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Die Töchter der Villa Weißenfelds

Inhalt

  1. Cover
  2. Weiterere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel
  34. 27. Kapitel
  35. 28. Kapitel
  36. 29. Kapitel
  37. 30. Kapitel
  38. Epilog

Weitere Titel der Autorin

Das Geheimnis von Chaleran Castle
Herzmuscheln
Fräulein Nora findet die Liebe
Schneeflockenherzen

Über dieses Buch

Münster, 2018: Bei einem medizinischen Test findet Sophie heraus, dass ihre Großmutter Annemarie und deren vermeintliche Schwester nicht blutsverwandt sind. Der alten Frau zieht es den Boden unter den Füßen weg. Damit ihre geliebte Großmutter die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt, macht sich Sophie auf in Annemaries Geburtsort Nürnberg. In der Villa der wohlhabenden Spielzeugunternehmer-Familie Weißenfels findet sie Briefe und Aufzeichnungen aus den 20er Jahren, die sie zutiefst erschüttern. Was sie erfährt, stellt Sophie vor eine schwierige Entscheidung und bedroht ihre junge Liebe zu Alexander – dem Juniorchef von Weißenfels Spielwaren. Nürnberg, 20er Jahre: Marleen ist unter Druck. Die Ehefrau des erfolgreichen Spielzeugunternehmers Friedrich Weißenfels muss unbedingt einen männlichen Erben für das Familienunternehmen zur Welt bringen. Doch sie fürchtet, erneut mit einem Mädchen schwanger zu sein und deswegen von ihrem Ehemann verlassen zu werden. Deshalb entschließt sie sich zu einem verzweifelten Schritt ...

Über die Autorin

Elaine Winter ist ein Pseudonym der Autorin Ira Severin, die schon als Kind gerne Geschichten erfunden hat. Sie studierte Germanistik und Anglistik, probierte sich in verschiedenen Jobs in der Medienbranche aus und kehrte bald zum Geschichten erfinden zurück. Inzwischen ist sie seit mehr als zwanzig Jahren Autorin und hat den Spaß am Erdenken schicksalhafter Wendungen und romantischer Begegnungen bis heute nicht verloren.

Elaine Winter

Die
Töchter
der
Villa Weißenfelds

Prolog

Nürnberg, 20. April 1928

Lydia blieb am Fuß der breiten Treppe stehen, die aus sechs schneeweißen Steinstufen bestand, und stellte ihren kleinen Koffer ab. Ob das Marmor war? Sie hatte noch nie welchen gesehen, aber diese Villa war so groß und prächtig, dass es hier sicher solche kostbaren Dinge gab.

Nervös zupfte sie an ihrem schwarzen Sonntagskleid, das für die außergewöhnliche Hitze des Apriltags viel zu schwer und zu warm war. Sie spürte, wie ihr ein einzelner Schweißtropfen den Rücken hinunterlief. Wenn sie noch lange in der Mittagssonne herumstand, würde sie furchtbar verschwitzt sein, bevor sie auch nur an die Tür geklopft hatte. Sie war hier, um nach einer Stelle zu fragen. Und wer wollte schon ein Hausmädchen, das eine feuchte Spur hinterließ, wenn es sich durch die eleganten Räume bewegte? Ganz bestimmt nicht die wohlhabende Fabrikantenfamilie, die in diesem Haus wohnte.

Zwar hatte Lydia in ihrem mehr als hundert Kilometer entfernten Heimatdorf Ohltal noch nie von den Weißenfels gehört, doch hier in Nürnberg schien jeder die Familie zu kennen. Jedenfalls hatte es sich in dem Gespräch so angehört, das sie auf dem Bahnhofsvorplatz belauscht hatte. Und obwohl sie selten etwas tat, ohne vorher gründlich darüber nachzudenken, hatte sie ihren Zug in Richtung Heimat davonfahren lassen und sich zur Villa durchgefragt.

Es war nicht sonderlich schwierig gewesen herzufinden. Gleich die erste Person, an die sie sich gewandt hatte, eine ältere Frau mit Einkaufskorb, hatte den Wohnsitz der Familie Weißenfels gekannt. Und als sie unterwegs einmal unsicher gewesen war, wo sie abbiegen sollte, konnte ihr ein Lieferjunge, der einen laut quietschenden Holzwagen hinter sich her zerrte, sofort die richtige Richtung weisen.

Obwohl sie ihren Koffer auf der untersten Stufe stehengelassen hatte, kam es ihr vor, als würde sie ein schweres Gewicht die Treppe hinaufschleppen. Dann stand sie vor der Eingangstür aus poliertem Mahagoni, starrte den Türklopfer in Form eines Löwenkopfs an und schaffte es nicht, die Hand zu heben.

Durfte man das überhaupt? Einfach an eine Tür klopfen und nach Arbeit fragen? Wenn sie davongejagt oder auch nur ausgelacht wurde, würde sie vor Verlegenheit im Boden versinken. Andererseits war es mindestens ebenso schlimm, unverrichteter Dinge in ihr Heimatdorf zurückzukehren, nachdem sie von dort aus vor nicht mal zwei Wochen nach Nürnberg aufgebrochen war. Stolz und ein bisschen überheblich, weil sie in der großen Stadt wohnen und aufregende Dinge erleben würde, während alle anderen auf ihren Bauernhöfen im kleinen Ohltal zurückblieben.

Sie hatte sich Nürnberg als einen wunderbaren Ort voller Lichter und freundlicher Menschen vorgestellt. Nicht im Traum wäre sie auf den Gedanken gekommen, die Arbeit als Hausmädchen bei der Familie Staller könnte schwerer sein als das Ausmisten eines Kuhstalls. Das Stellenangebot in der Zeitung hatte sich angehört, als würde sie den ganzen Tag mit einem Staubwedel in der Hand herumlaufen.

Einen Staubwedel hatte sie bei den Stallers nicht zu sehen bekommen. In einer Schlachterei wischte man das Blut mit alten Lumpen auf, womit sie kein Problem hatte. Sie war an harte Arbeit gewöhnt und hatte ihrem Vater schon als Zehnjährige beim Schlachten zur Hand gehen müssen.

Viel schlimmer war das gewesen, was ihr bei den Stallers sonst noch zugestoßen war. Beim Gedanken, zu Hause erzählen zu müssen, was dort geschehen war, wurde ihr übel. Niemals hatte sie mit ihrer Schwester Ottilie über solche Dinge gesprochen. In ihrem Dorf redeten die Leute nicht über so was. Natürlich kannte ihre Schwester sich aus. Schließlich war sie seit über einem Jahr verheiratet. Aber das bedeutete nicht, dass Ottilie und Lydia über unanständige Dinge sprachen wie über das Wetter von morgen.

Entschlossen griff Lydia nach dem Türklopfer. Wenn es ihr gelang, eine neue Anstellung zu finden, konnte sie sich nicht nur dieses unangenehme Gespräch ersparen, sondern auch die schmähliche Rückkehr nach Ohltal. Falls sie in dieser Villa eine Stelle bekam, konnte sie Ottilie schreiben, dass sie sich verbessert hatte. Sicher trugen die Hausmädchen in der Villa Weißenfels eine hübsche Uniform und nicht so einen grauen, kratzigen Kittel wie bei den Stallers.

Im selben Augenblick, in dem sie den Löwenkopf aus Messing gegen das Holz fallen lassen wollte, wurde die Tür geöffnet. Eine junge Frau von etwa Ende zwanzig, also ungefähr zehn Jahre älter als Lydia, trat auf die Schwelle. Sie trug ein elegantes beigefarbenes Kostüm mit tief angesetzter Taille und knielangem Faltenrock. Ein modischer Hut verbarg fast vollständig die kinnlangen Haare, die fast denselben dunklen Goldton hatten wie Lydias Zopf. Nur einige Strähnen kringelten sich an den Schläfen des runden Gesichts.

