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Im Zeichen der Krähe 2: Die Totenhüterin

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Jeri Smith-Ready

Im Zeichen der Krähe 2:

Die Totenhüterin

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Justine Kapeller

1. KAPITEL

Im Licht der Fackeln, die das Lager der hundert Kalindonier umgaben, konnte Rhia die Verbrennungen erkennen, die das Seil auf Mareks Hals hinterlassen hatte.

Der Mann, der bald ihr Ehemann sein würde, schlief zum ersten Mal seit mehreren Nächten ruhig neben ihr. Vielleicht hatte die Erschöpfung ihm die Albträume genommen, oder sie waren ihm einfach nicht mehr anzumerken.

Die feuchte Luft legte sich wie eine zweite Haut über sie. Weit über ihnen strich eine Brise durch die Wipfel der Pinien und Fichten, erreichte jedoch nicht den Boden.

Rhia schob die Decke zurück, krempelte sich die Ärmel hoch und streckte sich, um sich ein wenig abzukühlen. Es brachte nichts. Die Wärme des Sommers hatte selbst den Wald in den hohen Bergen nahe Kalindos erreicht.

Plötzlich hörte sie ein Flüstern. Rhia zuckte zusammen, als hätte sie einen Nadelstich erhalten. Nicht schon wieder. Sie hielt sich die Ohren zu, als würde das etwas nützen. Bitte, lasst mich schlafen.

Doch die Stimmen der Toten gewannen in Rhias Träumen so viel Kraft, dass ihr unzufriedenes Grollen zusammenhanglose Worte bildete. Wenn sie wach war, flüsterten sie, manchmal schwiegen sie sogar, wenn sie laut sprach oder eine Melodie vor sich hin summte, um sich abzulenken. Ihre Reisegefährten mochten das nicht, da ihre Stimme in etwa so melodisch war wie die ihres Schutzgeistes.

Krähe.

Nur wenige Monate waren vergangen, seit der Geist ihr seine Gabe verliehen hatte. Und doch trug sie sein dunkles Geschenk schon ein Jahrzehnt lang in sich – seit sie acht Jahre alt gewesen war und zum ersten Mal gehört hatte, wie Krähe gekommen war, um eine Seele auf die andere Seite zu tragen.

Das Flüstern veränderte sich, und Rhia bemerkte erleichtert, dass es von einer lebenden Person stammte. Sie drehte sich auf den Bauch und spähte in die Dunkelheit.

Hinter dem Licht der Fackeln gingen ein Mann und eine Frau gemeinsam Patrouille. Ihre Bogen trugen sie so selbstverständlich, dass sie fast Teil ihres Körpers geworden zu sein schienen. Sie alle waren seit dem Angriff der Nachfahren auf Rhias Heimatdorf Asermos, der zehn Tage zuvor stattgefunden hatte, wachsamer geworden. Mithilfe der Kalindonier, mit denen sie jetzt reiste, hatten die Asermonier die Invasion der Nachfahren abgewehrt, doch der Preis dafür war hoch gewesen.

Rhia wischte sich eine verschwitzte braune Locke, die ihr über die Augen gefallen war, aus dem Gesicht. Ihr Haar war jetzt, da sie es sich aus Trauer abgeschnitten hatte, zu kurz, um es zusammenzunehmen.

Erneut waren die Stimmen zu hören. Dieses Mal waren sie lauter. Eine Welle der Übelkeit erfasste Rhia.

Sie setzte sich auf. Eine Hand griff nach ihrem Arm, so fest wie eine Schnappfalle aus Eisen. Sie unterdrückte einen Aufschrei und sah hinab in Mareks blaugraue Augen, aus denen er sie verwirrt anstarrte. Schnell ließ er sie los und blinzelte, um wach zu werden.

„Tut mir leid“, flüsterte er. „Wohin willst du?“

Sie wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. „Mir ist schlecht.“

„Wegen des Kindes?“

„Dafür ist es zu früh.“

„Wieder die Stimmen?“

„Es fühlt sich so an, als wären Fliegen in meinem Schädel gefangen.“ Sie rieb sich das Ohr, als würde so das Jucken tief in ihr gelindert. „Coranna hat gesagt, so ist es die ersten paar Monate immer, aber ich glaube, ich ertrage es keine Stunde länger.“ Rhia war erst seit zwei Wochen schwanger, und die Stimmen waren bisher das einzige Anzeichen dafür, dass sie in die zweite Phase ihrer Gabe eingetreten war.

Ihre neuen Kräfte verlangten, dass sie nach Kalindos zurückkehrte, um wieder in die Lehre bei ihrer Mentorin zu gehen. Im Augenblick allerdings wünschte Rhia sich, sie wäre noch in Asermos auf der Farm ihres Vaters, statt eine weitere Nacht in diesem moskitoverseuchten Wald zu verbringen. Normalerweise brauchte man für die Reise nach Kalindos zu Pferd nur einige Tage. Doch weil sie die in der Schlacht Verletzten transportierten, brauchten sie dreimal so lang.

Sie schlug die Decke zurück. „Ich gehe zum Fluss, um mich abzukühlen.“

„Ich komme mit.“ Marek setzte sich auf.

„Du solltest dich ausruhen. Ich nehme Alanka mit.“

„Ich brauche auch ein Bad.“ Er zog die Beine unter der Decke hervor und zuckte zusammen.

„Aber dann wird dein Verband nass.“

„Ich stehe einfach auf einem Fuß.“

Im Stillen froh darüber, dass Marek sie begleiten würde, nahm Rhia seine Hand und half ihm auf. Er warf sich Pfeil und Bogen so routiniert über die Schulter, wie andere sich die Schuhe anzogen. Sie verließen das Lager auf Zehenspitzen, um keinen Krach zu machen. Obwohl Marek humpelte, verließ ihn seine Wolfgabe des lautlosen Schleichens nicht.

Warm umfingen seine Finger die ihren. Mit der anderen Hand strich er sich das schulterlange hellbraune Haar von der stoppeligen Wange und entblößte so sein blasses Gesicht, das er vor Anstrengung, den Schmerz bei jedem zweiten Schritt zu unterdrücken, zu einer Grimasse verzog. Rhia tat so, als bemerke sie nichts, aber sie ging dennoch langsamer.

Vorsichtig zupfte sie an der Lederkordel um ihren Hals, an der eine schwarze Krähenfeder hing. Wenn sie am folgenden Tag nach Kalindos zurückkehrten, könnte sie die Kette wieder abnehmen. Jeder der dreihundert Einwohner des winzigen Dorfes kannte den anderen beim Namen und dessen Schutzgeist, sodass sie keinen Sinn darin sahen, Fetische zu tragen. In den viel größeren Orten Asermos, Velekos und Tiros verlangte es die Höflichkeit, offen zu zeigen, welche Gabe man hatte. Und sosehr Rhia den Geist liebte, der sie gewählt hatte, so wünschte sie sich doch manchmal, dass sie verbergen könnte, ständig den Tod vor Augen zu haben. Es machte die Leute nervös.

Abrupt blieb Marek stehen und warf einen Blick nach rechts, wo seine Wolfschwester Alanka in der Dunkelheit auf einem gefallenen Baumstamm hockte. Bei ihr war ihr ehemaliger Partner Adrek. Im Gegensatz zu Marek verstand Rhia nicht, was sie sagten.

„Sie sollten Wache schieben“, sagte er.

„Sieh mal.“ Rhia deutete nach links, wo ein weiterer Wachposten – ein Rotluchs, vermutete sie – das Lager umrundete. „Vielleicht ist die Schicht von Alanka und Adrek schon vorbei.“

Angespannt verzog Marek den Mund. Daran erkannte sie, was ihn störte. „Geht mich nichts an.“ Er drückte ihre Hand und führte Rhia weiter in Richtung Flussufer. „Aber ich hasse es, zu sehen, wie sie den gleichen Fehler zweimal begeht.“

Zum ersten Mal verspürte Alanka echtes Mitleid mit dem Wild, das sie jagte, und nicht nur Dankbarkeit für ihr Opfer oder Respekt für das Leben, das es gegeben hatte. Jetzt wusste sie, wie es sich anfühlte, in der Nacht von einem Puma ins Visier genommen zu werden.

„Ich vermisse dich.“ Adrek drehte sich, um sie anzusehen. „Während der Schlacht, als ich fast gestorben bin, ist mir klar geworden, was im Leben wirklich wichtig ist.“

„Ich bin in deinem Leben noch nie wichtig gewesen.“ Dass sie ihre Worte derart mit Bedacht wählte, stand in krassem Gegensatz zu ihrer Abneigung. „Und soweit ich weiß, ist ein verstauchter Knöchel nicht tödlich.“

Er runzelte die Stirn und zupfte nervös am Jagdbogen, den er zwischen den Knien hielt. Beinah bedauerte Alanka ihre Antwort. Die Schlacht um Asermos war für sie alle schwer gewesen – sogar für Adrek, der kein Familienmitglied verloren hatte. Da sie wusste, welche Wirkung er selbst nach zwei Jahren noch auf sie hatte, wandte sie rasch den Blick ab.

„Es tut mir leid“, sagte er leise. „Ich habe alles falsch gemacht. Ich dachte nur, wir könnten reden.“

Alanka zerkrümelte ein Stück Borke, das sich gelöst hatte. Sie musste auch über die Schlacht sprechen. Mit jemandem reden, der auch getötet hatte, mit jemandem, der auch von den Geistern berufen war, das Leben von Tieren zu nehmen, nicht das von Menschen. Aber erst wenn sie bereit dazu war.

„Du hast mir nie gesagt, wie du dich in der Schlacht verletzt hast.“ Sie versuchte, nicht spöttisch zu grinsen – einer der Rotluchse hatte ihr erzählt, was geschehen war, aber sie fragte sich, ob Adrek sich eine Geschichte ausdenken würde, um das Gesicht zu wahren.

Er zerschlug einen Moskito auf seinem Arm. „Ich bin in ein Loch getreten.“

„Ein Loch.“

Seine grünen Augen funkelten, als er sie direkt ansah. „Ich war zu sehr damit beschäftigt, Pfeile auf die Nachfahren zu schießen, um aufzupassen, wohin ich trete.“

Da war es wieder, dieses Gefühl, bei dem sich ihr der Magen zusammenzog und das sie wach hielt, egal wie müde sie war. Sie verdrängte es.

