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Die Tote im Klosterbrunnen

Peter Tremayne

Die Tote im Klosterbrunnen

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Bela Wohl

 

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

HAUPTPERSONEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

EPILOG

 

|5|Für Penny und David Durell aus Beál na Carraige, Beara, West Cork, in Dankbarkeit für ihre herzliche und großzügige Gastfreundschaft und für Pennys Ratschläge.

 

|7|»Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte.«

Genesis 3,1

|9|HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Annála Ulaidh, Die Annalen von Ulster, eine der bedeutendsten Chroniken Irlands, wurden im Jahre 1498 von Cathal Mac Magnusa, dem Erzdiakon von Clogher, aus älteren historischen Schriften zusammengestellt und von anderen Schreibern bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein immer wieder ergänzt. Sie dienten als eine der wichtigsten Quellen für die Annála Ríoghachta Éireann, die heute als »Annalen der Vier Meister« bekannt sind und zwischen 1632 und 1636 von zahlreichen Historikern unter Anleitung von MicheálÓ Cléirigh verfaßt wurden.

Für den Monat Januar des Jahres 666 A. D. findet sich dort eine Eintragung, die mit folgenden Worten beginnt: »Todesfälle in Irland. Die Schlacht von Aine zwischen den Arada und den Uí Fidgenti…«

Es handelt sich um die geschichtliche Darstellung der Ereignisse, die damals zum Zusammenstoß am Cnoc Áine, heute Knockainey, zwei Meilen westlich von Hospital in der Grafschaft Limerick führten und zu der Rolle, die Fidelma dabei spielte.

Schon in früheren Romanen verdeutlichte ich einige der Unterschiede zwischen der irischen Kirche des siebten Jahrhunderts, |10|die heute allgemein als keltische Kirche bezeichnet wird, und Rom, beispielsweise ihre unterschiedlichen Liturgien und Philosophien. Der Gedanke des Zölibats für Geistliche war zur damaligen Zeit jedoch weder in der »keltischen« noch in der römischen Kirche verbreitet. Im Gegenteil, zu Fidelmas Zeiten kam es häufig vor, daß in den Klöstern beide Geschlechter zusammenlebten, untereinander heirateten und ihre Kinder im Dienste Christi gemeinsam aufzogen. Selbst Äbte und Bischöfe durften damals heiraten und taten dies auch. Die Kenntnis dieser Tatsache ist eine wesentliche Voraussetzung, um Verständnis für die Welt zu entwickeln, in der Fidelma lebte.

In der Annahme, daß das Irland des siebten Jahrhunderts den meisten LeserInnen ziemlich unbekannt ist, habe ich am Schluß des Buches eine Karte des Königreiches Muman beigefügt. Ich habe es vorgezogen, den historischen Namen beizubehalten, anstatt die unzeitgemäße Bezeichnung zu verwenden, die unter Hinzufügung der altnordischen Endung stadr im neunten Jahrhundert gebildet wurde und aus der sich schließlich der moderne Name Munster entwickelte. Da sicher auch viele irische Vornamen aus jener Zeit den LeserInnen nicht geläufig sind, habe ich dem Roman eine – hoffentlich hilfreiche – Liste der Hauptpersonen voranstellt.

Schließlich mögen sich einige LeserInnen erinnern, daß Fidelma ihre Tätigkeit im irischen Gesellschaftssystem des frühen Mittelalters ausübt und dabei das Gesetz vertritt, das als Fénechus-Gesetz oder allgemeiner als Gesetz der Brehons (von breaitheamh = Richter) bekannt ist. Fidelma ist eine ausgebildete Advokatin der Gerichtsbarkeit, eine Stellung, die für Frauen im damaligen Irland ganz und gar nicht ungewöhnlich war.

|11|HAUPTPERSONEN

 

Schwester Fidelma von Kildare, eine dálaigh oder Advokatin der Gerichtsbarkeit im Irland des siebten Jahrhunderts Bruder Eadulf, ein sächsischer Mönch aus Seaxmund’s Ham im Land des Südvolkes

Ross, Kapitän einer Küstenbark bzw. eines Segelschiffes

Odar, sein Steuermann

 

 

IN DER ABTEI

Der Lachs aus den Drei Quellen

 

Äbtissin Draigen

Schwester Síomha, die rechtaire oder Verwalterin der Abtei

Schwester Brónach, die doirseór oder Pförtnerin der Abtei

Schwester Lerben, ein Mitglied der Gemeinschaft

Schwester Berrach, ein behindertes Mitglied der Gemeinschaft

Schwester Comnat, die Bibliothekarin

Schwester Almu, die Gehilfin der Bibliothekarin

 

 

|12|In der Festung Dún Boí

 

Adnár, bó-aire, Häuptling des Bezirks

Bruder Febal, anam-chara, Seelenfreund Adnárs

Olcán, Sohn von Gulban, dem Falkenauge, dem Häuptling der Beara

Torcán, Sohn des Eoganán, des Prinzen der Uí Fidgenti, Adnárs Gast

Beccan, Oberster Brehon oder Richter vom Stamm der Corco Loígde

Bruder Cillín von Mullach

Máil, Krieger vom Stamm der Loígde

Barr, ein Bauer

|13|KAPITEL 1

Der Gong ertönte zwölf Mal, und seine Schläge rissen Schwester Brónach aus ihren Gedanken. Dann hörte sie einen weiteren Gongschlag, hell und durchdringend. Seufzend erhob sie sich, als sie sich der späten Stunde bewußt wurde, aus ihrer knieenden Haltung vor der Statue des Leidenden Christus. Hastig und ohne nachzudenken beugte sie die Knie, drehte sich um und verließ die duirthech, die aus Holz gebaute Kapelle der Abtei, auch Eichenhaus genannt.

In dem mit Steinen gepflasterten Gang vor der Kapelle hielt sie inne und lauschte. Sie hörte das seltsame Schlurfen lederbesohlter Sandalen auf dem Steinboden. Um die Ecke am anderen Ende des dämmrigen Korridors, der von qualmenden Fettkerzen in eisernen Kerzenhaltern an den Wänden erhellt wurde, bog eine Prozession von Vermummten, die, in dunkle Gewänder und Kapuzen gehüllt, in Zweierreihen näherkamen. Die Schwestern wurden von der imposanten, hochgewachsenen Gestalt der Oberin des Ordens angeführt und sahen aus wie Gespenster, die im Halbdunkel des Ganges ihr Unwesen trieben. Sie gehörten zur Gemeinschaft der Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen – eine Umschreibung für den Namen Christi. Gesenkten Hauptes, |14|ohne aufzublicken, schlurften sie an Schwester Brónach vorbei. Nicht einmal Äbtissin Draigen nahm von ihrer Anwesenheit Notiz. Die Schwestern betraten schweigend die Kapelle, um dort ihr Mittagsgebet zu verrichten. Die letzte hielt kurz inne und schloß hinter der Prozession die Tür.

Während sie an ihr vorbeischritten, hatte Schwester Brónach mit gefalteten Händen und ehrfürchtig gesenktem Kopf gewartet. Erst als die Kapellentür leise hinter ihnen ins Schloß fiel, blickte sie auf. Es war kein Zufall, daß Schwester Brónach, die Sorgenvolle, diesen Namen trug: ihre Miene wirkte tatsächlich zutiefst bekümmert. Niemand hatte die Nonne in mittleren Jahren je lächeln sehen, geschweige denn irgendeine Gefühlsregung bei ihr wahrgenommen. Die Linien ununterbrochener, schmerzlicher Betrachtungen schienen sich tief in ihre Gesichtszüge eingegraben zu haben. Unter ihren Mitschwestern kursierte die respektlose Redensart, wenn Brónach je lächelte, könne die Wiederkunft des Erlösers nicht mehr weit sein.

Seit fünf Jahren war Schwester Brónach die doirseór, die Pförtnerin der Gemeinschaft Der Lachs aus den Drei Quellen. Diese war vor mehreren Generationen von der Heiligen Necht, der Reinen, gegründet worden. Das Kloster lag am Fuß der Berge in einer schmalen, bewaldeten Meeresbucht auf einer entlegenen Halbinsel im Süden des irischen Königreiches Muman, dem südwestlichsten der fünf Königreiche von Éireann. Brónach war der Gemeinschaft vor dreißig Jahren beigetreten, als junge, schüchterne Frau mit wenig Unternehmungsgeist. Sie hatte hier Zuflucht gesucht, genau genommen eine Alternative zu dem harten und mühsamen Leben in ihrem abgelegenen Inseldorf. Jetzt, in mittleren Jahren, war Brónach noch genauso schüchtern und ohne |15|Unternehmungsgeist wie damals. Sie war es zufrieden, ihr Leben nach dem Gongschlag zu richten, der von dem kleinen Turm der Abtei ertönte, wo die Zeitnehmerin die Wasseruhr überwachte. Das Kloster war im ganzen Königreich berühmt für seine bemerkenswerte Methode der Zeitmessung. Immer, wenn der Gong geschlagen wurde, hatte die Pförtnerin bestimmte Pflichten zu erfüllen. Die Bezeichnung für ihr Amt, doirseór, klang zwar recht hochtrabend, bedeutete jedoch nicht viel mehr als ›Mädchen für alles‹. Dennoch schien Brónach mit ihrem Los zufrieden.

Der Gong hatte gerade die Mittagsstunde angekündigt, und es war nun Schwester Brónachs Pflicht und Schuldigkeit, Wasser aus dem Brunnen zu holen und in Äbtissin Draigens Gemächer zu bringen. Nach den Mittagsgebeten und der Mahlzeit nahm die Äbtissin gern ein heißes Bad. Deshalb pflegte sich Brónach, anstatt gemeinsam mit den anderen Schwestern dem Gottesdienst beizuwohnen, zurückzuziehen und um das Wasser zu kümmern.

