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Die Tote von San Miguel

Jonathan Woods

Die Tote
von San Miguel

Kriminalroman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Winfried Czech

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

A Death in Mexico

erschien 2012 bei A NEW PULP PRESS BOOK.

ISBN 978-3-8412-0690-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Januar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2012 by Jonathan Woods

Published by Arrangement with New Pulp Press, Longmont, CO, USA

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dietrich

unter Verwendung eines Motivs von © Kai Dieterich/bobsairport

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Kapitel 1

Ein winterlicher Nebel hatte sich über den Jardín Principal von San Miguel de Allende, Mexiko, hoch in den zerklüfteten Sierra Madres gelegt wie der milchige Schleier über die Augen eines Toten. Die steinerne Fassade der Hauptkathedrale La Parroquia verschwand wie abgeschnitten übergangslos im weißen Dunst. Das trübe Licht einer Straßenlaterne ließ die schwarzen Armlehnen einer schmiedeeisernen Bank vor Nässe glänzen.

Eine Kirchenglocke schlug zwei Uhr morgens.

Zwei Nachtschwärmer stolperten Arm in Arm die Stufen an der Nordseite des jardín empor. Oben angekommen, schwankten sie wie Tänzer hin und her.

Ein schwarzer, mit Glasperlen durchwirkter Schal lag auf den nackten Schultern der Frau. Das pechschwarze, auf modische Art geschnittene Haar fiel ihr wie ein Vorhang in die Stirn. Trotz des Halbdunkels glitzerten die in die Taille ihres trägerlosen Kleides eingelassenen Bergkristalle. Der Mann, der einen adretten dunklen Anzug trug, war deutlich kleiner als sie. Als sie sich an ihn schmiegte, umfasste er ihre Brüste mit beiden Händen. Sie stieß ihn heftig zurück.

»Nimm die Pfoten weg, du Scheißkerl!«

»Ach, komm schon, hab dich nicht so, Baby. Du weißt, dass ich dich liebe.«

»Du bist betrunken. Und ich bin hundemüde. Ich will nichts wie rein ins Bett und drei Tage lang nur schlafen. Aber nicht mit dir.«

Sie drehte sich um und eilte über die Plaza davon. Ihre hochhackigen Absätze klapperten wie falsche Zähne nervös über das Steinpflaster; der feuchte Nebel benetzte ihr Gesicht.

Der Mann stolperte desorientiert rückwärts auf den Rand des jardín zu, der ohne schützendes Geländer zwei Meter tief steil zur Straße hin abfiel. Einen Moment lang balancierte er direkt an der Abbruchkante. Ein kleiner Fehltritt, und er würde in die Tiefe stürzen und sich den Schädel auf dem Pflaster zerschmettern. Sayonara.

Irgendwie entging er dem Verhängnis.

»Warte!«, rief er in Richtung der Frau. »Du hättest mich gerade fast umgebracht, du verrückte puta!«

Er taumelte ihr hinterher.

Seine Schritte hallten wie laute Trommelschläge durch die neblige Stille. Vor ihm durchquerte die Frau gerade den Lichtkegel einer Straßenlaterne. Ein Schauder schüttelte ihren Körper. War es Angst? Ärger? Abscheu? Oder einfach nur die nächtliche Kälte?

Der spitze Absatz eines ihrer Schuhe verfing sich in einem Spalt zwischen zwei Steinplatten. Als sie versuchte, ihn loszureißen, riss der Schuhriemen. Sie kippte vornüber und landete mit einem Aufschrei auf Händen und Knien. Die raue Oberfläche des Straßenpflasters schürfte ihr die Handflächen und Knie auf. Der Schmerz bohrte sich ihr wie ein Pfeil ins Gehirn und ließ sie für einen kurzen Moment ohnmächtig werden.

Als der Mann sie erreichte, schüttelte sie schmerzbenommen langsam den Kopf.

»Jesus, Consuela! Bist du okay?«

»Natürlich bin ich nicht okay!«

Der Mann half ihr auf die Füße. Ein dunkler Blutfaden rann aus einer Schramme an ihrem Knie ihr Schienbein hinab.

»Du blutest ja.«

»Ach, was du nicht sagst, Leo!«

Consuela bückte sich, streifte den anderen Schuh ab und schleuderte das Paar so weit sie konnte in die Dunkelheit. Dann setzte sie sich barfuß und hinkend wieder in Bewegung. Leo ergriff ihren Arm.

Sie durchquerten den jardín von Nordwesten nach Südosten und schlugen dabei einen Bogen um den kuppelförmigen Pavillon, wo im Sommer Blaskapellen spielten. Weiter voraus duckten sich dunkle Säulengänge entlang des östlichen Randes des zócalo. Ein Nieselregen setzte ein.

Zwei wilde Katzen fauchten das näher kommende Pärchen an und zogen sich widerwillig in ein Gebüsch zurück.

»Was ist das?«, fragte Leo.

»Was?« Consuelas Stimme klang ungehalten.

»Da drüben.« Leo deutete auf einen dunklen Schemen auf dem Boden. »Das, woran die verdammten Katzen so interessiert waren.«

»Ein Beutel Müll, den irgendwer weggeworfen hat. Komm schon, Leo, ich will vor dem Morgengrauen zurück im Hotel sein.«

Doch Leo weigerte sich weiterzugehen. Er ließ Consuela los und folgte einige Schritte weit einem Seitenweg, der in Richtung des vermeintlichen Müllbeutels führte.

»Leo. Bitte! Können wir nicht einfach weitergehen?«, rief Consuela drängend.

»Es ist ein Mensch.«

»Oh, um Christi willen! Das ist garantiert ein Indianer, der sich mit pulque abgefüllt hat. Geh nur nicht zu nahe ran. Sonst fängst du dir noch einen Haufen Flöhe ein. Oder Schlimmeres.«

Der Mann beugte sich hinab.

»Leo! Der hat bestimmt die Pest!«

Doch ihren Worten zum Trotz folgte sie ihm dichtauf, fasziniert von diesem kleinen Mysterium in einer stillen und dunklen Nacht. Sie beugte sich über Leos Schulter und spähte auf die Gestalt mit den fließenden Konturen hinab, die, unter einer schwarzen Plane verborgen, auf dem Pflaster ausgestreckt lag.

»Das ist eine Frau«, sagte Leo.

Er ließ sich auf ein Knie nieder und riss ein Streichholz an. Im Licht der Flamme lugte der Stoff eines schwarzen Bauernkleides, das mit orangefarbenen und blauen Blumen bestickt war, unter einer groben, handgewobenen grauen Decke hervor. Unter dem Saum des Kleides waren zwei kleine nackte Frauenfüße zu sehen.

»Ist sie tot?«, fragte Consuela. »Ich habe noch nie einen Toten gesehen, außer meine Großmutter in ihrem Sarg.«

Leo streckte einen Arm nach dem Rand der Decke aus. Consuela legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ihre Finger krallten sich in den Stoff und das Fleisch darunter, als Leo die Decke zurückzog.