„Etwas ist zerbrochen, als ich gefallen bin“, fuhr er fort. „Und das Nächste, was ich weiß, ist, dass jemand mich auf eine Trage gehoben hat und ich im Zelt der Heiler lag, mit dem Blut eines anderen Soldaten beschmiert.“ Angewidert verzog Adrek den Mund. „Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was du durchgemacht hast.“ Er fasste nach ihrer Hand. Alanka wich zurück und tat, als würde sie die Spannung ihrer Bogensehne prüfen.

Adrek zog die Hand zurück und kratzte sich am Hinterkopf. „Ist es wegen Pirrik?“

Als der Name ihres letzten Partners fiel, straffte sie die Schultern. „Du weißt, dass wir nicht mehr zusammen sind.“ Sie sprach weiterhin leise – für den Fall, dass Pirrik noch wach war und sie hören konnte.

„Er hätte verständnisvoller sein sollen.“

„Mein Vater hat seinen Vater getötet. Was gibt es da zu verstehen?“

„Das war nicht deine Schuld. Niemand sollte dir für etwas die Schuld geben, was dein Vater getan hat – auch nicht für den Mord, der den Krieg mit den Nachfahren entfesselt hat. Du bist nicht er.“

Ihre Finger zitterten und brachten die Bogensehne zum Vibrieren. Das Geräusch ließ Erinnerungen in ihren Gedanken auflodern wie Wind über einem Lagerfeuer. Schnell schleuderte sie den Bogen von sich. Er fiel auf den nadelbedeckten Boden. Adrek keuchte auf und trat vor, um ihn aufzuheben.

„Bewacht ihr zwei das Lager, oder schwelgt ihr in Erinnerungen?“

Alanka sah sich um. Endrus und Morran kamen auf sie zu. Der Rotluchs Morran war ihr zweiter Partner gewesen, und der braunhaarige Puma, Endrus, der gerade gesprochen hatte, war kurz darauf gefolgt. Sie hatte keinen der Männer geliebt – Adrek hatte ihr gezeigt, dass Katzen neben der Jagd nur für eine Sache gut waren – und war deshalb immer noch mit beiden befreundet.

Morran sprang über den gefallenen Baumstamm und landete leichtfüßig neben ihr. „Gut, dass wir keine Nachfahren sind, sonst wärt ihr jetzt beide tot.“

„Wenn ihr Nachfahren wärt“, erwiderte sie, „hätte ich euch gehört, ehe ihr mich sehen konntet, und ihr wärt jetzt tot.“

„Die sind wirklich laut, was? Vielleicht haben sie Ziegelsteine in den Schuhen.“ Endrus hockte sich neben sie auf den Baumstamm und umschlang sie mit seinen Beinen. Mit dem linken Knie wehrte er Adrek ab. Dann drückte er ihre Schultern, und sie stöhnte auf, als die Spannung plötzlich von ihr wich. „Oh, Morran, ich habe sie zum Schnurren gebracht.“

„Aber kannst du sie auch zum Schreien bringen?“ Der geschmeidige Puma umfasste ihre Taille, seine Hand zu einer kitzelnden Klaue gekrümmt. Reflexartig schoss ihr Fuß hervor und trat ihm die Beine weg. Morran landete mit einem „Uff!“ im Dreck. Endrus zeigte auf ihn und unterdrückte das spöttische Gelächter, das seinen Körper zum Beben brachte.

„Jungs“, sagte Adrek, „wir versuchen hier, uns ernsthaft zu unterhalten.“

Endrus stieß einen verächtlichen Laut aus. „Und wir haben ernsthaft versucht, sie aus deinen Klauen zu retten.“

„Ich kann für mich selbst sorgen“, fuhr Alanka ihn ärgerlicher an, als sie gewollt hatte. Die Unterbrechung durch ihre Freunde hatte den mürrischen Zauber gebrochen, den Adrek zu weben begonnen hatte.

„Wir sind dran, Wache zu halten.“ Morran rollte sich auf die Füße und zog ein vertrocknetes Blatt aus seinem langen blonden Haar. „Damit ihr zwei schlafen könnt.“

„Ja, schlafen“, sagte Endrus, an Adrek gewandt.

Alanka tätschelte Endrus das Knie und befreite sich aus seinem Griff. „Gute Nacht.“

Adrek folgte ihr in Richtung des Lagers. „Also, zurück zu meiner ursprünglichen Frage.“

„Und meiner ursprünglichen Antwort, die lautet, nein, du kannst nicht neben mir schlafen.“ Sie senkte die Stimme, als sie sich den schlafenden Kalindoniern näherten. „Ich muss allein sein.“

„Was kannst du allein, was du mit mir nicht kannst?“

„Nachdenken. Atmen.“

Er nahm ihren Arm. „Alanka …“

„Denk daran, was ich mit Morran gemacht habe. Du bekommst es noch schlimmer ab.“

Adrek ließ sie los. „Wer hat dir diesen Angriff beigebracht, den du bei ihm benutzt hast?“

„Meine Brüder. Lycas, meine ich.“ Ihr zog sich die Kehle zusammen, als sie an ihren anderen Bruder dachte, so als würde es ihn noch einmal umbringen, seinen Namen auszusprechen.

Adreks Gesichtszüge wurden weicher, als er ihre Trauer sah – sie war nie gut darin gewesen, ihre Gefühle zu verbergen. „Bist du sicher, dass du allein sein willst?“

„Ich habe nicht gesagt, ich will. Ich habe gesagt, ich muss. Gute Nacht.“

Alanka wandte sich ab und merkte erleichtert, dass er ihr nicht folgte. Es war ihr auch gleich, dass er noch ihren Bogen hatte. Sie wollte ihn nie wiedersehen.

Sie fand ihr Schlafzeug, wo sie es neben Rhia und Marek abgelegt hatte. Nachdem sie den Boden von einigen Steinen befreit hatte, rollte sie die Decke aus und wickelte sich darin ein. Ihre Kleider für den folgenden Tag benutzte sie als Kissen.

Sie starrte in die Schatten, die sich über dem moosbewachsenen grauen Findling links von ihr befanden, und wusste, wenn sie die Augen schloss, würde die immer gleiche Szene vor ihrem geistigen Auge auftauchen.

Ihr Bruder Nilo, der im Matsch und Blut des Schlachtfeldes ausgestreckt dalag. Der sein Leben gegeben hatte, um ihres zu retten.

Sie schuldete es ihm, mutig zu sein, schuldete es ihm, stolz auf das zu sein, was sie getan hatte, um sein Dorf zu verteidigen. Aber in ihren Gedanken erschienen noch immer die leeren Gesichter der Toten.

Marek ließ sich auf ihrem Weg nichts anmerken und zeigte nach außen viel weniger Schmerz, als er empfand. Wenn Rhia wüsste, wie groß seine Schmerzen waren, würde sie darauf bestehen, dass er im Lager blieb. Er würde sich weigern, und sie würden zum elften Mal denselben Streit haben.

Er verstand nicht, wie sie ihn nach all den Gefahren, denen sie gegenübergestanden hatten, als überfürsorglich bezeichnen konnte. Fürsorglich schon, er wollte sie schließlich beschützen, aber das konnte man nicht übertreiben.

„Gehen wir langsamer“, sagte sie. „Ich bin müde.“

Marek wusste, dass sie kleinere Schritte machte, um seinem verletzten Bein Erleichterung zu verschaffen. Rhia hatte nicht lange gebraucht, um zu lernen, wie man seinen Stolz beschwichtigte, und dafür liebte er sie. Dafür und aus ungefähr siebenhundertneunundvierzig weiteren Gründen.

Er sehnte sich danach, den Verband von seiner Wade zu reißen und die Wunde mit einem spitzen Stock zu kratzen. Die Salbe, die Elora jeden Morgen auftrug, half so gut bei der Heilung, dass das Jucken jetzt fast schlimmer war als der Schmerz. Doch ihm war auch bewusst, wie viel Glück er hatte, überhaupt noch ein Bein zu haben, das er kratzen konnte.

Durch die sich lichtenden Bäume konnte er die breite, ruhige Oberfläche des Flusses im dumpfen Mondlicht schimmern sehen. Der Nebel schien vom feuchten Boden bis zum Mond selbst hinaufzuwabern. Mareks Haut sehnte sich nach dem kühlen Wasser aus den Bergen.

Das Ufer führte steil hinab und war von Baumwurzeln durchzogen. Er ließ Rhias Hand los und nahm ihren Ellenbogen. „Pass auf, wohin du trittst.“

Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. „Ich bin schwanger, nicht blind. Ahh!“ Sie stolperte über eine Wurzel und fuchtelte wild mit dem Arm, um das Gleichgewicht zu halten.

Behutsam half Marek ihr den Abhang hinab und drehte sich um, als sie sich auszog. Sie nackt zu sehen war für ihn die reinste Folter, da sie sich in ihrem Monat der Trauer nicht lieben durften. Er konnte an fast nichts anderes mehr denken. Es war egal, dass er sein Bein nicht bewegen konnte, ohne große Qualen zu erleiden, oder dass seine Haut von der Sonne so vergiftet war, dass sie an mehreren Stellen aufplatzte. Er hatte überlebt und wollte jeden Augenblick seines Lebens mit der Frau genießen, die er beinah verloren hätte.

Hinter ihm ertönten ein Platschen und ein Keuchen. Er drehte sich um und sah, dass Rhia bis zum Hals eingetaucht war. „K…kalt“, sagte sie mit klappernden Zähnen. „Wessen blöde Idee war das bloß?“

Er lächelte, als er sich Schuhe, Socken und Hose auszog. Das obere Drittel seiner Wade war mit einem Verband umwickelt. Er war erleichtert, im trüben Licht keine frischen Blutflecke auf den weißen Stoffstreifen erkennen zu können.

Eine Reihe großer Felsen ragte links von ihm aus dem Wasser. Immer noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet, ging er vorsichtig von einem zum anderen, bis er in Rhias Nähe war. Von diesem Aussichtspunkt hatte er einen guten Überblick über den ganzen Fluss und konnte sich immer wieder nach Eindringlingen umsehen. Nachdem er nichts Ungewöhnliches hatte entdecken können, setzte er sich an den Rand des rauen Felsens und streckte sein rechtes Bein darauf aus. Sein linkes Bein tauchte er ins kalte Wasser.

