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Die Toten von Paris

Über das Buch

Paris, 1944. Der junge Inspektor Jean Ricolet wird zur Verstärkung nach Paris versetzt, denn dort sind nach der Befreiung von den Nationalsozialisten »saubere« Polizisten Mangelware. In seinem ersten Fall geht es um einen ermordeten Nazi namens Paul Henkmann, einst Leiter des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg und verantwortlich für die Delegation der Raubkunst. Ricolets Ermittlungen führen ihn zu der Kunststudentin Pauline Drucat, die für Henkmann arbeitete, doch heimlich für die Résistance aktiv war. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit – und folgen damit auch der Spur eines ganz besonderen Gemäldes …

Über die Autorin

Michelle Cordier ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die schon Romane in unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht hat, unter anderem Krimis, historische Romane und Romane. Ihre Geschichten spielen bevorzugt in Frankreich, wo sich die Autorin besonders gut auskennt. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Nordrhein-Westfalen am nördlichen Rand des Sauerlandes.

Michelle Cordier

DIE TOTEN
VON PARIS

Kriminalroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel 1

7. August 1944

Vor dem Eingang des Hotels blieben sie stehen. Die Leuchtreklame war nicht eingeschaltet, und die Straßenlampe trug eine dunkle Haube. Pauline konnte sich immer noch nicht an das Verdunklungsgebot gewöhnen. Die laue, fast tropische Nacht und der mondhelle Augusthimmel täuschten sommerliche Unbeschwertheit vor. Doch in Wirklichkeit war Paris grau, schäbig, ermattet und erstarrt. Es fühlte sich an, als schwitze die Stadt ihr Leiden aus, was auch an der immer noch ölschwangeren Luft liegen konnte, die das heutige Bombardement der Alliierten auf die Fabriken in Saint Ouen hinterlassen hatte. Pauline seufzte. Sie fühlte sich nicht besser als Paris.

»Kommst du heute mit hinein?«

Da war sie, die Frage. Sie zwang sich zu lächeln. Schon einmal hatte sie seine Aufforderung mit einer Ausrede abgelehnt. Es war keine Einbildung, dass seine Stimme dieses Mal die Nuance eines Befehls in sich trug.

»Ja.«

Er erwiderte das Lächeln, feine Lachfältchen legten sich um seine Augen. Nein, er war nicht direkt abstoßend, obwohl er ein verdammter Nazi war. Paul Henkmann – ja, sie waren Namensvettern – war ein großer boche, kräftig und athletisch zugleich. Das etwas zu große Gesicht wurde von schönen Augen dominiert. Er war elegant angezogen und roch gut, durchaus. Es war eher das Unvermeidliche, was ihr Angst machte, der Gedanke an die Unausweichlichkeit, den sie immer wieder von sich geschoben hatte.

»Gehen wir.«

Sie durchquerten die dämmrige Lobby des Hotels am Boulevard de la Chapelle, und als die Eingangstür hinter ihr zuschlug, musste sie ein Zittern unterdrücken. Der Nachtportier schnellte hoch wie ein Springteufel, salutierte vorsichtshalber und ließ sich langsam wieder auf seinen Stuhl hinter dem Tresen sinken, denn Paul ging vorbei, ohne ihn anzusehen. Sie verkniff sich, dem Mann einen hilfesuchenden Blick zuzuwerfen, als wäre er das einzige menschliche Wesen in Paris, das ihr Leid verstand.

Sie folgte Paul die Treppen hinauf und hoffte, dass das Wasser nicht abgestellt war, sie hätte danach gern gebadet. Doch in diesem kleinen Hotel würde wohl nur die gefüllte Kanne neben einer Schüssel stehen.

Ihre Schuhe klapperten auf den Treppen, dann der Schlüssel im Schloss. Im muffig riechenden Zimmer zog sie ihre Handschuhe aus, nahm den kleinen Hut vom Haar und warf ihn auf die Kommode, neben die Emailleschüssel. Paul hängte sein Jackett auf, lockerte die Krawatte und wandte sich einer Kognakflasche zu, was sie an ihren Großvater erinnerte. Er hatte Kognak geliebt.

»Mademoiselle Drucat …«, sagte er neckend und hielt ihr ein Glas entgegen.

»Monsieur Henkmann …«, gab sie zurück und zuckte ein wenig zusammen, als sein Finger über Kragen und Knopfleiste ihrer Bluse glitt, die unter dem Kostüm zu sehen war. Sie trank einen Schluck, der ihr noch mehr Hitze bereitete, als sie ohnehin bereits fühlte, aber keinen Trost, nicht einmal eine leise Gleichgültigkeit.

Es gab jetzt kein Zurück mehr. Sie musste mit ihm ins Bett, wenn sie nicht auffliegen wollte. Sie hatte alles geplant und eingeleitet, nun musste sie die Täuschung so lange wie möglich aufrechterhalten. Sie zog das Kostüm aus, Jacke, Rock, nur schnell jetzt, sie wollte es hinter sich bringen. Paul riss die Krawatte weg, warf sein Hemd auf den Boden, dazu das schneeweiße Unterhemd aus Baumwolle. Sein Oberkörper war durchaus ansehnlich. Nicht, dass es etwas an ihrem Widerwillen geändert hätte, schon gar nicht, da er sich jetzt auf sie stürzte und sie auf das Bett drückte. Seine Hände schoben sich unter den Strumpfhalter, sie fummelte hektisch an ihm herum, um ihn zu lösen. Er durfte nicht zerrissen werden, es gab in den Läden keinen einzigen Strumpfhalter mehr zu kaufen. Und auch keine Strümpfe.

»Warte, Cherie«, schmeichelte sie und drückte sich unter ihm weg. »Mach mir nichts kaputt, sonst musst du mir etwas Neues schenken.«

»Kein Problem«, flüsterte er und küsste ihren Nacken, während sie sich auch des Unterhemdes und Büstenhalters entledigte.

»Angeber«, gab sie zurück, doch die letzte Silbe wurde von seinen vollen Lippen erstickt. Sie ließ zu, dass seine Hände von Kopf bis Fuß auf Wanderschaft gingen.

»Du bist so schön«, keuchte er und rieb sich an ihrem Becken. Der Rest des Aktes verschwamm in einem Gefühl des Unbehagens. Er war anscheinend ausgehungert und kam schnell zur Sache.

Sie machte sich steif, wandte ihren Kopf so oft wie möglich ab und ließ seine Bewegungen über sich ergehen. Die Gürtelschnalle an seiner Hose klapperte im Takt. Mit geschlossenen Augen dachte sie an das, was er ihr versprochen hatte. Und doch fühlte sie sich anders. Es war, als hätte dieser deutsche Mann eine besondere deutsche Haut, deren Geruch sich auf einen überträgt und die den heimischen Hautfilm abtötet. Jeder in dieser Stadt würde ihn an ihr riechen, so musste es einfach sein.

Die Gürtelschnalle verstummte. »Gefällt es dir nicht?«

»Oh doch, mach weiter.«

Sie küsste seine Nasenspitze und lächelte so lange, bis sein misstrauischer Gesichtsausdruck verschwunden war und er seine Leibesübungen wiederaufnahm. Sie zwang sich, stöhnende Laute hervorzubringen und ihren Ekel zu ignorieren. Ihre Augen hielten sich an einer großen Brandnarbe fest, die Paul auf seiner Schulter trug. Als er sich endlich von ihr rollte, schmiegte sie sich an ihn, damit er ihr nicht ins Gesicht sehen konnte. Sie atmete schnell, doch nicht wegen der Anstrengung. Ihre Gefühle waren verstopft, konnten nicht aus ihrem Herzen hinaus.

»Geht es dir gut?«, fragte sie.

»Oh ja.«

Allmählich wurde sie ruhiger. Er war leicht zufriedenzustellen, was ihr die Sache in Zukunft einfacher machen würde. Immer an den Plan denken, niemals aufgeben.

