Jeden Tag nach Ende ihrer Seminare saß sie allein in ihrem Zimmer oder wanderte allein durch die Stadt – während Roberta von vergnüglichen Treffen und Ausflügen mit ihren Kommilitoninnen berichtete. Obwohl sie längst nicht so aufgeschlossen war wie Atamarie, hatte sie bereits Freundinnen gefunden und schien recht glücklich zu sein – abgesehen natürlich von ihrer hoffnungslosen Schwärmerei für Kevin Drury.

Atamarie dagegen fand keinen Anschluss, da nutzte ihr nicht mal die liberale Einstellung ihrer Vermieterinnen zu Männerbesuchen. Die anderen Studenten der Ingenieurwissenschaften hielten sich von ihr fern. Nachdem sie die einzige junge Frau am Anfang misstrauisch beäugt hatten, munkelten sie bald, Atamarie würde von den Dozenten vorgezogen. Anders konnten sie sich ihre hervorragenden Noten wohl nicht erklären. Atamarie war die mit Abstand Beste in ihrem Kurs. Hinzu kamen allgemeingesellschaftliche Probleme: Neuseeland hatte seine Universitäten zwar Frauen geöffnet, aber die Grundhaltung blieb englisch-viktorianisch: Ohne Anstandsdamen ließ man Jungen und Mädchen nicht aufeinander los. Eine Aufsicht über studentische Freizeitbeschäftigungen sah allerdings keine Universität der Welt vor, und so blieb der Umgang miteinander schwierig. In Fakultäten, in denen der Frauenanteil größer war, schlossen sich die jungen Frauen meist zu Gruppen zusammen und blieben unter sich – sofern sich nicht eine verliebte und dann heimliche Treffen mit ihrem Freund organisierte.

Atamarie hatte allerdings keine Mitstreiterin, und das College für Ingenieurwissenschaften war zudem in einem eigenen Gebäude untergebracht. Es ergaben sich also auch keine zwanglosen Kontakte zu Studentinnen anderer Fakultäten. Sie blieb folglich von all dem Spaß ausgeschlossen, der ein Studium in der lebhaften Metropole Christchurch sonst zu krönen pflegte. Bootsfahrten auf dem Avon, Ruderregatten und Ausflüge in die Plains fanden ohne sie statt. Atamarie lebte nur für die gelegentlichen Wochenenden in Dunedin oder Besuche ihrer Verwandten und Freunde. Heather und Chloé kamen manchmal zum Pferderennen nach Addington, einem Vorort von Christchurch, und auch Sean hatte öfter in der Stadt zu tun. Ansonsten konzentrierte sich Atamarie auf die Hochschule – was ihre Noten noch schneller verbesserte und ihre Kommilitonen noch unfreundlicher gucken ließ.

Professor Dobbins war dagegen entzückt von seiner eifrigen Studentin, die stets zur Mithilfe bei Forschungsarbeiten und speziellen Projekten zur Verfügung stand. Das Studium selbst machte ihr schließlich immer noch Spaß, und so füllte sie auch die langen Abende zwangsläufig mit Lesen. Atamarie verschlang die Bücher von Lilienthal und Mouillard zur Theorie und zum Bau von Flugapparaten. Aber natürlich las sie auch Romane und vor allem Zeitungen. Romantische Geschichten fesselten sie stets weniger als das wirkliche Leben. Dabei stieß sie zwangsläufig erneut auf das Land, das der Reverend auf der Vernissage von Heather und Chloé erwähnt hatte: Südafrika, die Republik – oder Kolonie? – am Kap der Guten Hoffnung.

Atamarie lernte, dass dieses Gebiet ursprünglich von Niederländern besiedelt worden war. Die Niederländische Ostindien-Kompanie wünschte sich einen Vorposten zur Verproviantierung ihrer Schiffe auf dem Weg nach Java. Später waren die Siedler aber weiter ins Land vorgestoßen – und irgendwann machte die Ostindien-Kompanie Pleite, und das Land wurde weitgehend kampflos von den Briten okkupiert. Den Siedlern, die sich inzwischen Buren nannten, passte das erwartungsgemäß wenig, aber bislang hatten sie sich damit abgefunden, ohne größeren Ärger zu machen. Zumal die Engländer im Umgang mit ihnen durchaus Geduld zeigten. Atamarie fand es empörend, dass die Besatzer den Buren erlaubten, mit den schwarzen Einheimischen der Region umzuspringen wie mit Sklaven. Die Hottentotten, wie man sie unfreundlich nannte, hatten keinerlei Rechte. Nun setzten die Briten hier wohl auf langsamen Wandel – bis im Land zunächst Diamanten und dann Gold gefunden wurden!

Die Entdeckungen führten zu den üblichen Folgen – Abertausende verarmte, verzweifelte Europäer machten sich auf, um es auf den Goldfeldern zu Reichtum zu bringen. Das Ergebnis kannten die Neuseeländer aus eigener Erfahrung: Die Bevölkerung wuchs sprunghaft an, die Zentren der Goldfelder wurden zu einer Mischung aus Elendsquartieren und Lasterhöhlen. Die Buren, eher Landwirte als Händler und streng religiös, wussten damit wenig anzufangen. Schon bald klagten die Neusiedler über Repressalien, denen sie angeblich oder tatsächlich ausgesetzt waren – und die britische Krone griff die Beschwerden bereitwillig auf. Plötzlich war Schluss mit der gelassenen Duldung der Burenrepubliken Transvaal und Oranje. Die Engländer bestanden auf ihrem Recht, das gesamte Land zu beherrschen. Und Neuseelands Premierminister Richard Seddon griff das Thema begeistert auf. Als der Krieg unvermeidlich schien, hielt er eine ergreifende Rede vor dem Parlament, in der er die Forderung stellte, dem Empire ein Kontingent an Kavalleristen zuzusprechen.

»Neuseeland wird kämpfen für eine Flagge, eine Königin, eine Sprache und ein Land!«, tönte Seddon. »Britannien!«

Atamarie verstand nicht recht, warum das nötig sein sollte. Tatsächlich mischte sich Britannien immer seltener in die Angelegenheiten Neuseelands ein, und sie fragte sich, warum man das umgekehrt nicht ebenso halten konnte. Natürlich war England das Mutterland, aber auf der Nord- und Südinsel war so vieles anders – Atamarie betrachtete ihre Heimat als weitgehend unabhängig. Außer ihr schienen jedoch alle begeistert von der Aussicht, die Rechte eines Landes, das man kaum kannte, in einem anderen Land, von dem man gerade zum ersten Mal gehört hatte, zu verteidigen. Das Parlament versprach die Unterstützung der Briten mit nur fünf Gegenstimmen, die Rekrutierungsbüros konnten sich vor Freiwilligen kaum retten, und sogar etliche Maori-Stämme boten Truppen an.

Auch mehrere von Atamaries Kommilitonen drängten zu den Fahnen, wurden allerdings nicht genommen. Zumindest vorerst bevorzugte man Leute, die bereits in Neuseelands kleiner Armee dienten.

»Mit den Dummköpfen wäre der Krieg auch nicht zu gewinnen gewesen«, äußerte sich Atamarie abfällig bei einem Besuch in Dunedin.

Es war Frühling, und Reverend Burton feierte sein jährliches Gemeindefest. Er wehrte sich allerdings dagegen, den Anregungen etlicher Mitglieder zu folgen, die Erlöse von Basar und Tombola für den Krieg zur Verfügung zu stellen.

»Das Abenteuer soll Seddon mal schön selbst finanzieren«, meinte er ärgerlich. »Von dem Gold und den Diamanten, die dabei letztlich herauskommen, kriegen wir ja auch nichts ab. Wobei ich das Blutgeld auch gar nicht wollte. Aber die Leute sind ja alle verrückt geworden.«

Misstrauisch beäugte er einige Gemeindemitglieder, die selbst auf seinem Fest britische Fahnen schwenkten.

»Neuseeland freut sich einfach, dass mal andere die Goldgräber abkriegen!« Sean lachte. »Alles, was jetzt nach Johannesburg strömt, bleibt Otago erspart. Aber ich verbitte mir doch Verallgemeinerungen! Nicht alle sind dafür. Kupe hat zum Beispiel im Parlament dagegen gestimmt.«

Atamarie hatte das gerade erst erfahren, war nun aber ausgesprochen stolz auf ihren Stiefvater.

»Die Frauenorganisationen sind gespalten«, fügte Violet hinzu. Sie leitete die Dunediner Vertretung der Women’s Christian Temperance Union, einer Vereinigung, die viel zur Erlangung des Frauenwahlrechts beigetragen hatte. »Zum Teil zeigen sie sich patriotisch, zum Teil verurteilen sie das sinnlose Blutvergießen. Ich möchte meinen Sohn jedenfalls nicht zum Sterben in ein wildfremdes Land schicken. Aber viele brennen natürlich darauf, Frauen rüberzusenden, um zu zeigen, dass auch wir uns in gefährlichen Situationen bewähren.«

Der Reverend hob eine Braue. »Aber doch wieder nur als Krankenschwestern, oder? Ein Gewehr wird man ihnen kaum in die Hand drücken …«

»Eben«, meinte Violet couragiert, was einige Zuhörer zum Lachen reizte. Violet war klein, von schmaler Gestalt und sehr damenhaft. Mit einer Waffe in der Hand konnte sie sich niemand vorstellen. »Und was England angeht: Die Frauen da haben noch nicht mal das Wahlrecht. Die meisten Universitäten sind ihnen verschlossen … dafür lohnt es sich zu kämpfen, nicht für Diamanten und Gold!«

Atamarie klatschte Beifall, während Roberta wieder mal nur Augen für Kevin Drury hatte. Der Arzt war eben eingetroffen, gemeinsam mit Juliet LaBree. Die junge Frau trug ein aufreizend enges dunkelblaues Sommerkleid der neuesten Mode. Anscheinend war sie neuerdings Kundin in Lady’s Goldmine.

