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Die Toskana-Verschwörung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PROLOG
  7. ERSTER TEIL
  8. 1. KAPITEL
  9. 2. KAPITEL
  10. 3. KAPITEL
  11. 4. KAPITEL
  12. 5. KAPITEL
  13. 6. KAPITEL
  14. 7. KAPITEL
  15. 8. KAPITEL
  16. 9. KAPITEL
  17. 10. KAPITEL
  18. 11. KAPITEL
  19. 12. KAPITEL
  1. ZWEITER TEIL
  2. 13. KAPITEL
  3. 14. KAPITEL
  4. 15. KAPITEL
  5. 16. KAPITEL
  1. DRITTER TEIL
  2. 17. KAPITEL
  3. 18. KAPITEL
  4. 19. KAPITEL
  5. 20. KAPITEL
  6. 21. KAPITEL
  7. 22. KAPITEL
  8. 23. KAPITEL
  9. 24. KAPITEL

Über den Autor

Rolf Dieckmann arbeitete als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und Magazinen für die Themenbereiche Medien, Politik, Kultur und Unterhaltung. Seit 1996 ist er als freier Autor tätig. Er lebt in Hamburg und im Wendland.

PROLOG

Eine Kolonne von rund dreißig Fahrzeugen fährt auf der kurvenreichen Straße am Westufer des Comer Sees langsam in Richtung Norden. In den Lastwagen sitzen Soldaten der Deutschen Wehrmacht, in den Begleitfahrzeugen Männer der SS, ehemalige Minister der faschistischen Regierung Italiens und Schwarzhemden. Mitten im Konvoi der abgesetzte Diktator Benito Mussolini und seine Geliebte Claretta Petacci. Sie sind auf der Flucht, ihr Ziel ist die neutrale Schweiz. Von Süden rücken die alliierten Streitkräfte der Amerikaner und Engländer vor, den Norden kontrollieren die italienischen Partisanen. Es ist der 27. April 1945.

Wenige Kilometer hinter dem Städtchen Menaggio werden sie durch eine Straßensperre aufgehalten. Italienische Partisanen verhindern die Weiterfahrt, bleiben aber auf Distanz. Sie ahnen nicht, wer in diesem Konvoi mitfährt. Nach zähen Verhandlungen geben sie die Straße für die Deutschen frei. Einzige Forderung: Die Italiener sollen zurückbleiben. Damit sind die SS-Männer nicht einverstanden. Sie haben direkt aus Berlin den Befehl bekommen, den Duce sicher in die Schweiz zu bringen. Da hat der Kommandeur eine Idee: Mussolini soll einen deutschen Soldatenmantel anziehen, einen Stahlhelm der Wehrmacht aufsetzen und sich im hinteren Teil eines Mannschaftswagens niederlassen. Der Duce willigt ein.

Der noch vor kurzem gefürchtete Diktator ist ein gebrochener Mann. Seine Familie, seine Freunde, die Macht – alles ist verloren. Ein Lastwagen mit Kisten – voller Geld, Kunst- und anderer Wertgegenstände –, die ihm nach gelungener Flucht ein komfortables Leben sichern sollten, ist bereits vor einigen Tagen spurlos verschwunden. Mussolini ahnt, dass seine Tage gezählt sind.

In Dongo am Comer See werden die Lastwagen erneut von Partisanen angehalten und durchsucht. Mussolini wird entdeckt und verhaftet. Am Tag darauf erschießt ein Partisan, der sich Oberst Valerio nennt, den einstmals so mächtigen Tyrannen und seine Geliebte.

Später werden die Geschichtsbücher minutiös darüber berichten, was sich in jenen Tagen abgespielt hat. Nur ein Vorgang wird nie erwähnt und bleibt für Jahrzehnte im Dunklen. Es wird mehr als sechs Jahrzehnte dauern, bis das Geheimnis gelüftet wird. Ein Geheimnis, das geeignet ist, die westliche Welt zu erschüttern.

ERSTER
TEIL

1. KAPITEL

Robert Darling hatte sich gerade auf seine Terrasse zurückgezogen, um die Mittagsruhe zu genießen, als eine schrille Frauenstimme die Stille zerriss. »Roberto!« Es klang verzweifelt.

Robert erhob sich aus seinem Gartenstuhl und ging zum Geländer der Terrasse. Die Frau, die den Weg vor seinem Haus entlanglief, kannte er gut.

»Signora Montovani«, rief Robert hinunter, »was ist los?«

»Oh, Signore Medici!« Die Frau blieb stehen. Sie war völlig verstört.

Robert hatte es lange aufgegeben, den Leuten mitzuteilen, dass er Darling hieß – und nicht Medici wie seine Mutter. Andererseits sprachen ihn die meisten Leute sowieso mit Roberto an.

Die Signora war um die dreißig, hatte lockige, schwarze Haare und einen sehr blassen Teint. Sie musste gerade im Garten gearbeitet haben, denn sie trug ein Männerhemd, das ihr viel zu groß war, und eine blaue Latzhose, auf deren Knien noch Spuren von Erde zu sehen waren.

»Ich meine nicht Sie, ich meine den kleinen Roberto, meinen Sohn, Sie kennen ihn doch … Er müsste längst von der Schule zu Hause sein, seit drei Stunden … O Madonna!«

Die Montovanis wohnten in einem kleinen Landhaus, ein paar Minuten von Roberts Anwesen entfernt, das am Rande des toskanischen Dörfchens Mezzomonte lag. Silvio Montovani arbeitete in der Zellulosefabrik, und nebenbei betrieb die Familie Landwirtschaft im kleinen Stil.

Robert ging die Treppe der Terrasse hinunter. Er lächelte beruhigend und legte seinen Arm um ihre Schultern. »Jetzt erzählen Sie mir erst einmal ganz ruhig, was passiert ist.«

»Signore Medici«, jammerte sie, »ich habe das Gefühl, dass irgendetwas Schreckliches passiert ist. Madonna, mein Junge!«

Robert führte die Signora auf die Terrasse, schob sie sanft auf einen der Stühle, schenkte ein Glas Mineralwasser ein und gab ihr das Glas. »So, jetzt trinken Sie erst einmal einen Schluck. Haben Sie keine Angst, wir werden Ihren Roberto ganz sicher finden. Wie kommt er denn gewöhnlich von der Schule nach Haus?«

»Mit dem Bus«, schluchzte sie. »Vielleicht ist ein Unglück passiert!«

»Das ist unwahrscheinlich«, warf Robert ein und reichte ihr ein Taschentuch. »Dann wären Sie längst informiert worden. Wo steigt er denn aus, und wer fährt mit ihm im Bus?«

Die Signora schnäuzte sich die Nase.

»Der Bus hält oben an der Kreuzung. Es fahren einige seiner Klassenkameraden mit, aber er ist der letzte, der aussteigt. Es ist ihm sicherlich etwas passiert! Ich muss die Polizei rufen!«

Robert hob beruhigend die Hand. »Bleiben Sie ruhig, Signora. Wissen Sie, wer als Letzter vor ihm aussteigt?«

»Wie? Ja, natürlich. Das ist die kleine Rosanna von den Lavarras.«

»Dann rufen wir die Lavarras jetzt an und fragen, ob ihre Tochter pünktlich nach Hause gekommen ist.«

Die Signora begann wieder zu jammern. »Aber ich weiß die Nummer nicht auswendig. Die Liste mit allen Nummern seiner Klassenkameraden habe ich zu Hause.«

»Dann wollen wir keine Zeit verlieren«, sagte Robert, legte ihr sanft die Hand auf die Schulter und deutete auf den Landrover, der vor seinem Haus stand.

Mit dem Wagen waren sie in ein paar Minuten an dem kleinen Landarbeiterhaus der Montovanis.

Kurze Zeit später hatte die Signora die Lavarras am Apparat. »Pünktlich?«, rief sie in den Telefonhörer. »Sie ist pünktlich angekommen? O Madonna, Roberto ist etwas zugestoßen.«

»Fragen Sie Rosanna, ob Roberto mit ihr im Bus war!«, schlug Robert vor.

Die Frau am anderen Ende hatte die Frage bereits verstanden, fragte ihre Tochter, die offenbar danebenstand, und bejahte dann heftig.

Signora Montovani wurde noch bleicher und legte wortlos auf.

»Signora! Hören Sie mir zu. Wir werden Ihren Jungen schon finden! Sagen Sie, an welchem Haus kommt Roberto auf seinem Heimweg auf jeden Fall vorbei?«

Sie schaute ihn mit feuchten Augen an. »An welchem Haus? Bei den Cernis kommt er immer vorbei …«

»Haben Sie ihre Telefonnummer?«

»Ja …« Sie wollte zum Hörer greifen, zitterte aber so, dass er ihr aus der Hand glitt.