»Und morgen darf ich mit dir im Büro sitzen? Noch mehr dieser schönen Gemälde ansehen?«

»Natürlich, du hast ja schon gute Arbeit geleistet.«

Er reckte sich, strampelte erst jetzt seine Hose von den Beinen und zündete sich eine Zigarette an. »Ich beneide dich, Pauline. Du hast Kunstgeschichte studiert, du wohnst und lebst hier inmitten der schönsten Kunstwerke der Welt. Ich bin nicht so borniert und von mir eingenommen, dass ich deine Hilfe nicht zu würdigen wüsste.«

Ihrer Einschätzung nach kannte er sich so gut wie gar nicht mit Gemälden aus, war er doch Experte für antike Kunst. Dass der Stab ihn abgestellt hatte, konnte sie sich daher nur mit seinen Beziehungen erklären. Jeder boche wollte gern nach Paris, früher jedenfalls. Paul war erst sechs Wochen beim ERR – dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg –, den man als nichts anderes als eine Rauborganisation bezeichnen konnte. Sein Vorgänger war nach dem letzten großen Abtransport von Kunstgegenständen nach Süddeutschland nicht wieder zurückgekehrt, was ihr durchaus recht war. Paul erledigte seine Arbeit, das Einschätzen und Katalogisieren von Gemälden und Skulpturen, auf die Weise, die ihr zugutekam. Doch er würde nicht lange bleiben, wenn seine Unzulänglichkeit ans Licht käme. Wie lange würden die Deutschen überhaupt noch bleiben? Sie musste sich beeilen. Die Arbeit dieser Räuber ging seit einem Jahr dem Ende entgegen, Frankreichs Juden und Regimegegner waren geplündert, jegliche »entartete Kunst« vernichtet und wahrscheinlich nur wenige Kunstobjekte den gierigen Augen des Einsatzstabs entgangen. Sie bedauerte, zu spät dazugestoßen zu sein.

»Wird niemand etwas dagegen haben?«

»Es sind doch kaum noch Kollegen da. Und die haben andere Sorgen.«

Womit er das Vorrücken der Alliierten meinte, die inzwischen den Seine-Bogen erreicht hatten. Im Museum Jeu de Paume schwiegen die deutschen Mitarbeiter über dieses Thema, gaben sich zuversichtlich und taten so, als hätte die Invasion nie stattgefunden. Der Führer würde es schon richten. Doch in die Herzen der Pariser stahl sich Hoffnung und verdrängte Hunger, Entbehrung und Angst.

Die Aschekrümel von Pauls Zigarette stoben durch die Luft wie kleine Fallschirmspringer und landeten auf dem Teppich. Pauline lächelte, ihr Herz wurde ein wenig leichter.

»Ich muss heim. Gleich ist Sperrstunde.«

»Soll ich einen Wagen bestellen?«

Immer wieder war sie erstaunt über die Möglichkeiten, die den deutschen Besatzern zur Verfügung standen. Benzin gab es für die Pariser Bevölkerung schon lange nicht mehr. Und das einzig Gute an der Hitze war, dass man nicht zu heizen brauchte.

»Nein, danke, den Weg schaffe ich noch.«

Sie wusch sich notdürftig, zog sich an und küsste ihn zum Abschied auf die Nase. Er streckte die Hand nach ihr aus, doch sie entzog sich seinem Griff.

»Bis morgen, Paul.«

»Danke, Pauline. Ich weiß das zu schätzen.«

Sie lächelte so falsch, dass es beinah wehtat, und winkte ein letztes Mal, bevor sie sich aus dem Zimmer schlich. Im Treppenhaus lehnte sie sich an die Wand. Er wusste es zu schätzen. Und sie? Wie sollte sie sich fühlen? Siegreich? Listig? Trotz des kalten Wassers klebte diese deutsche Schicht an ihr, die sie nie wieder würde abwaschen können. Es war das eine, auf den Sieg der FFI zu hoffen, die von den Parisern liebevoll Fifis genannt wurden, und das andere, die schmutzigen Erfordernisse ihres Auftrags erfüllen zu müssen. Doch es war so, wie es war. Und bald würde sie am Ziel sein.

Sie betrat die Straße. Es hatte sich ein wenig abgekühlt, die Luft, die sich an der Seine gesättigt hatte, schlug ihr feucht entgegen. Sie wandte sich nach Norden, zum Place Hébert, wo ihr stickiges Zimmerchen unter dem Dach eines Mietshauses auf sie wartete.

Die Erleichterung wollte sich nicht einstellen. Schon gar nicht, als sie plötzlich die dunkle Gestalt Madame Martins erkannte, die sie vom Trottoir gegenüber nicht aus den Augen ließ. Ihr rundlicher Hut erschien im fahlen Mondlicht wie ein Buckel. Kaum hatte ihre Concierge sie gesehen, hörte Pauline auch schon ihre spitze Stimme.

»So spät noch unterwegs, Mademoiselle Drucat?«

Morgen würden alle Nachbarn in der Straße Bescheid wissen, dass sie sich in Hotels herumtrieb, in denen sich Deutsche mit ihren Mädchen trafen. Das war selbst nach vier Jahren Besatzung immer noch eine Nachricht wert.

»Madame Martin, so spät auf dem Schwarzmarkt? Viel Erfolg.«

Nur weg von dieser Vettel. Pauline ließ sich nicht anmerken, wie erschöpft sie war. Weitere Passanten eilten vorbei, hasteten heim. Irgendwo bellte ein Hund. Sie zwang ihre Beine, sicheren Schrittes weiterzugehen, doch als hätte der Liebesakt sie zu einer Marionette umfunktioniert, fiel es ihr schwer, sich aufrecht zu halten. Das verhängnisvolle Bündnis, das sie vorhin eingegangen war, würde sich eines Tages als Nachteil erweisen, das spürte sie. Doch es war die einzige Chance, an ihr Ziel zu gelangen: ein Ziel, das vor drei Wochen ihr Leben verändert hatte. Sie hatte es gesehen, mit eigenen Augen, an ihrem Arbeitsplatz im Museum Jeu de Paume. Und es war wunderschön gewesen.

Gleich am folgenden Tag war sie um Paul Henkmann herumgeschlichen, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Und eine Woche später war sie seine Gehilfin geworden, doch sie musste noch näher an ihn heran.

Ganz ruhig, Pauline. Eins nach dem anderen, Schritt für Schritt. Sie trat nun in die entscheidende Phase. Ob ihr die Alliierten einen Strich durch die Rechnung machen oder ihr Paul Steine in den Weg legen würde, konnte sie nicht einschätzen. Alles war offen, alles war möglich in dieser Stadt, die Morgenluft witterte.

Sie erwischte die letzte Metro. Die dunklen Tunnel zogen vorbei, ein Wehrmachtssoldat in Uniform schlief zusammengesunken einige Plätze vor ihr. Auf dem Boden des Abteils weggeworfene Metro-Billetts mit der ihnen ganz eigenen Markierung. Pauline lächelte. Wenn die Deutschen wüssten, dass ganz Paris diese Billetts so einriss, dass das englische Victory-Zeichen entstand …

*

»Heil Hitler«, sagte Pauline einige Tage später zur Wache am Museum Jeu de Paume und betrat das Gebäude, nachdem sie ihren befristeten Sonderausweis und ihren Personalausweis vorgezeigt hatte. Sie ärgerte sich darüber, dass ihr die Aussprache des H so schwerfiel. Die beiden Männer, eher Jungs mit ihren kaum zwanzig Jahren, starrten ihr auf das Hinterteil, doch das war sie bereits gewohnt.

Im Flur kam sie an Rita Valladons Büro vorbei. Die dunkelhaarige Konservatorin, die ebenfalls mit der Résistance zusammenarbeitete, war ihr Vorbild, hatte sie doch das Gleiche im Sinn wie Pauline: die Rettung von Kunstobjekten aus jüdischem Besitz. Rita hatte sich erst dagegen gewehrt, sie als Gehilfin anzunehmen. Immer wieder hatte sie auf die Gefahr hingewiesen, in die Pauline sich begeben würde. Und lange musste Pauline Überzeugungsarbeit leisten, indem sie die Vorteile ihrer Mithilfe ins Feld führte – obwohl es eigentlich keine gab außer ihrer Bereitschaft, bis zum Äußersten zu gehen.

Rita, früh und fleißig wie immer, erwiderte ihren Gruß durch die halb offenstehende Tür mit einem würdevollen Kopfnicken, dann betrat Pauline Pauls Büro, ging zu dem Schreibtisch, den er ihr zugewiesen hatte, und nahm den Hut ab.

Es war noch früh, vor acht Uhr, er saß bestimmt noch in der Metro. Sie öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Das Jeu de Paume, das alte Ballhaus, in dem sich die Pariser Hautevolee früher mit einer Art Faustball vergnügt hatte, thronte über den Louvre-Gärten und ging auf den Place de la Concorde hinaus. Hin und wieder ratterte ein Fahrzeug vorbei, und als Pauline die Luft anhielt, um zu lauschen, hörte sie deutlich marschierende Schritte, kraftvoll und Angst einflößend. Die deutschen Militärs stellten ihre Einheiten um, riegelten die Stadt ab. Zu nah waren die Alliierten bereits.