Auf dem feuchten Boden lag der Leichnam einer jungen Frau. Wallendes blondes Haar schimmerte im schwachen Lichtschein des Streichholzes. An einem dünnen goldenen Kettchen um ihren Hals hing ein goldenes Kruzifix, das wie der verdorrte Kadaver eines exotischen Insekts auf den Pflastersteinen lag. Die Vorderseite des Kleides war zerfetzt worden, die Knöpfe waren gewaltsam aufgerissen, so dass das nackte Fleisch der Frau auf obszöne Art entblößt wirkte.

Das Streichholz in Leos Fingern erlosch flackernd. Er riss ein weiteres an.

Die ausgeprägten Wangenknochen der Toten waren die eines Starlets. Zwei Reihen kleiner weißer Zähne grinsten zwischen geschwollenen Lippen hervor. Leo und Consuela nahmen jede dieser Einzelheiten mit überdeutlicher Klarheit wahr. Doch ein Detail stand beherrschend im Vordergrund. Die Augenhöhlen der Frau waren gähnende, mit eingetrocknetem Blut umrahmte dunkle Löcher. Ein Anblick wie aus einem Alptraum, der auch nach dem Erwachen nicht verblassen sollte.

Leos Gesicht erschlaffte wie ein geplatzter Autoreifen. Hinter seinem Rücken wollte Consuela einfach nicht mehr aufhören zu schreien.

Als er ihr schrilles Heulen nicht länger ertragen konnte, drehte er sich um, holte aus und schmetterte ihr eine Faust auf die Nase. Betäubt durch den plötzlichen Schmerz, verschluckte sie ihre Schreie und würgte an dem Blut, das ihr aus der Nase schoss. Tränen sammelten sich wie glitzernde Glasperlen in ihren Augenwinkeln.

Kapitel 2

Obwohl er sich hinterher an nichts erinnern konnte, hinderten die Nachwirkungen des Traumes Inspector Hector Diaz daran, wieder einzuschlafen. Eine undefinierte Zeitspanne lang lag er in der Dunkelheit wach und lauschte dem rhythmischen Rauschen seines Blutes.

Schließlich schaltete er das Licht an, stand auf und ging ins Badezimmer, um zu urinieren. Seine Arm- und Beinmuskeln waren hart und dünn wie verknotete Seile, seine graugrünen Augen so durchscheinend wie Wassertropfen auf einer blechernen Regenrinne. Er nahm einen Anzug aus grauem Wollstoff aus dem Kleiderschrank – eine von vier identischen Garnituren, die dort hingen – und eine burgunderrote Seidenkrawatte. Dazu ein gestärktes weißes Hemd aus der Kommode.

Nachdem er sich angekleidet hatte, blieb er einen Moment lang in dem engen Eingangsbereich des Apartmenthauses stehen, in dem er wohnte. Ein kalter Nieselregen sickerte seinen Nacken hinab. Heute Nacht würden selbst die Bettler zu Hause bleiben, dachte er. Er stellte den Kragen seines Jacketts hoch und tauchte in den nächtlichen Straßen unter. Hinter einer Biegung stieß er auf eine Treppe, die in undurchdringliche Schwärze hinabführte. Diaz zögerte kurz, als liefe er Gefahr, erneut in den Alptraum hineinzugeraten, der ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Dann schritt er zügig die Stufen hinunter. Kies knirschte unter seinen Schuhsohlen. Er ertastete einen Türknauf in der Dunkelheit, durchquerte eine Gasse, deren anderes Ende nur spärlich von einem trüben gelben Lichtschein erhellt wurde, und betrat eine verräucherte Nachtkneipe, in der fünf oder sechs Stammgäste hockten.

Der Priester, getarnt durch einen formlosen navyblauen Sweater und ein wollenes Barett, saß an einem Tisch auf der anderen Seite des Raumes, ein Schnapsglas mit dunklem Rum vor sich. Er sah mit dem leeren Blick eines Fisches zu ihm auf, als sich Diaz auf dem Stuhl ihm gegenüber niederließ. Die Haut um seine Nasenlöcher herum war straff gespannt und farblos wie eine Eierschale. Stinkbesoffen wie immer, dachte Diaz.

Der Priester hob sein Glas und stürzte den Rum in einem Zug hinunter. In seinen Augen blitzte ein Funke von Wiedererkennen auf.

»Wurde allmählich Zeit, dass du dich blicken lässt«, sagte er. »Heute Nacht geht das Böse um.«

»Sollte mich das überraschen, Philippe?«

»Die Unschuldigen werden abgeschlachtet.«

»Und dein Gott sieht dem Geschehen tatenlos zu.«

Die dichten Augenbrauen des Priesters zogen sich verunsichert zusammen. Er strich sich mit zwei Fingern über das Kinn, das die Schnittspuren seiner letzten Rasur zeigte. »Es ist an uns, das Böse zu überwinden. Um so den Weg zu Gott zu finden. Das haben uns die Padres gelehrt, Hector. Das kannst du doch nicht vergessen haben.«

Der Priester schlug laut mit dem Schnapsglas auf die Tischplatte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Oder um einen neuen Drink zu bestellen. Diaz war sich nicht sicher, was der andere damit bezweckte. Vielleicht beides.

»Ich habe ihren Vorträgen nie Glauben geschenkt«, sagte er. »So weit ich das sehe, sind wir dabei, den Krieg zu verlieren. Falls wir ihn nicht schon längst verloren haben.«

»Nein, mein Freund.« Der Priester lächelte. »Nicht, solange Leute wie du für uns kämpfen.«

»Ich bin hundemüde«, murmelte Diaz. »Und ich habe Angst davor, wieder einzuschlafen.«

»Dann bleib hier sitzen und trink einen. Oder auch drei.« Der Priester vollführte eine segnende Geste, das leere Schnapsglas noch immer in der Hand.

In diesem Moment erschien Tia, die Besitzerin der bodega. Sie brachte zwei Geschenke in Form eines weiteren Glases Rum und eines Mezcals mit, eine freundliche Frau in den Fünfzigern mit ausladenden Hüften. Tia hatte das Grauen gesehen und überlebt. Es gab nichts mehr, das sie hätte erschüttern können.

»Inspector Diaz, welche Freude, Sie heute Nacht zu sehen.« Bevor er irgendwie reagieren konnte, hatte sie ihn auch schon aus seinem Stuhl gerissen, ihn liebevoll umschlungen und mit der Nase tief in ihren üppigen, stark parfümierten Busen gedrückt. Diaz wehrte sich nicht. Der überwältigende Duft ihres Körpers ließ ihn mit der Wucht einer hereinbrechenden Naturgewalt schlagartig steif werden. Gleich darauf ließ Tia ihn wieder los und wandte sich dem Priester zu. »Und jetzt zu Ihnen, Philippe. Kein weiteres Rumschlagen mit den Gläsern auf den Tisch, keine anzüglichen Tiraden oder irgendeinen anderen Unfug dieser Art. Oder Sie finden sich auf der kalten Straße wieder.«

Sie beugte sich zu ihm hinab und knabberte ihm spielerisch am Ohr. Der Priester zog sie in seinen Schoß, wo sie sich einen Moment lang kokett wand, bevor sie sich aus seinem Griff löste und verschwand, um sich um die anderen Gäste zu kümmern. Diaz trank einen Schluck von seinem Mezcal, während er den übertriebenen Hüftschwung, den Tia an den Tag legte, mit den Blicken verfolgte.