Die Hände unter dem Gewand gefaltet und begleitet vom Klappern ihrer Ledersandalen auf den Granitsteinen eilte Schwester Brónach hinaus auf den großen Innenhof, um den herum die Wohngebäude der Gemeinschaft standen. Am frühen Morgen hatte es kurz geschneit, doch war der Schnee bereits geschmolzen, und das Pflaster unter dem Schneematsch war glitschig. Sie ging jedoch sicheren Schrittes über den Platz, vorbei an der bronzenen Sonnenuhr, die in seiner Mitte auf einem Sockel aus poliertem Schiefer stand.

Trotz des kalten, winterlichen Wetters war der Himmel von einem durchscheinenden Blau, und die blasse Sonne stand hoch oben inmitten einer Schar vereinzelt dahinschwebender Wölkchen. Am Horizont sammelten sich schwere, |16|tiefhängende Schneewolken, und Brónach spürte die eisige Luft an den Ohren und zog ihre Kapuze schützend enger um den Kopf.

Am Ende des Hofes ragte ein hohes Granitkreuz auf, das dem Kloster geweiht war. Brónach schritt durch eine schmale Pforte dahinter und betrat ein kleines Felsplateau, von dem aus man die geschützte Bucht gut überblicken konnte. Auf diesem natürlichen Felsenthron, nur drei Meter oberhalb des steinigen Ufers, hatte die Heilige Necht in einer Öffnung des zerklüfteten Bodens eine sprudelnde Quelle entdeckt und sie geweiht. Das war auch dringend nötig gewesen, denn zahlreichen Überlieferungen zufolge galt der Brunnen in früheren Zeiten als heiliger Ort der Druiden, die dort Wasser zu schöpfen pflegten.

Schwester Brónach näherte sich der Quelle, die jetzt von einer niedrigen Steinmauer umschlossen war. Darüber hatten die Mitglieder der Gemeinschaft eine Vorrichtung gebaut, mit deren Hilfe man einen Eimer in das dunkle Wasser tief unten hinablassen und durch Drehen einer Kurbel, an der ein Seil befestigt war, wieder heraufziehen konnte. Schwester Brónach konnte sich noch an Zeiten erinnern, da man zwei bis drei Schwestern brauchte, um Wasser aus dem Brunnen zu ziehen, während jetzt, nachdem es die Vorrichtung gab, selbst eine ältere Schwester wie sie diese ohne große Mühe bedienen konnte.

Schwester Brónach hielt einen Augenblick schweigend inne und ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen. Es war eine merkwürdig ruhige Tageszeit, eine Zeitspanne unerklärlicher Stille, in der kein Vogel singt, kein Lebewesen sich regt, in der das Leben stillzustehen scheint – eine Atmosphäre gespannter Erwartung. Ein Warten darauf, daß etwas |17|passiert. Es war, als hätte die Natur beschlossen, den Atem anzuhalten. Der eisige Wind hatte sich gelegt und rauschte nicht einmal mehr zwischen den hochaufragenden Granitfelsen hinter der Abtei. Die Schafe zogen über ihre rauhen, steinigen Weiden wie wandernde weiße Findlinge, und einige kräftige schwarze Rinder nagten am harten Gras. In den Senken zwischen den Hügeln sah Schwester Brónach die geheimnisvollen blauen Schatten der tiefhängenden Wolken.

Es war nicht das erste Mal, daß Brónach angesichts der Umgebung und dieser geheimnisvollen Stunde erwartungsvoller Ruhe ein Gefühl von Ehrfurcht überkam. Die Welt schien stillzustehen, als harre sie auf das Signal der altertümlichen Hörner, die die uralten Götter Irlands herbeiriefen, auf daß sie sich zeigten und von den umliegenden, schneebedeckten Berggipfeln herabstiegen. Und die großen grauen Granitfindlinge, hie und da an den Berghängen verstreut wie geduckte menschliche Gestalten im kristallklaren Licht, würden sich plötzlich in Kriegshelden aus längst vergangener Zeit verwandeln. Sie würden sich erheben und mit ihren Speeren, Schwertern und Schilden hinter den Göttern hermarschieren, und sie würden eine Erklärung dafür verlangen, warum die Kinder von Éire, der Göttin der Herrschaft und der Fruchtbarkeit, nach der dieses Land vor Urzeiten benannt worden war, sich vom alten Glauben und den Traditionen abgewandt hatten.

Schwester Brónach schluckte heftig und warf rasch einen schuldbewußten Blick in die Runde, als könnten ihre Glaubensgefährtinnen ihre frevlerischen Gedanken hören. Hastig beugte sie die Knie, als wolle sie Abbitte für ihre Sünde leisten – ihre sündhaften Gedanken an die alten, heidnischen |18|Götter. Dennoch konnte sie ihre Gefühle nicht verleugnen. Ihre eigene Mutter – möge sie in Frieden ruhen – hatte sich nicht zum Christentum bekehren lassen, sondern am althergebrachten Glauben festgehalten. Suanach! Sie hatte schon lange nicht mehr an ihre Mutter gedacht, und sie bereute es sogleich. Die Erinnerung traf sie wie eine scharfe, wütende Klinge, auch wenn Suanachs Tod schon zwanzig Jahre zurücklag. Was hatte diese Erinnerung eigentlich ausgelöst? Ach ja, ihr Nachsinnen über die alten Götter. Dieser kurze Moment, in dem die Anwesenheit der uralten Gottheiten spürbar wurde. Dies war für die Heiden die Stunde der Trauer, der Melancholie aus den tiefsten Tiefen der menschlichen Seele, der Sehnsucht nach längst vergangenen Zeiten, des Klagegesangs für die verlorenen Generationen des Volkes von Éire.

Aus der Ferne ertönte der Gong der Abtei.

Schwester Brónach zuckte zusammen.

Eine volle pongc, die irische Zeiteinheit für eine Viertelstunde, war seit dem Mittagsgebet verstrichen. Nach jeder pongc wurde der Gong einmal geschlagen; jede volle Stunde wurde durch die entsprechende Anzahl von Gongschlägen angekündigt; alle sechs Stunden wurde das Tagesviertel, das cadar, ebenfalls durch die entsprechende Anzahl von Schlägen verkündet. Dann war es auch Zeit für die Wachablösung an der Wasseruhr, denn keine Zeitnehmerin durfte diese beschwerliche Aufgabe länger als ein cadar ausüben.

Brónach fiel ein, wie sehr Äbtissin Draigen Nachlässigkeit verabscheute, und sie gab sich einen Ruck und sah sich nach dem Eimer um. Er stand nicht an seinem üblichen Platz. Erst jetzt bemerkte sie, daß das Seil bereits im Brunnen hing. Ärgerlich runzelte sie die Stirn. Jemand hatte den Eimer an den |19|Haken gehängt und hinuntergelassen, ihn dann jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht wieder hochgezogen. Eine derartige Vergeßlichkeit war unverzeihlich.

Seufzend unterdrückte Brónach ihren Unmut und packte die Kurbel. Sie fühlte sich eiskalt an und erinnerte sie an die Kälte des winterlichen Tages. Zu ihrer Überraschung ließ sie sich so schwer drehen, als sei ein Gewicht an ihr befestigt. Brónach unternahm einen erneuten Versuch, doch trotz Aufbietung ihrer ganzen Kraft ließ sich die Kurbel kaum bewegen, und nur langsam, unendlich langsam, konnte sie das Seil aufwickeln.

Nach einer Weile hielt sie inne, blickte sich um und hoffte, eine ihrer Gefährtinnen in der Nähe zu entdecken, damit sie sie um Unterstützung bitten könnte. Noch nie war ihr ein Eimer voll Wasser so schwer erschienen wie dieser. Wurde sie etwa krank? Ließen ihre Kräfte nach? Nein, sie fühlte sich gesund und stark wie eh und je. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die fernen Berge und schauderte, allerdings nicht vor Kälte, sondern vor Angst wegen ihrer abergläubischen Gedanken. Wollte Gott sie für ihre ketzerischen Betrachtungen über die alte Religion bestrafen?

Ängstlich schaute sie zum Himmel empor, bevor sie sich, ein Bußgebet murmelnd, wieder zu ihrer Arbeit beugte.

»Schwester Brónach!«

Eine hübsche junge Nonne eilte von den Gebäuden der Abtei herüber in Richtung Brunnen.

Schwester Brónach stöhnte insgeheim, als sie Schwester Síomha erkannte, die tyrannische rechtaire oder Verwalterin der Gemeinschaft, ihre unmittelbare Vorgesetzte. Schwester Síomhas Auftreten paßte ganz und gar nicht zu den großen Unschuldsaugen in ihrem schönen Gesicht. Trotz ihrer |20|Jugend galt Síomha unter den Schwestern als strenge Aufseherin, und das aus gutem Grund.

Schwester Brónach hielt erneut inne und lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Kurbel, um sie in ihrer Position zu halten. Dem deutlichen Mißfallen der gerade Eingetroffenen begegnete sie mit höflicher Miene. Schwester Síomha blieb stehen und rümpfte mißbilligend die Nase.

»Ihr seid spät dran mit dem Wasser für unsere Äbtissin, Schwester Brónach«, schimpfte die jüngere Schwester. »Sie mußte mich extra losschicken, um Euch zu erinnern, wie spät es ist. Tempori parendum

Brónachs Miene blieb unverändert.

