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Die Tränen der Leopardin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitate
  7. Danksagung
  8. TEIL 1 SEPTEMBER 1982 - DEZEMBER 1985
  9. KAPITEL 1
  10. KAPITEL 2
  11. KAPITEL 3
  12. KAPITEL 4
  13. KAPITEL 5
  14. KAPITEL 6
  15. KAPITEL 7
  16. KAPITEL 8
  17. KAPITEL 9
  18. KAPITEL 10
  19. KAPITEL 11
  20. KAPITEL 12
  21. KAPITEL 13
  22. KAPITEL 14
  23. KAPITEL 15
  24. KAPITEL 16
  25. KAPITEL 17
  26. KAPITEL 18
  27. KAPITEL 19
  28. KAPITEL 20
  29. KAPITEL 21
  30. KAPITEL 22
  31. KAPITEL 23
  32. KAPITEL 24
  33. KAPITEL 25
  34. KAPITEL 26
  35. KAPITEL 27
  36. KAPITEL 28
  37. KAPITEL 29
  38. KAPITEL 30
  39. KAPITEL 31
  1. TEIL 2 NOVEMBER 1986 - JUNI 1991
  2. KAPITEL 32
  3. KAPITEL 33
  4. KAPITEL 34
  5. KAPITEL 35
  6. KAPITEL 36
  7. KAPITEL 37
  8. KAPITEL 38
  9. KAPITEL 39
  10. KAPITEL 40
  11. KAPITEL 41
  12. KAPITEL 42
  13. KAPITEL 43
  14. KAPITEL 44
  15. KAPITEL 45
  16. KAPITEL 46
  17. KAPITEL 47
  18. KAPITEL 48
  19. KAPITEL 49
  20. KAPITEL 50
  21. KAPITEL 51
  22. KAPITEL 52
  23. KAPITEL 53
  24. KAPITEL 54
  25. KAPITEL 55
  26. KAPITEL 56
  1. EPILOG

Über die Autorin

Madge Swindells, in England geboren und aufgewachsen, lebte lange Zeit in Südafrika, wo sie als junge Frau Archäologie und Anthropologie studierte. Nach ihrem Studium war sie als Journalistin und Verlegerin tätig, bevor sie mit »Die Ernte des Sommers« und »Die Zeit der Stürme« internationale Bestseller schuf. Ihre Romane sind in insgesamt neun Sprachen übersetzt worden. Heute lebt sie wieder in England.

 

Wenn aber jemand Hass trägt wider seinen Nächsten und lauert auf ihn und macht sich über ihn her und schlägt ihn tot und flieht … so sollen die Ältesten seiner Stadt hinschicken und ihn von da holen lassen und ihn in die Hände des Bluträchers geben, dass er sterbe. Deine Augen sollen ihn nicht verschonen, und du sollst das unschuldig vergossene Blut aus Israel wegtun, dass dir’s wohlergehe.

5. Buch Mose 19,11-13

Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde … denn der Tod ist der Sünde Sold.

Römer 6,7.23

 

Ganz herzlich bedanken möchte ich bei Jenni Swindells und Peter de Beer für ihre gewaltige Hilfe bei der Redaktion des Buchs und ihre kreativen Ideen zur Handlung des Romans. Willem Steenkamp und Ivan Sokolsky haben mich bei meinen Recherchen unterstützt; ich danke euch dafür. Und schließlich stehe ich in der Schuld Toivo Herman Ja Toivos, dessen brillantes und bewegendes Plädoyer bei seinem Prozess am 25. September 1968 mich sehr inspiriert hat.

KAPITEL 1

Sie war nicht viel älter als zwölf Jahre, aber unter der heißen afrikanischen Sonne war sie früh erblüht, und wie die Flammenlilien, die in roter und gelber Fülle auf dem Buschveld wuchsen, entwickelte sie Liebreiz und Lebenslust. Leidenschaftlich und scheu, erbebte sie unter der Wucht ihrer erotischen Sehnsüchte, errötete häufig ohne jeden Grund und versuchte, ihre Hoffnungen und Träume zu verbergen.

Sie beugte sich über den Brunnen und blickte in das Wasser hinab, sah dabei jedoch Pieter. Bei der Erinnerung daran, wie er sie angesehen hatte, zitterte sie vor Glück, und ihr Haar strich über ihre Schultern wie eine Liebkosung, während ihr Körper sich mit Gänsehaut überzog.

»Sehr eigenartig«, flüsterte sie. In letzter Zeit sah sie oft eine neue Eindringlichkeit in seinem Blick. Manchmal ertappte sie ihn dabei, dass er ihre Brüste oder Oberschenkel anstarrte, und dann errötete er und lachte. So war es auch an diesem Morgen gewesen. »Du bist wirklich hübsch, Liza«, hatte er gesagt, und in seinen Augen hatten Stolz und Verlangen aufgeleuchtet. Er war der Beste von allen – dieser Kindmann, der zu ihr gehörte … Er war der beste Schütze, der beste Jäger, der Stärkste und der Tapferste, und er war obendrein klug, gleichzeitig aber auch ein Rebell, der in der Schule dauernd Probleme hatte. Obwohl er aus armen Verhältnissen stammte, waren die Mädchen ganz verrückt nach ihm, wegen seiner Größe und seiner Stärke, wegen seiner schwarzen, gelockten Haare, seiner grünen Augen und seines Humors.

Ihre Tagträume wurden jäh von den Eseln unterbrochen, die Durst hatten, die armen Tiere. Sie zogen rastlos an ihren Geschirren, während sie Liza aufmerksam beobachteten. Mit schlechtem Gewissen drehte sie an der Kurbel, an der, tief unten am Ende der Kette, der schwere Eimer baumelte. Oh, was für eine langweilige Arbeit. Das Holz schürfte ihre Hände auf, und die Arme taten ihr weh. Eine Wolke quälender Fliegen erschien wie aus dem Nichts, und der Schweiß rann ihr in die Augen und brannte wie verrückt. Man musste die Kurbel genau fünfunddreißig Mal drehen, um den schweren Eimer an die Oberfläche zu holen. Sieben Umdrehungen fehlten noch. Würde sie es denn niemals schaffen? Wenn doch nur Pieter da gewesen wäre, um ihr zu helfen.

»Einunddreißig, zweiunddreißig«, murmelte sie. Dann spähte sie über den Rand des Brunnens und blickte angestrengt in die Dunkelheit hinab. Das Wasser war zu weit unten. Es hatte seit acht Monaten nicht geregnet, und sie wusste, welch furchtbare Sorgen Granny sich machte, dass die Quelle austrocknen würde. Dieses kostbare Wasser war für sie lebenswichtig, und sie verschwendeten niemals einen Tropfen davon. Gespeist wurde der Brunnen von einem unterirdischen Fluss, der die felsigen Hügel auf dem kahlen Land ihres Nachbarn de Vries zum nahegelegenen Fluss Komati entwässerte.

Die Augen gegen das grelle Sonnenlicht zusammengekniffen, blickte sie auf und hielt Ausschau nach einer Wolke, aber der Himmel war von einem unbarmherzigen Blau, denn es war Frühling – September –, und zumindest für einen weiteren Monat bestand nur geringe Aussicht auf Regen. Um sie herum lagen die Beweise für den langen, trockenen Winter und die ungewöhnliche Dürre des vergangenen Sommers. Die Erde war gelb und verkrustet, und das Veld roch stark nach gerösteten, wilden Kräutern. Das Pampasgras war braun geworden, und die Apfelminze, die an der Tür wucherte, zu einem elenden Häufchen verwelkt. Grans Farm mit ihren bescheidenen zwanzig Morgen lag an der südafrikanischen Grenze. Dahinter erstreckte sich noch ein schmaler Streifen Land, das zum Homeland KaNgwane gehörte, und vier Meilen weiter östlich lagen die Lebombo-Berge, die Grenze zwischen dem östlichen Transvaal und Mosambik.

Heute stand ihnen ein weiterer sengend heißer Tag bevor. Es war erst neun Uhr, aber die Sonne brannte Liza bereits durch ihre Baumwollbluse auf den Rücken. Die Hühner flatterten, die Ziegen schwitzten und meckerten, und die Esel warteten unruhig darauf, aus dem Kraal in den Schatten gelassen zu werden. Sie spürte, wie sich die trockene Erde zwischen ihre Zehen bohrte, als sie die nackten Füße in den Boden drückte, um den Eimer über den Rand zu ziehen. »Vorsicht«, flüsterte sie. Sie kippte das brackige Wasser in den Trog und kehrte zum Brunnen zurück. Es war ein Gefühl, als sei sie in der Erde verwurzelt; seltsame Vibrationen durchfluteten sie, bis ihr ganzer Körper von einem Kribbeln erfasst wurde.

Eine Ameise kroch über den Rand des Brunnens; ihr großer roter Kopf zuckte, weil sie Wasser witterte. Dann blitzte plötzlich etwas Gelbes auf, ein Webervogel, der Steppengras im Schnabel hatte. Liza beobachtete, wie er den Halm in das Nest in dem Akazienbaum mit den leuchtend gelben Blüten einwob.

Schwitzend und müde kippte sie gerade den vierten Eimer in den Trog, als sie das Brummen eines näher kommenden Wagens hörte. In diesem Moment trat die alte Mrs du Toit mit blendend weißer Schürze aus dem Cottage, während sie sich die Hände an einem Tuch abwischte.

»Habe ich da einen Wagen gehört, Liza?«

Das Mädchen blickte zur Hauptstraße hinüber und runzelte die Stirn. »Da kommt jemand. Sieh nur.« Über dem Weg zu ihrer Farm schlängelte sich eine gelbe Staubwolke wie eine Natter auf sie zu.

»Heute ist Montag. Der Priester kann es nicht sein.« Gran klang beklommen, und Liza spürte, wie sich Grans Sorge sofort auf sie übertrug. Unerwartetes bedeutete normalerweise etwas Schlechtes. Liza warf den Eimer zurück in den Brunnen und kurbelte, bis ihre Schultern schmerzten und ihr Rücken zu bersten schien. Pieter hatte versprochen, Gran etwas Besonderes zum Essen zu bringen. Ob es eine Hasenpastete geben würde? Oder gegrilltes Wildbret? Oder ihr Lieblingsessen, langsam am Spieß geröstetes Wildschwein? Niemand konnte Fleisch so gut grillen wie Pieter. Es war schon eigenartig, dass ihre Gedanken in jedem freien Augenblick um ihn kreisten. War das Liebe?

Der Wagen, der sich auf ihrer schwer befahrbaren Zufahrt näherte, war mit feinem gelbem Staub bedeckt. Er schlitterte immer wieder von einer Seite zur anderen – offensichtlich war der Fahrer ein Städter – und kam nur wenige Zentimeter von der Wand des Kraals entfernt zum Stehen. Da auch die Fenster mit Staub bedeckt waren, konnte man unmöglich erkennen, wer im Wagen saß, aber wenige Sekunden später wurde die Tür geöffnet, und eine Frau stieg aus und stand einen Moment lang vollkommen reglos da. Sie sah sehr blass aus.

Liza bemühte sich, die Fremde nicht allzu offenkundig anzustarren, denn Gran hatte sie gelehrt, dass ein solches Verhalten unhöflich war. Die Frau, die in ihrem hellblauen Leinenkostüm recht elegant wirkte, war ziemlich klein und rundlich. Mit ihren dunkelblauen Augen und den leuchtend roten Lippen war sie nicht unattraktiv, sah jedoch furchtbar traurig aus, und Liza fragte sich, warum. Wenn sie Augen wie diese Frau hätte, wäre sie niemals traurig. Lizas Augen waren dunkelbraun, und sie wünschte, sie wären blau oder grün. Selbst grau wäre besser als braun.

»Du musst Liza sein«, sagte die Frau. »Liza Frank. Ich bin hergekommen, um mit deiner Granny zu sprechen, Mrs du Toit.«

Sie schien eine Menge über sie zu wissen. Lizas Neugier wuchs. Granny schien die Frau zu kennen, denn sie gab ihr ohne jedes Zögern die Hand und führte sie dann ins Haus, wobei sie sich für einen flüchtigen Moment mit einem Blick zu Liza umdrehte, der eindeutig besagte: »Bleib draußen.«

Was konnte diese elegante Städterin von ihnen wollen? Liza setzte sich auf einen Felsbrocken, starrte auf die geschlossene Tür und wünschte, sie hätte die Ohren eines Pavians. Pieter hatte ihr nämlich erklärt, die Tiere könnten schon von weiter Ferne hören, wenn sich jemand anschlich.

Starr vor Nervosität beobachtete sie, wie der Webervogel sich mit seinem Weibchen stritt, das wütend mit dem Schnabel das Nest auseinanderriss. Es war wohl nicht gut genug, und das Männchen würde noch einmal ganz von vorn beginnen müssen. Armer Vogel!

Was wollte diese fremde Frau nur hier? Liza konnte den unangenehmen Verdacht nicht abschütteln, dass im Haus über sie gesprochen wurde. In letzter Zeit tuschelten die Leute immerzu hinter ihrem Rücken, ohne dass sie den Grund auch nur erahnen konnte. Die Mädchen in der Schule kicherten und schwiegen abrupt, sobald sie den Raum betrat. Auch die Jungen waren ihr gegenüber nicht mehr so freundlich wie sonst. Die traurige Wahrheit war, dass es ihr in der Schule nicht mehr gefiel. Gestern hatte Amy sie verspottet … »Ich wette, du hast deine richtige Mutter nie zu Gesicht bekommen. Du bist nur die Ziehtochter der alten Mrs du Toit. Du weißt nicht mal, wer du bist …«

Sie hatte die törichte Häme der anderen Mädchen erfolgreich ignoriert. Warum also war sie jetzt so ängstlich? Sie schlang die Arme um den Bauch, weil sie plötzlich Seitenstiche quälten. Als Grannie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte sie sich mit einem so merkwürdigen Gesichtsausdruck zu ihr umgedreht … So hatte sie auch ausgesehen, als Pieter ihren Lieblingsesel, Mavis, erschießen musste, nachdem ihm der letzte Zahn ausgefallen war und er nicht länger kauen konnte … bedauernd und traurig. Warum?

Liza, die ihre Nervosität und Neugier kaum zügeln konnte, lief ums Haus herum und hockte sich unter das Wohnzimmerfenster. Obwohl sie die Wange gegen die weiß getünchten Ziegelsteine presste, konnte sie nur Bruchstücke des Gesprächs verstehen.

»… natürlich ist das Kind schrecklich gern draußen in der Sonne … Ihre Haut ist dadurch beinahe schwarz geworden …« Grannys Stimme. »Ich sage ihr immer wieder … Kinder hören einfach nicht zu!«

War es ein Verbrechen, sonnenverbrannt zu sein? Das hatte ihr niemand gesagt. Granny bat sie ständig, ein Häubchen zu tragen. Niemand beklagte sich über Pieter, und dabei war seine Haut noch dunkler als ihre.

»Es tut mir leid …« Die Stimme der Fremden war leiser und schwerer zu verstehen. »… ausgesetzt worden … wir wussten nicht … bitte verstehen Sie, das ist sehr schmerzlich für mich.« Die letzten Worte kamen lauter, deutlicher. »Ich halte nichts von diesen schrecklichen Gesetzen … Aber die Wahrheit ist die, sie scheint farbig zu sein, deshalb darf sie nicht in einem weißen Haus leben.«

Farbig? Aber das war Unsinn! Liza ballte die Fäuste, während Angst sie wie ein heißer Stich durchzuckte.

»… es wird immer offenkundiger. Man kann es nicht länger ignorieren«, fuhr die leise, nunmehr verhasste Stimme unbarmherzig fort. »In letzter Zeit – nun, es ist Ihnen gewiss auch aufgefallen … Trotzdem ist sie auf eine eigenartige Weise schön. Es hat jedoch Beschwerden gegeben … zu viele … die Kinder in der Schule … ihre Eltern … und natürlich die Lehrer …« Die beiden Frauen mussten näher ans Fenster getreten sein, denn Liza konnte sie jetzt besser hören.

»Also, was soll jetzt weiter geschehen?« Gran schien den Tränen nahe zu sein, und Liza spürte Entsetzen und Scham in sich aufsteigen. Würde Granny sie denn nicht verteidigen?

»Wir haben Lizas Reklassifizierung beantragt. Danach werden wir sie von hier fortholen. Ich verspreche Ihnen, dass ich mein Bestes für sie tun werde.«

»Aber was wäre, wenn sie hierbliebe?« Grans Stimme verlor sich, als sei ihr selbst klar, wie sinnlos ein solcher Vorschlag war.

»Ach, meine liebe Mrs du Toit. Sie kann nicht im selben Haus leben wie Weiße – Sie kennen das Gesetz. In dieser Stadt gibt es keine Einrichtungen für Farbige. Nicht einmal eine Schule. Sie darf nicht ins Kino gehen oder mit Ihnen oder ihren Freunden ein Restaurant besuchen. Sie wäre eine Ausgestoßene.«

»Sie betritt solche Orte doch gar nicht. Wir können es uns nicht leisten …«

»Sie wird bei ihren eigenen Leuten glücklicher sein.«

»Sie ist ein liebes Mädchen. Das muss ich ihr lassen.« Grans Stimme war heiser, und sie räusperte sich.

