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Die Todsängerin

ÜBER DAS BUCH

Aurora Pine muss früh lernen, was es heißt, anders zu sein. Als Hexe verschrien, werden ihre Mutter und sie aus dem Dorf gejagt. Im Wald lernt sie von ihr die Magie des Gesangs, doch die kraftvollen Lieder wollen Aurora nicht gelingen. Als ihre Mutter bei einem Überfall getötet wird, muss sie sich mit Betteln durchschlagen. Schließlich wendet sich ihr Glück: Sie wird bei den Sanften Schwestern aufgenommen und soll die vier Schulen der Heilung durchlaufen. Doch auch hier fällt es Aurora schwer, sich einzufügen. Bis sie von einer geheimen fünften Schule erfährt: dem Haus Mortem …

ÜBER DEN AUTOR

Alexander Paul ist Schleswig-Holsteiner durch und durch. In der Nähe von Rendsburg aufgewachsen, lebt er inzwischen an der Nordsee, und zwar in Husum. Dort arbeitet er unter der Woche für ein Unternehmen, dass Offshore-Windparks baut. Am Wochenende lässt er sich auf’m Deich gern selbst den Wind um die Ohren pusten, am liebsten in Begleitung seiner Frau und seiner zwei Söhne. Er begeistert sich für das Lesen, Sammeln und Schreiben von Fantasyliteratur, zudem ist er ein großer Kinofan, wobei ihm Zombiefilme die liebsten sind.

DAHEIM

AURORA versuchte, das grüne Stück Stoff so um die kleine Strohpuppe zu wickeln, dass es aussah wie ein Kleid. Der Brennnesselsud hatte den Leinenfetzen beim Färben spröde und hart werden lassen, was ihre Bemühungen erschwerte. Aurora war kurz davor zu verzweifeln und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie das Klopfen an der Tür überhörte. Erst als sie bemerkte, dass ihre Mutter mit jemandem sprach, wurde ihr bewusst, dass sie nicht mehr allein waren.

»Legt ihn hier auf den Tisch«, sagte Auroras Mutter zu Bathram und seinem Gehilfen Serget. »Ich muss erst den Verband entfernen und mir die Wunde ansehen. Dann kann ich mehr sagen.«

Die beiden Köhler mit den verdreckten Lederschürzen und rußgeschwärzten Gesichtern trugen ihren Freund Aaron in die kleine Hütte.

»Aaron meinte, die Wunde ist gut verheilt und wir sollen uns keine Sorgen machen«, erklärte Bathram verlegen. »Das Fieber kam heute Nachmittag ganz plötzlich. Wir wollten gerade Schluss machen und den Meiler wieder abdichten, als er auf einmal zusammengebrochen ist. Wir haben versucht, ihm Wasser einzuflößen, aber er erbricht sich sofort. Du musst ihm helfen, Sibbel, hörst du? Bama bringt uns um, wenn sie hört, dass er uns am Meiler geholfen hat.«

»Und sie hätte recht«, erwiderte Auroras Mutter ärgerlich. »Ich hatte gesagt, er soll sich bis zum nächsten Neumond schonen. So eine tiefe Wunde am Bein braucht ihre Zeit, um zu verheilen.«

Sibbel blickte sich hektisch in der kleinen Hütte um – und fand, wonach sie suchte. »Aurora, nimm die Sachen vom Tisch und bring mir die dicke Kerze mit den drei Dochten. Wir brauchen hier etwas mehr Licht«, wies sie ihre dreizehnjährige Tochter an.

Bevor Aurora überhaupt begriff, was in der kleinen Hütte vor sich ging, lag Aaron bereits halb auf dem Tisch, und Bathram schob mit einem Arm das schmutzige Geschirr und Auroras Basteleien zur Seite.

»Nicht, du machst sie kaputt«, schrie sie auf und schnappte sich ihre zwischen Stoffresten halb vergrabene Puppe vom Tisch. »Ich wollte sie gerade wieder zusammennähen. Sie ist ein Geschenk für Rilka, weil doch ihre Mutter gestorben ist.« Aurora drückte sich die kleine Puppe aus Stroh und Leinenstoff an die Brust, als sei sie ein Schatz.

»Du kannst sie auch noch morgen zu Rilka bringen«, beschwichtigte Sibbel sie. »Ihr Vater meinte, es dauert noch ein paar Tage, bis sie hier alles zusammengepackt haben und nach Felsacker ziehen. Das hier ist jetzt wichtiger, Liebes. Aaron ist schwer krank und braucht unbedingt meine Hilfe.«

»Aber Rilka …«, setzte Aurora an.

»Rilka muss warten«, unterbrach ihre Mutter sie schroff. »Hol jetzt die Kerze. Du kannst sie auch schon anzünden mit einem Span, wenn du Lust hast.«

Das war nicht fair, entschied Aurora. Rilka würde es ihr bestimmt verzeihen, falls das schöne grüne Kleid heute noch nicht ganz fertig sein würde. Aber ihre beste Freundin saß seit einer Woche da und weinte unentwegt, weil sie ihre Mutter vermisste. Bathram hingegen hatte eine Familie und Freunde, sollten die sich doch um den Verletzten kümmern.

Dennoch kam Aurora der Bitte ihrer Mutter nach, trat an den Herd und hielt einen langen Buchenspan ins Feuer. Es war lustig, mit anzusehen, wie die Flammen auf das dünne Holz übersprangen und es in Brand steckten. Ganz vorsichtig, wie auf einem unsichtbaren Seil balancierend und die Augen auf das brennende Holz gerichtet, kehrte Aurora an den Tisch zurück. Dann entzündete sie ebenso achtsam die drei Dochte der armdicken Kerze.

»Danke, Prinzessin«, sagte ihre Mutter. »Und mach ein bisschen Platz und lass mich nachsehen, wie wir Aaron helfen können. Er muss doch wieder gesund werden.«

Erst jetzt fiel Aurora auf, dass alle nur den Mann auf dem Tisch beäugten. Aaron lag da wie eine riesige Puppe. Ein Arm hing über die Tischkante, der Kopf war zur Seite gefallen. Schweiß stand auf seiner Stirn, und sein Atem ging schnell und flach.

Sibbel hatte die Hände auf Aarons Verband gelegt. Vom Knie abwärts bis zum Fußknöchel war das linke Bein mit hellbraunen Lumpen bandagiert. Eine Handbreit unterhalb des Knies hatte sich der Stoff dunkel verfärbt. Der Fleck sah fast aus wie eine braunrote Blüte.

»Aurora, nimm deine Sachen mit rüber zum Bett und versuch, die Puppe allein fertig zu machen«, sagte Sibbel. »Aber sei leise und stör uns nicht.«

»Es macht mir nichts aus, wenn es eklig ist«, erwiderte Aurora. »Ich kann dir helfen. Ich habe Jorge auch schon mal das Bein verbunden.«

»Heute nicht, Liebes. Mach, was ich dir gesagt habe.« Diesmal klang Sibbels Stimme nicht mehr bittend.

Aurora gehorchte, wenn auch widerwillig. Sie setzte sich neben den Ofen auf ihr Bett und strich der Puppe, die sie Lilly getauft hatte, mit den Fingern durch das angenähte braune Pferdehaar. Sosehr sie den Hals auch reckte und den Kopf drehte, Bathram und Serget versperrten ihr die Sicht auf den Tisch.

Die blutverkrusteten Lumpen fielen zu Boden, und Bathram sog zischend die Luft zwischen den Zähnen ein. Sein junger Kamerad wandte sich angewidert vom Tisch ab.