»Lassen Sie mich …«

Robert nahm den Hörer auf und rief die Cernis an. Nach wenigen Minuten war die Lage geklärt. Die alte Signora Cerni bestätigte, dass Roberto jeden Mittag nach der Schule an ihrem Haus vorbeikäme, heute habe sie ihn allerdings nicht gesehen.

»Ich muss jetzt meinen Mann anrufen … und die Polizei!« Die Signora war außer sich.

Robert hob wieder beruhigend die Hand. »Signora, keine Sorge. Was wissen wir jetzt? Ihr Sohn hat pünktlich den Schulbus genommen, muss aber einen anderen Weg eingeschlagen haben. Einen Unfall hat es offenbar nicht gegeben. Lassen Sie uns kurz überlegen … In welche Richtung kann man von der Haltestelle denn noch gehen?«

»Nur zurück. Zurück zur Hauptstraße.«

Robert dachte nach. »Hat Ihr Sohn ein eigenes Zimmer? Darf ich einen Blick hineinwerfen?«

»Ja, natürlich. Aber was soll das bringen?«

»Eine Wohnung, ein Zimmer sagt immer viel über seine Bewohner aus. Vielleicht finden wir dort einen Anhaltspunkt. Wo ist sein Zimmer?«

»Direkt unter dem Dach.«

Robert stieg die Treppe hinauf.

Das Zimmer war winzig. Und penibel aufgeräumt – ungewöhnlich für einen achtjährigen Jungen. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und ein kleines Wandregal, in dem neben ein paar Büchern fünf Modelle amerikanischer Trucks standen. An der Wand hing ein Poster mit einer Fotografie eines der riesigen GMC Trucks der New Yorker Feuerwehr.

»Ihr Sohn liebt große Lastwagen?«, fragte Robert.

»Ja«, schluckte die Signora, »er ist ganz vernarrt in die schrecklichen Dinger …« Sie stutzte. »Meinen Sie, er ist in so einen Wagen gestiegen, zu einem … o mein Gott!«

»Nein, nein. Beruhigen Sie sich, Signora. Ich glaube, ich weiß, wo Ihr Sohn ist. Haben Sie eine Leiter, die wir mitnehmen können?«

Signora Montovani nickte, schaute ihn aber mit dem Ausdruck höchster Verständnislosigkeit an.

Wenige Minuten später erreichte der Landrover die Hauptstraße. Die Signora krallte sich am Haltegriff der Wagentür fest.

»Moment«, sagte Robert, »nur noch ein paar Meter.« Halb schaute er auf die Straße, halb auf die Straßenbäume. »Da ist er.« Er trat so hart auf die Bremse, dass die Signora nach vorn in die Haltegurte geworfen wurde.

»Wo ist er?«, schrie sie laut.

Robert deutete lächelnd auf einen Baum, dessen untere Äste abgerissen waren. Etwas höher saß ein verängstigter Junge, der sich krampfhaft festhielt, aber keinen Laut von sich gab.

»Roberto«, schrie die Signora und riss die Tür des Autos auf. »Was tust du da? Was hast du getan …?«

Inzwischen hatte Robert die Leiter aus dem Wagen geholt und sie an den Baum gestellt. Er stieg die Sprossen hinauf, und als er an der vorletzten angekommen war, streckte er die Arme aus: »Komm, ich halte dich!«

Signora Montovani saß auf dem Rücksitz des Rovers und hatte ihren Jungen fest in die Arme genommen. Der hatte entweder einen Schock, oder die ganze Sache war ihm furchtbar peinlich. Auf jeden Fall zog er erst einmal vor, nicht zu sprechen.

»Ich begreife immer noch nicht, Signore Medici …«, stammelte die Signora, »… woher haben Sie gewusst, dass …?«

Robert lächelte in den Rückspiegel. »Nachdem ich sein Zimmer gesehen hatte, war es eigentlich ganz einfach. Ich wusste, dass Roberto zur Hauptstraße zurückgelaufen sein musste. Da er ein offenbar sehr ordnungsliebender Junge ist, macht er keine leichtfertigen Sachen. Er muss sich also für etwas Besonderes interessieren. Und das sind riesige Lastwagen. Stimmt’s, Roberto?«

Der Achtjährige nickte fast unmerklich.

»Zufällig habe ich gestern in der Zeitung gelesen, dass die Hauptstraße ab zwölf Uhr gesperrt wird, weil ein Spezialtruck mit extremer Überbreite ein Ausflugsschiff in Richtung Livorno bringt. Und deshalb war mir schnell klar, wohin der Junge wollte. Und von wo aus kann ein Junge ein solches Monstrum gefahrlos betrachten? Von einem Baum aus, natürlich. Aber weil das Monstrum wirklich ein Monstrum war, hatte es von den meisten Bäumen die unteren Äste abgerissen. Jetzt konnte Roberto nicht wieder hinunter. Allerdings war es ihm auch zu peinlich, um Hilfe zu rufen.«

Die Signora war sprachlos. Mit offenem Mund schaute sie mal zum kleinen, dann wieder zum großen Roberto, der jetzt den Wagen vor dem Haus der Montovanis parkte. Mutter und Sohn stiegen aus, blieben aber noch kurz bei Robert stehen.

»Das nächste Mal sagst du mir Bescheid«, sagte Robert und tippte den Jungen lächelnd mit dem ausgestreckten Zeigefinger an. »Dann schauen wir uns das Ding zusammen an.«

Der Junge grinste und lief ins Haus.

»Mein Gott, wie kann ich das nur wieder gutmachen?« Sie griff nach Roberts Hand und drückte sie.

Er lächelte. »Sie könnten mir einen Gefallen tun.«

»Jeden!«

»Schimpfen Sie nicht mit ihm, er ist ein guter Junge! Ciao, Signora.«

Die Signora schaute Robert fassungslos an, und wenige Sekunden später war er mit seinem Rover hinter der Wegbiegung verschwunden.

*

Rund eintausendzweihundert Kilometer nördlich von Mezzomonte veränderte sich die Gesichtsfarbe eines Mannes mit einer beträchtlichen Körpergröße von einem sanften Rosa in ein ungesundes Lila.

»Aber das ist doch …!« Partikelchen von Speichel schossen auf seine Schreibunterlage.

»Nun regen Sie sich nicht auf. Es ist ein Hirngespinst«, sagte der zweite Mann mit der randlosen Brille, der vor dem Schreibtisch stand.

»Und eine völlig indiskutable Verzögerung unseres Zeitplans, denke ich«, keuchte der andere. Dabei fuhr er sich nervös mit der Hand über den Mund, atmete tief ein und betrachtete seine Fingernägel. »Aber wir müssen ihn lassen. Im Moment ist er in der stärkeren Position.«

Er drehte sich schwungvoll in seinem Ledersessel, sodass er durch das Fenster im achten Stock das Konzerthaus am Gendarmenmarkt sehen konnte. Er räusperte sich und strich sich mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken. »Im Moment jedenfalls!«

*

Roberto. Ein ganz normaler italienischer Name. Und doch stutzt du jedes Mal, wenn du ihn hörst. Den größten Teil deines Lebens hat man dich Robert, Bob oder Bobby genannt. Nun heißt du auf einmal wieder Roberto.

Die Einzige, die immer darauf bestanden hatte, dass er Roberto hieß, war seine Mutter. Schließlich sei er so getauft worden, argumentierte sie. Allerdings ging es ihr im Grunde genommen eher um seine italienische Abstammung. Es war schon schlimm genug für sie, dass er in Lugano getauft worden war. »Es ist ja, Gott sei Dank, der italienische Teil der Schweiz!«, hatte sich seine Mutter immer wieder beruhigen müssen. Glücklicherweise war wenigstens das Taufwasser aus einem Becken geschöpft worden, das der Künstler Santino Solari entworfen hatte. Und der war unbestritten Italiener.

Dem jungen Roberto war’s egal. In Lugano hatte er Kindheit und Jugend verbracht – allerdings vergeblich nach der berühmten italienischen Lebensart gefahndet, von der die Mutter nicht müde wurde zu erzählen. Wahrscheinlich war sie im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangen, weil immer mehr Prominente, besonders aus dem deutschen Nachbarland, die Schönheit der Landschaft und der Steuergesetzgebung zu schätzen gelernt hatten.

