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Die Tote in Paradise

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die »Schwarze Serie« in der amerikanischen Kriminalliteratur.

Seit seinem Debüt »Spenser und das gestohlene Manuskript« im Jahr 1973 hat er über 50 Bücher veröffentlicht. 1976 erhielt er für den Titel »Auf eigene Rechnung« den Edgar-Allan-Poe-Award für den besten Kriminalroman des Jahres. Neben den überaus erfolgreichen »Spenser«- und »Jesse-Stone«-Reihen veröffentlichte Parker auch einzelne Krimis, darunter »Wildnis«.

Am 18. Januar 2010 verstarb Robert B. Parker in Massachusetts. www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Die Tote in Paradise

Ein Fall für Jesse Stone

Übersetzt von Bernd Gockel

PENDRAGON

1

Einer war bereits im Aus. Ein linkshändiger Batter, der seinen Schlag voll durchzog und den Ball auf die linke Seite ins Aus feuerte. Vorsichtshalber rückte Jesse etwas näher an die dritte Base heran. Beim nächsten Wurf zielte der Pitcher genau auf Brusthöhe. Der Batter schlug ihn an der Außenlinie entlang in die rechte Ecke des Spielfelds – wenn es auf ihrem Platz denn noch eine erkennbar markierte Ecke gegeben hätte. Bevor der Ball wieder ins Spiel kommen konnte, trottete der Batter gemächlich zur zweiten Base.

»Ich hab genau gesehen, wie du das Loch zur dritten Base schließen wolltest«, sagte er zu Jesse.

»Hast mich wohl mal wieder durchschaut, Paulie.«

Drei Mal pro Woche spielten sie hier, am westlichen Stadtrand, gleich neben einem See. Sie hatten natürlich Flutlicht und auch ihre eigenen Team-Shirts und Kappen. Aber nur einen Schiedsrichter. Vor dem Schlag loslaufen war nicht erlaubt, ebenso wenig wie spitze Stollen unter den Schuhen. Offiziell war es die »Paradise Men’s Softball League«, aber Jesse nannte sie gern die »Amateure am Abend«.

Der nächste Batter war ein Rechtshänder. Jesse, der wie immer den Shortstop spielte, blieb auf seiner angestammten Position zwischen zweiter und dritter Base. Der Ball schoss in seine Richtung, schätzungsweise einen Meter zu seiner Linken. Er tauchte ab, bewegte zuerst den linken Fuß, dann den rechten – den Fanghandschuh knapp über dem Boden. Denk dran: Die Hand muss entspannt bleiben. Nie verkrampft nach dem Ball grapschen. Lass ihn einfach kommen. Es waren Bewegungsabläufe, die seit seiner Jugend einstudiert waren und sich tief in sein Hirn gebrannt hatten. Der herankommende Ball dirigierte die Choreografie seiner Gliedmaßen.

Als der Ball kurz vor ihm auf den Boden sprang, setzte Paulie zum Sprint zur dritten Base an. Doch während er noch auf dem Weg war, war Jesse mit dem gefangenen Ball bereits wieder auf den Beinen, berührte Paulie mit seinem Handschuh und warf den Ball in einer nahtlosen Bewegung zur ersten Base, die der gegnerische Läufer nicht rechtzeitig erreichte.

»Man sollte nie loslaufen, wenn der Ball direkt auf einen zukommt«, sagte Paulie, als sie nach dem Spiel vom Feld gingen.

»Hab ich auch schon mal gehört«, sagte Jesse.

Seine Schulter schmerzte – was sie immer tat, wenn er einen Ball werfen musste. Und er wusste, was er eigentlich schon seit Jahren wusste: dass er mit diesem Wurf bei den Profis keinen Blumentopf gewinnen konnte. Bevor er sich seine Verletzung zugezogen hatte, war das noch anders gewesen: Nach seinem Abwurf war der Ball immer pfeifend übers Feld gezischt.

Nach dem Spiel hingen sie noch für eine Weile auf dem Parkplatz ab und tranken Bier. Jesse hielt sich tapfer zurück. Mineralwasser funktionierte zwar nicht, wenn man nach einem Spiel noch gemütlich abhängen wollte, aber Alkohol war einfach zu gefährlich. Er ging wie Honig die Kehle runter und erzeugte obendrein eine gefährliche Euphorie. Aber Jesse wusste auch, dass es für einen Polizeichef keine gute Visitenkarte war, sich angeheitert in der Öffentlichkeit zu zeigen. Also hatte er in den letzten Jahren gelernt, sich in diesen Situationen noble Zurückhaltung aufzuerlegen.

Das Gespräch drehte sich um Baseball-Ergebnisse aus ferner Vergangenheit, um taktische Varianten und um Sex. Fachsimpeleien über Sex und Baseball waren einfach unschlagbar. Jesse nippte vorsichtig an einem Bier. Es gab nichts Schöneres als eiskaltes Bier aus der Kühltruhe. Vom Ufer des Sees hörte er eine Stimme: »Jesse, komm doch mal her.«

Die Stimme klang alarmiert. Mit seiner Dose »Lite beer« ging Jesse Richtung Ufer. Zwei Männer kauerten direkt am Wasser. Vor ihnen trieb etwas, das bis vor Kurzem noch ein Mädchen gewesen war.