»Was für eine liebe, warmherzige Fotze«, lamentierte der Priester. »Hätte ich meine cojones nicht bereits dem Heiligen Geist geweiht …«

»Ein perfektes Beispiel dafür, wie beschissen das Leben in unserem guten alten Mexiko ist«, sagte Diaz. Er zündete sich eine Zigarette an. »Du hast dich ganz tief in irgendeinem Puff des Geistes verkrochen, wo du es mit dem Heiligen Geist treibst, während sich die Schwachen und Getretenen bis an die Zähne bewaffnen, um ihr Drogenrevier zu verteidigen. Und mir bleibt es überlassen, Recht und Gesetz für die Reichen und Berühmten aufrechtzuerhalten, die meistens viel zu beschäftigt damit sind, sich Unmengen von Koks reinzuziehen, als dass sie bemerken würden, wie der Himmel über ihnen einstürzt. Manchmal wünschte ich mir, Mexikos alte Götter würden zurückkehren, um hier gründlich aufzuräumen. Sie mögen zwar ein blutrünstiger Haufen gewesen sein, aber wenigstens haben sie den Laden in Ordnung gehalten.«

Die Augen des Priesters wurden plötzlich lebendig. »Vorsicht, Hector! Du hast ja keine Ahnung, was du dir da wünschst. Was das alte Mexiko damals beherrscht hat, war das reine Böse.«

Diaz lachte. »Auch nichts Böseres als das, was heute da draußen durch die Nacht schleicht. Waren das nicht deine eigenen Worte, als ich mich zu dir gesetzt habe?«

Er trank seinen Drink in einem Zug aus und erhob sich. Das Brennen des Mezcals in seiner Kehle rief Erinnerungen an die Menthol-Brustsalbe in ihm wach, mit der seine Mutter ihn bei jeder Erkältung malträtiert hatte.

Während er an der Bar eine weitere Runde Drinks bestellte, klingelte sein Mobiltelefon. Einen Moment lang überlegte er, ob er den Anruf so lange ignorieren sollte, bis die Mailbox ansprang. Denn ein Anruf bei einem Bullen um drei Uhr in der Frühe konnte nur eins bedeuten: Irgendwo war irgendwer gestorben oder gerade dabei, es zu tun.

Doch allen guten Vorsätzen zum Trotz klappte Diaz das Telefon auf und hielt es sich ans Ohr. »Diaz.«

Kapitel 3

Die zentrale Außenstelle der Policía Preventiva von San Miguel bestand aus einem einzelnen großen Raum im ersten Stock eines Gebäudes an der Westseite des jardín. Momentan war das Zimmer mit der hohen Decke nicht besetzt, die farblosen Wände kahl bis auf ein Schwarzes Brett für offizielle Verlautbarungen und eine große schmucklose Wanduhr. In einem abgedunkelten Verschlag am Ende der Polizeistation lag Sergeant Ramon Silva zufrieden schnarchend lang ausgestreckt auf einer Pritsche.

Als Consuela draußen zu kreischen begann, verwandelte sich das unheimliche Echo ihrer Schreie, das durch die Tiefen seiner Träume hallte, in das Weinen seiner Mutter auf der Suche nach ihrem verlorenen Sohn. »Hier bin ich, hier bin ich!«, wimmerte Silva, doch seine Mutter konnte ihn nicht finden. Ihr Weinen wurde zuerst lauter und entfernte sich dann wieder. Der Sergeant stieß ein gequältes Stöhnen aus.

Er erwachte übergangslos und stemmte sich auf den Ellbogen hoch, die Augen in seinem grobschlächtigen Gesicht zu schmalen Schlitzen zusammengepresst. Abgesehen von dem kaum hörbaren Trippeln von unsichtbaren Mäusepfoten hinter den Wänden und dem melancholischen Ticken der Wanduhr herrschte Stille.

Silva setzte sich auf den Rand der Pritsche und rieb sich die Augen. Hatte er gerade von irgendwoher einen Schrei gehört? Unablässig passierte irgendeine Scheiße, nur um ihm selbst die kleinsten Freuden zu verderben, die das Leben ihm gönnte. Ständig wurden Bürger belästigt, ausgeraubt, vergewaltigt oder ermordet. Und von ihm, Ramon Silva, erwartete man, dass er jedes Mal augenblicklich zur Stelle war, zur Rettung der Opfer herbeieilte.

Er hasste die Nachtschichten. Und wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, musste er zugeben, dass er sein Leben als Bulle ganz allgemein hasste. Die Bezahlung war lausig, sogar die Kosten für seine Dienstwaffe und Munition musste er aus eigener Tasche bezahlen. Außerdem war die Arbeit viel zu gefährlich. Tag und Nacht lauerten irgendwelche Möchtegern-Los-Zetas, die sich einen Namen machen wollten, hinter der nächsten Straßenecke nur auf eine günstige Gelegenheit, einem Bullen eine Kugel in den Rücken zu jagen.

Über das Waschbecken gebeugt, spritzte sich Silva kaltes Wasser ins Gesicht. Er betrachtete sich im Spiegel, und einen Moment lang blickte ihm ein völlig fremder Mann entgegen. Schmale gierige Augen, schlaff herabhängende, stoppelbärtige Wangen, eine flache, mongolisch anmutende Nase und ein breitlippiger Mund, der jetzt wütend zu einem schmalen Strich zusammengekniffen war. Ein Hemd mit offenem Kragen, speckig und abgewetzt, enthüllte einen bulligen Nacken. Silva spuckte angewidert einen Klumpen Schleim in das Porzellanbecken und wandte sich ab.

Wo, zur Hölle, steckte Corporal Florio? Vermutlich trieb er sich wieder irgendwo draußen mit seiner fetten puta von einer Freundin herum. Silva beschloss, nach unten zu gehen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen und eine Zigarette zu rauchen. Und um Florio aus den Klauen dieser Verführerin zu retten.

Kurz darauf stand er unter der Kolonnade, eine massige, gedrungene Gestalt, und starrte finster in die neblige Dunkelheit, eine selbst gedrehte Zigarette im Mundwinkel. Irgendwo in der Nähe sprang der Motor eines VW-Käfers mit dem schrillen Jaulen eines Rasenmähers an. Fuhr Florios Freundin nicht einen Käfer?

»Florio, du Sohn eines syphilitischen Mulis!«, rief Silva. »Donde usted?«

Wie als Antwort auf seine Frage tauchten unvermittelt drei Gestalten aus dem dicken Dunst auf, der den jardín verschleierte. Silva erkannte Florio sofort anhand seiner schlanken Statur, die zu einem Langstreckenläufer gepasst hätte. Die anderen beiden, ein Mann und eine Frau, waren ihm unbekannt. Die Frau, die ein Cocktailkleid trug, war barfuß.

Silva erwartete die drei breitbeinig, die Füße einen halben Meter weit gespreizt, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Que pasa?«, erkundigte er sich, als sie den Rand der Parkanlage erreicht hatten und die beiden Stufen zur Straße herabstiegen.

