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Die Tote vom Nordstrand

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
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  22. 18
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Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

1

Willy Achtendorf verließ den Speisesaal. Er war enttäuscht. Nur Zasimet, das türkische Mädchen, das sie bedient hatte, war der einzige Lichtblick in dieser steifen, gutbürgerlichen Umgebung gewesen.

Norderney enthielt ihm die Farben, die der Reiseprospekt versprochen hatte, vor. Er hatte sich den Beginn seiner Kur anders vorgestellt.

Auf seinem Zimmer kam er sich verlassen vor. Nachdem er ein Bier getrunken hatte, begab er sich zu dem einfachen Holzschrank. Er entschied sich für den warmen Wettermantel und verließ unzufrieden das Haus Theresenhöhe. Die Aufenthaltsräume waren leer. Auch die Leiterin, Frau Fortema, saß nicht in ihrem Büro, als er das Sanatorium verließ.

Nieselregen setzte ein.

Achtendorf zog den Mantelkragen hoch, schritt im Licht bunter Neonreklamen an vornehmen Hotels und Pensionen vorbei und näherte sich dem Geschäftsviertel. Die Moltkestraße lag seitlich von ihm. Einige Bäume spiegelten im Regen das Licht der Straßenleuchten. Er entdeckte eine Telefonzelle. Er konnte zu Hause anrufen. Sie war besetzt.

Vor dem Fenster einer Buchhandlung blieb er stehen.

Plötzlich vernahm er ein lautes Bersten. Glas zersplitterte. Erschrocken drehte er sich um und hastete in die Knyphausenstraße. Er suchte Schutz hinter einem Baum und beobachtete zwei Männer, die dabei waren, in aller Eile das Schaufenster eines Juwelierladens auszuräumen.

»Halt! Bleiben Sie stehen!«, rief er und verließ die Dunkelheit seines Versteckes.

Die Räuber trugen Jeans und Lederjacken. Um ihre unteren Gesichtspartien hatten sie Tücher gebunden.

Für Sekunden stierten sie in seine Richtung. Während der eine sich um die Beute kümmerte, zog der andere eine Pistole.

Achtendorf erkannte die Gefahr und ließ sich auf den Boden fallen. Er sah das Aufblitzen des Mündungsfeuers. Das Geschoss zischte an ihm vorbei.

Die Ganoven flüchteten über die Beenkestraße in die Goetheallee.

Achtendorf sprang auf und folgte ihnen. Außer Atem beobachtete er, wie sie in einen Wagen stiegen und mit quietschenden Reifen losfuhren.

Es gelang ihm nicht, das Autokennzeichen zu entziffern. Niemand außer ihm schien den Vorfall bemerkt zu haben. Er ging zurück zur Telefonzelle, die immer noch besetzt war.

»Hängen Sie ein! Hier wurde ein Einbruch begangen!«, schrie er.

Achtendorf benachrichtigte die Polizei und wartete geduldig vor dem Juweliergeschäft.

Mit dem Auftauchen des Blaulichtes erschienen auch die ersten Neugierigen. Achtendorf lieferte den Beamten einen druckreifen Zeugenbericht und verließ mit angegriffenen Nerven den Schauplatz.

»Scheiße«, brummte er. Hastig kehrte er ins Sanatorium zurück. Ihm war alles zuwider.

Die schwachen Flurleuchten brannten. Niemand begegnete ihm.

Nur die Gräfin von Akazienhain starrte im Fernsehzimmer auf die Mattscheibe.

Sie nahm keine Notiz von ihm. Vor ihr stand ein geleerter Cognacschwenker.

Achtendorf ging in die Küche, er notierte seine Zimmernummer auf die Liste, entnahm dem Kühlschrank eine Flasche Bier, griff nach einem Glas und setzte sich zu der Gräfin.

Ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen, sagte sie:

»Heilung unter Hypnose! Der Patient berichtet aus einem früheren Leben!«

Achtendorf hörte ihre Worte, doch sie glitten an ihm ab. Er suchte kein Gespräch; im Moment war er einfach froh darüber, dass jemand in seiner Nähe war. Er trank sein Bier und stierte vor sich hin.