»Ich fürchte, er wird sie heiraten«, vertraute Roberta Atamarie später ihre aktuellen Sorgen an. »Er ist jetzt so lange mit ihr zusammen, das geht doch gar nicht mehr anders. Und ich … ich begleite meine Eltern jetzt fast zu jeder Veranstaltung und versuche immer, mal was zu sagen. Wirklich. Aber er … er sieht ja nur sie …«

»Wirklich?«, wunderte sich Atamarie. Sie fand das Paar eigentlich längst nicht mehr so eng miteinander verbunden wie noch ein paar Wochen zuvor auf der Vernissage. Juliet folgte Kevin nicht mehr auf dem Fuße, um Schmeicheleien für seine Patientinnen anzubringen. Sie flatterte von einem Mann zum anderen und unterhielt sich angeregt – vor allem mit Junggesellen und Witwern. Nur von Patrick nahm sie keine Notiz, obwohl der ihr immer noch mit verliebtem Gesichtsausdruck folgte. Kevin war nicht mehr so eifersüchtig bemüht, Juliet von anderen Männern fernzuhalten. Es gab keine kleinen, lasziven Berührungen mehr, dafür schien Kevin neuen Bekanntschaften durchaus aufgeschlossen. Sein kurzes Geplänkel mit einer Gemeindehelferin über den Preis eines hässlichen, aber von einer Stütze der Gemeinde selbst gefertigten Kaffeewärmers, konnte man fast als Flirt bezeichnen. »Also ich finde, das lässt nach«, fügte Atamarie nun hinzu und zog Roberta unauffällig in Kevins Nähe.

»Kaffeewärmer, Onkelchen?«, neckte sie ihn vergnügt. »Willst du einen Hausstand gründen?«

Kevin wandte sich zu seiner Nichte um und schenkte sowohl ihr als auch Roberta sein unwiderstehliches Lächeln.

»Es geht mehr um Unterstützung für die Gemeinde«, meinte er dann. »Irgendwas muss ich kaufen. Falls ihr zwei also für eure Aussteuer sammelt – ich kann euch das Ding gern schenken.«

Atamarie winkte ab. »Aussichtslos, Onkel Kevin, jedenfalls vorerst, du weißt doch, wir studieren.«

Kevin nickte, ließ die Blicke jetzt aber deutlich interessierter über die beiden Mädchen wandern. Natürlich, sie waren keine Schulmädchen mehr, und sie hatten sich richtig herausgemacht. Seine Nichte war hübsch – und Roberta war eine aparte Schönheit. Das Mädchen wäre vor Schreck fast im Boden versunken, als er tatsächlich das Wort an sie richtete.

»Natürlich, die zukünftige Lehrerin. Aber wolltest du nicht auch einmal Ärztin werden?«

Roberta lief rot an. Ihre Schwärmerei für Kevin hielt schon jahrelang an, und anfänglich hatte sie oft davon geträumt, mit ihm zusammen als Ärztin zu arbeiten. Aber das hatte sich schnell gelegt.

»Ich kann kein Blut sehen«, gab sie zu. »Ich versuche, mich daran zu gewöhnen, die Kinder verletzen sich ja auch manchmal – aber letzte Woche … es war mein erster Versuch, vor einer Klasse zu stehen, und dann kriegte ein kleines Mädchen Nasenbluten …«

Roberta war umgehend schlecht geworden, obwohl es ihr gerade noch gelungen war, sich zu beherrschen.

»Nun ja, ich bin ja nicht weit«, meinte Kevin tröstend. »Wenn du wirklich die Schule in Caversham übernimmst – meine Praxis liegt nur ein paar Minuten entfernt. Du schickst mir die kleinen Patienten einfach rüber …«, er lächelte Roberta verschwörerisch zu, »… oder du bringst sie selbst. Dann bietet sich mir zwischendurch mal ein schöner Anblick …«

Roberta schaute so verklärt, als habe er ihr nicht einfach ein Kompliment gemacht, sondern mindestens die Welt zu Füßen gelegt. Nun aber schien Juliet ihren Freund im Gespräch mit den jungen Frauen erspäht zu haben. Scheinbar zufällig schlenderte sie näher.

»Komm, Kevin, sie beginnen mit der Tombola. Du musst ein Los für mich ziehen, ich habe bei so was kein Glück.«

Kevin ließ sich bereitwillig in Richtung der Lostrommel führen – und Atamarie zerrte die fast erstarrte Roberta ebenfalls mit sich.

»Braucht ihr auch eine Glücksfee?«, fragte Kevin gut gelaunt. »Schön, dann spendiere ich jetzt den schönsten drei Damen der Veranstaltung je drei Lose. Womit ich meinen Beitrag zur Unterstützung der Gemeinde geleistet habe. Aber ich warne euch: Wenn ihr dieses Teeservice gewinnt, wird euch nie jemand heiraten!«

Der erste Preis der Tombola war ein außerordentlich scheußliches, mehr als fünfzigteiliges Teeservice.

»Möge es an uns vorbeigehen!«, lachte Atamarie und öffnete rasch ihre Lose. Drei Nieten.

Juliet zierte sich und tat, als sei sie zu ungeschickt, die Briefchen aufzufalten. Kevin half ihr schließlich und lachte sich kaputt, als sich das zweite Los als Gewinn entpuppte.

»Ein Kaffeewärmer. Wahrscheinlich das Ding, das ich eben angesehen habe. Viel Spaß damit, Juliet!«

Juliet blickte indigniert, ihr drittes Los war ebenfalls eine Niete.

Roberta hielt ihre Lose immer noch in der Hand, als könnte sie sich nicht entschließen, die Papierbriefchen aufzureißen, die Kevins Finger vorher berührt hatten.

»Nun mach schon!«, meinte Atamarie. »Selbst wenn du das Service gewinnst … vor jeder Hochzeit steht ein Polterabend …«

Roberta öffnete nacheinander zwei Nieten, aber dann hatte sie einen Gewinn – ein Stoffpferdchen.

»Na also, ein Pferd!«, freute sich Kevin. »Kann man immer gebrauchen. Wenngleich ich ja die lebenden bevorzuge …«

»Die kann ich aber nicht mit in die Universität nehmen«, meinte Roberta – und schalt sich gleich ihrer dummen Bemerkung. Kevin durfte auf keinen Fall wissen, dass sie beschlossen hatte, das Stoffpferdchen von jetzt an immer mit sich herumzutragen, wie ein Kind seine Lieblingspuppe. Schließlich war es ja so etwas wie ein Geschenk von ihm … Sie drückte es zwischen ihren Fingern.

»Warum nicht? Pferde sind kluge Tiere!«

Kevin nahm ihr mit einem Scherz die Befangenheit. Roberta war im siebten Himmel.

»Na also, es wird doch!«, meinte Atamarie gelassen, als Kevin mit seiner Juliet – oder eher Juliet mit ihrem Kevin – das Fest verließ. Die junge Frau hatte deutlich ungehalten gewirkt, nachdem ihr Freund so viel Zeit mit den Mädchen verbracht hatte, und dann gleich darauf gedrängt, aufzubrechen. »Das lässt nach mit dieser Juliet, bestimmt! Sie ist ja auch total langweilig. Worüber kann er sich mit der schon unterhalten?«

Juliet hätte nie geglaubt, dass es so schwierig werden könnte, schwanger zu werden. Aber seit sie Kevins Overcoats durchlöchert hatte, waren schon vier Monate vergangen, es war Februar, der Sommer neigte sich bald seinem Ende zu. Und Kevins Interesse an ihr ließ immer mehr nach, es war nicht zu leugnen. Früher hatte er sie mit zu Empfängen und Dinners genommen, heute höchstens noch zu läppischen Veranstaltungen wie diesem Gemeindefest damals. Wo er obendrein kaum Zeit mit ihr verbrachte, sondern mit anderen Frauen flirtete oder mit Männern über den Krieg am anderen Ende der Welt redete. Juliet begann inzwischen auch ihrerseits, sich nach Alternativen umzusehen. Junggesellen gab es nicht viele in Dunedin, zumindest keine passenden, aber zwei oder drei Witwer hatte sie in die engere Wahl gezogen. Natürlich kam keiner von ihnen in Sachen Attraktivität und Agilität an Kevin heran – auch nicht Patrick, sein Bruder, der sicher leicht zu haben wäre. Manchmal fiel es Juliet fast auf die Nerven, wie eifrig er um sie herumwuselte. Dunedin zu verlassen zog Juliet inzwischen nicht mehr in Betracht. Sie hatte sich an die Annehmlichkeiten der Stadt gewöhnt – die breiten Straßen, die Einkaufsmöglichkeiten, nicht zuletzt die Kollektion von Lady’s Goldmine! –, und sie beobachtete jetzt seit einem Dreivierteljahr das Klima in Neuseeland. Viel Regen, auch im Sommer, und Schnee im Winter – auf keinen Fall würde sie das in einem Goldgräbercamp überleben! Nein, Juliet war fest entschlossen, sesshaft zu werden. Und der beste Weg dorthin führte immer noch über ein Kind.

Lasziv schälte sie sich jetzt aus dem goldfarbenen Abendkleid, in dem sie ihren Liebhaber an diesem Abend zu einem Konzert begleitet hatte. Ausnahmsweise mal wieder ein gesellschaftlicher Anlass, auch die Dunloes waren da gewesen und die Coltranes – mit ihrer bildschönen Tochter, die Kevin anschmachtete wie ein verliebtes Schaf. Kevin bemerkte das nicht, aber wenn ihn jemand darauf aufmerksam machte, konnte es gefährlich werden. Die kleine Roberta wäre sicher die Traumschwiegertochter für Kevins bärbeißige Mutter … Juliet zwang sich, zu lächeln und die Hüften zu schwingen. Sie musste aufpassen, in der letzten Zeit wurde sie füllig …

Kevin, der schon auf dem Bett gelegen hatte, erhob sich, um ihr mit dem Korsett zu helfen. Er liebte es, sie daraus zu befreien und ihr schwellendes Fleisch zu liebkosen.

»Unglaublich«, murmelte er jetzt, als er ihren Büstenhalter öffnete. »Sie scheinen noch größer geworden zu sein …«

Er küsste ihre Brüste und saugte leicht daran, eine Zärtlichkeit, die ihr bisher immer gefallen hatte. Aber heute tat es fast etwas weh. Ihre Brüste spannten, schienen härter als sonst …

Kevins Mund wanderte an ihrem Körper herab, er küsste ihren Bauch und ihre Hüften, hob sie schließlich auf und trug sie aufs Bett. Dann tastete er in der Nachttischschublade nach einem Overcoat.

»Brauchen wir das heute überhaupt?«, murmelte er.

Keiner von ihnen liebte die dicken Gummischläuche, aber beide kannten sich mit dem weiblichen Zyklus aus. Zwei oder drei Tage vor und nach der Menstruation war es sicher. Und jetzt …

Juliet rechnete blitzschnell nach. Er hatte Recht. Sie brauchten es heute sicher nicht – aber eigentlich hätte auch die Blutung schon einsetzen müssen.