Sie ging zu Pauls Schreibtisch. Da war es wieder, das Foto. Warum hatte er es so prominent vor seine Schreibtischlampe gestellt? Sie nahm es an sich, um jedes Detail mit gierigen Augen zu betrachten: diese Kontraste, die fast greifbare Stofflichkeit, das Gesicht mit dem leicht spöttischen Ausdruck. Das Original hatte sie eher zufällig in einem Lagerraum entdeckt und hätte beinahe laut aufgeschrien vor Überraschung. Doch am nächsten Tag war es verschwunden. In der angrenzenden Ausstellungshalle hatte sie gestern wieder gesucht, doch es stand nicht bei den anderen Gemälden, die bereits verpackt und verschnürt auf den Abtransport in den Louvre warteten. Und das Depot in der Rue de Richelieu war bereits geräumt worden. Das Bild war vielleicht schon fort, in den Händen dieser Banausen.

Immer wieder tat ihr der Anblick der leeren Wände in den Gemäldegalerien weh. Paul hatte die Aufgabe, sich um die Fotothek zu kümmern, der Fotoapparat lag im Tresor, und die Verzeichnisse fand sie wie immer auf seinem Tisch. Hastig stellte sie das Foto wieder an seinen Platz und fuhr mit dem Zeigefinger über die säuberlich geschriebenen Listen. Namen, Adressen, gelieferte Kunstgegenstände, alles notiert und katalogisiert. Hinter fast jedem Namen war eine Bemerkung unter »Sonstiges« angegeben, so lapidar gehalten, dass es das Grauen nicht zeigte, das sich dahinter verbarg. Die ehemaligen Eigentümer waren entweder geflohen oder verhaftet worden. Wohin brachte man all diese Männer, Frauen und Kinder? Wie groß mussten die Arbeitslager sein, von denen man immer öfter hörte, und wie groß der Arbeitskräftemangel in Deutschland? Oder wurden diese Menschen allesamt eingekerkert? Und alles nur, weil sie Juden waren?

Wie Onkel Rabinovich. Pauline wurde traurig zumute, und die Erschöpfung kehrte zurück. Nicht nur körperlich. Als Angestellte der Deutschen hatte sie zumindest eine höhere Einstufung bei den Lebensmittelmarken erhalten. Nein, es war die endlose Furcht, die sie auslaugte. Manchmal bereute sie, auf die verrückte Idee gekommen zu sein, sich beim ERR einzuschleichen, um irgendetwas zu retten: Gemälde, Plastiken, Menschen. Doch zwei Mal war es ihr gelungen, eine Durchsuchung zu verhindern und den Bewohnern der avisierten Adresse zur Flucht zu verhelfen.

Und dann ihre wichtigste Aufgabe: die Suche nach diesem einen Bild. Das alles ließ sie ausharren. Pauline lächelte versonnen und konzentrierte sich wieder auf die Liste.

Das Knallen einer Tür hallte durch den Flur, sie warf die Liste auf den Tisch, als hätte sie sich daran verbrannt. Als Paul eintrat, saß sie bereits wieder auf ihrem Stuhl, über ein Gutachten gebeugt, das sie noch in der richtigen Akte ablegen musste.

»Bonjour.« Sie lächelte ihn munter an.

»Heil Hitler.« Paul legte seine Tasche auf den Tisch. Ihr Gesicht fror ein, wieder hatte sie diesen dummen Fehler begangen.

»Du weißt, meine Aussprache …« Paul hatte schlechte Laune, sie sah es an seinem verkniffenen Mund. »Ist etwas, Cherie?«

Er seufzte auf. »Wir haben den Befehl bekommen. Die Stäbe und nicht kämpfenden Einheiten.«

Diese Theatralik, diese ausufernde Geste, mit der er seine Worte unterstrich. Er stützte sich auf der Tischplatte ab. Langsam hob er den Kopf, sah ihr tief in die Augen. Pauline fühlte sich in ein Theater versetzt, zu Hamlets Monolog.

»Ich habe es kommen sehen. Es heißt Abschied nehmen, Pauline.«

Ein Prickeln erfasste ihren Körper. Nein, bitte noch nicht »Den Befehl? Welchen?«, brachte sie hervor.

»Räumung der Dienststelle, Vernichtung von Akten, Abtransport.«

Es kam ihr gelegen, dass sie nach Luft schnappen musste, sicherlich wirkte es wie Bestürzung über das Ende ihrer Beziehung. »Aber … aber …«

»Die Alliierten rücken näher. Wir packen hier alles zusammen.« Er sah sich um, wies auf die Akten, Papiere, Gemälde.

»Heute? Jetzt?«

»Sofort. Gleich kommt ein Lkw. Und ein paar Helfer. Die Sachen gehen mit dem Zug und teils auch mit dem Flieger von Le Bourget aus. Das ist sicher nur ein taktischer Rückzug, bis der Führer diese Schweine wieder vertrieben hat. Es kann nicht sein, es kann nicht …« Seine Stimme verklang im Zweifel.

»Sicher nur vorübergehend«, tröstete sie. »Aber trotzdem, du fährst heim und überlässt mich diesen Cowboys?«

Zum Glück schwieg er und bot ihr nicht an, sie nach Süddeutschland mitzunehmen, um dort gemeinsam die Bilder für das geplante Führer-Museum einzulagern.

»Ist dein Chef schon fort?«

Er nickte und sah auf die Uhr. »Erst die Räumung, dazu bekomme ich gleich noch Besuch. Verdammt.«

Sie klammerte sich an die Hoffnung, dass sich die Räumung der Dienststelle verzögern würde. Bei dem bald herrschenden Durcheinander hätte sie gute Chancen, dort zu suchen, wo sie bislang nicht hingelangen konnte. Das Archiv mit den hohen Schränken, ein paar Hallen, die unter Verschluss gestanden hatten.

»Es tut mir leid, Pauline. Wir sehen uns sicher bald wieder. Ein paar Wochen vielleicht nur … Aber ich muss dir sagen, dass heute dein letzter Tag hier ist. Wir sollen bis morgen früh fertig sein.«

Seine Worte kamen einem Schlag ins Gesicht gleich. Alles war umsonst gewesen: die drei Nächte voller Widerwillen in seinem Bett, ihre Suche nach dem Bild, ihre niemals enden wollende Angst vor der Entdeckung. Die Zeit rann ihr durch die Finger. Schwerfällig nickte sie und stand auf, umrundete den Schreibtisch. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass ein großer Mann durch die Tür getreten war und auf Paul zu warten schien.

Sie seufzte. Es war nicht nötig, die Enttäuschung auf ihr Gesicht zu zwingen. Ihr Ausdruck machte ihm offenbar Sorge, denn er streckte versöhnlich den Arm nach ihr aus. Sie trat vor ihn. Spielerisch fuhr sie über seinen Hemdkragen, dann glitt ihre Hand zum Bild an der Lampe. Ein letzter Versuch.

»Was ist mit diesem Gemälde hier? Soll ich damit anfangen?« Sie zuckte zusammen, als er ihr das Foto aus der Hand riss und in seine Innentasche steckte. Mit einem Mal wirkte er angespannt.

»Der Führer selbst hat es angefordert. Aber ich mach das schon. Bis gleich.« Er ließ sie stehen, um mit seinem Besucher, der verärgerte Gesten ausführte, den Raum zu verlassen.

Der Führer! Pauline hatte kaum die letzten Worte verstanden, nur dieses Wort, das unaussprechliche, wirbelte durch ihren Verstand. Ihr Mund wurde trocken. Sie konnte es nicht begreifen, und doch war es so. Das Bild war nicht einfach nur ein bekanntes Gemälde. Der Führer, der Gröfaz, der Weltenlenker und sie – im Wettlauf um Raffaels Porträt eines jungen Mannes.

Kapitel 2

13. September 1944

Der Quai – wahrhaftig der Quai. Jean Ricolet stand vor dem Gebäude Quai des Orfèvres Nr. 36 auf der Ile de la Cité und legte den Kopf in den Nacken, um die Fassade zu betrachten. Gleich würde er den ersten Schritt über die Schwelle tun und seinen Dienst antreten. Sein Herz klopfte ihm in der Kehle, seine Knie wurden weich, die Hände feucht.