Die Sendung hatte wohl das Ende erreicht. Gräfin von Akazienhain drückte die Taste der Fernbedienung. Wie ein junges Mädchen frohlockte sie:

»Herr Achtendorf, oft habe ich das Gefühl, schon einmal gelebt zu haben. Der Professor hat es bestätigt!«

»Gräfin, das Gebiet ist für mich neu. Vor wenigen Minuten hätte ich beinahe mein Leben verloren! Einfach peng und aus!«, sagte er zynisch.

Die Gräfin erhob sich und drückte den Lichtschalter der kleinen Wandleuchte.

»Sie sind ja ganz durchnässt und voller Schmutz!«, rief sie entsetzt.

»Gräfin, die Kugel eines Gangsters hat mich nur knapp verfehlt«, sagte er und holte tief Luft.

»Herr Achtendorf, kommen Sie mit auf mein Zimmer. Ich muss Ihnen den Mantel wieder herrichten«, antwortete die Gräfin.

Er fühlte, wie ihre Hand behutsam über sein kurzgeschnittenes Haar glitt. »Danke für Ihr Mitgefühl, Gräfin«, sagte er, lächelte höflich und ging zum Aufzug.

»Guten Morgen, Herr Stadtdirektor!«, rief ihm die Dame zu, als er den Frühstücksraum betrat. Sie sah wie eine aufgetakelte Schauspielerin aus. Er setzte sich zu den alten Damen an den Tisch. Er hatte keine andere Wahl. Man hatte ihm diesen Platz zugewiesen. Er langte nach einem Brötchen.

Zasimet brachte ihm den Kaffee. Sie sah süß aus.

»Das war sehr mutig von Ihnen«, sagte Frau von Windbach.

»Tot hätte er hier sitzen können«, stöhnte Gräfin von Akazienhain auf.

»Diese Verbrecher! Das gab es zu unserer Zeit noch nicht!«, schimpfte Frau Dr. von Keppler und betrachtete Achtendorf wie einen Helden.

»Gräfin, Sie haben geplaudert«, stellte Achtendorf mit einem bösen Unterton fest. Er beobachtete, wie Harry Kühnast Frau Hansky an ihren Tisch schob, dann seinen Platz an einem anderen Tisch einnahm. Mit eisigem Gesicht saß die Witwe in ihrem Rollstuhl und begann mit eckigen Bewegungen ein Brötchen zu teilen.

Achtendorf beugte sich vor.

»Ist Herr Kühnast der Diener von Frau Hansky?«, fragte er leise.

»Sie müssen sich schon lange kennen«, flüsterte die Gräfin.

Frau von Windbach hüstelte. Sie hielt ihre Hand vor den Mund und flüsterte ebenfalls:

»Harry Kühnast ist ein geschickter Vermögensberater! Sein Spezialgebiet sind Häuser und Eigentumswohnungen.«

»Das Wetter fängt sich«, sagte Achtendorf locker und kümmerte sich um den Rest seines Frühstücks.

»Herr Achtendorf, im Kurpark beginnen sich die Stiefmütterchen zu entfalten. Der Springbrunnen ist in Betrieb«, sagte Frau von Windbach fröhlich.

»Waren Sie schon beim Professor?«, fragte die Gräfin erwartungsvoll.

»Nein, meine Kur beginnt erst in wenigen Minuten, wenn ich ihm medizinische Rätsel aufgebe«, scherzte Achtendorf und erhob sich.

»Er ist ein wundervoller Mensch!«, schwärmte Frau Dr. von Keppler.

»Meine Damen, Sie entschuldigen mich!«, sagte Achtendorf und verließ den Speiseraum.

Professor Doktor Juskow entpuppte sich als ein Mann, der Energie ausstrahlte. Seine Gesichtszüge verrieten Bildung, sein weißer Kittel spannte sich straff über seinem Bauch, und seine Augen schienen die Patienten zu durchleuchten.

Ohne Achtendorf zu Wort kommen zu lassen, diktierte er bereits seinen Befund in den Stenoblock seiner Helferin.