Rhia, deren feuchtes Haar am Kopf klebte, kam zu ihm geschwommen. „Brauchst du Hilfe?“

„Es geht mir gut.“

„Hör auf damit, Marek. Es geht dir nicht gut“, gab sie zurück. „Fall ich dir auf die Nerven?“

„Ja. Jetzt zieh dein Hemd aus und leg dich hin.“

Er lachte in sich hinein. „Ich sollte dich öfter nerven.“ Er reichte ihr sein Hemd und streckte sich auf dem Rücken aus. Rhia tauchte den Stoff ins Wasser und drückte ihn über seiner Brust aus. Marek seufzte vor Erleichterung. Sie wiederholte die Prozedur noch einmal und wischte dann sanft über seine Haut.

„Mach die Augen zu“, flüsterte sie.

Einen Augenblick später ergoss sich Wasser über sein Gesicht und lief durch sein Haar, beruhigte seine Nerven und wusch drei Tage Schweiß und Schmutz von ihm ab.

Er ließ seinen Arm neben Rhia in den Fluss gleiten und streichelte ihren vom Wasser kühlen glatten Bauch mit seinem Handrücken. „Kitzelt das nicht?“, murmelte er.

„Ich bin zu müde, um kitzlig zu sein.“ Sie drückte den Stoff noch einmal über seinen Haaren aus. „Und im Augenblick auch zu zufrieden.“

Marek lächelte. Es war seltsam, sich nach so vielen Tagen Kampf und Sorge wieder glücklich zu fühlen. Am Morgen würde er nach Hause zurückkehren, angeschlagen, aber siegreich.

Eine lang ersehnte Brise strich über seinen Körper, kühlte ihn und trug die tausend Düfte des Waldes mit sich, die ihm so vertraut waren.

Er setzte sich auf. Einer dieser Düfte gehörte nicht dorthin. Einer dieser Düfte sollte mittlerweile eine Wochenreise von Asermos entfernt sein.

Er spähte den Fluss hinauf. Nichts.

„Was ist los?“, flüsterte Rhia.

Er legte sich einen Finger auf die Lippen und schloss die Augen. Der Mensch in ihm wollte erst sicher sein, aber der Wolf wusste es besser. Die Wahrheit fand sich in Geräuschen und Düften. Letztere hingen schwer in der feuchten Luft, getragen vom abflauenden Wind. Als die Blätter der Bäume zu rascheln anfingen, drangen auch die anderen Geräusche zu ihm vor.

Ein rhythmisches Klatschen ins Wasser, zu präzise und gleichmäßig, um von einem Fisch oder Frosch zu stammen.

Marek öffnete die Augen und blickte in Richtung des nahen Ufers. Er hätte nicht genug Zeit, es zu erreichen, ohne entdeckt zu werden. Leise versteckte er seinen Bogen und die Pfeile hinter einer Ausbuchtung im Felsen und ließ sich dann lautlos ins Wasser gleiten.

Entsetzt keuchte Rhia auf. „Marek, dein Verband …“

„Schsch. Ganz still.“

Er stellte sich hinter sie und schlang die Arme fest um ihren Körper.

Dann wurde er unsichtbar – und Rhia mit ihm.

Das Schiff erschien hinter der Biegung flussaufwärts, nahe der Mitte der Wasserstraße. Es war lang und niedrig, und seine Segel hingen schlaff in der flauen Luft. Mehrere Reihen Ruder ragten wie die Beine eines Tausendfüßlers aus seinen Seiten, aber diese Glieder bewegten sich wie eins vor und zurück und schoben das Schiff durch das regungslose Wasser. Es trieb an ihnen vorbei und verdeckte einen Augenblick lang die trübe Sicht auf das weit entfernte gegenüberliegende Ufer.

Noch ein Schiff tauchte auf, genau wie das erste, dann ein weiteres. Neun Fahrzeuge der Nachfahren trieben an Marek und Rhia vorbei, die unentdeckt und fassungslos dastanden.

Der Feind verließ den Ort, an den er nie hätte kommen dürfen.

Kalindos. Sein Zuhause.

2. KAPITEL

Marek umklammerte Rhias Taille und bemühte sich, auf dem Rücken der Stute zu bleiben, während sie durch die dunklen Wälder ritten. Große Äste hingen tief über den Pfad und brachten ihn nach jeder Wendung dazu, sich zu ducken.

Vor ihnen ritt Alanka neben Adrek. Der Puma hatte wegen seiner Gabe der Nachtsicht die Führung übernommen. Elora eilte auf ihrem eigenen Pony hinter ihnen her, und nach ihr folgten zwei Bärenmarder, zwei Rotluchse und ein Bär. Falls sie diese Geschwindigkeit beibehielten, konnten sie Kalindos bei Tagesanbruch erreichen – in weniger als einer Stunde –, aber Marek konnte es nicht schnell genug gehen.

Der Rest der Kalindonier folgte ihnen zu Fuß in zwei Gruppen: eine größere Gruppe Gesunder, die das Dorf am folgenden Morgen erreichen würde, und eine kleinere, die aus Verwundeten und Pflegern bestand.

Bald wurde der Hügel steiler, und sie verlangsamten ihr Tempo. Die Ponys schnauften vor Anstrengung. Im trüben Morgenlicht erkannte Marek die südlichste Grenze seiner Jagdgründe. Er kannte hier jeden Zweig und jeden Stein so gut wie die Winkel seines eigenen Baumhauses. In seiner Brust loderte der Zorn auf bei dem Gedanken, dass die Schwerter der Nachfahren dieses friedliche Stück Wald, das er seine Heimat nannte, beschmutzt haben könnten.

Als der Wind sich drehte, trug er den Duft mit sich, den er gefürchtet hatte.

Blut.

„Beeilt euch!“, rief er.

Sie trieben ihre erschöpften Ponys ein letztes Mal an. Der Pfad nach Kalindos wurde breiter, und als die ersten Sonnenstrahlen die Berge scharlachrot färbten, erreichten die Reisenden die äußeren Grenzen des Dorfes.

Nachdem sie einen großen Findling umrundet hatten, blieben sie abrupt stehen.

Der Boden war von so vielen Holzsplittern übersät, dass es aussah, als wäre der Wald gefallen und nicht nur die Baumhäuser. Fast jedes Haus hatte gespaltene oder aufgerissene Wände. Das Dorf wirkte wie ein Mund ohne Zähne.

Niemand spähte hinter den zerstörten Wänden hervor. Niemand eilte die Leitern hinab, um sie zu begrüßen. Niemand rief oder stöhnte.

Hier lebte niemand mehr.

„Gehen wir weiter“, sagte Rhia.

Sie und Marek übernahmen die Führung, Adrek und Alanka folgten ihnen. Auch wenn Marek keine Familie mehr in Kalindos hatte – seine Eltern waren vor mehr als einem Jahrzehnt gestorben, als er gerade zehn Jahre alt gewesen war –, zog sich sein Magen aus Angst um seine Mentorin, Kerza, zusammen. Die Eindringlinge würden auch eine alte Frau wie sie nicht verschont haben. Auch wenn sie statt der Geister von Menschen geschaffene Götter verehrten, verstanden die Nachfahren, wie Magie bei den Dorfbewohnern funktionierte. So erreichte sie zum Beispiel ihren Höhepunkt, wenn man Enkelkinder bekam.

Die Reiter bahnten sich ihren Weg durch das zerstörte Dorf und riefen dabei die Namen ihrer Angehörigen. Der Nebel verschluckte ihre Stimmen und alle Geräusche bis auf das dumpfe Klopfen der Hufe auf Piniennadeln. Nicht einmal das Zwitschern eines Spatzes oder das Rasseln eines Spechts antwortete auf ihr Rufen.

Elora holte sie ein. „Vielleicht konnten alle fliehen.“

„Nein“, flüsterte Rhia.

Die Otterfrau strich sich eine feuchte Strähne ihres aschblonden Haares hinter das Ohr und wandte sich dem Dorf vor ihnen zu. Sie kreischte noch einmal den Namen ihres Sohnes, doch ihre Stimme hallte ungehört von den Hügeln wider.

„Wartet.“ Rhia brachte das Pferd zum Stehen und bedeutete Marek, abzusteigen. Sobald er das getan hatte, ließ sie sich ebenfalls zu Boden gleiten und verschwand eilig zwischen den Bäumen. Marek reichte die Zügel an Elora weiter und folgte Rhia, so schnell seine Verletzung es ihm erlaubte. Erst als er einen Duft aufspürte, verstand er, wonach Rhia suchte.

Etwa hundert Schritte vom Pfad entfernt lag ein Soldat der Nachfahren an einen Busch Berglorbeer gelehnt, als hätte er beschlossen, sich etwas hinzusetzen und auszuruhen. Die Finger seiner linken Hand lagen um den Pfeil, der aus seiner Luftröhre ragte. Er starrte blicklos in das Laubdach des Waldes hinauf, aus dem ein ständiger Strom Tau auf seine Stirn tropfte.

Rhia kniete sich neben den toten Soldaten. Marek wollte ihm den Pfeil entreißen und ihn wieder und wieder in die leblose Gestalt des Mannes rammen.

Mit ruhiger Hand schloss sie dem Nachfahren die Augen. Marek verkniff sich einen Tadel für ihre humane Behandlung des Feindes. Diese Soldaten hätten für sie niemals das Gleiche getan. Aber sie konnte sich genauso wenig von einem Toten abwenden, wie sie aufhören konnte zu atmen.

„Wir sollten weitergehen“, sagte er. „Es muss noch andere geben.“

„Gibt es.“ Sie atmete tief ein und schloss die Augen – um das Gebet des Übergangs zu sprechen, daran hatte er keinen Zweifel.

Ein verzweifeltes Heulen drang aus dem Dorf.

Adrek.

„Geh.“ Rhia behielt die Augen geschlossen. „Ich bin hier noch nicht fertig.“

Marek zwang sein verletztes Bein dazu, zu laufen. Sein Bogen und sein Köcher mit Pfeilen schlugen ihm gegen die Schulterblätter, und er fragte sich, ob er sich schussbereit machen sollte, falls noch Gefahr in Kalindos lauerte. Dann schloss Morran sich Adreks Jaulen an. Es war kein Warn-, sondern ein Trauerschrei.

Marek rannte über den felsigen Untergrund und kämpfte gegen das Unterholz, das an seinem Hemd zerrte. Er folgte dem Klang der Schreie und erreichte schon bald die kleine Lichtung, auf der die Ponys angebunden waren.