Liza hielt sich die Ohren zu. Sie konnte es nicht ertragen, sich diese Lügen länger anzuhören. Der Schmerz in ihrem Magen verursachte ihr Übelkeit. Ihr Mund war trocken geworden, ihre Hände feucht, und ihr Atem ging in kurzen, scharfen Stößen, während ihr das Herz in der Brust hämmerte.

Was meinte sie damit … glücklicher bei ihren eigenen Leuten? Würden sie sie zu den Gammats stecken? Den Mischlingen? Das war unmöglich! Wahnsinnig! Es gab nur eine einzige farbige Familie in Nelfontein, und die vegetierte in einem heruntergekommenen Stall in der Nähe des Bahnhofs vor sich hin. Die Mutter war immer betrunken. Die rotznasigen, ständig unter Krätze leidenden Kinder stanken schlimmer als Schweine; sie bettelten in der Stadt und verteilten ihre Läuse, wo immer sie hingingen. Man würde sie bald fortbringen, hatte die Lehrerin der Klasse erklärt. »Haltet euch von ihnen fern«, hatte sie hinzugefügt. »In Nelfontein gibt es keinen Platz für solche Leute.«

Oh Gott! Was sollte nur aus ihr werden?

Liza wurde schwindelig. Alle erzählten so böse Lügen hinter ihrem Rücken. Das Getuschel und die hinterhältigen Spottworte ergaben plötzlich einen Sinn. Nichts war armseliger als ein Farbiger. Selbst die Schwarzen verabscheuten die Farbigen. Selbst Gott verabscheute sie. Aber natürlich war es nicht wahr. Sie war keine Farbige. Nein, niemals! Sie war weiß. Zusammengekauert wie ein Igel, duckte sie sich noch tiefer unter das Fenster, und während ein Beben der Scham und der Angst ihren Körper schüttelte, hatte sie nur noch den einen Wunsch, im Erdboden zu versinken.

KAPITEL 2

Gefesselt von der Pracht des Velds beachtete Pieter seinen ein Stück weit vorauseilenden Freund Dan kaum. Sie gingen schon seit Jahren miteinander auf die Jagd. Dan war wie ein Teil seiner selbst; er spürte Dans Gedanken und Stimmungen, und er hatte eine intuitive Verbindung zu ihm, sodass Worte nur selten notwendig waren. Eine schwache Bewegung des Zeigefingers war genug Warnung, um auf einen todbringenden Rinkhals – eine giftige Speikobra – hinzuweisen, ein Nicken machte auf einen Affen aufmerksam, der sich in den Zweigen über ihnen verborgen hielt. Mit langen, federnden Schritten liefen sie über weite Ebenen vertrockneten Grases, auf denen Gerbera und Käferblumen rote und gelbe Flecken bildeten. Hier und da stand ein Farbkätzchenstrauch, eine Akazie oder ein hoher Marulabaum, und ab und zu stießen sie auf einen dichten Hain von Maulbeerfeigen und Fieberbäumen. Blinzelnd in dem grellen Sonnenlicht, wachsam und heftig schwitzend blieben sie gelegentlich stehen, um einen Schluck aus den Wasserschläuchen zu trinken, die sie über der Schulter trugen. Dann nahmen sie ihren Weg in östlicher Richtung wieder auf. Sie waren barfuß und trugen Khakishorts und weiße Hemden. Wasser, Mas Büchse und ihre Jagdmesser waren alles, was sie bei sich trugen, und dazu einen zusammengerollten, an ihren Gürteln befestigten Sack, in dem sie die Beute später nach Hause brachten.

Es war außergewöhnlich heiß für den Frühling, jeder Atemzug versengte die Lungen und dörrte den Mund aus – und erfüllte Pieter mit tiefem Glück. Das Buschveld war seine größte Leidenschaft, und er war auf intuitive Weise mit ihm verbunden, mit seinen Launen, seinen Gefahren und seiner quälenden Schönheit.

Gegen Mittag sahen sie eine Antilopenherde und einen jungen Kap-Greisbock, der reglos und beinahe verborgen zwischen den hohen Gräsern stand, alle Muskeln zur Flucht angespannt. Über ihnen fiel in taumelndem Flug eine Gabelracke vom Himmel und ließ sich auf den Ast eines Nyalabaums nieder, des höchsten und schönsten Baums, den es in der Umgebung gab. Als sie sich einem See näherten, erschreckten sie eine Kolonie brütender Blutschnabelweber, die daraufhin zu Zehntausenden aufflogen, mit ihrem Geschwirre und Gezänk das Trommelfell der Jungen fast zum Platzen brachten und dann wie eine langgestreckte Rauchfahne nach Osten abzogen.

Am Rand eines Wasserlochs setzten sie sich in den Schatten und nahmen noch einige Schlucke aus ihren Wassersäcken, vollauf zufrieden damit, zu beobachten, wie das Wild schweigend aus dem Dickicht auftauchte und sich vorsichtig dem Ufer näherte. Keiner von ihnen griff nach seinem Gewehr. Sie wussten beide, dass der bittersüße Höhepunkt der Jagd stets bis zum letztmöglichen Augenblick hinausgezögert werden musste und dass es galt, dem Tag jeden Tropfen Glück abzupressen. Das eigentliche Töten der Tiere nämlich diente einzig und allein dazu, Nahrung zu beschaffen. Niemals der Freude.

Dan wetzte sein Messer an einem Stein. Es war bereits so scharf wie eine Rasierklinge, aber für ihn konnte es nicht scharf genug sein. Die beiden Jungen verdankten ihr Geschick beim Jagen Dans Großvater mütterlicherseits, der zu seiner Zeit ein berühmter Fährtensucher gewesen war. Pieter hatte Dan dafür das Schießen beigebracht, aber das war ein Luxus, denn sie beide konnten wenn nötig auch ohne Gewehre dem Land genug zum Leben abringen.

Pieter erhob sich träge, schlenderte zum nächstgelegenen Baum und pinkelte lässig an den Stamm. Plötzlich hörte er direkt neben sich ein Zischen, dann einen dumpfen Aufprall, als ein Messer sich in den Ast über seinem Kopf bohrte. Ein Schwanz peitschte über seine Wange, und als er aufblickte, sah er eine elegante, aber tödliche Grüne Mamba, die sich, aufgespießt von Dans Klinge, wild hin und her wand. Seine Unbedachtheit ließ ihn erröten, und er riss das Messer aus dem Holz, wischte es an der Erde ab und gab es Dan mit einigen gemurmelten Worten des Danks zurück. Dan klopfte ihm auf die Schulter.

Als die ersten Kumuluswolken über den Bäumen erschienen, machten sie sich im Laufschritt auf den Weg. Pieter ließ sich automatisch hinter Dan zurückfallen, weil dieser der bessere Fährtensucher war. Sie folgten der Spur einer Familie von Warzenschweinen, und Dan brannte darauf, den ersten Schuss abzugeben. Er griff nach dem Gewehr, zielte und feuerte. Das Ferkel taumelte und fiel zu Boden, sprang jedoch nur eine Sekunde später wieder auf und schaffte es, den Schutz dichten Buschwerks an einem Wasserlauf zu erreichen. Pieter fluchte leise. »Dein Baby«, murmelte er und wünschte, Dan hätte gewartet.

Dan ging, das Messer zum entscheidenden Stoß in der Hand, auf das Buschwerk zu. Pieter beobachtete ihn und sog mit einem Gefühl des Unbehagens, bei dem ihn eine Gänsehaut überlief, die warme Luft ein. Dan war außer Sicht, aber Pieter spürte Gefahr. Plötzlich hörte er ein gewaltiges Zornesbrüllen. Die Erde erzitterte unter hämmernden Hufschlägen, und Sträucher und Äste wurden auseinandergerissen, als Dan aus dem Dickicht auf den erstbesten Baum zurannte.

Eine riesige Büffelkuh kam in einer Staubwolke wutschnaubend aus dem Busch gestürzt, den Kopf gesenkt, den Schwanz hoch in die Luft gereckt. Etwa dreißig Meter von ihnen entfernt blieb sie stehen, warf den Kopf in den Nacken und schlug sich mit dem Schwanz auf die Flanken. Dann griff sie an.

Dan würde es niemals bis zu dem Baum schaffen – dafür blieb keine Zeit mehr. Pieter riss sein Gewehr hoch, zielte und schoss. Er sah, wie die Kugel ihr Ziel traf, aber das Tier schüttelte nur heftig den Kopf, ohne das Tempo zu verlangsamen. Pieter feuerte abermals, und die Büffelkuh stolperte – jedoch nur für einen Augenblick. Sie näherte sich Dan unaufhaltsam. In seiner Verzweiflung stürzte Pieter schreiend und mit den Armen rudernd auf das erzürnte Tier zu. Die Kuh wandte den Kopf, kam leicht von ihrem Kurs ab und hielt mit zornigen Blicken Ausschau nach dieser neuen Bedrohung. Dan sprang kopfüber in das lange Gras und blieb still liegen, während die Kuh verwirrt innehielt. Da sie Dan nicht mehr sehen konnte, schwenkte sie nach rechts und kam direkt auf Pieter zu.

Das Hämmern ihrer Hufe klang wie Donnerschläge; er konnte ihr Schnauben hören, ihre Ausdünstungen riechen und ihre blutunterlaufenen Augen sehen, während zwei Tonnen aufgebrachten Zorns sich ihm mit einer Geschwindigkeit von über sechzig Stundenkilometern näherten. Er legte den Finger fester um den Abzug, wartete jedoch noch immer. Jetzt war die Kuh nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. In dem kurzen Augenblick, bevor sie den Kopf senkte, um ihren Gegner mit den Hörnern aufzuspießen, feuerte Pieter ihr eine Gewehrsalve in die Brust. Das wütende Tier änderte die Richtung, und Pieter traf es mit einer zweiten Salve direkt hinter der Schulter. Jetzt war die Kuh tödlich verletzt, aber es gelang ihr trotzdem, sich umzudrehen und im Dickicht Zuflucht zu suchen.

Dan kam aus dem hohen Gras hervor. »Danke«, sagte er, immer noch mit angsterfüllter Miene. Er hielt Pieter die Hand hin, und der schlug ein, wie sie es häufig zu tun pflegten, mit nach oben gereckten Daumen.

»Zwei Mal sind wir mit knapper Not davongekommen. Ein drittes Mal brauchen wir nicht«, murmelte Pieter.

Trotz ihrer Angst wussten sie, dass sie in das Dickicht gehen und die verwundete Büffelkuh töten mussten. Nach nur einigen wenigen Sekunden des Zögerns folgten sie der Blutspur. Während sie sich durch die Bresche kämpften, die das Tier geschlagen hatte, waren sie sich nur allzu deutlich bewusst, dass es im Kreis um sie herumlaufen und sich von hinten anschleichen konnte. Sie waren noch nicht sehr weit gegangen, als sie die Kuh verendet auf dem Boden liegen sahen. Ihr Kalb, das erst ein oder zwei Tage alt war, stand neben dem Kadaver, blinzelte mit seinen riesigen Augen und betrachtete jämmerlich blökend seine tote Mutter. Keiner von ihnen wollte das Kalb töten, aber sie wussten, dass sie es tun mussten.

»Es ist meine Schuld«, sagte Dan. »Ich werde es tun.« Er griff nach seinem Messer und schlitzte dem Kalb die Kehle auf. Während das Blut noch immer aus der Wunde strömte, brach ein Schakal aus seiner Deckung, um sich den Kadavern zu nähern.

Die Notwendigkeit, das Kalb zu töten, hatte ihnen den Tag verdorben. Sie brauchten mehrere Stunden, um das Büffelfleisch von den Knochen zu schneiden und es zum Trocknen in die Akazien zu hängen. Sie würden es später abholen. Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit und packten die besten Fleischstücke ein, um sie mit nach Hause zu nehmen. Als sie sich gerade auf den Rückweg machen wollten, kam ein Rudel wilder Hunde in ihre Richtung gestürmt und entdeckte sie erst im letzten Augenblick. Heulend vor Angst machten die Hunde kehrt und verschwanden im Dickicht.

Während die blutrote Sonne hinter den Bäumen versank, sahen die beiden Jungen den ersten Geier über sich kreisen. Der Himmel war von einem noch dunkleren Rotton als die Sonne, und das wunderschöne, ätherische Zwielicht gab dem Veld ein ganz neues Antlitz. Während sie sich vom Schauplatz der Tötung entfernten, hörten sie Hyänen und Schakale, die sich über die Reste des Kadavers hermachten. Wenn die Jungen zurückkamen, um das Biltong abzuholen, das zwischen den Dornen der Akazien hing, würden am Boden zweifelsfrei nur noch die Hörner und vielleicht noch einige Schädelknochen liegen, aber kaum mehr.

Es war beinahe dunkel, als die beiden Mrs du Toits Cottage erreichten. Es erfüllte Pieter immer wieder mit Kummer, dass Liza unter so ärmlichen Verhältnissen lebte. Die Mauern des Hauses waren dreißig Zentimeter dick – Steine und gestampfter Lehm –, das Dach bestand aus Wellblech, und nichts an dem ganzen Bau war wirklich gerade. Aber wundersamerweise hatte das Cottage dennoch drei Jahrhunderte überstanden. Mit einem frischen Anstrich würde es vielleicht gar nicht so übel aussehen. Pieter beschloss, sich freiwillig für diese Arbeit zu melden. Der spärliche Innenraum wurde grob von Steinmauern mit alten Holztüren in drei Räume unterteilt, wobei die Küche gleichzeitig auch als Wohnzimmer diente.

Sie sortierten das Fleisch auf einem Malertisch draußen vor dem Hintereingang, und Pieter gab Gran neben dem kleinen Warzenschwein auch einen großzügigen Anteil von dem übrigen Fleisch.

Wo ist Liza?, fragte er sich. Gran wirkte niedergeschlagen. »Ist etwas passiert?«, wollte er wissen.

Mrs du Toit presste ihre zahnlosen Kiefer zusammen, sodass ihre Adlernase beinahe auf gleicher Höhe war wie ihr spitzes Kinn. Sie hatte eine Warze unter dem Mund, auf der ein dickes Haar spross, und ihre Haut sah so ausgedörrt und durchscheinend aus wie Gras vor den Regenfällen; nur dass Gras sich erholen würde, Mrs du Toit jedoch nicht, dachte Pieter.

Er überlegte, wie alt sie wohl war. Vielleicht hundert Jahre. Liza liebte sie, und aus diesem Grund liebte er sie ebenfalls, aber er musste zugeben, dass ein Fremder sie hässlich finden musste. Aber wenn man nur genau genug hinschaute, dann konnte man eine im Inneren verborgene Schönheit sehen. Ihre dunkelbraunen Augen leuchteten manchmal wie die eines jungen Mädchens, und an den meisten Tagen stand ein mitfühlendes Funkeln darin. Sie hatte dickes weißes, gewelltes Haar, das sie jedoch stets zu einem straffen Knoten zusammengebunden trug. Außerdem waren ihre Hände wunderschön, und es machte immer Spaß, ihr zuzusehen, wie sie Blumen arrangierte, auch wenn es nicht oft vorkam, dass sie welche hatte.

Dan hatte das Warzenschwein gesäubert. Jetzt legte er es auf den Tapeziertisch und stand einen Moment lang zaudernd da, bis Pieter ihm half, seinen Anteil an dem Fleisch in einen Sack zu packen. Mit einem Winken und einem kurzen Grinsen machte Dan sich davon.

»Du verwöhnst diesen Kaffer«, brummte Granny durch das Küchenfenster.

Pieter runzelte die Stirn. Sein Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an, als er Gran anfunkelte.

»Nennen Sie ihn nicht so. Er ist mein Freund«, erklärte er hitzig. Mein Blutsbruder, hätte er gern hinzugefügt, denn er und Dan waren beide von Dans Mutter gestillt worden, sie waren zusammen aufgewachsen und spielten miteinander, seit er denken konnte. Später hatte Sam ihnen beiden beigebracht, Fährten zu suchen und im Busch zu überleben. Sie hatten einander so oft gerettet, dass es zu einer Gewohnheit geworden war. Pieter hatte ein sonniges Naturell, und seine Wut hielt sich niemals lange. Schon wenige Sekunden später grinste er Gran wieder an, was ihr ein Lächeln entlockte. »Wir waren zusammen auf der Jagd, Gran. Also steht ihm die Hälfte der Beute zu. Außerdem teilt er es mit anderen. Wo steckt Liza?«

Granny schüttelte den Kopf und blickte beklommen drein. »Sie muss hier irgendwo sein«, murmelte sie.

»Dann gehe ich sie suchen.«

Tief versunken in ihre Furcht und ihren Zorn, hatte Liza Pieters Schritte nicht gehört. Sie blickte in den Spiegel, den sie in den hinteren Teil des Kraals getragen hatte, und befingerte ihr glattes schwarzes Haar. Gammats hatten krauses Haar, oder nicht? Als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, zuckte sie zusammen, dann blickte sie in Pieters geliebtes Gesicht, das so rund wie ein Apfel war. Er blickte mit einem besorgten Funkeln in den grünen Augen auf sie hinunter. Einen Moment lang vergaß sie ihren Schmerz und sah ihn liebevoll an.