»Ich weiß sehr wohl, wie spät es ist«, erwiderte sie in unterwürfigem Tonfall. Daß ihr jemand erzählen wollte, ›man müsse der Zeit gehorchen‹, wo doch ihr ganzes Leben von den Schlägen der Wasseruhr bestimmt wurde, wirkte selbst auf eine so ängstliche Person wie sie als Provokation. Eine solche Erwiderung aus ihrem Munde bedeutete die höchstmögliche Auflehnung, zu der sie fähig war. »Ich kann den Eimer nicht hochziehen. Irgend etwas scheint ihn zu blockieren.«

Schwester Síomha rümpfte erneut die Nase, war sie doch überzeugt, Schwester Brónach suche nur nach einer Ausrede für ihre Säumigkeit.

»Unsinn. Ich habe heute Vormittag Wasser geholt und hatte keinerlei Schwierigkeiten mit der Kurbel. Der Eimer läßt sich ganz leicht hochziehen.«

Sie trat vor, und schon ihre Körpersprache genügte, damit die ältere Schwester ihr Platz machte. Ihre zarten und doch kräftigen Hände ergriffen die Kurbelstange und drückten dagegen. Verwundert blickte sie auf, als sie den Widerstand spürte.

|21|»Ihr habt recht«, räumte sie voller Staunen ein. »Vielleicht schaffen wir beide es zusammen. Kommt und drückt, wenn ich’s Euch sage.«

Nun versuchten sie es mit vereinten Kräften, doch obwohl sie sich auf das Äußerste anstrengten, begann sich der Griff nur langsam zu drehen. Sie mußten häufig innehalten und Atem schöpfen, der dann als weiße Wölkchen in die kristallklare Luft stieg und verschwand. In die Vorrichtung war eine Bremse eingebaut, um das Seil, wenn es ganz hochgezogen war, befestigen zu können. Man konnte so den Eimer vom Haken nehmen, ohne befürchten zu müssen, daß sein Gewicht ihn wieder in den Brunnen hinuntersausen ließ. Die beiden Schwestern zerrten und zogen, bis das Seil ganz aufgewickelt war; dann betätigte Schwester Síomha die Bremse.

Als sie zurücktrat, sah sie auf der sonst stets mißmutigen Miene ihrer Gefährtin einen merkwürdigen Ausdruck. Noch nie hatte jemand so entgeistert und entsetzt dreingeschaut wie jetzt Schwester Brónach, die auf den Überbau des Ziehbrunnens hinter Síomha starrte. Tatsächlich hatte sie niemals etwas anderes als ergebenen Gehorsam in der ausdrucklosen Miene der älteren Schwester wahrgenommen. Schwester Síomha drehte sich langsam um und fragte sich, worauf Brónach wohl so entsetzt starren mochte.

Was sie dann sah, ließ sie die Hand vor den Mund schlagen, als wolle sie einen Schreckensschrei unterdrücken.

An dem Seil, das normalerweise den Eimer trug, hing, an einem Knöchel festgebunden, der nackte Körper einer Frau. Er hing – weiß und glänzend von der Nässe des eiskalten Brunnenwassers – mit dem Kopf nach unten, so daß Oberkörper, Kopf und Schultern hinter der Umrandung des Brunnens ihren Blicken verborgen blieben. Dennoch ließen |22|die Körperpartien, die sie sehen konnten – sie waren bleich und leblos, mit widerlichem rotem Schlamm beschmiert, den das Eintauchen in den Brunnen nicht hatte abwaschen können, und über und über mit Striemen bedeckt –, keinen Zweifel daran, daß es sich um eine Leiche handelte.

Schwester Síomha beugte langsam die Knie.

»Gott beschütze uns vor allem Bösen!« flüsterte sie. Dann trat sie einen Schritt vor. »Schnell, Schwester Brónach, helft mir, diese arme Unglückliche abzuschneiden.«

Schwester Síomha ging zum Brunnenrand, spähte hinein und wollte die Tote aus dem Brunnen heben. Mit einem schrillen Schrei und schreckensbleicher Miene wandte sie sich ab.

Neugierig trat Schwester Brónach vor und spähte ebenfalls in die Tiefe. Im Dämmerlicht sah sie, daß dort, wo der Kopf der Leiche hätte sein sollen, nichts war. Man hatte die Tote enthauptet. Hals und Schultern – oder das, was davon übrig war – waren mit dunklem Blut beschmiert.

Sie wandte sich unvermittelt ab und würgte, um den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken.

Schwester Brónach begriff, daß Síomha zu bestürzt war, um weitere Entscheidungen zu treffen. Also riß sie sich zusammen, bezwang ihren Abscheu und versuchte, die Leiche zum Rand des Brunnens zu ziehen, doch war dieses Vorhaben für sie allein nicht zu bewerkstelligen.

Sie blickte rasch zu Schwester Síomha hinüber.

»Ich brauche Eure Hilfe, Schwester. Wenn Ihr die Leiche festhaltet, werde ich das Seil durchschneiden, an dem die Unglückliche hängt«, gab sie behutsam Anweisung.

Schwester Síomha schluckte heftig und versuchte, ihre Selbstbeherrschung zurückzugewinnen. Dann nickte sie und |23|faßte den kalten, nassen Körper widerwillig um die Taille. Sie konnte ihren Ekel nicht verhehlen, als sie das starre, leblose Fleisch berührte.

Mit einem kleinen Messer, das die Schwestern der Abtei stets bei sich trugen, durchschnitt Brónach die Fesseln, mit denen der Knöchel der Toten am Brunnenseil befestigt war. Dann half sie Schwester Síomha, den kopflosen Körper über die niedrige Schutzmauer des Brunnens zu hieven und auf den Boden zu legen. Eine Weile starrten die beiden Nonnen auf den Leichnam – unschlüssig, was als nächstes zu tun sei.

»Ein Gebet für die Tote«, murmelte Brónach voller Unbehagen. Gemeinsam begannen sie zu beten, ohne sich jedoch der Bedeutung der Worte bewußt zu werden. Danach verfielen sie in längeres Schweigen.

»Wer konnte so etwas bloß tun?« flüsterte Schwester Síomha schließlich.

»Es gibt viel Böses in der Welt«, erwiderte Schwester Brónach philosophisch. »Aber eine zweckdienlichere Frage wäre jetzt – wer ist die arme Unglückliche? Es handelt sich um den Körper einer jungen Frau, fast noch ein junges Mädchen.«

Endlich gelang es Schwester Brónach, den Blick von der blutigen, übel zugerichteten Stelle abzuwenden, an der der Kopf hätte sitzen müssen. Der Anblick der blutigen Masse wirkte auf sie faszinierend und abstoßend zugleich. Es handelte sich eindeutig um den Körper einer jungen und vor kurzem noch gesunden Frau, die gerade erst der Pubertät entwachsen war. Die einzige Verunstaltung, von dem fehlenden Kopf einmal abgesehen, war eine Wunde in der Brust. Oberhalb des Herzens zeigte sich ein bläulicher Bluterguß und, bei näherem Hinsehen, eine deutliche Stichwunde, wo |24|die Spitze einer scharfen Klinge oder eines ähnlichen Tatwerkzeuges tief ins Herz gedrungen war. Die Wunde hatte schon vor langer Zeit aufgehört zu bluten.

Schwester Brónach zwang sich, eine Hand der Toten zu ergreifen, um ihre Arme auf dem Leib übereinanderzulegen, bevor die Leichenstarre ein solches Unterfangen unmöglich machte. Plötzlich ließ sie den Arm fallen und keuchte vernehmlich, als habe sie einen Schlag auf den Solarplexus erhalten.

Alarmiert folgte Schwester Síomha mit den Augen Brónachs ausgestreckter Hand, die auf den linken Arm der Leiche deutete. Dort war etwas festgebunden, was ihnen bisher durch die Lage des Körpers verborgen geblieben war: ein kurzer Holzstab mit eingeritzten Kerben. Auf den ersten Blick erkannte Schwester Brónach die altertümliche irische Schrift, Ogham, die seit der Einführung des lateinischen Alphabetes in Irland nicht mehr allgemein gebräuchlich war. Doch die Bedeutung der Zeichen verstand sie nicht.

Als sie sich niederbeugte, um den Stab zu untersuchen, fiel ihr Blick auf einen Gegenstand in der anderen Hand der Toten. Ein schmales, abgewetztes Lederband war um das rechte Handgelenk gewickelt und führte in die geballte Faust. Schwester Brónach wappnete sich erneut für ihr Unterfangen, kniete neben der Leiche nieder und ergriff die kleinen, weißen Hände. Sie konnte die leblosen Finger nicht mehr auseinanderbiegen, denn die Totenstarre hatte sie bereits für immer zur Faust geschlossen. Sie waren jedoch gerade so weit gespreizt, daß Brónach am Ende des Lederbändchens ein kleines, metallenes Kruzifix erkennen konnte.

Sie stöhnte leise auf und warf einen Blick über die Schulter, wo Schwester Síomha sich mit starrer Miene vorbeugte, um zu erspähen, was sie Neues entdeckt hatte.

|25|»Was hat das zu bedeuten?« fragte Schwester Síomha streng, beinahe schroff.

Schwester Brónachs Gesicht war wie versteinert. Sie hatte ihr Mienenspiel inzwischen wieder unter Kontrolle.

Sie atmete tief durch, bevor sie bedächtig antwortete und dabei auf das nicht sehr kunstvoll geschmiedete Kruzifix aus poliertem Kupfer starrte. Niemand von Rang und Namen würde ein so billiges Stück besitzen.