Er blieb stehen und erstarrte, versuchte sich davon zu überzeugen, dass das, was dort vor ihm lag, real war. Der Morgennebel verbarg alles bis auf die drei leblosen Körper vor ihm.

Zwei Männer und eine Frau waren an die Pfosten des Gatters gebunden, ihre Kehlen aufgeschlitzt, die Hemden befleckt mit dem trüben Braun ihres getrockneten Blutes. Marek sträubten sich die Nackenhaare.

In einer Ecke des Gatters kniete Adrek zu Füßen eines vierten Leichnams mit einem breiten Schnitt im Bauch. Es war sein Vater.

Marek zwang seine eiskalten Füße dazu, sich zu bewegen, und ging um den Zaun herum. Aus dem Nebel tauchten weitere Körper auf, die an Pfosten gefesselt waren. Zilus, der Falke, Anführer des Dorfrates – tot, seine Kehle aufgeschlitzt. Seine Frau Dori – tot. Zwei weitere Mitglieder des Rates – tot. Alle Hingerichteten waren alt.

Elora stolperte an Marek vorbei, vielleicht auf der Suche nach einem Lebensfunken, den sie wieder zu einer Flamme entzünden konnte. Er suchte zwischen den Leichen seiner Nachbarn nach den langen weißen Haaren von Kerza.

Die Nachfahren hatten sich zuerst der mächtigsten Dorfbewohner entledigt. Aber wo waren die jungen Leute in seinem Alter? Wo waren die Kinder?

Zorn erwachte in seinem tiefsten Innern, als er den grotesken Anblick der Toten vor sich sah. Diese Menschen hatten ihn aufgezogen, hatten ihm beigebracht, wie man im gnadenlosen Bergwald überlebte. Er hatte geschworen, sie zu verteidigen. Stattdessen hatte er sie verlassen und die besten Krieger von Kalindos davon überzeugt, ihm nach Asermos zu folgen, um in einem Krieg zu kämpfen, der nicht der ihre war.

Einem Krieg, der jetzt zu ihm nach Hause gekommen war.

Rhia ignorierte das Seitenstechen auf ihrem Weg durch das Dorf. Gequälte Schreie erfüllten die Luft, aber sie alle stammten von den Lebenden. Krähes Schwingen konnte Rhia in ihren Gedanken nicht hören. Er hatte Kalindos schon vor Stunden überflogen und alles, was ihm gehörte, mit in sein Reich auf der anderen Seite genommen.

Sie zwang sich, nicht langsamer zu werden, je näher sie dem Gatter kam.

Elora trat aus dem Nebel auf sie zu. „Es ist nichts mehr übrig. Nichts für mich zu tun.“ Die Knie der Heilerin gaben nach, bis sie sich auf den Boden setzte und den Kopf in den Händen vergrub.

Als Rhia weiterlief, schloss sie sich in die gleiche Hülle ein, die sie schon während der Schlacht beschützt hatte. Nachdem so viele vor ihren Augen gestorben waren, wie konnte das hier schlimmer sein?

Doch es war schlimmer.

Die Ältesten der Kalindonier baumelten blass und bläulich von den hohen Pfosten des Gatters. Mit kalten Händen strich sie sich das Haar aus den Augen und untersuchte den Körper von Zilus. Seine Kehle war durchgeschnitten, aber an seinen Füßen war keine Blutlache, was bedeutete, dass man ihn an einem anderen Ort umgebracht und hierhergezerrt hatte, um ihn wie eine Trophäe aufzuhängen. Der Anblick drehte ihr den Magen um.

Ihre letzten Augenblicke mit dem alten Falken waren bitter gewesen, denn er hatte sich geweigert, ihrem Heimatdorf Asermos Hilfe zu schicken, als sie dringend nötig gewesen war. Ironischerweise waren jetzt genau die Kalindonier noch am Leben, die sich Zilus’ Erlass wiedersetzt und gegen die Nachfahren gekämpft hatten.

Nachdem sie das Gebet des Übergangs gesprochen hatte, trat Rhia an den nächsten Leichnam, einen männlichen Ältesten. Sie fragte sich, wie ihr Verstand diesen Anblick ertragen konnte, ohne zu zerbrechen. Ein weiterer „Segen“ der Krähe. Mit einigen geflüsterten Worten und einer Berührung der feuchten Stirn des Mannes, bei der sie nicht zurückzuckte, entließ sie eine weitere Seele in die Schwingen des Geistes.

Zwischen den klagenden Rufen der Neuverwaisten sprach jemand ihren Namen. Ruckartig kehrte sie in die wirkliche Welt zurück. Marek stand neben ihr. Er berührte ihren Arm. Sie zuckte zurück, und er überlegte es sich anders.

„Adreks Vater“, sagte er. „Auch der von Morran. Zwölf insgesamt. Jeder Kalindonier in der dritten Phase, bis auf Kerza, und sie ist nicht hier.“

„Wo sind die anderen?“, flüsterte sie und fürchtete sich vor der Antwort.

„Fort. Vielleicht sind sie geflohen, oder … warte.“ Er atmete tief durch die Nase ein. „Hier ist noch jemand am Leben.“

Beide blickten zum Stall, der sich innerhalb des Gatters befand. Er war groß genug für alle sieben kalindonischen Ponys, von denen sechs nach Asermos ausgeschickt worden waren. Ein Seil war an jeden der vier Eckpfosten des Gatters gebunden. Die Seile führten in den Stall und verschwanden unter der Tür. Plötzlich bewegte sich eines der Seile im Sand.

Rhia und Marek riefen laut um Hilfe und beeilten sich, die Stalltür zu öffnen. Alanka folgte ihnen. Die zwei Wölfe schossen vor Rhia in die Dunkelheit des Stalls. Sie blieben auf der Türschwelle stehen und warteten, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

„Das ist Thera“, rief Marek aus der mittleren Box.

Rhia trat vor. Der Hals der jungen Falkenfrau, ihre Handgelenke und die Fußgelenke waren mit den Seilen gefesselt, die zu den Pfosten vor dem Stall führten. Die Nachfahren hatten sie wie ein wildes Tier angebunden.

„Bringen wir sie hier raus“, sagte Marek sanft. „Thera, kannst du aufstehen?“

Rhia sah in die anderen Boxen und fand nichts bis auf das letzte Pony, das schnaubte und mit den Hufen scharrte, ängstlich aussah, aber sonst unverletzt schien. Marek trug Thera aus dem Stall und legte sie auf den Boden des Gatters. Die haselnussbraunen Augen der Frau starrten in die Ferne, ohne etwas zu sehen, und ihr schlaffes Gesicht schien wie tot. Und doch schlugen nirgendwo Krähenschwingen – die Quelle ihres Lebens war noch nicht versiegt.

„Thera!“ Einer der anderen Reiter, ein blonder Bär namens Ladek, kam mit Elora in den Stall geeilt. Sie knieten sich neben Thera. Elora legte eine Wasserblase an die Lippen des Mädchens, aber die Flüssigkeit tropfte nur an ihrem zitternden Kinn hinab.

Ladek nahm Thera in die Arme. Rhia erinnerte sich, dass er der Vater von Theras drei Monate altem Sohn war, der nirgends zu sehen war. Sie hoffte, die Falkenfrau hätte Antworten und würde in der Lage sein, sie auszusprechen.

Die junge Frau schien ihre Anwesenheit nicht zu bemerken, sie saß nur schlaff in den Armen ihres Partners, während Marek die Seile zerschnitt, die sie gefesselt hielten. Elora streichelte Theras schulterlanges dunkelrotes Haar.

„Kannst du uns sagen, was passiert ist?“, flüsterte die Heilerin. „Wo sind die anderen?“

Thera nickte mit abwesendem leerem Blick. Alle warteten gebannt auf ihre Geschichte, aber Thera nickte einfach nur weiter. Rhia ging auf, dass die Falkenfrau auf die Stimmen in ihrem Kopf lauschte.

„Gebt ihr Zeit, zu uns zurückzukommen“, sagte Rhia.

„Wir haben keine Zeit“, fuhr Adrek sie an. Er packte den Zaunpfahl neben der Leiche seines Vaters. „Sie weiß vielleicht, wo wir die anderen finden können, wenn sie entkommen sind, oder ob man sie mitgenommen hat. Wir müssen mit der Suche beginnen.“

„Er hat recht.“ Ladek nahm Theras Kinn zwischen seine breiten Finger und drehte ihr Gesicht seinem zu. „Wo ist Etarek?“, fragte er sanft, aber eindringlich. „Wo ist unser Sohn?“

Thera sprach nicht. Eine Träne rollte ihre Wange hinab auf seine Finger.

„Nein …“ Er zog sie fester an sich, auch wenn sie davon so wenig zu merken schien wie eine Puppe. „Ich hätte dich nie allein lassen dürfen.“

Rhia wandte sich Marek zu. Sie sahen einander schuldbewusst an, doch dann straffte er sich, trat an den Rand des Gatters und bekam einen entrückten Ausdruck.

Er atmete schnell tief ein. „Kerza!“

Der Schrei eines Säuglings ertönte. Einen Augenblick später erschien eine weißhaarige Gestalt zwischen den Bäumen. Theras Tante Kerza stolperte auf die Lichtung, ein Kind an die Brust gedrückt.

„Etarek!“ Thera versuchte aufzustehen, den wilden Blick auf ihren Sohn gerichtet.

Ladek sprang auf und rannte aus dem Gatter. Dabei riss er fast das Tor aus den Angeln. Er nahm Kerza den schreienden Säugling ab und zog ihn an sich, ehe er ihn Thera in die Arme legte. Sie stöhnte, als sie den Kopf des Kindes gegen ihre Schulter legte, und Tränen liefen ihr Gesicht herab.

Marek half Kerza, sich auf einen Baumstumpf vor dem Gatter zu setzen, und Rhia eilte auf sie zu und horchte auf das Rauschen der Krähenschwingen, das nicht kam. Die alte Frau war erschöpft, aber sie war stark.

„Sie sind gekommen“, erklärte Kerza keuchend, „im Schutz der Nacht. Unsere Späher haben Alarm geschlagen, aber es war nutzlos gegen so viele.“

„Wie viele?“, fragte Marek.