Oben am Hang, in Montagnola, mit einem traumhaften Blick auf den Luganer See in einem Haus der gehobenen Preisklasse, hatte Hermann Hesse den größten Teil seines Lebens verbracht und unter anderem »Der Steppenwolf« verfasst. Robert hatte sich immer gefragt, warum einer so lebte und gleichzeitig mit jeder Zeile seiner Verachtung der bürgerlichen Gesellschaft Ausdruck verlieh. In so einer Umgebung ist gut verachten, dachte er sich.

Jetzt war Robert zu seinen italienischen Wurzeln zurückgekehrt und bewohnte ein Haus mit einem nicht weniger traumhaften Blick auf die toskanische Landschaft. Dort saß er nun auf einer seiner Terrassen, die zu dieser Stunde im Halbschatten lag.

Die Tonkanne mit Tee, den er am frühen Nachmittag zu trinken pflegte, stand auf einem kleinen Tisch. Er genoss dieses Ritual lieber allein, weil ihm der missionarische Redefluss von Lauro, Fulvio, Vincente, Catarina und den anderen Nachbarn, die ihn zum Genuss von Espresso oder mindestens zur Latte macchiato bekehren wollten, ein wenig auf den Geist ging. Robert liebte nicht nur den Geschmack des Assam-Goldspitzentees; auch das Zeremoniell war ein Teil seines Lebens geworden, das Anwärmen der Tonkanne, das Warten, bis das kochende Wasser nicht mehr sprudelte, und die genaue Einhaltung von drei Minuten Ziehzeit.

Heute musste er außerdem die Schachpartie zu Ende führen. Da er bisher noch keinen Gegner gefunden hatte, spielte er berühmte Partien nach. Im Moment gerade die zwischen Adolf Andersen und Lionel Kieseritzy, die 1851 in London ausgetragen worden war. Er wollte herausbekommen, ob der Mathematiker Kieseritzky nicht hätte verhindern können, dass er von Andersen – nachdem dieser beide Türme und die Dame geopfert hatte – nach nur dreiundzwanzig Zügen mattgesetzt wurde. Er kannte mehr als hundert berühmte Partien auswendig, aber bisher war er auf keine andere Lösung gekommen. Vielleicht nannte man die Partie aus diesem Grund Die Unsterbliche.

Das Teetrinken und das Schachspielen gehörten zu den wenigen Angewohnheiten, die Robert aus Baltimore mitgebracht hatte. Genetisch bedingt waren diese Vorlieben allerdings nicht, denn sein Vater trank literweise Kaffee und hasste jede Form von Brettspielen.

*

William Darling, den alle Bill nannten, hatte eigentlich nur zwei Interessen: die Gewinnmaximierung des Familienunternehmens Darling & Son, in dem seit drei Generationen mit Stoffen gehandelt wurde, und – in jungen Jahren – die Kontaktpflege zu den Käuferinnen der Endprodukte. Sein Großvater hatte mit einer kleinen Leinenweberei angefangen, später die Produktionspalette auf weitere Stoffarten ausgedehnt, und Bill Darling hatte schließlich eine Reihe von exklusiven und sündhaft teueren Stoffen hinzugefügt, die weltweit Käufer fanden. Am liebsten verkaufte er seine Waren in Italien, wo er vor allem die Bekanntschaften mit vielen attraktiven Damen der feinen Gesellschaft genoss. Das war den italienischen Männern jedoch oft ein Dorn im Auge. Sie fanden es besonders dreist, weil Amerikaner ihrer Auffassung nach jeglichen Geschmacks entbehren. Nun wollte einer von ihnen im Mutterland von Mode und Design der Spitzenklasse sogar Stoffe verkaufen. Madonna!

Bill Darling ließ sich von den Anfeindungen nicht aus der Ruhe bringen. Vielmehr gelang es ihm, seine Waren erfolgreich unters Volk zu bringen. Ob das an der Attraktivität der Stoffe oder an der Verführungskunst des smarten Amerikaners lag, ließ sich allerdings nicht sagen.

Ganz besonders entflammte er, als sein Auge im Jahre 1971 beim Bankett eines italienischen Geschäftsfreundes in dessen florentinischem Palazzo unweit der Piazza Santa Croce auf die liebreizende Gestalt der gerade dreiundzwanzigjährigen Donatella Medici fiel. Donatella wiederum imponierte das Hoppla-jetzt-komm-ich-Auftreten des hochgewachsenen Dreißigjährigen von der amerikanischen Ostküste. Und die Dinge nahmen ihren Lauf. Bald nach der ersten Begegnung war Donatella schwanger.

Eine uneheliche Schwangerschaft war in einer florentinischen Familie des höheren Standes zu dieser Zeit schockierend. In einer Sippe, die behauptete, man könne die Familie bis zur Schwester des letzten Großherzogs von Florenz, Anna Maria Louisa de Medici, die 1743 im Alter von sechsundsiebzig das Zeitliche segnete, zurückverfolgen, wucherte dieser Umstand zu einem nationalen Unglück aus, das härteste Konsequenzen nach sich ziehen musste. Bevor es dazu kam, war das Paar jedoch bereits geflohen.

Allerdings verschlug es die beiden nicht nach Baltimore, denn Bill hatte im Trubel der Ereignisse völlig vergessen, dass er dort vor drei Jahren der zwar nicht besonders attraktiven, aber schwerreichen Harriet – Tochter eines Geschäftsfreundes seines Vaters – das Jawort gegeben hatte. Stattdessen fanden sie in der Schweiz Asyl.

Als Roberto auf die Welt kam, war das Glück von Donatella und Bill perfekt. Schnell bemerkten die Eltern, dass ihr Sohn zu einem ganz außergewöhnlichen Kind heranwuchs. Bereits in der ersten Klasse erstaunte Roberto seine Lehrer mit seinem ungewöhnlichen Zahlenverständniss und seiner Rechenfähigkeit: Zwei vierstellige Zahlen im Kopf miteinander zu multiplizieren und zeitgleich die Gesamtquersumme der acht Ziffern herzusagen gehörte für den Sechsjährigen zu den leichteren Aufgaben. Auch die Sprachfähigkeit des Jungen war ungewöhnlich. Selbst auf dem ehrwürdigen Gymnasium an der Viale Carlo Cattaneo war es nicht alltäglich, dass ein Schüler bereits beim Schuleintritt Englisch, Italienisch, Französisch und Deutsch sprach. Daher war es nicht verwunderlich, dass Roberto eine Klasse übersprang und schon mit siebzehn sein Abitur machte.

Auf dem Gymnasium entdeckte er außerdem das Schachspiel für sich. Nachdem er nach dem Einführungskurs in der ersten Partie seinen Lehrer bereits geschlagen hatte und anschließend auch alle anderen, begann es ihn sehr bald zu langweilen. Schließlich verlor er aber doch noch ein Spiel – gegen die drei Jahre ältere Tochter des Direktors, die sehr wohl wusste, wie man einen sechzehnjährigen Schachspieler aus der Fassung bringen konnte. Mit gewissen Einblicken über dem Tisch und ihm bisher nicht bekannten Fußspielen darunter verlor Roberto die Aufmerksamkeit, zwei Türme, einen Läufer, die Dame und zum Schluss das ganze Spiel. Und kurz darauf auch noch seine Unschuld.

*

Casini hob beschwichtigend die Hand und hielt den Telefonhörer ein Stück von seinem linken Ohr weg. »Ich weiß, ich weiß. Wir haben acht Stunden Zeitunterschied. Und ich weiß auch, dass Sie gern bis zehn Uhr schlafen. Aber das, was ich Ihnen zu sagen habe, wird Sie für diese Störung entschädigen.«

Der Gesprächspartner auf der anderen Seite des Atlantiks hatte sich wegen des unmöglichen Zeitpunkts seines Anrufs noch nicht ganz beruhigt. »Da bin ich aber mal sehr gespannt!«

»Stellen Sie sich vor: Wir haben eine Spur. Nach so langer Zeit.«

Die Stimme am anderen Ende antwortete mit kurzer Verzögerung: »Und die wäre?«

Casini lächelte. »Das kann ich Ihnen in ein paar Tagen sagen. Aber die Spur ist da. Und sie ist ausgerechnet über den Atlantik gekommen!«

2. KAPITEL

Der Tee war kalt geworden, und die Sonne hatte jetzt auch Roberts Platz im Schatten erreicht.

Zeit, ins Atelier zu gehen, die Arbeit wartet, Roberto.

