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Die Töchter der Heilerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zum Gedenken
  7. Zitat
  8. Karte
  9. ZAUBERSPRUCH
  10. I
  11. 1
  12. 2
  13. 3
  14. 4
  15. 5
  16. 6
  17. 7
  18. 8
  1. II
  2. 9
  3. 10
  4. 11
  5. 12
  6. 13
  7. 14
  8. 15
  9. 16
  1. III
  2. 17
  3. 18
  1. IV
  2. 19
  3. 20
  4. 21
  5. 22
  1. V
  2. 23
  1. NACHWORT

Über die Autorin

Mary Sharratt stammt aus Minneapolis, Minnesota. Sie lebt seit sieben Jahren in Pendle, einer Region in Lancashire, England. Die Inspiration für Die Töchter der Heilerin entsprang dieser wilden, ungezähmten Landschaft. Sharratt hat ausführlich in historischen Dokumenten recherchiert: Alle zentralen Figuren und Ereignisse dieses Romans entstammen den Aufzeichnungen des Gerichtsschreibers Thomas Potts über die Hexenprozesse des Jahres 1612 in Lancaster.

Mary Sharratt bekam 2005 für den Roman The Real Minerva den WILLA Literary Award, benannt nach der amerikanischen Pulitzerpreis-Gewinnerin Willa Cather.

 

ZUM GEDENKEN AN ELIZABETH SOUTHERNS ALIAS

MUTTER DEMDIKE SOWIE AN ALIZON DEVICE,

ELIZABETH DEVICE, JAMES DEVICE, ANNE WHITTLE,

ANNE REDFEARN, ALICE NUTTER, KATHERINE HEWITT,

JANE BULCOCK, JOHN BULCOCK UND JENNET PRESTON.

 

SIE WAR EIN URALTES WEIB VON ETWA ACHTZIG JAHREN, UND FÜNFZIG DAVON EINE HEXE. IM PENDLE FOREST LEBTE SIE, EINEM RIESIGEN WALD, DER GÜNSTIG WAR FÜR IHR GEWERBE. NIEMAND WEIß, WAS SIE ZU IHRER ZEIT ALLES VERBROCHEN HAT … SIE WAR DIE STATTHALTERIN DES TEUFELS IN DIESEM GANZEN LANDSTRICH, UND NIEMAND ENTKAM IHR ODER IHREN FURIEN.

Thomas Potts, The Wonderfull Discoverie of Witches in the County of Lancaster, 1613

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ZAUBERSPRUCH

ZU KARFREITAG WERDE ICH FASTEN,

BIS ICH SIE HÖRE LÄUTEN,

DIE GLOCKE UNSRES HERRN.

DER HERR SITZT BEIM ABENDMAHL

MIT SEINEN ZWÖLF GUTEN APOSTELN.

WAS HÄLT ER IN DER HAND?

EINEN GOLDENEN STAB.

WAS HÄLT ER IN DER ANDEREN HAND?

DEN SCHLÜSSEL ZUM HIMMELSTORE.

TUT AUF, TUT AUF, SCHLÜSSEL ZUM HIMMEL.

BLEIB GESCHLOSSEN, HÖLLENTOR.

LASST DAS CHRISTUSKIND

ZU SEINER MUTTER LIND.

WAS LEUCHTET DORT SO WUNDERSAM?

MEIN EIGENER LIEBER SOHN ANS HOLZ GESCHLAGEN,

WEH ANGESCHLAGEN MIT HERZ UND HAND,

DIE DORNENKRONE AUF DEM HAUPT.

WOHL DEM MANNE,

DER SEIN KIND

DIESEN FREITAGSZAUBER LEHRT.

EIN KREUZ VON BLAU, EIN KREUZ VON ROT.

ALS DER GUTE GOTT AM KREUZE HING

LEGTE GABRIEL SICH ZUM SCHLAFEN NIEDER

AUF DEN HEILGEN TRAUERGRUND.

DA KAM DER GUTE GOTT DES WEGS:

SCHLÄFST DU, WACHST DU, GABRIEL?

NEIN, HERR, AN PFLOCK UND PFAHL BIN ICH GESCHLAGEN,

DASS ICH NICHT SCHLAFEN KANN, NICHT WACHEN.

STEH AUF, GABRIEL, UND KOMM MIT MIR

NICHT PFLOCK NOCH PFAHL SOLLEN DICH HALTEN HIER.

Ein Spruch, um eine verhexte Person zu heilen.

Zugeschrieben Elizabeth Southerns’ Familie und

aufgezeichnet von Thomas Potts während der

Hexenprozesse des Jahres 1612 in Lancaster.

I
ABENDDÄMMERUNG
BESS SOUTHERNS

1

1610

Seht uns hier versammelt, drei Frauen an Richard Baldwins Tor. Bei mir sind meine Tochter, die scheeläugige Liza, und meine Enkelin Alizon, die gerade fünfzehn ist und strahlend wie die Mittagssonne; so hell, dass sie die Dunkelheit meines versagenden Augenlichts durchdringt. Demdike nennen mich die Leute, nach dem verfluchten Bach nahe meiner Wohnstatt, wo die Bauern vor der Schur ihre Schafe waschen. Als ich noch jünger war und kräftiger, pflegte ich beim Waschen der Schafe zu helfen. Hatte nicht einmal Angst vor den wildesten Böcken. Ich konnte seit jeher alle Wesen beruhigen, indem ich leise und sanft mit ihnen sprach. Und obwohl ich jetzt alt bin, verkrüppelt und fast blind, ist mein Gedächtnis lang wie ein Mittsommertag, und mit meinem inneren Auge sehe ich klar.

Wir drei warten, bis Baldwin einen Blick auf uns erhascht und herausgestürmt kommt. Durch den milchigen Schleier, den das Alter über meine Augen geworfen hat, erkenne ich seine Gestalt. Dürr wie ein toter, ausgetrockneter Stecken ist er, mit verkniffenem Gesicht, und trägt die nüchternen schwarzen Kleider eines Puritaners. Dick Baldwin hält sich für einen gottesfürchtigen Mann. Ein lauter Knall auf den Boden – er hat eine Pferdepeitsche bei sich. Meine Tochter zuckt zusammen, als er sie auf die von der Dürre gehärtete Erde schnellen lässt.

»Huren und Hexen«, keift er so schrill, dass Raben auffliegen würden von seiner Stimme. »Weg von meinem Land.«

Ich spüre den Luftzug im Gesicht, als er seine Peitsche schwingt, um uns Angst zu machen, aber ich spüre sein Entsetzen, als ich Alizons Hand, die mich führt, loslasse und vortrete. Fest und sicher stehe ich vor ihm auf meinen mit Lumpen umwickelten Füßen. Wir sind nur gekommen, um zu verlangen, was uns rechtmäßig zusteht.

»Huren und Hexen«, beschimpft er uns noch einmal und schreit so grimmig, dass sein Speichel auf mich spritzt. »Die eine verbrenn’ ich, die andere knüpf’ ich auf.«

Er spricht zu Liza und mir und beachtet die junge Alizon nicht, denn er wagt dieses Mädchen nicht einmal anzusehen, dessen Schönheit und bitterer Hunger genug wären, um ihn auf seine knotigen Knie sinken zu lassen.

Ich trete noch einen Schritt vor und zwinge ihn, vor mir zurückzuweichen. Der Mann hat sogar Angst, dass mein Atem ihn berührt. »Deine Worte fechten mich nicht an«, sage ich zu ihm. »Häng dich doch selbst auf.«

Unser Master Baldwin spielt den rechtschaffenen Kirchenmann, aber das, was ich über ihn weiß, würde seinen guten Namen in alle Ewigkeit besudeln. Da kann er seine Psalmen herunterleiern, bis er heiser wird, für ihn wird sich das Himmelstor niemals öffnen. Ich weiß es, er weiß es, und wegen dieses Wissens fürchtet und hasst er mich. Unter seinen schwarzen Kleidern schlägt ein noch schwärzeres Herz. Hat meine Liza angestellt, damit sie Wolle kämmt, der Baldwin, und wollte sie dann nicht entlohnen. Und damit nicht genug, unsere Liza hat noch viel mehr für ihn getan, als Wolle zu kämmen. Puritaner oder nicht, er hat sein Vergnügen mit ihr gehabt, und unsere Liza, die einsam war und um ihren armen ermordeten Mann trauerte, der jetzt zehn Jahre tot ist, war so weichherzig und hat ihn gewähren lassen. Törichtes Mädchen.

»Genug jetzt«, sage ich. »Liza hat Eure Wolle gekämmt. Wo bleibt ihr Lohn? Wir sind arme, hungrige Leute. Wollt Ihr uns verhungern lassen in Eurem Geiz?«

Ich spreche in einem leisen, warnenden Ton, nicht unähnlich dem Knurren eines Hundes, bevor er beißt. Männer wie er sollten wissen, dass sie meinesgleichen besser nicht verärgern. Ich bin in ganz Pendle Forest als weise Frau bekannt, in deren Macht es steht zu segnen, aber auch zu verfluchen.

Master Baldwin gibt mir die Schuld, weil seine Tochter Ellen zu schwach ist, um von ihrem Bett aufzustehen. Das Mädchen war vom Tag seiner Geburt an blässlich und schwindsüchtig und ihre ganzen neun Jahre lang nie gesund. Einmal hat er mich gerufen, damit ich sie heilen sollte. Ich wischte ihr die Stirn ab, braute ihr einen Trank aus Mutterkraut und Lungenkraut, aber dennoch kränkelte und zitterte sie. Hab mein Bestes versucht, aber manche Kranken kann man nicht heilen. Doch Baldwin glaubt, ich hätte das Mädel aus Bosheit verhext. Warum sollte ich dem armen Mädchen ein Haar krümmen, wo doch seine andere Tochter, die, die er nicht anspricht und die er nicht einmal anschauen will, meine jüngste Enkelin ist, Jennet mit ihren sieben Jahren?

»Richard.« Meine Liza fasst sich ein Herz und tritt auf ihn zu. Flehentlich streckt sie eine Hand aus. »Hab ein Herz. Um unserer Jennet willen. Wir haben nichts mehr zu essen im Haus.«

Doch er dreht sich in kalter Furcht von ihr weg und will sie immer noch nicht entlohnen für ihre ehrliche Arbeit, gibt uns keinen Penny. Was kann ich tun? Nur versprechen, dass ich für ihn beten werde, bis er sich eines Besseren besinnt? Halblaut, damit seine puritanischen Ohren es nicht hören, murmle ich die lateinischen Verse des alten Glaubens. Wie er erbleicht und zittert bei meinen geflüsterten Worten – glaubt er denn, dass er tot umfällt davon? Er macht sich auf, zurück zum Haus. Hinter seiner verriegelten Tür wird er sich verstecken, bis er ganz sicher ist, dass wir fort sind.