2

Die anderen Cops aus Paradise zeigten keine Neigung, die Leiche näher inspizieren zu wollen. Jesse hatte sie rausgezogen, und im Scheinwerferlicht der Streifenwagen lag sie nun vor ihnen auf dem Boden.

»War sie schon lange im Wasser?«, fragte Suitcase Simpson.

»Ja«, sagte Jesse. »Und sie trägt nur einen Schuh.«

Simpson mochte gar nicht hinschauen. Ihm war es herzlich egal, wie viele Schuhe sie trug.

»Hast du schon viele Wasserleichen gesehen?«

»Als ich in L.A. arbeitete, gab’s nun mal eine lange Küste«, antwortete Jesse. Er hockte auf den Knien und inspizierte die Leiche. Er griff mit der Hand auf die andere Körperseite, drehte leicht ihren Kopf und suchte dort nach weiteren Indizien.

Simpson warf nur einen verstohlenen Blick auf die Leiche, um gar nicht erst mit Einzelheiten konfrontiert werden zu müssen. Er war noch ein großes Kind mit roten Backen und den letzten Spuren von Babyfett. Aber er wollte ein Cop sein, er wollte ein Cop wie Jesse werden. Also versuchte er nun tapfer, dieses aufgeschwemmte Etwas so zu inspizieren, wie Jesse es tat.

Hinter ihnen hatte Peter Perkins bereits die Szene mit Absperr-Band abgeriegelt. Die »Amateure am Abend« standen stumm dahinter, verfolgten die Untersuchung, vermieden es aber ebenfalls, die Leiche anzuschauen. Der Notfallwagen des Ortes rollte mit eingeschaltetem Blaulicht auf den Parkplatz.

Durch das heruntergedrehte Fenster rief der Fahrer Jesse zu: »Was brauchst du denn?«

»Einen Leichensack.«

»Bist du sicher?«

»Ganz sicher.«

Die beiden Sanitäter stiegen aus dem Ambulanzwagen aus, ohne das Blaulicht abzuschalten. Sie zogen die Bahre heraus, legten einen Leichensack drauf und rollten sie zum Wasser. Auch sie waren nicht begeistert, eine Wasserleiche sehen zu müssen.

»Ertrunken?«

»Glaub ich nicht«, sagte Jesse.

Er schob ihr nasses Haar zur Seite und zeigte mit seinem Kuli auf eine Stelle ihres Kopfes. »Hier trat das Geschoss wohl ein.«

»Geschoss?«

»Ja, und auf der anderen Seite trat’s wieder aus. Ihr braucht euch gar nicht erst zu überzeugen. Lasst uns sie in den Leichensack legen.«

»Du glaubst also, dass sie ermordet wurde?«, fragte Suitcase, der noch immer seinen Blick auf die Leiche gerichtet hielt, aber trotzdem nicht wirklich hinschaute.

»Ich glaube, der Schuss traf sie rechts hinter dem Ohr, trat dann oben links wieder aus und zertrümmerte dabei einen beträchtlichen Teil ihres Schädels.«

»Vielleicht hat sie sich ja selbst umgebracht«, sagte Simpson.

»Um anschließend in den See zu springen«, erwiderte Jesse.

»Das heißt also, dass sie erschossen und dann in den See geworfen wurde?«

»Ist zumindest eine Theorie, auf der man aufbauen kann.«

3

Jesse saß in seinem Büro, die Füße auf dem Schreibtisch, und sprach mit dem Chef der Mordkommission von Massachusetts, einem Polizei-Hauptmann namens Healy.

»Gleich der Chef der Mordkommission persönlich«, sagte Jesse.

Healy lächelte.

»Wie gesagt: Ich wohne gleich in der Nachbarschaft.«

»Und Sie haben den Bericht aus der Pathologie mitgebracht?«

Healy warf einen dicken Umschlag auf Jesses Schreibtisch.

»Ein Schuss, direkt hinter dem rechten Ohr, aus unmittelbarer Nähe abgegeben. Der Einschusswunde nach zu schließen eine .38er. Das Geschoss trat hoch auf der anderen Gesichtshälfte aus und riss dabei einen Teil der Schädeldecke weg. Sie gehen davon aus, noch Schmauchspuren isolieren zu können. An ihren Händen befinden sich allerdings keine. Andererseits ist der Körper so weit verwest, dass sie nicht absolut sicher sind. Die Gewebeanalysen und alles Andere sind im Umschlag.«

»Wasser in den Lungen?«

»Nein«, sagte Healy. »Sie war tot, als sie im Wasser landete.«

»Könnte sie sich selbst erschossen haben?«, fragte Jesse. »Ich meine, wäre es angesichts der Schussrichtung theoretisch möglich gewesen?«

»Theoretisch schon. Und die Schmauchspuren an den Händen könnten verschwunden sein, weil sie so lange im Wasser lag.«

»Schleifspuren am Körper?«

Healy schüttelte den Kopf.

»Ihre Leiche war zu lange im Wasser.«

»Sie könnte also in den See gestiegen sein und sich erschossen haben – um dann irgendwo angespült zu werden. Der See ist ja groß genug.«

»Und die Waffe?«, fragte Healy.