Kevin ließ das Gummi, wo es war, und fuhr fort, Juliet zu streicheln. Eigentlich reichte das, um sie feucht werden zu lassen, aber heute wollte es nicht recht gelingen. Kevin, ein geduldiger, fantasievoller Liebhaber, begann erneut, sich mit ihren Brüsten zu beschäftigen, ließ seine Finger Kreise auf ihrem Bauch beschreiben … der sich ebenfalls härter anfühlte als sonst, und …

Kevin hielt plötzlich inne. Dann drehte er die Gaslampe höher, die den Raum bisher in nur diffuses Licht getaucht hatte.

Sein Gesicht verlor den weichen, verträumten Ausdruck, den es stets bei der Liebe zeigte. An seine Stelle trat der prüfende Blick des Arztes.

»Juliet, die größeren Brüste … und auch sonst, du … Juliet, bist du schwanger?«

KAPITEL 5

»Nein, auf keinen Fall, ich werde sie nicht heiraten!«

Kevin hatte eigentlich gehofft, seiner Mutter damit aus der Seele zu sprechen, aber Lizzie saß nur mit verkniffenem Gesicht da und drehte ihr Weinglas. Michael hatte eben eine Flasche ihres geliebten Bordeaux geöffnet, schon damit sich alle erst einmal beruhigten. Kevin jedenfalls war äußerst aufgebracht, so sehr, dass er seine Praxis einen Tag nach seiner Entdeckung erst mal seinem Kompagnon überlassen hatte und hinauf nach Lawrence geritten war. Seine Eltern hatten sich die Enthüllung stoisch angehört, bis Michael schließlich die Frage nach Eheplänen stellte.

»Sie hat das doch geplant!«, erregte sich Kevin. »Keine Ahnung, wie sie es gemacht hat, aber irgendwie hat sie mich reingelegt. Dabei sagte sie, sie wolle kein Kind.«

»Das kann man sich ja nicht immer aussuchen«, begütigte Michael.

Lizzie sah ihren Sohn wütend an. »Natürlich hat sie das geplant«, erklärte sie dann. »Ich habe das von Anfang an befürchtet. Aber jetzt hat sie dich, Kevin. Selbstverständlich wirst du sie heiraten.«

»Was?«

Kevin und Michael stießen die Frage fast gleichzeitig aus. Dann brach der Sturm los.

»Ich heirate sie nicht!«, rief Kevin. »Ich lasse das nicht mit mir machen!«

»Man kann ihn doch nicht zwingen, Lizzie!« Michael schüttelte den Kopf.

Lizzie seufzte, funkelte die Männer dann jedoch an. »Natürlich nicht. Er kann sie auch verlassen. Und was macht sie dann? Allein mit dem Kind?«

»Ich könnte dafür zahlen«, meinte Kevin, nicht begeistert, aber halbwegs beruhigt.

»Da gibt es doch Regelungen«, fügte Michael hinzu. »Denk an Matariki.«

Matariki war mit achtzehn von Colin Coltrane schwanger geworden, hatte sich dann aber von ihm getrennt und Atamarie allein aufgezogen. Das war nicht immer einfach gewesen, teilweise hatte sie sich als Witwe ausgeben müssen, um ihre Stellung in der Gesellschaft zu halten. Aber letztendlich war es immer gut gegangen – auch dank Lizzies und Michaels Geld. Matariki war nicht auf eine Stellung angewiesen gewesen, ihre Eltern hatten sie unterstützt.

»Eben! Matariki musste auch nicht heiraten!«, trumpfte Kevin auf.

Lizzie rieb sich die Stirn und nahm einen tiefen Schluck von ihrem Rotwein. »Mit Matariki war es etwas anderes«, meinte sie dann.

»Ach ja?«, rief Kevin. »Weil sie ein Maori-Abkömmling war? Weil’s bei denen nicht so zählt? Wie war das überhaupt mit dir und Matariki? Und ihrem Vater? Wer wollte da wen nicht heiraten?«

Lizzie blitzte ihren Sohn an. »Du riskierst eine Ohrfeige, Kevin«, bemerkte sie. »Egal, wie alt du schon bist. Aber wenn du es wissen willst: Ich wollte Kahu Heke, Matarikis Vater, nicht heiraten. Und Matarikis Schwangerschaft hatte mit ihrer Abstammung überhaupt nichts zu tun. Der Unterschied liegt einfach darin, dass … na ja, Matariki war von Colin schwanger, nicht Colin von Matariki …«

Kevin musste beinahe lachen. »Das wäre auch ein medizinisches Wunder gewesen«, meinte er zynisch.

»Und eine menschliche Katastrophe«, sagte Lizzie ernst. »Tut mir leid, wenn ich mich unklar ausdrücke. Aber sag selbst, Michael, hätten wir Colin Coltrane unser Enkelkind anvertraut? Wir waren doch heilfroh, dass Riki ihn dann doch nicht als Vater für Atamarie wollte. Und nun hat diese … Juliet … Kevins Kind im Bauch.«

»Was wir ihr vergolden könnten«, meinte Michael.

Lizzie schüttelte heftig den Kopf. »Und wie stellst du dir das vor? Kaufst du ihr ein Haus in Dunedin und stellst sie finanziell sicher, aber gesellschaftlich total ins Abseits? Soll das Kind als Ausgestoßener aufwachsen?«

Michael schoss das Blut ins Gesicht. Damals, als man ihn aus Irland deportierte, hatte er Kathleen in der gleichen Situation verlassen. Es war ihm gelungen, ihr seine Ersparnisse zuzustecken, aber gerettet hatte sie das nicht. Letztlich hatte sie das Geld als Mitgift in eine Ehe eingebracht: Kathleen finanzierte Ian Coltrane die Auswanderung nach Neuseeland, dafür gab er Sean seinen Namen. Und ließ Kathleen jahrelang spüren, dass er sie für eine Hure hielt.

»Sie könnte in eine andere Stadt ziehen«, meinte Kevin.

Lizzie nickte. »Und damit verlören wir sie und ihr Kind aus den Augen. Das könnte dir so passen, Kevin! Du kaufst dich frei, und der arme Wurm muss sehen, wo er bleibt. Weiß der Himmel, was diese Juliet mit ihm macht …«

Michael goss ihr neuen Wein ein. »Na, na, Lizzie«, meinte er dann begütigend. »Die Frau ist doch kein Unmensch. Sie mag sich das Kind ja nicht wirklich wünschen, aber wenn sie es erst hat …«

Lizzie sog scharf die Luft ein. Vor ihrem inneren Auge stand ein Verschlag in London, ein dreckiges Loch, das sie mit einer anderen Prostituierten teilte. Hannah, Mutter zweier Kinder.

»Ach ja? Das funktioniert, ja? Dann schafft sie es schon, ja? Was ihr euch schönredet …«

Lizzie hatte so lange nicht an Toby und Laura gedacht, aber jetzt meinte sie fast, ihre kleinen Körper wieder neben sich zu spüren, wenn sie nachts ängstlich und halb erfroren in ihre enge Koje krochen. Während Hannah in ihrem eigenen Bett mit ihrem Galan kicherte. Wie hatte der Kerl noch geheißen? Laurence oder Lucius? Oder war es erst Laurence und dann Lucius gewesen? Hannah hatte immer von Liebe gesprochen. Nur nie, wenn es um Toby und Laura ging.

Wir haben Hunger, Lizzie … holst du was zu essen? Lizzie hörte wieder die Stimmen der Kinder, ihr Weinen. Was mochte aus ihnen geworden sein, nachdem man Lizzie nach Australien geschickt hatte? Weil sie Brot gestohlen hatte, um die Kinder zu füttern. Und Hannah hatte sie nicht mal verteidigt. Im Gegenteil, sie hatte dem Richter ein trautes Familienleben mit Lucius und den Kindern vorgespielt.

»Aber eine Art Mutterinstinkt ist doch nicht zu leugnen«, dozierte Kevin mit seiner Arztstimme.

»Ja, bei Katzen«, höhnte Lizzie, »bei Pferden, Seehunden … Aber deine Juliet, die wird sich einen Dreck um dein Kind kümmern. Sie nimmt vielleicht dein Geld, aber was sie dann damit macht … Es kommt nicht infrage, Kevin, du musst sie heiraten.«

»Und wenn wir ihr Geld dafür geben, dass sie uns das Kind lässt?«, fragte Michael unwillig.

Er hatte keine rechte Lust auf ein weiteres Kind. Weder er noch Lizzie waren jung genug, um sich erneut auf das Abenteuer Erziehung einzulassen.

Lizzie zuckte die Achseln. »Das wird sie nicht machen, Michael. Dann könnte sie es ja auch gleich abtreiben.«

Kevin atmete tief ein. Abtreibung hatte man ihm während des Studiums als größtes Verbrechen geschildert.

»Nun guck mal nicht so, Kevin, sie weiß, dass es so etwas gibt, halte sie bloß nicht für naiv! Wenn du sie verlässt, wird sie’s wahrscheinlich tun. Also ein weiterer Grund, sie zu heiraten. Wenn es für dich denn wirklich so eine große Sünde darstellt.«

Kevin presste seine Hände an die Schläfen. »Aber ich will nicht! Wenn ich sie heirate … ich wollte doch überhaupt noch nicht heiraten. Und nun eine Frau wie sie … Das war nie geplant, das war doch nur ein Spiel. Aber jetzt … wenn ich Juliet heirate – dann, dann ist mein Leben verpfuscht.«

Lizzie und Michael konnten das nicht wirklich leugnen, auch wenn besonders Michael die Sache lockerer sah. Gut, Kevin würde sich mit einer nicht perfekt passenden Frau an seiner Seite abfinden müssen, aber immerhin war Juliet bildschön und schien ja auch noch andere Qualitäten zu haben … Und Kevins gesellschaftliche Stellung wäre nicht gefährdet. Natürlich würde man ein bisschen tuscheln, und der eine oder die andere würde auch erraten, was den attraktiven jungen Arzt nun wirklich in die Ehe mit einer Halbweltdame trieb. Aber in der Dunediner Gesellschaft hatte so mancher eine schlimmere Vergangenheit als Juliet LaBree. Niemand würde zu indiskrete Fragen stellen.