»Komm, Gran.« Alizon fasst mich am Arm, um mich nach Hause zu führen. In diesem dunklen Herbst meiner Jahre komme ich ohne sie nicht mehr herum. Doch vor meinem inneren Auge sehe ich Tibb auf der Bruchsteinmauer sitzen. Die Sonne bricht durch die Wolken und übergießt sein listiges Gesicht mit goldenem Licht. Dick Baldwin würde ihn einen Teufel nennen, oder sogar den Teufel, aber ich weiß es besser. Tibb, dessen schöne Gestalt für niemanden sichtbar ist außer für mich.

»Allgemein halte ich ja nichts von Schadenzaubern«, lässt Tibb sich vernehmen und streckt die langen Beine aus. »Aber wer könnte es dir übelnehmen, Master Baldwin zu verfluchen, nach allem, was er dir und den Deinen angetan hat?« Er lächelt strahlend. »Willst du Rache?«

»Nein, Tibb. Nur Gerechtigkeit.« Ich spreche mit meiner inneren Stimme, die nur Tibb hören kann. Wenn Baldwin krank werden und sterben würde, was würde dann aus seiner ehelichen Tochter, Ellen? Ihre Mutter ist schon lange tot. Noch so ein armes Mädel, das sein Leben von den Almosen der Gemeinde fristen müsste. Nein, diese Last will ich mir nicht auf die Seele laden.

»Gerechtigkeit!« Tibb lacht und schüttelt dann den Kopf. »Von Dick Baldwin und seinesgleichen? Oh, du hast dir viel vorgenommen.«

Tibbs Lachen lässt die Jahre dahinschmelzen und versetzt mich zurück in die alten Zeiten, als ich mit meinen eigenen Augen weit sehen und auf meinen eigenen Beinen gehen konnte und niemanden brauchte, der mich führt.

2

1582

In der Abenddämmerung sah ich ihn zum ersten Mal, einen Knaben, der aus dem Steinbruch in Goldshaw geklettert kam. Die untergehende Sonne ließ sein blondes Haar aufleuchten. Schlank war er und so jung und schön. Und rein. Er hatte nichts Niederträchtiges an sich, keine Tücke oder Bosheit. Ich wusste gleich, dass er mich nicht anspucken würde, weil ich ein barfüßiges Bettelweib war. Er würde mich nicht mit Flüchen überschütten oder versuchen, mich in den Straßengraben zu stoßen. Da war etwas in seinen Augen; eine Sanftheit, ein Wissen. Wenn er mich ansah, schienen sich meine schmerzenden Knie in Butter zu verwandeln. Wenn er lächelte, zerschmolz etwas tief in meinem Inneren, und mein Herz schlug, pochte und polterte, bis ich beinahe ohnmächtig wurde. Was sollte so ein Bursche von einer fünfzigjährigen Witwe wie mir wollen?

Es war Mai, doch ein kalter Abend. Sein Rock war halb schwarz, halb braun. Bei mir dachte ich, dass er genauso arm sein musste wie ich, denn da bleibt einem nichts anderes übrig, als seine Kleider aus verschiedenfarbigen Lumpen zusammenzunähen. Er streckte die Hand aus, als wollte er einen alten Freund begrüßen.

»Elizabeth«, sagte er. »Meine Bess.« Die Namen, unter denen ich als Mädchen mit schlanker Taille, starken Beinen und wallendem kastanienbraunen Haar bekannt war. Woher kannte er meine wahren Namen? Auch damals war ich den meisten schon als Demdike bekannt. Der Knabe lächelte strahlend, mit sauberen weißen Zähnen, von denen keiner fehlte, und seine Augen blitzten teuflisch, so als wäre ich noch diese junge Frau, deren Haut war wie frische Milch.

»Na so was«, sagte ich, denn ich war niemals jemand, der lange schweigen konnte. »Du kennst also meinen Namen. Und wie heißt du?«

»Tibb«, sagte er.

»Dein Familienname.« Ich nickte, obwohl ich in Pendle Forest keine Tibbs kannte. »Und dein Rufname?« Schließlich, dachte ich, kannte er auch meinen, Gott weiß, woher.

Er hob das Gesicht dem rötlich glühenden Himmel entgegen und lachte, als die Sonne endgültig hinter dem Pendle Hill versank. Dann hörte ich hinter mir ein Geräusch: das verblüffte Kreischen eines auffliegenden Fasans. Als ich mich wieder zu dem Burschen umwandte, war er verschwunden. Ich schaute den Weg auf und ab, doch ich entdeckte ihn nirgendwo, konnte nicht einmal seine Fußabdrücke auf dem schlammigen Pfad erkennen. Ließ mein Verstand mich im Stich? War der Knabe überhaupt wirklich gewesen? Da wurde mir ängstlich zumute, und mich fror am ganzen Körper, als hätte sich Reif über meine Haut gelegt.

Zuerst erzählte ich niemandem von Tibb. Wer hätte mir auch geglaubt, da ich es ja selbst kaum fassen konnte? Ich hegte nicht den Wunsch, mich noch mehr zum Gespött zu machen, als ich es ohnehin schon war.

Mein Mann Ned Southerns war kurz nach der Geburt unserer schielenden Liza vor neunzehn Jahren verschieden. Er gab mir die Schuld an der Missbildung unserer Tochter, weil er fand, ich hätte zu viel Umgang mit Tieren gehabt, als ich mit ihr schwanger ging, denn in meinen Ehejahren hielt ich fünf Hühner und sogar eine Milchziege. Ich hatte noch ein Kind, Christopher, der drei Jahre älter war als Liza und nicht von meinem Mann. Er war bei Weitem nicht der einzige Bastard in Pendle Forest. Der Adel und die Freibauern zeugten genauso viele illegitime Kinder wie wir armen Leute; sie verstanden sich nur besser darauf, es zu vertuschen. Liza, Kit und ich wohnten in einem alten verfallenen Wachturm am Rande von Pendle Forest. Unser Turm war älter als Adam und so zugig, dass man dort nicht einmal Viehfutter aufbewahren konnte, aber für uns reichte er. Malkin Tower hieß er, und wie Ihr sicher wisst, kann »malkin« entweder »Feldhase« oder »loses Weib« bedeuten. Hätte es einen besseren Platz geben können für mich und meine Brut?

Trotzdem flüsterten die Leute, es sei schon merkwürdig, dass eine wie ich in einem Turm aus dickem Stein lebe, der sich unten am Fuß sogar einer Außenküche mit einer richtigen Feuerstätte rühmen konnte, während manch arme Witwe sich mit einer Kate aus nur einem einzigen Raum ohne Herd, nur mit einer Feuerstelle im nackten Erdboden, begnügen musste. Die Wahrheit ist, dass meiner armen toten Mutter der Turm auf Lebenszeit zugesprochen wurde – Türme, die nach gefallenen Mädchen benannt waren, bargen stets peinliche Geheimnisse.

Als meine Mam jung und ansehnlich war, diente sie bei den Nowells von Read Hall. Sie war die Tochter des obersten Stallknechts und hatte gute Aussichten und dazu noch eine bescheidene Mitgift. Was hatte sie getan, um den Blick von Master Nowells Sohn auf sich zu ziehen, der damals ein Bursche von siebzehn Jahren war? Die Nowells waren keine alte Familie und nicht halb so bedeutend wie die Shuttleworths von Gawthorpe Hall oder die Lacys aus Clitheroe. Das Vermögen der Nowells war zusammen mit dem Aufschwung des neuen Glaubens gewachsen. Damals, als die Truppen des alten Königs Henry kamen, um die Abtei von Whalley zu brandschatzen, schickten die Nowells ihre Männer, damit sie halfen, die uralten Steinmauern einzureißen. Der König belohnte ihre Treue, indem er den Nowells einen Gutteil der Ländereien der Abtei übertrug. Einer der Söhne des alten Nowell ging ins ferne Cambridgeshire und machte sich einen Namen als puritanischer Gottesmann, so hat man es mir jedenfalls erzählt. Die Nowells lassen landauf, landab verbreiten, sie seien gottesfürchtige Leute. Doch selbst die Frommen sind nicht gefeit vor jugendlicher Torheit.

Meine Mam war, bevor sie in Ungnade fiel, ein rechtschaffenes Mädchen gewesen, daher konnte der junge Master Roger sie nicht so einfach abschieben wie eine Schankmagd. Und so wurde meiner Mam der Malkin Tower auf Lebenszeit zugesprochen, unter der Bedingung, dass sie die Nowells von Read Hall nie wieder behelligte. Er lag so weit von Read entfernt, dass ihr Anblick sie nicht störte, aber nah genug, um sie im Auge zu behalten, für den Fall, dass sie versuchte, deren guten Namen zu beschmutzen. Meine Mam und ich waren niemals achtbar; Achtung kostet Geld, und wir hatten nicht einmal das Schwarze unterm Fingernagel. Wir hatten den Malkin-Turm, in dem wir wohnten, aber nicht das kleinste Stückchen Land, auf dem wir Schafe hätten weiden können. Das Beste, was wir zustande brachten, war ein kleiner Garten auf dem steinigen Boden. Ich glaube, im Lauf der Zeit hatten die Nowells uns ganz vergessen. Als meine Mam – Gott sei ihrer unsterblichen Seele gnädig – starb, war der Turm so verfallen, dass sie ihn anscheinend nicht zurückhaben wollten. Also blieb ich, denn wohin hätte ich mich auch sonst wenden sollen? Anscheinend zogen sie es vor, keinen Umgang mit mir zu pflegen, und es beschämte sie weniger, mich hier hausen zu lassen, ohne dass ich einen Viertelpenny Zins bezahlte.