Achtendorf sah zu, wie die untersetzte Schwester Christine die Seiten füllte.

»Herr Achtendorf, oft bestimmen Rückstände aus früheren Leben unser diesseitiges Wohlbefinden. Deshalb schlage ich Ihnen eine Reinkarnationstherapie unter Hypnose vor«, sagte Professor Juskow mit überzeugter Stimme.

Achtendorf zuckte leicht. Ihm fiel die Gräfin ein.

»Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich schon einmal gelebt habe?«, fragte er verwirrt.

»Herr Achtendorf, Sie scheinen zu den wenigen Unwissenden zu zählen. Gut! Zur Wiederherstellung Ihrer Gesundheit bediene ich mich deshalb eines traditionellen Kurplanes. Unsere jod-, brom- und salzhaltige Luft wird die aufbauenden Anwendungen unterstützen.«

Professor Juskow schaute ihn an, als hätte er es mit einem Sonderling zu tun. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, malte Kreuzchen in einen Computerbogen und reichte ihm diesen hinüber.

»Erholen Sie sich gut«, sagte er lächelnd.

Bis zum Kurhaus war es nicht weit. Achtendorf legte der Gesundheits-Hostess, die mit antrainiertem Lächeln für Norderney warb, den Bogen vor.

Sie strahlte ihn an, als wäre er ein Auserwählter, während die Juskow-Kreuzchen einem Computer Rechenoperationen abverlangten.

»Die Rechnung stellen wir Ihnen zu«, hauchte sie, reichte ihm ein postkartengroßes Briefchen und zeigte auf einen grauhaarigen Mann in Weiß, der sich seiner annahm.

Sie schritten über einen langen Flur an vielen Türen vorbei.

Der Bademeister schickte ihn in eine Kabine. Achtendorf zog sich aus und lag Sekunden später bereits wie eine Mumie verpackt in heißem Schlick.

Er konnte durch ein Fenster in den Kurpark blicken. Die Sonne schien auf die blauen Stiefmütterchen, von denen die seltsame Gräfin so geschwärmt hatte.

Eine ziemlich verrückte Gesellschaft, in die ich da geraten bin, dachte er.

Achtendorf fiel in einen leichten Schlaf, aus dem ihn der Mann in Weiß weckte.

Die Kur hatte begonnen!

Er ließ sich aus dem verschwitzten Laken schälen und in einer gefliesten Ecke vom Bademeister abspritzen. Danach zog Achtendorf sich an und schlenderte zur Wandelhalle.

Die Kurkapelle spielte vor halb vollen Rängen. Achtendorf setzte sich auf eine seitlich stehende Bank und studierte die Besucher.

Er sah seine Tischnachbarinnen, die entrückt den Klängen der Musik lauschten.

Vorne in der ersten Reihe entdeckte er Harry Kühnast. Er saß aufrecht. Neben ihm stand der Rollstuhl. Frau Hansky hielt seine Hand. Beide genossen die Faust-Ouvertüre.

Erschrocken fuhr Achtendorf zusammen, als er eine schwere Hand auf seiner Schulter fühlte.

Überrascht schaute er in das mit Schminke eingekleisterte Gesicht der aufgetakelten »Schauspielerin«.

»Herr Stadtdirektor, erwische ich Sie dabei, wie Sie die Hausgäste beobachten?«, fragte sie. Ihre Augen waren weit geöffnet und ihr Blick durchdringend.

»Mögen Sie keine Musik, Frau Wellmann?«, fragte Achtendorf.

»Musik schon, aber nicht die spießigen Kurkolleginnen. Mein Name lautet übrigens Wallmann, Alice Wallmann. Schauen Sie sich das Damenkränzchen an. Ihre Leistung für die Gesellschaft hat darin bestanden, ihre Körper denen feilzubieten, die Geld und das Sagen hatten. Sie sind eingebildet, haben studiert und waren doch nur Wohlstandsprostituierte. Nun warten sie hier auf eine Gelegenheit, ihre alten Beine noch einmal für junge Männer spreizen zu können!«

Achtendorf war entsetzt.