„Wenigstens tausend. Fast zehn von ihnen auf jeden von uns.“ Dankbar nahm sie einen Schluck von dem Wasser, das Rhia ihr reichte. „Ich wusste, dass ich nicht kämpfen konnte, und ich konnte nur einen tragen und verbergen. Keine Zeit, Nahrung oder Wasser zu besorgen oder ihn in eine Schlinge zu legen. Ich bin zurückgekommen, weil ich hoffte, die Soldaten wären fort. Konnte nicht zusehen, wie er in der Wildnis verhungert.“

„Du hast ihm das Leben gerettet“, sagte Marek.

„Was ist mit den anderen?“ Kerza setzte sich auf. Ihre dünne Haut rötete sich und wurde blass, als sie die schreckliche Szene vor sich erblickte. „Oh nein.“ Unsicher stand sie auf und trat einen Schritt auf das Gatter zu. „Das kann nicht wahr sein. In all den Jahren …“

„Bleib weg von mir!“

Rhia sah sich um und entdeckte, dass Thera Alanka wütend anstarrte, die zurückstolperte und eine Hand an ihre Wange legte, als wäre sie geohrfeigt worden. Kein Zweifel, sie erntete die Früchte des Betrugs ihres Vaters. Rhia betrat das Gatter und legte einen Arm um Alankas Taille, um sie zu trösten und zu zeigen, dass sie auf ihrer Seite war. Das Kinn des Wolfmädchens zitterte, und sie rieb es fest.

Elora streichelte Theras Haar. „Dein Kind ist in Sicherheit, und es geht ihm gut, nur ein bisschen dehydriert ist er, das ist alles.“ Sie hielt inne. „Kannst du uns sagen, was passiert ist? Fang an, wo du willst, aber wir müssen wissen, ob wir die anderen retten können.“

Thera erschauerte, atmete dann tief ein und wischte sich das Gesicht trocken. Nach einigen Augenblicken beruhigte sie sich, als sie in die Trance ihrer Erinnerung verfiel. Als Falkenfrau konnte sie sich an alles erinnern, was sie gesehen oder gehört hatte, ob sie es wollte oder nicht.

„Sie sind um Mitternacht gekommen“, sagte sie sachlich. „Unsere Späher haben Alarm geschlagen. Pumas und Rotluchse haben einige von ihnen erschossen, aber es waren zu viele. Wir haben uns ergeben. Sie haben uns alle auf der großen Lichtung zusammengetrieben, wo wir unsere Freudenfeuer entzünden. Sie haben die Ältesten genommen und ihnen die Kehlen durchgeschnitten. Wer sich gewehrt hat, wurde stattdessen in den Bauch gestochen. Und ist viel langsamer gestorben.“ Sie rasselte die Details herunter, als würde sie vom Wetter sprechen. „Wer sofort geheilt ist, so wie Orias der Schmetterling, bekam den Kopf eingeschlagen. Wir haben versucht, sie aufzuhalten, aber sie haben uns festgehalten.“

Thera hielt mit offenem Mund inne, als warte sie darauf, dass ihre Erinnerung sie einholte. „Sie haben die Leichen hierhergebracht und sie angebunden. Dann haben sie um einen Falken gebeten, der ihre Nachricht überbringt, und gesagt, alle anderen werden fortgebracht, also habe ich mich freiwillig gemeldet. Sie haben meine Erinnerung überprüft, damit ich nicht lüge, und mich dann angebunden. Die anderen – die Kinder, die jungen Leute, die Väter und Mütter – haben sie mitgenommen und zum Fluss geführt. Sie haben gesagt, sie bringen sie als Gefangene zurück nach Leukos.“

„Die weiße Stadt“, flüsterte Rhia. Neben ihr schauderte Alanka.

„Sie haben gesagt, das ist die Rache für unsere Hilfe bei Asermos“, fuhr Thera fort. „Sie hätten uns in Ruhe gelassen, wenn wir nicht Soldaten und Bogenschützen gesandt hätten, um sie dort zu schlagen.“

Eine eiskalte Faust schloss sich um Rhias Magen. Ihre schlimmsten Ängste hatten sich bestätigt. Diese Toten, diese Zerstörung, die Vernichtung von Kalindos – das alles war allein ihre Schuld.

„Das stimmt nicht“, sagte Alanka und neigte ihren Kopf dicht an Rhias Schulter. „Sie wären so oder so gekommen, egal ob sie gewonnen oder verloren hätten. Nichts hätte sie aufhalten können.“

Aber Rhia konnte spüren, wie die anderen sie verurteilten. Ihre Blicke lasteten wie schwere Steine auf ihr.

„Vielleicht konnten einige entkommen.“ Adrek nahm seinen Bogen und den Köcher mit Pfeilen. „Vielleicht haben die Nachfahren einige Gefangene aus den Augen verloren. Oder … oder vielleicht haben sie die zurückgelassen, die nicht Schritt halten konnten. Einige der Kinder …“ Sein wilder Blick wechselte von einem zum anderen. „Wir müssen sie suchen.“

Alanka war die Erste, die den Schock, den Theras Geschichte ausgelöst hatte, überwand. „Ich gehe.“ Sie verließ das Gatter und sprintete mit Adrek in den Wald.

Rhia drehte sich zu Marek um und deutete auf die Leichen, die um sie herumlagen. Sie mussten diesen grausamen Anblick beseitigen, ehe die anderen ankamen. Marek zog sein Messer und fasste nach dem Seil, das ihm am nächsten war. Sie sah hinab und bemerkte Blut, das durch Mareks Hosenbein sickerte.

Rhia sah zu Elora, deren Augen ebenfalls auf die wieder geöffnete Wunde gerichtet waren. Die Heilerin stand auf und ging auf Marek zu. „Wenigstens einem kann ich helfen“, murmelte sie.

Auf ihrem Weg aus dem Gatter wandte Rhia sich ein letztes Mal nach dem kleinen Etarek um, der still in den Armen seiner Mutter lag. Er war nach seinem Großvater benannt, dem ersten Opfer eines Krieges, der gerade erst begonnen hatte.

3. KAPITEL

Daria!“

Alanka ahmte Adreks Ruf nach seiner zwei Jahre alten Tochter nach, während sie durch den düsteren Wald rannten. Sie fügte die Namen der anderen kalindonischen Kinder hinzu, und die Erinnerung an jedes Gesicht versetzte ihr einen Stich der Reue. Ihr Vater hatte das alles angefangen. Er hatte mit den Nachfahren zusammengearbeitet, um ihren Angriff auf Asermos vorzubereiten. Wie hatte er wissen können, dass er dem Dorf, das er liebte, so viel Schmerz bereiten würde?

Nein. Wie hatte er es nicht wissen können?

Verzweifelt lauschte sie eventuellen Hinweisen auf die anderen, aber sie hörte nichts außer dem Geräusch ihrer Schritte und dem Blut, das ihr durch den Kopf rauschte.

Sie griff nach Adreks Arm und brachte ihn dazu, stehen zu bleiben. „Lass mich lauschen.“

Er gehorchte schwer atmend. Katzen waren Sprinter, rief sie sich selbst in Erinnerung und legte ihm eine Hand auf den Mund. „Schsch.“

Alanka schloss die Augen, um besser hören zu können. Ihr Puls, der an lange Läufe gewöhnt war, verlangsamte und beruhigte sich. In wenigen Augenblicken öffnete sich ihr die Welt des Dufts und des Klangs.

Sie filterte das ferne Rauschen des Flusses und das Flüstern der Pinienzweige heraus. Ein Eichhörnchen hüpfte durch das Geäst eines Baumes, und seine Krallen kratzten über die Borke, als es sich eilig versteckte. An seinem Duft konnte sie erkennen, dass es ein Weibchen war, das vor Kurzem Junge bekommen hatte.

Sie kniete sich auf den Waldboden und beugte das Gesicht tief bis auf die Erde. Der feuchte Dreck enthielt die Düfte von Menschen – so viele, dass sie keinen einzelnen ausmachen konnte. Viele trugen Schuhe aus Hirschleder, aber einige waren auch barfuß gewesen.

„Sie sind hier entlanggekommen.“ Sie ging in die Hocke und atmete tief ein. „Aber der Duft ist Stunden alt.“

„Wir wissen bereits, dass sie hier entlanggelaufen sind. Was wir in Erfahrung bringen müssen, ist, ob sie jetzt noch hier sind.“

„Nicht in diese Richtung.“ Sie zeigte nach rechts, neben dem Pfad gen Süden, woher der Wind wehte.

„Ich klettere.“ Adrek zog seine Mokassins aus und rannte auf eine Pinie zu, deren niedrigster Zweig mehr als dreimal so hoch hing, wie er selbst groß war.

Sie sah zu, wie seine schlanke Gestalt immer schneller wurde und seine langen Beine die Distanz in kürzerer Zeit zurücklegten, als sie zum Blinzeln brauchte. Elegant sprang er auf den untersten Ast. Alanka keuchte auf. Sie war sich sicher, er würde danebengreifen und zu Boden fallen, aber seine Hände packten den Ast so sicher, als hätte er daruntergestanden. Adrek streckte sich, um seine Hüften auf Höhe des Zweiges zu bringen. Er setzte einen Fuß auf den Ast und stellte sich dann gerade hin. Nur einen Finger hatte er an den Stamm gelegt, um das Gleichgewicht zu halten.

Er sah sich in der Umgebung um und rief: „Noch nichts. Ich klettere höher.“

Schnell sprang er hoch, um nach dem Stumpf eines Astes zu greifen, den Alanka nicht einmal sehen konnte, und benutzte dann seine bloßen Füße, um sich weiter am Stamm hochzuschieben, bis er seinen Arm um einen längeren Ast legen konnte. Sie sah ihm dabei zu, bis ihr der Nacken wehtat.

Schnell nahm sie Adreks Schuhe und trat näher an den Baum. Dabei hoffte sie, einen kurzen Blick auf seine immer kleiner werdende Gestalt im Laubdach des Waldes erhaschen zu können. Die Brise kam jetzt aus Osten, vom Fluss her.

Ein menschlicher Duft traf sie, zu stark, um nur von einem Fußabdruck zu stammen. Erneut schloss sie die Augen, um ihn von den anderen zu unterscheiden. Es war ein Kind. Weiblich?

Als sie sich umdrehte, um Adrek davon zu berichten, rief er: „Ich sehe was!“

Er rannte einen dünnen Ast entlang, der zu schmal für sein Gewicht war, und Alanka verspannte sich. Kurz bevor der Ast nachgab, sprang Adrek auf eine benachbarte Pinie. Er glitt den glatten Stamm hinab und ließ sich dann vom untersten Ast hängen. Adrek ließ los und landete neben Alanka auf dem Boden. „Ich habe Rosa gesehen.“ Er deutete auf den Fluss, schnappte sich dann seine Mokassins und zog sie eilig an. „Der Berglorbeer blüht nicht mehr, also muss es die Kleidung von irgendwem gewesen sein.“ Sein Gesicht war vor Anstrengung rot angelaufen.