»Oh, Pieter, du bist so spät dran«, sagte sie. Sie stand auf und schlang ihm die Arme um den Hals. Er roch gut, eine Mischung aus seinem ganz besonderen, nach Moschus duftenden Schweiß, Tabak und dem würzigen Geruch von Veldkräutern. Sie strich ihm über den schwarzen Flaum, der vor einiger Zeit auf seinen Wangen und seinem Kinn erschienen war.

»Jeder Mann würde sich über eine solche Begrüßung freuen.« Er legte die Arme um sie und griff nach dem Spiegel. »Findest du nicht, dass ich göttlich aussehe, Darling?«, fragte er mit Fistelstimme, klimperte mit den Wimpern und strich sich übers Haar.

Sie lachte, aber dann brach ihr Elend mit einer Wucht über sie herein, die ihr den Atem nahm. Wenn sie farbig war, konnte sie Pieter für alle Zeit vergessen! Aber das war Wahnsinn. Es war nicht wahr. Sie war weiß!

»Ach, Pieter …« Als sie ihm von ihrer schrecklichen Not erzählen wollte, konnte sie sich jedoch nicht dazu überwinden, etwas derart Schändliches auszusprechen, auch wenn es eine Lüge war.

»Ach, ich wünschte, ich wüsste, wer ich bin«, stieß sie hervor und kämpfte mit den Tränen. »Ich wünschte, ich wüsste meinen Namen. Ich sehne mich so danach, meine wahre Familie zu finden.«

Pieter wirkte erheitert. »Eines Tages werde ich dir dabei helfen. Habe ich dir das nicht versprochen? Komm und sieh dir an, was ich mitgebracht habe … etwas ganz Besonderes.«

Er grinste und griff nach ihrer Hand. Da sie Gran jedoch nicht gegenübertreten wollte, machte sie einen Schritt rückwärts. Plötzlich zerrten sie aneinander – ein altes, vertrautes Spiel. Nur dass Liza heute nichts Kämpferisches hatte; sie war im innersten Mark getroffen. Schließlich ließ sie sich in die Küche ziehen, wo Gran bereits über dem Holzofen Leber briet. Ach, Pieter, wirst du mich auch noch lieben, wenn du die bösen Lügen hörst, die man sich über mich erzählt? Sie schloss ihren Kummer in sich ein, bis ihr ganzer Körper bebte und zitterte.

Granny warf einen schnellen, durchdringenden Blick in ihre Richtung. Sie weiß, dass ich gelauscht habe. Liza wandte sich nervös ab. Alles sah noch genauso aus wie immer, und doch war es völlig verändert, denn sie selbst fühlte sich den Dingen mit einem Mal entfremdet. Sie betrachtete die vertrauten Bilder an den Wänden: Die Kabinettsminister, die in ihren dünnen schwarzen Rahmen ernst und herablassend wirkten, das Bild von Grans bärtigem Großvater, einem Kommandanten im Burenkrieg. Grans Vater, bleich und ausgezehrt, der im Ersten Weltkrieg in Flandern verwundet worden war, und ihr Mann, der im Zweiten Weltkrieg in Tobruk gefallen war. Liza hatte sie alle adoptiert, denn eigene Verwandte besaß sie nicht, aber heute schienen die Augen all dieser Menschen zu sagen: »Was hast du hier zu suchen, Liza? Dies ist ein ordentliches weißes Haus.«

Auf dem Zementstein an der Spüle lag ein Warzenschweinferkel von etwa vier Monaten, den Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet, die Augen in abgrundtiefer Verzweiflung verdreht. Liza, die der Anblick eines säugenden Schweins stets begeistert hatte, erschauerte. Die eigenartigsten Gefühle wirbelten durch ihren Kopf und verursachten ihr eine Gänsehaut. Sie hätte dieses Schwein sein können. Da sie keine Ahnung hatte, wer sie war, hätte sie ebenso gut alles Mögliche sein können. Die Geburt war ein reiner Zufall. Sie fühlte sich eins mit allen Opfern, denn war sie nicht ebenfalls ein Opfer? Noch vor wenigen Stunden hatte sie sich so sicher gefühlt. Sie mochten arm sein, aber sie waren die Aristokraten der Natur, weil sie weiß waren! Und jetzt sagten die Leute, sie sei eine Gammat? Sie blickte sich beschämt um. Konnten sie ihre Gedanken hören? Gran rührte in der Soße, und Pieter beobachtete sie. Er sah hungrig aus. Wenn Gran doch nur irgendetwas sagen würde.

Während sich die Fragen in ihrem Kopf überschlugen, ging Liza in ihr Zimmer und legte ihren Spiegel wieder auf den Schrank, konnte jedoch den Drang nicht bezähmen, noch einmal hineinzuschauen. Sie sah ein erschrockenes Mädchen mit gehetztem Gesichtsausdruck und Augen ähnlich denen einer verängstigten Antilope, das Haar so schwarz und glatt wie die Mähne eines Löwen und mit Nasenlöchern, auf die nur ein Nilpferd hätte stolz sein können. Während sie voller Abscheu ihre Haut begutachtete, stellte sie fest, dass sie die gleiche Farbe hatte wie Pieters altes Armeehemd, ein Erbstück seines verstorbenen Großvaters. Warum hatte sie sich nur je für hübsch gehalten? Vielleicht, weil so viele Jungen in der Schule es gesagt hatten.

»Das bin ich«, flüsterte sie. »Du bist ich. Aber wer bin ich wirklich?« In ihrem Kopf begann es erschreckend zu hämmern, und ihr ganzer Körper brannte. Dann rief Gran sie an den Tisch.

Nicht einmal die saftige Leber, zu der es gebratene Tomaten und Zwiebelsoße gab, konnte ihre Stimmung heben. Während Pieter die hinter ihm liegende Jagd in allen Einzelheiten beschrieb, hörte Liza nur stumm zu. Ihr Magen hatte sich zusammengekrampft, und sie konnte nicht schlucken. Sie saß am Tisch, blickte auf ihre Hände hinab und drehte sie bald in diese, bald in jene Richtung, um sie in dem schwächer werdenden Licht besser betrachten zu können. Warum war ihr niemals aufgefallen, wie blassgelb ihre Haut war? Warum gab Gran ihr nicht die Sicherheit, die sie jetzt so dringend brauchte? Sie hatte kein einziges Wort über den Besuch der fremden Frau verloren. Schließlich sagte sie: »Gran, wer war diese Frau, die heute hergekommen ist?«

»Mrs Frank von der Abteilung für Sozialfürsorge.«

Frank? Aber genauso hieß sie auch. »Was wollte sie?«

»Es ging um meine Pension.« Gran versuchte zu lächeln, brachte jedoch nur eine schiefe Grimasse zustande. Warum log sie?

Liza stand auf, rannte in ihr Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Nach einer Weile hörte sie Pieter ans Fenster klopfen.

»Ein Mann kann ohne seinen Gutenachtkuss nicht schlafen gehen«, flüsterte er durch die Ritze.

»Ich bin müde«, zischte sie.

Er drückte Nase und Lippen gegen das Glas, schielte ausgiebig und drückte einen lauten, schmatzenden Kuss auf die Scheibe. »Oh! Kein Kuss?« Als er keine Antwort bekam, runzelte er verwirrt die Stirn. Dann sprang die Katze auf das Fenstersims, und Pieter packte sie und tänzelte mit ihr durch den Garten. »Zumindest das Kätzchen liebt mich«, rief er. »Schlaf gut.«

Wenn sie doch nur hätte schlafen können! Aber die schreckliche Wirklichkeit ließ ihr keine ruhige Minute. Sie wünschte sich verzweifelt, an ihre richtige Familie denken zu können, aber sie besaß nichts anderes als eine vage Erinnerung an Augen, die so blau waren wie der Himmel, an Haar von der Farbe von Weizen und an jemanden, der sie auf dem Arm getragen hatte. Sie wusste, dass man sie in der Nähe des Polizeireviers von Nelfontein ausgesetzt und dass der Beamte von der Sozialfürsorge sie in Grannys Obhut gegeben hatte, als sie vier Jahre alt gewesen war. Das hatte Granny ihr erzählt. Aber ihr kam es so vor, als hätte sie ihr ganzes Leben bei Gran in diesem winzigen Cottage gelebt.

Gran wurde für ihren Unterhalt bezahlt. Sie gingen oft zusammen zum Postamt, um das Geld abzuholen. Sie war ein Mündel des Staats, das hatte sie oft genug gelesen, aber bedeutete das, dass der Staat das Recht hatte, sie aus ihrem Zuhause fortzureißen und zu den Gammats zu stecken? Immer wieder stellte sie sich vor, wie die Mädchen in der Schule spotten würden, wenn sie davon erfuhren. Sie begrub den Kopf in ihrem Kissen, um ihr Schluchzen zu ersticken. Mit tränenüberströmten Wangen schlief sie schließlich ein.

KAPITEL 3

Unter einem sternenübersäten Himmel war das Buschveld noch in Dunkelheit gehüllt, aber im Osten leuchtete bereits das erste schwache Grau auf. Unter einem Lavendelbaum auf einem Felsvorsprung nicht weit von Grans Cottage entfernt erbebte ein Sack, der sich kurz darauf wand und krümmte. Aus dem Sack kam ein schriller, erschreckender Laut von durchdringender Klarheit. Wie zur Antwort darauf stieß ein Frankolin sein Kroah-kroah aus, um die Morgendämmerung anzukündigen. Im selben Moment stimmten dann auch die Vögel ihren Morgengesang an, bis die ganze Luft von ihrem lärmenden Gezwitscher erfüllt war. Über den Bergen wurde das Grau zu einem blutroten Flecken und überzog das Land mit einem eigenartigen, rätselhaften Schimmer.

Von einem Moment auf den anderen öffnete sich der Sack, und Dans Kopf, so schwarz wie die Nacht, lugte daraus hervor. Ein Nashornvogel kam herabgeflattert und betrachtete den Jungen, der sein Freund war, mit wacher Aufmerksamkeit. Dan grinste den Vogel an, dass seine weißen Zähne im Zwielicht blitzten, dann lehnte er sich wieder an den silbrigen, glatten Baumstamm, angelte seine Blechflöte aus der Tasche und stimmte einen Freudengesang auf den herrlichen Morgen an, auf die Vögel, die ihm zuzwitscherten, auf den Nashornvogel, den er gezähmt hatte, und auf die wilde Melone, die ihm die Füße wärmte. Schließlich verdrängte der Hunger das Glück. Dan schob die Flöte zurück in die Tasche, brach die Melone auf, warf dem Nashornvogel die Kerne hin und schob sich das bittersüße Fruchtfleisch in den Mund. Der Saft lief ihm kitzelnd übers Kinn und dann am Hals hinunter.

Er stand auf, reckte sich und schlenderte zu dem Cottage, in dem Liza lebte. Mrs du Toit war früher auf den Beinen als gewöhnlich, was ärgerlich war, da er die Absicht gehabt hatte, ein Ei zu stehlen.

»Guten Morgen, Dan«, rief sie ihm zu. »Hol mir etwas Holz aus dem Schuppen. Nimm so viel, wie du mit einem Mal tragen kannst.«

Dan holte widerstrebend und mit grollender Miene das Holz.

»Hier ist noch etwas Maisbrei, der vom Abendessen übrig geblieben ist«, sagte sie und löffelte eine große Portion Brei auf einen Zinnteller, als wolle sie damit seine Arbeit bezahlen.

»Nein, danke, Mrs du Toit, ich möchte lieber nichts essen«, sagte Dan so höflich, wie er nur konnte. In seinem Innern brodelte es. Er arbeitete nicht für sie, warum also gab sie ihm immer wieder Aufträge? Die Weißen waren alle gleich, sie hielten jeden Schwarzen für ihren Diener. Er trollte sich, bevor sie noch weitere Arbeit für ihn fand.

Während Aletta du Toit beobachtete, wie Dan zum Kraal hinüberschlenderte, stieg Ärger in ihr auf, wie immer geschah, wenn er in der Nähe war. Es hatte etwas mit seinen riesigen, glänzenden Augen zu tun, die sie kritisch zu mustern schienen, und mit seinen Lippen, die für gewöhnlich zu einem schwachen Lächeln verzogen waren. Sein Haar erhob sich zu einer dichten, drahtigen Masse auf seinem Kopf, als wolle es nach den Sternen greifen. Er pflegte so stolz und aufrecht umherzulaufen, als gehöre ihm die ganze Welt. Und was für eine Unverschämtheit, sie Mrs du Toit zu nennen. »Missus« war die traditionelle Anrede für sie, aber dieser Junge hatte nur Frechheiten im Kopf. Für seinesgleichen war Brei nicht gut genug. In Alettas Augen war Dans Bemühen, höflich zu sein, nichts anderes als eine verschleierte Beleidigung.

»Du bist genau wie dein Vater«, rief sie ihm nach. »Viel zu clever, als gut für euch ist. Und wohin haben ihn sein Verstand und sein überlegenes Gehabe gebracht?«

Sie wandte sich ab und kehrte zum Herd zurück. Ein Eingeborener war ein Eingeborener, und als solchen respektierte sie ihn. Jeder Schwarze konnte sich in einer Notsituation an sie um Hilfe wenden, aber wenn sie anfingen, die Weißen nachzuäffen, sah sie rot. Der Ursprung all dieser Probleme war Dans Großmutter, Nosisi, die sogenannte Sangoma, wie die Eingeborenen ihre Medizinmänner und Kräuterhexen nannten.

Die Arme in die Hüften gestemmt, beobachtete sie Dan, wie er an den Eseln vorbeispazierte, so unschuldig, wie man es sich nur wünschen konnte, als wüsste er nicht, wo die grau gefleckte Henne ihre Eier versteckte. Sie beschloss, die Familie de Vries auf Dans schlechtes Benehmen anzusprechen. Dann verbannte sie den Jungen aus ihren Gedanken und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Holzofen zu, der morgens stets ein wenig unberechenbar war. Kurze Zeit später war der Kessel heiß, und der Porridge blubberte vor sich hin.

Auf der Nachbarfarm schlief Pieter länger als gewöhnlich. Der Geruch von Kaffee und das leise Gepolter seiner Mutter, die in der Küche arbeitete, weckten ihn. Mit schlechtem Gewissen stieg er aus dem Bett. Er zog sich ein T-Shirt und Shorts an und ging hinaus. Es würde ein herrlicher Tag werden. Der Himmel war von einem zarten Safranton, die Lebombo-Berge leuchteten purpurn, die Luft war so seidig, dass jeder Atemzug zu einer Wonne wurde, die Frühlingsblumen hatten die Felsen und die sandfarbene Erde mit einem weißen Teppich überzogen, und der Piet-myn-vrou-Kuckuck sang sich vor Freude über den neuen Tag das Herz aus dem Leib.

Die Esel schrien, und Pieter trottete zum Schuppen hinüber. Er schüttete etwas Futter in einen alten Paraffinbehälter und schleppte ihn zum Kraal hinüber, wo er für eine Weile stehen blieb. Er liebte den moschusartigen Geruch der Esel und ihr raues Fell. Von den zehn Eseln waren Jacob und Lady die ältesten und damit die Anführer der kleinen Herde. Lady wurde langsam zu alt für die Arbeit. Ihre langen braunen Zähne waren abgekaut und fielen einer nach dem anderen aus. Er dachte, wie schön es wäre, sie zum Grasen hinauslassen zu können, aber wenn man arm war und selbst um jeden Bissen kämpfen musste, war kein Platz für Sentimentalitäten. Das Leben ist hart, dachte er niedergeschlagen. Gerade wenn ein Tier perfekt ausgebildet war, musste man es erschießen. Um nichts in der Welt hätte er zugegeben, dass er diesen alten Esel liebte.

Die Tiere drängten sich von allen Seiten an ihn, bis er das Gleichgewicht verlor. Er fiel in die Dornen. »Autsch! Eines Tages werde ich einen neuen Kraal bauen«, murmelte er. Ihrer war zu baufällig; die eine Seite bildete eine eingestürzte Steinmauer und die andere eine Wand aus Akazienzweigen. Aber der Kraal erfüllte seinen Zweck, denn die zweieinhalb Zentimeter langen Dornen der Akazie reichten völlig aus, um zehn launische Esel in Schach zu halten.

Ihre Farm war groß, gut neunhundert Hektar, aber sie bestand größtenteils aus Felskopjes, kleinen Felskuppen, Kiesflächen und schlechtem Weideland. Es gab lediglich zwei fruchtbare Äcker, auf denen sie Gemüse und Tomaten anbauten. Das war nicht genug, um davon leben zu können. Sein Vater stand als Farmvorarbeiter in Diensten der Cronjés; er überwachte ihre riesigen Zucker- und Tomatenplantagen. Für ihre eigene Farm blieb ihm keine Zeit, aber sie hatten ja Sam, Dans Großvater, und vor und nach der Schule half auch Pieter mit. Jetzt hörte er seine Ma aus der Küche rufen.