Die Frau sah sie erstaunt an. »Ja, bitte?«, fragte sie nach einer kurzen Pause und lächelte freundlich, was Lydia Mut machte. Vielleicht waren die Menschen in diesem Haus gar nicht so kühl und unnahbar. Beim Anblick der Villa, deren riesige Fenster mit dichten Gardinen verhängt waren, die jeden Blick ins Innere verwehrten, hatte Lydia schon Schlimmes befürchtet.

»Mein Name ist Lydia Breuer. Ich wollte nach einer Stellung fragen«, stieß sie hervor und war plötzlich atemlos, als wäre sie schnell gelaufen.

»Schickt dich die Agentur?« Die Frau runzelte die Stirn. »Das ging aber schnell. Meine Schwiegermutter hat dort erst vor einer halben Stunde angerufen.«

»Ich komme vom Bahnhof, nicht von der Agentur«, erklärte Lydia hastig und strich sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn.

»Vom Bahnhof?«

»Ich habe dort zufällig gehört, dass Sie gestern ein Hausmädchen entlassen haben. Weil sie gestohlen hat. Ich suche eine Stellung und … ich würde niemals stehlen.«

»Das ist beruhigend.« Die Frau lachte so heftig, dass das Hütchen auf ihrem Kopf fröhlich wackelte.

»Ich kann alle Arbeiten machen, die im Haus anfallen. Öfen und Kamine heizen, putzen, waschen und bügeln.« Mehr fiel ihr leider nicht ein.

Bei den Stallers hatte sie neben den Hilfsarbeiten in der Schlachterei fast den ganzen Tag in der Küche verbracht, denn es galt, Mahlzeiten für neun Personen zuzubereiten – für Herrn und Frau Staller und für die Schlachtergesellen. Und wenn alles vertilgt war, musste das Geschirr abgewaschen und das nächste Essen gekocht werden. Zwischendurch war sie durchs Haus gehetzt und hatte den gröbsten Schmutz weggeputzt. Dabei war es nicht auf Feinheiten angekommen. Das hielten die Weißenfels’ sicher ganz anders.

Die elegante Frau warf einen prüfenden Blick auf ihre Armbanduhr. »Ein paar Minuten habe ich noch Zeit. Komm rein. Vielleicht passt es ja.«

Sie drehte sich in der offenen Tür um und ging zurück ins Haus. Lydia folgte ihr mit pochendem Herzen.

Die Eingangshalle war groß und hell mit einem Fußboden aus schwarzen und weißen Steinfliesen, die im Schachbrettmuster verlegt waren. An den hohen Wänden hingen kostbar aussehende Gemälde, darunter standen kleine Tische mit Vasen, in denen Sommerblumen leuchteten und einen zarten Duft verbreiteten. Im Hintergrund führte eine geschwungene Holztreppe hinauf zu einer Galerie, von der im oberen Stockwerk mehrere Flure abgingen.

Lydia sah sich staunend um. Es musste ein Traum sein, hier zu arbeiten.

Die junge Frau stand wartend in einer offenen Tür rechts vom Eingang und klopfte mit den Fingerspitzen gegen den Türrahmen.

»Entschuldigung«, murmelte Lydia und eilte hinter ihr her.

Sie fand sich in einer Art Arbeitszimmer wieder. Es gab einen Schreibtisch, ein Regal mit Büchern und Aktenordnern und einen kleinen Tisch mit zwei hochlehnigen Stühlen. Dorthin deutete ihre Gastgeberin mit einem freundlichen Lächeln.

Bevor sie sich setzten, reichte sie Lydia die Hand. »Ich bin Marleen Weißenfels. Mein Mann leitet gemeinsam mit seinem Vater Weißenfels Spielwaren. Kennen Sie die Puppenhäuser von Weißenfels?« Fast erwartungsvoll sah Marleen Weißenfels sie an.

Zögernd schüttelte Lydia den Kopf. Vielleicht wäre es besser gewesen zu behaupten, dass sie die Puppenhäuser kannte. Aber in ihrem Dorf besaß niemand so teure Spielsachen. Soweit sie wusste, hatten nicht mal die Töchter von Bauer Kimmich ein Puppenhaus. Und Kimmichs besaßen mindestens doppelt so viel Land wie alle anderen Bauern im Dorf und wohnten in einem riesigen Haus.

»Ich komme aus Ohltal. Das kennen Sie bestimmt nicht, weil es so klein ist. Da gibt es keine Puppenhäuser und auch sonst nicht viel. Ich bin erst seit zwei Wochen in Nürnberg.« Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, dass sie überhaupt hier war.

»Ich komme auch aus einem kleinen Ort in den Bergen. Allerdings bin ich schon seit mehr als zehn Jahren hier in Nürnberg.«

Lydia ertappte sich dabei, wie sie die Augen vor Staunen weit aufriss. Sie hatte nicht gedacht, dass die elegante Marleen Weißenfels, verheiratet mit einem reichen Fabrikerben, aus einem Bergdorf stammte – genau wie sie.

»Waren Sie auch in Stellung hier in der Stadt?« Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. So etwas fragte man nicht. »Entschuldigung«, stotterte sie.

»Schon gut.« Zu Lydias Erleichterung lächelte Marleen Weißenfels immer noch. »Du kennst dich also mit allen Arbeiten im Haushalt aus. Meine Schwiegermutter stellt hohe Ansprüche. Gelegentlich würdest du bei Abendgesellschaften servieren müssen. Oder den Gästen die Garderobe abnehmen.«

»Das kann ich. Und ich sage auch bestimmt keine unüberlegten Sachen, so wie eben. Das war eine Ausnahme. Ich weiß überhaupt nicht, was mit mir los ist. Vielleicht die Hitze. Und ich bin aufgeregt, weil ich wirklich gern hier arbeiten möchte.«

»Du lernst sicher schnell, mit den Gästen umzugehen«, beruhigte Marleen Weißenfels sie. »Wenn du Fragen hast, wende dich ruhig an mich. Bis vor einigen Monaten gab es eine Haushälterin. Sie hat das Personal eingestellt und geschult. Nun ist sie im Ruhestand und meine Schwiegermutter meinte, ich könnte mich mit ihr zusammen um diese Dinge kümmern. Also muss ich jetzt wohl irgendwie entscheiden, ob wir es miteinander riskieren können.«

Lydia nickte eifrig und sah Frau Weißenfels erwartungsvoll an.

»Bist du auf gut Glück nach Nürnberg gekommen? Sagtest du nicht, du bist seit zwei Wochen hier? Wo hast du so lange gewohnt?« Plötzlich funkelte zu Lydias Schreck Misstrauen in den hellblauen Augen.

»Ich hatte eine Anstellung«, gestand sie leise. »Aber da konnte ich nicht bleiben.«

»Hast du dir etwas zuschulden kommen lassen?«

»Nein! Ich schwöre.« Nur mit Mühe konnte Lydia sich davon abhalten, die Schwurhand zu heben. »Herr Staller, mein Dienstherr, er …« Sie biss sich auf die Lippe.

Marleen Weißenfels wartete schweigend, dass sie fortfuhr.

»Er hat mich dauernd komisch angefasst. Da, wo man es nicht macht.« Lydia atmete tief durch. »Und dann ist er eines Nachts in meine Kammer gekommen. Da habe ich ihm den Nachttopf an den Kopf geworfen. Er hatte am nächsten Morgen eine riesige Beule, und seine Frau hat mich aus dem Haus gejagt. Sie meinte, ich hätte ihm schöne Augen gemacht. Dabei konnte ich den ekligen Kerl gar nicht leiden.«

»Den Nachttopf? War da was drin?« Marleens Kichern klang wie das eines Schulmädchens.

»Nein.« Lydia verbarg ihr breites Lächeln automatisch hinter der Hand. Bis jetzt hatte sie über die Ereignisse im Haus der Stallers nicht lachen können.

»Schade! Er hätte es verdient.« Die reiche Frau wirkte fast enttäuscht, dass Lydia dem aufdringlichen Mann nur den leeren Nachttopf an den Kopf geknallt hatte.