»Es bedeutet, daß wir jetzt Äbtissin Draigen herbeirufen sollten, gute Schwester. Wer auch immer dieses arme, kopflose Mädchen war, ich bin überzeugt, daß es sich um eine der Unsrigen handelte. Um eine Schwester im Glauben.«

Aus der Ferne, von dem winzigen Turm, der sich über ihrer Abtei erhob, hörten sie das Schlagen des Gongs, der das Verstreichen einer weiteren Zeitspanne verkündete. Die Wolken wurden plötzlich dichter und verdeckten den Himmel. Eisiger Schnee trieb über die Berge.

KAPITEL 2

Die Foracha, die Bark von Kapitän Ross aus Ros Ailithir, kam auf ihrer Reise entlang der Südküste des irischen Königreiches Muman flott voran. Ihre Segel blähten sich im eisigen Ostwind, der das Schiff fast zum Beidrehen zwang und der durch die Seile der Takelage pfiff, als spiele er auf dem straff gespannten Tauwerk wie auf den Saiten einer Harfe. Der Tag versprach sehr schön zu werden, abgesehen von den stürmischen Winden, die von der fernen Küste übers Meer heranbrausten. Ein Schwarm Seevögel umkreiste das kleine Schiff und peitschte mit den Flügeln gegen die Sturmböen an, um |26|nicht weggeweht zu werden. Möwen stießen ihre seltsam traurigen Klageschreie aus. Kormorane, unempfindlich gegen die Kälte, stürzten sich in die Wellen und tauchten mit ihrer Beute wieder auf, ohne die eifersüchtigen Schreie der Möwen und Sturmschwalben zu beachten. Unter den Seevögeln befanden sich auch einige Exemplare der Spezies, nach der die Foracha benannt war – Lummen mit ihren dunkelbraunen Ober- und leuchtendweißen Unterseiten. In strenger Formation inspizierten sie das Schiff und drehten dann zu ihren dichtbevölkerten Kolonien an den steilen Hängen der Klippen ab.

Neben dem Steuermann an der Ruderpinne stand breitbeinig Ross, der Kapitän des Schiffes, und hielt sich mühelos im Gleichgewicht, während der Wind die Wellen gegen die kleine barc peitschte, die nach Steuerbord krängte und allmählich immer stärker ins Schlingern geriet, bis sie unausweichlich in die Katastrophe zu treiben schien. Doch dann hob sich ihr Bug jedes Mal über die Welle, sackte nach unten und richtete sie wieder nach Backbord auf. Trotz der schlingernden Bewegungen des Schiffes stand Ross freihändig da. Vierzig Jahre auf See hatten ihn gelehrt, jedes Stampfen und Rollen mit einer automatischen Verschiebung des Körpergewichts auszugleichen, ohne sich von der Stelle zu bewegen. An Land reagierte Ross oft launisch und gereizt, auf dem Wasser dagegen war er in seinem Element: er spürte selbst die kleinsten Stimmungsschwankungen des Meeres und wurde so zum lebenden Bestandteil seiner schnell dahinsegelnden barc. In seinen tiefgrünen Augen spiegelten sich die wechselhaften Launen der See, und ihr Blick ruhte anerkennend auf den sechs Männern seiner Besatzung, die unbeirrbar ihre Arbeit verrichteten.

|27|Seinen hellen Augen entging nichts, weder unten im Wasser noch oben am Himmel. Einige der hoch über ihm flatternden Vögel bekam man im Winter nur selten zu sehen, und Ross führte ihre späte Anwesenheit auf das milde Herbstwetter zurück, das erst vor kurzem der winterlichen Kälte gewichen war.

Kapitän Ross war ein kleiner, untersetzter Mann mit leicht ergrautem, kurzgeschnittenem Haar, und der Seewind hatte seine Haut tief gebräunt. Er war ein mürrischer Mensch, der sogleich losbrüllte, wenn ihm etwas mißfiel.

Der hochgewachsene Steuermann neben ihm, dessen knotige Hände beinahe zärtlich auf der Ruderpinne lagen, kniff plötzlich die Augen zusammen und warf einen Blick zu Ross hinüber.

»Käpt’n…«, begann er.

»Ich sehe es, Odar«, entgegnete Ross, bevor der andere auch nur ausreden konnte. »Ich habe es schon seit einer halben Stunde beobachtet.«

Odar, der Steuermann, schluckte und schaute seinen Kapitän überrascht an. Bei dem Gegenstand, über den sie sprachen, handelte es sich um ein hochseetüchtiges Schiff mit hohen Masten, das etwa eine Meile von der kleineren barc entfernt dahinsegelte. Es war schon seit geraumer Zeit in Sichtweite gewesen, doch erst vor wenigen Minuten war dem Steuermann aufgefallen, daß irgend etwas mit dem Schiff nicht stimmte: es fuhr mit vollen Segeln und ragte auffallend hoch aus dem Wasser heraus. Nicht viel Ballast an Bord, hatte er bei sich gedacht, doch das Merkwürdigste war, daß es scheinbar ziellos dahinfuhr und schon zwei Mal so plötzlich und unberechenbar den Kurs geändert hatte, daß Odar befürchtete, es werde gleich kentern. Ihm war auch nicht |28|entgangen, daß das Topsegel nicht ordnungsgemäß befestigt war und beliebig in alle Richtungen schwenkte, so daß er sich entschloß, den Kapitän darauf aufmerksam zu machen.

Es war beileibe keine eitle Angeberei, wenn Ross behauptete, das Schiff schon seit einer halben Stunde beobachtet zu haben. Als er es bemerkte, war ihm fast augenblicklich klar gewesen, daß es entweder von unfähigen Seeleuten gesteuert wurde oder daß an Bord etwas nicht stimmte. Mit jedem neuen Windstoß blähten sich die Segel und fielen wieder in sich zusammen, ohne daß jemand den Kurs des Schiffes korrigierte.

»Wenn es weiter in diese Richtung fährt, Käpt’n«, brummte Odar, »wird es bald auf die Felsen auflaufen.«

Ross antwortete nicht, denn er war bereits zu dem gleichen Schluß gelangt. Er wußte, daß etwa eine Meile entfernt, halb vom Wasser bedeckt, schwarze Granitfelsen lagen, an denen die Gischt schäumend ablief, wenn die Wellen mit Donnertosen über ihnen zusammenschlugen. Unter Wasser waren die Granitsäulen von einem Ring von Riffen umgeben, die ein Schiff mit geringem Tiefgang, wie seine barc, leicht passieren konnte, während das Hochseeschiff dort keine Chance hatte.

Ross seufzte leise.

»Haltet Euch klar zum Beidrehen, Odar«, knurrte er den Steuermann an und schrie dann seiner Mannschaft zu: »Alles klar zum Losmachen des Hauptsegels!«

Gewandt und präzise änderte die Foracha ihren Kurs, so daß sie vor dem Wind segelte und regelrecht über die Wellen flog. Sie raste auf das riesige Schiff zu, bis sie nur noch eine Taulänge entfernt war. Dann trat Ross vorn an die Reling und formte mit den Händen einen Trichter vor dem Mund.

|29|»Ahoi!« schrie er. »Ahoi!«

Von dem hoch aufragenden, dunklen Schiff kam keine Antwort.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, drehte der Wind. Der hohe, dunkle Bug des Hochseeschiffes schwenkte genau in ihre Richtung, die Segel blähten sich, und es hielt auf sie zu wie ein rasendes Seeungeheuer.

Ross schrie dem Steuermann zu: »Hart nach Steuerbord!«

Mehr konnte er nicht tun, während er hilflos zusehen mußte, wie das größere Schiff unbarmherzig auf sie zukam.

Mit quälender Langsamkeit, gleichsam widerwillig, drehte der Bug der Foracha bei, und das Hochseeschiff krachte gegen die Steuerbordseite der Bark und scheuerte daran entlang, so daß sie sich schlingernd auf die Seite legte und schließlich im Kielwasser des vorbeifahrenden Schiffes schaukelte.

Ross stand vor Wut zitternd da und starrte dem Schiff hinterher. Der Wind hatte sich unversehens gelegt, die Segel des größeren Schiffes waren erschlafft, und es kam allmählich zum Stillstand.

»Möge der Käpt’n dieses Schiffes weder den Kuckuck noch den Wachtelkönig jemals wiedersehen! Möge die Seekatze ihn holen! Möge er brüllend sterben! Möge er in seinem Grab verfaulen!«

Die Flüche sprudelten nur so aus Ross hervor, als er wutentbrannt dastand und mit der Faust zu dem Schiff hinüber drohte.

»Einen Tod ohne Priester für ihn in einer Stadt ohne Geistlichen…«

»Kapitän!« Die Stimme, die seinen Redefluß unterbrach, war weiblich und ruhig, aber bestimmt. »Ich glaube, Gott hat |30|vorläufig genug Flüche gehört und weiß, daß Ihr aufgebracht seid. Was ist der Grund für Euer Fluchen?«

Ross wirbelte herum. Er hatte vollkommen vergessen, daß unten in der Hauptkajüte der Foracha eine Mitreisende untergebracht war.

Nun stand auf dem Achterdeck neben Odar, dem Steuermann, eine hochgewachsene Nonne und betrachtete ihn mit mißbilligendem Stirnrunzeln. Die junge Frau war groß und wohlproportioniert – eine Tatsache, die selbst die düstere Farbe ihrer Kleidung und der mit Biberpelz besetzte wollene Umhang, der sie fast vollständig verhüllte, nicht verbergen konnten. Widerspenstige Strähnen roten Haares schossen unter ihrer Kopfbedeckung hervor und flatterten im Seewind. Ihre blassen Gesichtszüge waren ebenmäßig und ihre Augen hell, doch ließ sich nur schwer bestimmen, ob sie blau oder grün waren, so sehr veränderten sie je nach Gefühlslage ihre Farbe.