»Verdammt noch mal, stinkt das«, keuchte er.

»Die Wunde ist brandig geworden«, erklärte Sibbel. »Sein Fleisch fault und vergiftet das Blut.«

»Dann mach ihm irgendeine von deinen Salben drauf, oder gib ihm eine von den Kräutertinkturen, die du braust. Hauptsache, er ist heute Abend wieder auf den Beinen, und Bama sieht ihn nicht so«, sagte Bathram.

Sibbel schüttelte traurig den Kopf. »Das wird nicht helfen. Wir müssen das faule Fleisch entfernen, damit es ihn nicht weiter vergiftet.«

»Du willst ihm ein Stück aus dem Bein schneiden?«, fragte Bathram empört.

»Nein, nicht ein Stück. Wir müssen ihm das ganze Bein abnehmen.«

Bathram starrte Sibbel an, als traute er seinen Ohren nicht. Unvermittelt sprang er vor und packte sie am Hals. »Das wirst du nicht tun, Kräuterweib. Du machst ihn nicht zum Krüppel. Vorher breche ich dir deinen dürren Hals.«

Sibbel rang nach Luft und versuchte, etwas zu erwidern, doch der Griff des Köhlers war zu stark.

Aurora hätte in Panik verfallen sollen oder wenigstens schreien, doch stattdessen stand sie auf, ging hinüber zum Herd und nahm den Topf Teewasser vom Haken über der Feuerstelle. Keiner der beiden Männer achtete auf sie. Bathram stand mit dem Rücken zu ihr, und sein Gehilfe Serget starrte zu Boden und schien zu beten. Aurora nahm den Henkel des Topfes in die eine Hand und packte mit der anderen den wulstigen Rand. Dann stellte sie sich hinter Bathram.

»Wenn du meine Mutter nicht sofort loslässt, verbrühe ich dir das Gesicht«, krächzte sie.

Jetzt, wo sie bei ihm stand, überkam sie das Gefühl, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, einfach nur panisch zu schreien. Der wulstige Rand des Topfes war nicht besonders heiß, was bedeutete, dass sie mit dem Teewasser niemanden verbrühen würde. Das wusste Bathram aber nicht.

»Bring das verdammte Gör zur Vernunft«, schnauzte er seinen Gehilfen an.

Serget sah unentschlossen aus, und als er sich Aurora einen Schritt näherte, wandte sie sich ihm mit dem Topf zu.

»Können wir nicht lieber …«, stammelte er.

»Sei vorsichtig«, zischte Bathram, hob die Arme und trat einen Schritt von Sibbel zurück.

Aurora wunderte sich kurz, dass ihre Finte geglückt war. Doch dann erkannte sie, dass der Köhler gar nicht mit ihr gesprochen hatte. Ihre Mutter hielt einen Dolch in der Hand, dessen Spitze sie Bathram an den Schritt drückte. »Wir sollten uns alle erst einmal wieder etwas beruhigen«, sagte Sibbel.

»Beruhigen?«, höhnte Bathram. »Das kannst du Bama erzählen, wenn wir ihr sagen, dass wir ihrem Gatten das Bein abgeschnitten haben. Dann kratze ich lieber all mein Erspartes zusammen und bringe ihn nach Buchtenheim. Dort wird der Orden ihm helfen.«

»Die Reise würde drei Tage dauern«, gab Sibbel zu bedenken. »Bis dahin ist Aaron tot, und du kannst dein Erspartes für sein Begräbnis ausgeben. Das Fieber ist schon hoch, und wenn wir nicht sofort handeln, übersteht er die Nacht nicht. Außerdem habe ich nicht gesagt, dass ich ihm das Bein abnehme. Das wirst du tun, Bathram. Ich sorge nur dafür, dass er nicht verblutet. Entweder das, oder du gehst zu Bama und sagst ihr, dass sie schnell herkommen soll, wenn sie ihren Mann noch mal lebend sehen will.«

Bathram stand da und kaute auf den Nägeln wie ein Junge, der sich vor seiner ersten Mutprobe fürchtete. »Bama würde es nicht zulassen, dass wir ihm das Bein abschneiden.«

Sibbel schüttelte den Kopf. »Nein, Bama wäre lieber eine trauernde Witwe, als einen Krüppel zum Mann zu haben. Aber hier geht es nicht um Bamas Leben, sondern um das deines Freundes. Bathram, denk nach. Du kennst Aaron von Kindesbeinen an. Willst du ihn einfach sterben lassen?«

Ein langes Schweigen folgte, und Aurora sah, dass Bathram hilfesuchend zwischen seinem Kollegen, Sibbel und Aaron hin und her schaute, doch niemand erwiderte seinen Blick.

Die Entscheidung fiel ohne ein Wort. Sibbel reichte dem Köhler eine Flasche mit goldgelbem Inhalt. Auroras Mutter schüttete immer ein bisschen davon in den Kuchenteig. Bathram nahm einen großen Schluck und schüttelte sich.

»Was muss ich tun?«, fragte er niedergeschlagen.

Bevor er eine Antwort bekam, wandte sich Sibbel wieder an Aurora. »Kleines, stell den Topf zurück. Alles ist gut. Bathram ist nur ein bisschen verschreckt, aber jetzt hat er sich wieder beruhigt. Stimmt’s, Bathram?«

Der Köhler knurrte etwas Unverständliches und nickte.

»Geh jetzt bitte nach draußen und spiel mit den anderen. Ich rufe dich, wenn du wieder reinkommen kannst.«

»Machst du Aaron wieder gesund, Mama?«

»Ich versuche es, Liebes, aber du musst uns dafür eine Weile in Ruhe lassen. Ich kann mich jetzt nicht um dich kümmern.«

Normalerweise hätte Aurora widersprochen, doch irgendwie hatte sie das Gefühl, ihre Mutter wollte sie nicht loswerden, sondern beschützen. Ohne ein weiteres Wort nahm sie die Puppe für Rilka und ging vor die Tür.

Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Wer nicht draußen arbeiten musste, war in den Hütten verschwunden. So mochte Aurora es. Sie spielte am liebsten allein. Die Jungen im Dorf waren allesamt blöd. Ständig prügelten sie sich oder fochten mit ihren albernen Holzschwertern herum. Die Mädchen waren nicht viel besser. Sie hänselten Aurora, weil sie keinen Vater hatte, und kicherten hinter ihrem Rücken über sie. Nur Rilka war so etwas wie eine Freundin. Sie war jedoch erst sieben und jetzt, wo ihre Mutter gestorben war, zog sie mit ihrem Vater nach Felsacker.

Zufrieden trat Aurora nach draußen. Bei diesem Wetter hatte man seine Ruhe und konnte seinen Gedanken nachgehen. Gedanken darüber, warum alles so war, wie es war. Aurora verzog sich in den Unterstand für das Brennholz. Sie setzte die Puppe neben sich auf ein Scheit und beobachtete, wie sich die Wassertropfen auf dem Vordach sammelten.

Mehr als eine Stunde verging, bis sich endlich die Tür zur Hütte öffnete und Bathram und sein Kollege ins Freie traten. Die Arme des Köhlers waren bis zum Ellenbogen blutverschmiert. Sein Gesicht war verzerrt, als ob er Schmerzen hätte. Er hielt ein Bündel, in das etwas eingewickelt war. Etwas von der Größe eines langen Holzscheites.