„Ich habe aus der Richtung einen Menschen gerochen“, sagte sie, „vielleicht ein Mädchen.“

„Daria!“ Adrek rannte los.

Als Alanka ihn neben dem Pfad einholte, kniete er über einem kleinen rosa Fleck. Ihr brach der Schweiß aus.

Sie rannte zu ihm und merkte, dass er nur ein Nachthemd in der Hand hielt. Vorn in der Mitte war es braun beschmiert.

„Das gehört ihr. Der Fleck ist nur Matsch.“ Er stieß einen rasselnden Atemzug aus und stand auf. „Sie könnte überall sein.“

„Gib mir das.“ Alanka hielt sich das Hemd ans Gesicht und atmete den gleichen Duft ein wie vorher. Dann gab sie Adrek das Hemd zurück und trottete links vom Pfad in Richtung Norden. Als er folgte, sagte sie: „Das ist die einzige Richtung, aus der ich vorher keine Gerüche wahrnehmen konnte, wegen des Windes. Bleib zurück, damit ich nicht aus Versehen das Hemd rieche.“

Nach etwa hundert Schritten wurde ihr klar, dass es nichts nützte. „Nicht hier entlang. Und nicht nach Süden.“ Sie sah in Adreks Gesicht, das angespannt war vor verzweifelter Hoffnung. „Wir bewegen uns weiter in Richtung Fluss, und ich gehe vor und zurück, um zu sehen, ob sie den Pfad verlassen hat, aber …“

„Sie muss. Sie rennt immer davon.“ Seine Worte überschlugen sich beinah, so schnell sprach er jetzt. „Man dreht den Kopf, blinzelt zweimal, und sie ist verschwunden. So ist das in ihrem Alter, richtig?“ Er ließ den rosa Stoff durch die Finger gleiten. „Wahrscheinlich ist ihr das Hemd zu warm gewesen, sie hat gequengelt und ihre Mutter dazu gebracht, es ihr auszuziehen, und dann hat sie einen Hasen gesehen oder … oder eine Blume oder …“

Alanka legte eine Hand auf Adreks Arm. „Wir finden sie.“

Sie rannten los. Alanka schwenkte nach beiden Seiten vom Pfad ab und blieb dabei immer innerhalb des Kegels aus Duft, den das Mädchen hinterlassen hatte. Jetzt, da sie an dem Hemd riechen konnte, war es einfacher, die Spur des Mädchens zwischen den anderen Menschen herauszufiltern.

Aber die Mitte des Kegels wich nie vom Pfad ab. Alanka wusste, dass Adreks angestrengter Atem nicht nur von seinem Lauf durch das Gelände herrührte. Seine Sorge hatte ihren eigenen brennenden Duft.

Das Licht vor ihnen leuchtete heller, als die Bäume weniger dicht standen. Ihr brannte die Lunge, und innerhalb weniger Augenblicke brach sie aus dem Wald und tauchte in blendendes Sonnenlicht. Aufgeregt lief sie am Flussufer auf und ab und suchte nach einem Duft, der zur Seite schwenkte, einem Anzeichen auf eine Flucht in letzter Sekunde.

Nichts.

Adrek stolperte aus dem Wald und ließ sich auf Hände und Knie in den Schlamm sinken. Er hustete mehrere Male und sah dann zu Alanka auf.

Sie ging zu ihm. „Es tut mir leid.“

„Nein …“ Mit matschbeschmierten Händen raufte er sich die Haare, als wollte er sie an den Wurzeln ausreißen. Alanka legte ihm einen Arm um die Schultern, die ganz feucht vor Schweiß und Tau waren, der aus den Bäumen tropfte. Wieder und wieder rief er den Namen seiner Tochter, als könne seine Stimme das Kind zu ihm zurückholen.

„Wir finden sie“, murmelte Alanka. „Wir haben die Nachfahren schon einmal geschlagen – wir können es wieder tun.“

„Nicht auf ihrem Gebiet. Wir wissen nicht mal, ob sie in der Stadt festgehalten wird. Sie könnte …“ Er stockte. „Sie könnte verkauft werden.“

Alanka erschauerte. „Ich schwöre auf meinen Geist, Adrek, eines Tages werden sie bereuen, uns je begegnet zu sein.“

Behutsam legte Rhia eine Decke über die Leiche des letzten Ältesten, den sie von den Pfosten im Gatter befreit hatten. Ihre Brust schmerzte beim Anblick des bleichen faltigen Gesichts der Frau. Auch wenn Rhia Menschen, die sie seit ihrer Kindheit kannte, auf dem Schlachtfeld in Asermos hatte fallen sehen, traf der Anblick dieser Toten sie noch mehr. So viel Weisheit und Macht waren für immer dahin.

Die Stimmen der Toten flüsterten noch. Jetzt wusste sie, dass sie zu denen gehörten, die hier umgekommen waren. Beinah war sie froh, dass sie die Worte nicht verstand – sicher machten sie ihr Vorwürfe.

Marek brachte eine Wasserblase und legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Wie geht es dir?“

Mit einem Tuch wischte sie sich den Schweiß unter den Augen weg. „Ich fühle mich verantwortlich.“

„Du hast deine Heimat beschützt. Es war die Wahl der Nachfahren, zu töten. Du hast ihnen die Schwerter nicht in die Hand gelegt.“

„Ich habe ihnen die Zielscheiben aufgestellt.“

Marek ließ seinen Blick nach rechts wandern und stöhnte auf. „Sie kommen!“

Ein Schauer der Panik erfasste Rhia. „Die Nachfahren? Schon wieder?“

„Nein.“ Er verzog das Gesicht.

Aus dem Unterholz trat raschelnd eine Schar Wölfe hervor, die unter dem Gewicht der kleinen Kinder, die sie mit sich trugen, stolperten.

Gemeinsam mit den anderen rannte Rhia auf die Frauen und Männer zu – allesamt Wölfe in der zweiten Phase, die wie Marek eine andere Person mit ihrer nächtlichen Unsichtbarkeit umhüllen konnten –, um sie zu umarmen. Zehn waren entkommen, als die Nachfahren eingefallen waren, und zwar auf die gleiche Art wie Kerza. Jeder von ihnen hatte ein Kind mit sich getragen, um es zu schützen.

Rhia half Elora dabei, den wiedergekehrten Wölfen und den Kindern Wasser und Nahrung auszuteilen. Die Erwachsenen versuchten ihre Trauer wegen der Jüngsten zu ersticken, die eher benommen als verängstigt schienen. Die meisten von ihnen waren zu klein, um zu begreifen, was geschehen war. Rhia beneidete sie fast darum.

Nicht lange nachdem die Wölfe zurückgekehrt waren, kamen ihre Mentorin Coranna und die anderen unverwundeten Kalindonier zu Fuß an. Coranna näherte sich Rhia am Tor des Gatters. Ihre blassblauen Augen waren leer vor Schreck. Die meisten ihrer langen silbernen Haare hatten sich aus dem Zopf gelöst, statt ihrer üblichen eleganten Schritte stolperte sie nur noch.

Rhia umarmte sie. Corannas dürre Arme zitterten, und schnell löste sie sich von Rhia und blinzelte kräftig. „Hast du das Gebet des Übergangs für alle gesprochen?“

Rhia nickte.

Coranna stolperte an ihr vorbei, um sich auf einen nahen Baumstumpf sinken zu lassen. Nach einem Augenblick setzte sie sich gerader hin und rieb sich mit den Handballen die Schläfen. „Ich ruhe mich nur einen Augenblick aus, dann holen wir uns Hilfe, um die Leichen zum Scheiterhaufen zu bringen.“

Gut, dachte Rhia. Immer in Bewegung, nützlich bleiben. „Wie sollen wir so viele auf einmal verbrennen?“, fragte sie Coranna. „Es gibt nicht genug trockenes Holz für zwölf Begräbnisse.“

„Wir verbrennen mehrere auf einmal und halten die Zeremonien abseits des Scheiterhaufens ab. Jeder von ihnen sollte sein eigenes Begräbnis bekommen, besonders da sie …“ Ihre Stimme brach, und Rhia wartete ab, ob sie die Fassung verlieren würde. Diese Menschen waren Corannas engste Freunde gewesen. Sie und Kerza waren die einzig verbliebenen Ältesten.

Coranna atmete tief ein und presste die Lippen aufeinander, als wollte sie die aufbrausenden Gefühle in sich einschließen. „Wir halten die Rituale ab, sobald der Rest aus Asermos angekommen ist.“

Rhia hatte die Verwundeten und ihre Pfleger fast vergessen. Noch einmal würde sich die Szene der Entdeckung und der Trauer abspielen. Der Gedanke daran machte ihr das Herz schwer.

„Warum hassen sie uns so sehr?“, hörte sie sich selbst sagen. Als Coranna nicht antwortete, fuhr sie fort: „Ich kann fast verstehen, wieso sie in Asermos eingefallen sind. Dort sind die Ländereien fruchtbar. Aber hier …“ Sie hob eine zitternde Hand in Richtung der eingehüllten Leichen. „Was sie diesen Männern und Frauen angetan haben, das ist …“ Sie verstummte. Jeder Versuch, diese Ungeheuerlichkeit zu beschreiben, klang kläglich.

„Ich habe so etwas noch nie erlebt“, sagte Coranna. „Ich habe es mir nicht mal vorstellen können.“

„Wo waren die Geister? Warum haben sie Kalindos nicht beschützt?“

„Ich verstehe deine Verbitterung“, antwortete Coranna, „aber es ist nicht an den Geistern, die Probleme der Menschen zu lösen. Du bist alt genug, um das zu wissen.“

„Ich will nicht, dass sie unsere Probleme lösen. Aber ein bisschen Hilfe wäre schön.“

„Vielleicht ist das alles Teil des Plans.“

„Dann ist es ein schlechter Plan.“

Coranna seufzte. „Sag das Krähe.“

„Das werde ich.“ Sie wünschte sich, sie könnte hier und jetzt mit ihm in Verbindung treten, sofort, ohne auf eine Vision oder einen Traum warten zu müssen. Aber die Geister konnte man nicht wie Hunde zu sich rufen.