Zu seiner Verteidigung deutete Ross auf das andere Schiff.

»Es tut mir leid, wenn ich Euch gekränkt habe, Schwester Fidelma«, murmelte er. »Aber dieses Schiff dort hätte uns beinahe versenkt.«

Ross wußte, daß es sich bei seiner Mitreisenden nicht um eine gewöhnliche Nonne handelte, sondern um die Schwester von Colgú, dem König von Muman. Sie war, wie er aus früheren Begegnungen wußte, eine dálaigh, eine Advokatin der Gerichtsbarkeit der fünf Königreiche von Éireann, mit dem Rang einer anruth, der zweithöchsten Qualifikation, die die Universitäten und kirchlichen Hochschulen verleihen konnten.

»Ihr habt mich nicht gekränkt, Ross«, antwortete Fidelma lächelnd. »Obschon Eure Verwünschungen Gott gekränkt |31|haben mögen. Meiner Meinung nach verschwendet man beim Fluchen häufig Energie, die für etwas Sinnvolleres eingesetzt werden könnte.«

Ross nickte widerwillig. In Gesellschaft von Frauen fühlte er sich stets unbehaglich und hatte sich – wohl nicht zuletzt deshalb – für ein Leben auf See entschieden. Einmal war er verheiratet gewesen, doch am Ende hatte seine Frau ihn und ihre gemeinsame Tochter verlassen. Doch selbst seine Tochter, um die er sich fortan kümmerte und die jetzt etwa in Fidelmas Alter sein mußte, hatte ihm den Umgang mit dem anderen Geschlecht nicht erleichtert. In Gesellschaft der jungen Nonne war ihm besonders unwohl. Durch ihr ruhiges, bestimmtes Auftreten fühlte er sich zuweilen wie ein Kind, dessen Benehmen ständig beurteilt wird. Das Schlimmste war, daß sie auch noch recht hatte: den unbekannten Kapitän zu verwünschen half niemandem weiter.

»Was ist der Grund für Euer Fluchen?« wiederholte Fidelma ihre Frage.

Ross gab ihr rasch eine Erklärung und deutete dabei auf das große Hochseeschiff, das jetzt in eine Flaute geraten war.

Fidelma musterte das Schiff neugierig.

»An Bord scheint sich nicht das geringste zu regen, Ross«, bemerkte sie. »Habe ich nicht gehört, wie Ihr gerufen habt?«

»Doch«, erwiderte Ross, »aber ich erhielt keine Antwort.«

Tatsächlich war Ross selbst gerade erst zu dem Schluß gekommen, daß eigentlich jemand an Bord des Schiffes seine barc bemerkt oder seinen Ruf erwidert haben müßte. Brummend wandte er sich an Odar: »Versucht, uns längsseits zu manövrieren.«

Der Steuermann nickte, wendete langsam den Bug der barc und betete, daß es windstill bleiben möge, bis er die |32|gewünschte Position erreicht hatte. Odar war ein schweigsamer Mann und an den Küsten Mumans für seine Geschicklichkeit bekannt. Es dauerte nicht lange, bis sie mit dem Rumpf gegen das größere Schiff stießen und Ross’ Männer nach den Seilen griffen, die an den Seiten herunterhingen.

Schwester Fidelma lehnte auf der anderen Seite der Foracha, wo sie nicht im Wege stand, an der Reling und blickte mit sachlichem Interesse zu dem hochaufragenden Schiff hinauf.

»Dem Aussehen nach zu urteilen ein gallisches Handelsschiff«, rief sie Ross zu. »Hängt das Topsegel nicht gefährlich schief?«

Widerwillig warf Ross ihr einen anerkennenden Blick zu. Er hatte es aufgegeben, sich über das Wissen zu wundern, das die junge Advokatin an den Tag legte. Dies war das zweite Mal, daß er sie auf seinem Schiff mitnahm, und inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, daß sie über Kenntnisse verfügte, die für ihr Alter höchst ungewöhnlich waren.

»Es stammt aus Gallien, ganz richtig«, bestätigte er. »Die schweren Spanten und die Takelage sind typisch für die Bauweise in den Häfen von Morbihan. Und das Topsegel ist, wie Ihr richtig bemerkt habt, nicht ordnungsgemäß befestigt.«

Er schaute besorgt gen Himmel.

»Verzeiht, Schwester, aber wir müssen an Bord gehen und nachsehen, was da nicht stimmt, bevor wieder Wind aufkommt.«

Fidelma hob die Hand zum Zeichen der Einwilligung.

Ross bedeutete Odar, das Ruder einem anderen Besatzungsmitglied zu überlassen und ihn mit einigen seiner Männer zu begleiten. Behende schwangen sie sich über die Außenseiten, kletterten die Seile hinauf und verschwanden oben an Deck. Fidelma wartete. Sie konnte sie an Bord des |33|größeren Schiffes rufen hören und sah, wie Ross’ Männer eilends in die Takelage stiegen und die Segel einholten, offensichtlich für den Fall, daß wieder Wind aufkam. Bald darauf erschien der Kapitän an der Außenseite des Schiffes, schwang sich hinüber und landete katzengleich auf dem Deck der Foracha. Fidelma bemerkte seinen verwirrten Gesichtsausdruck.

»Was ist los, Ross?« fragte sie. »Wütet etwa eine Krankheit an Bord?«

Ross trat einen Schritt vor. Verriet sein Blick nicht nur Bestürzung, sondern auch heimliche Furcht?

»Schwester, würde es Euch etwas ausmachen, mich auf das gallische Schiff zu begleiten? Ich möchte, daß Ihr es Euch anseht.«

»Ich bin kein Seemann, Ross. Wozu sollte ich es mir ansehen? Wütet irgendeine Krankheit an Bord?« wiederholte sie stirnrunzelnd.

»Nein, Schwester.« Ross zögerte einen Augenblick. Ihm war äußerst unbehaglich zumute. »Um ehrlich zu sein… es ist niemand dort.«

Nur ihr Blinzeln verriet Fidelmas Überraschung. Schweigend folgte sie Ross zur Außenseite des Schiffes.

»Laßt mich vorausklettern, Schwester, dann kann ich Euch an diesem Tau hinaufziehen.«

Er deutete auf ein Seil, das er zu einer Schlinge band, während er sprach.

»Stellt einfach Euern Fuß in die Schlinge und haltet Euch fest, wenn ich’s Euch sage.«

Er drehte sich um und kletterte am Tau hinauf auf das Deck des Handelsschiffes. Fidelma wurde ohne Zwischenfälle die kurze Strecke hochgezogen. Tatsächlich, an Deck des Schiffes befand sich niemand außer Ross und seiner |34|Mannschaft, die inzwischen die Segel festgezurrt hatte. Einer von Ross’ Männern war an der Ruderpinne postiert, um das Schiff unter Kontrolle zu halten. Fidelma sah sich auf dem verlassenen, aber ordentlichen und sauber geschrubbten Deck neugierig um.

»Seid Ihr sicher, daß niemand an Bord ist?« fragte sie mit einem Anflug von Ungläubigkeit in der Stimme.

Ross nickte.

»Meine Männer haben überall nachgesehen, Schwester. Welche Erklärung gibt es für dieses Rätsel?«

»Ich habe nicht genügend Informationen, um das auch nur erraten zu können, mein Freund«, erwiderte Fidelma und musterte weiterhin prüfend das saubere, gepflegte Erscheinungsbild des Schiffes. Sogar die Taue waren ordentlich aufgerollt. »Gibt es denn gar kein Durcheinander an Bord? Kein Anzeichen dafür, daß das Schiff gezwungenermaßer verlassen wurde?«

»Mittschiffs ist sogar noch ein Rettungsboot befestigt«, erwiderte Ross kopfschüttelnd. »Gleich, als ich das Schiff erblickte, fiel mir auf, daß es hoch aus dem Wasser ragte und nichts darauf hindeutete, daß es zu sinken drohte. Soweit ich feststellen kann, hat es nirgendwo ein Leck. Nein, es gibt keinen Hinweis darauf, daß es verlassen wurde, weil man befürchtete, es könne sinken. Die Segel waren alle ordnungsgemäß gehißt, vom Topsegel einmal abgesehen. Was mag bloß mit der Besatzung geschehen sein?«

»Was ist mit dem Topsegel?« fragte Fidelma. »Es war nicht richtig befestigt und hätte von einem heftigen Windstoß abgerissen werden können.«

»Noch lange kein Grund, ein Schiff zu verlassen«, erwiderte Ross.

|35|Fidelma spähte hinauf zu dem Mast, an dem das Topsegel jetzt festgezurrt war. Sie runzelte die Stirn und rief Odar, der die Segel gerefft hatte.

»Was ist das da oben für ein Stück Stoff, dort in der Takelage, ungefähr sieben Meter über uns?« fragte sie.

Odar warf Ross einen raschen Blick zu, bevor er antwortete.

»Ich weiß es nicht, Schwester. Wünscht Ihr, daß ich es hole?«

Es war Ross, der ihn an ihrer Stelle anwies, nach oben zu steigen.

Mit geübter Leichtfüßigkeit kletterte Odar die Takelage hinauf und war einen Augenblick später bereits wieder unten, ein zerrissenes Stück Stoff in der Hand.

»Es ist an einem Nagel im Mast hängengeblieben, Schwester«, erklärte er.