Die Wachposten vor dem Eingang unterstrichen die Wichtigkeit dieses erhabenen Hauses. Und es waren nun endlich keine Wehrmachtssoldaten mehr, die jeden Eintretenden kontrollierten. Paris war befreit und erholte sich langsam von seiner zweiwöchigen Siegesfeier. Hier und dort sah man noch Einschusslöcher, so wie vorhin an der Präfektur, und manchmal war Ricolet noch auf Reste der Barrikaden gestoßen, hinter denen sich Kämpfer der Résistance verschanzt hatten. Die Stimmung in der Stadt war nun gedämpft, als hätte jedermann einen Kater. Alle außer ihm selbst, denn er war nüchtern und voller Tatendrang. Er war erst vorgestern angekommen und brannte auf seinen Einsatz.

Die Lage seines neuen Arbeitsplatzes war einfach atemberaubend: Die Seine umrahmte die Ile de la Cité, Bäume warfen kühle Schatten auf den kleinen Platz, der sich dem Quai anschloss, und flussabwärts sah man nach nur wenigen Schritten die Türme von Notre Dame. Im Osten ragten die Schlote einiger Fabrikgebäude auf, zwei Lastkähne lagen am Kai, in der Nähe der Weinlager von Bercy. Der Justizpalast und die Präfektur erhoben sich stolz südlich des Quais, nur zwei Einsatzfahrzeuge der Beamten parkten auf dem Hof, umgeben von den Fahrrädern, mit denen sie zur Arbeit gekommen waren.

Jetzt begann sein Pariser Abenteuer. Ricolet setzte sich in Bewegung. Seine Hand umklammerte das Einstellungsschreiben der Präfektur, dann zeigte er es den Wachposten vor.

»Kommissar Brulait, erster Stock«, sagte einer von ihnen und wies auf die entsprechende Tür.

Ricolet öffnete und trat ein. Kühle, abgestandene Luft schlug ihm entgegen, doch sie erschien ihm wie der Duft des Erfolges. Lange Flure taten sich vor ihm auf, in denen Satzfetzen widerhallten, Treppenhäuser, in denen Schritte zu hören waren. Im Schlauch des ersten Stockwerks angekommen, arbeitete er sich anhand der beschilderten Türen vor.

Es war dämmrig, nur ein Fenster am Ende des Flures erhellte einen Teil des Gangs, doch hier und da sah er in Räumen und Winkeln Aktenschränke stehen, aus denen Dokumente und Ordner heraushingen. Das Gedärm aus Papier setzte sich auf dem Boden fort. Entweder das Werk geflüchteter Nazis oder der hilflose Versuch der geflohenen Vichy-Beamten, kompromittierende Taten zu verschleiern, was ihm wahrscheinlicher erschien. Niemand hatte sich die Mühe gemacht aufzuräumen. Die ehemaligen Präfekten, die in ihren Bilderrahmen an der Wand hingen, betrachteten missbilligend die Unordnung.

MORDDEZERNAT stand auf dem nächsten Emailleschild. Hier war er richtig. Er atmete tief ein, presste seine Aktentasche an sich und klopfte an. Ein Brummen ertönte, das er für eine Aufforderung hielt. Er betrat den Raum, in dem zwei Männer an ihrem Arbeitsplatz saßen. Weitere vier Schreibtische waren verwaist, auf einem lagen aufgeschlagene Akten. Im Sonnenlicht schimmerte der Staub auf den grünen Lampenschirmen.

»Bonjour, Inspektor Ricolet meldet sich zum Dienst.« Er bemühte sich, seinen cevenolischen Akzent zu unterdrücken, und nickte freundlich in die Runde.

Ein dicklicher Mann mit schütterem Haar sah kurz auf und gab seinem Kollegen einen Wink. Dieser, ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, der sich wegen der Hitze die Hemdsärmel über die muskulösen Unterarme geschoben hatte, lächelte Ricolet zu und stand auf. Sein Gesicht war derb, aber sympathisch.

Ricolet betrachtete den modernen Schnitt seiner Hose und die feinen Lederschuhe. Verglichen mit diesem Mann kam er sich wie ein Bauerntrampel vor.

»Willkommen bei der Sûrete, Inspektor Ricolet. Mein Name ist Inspektor Dulac, das dort ist Inspektor Moronde.« Sein breites Kinn wies zu dem anderen Mann, der auf eine Schreibmaschine einhämmerte und nur ein vages Nicken von sich gab.

»Jean Ricolet.«

Sie schüttelten sich die Hände, und Dulac machte eine ausladende Bewegung. »Suchen Sie sich einen Platz aus. Sie haben die freie Auswahl.«

»Nicht mehr viel los hier, was?«, wagte Ricolet zu fragen.

»Ist es bei Ihnen anders?« Dulac zog verwundert die Augenbrauen hoch.

»Nun, vielleicht ein wenig.« In seiner Dienststelle war nur ein Kollaborateur verhaftet worden, worauf er fast stolz war.

»Südzone?«

Ricolet nickte. »Alès.«

»Alès? Wo liegt das denn?« Moronde verzog den Mund zu einem abfälligen Lächeln. Was er nicht kannte, existierte wohl auch nicht.

»Was glauben Sie?«, gab Ricolet ruhig zurück.

»Das ist unten im Süden, wo es fast nur Protestanten gibt und wo die Menschen in Hungerszeiten Baumrinde und Moos kochen.«

Dulac ging zu seinem Tisch zurück. Seine Belehrung klang beiläufig und war nicht einmal verletzend. Schließlich hatte er ja recht.

»Nun, inzwischen wissen wohl auch viele Pariser, wovon man Dünnpfiff kriegt«, sagte Ricolet mit einem Grinsen.

Sein neuer Kollege Moronde starrte ihn empört an, doch Inspektor Dulac brach in lautes Gelächter aus. »Gut gekontert, Ricolet!«

Doch Moronde ließ nicht locker: »Protestanten? Ich hoffe, Sie gehören nicht dazu.«

»Doch, tue ich. Und zur Résistance.«

»Lassen Sie das mal nicht Brulait hören«, murmelte Moronde kaum hörbar.

»Still, Charles. Es ist gut.« Auf die knappe Handbewegung Dulacs hin verstummte der ältere Inspektor, doch Ricolet fühlte, wie seine Ohren zu glühen begannen. Er atmete tief ein.

»Ich hoffe, dass ich hier helfen kann. Unsere Arbeit sollte doch wichtiger sein als alle Ressentiments.«

»Auf jeden Fall. Hier stapeln sich tote und lebendige Kollaborateure. Man wird wohl bald ein Sondergericht einrichten, das solche Fälle bearbeitet. Wir haben also viel Arbeit vor uns.«

»Schöne Aussichten.« Ricolet seufzte, vergaß aber das Lächeln nicht, um seine Worte zu entschärfen.

Abtasten, prüfen, einschätzen, das übliche Prozedere beim Antritt einer neuen Stelle. Er war nicht schüchtern, doch dieser Moloch von Stadt, die fremden Menschen und dazu die Libération – das war alles ein wenig viel auf einmal. Er stellte seine Aktentasche auf eine Tischplatte, die Dulacs Tisch gegenüberlag, während Moronde sich am Fenster einquartiert hatte, wohl um sich durch einen Blick auf die Seine ablenken zu können. Die Fenster auf der gegenüberliegenden Seite wiesen in den dunklen Innenhof des Gebäudes, in dem früher Goldschmiede das Geschmeide ihrer adeligen Kundschaft angefertigt hatten.

Dulac schien ein friedfertiger Zeitgenosse zu sein, Moronde ein brummiger Beamter, der resigniert hatte. Doch der Schein konnte täuschen. Auf seinen direkten Vorgesetzten war Ricolet sehr gespannt. Warum Kommissar Brulait wohl schlecht auf die Résistance zu sprechen war? War er gar ein Vichy-Anhänger und trotzdem unangefochten auf seinem Platz geblieben? Dann musste er gute Beziehungen haben. Ricolet schob einen Finger unter den Hemdkragen, die Krawatte schien mit einem Mal zu eng gebunden zu sein.

Er griff in seine Tasche und holte den alten Füllfederhalter heraus, den sein Vater ihm zum Abschied geschenkt hatte. Die abgeschabte Kappe schimmerte, ein Relikt aus einer früheren Zeit, in der dieser als Richter in Alès tätig gewesen war. Recht und Ordnung, Gerechtigkeit und Moral, das waren die Werte, die sein bisheriges Leben geprägt hatten. Diese Inspektorenstelle – sie war mehr als eine Versetzung. Sie war ein Mittel, um seinen alten Herrn stolz zu machen, doch ebenso eine Abnabelung, ein Schritt in ein selbstständiges Leben. Er fühlte sich frei, losgelöst von seinem bisherigen Zustand des Lernens und Gehorsams. Der Krieg hatte ganz Frankreich auf den Kopf gestellt. Hier in der Hauptstadt ein neues Leben anzufangen, mitzuwirken an einer neuen Gesellschaft, das waren seine Ziele. Es machte ihm nichts aus, dass er diesen Posten nur erhalten hatte, weil der neue Präfekt der Sohn eines engen Studienfreundes seines Vaters war. Die Leere, die durch die Verhaftung oder Flucht von Kollaborateuren entstanden war, musste schließlich schnellstens ausgefüllt werden.