In stillem Einvernehmen sahen die Fabrikantengattin und das arme Mädchen aus dem Dorf sich an. Dann nickte Marleen Weißenfels langsam. »Wir versuchen es. Du kannst in das freie Zimmer im Gesindehause hinten im Garten ziehen. Zita wird dir alles zeigen.«

»Danke! Vielen Dank!« Begeistert sprang Lydia auf.

Marleen Weißenfels erhob sich ebenfalls und wollte ihr gerade die Hand reichen, als sich die Tür öffnete und eine alte Dame das Zimmer betrat. Streng ließ sie den Blick ihrer dunkelgrauen Augen sekundenlang auf Lydia ruhen, bevor sie sich an Marleen wandte.

»Wer ist das?«, erkundigte sie sich in scharfem Ton.

»Unser neues Hausmädchen.« Die plötzliche Unsicherheit in Marleens Stimme war Lydia nicht entgangen.

»Wie heißt sie?«

»Lydia.«

»Ich komme aus Ohltal und ich will gern alles tun, was in diesem Haushalt verlangt wird.«

»Vorlautes, geschwätziges Personal können wir nicht gebrauchen.« Die alte Dame runzelte die Stirn, als hätte Lydia endlos lange auf sie eingeredet.

»Ich glaube, Lydia kann ein gutes Hausmädchen werden, obwohl sie nicht von der Agentur geschickt wurde. Sie ist arbeitswillig und sofort gekommen, als sie gehört hat, dass bei uns eine Stelle frei ist.«

»Dein Glaube, liebe Marleen, ersetzt keine Referenzen.«

»Das ist meine Schwiegermutter, Frau Gesine Weißenfels«, sagte Marleen an Lydia gewandt. »Sie legt Wert auf gut geschultes Personal.«

»Du hoffentlich auch, liebe Marleen.« Die ältere Frau zog die Brauen hoch und richtete erneut ihren kalten Blick auf Lydia. »Das Personal nennt mich gnädige Frau.«

Lydia nickte, zögerte einen Moment und knickste dann stumm. Das schien der Gnädigen zu gefallen. Sie lächelte zwar nicht, aber der harte Zug um ihren Mund löste sich ein winziges bisschen.

In diesem Moment fiel Lydia ihr Koffer ein, den sie an der Treppe zur Eingangstür vergessen hatte. Er enthielt all ihre Habseligkeiten. Mit einem Aufschrei rannte sie aus dem Zimmer und durch die Haustür nach draußen.

Erleichtert sah sie das schwarze Köfferchen mit den abgestoßenen Ecken am Fuß der Treppe stehen. Sie lief die Stufen hinunter, nahm ihren einzigen Besitz und eilte wieder nach oben. Als sie ins Haus trat, standen Gesine und Marleen Weißenfels in der Halle und erwarteten sie.

»Sie hat wohl vor, durch die Vordertür ein- und auszugehen. Sag mir nicht, dass diese Person noch nie etwas von einem Dienstboteneingang gehört hat?« Als wäre Lydia gar nicht da, richtete Gesine Weißenfels die Frage ausschließlich an ihre Schwiegertochter.

»Ich habe Lydia durch den Vordereingang mit hereingebracht«, erklärte Marleen ruhig. »Und ich bin sicher, sie wird innerhalb kürzester Zeit lernen, welches Verhalten in diesem Haus von ihr erwartet wird.«

Zu diesen Worten nickte Lydia heftig.

»Wenn sie sich nicht bewährt, muss sie gehen. Dass das klar ist!« Ohne ihrem neuen Hausmädchen einen weiteren Blick zu gönnen, wandte die ältere Frau sich ab und verschwand durch eine der zahlreichen Türen, die von der Halle abgingen.

»Keine Sorge, du schaffst das schon. Herzlich willkommen in der Villa Weißenfels, Lydia.« Marleen warf einen nervösen Blick auf ihre kleine goldene Armbanduhr. »Über die Einzelheiten deiner Anstellung reden wir morgen. Ich werde jetzt Zita rufen. Sie soll dir dein Zimmer und auch sonst alles zeigen.«

Die junge Frau zog an der goldfarbenen Seidenkordel, die neben dem Porträt eines streng aussehenden Herrn in Uniform hing. Das hochgewachsene rothaarige Mädchen in der adretten schwarz-weißen Kleidung, das wenig später erschien, stellte Marleen als Zita vor.

»Das ist Lydia. Sie wird Alma ersetzen. Versuche Kleid und Schürze zu finden, die ihr passen, zeige ihr das freie Zimmer im Gesindehaus und sorge dafür, dass sie zu den Mahlzeiten etwas zu essen bekommt. Alles andere klären wir morgen.« Damit verschwand Lydias neue Herrin eilig durch die Haustür.

Zita musterte Lydia mit skeptischem Blick. »Soll das etwa heißen, du hast heute frei und wirst umsonst durchgefüttert? Und ich erledige die ganze Arbeit allein?«

»Wenn du mir sagst, was ich machen soll, helfe ich dir gerne.« Lydia hatte Mühe, hinter der langbeinigen Zita herzukommen, die quasi im Laufschritt die Treppe ins Untergeschoss hinunterstürmte.

Obwohl der Empfang durch ihre neue Kollegin nicht sonderlich herzlich ausfiel, klopfte Lydias Herz vor Glück. Sie hatte eine Stellung in dieser wunderschönen Villa. Der alten Frau Weißenfels und der missmutigen Zita würde sie schon bald beweisen, dass sie fleißig und zuverlässig war.

1. Kapitel

Münster, 2. Mai 2018

Weil sie noch in Professor Niedermeyers Sprechstunde gewesen war, um über das Thema ihrer Masterarbeit zu reden, war Valerie mal wieder zu spät dran, als sie den Haupteingang der Mensa erreichte. Die Essenausgabe würde in fünf Minuten schließen. Wahrscheinlich war die Auswahl längst auf ein einziges Gericht geschrumpft – nämlich auf das Essen, das sonst niemand wollte. Zum Beispiel überbackener Rosenkohl mit roter Beete.

Als sie neulich in letzter Minute gekommen war, hatte es nur noch einen großen Topf voller Labskaus gegeben. Das hatte freiwillig wahrscheinlich nur Benke Fiersen gegessen, die von der Küste kam und alles liebte, was Fisch enthielt.

Atemlos hetzte Valerie die Treppe hinauf und eilte zu der langen Theke, wo man sich für die verschiedenen Gerichte anstellen konnte. Zwei der drei Ausgaben waren bereits verwaist. Nur dort, wo Biogemüse-Eintopf mit Sojawürstchen angepriesen wurde, stand noch eine der Frauen mit weißem Kopftuch. Als sie Valerie kommen sah, schwang sie unternehmungslustig ihre Suppenkelle über dem großen Topf.

»Wieder mal spät dran«, rief ihr die Küchenhilfe entgegen. »Aber es ist noch genug da. Wenn Sie wollen, können Sie zwei Würstchen haben. Oder auch drei.« Man kannte sich, wenn auch nicht mit Namen.

»Prima. Gemüseeintopf mag ich. Bio ist noch besser, und Sojawürstchen sind lecker. Ich nehme gern zwei davon.« Glück gehabt!

Fast ein bisschen enttäuscht, dass sie bei der chronisch zu späten Valerie mit ihrem heutigen Angebot nicht das geringste Entsetzen hervorrufen konnte, füllte die Frau eines der tiefen Schälchen mit Suppe. Die Würstchen kamen auf einen Teller daneben, dazu gab es Vanillepudding.

Zufrieden machte Valerie sich auf die Suche nach einem freien Platz. Obwohl in einer Viertelstunde die nächsten Vorlesungen begannen, war die Mensa noch gut gefüllt. Gegen das Sonnenlicht, das durch die Fensterfront auf der gegenüberliegenden Seite fiel, bemerkte sie zunächst nur einen hochgereckten Arm. Erst als sie den wild wedelnden Arm schon fast erreicht hatte, erkannte sie Jana.