Fidelma sah, daß es sich um ein Stück einfaches Leinen handelte, einen Stoffetzen, der von einem Hemd stammen könnte. Sie interessierte vor allem die Tatsache, daß er stellenweise voller Blut war und daß es sich um relativ frische Blutflecken handelte, noch nicht völlig braun und eingetrocknet, sondern von deutlich erkennbarem Rot.

Fidelma blickte einen Augenblick gedankenvoll nach oben, trat unter die Takelage und spähte zu dem eingerollten Topsegel hinauf. Als sie sich umdrehte, fiel ihr Blick auf die Reling – auf einen verschmierten Abdruck getrockneten Blutes, der deutlich eine Handfläche erkennen ließ. Nachdenklich starrte sie darauf. Wer auch immer diesen Abdruck hinterlassen hatte, mußte die Reling von der Seeseite her umklammert haben. Sie seufzte leise und steckte das abgerissene Stück Leinen in ihr marsupium, den großen Beutel, den sie stets an ihrem Gürtel trug.

|36|»Bringt mich in die Kapitänskajüte«, bat Fidelma, als ihr klar wurde, daß es auf Deck nichts Neues mehr herauszufinden gab.

Ross wandte sich zum Heck des Schiffes, zur Hauptkajüte unterhalb des erhöhten Achterdecks. Eigentlich gab es dort zwei Kajüten. Beide wirkten ordentlich aufgeräumt, die Kojen waren gemacht, und in einer der Kajüten war der Tisch gedeckt. Teller und Tassen waren allerdings ein wenig durcheinandergeraten, und Ross, der Fidelmas fragenden Blick bemerkte, erklärte, die Ursache hierfür sei wahrscheinlich das unberechenbare Schwanken des Schiffes, als es ohne Steuermann vor dem Wind schwoite.

»Es ist ein Wunder, daß es bisher noch nicht an den Felsen zerschellt ist«, fügte er hinzu. »Gott weiß, wie lange es schon ohne steuernde Hand über die Meere treibt. Und es fährt unter vollen Segeln, so daß ein heftiger Windstoß genügt, wenn niemand da ist, die Segel zu bergen oder zu reffen.«

Nachdenklich preßte Fidelma die Lippen aufeinander.

»Man hat fast den Eindruck, als sei die Besatzung einfach verschwunden«, fuhr Ross fort. »Als hätte man sie weggezaubert…«

Fidelma hob zynisch eine Augenbraue.

»Solche Dinge passieren nicht in der wirklichen Welt, Ross. Es gibt für alles eine logische Erklärung. Zeigt mir den Rest des Schiffes.«

Ross führte sie hinaus.

Unter Deck wich der frische, scharfe Salzgeruch des Meeres dem drückenden Gestank, der sich entwickelt, wenn Männer jahrelang auf engstem Raum zusammenleben. Der Abstand zwischen den Decks war so gering, daß Fidelma sich bücken mußte, um sich den Kopf nicht an den Balken zu |37|stoßen. Kein noch so intensives Schrubben mit Salzwasser konnte den schalen Schweißgeruch und den bittersüßen Uringestank beseitigen, der sich in den Aufenthaltsräumen der Besatzung festgesetzt hatte. Das einzig Positive war, daß es dort unten wärmer war als oben auf dem kalten, zugigen Deck.

Dennoch wirkten die Mannschaftsquartiere recht reinlich, wenn auch nicht ganz so gepflegt wie die Kajüten, die vermutlich den Offizieren vorbehalten waren. Es gab jedoch auch hier keinerlei Anzeichen von Unordnung oder hastigem Aufbruch. Die Ausrüstung war fein säuberlich verstaut.

Anschließend führte Ross sie in den großen Laderaum des Schiffes. Dort stach Fidelma ein anderer Geruch in die Nase – nach dem muffigen, beißenden Gestank in den Mannschaftsquartieren ein neuer Sinnesreiz. Fidelma hielt inne, runzelte die Stirn und versuchte, den Duft, der in ihre Nasenlöcher drang, einzuordnen: eine Mischung aus verschiedenen Gewürzen, vor allem aber der Geruch von abgestandenem Wein. Suchend schaute sie sich im Dämmerlicht des Laderaums um. Er schien leer zu sein.

Ross hantierte mit Feuerstein und Zunder und zündete eine Öllampe an, damit sie den Innenraum besser sehen konnten. Er seufzte leise.

»Wie ich bereits sagte, das Schiff ragte hoch aus dem Wasser heraus, wodurch es bei einem Unwetter doppelt anfällig ist. Ich dachte mir schon, daß der Laderaum leer sein muß.«

»Warum hatten sie keine Ladung an Bord?« fragte Fidelma, während sie sich umsah.

Ross war sichtlich ratlos.

»Ich habe keine Ahnung, Schwester.«

|38|»Das Handelsschiff kommt aus Gallien, sagtet Ihr?«

Der Seemann nickte.

»Könnte das Schiff ohne Ladung von Gallien losgesegelt sein?«

»Ah«. Ross verstand sofort, worauf sie hinauswollte. »Nein, es wäre sicher nur mit Ladung losgefahren. Und genauso wahrscheinlich hätte es eine Ladung aus einem irischen Hafen auf die Rückreise mitgenommen.«

»Also haben wir keine Ahnung, wann die Besatzung es verlassen hat? Es könnte auf dem Weg nach Irland oder auf dem Rückweg nach Gallien gewesen sein? Und es könnte auch sein, daß die Besatzung die Ladung mitnahm, als sie das Schiff verließ?«

Ross kratzte sich nachdenklich die Nase.

»Das sind gute Fragen. Allerdings haben wir keine Antworten darauf.«

Fidelma betrat den leeren Laderaum und begann im Dämmerlicht mit ihrer Untersuchung.

»Was hat ein Schiff wie dieses normalerweise geladen?«

»Wein, Gewürze und andere Waren, die in unserem Land nicht so leicht zu finden sind, Schwester. Seht her, hier sind Regale für die Weinfässer, aber sie sind alle leer.«

Ihr Blick folgte seiner ausgestreckten Hand. Neben den leeren Regalen türmte sich allerlei Gerümpel am Boden, darunter abgesplittertes Holz und ein mit Eisen beschlagenes Wagenrad mit einer gebrochenen Speiche. Und noch etwas lag dort, was sie verwundert betrachtete. Es ähnelte einem großen Holzzylinder, der fest mit einer groben, dicken Schnur umwickelt war. Der Zylinder war gut einen halben Meter lang und hatte einen Durchmesser von etwa fünfzehn Zentimetern. Sie bückte sich und berührte die Schnur, und |39|ihre Augen weiteten sich erstaunt. Die Schnur bestand aus einem Strang tierischer Gedärme.

»Was ist das, Ross?« fragte sie.

Der Seemann bückte sich, untersuchte den Gegenstand und zuckte die Achseln.

»Keine Ahnung. Ich wüßte an Bord eines Schiffes keine Verwendung dafür, auch nicht, um irgend etwas festzubinden. Der Strang ist zu nachgiebig, er würde sich dehnen, sobald er unter Spannung stünde.«

Fidelma, die noch immer kniete, hatte noch etwas anderes entdeckt: Bröckchen von rotbraunem Lehm, die auf den Planken des Laderaums verstreut lagen.

»Was ist das, Schwester?« fragte Ross und hielt die Lampe hoch über sie.

Fidelma nahm ein paar Lehmbröckchen in die Hand und untersuchte sie eingehend.

»Nichts. Nur roter Lehm. Vermutlich wurde er beim Verstauen der Ladung vom Strand hereingetragen. Es gibt hier eine ganze Menge davon.«

Sie erhob sich und ging durch den kahlen Lagerbereich hinüber zu einer Luke auf der anderen Seite, Richtung Bug. Plötzlich hielt sie inne und drehte sich zu Ross um.

»Gibt es eine Möglichkeit, sich unter diesem Deck zu verstecken?« fragte sie und deutete auf den Decksboden.

Im Dämmerlicht verzog Ross das Gesicht.

»Nur für Wasserratten. Hier drunter liegt nur noch der Kielraum.«

»Trotzdem, ich halte es für das beste, das ganze Schiff zu durchsuchen.«

»Ich werde das sofort veranlassen«, stimmte Ross zu. Er akzeptierte ihre natürliche Autorität ohne Murren.

|40|»Gebt mir die Lampe, dann mache ich hier weiter.« Fidelma nahm die Laterne und trat durch die Luke in den vorderen Teil des Schiffes, während Ross, der wie alle Seeleute ausgesprochen abergläubisch war, ängstlich um sich blickte und schließlich nach einem seiner Besatzungsmitglieder rief.

Das Licht von Fidelmas Lampe fiel auf eine schmale Stiege; sie führte über ein Kabelgatt, in dem der Anker des großen Schiffes verstaut war. Am Ende der Treppe lagen zwei weitere Kajüten, auch sie leer und peinlich sauber wie die anderen. Erst jetzt fiel Fidelma auf, was hier eigentlich fehlte. Alles war aufgeräumt – zu aufgeräumt, ohne die geringste Spur von persönlichen Dingen, die dem Kapitän, der Mannschaft oder etwaigen Mitreisenden gehört haben mochten, es gab weder Kleidung noch Rasierzeug, nichts außer einem blitzblanken Schiff.

Sie drehte sich um und ging einen kurzen Niedergang hinauf an Deck, um Ross zu suchen. Dabei glitt ihre Handfläche über das polierte Geländer, und sie spürte, wie sich dessen Beschaffenheit veränderte. Bevor sie sich näher damit befassen konnte, hörte sie jemanden an Deck nach ihr rufen. Sie trat ans Tageslicht.