»Der Kaffee ist fertig, Pieter. Nimm dir einen Zwieback«, sagte sie, als er hineinkam. »Ich habe sie gerade gebacken.«

Sie brach ab und musterte ihn mit Augen voller Mitgefühl. »Hör mal, Pieter, ich habe schlechte Neuigkeiten für dich«, begann sie. »Es ist besser, wenn du es von mir hörst und nicht von jemand anderem. Jeder redet inzwischen darüber, daher wirst du es ohnehin erfahren. Die Mädchen in der Schule und ihre Eltern haben sich beschwert, weil Lizas Haut so dunkel geworden ist. Verstehst du, sie wurde als Kind ausgesetzt, und niemand hat je erfahren, wer ihre Eltern waren.«

Sie warf einen schnellen Blick in Pieters Richtung und sah, dass er mit leidenschaftsloser Miene die Wand anstarrte. Er hatte seine Gefühle noch nie offen gezeigt, aber wenn er einen derart leeren Gesichtsausdruck hatte, dann litt er, wie sie aus Erfahrung wusste.

»Damals sind die Behörden davon ausgegangen, dass sie weiß war. Jetzt, da sie älter wird, sieht es zunehmend so aus, als sei sie es nicht. Die Leute erzählen sich, dass sie als Farbige reklassifiziert werden solle. Man wird sie zu ihren eigenen Leuten schicken. Was für eine Schande. Es tut mir so leid, dass ich diejenige bin, die dir das sagen muss.« Sie legte Pieter eine Hand auf die Schulter.

Pieter schüttelte sie ab und ging hinaus. Er trat in den Kraal und streichelte geistesabwesend einen Esel, während es in seinen Ohren rauschte und sich ein hohler Schmerz in seinem Magen ausbreitete. Von einem Moment auf den anderen war er in einen Zustand katapultiert worden, in dem nichts mehr real schien. Liza eine Farbige? Das war verrückt. Und Ma redete so, als sei es eine feststehende Tatsache. Glaubte sie das wirklich? Ja, dachte er, sie glaubte es offenkundig. Und Lizas Haut war tatsächlich dunkel. Monatelang hatte er das Offensichtliche vor Augen gehabt, ohne es je zu bemerken. Der Schock kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wie konnte so etwas geschehen? Während er an seinen Fingernägeln kaute, versuchte er, die schlimme Neuigkeit zu verarbeiten. Ohne lange nachzudenken, machte er sich auf die Suche nach Sam, der für ihn weniger ein Arbeiter, sondern vielmehr ein Freund war. Als er die Hütte des alten Mannes erreichte, kam Sam gerade herausgehumpelt. Er schob sich das Hemd in die Hose und blinzelte.

»Was ist los, Pieter?«, fragte er, da er den Kummer des Jungen sofort bemerkt hatte.

»Hast du gehört, was man über Liza sagt?«

Als er Pieters Schmerz sah, stieg Traurigkeit in ihm auf. »Natürlich habe ich davon gehört, aber niemand weiß es mit Sicherheit, und das ist die Wahrheit. Die Leute können nur Vermutungen anstellen. Ich bin davon überzeugt, dass sich eine Lösung finden wird. Du bist doch für die Schule viel zu früh dran, wie wär’s also, wenn du mir ein wenig zur Hand gehst?«, fügte Sam hinzu und wünschte, er hätte dem Jungen etwas Hilfreicheres sagen können.

Sie mussten warten, bis die Esel gefressen hatten. Dann spannten sie die zehn Tiere paarweise hintereinander an. Nur die beiden Leittiere wurden mit Zaumzeug ausgestattet, während sie den anderen nur einen alten Lederharnisch umlegten. Mittlerweile kannten die Esel ihre Aufgabe so gut, dass sie sie mit geschlossenen Augen verrichten konnten. Sam pfiff und schnalzte mit der Zunge, und Pieter drückte das Tor auf und führte die Esel zu dem Pflug, der vor dem Cottage der de Vries’ lag. Er befestigte die Esel mit Ketten an der Deichsel des Pfluges, umfasste die hölzernen Griffe und rief den Tieren etwas zu. Die Esel legten die Ohren an, verdrehten die Augen und setzten sich in Bewegung.

Normalerweise erfüllten das scharfe Klatschen des Leders, das Klipp-Klapp der Hufe, die Erregung der Esel und das erwachende Veld Sam mit einer Woge des Glücks, aber Pieters Schmerz hatte ihm den Morgen verdorben. Sam liebte den Jungen, und er tat ihm leid. Er war so stolz und erfüllt von überschäumender Hoffnung und Selbstbewusstsein, aber seine Familie besaß so wenig – sie waren praktisch arme Weiße. Diese Stadt wird ihn zerstören, dachte er, geradeso, wie sie meinen Victor zerstört hat.

Für eine Weile verlor er sich in Erinnerungen an seinen einzigen Sohn, Victor, der versucht hatte, das System zu stürzen. Es war alles seine Schuld. Sam war Schullehrer gewesen und voller hehrer Ideen für Veränderungen und Freiheit, die Victor zu stark beeindruckt hatten. Jetzt verbüßte sein Sohn eine lebenslängliche Zuchthausstrafe mit Zwangsarbeit auf Robben Island. Nach der Verhandlung seines Sohns hatte Sam den Lehrerberuf an den Nagel gehängt und die Frau und das Baby seines Sohnes auf die Farm der de Vries’ gebracht, an seinen eigenen Geburtsort. Er hatte dort eine Hütte bezogen, und bekam für seine Arbeit einen jämmerlichen Lohn sowie zu essen. Victors Frau hatte ebenfalls für Mrs de Vries gearbeitet, bis sie in die Stadt gegangen war und ihren Sohn, Dan, im Stich gelassen hatte. Also hatte Sam Dan und Pieter beigebracht, wie man jagte und im Busch überlebte, wie man ein Feld pflügte und hundert andere Dinge, die Jungen wissen mussten. Früher einmal waren die beiden unzertrennlich gewesen, aber in letzter Zeit trieb der gesellschaftliche Druck sie auseinander.

Sam seufzte. Er bekam Pieter jetzt nicht mehr oft zu Gesicht.

Während sie die lange Bahn über das Feld in Angriff nahmen, dachte Sam über die Weißen und ihre eigenartigen Gebräuche nach. Nelfontein war eine so hübsche Stadt, wie man es sich nur wünschen konnte, mit Blumen und Bäumen entlang der Gehwege und grasbewachsenen Flächen. Ja, wenn es darum ging, eine Stadt zu verschönern, wussten diese Leute tatsächlich, was sie taten, dachte Sam verbittert. Die Buren hatten einen Blick für Schönheit. Die fleißigen Farmer mit ihrer ausgeprägten Begabung für Ordnung und Sauberkeit hatten ihren Teil des afrikanischen Kontinents gezähmt. Alles arbeitete für sie … Sogar das Land, und was immer arbeitete, durfte bleiben. Daher gestatteten sie sogar den Nilpferden, ungehindert im Fluss zu weiden. Und warum …? Weil die Nilpferde das wuchernde Unkraut niedrig hielten. Selbst die Krokodile, die zwischen hohen Binsen lauerten und sich entlang sandiger Ufer die Sonne auf den Panzer brennen ließen, hatten im System des weißen Mannes ihren Platz, sodass auch sie bleiben durften.

Schwarze wie er durften bleiben, wenn sie Jobs hatten, denn ihr Nutzen lag in ihrer Arbeit. Also wurden sie registriert, man nahm ihnen die Fingerabdrücke ab, versorgte sie mit Pässen und gestattete ihnen, auf weißem Land zu arbeiten und dort, wenn nötig, auch zu schlafen. Die Übrigen wurden in das Homeland ihres Stammes verbannt, nach KaNgwane, wo ihre Familien lebten. In den weißen Städten lebten Schwarze und Weiße in einer eigenartig symbiotischen Beziehung, Herren und Diener, wobei der eine die Bedürfnisse des anderen befriedigte, und solange man das System nicht anfocht, funktionierte es.

Eine Weile dachte Sam über Liza nach und fragte sich, womit er den Jungen vielleicht trösten konnte. Die Nachricht von ihrer misslichen Lage hatte sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet. Sie hatte, vermutete Sam, keine allzu großen Chancen, in Nelfontein zu bleiben. Die Buren waren ein harter, schlauer, sturer Schlag, deren Prioritäten einer unverrückbaren Ordnung folgten – an erster Stelle kamen ihr Gott und ihre Moralvorstellungen, dann ihre Familie, dicht gefolgt von ihrem Land und ihrer Regierung. Für Menschen außerhalb ihres Laagers, ihrer Wagenburg, hatten sie nur wenig Mitgefühl. Während Sam hinter dem Pflug hertrottete und weder seiner Arbeit noch dem Verstreichen der Zeit große Beachtung schenkte, stürmten düstere Gedanken wie ein Heuschreckenschwarm auf ihn ein.

Die Esel wussten jetzt, was zu tun war. »Zeit für die Schule«, rief Sam Pieter zu. »Und lass dich von den weißen Jungs nicht beleidigen.« Während Pieter Lady zum Abschied einen Klaps auf die Flanke gab, sie hinterm Ohr kraulte und eine Möhre für sie aus seiner Tasche hervorkramte, wünschte Sam, er hätte den Jungen nicht so gerngehabt.

KAPITEL 4

Pieter entdeckt Liza schon aus einiger Entfernung. Sie saß auf einem großen Steinbrocken am Rand der Hauptstraße, den Kopf in die Hände gestützt, die Schultasche achtlos neben sich auf den Boden geworfen. Als er näher kam, sah er ihr bleiches Gesicht und die Ringe unter ihren Augen. Die Scham, die ihr ins Gesicht geschrieben stand, sprach sie schuldig. Warum musste sie mit einer solchen Armesündermiene herumlaufen? Was war los mit ihr? Sie war immer noch seine Liza, oder? Er blendete die Realität aus seinen Gedanken aus und beschloss, so zu tun, als sei alles normal.

»Hey, Liza. Wessen Beerdigung soll das sein?«, neckte er sie. Sie reagierte nicht, sondern starrte nur in sich zusammengesunken auf ihre Füße, während ihr das Haar übers Gesicht fiel.

Vielleicht war der Versuch, zu scherzen, nicht die richtige Methode. Er ging neben ihr in die Hocke, legte die Arme um sie und strich ihr das Haar aus der Stirn.

»Bitte, schau nicht so traurig drein, Li. Du darfst nicht zulassen, dass sie dich so sehen. Wo bleibt dein Mut?«

Sie ließ den Kopf noch tiefer sinken, sodass ihr Gesicht vollends unter den Haaren verschwand.

»Wen schert es, was sie denken? Stöcke und Steine können dir die Knochen brechen, aber Worte nicht«, rasselte er das alte Sprichwort herunter, brach dann jedoch jäh ab. Es war nicht die Wahrheit. Die Mädchen in der Schule waren schon immer eifersüchtig auf Liza gewesen, und jetzt hatten sie eine geeignete Waffe in der Hand, um sie zu verletzen und zu vernichten, um sie für ihre Schönheit zu bestrafen.

»Du bist immer noch für alle hier dieselbe Liza«, fuhr er fort. Aber auch das traf nicht zu, nicht einmal auf ihn. Es war nicht so, dass seine Gefühle für sie sich verändert hätten. Aber sie war anders … anders als das Bild, das er immer von ihr gehabt hatte, sodass er es nicht verhindern konnte, sie eine Spur anders zu sehen.

Ein Lastwagen hielt an. Es war Mr Brits, der mit einer Ladung Tomaten auf dem Weg zum Bahnhof war. Pieter stieg auf den Vordersitz und half dann Liza hinauf. Glücklicherweise schien sie den forschenden Blick nicht zu bemerken, den Mr Brits ihr zuwarf. Es hatte sich also bereits herumgesprochen …

Ohne etwas von Pieters Verwirrung gespürt zu haben, fühlte Liza sich durch seine Nähe beschützt. Gran hatte darauf bestanden, dass sie heute ihr zweitbestes Kleid trug, das aus einem hübschen, blau geblümten Baumwollstoff gemacht war und einen Rüschensaum hatte. Die Kleider, die Liza gewöhnlich trug, hatte Gran aus gebleichten Maissäcken genäht, und die Mädchen zogen sie stets deswegen auf. Ihr bestes Kleid war aus rosafarbenem Musselin, und sie durfte es nur zur Kirche anziehen. Selbst sonntags musste sie das kostbare Kleidungsstück ablegen, sobald sie wieder zu Hause waren, und noch bevor sie Luft holen konnte, lag es auch schon im Waschzuber. Diese simple Geste der Freundlichkeit am Morgen sagte Liza, dass Gran sich angesichts ihres Martyriums auf ihre Seite gestellt hatte.

Liza machte sich keine Illusionen darüber, was ihr in der Schule bevorstand. Sie würde geächtet, verspottet, geschnitten und beschimpft werden. Bisher hatte sie die Verachtung der anderen Mädchen stoisch ertragen, wohl wissend, dass das Recht auf ihrer Seite war. Aber jetzt …? Sie wusste nicht länger, wer oder was sie war.

»Lieber Gott, gib nur, dass ich nicht vor Scham sterbe«, flüsterte sie. Wenige Minuten später stieg Liza mit vor Furcht zusammengekrampftem Magen aus dem Lastwagen und zwang ihre Beine, auf die Schule zuzugehen.

»He, willst du dich gar nicht von mir verabschieden?«, rief Pieter ihr nach. Dann fiel ihm sein Geschichtsaufsatz wieder ein. Er hätte heute abgegeben werden müssen, aber der Lehrer würde ihn nicht nachsitzen lassen können, weil die Schule früh schloss. Der alte Cronjé wollte eine Rede halten, und danach würde es eine Parade und einen Wettbewerb im Luftgewehrschießen geben sowie einen Preis für den besten Schützen. Pieter besaß kein Luftgewehr und konnte daher nicht an dem Wettbewerb teilnehmen. Er war zu jung, um einen Waffenschein für ein Gewehr zu bekommen, und mit Mas uralter Waffe an dem Wettbewerb teilzunehmen, wäre vollkommen illegal gewesen – und deswegen konnte er sie kaum mit in die Schule bringen.

Der Preis war ein brandneues Rennrad, das auf dem Podest vor der Zuschauertribüne am Sportplatz der Schule stand. Es war ganz leicht, aber robust genug, um damit selbst über die holprigsten Wege zu fahren, und der metallisch blaue Stahlrahmen funkelte verheißungsvoll. Es hatte neun Gänge, der Ledersattel war gefedert, die Klingel verchromt, und die Rücklichter blinkten im Sonnenlicht. Vor dem Morgengebet ging Pieter zu dem Rad hinüber, um es in Augenschein zu nehmen. Er wusste, dass es ihm niemals gehören würde, aber dennoch konnte er den Blick nicht davon losreißen. Außerstande, sich zu beherrschen, stieg er auf das Podest und strich mit den Händen über den Siegespreis.

»Du hast wohl die Absicht, es zu gewinnen, wie, Pieter?«, erklang direkt hinter ihm eine Stimme. »Dann lass uns mal dein Gewehr sehen. Du willst uns wohl allen zeigen, wie man richtig schießt?«

Es war Tony, der mit Abstand reichste Junge in der Schule, was wohl ein Glück für diesen mageren, bleichgesichtigen Zwerg war, überlegte Pieter. Seine hellblauen Augen glänzten, und seine blassen Lippen waren zu einem hässlichen Grinsen verzogen.

Es war ungerecht, dass die Farm des alten Cronjé, die an die seiner Ma angrenzte, so fruchtbar war, während sie selbst ebenso wie Mrs du Toit fast nur steiniges Land, das kaum Ernte trug, ihr Eigen nennen konnten. Abgesehen von seiner Farm gehörten Cronjé mehrere Zuckerplantagen und eine Zeitung in Johannesburg. Dazu kamen einige Werkstätten im Homeland KaNgwane, die Cronjé großzügige Steuerersparnisse verschafften, und eine Abfüll- und Packanlage irgendwo auf dem Reef – sodass man sich nicht wundern musste, dass Cronjé so selbstherrlich war und sein Sohn so verwöhnt. Cronjé war außerdem der Bezirkskandidat der Unabhängigen Opposition. Das war der eigentliche Grund für seine Rede an diesem Tag. Streng genommen sollte er über Umweltschutz sprechen, denn auf dem Schulgelände durfte nicht über Politik geredet werden, aber Pieter wusste, dass Cronjé hier und da ein wenig Propaganda in seine Ansprache einfließen lassen würde.

Pieter blickte über die Schulter und funkelte Tony an, der heute mehr Mut zu haben schien als sonst, vielleicht weil sein Vater in die Schule kam. »Hast du dein Gewehr vielleicht in deinem Maissack versteckt?«, verhöhnte er Pieter. Einige der Jungen stimmten in Tonys Gelächter ein, denn sie wussten, dass Pieter sehr stolz war und es hasste, dass seine Hemden aus gebleichten Maissäcken genäht waren und niemals richtig passten. In der vergangenen Woche hatte einer der Jungen gesehen, wie Pieter mit Hilfe seiner Steinschleuder einen Hasen betäubt hatte, was neuerlichen Spott heraufbeschwor. »Hast du deine Zwille mitgebracht, Pieter? Willst du damit gewinnen?« – »Bitte doch deinen Kaffernfreund, dir seinen Speer zu leihen.«

Dann wurden sie noch hämischer, und die unerwartete Grausamkeit ihrer Worte ließ Pieter erstarren: »Deine Freundin ist eine Farbige. Das wissen alle! Man wird sie reklassifizieren.«

»Entschuldige, würdest du das wiederholen? Ich habe dich nicht verstanden.« Er fuhr herum, um zu sehen, wer gesprochen hatte. Es war Johan, Tonys Freund.