»Ein paar unserer Feuerwehr-Jungs sind mit ihren Taucheranzügen schon vor Ort. Die Sicht ist allerdings mies, weil das Wasser so schlammig ist.«

»Nehmen wir mal an, Sie würden die Waffe finden«, sagte Healy. »Warum sollte sie es mitten im See machen?«

»Weil sie nicht wollte, dass es jemand bemerkt?«

»Selbstmörder wollen Aufmerksamkeit«, sagte Healy. »Das ist das A und O der ganzen Aktion.«

»Stimmt auch wieder.«

»Falls Sie die Waffe finden, hat der Mörder sie nach ihr ins Wasser geworfen. Haben Sie schon eine Ahnung, wer das Opfer sein könnte?«

»Nein. Fingerabdrücke gibt’s keine mehr?«

Healy schüttelte den Kopf.

»Gebiss?«

»Die Gerichtsmediziner haben einen Abdruck genommen«, sagte Healy.

»Wir müssen also nur einen Zahnabdruck finden, der zu ihrem passt.«

»Womit Sie automatisch ihre Identität hätten.«

»Was ist mit dem Vermissten-Register?«

»Wissen Sie, wie viele Kinder jede Woche aus dem Elternhaus türmen?«, fragte Healy.

»Aber niemand aus Paradise?«

»Liegt nichts vor«, sagte Healy.

»Sie könnte natürlich aus einem anderen Ort stammen, aber irgendwie hier gelandet sein.«

»Nicht auszuschließen.«

»Haben Sie denn jemanden beauftragt, ihre Zahnabdrücke mit denen aus dem Vermissten-Register abzugleichen?«

»Klar«, sagte Healy. »Ein Mann arbeitet dran.«

»Nur einer?«

»Sie wissen doch, wie die Mühlen mahlen«, sagte Healy.

»Langsam«, entgegnete Jesse.

»Na sehen Sie«, sagte Healy. »Ich wusste doch, dass Sie sich auskennen.«

»Wie alt war sie?«

»Um die 14 herum.«

Sie schwiegen. Das Alter des Opfers lag wie ein dunkler Schatten in der Luft.

»Wir klemmen uns hinter den Fall«, sagte Healy nach einer Weile. »Wenn Sie auf etwas stoßen, informieren Sie uns bitte.«

»Und umgekehrt«, sagte Jesse.

4

Als Anthony DeAngelo in Jesses Büro kam, zog er einen Dalmatiner-Rüden hinter sich her. Der Hund war am Hecheln und zerrte an einer improvisierten Leine.

»Hast du ein Rendezvous?«, fragte Jesse.

»Ist ein Rüde«, sagte DeAngelo.

»Na und?«

»Ich sah ihn draußen auf dem Wanderweg, wie er hektisch hin und her lief – so wie sie’s tun, wenn sie nicht mehr den Weg nach Hause finden.«

»Vielleicht in der Nähe des Donut-Shops?«

DeAngelo grinste. »In der Tat. Wie hast du das denn gewusst?«

»Ich bin nun mal ein erfahrener Freund und Helfer«, sagte Jesse. »Hat Molly Meldungen über vermisste Hunde vorliegen?«

»Ich hab sie schon gefragt, als ich reinkam. Sie sagt, sie hat zwei – eine für einen Pudel, die andere für einen Labrador.«

Jesse nickte.

»Keine Hundemarke?«

»Kein Halsband«, sagte DeAngelo.

»Wie hast du ihn denn ins Auto bekommen?«, fragte Jesse.

»Donut.«

»Einleuchtend«, sagte Jesse. »Und wo hast du die schicke Leine her?«

»Die Frau aus dem Donut-Shop gab mir ein Stück Kordel.«

»Hast du schon den Hunde-Beauftragten der Stadt angerufen?«, fragte Jesse.

»Valenti? Der ist gerade bei seinem Nebenjob und kommt erst um sechs nach Hause.«

»Halbtags-Jobs«, sagte Jesse. »Billig und trotzdem ihr Geld nicht wert.«

Er schaute sich den Hund an, der noch immer am Hecheln war und nicht zur Ruhe kam. Er wedelte verunsichert mit dem Schwanz. Seine Ohren hingen schlaff am Kopf, und sein Rücken war leicht gekrümmt.

»Okay«, sagte Jesse. »Sperr ihn in eine Zelle.«

»Ist es nicht verboten, die gleichen Zellen für Hunde und Menschen zu benutzen?«, fragte DeAngelo.

»Natürlich ist es das.« Jesse starrte DeAngelo wortlos an.

»Okay«, sagte DeAngelo. »Ziehst du eine bestimmte Zelle vor?«

»Darfst du frei wählen«, sagte Jesse. »Und gib ihm etwas Wasser.«

DeAngelo nickte und führte den Hund heraus. Jesse steckte den Kopf zur Bürotür hinaus und rief nach Molly Crane.

»Ruf doch mal ein paar Tierärzte an«, sagte er. »Beschreib ihnen den Hund und frag, ob sie irgendwas gehört haben.«

»Was für ein Hund ist es denn?«, fragte Molly.

»Dalmatiner. Die sollten eigentlich eher selten sein.«

»Männlich oder weiblich?«

»Männlich«, sagte Jesse. »Verdammt nochmal, ich dachte, du wärst ein Cop. Solche Sachen sollten einem doch eigentlich auffallen.«

»Ich bin ein irisch-katholisches Mädchen«, sagte Molly. »Ich schaue mir keine Penisse an.«

»Nicht mal menschliche?«

Aus der Zelle konnten sie ein lang gezogenes Heulen hören.