Er legte den Füller auf die Schreibtischunterlage aus Gummi und starrte ihn an. So lange, bis Dulac sich räusperte. Ricolet tauchte aus seinen Gedanken auf.

»Wollen wir?« Dulac wies auf eine Tür, die in das Nebenzimmer führte.

»Ja, natürlich.«

Ricolet sprang auf, strich Weste und Sakko glatt und folgte Dulac, der nach einem Klopfen das Nebenzimmer betrat, aus dem ihnen Zigarettenrauch entgegenquoll. Hinter der Wolke befand sich ein Schreibtisch, hinter dem wiederum ein etwa fünfzigjähriger Mann thronte, dessen schmale Augen ihn scharf musterten. Als Kommissar Brulait sich erhob, bedauerte Ricolet wieder einmal, dass er selbst nur von knapp durchschnittlicher Größe war. Brulait hingegen hatte eine massige, Respekt einflößende Statur, strich sich durch das volle, leicht ergraute Haar und trat hinter dem Tisch hervor, während er sein Jackett zuknöpfte.

»Willkommen bei der Sûreté, Inspektor Ricolet. Hatten Sie eine gute Reise? Wurden Sie behindert?«

»Bonjour, Monsieur le commissaire. Alles verlief gut, es gab keine Probleme. Ich freue mich, hier sein zu dürfen.«

Ein seltsames Lächeln erschien auf Brulaits scharf geschnittenem, fast gut aussehendem Gesicht, das von einem akkurat getrimmten Schnurrbart geziert wurde.

Dulac empfahl sich und verschwand wieder im Zimmer der Inspektoren. Der Händedruck Brulaits war fest und wohlwollend, und Ricolets Unbehagen verflüchtigte sich. Sein Blick streifte kurz die gelben Fingerspitzen des Kommissars und den überfüllten Aschenbecher auf seinem Tisch. Zigaretten – gute Beziehungen, also aufpassen.

»Haben Sie schon eine Unterkunft? Telefon?«

»Ja, auf dem Montmartre, Rue Ravignan. Die Concierge hat ein Telefon.«

»Weiter entfernt ging wohl nicht.« Brulait seufzte. »Lassen Sie mich klarstellen, was ich von meinen Inspektoren erwarte.« Er setzte sich wieder in den bequemen Bürostuhl, während Ricolet wie ein Schuljunge vor dem Tisch stehen blieb.

»Höfliches, tadelloses Auftreten. Die Pariser haben lange genug die boches bellen hören und ihre Stiefelschritte unter ihren Fenstern vernommen. Wir müssen der Bevölkerung wieder Vertrauen in unsere Arbeit einflößen.«

»Jawohl, Chef.«

»Unbedingter Gehorsam. Ich bestimme, was passiert und was nicht passiert. In diesen Tagen ist es wichtig, nicht in ein bestimmtes Fettnäpfchen zu treten.«

Der erhobene Zeigefinger. Das Fettnäpfchen der Kollaboration. Ricolet nickte und wartete gespannt auf die nächste Geste.

»Eine ordentliche, straff organisierte Arbeitsweise. Sie glauben nicht, was in diesen dunklen Jahren an Schlamperei stattgefunden hat, sowohl im ermittlungstechnischen als auch im verwaltungstechnischen Bereich. Es hat einfach niemanden interessiert. Aber jetzt interessiert es mich!« Der Kommissar hatte erst die geballte Faust erhoben und klopfte sich jetzt auf die breite Brust, die von einer Krawatte in gedeckten Farben geziert wurde. »Halten Sie sich an die beiden Inspektoren, die mir noch geblieben sind, dann werden Sie sich schnell einleben.«

»Davon bin ich überzeugt, Chef.«

»Und nennen Sie mich nicht Chef.«

»Jawohl, Monsieur le commissaire.«

»Es ist alles ein wenig schwierig momentan, aber mit etwas gutem Willen werden wir bald wieder die gewohnte Schlagkraft haben. Wir setzen Sie an einen Todesfall, der sich gestern ereignet hat. Dulac wird Sie einweisen.«

Brulait neigte sein Haupt einer Akte zu, während seine Hand nach dem Zigarettenetui tastete, als hätte die Ansprache ihn ermattet. Ricolet sah dies als Entlassung an.

»Danke, Monsieur le commissaire.«

*

Nur zehn Minuten später quälte er sich durch einen Bericht, der in krakeliger Handschrift verfasst worden war. Die Worte Dulacs klangen noch in seinen Ohren: »Ein Lynchmord.«

»Wer macht denn den Fall Petiot?«, fragte Ricolet beiläufig. Denn insgeheim hatte er gehofft, dass er bei der Suche nach dem Massenmörder helfen durfte. Die Zeitungen waren immer noch voll von dessen Gräueltaten und käuten sie genüsslich wieder.

Dulac zuckte mit den Schultern, offenbar ein wenig enttäuscht. »Der Geheimdienst, die Fifis, alle suchen ihn. Petiot ist verdammt gerissen. Wenn Sie gleich einen Blick auf die Beweise werfen möchten, kein Problem. Das Gepäck der Ermordeten füllt oben einen ganzen Saal. Und immer noch kommen Menschen, die einen Angehörigen oder Nachbarn vermissen und die Koffer prüfen wollen. Wir hier machen eben den Rest, sozusagen.«

Ricolet lief ein Schauder über den Rücken. In dem Haus eines gewissen Dr. Petiot in der Rue le Sueur war im März ein Ofen gefunden worden, verbrannte Knochen, eine Grube mit Löschkalk, vertrocknete Leiber. Niemand wusste, wer all diese Toten waren. Man konnte sie nicht identifizieren. Der praktizierende Arzt Petiot war geflohen und seitdem unauffindbar. Nach und nach stellte sich heraus, dass dieser sich hier und dort als Fluchthelfer ausgegeben hatte, doch anstatt seinen Kunden zu einer Passage nach Argentinien zu verhelfen, tötete er sie und raubte sie aus. Man hatte zahlreiche Koffer gefunden, stumme Zeugen einer nicht erfüllten Hoffnung. Diese warteten nun darauf, den verschwundenen Menschen und mutmaßlichen Mordopfern zugeordnet zu werden.

Das war ein anderes Kaliber als der Mord an einer untreuen Ehefrau in den Cevennen, dachte Ricolet. Doch dann blätterte er weiter in seiner dünnen Akte und erfuhr, dass der Fleischermeister Jerome Cortulet im 9. Arrondissement angeblich seinen Kunden Hunde- und Katzenfleisch für ihre Lebensmittelkarten ausgehändigt hatte. Das ordentliche Fleisch hatte er an Restaurants verkauft, in denen Nazis ihre wilden Partys gefeiert hatten. Es fiel Ricolet vor diesem Hintergrund schwer, Mitleid mit diesem Fleischer zu entwickeln, der von seiner wütenden Kundschaft nach einer lautstarken Pöbelei erschlagen worden war. Ein einzelner Täter ließ sich nicht ermitteln, und die Zeugen logen das Blaue vom Himmel herunter. Ricolet ahnte, dass die Ermittlungen zu keinem Ergebnis führen würden.

»Dieser Fall ist zäh wie Gummi. Es wird nichts dabei herauskommen«, konstatierte er eine Stunde später.

»Ich weiß«, sagte Dulac ohne aufzusehen. »Prüfen Sie, ob sich nicht Gerüchte hinter den Anschuldigungen verbergen. Vielleicht wollte jemand, dass er von der Menge erschlagen wird oder als Kollaborateur hinter Gitter kommt. Befragen Sie die Nachbarn und Kunden noch einmal. Hören Sie sich in der Familie des Toten um. Er war bislang ein unbescholtener Mann.«

Ricolet nickte nachdenklich. Natürlich, auch das war möglich. Man durfte nicht jeder Behauptung Glauben schenken. Prompt war er in ein Fettnäpfchen getreten, in das der Schlamperei.