»Na klar. Ich habe gesagt, dass dein Mädchen …« Weiter kam er nicht. Eine Woge glühenden Zorns verlieh Pieter Schnelligkeit und Stärke. Im nächsten Moment wälzten sie sich auf dem Boden, und die Jungen um sie herum feuerten sie an.

Ein Schlag in den Magen, der für Pieter überraschend kam, raubte ihm den Atem. Wütend schlug er um sich, boxte und trat. Ein Übelkeit erregendes Knirschen war zu hören, gefolgt von einem gequälten Aufheulen. Plötzlich verstummten die Jungen, die sie angefeuert hatten.

»Du hast mir die Nase gebrochen! Verdammte Scheiße, du hast mir die Nase gebrochen, du Arschloch!«, rief Johan, der sich die Hände aufs Gesicht presste. Dann warf er einen Blick auf die warme rote Flüssigkeit, die ihm am Arm hinunterrann, und übergab sich.

»Wenn ihr wisst, was gut für euch ist, lasst ihr Liza in Ruhe.«

Einige der Jungen kicherten, aber keiner von ihnen wollte es mit Pieter aufnehmen. Er gewann jeden Kampf.

Er war spät dran fürs Morgengebet. Als er sich in die hinterste Reihe stahl, war ihm die Kehle wie zugeschnürt, so sehr litt er mit Liza. Hier im Lowveld hatten die Leute einen Farbigen so schnell ausgemacht wie ein Silberreiher eine Zecke. Man würde sie niemals akzeptieren. Was brachte ihr also all ihre Schönheit?

Es war zwei Uhr nachmittags und heiß wie in einem Ofen. Sie hatten mehr als eine Stunde lang in der Sonne gestanden und Cronjés monotonen Vortrag angehört. Für den war das alles gut und schön. Schließlich stand er im Schatten des überhängenden Dachs des Pavillons neben dem glänzenden Fahrrad. Seine Stimme klang durch das schlechte Mikrofon wie die eines Roboters.

»Diejenigen unter euch, die durch KaNgwane gekommen sind, werden die Bodenerosion, den Müll und die Überweidung durch das abgemagerte Vieh bemerkt haben. Die Leute dort haben keine Ahnung von Landwirtschaft. Wir Afrikaander haben eine heilige Pflicht Gott gegenüber, wir sind Gottes Gesandte, damit beauftragt, das Land zu mehren. Diese Leute nehmen nur von der heiligen Erde. Wir mehren Gottes Erde.«

Cronjé schien zu registrieren, dass der Direktor ihn stirnrunzelnd musterte, und nahm gekonnt seinen Faden wieder auf. »Deshalb müsst ihr eure Zeit dem Bemühen widmen, unser Land rein und frei von Müll zu halten.« Einer der Jungen, die in militärischer Formation angetreten waren, wurde ohnmächtig, und es musste eine Pause eingelegt werden, während der Schulsanitäter ihn davontrug. Der Direktor flüsterte Cronjé etwas zu, und dieser brachte seine Rede daraufhin schnell zum Abschluss.

Der Schießwettbewerb sollte vor der grasbewachsenen Böschung hinter dem Rugbyfeld ausgetragen werden. Die Jungen mussten aus einem Abstand von fünfzehn Metern ein Ziel treffen. Keine große Herausforderung, dachte Pieter verächtlich, als sie zum anderen Ende des Felds hinübermarschierten und dem alten Cronjé zuhörten, der die Regeln erklärte. »Das ist ein freier Wettbewerb, jede Waffe …«, fuhr er fort.

Ein Adrenalinstoß durchflutete Pieters Körper, und er bekam eine Gänsehaut. Jede Waffe? War eine Schleuder nicht auch eine Waffe?

So lässig wie nur möglich nahm er Aufstellung in der langen Reihe von Jungen. Als sie sahen, dass er seine Zwille hervorzog, brandete johlendes Gelächter auf. Tony stolzierte umher, krümmte sich und hielt sich die Rippen, außerstande, Atem zu holen. Pieter widerstand mannhaft dem Drang, ihm einen Stein in seinen mageren Hintern zu schießen.

»Ruhe jetzt. Macht euch bereit. Zielt. Schießt«, schrie der Wettbewerbsleiter.

Er hatte Glück. Ein Zufallstreffer, dachte er, als sein Stein mitten ins Ziel traf.

Der Wettbewerbsleiter ging von Zielscheibe zu Zielscheibe und klebte über jedes Loch einen Aufkleber mit der Aufschrift »Nr. 1«.

»Macht euch bereit … zielt … schießt …«

Er brauchte nichts anderes zu tun, als sich vorzustellen, ein fettes Perlhuhn würde ihn durch die Zielscheibe anstarren, denn er hatte an diesem Tag noch nichts gegessen, und der Hunger hatte seine Treffsicherheit noch immer verbessert. Er zog die Hand zurück und katapultierte den Stein abermals direkt in die Mitte des Ziels.

Jeder konnte sehen, dass Pieter gewann. Ärgerliches Gemurmel war zu hören, dass er nicht fair kämpfe. Der Wettbewerbsleiter ging zu Cronjé hinüber, um dieses unerwartete Problem mit ihm zu erörtern. Dann wurde Pieter an den Rand des Felds gerufen. Mürrisch und schweren Herzens folgte er der Aufforderung, wohl wissend, dass er disqualifiziert werden würde.

»Hm, Pieter, mein Junge, du hast uns allen mit deiner Schleuder einiges voraus. Als ich noch ein Junge war, habe ich diese verflixten Dinger nie in den Griff bekommen. Hast du zu Hause ein Luftgewehr?«

Pieter schüttelte den Kopf. »Meine Mutter hat ein altes Militärgewehr, eine 303, Sir, aber das ist alles. Ich bin zu jung für einen Waffenschein, und mein Vater erlaubt mir nicht, zum Spaß Kugeln zu verschwenden, Sir. Ich schieße nur für den Kochtopf.« Er hielt inne, errötete und räusperte sich, da es ihm eigentlich nicht erlaubt war, ohne Waffenschein zu jagen.

»Ganz recht, mein Junge. Wir befinden uns hier in einer gewissen Zwickmühle. Du gewinnst, aber vielleicht hast du einen unfairen Vorteil. Ich weiß es nicht, und das ist die reine Wahrheit. Um die Dinge also ein klein wenig auszugleichen, biete ich dir an, dir das zweite Luftgewehr meines Sohnes und etwas Munition zu leihen. Auf diese Weise werden alle zufrieden sein. Bist du damit einverstanden? Wir werden dir fünf Minuten Zeit geben, um dich mit der Waffe vertraut zu machen.«

Pieter war kaum imstande, seinen Dank über die Lippen zu bringen. Ob er damit einverstanden war? Es war wie ein Geschenk des Himmels!

»Man wird ein neues Ziel für dich aufstellen. Und jetzt ab mit dir. Und viel Glück.«

Als Pieter mit dem Luftgewehr in Händen an seinen Platz zurückging, hatte er das Gefühl, zwanzig oder dreißig Zentimeter gewachsen zu sein. Was für eine herrliche Waffe! Es war ein Daisy-Luftgewehr, glatt und wunderschön geformt, und es war die reinste Wonne, über den Lauf zu streichen.

Zwanzig Minuten später ergriff Pieter mit vor Stolz und Glück gerötetem Gesicht Besitz von dem glänzenden Wunder und brachte Cronjé gegenüber stammelnd seinen Dank zum Ausdruck.

»Ich werd’s dir heimzahlen, dass du meine Daisy benutzt hast«, murmelte Tony, als Pieter sein neues Fahrrad an ihm vorbei auf den Parkplatz schob.

In dem gestreiften Zelt, das man zu besonderen Gelegenheiten aufbaute, wurde der Tee serviert. Pieter konnte sich von seinem Fahrrad, das er auf dem Parkplatz an die Mauer lehnte, kaum losreißen.

Liza hatte sich davor gefürchtet, zur Toilette zu gehen, aber jetzt konnte sie es nicht länger hinauszögern. Nun wurden ihre schlimmsten Ängste Wirklichkeit. Die anderen Mädchen erwarteten sie bereits und nahmen dicht an dicht Aufstellung, um den Eingang zu blockieren. »Diese Räume sind nur für Weiße, Liza. Kannst du das Schild da oben nicht lesen? Geh und benutz die Toilette der Putzfrau.«

Lizas Ängste wurden von Wut abgelöst, und sie kämpfte sich ihren Weg frei, indem sie sich mit Fäusten und Füßen gegen ihre Widersacherinnen zur Wehr setzte. Die Mädchen traten unter wildem Gekicher auseinander. »Alle Farbigen raufen und fluchen und haben Läuse, und jetzt wird man dich zu ihnen schicken«, höhnte Amy Johnston durch die Toilettentür. Sie hatte sich immer besonders ekelhaft gegenüber Liza benommen, weil sie scharf auf Pieter war. Aber sie würde Pieter niemals bekommen. Er konnte sie nicht ausstehen.

»Pieter findet, du siehst aus wie eine Kuh mit großen, fetten Eutern«, rief Liza und hörte daraufhin ein lang gezogenes Aufkeuchen, das äußerst befriedigend war. Sie schloss sich ein, bis alle Mädchen fort waren. Nach einer Weile stahl sie sich vorsichtig hinaus, aber an der Tür erwartete sie Gwen, ein pickeliges, dickes Mädchen, das immer eifersüchtig gewesen war und das jetzt einen triumphierenden Ausdruck auf dem Gesicht hatte.

»Meine Mum sagt, man wird dich zu den Gammats stecken, die in der Ruine des alten Lagerhauses am Bahnhof leben. Hast du sie in der Stadt mal betteln sehen?« Sie lachte verächtlich, dann lief sie hinaus.

Liza verließ das Schulgebäude, setzte sich ins Gras und versuchte, sich zu fassen. Sie wollte schreien und schluchzend um Hilfe flehen, aber sie wagte es nicht, auch nur die geringste Schwäche zu zeigen. Wenn sie doch nur im Erdboden versinken könnte, ohne jemals wieder auftauchen zu müssen.

Pieter hatte nach ihr gesucht und entdeckte sie schließlich unter einem Baum; ihr Kummer umgab sie wie eine unsichtbare Wolke. Sie saß in sich zusammengesunken da wie eine Blume, die zur Nacht ihre Blütenblätter schließt. Die Schultern hingen ihr herab, das lange schwarze Haar fiel ihr wie ein Schleier übers Gesicht, die Strickjacke verbarg ihre Arme, und sie hatte sich die Ärmel bis über die Hände hinuntergezogen, während sie nervös Gräser ausrupfte. Irgendwo hatte sie eine Sonnenbrille aufgetrieben, und er vermutete, dass sie in deren Schutz weinte.

»Na, komm schon, Liza«, sagte er und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Lass sie nicht sehen, wie sehr sie dir zusetzen. Komm mit und trink eine Tasse Tee. Es gibt auch Kuchen und Kekse.«

Sie packte ihn am Unterarm und bedeckte ihr Gesicht mit seiner Hand. »Ich kann nicht«, flüsterte sie. »Ich schaffe es einfach nicht. Im Augenblick …« Sie brach ab und holte bebend Atem. »Ich darf nicht vor ihnen weinen, aber gerade jetzt … sie wollten mich nicht in die Toilette lassen. Oh, Pieter. Du weißt ja nicht, was mich da getroffen hat.«

»Ich weiß es, und ich bin auf deiner Seite«, antwortete er. »Die Leute beobachten uns. Dort drüben steht Amy. Sie ist scharf auf mich, und wenn sie mir nachläuft, schlabbert ihr förmlich der Speichel übers Kinn. Lass sie nicht sehen, dass du weinst. Ich werde dich an der Hand halten. Es ist mir egal, was sie sagen. Sie sind einfach bescheuert – alle durch die Bank.«

Jetzt lachte und weinte sie gleichzeitig. Seltsam, aber das passierte ihr häufig, sie beherrschte diese Kunst schon seit ihrer Kindheit. Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Tasche, tupfte sich die Augen ab und putzte sich die Nase. Ohne ihre Hand loszulassen, führte Pieter sie zu dem gestreiften Zelt hinüber.

Im Innern war die stickige Luft beinahe unerträglich. Pieter aß hastig ein paar Kekse und schüttelte einigen der Lehrer die Hand. Es gelang ihm, unbemerkt vier weitere Kekse für seine Mum in die Tasche zu stecken, dann eilte er, dicht gefolgt von Liza, wieder hinaus. Er konnte es nicht erwarten, zu seinem wunderschönen Preis zurückzukehren. Was für ein Fahrrad! Er war ganz benommen vor Glück.

Am Eingang des Parkplatzes blieb er wie angewurzelt stehen, fluchte leise und musste sich zusammenreißen, um sich seine Bestürzung nicht anmerken zu lassen. Sein Fahrrad lag zertrümmert an der Mauer. Tonys Bande stand grinsend da und tat so, als schaue sie nicht hin, während Pieter im Staub nach der Klingel, den abgebrochenen Speichen und all den anderen Teilen tastete, die sich von dem Rad gelöst hatten. Die Handgriffe waren nicht mehr zu retten, die neun Gänge baumelten am Ende eines langen Drahts, die Kette hing lose herab, und beide Räder waren verzogen. Pieter kniete im Staub und barg all diese kostbaren Teile, um sie sich in die Taschen zu stecken. Noch nie zuvor hatte er einen solchen Verlust erfahren, da ihm noch nie etwas gehört hatte, das zu besitzen sich gelohnt hätte. Liza hockte sich neben ihn und versuchte, ihm zu helfen.

»Lass das«, knurrte er. »Du machst dich nur schmutzig.« Plötzlich war es ihm wichtig, dass sie sauber und nahezu perfekt aussah, aber es war zu spät, ihr Kleid war schon mit Schmutzflecken übersät, und auch ihre Hände waren dreckig.

Als er aufblickte, sah er Tony, der sie auslachte. Ein kurzer Blick auf Cronjés Pick-up, und Pieter wusste Bescheid. Es war vorne verkratzt, und das Nummernschild baumelte herunter.

Wie eine Feder schnellte Pieter auf Tony zu. All seine Aggressionen, die sich im Laufe des Tages in ihm aufgestaut hatten, flossen in einen einzigen, geraden Boxhieb in Tonys Magen ein. Tony stürzte, krümmte sich und stieß ein raues, gequältes Keuchen aus. Pieter blickte erschrocken zu Boden, während Tony lautstark stöhnte, außerstande, Atem zu holen. Nach einer Zeit, die Pieter sehr lang erschien, schnappte der andere Junge schließlich japsend nach Luft, die Knie bis zum Kinn hochgezogen, das Gesicht kreideweiß. Er würde keinen nennenswerten Schaden davontragen.

»Rutsch mir den Buckel runter, du Bastard«, stieß Pieter heiser hervor. Er fühlte sich betrogen. Mit einem einzigen Hieb war alles vorüber, und er brannte auf einen Kampf.

Marius Cronjé kam mit wackelndem Bauch schnaufend auf sie zugelaufen. Seine Krawatte saß schief, seine Hemdsknöpfe waren aufgesprungen, und sein Gesicht hatte einen dunklen Purpurton angenommen.

»Was zum Teufel … was zum Teufel …?«, schrie er.

Er lief auf Pieter zu und nahm noch im Gehen seinen Gürtel ab. Aus allen Richtungen kamen jetzt Lehrer herbeigeströmt.

»Was ist passiert? Steh auf«, sagte er schroff zu seinem Sohn, während er sich schwankend auf Pieter zubewegte.

»Es ist nicht recht, Pieter zu bestrafen, Sir«, schrie Liza, die zwischen Pieter und Cronjé hin- und herlief. »Tony ist mit Ihrem Bakkie über sein Fahrrad gefahren und hat es zerstört. Sehen Sie es sich doch nur an. Das ist nicht fair. Und sehen Sie sich Ihren Bakkie an, Sir.«

»Oh, Liza«, flüsterte Pieter. »Halt den Mund. Misch dich nicht ein.«

»Tony sollte das Fahrrad bezahlen«, fuhr sie fort, Pieters Warnung ignorierend.

»Nein«, widersprach Pieter. »Ich werde es selbst reparieren.« Er griff nach dem demolierten Rahmen und schob ihn hochmütig und mit finsterer Miene davon.

Marius hatte jetzt dunkelrote und weiße Flecken im Gesicht, als er sich über seinen Sohn beugte. »Hast du das getan?«

Tony rang immer noch nach Luft und war außerstande, sich zu erheben. »Ja«, stieß er töricht hervor. Cronjé begann mit dem Gürtel auf seinen Sohn einzuschlagen, auf den Rücken, die Beine, die Schultern und den Kopf. Sein Gesicht wurde immer dunkler, die Wut und die ungewohnte Anstrengung trieben ihm den Schweiß auf die Stirn, und sein Atem ging rau und stoßweise. Tony versuchte gleichzeitig, sein Gesicht zu schützen und sich unter dem Bakkie zu verkriechen. Sekunden später war er außer Sicht, aber sie alle konnten ihn schluchzen hören.