Mein leiblicher Vater ist vor einigen Jahren glücklich, fett und reich gestorben. Sein ältester Sohn, mein Halbbruder, der ebenfalls Roger heißt, wurde der neue Herr von Read Hall, das zum Teil aus den Steinen erbaut ist, die die Knechte seines Großvaters aus der zerstörten Abtei weggetragen hatten. Mein Halbbruder war ungefähr zwanzig Jahre jünger als ich. Unsere Wege kreuzten sich selten, denn die Nowells gingen zusammen mit den anderen feinen Leuten in Whalley zur Kirche und besuchten niemals die New Church in Goldshaw, in der die Freibauern und der niedere Adel beteten. Aber einmal, an einem Markttag in Colne, bekam ich Roger Nowell zu Gesicht. Er war unverkennbar, wie er da saß, wie ein siegreicher Ritter auf seinem großen Shire-Pferd mit dem blauschwarz schimmernden Fell und den roten Bändern, die in seine Mähne eingeflochten waren. Das war vor einigen Jahren, als das Gesicht meines Halbbruders noch glatt und faltenlos war. Ein ansehnlicher Mann war er und hatte ein kräftiges Kinn, genau wie ich. Ich sah ihn geradewegs an, um festzustellen, ob er seine Blutsverwandte erkennen würde. Aber seine scharfen blauen Augen glitten über mich hinweg, als wäre ich nichts als ein Haufen Unrat.

Im Laufe der Jahre war er ein mächtiger Mann geworden, Magistrat und Friedensrichter. Im Pendle Forest bemühten wir uns, ihn nicht zu verärgern oder ihm irgendeinen Anlass zur Beschwerde zu geben. Da ich eine arme Witwe war, gewährte er mir eine Bettlerlizenz, wohlgemerkt über den Constable, ohne ein Wort mit mir zu sprechen. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als über die Wege des Pendle Forest zu wandern und unterwürfig um Essen und um ehrliche Arbeit zu bitten.

Aber die Zeiten, in denen ein Christenmensch sich verpflichtet fühlte, den Armen Almosen zu geben, waren vorbei. Als ich ein kleines Mädchen war, versorgten die Mönche von Whalley Abbey die Bedürftigen mit Essen und mit Kleidung, und die reichen Leute hielten es ebenso, denn wenn sie uns gegenüber geizig waren, würde ihre Seele lange, lange im Fegefeuer leiden. In den alten Zeiten achtete man die Armen, weil unsere Gebete bei Gott besser angesehen waren als die der Reichen. Manch ein Wohlhabender ließ auf dem Totenbett Essen und Almosen an die Ärmsten in der Gemeinde verteilen, wenn sie nur für seine unsterbliche Seele beteten. So hat es mir meine Mam erzählt. Beim Begräbnis erhielten die Armen dann Brot und Allerseelengebäck als milde Gabe.

Die Reformierten behaupteten, das Fegefeuer sei Häresie: Es gab nur den Himmel für die Auserwählten und die Hölle für alle anderen; wozu also brauchten die Reichen die Armen zu bestechen, damit sie für sie beteten? Uns einfaches Volk betrachteten sie nicht länger als gottgesegnet, sondern als Plage. Wenn ich um eine bloße Schale Magermilch oder eine Hand voll Hafer bettelte, um Wasserporridge zu kochen, zogen die Hargreaves und die Bannisters und die Mittons die Augenbrauen zusammen und sagten, mein schweres Los sei Gottes Strafe für meine Sünde, weil ich einen Bankert in die Welt gesetzt hatte. Bodenlos geizig waren sie. Sie hatten ja keine Ahnung. Liza, mein ehelich gezeugtes Kind, war missgebildet, weil ihr Vater, mein Mann, mir keine nennenswerte Lust geschenkt hatte, während Kit, mein Bastard, der aus Leidenschaft und Begehren geboren war, groß, schön und wohlgestalt war wie eine Lärche. Aber ach, die Puritaner sahen nur, was sie sehen wollten. Ihre sogenannte Wohltätigkeit bestand größtenteils aus einem halben Laib harten Brots, wofür ich einen ganzen Tag schmutzige Unterwäsche zu waschen hatte.

Doch sogar das würde ich ihnen vergeben, wenn sie mein Leben nicht seines Trosts und seiner Freude beraubt hätten. In den alten Zeiten hatten wir Heilige für alles: Margaret half im Kindbett, Anne bot Schutz bei Gewitter, Anthony bewahrte vor Feuer, George heilte Pferde und beschützte sie vor Hexerei. Der alte König Henry verbot uns, vor den Heiligen Kerzen anzuzünden, aber wenigstens ließ er uns die Altäre. In den alten Zeiten wurden wir auch nicht gezwungen, zur Kirche zu gehen, nicht einmal zur Kommunion an Ostern. Das Kirchenschiff gehörte uns, den einfachen Leuten, und es war unser gemeinsames zweites Heim. Ein aus Eichenholz geschnitztes Altargitter, hinter dessen Bogen der Priester stand, wenn er die Messe hielt, trennte das Kirchenschiff vom Altarraum mit dem Hochaltar. Und wir standen während der Messe auch nicht feierlich und verbissen herum, sondern wanderten im Schiff umher, gingen von einem Heiligenaltar zum anderen und betrachteten die Bilder und Statuen, bis der Priester die Glocke läutete und dann die Hostie in die Höhe hielt, damit alle sie sehen konnten; die einfache Oblate, die durch ein herrliches Wunder in Leib und Blut Christi verwandelt worden war. Man brauchte die Hostie nur anzusehen und war gefeit vor Hexerei, Pest und plötzlichem Tod.

Als ich zwölf war, wurde die New Church of St. Mary’s in Goldshaw vollendet und ersetzte die alte, verfallene Hilfskirche, in der ich getauft worden war. Der Bischof kam aus Chester und weihte sie gerade noch rechtzeitig zu Allerseelen, und dann läuteten wir die ganze Nacht die Glocken, um unseren Toten Trost zu schenken.

Damals hatten wir noch unsere Feiertage. Weihnachten dauerte zwölf Tage und Nächte, und Vermummte und Leute, die Tiermasken trugen, tanzten im Licht der Fackeln. Der Hofnarr, ein Mann von niederer Geburt, spielte vor dem Adel den großen Herrn und brachte die armen Leute zum Lachen. Die Towneleys von Carr Hall pflegten alle ihre Nachbarn, arm und reich gleichermaßen, zu ihren Festlichkeiten einzuladen. Am Palmsonntag versammelte sich die ganze Gemeinde zu einer Prozession durch die Felder, um sie fruchtbar zu machen. Nachdem es dunkel war, gingen die jungen Leute hinaus, um das Land auf ihre eigene Art zu segnen. Jeder wusste, was vor sich ging, aber niemand hinderte sie daran. Wenn ein Mädel und sein junger Mann nachher eilig vor den Altar treten mussten, dachte deswegen niemand schlecht von ihnen. Ich ging zusammen mit den anderen Mädchen, Arm in Arm mit meiner besten Freundin Anne Whittle, und wir beide trugen grüne Kränze und sangen. Anne hatte kirschrote Lippen und hatte gern ihren Spaß mit den Burschen; aber ich dachte an das Los meiner Mutter und tat damals nichts, was über Küssen und Schäkern hinausgegangen wäre. Erst später in meinem Leben kam ich vom rechten Weg ab, als ich eine verheiratete Frau war und schmerzlich unbefriedigt und mir mein Vergnügen anderswo suchte.

In meiner Jugend standen wir am Morgen des 1. Mai vor Sonnenaufgang auf, um Weißdorn und Waldmeister zu sammeln. Wir tanzten um den Maibaum und tranken Holunderwein, bis sich sogar der Himmel drehte. Zu Mittsommer, in der Johannisnacht, brachten wir Birkenzweige in die Kirche, bis unsere Kapelle aussah wie ein Hain. Die Johannisfeuer brannten die ganze Nacht. Manche Leute verbrannten Knochen statt Holz, um mit dem Gestank böse Wesen von den heranreifenden Feldfrüchten zu vertreiben. Die meisten von uns versammelten sich jedoch um das Feuer aus süß duftendem Apfelholz, wo wir die ganze Nacht tanzten und uns bei Sonnenaufgang ins Gras sinken ließen. Zu Lammas, dem Schnitterfest, krönten die Schnitter die Erntekönigin, und in einem Jahr, bei der Jungfrau Maria, war ich es, die als Mädchen von fünfzehn Jahren mit Rosen und Gerste gekrönt wurde, und die Burschen flehten mich an um einen Kuss.

Inzwischen war der alte König Henry tot, und wir hegten die Hoffnung, die alten Bräuche würden wieder aufleben. Mit Rosen bekrönt führte ich zu Mariä Himmelfahrt die Prozession der Jungfrauen an. Wir alle trugen Blumen und Früchte, um sie auf den Altar der Himmelskönigin zu legen. Doch nur Wochen später schickte Edward, der Kinderkönig, seine Männer, damit sie jede Statue in unserer Kirche zerschmetterten, sogar die der Gottesmutter selbst, während wir einander entsetzt umfangen hielten. Sie rissen das Kruzifix über dem Hochaltar herunter und verbrannten es, als wäre es ein heidnisches Götzenbild. Sie zerstörten unseren Lettner, verboten unsere Prozessionen und untersagten uns, die Kirche zu Mittsommer mit grünen Zweigen zu schmücken oder zu Corpus Christi rote Rosen und Mohnblumen zum Altar zu bringen. Sie zündeten unseren Maibaum an und verboten uns, für die Toten zu beten oder die Festtage der Heiligen zu begehen.

Sechs Jahre später hauchte der Schwächling Edward sein Leben aus, und seine Schwester Mary Tudor versprach, die alte Religion zurückzuholen. Während der fünf Jahre ihrer Herrschaft bekamen wir unsere Festtage wieder, unsere Prozessionen und unsere Messen, bei denen Weihrauch geschwenkt wurde und zu Ehren der Heiligen ein Meer von Kerzen brannte. Die Towneleys, die Nutters und die Shuttleworths zahlten für den neuen Lettner, die neuen Statuen, Altardecken und Messgewänder. Wir hatten unseren Maibaum wieder und läuteten in der Allerseelennacht die Kirchenglocken für unsere Vorfahren. Aber unsere Freude war uns vergällt, als die Kunde kam, dass Mary Ketzer bei lebendigem Leib verbrennen ließ, nicht weniger als dreihundert, deren einzige Hoffnung auf ein Ende ihrer Qualen die Päckchen mit Schießpulver waren, die sie unter ihren Kleidern versteckt trugen. Unsere katholische Königin war nichts weiter als eine Tyrannin. Nicht lange darauf starb Mary, verachtet von ihrem eigenen Mann, wie man sich erzählte.