Selbst aus dieser Entfernung konnte er die Erschütterung in Florios Gesicht erkennen. Der Corporal war so bleich wie ein Schuljunge, den eine der Nonnen beim Masturbieren erwischt hatte.

»Im jardín liegt die Leiche einer jungen Frau«, sagte Florio. »Ermordet. Und entsetzlich verstümmelt.«

»Ermordet, sagst du?«

Die Hände der Frau bewegten sich in nervöser Fahrigkeit. Ihre Zungenspitze fuhr über ein dünnes Rinnsal aus Blut und Schnodder, das ihr aus der Nase lief. Was hatte es damit auf sich? Silva betrachtete den teuren Anzug des Mannes und die goldenen Perlenohrstecker der Frau. Touristen aus Mexico City auf Kurzurlaub in San Miguel, vermutete er, die ganz unvermittelt in einen Mordfall hineingeschlittert waren.

Als sie alle unter der Kolonnade standen, ergriff Silva eine Hand der Frau. Er sah ihr in die Augen und ließ den Blick über ihren Ausschnitt hinunterwandern, die Zigarette noch immer im Mundwinkel. Sie war unverkennbar attraktiv, auf die typisch ausgezehrte Art einer Großstädterin. Eine eingebildete Nutte aus der Hauptstadt.

»Es tut mir leid, dass Sie einen solchen Schock erleiden mussten, señora. Akzeptieren Sie bitte meine Entschuldigung dafür, dass Ihr Besuch unserer kleinen Stadt von so etwas Schrecklichem wie einem Mord verdorben worden ist.«

Ihre Worte waren wie ein billiges dulce. Klebrig süß. »Irgendjemand war sehr grausam zu der Kleinen, bevor er sie getötet hat«, sagte sie.

Der Blick ihres Begleiters huschte zwischen Silva und ihr hin und her. Silva begegnete ihm angriffslustig, während er eine Qualmwolke ausstieß. Er wandte sich Florio zu. »Geh zurück zu der Leiche und pass auf, dass sich niemand am Tatort zu schaffen macht. Ich begleitete die Herrschaften in der Zwischenzeit nach oben und rufe die Judiciales

Florio wirkte ängstlich. Er hüpfte nervös von einem Fuß auf den anderen.

»Sie ist doch schon tot, um Christi willen«, knurrte Silva. »Es gibt nichts, worüber du dir jetzt noch Sorgen machen müsstest. Oder glaubst du etwa an wandelnde Untote, Corporal?«

Oben im ersten Stock, außerhalb des Nebels, war es wärmer. Die Frau ließ sich auf eine Sitzbank sinken, das Gesicht in den Händen vergraben. Der Mann lehnte sich über den Tresen, der den beengten Bürobereich voller Schreibtische vom Warteraum für all diejenigen trennte, die nicht der Polizei angehörten, die Schuldigen wie die Unschuldigen.

Silva nahm eine Flasche Tradicional aus einem Schrank und stellte sie zusammen mit drei Schnapsgläsern auf den Tresen. »Trinken Sie einen Schluck, señor. Das hilft, die Kälte zu vertreiben. Ich denke, Ihre Freundin könnte auch einen vertragen.«

Er ging zu seinem Schreibtisch, wählte eine Nummer und sprach eine Weile mit gedämpfter Stimme in den Telefonhörer. An der Decke summte eine Leuchtstoffröhre. Der Mann begann, im Wartebereich auf und ab zu gehen.

Nachdem er das Telefonat beendet hatte, kehrte Silva zum Tresen zurück und schenkte sich ein Glas ein. »Ein Inspector von unserer Policía Judicial wird in wenigen Minuten hier sein. Er musste geweckt werden und wird keine gute Laune haben.«

Silva trank seinen Tequila. »Wie heißen Sie?«, fragte er den Mann.

»Leo. Leo Bremmer. Aus Ciudad de México. Ich kann nicht glauben, in was wir da reingeraten sind. Hätte ich nur auf sie gehört«, er nickte in Consuelas Richtung, »wären wir einfach weitergegangen.«

»Und ihr Name?«

»Consuela Domingue. Eine Geschäftspartnerin.«

Na klar, dachte Silva. Wenn es offiziell wurde, hießen Huren immer Geschäftspartnerinnen. Er ließ sich den Tequila langsam durch die Kehle rinnen und betrachtete Leo dabei eindringlich. Dann hob er die Flasche, füllte sein Glas erneut und beobachtete die Frau auf der anderen Seite des Tresens, die sich aufgesetzt hatte, nachdem ihr Name gefallen war. Sie überprüfte mit hoffnungsloser Miene ihr Make-up in einem winzigen Schminkspiegel, befeuchtete zwei Fingerkuppen mit der Zunge und wischte einen eingetrockneten Blutfleck unter ihrer Nase fort.

»Vielleicht, señor Bremmer«, sagte Silva, »wird es ja gar nicht nötig, dass Sie oder señora Domingue tiefer in diese furchtbare Sache hineingezogen werden müssen. Sie sehen nun wirklich nicht wie Mörder aus.«

Bremmer sah ihn mit ausdrucksloser Miene an. »Sie war bereits tot, als wir sie gefunden haben.«

»Natürlich. Aber wie konnten Sie das wissen? Haben Sie ihren Puls gefühlt? Sie irgendwie berührt?«

»Wie meinen Sie das?«

»Um festzustellen, ob sie bereits tot war. Vielleicht hat sie sich ja noch warm angefühlt. Eine attraktive junge Frau, offenbar im estado borrachera? Bis zur Bewusstlosigkeit betrunken. Die perfekte Gelegenheit für ein kleines spätnächtliches Vergnügen, ? Wozu Sie nur etwas Hilfe von Ihrer Freundin Consuela gebraucht haben, ein kleines bisschen Fellatio, um so richtig in Fahrt zu kommen. Schließlich waren Sie ebenfalls alkoholisiert, nicht wahr, señor? Und im ganzen Überschwang der Dinge ist sie dann leider irgendwie ums Leben gekommen.«

»Wovon, zur Hölle, reden Sie da?«

»Nur eine von mehreren Theorien darüber, die mir so durch den Kopf gehen, wie es zur Ermordung einer jungen Frau im jardín gekommen sein könnte.«

Consuela sprang auf und beugte sich weit über den Tresen hinüber, die Lippen nur einen Finger breit von Silvas Nase entfernt, die so pockennarbig wie die Oberfläche des Mondes war. Ihre Augen loderten wie brennende Signalfackeln, die einen Verkehrsunfall absichern. In ihrer Wut wirkten ihre Brüste, die von dem dünnen Stoff des Abendkleides kaum verborgen wurden, irgendwie geschlechtslos. »Sie können mich mal, Sergeant! Wir lassen keine derartigen Spielchen mit uns treiben! Sobald es hell wird, fahren wir nach Mexico City zurück. Und ich hoffe, weder Sie noch dieses Kaff jemals wiedersehen zu müssen!«

Silva zog den Kopf zurück, als würde Consuelas Atem stinken. »Ein Spielchen?«, fragte er. »Das ist kein Spiel, señora.« Seine breiten Lippen bewegten sich kaum, während er sprach. »Wenn Sie diesen Gerichtsbezirk verlassen wollen, müssen vorher gewisse Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Sie sind zumindest wichtige Zeugen in einem Mordfall. Und im schlimmsten Fall …«

Die Müdigkeit kehrte unvermittelt in Consuelas Gesicht zurück. Plötzlich war erkennbar, wie sie kurz nach ihrem Tod aussehen würde. Die Wanduhr zeigte drei Uhr zehn in der Frühe an. Die Nacht floss so träge dahin wie eine aufgeblähte Wasserleiche, die einen Fluss hinabtreibt. Als wollte die Morgendämmerung niemals anbrechen.