»Ich werde ihn bestrafen, dessen können Sie gewiss sein«, erklärte Cronjé den Lehrern, die sich um sie herum versammelt hatten. »Er wird von seinem eigenen Geld ein neues Fahrrad kaufen.«

Es war allen Anwesenden peinlich, dass Tony heulend unter dem Bakkie lag und dass sein Vater seinem Zorn auf so schreckliche Weise Luft gemacht hatte. Ohne ein Wort wandten sie sich zum Gehen. »Kommen Sie, Sir«, sagte einer der Lehrer und griff nach Cronjés Arm.

Liza lief hinter Pieter her und holte ihn schließlich an der Straße ein. »Warte. Warte auf mich«, rief sie. Sie erzählte auf höchst anschauliche Weise von Tonys Demütigung, und sie übertrieb das Schluchzen und die Prügel, um ihn aufzuheitern, aber Pieter fand ihre Schilderung alles andere als komisch.

»Kein Mann hat das Recht, seinen Sohn zu demütigen«, sagte er. »Es sind Augenblicke wie dieser, in denen ich reiche Leute hasse. Sie sind aufgeblasen und selbstgerecht, und das macht sie grausam. Ich habe Tony geschlagen. Das war genug.«

KAPITEL 5

»Ich habe noch niemals etwas so Abstoßendes erlebt wie dein Benehmen heute Nachmittag.«

»Schaust du eigentlich jemals in den Spiegel?«, dachte Tony müde. Er stand in dem beeindruckenden, eichenvertäfelten Büro seines Vaters und beobachtete, wie er an seinem Brandy nippte. Sein Vater gab sich große Mühe, die Worte zu finden, die am meisten schmerzen würden. Er war betrunken – das verrieten sein kirschrotes Gesicht, die blutunterlaufenen Augen und die geschwollenen Lider. Ein abstoßender Anblick. Tony schauderte. Ohne den Kopf zu bewegen, richtete er den Blick auf das Fenster. Er konnte die Sonne sehen, die als riesige rote Kugel hinter den wilden Feigenbäumen auf dem künstlichen See seiner Stiefmutter unterging. Gut geschützt auf der Insel, zankten sich die teuren importierten Gänse und Schwäne um ihre Mahlzeit. Wenn ich eine Gans wäre, wäre ich hier willkommen, dachte Tony.

»Du bist eine große Enttäuschung für mich, Tony. Schlechtes Blut von der Seite deiner Mutter. Das habe ich dir oft genug gesagt. Auch sie war ein Schwächling.«

Tony unterdrückte das Bild vom Gesicht seiner Mutter, nachdem sie sich in ihrem Wagen mit dessen Abgasen vergiftet hatte. Sein Vater steigerte sich in einen Wutanfall hinein, und Tonys Blick wanderte unwillkürlich zu seinem Gürtel. Es war ein dünnes Ding aus Schlangenleder, mit dem man nicht einmal ein Kätzchen hätte verprügeln können. Vor Erleichterung atmete Tony tief aus.

Sein Vater kam schwankend näher. Tony konnte schon den Brandy in seinem Atem riechen. Wie ein alter Bulle war er niederträchtig, hinterhältig und brutal. Tony wich nicht von der Stelle und versuchte, seine Angst zu verbergen, denn er wusste, dass Feigheit in einem solchen Moment unweigerlich eine Katastrophe nach sich ziehen würde. Wie sehr er sich danach sehnte, ein Messer in diesen aufgedunsenen Wanst zu rammen und zuzusehen, wie die blutigen Eingeweide sich auf den abscheulichen Perserteppich ergossen. »Olé«, murmelte er leise.

»Was war das?«

»Nichts.«

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und seine Stiefmutter kam herein. Sie war vierunddreißig, wirkte aber mit ihrem blonden Haar, den babyblauen Augen und der mageren, knabenhaften Figur eher wie fünfundzwanzig. Ihr halbverhungertes Aussehen, die riesigen Augen und die klassischen Gesichtszüge verliehen ihr eine gewisse Kindlichkeit, aber Tony wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Jetzt trug sie ein Tenniskleid mit einem weißen Frotteeband um die Stirn. Das Weiß unterstrich ihre Bräune.

»Marius«, begann sie. »Lass ihn in Ruhe. Das Essen ist fertig. Ich habe Hunger … und ich fühle mich einsam. Bitte, beeil dich.«

Wie konnte eine Frau wie sie jemanden wie ihn lieben?, dachte Tony, der beobachtete, wie sie sich seinem Vater näherte. Als sie sich kurz in seine Richtung wandte, wehte ihr Parfüm über ihn hinweg, dann schenkte sie ihm ein vertrauliches, sinnliches Lächeln, das ihn auf eigenartige Weise berührte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie eigens hergekommen war, um ihn zu retten, und das Blut schoss ihm in die Wangen.

Sein Vater blinzelte und schüttelte den Kopf, als würde er nicht richtig begreifen, was sie gesagt hatte. »Warte einen Augenblick«, sagte er und schlug sofort einen weicheren Tonfall an. »Ich habe zu tun. Das hier ist wichtig.« In seiner Stimme lag allerdings keine große Überzeugung mehr. Er kippte einen weiteren Brandy und saß dann über das Glas gebeugt da, während er zärtlich mit trüben Augen seine junge Frau betrachtete.

»Mein Sohn … er ist ein Versager. Kommt auf seine Mutter raus«, brummte er. »Das ist mein letztes Wort zu dem Thema, Tony«, sagte er, den Blick immer noch auf seine Frau gerichtet. »Du kannst dich glücklich schätzen, dass du so leicht davonkommst. Du wirst dich mit diesem Pieter de Vries anfreunden. Lass dich in seiner Gesellschaft sehen. Geh mit ihm auf die Jagd. Lern zu schießen. Vielleicht wird er einen Mann aus dir machen. Das ist meine Entscheidung. Ich habe ein zweites Fahrrad bestellt, und du wirst es ihm bringen und dich entschuldigen.«

Tony ließ trostlos die Schultern sinken. Er würde sich zum Gespött seiner Freunde machen. »Aber er ist ein Habenichts«, begann er.

»Du wirst tun, was ich dir gesagt habe.«

Tony ging in sein Zimmer zurück und schloss sich ein. Er versuchte, zu lesen, war aber zu wütend, um sich zu konzentrieren. Gott, wie er seinen Vater hasste. Sein Hass war wie ein lebender Fötus, den er in seinem Geist und seinem Körper trug. Erst einige Zeit später, als er ein leises Klopfen an seiner Tür hörte, schreckte er aus seinen Überlegungen auf. Verblüfft sah er, dass es schon nach Mitternacht war. Seine Stiefmutter stand in durchsichtigem Nachthemd und Négligé vor ihm. Beides war blau und schimmerte im Schein seiner Schreibtischlampe. Er konnte ihr nacktes Fleisch sehen und die braunen Ringe um ihre Brustwarzen, die aus leicht gerundeten Wölbungen hervortraten. Brüste kann man das wohl kaum nennen, dachte er. Als sie auf ihn zukam, sah er das dunkle Dreieck zwischen ihren Schenkeln. Er spürte, wie seine Wangen brannten, als sei er in Brennnesseln gefallen. In seinen Ohren rauschte es, und sein Mund war trocken geworden. Sie kam immer näher, es war wie eine Vision. Sein Penis pulsierte, und seine Hände waren schweißnass. »Ich muss träumen«, dachte er. Sie hatte ihm ein Tablett mit einem Glas Milch und einem Teller Sandwiches gebracht.

»Du armer Junge«, sagte sie. Dann hörte er das leise Rascheln von Nylon, als sie sich über ihn beugte, und ihr moschusartiges Parfüm schien sie auf intime Weise beide zu umhüllen. Sie stellte das Tablett auf seinen Schreibtisch und ließ die Zunge über die Lippen gleiten. War sie nervös?

»Marius ist ein brutaler Rohling«, flüsterte sie, und erstaunlicherweise füllten ihre Augen sich mit Tränen. Kümmerte es sie etwa, was mit ihm geschah? Das war unmöglich. Was wollte sie also? »Ich bin auf deiner Seite. Ich hasse ihn. Es tut mir leid, dass ich nicht vorher kommen konnte. Ich habe mich nicht angezogen, weil ich Angst hatte, ihn zu wecken.«

Als Tony näher auf sie zutrat, stieg unter ihrem Nachthemd der Geruch des alten Ziegenbocks auf, und ihm wurde übel. Sie hatte neben ihm gelegen.

Sie lächelte schwach. »Iss jetzt. Du hattest kein Abendessen.« Sie hockte sich zwischen die Messer und Pistolen, die er auf dem Bett ausgebreitet hatte. »Was für eine wunderbare Sammlung. »Wofür ist das hier gut?«

Sie betastete ein Knobkerrie, einen Stock mit verdicktem Ende, wie ihn die Zulu benutzten. Tony trat benommen näher an sie heran, außerstande, den Blick von ihrem Bauch und ihren Oberschenkeln abzuwenden. Als er antworten wollte, musste er sich zuerst mehrmals räuspern, und plötzlich sah er, dass sie ihn anlachte.

»Wie alt bist du jetzt, siebzehn …?«

Er nickte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Da ist etwas, das ich dir erzählen möchte, Tony.« Sie griff nach seiner Hand und drückte die Lippen auf die Innenfläche, und ihm schoss ein Gefühl, das halb Wonne, halb Schmerz war, durch die Lenden. Einen Moment lang drückte sie seine Hand auf ihre Brust.

»Ich bin auf deiner Seite. Du und ich, wir brauchen einander«, flüsterte sie heiser. »Ich hoffe, wir werden Freunde.«

Sie stand auf und musterte ihn einige Sekunden eingehend, bevor sie sich abrupt umdrehte und den Raum verließ.

Tony stand noch lange, nachdem sie fort war, wie angewurzelt mitten im Zimmer. Wie besessen von der Erinnerung an ihre kleine, harte Brust unter seinen Fingern, an ihren Geruch, an das rosige Fleisch, das er durch den schimmernden blauen Stoff gesehen hatte. Er hätte etwas halbwegs Intelligentes sagen oder sie zumindest festhalten sollen, aber er hatte unter Schock gestanden. Später im Bett durchlebte er die Szene wieder und wieder, während sein geschwollener Penis pulsierte.

Nach den ersten Regenfällen war das Buschveld einfach zauberhaft. Pieter und Dan saßen vor der Hütte auf dem Boden und reparierten das demolierte Fahrrad. Die Sonne schien ihnen auf das schwarze Haar, und ihre Gesichter strahlten vor Glück und Gesundheit. Ihre Füße waren mit Erde bedeckt, ihre Finger schmutzig, und sie waren einander unendlich nahe, während sie schweigend arbeiteten. Um sie herum spross smaragdgrünes Gras aus dem braunen Heu, das noch nicht verfault war. Der Boden hatte sich in einen vielfarbigen Teppich aus wilden Blumen verwandelt, und in den Bäumen zwitscherten Vögel ihren freudigen Gesang.

Es war Samstagmorgen. Pieter hatte auf der Farm nichts zu tun, weil sein Vater wieder zu Hause war und sich um alles kümmerte. Endlich hatte er Zeit, sich hinzusetzen und über sein Fahrrad nachzudenken, und kurz darauf war Dan unerwartet erschienen und hatte seine Hilfe angeboten. Sie hatten den Schmutz abgewaschen und einen Teil des Schadens behoben. Ein Rad hatte sich wieder in seine alte Form bringen lassen, und ein freundlicher Mechaniker hatte die Speichen für ihn gelötet. Die Neungangschaltung war wieder an der Stelle, wo sie hingehörte, die Bremsen funktionierten, der Sattel war verbeult, aber benutzbar – nur die Griffe waren hoffnungslos verbogen.

In einem Anfall von Kühnheit hatte seine Mutter ihm tatsächlich angeboten, eine Gans zu verkaufen, um Geld für die Ersatzteile zu beschaffen, aber Pieter hatte das Angebot vehement abgelehnt. »Ich bringe das schon wieder in Ordnung«, hatte er schroff erwidert, auch wenn er beim besten Willen nicht wusste, wie er das anfangen sollte.

Die beiden Jugendlichen polierten gerade die Speichen eines Rads, als sich auf dem Farmweg ein Bakkie näherte. Als Pieter den schwarzen Traktorfahrer der Cronjés am Lenkrad sah, schnappte er verärgert nach Luft. Tony der Schlappschwanz, wie er ihn neuerdings nannte, stieg mit nervöser Miene aus dem Wagen. Scheiße! Er hat gesehen, wie ich mit Dan das Rad putze. Jetzt wird er etwas zu lachen haben. Pieter wünschte sich sehnlichst, den anderen Jungen ignorieren zu können, aber weitaus wichtiger als sein Stolz war die Stelle seines Vaters. Tony war der Sohn vom Chef, deshalb hielt Pieter den Blick auf die verbogenen Griffe gerichtet und versuchte, sich seine bevorstehende Niederlage nicht anmerken zu lassen.

Tonys Magen krampfte sich zusammen, als er näher trat und Pieters hochmütiges Gesicht sah. »Es tut mir leid«, sagte er zu seiner eigenen Überraschung. »Ich hoffe, du bist Manns genug, eine Entschuldigung anzunehmen.«

Pieter rappelte sich erstaunt hoch. Tony betrachtete ihn mit einem Gesichtsausdruck, der ihn an einen bettelnden Hund erinnerte. Was zum Teufel wollte er? Ein Mann sollte nicht betteln. Pieters schwarze Brauen zogen sich grimmig zusammen.

»Was hast du vor, Tony?«, fragte er und starrte zu einer Stelle irgendwo über Tonys Kopf.

Als Tony näher kam, nahm Pieter einen abscheulichen Geruch wahr, der von ihm ausging: Parfüm, teure Duftseife, Zahnpasta und Schweiß. Er bemerkte, dass Tony sich mit der Zunge über die Lippen fuhr und offenkundig Angst vor ihm hatte, was eigenartig war, da er ein geschlagenes Jahr älter als Pieter war und überdies die mächtigeren Verbündeten hatte.

Tony lächelte arglos und mit weit geöffneten Augen, und Pieter fühlte sich noch unbehaglicher. Wenn man Tony eine Schleife um den Hals gebunden hätte, hätte man ihn mit seinen blonden Locken, den hellblauen Augen und der weichen, rosigen Haut für ein Baby halten können. In Wahrheit, rief Pieter sich ins Gedächtnis, ist er durch und durch niederträchtig, und es zahlt sich aus, das nicht zu vergessen.

»Ich habe dir Ersatz für dein kaputtes Fahrrad mitgebracht«, erklärte Tony. »Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Sagen wir, wir sind quitt.« Wieder streckte er die Hand aus.

Pieter runzelte die Stirn. »Ich bitte dich, was habe ich dir getan, dass wir jetzt quitt sind?«

»Du hast mir einen Hieb versetzt, dass mir die Luft weggeblieben ist.«

»Ah, komm schon, Tony, das war keine große Sache, und du hattest es verdient. Ich würde gern wissen, was du eigentlich gegen mich hast? Ich habe dir niemals etwas getan.«

Tony blickte anzüglich zu Dan hinüber, der den Fingerzeig verstand und aufstand. Dann griff er nach dem Vorderrad und sagte: »Ich werde die Speichen zu Hause säubern und es dir später zurückbringen.«

»Also gut, rede«, sagte Pieter, als Dan gegangen war.

Schüchtern setzte Tony zu einer stockenden Erklärung an. »Mein Vater will einen Sieger zum Sohn. Er lässt mir niemals Ruhe. Ich hatte mich fest darauf verlassen, dass ich diesmal gewinnen würde. Ich bin ein guter Schütze, verstehst du, aber du bist besser. Das war der eigentliche Grund, warum er mich verprügelt hat. Ich habe nicht gewonnen. Du hast gewonnen. Jetzt besteht Vater darauf, dass ich mich mit dir anfreunde. Vielleicht denkt er, ein wenig von deiner Stärke würde auf mich abfärben. Deshalb bin ich hier. Wenn es meine Entscheidung wäre, würde ich dich zum Teufel schicken. Aber gegen meinen Vater komme ich nicht an.«

Pieter lachte. »Also hat dein Dad dich genau da, wo er dich haben will. Ich bin nur dankbar dafür, dass ich arm bin.«

»Ich hasse ihn«, sagte Tony und verfluchte sich, kaum waren die Worte über seine Lippen, schon für seine Dummheit. »Es wäre mir lieb, wenn …«

»Ich tratsche nie.« Pieter setzte sich wieder hin und begann, die Hinterradspeichen mit Schmirgelpapier zu bearbeiten.

»Lass uns fahren. Das Rad steht bei mir zu Hause, und wir werden es mit dem Bakkie rüberbringen.«

Pieter fühlte sich hin- und hergerissen. Er wollte das Fahrrad nur allzu gern haben, war aber zu stolz, das Angebot anzunehmen.