»Aber Frau Wallmann, ich nehme an, dass genau solche Leute viel Geld in die Boutiquen tragen, und wenn ich mich recht erinnere, leben Sie doch von gutgehenden Boutiquen«, sagte er.

»Herr Stadtdirektor, wie lange hatten Sie Audienz beim Professor?«, fragte sie ironisch. Sie trug einen cremefarbenen Hosenanzug. Ihr blondes Haar machte sie jünger. Achtendorf erhob sich und schritt neben ihr her in Richtung Ausgang.

»Der Professor leistet etwas, und ich bezahle«, sagte Achtendorf.

»Die blaublütigen Weiber stehlen ihm die Zeit«, sagte sie giftig.

»Vielleicht unternehmen sie mit ihm Reisen in frühere Leben!«, antwortete Achtendorf ironisch.

»Sie werden bald anders denken, Herr Achtendorf«, seufzte sie.

»Was gibt es denn heute zu Mittag?«, fragte Achtendorf, als sie draußen die wärmenden Strahlen der Sonne spürten.

»Putenschnitzel mit Schwarzwurzeln«, stöhnte Frau Wallmann und schwieg, während sie durch den Kurpark dem Sanatorium entgegenschlenderten.

2

Frau Fortema, die Sanatoriumsleiterin, war nicht in ihrem Büro. Achtendorf öffnete eine Tür, die in die Institutsbibliothek führte. Er vermutete, dass dahinter weitere Gästezimmer und die Privaträume der Leiterin lagen. Plötzlich blieb er überrascht stehen und horchte.

»Es ist verzeihlich für einen erwachsenen Sohn, seine Mutter so lange in Sorgen zu lassen! Erst recht, wenn sie an den Rollstuhl gefesselt ist.«

Achtendorf dachte: Das muss Harry Kühnast sein.

»Sie aufgeblasener Wichtigtuer! Noch fahren Sie nur Mutters Rollstuhl, bald ihren Rolls-Royce!«

Das war der Sohn der reichen Witwe. Achtendorf hatte ihn gestern kurz gesehen. Eine Tür schlug mit Wucht zu. Das weinerliche Schluchzen von Frau Hansky drang an seine Ohren.

Hastig verließ er die Bibliothek. Es war nicht sonderlich wichtig, was er Frau Fortema fragen wollte.

Er machte sich auf den Weg zum Strand.

Der Blick auf die blaue Nordsee, die weißen Schaumkronen der ausrollenden Wellen und die entfernt liegenden Dünen schenkten ihm das Gefühl, Urlaub zu haben.

Gutgelaunt schritt er über den feuchten Sand dem Strandcafé Cornelius entgegen, das nach Angaben des Prospektes vierzig Minuten entfernt lag. Dort wollte er in Ruhe einen Kaffee trinken und seine untereinander zerstrittenen Mitkurenden vergessen.

Als Achtendorf das Café eine gute Stunde später verließ, frischte der Wind auf. Der Himmel zog sich bedrohlich mit Wolken zu. Er entschied sich für eine schnellere Gangart. Dennoch gelang es ihm nicht, das Sanatorium trocken zu erreichen. Seine wiedergewonnene gute Laune war dahin.

Beim Betreten des Hauses entdeckte er einen BMW mit Schweizer Kennzeichen.

In der leeren Empfangshalle stand ein Mann, der sich ihm vorstellte.

»Dr. Zürmatt aus Zürich«, sagte er höflich.

Er trug eine saloppe Lederjacke, Rollkragenpullover und eine sportliche Cordhose. Sein bärtiges Gesicht wirkte sympathisch. Eine Hornbrille verlieh ihm einen intellektuellen Zug.

Achtendorf sah Frau Fortema, die sich ihnen über den Gang näherte.

»Da kommt die Chefin«, sagte Achtendorf und schritt an die Zeitungsablage. Er suchte nach einer Illustrierten, die ihm die Zeit bis zum Abendessen vertreiben konnte. Direkt neben ihm befand sich die hauseigene Telefonzelle.