»Du musst nur aufpassen, dass du sie kontrollierst«, riet Michael seinem Sohn. »Die Frau ist sonst imstande, dich zu ruinieren. Allein, was sie jetzt schon eingeheimst hat – leugne es nicht, Kevin, Jimmy Dunloe hat mich darauf angesprochen, dass du Schulden machst!«

»Laut Claire und Kathleen lässt Juliet allein in Lady’s Goldmine ein Vermögen«, fügte Lizzie hinzu. »Das musst du eindämmen, Kevin, auch wenn es schwierig ist. Mach ihr klar, dass ein Arzt nun mal kein Plantagenbesitzer ist.« Juliets Herkunft von einer Baumwollpflanzung in Louisiana hatte sich inzwischen herumgesprochen. Wobei Kevin erleichtert gewesen war, als sie dies offenbarte. Wenigstens ihre Abstammung war über jeden Zweifel erhaben.

»Wenn ich sie heirate, muss ich ein Haus kaufen«, seufzte Kevin. Das war praktisch das Erste, was Juliet verlangt hatte, nachdem sie über den ersten Schreck hinweg war, als Kevin ihre Schwangerschaft diagnostizierte. Sie hatte angeblich nichts geahnt, und natürlich war sie ebenso entsetzt gewesen wie er – oder hatte doch zumindest so getan.

»Es geht schon los«, seufzte Lizzie. »Aber gut, beim Hauskauf können wir dich vielleicht noch unterstützen. Sofern es im Rahmen bleibt. Denk also gar nicht erst an einen Palast in der Upper Stuart Street. Besser irgendein nettes Cottage, zum Beispiel in Caversham …«

Kevin hätte der Kopf schwirren sollen, als er seine Eltern schließlich verließ und im strömenden Regen zurück nach Dunedin ritt. Zusammengesunken und den Wachsmantel eng um sich gezogen saß er auf seinem Pferd und kämpfte gegen den Wind und die Gedanken an seine Zukunft. Er hätte Pläne schmieden sollen, aber tatsächlich konnte er nur dumpf vor sich hin brüten. Er wollte Juliet nicht heiraten! Je länger er darüber nachdachte, desto schrecklicher erschien ihm der Gedanke. Dabei hatte er bisher nie längere Überlegungen an Dinge wie die eine große Liebe verschwendet. Wenn er überhaupt mal an Ehe gedacht hatte, so an eine ruhige, angenehme Beziehung zu einer passenden Frau. Die Gesellschaft hatte feste Vorstellungen von einer Arztgattin. Man erwartete soziales Engagement, vielleicht tätige Mithilfe in der Praxis des Gatten, zumindest aufrichtige Teilnahme am Schicksal seiner Patienten. Kulturelle Interessen waren durchaus erwünscht, und Kevin wollte ja auch kein Dummchen an seiner Seite. Dazu wünschte er sich seine Frau aufgeschlossen und sinnlich – eine moderne, junge Frau, vielleicht studiert … eigentlich hatte er immer an ein Mädchen wie Atamarie oder ihre Freundin gedacht – wie hieß sie noch mal?

Juliet LaBree passte nur begrenzt in dieses Bild, wobei er ihr durchaus die Fähigkeit zugestanden hätte, sich anzupassen. Er fragte sich nur, ob sie das wollte, und genau das bezweifelte Kevin. In den letzten Wochen hatte es oft Streit darüber gegeben, ob dieser oder jener Anlass wirklich so dringend ein neues Kleid forderte, ob die neue Kutsche wieder nur ein schlichter »Doktorwagen« sein sollte oder doch etwas Repräsentativeres, das sich besser für Wochenendausflüge eignete. Und nun sollte er ihr auch noch klarmachen, dass seine Eltern ihm vielleicht ein Cottage in Caversham finanzieren würden, aber sicher nicht das Stadthaus, in dem seine Praxis und seine Wohnung lagen. Das stand gerade zum Verkauf, und Juliet hatte es sofort ins Gespräch gebracht, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr.

Kevin fürchtete sich nicht vor der Ehe mit einer nur mäßig geliebten Frau, aber er dachte mit Grausen an die vor ihm liegenden Streitgespräche. Es würde um das Haus gehen, die Einrichtung, eventuelle Dienstboten … Bisher hatte Kevin nur eine Zugehfrau, die seine Wohnung in Ordnung hielt, aber Juliet würde kaum selbst kochen und ihr Baby versorgen wollen. Und sie war vernünftigen Argumenten gegenüber nicht allzu zugänglich. Schon jetzt hatte es Tränen und Geschrei gegeben, Juliet warf ihm vor, ihr Leben zerstört zu haben, indem er sie geschwängert hatte. Mit diesem Vorwand würde sie mehr und mehr Forderungen stellen – und Kevin war das jetzt schon leid. Dazu kam Juliets flatterhaftes Wesen, in den letzten Wochen hatte er angefangen, ein bisschen an ihrer Treue zu zweifeln. Würde er das jetzt sein ganzes Leben lang tun müssen?

Kevin glich in vieler Hinsicht seinem Vater Michael. Beide waren charmant, schienen manchmal etwas leichtlebig und gingen Schwierigkeiten gern aus dem Weg. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie nicht verlässlich waren – im Gegenteil. Michael hatte jahrzehntelang an seiner ersten Liebe festgehalten, und Kevin hatte zielstrebig seinen Berufswunsch und sein Studium verfolgt. Er war trotz aller Nebeninteressen ein hervorragender Arzt. Allerdings hatte Michael stets Lizzie gebraucht, um mit Problemen fertig zu werden – und Kevin war nie mit echten Hindernissen auf seinem Weg konfrontiert worden. Lizzie und Michael hatten sein Studium finanziert, die Dunediner Gesellschaft nahm ihn wohlwollend auf – bislang hatte Kevin niemals um etwas kämpfen müssen. Und auf diesem langen, deprimierenden Ritt durch den Regen wurde ihm klar, dass er das auch in Zukunft weder wollte noch konnte. Zumindest nicht im eigenen Haus und mit seiner eigenen Frau.

Der Regen ließ erst nach, als Kevin Dunedin erreichte. Als er Caversham durchquerte, hob sich seine Laune fast ein wenig. An sich ein nettes Viertel, Reverend Burtons Pfarrsprengel. Er konnte sich hier durchaus eine Praxis vorstellen – und Atamaries hübsche Freundin hätte es dann noch sehr viel näher, wenn eins ihrer Schulkinder Nasenbluten bekam … Kevin hätte fast gelächelt, aber dann stellte er sich Juliet in einem dieser Cottages vor, beim Kochen oder bei der Gartenarbeit … nein, es war undenkbar. Er konnte diesen Kampf nicht ausfechten. Vielleicht jedoch einen anderen.

Kevin schoss ein aberwitziger Gedanke durch den Kopf, als er ein tristes Gebäude passierte, dessen Büroeingang allerdings mit bunten Fahnen Englands und Neuseelands geschmückt war: REKRUTIERUNGSBÜRO DUNEDIN. Trotz des schlechten Wetters warteten drei Männer vor dem Eingang, das Büro hatte wohl noch nicht geöffnet. Kevin rief ihnen einen Gruß zu.

»Freiwillige für den Krieg am Kap?«, erkundigte er sich.

Die Männer – ihre schlichte Kleidung und ihre karierten Schiebermützen wiesen sie als Arbeitersöhne aus – grinsten ihm zu und salutierten. »Jawohl, Sir!«

»Wenn sie uns nehmen …«, schränkte einer von ihnen ein.

Kevin dachte kurz darüber nach, was er über die neuesten Entwicklungen im Burenkrieg wusste. Die Kampfhandlungen hatten am 12. Oktober begonnen, aber Neuseeland hatte schon nach der aufrüttelnden Rede des Premiers begonnen, Freiwillige zu rekrutieren. Man hatte dann auch bald die ersten zweihundertfünfzehn Mann in Marsch gesetzt, nachdem das Verteidigungsministerium alle Anstrengungen gemacht hatte, das zugehörige Equipment, Trossfahrzeuge und Pferde zusammenzustellen. Schließlich hatte sich das Land mit Australien ein Ocean Race geliefert – jedes der Länder wollte den Engländern am Kap als Erstes zu Hilfe eilen. Neuseeland hatte knapp gewonnen, am 23. November waren die Schiffe in Kapstadt eingetroffen. Die Truppen waren dann gleich nach Norden geschickt worden und hatten Anfang Dezember zum ersten Mal gekämpft. Seitdem hielten sie sich wacker trotz schwerer Gefechte. Und nun stellte auch die Südinsel Truppenkontingente zusammen, nachdem die ersten Freiwilligen von der Nordinsel aus verschifft worden waren. In den nächsten Tagen sollte ein Truppentransporter von Lyttelton aus ablegen, mit einem von reichen Christchurcher Bürgern aufgestellten und finanzierten Regiment. Dunedin wollte sich nicht lumpen lassen, auch hier warb man gezielt Freiwillige an.

Im Rekrutierungsbüro regte sich nun etwas, jemand zog Jalousien hoch, und gleich darauf öffnete sich die Tür von innen.

Kevin überlegte nicht lange. Vielleicht eine verrückte Idee, häuslichen Kämpfen mit der Flucht in einen wirklichen Krieg entkommen zu wollen – aber im Moment der einzige Ausweg, der sich ihm bot. Außer seinen Eltern wusste bislang niemand von seiner Vaterschaft – Juliet konnte so tun, als habe sie die Schwangerschaft erst bemerkt, als Kevin bereits weg war. Kevin würde nicht als Schuft gelten, weil er sie verlassen hatte. Und Juliet – nun, einer Soldatenbraut vergab die Gesellschaft zweifellos eher einen Fehltritt als einer Lebedame. Man würde dann ja sehen, ob sie auf ihn warten wollte oder ob sich vielleicht noch ein anderer Vater für das Kind fand. Kevin jedenfalls wollte darüber vorerst nicht nachdenken.

Entschlossen betrat er das Rekrutierungsbüro.

KAPITEL 6

Kevins Einberufung zu den Otago Mounted Rifles vollzog sich verblüffend einfach. Schon als der junge Mediziner seinen Beruf nannte, leuchteten die Augen des Offiziers, der die Rekruten einer ersten Musterung zu unterziehen hatte, auf.