»Um Himmels willen, nimm das verdammte Ding, oder mein Leben wird nicht mehr lebenswert sein«, drängte Tony ihn. »Bitte, Mann.«

Pieter dachte daran, wie hart Dan an dem Fahrrad gearbeitet hatte, um ihm zu helfen. Wenn er ein neues bekam, konnte er das andere Dan schenken. Er zuckte die Achseln und stieg auf die Ladefläche des Bakkies.

»Ich werde dafür sorgen, dass dein Vater seine Meinung über mich ändert«, versprach er Tony.

Als sie an Mrs du Toits Farm vorbeifuhren, sah Pieter Liza mit bekümmerter Miene vom Teich heraufkommen. Sie hielt zwei Truthahneier in den Händen. Als sie den Bakkie sah, zuckte sie zusammen und versuchte, sich unauffällig ins Haus zurückzuziehen.

»Komm mit uns, Liza«, rief Pieter. »Bitte. Ich möchte dich gern dabeihaben.«

»Ja, komm, Liza«, bekräftigte Tony. Liza schüttelte den Kopf, aber Pieter stieg aus, um sie zu holen.

»Lass sie besser in Ruhe«, sagte Gran. Sie machte sich wie gewöhnlich am Spülbecken zu schaffen. Liza war in ihr Zimmer gegangen und hatte die Tür geschlossen.

»Sie kann sich nicht für immer verstecken. Sie muss sich dieser Sache stellen und dagegen kämpfen«, erklärte er. »Komm schon, Liza.« Nachdem er eine Weile gewartet hatte, öffnete Liza die Tür und kam mit bleichem Gesicht und geschwollenen Augen heraus. Er bemerkte, dass sie sich ihr blau geblümtes Kleid angezogen hatte, also war sie offensichtlich bereit, ihn zu begleiten. Zu Pieters Überraschung zeigte Tony sich Liza gegenüber ausgesprochen freundlich. Vielleicht steckte ja doch ein guter Kern in ihm. Aber dann überlegte Pieter, dass Liza wahrscheinlich der einzige Mensch im ganzen Dorf war, in dessen Gegenwart Tony sich nicht unterlegen fühlte.

Ermutigt von Tonys freundschaftlichem Verhalten, entspannte Liza sich schon bald ein wenig und brachte es sogar fertig, ein- oder zweimal über seine Scherze zu lachen. Tony hat ja tatsächlich Sinn für Humor, ging es ihr durch den Kopf. Er hatte sich nur bisher nie die Mühe gemacht, mit ihr zu reden.

Die Residenz der Cronjés zu besuchen war ein Erlebnis. An den großen Toren standen Sicherheitsleute, die herbeigeeilt kamen, als sich ihr Wagen näherte, und sie passieren ließen. Zu beiden Seiten der Straße erstreckten sich etliche Meilen weit Reihen smaragdgrünen, schlanken Zuckerrohrs. Wie konnte der Zucker der Cronjés so hoch und grün sein, obwohl es nur ein einziges Mal in diesem Sommer geregnet hatte? Liza seufzte neidisch. Die Fahrt zum Haus dauerte noch einmal rund zehn Minuten, und als sie es in der Ferne entdeckte, hätte sie beinahe einen leisen Schrei des Erstaunens ausgestoßen. Ein weiteres riesiges weißes Tor mit einer großen Glocke – deren Läuten in den Zeiten der Sklaverei den Tag eingeteilt hatte – schirmte das Gelände ab, und hinter dem Tor lag ein Springbrunnen. Aber da war noch so viel mehr zu sehen … Ein Teich voller Goldfische, ein Rosengarten mit Hunderten von Büschen, ein Haus, so groß wie die Schule, erbaut in der Form eines E, das am einen Ende den Rosengarten umschloss und am anderen den Springbrunnen.

Die ganze Pracht schüchterte sie ein, während sie Tony die weiße Steintreppe hinauf folgte. Auch in dem riesigen Wohnzimmer gab es unzählige wunderbare Dinge zu sehen: Gemälde, hellblaue, schimmernde Seidenvorhänge, chinesische Teppiche und antike Tische, auf denen Porzellanvasen und andere Zierstücke standen. Die Fußböden bestanden aus komplizierten, kostbaren Mosaiken. Während Liza sich noch mit unverhohlenem Staunen umschaute, rief Tony einen Diener, der sie durchs Haus führte.

Liza folgte dem Angestellten wie in Trance. Die Räume der unteren Etage bildeten zusammen wahrscheinlich schon eine Fläche von annähernd einem Morgen, vermutete sie, und das Haus hatte zwei Stockwerke. Sie versuchte, sich ihre Benommenheit nicht anmerken zu lassen. Allein die Küche war größer als Grans ganzes Cottage. Kupferne Ziertöpfe hingen unter einer eichenvertäfelten Decke, und der Boden war mit leuchtend roten Natursteinen bedeckt. Sie folgte ihrem Führer durch drei riesige Wohnzimmer, eine Bar und ein Esszimmer, in dem der Tisch lang genug für ein ganzes Regiment war. Anschließend ging es nach oben zu den Schlafzimmern und dem Billardzimmer und von dort aus zurück in den Wintergarten.

Als sie einen zögerlichen Blick durch die Tür warf, sah sie draußen auf dem großen, leicht abfallenden Rasen einen künstlichen See, in dessen Mitte sich eine von Menschenhand geschaffene Insel erhob, auf der Cronjés importierte Gänse und Schwäne, gut geschützt vor allen wilden Tieren, unter Feigenbäumen und Weiden herumlaufen konnten. Am Seeufer lag eine breite Terrasse, auf der die Cronjés Gäste bewirteten. Plötzlich verließ Liza jeder Mut und sie fragte den Diener nach dem Weg zur Toilette, in der sie sich einschloss.

Wo war Liza? Sie schien vom Erdboden verschwunden zu sein, und während Pieter Tony über die riesige Veranda zu seiner Familie folgte, machte er sich Sorgen, was ihr zugestoßen sein könnte.

Mrs Cronjé war ein Schock für Pieter. Zunächst einmal war sie furchtbar dünn. Man konnte fast jeden ihrer Knochen sehen, da sie ein blaues Riemchentop und denkbar dürftige schwarze Shorts trug. Wenn man sie nur bis zum Hals betrachtete, war sie recht hübsch, und sie war jung. Ihre blauen Augen schienen in dem maskenhaften Gesicht förmlich zu brennen. Er fragte sich, warum sie so angespannt wirkte. Die anwesenden Gäste entsprachen in jedem Punkt Pieters Vorstellung von sehr reichen Menschen. Wohin er auch blickte, sah er rot geäderte Haut, blitzend weiße Zähne, aufgeblähte Bäuche, jede Menge Goldketten und Augen, die zu sagen schienen: »Kann ich irgendwie Profit aus dir schlagen, Junge? Nein? Dann verzieh dich.«

Es lag ein seltsamer Geruch in der Luft: Alkohol, Knoblauch, teures Parfüm, Tabak. Igitt! Diese Menschen erweckten in Pieter das Gefühl, minderwertig zu sein, und gleichzeitig Wut. Konnte Ma nicht wenigstens ein Hundertstel von dem haben, was diese Leute besaßen? Aber dann würde sie am Ende genauso aussehen wie sie und auch so riechen.

»Aha! Da kommt unser Champion mit dem Katapult. Setzt euch, Jungs, und du versorgst euch beide mit Cola, Tony. Schön, dich zu sehen, Pieter.« Cronjé wandte sich zu seinen Gästen um. »Ich muss euch eine absolut wunderbare Geschichte erzählen …« Er gab eine blumige Schilderung des Fahrradwettbewerbs zum Besten, wobei er die Rolle seines Sohnes jedoch unerwähnt ließ.

»Setz dich hierher, Pieter«, gurrte Mrs Cronjé mit leiser, kultivierter Stimme. Es war eigenartig, wie vertraut ihre Stimme klang. Über dieses Rätsel sann er nach, während er an seiner Cola nippte und sich alle Mühe gab, seinen wachsenden Ärger zu verbergen. Anscheinend wurde er hier zur Schau gestellt und sollte jetzt Kunststückchen vollführen wie ein Zirkustier. Marius Cronjé berichtete mit breitem Grinsen von Pieters Sieg. Pieter, der ihn beobachtete, war verwirrt. Warum war der Mann auf seiner Seite und nicht auf der Seite seines Sohnes? Dann wurde ihm klar, dass Cronjé sich gern mit Siegern umgab. Seine Frau war, wie Pieter jetzt wieder einfiel, Tennismeisterin gewesen.

Endlich kam Cronjé zum eigentlichen Sinn seiner Geschichte. »Die Sache ist die, Pieter. Meine Gäste glauben nicht, dass du auf zwanzig Schritt Entfernung ein Ziel treffen kannst, deshalb habe ich einige Blechdosen dort hinten aufgestellt, und wir haben eine kleine Wette abgeschlossen. Enttäusch uns nicht, mein Junge. Wir alle brennen darauf zu sehen, dass du es schaffen kannst.«

»Ich habe mein Katapult nicht mitgebracht, Sir.«

»Aha! Das hatte ich mir schon gedacht, deshalb habe ich eins für dich beschafft.«

Es lag auf dem Tisch. Pieter hatte es zuvor nicht bemerkt – allem Anschein nach war es brandneu. Er nahm es in die Hand und begutachtete es aufmerksam. »Mr Cronjé, ich bin kein Zirkusartist«, sagte er leise.

Cronjé lachte. »Wenn du es schaffst, gebe ich dir die Hälfte meines Gewinns ab.«

Er lachte noch immer, während Pieter vier Steine abfeuerte und die Blechdosen laut klirrten. Der Lärm verschreckte die Gänse und Schwäne, die sich schnatternd und flügelschlagend aus dem Wehrteich erhoben und tief über ihre Köpfe hinwegflogen. Ein einziger Schuss auf den Kopf ließ eins der Tiere benommen neben Pieter zu Boden fallen.

Pieter packte die kostbare Gans, drehte ihr den Hals um und warf sie sich über die Schulter. In Mrs Cronjés Augen loderte Zorn auf, wie er bemerkte, und ihr Gesicht war noch weißer als zuvor.

»Das Geld will ich nicht«, erklärte er. »Ich halte nichts von Glücksspielen, Sir.« Und dann furzte er laut mehrmals hintereinander.

»Bring ihn nie wieder hierher«, sagte Cronjé mit erstickter Stimme zu Tony. Seine Frau stieß einen kehligen Laut der Erheiterung aus.

Dies war der Zeitpunkt für einen perfekten Abgang, fand Pieter, der sich alle Mühe gab, ein ungerührtes Gesicht zu machen. Allerdings war Liza noch immer nicht wieder aufgetaucht, und das war ein Problem. Pieter ging zu dem Bakkie hinüber und sah sein neues Fahrrad auf der Ladefläche liegen. Tony, der vor Lachen kaum atmen konnte, kam hinter ihm hergerannt.

»Du hast es geschafft. Du hast gesagt, du würdest ihn dazu bringen, dich zu hassen, und bei Gott, das hast du getan! Ich wünschte, ich hätte ebenfalls den Mut, ihm ins Gesicht zu furzen.«

Pieter betrachtete das Fahrrad. Es war von derselben Marke und derselben Farbe, aber irgendwie hatte es seinen Zauber verloren. Trotzdem würde es nützlich sein. Aber wo zum Teufel war Liza abgeblieben?

Liza hatte das Bestmögliche aus ihrer unglücklichen Situation im Badezimmer gemacht. Noch nie zuvor hatte sie so weiche, zarte rosafarbene Papiertücher gesehen. Die Seifenlotion roch himmlisch, genauso wie die Handcreme, die sie sich nicht nur auf die Hände, sondern auch auf die Knie strich. In einer Schale aus geschliffenem Glas stand nach Blumen duftendes Talkumpuder bereit. Sie griff nach der breiten Quaste und bestäubte sich großzügig. Was für ein Luxus! Der Boden bestand aus winzigen, quadratischen schwarzen und weißen Marmorkacheln, neben der Toilette lag eine antike Miniaturbibel mit einem silbernen Schloss, in der man wohl lesen sollte, während man sein Geschäft verrichtete, um sich in Frommheit zu üben. Liza hielt das allerdings für unnötig, da sie sich bereits in diesem Raum wie im Paradies vorkam. Nachdem sie sich aus einer mit Musselinrüschen umrandeten Schachtel einige Papiertücher genommen hatte, schlich sie auf Zehenspitzen hinaus, schlenderte durch das Wohnzimmer und bestaunte die Gemälde dort.

Irgendwann hörte sie Schritte hinter sich, denen sie jedoch kaum Beachtung schenkte. Sie hatte sich in das Gemälde vor ihr verliebt. Es zeigte ein Mädchen auf einer Schaukel, umringt von Blumen. »Ach, wie schön«, seufzte sie und beneidete das Mädchen um seine großen blauen Augen und das hübsche Kleid. Dann drehte sie sich um und sah, dass Mrs Cronjé sie auf ganz seltsame Art beobachtete. Sie sah so aus, als wolle sie schreien. Auf beiden Wangen waren zwei leuchtend rote Flecken erschienen.

»Wer bist du? Was machst du hier?«, krächzte sie, als versuche jemand, sie zu erwürgen.

»Bitte, Ma’am, Mrs Cronjé, ich bin Liza, Mrs du Toits Ziehtochter, und ich bin mit Pieter hier.«

»Oh!« Mrs Cronjé schaute sie entsetzt an. Tränen traten ihr in die Augen, und sie ballte die Hände zu Fäusten. »Bitte, geh. Bitte … du solltest nicht hier sein.«

Als Liza aus dem wunderschönen Haus rannte, fühlte sie sich hässlich und verabscheuenswert. Es war offenkundig, dass diese zauberhafte Frau gehört hatte, dass sie eine Gammat war. Sie lief zu dem Bakkie zurück, wo Pieter sein neues Fahrrad umklammerte, während ihm eine tote Gans vom Gürtel baumelte.

»Oh, da bist du ja«, sagte er, ohne zu bemerken, dass sie vor Scham weinte. »Spring auf den Sattel, und halt dich an mir fest.«

»Ich fahre euch nach Hause«, sagte Tony mit enttäuschter Miene.

»Danke, aber wir nehmen das Fahrrad. Dann kann ich es gleich ausprobieren. Bis später.«

Er trat kräftig in die Pedale, und sie machten sich heftig schlingernd auf den Heimweg.

Liza umklammerte seine Taille. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie ihr Leben ohne Pieter sein würde. Sie liebte ihn von ganzem Herzen und würde es immer tun. Er wird mich nicht mehr haben wollen, wenn ich bei den Gammats lebe, dachte sie. Ihre Zukunft erschien ihr von Sekunde zu Sekunde immer bedrohlicher, wie die purpurfarbenen Donnerwolken, die sich über ihnen zusammenbrauten. Wie dunkel es auf einmal geworden war.

Plötzlich prasselte der Regen los. Als stünde man unter fünfzigtausend Wasserfällen, dachte sie und schnappte nach Luft. Binnen Sekunden waren sie vollkommen durchnässt. Im Nu standen dreißig Zentimeter schlammigen Wassers auf der Straße. Schon bald würden sie absitzen und zu Fuß weitergehen müssen. Ihr blaues Kleid war schlammüberzogen und klebte ihr am Körper. Gran würde wütend sein.

Die Begegnung mit Mrs Cronjé hatte Liza auch den allerletzten Rest Mut geraubt. Als sie durchweicht und unglücklich zu Hause ankam, lief sie zu Gran, um sich trösten zu lassen, und erzählte atemlos von ihrer Begegnung mit der fremden Frau.

Gran spendete ihr nur wenige mitfühlende Worte, kochte stattdessen aber Tee und trennte sich sogar von einem ihrer kostbaren Kekse. Als Liza in die Augen der alten Frau blickte, sah sie die Trostlosigkeit ihrer Zukunft vor sich, denn Gran litt offenkundig, und im Geiste hatte sie bereits Lebewohl gesagt – das war für sie so deutlich zu erkennen wie das Muttermal auf Grannys Wange. Sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

»Vielleicht könnte ich als Dienstmädchen für dich arbeiten«, begann sie. »Vielleicht könnte ich hierbleiben … Wie wäre es, wenn ich im Schuppen schlafen würde? Bitte, schick mich nicht fort, Gran.«

Granny presste die Lippen zusammen und drehte ihr den Rücken zu. Dann bewegte sie abrupt den Kopf hin und her, als schüttele sie eine Spinne ab. »Ich bin nicht deinesgleichen«, sagte sie mit harter, tonloser Stimme. »In diesem Moment wünschte ich, ich wäre es. Dann hätte ich bei dem, was dir geschehen wird, ein Wort mitzureden. Als ich dich als Ziehkind zu mir holte, haben die Behörden mir klargemacht, dass sie dich eines Tages fortholen würden. Damals dachte man, man würde vielleicht deine Eltern finden. Du bist ein Mündel der Gerichte, und deren Wort ist Gesetz.«

»Aber den Staat wird es nicht interessieren, was aus einer Gammat wird. Niemand interessiert sich für die Gammats, das weißt du.«

Impulsiv drückte sie Granny fest an sich. Sie respektierte ihre Ziehmutter. Sie war hart, aber gerecht, alt, aber stark, sie hatte sich mit den Entbehrungen ihres Lebens abgefunden, war jedoch fest entschlossen, niemals die Hoffnung aufzugeben. Während Liza sie beobachtete, dachte sie voller Unbehagen über die Schande nach, die sie über ihr Haus bringen würde. Oh, Gran, eines Tages wirst du stolz auf mich sein, schwor sie sich in stiller Qual. Du wirst sagen, ich sei das beste Mädchen auf der Welt. Das wirst du tun, ich weiß es einfach.