Ein leises Krächzen erklang in einem Baum über ihnen. Rhia sah auf und bemerkte einen Raben, der zu ihnen herabsah. Sie stand auf, bereit, den Vogel von den Leichen wegzuscheuchen, sollte er noch näher kommen.

Coranna berührte ihren Ellenbogen. „Er hat etwas.“

Der Rabe neigte den Kopf zur Seite und zeigte dabei das glänzende silberne Objekt in seinem Schnabel. Er streckte den Hals aus und öffnete den Schnabel. Das Ding fiel vor Rhia auf den Boden.

Sie hob auf, was wie ein großer flacher Knopf aussah. Auf ihm befand sich eine Insignie in Form der Sonne, mit kleinen Zeichen auf beiden Seiten.

„Muss von einem der Soldaten sein“, sagte Coranna.

In Rhia formte sich eine Idee. Sie umklammerte den Knopf und sah zu dem Raben hinauf. „Danke.“

Jemand rief ihren Namen. Alanka kam auf sie zu, in weitem Bogen an den Leichen vorbei. Der bittere Zug um ihren Mund verriet Rhia die wenig willkommenen Neuigkeiten: Sie hatten auf dem Weg zum Fluss keine Kalindonier gefunden.

Schnell ging sie auf Alanka zu. „Ich habe eine Idee.“

„Unsere Boote sind verschwunden, selbst die Kanus, also können wir ihnen nicht folgen. Adrek und ich gehen nach Asermos, um einen Rettungstrupp zusammenzustellen.“

„Du bist mir einen Schritt voraus.“ Rhia zeigte Alanka den Knopf. „Benutz den hier. Er gehört den Eindringlingen, also kann man ihn vielleicht in einen bestimmten Teil von Leukos zurückverfolgen. Vielleicht werden die Gefangenen zuerst dorthin gebracht. Es ist nicht viel, aber es ist ein Anfang.“

Alanka betrachtete den Knopf. „Besser, als blind zu gehen.“

Rhia dachte an den toten Nachfahren in den Wäldern, dessen Seele sie Krähe übergeben hatte. „Wir sagen allen, sie sollen das Dorf nach Teilen der Uniformen der Eindringlinge durchsuchen. Je mehr Hinweise wir haben, desto besser.“

„Und es ist eine bessere Beschäftigung, als zu weinen.“ Alanka steckte den Knopf in ihre Tasche. „Wir brechen auf, sobald die Pferde bereit sind, spätestens vor Einbruch der Dämmerung. Drenis und Ladek wollen mitkommen. Vielleicht auch Morran.“

Das Sausen einer geschärften Klinge lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Morran und Adrek, die nebeneinander zu Füßen der Leichen ihrer Väter knieten. Beide Katzen starrten geradeaus, die Hände zu Fäusten geballt. Endrus machte sich bereit, ihnen die Haare als Zeichen der Trauer zu scheren.

„Jetzt sind wir alle Waisen.“ Alanka strich mit den Fingern über die Spitzen ihrer eigenen kurzen schwarzen Locken. „Zeit, erwachsen zu werden.“

Ja. Ob wir dazu bereit sind oder nicht, dachte Rhia.

4. KAPITEL

Die Dunkelheit lichtete sich, als Filip die Schreie hörte. Ein dichter grauer Gedankennebel löste sich auf. Ein Mann lag im Sterben. Schmerz und Angst durchschnitten das Kreischen, doch Filip fand keines dieser Gefühle in sich selbst. Die Götter hatten ihn mit dem Nebel gesegnet.

Andere Stimmen vermischten sich mit der des Schreienden und riefen etwas über Atmen oder Nichtatmen. Ein gelbes Leuchten strahlte wie eine Kugel Sonnenlicht in der Nacht.

Der Nebel schloss ihn ein und dämpfte die Geräusche.

Als Filip wieder erwachte, drang Licht durch die nahen Fenster. Die Vögel zwitscherten. Er wollte wieder schlafen, wusste jedoch nicht, warum. Irgendetwas wartete dort auf ihn. Etwas Gutes.

Von seiner Rechten kam das Geräusch angestrengten Atmens. Der Mann war nicht gestorben, noch nicht. Sie waren allein.

„Wach?“, flüsterte Filip. „Wer bist du?“

Der Atem veränderte seinen Rhythmus und wurde zu einem Pfeifen. „G…g…“ Der Mann schien sich an seinem eigenen Namen zu verschlucken.

„Schon gut. Schlaf.“

Filip versuchte die Finger zu bewegen. Als er sie über die Decke wandern ließ, um nach seiner Hüfte zu tasten, entfachte die leichte Berührung ein Jucken, das überall war, überall und nirgends zugleich. Als er sich die Nase kratzte, fühlte sich die Haut dort gummiartig an, als lägen die Nerven tief darunter.

Taub. Gut.

Wieder Dunkelheit.

In seinen Träumen rannte er – manchmal über Felder, aber noch öfter durch Seitenstraßen und über Märkte –, auf dem Weg nach Hause, um noch rechtzeitig zum Abendessen zu kommen und den Striemen zu vermeiden, oder im Wettkampf mit seinem Bruder von einem Ende des Letusparks zum anderen. Der Verlierer bekommt einen Schlag auf den Arm.

Was war vor dem Nebel gewesen? Feuer, erinnerte er sich. Ein Fieber in ihm, das die linke Seite seines Körpers emporstieg. Dann kam das kühle feuchte Tuch, das herrliche Erleichterung brachte, und dann …

Er war wach, kannte seinen Namen und wusste, dass er eine weiße Decke mit hölzernen Balken anstarrte. Er wusste, dass sein älterer Bruder mit dem Gesicht nach unten in einer Lache aus Blut und Galle gestorben war, doch die Erinnerung daran versetzte ihm keinen so stechenden Schmerz wie zuvor. Ein Mantel aus etwas, das Opium sein musste, verhüllte seine Gefühle.

Sein linker Fuß juckte. Ein großes Gewicht auf seiner Brust schien ihn davon abzuhalten, sich vorzubeugen, um sich zu kratzen, also neigte er seinen rechten Fuß, um die juckende Stelle zu erreichen.

Sie war nicht da. Warum? Die Neugierde folgte ihm in seine Träume. Er rannte.

In der Nacht starb der andere Mann im Schlaf. In einem Augenblick atmete er noch – im nächsten nicht mehr. Filip wusste, er sollte rufen, um jemanden zu verständigen, aber seine Kehle war zu trocken, um mehr als ein Flüstern auszustoßen. Stattdessen lag er da und wunderte sich darüber, wie einer, der sich so kraftvoll gewehrt hatte, sein Leben so friedlich beenden konnte, wie ein altes Pferd, das sich auf die Weide legte.

Wieder Schlaf, und als er aufwachte, war der Mann verschwunden. Filips Magen knurrte, auch eine Art Widerstand gegen den Tod.

„Wach, wie ich sehe“, sagte eine Frauenstimme von dort aus, wo er eine Tür vermutete. Er erinnerte sich wieder, das war Zelia, die asermonische Heilerin, die ihn nach der Schlacht behandelt hatte.

Die Schlacht.

„Ich bringe dir gleich Frühstück“, sagte sie, „aber erst muss ich dir etwas sagen. Etwas sehr Ernstes.“

Filips Gedanken wurden von Erinnerungen an Schmerz und Fieber durchflutet – und den Ort, von dem sie kamen.

„Nein …“, sagte er, und seine Stimme klang wie die eines Kindes.

„Du wirst es überleben.“ Ein verschwommenes Gesicht, eingerahmt von lockeren graubraunen Haarsträhnen, tauchte über ihm auf.

Nur mühsam gelang es ihm, sein rechtes Bein anzuwinkeln.

Er begann zu zittern. „Ihr hättet mich sterben lassen sollen.“ Die Decke fest umklammert, stieß er hervor: „Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?“

„Du wärst nicht mehr am Leben, wenn dein Geist nicht wollte, dass du bleibst. Ich habe schon stärkere Männer als dich aufgeben sehen.“

„Wie ihn?“ Er deutete nach rechts. „Warum konntet ihr ihn nicht retten?“

„Er hat einen Schwertstoß in den Bauch abbekommen. Er war zu schwer verletzt, um wieder zu genesen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sterben musste.“

„Warum konntet ihr nicht eure tolle Magie benutzen, um ihn zu retten? Warum konntet ihr keine Magie benutzen, um das zu retten?“ Er riss sich die Decke vom Leib und legte den vernarbten Stumpf frei. Das war alles, was von seinem linken Bein unterhalb des Knies geblieben war. Er starrte die Monstrosität an, die von grotesken schwarzen Stichen überzogen war, die wie riesige Spinnen aussahen. Er starrte sie an, als gehöre sie zu jemandem anders, jemandem, den er auf der Straße bespucken würde. „Wo waren eure Geister?“, flüsterte er.

Zelia hob die Decke vom Boden auf und hielt sie fest. „Ich versichere dir, ich habe getan, was ich konnte. Mit Otters Hilfe.“ Sie fasste nach dem kleinen geschnitzten Otter, der um ihren Hals hing.

„Nicht so viel, wie du für einen Angehörigen deines Volkes getan hättest.“ Er konnte ihr keine Vorwürfe machen, das Leben des Feindes war nicht viel wert. „Dein Ottergeist ist entweder schwach oder rachsüchtig. Oder beides.“ Genau wie unsere Götter, dachte er bei sich.

„Otter liebt alle Menschen, die unter seinem Schutz stehen, auf die gleiche Weise.“ Zelia senkte die Lider. „Ich wünschte, ich könnte das Gleiche von mir behaupten.“

„Was meinst du damit?“, fragte er, auch wenn er es sich denken konnte.

„Dein Volk ist verantwortlich für den Tod meines Neffen, meines ersten Vetters mütterlicherseits, meines zweiten Vetters väterlicherseits, meines Schwagers, meines Nachbarn zwei Türen weiter, des ältesten Sohnes meiner besten Freundin … Soll ich fortfahren?“

Er riss seinen Blick von ihren harten Gesichtszügen los. „Ich habe in dieser Schlacht niemanden getötet. Ich war es nicht.“

Sie beugte sich vor. „Ich habe auch niemanden umgebracht. Denk daran, mein Junge, ehe du mir Pfusch vorwirfst, und vielleicht können wir uns dann so lange gut verstehen, bis du gehen kannst.“

„Gehen?“ Er riss ihr die Decke aus den Händen und bedeckte sich damit. Eine schmutzige blonde Locke fiel ihm in die Augen. „Ich werde nie wieder gehen.“

„Das ist nicht wahr. Wir können dir einen Ersatz aus Stahl und Leder anpassen. Wenn du dich entschließen solltest zu bleiben.“

Entschließen zu bleiben? Eine Leere, so weit wie das Meer, tat sich in ihm auf. Alles, was er kannte, alles, was er war, hatte man ihm innerhalb eines Augenblickes entrissen.