Ihre zwei Jahre jüngere Großcousine studierte seit sechs Semestern ebenfalls in Münster. Valeries und Janas Fächer und ebenso ihre Interessen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Jana war Medizinstudentin und verbrachte jede Woche zehn bis zwölf Stunden freiwillig im Labor. Sie testete und untersuchte, was das Zeug hielt, und es war für sie längst beschlossene Sache, dass sie Labormedizinerin werden wollte.

Valerie begeisterte sich ebenso für ihr Studium, das sie in diesem Jahr beenden würde. Sie hatte Geschichte und Germanistik belegt, vergrub sich gern zwischen alten Büchern in der Bibliothek und schmökerte in Fachzeitschriften wie andere Frauen in Liebesromanen. Momentan hatte Valerie nur ein Problem: Sie interessierte sich für so viele verschiedene Gebiete, dass sie sich einfach nicht entscheiden konnte, über welches Thema sie in ihrer Masterarbeit schreiben wollte.

»Jana! Schön, dass du noch hier bist. Sonst isst du dienstags doch immer schon viel früher. Musst du heute nicht zur Vorlesung?« Valerie stellte ihr Tablett ab und beugte sich zu Jana hinunter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben.

»Ich bin vor dem Mittagessen im Labor vorbeigegangen, um mit Professor Liebermann die Testergebnisse zu besprechen, die er netterweise für mich überprüft hat.« Janas gerunzelte Stirn war vollkommen untypisch für sie. Wenn sie im Labor auf ein Problem stieß, lebte sie sonst immer regelrecht auf und biss sich darin fest, bis sie die Lösung gefunden hatte. Den Rat des Laborleiters oder eines ihrer Professoren holte sie selten ein.

»Welcher Test?«, erkundigte sich Valerie, während sie ihr Besteck aus der Papierserviette wickelte und anfing, die Sojawürstchen in Stücke zu schneiden, um sie in ihren Eintopf zu werfen.

Jana schob das erst halb geleerte Schälchen mit ihrem Nachtisch weg, obwohl sie Süßes eigentlich liebte. Anstatt Valeries Frage zu beantworten, starrte sie über deren Kopf ein Loch in die Luft. Valerie drehte sich um und schaute nach, ob direkt hinter ihr ein eins neunzig großer Traummann aufragte, dessen Anblick Jana die Sprache verschlagen hatte. Was allerdings eher unwahrscheinlich war, da Jana keinen anderen Typen mehr ansah, seit sie ihren Gregor hatte. Da war aber ohnehin niemand.

»Der Verwandtschaftstest? Ich dachte, damit bist du längst durch. Ist das doch so kompliziert?«

Endlich richtete Jana ihren Blick wieder auf Valerie. »Ich habe doch uns beide als Übungsobjekte für den Test genommen. Um die Verwandtschaft nachzuweisen, muss man bestimmte DNA-Bereiche auf der Grundlage zuvor berechneter Wahrscheinlichkeiten analysieren. Dazu braucht man einen verlässlichen Stammbaum. Und den kenne ich in unserem Fall ganz genau.«

»Ich verstehe zwar nur Bahnhof, aber okay. Und jetzt klappt der Test nicht?« Endlich tauchte Valerie ihren Löffel in den Eintopf und probierte. »Der ist gut!«, stellte sie erfreut fest, nachdem sie gekaut und geschluckt hatte.

»Ich weiß auch nicht. Ich muss irgendwo einen Fehler gemacht haben.« Immer noch lag Janas Stirn in Falten.

»Wiederhol den Test doch einfach.«

»Ich habe ihn schon drei Mal durchgerechnet und dann Professor Liebermann gebeten, sich die Sache anzusehen. Er konnte keinen Fehler finden und kommt zum selben Ergebnis wie ich.«

»Und was ist das für ein Ergebnis?« Valerie biss auf eine der knackigen grünen Bohnen.

Jetzt schaute Jana sich suchend um, als könnte sie die Lösung für das Problem, das sie umtrieb, in der sich langsam leerenden Mensa finden.

»Ich habe mit dem Test nachgewiesen, dass wir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verwandt sind«, flüsterte sie, nachdem sie sich mehrmals geräuspert hatte.

»Quatsch!« Mit einem erleichterten Seufzer ließ Valerie sich gegen die Lehne ihres Stuhls fallen. »Ich dachte schon, eine von uns ist krank oder so was. Verwandt sind wir ja nun eindeutig. Selbst du kannst Fehler machen, Jana. Bei dem Test ist irgendwas schiefgelaufen. Vielleicht stimmte mit einer der DNA-Proben etwas nicht.«

»Das habe ich auch gehofft. Deshalb habe ich doch nach ein paar Tagen einen zweiten Abstrich von deiner Mundschleimhaut genommen. Beide Ergebnisse stimmen absolut überein. Weil ich ratlos war, bat ich Professor Liebermann um eine Überprüfung. Du weißt, so was mache ich überhaupt nicht gern.« Jana lachte nervös auf.

»Und er sagt auch, dass wir keine Großcousinen sind?« Irritiert starrte Valerie über den Tisch.

»Er bestätigt mein Ergebnis. Wir sind nicht blutsverwandt.«

»Aber das würde ja bedeuten, dass eine von uns …« Den Rest des Satzes sprach Valerie nicht aus.

»Ich habe gestern Mama angefleht, es mir zu sagen, wenn ich nicht ihr leibliches Kind bin. Sie fand das erst lustig, bis sie begriff, dass ich es ernst meinte. Dann hat sie zum Beweis meine Geburtsurkunde rausgesucht. Da steht schwarz auf weiß, wer meine leiblichen Eltern sind. Es sind genau die Leute, die ich die ganze Zeit für meine Mutter und meinen Vater gehalten habe.« Jana atmete tief durch, als könnte sie jetzt noch die Erleichterung angesichts dieses Beweises spüren.

»Manchmal werden Kinder in der Klinik vertauscht. Das könnte bei einer von uns passiert sein.« Nervös zupfte Valerie an ihrem Ärmel. Sie hatte keine Mutter mehr, die sie fragen konnte.

»Meine Mutter behauptet, wegen meines dunklen Haares hätte sie mich jederzeit wiedererkannt. Und mein Vater hatte schon vor der Geburt den strengen Auftrag von ihr, darauf zu achten, dass ich sofort ein Identifikationsarmband ums Handgelenk bekomme.«

»Ich fahre heute Abend zu Oma und frage sie. Aber jetzt muss ich in die Bibliothek.« Obwohl sie kaum die Hälfte ihres Eintopfs gegessen und den Nachtisch nicht mal angerührt hatte, sprang Valerie auf.

Jana erhob sich ebenfalls und umarmte sie fest. »Mach dir keine Sorgen«, sagte sie dicht an Valeries Ohr. »Das wird sich schon aufklären.«

»Sicher.« Valerie wusste längst, dass es nur eine gute Lösung dieses Problems gab: Jana musste ein Fehler unterlaufen sein. Und ihrem Professor auch. Und das bei mehreren Tests mit zwei verschiedenen Speichelproben. Und diese Lösung war so gut wie ausgeschlossen. Denn sie kannte Jana gut genug, um zu wissen, dass sie nur mit ihr über die Testergebnisse gesprochen hatte, weil sie sicher war, keinen Fehler gemacht zu haben.

»Falls Oma irgendwas weiß, melde ich mich,« verabschiedete sie sich von ihrer Großcousine, die vielleicht gar keine war.