»Gran …«, begann sie stockend. »Bitte, Gran. Lass mich hierbleiben.«

Gran blickte auf sie hinunter und zuckte beim Anblick der leidenden kleinen Gestalt hilflos zusammen. Wenn ich gütig zu ihr bin, wird es für sie umso schwerer sein, fortzugehen, und sie muss fortgehen. Wir sind arme Leute. Wenn ich reich wäre, könnte ich sie auf eine Privatschule schicken, in eins dieser englischen Internate, in denen Schwarze und Weiße gemeinsam lernen – leider –, aber nicht einmal das kommt infrage. Außerdem habe ich keine Macht über ihr Leben. Sie ist ein Mündel des Gerichts, und ich bin nur ihre Ziehmutter. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Herd zu.

Liza spürte die bevorstehende Zurückweisung und schauderte. Mit zusammengepressten Lippen und ungeweinten Tränen in den geröteten Augen, schien Gran ganz darin vertieft zu sein, den Maisbrei zu rühren. »Gran, ich flehe dich an.« Sie griff nach ihrem Arm und schüttelte sie.

»Ich will nicht, dass du flehst«, sagte Gran mit stählernem Blick. »Du wirst glücklicher bei deinesgleichen sein.«

Mit vor Schreck und Kummer weit aufgerissenen Augen ging Liza schließlich zu Bett.

KAPITEL 6

Die Anspannung steigerte sich ins Unerträgliche, während Liza wartete, die Finger um den Bettpfosten geklammert. Jede Faser ihres Körpers war fluchtbereit, doch sie zwang sich, still zu liegen. Bei der geringfügigsten Bewegung würden die Federn ihres Betts quietschen wie ein Schwein, dem Sam das Messer in die Kehle rammte. Wenn Granny aufwachte, war sie verloren.

Durch das geöffnete Fenster konnte sie erschreckende schwarze Wolken über den Himmel jagen sehen. Wann immer der Mond durchbrach, durchflutete sein Licht ihr Zimmer. Der Kloß in ihrer Kehle drohte, sie zu ersticken, während sie traurig all die Besitztümer betrachtete, die ihr auf so quälende Weise teuer geworden waren: das Porzellankaninchen, das Gran ihr gekauft hatte, die hölzerne Schnitzerei eines Luchses, die Dan für sie gemacht hatte, die Schachtel für Angelzeug, die Pieter in ein Kästchen umgewandelt hatte, in dem sie jetzt ihre wenigen Schmuckstücke aufbewahrte. Würde sie auch nur ein einziges dieser kostbaren Dinge jemals wiedersehen?

Sie liebte ihr Zimmer mit dem alten Eichenschrank, den Pieter für sie gebaut hatte, dem Holzstuhl, den sie zusammengeflickt hatten, der Patchwork-Bettdecke, an der Gran wochenlang genäht hatte. Liza betrachtete das Bild eines weißen Seehundjungen, das sie gewonnen hatte, als es ihr gelungen war, mehr Geld für den Tierschutzverein zu sammeln als jedes andere Mädchen in ihrer Klasse. Und dann waren da noch ihr Skizzenblock mit Modezeichnungen, ihre Schachtel mit Buntstiften und ihre vielen Bücher. Lieber Gott, wie sollte sie ohne ihre Bücher leben?

Sie liebte auch ihre Katze. Mimi schlief auf dem Stuhl, aber heute Nacht war sie wach geblieben. Sie wusste es! Man brauchte sich nur anzusehen, wie aufmerksam sie sie beobachtete. Ihre gelben Augen leuchteten wie der Mond. Sie schienen zu sagen: Liza, du bist der letzte Dreck. Selbst eine Katze darf in diesem bescheidenen Cottage leben, du dagegen nicht. Geh und zieh zu den Gammats unten am Bahnhof.

Am Morgen hatte Granny einen Einschreibebrief vom Postamt mitgebracht und ihn in ihrer Schublade versteckt. Liza hatte gesehen, wie sie leise vor sich hin weinte. Dann hatte sie sämtliche Kleider von Liza hervorgeholt und auf fehlende Knöpfe und aufgerissene Säume untersucht. Sie hatte einen neuen Kragen auf das gute rosafarbene Kleid genäht und den Saum geflickt, bevor sie alles in ihre einzige Reisetasche gepackt hatte.

Liza konnte erraten, was in dem Umschlag war – ihre korrigierte Geburtsurkunde, die sie als Farbige einstufte. Sie würde das niemals akzeptieren. Sie war nicht farbig. Sie war es nicht. Sie war weiß. Aber sie konnte nicht hierbleiben. Sie musste fliehen, bevor Mrs Frank kam und sie zu den Gammats brachte. Wohin sie gehen sollte, wusste sie zwar noch nicht genau, aber sie wollte lieber tot sein, als eine solche Schande ertragen zu müssen. An erster Stelle stand dabei der Gedanke an den Hohn ihrer Klassenkameradinnen, wenn sie sich dem heruntergekommenen Pöbel anschließen musste, der alltäglich in den Straßen betteln ging. Die Vorstellung war einfach unerträglich, dass diese Mädchen zusehen würden, wie ihre Kleider sich in schmutzige Lumpen verwandelten und ihr das Haar verlaust und ungewaschen über die Schultern hing.

Ah, Gran hatte wieder zu schnarchen begonnen. Mit einem jähen Anfall von Ungeduld drehte Liza sich auf dem eisernen Bettgestell um und landete mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Die Federn sprangen zurück, aber das Quietschen war nicht allzu laut. Lauschend lag sie auf dem Boden und spürte die kalte Feuchte des Estrichs auf ihren Wangen und unter ihren Händen. Grannys Schnarchen folgte weiterhin einem beruhigenden, gleichmäßigen Rhythmus. Die Katze sprang neben sie, das Fell gesträubt, die Beine steif vor Anspannung, als sei das Tier von ihren eigenen Ängsten angesteckt worden. Liza küsste Mimi zum Abschied. Dann griff sie nach der Reisetasche, drückte das Schiebefenster auf und schlüpfte hinaus.

Im Laufschritt verschwand sie hinter dem Haus und rannte am Kaktusgarten vorbei, um einen großen Bogen um den Kraal zu machen, denn die Esel würden Lärm schlagen, wenn sie sie entdeckten. Es war Vollmond und beinahe taghell, daher lief sie mit schnellen Schritten über den Weg durch das Jakarandawäldchen, um zu der steinigen Kuppe zwischen dem Fluss und ihrem Zuhause zu kommen. Dort hielt sie ein Weilchen bedauernd inne, den Tränen nahe und zitternd, weil sie solche Angst hatte. Mit einem letzten unglücklichen Blick zurück rannte sie schließlich auf die Straße zu.

Sie musste lange zu Fuß gehen, bevor sie endlich jemand mitnahm. Der Morgen dämmerte bereits, als der Fahrer der Cronjés mit seiner Ladung Tomaten auf dem Weg zum Bahnhof an ihr vorbeikam. Er schien schockiert, sie zu sehen.

»Es ist gefährlich für junge Mädchen, allein durch die Dunkelheit zu spazieren«, belehrte er sie. »Was hast du dir dabei nur gedacht, Liza? Deine Gran würde einen Anfall bekommen, wenn sie wüsste, wo ich dich aufgelesen habe! Spring rauf.«

»Gran hat Bauchschmerzen, und ich sollte Medizin für sie holen«, log sie.

»Es wird noch Stunden dauern, bis der Apotheker öffnet.«

»Dann werde ich es bei ihm zu Hause versuchen«, improvisierte sie.

»Und die Tasche?«

»Ich soll einige von Grans Näharbeiten ausliefern. Wir waren in letzter Zeit ein wenig knapp bei Kasse«, murmelte sie, zitternd vor Angst. Was war, wenn er sie zurückbrachte?

»Ich werde schon bald wieder hier entlang zurückkommen. Wenn ich dich dann mitnehmen soll, musst du vor sechs an der Straße sein.«

Sie stieß einen scharfen Seufzer der Erleichterung aus. »Bis dahin sollte ich schon wieder zu Hause sein, vielen Dank.«

Ich werde mein Zuhause nie wiedersehen, dachte sie und hatte alle Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Ich darf mir nicht anmerken lassen, dass ich weine, denn dann würde er Verdacht schöpfen und mich zu Gran zurückbringen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie hingehen sollte, sondern folgte lediglich dem Drang, vor den schrecklichen Zukunftsaussichten davonzulaufen, denen sie sich unmöglich stellen konnte. Sie hatte zu lange Zeit in einer Kultur gelebt, die die »Weißen« für die einzigen akzeptablen Geschöpfe hielt. Wenn man nicht weiß war, war man unberührbar. Was die Farbigen betraf, so wurden diese sogar von den Schwarzen verachtet. Sie hatte ihre Gefühle für Nichtweiße nicht allzu häufig analysiert, aber wenn sie versehentlich einen von ihnen berührt hatte, hatte sie sich, sobald sich eine Gelegenheit bot, mit Seife die Hände geschrubbt. Sie hätte niemals dieselbe Tasse benutzt, die ein Farbiger benutzt hatte; niemand hätte das getan. Wenn Dan aus ihrem Zinnbecher, den sie eigens für Nichtweiße aufbewahrten, Wasser trank, spülten sie ihn in nur zu diesem Zweck eingelassenem Waschwasser. Es ging einfach nicht an, den Becher zusammen mit ihrem eigenen Geschirr ins Waschbecken zu stellen. Einmal hatte Pieter Dan ein Glas Wasser gegeben, und Gran hatte dieses Glas für Dans Gebrauch beiseitegestellt. Liza verstand nicht, warum, aber dunkelhäutige Menschen erweckten tiefen Abscheu in ihr. Daher rannte sie ebenso vor sich selbst wie vor dem furchtbaren Schicksal weg, das sie erwartete.

Der Fahrer summte leise vor sich hin. Plötzlich verspürte Liza Neid und Groll gegen ihn und gegen Pieter und all die selbstgefälligen Weißen, die sicher in ihren Betten lagen und sich verschworen hatten, um sie aus ihren Reihen auszuschließen. Eines Tages, schwor sie sich, würde sie hierher zurückkommen und ihnen eine Lektion erteilen. Sie würde reich und berühmt sein, sie würde schöne Kleider tragen und ein besseres Haus haben als sie alle, und sie würde sie als das entlarven, was sie waren – Lügner.

Aber in der Zwischenzeit … wo sollte sie nur hin? Einen Moment lang verspürte sie ein wildes Verlangen danach, zu Granny zurückzulaufen und sie anzuflehen, sie bei sich zu behalten, aber das hatte sie bereits versucht und war gescheitert. Dann fielen ihr die Worte ihrer Lehrerin wieder ein:

»Haltet euch von den Gammats im alten Lagerhaus am Bahnhof fern. Man wird sie bald verlegen. Für Leute wie sie gibt es keinen Platz in dieser Stadt.«

Und was hatte Mrs Frank gesagt? »Sie ist offensichtlich farbig. Sie wird bei ihren eigenen Leuten besser dran sein.« Bei der Erinnerung an diese Worte klapperten Liza die Zähne. Nein, sie musste diese Stadt verlassen.

Sie hatte vorgehabt, direkt zum Bahnhof zu gehen, aber ihre Füße führten sie in die falsche Richtung, und schließlich stahl sie sich die Straße hinunter zu dem verlassenen Lagerhaus. Sie musste feststellen, ob »sie« noch dort waren. Voller Angst schlich sie näher an das Haus heran. Das verfallene Gebäude wirkte verlassen, daher zögerte sie einen Moment, bevor sie sich wie in einem Traum durch die Lücke der halb abgebrochenen Tür schob. Der Gestank, eine Mischung aus Schweiß, Urin und Holzrauch, ließ sie würgen. Sie hätte sich beinahe übergeben, als ihr Magen sich vor Abscheu zusammenkrampfte. Vielleicht waren sie ja bereits fort, aber dann drang aus einem Stapel Decken an der Wand ein lautes Schnarchen.

Als sie in den mit Qualm erfüllten Raum spähte, sah sie zwei Gestalten, die sich dicht aneinanderschmiegten: geöffnete Münder, verfaulte Zähne, der Gestank von Schmutz. Sie würgte, aber beobachtete dennoch voller Faszination, wie die Frau die Hand hob, um sich zu kratzen. Dann stöhnte sie und begann zu sprechen.

Liza schrie erschrocken auf.

Der Mann setzte sich auf und blickte in ihre Richtung. Seine Haut war dunkelbraun, beinahe schwarz, sein Gesicht unter einem ergrauendem Bart verborgen. Als er sich erhob, sah Liza, dass er sehr groß war und bedrohlich aussah.

»Was zum Teufel …? He, du? Wen starrst du da so an?«, murmelte er, spähte in die rauchige Düsternis und rieb sich die blutunterlaufenen Augen. »Was hast du hier zu suchen? Willst du einen Fick?« Er griff sich in den Schritt, riss seine Hose auf und stieß seinen Penis in ihre Richtung. »Dann komm … komm und hol ihn dir …« Sogar sein Penis war beinahe schwarz, und als er lächelte, schien sein Gesicht alles Böse der ganzen Welt widerzuspiegeln.

Schluchzend und atemlos drehte sie sich um und rannte zum Bahnhof. »Lieber Gott! Mach, dass Mrs Frank mich nicht einfängt und mich den Gammats übergibt. Bitte, lieber Gott.«

Um halb sechs verließ ein Zug die Stadt … früh genug, bevor Gran Gelegenheit gehabt haben würde, jemandem zu erzählen, dass sie weggelaufen war. Außerdem – würde sie sich überhaupt darum scheren? War Liza nicht einfach ein peinliches Problem, das sie sich vom Hals schaffen musste?

Die Eisenbahnwaggons wurden mit Tomatenkisten beladen. Ein anderer Waggon war voller Kohlköpfe. Liza setzte sich auf eine Bank und wartete auf ihre Chance. An den Etiketten auf den Kisten sah sie, dass der Zug nach Johannesburg fuhr. Wann immer sie Schritte näher kommen hörte, rutschte ihr das Herz in die Hose.

Es schien Stunden zu dauern, bis das Verladen beendet war. Das war ihre Chance. Mit hämmerndem Pulsschlag und stockendem Atem zog sie sich an der Seite des Waggons hoch, warf ihre Tasche hinein und ließ sich dann auf sie fallen. Auf den Kohlköpfen lag eine staubige Plane, und sie kroch darunter, um sich dort zu verstecken. Der Staub stieg ihr in Mund und Nase, bis er sich endlich wieder legte.

Eine Ewigkeit später setzte der Zug sich ratternd und schlingernd in Bewegung, und wieder wirbelte eine Menge Staub auf, sodass Liza kaum noch Luft bekam. Ihre Nase juckte, ihre Augen tränten, und sie hatte einen Geschmack im Mund, als hätte sie die Straße abgeleckt. Im Nu hatte sie solchen Durst, dass sie glaubte zu sterben, aber es würde einen Tag oder länger dauern, bis sie in Johannesburg ankam. Sie hätte Wasser mitnehmen sollen, aber dafür war es jetzt zu spät.

Später am Morgen kochte sie förmlich in ihrem Versteck. Als sie aber unter der Plane hervorkroch, brannte die Sonne unbarmherzig auf sie nieder, und sie wusste, dass sie am Ende schwärzer sein würde als ein Stück verkohlten Toasts. Deshalb zog sie sich abermals in ihre stickige Zufluchtsstätte zurück.

Schließlich grub sie einen Tunnel unter den Kohlköpfen, drückte sich die Hände aufs Gesicht und versuchte zu schlafen. Nach einer Weile beschloss sie zu beten. Sie presste die Augen fest zusammen und konzentrierte sich auf ihr Gebet, in das sie all die Leidenschaft einfließen ließ, deren sie fähig war.

»Lass mich weiß bleiben, lieber Gott. Ich schwöre, dass ich nie wieder in die Sonne gehen werde. Ich werde immer brav sein und jeden Abend mein Gebet sprechen. Lass nicht zu, dass jemand das von mir erfährt. Niemals!«

Mitternacht. Liza war in einen Fieberschlaf gesunken, in dem sie träumte, sie sei so weiß wie eine Lilie auf dem Veld. Als der Zug schlingernd zum Stehen kam, traf sie die Realität wie ein Schlag in den Magen. Es war ein Albtraum, aber er ließ sich einfach nicht verscheuchen. Wie konnte ihr etwas Derartiges zugestoßen sein? Oh Gott, hilf mir. Sie fühlte sich schmutzig und zerschunden, und all ihre Knochen schmerzten wie verrückt, nachdem sie auf den harten, ständig hin und her kullernden Kohlköpfen herumgeschüttelt worden war. Der Staub und ihr Durst hatten ihre Kehle in einen Brennofen verwandelt. Ihr Kopf tat grauenhaft weh, und schlimmer noch, sie war obdachlos und litt Todesängste. ...

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