Leo legte Consuela eine Hand auf die nackte Schulter. Sie schüttelte sie mit einem Achselzucken ab und ließ sich wieder auf die Sitzbank des Wartebereichs sinken. Die Verbitterung grub tiefe Furchen in ihre Stirn. Sie starrte die gegenüberliegende Wand an, die bis auf ein rustikales Kruzifix schmucklos kahl war.

Leo leckte sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Wie viel, damit wir von hier verschwinden können?«

Silva öffnete ein Päckchen Tabak und drehte sich eine frische Zigarette. Seine kurzen dicken Finger bewegten sich schnell und geschickt. Er zündete die Zigarette an und rauchte. Sein Blick ruhte erneut auf Consuela, die jedoch keinerlei Reaktion zeigte.

»Aus Sicherheitsgründen, damit Sie ohne unnötige Verzögerung nach Ciudad de México zurückkehren können? Ich denke, 10 000 pesos dürften dafür ausreichen. Und natürlich eine unterschriebene eidesstattliche Erklärung, die besagt, dass Sie das tote Mädchen gefunden haben.«

»Ich habe nicht so viel Bargeld bei mir.«

»Die Bankautomaten sind 24 Stunden am Tag in Betrieb, señor Bremmer.«

Leo griff in seine Jackentasche und zog ein Lederportemonnaie hervor. Eins der Fächer war voller Banknoten. Seine Lippen bewegten sich lautlos, während er das Geldbündel durchblätterte. »3000 pesos«, sagte er schließlich.

»Lassen Sie mich sehen.« Silva streckte eine Hand nach dem Portemonnaie aus. Plötzlich schoss eine andere Hand scheinbar aus dem Nichts hervor und schloss sich wie ein Fangeisen um Silvas Handgelenk. Da Leo das Portemonnaie bereits losgelassen hatte, landete es mit einem satten Klatschen auf dem Boden.

»Komme ich vielleicht ungelegen, Sergeant?«, fragte eine raue Stimme.

Der Neuankömmling, übertrieben penibel in einen grauen Anzug und ein gestärktes weißes Hemd mit burgunderroter Krawatte gekleidet, war groß und beinahe geisterhaft dünn. Sein schwarzes Haar war lang, aber sorgfältig frisiert.

Die mit Nikotinflecken übersäten Finger ließen Silvas Handgelenk los. Der Sergeant zog den Arm zurück und massierte sich das rot verfärbte Druckmal mit der anderen Hand. »Inspector Diaz«, murmelte er. »Ich hatte Sie nicht so schnell hier erwartet.«

Kapitel 4

Trotz seiner Höhe hatte der Raum etwas Klaustrophobisches an sich. Vielleicht lag es daran, dass er sehr schmal geschnitten war, ursprünglich die rückwärtige Eingangshalle eines palacios aus dem 18. Jahrhundert. Oder waren es die in den 1930er Jahren nachträglich angebrachten braunen und gelben Bodenfliesen, deren lebhafte geometrische Muster das sonst so minimalistische Ambiente geradezu erschlugen? Höchstwahrscheinlich aber war in erster Linie der Leichnam des jungen Mädchens auf dem Seziertisch aus Edelstahl daran schuld.

Inspector Diaz hakte die Absätze seiner auf Hochglanz polierten Schuhe über den Rand eines metallenen Papierkorbs und schob ihn dann wieder von sich, bis er halsbrecherisch weit zurückgelehnt auf den beiden Hinterbeinen des Holzstuhls balancierte. Sein Gesicht strahlte die asketische Leblosigkeit eines Konquistadors aus, dessen Liebe sich auf Gott und aztekisches Gold beschränkte. Doch irgendwo in den Tiefen seiner Augen, die an bodenlose cenotes erinnerten, glomm noch immer die fast erloschene Glut seiner Maya-Vorfahren. Zwischen seinen rötlich braunen Lippen klemmte ein Zigarettenstummel.

Diaz’ Blick folgte einer braunen Spinne, die an der weißgetünchten Wand neben ihm hinaufkrabbelte. Er hätte sie jederzeit mit einem beiläufigen Schlag der flachen Hand in einen konturlosen bräunlichen Matschfleck verwandeln können, doch er hegte keinen Groll gegen die Spinne.

»Ihr Genick ist gebrochen. Die Augen wurden erst nach ihrem Tod entfernt. Deshalb gab es auch nur so wenig Blut am Fundort. Da die Leichenstarre noch nicht vollständig eingesetzt hat, schätze ich, dass sie ungefähr zwei Stunden vor ihrer Entdeckung gestorben ist.«

Die knappe Zusammenfassung des Untersuchungsergebnisses stammte von einem Mann in einem weißen Kittel, der Diaz den Rücken zuwandte und sich mit penibler Sorgfalt die Hände über einem Waschbecken aus Edelstahl einseifte. Seine grauen Haarstoppeln waren so fein und samtweich wie die Fasern einer Plüschtapete in einem Bordell.

»Also handelt es sich bei dem Mörder um einen Mann.«

»Oder um eine sehr starke Frau.« Nachdem er das Reinigungsritual beendet hatte, drehte sich Dr. Nicholas Moza zu Diaz um und trocknete sich die Hände an einem frischen Leinentuch ab.

»Sie ist nicht im jardín getötet worden«, fuhr er fort. »Ihre Fersen weisen deutliche Abschürfungen auf, die daher stammen, dass sie über das raue Straßenpflaster geschleift worden ist, bevor man sie dort abgelegt hat, wo sie gefunden wurde.«

»Wenn sie auf diese Weise transportiert worden ist, bedeutet das, dass sich nur eine Person an ihr zu schaffen gemacht hat.«

»Vermutlich.«

»Aber warum sollte der Täter sie an einem so öffentlichen Ort zurücklassen?«

»Vielleicht ist er in Panik geraten. Oder es handelt sich um irgendeine perverse Art von Exhibitionismus.«

Diaz ließ seinen Stuhl mit einem abrupten Ruck wieder in die Waagrechte kippen und stand auf. Er nahm einen letzten tiefen Zug von seiner Zigarette und drückte den Stummel in einem gläsernen, von einem schmiedeeisernen Ständer gehaltenen Aschenbecher aus, in dem bereits sechs Zigarettenstummel derselben Marke lagen.

»Oder als Botschaft, als unmissverständliche Warnung an andere«, sagte der Arzt.