Die harte Stimme von Frau Wallmann drang durch die Holztür zu ihm herüber.

»Nein! Mehr wissen Sie nicht? Das kann doch ein Zufall sein! Vielleicht kurt er nur ein Zipperlein aus!«

Ihr Hamburger Dialekt war ein Genuss. Sie öffnete die Tür, präsentierte ihm ein sorgenvolles Gesicht und brauste an ihm vorbei.

Achtendorf ging zum Aufzug.

Frau Hansky saß im Rollstuhl am kleinen Tisch im Fernsehraum und ließ sich von Harry Kühnast mit Kuchen verwöhnen.

Das Pärchen übersah ihn. Achtendorf suchte sein Zimmer auf. Er hängte den nassen Mantel an die Heizung und vertiefte sich mit Unbehagen in einen Artikel über Homosexualität und AIDS.

Gegen achtzehn Uhr begab sich Achtendorf in den Speisesaal. Die Gäste hatten bereits mit der Vorspeise begonnen. Sie bestand aus geräucherten Forellenfilets mit Meerrettichsoße. Aus Angst vor Gräten wagten es die Speisenden nicht, von ihren Tellern aufzusehen.

Achtendorf stellte fest, dass der junge Hansky neben seiner Mutter saß. Ein Pflaster zierte seinen Zeigefinger.

»Da sind Sie ja endlich«, sagte Gräfin von Akazienhain, während Frau von Windbach von ihm zu wissen wünschte, wo ihn der Regen überrascht hatte.

Die Damen wirkten in ihrer neuen Garderobe jugendlich. Selbst den Schmuck hatten sie ausgewechselt.

Die Hamburgerin begrüßte ihn mit einem geflöteten »Hallo«.

Achtendorf drehte sich vorsichtig um und sah, wie der schöne Harry Kühnast lustlos mit dem Messer seinen Fisch bearbeitete.

Selbst die süddeutschen Postbeamtinnen, die ihn umgaben, verzichteten auf ihr übliches Kichern.

Es war wohl der unerwartet eingetretene Dauerregen, der auf allen Gemütern lastete.

Vor den übrigen Gästen, durch die kleine Trennmauer abgeschirmt, aß Dr. Zürmatt alleine an einem Tisch und wandte Achtendorf den Rücken zu.

Eine wohltuende Ruhe, dachte Achtendorf.

Als Zasimet eine Aufschnittplatte servierte, lächelte Achtendorf die Türkin freundlich an.

»Für mich nicht, vielleicht finden die Damen Gefallen an einer Zusatzration. Ich wünsche einen wunderschönen Abend!«

Achtendorf stand auf, verließ den Speisesaal, ging zum Aufzug und suchte sein Zimmer auf.

Er setzte sich in den Sessel und vertiefte sich in die Illustrierte. Danach schaltete er das Fernsehgerät ein, um sich den angepriesenen Wildwestfilm anzuschauen.

Während John Wayne in einer kakteenbewachsenen Wüste für Ordnung und Gerechtigkeit sorgte, schlief er ein.

Als das Zimmertelefon ihn aus dem Schlaf riss, benötigte er Sekunden, um sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Dann stürzte er ans Telefon. »Achtendorf«, meldete er sich verschlafen.

»Fortema, Herr Achtendorf, kommen Sie bitte schnell in mein Büro!« Ihre Stimme klang verzweifelt.

»Sofort«, antwortete er und verließ grübelnd sein Zimmer.

Er nahm den Aufzug.

Sowohl das Fernsehzimmer als auch das Sesselzimmer waren leer.

Im Büro saß Frau Fortema an ihrem Schreibtisch. Ihr Gesicht wirkte eingefallen. Sie zitterte.

»Was ist los?«, fragte er.

»Herr Kühnast meldet sich nicht! Frau Hansky bat mich, ihn telefonisch zu ihr zu bitten. Ihr Sohn ist ausgegangen«, sagte sie mit gequälter Stimme.

»Vielleicht tanzt er mit den Damen im Dünenstübchen«, antwortete Achtendorf.