Aurora wartete, bis sie verschwunden waren, dann schlich sie zur Tür und horchte. Ein Bottich wurde über den Boden geschoben, und sie vernahm das Klatschen eines Wischlappens auf den Dielen. Dann wurde es ruhig, und nach einiger Zeit setzte die Stimme ihrer Mutter ein. Sie sang. Es war eines dieser Lieder, deren Sprache Aurora nicht verstand. Die Worte waren ihr fremd und klangen irgendwie hohl. Ihre Mutter sang oft, aber nur, wenn sie allein war. Aurora lauschte den fremdartigen Lauten, und in ihr erwachte das Gefühl von Traurigkeit und Trost zugleich.

»Du kannst jetzt wieder reinkommen, Prinzessin«, rief ihre Mutter schließlich.

Aurora fühlte sich irgendwie ertappt. Sie schlich einige Schritte davon, drehte sich aber um, als sie die Sinnlosigkeit erkannte und rief: »Ich muss Lilly noch holen. Komme gleich, Mami.«

Als Aurora die Hütte betrat, lag Aaron immer noch auf dem Tisch. Sein linkes Bein endete unterhalb des Knies in einem Lumpenbündel. Das eingefallene Gesicht des Köhlers war blass, und sein Atem ging keuchend. Er war noch nicht wieder bei Bewusstsein.

»Wird er wieder gesund, Mama?«

»Ich weiß es nicht, mein Schatz. Das Fieber sinkt zwar, aber er ist sehr schwach. Die nächsten Tage werden es zeigen. Er braucht jetzt viel Ruhe und Pflege von seiner Familie.«

Wenig später kam Bathram mit seinem Lehrling Serget zurück. Sie hatten eine provisorische Bahre zusammengezimmert, auf der sie Aaron wegbrachten.

Bevor sie gingen, wandte Bathram sich noch einmal an Sibbel. »Kannst du nicht mitkommen und mit Bama sprechen? Ich weiß nicht, ob ich die richtigen Worte finde. Außerdem sollte sie vielleicht wissen, wie man den Stumpf behandeln muss.«

Aurora sah, wie sich das Gesicht ihrer Mutter verfinsterte. »Als Aaron sich die Verletzung am Bein zugezogen hat, war ich bei Bama und habe ihr erklärt, dass ihr Mann einige Wochen nicht arbeiten kann und sie täglich den Verband wechseln und die Salbe auftragen muss. Zur Antwort bekam ich, dass ich mich um meinen eigenen Kram kümmern sollte. Sie hat mir ins Gesicht gespuckt und mich an den Haaren aus ihrem Haus gezerrt, als wenn ich an allem schuld wäre. Tut mir leid, Bathram.«

Die beiden Männer trugen Aaron davon.

Den restlichen Abend sprachen Mutter und Tochter kaum ein Wort. Aurora konnte den Blick nicht mehr von dem Tisch abwenden, auf dem der Köhler gelegen hatte. Sie weigerte sich, ihr spärliches Abendbrot zu essen, und ging hungrig ins Bett.

*

Am nächsten Morgen hing immer noch der metallische Gestank von getrocknetem Blut im Dunst der kleinen Hütte. Ein Blick durch die maroden Fensterläden beschied Aurora die Gewissheit, dass heute ein langweiliger und von Hausarbeit erfüllter Tag vor ihr lag. Es war der Neunte Bethel, einer der zwölf Tage im Jahr, in der sich die Sonne nur als schwach glühender Ring am Himmel zeigte.

Es war halb Vormittag, und Aurora stand an der Kochstelle und hielt einen verdorrten Zweig ins Feuer. Der Schein der Flammen spielte mit ihrem roten Haar und ließ es aussehen, als besäße es ein Eigenleben.

»Aurora?«

Das Mädchen kannte den Unterton in der Stimme ihrer Mutter nur zu gut. Es gab Dutzende von Tonfällen, mit denen eine Mutter ihr Kind rief. Dieser klang eindeutig entnervt und ein wenig verärgert.

»Ja, Mama?«, antwortete Aurora und drehte sich verstohlen zur Seite.

»Was könnte ich wohl von dir wollen, Liebes?«

Genau wie die vielen Untertöne erkannte Aurora auch, wenn ihre Mutter sie tadelte. Es begann immer mit einer Frage, und man tat gut daran, sie richtig zu beantworten. Ansonsten durfte man entweder das Geschirr allein spülen, Reisig sammeln oder Flicken setzen. Alles Dinge, bei denen man Zeit zum Nachdenken hatte, wie ihre Mutter sagte. Aurora spielte lieber mit den Ziegen, statt nachzudenken.

Aurora ließ den Zweig in die Flammen fallen. »Ich soll nicht mit dem Feuer spielen.«

»Und warum?«

»Weil Feuer gefährlich ist.«

»Richtig, meine Süße. Und jetzt greif dir den Löffel und sag mir, was an der Suppe noch fehlt.«

Aurora zog sich einen Schemel heran, stieg hinauf und griff nach dem Holzlöffel, der in dem Kessel mit brodelnder Suppe steckte. Sie rührte damit herum und versuchte, ein bisschen Lauch und etwas Speck herauszufischen, jedoch ohne Erfolg. Enttäuscht gab sie sich mit der klaren Brühe zufrieden. Sie pustete vorsichtig den dampfenden Löffel an. Dann kostete sie.

»Na, wie schmeckt sie?«, fragte ihre Mutter.

»Heiß«, sagte sie.

»Heiß ist kein Geschmack, Prinzessin.«

Der Löffel verschwand noch einmal bis zum Stiel im Mund des Mädchens. Dann zog sie ihn heraus und drehte ihn vor ihrem Gesicht hin und her.

»Dann schmeckt sie nach gar nichts, Mama.«

Auroras Mutter schnaubte belustigt. »Alles, was Gott erschaffen hat, besitzt auch einen Geschmack, Süße. Wir machen uns nur manchmal nicht die Mühe, ihn zu erkennen, weil wir glauben, unsere Augen verraten uns schon genug.«

»Aber die Suppe ist von dir, nicht von Gott.«

Mit dieser Antwort hatte Auroras Mutter scheinbar nicht gerechnet. Einen Augenblick zögerte sie, und Aurora befürchtete, dass sie ärgerlich würde, doch dann lachte sie.

»Du hast Recht, Prinzessin. Gott schenkt uns nur die Zutaten und unsere Talente. Was wir daraus machen, hängt ganz von uns ab. Kochen scheint keines meiner Talente zu sein.«

Sibbel trat zu ihrer Tochter an den dampfenden Kessel. In den Händen hielt sie ein gutes Dutzend geputzter und kleingeschnittener Pfifferlinge. Sie hielt sie Aurora vor die Nase, die daran schnupperte.

»Mhm!«

»Die hat Gott uns auch noch gebracht, weil er um meine Kochkünste weiß«, sagte sie lachend.

Aurora war nicht zum Lachen zumute. Sie wusste, woher die Pilze stammten. Gott hatte sie vielleicht in den Wald gepflanzt, aber der Schmied Cannas hatte sie ihnen gebracht. Auroras Mutter wollte daraus für seine Frau eine Salbe machen, die Gicht aus den Händen vertrieb.

»Nicht, Mama«, rief Aurora entsetzt. »Die dürfen wir nicht essen. Du hast es dem Schmied versprochen.«

»Ach, meine Prinzessin. Ich hab ihm versprochen, Tune zu helfen, und das mache ich auch. Keine Sorge, das geht schon in Ordnung. Ich weiß, was ich tue. Irgendwann einmal wirst du es verstehen.«

Mit diesen Worten ließ sie die Pilze in den brodelnden Suppentopf fallen.