»Die schon gar nicht.«

»Im Dunkeln ist gut munkeln«, sagte Jesse.

Molly grinste ihn verschmitzt an. »Genau. Ich schließe immer meine Augen und denke fest an St. Patrick.«

»Es ist löblich, seine Traditionen zu pflegen«, meinte Jesse. »Sag Suit bitte Bescheid, dass er mal reinschaut.«

Das Heulen des Hundes riss inzwischen überhaupt nicht mehr ab.

Molly lächelte Jesse an. »Der Hund ist einsam«, sagte sie.

»Sind wir das nicht alle?«

»Nicht, wenn ich dem Glauben schenken darf, was mir so zu Ohren kommt«, sagte Molly und ging hinaus.

Jesse beobachtete sie, wie sie sein Büro verließ. Sie war klein und gut in Schuss. Die blaue Uniform saß perfekt. Die Pistole in ihrem Gürtel wirkte fast schon überdimensional. Er wusste, dass sie eine sinnliche Frau war, er sah es in ihren Augen, er sah es in ihrem Gang. Er wusste es einfach. Und er wusste auch, dass sie es wusste.

»Wir haben einen Hund in Zelle eins«, sagte Simpson, als er hereinkam.

»Hab ihn wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eingebuchtet«, sagte Jesse.

Simpson zögerte. Jesse sprach immer im gleichen Tonfall, und Simpson fragte sich oft genug, ob ihn Jesse nun auf die Schippe nahm oder nicht. Aber nein, man konnte keinen Hund festnehmen. Er lachte.

»Hat er denn schon einen Anwalt?«, fragte Simpson.

Der Hund heulte.

»Ich denke, er wird kooperieren und auf mildernde Umstände plädieren«, sagte Jesse.

»Sieht ganz so aus. Er fängt schon zu singen an.«

»Möchtest du ein paar Überstunden machen?«, fragte Jesse.

»Klar.«

»Dann fahr raus zum See, wo wir das Mädchen gefunden haben, und geh am Ufer spazieren. Nimm Eddie Cox mit. Sucht nach allem, was euch ins Auge springt.«

»Suchen wir denn nach was Bestimmtem?«

»Ein kleines Indiz wäre nicht schlecht.«

»Wie zum Beispiel?«

»Alles, was einen Hinweis liefern könnte«, sagte Jesse. »Alles, was irgendwie fehl am Platz ist. Etwas, das vielleicht dem Mädchen gehört hat. Oder dem Mörder. Oder Lillian Gish. Alles, was dir auffällt.«

»Wer ist denn Lillian Wie-auch-immer?«

»Vergiss Lillian«, sagte Jesse. »Such einfach.«

»Der See ist ganz schön groß«, sagte Simpson.

»Nimm dir Zeit. Und im Zweifelsfall sieh in allem ein mögliches Indiz.«

»Ich ruf Eddie an«, sagte Simpson.

Er stand auf, zog seinen Pistolengürtel hoch und ging aus dem Zimmer. Ein Mann mit einer Mission.

Als er wieder allein war, hörte Jesse für eine Weile dem heulenden Hund zu. Er stand auf, fand eine Rolle mit Absperrband, schnitt ein Stück ab und ging zur Zelle. Kaum dass der Hund ihn sah, hörte er auf zu jaulen. Sein Schwanz wedelte hoffnungsvoll. Jesse öffnete und trat ein.

»Wir können Ihnen eine bessere Unterkunft anbieten«, sagte Jesse zu dem Hund. »Sie dürfen ab sofort in den Räumlichkeiten des Polizeichefs verkehren.«

Er legte das Band um den Hals des Hundes und führte ihn zurück zu seinem Büro.

5

Der Hund schlief hinter Jesses Schreibtisch. Als Jenn um 17 Uhr 20 sein Büro betrat, hob er den Kopf und knurrte. Erschrocken trat Jenn einen Schritt zurück.

»Mir ist ja bekannt, dass du seit unserer Trennung mit diversen Zicken verkehrst«, sagte sie. »Aber ganz offen in deinem Büro?«

»Sein Name ist Deputy«, sagte Jesse.

»Sein?«

»Ja, ein Rüde. Wir sind nur befreundet.«

»Nun, kannst du deinen Freund denn so lange allein lassen, um mit mir zum Essen zu gehen?«

»Ich befürchte, dass ich ihn mitnehmen muss.«

»Das darf doch nicht wahr sein«, sagte Jenn. »Ich dachte, ihr hättet einen Hunde-Beauftragten in der Stadt.«

»Ja, Bob Valenti. Macht aber nur einen Teilzeit-Job.«

»Aber du kannst ihm doch den Auftrag geben, einen Hundezwinger oder was Ähnliches für ihn zu finden.«

»Er jault, wenn ich ihn allein lasse.«

Jenn ging vor dem Hund in die Hocke – was Jesse angesichts der Tatsache, dass sie hautenge Hosen trug, fast wie ein Wunder erschien. Aber irgendwie schaffte sie’s, auch wenn die Hose die Rundungen ihres Hinterns nur noch provozierender betonte.