Er hätte aufgrund seiner finanziellen Verhältnisse nicht arbeiten müssen, aber das Nichtstun war ihm ein Gräuel. Deshalb hatte er sich vorgenommen, aus einem Zeitvertreib ein einträgliches Geschäft zu machen. Dieses Geschäft hatte allerdings eine ungewöhnliche Vorgeschichte.

*

William Darling war nach einer kostspieligen Scheidung und einer Blitzhochzeit mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, und Robert studierte – was niemanden verwunderte – zunächst Mathematik an der University of Maryland in Baltimore. Dort stieß er auf zwei Fachrichtungen, die ihm vorher unbekannt waren, ihn aber sehr faszinierten: Kombinatorik sowie Codierungs- und Zahlentheorie. Hier konnte der Student endlich ungestört all seine Fähigkeiten zum Einsatz bringen und bei aufregenden Denkspielereien seine grauen Zellen zu Höchstleistungen anspornen. Was Robert allerdings nicht ahnte: Er wurde beobachtet.

Ganz in der Nähe von Baltimore, genau genommen in Fort George G. Meade, befindet sich ein Gebäudekomplex, zu dem gewöhnliche Sterbliche keinen Zugang haben. Jeder unerlaubte Annäherungsversuch wird augenblicklich mit Waffengewalt gestoppt. So schirmt sich die NSA, die National Security Agency, von der Außenwelt ab. Crypto City, wie die Heimat der NSA auch genannt wird, ist eine Welt für sich. Auf gut vier Quadratkilometern verteilen sich rund fünfzig Gebäude für knapp vierzigtausend Mitarbeiter. Die Zentrale sieht aus, als stamme sie aus einem Science-Fiction-Film: ein riesiger, rechteckiger Klotz mit einer schwarzen Glasfassade, die von einer kupfernen Schutzschicht umgeben ist, damit kein elektronisches Signal abgehört werden kann.

Obwohl Crypto City eine der größten Gemeinden im Staate Maryland ist, findet man den Ort auf keiner Karte. Und viele Menschen interpretieren die Initialen NSA mit No Such Agency, was so viel heißt wie Keine solche Behörde bekannt.

Mittelpunkt der Arbeit in Crypto City ist die Kryptologie, die Wissenschaft von der Ver- und Entschlüsselung von Informationen sowie deren Analyse.

Die Herren mit den gut gebügelten Uniformen und den grimmigen Gesichtern, die dort in der Führungsebene sitzen, haben natürlich ein waches Auge auf alle Studenten, die durch eine gewisse Begabung auf sich aufmerksam machen. Und so dauerte es nicht lange, bis Robert Darling eine Einladung nach Fort George C. Meade erhielt.

Kurz darauf war er Mitglied einer geheimen Stabsabteilung, die sich mit Dechiffrierung beschäftigte. Mit seiner erstaunlichen Kombinationsgabe und seinem gewaltigen Gedächtnis verblüffte Robert bald das ganze Unternehmen. Robert selbst wünschte sich sehnlichst, dass er eines Tages einer Enigma der Neuzeit begegnen würde und langweilte sich, wenn die Rechner wieder einmal nur endlose Zahlenkolonnen fraßen und ausspuckten.

Beim Warten auf irgendwelche Ergebnisse begann er, die Kollegen mit Zahlenrätseln zu unterhalten, die schwer zu knacken waren, aber jene in euphorische Freudentaumel versetzten, die es tatsächlich schafften, eines der Rätsel zu lösen.

»Damit kannst du eine Menge Kohle verdienen«, sagte eines Abends Malcolm, ein Kollege Roberts. Malcolms Vater besaß eine große Druckerei in Denver und druckte unter anderem Anleitungsbroschüren für einen befreundeten Unternehmer, der sein Geld mit der Produktion und dem weltweiten Vertrieb von Spielen verdiente. Malcolm stellte den Kontakt zwischen den beiden Männern her, und schon bald kreierte Robert sein erstes kommerzielles Spiel. Der Verleger verstand es zwar nicht auf Anhieb, war aber schnell vom möglichen Erfolg des Spiels zu überzeugen. Robert nannte es Paranoia. Der Trick an diesem Spiel war, dass zwei Personen miteinander gegen zwei andere spielten, über lange Zeit aber nicht erkennen konnten, wer Freund und wer Feind war.

Paranoia war allerdings mehr als nur ein kommerzieller Erfolg. Ganz unbewusst war dem Zahlengenie Robert Darling seine Erfindung zu einer Art Psychogramm der eigenen Person geraten. Denn so sehr ihn der liebe Gott auch mit den Gaben der Mathematik beschenkt hatte, so sehr mangelte es ihm an Menschenkenntnis. Es war wie in Paranoia. Freund und Feind konnte Robert nur schwer auseinanderhalten. So mancher seiner Mitmenschen wunderte sich über die Naivität des Superhirns.

Er selbst schien diesen Umstand jedoch keineswegs als Mangel zu empfinden. Zu schnell flogen ihm die Herzen zu. Ganz besonders die weiblichen. Doch auch wenn sich die eine oder andere bemühte, ihn an die Kette zu legen – einer festen Beziehung ging der immer heitere Sonnyboy mit der italienischen Ausstrahlung und der amerikanischen Lässigkeit stets aus dem Wege.

*

Mit gleichmäßigen Schritten ging Robert über den Hof seines toskanischen Hauses und ärgerte sich darüber, dass er schon wieder unbewusst damit begonnen hatte, seine Schritte zu zählen. »Idiot!«, sagte er zu sich selbst und schloss die Tür zu seinem Atelier auf. Er hätte es auch Werkstatt oder Büro nennen können, aber Atelier schien ihm doch am passendsten. Immerhin entstand hier etwas Künstlerisches – wenn auch für manchen die hohe Kunst des Spiels reine Zeitverschwendung war. Zum Beispiel für seinen Vater.

*

William Darling staunte nicht schlecht, als Robert ihm den Scheck zeigte, den ihm sein Verleger als Vorschuss für Paranoia ausgeschrieben hatte.

»Dass man mit so etwas Geld verdienen kann!«, sagte er und schüttelte den Kopf. In Robert, dem, wie jedem Sohn, die Anerkennung durch den Vater besonders wichtig war, wollte gerade ein Gefühl von Enttäuschung aufsteigen, als dann doch die väterliche Verkäufer-Seele die Oberhand gewann. Der alte Darling schlug seinem Sohn auf die Schulter und verließ mit den Worten »Erstaunlich, erstaunlich!« den Raum.

Es war Robert nicht entgangen, dass sein Vater im Laufe der Jahre immer verschlossener geworden war, sowohl seinem Sohn als auch seiner Frau gegenüber. Ebenfalls war es ihm nicht entgangen, dass seine Mutter sich auch nach all den Jahren nicht mit der Mentalität der amerikanischen Gesellschaft der Ostküste anfreunden konnte. Donatellas italienisches Blut geriet in Wallung, wenn sie Robert wieder einmal von einem dieser Empfänge erzählte und sich ganz besonders über die Frauen aufregte, die sie gerne als »zu Mensch gewordene Kleenex-Tücher« bezeichnete. Gegenüber der Familie ihres Mannes, die auf Geschäftsführerstühlen und Aufsichtsratssesseln das Unternehmen kontrollierte, entwickelte sie Hassgefühle, die sich von Jahr zu Jahr steigerten.

Immer häufiger kam es zum Streit zwischen den Eheleuten, und aufgrund Donatellas vulkanartigem Temperament – eine Wesensart, die William Darling am Anfang der Beziehung so besonders reizvoll gefunden hatte – flogen nicht nur harte Worte durch die Luft. Robert, der das Leben bislang nur als eine schöne Aneinanderreihung positiver Ereignisse erlebt hatte, war geschockt. Mit Konflikten zu leben hatte er nie gelernt, und das Zerwürfnis der Eltern traf ihn tief.

Es hätte Robert nicht überraschen dürfen, traf ihn aber wie ein glühendes Messer ins Herz, als seine Mutter ihm offiziell und unter größter Anstrengung, gelassen zu wirken, mitteilte, dass ihre Ehe mit William Darling beendet sei. Kurze Zeit später packte sie ihre Koffer und kehrte zu ihrer Familie nach Italien zurück.

Zwei Wochen nachdem Donatella das Land der unbegrenzten Möglichkeiten verlassen, von ihrem Mann eine erhebliche Abfindung kassiert und ihrem Sohn das Versprechen abgenommen hatte, sie sobald wie möglich in Florenz zu besuchen, wurde William Darling, kurz nach dem Aufstehen, von einem Herzinfarkt überrascht. Da er erst Stunden später von der Putzfrau gefunden wurde, kam jede ärztliche Hilfe zu spät.