*

Es war heiß. Die fast tropische Abendluft war vielleicht ein Grund für Paulines Kopfschmerzen. Oder die aufreibende Suche nach Lebensmitteln auf dem Schwarzmarkt. Von der Blumenhändlerin am Place Hebert hatte sie beinahe zu spät erfahren, dass man Kartoffeln an der Rue Cail in der Nähe der Gleise zum Gare de l’Est anbot. Sie war schnell durch die Straßen gelaufen und hatte glücklicherweise noch zwei Kilo von einem Bauern ergattert, der auch Eier und geräucherten Schinken anbot. Nun stieg sie mit einer gefüllten Tasche durch die Dämmerung die Eisentreppe hinauf, die die Gleise und einen alten Hinterhof, in dem der Handel stattgefunden hatte, mit der Straße verband.

Oben angekommen fuhr sie sich durch das unbedeckte Haar und sah sich um. Hier und da noch Frauen, die ihr zunickten, als wären sie alle Mitglieder eines Geheimbundes. Sie trug ihr ältestes Kleid und hatte sich kaum geschminkt, damit sie nicht auffiel. Obwohl die Polizei wusste, dass die Pariser ohne den Schwarzmarkt nicht überleben konnten, hatte erst gestern eine Razzia in der Gegend stattgefunden, um kriminelle Geschäftemacher zu verhaften. Heute war alles gut gegangen.

Sie wandte sich wieder nach Norden. Es war noch belebt um zehn Uhr abends, vor den Bistros saßen vereinzelt Gäste an den Tischen, oftmals nur vor einem Glas Wasser. Es gab ja kaum etwas, Kaffee und Alkohol waren Mangelware. Man unterhielt sich, lachte miteinander. Das dunkle Gespenst der deutschen Besatzung war endlich vertrieben. Pauline erinnerte sich nur zu gut an die Befreiung und die Kopfschmerzen, die sie sich durch zahlreiche Trinkgelage mit Selbstgebranntem zugezogen hatte, und lächelte. Es herrschte wieder Friede in Paris. Sie hoffte mit aller Kraft, dass die Nazis, die nach wie vor an den Endsieg glaubten, bald zum Aufgeben gedrängt wurden.

Sie überquerte gerade den Boulevard de la Chapelle. Nur selten fuhren Autos und Busse auf den Straßen, und am Place de la Chapelle waren nur wenige Passanten unterwegs. Da merkte sie, dass jemand mit ihr vom Boulevard abgebogen war. Leise tappende Schritte hörte sie hinter sich, und als sie sich umdrehte, sah sie einen Mann, der einen eleganten Sommeranzug und einen leichten Hut trug. Nicht weit entfernt lagen die Gleise, ansonsten säumten nur schäbige Häuser und Schuppen ihren Weg. Pauline war ein wenig unwohl, denn hier würde sie kaum jemand um Hilfe rufen hören.

Der Mann näherte sich. Pauline umklammerte ihre Tasche, obwohl ihr Instinkt ihr sagte, dass es der Unbekannte nicht auf ihre Kartoffeln abgesehen hatte.

»Pardon, sind Sie Mademoiselle Pauline Drucat?«

Der große Mann war einige Schritte vor ihr stehen geblieben. Pauline erkannte in der Dunkelheit nur schemenhaft ein Gesicht mit einer scharf geschnittenen Nase.

»Wer will das wissen?«, gab sie schnippisch zurück.

»Ich. Es tut mir leid, dass ich Sie hier einfach so anspreche. Einen schönen Gruß von Paul Henkmann wollte ich Ihnen bestellen, wir sind ja beide mit ihm bekannt.«

Ihr Herz begann zu klopfen. Der Mann sprach mit einem leichten Akzent. Wer war er? Wollte er sie prüfen und als Kollaborateurin anklagen?

»Grüße von Paul? Den kenne ich kaum. Der müsste doch längst abgehauen sein, oder?«

»Nun, ich weiß es nicht genau. Eigentlich müsste er in Deutschland angekommen sein. Sie kennen ihn ja gut genug, um zu wissen, dass er immer sehr gewissenhaft ist. Seltsam, dass er sich nie bei Ihnen gemeldet hat. Keine Karte, kein Anruf?«

»Nein, ich habe nichts von ihm gehört.«

»Wie schade.« Die Stimme des Mannes war leiser geworden, doch das Bedrohlichste war der Schritt, mit dem er nun auf sie zutrat. Hinter ihr lag nur wüstes Brachland, zerbombte Schienen und ein baufälliges Lagerhaus.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?«

Sie stieß ihn an der Brust zurück, als er sich vorbeugte. Doch da streckte er die Arme aus, packte sie an den Schultern und drückte sie gegen die roten Klinkersteine der Hauswand, die sich schmerzhaft in ihren Rücken bohrten.

»Mademoiselle Drucat, Sie sind die Enkelin des Kunsthistorikers Joseph Bouquet, der einmal ein wundervolles Bild besaß.«

Das Porträt! Es ging also um das Gemälde, das Hitler so lieb und teuer war. »Ja, und?«

»Sicher wissen Sie, in wessen Hände es gekommen ist. Ein Jude hat es damals gekauft. Und so gelangte es schließlich an Paul Henkmann. Wo ist das Bild jetzt?«

»Das weiß ich doch nicht!«, stieß sie empört hervor.

»Weichen Sie mir nicht aus. Sie haben versucht, es Paul abzuschwatzen, nicht wahr? Ein Foto lag auf seinem Schreibtisch.«

Und nun wusste Pauline, wer dieser Mann war. Sie hatte ihn an ihrem letzten Arbeitstag von Weitem im Jeu de Paume gesehen, es war der Besucher, der Paul so dringend hatte sprechen wollen.

»Sie haben uns gesehen«, sagte sie leise.

»Ja. Und ich vermute, dass Sie nur deshalb zum ERR gegangen sind. Sie wollten das Bild wieder in den Besitz Ihrer heruntergekommenen Familie bringen, nicht wahr?«

»Woher wollen Sie das alles wissen?« Pauline gab sich unbeeindruckt, obwohl ihr der Schweiß bereits die Bluse durchnässte. Ein Pferdefuhrwerk rasselte vorbei, doch der Unbekannte stellte sich so nah vor sie, dass sie keine Möglichkeit hatte, ein Zeichen zu geben.

»Es stimmt also. Glauben Sie, ich hätte keine Recherchen über Sie angestellt? Sie waren eine der letzten Personen, die mit Paul gesprochen haben. Und ich weiß, Sie haben ein eindeutiges Interesse an dem Bild.«

»Aber ich weiß nicht, wo es ist!« Ihr war immer noch nicht klar, wie sie diesen Mann einordnen sollte. Kam er von einer deutschen Behörde? Oder war er einer von Hitlers Agenten?

»Hat Paul Ihnen gegenüber angedeutet, dass er andere Pläne damit hatte?«

Sie versuchte mit aller Kraft, sich zu beruhigen, und setzte ein süffisantes Lächeln auf. »Das Bild ist Ihnen also abhandengekommen. Das tut mir leid. Ist aber nicht mein Problem.«

Er schnaufte, und sein Blick verfinsterte sich. Mit einer Hand umfasste er ihr Kinn, dass es schmerzte. Tränen traten ihr in die Augen, doch sie versuchte, Ruhe zu bewahren. Gleichzeitig versetzte es sie in kalte Wut, dass sie ausgerechnet jetzt – nach der Befreiung von diesem Gesindel – in eine so gefährliche Lage kam.

Der Mann flüsterte schneidend: »Ich habe Grund zu der Annahme, dass Sie das Porträt an sich gebracht haben, um es zu verkaufen, wenn der Krieg vorbei ist. Doch glauben Sie mir, der Führer wird alles daransetzen, dieses Gemälde eines Tages in Linz ausstellen zu können.«

Ein deutscher Agent! Sie glaubte, der Anspannung nicht mehr standhalten zu können, und schüttelte ungeduldig seine Hand ab. »Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«, fragte sie und fasste sich an den schmerzenden Unterkiefer.

»Sagen Sie mir jetzt, wo Sie …«

In diesem Moment konnte sich Pauline ein wenig von ihm lösen und stieß ihr Knie in seine Weichteile, schnell und hart, bevor er reagieren konnte. Er stieß einen Schrei aus und griff nach ihr, doch mit einem keuchenden Aufschrei stieß sie mit ihrer Stirn gegen seine Nase, was ein krachendes Geräusch hervorrief. Sein Wimmern vernahm sie kaum, als sie sich umdrehte und so schnell sie konnte Richtung Brachgelände fortlief.