»Und für dich habe ich noch etwas ganz Besonderes.« Sibbel ging zu ihrem Kräuterbeutel, aus dem sie ein kleines Bündel zog. Vorsichtig faltete sie den Stoff auseinander und präsentierte ihrer Tochter einen weiteren Pilz.

»Eine Honigmorchel«, krächzte Aurora vor Freude.

»Aber erst zum Nachtisch«, ermahnte ihre Mutter sie mit einem Lächeln.

In diesem Moment krachte etwas Schweres gegen die Tür der kleinen Hütte. Vor Schreck ließ Aurora die Morchel fallen und starrte ängstlich zu ihrer Mutter.

»Sibbel, du Hexenweib, komm raus und sieh dir an, was du getan hast«, kreischte eine Frauenstimme. »Dafür wirst du büßen, Tochter der Dubita.«

»Das ist Bama«, sagte Aurora. »Sie ist bestimmt wütend, weil du Aarons Bein abgemacht hast?«

»Räuchern wir sie doch einfach aus«, schrie eine weitere Frau von draußen, und noch andere stimmten ihr zu.

Sibbel warf ihrer Tochter einen strengen Blick zu und schüttelte energisch den Kopf.

»Du bleibst hier, Süße. Egal was passiert«, flüsterte sie. Sie huschte zu dem geschlossenen Fenster neben der Tür und spähte durch die schmalen Schlitze der Läden. Mit einer Handbewegung ermahnte sie Aurora zurückzubleiben. Dann öffnete Sibbel die Tür einen Spaltbreit und sah hinaus zu den Leuten, die sich auf dem Dorfplatz vor ihrem Haus versammelt hatten. »Ist das Aaron? Was ist los mit ihm? Was ist passiert?«

»Komm selbst raus und sieh es dir an«, keifte Bama von draußen.

Sibbel öffnete langsam die Tür und trat hinaus vor die Hütte. Aurora sah mehr als ein Dutzend Frauen, die sich davor versammelt hatten. Bama war eine von ihnen. Auch Tune und Cannas sowie Bathram und sein Lehrling hatten sich zu ihr gesellt. Sie hielten Besen, brennende Fackeln, Schlaghölzer und Knüppel in den Händen. Vor der Meute, die im Halbkreis vor der Hütte stand, lag eine reglose Person auf der Erde. Durch den offenen Türspalt sah Aurora nur ihre Beine und die Hälfte des Oberkörpers. Das linke Bein war mit Bandagen umwickelt und endete unterhalb des Knies. Aaron. Er bewegte sich nicht, sondern lag im Dreck des Dorfplatzes wie eine weggeworfene Puppe.

Auroras Mutter beugte sich über ihn. Sie öffnete sein Hemd und tastete den Oberkörper ab. Dann fühlte sie den Puls. Es dauerte einen Moment. Niemand sagte etwas oder regte sich. Aller Augen ruhten auf Aaron und Sibbel.

Als sich Auroras Mutter erhob und Aarons Arm leblos zu Boden sackte, stand die Meute noch immer wie gebannt um sie herum.

»Sag ihnen, was passiert ist, Bama«, forderte Sibbel. »Sag ihnen, was du getan hast.«

Bama war von jeher niemand, der mit Worten umzugehen, geschweige denn, den richtigen Ton zu treffen wusste. Alles, was sie sagte, hörte sich an wie eine Schimpftirade. Aurora erinnerte sich nicht, sie jemals lachen gehört zu haben. Schon gar nicht in ihrer Gegenwart oder der ihrer Mutter. Sie schienen ein rotes Tuch für Bama zu sein. Warum, das wusste Aurora nicht – ihre Mutter hingegen schon, doch wollte sie den Grund dafür ihrer Tochter erst verraten, wenn sie älter und verständiger wäre, jedenfalls behauptete sie das. Es gab noch mehr Themen, über die ihre Mutter nicht mit ihr sprechen wollte. Mittlerweile hatte Aurora so viele offene Fragen, dass sie sich schon fast vor der Flut an Antworten fürchtete, die irgendwann auf sie zukam.

Bama antwortete Sibbel nicht, sondern stürmte wie eine Furie auf sie zu, einen Wäschebleuel hoch erhoben. Sibbel hatte keine Chance zu reagieren. Das Holzbrett traf sie mit der Stirnseite in den Unterleib wie ein Schwerthieb. Aurora sah, wie ihre Mutter zu Boden ging und Bama bereits zum nächsten Schlag ausholte.

»Nicht, lass sie in Ruhe! Das darfst du nicht.« Aurora war wie von Sinnen. Ungeachtet dessen, mit wem sie sich anlegte, rannte sie kreischend und wild gestikulierend aus der Hütte auf Bama zu, fest entschlossen, sie aufzuhalten. Noch bevor sie der Frau mit der strohigen Mähne und dem kantigen Gesicht einen Fußtritt verpassen konnte, hatte Bama sie an den Haaren gepackt.

»Ich habe gerade erst angefangen, du kleine Göre«, zischte sie.

Bama hielt mit Aurora im Schlepptau auf Cannas zu. Sie ließ den Bleuel fallen und riss dem Schmied die Fackel aus den Händen.

»Sieh gut hin, Süße, was ich alles darf«, raunte sie Aurora zu. Ihr Blick war hasserfüllt, fast wahnsinnig. Dann warf sie die Fackel im hohen Bogen auf die mit Roggenstroh gedeckte Hütte.

In ihrer Panik riss Aurora sich los und büßte dabei ein Haarbüschel ein. Der Schmerz trieb ihr weitere Tränen in die Augen, doch er schürte auch ihre Wut. »Du bösartige Vettel! Meine Mama hat dir nichts getan. Sie wollte nur helfen. Ich bete, dass die Gicht dich holt.«

Aurora trat zu und traf Bamas Schienbein. Unter Kindern wäre der Streit damit beendet gewesen. Sie hatte gezeigt, dass sie sich wehren konnte. Aurora wandte sich ab, um ihrer Mutter zu helfen. Doch bevor sie einen Schritt auf sie zugehen konnte, packte Bama sie abermals. Mit einem Ruck riss sie das Mädchen herum. Das Letzte, woran sich Aurora erinnerte, waren der Wäschebleuel und die abgrundtief hasserfüllten Augen, die sie anstarrten.

BEMET stand am Eingang des Totemhortes, zusammen mit den drei anderen Jungen aus seinem Dorf und Nikra, der Tochter des Fallenstellers. Vor ihnen befand sich der Maahi, ein heiliger Ort, der von hohen Palisaden umfasst war. Heute war die Totemweihe, die Gunst der Pranke, der Tag, an dem die Götter ihre Augen schlossen und die Sonne verdunkelten, um sich ganz dem Totemgeschenk zu widmen. Nikra stand etwas abseits der Jungen. Sie schien weder nervös noch ängstlich zu sein, nur desinteressiert. An Bemets Seite war Olet, sein bester und ältester Freund.

»Ihr wisst, wie es abläuft«, dröhnte die Stimme des Ältesten durch die winzige Sichtluke aus dem Inneren des Maahi. »Jeder zieht einen Stock aus dem Erdhügel. Derjenige mit dem längsten wählt zuerst ein Totem, dann folgt der mit dem zweitlängsten und so weiter. Erheben zwei von euch Anspruch auf dasselbe Totem, wird die Vergabe durch Kampf entschieden, wobei der Herausforderer die Wahl der Waffe hat. Habt ihr das verstanden?«

»Ja, Ältester«, antwortete der gemischte Chor Tulips, so nannte man die heranreifenden Jugendlichen, die noch kein Totem besaßen. Danach wurde man zum Mankar, einem erwachsenen Menschen.