Der Familien-Clan der Darlings reagierte, wie man es von einer alteingesessenen Ostküstenfamilie mit Stammbaum bis zum britischen Baron Baltimore erwartet: Nach der minimalen Trauerzeit wurden die Geschäfte neu geordnet, und Robert erhielt neben dem Firmenanteil seines Vaters einen Stuhl im Vorstand des Unternehmens. So hatte William Darling es in seinem Testament bestimmt. Zur großen Verblüffung seines Sohnes, der bei dessen Verkündung zum ersten Mal von dieser Rochade erfuhr. Den Sessel des Vorstandsvorsitzenden besetzte Frederic Darling, der jüngere Bruder des Verstorbenen, mit dem Robert, solange er sich erinnern konnte, nicht mehr als fünf zusammenhängende Sätze gewechselt hatte.

Seinen Job bei der NSA hatte er bereits vor einiger Zeit quittiert, weil er durch die abgeschirmte Welt von Crypto City Veränderungen an sich festgestellt hatte, die ihm nicht sonderlich gut gefielen. Zum Beispiel, dass er sich nur noch mit Crypto-Leuten umgab. Die normalen Freunde aus dem Leben vor seiner NSA-Zeit hatten sich nach und nach zurückgezogen. Nun lebte Robert in einer Art Karenz-Zeit, die das Gesetz bei der Entlassung nationaler Geheimnisträger vorschreibt.

Dem Antrag, in die väterliche Firma eintreten zu können, wurde dennoch stattgegeben. Nervös blickte Robert seiner ersten Vorstandssitzung entgegen. In diesem Meeting begriff er, warum der Onkel nie mehr als fünf zusammenhängende Sätze mit ihm gewechselt hatte. Er sah in Robert das Bürschchen, dem alles mundgerecht serviert wurde, während er selbst sich alles hart erarbeiten musste. Und der erkannte schnell, dass aus seiner Zukunft im Familienunternehmen unter dieser Voraussetzung nichts werden würde. Am Ende der Sitzung stand für Robert fest: Schluss mit Darling & Son, Schluss mit Baltimore, Schluss mit den Vereinigten Staaten. Ein völlig neues Leben musste her.

Die Verhandlungen um seinen Austritt aus der Firma gestalteten sich mühsam, bereiteten Robert aber viel Vergnügen. Ihm war jedes Detail über die Liquidität der Firma bekannt. Innerhalb weniger Wochen hatte er sich das gesamte Insiderwissen zu Eigen gemacht und darüber hinaus Unregelmäßigkeiten entdeckt, die seine Verhandlungsposition erheblich stärkten.

Und so verließ Robert Darling eines Morgens mit sechs Koffern, zwei Bücherkisten und einem Schachspiel aus der Renaissance, das seine Mutter ihm zum dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, sowie einer bemerkenswerten Summe auf seinem Konto in der Business Class einer Boeing 747 der American Airlines das Land seines Vaters, um herauszufinden, ob ihm das Land seiner Mutter näherstehen würde.

*

»Du kommst spät!« Der Grauhaarige stand vor dem Bücherbord mit dem Rücken zur Tür und blätterte in der neuesten Ausgabe des Gambero Rosso. Obwohl der Besucher sich bemühte, leise aufzutreten, hallten seine Schritte durch den rund achtzig Quadratmeter großen Salon mit der sechs Meter hohen Decke.

»Verzeih. Ich wurde aufgehalten.«

Der Grauhaarige ging nicht auf die Entschuldigung ein und blätterte weiter in dem Weinführer mit dem leuchtend roten Umschlag. »Ist er angekommen?«, fragte er schließlich, als er das Buch zuklappte und sich umdrehte.

Der andere nickte.

»Und du bist sicher, dass er etwas weiß?«

»Ich vermute es. Er hat ganz gezielte Fragen gestellt.«

»Behalte ihn im Auge. Aber bitte so, dass er nichts merkt. Erst, wenn wir uns ganz sicher sind, kannst du ihn dir vornehmen.«

Wieder nickte der Angesprochene.

Der Grauhaarige hatte sich wieder umgedreht und betrachtete nachdenklich ein Fresko aus dem achtzehnten Jahrhundert, auf dem zwei anlandende Segelschiffe dargestellt waren. Dabei drehte er seinen goldenen Siegelring, den er am Ringfinger der rechten Hand trug. »Es ist schon seltsam. Wir haben nach jahrelangen Recherchen nichts herausbekommen, und dieser Mensch lebt jahrelang in Amerika und scheint etwas zu wissen. Woher? Und warum ist er nicht schon früher gekommen? Also, überprüfe ihn genauestens. Aber mit höchstmöglicher Diskretion.«

Der andere hatte eine lederne Aktenmappe geöffnet und ein paar Papiere herausgezogen. »Du kannst dich ganz auf mich verlassen. Ich halte dich auf dem Laufenden. Können wir jetzt noch einmal diese Verträge durchgehen? Ich habe einige Stellen umformuliert.«

Die beiden Männer gingen zu einem runden Eichentisch mit vier hochlehnigen Stühlen. Der Grauhaarige setzte eine Brille mit schwarzem Horngestell auf. Sein Blick glitt über das Blatt, aber es war ihm anzumerken, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Er ließ das Blatt wieder sinken. »Seltsam ist es schon!«, sagte er nachdenklich.

*

Robert war das gut dreihundert Jahre alte Haus, das am Rande des Dorfes Mezzomonte lag, bei seinen ersten Ausflügen in das Chianti-Gebiet sofort aufgefallen. Das herausragende Merkmal des Anwesens war die Piccionaia. Er wusste damals noch nicht, dass dieser turmartige Teil des Hauses nicht der Zierde, sondern der Unterbringung von Tauben diente, die dort ein- und ausflogen, bis sie schließlich im Kochtopf landeten.

Auf der Suche nach einem Domizil hatte er sich eine ganze Reihe wunderschöner, alter Landhäuser angesehen, aber von diesem Gebäude war aus irgendeinem Grund eine besondere Faszination ausgegangen. Vielleicht war es die Lage auf dem Hügel, von dessen Spitze sich das riesige Grundstück terrassenförmig nach unten zog. Von jeder dieser Terrassen hatte man einen anderen Ausblick auf das wunderschöne Land mit seinen Weinbergen, Olivenhainen, Zypressen und Eichenwäldern. Begrenzt wurde das Areal in südlicher Richtung von einem klaren Bach, in dem es vor Fischen nur so wimmelte. Hinter dem Bach lag ein ehrwürdiges altes, wenn auch etwas düsteres Haus, das ebenfalls zum Verkauf stand.

Vielleicht waren es auch die schönen, hohen Räume mit den alten Eichenbalken, die aus den ehemaligen Stallungen in attraktive Wohnräume umgebaut worden waren. Insgesamt erstreckte sich die Wohnfläche über drei Etagen auf rund 350 Quadratmetern, und dazu kamen noch die Wirtschaftsgebäude und Speicher.

Ein wohlbetuchtes Ehepaar aus Siena hatte das Haus in den Sechzigerjahren für einen Spottpreis erworben und es dann mit viel Liebe, Geld und Originalbaustoffen, die damals noch zu erträglichen Preisen angeboten wurden, restauriert und ausgebaut.

Als Robert das Haus mit dem Taubenturm entdeckte, stand es leer. Signore Gargani, der Vorbesitzer, war vor einem Jahr bei dem Versuch, von außen eine kranke, flugunfähige Taube aus dem Schlag zu befreien, von der Leiter gestürzt und hatte sich bedauerlicherweise das Genick gebrochen. Auch der Besitzer vor ihm war bei einem Unfall gestorben, als ein Bulle ihn gegen eine Stallwand schob und seinen Brustkorb zerquetschte. Und schließlich wussten einige zu berichten, dass auch derjenige, der vor dem Erdrückten das Haus besaß, auf nicht alltägliche Weise umgekommen sei. Beweise für diese Geschichten gab es zwar keine, aber die Leute erzählten sich trotzdem, dass mit diesem Anwesen etwas nicht stimme, es wahrscheinlich sogar mit einem Fluch belegt sei.

Als Mathematiker und ehemaliger NSA-Mitarbeiter hielt Robert nicht viel von solchem Hokuspokus, merkte aber, dass damit gegenüber dem Maklerbüro, das die Witwe Gargani beauftragt hatte, der Preis erheblich zu drücken war. Insofern musste er eingestehen, dass Flüche eben doch eine gewisse Wirkung zeigten.