Ross stand mit finsterer Miene neben der Tür zum Niedergang und kam sogleich auf sie zu.

»Im Kielraum ist niemand, Schwester, außer Ratten und Unrat, wie zu erwarten war. Auf jeden Fall keine Menschen«, berichtete er grimmig. »Weder lebend noch tot.«

Fidelma starrte auf ihre Handfläche. Sie war verfärbt, wie mit einem blaßbraunen Gewebe überzogen. Sie wußte sofort, worum es sich handelte, und streckte sie Ross entgegen.

»Getrocknetes Blut. Vor nicht allzu langer Zeit vergossen. Das ist die zweite Blutspur auf diesem Schiff. Kommt mit.« |41|Fidelma lenkte ihre Schritte wieder zu den Kajüten hinunter, Ross folgte dicht hinter ihr. »Vielleicht sollten wir in den Kabinen darunter nach einer Leiche suchen?«

Sie hielt auf der Treppe inne und hob die Lampe. Das Geländer war blutverschmiert, die Treppenstufen mit getrocknetem Blut und die Seitenwände mit Blutspritzern bedeckt. Dieses Blut war älter als das auf dem Stück Leinen und das am Handlauf des Schiffes.

»Es gibt keine Blutflecken auf Deck«, bemerkte Ross. »Wer auch immer verletzt war, muß auf dieser Treppe verletzt worden und dann nach unten gegangen sein.«

Fidelma spitzte nachdenklich die Lippen.

»Beziehungsweise wurde unten verletzt und kam hier herauf, wo er jemandem begegnete, der die Wunde verband oder auf andere Weise verhinderte, daß das Blut aufs Deck tropfte. Trotzdem, laßt uns nachsehen, wohin die Spur führt.«

Am Ende des Niedergangs bückte sich Fidelma, um die Decksplanken im Lichtschein der Laterne zu untersuchen. Plötzlich kniff sie die Augen zusammen und unterdrückte einen Aufschrei.

»Hier unten sind noch mehr Spuren getrockneten Blutes.«

»Das gefällt mir gar nicht, Schwester«, murmelte Ross und blickte erneut ängstlich um sich. »Vielleicht spukt das Böse auf diesem Schiff herum?«

Fidelma richtete sich auf.

»Das einzig Böse ist, wenn überhaupt, das Böse, das von den Menschen kommt«, wies sie ihn zurecht.

»Aber Menschen allein könnten nicht eine ganze Besatzung samt Schiffsladung wegzaubern«, protestierte Ross.

Fidelma lächelte matt.

»Allerdings, das könnten sie. Und sie haben ihre Arbeit |42|nur stümperhaft erledigt. Sie haben Blutflecken hinterlassen, die uns verraten, daß hier in der Tat Menschen am Werk waren. Geister, ob böse oder nicht, haben es nicht nötig, Blut zu vergießen, wenn sie Menschen vernichten wollen.«

Sie hob die Laterne und machte kehrt, um die beiden Kajüten am unteren Ende des Niedergangs in Augenschein zu nehmen.

Jemand hatte dem oder der Verwundeten – sie nahm an, daß das viele Blut von einem Schwerverletzten stammte – mit einem Messer oder einer anderen scharfen Waffe eine klaffende Wunde beigebracht, und zwar entweder am Fuße des Niedergangs oder in einer der Kajüten. Sie wandte sich der ersten zu, während Ross ihr widerwillig folgte.

Auf der Schwelle hielt sie inne, blickte sich um und versuchte, einen Schlüssel zu dem Geheimnis zu entdecken.

»Käpt’n!«

Einer von Ross’ Männern kletterte zu ihnen hinunter.

»Käpt’n, Odar schickt mich, um Euch zu sagen, daß wieder Wind aufkommt und daß die Strömung uns gegen die Felsen treibt.«

Ross wollte schon wieder fluchen, doch als sein Blick dem Fidelmas begegnete, begnügte er sich mit einem Knurren.

»Also gut. Befestigt ein Seil am Bug des Schiffes und sagt Odar, er soll sich bereithalten, es zu steuern. Ich werde es zu einem sicheren Ankerplatz schleppen.«

Der Mann eilte hinaus, und Ross wandte sich wieder an Fidelma.

»Am besten, Ihr kommt mit hinüber auf die barc, Schwester. Es wird nicht leicht sein, dieses Schiff zum Ufer zu manövrieren. Auf meiner Bark ist es sicherer.«

Fidelma wollte ihm gerade zögernd folgen, da fiel ihr Blick |43|auf etwas, was ihr vorher entgangen war. Die offene Kajütentür hatte es verdeckt, solange sie mitten im Raum stand. Jetzt, da sie sich zum Gehen wandte, sah sie an einem Haken hinter der Tür etwas Ungewöhnliches hängen. Ungewöhnlich insofern, als es sich um eine tiag liubhair handelte, eine lederne Büchertasche. Fidelma war erstaunt, ausgerechnet in einer Schiffskajüte einen solchen Gegenstand zu entdecken. In Irland bewahrte man Bücher nicht in Regalen auf, sondern in Taschen, die an Haken oder Gestellen entlang der Wände der Bibliotheken aufgehängt waren und jeweils einen oder mehrere handgeschriebene Bände enthielten. Solche Taschen wurden auch benutzt, um Bücher von einem Ort zum anderen zu transportieren, zum Beispiel auf einer Missionsreise. Ein Missionar benötigte immer Evangelien, Gottesdienstordnungen und andere Schriften. Die tiag liubhair, die hinter der Kajütentür hing, wurde an einem Riemen um die Schulter getragen.

Fidelma merkte nicht, daß Ross am Fuße des Niederganges ungeduldig wartete.

Sie nahm die Tasche vom Haken und griff hinein. Darin befand sich eine kleine Pergamenthandschrift.

Plötzlich begann ihr Herz zu rasen, ihr Mund wurde trocken, sie blieb wie angewurzelt stehen. Das Blut hämmerte gegen ihre Schläfen. Einen Augenblick lang glaubte sie sich einer Ohnmacht nahe. Das Buch mit den pergamentenen Seiten war eine kleine, unscheinbare Handschrift, in schweres Kalbsleder gebunden, das mit hübschen Mustern aus Spiralen und Kreisen geprägt war. Fidelma wußte, daß es sich um ein Meßbuch handelte, noch bevor sie die Titelseite aufschlug. Sie wußte auch, welche Widmung sie dort finden würde.

|44|Es war jetzt über zwölf Monate her, daß Schwester Fidelma dieses Buch zum letzten Mal in ihren Händen gehalten hatte: an einem warmen Sommerabend in Rom, in dem von Kräuterduft erfüllten Garten des Lateranpalastes. Es war der Abend, bevor sie Rom verließ und nach Irland zurückkehrte. Sie hatte das Buch Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham überreicht, ihrem Freund und wagemutigen Gefährten, einem Sachsen aus dem Land des Südvolkes. Bruder Eadulf, der ihr geholfen hatte, den rätselhaften Mord an Äbtissin Etain in Whitby aufzuklären und danach, in Rom, den Mord an Wighard, dem designierten Erzbischof von Canterbury.

Das Buch, das sie nun hier, auf diesem geheimnisvollen, verlassenen Schiff, wiedergefunden hatte, war ihr Abschiedsgeschenk an ihren engsten Freund und Gefährten. Ein Geschenk, das ihnen beiden so viel bedeutet hatte, damals, bei jenem traurigen Abschied.

Fidelma spürte, wie die Kajüte zu schwanken und sich zu drehen begann. Sie versuchte, die Gedanken, die ihr durch den Kopf schossen, zu besänftigen und der fürchterlichen Angst, die ihr den Atem nahm, mit vernünftigen Argumenten zu begegnen. Benommen taumelte sie rückwärts und brach unvermittelt über der Koje zusammen.

KAPITEL 3

»Schwester Fidelma! Alles in Ordnung?«

Ross’ Gesicht näherte sich dem Fidelmas, als sie die Augen aufschlug. Sie blinzelte. Sie war nicht wirklich ohnmächtig geworden, bloß… sie blinzelte erneut und schalt sich insgeheim |45|dafür, Schwäche gezeigt zu haben. Das war aber auch eine böse Überraschung! Was hatte dieses Buch, ihr Abschiedsgeschenk für Bruder Eadulf damals in Rom, jetzt in der Kajüte eines verlassenen gallischen Handelsschiffes vor der Küste von Muman zu suchen? Sie wußte, daß Eadulf sich nicht so ohne weiteres davon trennen würde. Und wenn dem so war, dann mußte er hier in der Kajüte gewesen sein, als Passagier auf diesem Handelsschiff.

»Schwester Fidelma!«

Ross’ Stimme überschlug sich vor Aufregung.

»Es tut mir leid«, erwiderte Fidelma langsam und erhob sich vorsichtig. Ross beugte sich vor, um ihr zu helfen.

»Ist Euch schwindelig geworden?« erkundigte er sich.

Sie schüttelte den Kopf. Erneut schalt sie sich dafür, daß sie ihre Gefühle so deutlich gezeigt hatte. Doch wäre es nicht ein noch größerer Selbstbetrug, sie zu verleugnen? Seit ihrem Abschied von Eadulf von Seaxmund’s Ham hatte sie ihre Gefühle für ihn unterdrückt. Er blieb damals als Sekretär von Theodor von Tarsus, dem neu ernannten Erzbischof von Canterbury, in Rom, während sie in ihre Heimat zurückkehrte.