Diaz konnte die weichen Rundungen des toten Mädchens am anderen Ende des Raumes sehen. Die bleiche Haut schimmerte im fluoreszierenden Licht in einem dunklen Blau. Der Inspector durchquerte den Raum mit zwei Schritten und starrte auf den Seziertisch hinab. Die Brüste des Mädchens waren zu üppig für ihren zierlichen Körperbau, der schmal, beinahe ausgemergelt wirkte. Rötlich blondes Haar kräuselte sich in ihren Achselhöhlen und zwischen ihren Beinen, die nicht rasiert waren. Ein dunkelroter Fleck an ihrem Nacken verriet die Stelle, wo ihr das Genick gebrochen worden war. Moza hatte ein Tuch über ihrem verstümmelten Gesicht ausgebreitet.

In wessen Armen mochte sie wohl am letzten Morgen ihres Lebens aufgewacht sein? Die Frage blitzte unvermittelt in Diaz’ Kopf auf. Oder hatte sie die Nacht allein verbracht? Hatte sie vielleicht einen Joint zu ihrem Kaffee geraucht, in der Sonne gesessen und ihre Lieblingskatze gestreichelt und dabei ein Dutzend Mal denselben Abschnitt in ihrem Roman gelesen? Hatte sie am Nachmittag Freunde besucht und über einen müden kleinen Seitenhieb gelacht, der einem gemeinsamen Bekannten galt, der gerade nicht da war? Ihr letzter Tag musste auf eine so unspektakuläre Art verlaufen sein, denn es war einfach unvorstellbar, dass eine so junge Frau gewusst haben konnte, dass der Tod gleich hinter der nächsten Straßenecke auf sie gelauert hatte.

Diaz richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Moza, der hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte und in einem ledergebundenen Notizbuch schrieb.

»Gibt es sonst noch irgendetwas, das Sie mir sagen könnten?«, erkundigte er sich.

»Alter Anfang zwanzig. Möglicherweise magersüchtig. Keine Nadeleinstiche. Eine alte Narbe von einer Blinddarmoperation am Bauch. Ein Tattoo in Form eines Geckos auf dem rechten Schulterblatt, aber keine Piercings. Außerdem hatte sie sich eine Weile nicht mehr die Zähne geputzt.«

Diaz schnaubte leise. »Und sie ist eine gringa und nicht irgendeine unbedeutende Einheimische.«

»Sie ist ihrem Mörder bestimmt nicht rein zufällig zum Opfer gefallen«, stimmte ihm Moza zu.

»Jeder wird von mir erwarten, dass ich den Fall innerhalb von zwei Tagen löse. Möglichst, ohne dass etwas darüber in den Zeitungen erscheint. Gringa-Mörder sind nicht gut fürs Geschäft. Machen die touristas nervös, und dann bleiben sie weg. Als wären die Kartelle und ihre endlosen Blutfehden nicht schon schlimm genug.«

Diaz trat an Mozas Schreibtisch und griff nach einer kleinen Briefmappe, die in einer Tasche der Toten gefunden worden war. Es war ein altmodisches Stück, dessen Verschluss wie zwei ineinander verschränkte Arme gestaltet war. Er ließ ihn aufspringen und den Inhalt, den er bereits kannte, auf die Schreibtischplatte fallen. Ein zusammengeknüllter 50-peso-Schein. Drei kleine Münzen. Ein Sankt-Christopher-Medaillon. Und ein texanischer Führerschein.

Der Führerschein war auf den Namen Amanda Smallwood in Dallas, Texas ausgestellt. Geboren am 28. 1. 1989. Größe: 1,60 Meter. Augenfarbe: Braun. Geschlecht: Weiblich. Besondere körperliche Merkmale: Tot.

Das amtliche Foto auf dem Führerschein war zweifellos das der jungen Frau, die auf dem Edelstahltisch am anderen Ende des Raumes zu verwesen begann. Doch es wurde ihrer Schönheit nicht gerecht, die selbst der Tod nicht hatte auslöschen können. Nach einer Weile verstaute Diaz den Inhalt wieder in dem Mäppchen und schob es sich in die Jackentasche.

»Kein großer Nachlass«, stellte er fest.

Dr. Moza klappte sein Notizbuch zu. »Mag sein«, sagte er. »Aber Sie wissen ja, Inspector, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.«

»Nur wenn Sie an diesen Hokuspokus glauben.« Diaz schüttelte eine weitere Zigarette aus der zerknautschten Montana-Packung in seiner Jackentasche und zündete sie an.

»Sie schicken die Leiche für eine vollständige Obduktion nach Guanajuato?«

»Natürlich.«

»Lassen Sie es mich wissen, sollte dabei noch irgendwas Interessantes herauskommen.«

Diaz’ Absätze klapperten auf dem gefliesten Fußboden, als er zum Ausgang ging. Er blieb noch einmal an der Tür stehen und warf Moza einen kurzen Blick zu. »Und kein Wort über die Sache zu den Reportern oder irgendwem sonst.«

Als Diaz aus Dr. Mozas Klinik auf eine schmale kopfsteingepflasterte Gasse hinaustrat, die nach Urin und Fäkalien stank, spürte er eine Welle der Erschöpfung über sich zusammenschlagen. Die Gasse war in beiden Richtungen von Stuckfassaden gesäumt, die in allen erdenklichen Farben bemalt waren. Ein schmutzig brauner Straßenköter blieb kurz stehen, um das Bein wie als Parodie eines Grußes in Diaz’ Richtung zu heben, bevor er weiterlief und am Ende der Straße verschwand.

Das alles war Diaz nur zu gut vertraut. Abgesehen von seiner Zeit an der Universität von Monterey, wo er Strafrecht studiert hatte, einem Jahr beim Militär und fünf Jahren als angehender junger Polizist in Guanajuato, hatte Diaz sein ganzes bisheriges Leben in San Miguel zugebracht. Eine überschaubare Welt.

Die frühe Morgensonne begann bereits, den nächtlichen Nebel aufzulösen. Die überall in der Stadt läutenden Kirchenglocken riefen die Gläubigen zur Morgenmesse.

Ein Café an einer Straßenecke öffnete gerade. Diaz ging hinein und bestellte eine Tasse Kaffee und einen Teller churros. Da er der erste Kunde des Tages war, schenkte ihm die Frau des Besitzers hinter der Kasse ein warmes Lächeln. Er war hier kein Unbekannter. Nachdem er seine churros verzehrt hatte, wischte er die Zuckerkrümel fort, die ihm auf die Hose gerieselt waren, und zündete sich eine Zigarette an.

Es ereigneten sich glücklicherweise nur wenige Morde in San Miguel. Und der Mord an einer gringa war ein wirklich rara avis. Die Gemeinde der hiesigen Exilanten war eine ganz eigene Welt. Vor fünf Jahren hatte eine Frau aus Philadelphia in San Miguel ihren Ehemann erschossen. Er war regelmäßig geschäftlich unterwegs gewesen, und sie hatte behauptet, ihn bei seiner Rückkehr für einen Einbrecher gehalten zu haben. Wie sich schließlich herausstellte, waren bei der Geschichte eine Geliebte und eine größere Versicherungssumme im Spiel gewesen. Die Geliebte hatte es sowohl mit dem Geschäftsmann aus Philadelphia als auch mit seiner Frau getrieben.