*

Roberts Mutter hatte bei seiner Ankunft natürlich darauf bestanden, dass er sich eine der großen, herrschaftlichen Wohnungen in Florenz, direkt am Arno, nehmen sollte, aber Robert hatte den Braten ausnahmsweise gerochen und früh genug gemerkt, dass er sich damit nur wieder in die Umklammerung der Familie begeben würde. Und dies schien ihm für einen Mann seines Alters nicht sehr ratsam.

Obwohl – und das gab er gerne zu – die Familie Medici ihn sehr faszinierte. Ganz im Gegensatz zur väterlichen Familie in Baltimore, die etwas Schmallippiges, Lustfeindliches und Misstrauisches an sich hatte, war die alteingesessene florentinische Familie seiner Mutter in erster Linie von großer Herzlichkeit und Lebensfreude geprägt. Es war ein Leben, in dem Feste, gutes Essen und exzellente Weine eine zentrale Rolle spielten. Dennoch legte man überaus großen Wert auf aristokratisches Benehmen, obwohl der Familie im Laufe der Jahrhunderte das »de« im Nachnamen auf unbekannte Weise abhanden gekommen war. Über allem stand Onkel Pierferdinando, der älteste Bruder der Mutter und für die Außenwelt der unangefochtene Chef des Clans.

Der hatte es seiner Schwester Donatella, die inzwischen den Familiennamen wieder angenommen hatte, immer noch nicht verziehen, dass sie sich damals von einem dahergelaufenen Amerikaner hatte schwängern lassen und damit den guten Ruf der Familie geschädigt hatte.

Aus diesem Grund stand er Robert zunächst einmal nicht sehr wohlwollend gegenüber. Indem er eine von seinen Augenbrauen hochzog und die Mundwinkel nach unten, hatte er Robert nach seiner Ankunft abschätzig gemustert, ohne ihm die Hand zu geben.

Mit seinem entwaffnenden Charme schaffte Robert es aber in wenigen Tagen, die meisten anderen Mitglieder der Familie auf seine Seite zu ziehen. Ganz besonders Pierferdinandos Frau, Tante Giuseppina, die von allen nur Pippa genannt wurde. Und da Pierferdinando nur als Familienoberhaupt agieren konnte, solange Pippa dies gestattete, blieb auch ihm nach relativ kurzer Zeit und einer Reihe ungezählter böser Blicke seiner Gattin nichts anderes übrig, als seinem Neffen die Hand zu reichen.

In einer Sache waren sich jedoch alle einig: Es war ein Ding der Unmöglichkeit, dass der attraktive Robert in seinem Alter noch nicht verheiratet war. Daher wurde es Zeit, dass die Familie diese Frage gemeinsam löste. Glücklicherweise wimmelte es in Florenz und Umgebung nur so von heiratswilligen jungen Frauen aus guten Familien.

Spätestens, als Robert merkte, dass der Clan ein Problem zu lösen gedachte, das für ihn keines war, beschloss er, sich zumindest geographisch von der italienischen Seite seiner Familie zu lösen, und begann mit seinen Ausflügen ins Chianti-Gebiet, um sich ein Anwesen zu suchen, von dem aus er sich der Liebe und Fürsorge der Familie erwehren konnte.

*

Robert hatte sich gedankenverloren in seinem Ledersessel zurückgelehnt, die Pläne für das neue Spiel Venezianische Rochade beiseite geschoben und dachte gerade an seinen Familieclan im gut dreißig Kilometer entfernten Florenz, als das Telefon klingelte.

Die Möglichkeit, Telefonanrufe herbeizudenken, ist nie wissenschaftlich erforscht worden, aber Robert hatte schon immer das Gefühl, dass man telepathische Fähigkeiten viel zu sehr unterschätzte. In diesem Fall hätte ihm die rein gedankliche Verbindung allerdings vollkommen ausgereicht, denn am anderen Ende meldete sich seine Mutter.

»Roberto, was ist los? Du hast dich seit einer Woche nicht mehr gemeldet. Ist bei dir alles in Ordnung?«

Robert antwortete etwas gequält: »Mamma, du weißt doch. Ich habe eine ganze Menge zu tun.«

»Roberto, nun sag mir doch bitte einmal, ob du wirklich der Meinung bist, dass das Erfinden von Spielen eine Aufgabe für einen Mann wie dich ist?«, fragte Donatella ihren Sohn mit oberlehrerhafter Stimme. »Es gibt Rommé, es gibt Canasta, und es gibt Bridge. Ich finde, das genügt. Gestern hat mich Signora Fiori gefragt, was du denn eigentlich so machst. Ich habe ihr gesagt, du bist Mathematiker und arbeitest an einer sehr komplizierten Aufgabe. Ich würde es ihr gern erklären, aber dazu würde ich einige Zeit brauchen. Da hatte sie plötzlich keine Zeit mehr.«

Robert lachte auf. »Mamma, du bist unmöglich. Warum sagst du nicht, was ich hier tue? Ich verdiene schließlich gutes Geld damit.«

Donatella seufzte. »Robertino, ich glaube, ich gebe es auf. Ich rufe sowieso aus einem anderen Grund an. Pierferdinando und Pippa geben am übernächsten Samstag einen kleinen Empfang. Du bekommst noch eine schriftliche Einladung. Ich bitte dich sehr zu kommen. Und lass dir keine Ausrede einfallen, wie beim letzten Mal, als du angeblich zu irgendeiner Preisverleihung nach Deutschland musstest. Das hat die beiden sehr gekränkt.«

Robert räusperte sich. »Mamma, ich glaube, ich weiß, woher der Wind weht. Ihr wollt mir doch schon wieder irgendeine Heiratswütige vorstellen.«

In Donatellas Stimme schwang ein wenig Verzweiflung. »Wie oft haben wir schon darüber gesprochen! Auch das ist etwas, was keiner versteht. Weißt du, dass inzwischen viele denken, du bist … also … du machst dir nichts aus Frauen?«

Jetzt lachte Robert wieder. »Ja, das wär’s. Dein Sohn – ein schwuler Spieleerfinder. Mamma, genauso wenig, wie ich dich mit meinen Spielideen belästige, rufe ich dich doch nicht jedes Mal an, wenn ich ein Date habe.«

»Aber warum wird denn nie etwas Ernstes daraus?«, fragte sie, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte.

»Aus einem einfachen, ganz einfachen Grund: Die Richtige war noch nie dabei. Hübsch, attraktiv, sexy – okay. Andererseits zu arrogant, zu geldgierig oder einfach zu dämlich. Davon habe ich inzwischen eine ganze Reihe kennengelernt. Und eins, liebe Mamma, habe ich mir geschworen: Ich werde in Zukunft wählerischer sein. Die Signorinas werden sich noch ein bisschen mehr anstrengen müssen, wenn sie mich rumkriegen wollen. Wie es aussieht, musst Du Dich also leider noch ein wenig gedulden.«

Donatellas Stimme bekam etwas Jammervolles. »Aber Roberto, Robertino, ich will doch nur, dass du glücklich wirst. Ich weiß doch, wovon ich rede. Aber nimm doch auch Rücksicht auf mich und die Familie. Bitte komm zu diesem Fest. Es ist mir sehr, sehr wichtig.«

»Sagtest du Fest? Ich dachte, es handelt sich um einen kleinen Empfang.«

Robert merkte, dass es nur wenig Sinn ergeben würde, diese Unterhaltung fortzusetzen. »Gut, ich verspreche dir, ich komme. Aber jetzt muss ich wirklich arbeiten. Ciao, Mamma.«

Durch das Telefon merkte Robert, wie seine Mutter nach einem Taschentuch greifen musste.

»Du bist ein guter Junge, ich weiß es doch. Ciao, Robertino. Ich liebe dich.«

»Ich dich doch auch, Mamma«, seufzte Robert.

Als er endlich aufgelegt hatte, fragte er sich, warum ihn die Leute nicht einfach so leben ließen, wie es ihm gefiel. Er hatte sich schließlich entschieden, so zu leben und wollte auf keinen Fall irgendetwas daran ändern.

Er ahnte nicht, dass er schon in wenigen Tagen diese Einstellung sehr radikal würde korrigieren müssen.