»Den Kürzesten hat auf jeden Fall Olet«, zischte Ranut boshaft. »Abgesehen von Nikra vielleicht.«

Das junge Mädchen ignorierte die Anspielung. Das versuchte auch Olet, doch seine Gesichtsfarbe verriet ihn.

»Lass ihn in Ruhe, Ranut«, mischte sich Bemet ein.

»Sonst was?«

»Sonst brauchst du kein Totem, weil jeder weiß, dass du eine Ratte bist.«

Jetzt kicherte Nikra, und Olet brachte ein verschmitztes Lächeln zustande.

»Ist doch wahr«, hielt Ranut dagegen. »Dein Freund kann doch nicht mal pinkeln, ohne sich die Finger nass zu machen.«

Olets Gesichtsfarbe glich einer Himbeere, was selbst im Zwielicht gut zu erkennen war.

Die Anspannung löste sich abrupt, als sich das Tor zum Maahi öffnete. Von hier an verlief alles wie einstudiert. Die Tulips betraten den heiligen Ort und stellten sich im Kreis um den kniehohen Erdhügel auf. Fünf Stöcke für fünf junge Menschen. Im Hintergrund stand der Älteste vor dem Altar, auf dem drei Totems platziert waren: der Rindenbär, die Bergkatze und die Eiseule.

»Die Götter mögen uns nicht«, sagte Olet enttäuscht, als er die Totemfiguren erkannte. »Fünf Anwärter und nur drei Skulpturen.«

»Nur euch mögen sie nicht«, erwiderte Ranut gelassen. »Mein Totem steht dort auf dem Altar.«

Sosehr Bemet Ranut auch verachtete, er hatte recht. Niemand mit klarem Verstand und ein wenig Sinn für Selbstschutz würde ihm sein Totem streitig machen. Ranut war jemand, der sich nahm, was er wollte, und wenn man etwas dagegen hatte, bekam man eine Tracht Prügel oder Schlimmeres. Jetzt würde sich herausstellen, welche drei Tulips zuerst ihr Totem wählen durften. Die beiden übrigen könnten sich dann nur für eine Herausforderung entscheiden, einen Kampf oder ein Leben als Howak, eines Totemlosen. Stellte man sich seinem Rivalen, bekam man wenigstens im nächsten Jahr eine neue Chance.

Die fünf Tulips umrundeten den Erdhaufen und musterten die Stöcke, die darin steckten. Es war unmöglich zu erkennen, welcher länger war und welcher nicht. Bevor Bemet diese Erkenntnis verinnerlichen konnte, zog Ranut den ersten Stock. Dann folgten Bemet, Olet und Ussad, der bislang noch überhaupt nichts gesagt hatte und so unbeteiligt wirkte, als wollte er sich die Totemweihe nur einmal ansehen.

Dann kam der Moment der Wahrheit. Die fünf stellten sich in einer Reihe auf und verglichen ihre Stöcke. Jeder war etwa so lang wie ein Unterarm, dennoch wiesen sie geringfügige, aber eindeutige Längenunterschiede auf. Nikra hatte gewonnen, Ranut war der Zweite und Olet der Dritte. Diese drei konnten frei entscheiden, welches Totem sie wählten.

»Der Bär ist meiner«, warnte Ranut Nikra.

Das junge Mädchen bedachte ihn mit einem hämischen Grinsen und ging zum Altar. Ohne zu zögern, stellte sie sich zum Totem der Eiseule.

Bemet kannte Eiseulen nur aus Erzählungen. Gesehen hatte er sie noch nie, da sie weit oben in den Bergen lebten. Angeblich waren sie größer als ein Uhu, hatten weißes Gefieder mit dichtem Flaum bis über die Fänge, die ein wenig an Pranken erinnerten. Die Eiseule stand für Schnelligkeit, Anmut und Präzision.

Ranut stürmte schon los, bevor der Älteste ihm signalisierte, dass er an der Reihe war. Schnurstracks steuerte er auf den Bären zu, postierte sich dahinter und nahm seine gewohnte Siegerpose ein. Der Rindenbär war gleichbedeutend mit Kraft, Entschlossenheit und Ausdauer.

»Olet, jetzt bist du dran«, erinnerte der Älteste ihn, als er sein Zögern bemerkte. Olet warf Bemet eine entschuldigende Geste zu und trottete vor. Er stellte sich zu der letzten freien Totemfigur, der Bergkatze, die für Instinkt, Scharfsinn und Geschmeidigkeit stand.

»Jetzt du, Ussad«, sagte der Älteste.

Bemet fiel auf, dass der Junge fast wie in Trance auf die Bärenfigur starrte, doch dann klärte sich unvermittelt sein Blick, und er huschte entschlossen zu Nikra hinüber. Bemet konnte sich vorstellen, was in Ussads Kopf vorging. Statt nach den Sternen zu greifen, nahm er lieber die Kerze vom Tisch. Gegen ein Mädchen zu kämpfen verhieß einen leichten Sieg.

Ussad baute sich vor Nikra auf.

»Du hast gewählt?«, erkundigte sich der Älteste.

Ussad nickte entschlossen.

»Wie soll der Kampf entschieden werden?«

»Ohne Waffen.«

»Dann geht zur Mitte des Maahi und tragt die Sache aus.«

Die beiden Tulips stellten sich auf den Heiligen Platz und nickten einander förmlich zu. Nun konnte der Kampf beginnen. Ussad nahm seine Kampfpose ein. Ein Bein war vorangestellt und die Fäuste zur Deckung gehoben, bereit, sofort einen Schlag auszuführen. Nikra dagegen umrundete ihren Konkurrenten langsam, ohne dabei aggressiv zu wirken. Dieses Spiel zog sich fast eine Minute hin, bis Ussad plötzlich vorsprang, um dem Mädchen ins Gesicht zu schlagen. Die Faust ging ins Leere, Nikras Fuß jedoch nicht. Sie trat Ussad mit voller Wucht zwischen die Beine. Der Junge ging zu Boden wie ein Sack Kartoffeln, und bevor er sich vor Schmerzen krümmen konnte, saß Nikra bereits auf Ussads Rücken und presste seinen Kopf in den Sand. Damit war es entschieden. Nikra nahm wieder ihren angestammten Platz ein, und Ussad kroch unter Schmerzen an die Palisadenwand, um dort zu Atem zu kommen.

»Jetzt du«, forderte der Älteste Bemet auf.

Die Entscheidung war äußerst knifflig. Er konnte unmöglich ebenfalls gegen Nikra antreten. Es wäre unehrenhaft, sie ein zweites Mal herauszufordern, und es würde blamabel sein, an ihr zu scheitern. Somit konnte er sie schon einmal ausschließen. Auch Olet wollte er nicht herausfordern. Zwar würde er mit Sicherheit gewinnen, aber genauso sicher eine Freundschaft verlieren. So blieb ihm nur, auf das Totem zu verzichten oder Ranut zu wählen. Doch selbst das war keine leichte Entscheidung.

Bemet ging zum Altar und stellte sich vor Ranut, dessen hasserfüllte Augen ihn bereits fixierten, seit er den ersten Schritt getan hatte.

»Ich werde dir richtig weh tun«, flüsterte er Bemet zu. »So sehr, dass du dich fürchten wirst, im nächsten Jahr wieder hier anzutanzen.«

»Ich wähle den Stab«, sagte Bemet, ohne auf die Waffenwahl angesprochen worden zu sein.