Claro, dachte Diaz, vermutlich hatte das tote Mädchen das typische Leben eines Bohemiens am Rande der Exilantengemeinde von San Miguel geführt. Wer außer einer New-Age-Hippiefrau würde schon bäuerliche indio-Kleidung tragen und sich weder die Beine noch die Achselhöhlen rasieren? Zweifellos hatte sie gehört, dass das Leben in San Miguel billig war und es dort jede Menge Wohnraum gab.

Er hielt es für äußerst wahrscheinlich, dass irgendjemand aus der gleichen in sich abgeschotteten Gemeinde das Mädchen stranguliert und verstümmelt hatte. Irgendeine virulente Mutation der gringo-Kultur. Er musste nur einen Zugang zu dieser Welt finden.

Doch der Beginn der Suche würde noch ein paar Stunden warten müssen.

Als Diaz den Jardín Principal überquerte, steckten die Bettler bereits ihre Territorien ab. Die Zeitungsverkäufer hockten halb schlafend auf der niedrigen Mauer auf der Seite der Plaza, die der Kathedrale zugewandt war, und warteten auf ihre ersten Kunden. Zwei uniformierte Beamte der Policía Preventiva hatten sich rechts und links des mit Seilen abgesperrten Bereichs postiert, wo das tote Mädchen gefunden worden war. Diaz marschierte die Plaza hinauf, wobei er sorgfältig darauf achtete, nicht in einen Hundehaufen zu treten. Vor einer unscheinbaren Holztür in einer alten Hausfassade blieb er stehen und drückte auf einen von mehreren Klingelknöpfen. Nichts geschah. Er klingelte weiter. Schließlich klang eine verschlafene Frauenstimme aus der Gegensprechanlage auf.

»Wer ist da?«

»Ich bin’s. Hector.«

Ein langanhaltendes Schweigen löschte seine Worte aus.

»Bist du wieder eingeschlafen?«, fragte er. »Oder ist das deine Art, mir zu zeigen, wie viel ich dir bedeute?«

»Es ist noch zu früh. Und warum sollte ich dich überhaupt reinlassen? Du hattest es schon seit Wochen nicht mehr nötig, dich einmal bei mir blicken zu lassen. Vielleicht habe ich ja mittlerweile einen Freund, der über Nacht geblieben ist.«

»Es hat in letzter Zeit jede Menge Verbrechen gegeben. Ich war sehr beschäftigt.«

»Lügner.«

Doch Diaz hörte das Schaben eines Metallbolzens, der zurückgezogen wurde, und dann das Klicken des aufspringenden Schlosses. Die Tür schwang nach innen auf, und Diaz schlüpfte hindurch. Eine Frau, die einen Morgenmantel dichter um ihren Körper legte, zog sich vom Eingang zurück. Diaz und sie betraten einen kleinen Innenhof, ohne einander zu berühren.

Das über die Hofmauern fallende Sonnenlicht entriss das Gesicht der Frau dem Halbdunkel. Sie hatte ein stark konturiertes Kinn und ebensolche Wangenknochen, die ihr ein selbstbewusstes Aussehen verliehen. Die vollen Lippen des Mundes, der ein wenig zu schmollen schien, fügten ihrem Gesicht eine sinnliche Note hinzu. In ihren bernsteinfarbenen Augen schimmerte noch immer so etwas wie ein Rest von Unschuld, auch wenn sie diesen Eindruck durch einen unsteten Blick zu verhindern versuchte. Als Diaz ihr ins Gesicht sah, strich sie sich über das kurzgeschnittene schwarze Haar.

»Du siehst gut aus, Martina.«

»Das soll wohl ein Witz sein. Ich hatte letzten Mittwoch meinen 42. Geburtstag und bin gerade erst aufgewacht. Ist das etwa der neue warmherzige und sensible Hector Diaz? Aber offenbar nur, wenn es ihm gerade in den Kram passt oder er Lust auf eine Nummer hat.«

»Sei nicht so unnachsichtig mit mir. Ich habe eine lange Nacht hinter mir.«

Ihre Mundwinkel zuckten.

»In Ordnung. Komm rein! Zwei Tassen Kaffee machen auch nicht mehr Mühe als eine.«

Diaz folgte ihr eine steinerne Treppe hinauf und einen Flur entlang, der zu einem kleinen Apartment führte. Vor einem Kaffeetisch, der aus einer antiken Holztür gezimmert worden war, stand eine übertrieben weich gepolsterte Couch. Diaz zog die Anzugjacke aus und legte sie vorsichtig auf das Sofa. Die Krawatte faltete er ordentlich zusammen und verstaute sie in einer Jackentasche. Durch einen Balkon fiel Tageslicht in das Zimmer. Auf einem kleinen Tisch vor der Balkontür standen schmutzige Teller und mit Fingerabdrücken übersäte Gläser vom vergangenen Abendessen. Eines Essens für zwei Personen.

Martina räumte den Tisch ab und trug das schmutzige Geschirr in eine kleine Küchennische. Diaz setzte sich und ließ den Blick über die mit Terrakottaziegeln gedeckten Hausdächer der Stadt wandern. Ein Bild voller Unschuld wie auf einer Ansichtskarte. Im Geist drehte er die Karte um und las:

Liebe Mom, lieber Dad. Ich verlebe eine herrliche Zeit hier in San Miguel. Es ist kühl, aber sonnig. Jeden Abend grandiose Sonnenuntergänge. Ich habe viele neue Freunde aus den Staaten gefunden. Mein Spanisch wird langsam besser. Ich hoffe, bei Euch in Dallas ist alles okay. Liebe Grüße, Amanda.

Später würde er versuchen müssen, Amandas Eltern anzurufen. Er nahm an, dass sie in Dallas lebten. Er würde ihnen mitteilen, dass ihr kleines Mädchen tot war, aber am Telefon keinerlei Einzelheiten preisgeben. Diaz fragte sich, ob sie den Leichnam zurück in die Staaten überführen lassen würden. Vielleicht aber ließen sie sie auch hier beerdigen, wo niemals irgendjemand ihr Grab besuchen würde, um ihr einen Strauß Blumen zu bringen oder ein Gebet für sie zu sprechen.

Martina stellte ein Tablett mit zwei winzigen Porzellantassen auf Untersetzern und einem dampfenden Espressokännchen auf den Tisch. Sie schenkte den Kaffee ein. Diaz trank einen Schluck, und im nächsten Moment vertrieb der bitter-würzige Espressogeschmack den Schrecken der Nacht. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

»Hättest du vielleicht einen Brandy?«

»Hector, du bist nie mit dem zufrieden, was man dir gibt. Ich weiß nicht, warum ich mich überhaupt mit dir abgebe.« Martina zuckte resigniert die Achseln und holte eine Flasche El Presidente. Diaz schüttete etwas davon in seine halb geleerte Tasse und stürzte die Mischung in einem Zug hinunter, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Er schenkte sich noch zweimal nach –  jeweils Brandy pur  – und stellte die kleine Tasse jedes Mal wie ein Schnapsglas mit einem harten Ruck auf den Tisch zurück.