Er konnte niemals nach Hause zurückkehren.

Im Nachbarzimmer knallte eine Tür. Schwere Schritte hallten über den hölzernen Boden, und Filip wurde wachsam.

Ein schlaksiger junger Mann mit sandblonden Haaren trampelte in sein Zimmer. „Bist du einer von denen?“

Zelia stand zwischen Bett und Tür, die Arme über der Brust verschränkt. „Und wer bist du, hier ohne meine Erlaubnis hereinzuplatzen?“

„Das ist das Krankenhaus der Nachfahren, richtig? Also muss er einer von denen sein.“ Die dünnen Lippen des Mannes verzogen sich, als er Filip ansah, dem plötzlich klar wurde, wie sehr ihn das Opium geschwächt hatte.

„Sie haben hier Zuflucht“, sagte Zelia, „bis Galen und der Rest des Rates beschließen, was wir mit ihnen machen.“

„Wie wäre es damit – wir binden ihnen Steine an die Knöchel und werfen sie in den Fluss.“

„Und wer bist du?“

„Adrek der Puma. Ich komme aus Kalindos, um Bericht von der letzten Gräueltat der Nachfahren zu überbringen.“

Schon wieder dieser Name – Nachfahren. Filip sehnte sich nach einem Dolch, um dem Mann das Wort aus der Kehle zu schneiden.

Zelia stemmte die Hände in ihre Hüften. „Du bist hier falsch, Adrek. Du solltest Galen Bericht erstatten.“

„Das habe ich. Er hat mir gesagt, du hältst den Feind hier versteckt und dass ich mit einem von denen reden kann.“

„Ich verstecke den Feind nicht, ich behandle Patienten.“ Sie stellte sich breitbeiniger vor Filips Bett auf, um ihn zu schützen.

Adrek betrachtete sie ernst. „Sie sind vor vier Nächten nach Kalindos gekommen. Haben unsere Ältesten getötet. Haben meinen Vater getötet. Haben alle anderen entführt.“ Nur mühsam konnte er sich beherrschen. „Einhundertsiebzig Menschen, verschwunden, mitten in der Nacht.“

Filip brannte das Gesicht, und das wegen seines Fiebers. Er hatte von Kalindos gehört – die Aufklärer seiner Armee hatten es als winziges wertloses Dorf im Wald beschrieben, das kaum Verteidigung brauchte. Es gab nichts zu erobern, nichts zu stehlen. Nichts als Menschen. Filips Kommandant war so brutal, wie er unfähig war, und hatte jetzt ganz Ilios Scham und Unehre bereitet.

Zelia sah beide Männer erstaunt an, und dann wandte sie sich an Adrek. „Warum sollten die Nachfahren euer Dorf angreifen?“

„Weil wir euch geholfen haben, die Schlacht gegen sie zu gewinnen. Wie sich herausstellte, war das ein großer Fehler.“

„Wie dem auch sei, ich lasse nicht zu, dass du einem meiner Patienten schadest.“

Filip wollte fast lachen. Sie konnte diesen Adrek nicht davon abhalten, ihn umzubringen, und sie sollte es auch nicht versuchen. Lieber durch die Hand des Feindes sterben als mit einundzwanzig wie ein alter Mann leben.

Adrek umrundete Zelia und zog einen kleinen Lederbeutel hervor. Ehe sie ihn aufhalten konnte, hatte er ihn auf Filip ausgeleert. Mehrere kleine Metallstücke rollten auf den Boden. „Was sind das für Dinger?“

Er musste seine Hand zwingen, nicht zu zittern, als er das steife gelbrote Band nahm, das auf seiner Brust lag. Es schien wie ein Andenken an eine längst verlorene Welt. „Das ist nichts“, flüsterte er.

„Nichts?“ Adrek sammelte die Teile auf, die auf den Boden gefallen waren, und warf sie Filip in den Schoß. „Dein Volk hat sie verloren, als es die Bewohner meines Dorfes abgeschlachtet hat. Die gehören an Uniformen, richtig? Sie sind nicht nichts.“

„So habe ich es nicht gemeint.“ Subtilität war nicht die Stärke von diesem Kerl. „Ja, du hast recht. Sie zeigen Rang und Ehre an, und“, er schloss die Finger um das Band, obwohl er es am liebsten weggeworfen hätte, „sie zeigen, wohin man gehört.“

„Also, wo gehören sie hin? Wo können wir sie finden?“

Filip sah sich die Medaillen und Rangabzeichen an, bis er einen silbernen Knopf von der Art fand, wie sie außen an den Ärmeln der Soldaten verwendet wurden. „Zweites Bataillon.“ Verächtlich verzog er das Gesicht. „Nicht meines.“ Er warf das Band zu Adrek, der es aus der Luft fing.

„Aber du weißt, wo sie stationiert sind, richtig?“, wollte er wissen.

Filip wandte den Kopf ab und sagte nichts.

„Sie haben meine Tochter entführt …“ Adreks Stimme brach. „Wo ist sie?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Du weißt, woher diese Soldaten stammen.“

„Irgendwo aus der Nähe von Leukos.“

„Das weiß ich bereits! Woher genau?“

Filip starrte eine Spinnwebe an der Decke an. „Ich war im ersten Bataillon. Wir hätten uns nicht um wehrlose unwichtige Kreaturen wie euch geschert.“

Adrek hielt den Knopf hoch. „Diese Männer haben sich geschert. Wo sind sie stationiert?“

Filip rieb das Abzeichen zwischen seinen Fingern und überlegte sich, wie wenig Ehre ihm noch blieb. „Östlich von Leukos, nicht weit von dort. Aber sie werden die Gefangenen in die Stadt bringen und ihnen dort den Prozess machen. Vielleicht bringt man sie überhaupt nicht ins Lager.“

„Was machen sie mit ihr?“

Filip brauchte einen Augenblick, um sich zu erinnern, von wem Adrek sprach. „Wie alt ist deine Tochter?“

„Kaum zwei Jahre.“ Seine Kiefermuskeln spannten sich an und traten hervor. „Sie würden sie nicht von ihrer Mutter fortnehmen, oder?“

Er sah Adreks Hände an, die steifen Finger, die sich öffneten und schlossen, und fragte sich, was es brauchte, damit er sie um seinen Hals schloss. Trotz der Schlankheit des Mannes waren seine nackten Arme muskulös – vielleicht konnte er Filip den Hals brechen, ehe es Zelia gelang, Hilfe zu holen.

„Sie ist entwöhnt“, sagte Filip, „also, ja, sie werden sie so schnell wie möglich trennen. Wenn sie Glück hat, sich gut benimmt und ausreichend niedlich ist, dann verkauft man sie an ein unfruchtbares reiches Paar, das sie als ihr eigenes Kind aufzieht. Sie wird zu jung sein, um sich an ihr früheres Leben zu erinnern, und in dem Glauben aufwachsen, selbst aus Ilios zu stammen.“ Er hielt inne und wartete, bis Adrek nach einer anderen Möglichkeit fragte.

„Was, wenn sie kein Glück hat?“

„Kommt darauf an, wie hübsch sie wird. Wenn sie nett aussieht, dann erziehen sie sie vielleicht zur Haussklavin oder zu einer …“ Aus Mitleid, das er selbst nicht verstand, beendete er den Satz nicht. Der Gedanke an die Kinder, die sich in den teuren Bordellen von Leukos scharten, drehte ihm den Magen um. „Wenn sie allerdings eher grobschlächtig wird“, Filip ließ seinen Blick abschätzig über Adrek wandern, „was mir wahrscheinlicher vorkommt, dann geht es in die Felder oder noch wahrscheinlicher in die Minen.“

„Minen?“ Adrek sah aus, als müsse er sich bald übergeben.

„Kinder können in schmalere Öffnungen kriechen als Erwachsene. Und sie essen weniger, also sind sie im Unterhalt günstiger. Das Beste ist, dass sie weniger Platz in den Begräbnislöchern einnehmen.“

Adrek blinzelte. „Den was?“

„Einzelgräber wären zu arbeitsintensiv, also benutzen sie große Löcher für die Sklaven.“ Er sah dem Mann tief in die Augen. „Mit den anderen Tieren zusammen.“

Adrek brüllte auf und packte Filip am Hals. Filip zwang seine eigenen Hände, sich in die Decke zu krallen, statt sich gegen ihn zu wehren. Seine rechte Schulter pochte – von einer Schusswunde, an die er sich gerade erst wieder erinnerte.

Adrek würgte ihn und schlug seinen Kopf gegen das Kissen, während Zelia schrie und versuchte, ihn fortzuziehen. Als der Schmerz durch seinen Hals fuhr, wurde Filip klar, dass der andere Mann nicht wusste, wie man einen Menschen umbrachte. Sein Tod würde nicht schnell kommen.

Instinkt siegte über Ehrgefühl. Filips Körper bäumte sich auf. Seine rechte Hacke grub sich in die Matratze, und die Überreste seiner linken Wade rutschten und wanden sich. Die Stiche lösten sich, und er betete, dass die warme Flüssigkeit unter seinen Beinen nur Blut war. Doch eine gewisse Dringlichkeit hielt ihn davon ab, seinen Gegner ebenfalls am Hals zu packen.

Speichel tropfte auf sein Gesicht, als Adrek unzusammenhängend brüllte. Daumen zerquetschten Filips Luftröhre.

„Adrek!“, rief eine Frauenstimme, die zu jung klang, um zu Zelia zu gehören. „Was machst du da?“ Filip konnte sie durch die tanzenden schwarzen Kreise vor seinen Augen hindurch nicht sehen. Die Stimme kam näher. „Er ist ein Kriegsgefangener. Du kommst dafür ins Gefängnis.“

„Ist mir egal“, schrie Adrek.

„Das wird es dir nicht mehr sein, wenn Daria zurückkommt.“ Die Frau atmete schwer, und Filip spürte, wie zwei ...

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