»Nein, ich war an seiner Zimmertür! Der Schlüssel steckt von innen!«

Frau Fortema begann zu heulen.

»Bleiben Sie hier, ich schaue nach«, ordnete Achtendorf an.

»Zimmer dreizehn, es liegt gegenüber dem Aufzug«, hauchte sie erschöpft.

Achtendorf hastete die Treppen hoch. Er klopfte fest gegen die Tür. Vergebens. Kühnast antwortete nicht.

Achtendorf betrat den Aufzug, er fuhr nach unten. Er hastete am Büro vorbei zur Haustür. Der Regen peitschte sein Gesicht, als er die Stufen hinuntereilte. Er lief ums Haus. Der Rasen war nass und matschig. Achtendorf blickte auf die Fassade. Einige Fenster waren hell erleuchtet. Hohe Kiefern standen dicht an der Hauswand.

Er blieb stehen und überlegte kurz, dann sah er, dass ein Fenster geöffnet war. Kein Licht fiel aus ihm nach draußen. Wenn er richtig gerechnet hatte, musste das Harrys Zimmer sein.

Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er, wie die Vorhänge vom Wind getrieben hin und her flatterten.

Achtendorf ging näher heran. Um Spuren auszumachen, war es zu dunkel.

Es konnte nicht schwierig sein, von den Zweigen einer hochgewachsenen Kiefer aus in das Zimmer zu gelangen, das im ersten Stockwerk lag.

Für Sekunden starrte er auf sein Ziel. Dann gab er sich einen Ruck und ergriff einen starken Ast. Er hangelte sich nach oben. Fast mühelos gelang es ihm, einen Fuß auf dem Fenstersims zu platzieren. Mit dem anderen Fuß stieß er sich ab und stand dann aufrecht auf der Fensterbank.

Kein Ton drang aus dem Zimmer.

Er vernahm nur das Plätschern des Dauerregens. Vorsichtig stieg er in das Zimmer und tastete sich seitlich an der Wand entlang. »Herr Kühnast!«, rief er.

Er horchte in die Dunkelheit. Sein Atem ging schnell. Zentimeter für Zentimeter kämpfte er sich vor, bemüht, nichts umzustoßen.

Hätte ich jetzt mein Feuerzeug bei mir, dachte er verzweifelt und verharrte für weitere Sekunden. Dabei rief er sich die Anordnung seines Zimmers ins Gedächtnis.

In etwa eineinhalb Metern Entfernung von der Ecke musste eine Wandleuchte angebracht sein. Er lehnte seinen Rücken gegen die Wand und tastete sich vorsichtig in der Dunkelheit voran. Seine Hand berührte einen Lampenschirm. Er fand den Schaltknopf und drückte ihn. Das Licht blendete ihn nur kurz.

Achtendorf spürte den Schweiß, der ihm in die Augen lief. Unfähig zu reagieren, stierte er einige Sekunden auf das Bett, auf dem der nackte Körper von Harry Kühnast lag.

Blut war in Mengen ausgeströmt und hatte eine Lache gebildet.

Ein Messergriff ragte aus Harrys Brust.

Achtendorf wagte sich einige Schritte vor.

Er sah, dass die Handgelenke des Opfers mit einem Ledergürtel zusammengeschnallt waren, während die geöffneten Hände um seinen Penis lagen.

Kühnast lag wie aufgebahrt auf dem weißen Laken. Ein Fuß zeigte ebenfalls eine Blutspur, doch es schien nur ein Kratzer zu sein. Vielleicht ein Streifschuss, dachte Achtendorf und glaubte, Pulvergase zu riechen.

Achtendorf löste sich aus seiner Versteinerung. Er bedeckte mit seinem Pulloverrand seine Hand und schaltete die Hauptleuchte ein.

Das Zimmer war nicht in Unordnung. Die Wäsche des Opfers lag ordentlich auf dem Stuhl. Hose, Hemd und Jackett hingen auf einem Bügel am Holzschrank, so als hätte Harry sich selbst entkleidet. Daneben stand das Fernsehgerät, es strahlte noch Wärme aus.