*

Der Grauhaarige zog die Stirn in Falten und wechselte den Telefonhörer zum rechten Ohr. »Wisst ihr schon etwas?«

»Nein«, sagte die Stimme am anderen Ende, »aber wir beobachten ihn. Tag und Nacht.«

3. KAPITEL

Eine Einladung zu den Festen von Pippa und Pierferdinando Medici zu bekommen, galt in Florenz als begehrtes Statussymbol. In den wunderbaren Räumen ihres Palazzos am Borgo degli Albizi, der aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte, versammelte sich regelmäßig alles, was in der Stadt Rang, Namen und Einfluss hatte. Hier wurde Politik gemacht, es wurden Geschäftsbeziehungen geknüpft, Gerüchte verbreitet und nicht zuletzt Rangordnungen aufgestellt. Die Damen waren in erster Linie damit beschäftigt, die Garderobe der anderen zu bewerten, und wer es wagte, sich in einem Kleid zu zeigen, das schon einmal in der Öffentlichkeit vorgeführt worden war, hatte bereits verloren. Hier war der Ort, an dem bestimmt wurde, wer im Ansehen auf- oder abstieg.

»Mein Junge, welche Freude!« Pippa strahlte Robert mit ihrem schönsten Lächeln an. »Wir dachten schon, du wolltest uns wieder einen Korb geben.«

Robert schickte ein charmantes Lächeln zurück. »Aber nein, Tante Pippa, ich freue mich doch genauso. Das letzte Mal musste ich wirklich dringend nach Deutschland. Und das war noch nicht einmal ein angenehmer Termin.«

»Bekomme ich keinen Kuss?« Donatella war auf ihren Sohn zugerauscht und machte ein gespielt beleidigtes Gesicht.

»Du siehst toll aus, Mamma,«, sagte Robert und nahm seine Mutter in den Arm.

»Robertino, vorsichtig!«, lachte Donatella, die vier Stunden gebraucht hatte, um sich so herzurichten, dass sie zufrieden in den Spiegel schauen konnte. Jetzt konnte sie den Blicken der anderen Frauen problemlos standhalten, wenngleich sie auch immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, dass vielleicht auch ein wohlwollender männlicher Blick dabei sein könnte.

»Du hättest aber ruhig etwas pünktlicher sein können«, zischte sie Robert ins Ohr.

»Wieso? Habt ihr bereits alles aufgegessen?«

»Natürlich nicht. Aber Pierferdinando hat schon wieder seine bissigen Bemerkungen gemacht. Am besten, du gehst sofort zu ihm und bedankst dich für die Einladung.«

Robert schaute suchend in die Runde. »Ah, ich sehe ihn. Ihren Arm, gnädige Frau.« Mit einer übertrieben höflichen Verbeugung reichte er seiner Mutter den Arm, und sie hakte sich lächelnd bei ihm ein.

Robert trug einen hellen Leinenanzug in Naturfarbe und darunter ein schwarzes, offenes Hemd, was sehr gut zu seinen schwarzen Haaren und seiner gebräunten Haut passte. Mit seiner Größe von einem Meter und sechsundachtzig war er unter den überwiegend kleineren Männern nicht zu übersehen. Während Robert lediglich in die Richtung schaute, in der sein Onkel stand, registrierte Donatella zufrieden, dass eine ganze Reihe weiblicher Blicke auf ihren Sohn gerichtet waren.

»Guten Tag, Onkel Pierferdinando«, sagte Robert, »ich möchte mich ganz herzlich für eure Einladung bedanken.«

Pierferdinando unterbrach sein Gespräch mit einem ebenfalls sehr aristokratisch aussehenden Herrn und drehte sich seinem Neffen zu. Robert merkte, dass er für eine Sekunde überlegte, ob er lächeln oder streng schauen sollte. Er entschied sich für beides. Seine Mundwinkel gingen etwas nach oben, gleichzeitig zog er streng eine Augenbraue hoch. »Roberto, sei herzlich willkommen. Ich freue mich, dass der Sohn meiner Schwester nun endlich einmal Zeit gefunden …«

»Ferdinand, bitte!«

Pippa war zu der Gruppe getreten und schaute ihren Mann mit strengem Blick an. Wann immer sie ihren Mann von einer Sache abbringen wollte, sprach sie ihn mit der ins Deutsche abgewandelten Form seines Namens an. Pierferdinando konnte das harte Stakkato der deutschen Sprache nicht leiden, und die Aussprache seines Namens in dieser Form machte ihn so zornig, dass er jedes Mal den Faden verlor.

»Dein Onkel freut sich ganz außerordentlich, mein Junge. Er findet es allerdings unmännlich, so etwas zu zeigen.«

Alle lachten, und Pierferdinando überlegte wiederum für eine Sekunde, ob es taktisch klüger war, mitzulachen oder weiterhin streng zu schauen. Schließlich stimmte er in das Gelächter ein und versuchte sogar, die anderen zu übertönen. Weil er aber keine weiteren Bemerkungen über seine Person zulassen wollte, packte er Robert am Arm. »Komm, ich möchte dir jemanden vorstellen.« Er drehte sich wieder zu seinem Gesprächspartner um. »Marco, das ist Roberto, der Sohn meiner Schwester. Ich habe dir von ihm erzählt. Er hat in Amerika studiert. Roberto, das ist Marco Sacconi. Du hast sicher schon von ihm gehört.«

Diese Bemerkung war nur rhetorischer Art, denn jeder in der Toskana kannte diesen Namen. Der Familie Sacconi gehörten seit Jahrhunderten die besten Weingüter der Gegend. Ausgestattet mit großer Sachkenntnis und Sorgfalt sowie den besten Böden, wurden Spitzenrebsorten wie Cabernet Sauvignon, Chardonnay, Merlot, Sangiovese und vor allem der Chianti Classico angebaut. Der ganze Stolz der Familie aber galt dem Brunello di Montalcino, der zur Weltspitze gehörte und einen entsprechenden Preis hatte.

Marco Sacconi, das derzeitige Familienoberhaupt, hatte den Betrieb ausgebaut, weitere Weingüter im Piemont und im Aostatal gekauft und sich an einem Unternehmen im kalifornischen Napa Valley beteiligt.

»Die beiden könnten Brüder sein«, dachte Robert, als er Sacconi lächelnd die Hand reichte. Marco Sacconi war um die Sechzig, genauso groß wie sein Onkel, hatte ebenfalls graue Haare und schwarze Augenbrauen. Seine Haut war durch reichlichen Aufenthalt unter der toskanischen Sonne tiefbraun, und seine Augen hatten etwas Listiges. Nur die Narbe auf der rechten Wange, die sich bis zum Mundwinkel herunterzog, unterschied ihn stark von Pierferdinando und gab seinem Aussehen einen Hauch von Verwegenheit.

»Ah, sie sind der italienische James Bond«, lachte Sacconi und drückte Robert kräftig die Hand. Bevor Robert etwas darauf erwidern konnte, erstickte Sacconi jeden Versuch des Widerspruchs bereits im Keim: »Sie waren beim amerikanischen Geheimdienst. Ihr Onkel hat es mir erzählt.«

»Das schon«, erwiderte Robert, »aber ich bin nicht aus brennenden Flugzeugen gesprungen und habe auch nicht Doktor No gejagt. Ich war sozusagen ein Schreibtischagent. In der Dechiffrierabteilung.«

Sacconi reckte das Kinn nach oben, schaute Robert mit einem Seitenblick an, ging aber nicht weiter auf seine Erklärung ein.

»Ich mag die Amerikaner nicht. Sie haben kein Benehmen, keine Kultur. Sie mischen sich in jeden Konflikt ein, haben aber keine Ahnung von den Hintergründen. Völlig ungebildet, diese Leute.«

Robert hasste politische Diskussionen im Smalltalk-Verfahren. Deshalb versuchte er vorsichtig, das Gespräch in eine andere Richtung zu bringen: »Wie ich hörte, haben Sie trotzdem gute Geschäftsbeziehungen in Amerika.«

Sacconi schaute ihn durchbohrend an. »Die Brüder Moretti in Napa, meinen Sie? Das sind die Nachkommen von italienischen Einwanderern. Die haben dafür gesorgt, dass ihr italienisches Blut rein geblieben ist. Guter Wein und gutes Blut. Das zählt.«

Robert versuchte, den Richtungswechsel zu beschleunigen. »Welche Weine werden da eigentlich angebau …«

Weiter kam Robert nicht, denn jemand hinter Sacconi hielt ihm plötzlich die Augen zu. Der schaltete sofort und schob die gepflegten, weiblichen Hände fort. »Francesca, lass den Unsinn!«

Ein helles Lachen erklang, eine attraktive Frau trat hinter dem Weingutbesitzer hervor und küsste ihn auf die Wange.