Unter Königin Elizabeth trat wieder die neue Religion an die Stelle der alten. Die Vertreter der Königin stürmten die Kirche und hackten unseren nagelneuen Lettner in Stücke. Doch dieses Mal konnten sie die Statuen oder das Kruzifix nicht zerstören, denn die Towneleys, Shuttleworths und Nutters hatten die heiligen Abbilder unter sich aufgeteilt und versteckten sie in geheimen Kapellen in ihren Herrenhäusern. In diesen frühen Tagen behaupteten einige, Elizabeths Herrschaft könne nicht lange währen. Sie war Anne Boleyns Bankert, und es sah so aus, als wollte halb England sie tot sehen. Noch dazu weigerte sie sich zu heiraten und einen Erben ihrer eigenen Religion zu zeugen. Doch die Königin und ihre Reformen überdauerten.

Wahrhaftig, die alten Gebräuche starben an jenem Tag, als Elizabeths Schergen unsere Kirche plünderten. Während der letzten über zwanzig Jahre hatte es keinen Tanz am Sonntag gegeben, kein Sonntagsbier, wie wir es tranken, als wir sogar in der Kirche selbst feierten. Obwohl der Sabbat unser einziger freier Tag war, gönnte der Kurat uns dann keine Freude. Kein Fußball, kein Würfeln oder Kartenspiel. Magistrat Roger Nowell, mein Halbbruder, verbot die Robin-Hood-Spiele und die Sommerspiele, weil sie, wie er behauptete, der Trunkenheit und der Liederlichkeit unter den niedrigen Ständen Vorschub leisteten. Vor ein paar Wochen wurde der Pfeifer von Clitheroe verhaftet, weil er spät an einem Sonntagnachmittag auf seinem Dudelsack gespielt hatte.

Der Kurat predigte, nur die Auserwählten kämen in den Himmel, und ich war so schlau und wusste, dass ich nicht dazugehörte. Wenn ich also ohnehin verdammt war, warum sollte ich dann ihre Gebote befolgen? Wohlgemerkt, sonntags ging ich zur Kirche. Entweder das, oder man bekam die Peitsche des Gemeindevorstehers zu spüren, und eine Geldstrafe. Aber ich war vom rechten Weg abgewichen. Vielleicht wäre es mir ja nicht besser ergangen, wenn die alte Kirche überdauert hätte. Denn war ich nicht eine Ehebrecherin? Und doch war mein Herz immer noch verstockt und wurzelte in dieser verlorenen Welt aus Gesängen, Prozessionen und ausgelassenen Feiern, die uns zusammengeschmiedet hatten, Arm und Reich, Heilige und Sünder. Meine Seele war nicht zu Hause bei diesem strengen neuen Gott. Stattdessen suchte ich Trost bei der Himmelskönigin und flüsterte insgeheim das Salve Regina. Ich schwor mir, bis zu meinem Todestag an den verbotenen Gebeten festzuhalten.

Doch ich greife vor. Zurück zu meiner Geschichte: An dem Abend, als Tibb mir zum ersten Mal erschienen war, machte ich mich eilig davon und ging nach Hause zum Malkin Tower. Nach Einbruch der Dunkelheit war es draußen nicht sicher. Die Leute redeten von Kobolden, die in der Nacht umgingen. Ich war nicht so unwissend, dass ich an jedes Schauermärchen geglaubt hätte, aber die Begegnung mit dem Burschen, der sich in nichts aufgelöst hatte, erschütterte mich bis ins Mark. Als ich an meine Haustür kam, schien der fast volle Mond am violetten Himmel, und die ersten Sterne glitzerten.

Unser Malkin Tower war ein merkwürdiger Ort. Der Turm selbst hatte zwei Zimmer, eines unten und eines oben, und die Räume hatten anstelle von Fenstern schmale Schlitze, Schießscharten aus der Zeit vor Hunderten von Jahren, als Wachposten dort mit Pfeil und Bogen saßen und Ausschau nach Räubern und Plünderern hielten. Aber da der Turm weder Kamin noch Herd hatte, hielten wir uns meist in der Außenküche auf, einem baufälligen Raum am Fuß des Turms. In diese Küche stolperte ich auch in dieser Nacht. Meine Tochter Liza, die bei dem einzigen Binsenlicht saß, stieß einen Schrei aus, als sie mich sah.

»Du kommst aber spät heim, Mam! Hat ein Teufel deinen Weg gekreuzt?«

In dem flackernden Licht sah mein Mädchen furchteinflößender aus als der Teufel, von dem sie sprach, obwohl sie nichts dafür konnte, Gott segne sie. Ihr linkes Auge saß tiefer als das andere, und während ihr rechtes Auge nach oben schaute, sah das linke nach unten. Sie konnte sich nicht einmal als Küchenmagd verdingen, weil die Hausfrauen von Pendle Angst hatten, Liza würde ihre Milch sauer und ihre Butter ranzig werden lassen. So wie sie aussah, würde es schon ein Wunder brauchen, damit sie eine geregelte Arbeit fand, ganz zu schweigen von einem Ehemann. Allerhöchstens konnte sie auf einen Hungerlohn hoffen, wenn sie einen Tag lang Wolle kämmte oder den Garten einer Hausfrau jätete.

Liza, ich selbst, mein Sohn Kit und Kits Frau, die auch Elizabeth hieß, obwohl wir sie Elsie riefen, versammelten uns zum Abendessen. Kit verdingte sich als Tagelöhner, aber um diese Zeit des Jahres gab es wenig Arbeit. Die Lammungszeit war gerade vorüber, und geschoren wurden die Schafe erst im Hochsommer. Er konnte allenfalls in der Schiefergrube nach Arbeit fragen und hoffen, dass er genug verdiente, um Haferbrei und Gerstenmehl auf den Tisch zu bringen. Kits Frau Elsie war hochschwanger. Sie fand höchstens Arbeit für einen Tag, Stopfen oder Spinnen.

Als wir am Tisch beisammensaßen, lief Liza vom Geschmack des alten Brots grün an im Gesicht. Sie bekam kaum einen Bissen herunter und stürzte dann aus der Tür, um sich zu übergeben. Aus alter Gewohnheit und ohne darüber nachzudenken, bekreuzigte ich mich. Ich sah Kit an, der sah zu seiner Frau hin, und die schüttelte betrübt den Kopf. Elsie würde binnen eines Monats ihr erstes Kind zur Welt bringen, und jetzt sah es so aus, als würde auch Liza ein Kind erwarten. Zuerst überlegte ich, wer wohl der Vater sein konnte. Dann fragte ich mich, wie wir noch zwei kleine Kinder durchfüttern sollten, wo wir doch schon selbst kaum zurechtkamen. Wir schwiegen alle. Elsie teilte die Buttermilch aus, die sie bei den Bulcocks für einen Tag Spinnen bekommen hatte. Unser Kit gab seiner Frau die Hälfte seines Brots ab. Schließlich musste sie für zwei essen.

Dann stellte ich fest, dass ich selbst mein Brot nicht herunterbekam, daher gab ich es an Kit weiter und lief aus der Tür, um nach Liza zu sehen. Im kalten Mondschein fand ich mein armes schielenden, spindeldürres Mädchen über den Torpfosten gebeugt und zum Gotterbarmen schluchzend. Ich nahm Liza in die Arme, drückte sie und streichelte ihr Haar. Ich flehte sie an, mir zu sagen, wer der Vater war, doch sie weigerte sich.

»Alles wird gut«, erklärte ich ihr. »Ist nicht das erste Mal, dass ein unverheiratetes Mädchen schwanger wird. Irgendwie schaffen wir das.« Was hätte ich auch sonst sagen sollen? Es stand mir nicht zu, sie für etwas zu schelten, das ich selbst vor zweiundzwanzig Jahren mit Kits Vater getan hatte.

Nachdem ich meine Liza wieder nach drinnen geführt hatte, gingen wir alle schlafen. Ich stieg in den Turm hinauf. Der Raum war so kalt und zugig, dass alle anderen lieber unten schliefen, aber an einem kristallklaren Abend tat ich nichts lieber, als auf meinem Strohsack zu liegen und durch die schmalen Fenster Mond und Sterne anzusehen. Kalter Wind machte mir nicht viel aus, denn ich hatte ein dickes Fell. Wenn ich empfindlicher wäre, wäre ich schon längst tot. Doch an diesem Abend gab mir der Sternenhimmel wenig Trost. Ich legte mich hin und versuchte die Sorgen, die in meinem Kopf hämmerten, zu ignorieren. Gewiss würden der Gemeindevorsteher und der Constable ein großes Gewese um Liza machen. Noch ein Bankert, der von der Mildtätigkeit der Gemeinde leben würde. Allerwenigstens würden sie eine Geldstrafe über sie verhängen. Sie konnte von Glück sagen, wenn ihr der Pranger erspart blieb. Schlaflos rollte ich mich zusammen, während der Wind durch das Strohdach pfiff.

Als ich endlich die Augen schloss, sah ich Tibb und sein Gesicht in seiner goldenen Herrlichkeit. Er sah aus wie einer der Engel, an die ich mich aus unserer Kirche erinnerte, damals, bevor die Reformer sie kahl geräumt hatten. Durch die stockdunkle Nacht erklang seine Stimme, so zärtlich wie die eines Liebhabers und so sanft wie die von Kits Vater in den Tagen, als er mich seine Schöne und die Freude seines Herzens nannte. Tibbs Lippen berührten fast mein Ohr.

»Wenn ich nur könnte«, sagte er, »wenn du mich nur ließest, würde ich dir deine Last erleichtern, meine Bess. Um Liza brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie wird das Kind innerhalb der nächsten zwei Wochen verlieren, und niemand außer dir und den Deinen wird erfahren, dass sie schwanger war.«

Meine Kehle war trocken und schmerzte. Ich konnte nicht einmal richtig denken.

»Du hast Angst vor mir«, sagte er. »Aber das brauchst du nicht. Ich will dir nichts Böses.«

»Du bist nicht wirklich«, flüsterte ich. »Ich träume nur von dir.«

»Ich bin so wirklich wie der Schmerz in deinem Herzen«, entgegnete er, ebenfalls im Flüsterton. »Dir war es bestimmt, mehr zu sein als eine gewöhnliche Bettlerin, Bess. Du könntest eine Besprecherin sein. Wenn du das nächste Mal eine kranke Kuh siehst, segne sie. Sag drei Ave-Maria, und besprenge das Tier mit etwas Wasser. Die Leute werden dich für so etwas entlohnen. Sie werden dich achten, und du wirst nicht mehr um die Brosamen von ihrem Tisch katzbuckeln müssen.«

Was für ein Unsinn, dachte ich. Für das Ave-Maria würde der Gemeindevorsteher mich auspeitschen lassen und mir eine Geldbuße auferlegen, und das war noch eine milde Strafe. In diesem Teil des Landes hängte man Katholiken immer noch, und ihren Priestern wurden die Eingeweide herausgerissen, und sie wurden gevierteilt. Ich sagte mir, dass es keinen Burschen namens Tibb gab und dass es nur mein leerer Magen war, der da redete. Ich drehte mich um und zog mir die zerlumpte Decke bis an die Ohren hoch.