»Beißt er?«

»Keine Ahnung«, sagte Jesse. »Er ist erst seit ein paar Stunden hier.«

Jenn streckte ihre Hand aus. Frauen, dachte Jesse, sehen in der Hocke einfach viel aparter aus als Männer.

»Mach eine Faust«, sagte Jesse. »Dann kann er dich nicht so leicht in die Hand beißen.«

»Herr im Himmel«, sagte Jenn und zog ihre Hand schnell wieder weg.

Der Hund starrte sie unentwegt an. Sie machte eine Faust und hielt sie ihm vorsichtig unter die Nase. Der Hund beschnüffelte sie und klopfte dann mehrfach mit seiner Rute auf den Boden.

»Er scheint mich zu mögen«, sagte Jenn.

»Sieht ganz so aus.«

»Sollten wir ihn mitnehmen: Wird er dann nicht jaulen, wenn wir ihn im Auto zurücklassen?«

»Wir könnten ja im Auto essen«, schlug Jesse vor.

Jenn starrte ihn fassungslos an.

Nach einer Weile sagte sie: »Jesse, hast du in deinem Leben nicht schon diverse Leute umgebracht?«

Jesse nickte.

»Und trotzdem kannst du es einem armen, herrenlosen Hund nicht zumuten, dass du mit deiner Exfrau, die dich anscheinend immer noch liebt – und du sie wohl auch – zum Essen ausgehst?«

Jesse nickte.

»Was könnten wir im Auto denn überhaupt essen?«, fragte Jenn.

»Pizza?«

»Wahrscheinlich auch noch geteilt durch drei?«

»So sieht’s aus.«

»Und obendrein auch noch ein Sixpack?«

»Klingt gut«, sagte Jesse.

»Da kann ich ja froh sein, dass ich mich fein rausgeputzt habe«, sagte Jenn.

Jesse stand auf. Der Hund erhob sich ebenfalls.

»Wir beide sind auch froh.«

In Jesses Auto nahm der Hund auf dem Rücksitz Platz. Und auf dem Parkplatz von »Paradise Pizza« legte er seinen Kopf auf das obere Ende von Jenns Sitz, während sie Pizza mit Paprika und Pilzen aßen und Bier aus der Dose tranken.

»Kann ich ihm was von der Kruste geben?«, fragte Jenn.

»Ich bin mir sicher, dass er’s zu schätzen weiß.«

Jenn gab ihm ein Stück, das er umgehend verschlang – um dann natürlich auf mehr zu warten. Jesse öffnete die zweite Dose Bier. Das muss die letzte sein. Reiß dich gefälligst in ihrer Anwesenheit zusammen.

»Und wie geht’s dir so?«, fragte er.

»Mir geht’s prima, Jesse.«

»Ich schau fast jeden Abend zu, wenn du den Wetterbericht präsentierst.«

»Gut.«

»Weißt du denn inzwischen, was ein Tiefdruckgebiet ist?«, fragte er.

Jenn lächelte und gab dem Hund noch ein Stück Kruste.

»Nein, aber dafür hab ich den Bogen raus, überzeugend die Ansagerin zu spielen. Ich tu ja nur so, als würde ich eine Wetterkarte erklären können.«

»Hinter der glitzernden Fassade ist das Show-Business ein deprimierendes Gewerbe«, sagte Jesse.

»Kann man wohl sagen.«

»Hast du denn noch immer eine Affäre mit dem Moderator?«

Jenn lächelte. »Nein, ich hasse es, mit Männern auszugehen, die süßer sind als ich.«

Jesse trank einen Schluck Bier. Jetzt nur nicht den Holzhammer rausholen, dachte er, nur nicht den Eifersüchtigen spielen. Er versuchte so beiläufig wie möglich zu klingen.

»Mit wem gehst du denn inzwischen aus?«

»Mit dir zum Beispiel«, sagte Jenn.

»Und sonst noch?«

»Mit anderen.«

»Zum Beispiel?«

»Mit anderen Männern«, sagte Jenn. »Warum musst du das fragen? Was willst du damit erreichen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Das ist genau die Frage, die mich immer abtörnt«, sagte Jenn.

Jesse wollte schon sagen, dass es letztlich ein Beweis seiner Liebe sei – so verdreht, wie es auch sein mochte –, verzichtete dann aber lieber doch auf eine Antwort. Es würde nur in Zank ausarten.

»Es ist die gleiche besitzergreifende Haltung, die mich schon beim ersten Mal vergrault hat.«

»Nun ja«, sagte Jesse, »als wir verheiratet waren, hatte sie durchaus ihre Berechtigung.«

Jenn blieb stumm. Jesse bemerkte, wie ein Ruck durch ihre Schultern ging. »Ja«, sagte sie schließlich, »damals war sie wahrscheinlich berechtigt.«

Die Dose war leer. Jesse konnte sich nicht mal erinnern, sie überhaupt getrunken zu haben. Weltschmerz und körperliches Verlangen kämpften in seinem Inneren. Er öffnete eine neue Dose. Jenn tätschelte sein Knie.

»Wir sind noch immer zusammen«, sagte sie.

Vom Rücksitz stupste der Hund seine Nase gegen Jenns Nacken und bettelte nach mehr Pizza.