Jetzt konnte Sacconi ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Meine Tochter! Hatte schon als Kind nur Flausen im Kopf.«

»Besser Flausen im Kopf als gar nichts!«, konterte Francesca. »Papa, willst du mich nicht vorstellen?«

»Ach so, ja, natürlich. Also, das ist meine Tochter Francesca, und das ist Roberto Medici … Ach nein, so können Sie bei Ihrem amerikanischen Vater ja gar nicht heißen. Wie heißen Sie denn eigentlich?«

Robert räusperte sich. »Darling!«

Francesca lachte laut auf. »Wie praktisch für Ihre Frau«, ulkte sie. »Da kann sie Sie in der Liebe wie im Streit mit demselben Namen ansprechen.«

Robert schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht verheiratet!«

»Dann eben Ihre Freundin!«

»Tut mir leid. Damit kann ich auch nicht dienen. Die Einzige, die das zu mir sagen dürfte, wäre meine Mutter. Aber ich fürchte, sie ist die Letzte, die mich so ansprechen würde.«

Donatella schlug die Augen gen Himmel.

»Sagen Sie einfach Robert zu mir, Signorina Sacconi.«

»Francesca bitte. Die Signorina lassen Sie mal schön weg. Waren Sie schon am Buffet?«

Robert verneinte.

»Dann wird es aber Zeit. So ein Buffet wie bei Ihrer Tante bekommen Sie in ganz Florenz nicht.« Sie wandte sich an die Umstehenden. »Ich entführe euch Signore Darling. Er hat sich bestimmt sein halbes Leben von Hamburgern ernähren müssen. Wir müssen ihm doch mal zeigen, was echte Esskultur ist.«

Über ihren eigenen Scherz lachend, ergriff sie Roberts Arm und zog ihn in Richtung Buffet, an dem sich eine lange Schlange gebildet hatte.

Donatella schaute den beiden nach. »Wie schön, die beiden!«, seufzte sie.

Sacconi schob die Unterlippe nach vorn. »Ja«, sagte er, »aber gute Nerven braucht er.«

Viele Augen verfolgten das attraktive Paar. Zwei davon ganz besonders intensiv. Und gar nicht amüsiert.

Francesca Sacconi war eine schöne Frau. Das kastanienbraune Haar fiel wellenartig auf ihre Schultern. Die Farbe passte gut zu ihrer olivfarbenen Haut und den grünen Augen. Und auch sonst war ihr Schöpfer nicht knauserig gewesen, als er die weiblichen Attribute verteilt hatte. Hinzu kam, dass sie intelligent, witzig und schlagfertig war. Dazu verwöhnt und anspruchsvoll. Insgesamt ein weibliches Wesen, vor dem viele Männer Angst hatten. Daraus resultierte vor allem eines: Das Liebesleben der Francesca Sacconi war sehr überschaubar.

»Wo haben Sie in Amerika gelebt?«, fragte sie und strahlte Robert mit ihren perlweißen Zähnen an. »In New York?«

»Nein«, entgegnete Robert, »in Baltimore.«

»Oh«, sagte Francesca, »wie aufregend!«

Robert überhörte die Ironie und sprach weiter. »Das will ich meinen. Frank Zappa kommt von dort, Edgar Allen Poe hat dort gelebt und – was Sie besonders interessieren dürfte – Robert Parker stammt auch aus Baltimore.«

»Robert Parker? Der selbsternannte Weinkritiker? Der die Weine besonders gut beurteilt, wenn sie nach Eiche, Alkohol und Extrakten schmecken? Na, danke. Wissen Sie was? Ich glaube, alle Amerikaner sind mit einer tauben Zunge geboren worden. Das ist bestimmt ein vererbbarer genetischer Defekt.«

»Ach«, sagte Robert und versuchte, möglichst gelassen zu wirken, »ich kenne eine ganze Reihe von tollen Restaurants dort drüben.«

»Ich auch«, erwiderte Francesca, »das sind solche, deren Küchen von Italienern geleitet werden. Allerdings ist die Selbstmordrate unter denen sehr hoch, weil sie des Öfteren erleben müssen, dass ein Gast zu einem Abbacchio alla Romana eine Diät-Cola bestellt.«

Robert wollte etwas entgegnen, aber es fiel ihm nichts ein, weil er nicht genau wusste, was Abbacchio alla Romana war.

Allerdings hörte Francesca gar nicht mehr zu, denn inzwischen waren sie am Buffet angekommen, auf dem sich die Köstlichkeiten nur so türmten.

Francesca stieß einen kleinen Schrei des Entzückens aus und griff sich sofort einen Teller. »Hier, die Canapè all’aragosta müssen Sie probieren. Himmlisch! Und die Porcini ripieni. Ein Traum. Und die Carciofi! Sie sind gefüllt mit Parmesan, Kapern und Sardellen. Und natürlich die Torta di cipolle all’antica. Die hat meine Nonna immer gemacht. Zum Niederknien.«

Noch schneller als sie sprach, hatte Francesca einen Teller beladen und hielt ihn Robert mit ausgestrecktem Arm unter die Nase.

»Was soll das bringen?«, fragte Robert mit heruntergezogenen Mundwinkeln. »Ich denke, ich habe eine taube Zunge?«

»Nur eine halbe«, lachte Francesca, »vielleicht erholt sich die andere Hälfte ja wieder. Bei ausdauernder Behandlung.«

Dann wandte sie sich an einen weiß gekleideten Kellner, der hinter einem Tisch stand, auf dem eine Reihe Flaschen mit verschiedenen Weinsorten zu Demonstrationszwecken aufgestellt waren.

»Geben Sie dem Signore einen … warten Sie … ja, einen Trebbiano … einen Galestro. Möglichst von 2004 und nicht über zwölf Grad.«

Der Kellner deutete eine Verbeugung an. »Subito, Signora Sacconi!«

Er drehte sich zu einem Weinklimaschrank um, entnahm eine Flasche Weißwein und entkorkte sie geschickt.

»Ich wollte eigentlich so früh noch keinen Alko …«, wollte Robert einwenden, aber Francesca schnitt ihm das Wort ab.

»Sie sollen ihn ja auch nicht hinunterstürzen, wie die meisten Amerikaner es tun«, erwiderte sie scharf. »Sie sollen ihn in winzigen Schlückchen über die Zunge laufen lassen. Am besten über die Seite, die noch intakt ist.«

Jetzt musste Robert lachen. »Gehen Sie eigentlich immer so ruppig mit Gästen um?«

Francesca spitzte die Lippen. »Erstens bin ich nicht die Gastgeberin, und zweitens sollten Sie sich doch freuen, wenn Ihnen jemand ein bisschen kulinarische Kultur beibringt. Was kocht Ihre Frau denn eigent … Ach, Verzeihung, Sie sind ja nicht verheiratet.« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Warum eigentlich? Machen Sie sich nichts aus Frauen?«

Robert lächelte. »Aber ja, mindestens soviel wie aus dieser köstlichen … wie hieß es doch gleich … ach ja … Torta di Cipolle.« Er biss herzhaft in den Zwiebelkuchen.

Francesca runzelte die Stirn. »Ein etwas seltsamer Vergleich.«

»Ganz und gar nicht. Scharfe Zwiebeln, Sultaninen, Zucker, Salz und Pfeffer. Das ist doch eine tolle Mischung aus Gegensätzen. So etwas mag ich. Alles Gleichmäßige finde ich langweilig.«

»Und so etwas ist Ihnen bisher also nur in Form eines Zwiebelkuchens über den Weg gelaufen?«

»Das will ich nicht sagen, aber wenn noch andere Zutaten mit dabei sind, bin ich nicht so begeistert.«

»Und die wären?«

Robert nahm einen Schluck Weißwein. »Arroganz, Geldgier, Dummheit, um nur einige zu nennen.«

»Also typisch männliche Eigenschaften.«

Robert grinste. »Sie kennen sich offenbar aus. Haben Sie eine grundsätzlich schlechte Meinung zum Thema Männer?«

Francesca hatte sich etwas gedreht und schaute ihn nun von der Seite an. »Meine grundsätzliche Meinung zu Männern ist, dass man sie heute nicht mehr braucht. Immer mehr Frauen machen Abitur, studieren, machen berufliche Karriere, haben den schärferen Verstand, sind mutiger und halten mehr aus. Nicht mal für den Nachwuchs braucht eine Frau heute einen Mann.«

»Aber«, sagte Robert, »es gibt aber doch Dinge, die zusammen mehr Spaß machen.«

»Ich muss Ihnen meine Tochter leider entführen, Roberto.«

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