Valerie brachte ihr Tablett mit den Speiseresten zur Geschirrrückgabe und eilte in die Bibliothek, wo sie mit ihrer Arbeitsgruppe verabredet war. Abgabetermin für die gemeinsame Hausarbeit war in nicht mal zwei Wochen. Der junge Dozent, der die Arbeit betreute, hatte sich großzügig mit einer Abgabe im Mai einverstanden erklärt, weil mehrere Studierende aus der Arbeitsgruppe während der Semesterferien ein Praktikum gemacht hatten. Wie es bei Gruppenarbeiten so war, hatten sie dennoch erst vor Kurzem ernsthaft angefangen. Nach dem Gespräch mit Jana hatte Valerie zwar anderes im Kopf als die Hugenotten – aber sie musste sich zusammenreißen. Die Hausarbeit war die letzte Pflichtleistung, die sie noch erbringen musste, bevor sie sich für die Masterarbeit anmelden konnte. Und vielleicht gab es ja tatsächlich eine ganz harmlose Erklärung für das Testergebnis.

***

Als Valerie nach einem langen Tag in der Uni das kleine Haus ihrer Großmutter erreichte, stand die Sonne schon rotgolden über den Baumwipfeln. Annemarie wohnte etwas außerhalb von Münster. Obwohl Valerie mit dem Auto nur eine Viertelstunde hierher brauchte, kam es ihr nach der Betriebsamkeit der Studentenstadt jedes Mal vor, als wäre sie mitten auf dem Land gelandet.

Hier hatte Valerie seit ihrem 15. Lebensjahr gelebt, bis sie für ihr Studium nach Münster gezogen war – in Annemaries Haus zwischen Feldern, auf denen sich das Getreide im Wind wiegte, Pferdekoppeln und baumbewachsenen Hügeln.

Valerie parkte ihren uralten roten Polo in der Auffahrt und blieb noch einen Augenblick im Auto sitzen. Liebevoll betrachtete sie das Häuschen, in dem sie nach dem Tod ihrer Eltern eine Heimat gefunden hatte.

Der breite Kiesweg der Auffahrt führte ins Nichts, denn Annemarie besaß keine Garage und hatte nie eine gebraucht. Sie ging zu Fuß oder nahm den Bus. Früher war sie oft Fahrrad gefahren, aber das hatte sie an ihrem achtzigsten Geburtstag aufgegeben. Nicht etwa, weil sie nicht mehr fit genug gewesen wäre. Aber sie fand es für eine Frau in ihrem Alter »unangemessen«, mit wehendem Rock durch die Straßen zu radeln. Seitdem ließ sie sich Mineralwasser, Säfte und die Flasche Rotwein, die sie jeden Sonntag zum Mittagessen öffnete, vom Supermarkt liefern. Alle anderen Lebensmittel trug sie täglich in ihrem Einkaufskorb nach Hause.

Valerie stieg aus ihrem Auto, dessen Tür sich mit einem gequälten Quietschen schloss, das keine Werkstatt dem Wagen abgewöhnen konnte. Da sie sich nicht telefonisch angekündigt hatte, benutzte sie ihren Schlüssel nicht, sondern klingelte. Wenn Annemarie verdächtige Geräusche im Haus hörte, würde sie sicher nicht vor Schreck in Ohnmacht fallen. Aber es stand zu befürchten, dass sie in einer Nische lauerte und Valerie eine Bratpfanne über den Kopf zog, noch bevor sie erkannt hatte, wer ihr Überraschungsbesuch war.

Es dauerte eine Weile, bis ihre Oma die Tür öffnete. Sie starrte Valerie einige Sekunden erstaunt an, bevor ihr Gesicht sich in Hunderte von lustigen Fältchen legte.

»Was für eine Überraschung!« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, schlang Valerie die Arme um den Hals und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Warum hast du nicht angerufen? Dann hätte ich Pfannkuchen gemacht. Oder wenigstens Kuchen gebacken.«

Zärtlich strich Valerie ihrer Großmutter über das silberne Lockenhaar. »Du musst keine Angst haben, dass ich verhungere, Omi. Es gibt in Münster genug zu essen.«

»Du wirst immer dünner«, behauptete Annemarie und zog ihre Enkelin ins Wohnzimmer, wo der Fernseher auf voller Lautstärke lief.

»Ich habe endlich wieder mein Gewicht von letztem Jahr, bevor du mich zu Weihnachten mit knusprigem Gänsebraten und diesen leckeren Schoko-Nuss-Plätzchen gemästet hast.« Automatisch stellte sie den Ton leiser.

Annemarie nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand und schaltete das Gerät aus, obwohl die Tagesschau lief, die sie normalerweise nicht verpasste. »Sag ich doch. Du hast nach Weihnachten wieder abgenommen. Ich mache dir ein paar Schnittchen.« Eifrig wandte sie sich der Tür zu.

»Bitte nicht, Omi. Ich habe schon gegessen. Können wir uns hinsetzen? Ich muss dich was fragen.« Valerie deutete auf die gemütliche Couch, auf der sie so manche Stunde mit ihrer Großmutter verbrachte hatte, während ihre Lieblingsserie lief. Annemarie hatte oft gemeinsam mit ihr über die Typen von Big Bang Theory gelacht.

Während Valerie das dunkelgrüne Sofa mit den bunten Kissen betrachtete, schnürte es ihr plötzlich die Kehle zu. Wenn das alles eine Lüge gewesen war! Wenn Annemarie gar nicht ihre Großmutter war, die engste Verwandte, die sie noch besaß. War es möglich, dass ihre Eltern sie als Baby adoptiert hatten und sie fünfundzwanzig Jahre später noch nichts davon wusste?

Als sie nebeneinander auf den weichen Polstern saßen, griff Valerie nach Annemaries Händen und sah sie stumm an.

»Was ist denn nur los, Vally?« Ihre Großmutter sprach sie mit dem Kosenamen an, den sie immer benutzt hatte, wenn ihre Enkelin traurig war. Und das war in den Jahren nach dem Verkehrsunfall oft vorgekommen.

»Jana hat einen Labortest gemacht, mit dem sie unsere Blutsverwandtschaft nachweisen wollte. Doch so oft sie den Test auch wiederholt hat, das Ergebnis war immer wieder, dass wir keine Großcousinen sind. Wir sind überhaupt nicht biologisch miteinander verwandt.« Nachdem es heraus war, atmete Valerie auf. Auch das war wie früher. Wenn sie Annemarie ihr Herz ausgeschüttet hatte, fühlte sie sich besser.

»Das kann nicht sein!« Ihre Großmutter schüttelte energisch den Kopf.

»Die einzig mögliche Erklärung ist, dass eine von uns adoptiert wurde. Und Jana weiß inzwischen, dass sie es nicht ist.« Valerie suchte den Blick ihrer geliebten Oma.

»Du bist es auch nicht.« Annemarie schüttelte so energisch den Kopf, dass ihre Löckchen hüpften. »Ich habe dich schon am Tag nach deiner Geburt im Arm gehalten und den kleinen Leberfleck hinter deinem Ohr gesehen. Den, der aussieht wie ein Kleeblatt und den deine Mutter auch hatte.«

»Und du bist sicher, dass meine Eltern mich nicht direkt nach meiner Geburt adoptiert und behauptet haben, ich sei ihr leibliches Kind?«

»Was denkst du dir nur für Sachen aus?« Annemarie schüttelte den Kopf. »Deine Eltern haben mit dir in Münster gelebt, bis du drei Jahre alt warst. Wir haben uns oft gesehen, und deine Mutter hatte einen solchen Babybauch, bevor du kamst.« Mit beiden Händen deutete Annemarie eine riesige Kugel vor ihrem Körper an. »Glaubst du, ich hätte nicht gemerkt, wenn sie sich ein Kissen unter das Kleid gestopft hätte? So was hätte sie außerdem nicht getan.«

»Natürlich nicht. Aber … Was soll es sonst für eine Erklärung geben? Wenn alles so wäre, wie es die ganze Zeit zu sein schien, hätte Jana mit ihrem Test bewiesen, dass wir Großcousinen sind. Genau das konnte sie aber nicht.« Valerie strich sich nervös eine blonde Haarsträhne aus der Stirn und presste die Lippen aufeinander.