»Das sind wir«, sagte Jesse.

6

Nachdem Jenn gegangen war, gönnte sich Jesse noch vier Scotch Soda, bevor er ins Bett ging. Als er morgens um 7 Uhr 15 im Büro saß, hatte er einen dicken Kopf – und ein schlechtes Gewissen. Er hatte es mit Kaffee versucht, aber der half auch nicht weiter. Um 9 Uhr 10 kreuzte eine Dame in lilafarbenem Jogginganzug und weißen Turnschuhen auf, die sich als Miriam Lowell vorstellte. Sie trug überdimensionale goldene Ohrringe, Ringe an vier Fingern und eine goldene Kette mit einem mächtigen Medaillon.

»Ich glaube, Sie haben meinen Hund«, sagte sie.

Der Hund war von ihrem Erscheinen offensichtlich begeistert. Er richtete sich auf den Hinterläufen auf und leckte ihr das Gesicht. Miriam Lowell schnitt eine Grimasse und ließ es eine Weile über sich ergehen. Dann legte sie ihm ein Halsband an und befestigte die Leine in der Öse. Der Hund zerrte spielerisch an der Leine. »Er heißt Baron«, sagte sie.

»Wir haben ihn Deputy getauft«, sagte Jesse.

»Deputy?«

»Wie der Hund namens Deputy aus der alten Cartoon-Serie.«

Die Frau schüttelte ahnungslos den Kopf.

»War er denn die ganze Zeit hier?«, fragte sie.

»Seit gestern«, sagte Jesse. »Heute Nacht war er bei mir.«

»Bei Ihnen zu Hause?«

»Genau.«

»Man sollte doch eigentlich meinen, dass die Polizei etwas erfolgversprechendere Methoden haben sollte, um einen Hund seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.«

»Er lief auf dem Wanderweg herum und hatte keine Hundemarke«, sagte Jesse. »Wir fragten ihn, wo er wohnt, aber er verweigerte die Aussage.«

»Es gibt keinen Grund, nun so schnippisch zu sein«, sagte die Frau.

»Ein bisschen schnippisch zu sein, kann nie schaden«, sagte Jesse.

Als er sich herunterbeugte, leckte der Hund auch sein Gesicht. Jesse gab ihm einen freundschaftlichen Klaps. Die Frau zögerte noch einen Moment, drehte sich dann aber um und ging wortlos hinaus.

»Gern geschehen«, sagte Jesse zu seinem leeren Büro. »Wir freuen uns immer, helfen zu können.«

Dann grinste er übers ganze Gesicht, nahm Deputys Wasserschüssel und leerte sie im Waschbecken aus. Der Kaffee schmeckte bitter. Er kippte ihn gleich hinterher und machte sich ein Alka-Seltzer. Zumindest hatte Jenn nicht mitbekommen, dass er betrunken gewesen war. In ihrer Anwesenheit hatte er es sogar geschafft, nicht mal sein drittes Bier auszutrinken. Er war immer stolz, wenn er einen Drink nicht austrank. Es gab ihm das Gefühl, seine Alkoholprobleme letztlich im Griff zu haben.

Er hörte Geschrei aus den Arrestzellen. Nachdem der Lärm nicht aufhören wollte, rief Jesse durch die Tür nach Molly Crane, die umgehend in sein Büro kam.

»Haben wir einen unzufriedenen Gast?«, fragte er.

»Heißt Bellino«, sagte Molly. »Perkins und DeAngelo haben ihn letzte Nacht in einer Bar aufgegriffen.«

»Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses?«

»Du musst ein Hellseher sein.«

»Ist er noch immer betrunken?«

»Glaub ich nicht. Er macht nur ein großes Trara, um zu beweisen, was für ein gefährlicher Bursche er ist. Willst du einen Blick in den Bericht werfen?«

Jesse nickte. Molly kam mit der Akte zurück, und Jesse überflog den Bericht. Der Lärm aus der Zelle schien nur noch lauter zu werden.

Jesse warf den Bericht auf seinen Schreibtisch, stand auf, legte seinen Revolver in eine Schublade und schloss sie ab.

»Willst du mit ihm sprechen?«, fragte Molly.

»Genau.«

»Er ist ein Hüne«, sagte Molly.

»Ich hasse Lärm«, antwortete Jesse.

Er ging durch den Flur zu den Arrestzellen und hielt gleich bei der ersten an. Innen befand sich ein übergewichtiger, aber beeindruckend gebauter Mann mit schulterlangen dunklen Haaren.

»Und, haben wir einen Kater?«, fragte Jesse.

»Ich werd die Tür aus dem Scharnier reißen, wenn Sie mich nicht sofort rauslassen.«

»Also einen Kater«, sagte Jesse.

Er öffnete die Tür, trat ein und schloss sie hinter sich wieder ab.

»Ich will hier sofort raus«, knurrte Bellino ihn an.

»Man hat Sie festgenommen«, sagte Jesse. »Sie werden also automatisch einem Richter vorgeführt.«

»Die Schweinehunde haben mich mit Pfefferspray außer Gefecht gesetzt«, sagte Bellino.

»Und in der Zwischenzeit«, sagte Jesse, »halten Sie gefälligst Ihren Mund.«

»Fick dich«, sagte Bellino.