Achtendorf näherte sich dem Opfer und beugte sich über den Toten. Unterhalb der stark behaarten Brust hatte der Mörder mit Lippenstift »Love Harry« geschrieben, in cremigen, geschwungenen Buchstaben.

Achtendorf ging zur Tür.

Das ist nicht mein Fall, beruhigte er sich, bedeckte wieder seine Hand und drehte den im Schloss steckenden Schlüssel um.

Er hastete durch den halbdunklen Flur zum Büro.

Die Leiterin des Hauses saß vor der Telefonanlage. Ihre Augen waren verheult.

»Frau Fortema, behalten Sie die Nerven! Geben Sie mir die Belegungsliste«, forderte Achtendorf sie auf.

Wie eine Traumwandlerin schritt sie an den Aktenschrank und reichte Achtendorf mit zitternden Händen einen Schnellhefter.

»Danke. Bleiben Sie im Büro! Ich will feststellen, wer im Hause ist!«, sagte Achtendorf und eilte davon.

Beide Aufenthaltsräume waren leer, auch in der Bibliothek befand sich niemand. Im Zimmer Nummer eins wohnte die gelähmte Frau Hansky.

Er klopfte an.

»Ja, Harry, bist du es?«, vernahm Achtendorf ihre ängstliche Stimme.

»Nein, Verzeihung! Telefon für Herrn Kühnast, ich dachte, er wäre bei Ihnen«, antwortete Achtendorf.

Er glaubte zu vernehmen, wie sie schluchzte.

Achtendorf klopfte an die nächste Tür. Niemand antwortete. Er eilte zurück, nahm den Fahrstuhl und fuhr nach unten.

Auch im Kellergeschoss antwortete niemand. Er fuhr wieder nach oben. Die Nummer vierzehn. Er blickte auf die Liste. Frau von Windbach. Er klopfte an. Keine Antwort. Er drückte die Klinke. Die Tür war verschlossen. Er ging weiter. Die Nummer fünfzehn, Frau Dr. von Keppler.

Auch hier war die Tür verriegelt.

Hinter der Tür mit der Nummer sechzehn hörte er Stimmen.

Achtendorf klopfte an.

»Herein«, drang es ihm entgegen. Er öffnete die Tür und blieb wie angewurzelt stehen.

Das Zimmer strotzte vor Luxus. Es glich mehr einer Suite. Um einen runden Eichentisch saßen die Damen in langen, wallenden Kleidern. Auf einem dreiarmigen Kerzenleuchter flackerten Kerzen und warfen ihr spärliches Licht auf gefüllte Sektkelche.

»Das ist aber reizend von Ihnen, Herr Achtendorf! Sie wollen gratulieren!«, sagte Frau Dr. von Keppler und sah ihn freundlich an. Sie wirkte im Kerzenlicht viel jugendlicher. Auf ihrer Brust glitzerten die Steine ihres Schmucks. Sie erhob sich.

»Trinken Sie ein Glas Sekt auf die Gräfin«, forderte sie ihn auf. Achtendorf sah, wie Frau von Windbach ein Glas füllte.

Auch sie trug ein besticktes langes Kleid. In ihrem grauen Haar saß eine glitzernde Spange. Die Gräfin füllte ihren Sessel mit königlicher Würde. Ihr mit Schmuck besetzter gewölbter Oberkörper glich der Milchstraße an frostklaren Abenden.

Achtendorf kämpfte mit seinen wirren Gedanken, langte nach dem Sektglas, trank aus, ohne auf das Altweibergeschwätz zu warten, und reichte es Frau von Windbach zurück.

»Ich gratuliere. Kenne aber nicht den Anlass!«, stieß er hervor.

»Herr Achtendorf, heute vor fünfzig Jahren hat Graf Adolf-Karl-Wilhelm von Akazienhain die Gräfin geheiratet!«, verkündete Frau Dr. von Keppler mit vom Alkohol gerötetem Gesicht.

»Ich bin eine geborene von Trotterbach«, sagte die Gräfin stolz.

»Die Fahne hisse ich später«, brummte Achtendorf und verließ das Jubelzimmer.