Doch das vergangene Jahr war erfüllt gewesen von den Erinnerungen an ihn, von Einsamkeit und von Sehnsucht, von einer Art Heimweh nach ihm. Sie war wieder zu Hause, in ihrer Heimat, bei ihrem Volk, doch sie vermißte Eadulf. Sie vermißte ihre Streitgespräche, die Art, wie sie ihn wegen ihrer gegensätzlichen Ansichten und Weltanschauungen necken konnte, die Art, wie er ihr in seiner Gutmütigkeit immer wieder auf den Leim ging. Es gab zwischen ihnen heftige Meinungsverschiedenheiten, jedoch keinerlei Feindseligkeit.

Eadulf von Seaxmund’s Ham hatte in Irland studiert, in |46|Durrow und später in Tuaim Brecain, bevor er sich in Glaubensfragen der Vorherrschaft Roms unterwarf und die Lehren des Heiligen Columban ablehnte.

Er war der einzige Mann in ihrem Alter, in dessen Gesellschaft sie sich wirklich wohlfühlte und sich ungezwungen verhalten konnte, ohne sich hinter ihrem Rang und dem Amt, das sie bekleidete, zu verstecken und ohne eine bestimmte Rolle spielen zu müssen, wie eine Schauspielerin in einem Theaterstück.

Eines wurde ihr jetzt klar: ihre Gefühle für Eadulf waren nicht nur rein freundschaftlicher Natur.

Ihr Abschiedsgeschenk an ihn nun herrenlos auf einem verlassenen Schiff vor der Küste Irlands zu entdecken löste in ihr heftigste Panik aus.

»Ross, dieses Schiff birgt ein Geheimnis.«

Ross verzog das Gesicht.

»Ich dachte, darüber hätten wir uns bereits geeinigt.«

Fidelma streckte ihm das Meßbuch entgegen, das sie in der Hand hielt.

»Das gehörte einem Freund von mir, den ich vor über einem Jahr in Rom zum letzten Mal gesehen habe. Einem guten Freund.«

Ross betrachtete es verlegen und kratzte sich am Kopf.

»Ein Zufall?« murmelte er undeutlich.

»Ein Zufall, in der Tat«, bestätigte Fidelma ernst. »Was mag mit den Leuten auf diesem Schiff geschehen sein? Ich muß es herausfinden. Ich muß herausfinden, was mit meinem Freund geschehen ist.«

Ross blickte verlegen drein.

»Wir müssen zurück auf die barc, Schwester. Der Wind wird wieder stürmischer.«

|47|»Ihr wollt das Schiff zum Ufer schleppen?«

»Genau.«

»Dann werde ich es gründlicher durchsuchen, sobald wir in ruhigeren Gewässern sind. Wohin wollt Ihr es bringen?«

Ross rieb sich das Kinn.

»Nun, der nächste Hafen liegt genau bei Euerm Reiseziel, Schwester. Vor der Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen.«

Fidelma atmete leise aus. Ihre Entdeckung hatte sie vorübergehend vergessen lassen, warum sie eigentlich auf Ross’ Schiff unterwegs war. Gestern morgen hatte der Abt von Ros Ailithir, bei dem sie sich gerade aufhielt, eine Nachricht von der Äbtissin dieser kleinen Gemeinschaft erhalten. Man hatte in der Abtei, die an der Spitze einer Halbinsel im äußersten Westen von Muman lag, eine unbekannte Tote entdeckt und fürchtete, es könnte sich um eine Nonne handeln, auch wenn es kaum eine Möglichkeit der Identifizierung gab. Der Kopf der Leiche fehlte. Die Äbtissin bat um die Unterstützung eines Brehon, eines Beamten der irischen Gerichtsbarkeit, der ihr helfen sollte, die Identität der Toten festzustellen und herauszufinden, wer für diesen Mord verantwortlich war.

Die Gemeinschaft gehörte zum Gerichtsbezirk von Abt Brocc von Ros Ailithir, und der hatte Fidelma gebeten, die Untersuchung durchzuführen. Die Abtei Der Lachs aus den Drei Quellen lag nur eine Tagesreise mit dem Schiff entfernt, und so kam es, daß Fidelma nun auf Ross’ barc die zerklüftete Küste entlangfuhr.

Die Entdeckung des verlassenen gallischen Handelschiffes und der Büchertasche, die ihr Abschiedsgeschenk für Bruder Eadulf enthielt, hatte jeden Gedanken an den Anlaß ihrer Reise vorübergehend aus ihrem Gedächtnis verdrängt.

|48|»Schwester«, sagte Ross noch einmal, »wir müssen auf die barc zurück.«

Widerwillig stimmte sie zu, verstaute das Meßbuch in der Ledertasche und schwang sie sich über die Schulter.

Ross’ Männer hatten Taue vom Bug des gallischen Schiffes an das Heck ihres kleineren Fahrzeugs gebunden. Odar und ein weiterer Matrose blieben an Bord, während Ross und Fidelma mit den anderen Besatzungsmitgliedern auf die Foracha zurückkehrten.

Fidelma war ganz in Gedanken versunken. Ross gab Anweisungen, um seine Bark von dem größeren Schiff zu lösen und vor den Wind zu drehen. Bald strafften sich die Abschleppseile, und das kleinere Schiff nahm Fahrt auf und zog das größere, das sich durch die kabbelige See wühlte, hinter sich her. Der Wind war wieder stürmisch, und zweifellos wäre das gallische Schiff ohne Ross’ Eingreifen schon längst an den nahegelegenen, versteckten Felsen und Riffen gesunken.

Ross ließ die straffgespannten Seile und das große, schlingernde Schiff hinter ihnen nicht aus den Augen. Doch Odar war ein ausgezeichneter Steuermann und hielt das Schiff geschickt unter Kontrolle, so daß Ross den Kurs bestimmen konnte: er steuerte eine der großen Buchten an, die von zwei felsigen, sich nach Südwesten erstreckenden Halbinseln gebildet wurde, und hielt auf eine der langgestreckten Landzungen zu, auf der sich in der Ferne, über den Gipfeln einer hohen Bergkette, eine gewaltige Felskuppel erhob. Vor der Halbinsel tauchte der gedrungene, knollenförmige Umriß einer großen Insel auf, und Ross befahl seinem Steuermann, die barc in die Meerenge zwischen diesem Eiland und der Küste der Halbinsel hineinzumanövieren.

|49|Fidelma hatte sich am Heck auf die Reling gesetzt, mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf, und hing ihren Gedanken nach, so daß sie weder die näherkommende Küste noch die atemberaubende Landschaft bemerkte. Genausowenig schien sie das Stampfen und Schlingern der barc zu beachten, die vor dem Wind trieb und ihre Beute hinter sich herschleppte.

»Bald erreichen wir ruhigere Gewässer«, sagte Ross besänftigend. Er hatte Mitleid mit ihr, denn sie vermochte den Kummer, den ihre Entdeckung ihr bereitete, kaum zu verhehlen.

»Könnten es Sklavenhändler gewesen sein?« fragte sie plötzlich, ohne Vorrede.

Ross überlegte einen Augenblick. Es war bekannt, daß Plünderer auf der Suche nach Sklaven häufig in irische Gewässer vordrangen und gelegentlich sogar Küstendörfer oder Fischerboote überfielen und die Einheimischen verschleppten, um sie auf den Sklavenmärkten in den sächsischen Königreichen zu verkaufen, manchmal sogar weiter weg in Iberien, Franken und Germanien.

»Vielleicht haben Sklavenhändler das Handelsschiff überfallen und alle Anwesenden mitgenommen?« hakte Fidelma nach, als er zögerte.

Ross schüttelte den Kopf.

»Mit Verlaub, Schwester, aber das glaube ich nicht. Wenn, wie Ihr meint, Sklavenhändler das Handelsschiff gekapert hätten, warum haben sie dann nicht einfach ein Prisenkommando an Bord gelassen, um es in ihren Heimathafen zurückzusegeln? Warum sollten sie die Besatzung und, was noch merkwürdiger ist, die Ladung mitnehmen und das Schiff zurücklassen? Sie würden dafür doch genausoviel, |50|wenn nicht noch mehr Geld bekommen als für die Besatzung und die Ladung.«

Fidelma konnte dieser Logik nicht widersprechen. In der Tat, warum sollten sie das gepflegte, gut in Schuß gehaltene Schiff zurücklassen? Sie seufzte hörbar, da sie auf die vielen Fragen, die in ihrem Kopf herumschwirrten, nicht sofort Antworten fand.

Die junge Nonne bemühte sich, nicht noch mehr Energie darauf zu verschwenden, Fragen zu stellen, die sie unmöglich beantworten konnte. Ihr Mentor, Brehon Morann von Tara, hatte sie gelehrt, daß es nutzlos war, Antworten für Probleme zu suchen, bevor sie die Fragen kannte, die zu stellen waren. Doch es gelang ihr nicht, einen klaren Gedanken zu fassen, selbst dann nicht, als sie in der Kunst des dercad Zuflucht suchte, einer Art Meditation, die schon zahllosen Generationen von irischen Mystikern geholfen hatte, nebensächliche Überlegungen und nervliche Überreizung zu bezwingen.

Fidelma beschloß, sich auf die näherkommende Küstenlandschaft zu konzentrieren. Sie hatten jetzt die Einfahrt der großen Bucht erreicht und segelten nah am Südufer der bergigen Halbinsel entlang. Die kalten Windböen und unberechenbaren Wellen ebbten allmählich ab, während sie in die geschützteren Gewässer einfuhren. Als sie die knollenförmige Insel an ihrer Backbordseite liegen sahen, wurde das Meer wesentlich ruhiger, denn das Festland schützte sie nun vor der vollen Wucht des Windes.

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