»Wollen Sie vielleicht jetzt schon einen Anwalt?«

»Fick dich«, sagte Bellino erneut.

»Ich interpretiere das als ein Nein«, sagte Jesse.

»Ich sollte Sie in Ihren verfickten Arsch treten«, sagte Bellino.

»Sie waren besoffen und haben sich lächerlich gemacht. Und nun wollen Sie so tun, als sei nichts passiert.«

»Der Typ hat mich zur Weißglut getrieben«, sagte Bellino.

»Der Typ, den Sie dann prompt in den Boden gerammt haben?«, sagte Jesse.

»Genau. Soll ich mir das etwa von einem Arschloch bieten lassen, der obendrein von auswärts kommt? Und soll ich mir etwa von einem Provinz-Polizisten-Wichser Pfefferspray in die Augen jagen lassen?«

»Warum eigentlich nicht?«

»Ich lass mir nicht auf der Nase rumtanzen«, sagte Bellino.

»Wir alle lassen uns auf der Nase rumtanzen«, sagte Jesse, »und tun nachher so, als sei nichts passiert.«

»Wollen Sie etwa sagen, dass ich ein Schwätzer bin?«

»Niemand wird gerne damit konfrontiert, ein besoffener Trottel zu sein«, sagte Jesse.

»Wollen Sie mich etwa Trottel nennen?«

»Klar doch«, sagte Jesse. »Alle werden zu Trotteln, wenn sie saufen.«

»Du kleines Arschgesicht«, sagte Bellino und gab Jesse einen Stoß.

Jesse knallte ihm das Knie in den Unterleib. Als Bellino sich krümmte, griff er ihn mit der Linken an den Haaren, riss ihn nach vorne, griff mit der Rechten nach Bellinos Armgelenk und drehte ihm den Arm auf den Rücken. Er stieß Bellino mit voller Wucht gegen die Zellenwand und presste sich gegen ihn. Bellino schnappte nach Luft. Jesse hielt ihn für eine Minute in dieser Position, bis er dessen plötzlichen Adrenalinschub wieder unter Kontrolle hatte. Als er Bellino losließ, stolperte dieser auf die Pritsche an der gegenüberliegenden Wand und sank dort schwer atmend nieder.

»Ich erwarte, dass Sie jetzt die Klappe halten«, sagte Jesse. »Später wird jemand Sie zur Magistratur bringen, wo Sie ein Bußgeld zahlen und sich dann nach Hause trollen werden – und zwar geräuschlos.«

Bellino nickte.

»Jeder führt sich gelegentlich wie ein Arsch auf«, sagte Jesse.

»Wenn Sie mir nicht in die Eier getreten hätten …«

»Hab ich aber«, sagte Jesse. »Und könnte es jederzeit wieder tun.«

»Cops ist es verboten, Untersuchungsgefangene zu schlagen.«

Jesse lächelte ihn an. »Das ist absolut richtig.«

Er drehte sich um, ging aus der Zelle und schloss sie ab.

7

Es war ein strahlender Sommermorgen, und Jesses Laune konnte nicht besser sein. Jeder Tag ohne einen dicken Kopf ist ein guter Tag. Er bog mit seinem Ford von der Summer Street auf den Morton Drive. Am Ende der Straße, auf einer Erhebung am Seeufer, parkte ein Streifenwagen. Suitcase Simpson, die Arme vor der Brust verschränkt, lehnte dagegen und wartete. Als Jesse näher kam, winkte er schon mit einer Asservatentüte.

»Fand ich etwa 800 Meter weiter von hier«, sagte Simpson. »Direkt am Wasser. Eddie sucht noch weiter, aber ich dachte mir, dass du dieses Teil schon mal sehen wolltest.«

Jesse streckte die Hand aus, und Simpson gab ihm den Beutel. Es war ein Ring mit einer verschnörkelten Gravur, in dessen Mitte ein blauer Stein saß. Ein Teil einer abgerissenen Goldkette hing am Ring.

»Ein Schulring«, sagte Jesse.

»Vermute ich auch«, sagte Simpson. »Ich wollte ihn nicht unnötig anfassen, deshalb hab ich ihn gleich in die Tüte gesteckt.«

»Zusammen mit der Kette?«

»Ja, die Kette hing um den Ring – genau wie jetzt auch.«

Jesse holte den Ring aus dem Beutel heraus.

»Was ist denn mit Fingerabdrücken?«, fragte Simpson.

»Keine Chance«, sagte Jesse. »Schau dir doch nur die unebene Oberfläche an.«

»Aber vielleicht auf dem Stein.«

Jesse lächelte. »Mach dir mal keine Gedanken – ich werd den Stein nicht berühren.«

Jesse schaute sich den Ring genauer an. Um den blauen Stein herum waren die Worte SWAMP-SCOTT HIGH SCHOOL 2000 eingraviert. Jesse versuchte, den Ring über seinen Ringfinger zu streifen – er war zu groß.