Sie hörte noch seinen Wutschrei, doch als sie zurückblickte, war da nur noch der Schatten einer Gestalt im Licht der Straßenlaterne. Er taumelte und hielt sich die Nase. Pauline setzte an zu einem letzten Spurt über Bodenwellen hinweg und zwischen Sträuchern hindurch, wäre fast über die wirr in die Luft ragenden Gleise gestolpert, die gefährlich scharfe Kanten hatten.

Es war still hinter ihr, während vor ihr allmählich die spärlichen Lichter der Häuser in der nächsten Straße die Nacht erhellten. Das gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Die Kartoffeln waren verloren, doch ihr Leben gerettet. Sie ging weiter, an den Gleisen entlang, und bald bog sie nach Osten ab. Sie kannte einen Kameraden, der in der Rue Riquet wohnte. Mit etwas Glück konnte sie heute Nacht bei ihm unterkommen. Doch sollte sie die Kartoffeln und den Schinkenspeck wirklich aufgeben? Nein, sie würde mit ihrem Freund gleich zurückkehren und ihre Tasche mit den Lebensmitteln für eine Woche holen.

Kapitel 3

15. September 1944

Die Glocken von Sacré-Cœur riefen zur Frühmesse. Die Concierge, Madame Pomponnier, ging gerade in ihrer Witwenkleidung aus dem Haus, die Hände züchtig vor dem Bauch gefaltet, die Handtasche baumelnd an ihrem Arm. Ricolet sah ihr aus dem Fenster nach, wie sie die Rue Ravignan verließ und zum Place Emile Goudeau mit seinen dünnen Bäumchen hinaufstieg, von wo aus sie über kleine Stiegen und Sträßchen zur Kirche gelangen würde. Sie quäle sich nicht gern die lange Treppe zur Kirche hinauf, hatte sie ihm erklärt.

Als sein Blick auf die Kommode mit der Lutherbibel fiel, die seine Mutter ihm eingepackt hatte, streckte er die Hand aus, doch er berührte sie nicht. Auf dem Einband reckte eine Taube ihren Schnabel, als wolle sie ihn picken. Er zuckte zurück, dann, mit einem sanften Schubs, beförderte er das Buch in die unterste Schublade.

Er blickte wieder hinaus und erhaschte einen letzten Blick auf den Mantel von Madame Pomponnier, so abgetragen, dass zumindest seine Mutter damit nie in der Öffentlichkeit erschienen wäre. Wie sehr Paris gelitten hatte, konnte man an den fehlenden Fahrzeugen und an der Kleidung der Bewohner erkennen. Nicht, dass er von Mode viel Ahnung gehabt hätte, doch zerschlissene Stoffe und durchgetretene Schuhe wiesen nur zu deutlich darauf hin, dass die meisten Erträge Frankreichs in Deutschland gelandet waren. Es gab so gut wie nichts in den Läden, die Schlangen davor waren lang und die Zuteilungen gering. Man behalf sich, so gut es eben ging. Schwarzmarkt, Verwandte auf dem Land, Armenspeisungen der Kirche. Doch jedes Mal, wenn er die hohlen Wangen blasser Kinder sah oder das eingefallene Gesicht eines Alten, traf es ihn ins Herz, und er dankte Gott für die Befreiung des Landes. De Gaulle hatte vor einigen Tagen im Palais Chaillot sein politisches Programm verkündet. Die Regierung würde bald wieder funktionieren, auch wenn das Geflecht der zahlreichen Parteien für einen politischen Laien wie ihn nicht mehr zu durchschauen war.

In welche Zeit würde er hineingeraten? Würden die Deutschen wiederkommen? Während er diesen Fragen nachging, zog er das Jackett an und betrachtete seine beste Krawatte, die ihm heute so altmodisch erschien im halbblinden Wandspiegel. Als er die Wohnungstür hinter sich schloss, ließ er auch die Politik hinter sich und überlegte, wem der Tod des Fleischers Jerome Cortulet genutzt haben könnte. Er beschloss, auf dem Weg zur Arbeit in der Rue Mansart nach dem Rechten zu sehen.

In der Metro war viel Betrieb. Nach einer Weile hatte er das Prinzip der Metro-Linien verstanden und die Vorteile erkannt. Doch wohin wollten all diese Leute? Arbeit gab es kaum. Trotzdem waren die Bahnsteige voll mit Menschen und übersät mit alten Billetts, alle auf die gleiche Art eingerissen. Seltsam. Hinter jeder Straßenecke, hinter jedem Treppenaufgang und in jedem Hinterhof schien sich ein neues Rätsel zu verbergen, diese Stadt war für Ricolet ungemein spannend. Junge Frauen sprachen ihn an, stark geschminkt und in so enge Röcke gepresst, dass man sie aus so manchem heimatlichen Dorf vertrieben hätte. Er schrak vor ihnen zurück und kam sich dabei komisch und trottelig vor. Beim Passieren der Brasserien hörte er die Diskussionen der Männer und sah Frauen, die rauchten und mit ihrer Meinung über die Zukunft Frankreichs nicht hinter dem Berg hielten. Diese Menschen schüchterten ihn ein und faszinierten ihn gleichermaßen. Er bedauerte, dass er so wenig Konkretes über die herrschenden Umstände wusste.

Doch seine eigentliche Aufgabe lag nun in der Rue Mansart, südwestlich des Montmartre, eine der typischen Pariser Straßen mit Fassaden, die so streng wie Kirchenmauern wirkten und nur durch kleine Ladengeschäfte im Erdgeschoss aufgelockert wurden. Ricolet bemerkte die Schlange vor einem Geschäft und wusste sofort, wo der Fleischer residiert haben musste. Auch jetzt strömte ihm der typische Duft von gekochtem Fleisch entgegen, was ihn an die Geschäftigkeit der in Wasserdampf gehüllten Waschkeller denken ließ, in denen daheim Schweine geschlachtet und abgebrüht wurden. Er bekam Hunger. Wie oft er hier Hunger verspürte, erschien ihm ungewöhnlich.

»He, nicht vordrängeln«, beschwerte sich eine Frau, die ein Kopftuch trug und an der er sich eben vorbeidrängen wollte. Er zeigte ihr den Ausweis, den Dulac ihm gestern in die Hand gedrückt hatte.

»Polizei, es geht um eine Ermittlung.«

Die Menschenmenge murrte ein wenig, gab sich aber dann mit der Auskunft zufrieden und machte ihm Platz. Er trat durch eine Tür ein, die bis zu dem Vorfall einen Glaseinsatz gehabt haben musste. Jetzt war der Bereich mit Brettern vernagelt. Es musste hoch hergegangen sein vor dem Mord.

Der Verkaufsraum war gefliest, der Tresen aus Zink. Ein paar spärliche Koteletts und Braten lagen hinter Glas. Eine alte Frau packte mit zitternden Händen das in Zeitungspapier eingeschlagene Fleisch in ihre abgeschabte Ledertasche, ihr Gesicht strahlte vor Glück.

Ricolet musterte den kräftigen Fleischergesellen und die Frau mit blonder Dauerwelle, die neben ihm stand und deren Schürze sich um die üppige Brust spannte.

»Madame Cortulet?« Er nahm seinen Hut ab.

Ein Blick aus schmalen Augen, dann nickte sie.

»Ich bin Inspektor Ricolet von der …« Sollte er wirklich Mordkommission sagen? Es war ja noch kein Mord festgestellt worden, es lief eher auf Totschlag hinaus. »Von der Polizei.«

»Ich dachte von der Heilsarmee.« Auf ihrem glänzenden Gesicht erschien ein hämisches Lächeln, das nicht so recht zu ihrem Status als Witwe passen wollte. Sie mochte noch keine vierzig Jahre alt sein.

»Können wir irgendwo ungestört miteinander reden?«

Sie warf ihrem Gesellen einen mahnenden Blick zu, so als sollte er in der Zwischenzeit keine krummen Geschäfte machen.

»Gut. Kommen Sie.«

Ricolet ging um den Tresen herum und folgte ihr in eine Kammer, in der ein einfacher Küchentisch als Schreibtisch diente. Auch dieser Raum war hell gefliest, eine Bordüre aus Delfter Kacheln zierte die Wände. Madame Cortulet setzte sich auf den Holzstuhl, Ricolet blieb mangels einer Sitzgelegenheit vor ihr stehen.