Doch er gab nicht auf. »Es liegt dir im Blut. Du hast die Gabe vom Vater deiner Mam geerbt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Mein Großvater war Stallknecht und ein ehrlicher Mann.«

»Er war Pferdebeschwörer, wenn du dich recht erinnerst.«

Tibbs Stimme rief die Erinnerungen wach. Ich saß auf Großpapas Knie, und er ließ mich auf und nieder hüpfen, damit ich so tun konnte, als reite ich ein lebhaftes Pony, und währenddessen sang er die Beschwörung an den heiligen George, der die Pferde vor Hexerei beschützt. Mit aller Macht Saint George vertrau, dem Ritter unserer Lieben Frau. Großpapa starb, als ich sieben war, aber vorher hatte er meiner Mam all sein Kräuterwissen beigebracht, um Mensch und Tier gleichermaßen zu heilen, und sie hatte es wiederum an mich weitergegeben, obwohl Mam selbst nichts zu schaffen hatte mit Beschwörungen.

Wie erstaunlich, dass Großpapa seine Segenssprüche in den Ställen von Read Hall gewirkt hatte, direkt vor der Nase der Nowells. Er musste ihnen gute Dienste geleistet und ihre Tiere heil und gesund erhalten haben, dass sie seine Beschützer wurden, statt ihn wegen Hexerei anzuzeigen. Vielleicht hatten die Nowells ja deswegen Mam den Malkin Tower überlassen. Es war nicht gut, einen Heiler zu verprellen, indem man seine Tochter schlecht behandelte.

Trotzdem lief mir bei dieser Erkenntnis der kalte Schweiß über den Rücken. Schon allein der Gedanke, dass ich dies in mir trug. Ich konnte kein Wort sagen, sondern betete nur, Tibb möge wieder verschwinden und mich in Frieden lassen.

»Meine Bess, muss ich dir ein oder zwei Zeichen geben? Du wirst sehen, dass das, was ich über Liza gesagt habe, geschehen wird. Jetzt schenke ich dir noch mehr Wissen über die Zukunft. Noch bevor wieder Neumond ist, wird Elsie einen Sohn zur Welt bringen.«

Wider Willen lachte ich. »Jeder Narr kann sehen, dass sie einen Jungen bekommt, so hoch und breit, wie ihr Bauch ist. Ich brauche keinen Knaben wie dich, der mir etwas vom Kinderkriegen erzählt.«

Mein Spott schreckte Tibb nicht ab, er beschwatzte mich nur weiter. »Sie werden den Jungen Christopher nennen, nach seinem Vater, und du wirst in dem kleinen Gesicht den Vater deines Kit sehen, meine Bess. Du wirst so zärtliche Gefühle haben, dass die Jahre der Bitterkeit dahinschmelzen.«

Tränen traten mir in die Augen, als ich mich an meinen Liebsten erinnerte, der mir so viel Freude geschenkt hatte. Doch dann war er verschwunden und hatte sich nie wieder blicken lassen, und ich hatte meine Schande allein getragen, einen jähzornigen Ehemann ausgehalten, der mir am liebsten bei lebendigem Leib das Fell abgezogen hätte, und die Klatschbasen, die ihre Zunge wetzten und mit dem Finger auf mich zeigten. Mein Mann weigerte sich, dem Kind seinen Namen zu geben, daher hieß mein Kit Christopher Holgate und nicht Southerns. Als Strafe für meine Sünde zwang man mich, einen ganzen Tag auf dem Marktplatz von Colne am Pranger zu stehen.

»Das ist noch nicht alles, was ich dir über deine Zukunft verraten kann«, erklärte Tibb und rückte so nah an mich heran, dass sein Atem mir das Gesicht wärmte. »Wenn die Zeit gekommen ist, wird Liza einen ehrlichen Mann heiraten, der sie trotz ihres Schielens lieben wird.«

»Es ist eine Sünde, die Zukunft vorauszusagen«, rief ich. Darin waren sich der Gemeindevorsteher und die Priester der alten Religion schon immer einig. Es war gefährlich, den Schleier der Zeit zu lüften und in die Zukunft zu sehen, denn wenn so ein Wissen nicht aus einer göttlichen Prophezeiung stammte, dann kam es von der anderen Seite, der bösen Seite, dem Teufel. Wahrsager und solche, die sie aufsuchten, würden für ihre unheilige Neugierde in der Hölle bestraft, indem man ihnen den Kopf nach hinten drehte.

Doch Tibb sprach weiter, mit einer Stimme, die ich nicht einfach überhören konnte. »Liza wird dir drei Enkel schenken.«

Wie verführerisch er war. Hätte ich ihm nur vertrauen und glauben können, dass meine Liza mit der Liebe eines guten Mannes und einer glücklichen Familie gesegnet sein würde!

»Ihre erstgeborene Tochter wird deine Freude sein«, erklärte Tibb. »Du wirst sie so lieben, Bess, dass du dich darüber selbst vergisst. Ein hübsches, keckes Mädchen mit einer Haut wie Sahne. Eine Schönheit, so wie du in ihrem Alter. Sie wird dir wie aus dem Gesicht geschnitten sein, und du wirst sie die Dinge lehren, in denen ich dich unterweisen werde.« Mit singender Stimme gab er dieses Versprechen ab.

»Was kannst du mir sonst noch sagen?«, fragte ich bebend vor Furcht.

Ich öffnete die Augen und wappnete mich, um ihm ins Gesicht zu schauen, doch ich sah nur die Sterne, die durch die Schießscharten schienen.

Arme Bettlerinnen dürfen sich nicht von törichten Fantasien vom rechten Weg abbringen lassen. Sei ausnahmsweise einmal vernünftig, sagte ich mir. Also tat ich mein Bestes, um mir Tibb aus dem Kopf zu schlagen. Das Leben ging weiter, so wie immer. Am Tag ging ich betteln oder nahm jede Arbeit an, die man mir anbot. Eines Nachmittags scheuerte ich für einen Laib Brot, einen Becher Ale und eine schale dünne Schleimsuppe auf allen vieren das Hühnerhaus des alten Master Mitton. Während ich das stinkende Hühnerhaus schrubbte, schienen Tibb und seine Verheißungen Welten entfernt. Was für eine närrische Vorstellung, dass eine Frau wie ich einen Menschen oder ein Ding beschwören oder segnen könnte.

Nach der Arbeit wusch ich mich im Bach und ging dann heim. Kit war fort, denn er hatte Arbeit in der Schiefergrube gefunden. Aber Elsie saß mit düsterer, verbissener Miene da. Zuerst dachte ich, ihre Zeit sei gekommen.

»Was ist?«, fragte ich, und der Schweiß brach mir aus. »Hast du dein Wasser verloren?«

Mit zusammengepressten Lippen wies Elsie in die dunkle Ecke, wo Liza auf ihrem Strohsack lag. Decken und Laken waren abgezogen und weichten in einem Kübel kalten Wassers ein, damit sich die roten Flecken lösten. Liza war bleich und atmete flach, aber ich konnte keine Reue in ihrem Gesicht erkennen, eher Erleichterung und ein stummes Dankgebet.

»Sie hat Rainfarn genommen«, erklärte Elsie mit kalter, harter Stimme.

Ich sah zu den Deckenbalken hoch, wo meine Gartenkräuter hingen. In der Tat, die Rainfarnstängel mit ihren leuchtend gelben Blüten waren verschwunden.

»Du darfst dieses böse Kraut nicht in deinem Garten ziehen«, fuhr Elsie fort. »Du weißt doch, für welche Sünde es gebraucht wird.«

»Ach, sei still, Elsie«, gab ich zurück.

Hastig stürzte ich ins untere Zimmer des Turms zu Kits und Elsies Bett, riss die Decke herunter, brachte sie zu Liza und deckte sie damit zu. Nahm die Hand meines Mädchens und drückte sie.

»Alles wird gut«, gelobte ich.

Als Nächstes legte ich die Hände auf Elsies Schultern.

»Du wirst kein Sterbenswörtchen sagen«, befahl ich ihr.

Sie zitterte unter meinem festen Griff, schlug die Augen nieder und umfasste ihren Bauch, der so dick aussah, als wolle er platzen.

»Du wirst keiner Menschenseele etwas erzählen«, fuhr ich fort. »Nicht einmal Kit. Unsere Liza hatte keine Fehlgeburt. Sie ist nie schwanger gewesen. Hast du mich verstanden?«

Wenn der Constable und der Gemeindevorsteher es schon so eilig hatten, uneheliche Mütter zu bestrafen, dann war nicht auszudenken, was sie mit einem Weib tun würden, das ein Kind abtrieb – oder mit einer, die ihr das Kraut beschafft hatte.

Elsie umfasste ihren Körper und nickte.

Obwohl mir sowieso schon alles wehtat, schleifte ich den Kübel mit den eingeweichten Laken zum Bach, schlug sie auf die Steine und schrubbte sie mit Laugenseife, bis meine Hände wund waren und bis jede Spur von Lizas Blut aus dem Stoff verschwunden war.

Nichts davon war Tibbs Werk. Liza hatte ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, sich einen starken Trank aus Rainfarn gebraut, ihn geschluckt und gewartet, bis das Kraut ihren Schoß öffnete. Das Gleiche hätte ich vor vielen Jahren vielleicht auch getan, wenn ich nicht so weichherzig gewesen wäre und immer noch verliebt in den Mann, der mir so viel Glück geschenkt hatte, nur um mich dann zu verlassen.

Wenige Tage später kam Elsie nieder, und ich entband sie von ihrem Erstgebornen, einem Sohn, wie ich es vorher gewusst hatte. Kit weinte vor Glück. Liza, die keine Träne vergoss, half, das Kind zu versorgen, solange Elsie sich von der Niederkunft erholte. Sobald meine Schwiegertochter wieder auf den Beinen war, gingen wir zur New Church in Goldshaw, um das Kind taufen zu lassen. Der Gemeindevorsteher sprach die Taufsakramente, weigerte sich aber, dem Kind mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn zu zeichnen, denn er betrachtete so etwas als papistische Hexerei.