»Nun, dann gehörte er wohl doch nicht ihr«, sagte Simpson, »wenn er sogar zu groß für dich ist.«

»Dafür ist die Kette da«, sagte Jesse. »Haben das die Mädchen in deiner Schule nicht auch getan? Den Ring ihres festen Freundes an einer Kette um den Hals getragen?«

»Manchmal schon«, sagte Simpson. »Du glaubst also, dass es ihr Ring sein könnte.«

»Macht keinen Sinn, darüber Mutmaßungen anzustellen«, sagte Jesse. »Zeig mir lieber, was du sonst noch hast.«

Es war heiß und windstill. Als sie durch das hohe Gras und die niedrigen Büsche Richtung See gingen, konnte Jesse schon von Weitem den Schlick des Ufers riechen. Eddie Cox, den Kopf zum Boden gerichtet, schritt langsam das Ufer ab. Das blaue Hemd seiner Uniform war auf dem Rücken schweißdurchtränkt.

»Gleich hier vorne«, sagte Simpson.

Cox schaute hoch und kam zu ihnen herüber.

»Und, glaubst du, der Ring hat eine Bedeutung, Jesse?«, fragte Cox.

»Könnte sein.«

»Wir haben ihn gleich hier gefunden«, sagte Simpson. »Er hing an diesem kleinen Busch hier.«

Jesse ging in die Hocke und sah sich den Busch und die nähere Umgebung genauer an.

»Wann hat es zuletzt geregnet?«, fragte er.

»Dienstag«, sagte Simpson. »Ich erinnere mich noch, weil das Spiel der Red Sox völlig verregnet war.«

Jesse ließ seine Augen noch immer über den Boden streifen.

»Wonach suchst du denn?«, fragte Cox.

»Sie hat vermutlich gut 50 Kilo gewogen. Wenn man nicht gerade topfit ist, trägt man 50 Kilo nur ungern auf dem Arm vor sich her.«

»Du meinst, er hat sie über den Boden geschleift?«

»Er ist wahrscheinlich mit den Nerven fix und fertig, als er sie hier entlangschleift. Als sich der Ring im Strauch verhakt, reißt er ihn einfach los und zieht den Körper weiter.«

Jesse war noch immer in der Hocke und inspizierte den Boden.

»Oben auf dem Hügel ist eine kleine Sackgasse, die von der Newbury Street abzweigt«, sagte er. »Die Stadtverwaltung benutzt sie, um dort Streusand für den Winter zu lagern.«

»Und die Kids benutzen sie, um dort ungestört Dope zu rauchen«, sagte Simpson.

»Und um rumzufummeln«, ergänzte Cox.

»Die perfekte Combo«, sagte Jesse.

Er stand auf und ging in die Richtung der Sackgasse, Cox und Simpson im Schlepptau. Sie wollten ihm bei der Spurensuche genau über die Schulter schauen. Schließlich hatte er einmal in der Mordkommission in L.A. gearbeitet, wo Morde auf der Tagesordnung standen. Als Jesse die Spitze des Hügels erreichte, war er bereits eineinhalb Kilometer von seinem Auto entfernt. Er stand am Ende der Sackgasse und schaute auf den Ort zurück, an dem sie den Ring gefunden hatten. Er sprach eigentlich mehr mit sich selbst als zu Simpson und Cox.

»Es ist dunkel, und hier in der unbeleuchteten Sackgasse ist es sogar noch dunkler. Der Typ kommt mit seinem Auto. Das Mädchen ist wahrscheinlich schon tot. Vermutlich hat er sie in den Kofferraum gepackt.«

Während er sprach, versuchte sich Jesse die Situation plastisch vor Augen zu führen. Vielleicht würden in der Wiederholung des Ablaufs ja interessante Aspekte ans Tageslicht kommen.

»Er zieht sie aus dem Kofferraum. Kann sie wahrscheinlich nicht heben. Im Kino sieht das immer so einfach aus, aber tatsächlich ist eine Tote mit über 50 Kilo schwerer, als es die meisten Männer verkraften. Also zerrt er sie heraus. Hat die Leiche möglicherweise vorher in etwas eingehüllt. Muss aber nicht sein. In jedem Fall sollte es Blutspuren geben.«

Jesse ging wieder in die Hocke und betrachtete den Asphalt.

»Es regnete in Strömen«, sagte Simpson.

Jesse nickte. Er wusste inzwischen auch, dass es Dienstagnacht in Kübeln gegossen hatte, wollte Simpson aber nicht unnötig demotivieren.

»Wenn es also hier Blutspuren gab, wurden sie weggespült«, sagte Jesse. Er stand auf dem Asphalt und stellte sich vor, wie der Täter die Leiche vom Kofferraum auf das sandige Erdreich bugsierte.

»Er holt sie raus, legt sie flach auf den Boden und zieht sie dann hinter sich her. Wahrscheinlich an den Armen – falls er nicht zufällig einen Strick dabei hat. Und dann zieht er sie rückwärts den Hügel runter. Was aber auch eine langwierige Angelegenheit ist.« Er begann, langsam den Hügel hinunterzugehen.

»Wobei er wahrscheinlich den Trampelpfad hier benutzt«, sagte Jesse. »Die Kids kommen sicher oft hier durch, um am See ihr Bier zu trinken.«

Er hielt an, sah sich einen abgebrochenen Zweig eines Strauches an und zog ihn näher an sich heran.

»Die Blätter sind noch immer grün.«

»Dann dürfte er also erst in jüngster Zeit umgeknickt sein«, stellte Simpson fest.

Ein Stückchen weiter gab es zwei weitere Zweige, die knapp über dem Boden abgebrochen waren.

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