Der Älteste, der die Waffen hinter dem Altar gelagert hatte, reichte beiden Jungen einen Stab. »Auf eure Positionen!«

Bemet hatte seinen Gegner schon kämpfen gesehen. Ranut liebte es, seine Kraft unter Beweis zu stellen. Seine Schläge kamen schnell und präzise. Nur wenn man ihn auf Abstand hielt, hatte man eine Chance. Der Stab war die Waffe, die Ranut am wenigsten lag, wenn es so etwas überhaupt gab.

Bemet spürte die feinen Rillen, die in den Griffabschnitt ins Holz gearbeitet waren. Sie verhinderten, dass einem der fünf Fuß lange Roteichenstab beim Schlag aus der Hand glitt.

Genau wie es ihm der alte Jorl gezeigt hatte, hielt Bemet die Waffe seinem Gegner am ausgestreckten Arm entgegen. Diese Geste signalisierte, dass man kampfbereit war, und sie zollte dem anderen Respekt.

Ranut, der einen guten Kopf kleiner war, zeigte Bemet auf seine Weise, dass er jederzeit kampfbereit war. Ohne Vorwarnung stieß er seinem Gegner die Stabspitze zwischen die unteren Rippenbögen.

Die Wucht des Treffers raubte Bemet den Atem, und Ranut hatte den Abstand zwischen ihnen bedrohlich verkürzt. Fassungslos taumelte Bemet zurück. Sein Blick fiel auf den Ältesten, in der Hoffnung, dass dieser den Regelverstoß ahnden würde.

Offenbar gab es keine ehrenhaften Kampfregeln bei der Vergabe der Totems, dachte Bemet, als er die eisige Miene des heiligen Mannes sah und Ranuts zweiter Hieb ihn an der Schulter streifte. Der Tag der Pranke würde nur durch Entschlossenheit entschieden und durch Zweifel verloren werden.

Entschlossen war Ranut auf jeden Fall. Ein Hieb auf den langgeführten Arm folgte einem zielgerichteten Stoß in den Unterleib. Der Stab durchschnitt die Luft mit einem Surren. Immer wieder griff Ranut an. Mit jedem Fehlschlag wuchs die Wucht des nächsten Angriffs. Sein Gesicht war mittlerweile von Hass erfüllt.

Doch Bemet war ebenfalls entschlossen. Er wollte sich nicht mehr treffen und demütigen lassen. Geschickt wich er jedem Schlag seines Gegners aus, und anstatt mit der Zeit in Bedrängnis zu geraten, fiel es ihm immer leichter. Er stellte sich auf den Tanz ein, und allmählich schwanden Ranuts Kräfte. Er spielte das Spiel so lange weiter, bis sein Gegner die Geduld verlor. Der große Junge packte den Kampfstab mit beiden Händen und schlug mit voller Wucht zu, in der Absicht, Bemets Bauch zu treffen. Es war unmöglich, dem Schlag auszuweichen. Bemet musste sich entscheiden. Entweder blockte er den Hieb, oder er versuchte es mit einem Konter und lief Gefahr, der Wucht der Attacke zu unterliegen.

Bemet drehte sich um die eigene Achse. Der Kampfstab lag fest in seiner Hand, gestützt durch den Unterarm. Ranut landete einen Treffer – zu tief. Mit voller Wucht klatschte das Eichenholz auf Bemets Gesäß. Der Schmerz ging in der Konzentration unter, mit der er den Gegenangriff führte. Bemet rotierte in die Ausgangsposition zurück. Sein Stab traf Ranut punktgenau an der Schläfe. Der Kopf des Jungen ruckte herum, er verdrehte die Augen, die Waffe entglitt ihm, und er verlor das Bewusstsein.

Der Kampf war entschieden. Bemet hatte sein Totem.

ALDENS Hände zitterten vor Aufregung. Sein Mund war trocken, und in seinen Augenwinkeln sammelte sich Tränenflüssigkeit. Er konzentrierte sich ganz darauf, unbeteiligt zu wirken.

Leg bloß nicht die Hände auf den Tisch, sonst sehen sie deine Nervosität. Mach den Mund zu, anderenfalls gaffst du wie eine Kuh, ermahnte er sich selbst.

Und er tat gut daran. Für ihn war dieser Auftritt genauso ungewohnt wie für die anderen Mitglieder des kleinen Rates. Er war jetzt sechzehn. Sein Alter und Status erlaubten ihm, an den Sitzungen teilzunehmen. Er war schließlich der Thronfolger, und wenn er in diesen Tagen nicht lernte, die Geschicke des Landes zu führen, dann blieb ihm womöglich später keine Zeit dazu. Er wäre nicht der erste Erbe des Throns, dem wenige Wochen nach der Amtseinführung ein überraschendes Ende zuteilwürde. Niemand durfte seine Unsicherheit spüren, weder jetzt noch sonst irgendwann.

»Ich erkläre die Sitzung des Kleinen Rates am Neunten Bethel für eröffnet«, sagte sein Vater zu den gut zwei Dutzend Männern am Tisch.

Aldens Vater war König Refert der Dritte. Das machte Alden zum Kronprinzen und somit zur zweithöchstgestellten Person im Sitzungssaal. Davon spürte er jedoch wenig. Er fühlte sich wie ein Hase unter den Blicken der Habichte. Sein Vater pflegte zu sagen: Den Stand legt man dir in die Wiege. Den Respekt musst du dir verdienen. Von Respekt war jedoch wenig zu merken. Der einzige Grund, warum die Grafen, Beamten und Ritter am Tisch Alden nicht auslachten, war sein Vater. Keiner von ihnen würde es wagen, sich öffentlich über den Kronprinzen lustig zu machen, doch sah man ihnen an, dass sie ihn nicht ernst nahmen. Heute war der erste Tag, an dem sich das ändern würde. Nicht auf einen Schlag, aber Stück für Stück.

»Wie unschwer zu erkennen ist«, fuhr König Refert fort, »habe ich meinen Sohn gebeten, der Sitzung beizuwohnen. Er hat weder Stimm- noch Einspruchsrecht. Dennoch bitte ich darum, ihm den Respekt eines vollwertigen Ratsmitgliedes entgegenzubringen.«

So war König Refert: direkt, unmissverständlich und unnahbar, und das nicht nur vor seinen Untergebenen, sondern auch innerhalb der Familie. Selbst Alden kannte seinen Vater nur als König Refert, und so redete er ihn auch meistens an. Die väterlichen Ratschläge und Erziehungsmaßnahmen waren nichts anderes als Befehle der Krone. Alden konnte sich nicht entsinnen, von ihm jemals in den Arm genommen worden zu sein. Ein anerkennendes Schulterklopfen war das höchste der Gefühle zwischen Vater und Sohn gewesen.

Während König Refert mit den Punkten auf der Sitzungsliste fortfuhr, nickten die Ratsmitglieder Alden freundlich lächelnd zu, wenn sie seinem Blick begegneten. Zur Sprache kam die Erntesteuer, die dieses Jahr um einen Monat verspätet eingetrieben werden sollte, weil sich die Aussaat im Frühling verzögert hatte. Dem Beschluss wurde zugestimmt. Im Anschluss standen die Baumaßnahmen rund um die Stadtmauer auf der Tagesordnung, und dieses Thema wurde wenig später auf die nächste Ratssitzung vertagt. Der vorletzte Punkt auf der Liste von König Refert behandelte die Verlegung der Grenzen einiger Ländereien und Grafschaften innerhalb von Uslag. Die Einwilligungen der betroffenen Adelshäuser lagen bereits vor, und dem Antrag wurde stattgegeben.