»Du glaubst doch nicht, dass ich dich die ganze Zeit belogen habe.« Kopfschüttelnd stand Annemarie auf und ging zu dem Sekretär aus dunklem Walnussholz. Eine Minute später hielt sie Valerie eine Geburtsurkunde vor die Nase, aus der eindeutig hervorging, dass sie die 1993 geborene Tochter von Thilo und Marion Falk war.

Plötzlich verschwammen die Buchstaben vor ihren Augen, und sie blinzelte, um die Tränen daran zu hindern, aus ihren Augenwinkeln zu kullern.

»Es tut mir leid, Omi«, flüsterte sie. »Natürlich dachte ich nicht, dass du gelogen hast. Aber ich verstehe das alles nicht. Wenn Jana und ich beide nicht adoptiert wurden, wieso sind wir dann nicht blutsverwandt?«

»Sieht so aus, als wäre in den Generationen vor eurer etwas nicht so, wie es scheint.« Annemarie verzog den Mund zu einem aufmunternden Lächeln, das ihr jedoch nicht sonderlich gut gelang.

»Glaubst du, jemand wurde versehentlich nach der Geburt vertauscht. Wir müssen von allen Gentests machen. Aber bei meinen Eltern geht das nicht mehr.« Verzweifelt sah Valerie ihre Großmutter an.

Beruhigend strich Annemarie ihr über den Arm. »Ich bin sicher, alles wird sich klären. Jedenfalls weiß ich ganz genau, dass du das Kind deiner Mutter bist. Da ist nicht nur das kleine Kleeblatt hinter deinem Ohr.« Sanft strich sie Valeries lange Haare zur Seite und tippte mit der Fingerspitze auf das hellbraune Muttermal hinter ihrer Ohrmuschel. »Marion hat dich nach deiner Geburt im Krankenhaus keine Sekunde aus ihren Armen gelassen. Du warst die ganze Zeit in ihrem Zimmer, und am Tag nach der Entbindung ging sie mit dir nach Hause.«

Valerie atmete tief durch und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. »Wir werden herausfinden, was passiert ist!« Mit ihrem energischen Ton versuchte sie vor allem, sich selbst Mut zu machen.

Ihre Großmutter nickte und sah nachdenklich durchs Fenster in die Dunkelheit, die sich inzwischen über das Münsterland gelegt hatte.

2. Kapitel

Münster, 10. Mai 2018

»Omi! Was machst du denn hier?« Ein wenig außer Atem, weil sie wie immer die vier Stockwerke zu ihrer Mansardenwohnung hinaufgerannt war, blieb Valerie auf dem Treppenabsatz stehen und starrte ihre Großmutter an. Annemarie saß auf der obersten Stufe vor ihrer Wohnungstür.

»Ich muss mit dir sprechen. Und ich habe deinen Wohnungsschlüssel vergessen.« Bevor Valerie sie erreicht hatte, stand Annemarie bereits aufrecht da. Sie sah ungewöhnlich blass aus.

»Ist alles in Ordnung? Geht es dir nicht gut?«, erkundigte Valerie sich erschrocken.

Annemarie machte eine abwehrende Handbewegung. »Alles in Ordnung. Ich sitze nur schon eine ganze Weile hier im Treppenhaus.«

»Du weißt doch, dass ich den ganzen Tag in der Uni bin. Warum hast du mich nicht angerufen? Wie lange wartest du denn schon?« Hastig wollte Valerie ihre Wohnungstür aufschließen, doch der Schlüsselbund glitt ihr aus der Hand. Das Klirren hallte durchs Treppenhaus.

»Seit ungefähr einer Stunde,« sagte Annemarie in den Lärm hinein. »Ich dachte mir, irgendwann hören auch die fleißigsten Studentinnen auf zu lernen.«

Valerie behielt für sich, dass sie normalerweise viel später nach Hause kam. Die Bibliothek hatte bis spät abends geöffnet, und mittlerweile blieb nicht mehr allzu viel Zeit bis zum Abgabetermin ihrer Hausarbeit. Sie bückte sich und hob ihren Schlüsselring mit dem versilberten Schutzengel auf. Ihre Großmutter hatte ihr den Anhänger vor fünf Jahren geschenkt, als Valerie fürs Studium nach Münster gezogen war.

»Er soll auf dich aufpassen, weil ich das nun nur noch aus der Ferne tun kann«, hatte Annemarie leise gesagt. Da hatte Valerie, die sich so sehr aufs Studentenleben in der Stadt freute, doch eine Träne verdrücken müssen.

Nun schob sie den Schlüssel in das alte Schloss, drehte ihn mühsam herum und drückte die Holztür auf, die laut knarrte. »Ich muss unbedingt Öl für das Schloss besorgen. Vergesse ich dauernd.«

»Solange die Tür noch aufgeht …« Annemarie zuckte mit den Schultern.

Erstaunt sah Valerie ihre Großmutter von der Seite an. Annemarie mochte Nachlässigkeiten nicht, und wenn sie Valerie bei einer ertappte, tadelte sie sie normalerweise milde. »Ich mache dir erst mal einen Kaffee.«

»Ein Glas Wasser reicht mir.« Mit einem Seufzer ließ Annemarie sich auf einen der beiden Holzstühle in der winzigen Küche sinken.

Aus Gewohnheit öffnete Valerie als Erstes die Tür zum Balkon. Er war so klein, dass außer den Töpfen mit ihren Küchenkräutern nur ein einziger Klappstuhl dort Platz hatte. Dennoch war es ihr Lieblingsplatz in der Wohnung. Zumindest im Sommer, wenn sie die langen, lauen Abende dort verbrachte, ins Grün des Innenhofs schaute und ab und zu an einem kühlen Getränk nippte, das sie auf dem gemauerten Geländer abstellte.

»Wasser kannst du gern haben, aber ich koche auch Kaffee.« Sie hatte mittlerweile festgestellt, dass der Rest in der alten Blechdose auf jeden Fall für eine Kanne reichte. Annemarie liebte Kaffee und trank auch abends welchen. Sie behauptete, das Koffein würde sie nicht daran hindern einzuschlafen.

Während Valerie mit Kaffeemaschine und Geschirr werkelte, saß Annemarie still da und nippte ab und zu an dem Wasser, das ihre Enkelin ihr hingestellt hatte. Als der Kaffee in die Kanne blubberte, fand Valerie sogar ein paar Schokokekse im Schrank.

»Nun sag schon, was los ist«, forderte Valerie ihre immer noch ungewöhnlich stille Großmutter auf, nachdem sie zwei Tassen mit starkem Kaffee gefüllt hatte. Annemarie trank ihren schwarz. Das hatte Valerie sich vor vielen Jahren von ihr abgeguckt und hielt es seitdem ebenso.

»Heute Morgen hat Erika mich angerufen«, platzte Annemarie heraus, nachdem sie an ihrem heißen Kaffee genippt hatte.

Erschrocken ließ Valerie die Hand mit dem Keks sinken, in den sie hatte beißen wollen. Mit der anderen Hand zog sie ihr Handy aus der Tasche. Tatsächlich! Jana hatte ihr schon morgens eine Nachricht geschickt und nachmittags noch eine. Sie warf nur einen kurzen Blick auf die erste Mitteilung und begriff sofort, was geschehen war.

Wenn sie in der Bibliothek ihr Telefon stumm schaltete, vergaß sie meistens, zwischendurch nachzusehen, ob jemand versucht hatte, sie zu kontaktieren. Normalerweise fand sie es überflüssig, ständig erreichbar zu sein. In diesem Fall wäre es jedoch besser gewesen, das Handy zwischendurch mal hervorzuholen. Dann hätte sie Jana davon abhalten können, mit ihrer Oma Erika zu sprechen, bevor sie selbst Gelegenheit hatte, zu Annemarie zu fahren. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Ergebnis des DNA-Abgleichs von Erika und Annemarie so schnell fertig sein würde.