»Ärzte brauchen wir immer!«, erklärte er strahlend. »Können Sie zufällig auch schießen?«

Kevin zog die Brauen hoch. »Ich komme von einer Schaffarm, Sir«, antwortete er gelassen. »Da kann jeder schießen.«

Bis vor wenigen Jahrzehnten war das nicht unbedingt zutreffend gewesen, damals hatte kaum einer der pakeha- oder Maori-Viehhüter ein Gewehr getragen. Warum auch, Viehdiebe waren selten und niemals so dumm, dass sie sich auf ein Gefecht einließen, und jagdbares Wild gab es kaum. Vor Ankunft der Weißen hatte es in Neuseeland überhaupt keine Säugetiere gegeben außer den Hunden der Maori und einer Fledermausart. Die in den Ebenen heimischen Vögel waren eher träge, man fing sie in Fallen oder sammelte nachtaktive Exemplare während des Tages einfach ein. Dann aber brachte irgendein Schiff die ersten Kaninchen auf die Südinsel, die sich mangels natürlicher Feinde schnell zu einer Plage entwickelten. Kaninchenfleisch beherrschte seitdem den Speiseplan auf den Farmen und bald auch in den Maori-Dörfern – und jeder acht- bis zehnjährige Junge lernte, die Tierchen mit einem Schuss zu erlegen.

Der Sergeant nickte denn auch. »Reiten?«, fragte er hoffnungsvoll.

Kevin lächelte und wies auf seinen vor dem Büro angebundenen hochbeinigen Schimmel. »Mein Pferd meldet sich ebenfalls zum Dienst.«

Die Unterzeichnung der Papiere war dann nur noch eine Formsache. Man sammelte die Mounted Rifles in einem Camp bei Waikouaiti und kleidete sie ein – erstmalig in Khaki, Kevin grinste in sich hinein. Zumindest konnte sein Vater Michael ihm nicht vorwerfen, zu einem der im alten Irland verhassten Rotröcke geworden zu sein, wie man das englische Militär bislang genannt hatte. Die moderne Kriegführung verlangte Tarnkleidung, und Kevin bemerkte verblüfft, dass man in den neuen, an sich wenig kleidsamen Uniformjacken und -hosen buchstäblich mit der Umgebung verschmelzen konnte. Anschließend erhielten die Männer eine recht flüchtige Grundausbildung, an deren Ende sie ihre Offiziere selbst wählten – eine gängige Praxis in Freiwilligenregimentern. Kevin, als frischgebackener Stabsarzt, avancierte sofort zum Captain. Und dann ging es auch sehr schnell aufs Schiff – zwischen Kevins Meldung und seiner Einschiffung vergingen keine drei Wochen. Nun reichte ihm das aber auch schon, um sich wie auf Kohlen zu fühlen. Er war nur noch einmal kurz in seine Wohnung zurückgekehrt, um einige wenige persönliche Sachen zu holen und kurz mit seinem Teilhaber zu sprechen. Kevin erwies sich hier als sehr großzügig. Sollte Christian die Praxis haben – wenn er zurückkehrte, würde er sowieso neu anfangen. Als Bedingung bat er sich das Stillschweigen seines Freundes aus.

»Ich schreibe meiner Familie, sobald ich auf See bin, keine Sorge. Aber jetzt … ich … ich möchte das mit diesem Krieg nicht diskutieren. Ich brauche einfach … etwas Zeit für mich.«

Christian Folks lachte. »Du ziehst sozusagen in den Krieg, um allein zu sein? Interessante Idee. Aber musst du wirklich gleich ans Ende der Welt flüchten, nur um dieser Juliet zu entgehen? Mensch, und ich hab dich um sie beneidet!«

Folks selbst war kein geeignetes »Opfer« für Juliet. Er hatte gleich nach dem Studium eine Jugendfreundin geheiratet.

»Sie hat ihre Qualitäten«, sagte Kevin kryptisch. »Aber manchmal … zum Teufel, ich will nicht drüber reden. Halt einfach drei Wochen die Klappe, ja? Egal, wer dich fragt. Sag einfach, ich … sag von mir aus, ich wandere mit den Maori …«

Christian tippte sich an die Stirn. »Die wandern im Sommer, Kevin, jetzt ist Herbst. Und deine Mutter glaubt mir das ohnehin nie. Mit welchem Stamm solltest du denn unterwegs sein?«

Lizzie und Michael lebten in hervorragender Nachbarschaft zum Stamm der Ngai Tahu, und als Jugendliche waren Kevin und Patrick wirklich manchmal mitgezogen, wenn die Maori wanderten. Der Stamm aus Lawrence tat das allerdings nur selten und nie mit der gesamten Bevölkerung. Der Hauptgrund für längere Wanderungen von Maori-Stämmen war Hunger. Wenn die Vorräte vom letzten Jahr aufgebraucht waren, zogen die Stämme in die Berge, um zu fischen und zu jagen. Die Ngai Tahu in Tuapeka hatten das jedoch nicht nötig. Sie hatten ihre Felder und ihre Schafzucht, und in sehr schlechten Jahren schürften sie einfach etwas Gold. Die Goldvorkommen in dem Fluss bei Elizabeth Station waren ein gut gehütetes Geheimnis zwischen den Drurys und den Ngai Tahu.

»Dann sag was anderes, mir ist es gleich. Solange mich bloß alle in Ruhe lassen!«

Kevin umarmte seinen Freund noch einmal kurz und verließ dann die Praxis. Er war nicht unglücklich darüber, inzwischen lockte ihn das Abenteuer.

Lizzie und Michael Drury erfuhren zunächst nichts von der Entscheidung ihres Sohnes, aber das beunruhigte sie nicht. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie drei Wochen lang nichts von ihm hörten.

»Und er muss das ja auch erst mal verdauen«, meinte Michael zu seiner Frau, als die zweite Woche ohne ein Lebenszeichen verging.

»Vor allem muss er Miss Juliet klarmachen, dass mit der Geburt eines Kindes kein Stadthaus in der City von Dunedin verbunden ist«, meinte Lizzie hart. »Das wird ihm nicht leichtfallen. Das Mädchen hat ihn doch völlig unter der Knute. Hoffentlich schafft er es überhaupt und stellt nicht noch was an …«

Auch Patrick bekam vom Verschwinden seines Bruders vorerst nichts mit. Er reiste mal wieder in den Bergen von Otago herum und inspizierte die Schafe, die am Ende des Sommers vom Hochland auf die Farmen geholt worden waren. Patrick beriet die Züchter, empfahl An- und Verkäufe und schlichtete mitunter zwischen Möchtegernschafbaronen und selbstbewussten Maori-Viehhütern. Kevin würde längst auf See sein, wenn er zurückkehrte.

Letztlich waren es vor allem Juliet und Roberta, die sich Sorgen um Michaels Verbleib machten. Roberta berichtete Atamarie aufgeregt brieflich von seinem Verschwinden. Sie wagte nicht, Christian nach dem Verbleiben seines Kompagnons zu fragen, und Patrick war ja fort.

Ich werde verrückt, wenn ich mir vorstelle, was ihm passiert sein kann, klagte Roberta in ihrem Brief. Atamarie fasste sich nur an die Stirn. Sie zumindest konnte sich absolut nicht vorstellen, was ihrem Onkel auf der Südinsel Neuseelands Furchtbares widerfahren könnte. Zumal nichts, das ein spurloses Verschwinden erklärte. Natürlich hätte er bei einem Unfall verletzt werden oder ums Leben kommen können, aber das hätte man doch in Dunedin gehört. Immerhin ist er nicht mit Miss LaBree unterwegs, schrieb Roberta weiter. Die habe ich neulich gesehen, aber sie sah schlecht aus.

Atamarie erkannte genau hier des Rätsels Lösung. Kevin hatte Juliet offensichtlich verlassen, fragte sich nur, weshalb er dazu untertauchen musste. Atamarie machte sich jedenfalls keine Sorgen. Kevin, so beschied sie Roberta, würde schon wieder auftauchen. Und wenn Roberta Glück hatte, würde Juliet bis dahin verschwinden.

Juliet tobte vor Wut über Kevins Abgang, machte sich allerdings auch keine übertriebenen Sorgen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Freund seine Wohnung und seine Praxis verließ, um irgendwo gänzlich neu anzufangen. Schließlich hatte er weder seine Sachen mitgenommen noch sein Konto aufgelöst, die Bank gab Juliet nach wie vor auf seinen Namen Kredit. Wahrscheinlich brauchte er einfach ein bisschen Zeit, um mit der neuen Situation klarzukommen. Juliet hoffte bloß, dass es sich nicht zu lange hinzog. Schließlich wollte sie nicht mit dickem Bauch vor den Priester treten.

Als Kevins Brief schließlich eintraf, fiel die junge Frau dann aus allen Wolken. Blind vor Wut warf sie ein paar Sachen in einen Koffer und dachte über eine Mietdroschke nach. Aber das würde zu teuer, sie konnte sich unmöglich bis nach Lawrence kutschieren lassen.

Juliet überlegte kurz und machte sich dann auf den Weg zu dem kleinen Haus in Caversham, in dem sich Patrick eingemietet hatte. Es lag etwas ländlich und verfügte vor allem über geräumige Pferdeställe. Patrick besaß insgesamt drei Pferde – kein so rassiges wie Kevin, aber zwei zuverlässige genügsame Reitpferde, die ihn auf seinen langen Ritten sicher trugen, und ein Nachwuchspferd. Letzteres stand zurzeit im Stall, mit den anderen war Patrick unterwegs.

Juliet hatte Glück und traf den Jungen, der die Pferde während Patricks Abwesenheit pflegte, an. Ein rothaariger kleiner Ire, bestimmt verstand er sich auch aufs Kutschieren. Und natürlich war er Juliet sogleich verfallen.

Dennoch war er skeptisch, als sie ihr Anliegen vortrug. »Ja, ich weiß, dass Sie eine Bekannte von Mr. Patrick sind. Die … äh …«

»… Verlobte von seinem Bruder«, vervollständigte Juliet in bestimmtem Ton. »Aber Mr. Drury ist zurzeit abwesend, und ich muss dringend mit seinen Eltern sprechen. Ich würde Patrick bitten, mich zu fahren, aber der ist ja nun auch unterwegs. Also bitte, tu mir den Gefallen und spann dieses Pferd an. Ich … na ja, die Drurys werden dich auch bezahlen.«

Der Junge biss sich auf die Lippen. »Aber das Pferd ist noch ganz jung. Und die Reise ist ziemlich weit. Ich muss meiner Mutter Bescheid sagen. Und ich weiß auch nicht, ob es Mr. Patrick recht ist …«

»Mr. Patrick wird es ein Vergnügen sein, mir gefällig zu sein«, meinte Juliet hoheitsvoll. »Bei deinen Eltern können wir vorbeifahren. Meine Güte, nun mach nicht so ein Gewese darum! Du fährst das Pferd von einem Drury-Stall zum anderen, und zwischendurch wird weder dich noch den Gaul jemand entführen. Also schirr das Tier jetzt an.«

Der Junge, Randy, gab schließlich klein bei, aber die Reise nach Elizabeth Station gestaltete sich quälend langsam. Randy schien größte Sorgen zu haben, die junge Stute zu überfordern und ließ sie deshalb stundenlang Schritt gehen. Dabei war die Straße gut ausgebaut, und man hätte zügig durchfahren können, obwohl es wieder mal regnete. Juliet ging das langsam auf die Nerven. Regnete es eigentlich ständig in diesem Land?