Bald kam die Schafschur, und Kit hatte zwei Wochen lang jeden Tag Arbeit. Liza, Elsie und ich gingen von Haus zu Haus, um die frisch geschorene Wolle zu kämmen, und Elsie nahm den kleinen Christopher in einem Weidenkorb mit, damit sie ihn stillen konnte. Einmal verstauchte ich mir in der Abenddämmerung den Knöchel, als ich einen steilen Pfad hinunterging, und musste den Rest des Weges humpeln, den Arm um Lizas Taille gelegt. Am nächsten Sonntag ließ ich die anderen zur Kirche gehen, blieb zu Hause und passte auf das Kind auf. Den geschwollenen Knöchel hatte ich hochgelegt, damit jeder ihn sehen konnte; für den Fall, dass der Gemeindevorsteher oder einer seiner Lakaien auftauchte, um festzustellen, warum ich nicht in der Kirche gewesen war.

Die Wahrheit ist, dass ich dankbar war für diese paar ruhigen Stunden mit meinem neugeborenen Enkel. Der kleine Christopher war so entzückend und so vollkommen. Ich konnte nicht anders, als ihn aus seinen Windeln zu nehmen und seine Finger und Zehen nachzuzählen. Dann kürzte ich ihm die winzigen Fingernägel vorsichtig mit den Zähnen, denn es hieß, dass Kinder mit langen Nägeln später Diebe würden. Ich wiegte meinen Liebling und sang ihm vor, bis er lächelte. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so glücklich gewesen war. Dieser Sonntag war der heißeste, den wir in diesem Jahr bisher erlebt hatten. Da die anderen unterwegs waren, hatte ich mein Oberkleid ausgezogen und trug nur mein dünnes Hemd, als ich auf der Bank unter dem Holunderbaum saß. Mein Kleid hatte ich an einen Ast gehängt, damit ich es rasch überstreifen konnte, wenn ich den Gemeindevorsteher kommen hörte. Doch einstweilen erfreute ich mich an dem kühlen Schatten, dem Gesang der Vögel und meinem kleinen Christopher, den ich in den Armen hielt. Die Luft roch nach Holunderblüten. Die Leute nennen ihn einen Hexenbaum, aber das ist nur törichtes Gerede. Für mich war er ein Baum, der viele Gaben schenkte. Aus den flaumigen weißen Blüten machte ich Holundersirup und aus den schwarzvioletten Beeren Holunderwein.

Der kleine Christopher sah aus unschuldigen Augen zu mir auf und umklammerte mit seinen Fingerchen meinen Daumen, bis er einnickte. Schläfrig von der Sonne lehnte ich mich an den Baumstamm, sog den Duft der Holunderblüten ein und sank ebenfalls in Schlaf.

Die Sonne ließ sein goldenes Lockenhaar aufleuchten wie einen Heiligenschein. Er beugte sich über mich, und ich war wieder jung, so schön, dass ich ihn blendete. Alles, worum ich bitte, ist ein Kuss. Sein Mund suchte den meinen. Ich wandte ihm mein Gesicht entgegen und gab mich ihm hin wie früher; eine treulose Ehefrau, die ihr Vergnügen bei einem Hausierer sucht. Und wie er mich küsste.

Ich wachte auf mit einem Seufzen, als die heiße Zunge über die Innenseite meines linken Arms glitt. Trotz der Sommerhitze war ich eiskalt und konnte kein Wort herausbringen, sondern umklammerte nur fest das Kind. Durch Gottes Gnade schlief der Kleine noch. Nur ich war aufgewacht und sah den großen braunen Hund, der sich an mein Knie presste und unterwürfig meinen Arm leckte.

Obwohl ich mich mit aller Kraft bemühte, den Hund wegzujagen, konnte ich nicht sprechen. Meine Kehle war staubtrocken. Panisch versuchte ich das Paternoster zu sprechen, aber ich konnte mich nicht an die Worte erinnern. Mit meinem Zappeln weckte ich Christopher, der anfing zu schreien. Der braune Hund trottete davon und verschwand durch eine Lücke in der Hecke.

Ich hatte von Kits Vater geträumt, aber es war Tibbs Kuss, der auf meinen Lippen brannte, Tibbs Erscheinung, die jedes Härchen an meinem Körper sich aufrichten ließ. Und da wusste ich, dass Tibb mich, anders als Kits Vater, nie verlassen würde, sosehr ich auch versuchte, ihn zu vertreiben. Sinnlos, dagegen anzukämpfen oder es zu leugnen. Er würde immer bei mir sein.

3

Tibb erschien mir fast jeden Tag, meist in der Abenddämmerung, manchmal aber auch in der blauen Stille des Morgens oder in der schwarzen, schweigenden Nacht.

»Warum bist du hier?«, fragte ich ihn. »Warum kommst du immer wieder?«

Er lächelte. »Meine Herrin schickt mich, damit ich auf dich achtgebe«, erklärte er, doch er wollte mir nicht sagen, wer diese Herrin war.

Ich bemühte mich, daraus schlau zu werden. Weise Frauen kannte ich, jedenfalls dem Namen und dem Ruf nach: die Hebamme unten in Colne, die Kräuterfrau drüben in Trawden. Ob sie auch so einen Geist hatten wie Tibb? Falls ja, dann hätten sie das kaum vor aller Welt zugegeben, denn der Umgang mit Geistern ist Hexerei, und in der Bibel steht, dass man Hexen nicht am Leben lassen soll. Aber andererseits war man nur eine Hexe, wenn man seine Kräfte zum Bösen einsetzte. Weise Frauen taten Gutes. Ich hatte gehört, dass die Kräuterfrau von Trawden einmal einen Gelähmten geheilt hatte. Tatsache war, dass die Leute Besprecherinnen brauchten, denn wer hätte sonst die Kranken behandeln sollen? Selbst angenommen, jemand wäre so reich, dass er einen Arzt bezahlen könnte, dann würden diese Doctores mit ihren Lanzetten und Blutegeln wahrscheinlich mehr schaden als nützen. Vormals hatten die Mönche von Whalley Abbey Heilkräuter gezogen und für jede Krankheit ein Gebet und einen Segen gehabt und sogar heilige Reliquien, um Leute von schweren Krankheiten zu heilen. Aber die Brüder waren jetzt tot oder versteckten sich, daher suchte man sich entweder einen Heiler, oder man musste leiden ohne Ende.

Ich erinnerte mich an meinen Großvater, an das Leuchten in seinen Augen. Wenn ich als Kind Fieber hatte, pflegte er nur die Hand auf meine Stirn zu legen und halblaut einen Reim zu sprechen, und schon sank das Fieber. Ob er wohl einen Schutzgeist gehabt hatte? Ich ging in meinen Erinnerungen so weit wie möglich zurück und sah wieder die gefleckte Hündin, die ihm überallhin zu folgen schien, und doch war das Tier uns nie so nah gekommen, dass Mam oder ich es hätten berühren können.

Mam war keine weise Frau gewesen, aber sie hatte vieles gewusst. Vor langer Zeit, als ich noch ein kleines Mädchen war, hatte ich sie vom Volk der Elfen erzählen hören. Sie waren nicht wie wir Sterblichen. Aber es waren auch keine Engel, Dämonen oder Geister, sondern Wesen, die zwischen den Welten lebten und die aus einem so feinen Stoff geschaffen waren, dass sie nach Belieben erscheinen und verschwinden konnte. Nur die Gesegneten und die Irren konnten sie sehen. Mein Großpapa hatte ihre Magie gesucht und mit ihrer Hilfe viele Pferde geheilt. Sie lebten in einer anderen Welt als wir, und dennoch war sie der unseren sehr nah. Sie hatten eine Königin, die Königin von Elfhame, die fast so schön war wie die Muttergottes. Sie kleidete sich ganz in Grün und ritt auf einer weißen Stute, in deren Mähne neununddreißig Glöckchen gebunden waren. Flink wie eine Windsbraut ritt sie, und die Melodie dieser läutenden, singenden Glocken hallte durch den Wald. Meine Herrin schickt mich, damit ich auf dich achtgebe. Gehörte Tibb also dem Elfenvolk an, der Schar der Königin von Elfhame? Als ich ihn zum ersten Mal sah, trat er aus dem Steinbruch von Goldshaw wie aus einem hohlen Hügel.

Solche Gedanken wälzte ich und glaubte schon, ich sei vollkommen verrückt geworden. Doch äußerlich änderte sich nicht viel. Ich war immer noch die Demdike, das Bettelweib vom Malkin Tower, Mutter eines Bastards und einer schielenden Spinnerin, die zu arm war, um sich ein Spinnrad zu kaufen.

Aber Kit und seine Familie zogen fort. Dahinter steckte Elsie. Um ehrlich zu sein, sie war nie warm geworden mit Liza, und nachdem ich sie zurechtgewiesen hatte, weil sie Liza wegen des Rainfarns ausgeschimpft hatte, hatte sie auch begonnen, mich zu fürchten. Ich sah es in ihren Augen, die jedes Mal, wenn ich ihren kleinen Sohn in die Arme nahm, besorgt aufflackerten. Sie versuchte, ihn mir wegzunehmen, doch Kit umarmte sie dann. »Frieden, Elsie«, sagte er. »Soll meine alte Mutter ihrem Enkel doch ihre Zuneigung zeigen.«

Doch Kits Worte richteten nicht viel aus. Elsie benahm sich weiter so, als würde ich den kleinen Christopher kopfüber in den brodelnden Suppentopf werfen, sobald sie mir den Rücken zukehrte. Daher meckerte und nörgelte sie so lange, bis Kit schließlich zustimmte und meinte, sie könnten nach Pendleton zur Familie ihres Bruders ziehen. Immerhin war ich froh, dass Kit eine feste Arbeit bei einem Steinmetz fand. Er war ja so stark wie ein Ochse und konnte die riesigen Schieferbrocken schultern, als wären sie nicht schwerer als ein Lammvlies.

Nachdem er und seine Familie nach Pendleton gezogen waren, sah ich sie nur noch am Sabbat. Es schmerzte mich schon, dass ich Kit und meinen Enkel so selten sehen konnte, obwohl ich gestehen muss, dass ich Elsie nicht besonders vermisste. Mir wollte einfach nicht in den Kopf, warum Kit so ein jammerndes, schreckhaftes Ding hatte heiraten müssen. Aber er war ein pflichtbewusster Sohn und schickte mir so viel Geld, wie er erübrigen konnte. Ansonsten waren Liza und ich uns selbst überlassen; zwei Frauen ohne Mann, die in einem Turm lebten.