Alles in allem fand Alden die Sitzung des Kleinen Rates noch langweiliger als die Ausführungen von Meister Laggoth zu den Wappentieren der einzelnen Grafschaften. Viel interessanter fand Alden, wie die Ratsmitglieder ihrem König begegneten. Jeder von ihnen brachte Berichte, Einwände und Vorschläge in die Diskussionspunkte ein. Sobald sie merkten, dass ihre Ausführungen beim König auf Gehör stießen, freuten sie sich wie Kinder. Verzog Aldens Vater jedoch nur leicht den Mund oder rollte ansatzweise mit den Augen, verstummten sie sofort. Es war ganz natürlich, der königlichen Familie Respekt und Anerkennung entgegenzubringen, in diesem Fall jedoch war die Sache anders gelagert. Die Angst vor König Refert saß tiefer als alles andere.

Alden löste sich erst wieder aus diesem Strudel der Gefühle, als sich der König von seinem Stuhl am Sitzungstisch erhob.

Refert der Dritte stand an der Stirnseite und stützte sich mit den Armen auf dem Tisch ab. Sein finsterer Blick wanderte von einem Ratsmitglied zum nächsten. Niemand wagte es, ihm in die Augen zu sehen. Nur vereinzelt schauten sie ihn kurz verstohlen an, um dann sofort wieder auf ihren Schoß zu blicken. Der König bückte sich, griff unter den Tisch, holte einen Kriegshammer hervor und legte ihn behutsam auf die glänzend polierte Oberfläche.

Alden war kein Kenner, wenn es um Waffen ging. Bislang hatte er nur mit Übungswaffen auf dem Hofplatz trainiert. Diese Waffe war nicht zum Üben. Die breite Seite des Hammerkopfes war flach und klobig, die schmale mit einem spitzen Schlagdorn versehen. Der Schaft bestand aus einfachem Eschenholz, und die einzige Verzierung waren die Griffrillen am verbreiterten Ende. Diese Waffe erfüllte auf dem Schlachtfeld mit Sicherheit ihren Zweck, stammte jedoch keinesfalls aus einer Schmiede im Umkreis, wahrscheinlich noch nicht einmal aus Uslag. Waffen aus dem Königreich waren grundsätzlich verziert, zumindest trugen sie die Initialen des Schmieds oder Bogenbauers. Diese Art von Hammer war nicht gefertigt worden, um einen guten Preis zu erzielen oder den Ruf des Schmieds im ganzen Land zu verbreiten. Sie war in Eile hergestellt worden, weil man in möglichst kurzer Zeit viele Männer bewaffnen musste.

»Gesetze sind nicht dazu da, um den König glücklich zu machen«, begann König Refert seine Ansprache. »Sie sollen das Land schützen. Ein jeder hat diese Gesetze einzuhalten und zu respektieren. Verstößt jemand dagegen, macht er sich des Verrats am Königreich schuldig. Niemand – und ausnahmslos niemand – steht über dem Gesetz.« Der König nahm den Kriegshammer in die Hand und umrundete den Sitzungstisch mit den Mitgliedern des Kleinen Rates. Nach jeweils einigen Schritten hielt er inne und setzte seine Ansprache fort. »Unsere Kundschafter haben südlich von Sprödholz nahe der Küste zwei Handelsschiffe gestoppt. Die Laderäume waren voll mit Waffen. Waffen wie die, die ich gerade in der Hand halte. Es war nicht schwierig herauszufinden, dass ein Großteil von ihnen aus Lambrass stammt, Rodereks Königreich.«

»Das ist nichts Ungewöhnliches, Eure Majestät«, wandte Baron Heckenstein ein. »Wir kaufen oft Waffen aus Lambrass, um unsere Söldnerheere auszustatten. Es wäre eine Verschwendung, unsere eigenen Waffen an sie auszugeben. Die Söldner würden sie gegen minderwertigere tauschen und den Gewinn verhuren oder versaufen. Wir wissen ja alle, dass der Drang dieser käuflichen Soldaten, eine Dirne zu besteigen, größer ist, als über das Schlachtfeld zu laufen und Feinde des Reiches niederzustrecken.«

Verhaltenes Gelächter machte sich am Tisch breit. Dem König schien nicht zum Lachen zumute.

»Ich kenne unsere Handelspartner genau, Baron Heckenstein. Es sind auch nicht die Waffen, die das Interesse meiner Spione geweckt haben, sondern die Route, auf der wir die Schiffe abgefangen haben. Sie fuhren in südlicher Richtung, was mich vermuten lässt, dass sie die Küste von Assamad ansteuerten.«

»Wir haben keinen Krieg mit Assamad«, erinnerte Baron Heckenstein den König. »Insofern sehe ich keinen Handelsverstoß, Majestät.«

»Das ist richtig, wir verkaufen selbst Waffen an die Totemsöldner von Assamad«, mischte sich Graf Nerewo ein.

»Auch das ist mir bekannt«, erwiderte der König mittlerweile sichtlich genervt. »Unsere Waffen haben auch ihren Preis. Selbst wenn sie in die Hand feindlicher Söldner geraten, verdienen wir daran. Aber die Handelsrouten von Lambrass haben wir gesperrt oder blockiert, damit sie ihre billigen, zweitklassigen Klingen und Hämmer nicht unter die anderen Völker bringen können. Falls also jemand aus Uslag Waffen der Lambrosi verkauft, verstößt er gegen unsere Gesetze und verrät somit seinen König – mich.«

Darauf hatte niemand eine Antwort, und auch der König schien mit seinen Ausführungen fertig zu sein. Er stand nun hinter Graf Nerewo.

Unvermittelt holte König Refert zu einem mächtigen Schlag aus und rammte dem Adligen die Dornseite des Kriegshammers in den Schädel.

Jeder am Tisch zuckte zusammen, die meisten jedoch hatten sich so weit im Griff, nicht aufzuschreien. Alden gehörte nicht dazu. Die Aufregung und Panik trieben ihm die Tränen in die Augen. Er starrte fassungslos auf den zertrümmerten Schädel des Grafen und beobachtete die Blutlache, die sich auf dem Tisch ausbreitete.

Der Rest der Sitzung zog an Alden vorüber wie ein Tagtraum.

AUFBRUCH

AURORA kam langsam zu sich. Ihr Schädel dröhnte, und die rechte Schläfe brannte wie Feuer. Eiseskälte durchzog ihren Körper, doch anstatt zu zittern »wie Espenlaub«, so nannte es ihre Mutter immer, lag sie stocksteif auf dem Rücken wie ein aufgebahrter Leichnam. Der Boden war hart und kalt, und etwas tropfte ihr von oben genau ins Gesicht. Mit jedem weiteren Tropfen sammelte sich mehr Flüssigkeit in der Vertiefung ihres rechten Auges. Nach wenigen Augenblicken löste sich das Wasser und rann ihr wie eine Träne über Gesicht und Hals, bis es vom Stoff ihrer Kleidung gierig aufgesogen wurde. Aurora fühlte sich so hilflos wie noch nie in ihrem jungen Leben. Es war, als wäre sie in einem Albtraum gefangen.