»Das sind die Tränen der Maori-Gottheit«, bemerkte Randy, als sie sich schließlich darüber beschwerte. »Ganz lustig, die Maori sagen, ursprünglich waren Himmel und Erde ein Paar. Die Himmelsgottheit hieß Rangi und die der Erde Papa. Aber dann mussten sie sich trennen, und darüber weint Rangi nun fast jeden Tag.«

Juliet schlug die Augen gen Himmel. »Beherrsch dich, Rangi«, murmelte sie dabei. »Es sind schon anderen die Liebsten weggelaufen, und die flennen auch nicht die ganze Zeit!«

Rangi antwortete natürlich nicht, sondern ließ den Regen weiter auf das ungenügende Dach von Patricks Chaise trommeln. Juliets eleganter, aber dünner Mantel war schon ganz durchnässt, und sie ärgerte sich, den Jungen nicht doch gezwungen zu haben, einen größeren Wagen anzuspannen. Er hatte eingewandt, dass es sich bei dem anderen Wagen um einen Zweispänner handle – aber das war Juliet gänzlich egal.

Missmutig überflog sie zum tausendsten Mal die knappen Zeilen, in denen Kevin ihr sein Verschwinden erklärte. Die Sache mit der Heirat sprach er dabei gar nicht an, stattdessen war von patriotischer Pflicht die Rede. Völliger Blödsinn, bisher hatte er nie sonderliche Sympathien für Neuseelands Mutterland gezeigt. Und auch dieses Land hier … Juliet blickte unglücklich hinaus in die regengeschwängerte Landschaft. Sie fuhren gerade an den alten Goldfeldern vorbei.

»Gabriel’s Gully«, sagte Randy, der sich ebenfalls langweilte, und wies auf eine mit spärlichem Gras bewachsene Einöde, nur gelegentlich unterbrochen durch die traurigen Reste einer Siedlung, die wohl nur aus Holzverschlägen bestanden hatte. »Es wächst jetzt langsam wieder zu, aber jahrelang war es nur eine Schlammwüste. Die Goldgräber haben es so oft umgegraben, bis jede Wurzel ausgerottet war.«

»Und, sind sie wenigstens alle reich geworden?«, fragte Juliet mit mäßigem Interesse.

Im Grunde kannte sie die Antwort, sie war auf allen Goldfeldern der Erde gleich: Auf wenige Gewinner kamen Tausende gescheiterter Existenzen.

»Bei Mr. Patricks Eltern hat’s immerhin für eine Farm gereicht«, meinte Randy. »Wir müssten jetzt auch bald da sein, Mr. Patrick sagt, sie wohnen nur ein paar Meilen von Lawrence entfernt. Wir können im Ort fragen.«

In Lawrence lebten die wenigen, die nach dem Goldrausch geblieben waren. Es war heute ein ländlich geprägter Ort, Versorgungsstation für die Farmer der Umgebung. Mehr als ein Pub, einen Gemischtwarenladen und ein Café hatte er nicht zu bieten, aber natürlich wusste jeder Einwohner, wo die Farm der Drurys lag. Neugierig starrten die wenigen Passanten, die trotz des Wetters unterwegs waren, die Frau in der Chaise an. Die exotische Schönheit, elegant, wenn auch nicht gerade praktisch gekleidet, würde am nächsten Tag sicher Stadtgespräch sein.

Randy ließ sich den Weg erklären und lenkte die junge Stute dann in die Berge, über immer noch gut ausgebaute, aber deutlich steilere und kurvigere Wege. Das Pferd wurde nun erkennbar müde und brachte die letzten Meilen nur quälend langsam hinter sich. Juliet wurde langsam mulmig zumute. Wie sollte sie zurück in die Stadt kommen, wenn das Pferd schon den Hinweg nicht schaffte?

Die Landschaft war hier bezaubernd schön, lichter Südbuchenwald, durchbrochen von Bächen, kleinen Teichen und Felshängen. Trotz des verhangenen Himmels erkannte man die Berge im Hintergrund, schneebedeckte Gipfel, schroff, aber imposant. Juliet hatte jedoch keinen Blick dafür. Sie war ein Stadtmensch – bisher auch eher ein Nachtschwärmer. Wenngleich sie in der letzten Zeit mehr Schlaf brauchte … Vielleicht war die Idee mit der Schwangerschaft doch nicht ihre beste gewesen.

»Hier, hier ist der Wasserfall!«, rief Randy schließlich nach einer für Juliet fast endlosen Fahrt über Serpentinen. »Gleich da oben muss das Haus sein!«

Tatsächlich kam das Haus oberhalb des Wasserfalls und des kleinen Teichs, in den er sich ergoss, jetzt schnell in Sicht. Ein robustes, heimelig wirkendes Blockhaus – aber für Juliet eine Enttäuschung. Sie hatte mit einem repräsentativeren Haus gerechnet, ähnlich den Villen auf den Plantagen ihrer Heimat. Die Drurys galten schließlich als wohlhabend. Nun ja, vielleicht baute man hier einfach so … Juliet beschloss, sich nicht entmutigen zu lassen. Diese Leute mussten ihr helfen, eine Lösung für sich und dieses vermaledeite Kind zu finden. Wobei sie selbst bislang keine Idee hatte, wie die aussehen sollte.

Randy verhielt das Pferd vor dem Haus, machte aber keine Anstalten, Juliet aus der Chaise zu helfen. Stattdessen klopfte er schon mal an die Tür, er hatte wohl das dringende Bedürfnis, sich selbst und das Pferd ins Trockene zu bringen.

Drinnen hatte man sie schon bemerkt. Michael Drury – in abgetragenen Denimhosen und Holzfällerhemd ein deutlich weniger distinguierter Anblick als beim Dinner bei den Dunloes – öffnete die Tür.

»Was ist das denn … bei dem Wetter … Patrick?« Michaels erster Blick fiel auf die kleine Stute, die er natürlich gleich erkannte. »Meine Güte, das ist ja Lady! Ist der Weg hier herauf nicht noch ein bisschen weit für sie?«

Lizzie, die hinter ihm auftauchte, sah als Erstes den Jungen und wurde blass.

»Ist Patrick was passiert?«, fragte sie erschrocken. »Du bist doch sein Stalljunge. Was … was machst du hier?«

Randy grinste ihr beruhigend zu. »Nichts, Mrs. Drury, Mr. Patrick ist immer noch unterwegs. Aber die Lady meinte, es sei dringend, und da …«

»Das Pferd meinte, es sei dringend?«, wunderte sich Lizzie, aber dann sah sie auch schon Juliet, die ungeschickt aus der Kutsche kletterte. Ihr modisch enger Rock erlaubte wieder nur kurze Schritte.

Lizzie ging ihr entgegen – und schien sich überhaupt nicht für ihr weites, altmodisches Hauskleid zu schämen. Auch sie hatte in Dunedin imposanter gewirkt. Kaum fassbar, dass diese kleine, rundliche Person mit dem nachlässig aufgesteckten dunkelblonden Haar eine geschätzte Kundin in Lady’s Goldmine war.

»Miss LaBree!«, begrüßte sie jetzt ihre Besucherin. »Du lieber Himmel, wo ist denn Kevin? Wie kann er Sie allein hierher schicken, noch dazu bei diesem Wetter! Aber jetzt kommen Sie erst mal rein. Und du auch, wie heißt du noch? Randy, nicht?«

Randy erklärte, zuerst das Pferd in den Stall bringen zu müssen. Er wirkte ein wenig zerknirscht, nachdem auch Michael angemerkt hatte, dass der Weg zu schwer für die junge Stute gewesen sei. Hoffentlich bekam er keinen ernstlichen Ärger mit Mr. Patrick.

Michael nahm sich schließlich des Jungen und des Pferdes an, während Lizzie Juliet hineinführte. Das Haus war drinnen nicht sehr viel repräsentativer, als es von außen wirkte. Zwar gab es ein paar hübsche, sicher aus England importierte Wohnzimmermöbel, aber das meiste waren einfach zusammengezimmerte rustikale Tische und Stühle. Lizzie wollte Juliet ihren Mantel abnehmen, aber die hielt sich nicht mit Vorreden auf.

»So, Sie wissen also angeblich nicht, wo Kevin ist«, kam sie gleich zum Thema. »Sollte Ihnen das hier entgangen sein?« Juliet schälte sich ohne Hilfe aus dem Mantel, nachdem sie Kevins zerknitterten Brief auf den Tisch geworfen hatte.

Lizzie nahm ihn auf und überflog die wenigen Zeilen. Erneut wurde sie blass und kämpfte mit einer Woge von Panik, die in ihr aufstieg. Krieg. Kevin zog in den Krieg, man würde auf ihn schießen … Lizzie ließ sich auf einen Stuhl sinken.

Juliet bemerkte nichts von ihrem Entsetzen. »War das Ihre Idee?«, fragte sie mit scharfer Stimme.

Lizzie funkelte die junge Frau an. Fast hätte sie hysterisch gelacht. »Dies zum Thema Mutterinstinkt«, bemerkte sie. »Wenn Sie nur einen Funken davon aufbrächten, Miss Juliet, dann wüssten Sie, dass keine normale Frau ihren Sohn in den Krieg schicken würde! Um einer Hochzeit zu entgehen! Dieser dumme Junge! Wenn sie ihn nun totschießen …«

Lizzie raufte sich die Haare und brachte ihre ohnehin nachlässig aufgesteckte Frisur damit noch mehr durcheinander.

Juliet zog die Brauen hoch. Wie konnte die Frau sich derart gehen lassen? »Er ist Stabsarzt«, meinte sie gelassen. »Kein Mensch wird auf ihn schießen – um Kevin mache ich mir keine Sorgen.«

Lizzie blitzte sie wütend an. Ihre eigenen Sorgen reichten mühelos für zwei. Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, trat Michael ein. Randy kümmerte sich wohl noch um das Pferd.