»Ich verstehe einfach nicht, was damals passiert ist«, flüsterte Annemarie und sah Valerie hilfesuchend an. »Sie waren doch meine Eltern. Wie kann es sein, dass Erika und ich weder einen gemeinsamen Vater noch eine gemeinsame Mutter haben? Wo komme ich her?«

Valerie tastete über den Tisch und legte ihre Finger auf Annemaries schmale Hand. Sie spürte, dass ihre Oma unter der Berührung kaum merklich zitterte. Kein Wunder, wenn nach fast neunzig Lebensjahren plötzlich ihre Herkunft infrage gestellt wurde.

»Es könnte doch auch deine Schwester sein, die irgendwie … vertauscht wurde.« Unsicher sah Valerie ihre geliebte Oma an. Sie konnte es kaum ertragen, Annemarie so verunsichert zu sehen. Nach dem frühen Unfalltod ihrer Eltern war ihre Großmutter für Valerie stets ein Fels in der Brandung gewesen.

»Ich war fünf Jahre alt, als Erika geboren wurde und kann mich an diesen Tag noch heute erinnern. Wie sollte bei einer Hausgeburt ein Säugling versehentlich gegen einen anderen eingetauscht werden?« Erneut schüttelte Annemarie heftig den Kopf. »Erika kann nicht das Kuckuckskind sein.«

»Nenn es nicht so!« Erschrocken sah Valerie ihre Großmutter an. Noch nie hatte sie bei der sonst so liebenswürdigen Frau einen so bitteren Ton gehört.

»Aber genau das bin ich doch. Ein Kind, das der Familie irgendwie und aus irgendeinem Grund untergeschoben wurde.«

»Wie kommst du darauf, dass es Absicht war? Wenn es passiert ist, dann war es ein tragischer Irrtum. Wahrscheinlich in einem Krankenhaus. Hat deine Mutter nie über die Umstände deiner Geburt gesprochen?« Beschwörend sah Valerie ihre Großmutter an.

Annemarie griff nach ihrer Tasse, schien aber keine Lust mehr auf ihren geliebten Kaffee zu haben, denn sie ließ die Hand sofort wieder sinken. »Über die kurze Zeit, die ich mit meinen Eltern nach meiner Geburt in Nürnberg gelebt habe, wurde bei uns nie gesprochen. Das hat mich auch nicht gewundert. Was sollte dort schon Aufregendes passiert sein? Als ich ungefähr zwei Monate alt war, ist unsere kleine Familie nach Münster gezogen. Mein Vater stammte von hier, und hier lebten seine Eltern und seine übrige Verwandtschaft.«

»Dann muss es in Nürnberg geschehen sein. Falls sie es wussten, sind sie vielleicht deshalb hierher gezogen.« Valerie runzelte angestrengt die Stirn.

Ratlos sahen Großmutter und Enkelin einander an.

»Nachdem ich mit Erika telefoniert hatte, bin ich sofort auf den Dachboden gegangen. Du weißt ja, wie viel Zeug da oben herumsteht. Auch eine Menge Kisten, die noch von meinen Eltern stammen. Ich wollte das immer sortieren, bin aber nie dazu gekommen.«

Annemarie hob ihre schwarze Handtasche auf den Tisch, die es an Fassungsvermögen fast mit dem Lederrucksack aufnehmen konnte, den Valerie ständig mit sich herumtrug. Aus den Tiefen des bauchigen Ungetüms beförderte Annemarie einen braunen Umschlag hervor, dessen Inhalt sie auf die Tischplatte schüttete.

Wortlos starrte Valerie auf ein mit verblichener Tinte beschriftetes Kuvert. Daneben lagen ein amtlich aussehendes Dokument und eine goldene Kette mit Anhänger.

Fast zärtlich strich Annemarie mit den Fingerspitzen über den vergilbten Briefumschlag, der zwar eine Adresse, aber keine Briefmarke trug. Offenbar war er nie abgeschickt worden.

Valerie verdrehte den Kopf, um die Schrift auf dem Dokument lesen zu können. »Das ist deine Geburtsurkunde.«

»Ich weiß.« Wieder der bittere Ton, den Valerie von ihrer Großmutter nicht kannte. »Die Urkunde lag nicht auf dem Dachboden. Die habe ich dir mitgebracht, damit du sehen kannst, dass offiziell mit unserer Familie alles in bester Ordnung war. Nach diesem amtlichen Dokument bin ich die leibliche Tochter meiner Eltern. Sonst wäre mir schon längst etwas aufgefallen. Schließlich habe ich die Urkunde zumindest für meine Hochzeit gebraucht.«

»Und das hier? Ein Erbstück von deiner Mutter?« Vorsichtig hob Valerie die Goldkette hoch. Das Schmuckstück war erstaunlich schwer. Bei dem großen, ovalen Anhänger handelte es sich um ein Medaillon. Auf der Vorderseite war in das rötliche Gold ein zartes Herz eingraviert, auf der Rückseite ein Anker. Als Valerie das Medaillon aufklappte, stellte sie fest, dass die beiden Innenseiten mit ihren schmalen Goldrahmen leer waren.

»Das ist wunderschön. Gehörte es deiner Mutter? Warum sind keine Fotos drin?« Vorsichtig schloss sie das Medaillon wieder.

»Das war eine merkwürdige Geschichte.« Annemarie schüttelte versonnen den Kopf. »Ich habe gar nicht mehr an den Anhänger gedacht. Meine Mutter gab mir das Medaillon auf dem Sterbebett. Doch kurz nach ihrem Tod hatten deine Eltern den schrecklichen Unfall und ich musste mich um dich kümmern. Ich legte den Anhänger zu den persönlichen Unterlagen und Briefen in einen der Kartons, die ich dann erst einmal auf meinen Dachboden bringen ließ. Es war ein schweres Jahr. Ich hatte anderes im Kopf als irgendwelche Schmuckstücke. Erst als ich heute das Medaillon sah, fiel mir ein, dass meine Mutter es mir mit einer rätselhaften Bemerkung gegeben hat.«

Valerie sah zu, wie ihre Großmutter mit dem Nagel ihres Zeigefingers das Herz auf der Vorderseite des Anhängers nachzeichnete.

»Deine Urgroßmutter sagte mir etwas dazu, das ich damals nicht verstanden habe und immer noch nicht verstehe. Vielleicht war es mir deshalb ganz recht, das Schmuckstück zu vergessen.«

Valerie richtete sich mit einem Ruck kerzengerade auf. »Was hat sie gesagt?«

»Sie sagte, dieses Medaillon sei alles, was mich mit meiner Vergangenheit verbinde. Ich dachte damals, sie meinte, dass mich die Kette mit ihr verbindet. Allerdings habe ich mich damals schon gewundert, warum ich das schöne Stück nie an ihr gesehen habe.«

»Vielleicht hat das Medaillon tatsächlich mit deiner Mutter zu tun. Mit deiner echten Mutter.« Plötzlich kribbelte Valeries ganzer Körper. »Aber das hieße, dass deine Mutter deine wahre Herkunft kannte.«

»Ich hatte nie das Gefühl, dass sie mich weniger liebte als Erika, die ja eindeutig ihre leibliche Tochter ist. Aber was weiß ich denn schon? Ich war kein bisschen misstrauisch.« Mutlos zuckte Annemarie mit den Schultern.

»Sie hat dich geliebt, egal, wie du in ihr Leben gekommen bist. Sonst hättest du garantiert bemerkt, dass etwas nicht stimmte.«

»Wenn du meinst.« Um Annemaries Mund spielte ein winziges Lächeln, wohl wegen des Eifers, mit dem Valerie versuchte, sie zu trösten.

»Und was ist das?« Mit der Spitze ihres Zeigefingers tippte Valerie auf den vergilbten Briefumschlag.