Liza nahm jede Arbeit an, die sie bekam, während ich einsam herumzog und bettelte. Meist wenn ich am Pendle Water entlangging oder über das Stang Top Moor, sah ich Tibb aus den Augenwinkeln. Dann schritt er neben mir her. Ich war mit dem Staub der Straße überzogen und schlug nach Mücken und Fliegen, und er wirkte so frisch und sauber wie der erste Frühlingsmorgen.

»Nimm den Weg da drüben«, sagte er eines Morgens. »Du wirst ein lahmes Lamm finden. Das arme Ding wird sowieso sterben. Dreh ihm den Hals um, und versteck es in deinem Bündel. Niemand wird etwas merken. Du und Liza, ihr könnt heute Abend Fleisch essen. Später kannst du die Knochen in deinem Garten vergraben.«

»Halt dein böses Mundwerk«, beschied ich ihm. »Ich bin eine Bettlerin, aber keine Diebin.«

Er grinste. »Du hast ein heftiges Temperament, meine Bess.«

Die Wahrheit war, dass ich allmählich die Geduld verlor mit seinem Unsinn. »Wenn du dich für so schlau hältst, warum kannst du dann meine Liza nicht von ihrem Schielen heilen?«

Ernüchtert senkte er den Kopf. »Was Gott getan hat, kann nur Gott ungeschehen machen.«

»Und wozu bist du dann nütze, wenn du nur dazu gut bist, mich in Versuchung zu führen, damit ich als Schafsdiebin gehängt werde?«

»Ich kann verborgene Dinge enthüllen«, versetzte er rasch. »Hast du etwas verloren? Ich kann dir sagen, wo es hingekommen ist.«

»Kits Vater«, gab ich schroff zurück. »Hab mich immer gefragt, wo er abgeblieben ist.«

Ich gestehe, dass ich einmal, lange bevor Tibb mir zum ersten Mal erschien, so verzweifelt war, dass ich eine Zigeunerin aufsuchte, die behauptete, sie könne wahrsagen. Einen Penny habe ich ihr gezahlt, damit sie mir sagte, wo meine verlorene Liebe war. Die Gaunerin nahm mein Geld und erzählte mir eine hübsche Geschichte von meinem verlorenen Jake. Gegen seinen Willen sei er in die Flotte der Königin gepresst worden. Er sei auf See gestorben, sagte sie, und habe sich bis zu seinem letzten Atemzug nach mir verzehrt.

Tibb war da unverblümter. »Meine Bess, manchmal bist du weichherziger, als gut für dich ist. Dein Jake war ein Spitzbube. Hatte in jeder Stadt und jedem Dorf, durch das er kam, ein Mädchen wie dich. Dein Kit hat ein Dutzend Halbbrüder und Halbschwestern, die über zwei Grafschaften verstreut leben. Wenn du vernünftig gewesen wärest, hättest du seine Frechheiten mit Verachtung gestraft.«

»Lebt er noch?«, fragte ich.

»Ja, er lebt. In Halifax, im Haus seines Sohnes am Doghouse Fold.« Tibb war in diesen Dingen so genau, dass es mir den Atem nahm. »Bitte mich aber nicht, dich dorthin zu zaubern, damit du ihm einen Besuch abstatten kannst, denn dir wird nicht gefallen, was du siehst. Dein Jake ist inzwischen ein hilfloser, zahnloser alter Kerl. Seine gierigen Kinder …«

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu.

»Seine gierigen legitimen Kinder«, verbesserte er sich, »haben ihm Haus, Besitz und Geld weggenommen und ihn in ein Bett auf dem Dachboden verbannt. Er hat seinen Verstand, seine Gesundheit und sein Gedächtnis verloren, Bess. Obwohl er lebt, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine geizige Schwiegertochter gibt ihm eine karge Schüssel Schleimsuppe am Tag und lässt ihn in seiner eigenen Pisse liegen.«

»Genug!«, schrie ich. Ein solches Los war zu grausam für einen Menschen, sogar für den Mann, der mich benutzt und verraten hatte. An diesem Abend würde ich für Jake beten.

Tibb schlenderte zu einem Birkenwäldchen, wo Glockenblumen in dunklen Schwaden wuchsen. »Ich würde dich nie so einem Schicksal überlassen.« Er setzte sich in das weiche Gras und streckte dann den Arm aus, um mich einzuladen, mich ein Weilchen neben ihn zu setzen.

»Du bist also treuer als andere Männer.«

»Du musst gerade von Treue reden«, sagte er. »Hast deinem Ehemann Hörner aufgesetzt. Aber um deine Frage zu beantworten, Bess: Ja, ich bin treu. Du kannst auf mich zählen.«

»Zumindest bist du in dieser Hinsicht zu etwas nütze.«

Das brachte ihn zum Lachen. »Endlich, meine Bess, sind wir einmal einer Meinung.«

»Wenn du so viel weißt, dann sag mir eins. Wo sollen Liza und ich morgen hingehen, um Arbeit zu finden und mehr als altes Brot als Lohn zu bekommen?«

Er lächelte und zeigte protzig seine feinen weißen Zähne. »Zu Anthony Holdens Haus, unten bei der Bull Hole Farm. Da sollst du Fleisch in den Bauch bekommen und brauchst nicht Kopf und Kragen zu riskieren, indem du ein krankes Lamm stiehlst.«

»Warum gerade zu Anthony Holden?«, verlangte Liza zu wissen, als ich sie am nächsten Morgen weckte. »Letztes Mal hatte er keine Arbeit für mich. Hat mich sogar von seinem Land verjagt. Er hasst meinen Anblick.«

»Nur dieses eine Mal«, bat ich. »Wenn er uns wegjagt, gehen wir nie wieder dorthin, das verspreche ich dir.«

An diesem frischen Morgen ging ich voraus. Wir gingen um den Blacko Hill herum, schritten am Pendle Water entlang und durchquerten Roughlee mit dem Herrenhaus, wo Richard Nutter lebte. Wie sein Vater vor ihm war Nutter dem alten Glauben treu geblieben. In letzter Zeit hatte sich das Gerücht verbreitet, dass er Jesuiten versteckte, eine neue Art von Priestern, die als Teil einer geheimen englischen Mission aus Frankreich herübergekommen waren. Mit der Gefahr spielen, hieß das. Wenn man sie entdeckte, würden sowohl Nutter als auch der Priester als Hochverräter abgehandelt werden. Man würde sie nach Lancaster schleppen, wo man sie zuerst hängen und dann noch lebend abschneiden und ihnen die Eingeweide herausreißen würde, auf dass sie vor der geifernden Menge einen langsamen, qualvollen Tod starben.

Im vorigen Jahr hatte sich Nutter, wie ich gehört hatte, eine neue Frau genommen, die so jung war, dass sie seine Enkeltochter sein könnte. Die Nutters blieben für sich, daher war mir das Mädel noch nicht unter die Augen gekommen. Trotzdem musste ich mich fragen, was für ein Mädchen sich ein solches Joch aussuchen würde: nicht nur einen Sechzigjährigen zu heiraten, auch wenn er reich war, sondern gar ihr Leben aufs Spiel zu setzen, indem sie Jesuiten Obdach gab. Nicht um alles Geld der Welt hätte ich mit ihr tauschen mögen.

Liza und ich hasteten weiter, über Thorneyholme nach Goldshaw und vorbei an der New Church und der Steingrube, wo ich Tibb das erste Mal begegnet war. Es kam uns vor wie eine Ewigkeit, bis wir endlich die Bull Hole Farm erreichten. Als wir uns zum Haus hinaufschleppten, schoss aus dem Nichts ein brauner Hund hervor und sprang auf uns zu. Die Härchen an meinem Körper stellten sich auf, als das Tier seine Schnauze in meine Hand schmiegte.

»Geht es dir nicht gut?«, fragte mich meine Tochter. »Hab dir doch gesagt, dass es zu weit ist, für nichts und wieder nichts.«

»Sag mir, Liza, hast du diesen Hund gesehen, als du das letzte Mal in Bull Hole warst?«

»Ich erinnere mich an einen schwarzen Hund, keinen braunen.« Sie zuckte die Achseln. »Aber Bauern haben normalerweise mehr als einen Hund.«

Sie kniete nieder, nahm den großen Kopf des Hundes in die Hände und kraulte ihn hinter den Ohren. Liza hatte eine Schwäche für Gottes Geschöpfe, und ihre schlechte Laune verschwand. Kurz sorgte ich mich, sie könnte den Rest des Tages damit zubringen, diesen verdammten Köter zu hätscheln.

»Genug jetzt«, sagte ich. »Wir sind gekommen, um ehrliche Arbeit zu suchen.«

Der braune Hund huschte davon, als wolle er uns zur Tür des Bauernhauses führen, doch als wir es erreichten, war keine Spur von dem Tier zu sehen. Eine Frau steckte den Kopf durch ein Fenster, dann wurde die Tür aufgerissen. Sarah Holden stand auf der Schwelle und wedelte aufgeschreckt mit den Armen.

»Mach, dass du wegkommst, du schielender Teufel! Wir haben ein krankes Kind im Haus und schon genug Pech. Verschwinde, sonst lass ich dich von meinem Mann zum Tor hinauswerfen.«

Hinter den Röcken von Mistress Holden versteckten sich ein paar kleine Kinder und sahen meine Liza verstohlen an. Sie beschloss, ihre Zuschauer zu belustigen. Liza warf den Kopf zurück und verdrehte die Augen in entgegengesetzte Richtung, bis die Kinder kreischten vor Lachen. Ich achtete nicht auf ihre Possen, sondern trat an die Tür und stellte einen Fuß hinein, bevor Mistress Holden sie zuknallen konnte.

»Ist das eine Art für einen Christenmenschen, seine Nachbarin zu begrüßen?«, fragte ich sie.

»Du bist keine Nachbarin von mir«, gab sie zurück.

Keine Nachbarin? Ich wollte schon einwenden, dass wir schließlich am selben Altar die Kommunion empfingen, doch da fiel mir zu meinem eigenen Erstaunen eine Passage aus den Sprüchen Salomos ein, eine der Lieblingsstellen des Vikars.

Schmeichlerisch wie Tibb zitierte ich den Bibelvers. »Wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln; wer aber seine Augen abwendet, der wird von vielen verflucht.«

Als ich das Wort verflucht aussprach, wurde sie bleich und presste die Lippen zusammen, aber ich wusste, dass sie nicht bestreiten konnte, was in der Heiligen Schrift geschrieben stand. Sie wusste nicht aus noch ein, und ich nutzte es zu meinem Vorteil.