»Miss LaBree.« Michael besann sich auf seine guten Manieren, wobei es ihm durchaus Spaß machte, der bildschönen Freundin seines Sohnes die Hand zu küssen. »Was führt Sie zu uns?«

»Das!«, sagte Lizzie hart und hielt ihm Kevins Brief hin. »Ich nehme an, auf dem Postamt liegt ein ähnliches Schreiben an uns. Wir haben das wohl unterschätzt mit Kevins Schwierigkeiten. Ich hielt es hauptsächlich für Torschlusspanik. Aber nun wissen wir es besser: Bevor er die Lady heiratet …«, sie wies auf Juliet, »… lässt er sich lieber erschießen.«

Auch Michael wurde ernst, als er den Brief las. Er fing sich aber deutlich schneller als seine Frau. »Nicht gerade schmeichelhaft für Sie, Miss Juliet«, lächelte er. »Aber sonst … reg dich nicht auf, Lizzie, er ist Arzt. Er wird in einem Hospital arbeiten, mit etwas Glück weit hinter den Linien. Fragt sich nur, was wir hier mit seiner ›Hinterlassenschaft‹ anstellen …«

»Sag nicht so was …«, murmelte Lizzie.

Juliet legte die Hand auf ihren Bauch. »Das zumindest wissen Sie …«, sagte sie bitter.

Michael nickte. »Kevin hat uns mitgeteilt, dass er Vater wird«, beschied er die junge Frau. »Und wir haben ihm geraten, Sie zu heiraten. Aber nun hat er ja eine andere Lösung gewählt, das Problem wenigstens hinauszuschieben. Was gedenken Sie nun zu tun, Miss LaBree?«

Juliet zuckte die Schultern. »Ich bin gänzlich mittellos«, erklärte sie knapp. »Ich habe mich darauf verlassen, dass Kevin …«

»Kevin wird ja einen Sold erhalten, nehme ich an«, meinte Michael mit Gemütsruhe. »Sicher wird er das Geld Ihnen und dem Kind zugänglich machen, und Sie könnten damit ein bescheidenes Leben führen. Wenn er dann zurückkommt …«

»Ich soll … ich soll das Kind … in Dunedin? Ohne Vater?« Juliet schaute ihn fassungslos an.

»Nun, Sie könnten anführen, dass Kevin Sie natürlich geheiratet hätte, hätte er von dem Nachwuchs gewusst. Das hat er eigentlich ganz geschickt eingefädelt, Lizzie, das muss man ihm lassen …«

Michael zwinkerte seiner Frau zu, deren Panik langsam abebbte. Lizzie kam wieder zum Denken. Michael – und diese impertinente Juliet – hatten Recht. Als Arzt war Kevin nicht sehr gefährdet, und dieser Krieg … England schickte hunderttausend Soldaten gegen eine Handvoll aufmüpfiger Bauern. Ein großes Blutbad sollte das also eigentlich nicht werden – zumindest nicht auf Seiten der Briten.

»Michael, nun lass mal«, unterbrach sie ihren Mann. »Ich kann schon verstehen, dass sich Miss Juliet nur ungern einem solchen gesellschaftlichen Spießrutenlaufen unterzieht. Ein anderes Angebot, Miss Juliet: Sie können hier auf Elizabeth Station bleiben und das Kind zur Welt bringen. Der Krieg kann ja nicht lange dauern – womöglich ist er schon vorbei, bevor Kevin ankommt. Bei der Übermacht der Engländer …«

Michael, dem es eben sichtlich Spaß gemacht hatte, Juliet ein bisschen zu piesacken, runzelte die Stirn. »Die hatten sie auch gegenüber den Iren!«, bemerkte er stolz. »Und trotzdem haben wir ihnen jahrelang widerstanden, wir …«

Lizzie winkte ab. »Den Iren haben sie keine Truppen aus dem halben Empire entgegengeschickt«, sagte sie kurz. »Und verzeih, Liebster, aber mit ein paar Schnapsbrennern in den Bergen konnten sich die Briten eher abfinden als mit einem Land voller Gold- und Diamantminen in den Händen religiöser Fanatiker. Nach dem, was man hört, ist sogar die Church of Scotland liberal gegen diese Buren. Die sind imstande, die Minen zu schließen, weil es nicht gottwohlgefällig ist, reich zu werden, ohne sich auf den Feldern abzuschinden. Darauf lässt England es nicht ankommen.«

Lizzies und Michaels kurzer politischer Schlagabtausch gab Juliet Zeit, sich eine Entgegnung zurechtzulegen, aber sie war, was selten vorkam, gänzlich sprachlos. Hierbleiben? Monatelang in dieser Einöde …

»Was meinen Sie also, Miss Juliet?«, kam Lizzie schließlich auf ihre Besucherin zurück.

Juliet spielte mit der Bordüre ihrer Kostümjacke. »Hier? Aber hier kann man doch kein Kind zur Welt bringen … ohne Ärzte, ohne Hebamme …«

Lizzie lächelte. »Meine drei sind alle hier zur Welt gekommen. Ein paar Meilen weiter liegt ein Maori-Dorf. Die Hebamme ist hervorragend, viel besser als jede pakeha …« Juliet starrte sie entsetzt an. Es wurde immer schlimmer. Monatelange Isolation mit Lizzie und Michael hätte sie schon als schlimm genug empfunden. Aber nun auch noch Eingeborene? »Kevin kann Sie dann abholen, wenn er zurückkommt«, sprach Lizzie weiter. So langsam erschlossen sich auch ihr die Chancen von Kevins unkonventioneller Lösung. Juliet würde vielleicht bis zur Geburt des Kindes auf Elizabeth Station bleiben. Aber ganz sicher keinen Monat darüber hinaus. Dann konnte sie sich um das Kind kümmern. Nicht gerade ihr sehnlichster Wunsch, aber vielleicht fanden sich ja noch andere Möglichkeiten. Matariki und Kupe hatten zum Beispiel keine Kinder, vielleicht würden sie ihre Nichte oder ihren Neffen in Parihaka großziehen. Mitleidlos betrachtete Lizzie die junge Frau, die hier mit ihrer Verzweiflung kämpfte. Juliet knetete ihr Ohrläppchen. Auf Elizabeth Station würde ihr schon nach ein paar Tagen die Decke auf den Kopf fallen. »Sie können es sich ja auch noch mal überlegen«, fügte Lizzie hinzu. »Sie müssen nicht gleich hierbleiben.«

Sie hielt es durchaus für möglich, dass Juliet in Dunedin doch noch eine hässliche und verbotene, aber immerhin endgültige Lösung für das Problem finden würde. Lizzie stand Abtreibungen nicht so negativ gegenüber wie ihr Sohn und der streng katholisch erzogene Michael. In ihrem ehemaligen Gewerbe schwebte der Schatten der Engelmacherin immer über ihr und den anderen Mädchen. Und manche Kinder – Lizzie dachte wieder an Toby und Laura – wurden ihrer Meinung nach besser nie geboren.

Michael schien die gleichen Gedanken zu hegen, betrachtete die Sache aber mit weniger Wohlwollen.

»Unsinn, Lizzie, Juliet … ich nenne Sie jetzt einfach Juliet, Miss LaBree, nicht wahr? Sie bleiben natürlich gleich hier, wir lassen Sie doch nicht wieder abreisen, bei diesem Wetter und allein in der Begleitung von Randy … nein, nein, das kommt nicht infrage.« Er wandte sich Juliet zu und brachte sogar ein halbwegs warmes Lächeln zustande. »Kopf hoch, junge Frau! Sie kriegen jetzt Ihr Baby, und wenn Kevin zurückkommt, und das ist sicher bald der Fall, kann er Sie immer noch heiraten.«

Während Michael sprach, wurde die Haustür von draußen geöffnet, aber keiner der drei reagierte darauf. Es konnte schließlich nur Randy sein, der nun endlich mit dem Abwarten des Pferdes fertig war. Doch dann schob sich stattdessen ein großer Mann in Breeches und Wachsmantel ins Zimmer, der eben seinen triefenden Südwester vom Kopf nahm.

Patrick Drury war auf dem Weg von Otago nach Dunedin recht nah an Lawrence vorbeigekommen und hatte sich in Anbetracht des Wetters entschlossen, bei seinen Eltern zu übernachten. Zu seiner Überraschung fand er Lady im Stall vor – und Randy.

Nun stand er im Wohnzimmer seiner Eltern und blickte von einem zum anderen. Das Regenwasser tropfte noch von seinem Mantel, und er glättete nervös sein feuchtes Haar.

»Das muss er nicht!«, sagte Patrick ruhig. »Kevin kann bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ich werde Miss LaBree heiraten!«

KAPITEL 7

Landvermessung gehörte nicht gerade zu Atamaries Lieblingsfächern. Es war allerdings wichtiger Bestandteil des Ingenieurstudiengangs, und natürlich hatte es in Neuseeland einen großen Stellenwert. Nach wie vor waren nur Teile des Landes vermessen und erschlossen. Viele Absolventen des Studiengangs würden wahrscheinlich ihr ganzes Berufsleben damit verbringen, sie zu kartografieren und waren damit auch zufrieden. Atamarie dagegen strebte buchstäblich nach Höherem, nach wie vor faszinierte sie vor allem die Luftfahrt. Den Berechnungen zur Landvermessung widmete sie sich nur lustlos, aber dennoch erfolgreich: Wie in jedem Fach fiel es ihr auch hier leicht, die anderen Studenten zu übertrumpfen. Und diesmal zahlte sich ihr Engagement obendrein außerhalb der Unterrichtsstunden aus: Professor Dobbins hielt im Herbst des Jahres 1900 eine besondere Überraschung für die Strebsamsten unter seinen Studenten bereit.

»Stellen Sie sich vor, noch in diesem Jahr wird ein neuer Nationalpark etabliert!«, eröffnete er Atamaries Klasse. »Auf der Nordinsel, am Mount Egmont.«

Atamarie horchte auf. In der Nähe des Mount Egmont lag auch Parihaka. Allerdings kannte sie den Berg unter seinem Maori-Namen: Mount Taranaki. Der Name Mount Egmont war eine Erfindung von Captain James Cook, der sich natürlich nicht die Mühe gemacht hatte, die Einheimischen nach ihrer Bezeichnung für den imponierenden Vulkan zu fragen.