»So schlimm?«, fragte Martina.

»Gestern Nacht ist eine 22-jährige Frau getötet worden. Man hat sie verstümmelt und im jardín abgeladen.«

Martinas Gesicht zuckte. »Auf welche Art ist sie verstümmelt worden?«

»Das musst du nicht wissen.«

»Tut mir leid.«

»Und außerdem war sie eine gringa. Meine Vorgesetzten werden meine cojones in Geiselhaft nehmen, bis ich ihnen den Mörder geliefert habe.«

Martina stand auf, ging um den Tisch herum und schlang Diaz von hinten die Arme um die Schultern. Als sie sich vorbeugte, klaffte ihr Morgenmantel auf. Diaz erhob sich und drehte sich zu ihr um. Ihr Morgenmantel öffnete sich weiter. Er legte eine Hand auf ihren warmen Bauch, ließ sie aufwärts wandern und umfasste ihre vollen Brüste, deren Brustwarzen so hart wie Glasperlen waren.

Sie knöpfte sein Hemd mit flinken Fingern auf und fuhr mit den Händen über seine Brust. Ein Sonnenstrahl fiel auf die fast flüssig anmutende Oberfläche einer kleinen goldenen Kreatur, die an einer Lederschnur von Diaz’ Nacken herabbaumelte. Teils Raubvogel, teils Gottheit. Ehécatl, der Gott des Windes, den sich Diaz zusammen mit seinem Großvater vor langer Zeit aus einem verschollenen aztekischen Grab in den Bergen ausgeliehen hatte, blies seinen fiebrig heißen Atem über Martinas Brüste und wanderte weiter abwärts, um ihre geöffneten Schenkel zu küssen.

Ein ungeduldiges Stöhnen entschlüpfte ihren Lippen. Sie zog den Reißverschluss seiner Hose herunter, schob ihre Hand hinein, schloss sie um Diaz’ Schwanz, der bereits stahlhart geworden war, und zog ihn mit sich auf die offene Tür ihres Schlafzimmers zu.

Schon vor der Tür registrierte Diaz bereits, dass das Bett noch von der Nacht zerwühlt war. Und ein weiteres wichtiges Indiz: In diesem Bett hatten erst kürzlich zwei Personen geschlafen.

Er zuckte die Achseln. Was sollte er schon tun? Er war nicht allzu häufig für Martina als Liebhaber verfügbar, und Frauen hatten nun mal ihre Bedürfnisse.

Wie um seine Gedanken zu bestätigen, ließ sich Martina rücklings auf das Bett fallen, die Beine weit zu einem V wie als Symbol ihres Triumphes gespreizt. Ein Lächeln irgendwo zwischen dem der Mona Lisa und dem einer Priesterin des Goldenen Kalbes, die auf ihren Liebeslohn wartet, kräuselte ihre Lippen.

Hol dir das Gold, dachte Diaz. Er streifte seine Schuhe, die Hose und die mit Herzen in unterschiedlichen Pastellfarben bedruckten Boxershorts ab und stürzte sich auf sie. Nach hektischen Versuchen, die richtige Position zu finden, stopfte sie sich ein Kissen unter den Arsch und lag mit fast geschlossenen Augen da, während er sie wie entfesselt leckte. Als sie sich lustvoll zu winden begann, schob er sich über sie und stocherte mit dem Schwanz in ihr herum.

Martina packte seinen Schwanz und führte ihn geschickt ein, während sie ihm leise Obszönitäten zuflüsterte. Diaz begann, mit den Hüften zu stoßen, und der Druck in seinen Lenden steigerte sich wie der eines Dampfkessels unmittelbar vor der Explosion. Martina keuchte unter ihm und stöhnte, dass sie sterben würde, wenn sie nicht bald käme. Warum hielt er sich weiter zurück? Warum, zum Teufel, ließ er sich nicht einfach gehen? »Komm schon, Baby«, stöhnte sie heiser. »Komm!«

Diaz war völlig in seinem Rhythmus versunken, seine Eichel kalibrierte wie der empfindlichste seismologische Messfühler. Als er in Erwartung des Höhepunktes schneller zu keuchen begann, wehrte sich Martina plötzlich gegen ihn und stemmte sich mit aller Kraft gegen seine Brust. Er rutschte aus ihr heraus, und sein völlig überlastetes Gehirn pendelte hilflos zwischen vager Desillusionierung und der Erkenntnis hin und her, schon viel zu weit gegangen zu sein, als dass es ihn noch kümmerte.

»Du benutzt kein Kondom!«, rief Martina. »Spritz draußen ab.«

Genau in diesem Moment kam er auch, sein weißer Strahl spritzte über ihre Schenkel hinweg und klatschte auf die handbestickte Tagesdecke.

Martina stieß ihn beiseite. »Scheiße! Der Fleck geht nicht mehr raus.« Sie war kaum aufgestanden, um einen feuchten Lappen zu holen, als sich Diaz auch schon auf den Rücken rollte und in einen todesähnlichen Schlaf fiel.

Kapitel 5

Als Hector Diaz am Freitag um zehn Uhr morgens an dem mit einer Maschinenpistole bewaffneten Wachposten vorbei das Revier der Policía Judicial betrat, entdeckte Sergeant Roberto Ortiz ihn sofort. Ortiz telefonierte gerade. Er hielt den Hörer in einer Hand und deckte die Sprechmuschel mit der anderen ab. Seine Augenbrauen zuckten in die Höhe wie explodierende Feuerwerksraketen, seine Lippen formten lautlos zwei Wörter: »Der Bürgermeister.«

Diaz klopfte die Taschen seines Anzugjacketts ab und fand seine Zigaretten. Er fingerte eine aus der Packung, zündete sie an und ging in sein Büro. Dann beugte er sich über seinen Schreibtisch und nahm den Telefonhörer ab. »Diaz hier.«

»Inspector Diaz.« Die Stimme klang schneidend und unpersönlich. »Ich habe mich schon gefragt, wann du eintreffen würdest.«

»Wie kann ich dir behilflich sein, Don Cedillo?«

»Der Mord an der mujer norteamericana ist Thema in jeder Zeitung und jedem Radiosender.«

Scheiße!, fluchte Diaz stumm. Er hatte gewusst, dass die Nationalität des toten Mädchens früher oder später zu einem Alptraum in Sachen Öffentlichkeitsarbeit führen würde. Allerdings hatte er gehofft, dass es erst deutlich später dazu kommen würde.

»Wie du bestimmt verstehen wirst – dessen bin ich mir sicher, Inspector –, ist das eine beschissene Katastrophe mit unabsehbaren Folgen. Ich möchte über alles informiert werden, was in diesem Fall unternommen wird. Über jeden Schritt, der diese widerwärtige Geschichte zu einem befriedigenden Ende bringt.«

»Wir arbeiten daran.«

Diaz stellte sich das schmale, spitze Gesicht einer riesigen Ratte in einem Nadelstreifenanzug am anderen Ende der Leitung vor.

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