»Habt ein Herz, Sarah Holden. Ich bin alt genug, um Eure Mutter zu sein. Liza und ich sind den ganzen langen Weg hergekommen, weil wir kein Brot mehr im Haus haben und kein einziges Ei. Gewiss, mein Mädchen schielt, aber ich schwöre, dass sie kein Unglück in Euer Haus tragen wird. Wenn Ihr wollt, lasst uns draußen arbeiten. Wir könnten Euren Garten jäten.«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Jäten ist eine Arbeit für Kinder.« Sie seufzte. »Wenn ihr ehrliche Arbeit tun wollt, könnt ihr die Waschküche schrubben. Es ist auch Wolle zu spinnen.«

»Meine Liza spinnt wunderschön«, sagte ich ihr.

Die Kinder hüpften, klatschten in die Hände und bettelten Liza an, den Trick mit ihren Augen noch einmal vorzuführen. Doch ihre Mutter scheuchte sie davon.

Ich überließ Liza das Spinnen und scheuerte die Waschküche selbst. Gegen Mittag war ich fast fertig. Unterdessen wehte aus der Küche der Duft von Lammeintopf heran und von Brot, das gerade gebacken wurde, und ich hoffte und betete, dass Mistress Holden uns an ihren Tisch bitten würde. Natürlich würden wir schweigen und uns ganz ans untere Ende der Tafel setzen.

Von der Küche aus hörte ich, wie Anthony Holden und seine Knechte durch die Tür trampelten, hörte, wie Sarah Holden ihrer Magd zurief, sie solle Ale aus dem Keller holen. Bei dem bloßen Gedanke an Bier lief mir das Wasser im Munde zusammen, obwohl es wahrscheinlich ein dünnes, wässriges Zeug war, wenn Mistress Holden beim Brauen genauso geizig war wie bei allem anderen. Ich wusch die Lumpen aus und hängte sie gerade zum Trocknen auf, als aus der Küche ein Gebrüll erscholl, bei dem mir fast das Herz stehen blieb.

»Diese glotzende Schlampe!«, schrie Master Holden seine Frau an. »Du hast sie ins Haus gelassen, und sie hat das Ale sauer werden lassen!«

»Nein, Sir.« Lizas Stimme klang gepresst und verängstigt. »Ich habe Euer Ale nicht angerührt, Sir. Hab es nicht mal angesehen.«

»Du hast es verflucht«, gab er zurück. »Du bist vom Teufel besessen, du hässliches Ding.«

Ich stürzte aus der Wachküche und sah meine Tochter zitternd vor ihm stehen. Master Holden hatte die Tür weit offen gelassen. Draußen stand der braune Hund und sah zu. Mir sträubten sich die Nackenhaare. Ich presste die Hände zusammen und trat zwischen Master Holden und Liza. Mistress Holden, die Kinder und die Bediensteten standen um sie herum und wagten kein Sterbenswörtchen zu sagen, solange der Herr dermaßen aufgebracht war. Ich reckte das Kinn und versuchte mir einzureden, dass ich keine Angst vor ihm hatte.

»Sir, wenn Euer Ale verhext wurde, dann war es nicht das Werk meiner Liza. Das schwöre ich auf Eure Bibel. Aber wenn Ihr mir das Bier zeigt, kann ich den Fluch aufheben.«

Wenn meine Worte überhaupt eine Wirkung hatten, machten sie Master Holden nur noch zorniger. Sein Gesicht war tiefrot angelaufen. Das Einzige, was mich zurückhielt, war der Anblick des braunen Hundes. Er saß jetzt da und hatte eine seiner gewaltigen Pfoten auf die Türschwelle gelegt.

»Du behauptest, du hättest die Macht, einen Fluch aufzuheben?«, sagte Master Holden voller Verachtung, so als wäre ich eine Idiotin, die nicht einmal dazu taugte, die Waschküche seiner Frau zu scheuern.

»Sir, Ihr habt soeben meiner armen Liza vorgeworfen, dass sie das Bier verflucht hat. Wenn Ihr glaubt, sie hätte diese Macht nur von ihrem Schielen her, das Gott ihr gegeben hat, warum könnt Ihr dann nicht glauben, dass eine einfache Frau wie ich etwas segnen oder einen Fluch aufheben kann?«

Noch nie in meinem Leben hatte ich so beherzt zu einem Höhergestellten gesprochen. Es war, als stünde Tibb neben mir und flüsterte mir die Worte ins Ohr. Dem Master Holden hatte es die Sprache verschlagen, und er überlegte wahrscheinlich, ob er mich für meine Kühnheit ohrfeigen sollte. Aber ich gab nicht klein bei.

»Master Holden«, sagte ich. »Es kann doch gewiss nicht schaden, wenn Ihr es mich versuchen lasst.«

»Der Krug steht auf dem Tisch«, gab er zurück. Dann klappte er den Mund zu und sah aus, als könne er nichts weiter herausbringen.

Der braune Hund legte sich nieder und ließ beide Pfoten auf der Türschwelle ruhen.

Mir schwirrte der Kopf, als ich über den Schieferboden an den gescheuerten Eichentisch trat und meine Hände rechts und links an den Krug legte. Ich schwieg, und auch sonst sagte niemand ein Wort. Wenn ich das nicht fertigbrachte, würden sie mich eine Lügnerin nennen. Holden würde mich mit der Rute davonprügeln. Doch bevor ich ins Wanken geraten konnte, stiegen die Worte in mir auf, so köstlich und rein wie Tibbs Stimme.

Drei Bisse hast du gebissen:

Das Herz, schlimm’ Aug’, schlimm’ Zung’,

dreifach bitter sei Dein Lohn,

Vater, Sohn und Heiliger Geist

in Gottes Namen.

Und dann sagte ich vor Master Holdens ungläubigen Augen fünf Paternoster, fünf Ave-Maria und das Credo her und dachte dabei daran, wie mein Großvater vor vielen, vielen Jahren die lateinischen Worte über mir gemurmelt hatte, während ich fiebernd daniederlag.

»Das ist papistischer Unsinn«, sagte er, doch seine Stimme klang bebend und unsicher.

Ich achtete nicht auf ihn, sondern wandte mich an sein Weib. »Mistress Holden, würdet Ihr mir bitte einen Becher geben?«

Wortlos reichte sie mir einen sauberen Zinnbecher, den besten, den sie im Haus hatte. Als sie ihn mir in die Hand drückte, hielt sie den Blick gesenkt wie eine Dienerin. Ich goss Bier in den Becher und trank. Das Ale aus dem Keller war herrlich kühl. Wie ich vermutet hatte, war es eher dünn, aber trotzdem erfrischend. Ich nahm einen schönen langen Zug und setzte den Becher dann ab.

»Ihr braut gutes Ale, Mistress Holden«, erklärte ich, obwohl das ein wenig übertrieben war.

Ihr Mann schenkte sich selbst einen Becher ein und trank. »Ich schwöre, vorher war es verdorben. Sauer wie schlechtes Obst. Aber jetzt schmeckt es wieder, wie es soll.« Er sah mich an mit so etwas wie Furcht in den Augen.

»Sie ist eine Besprecherin«, sagte sein Weib und schlug die Augen nieder.

»Wo hast du so etwas gelernt?«, fragte mich Master Holden.

»Gott hat mir diese Gabe geschenkt, Sir.«

Niemand konnte etwas an mir aussetzen, wenn ich mich auf Gott berief, dachte ich, und jeder wusste, dass es auch gute Magie gab. Durch meine Gebete hatte ich mich mit himmlischen Mächten verbündet, wie es jede achtbare weise Frau tun würde. Wundertätige Dinge hatten seit jeher zu der alten Religion gehört. Man zündete eine Kerze an, betete zu einem Heiligen, und wenn der Heilige sich für einen verwendete und Gott einem gnädig war, konnte einem der Wunsch erfüllt werden. Wenn eine der Frauen der Towneleys nicht empfangen konnte, pilgerte sie nach Saint Mary’s in Walsingham, und innerhalb eines Jahres war sie schwanger. Doch nun, da der Schrein in Trümmern lag, was konnten die Leute da sonst tun, als sich an weise Männer und Frauen zu wenden?

Ich hatte gehört, dass die Königin selbst einen Zauberer an ihrem Hof beschäftigte, Doktor John Dee. So etwas würde Elizabeth doch nicht tun, wenn sie glaubte, dass er böse Magie wirkte? Die Leute erzählten sich, Doktor Dee könne die Mysterien der Sterne enträtseln und Zinn in Gold verwandeln. So gab es unterschiedliche Gesetze für Arm und Reich: Die Hochgeborenen konnten ihre Astrologen und Alchemisten behalten, während ihre Gesetze uns einfachem Volk unsere Magie verboten. Was, wenn die Holdens mich beschuldigten, ich hätte unheilige Geister angerufen? Mein Magen zog sich zusammen, und ich warf einen Blick zur offenen Tür. Der braune Hund war fort.

Nachdem Mistress Holden sich wieder gefasst hatte, bat sie alle zu Tisch. Liza und ich kannten unseren Platz, daher setzten wir uns noch hinter den Bediensteten ganz ans untere Ende der Tafel.

»Du bist mir eine schöne Gaunerin«, flüsterte meine Tochter mir ins Ohr. »Wie hast du es geschafft, sie hinters Licht zu führen?«

Ich sagte ihr, sie solle den Mund halten und sich dankbar zeigen für das Essen, das wir gleich bekommen würden. Nach dem Tischgebet tat das Hausmädchen mit der Kelle Lammeintopf auf, das erste Fleisch, das ich seit Monaten gegessen hatte. Tibb hatte sein Versprechen gehalten, das musste ich ihm lassen. Während ich aß, vergewisserte ich mich, dass ich bescheiden und demütig den Kopf über meine Holzschale neigte. Aber ich spürte ihre Blicke. Die Holdens, ihre Kinder, die Bediensteten und die Knechte starrten mich an. Das würde sich herumsprechen. Wenn Liza und ich am Sonntag in die New Church gingen, würde von Colne bis nach Whalley jeder erzählen, dass die Demdike vom Malkin Tower auf der Bull Hole Farm das Ale besprochen hatte. Konnte ich den Klatsch und die Blicke ertragen, die mir folgen würden? Die Leute hatten sich weiß Gott schon genug das Maul über mich zerrissen.

Der Lammeintopf und das Brot waren üppig und gut und füllten meinen Magen. Ein richtiges Mahl wie dieses reichte aus, dass Liza rote Wangen bekam. Wenn man sie von der Seite ansah, fiel ihr Schielen kaum auf, und abgesehen von ihren eigenwilligen Augen und ihrer mageren Gestalt sah sie als Mädchen nicht übel aus.

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