»Bevor das allerdings so weit ist, steht noch einiges an Vermessungsarbeit an«, führte der Professor aus. »Und viel Geld möchte der Staat dafür natürlich nicht ausgeben. Deshalb hat man sich an die Universitäten gewandt, bevorzugt natürlich an unsere!« Die Studenten trommelten anerkennend. Dobbins lachte. »Nun, ich nehme den Ruf natürlich gern an, zumal er mir erlaubt, meine begabtesten Studenten zu Feldstudien heranzuziehen. Wir werden eine mehrwöchige Expedition organisieren. Landvermessung in bislang unerschlossenen Regionen. Da oben herrscht schließlich …« Er blätterte in seinen Notizen.

Atamarie meldete sich. »Auf dem Berg selbst wächst nicht viel«, meinte sie. »Da liegt ja auch meistens Schnee. Die Vermessung wird höchstens durch die schroffe Landschaft behindert, man muss ganz schön klettern. Rund um den Taranaki gibt es Regenwald. Es regnet dort andauernd, eine der feuchtesten Gegenden des Landes.« Sie lächelte. »Die Maori sagen, Rangi weine über den Streit der Götter …«

Dobbins runzelte die Stirn. »Der Streit welcher Götter, Miss Turei? Aber Sie scheinen sich ja gut auszukennen. Waren Sie schon einmal da?«

Atamarie berichtete, dass sie den Berg sogar schon einmal bestiegen habe, gemeinsam mit einer tohunga, die den Kindern von Parihaka die Geschichte des unglücklich verliebten Vulkans erzählt und etliche Rituale durchgeführt habe, um zwischen den Göttern Frieden zu stiften.

»Und um den Regenwald herum ist Farmland«, führte sie dann weiter aus. »Recht fruchtbar, eben Vulkanerde. Aber es gibt immer wieder Streit darum. Kann sein, dass die pakeha-Farmer auch wegen der Vermessung Ärger machen. Abgeben werden sie jedenfalls nichts.«

Dobbins lächelte. »Das war ja sehr erhellend, Miss Turei, vielen Dank. In dem Zusammenhang freut es mich besonders, dass ich mich entschlossen habe, Ihnen die Teilnahme an der Expedition zu ermöglichen. Natürlich nur, falls Sie Lust haben – und wenn Ihre Eltern es erlauben. Ansonsten werden nur Studenten der älteren Jahrgänge dabei sein. In Ihrem Fall haben wir natürlich überlegt …« Der Professor hielt inne. Es war sicher nicht ratsam, die Frauenfrage anzuschneiden. Er hatte auch lange darüber nachgedacht und mit seinen Kollegen diskutiert, ob es akzeptabel sei, ein einziges Mädchen mit einer Gruppe männlicher Studenten auf eine Expedition zu schicken. Dann hatte er sich aber zu der Ansicht durchgerungen, dass ihn nur Atamaries wissenschaftliche Ausbildung anging, nicht die Wahrung ihrer Tugend. Das Mädchen, beziehungsweise seine Eltern, mussten selbst entscheiden, ob es die Reise ohne Anstandsdame antreten wollte. »Aber wenn Sie sich nun auch noch als ortskundig erweisen …«

Atamarie zuckte die Schultern. »Ich fahre sehr gern mit! Wenn Sie jedoch wirklich Ortskundige suchen, fragen Sie in Parihaka. Die Maori siedeln seit Jahrhunderten um den Mount Taranaki, sie kennen sich da aus.«

»Und erschießen Sie womöglich von hinten, wenn Sie eine Vermessungsstange auf einem heiligen Berg aufstellen«, feixte einer der Studenten.

Atamarie warf ihm einen wütenden Blick zu, sagte sich dann aber, dass wahrscheinlich nur der Neid aus ihm sprach. Der Sprecher wäre wohl auch gern mitgefahren.

»Die Maori unterstützen die Einrichtung der Nationalparks«, kam ihr nun aber auch Dobbins zu Hilfe. »Miss Turei hat Recht. Wenn es Widerstand gibt, so höchstens von ortsansässigen Farmern. Aber deren Land betrifft es ja gar nicht. Es wird wirklich eine praktisch kreisrunde Fläche um den Mount Egmont sein. Ein guter Anlass, die Vermessung von Kreisflächen noch mal zu wiederholen. Mr. Potter, erzählen Sie uns doch gerade mal, was Sie darüber wissen …«

Atamarie wusste zumindest, dass der Herbst nicht der allerbeste Zeitpunkt war, den Mount Taranaki zu besuchen oder gar zu besteigen. In den oberen Regionen konnte es jetzt schon schneien, und ansonsten lag der Berg meist unter einer dicken Wolkendecke. Im Wald unterhalb des Berges würde man wohl nicht frieren, aber Atamarie rechnete mit sehr nassen drei Wochen. Die Erlaubnis ihrer Eltern machte ihr dagegen kein Kopfzerbrechen. Der Begriff Anstandsdame gehörte nicht zum Wortschatz der Maori, und auch ihre Großeltern waren selbstständige junge Frauen gewohnt. Lizzie machte sich nur Sorgen darüber, ob Atamaries Zelt auch dicht und ihr Schlafsack einigermaßen warm sein würde – und Matariki verschwendete nicht mal an diese Dinge einen Gedanken, sondern lud gleich das ganze Expeditionskorps ein, in Parihaka Station zu machen.

Tatsächlich waren es dann wirklich nur die Widrigkeiten des Herbstes, die Dobbins und seine Studenten aufhielten. Den größten Teil des Weges nach Blenheim konnten sie zwar bequem im Zug zurücklegen, aber die Überfahrt mit der Fähre zur Nordinsel gestaltete sich noch unruhiger, als das sonst der Fall war. Atamarie beobachtete nicht ohne Schadenfreude, dass ihre Kommilitonen fast alle mit grünen Gesichtern über der Reling hingen. Lediglich ein junger Mann hielt sich ähnlich tapfer wie sie selbst, vielleicht, weil ihn die Technik des Dampfschiffes mehr interessierte als der Zustand seines Magens.

»Das Schlingern müsste man ausgleichen können«, bemerkte er irgendwann zu dem mäßig interessierten, dafür schwer seekranken Professor Dobbins. »Mittels Stabilisatoren. Zum Beispiel, indem man seitlich des Schiffes so eine Art Flossen anbrächte …«

Atamarie mischte sich ein. »Es wäre ja schon hilfreich, wenn wenigstens die Passagierräume nicht so betroffen wären. Man könnte sie drehbar lagern, sodass sie immer in der horizontalen Position blieben.«

»Hat man schon versucht«, informierte sie der junge Mann. »Henry Bessemer 1875. Funktionierte bloß nicht.«

Atamarie zog einen enttäuschten Flunsch, von dem sie wusste, dass er auf die meisten jungen Männer unwiderstehlich wirkte. Gewöhnlich interessierte sie das zwar nicht sehr, aber diesem aufgeweckten Studenten wäre sie gern aufgefallen. Leider hatte er nur Sinn für seine Idee zur Beruhigung der Schiffslage – er schaute aufmerksam über die Reling, als suche er schon Möglichkeiten, seine »Flossen« anzubringen.

»Für die Stabilisatoren gibt’s auch schon ein Patent, Pearse«, bemerkte Dobbins und hielt sich die Hand vor den Mund. »O Gott, je mehr Sie darüber reden, desto schlechter geht es mir … Aber schlagen Sie in Christchurch mal nach, ich glaube, das war vor zwei Jahren …«

Der Student seufzte und blickte bekümmert. »Ich werde bloß keine Gelegenheit dazu haben«, meinte er und wandte sich ab. »Ich bekomme doch keinen Bibliotheksausweis mehr.« Er ging ein paar Schritte übers Deck, als wollte er das Gespräch hier beenden. Dobbins schien das recht zu sein, er beugte sich eben in eindeutiger Absicht über die Reling.

Atamarie folgte dem Studenten, den er Pearse genannt hatte, und schaute ihn jetzt genauer an. Er hatte braunes kurzes Haar, ein rundes Gesicht und schien nur wenig älter zu sein als sie selbst.

»Sind Sie denn schon fertig mit dem Studium?«, fragte sie ihn verwundert. »Sie sehen noch so jung aus. Haben Sie früher angefangen als die anderen?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Schön wär’s … Nein, ich hab gar nicht richtig studiert. Nur ein paar Vorlesungen gehört. Meistens im zweiten Jahr, der Professor war so nett, es mir zu erlauben. Obwohl ich eigentlich nur als Labordiener am Institut war. Meine Eltern können sich das Studium nicht leisten. Aber so hatte ich immerhin ein paar Monate in Christchurch. Und jetzt die Expedition … das ist schon sehr freundlich von Professor Dobbins, mir das zu ermöglichen. Das Institut zahlt auch ein wenig. Aber danach hilft mir nichts mehr, ich muss zurück nach Temuka.« Temuka war eine kleine Stadt nördlich von Timaru an der Ostküste der Südinsel. »Als ich einundzwanzig wurde, habe ich da in der Nähe hundert Acre Land erhalten. Also werde ich Farmer …« Der junge Mann wirkte unglücklich.

»Tut mir leid«, murmelte Atamarie. »Also das mit dem Studium. Hundert Acre Land in Canterbury sind bestimmt sehr … hm …« Ihr fiel kein rechtes Wort ein. Entmutigt schwieg sie.

Pearse lachte und warf ihr einen Seitenblick zu. »Sie könnte das also auch nicht locken. Eine echte Abwechslung. Die Mädchen in den Canterbury Plains kriegen bei Erwähnung der Quadratmeterzahl meistens gleich leuchtende Augen. Die richtige Bezeichnung wäre übrigens ›flach‹. Das Land ist sehr flach.«

Atamarie lachte. Sie freute sich an der Unterhaltung, die jetzt fast zu einem Flirt wurde. »Ich komme aus Otago, da haben wir deutlich mehr Berge. Wenn Sie sich also aus Verzweiflung irgendwo herunterstürzen wollen …«

»Nicht aus Verzweiflung«, bemerkte der Mann. »Höchstens … Aber verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Pearse, Richard Pearse.«

»Atamarie Parekura Turei«, nannte Atamarie ihren Namen.

Pearse nickte. »Ich weiß. Man kennt Sie am College. Das einzige Mädchen. Und die Beste des Jahrgangs. Wie stellen Sie sich das vor mit den rotierenden Räumen?«

Atamarie schaute konzentriert ins Wasser.

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