»Das habe ich im selben Karton gefunden, in den ich damals das Medaillon gelegt habe. Es ist ein Brief meiner Mutter an ihre Schwester Ottilie. Sie hat ihn nie beendet.« Annemarie hob den kleinen, fast quadratischen Umschlag von der Tischplatte hoch und wedelte damit durch die Luft, sodass die dreieckige Lasche, die zum Versand verschlossen werden musste, flatterte wie der gebrochene Flügel eines verletzten Vogels.

»Was steht drin?«

»Lies selbst.« Plötzlich waren Annemaries Wangen, die etwas Farbe bekommen hatten, wieder kalkweiß.

Zögernd griff Valerie nach dem Umschlag. »Ottilie Hauser«, las sie den Namen vor, der auf der Vorderseite stand. »War das die Schwester deiner Mutter?«

Annemarie nickte. »Ich bin ihr aber nie begegnet. Lydia und ihre Schwester hatten sich aus irgendeinem Grund zerstritten und schrieben sich nicht einmal zu Weihnachten oder zu den Geburtstagen. Mutter sprach auch nie über sie. Es war nicht weiter schwierig, sie aus unserem Leben herauszuhalten, weil sie noch im Geburtsort unserer Mutter lebte, in dem Dorf Ohltal, hundert Kilometer von Nürnberg entfernt. Und wir wohnten die ganze Zeit hier in Münster.«

»Als deine Mutter diesen Brief an ihre Schwester schrieb, lebte sie noch in Nürnberg.« Aufmerksam las Valerie den Absender hinten auf dem Umschlag.

»Dort haben meine Eltern sich kennengelernt und geheiratet, und dort wurde ich geboren. Wenige Monate nach meiner Geburt sind wir dann hierher umgezogen. Das haben sie jedenfalls immer erzählt.« Nervös strich Annemarie sich eines ihrer silbernen Löckchen aus der Stirn.

Entschlossen zog Valerie den dünnen, linierten Bogen aus dem Kuvert, faltete ihn auseinander und strich ihn auf dem Tisch glatt. Die Schrift war die gleiche wie außen auf dem Umschlag. Ein wenig ungelenk, mit spitzen Schwüngen nach oben und nach unten.

Nürnberg, den 12. September 1928

Liebe Ottilie,

es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht, und obwohl ich morgen früh um sechs Uhr in der Küche bei den Frühstücksvorbereitungen helfen muss, bin ich noch einmal aufgestanden, um Dir zu schreiben.

Um diese Zeit ist es hier im Gesindehaus so still, dass mein eigener Atem mir wie ein Sturm erscheint.

Es fällt mir furchtbar schwer, Dir zu schreiben, doch es muss von meiner Seele, und ich kann mit niemandem sonst darüber reden. Du bist meine große Schwester, und ich erinnere mich gut, wie Du damals Karl aus der Klasse über mir verhauen hast, weil er mir so doll an den Zöpfen gezogen hatte, dass mein Kopf blutete.

Glaube mir bitte, ich wollte nicht unvernünftig sein. Und wenn es auch viele Momente gibt, in denen ich nicht ein noch aus weiß, kommen doch immer wieder Augenblicke, da denke ich, dass am Ende alles gut ausgehen wird.

Ich sehe vor mir, wie Du den Kopf schüttelst und Dein Mund ganz schmal wird. Das war schon immer Deine Art, mir zu zeigen, dass ich etwas sehr Dummes getan habe.

So wie damals, als ich in meinem wunderschönen neuen Sonntagskleid auf den Baum geklettert bin, um Kirschen zu pflücken. Das Kleid hatte hinterher einen Riss und viele rote Flecken. Ich bekam eine Tracht Prügel und musste Dein altes Sonntagskleid auftragen, das mir viel zu groß war. Du hast kein Wort dazu gesagt, hast mich nur angesehen, mit dem Kopf geschüttelt und Deinen Mund so fest zusammengepresst, dass er aussah wie ein Bleistiftstrich.

Aber wenn Du einen Ausweg gewusst hättest, dann hättest Du mir geholfen.

Eben hat die alte Uhr im Flur die erste Stunde geschlagen. Es wird Zeit, dass ich versuche zu schlafen. Ich falte diesen Brief erst einmal zusammen und stecke ihn in den Umschlag, auf den ich schon Deine Adresse geschrieben habe. Aber ich klebe das Kuvert nicht zu.

Vielleicht finde ich morgen den Mut, diesen Brief zu beenden und Dir zu erklären, was ich Dir eigentlich schreiben wollte.

Nachdem sie die eng beschriebenen Seiten gelesen hatte, saß Valerie eine Weile still da und starrte auf die verblasste Schrift. »Was wollte sie ihrer Schwester bloß mitteilen? Sie klingt so verzweifelt.«

»Sie dir mal das Datum oben auf dem Briefbogen an.«

»Knapp acht Monate vor deiner Geburt, Omi.« Valerie schnappte nach Luft. »Meinst du, sie hatte festgestellt, dass sie schwanger war? Aber sie lebte im Gesindehaus der Villa Weißenfels. Dann war sie doch wahrscheinlich noch nicht mit deinem Vater verheiratet.«

Annemarie nickte und schaffte es, gleichzeitig den Kopf zu schütteln. »Wenn ich nicht mit ihr verwandt bin, kann ich nicht das Kind gewesen sein, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt schwanger war.«

Nachdenklich klopfte Valerie sich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn. »Aber wir waren ja schon so weit, dass du möglicherweise in einem Krankenhaus nach der Geburt versehentlich vertauscht wurdest. Natürlich muss deine Mutter dann in den Monaten vor deinem Geburtstag schwanger gewesen sein. Nur eben nicht mit dir.« Tröstend wollte sie Annemarie über den Unterarm streichen, doch ihre Großmutter bemerkte ihre Bewegung nicht und lehnte sich gedankenverloren zurück.

»Meine Eltern haben ihren Hochzeitstag zehn Monate vor meinem Geburtstag gefeiert.« Annemaries Stirn lag in unzählige Fältchen, während sie das erzählte.

»Sie wollten ihren Töchtern verheimlichen, dass eine von ihnen vor der Hochzeit gezeugt wurde. Das waren andere Zeiten als heute.« Obwohl das alles so verwirrend und traurig war, musste Valerie lächeln. »Wie sollten sie euch erklären, dass ihr vor der Hochzeit die Finger von den Männern lassen solltet, wenn sie selbst … Hast du ihre Heiratsurkunde mal gesehen?«

»Nein. Wer kontrolliert denn, ob die eigenen Eltern genau an dem Datum geheiratet haben, an dem sie behaupten?« Jetzt verzog auch Annemarie den Mund zu einem angedeuteten Lächeln. »Warte mal …«

Sie legte einen Finger gegen die Nasenspitze und starrte den Herd an, als könnte er ihr Antworten auf all ihre Fragen geben. »Ich erinnere mich, dass sie irgendwann mal erzählt haben, ihre Heiratsurkunde sei beim Umzug von Nürnberg nach Münster verloren gegangen. Das war, als ich zu Erikas Hochzeit ein Album machen und da eine Fotokopie der Urkunde unserer Eltern einkleben wollte.«

Wieder sahen Annemarie und Valerie einander lange stumm an.

»Es ist furchtbar, plötzlich nicht mehr zu wissen, wer ich bin.« Annemarie umklammerte so fest die Tasse mit dem längst kalten Kaffee, dass Valerie ihr Fingerknöchel weiß hervortreten sah.

»Wir finden heraus, was damals passiert ist, Omi. Wenn ich meinen Abschluss habe, fahre ich anstatt nach Spanien nach Nürnberg.« Dieses Mal gelang es ihr, tröstend den Arm ihrer Großmutter zu streicheln. Allerdings schien Annemarie das kaum wahrzunehmen. Sie starrte mit leerem Blick vor sich hin.

»Wie lange dauert es, bis du deine Abschlussarbeit geschrieben hast?«, flüsterte Annemarie mit blassen Lippen.

»Ein paar Monate wird es schon noch dauern. In knapp zwei Wochen gebe ich meine allerletzte Hausarbeit ab.

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