Er klopfte an die Tür von Nummer siebzehn. Keine Reaktion. Gleiches bei Nummer achtzehn. Die beiden Postdamen waren wohl noch beim Tanzen.

Auch die vorlaute Boutiqueninhaberin aus Hamburg war noch nicht zurückgekommen.

Achtendorf hastete weiter von Zimmer zu Zimmer. Vergeblich. Er kehrte ins Büro zurück. Frau Fortema sah ihn erwartungsvoll an.

»Nichts«, sagte Achtendorf.

»Rufen Sie die Polizei an!«

Frau Fortema griff zum Telefon und wählte.

Achtendorf nahm ihr den Hörer aus der Hand.

»Hier Kriminalrat Achtendorf, Sanatorium Theresenhöhe. Wir haben einen Mord zu melden! Kommen Sie, und vermeiden Sie jedes Aufsehen!« Er legte den Hörer auf die Gabel. Frau Fortema starrte ihn an.

»Nichts verraten! Für Sie bleibe ich der Stadtdirektor von Bad Harzburg«, sagte er und klopfte der verdutzten Frau beruhigend auf die Schulter.

3

Achtendorf wartete vor der Eingangstür. Der Regen platschte auf die Steinstufen. Über den Platz näherten sich die Polizeifahrzeuge. Er schritt zwei Beamten entgegen, die auf ihn zukamen.

»Mein Name ist Achtendorf, ich bin Kriminalrat, ein kurender Kollege aus Bad Harzburg«, sagte er.

Sie eilten die Stufen hoch, während Beamte einen Sarg aus dem Bully holten.

»Warten Sie damit noch einige Minuten! Ich rufe Sie!«, sagte der schlankere der beiden Männer, der einen langen Popelinmantel trug. Er wandte sich an Achtendorf, nahm seine Prinz-Heinrich-Mütze vom Kopf und schlug den Regen ab.

»Meyers, Kommissar, mein Assistent Herr Kluin. Wir bilden sozusagen die Mordkommission.«

Sie betraten den Korridor.

»Frau Fortema! Sie ist die Sanatoriumsleiterin«, informierte Achtendorf und stellte den Polizisten die immer noch leicht zitternde Frau vor.

»Frau Fortema, schicken Sie den Arzt und den Fotografen zu uns, sobald sie eintreffen!«, forderte Kommissar Meyers. »Sie sind benachrichtigt worden.«

»Ich führe Sie zum Opfer«, sagte Achtendorf und brachte die Herren zum Tatort. Er öffnete die Tür und ließ die Kollegen eintreten.

»Mein Gott, den hat der Mörder aber appetitlich hergerichtet. Der schöne Mann hat wohl vergessen, sich zu verteidigen!«, sagte Meyers ironisch und schritt schnüffelnd durch das Zimmer.

»In seinen Händen hält er die falsche Waffe«, bemerkte Kluin pietätlos.

»Wie jede Waffe ist auch diese ungeladen wertlos!«, scherzte Meyers und betrachtete das Opfer.

»Der Mann heißt Harry Kühnast! Angeblich ist er Vermögensberater und befreundet mit einer reichen Witwe, die an den Rollstuhl gefesselt ist. Auch sie kurt hier im Hause«, sagte Achtendorf sachlich.

»Love Harry«, las Kluin.

»Eine große Liebe? Oder eher eine enttäuschte Liebe?«, fragte Meyers, als spräche er zu sich selbst. Er suchte den Boden ab.

»Ein Einschussloch! Der Mörder hatte eine Pistole und sich dennoch für das Messer entschieden«, sagte er. Sein Assistent begann mit der Spurensicherung.

»Kühnast hat sich selbst entkleidet! Der Mann legte Wert auf Ordnung! Vielleicht hat ihn auch der Mörder dazu gezwungen, sich auszuziehen. Zumindest könnte das den Streifschuss erklären!«, stellte Achtendorf fest.

Der Fotograf betrat das Zimmer. Er war schlank und wirkte ungepflegt. Mit geöffnetem Mantel hantierte er beidhändig an seinem Fotoapparat herum.

»E

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