»Meine Füße, Sie entschuldigen.«

Er nickte verständnisvoll. »Ich wollte Ihnen mitteilen, dass der Leichnam Ihres Mannes nun freigegeben ist. Der Bestatter kann ihn abholen. Er wird wissen, wo.«

Ihre Züge verfinsterten sich, sie seufzte. »Der arme Jerome. Das hat er nicht verdient. Er wollte doch nur das Geschäft am Laufen halten. Ich habe nichts von alldem gewusst, und das ist unser Glück. Sonst hätten die Menschen unseren Laden völlig zerstört und mich auch noch erschlagen.«

»Wie ist das abgelaufen, der Tod Ihres Mannes?«

»Nun ja, eine Kundin hatte sich beschwert über das Fleisch. Und eine halbe Stunde später kam die ganze Meute und stürzte sich auf Jerome.«

»Und Ihnen fällt nicht noch jemand ein, der den genauen Hergang gesehen hat und den oder die Täter bezeichnen kann? Das wäre äußerst hilfreich.«

»Ich habe nichts gesehen, ich bin vor lauter Angst in den Kühlraum gelaufen.«

Ricolet verkniff sich ein Seufzen. »Sie sind froh, dass Sie weiterverkaufen können.«

»Ja, natürlich. Unsere Bauern müssen nun keine Schweine und Pferde mehr an die Deutschen abtreten. Ein paar Wochen noch, dann wird es leichter.«

»Wer hilft Ihnen im Laden?«

»Na, Alphonse, mein Geselle. Ist schon lange hier.«

»Und er hat auch nichts von den Machenschaften Ihres Mannes gewusst? Oder gar den Totschlag mit angesehen?«

»Nein!« Ihre Augen funkelten.

Ricolet machte sich eine Notiz in seinen Block. Warum diese heftige Reaktion, fragte er sich. Nichts lag näher, als dass der Geselle seinem Meister zur Hand gegangen war. Was geschah noch, nachdem der Zink poliert und die Rollos heruntergelassen waren? Es waren diese Fragen, die seiner Fantasie Flügel verliehen. Aus den vielen Varianten dann die Wirklichkeit zu ermitteln, das war sein Jagdtrieb, sein Ansporn. Einem langjährigen Gesellen entging niemals ein krummes Geschäft seines Meisters. Er wusste, was im Kühlraum hing, wie viel Zentner Fleisch, nun, momentan wohl eher Kilos, täglich zur Verfügung standen und wie viel am Ende des Tages zurückblieb.

»Dann haben Sie bestimmt nichts dagegen, wenn ich mit Alphonse spreche, oder?«

»Das müssen Sie ihn schon selbst fragen. Mir ist das doch gleich.« Ihre Finger spielten unruhig mit dem Band ihrer Schürze.

»Wo wohnt er?«

»Nur drei Häuser weiter. Nummer 10.«

Wie außerordentlich praktisch. »Vielen Dank, Madame. Wann hat er Feierabend?«

»Um zwei Uhr, wenn alles sauber ist.«

Er nickte ihr zu und verließ die Kammer, als sie ihm nachrief: »Eine schöne Pastete gefällig, Inspektor? Sicher haben Sie heute Abend richtig Hunger. Ich verwahre sie Ihnen.«

»Nein, danke.«

Eine Haxe hier, ein Schnitzel da und eine Pastete dort. Er konnte sich gut vorstellen, wie diese saubere Madame durch den Krieg gekommen war. Doch sie war schließlich nicht die Einzige, die in einer miserablen Zeit um die Existenz des Geschäftes und damit um ihr Überleben kämpfte. Im Verkaufsraum angekommen, bemerkte er, dass sich die Schlange der Wartenden inzwischen aufgelöst hatte. Das Ticken einer Wanduhr lag schwer in der Luft. Wo war Alphonse? Es war noch nicht einmal Mittag.

»Madame, wo ist er denn, Ihr Geselle?«, rief er zurück in die Kammer. Zuerst vernahm er keine Antwort. Auch im Gang herrschte Stille. Hatten sich plötzlich alle in Luft aufgelöst?

Er wollte bereits zurückgehen, als sich ihm ein bedrohlicher Schatten näherte, der den Flur füllte. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn es Alphonse wäre, mit einem Schlachtermesser in der Hand. Doch es war nicht der Geselle. Madame Cortulets Schürze leuchtete im dämmerigen Licht des Flures. Unwillkürlich atmete Ricolet auf.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht kurz austreten. Die Vorräte sind ja alle, und die Kunden, die noch nichts bekommen haben, müssen jetzt woanders hingehen. Sicher macht er nur kurz Pause.«

Der warnende Blick, den sie Alphonse vorhin zugeworfen hatte, war wohl eher die Ursache für diese seltsame Flucht. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu. Die glänzenden Beile in verschiedenen Größen, die an der Wand hingen, flößten ihm Respekt ein.

»Gut, ich komme dann später wieder.« Hastig verließ er die Fleischerei, das Scheppern der Türglocke bereitete ihm eine Gänsehaut.

Neben dem Geschäft lag ein kleiner Anbau, der sich unauffällig in die Reihe der Häuser schmiegte, wahrscheinlich befanden sich hier Lager und Kühlraum. Ricolet drehte sich einmal um die eigene Achse, betrachtete die fünfstöckige Fassade, die Reihen der Fenster. Als er im Haus schräg gegenüber ein Kissen auf der Fensterbank liegen sah, verzog er unwillkürlich die Augen zu Schlitzen.

»He, da oben! Monsieur, Madame, da am Fenster.«

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der kahle Kopf eines älteren Mannes erschien. »Meinen Sie mich?«

»Ja. Kriminalpolizei, bitte machen Sie mir Ihre Tür auf.«

Nur eine halbe Stunde später schlenderte er wieder durch die Straßen, die immer eleganter wurden, je weiter südlich er kam, und wo hinter schweren Gardinen das Leben verborgen blieb. Doch diesem Nachbarn von Cortulet, Monsieur Chartres, war nicht viel verborgen geblieben. Sicher war er eine Plage für die Nachbarschaft, wie er vom Fenster aus jede Bewegung auf der Straße verfolgte. Immerhin konnte sich Ricolet nach der Befragung Chartres nun aber eine Vorstellung davon machen, wie oft die Fleischerei im vergangenen Jahr Lieferungen erhalten hatte, wann der Eismann seine Blöcke in die Kühlung brachte und wie viel Pferdeviertel und Schweinehälften durch die Hände des Monsieur Cortulet gegangen waren. Doch was nutzte ihm dieses Wissen? Ricolet schnaufte missmutig vor sich hin.

Hin und wieder kamen Velo-Taxis vorbei und Radfahrer, die Lieferungen in ihren kleinen Wägelchen ausfuhren. Welche Restaurants hatten regulär Fleisch von Cortulet bezogen, und welchen Etablissements hatte er das Fleisch unter der Hand verkauft? In den Geschäftsbüchern würde er die Antwort nicht finden. Akribische Ermittlungsarbeit lag vor ihm. Er musste Informationen über diese Restaurants bekommen und den Urheber dieser Gerüchte ausfindig machen. Hunde- und Katzenfleisch, warum war das erst jetzt aufgefallen? So etwas schmeckte man doch sofort. Niemand würde mit der Beschwerde warten, bis zufällig eine Besatzung vorüber war. Wer war Cortulet auf die Schliche gekommen? Oder gab es keinen Grund für diese Anschuldigungen? War Cortulet ein ehrlicher Fleischer, aber im Weg gewesen? Kein Zweifel, Alphonse, der Geselle, war der Schlüssel zu weiteren Informationen.

Als Ricolet die langen Schürzen der Kellner vor den Cafés sah, die im auffrischenden Wind wehten, überkam ihn die Lust auf einen Kaffee, einen richtigen wohlgemerkt. Viel zu teuer, ermahnte er sich sofort, er durfte nicht gleich in den ersten Tagen seine Ersparnisse anbrechen. Kaum Autos, keine Busse fuhren. Es wurde Zeit, zum Quai zu kommen, Brulait würde es nicht gutheißen, dass er hier gedankenverloren durch die Straßenschluchten flanierte, von Kaffee träumte und mit jedem Schritt den warmen Sommerduft der Stadt einsog.

Doch als er über die Pont St. Michele ging, kam ihm bereits ein Streifenwagen entgegen. Inspektor Dulac saß am Steuer, er hielt an und kurbelte die Scheibe hinunter.

»Springen Sie rein, wir haben eine Leiche. Der Chef ist schon da.«

Noch während Ricolet seine Hand zur Tür ausstreckte, überflutete ihn eine Welle der Aufregung. Erst jetzt begann sein Pariser Abenteuer.

*

Auguste Brulait rückte seinen Krawattenknoten hin und her. Es juckte und drückte, der Hemdstoff war feucht geworden. Die reinste Hundswärme herrschte hier, gerade unter dem Dach. Er betrachtete die vollkommen dehydrierte Leiche.

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