Sie nahm alle Kraft zusammen und versuchte, den Kopf zu drehen, damit wenigstens dieses verdammte Tropfen endlich aufhörte. Es gelang ihr nicht. Kaum einen Finger breit hatte sie sich bewegt, um dann wieder in die ursprüngliche Lage zurückzusinken. Erneut sammelte sie ihre Kräfte und versuchte es noch einmal. Diesmal schaffte sie es. Ihr Kopf drehte sich, fiel kraftlos zur Seite und stieß gegen etwas Hartes. Der pochende Schmerz, der sie von der Stirn bis zum Brustbein durchflutete, entlockte Aurora ein leises Stöhnen.

»Ich bin schon da, meine Prinzessin«, hörte sie ihre Mutter sagen. »Warte, ich helfe dir. Die Schmerzen werden bald nachlassen.«

Die Stimme ihrer Mutter zu hören war besser als jede Salbe oder die wirksamste Medizin. Mit einem Mal schien die Hilflosigkeit verflogen, und die Schmerzen waren erträglich. Aurora spürte die Hände ihrer Mutter, die sanft ihre Schläfen berührten. Dann begann Sibbel leise zu singen. Die beiden sangen oft zusammen. Auroras Mutter kannte viele Lieder, doch keines zuvor hatte so geklungen. Das Liedgut von Uslag umfasste Heldentaten, glückliche und unglückliche Liebende oder oft ganz alltägliche Themen und zotige Geschichten. Doch wovon dieses Lied erzählte, vermochte Aurora nicht zu sagen. Es waren Worte aus einer Sprache, die Sibbel häufig benutzte, wenn sie allein war. Aurora verstand keine einzige Silbe davon. Die Sprache klang fremd, der Tonfall auffällig weich und rhythmisch. Aurora hätte gern in das Lied eingestimmt, doch die Kluft zwischen Wachsein und Traum verringerte sich mit jeder Strophe immer mehr.

Als sie das nächste Mal zu sich kam, saß sie mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Ihr Kopfschmerz hatte etwas nachgelassen, dafür verspürte sie nun unbändigen Durst.

»Mama?«, sagte sie kaum hörbar und öffnete langsam die Augen.

»Keine Angst, meine Kleine, wir sind in Sicherheit«, hörte sie Sibbels Stimme, deren verschwommenes Gesicht vor ihren Augen langsam klarer wurde. »Sieht so aus, als müssten wir uns ein neues Zuhause suchen. Zum Glück sind wir nicht so anspruchsvoll.«

Sibbel lächelte, doch Aurora erkannte die Angst in ihren Augen. »Was ist passiert?« Aurora verstand weder, wo sie sich befanden, noch, warum sie hier waren.

Jetzt wurde das Lächeln ihrer Mutter unverhohlen verbittert. »Das, was leider zu oft passiert, wenn man Menschen selbstlos helfen will. Sie verstehen oft nicht, dass es Leute gibt, die Gutes tun, ohne dabei ständig an den eigenen Vorteil zu denken. Sie glauben, man führt irgendetwas im Schilde und will sie hintergehen. Dann beginnt das Misstrauen, und mit dem Misstrauen kommt die Angst, und mit der Angst der Hass. Was daraus entsteht, haben wir heute am eigenen Leib erfahren, Prinzessin. Wichtig ist nur, dass wir uns davon nicht abhalten lassen, weiterhin Gutes zu tun. Verstehst du das?«

Aurora konnte ihr nur zum Teil folgen. Doch momentan gab es für sie Wichtigeres als Lebensweisheiten. »Ich hab Durst.«

»Da hab ich was für dich.« Jetzt strahlte Sibbel wieder. »Frisches Quellwasser mit ein paar zerdrückten Wacholderbeeren.« Sie reichte Aurora die Reste eines zersplitterten Tonkruges, den sie, soweit es möglich war, gefüllt hatte. »Trink und komm wieder zu Kräften, denn wir müssen noch weiter. Hier sind wir nicht lange sicher.«

»Sicher wovor?«

»Bama wird nicht so einfach aufgeben, Kleines. Ich habe ihr angesehen, dass es ihr nicht reicht, uns aus Nordweiler zu verbannen. Sie will, dass wir aus ihrem Leben verschwinden, und das für immer. So, wie ich sie kenne, wird sie über kurz oder lang jemanden finden, der ihr dabei hilft.«

Langsam kehrte auch Auroras Erinnerung zurück. Sie war nur bruchstückhaft, trotzdem jagte sie ihr einen Schauer über den Rücken. »Soll das heißen, wir können nicht mehr nach Nordweiler zurück?«

»Das heißt es, meine Prinzessin. Wir gehen noch ein paar Tagesreisen nach Süden, Richtung Sprödholz. Dann richten wir uns irgendwo am Waldrand ein neues Heim ein. Ich hoffe, dann sind wir vor Bama sicher. Sie ist schließlich nicht das Oberhaupt einer Assassinen-Bande, sondern nur eine verbitterte Frau. Wir finden schon jemanden, der uns hilft. Und wenn nicht …«, Sibbel stupste Auroras Nase an, »… ist es auch egal. Wir kennen uns gut genug in der Natur aus, um über die Runden zu kommen.«

Aurora war von dem überschwänglichen Optimismus ihrer Mutter überhaupt nicht begeistert. Sie kannte die Armut und hatte sich mit der Tatsache abgefunden, den Rest ihres Lebens in der unteren Schicht der Gesellschaft zu verbringen. Ein gesellschaftlicher Aufstieg war so gut wie unmöglich, außer vielleicht durch eine Heirat. An Hochzeit dachte Aurora aber noch nicht, und wer würde schon ein Bastardmädchen ehelichen, das nichts mitbrachte außer sich selbst? Niemand, der es zu etwas gebracht hatte. Viel wahrscheinlicher war es, aus der verarmten bürgerlichen Kaste zu den Bettlern, Streunern und Ausgestoßenen abzusteigen. Diese Menschen lebten in den Tag hinein, ohne Besitz und ohne zu wissen, was die Zukunft brachte, sofern es denn eine für sie gab. Versuchte ihre Mutter etwa gerade, ihr genau diesen Albtraum schmackhaft zu machen?

»Können wir nicht nach Dornholz oder Lichtwall gehen?«, fragte Aurora hoffnungsvoll. »Dort brauchen sie bestimmt auch eine Heilkundige, und ich könnte Flickarbeiten verrichten.«

Das mitleidige Lächeln ihrer Mutter war für Aurora wie eine Ohrfeige.

»Ach Prinzessin, wenn es doch so einfach wäre. In Dornholz leben nur Holzfäller. Soweit ich gehört habe, sind die meisten von ihnen echte Raubeine, nicht geschaffen für ein Leben in einer Gemeinschaft. Wie sollten wir als einzige Frauen dort zurechtkommen? Die meisten von ihnen würden mich nicht als Heilerin und dich nicht als Flickerin ansehen. Wahrscheinlich würden sie im Suff über uns herfallen. Dornholz ist kein Ort für eine Frau. Und was Lichtwall angeht …«, Sibbel schien kurz in sich zu gehen. »Lichtwall ist voller Menschen, die sich ganz und gar dem Glauben verschworen haben. Eine unverheiratete Frau mit ihrer … unehelichen Tochter ist dort genauso willkommen wie ein tanzender Ziegenbock.«

Aurora fiel auf, dass ihre Mutter das Wort »Bastard« vermieden hatte. Aber genau das war sie, und daran würden auch wohlüberlegte Worte nichts ändern. Doch ebenso wenig würde sie ihre Mutter dazu überreden können, ihren Plan zu ändern. Mit Worten änderte man nichts, so viel wusste Aurora.

Verunsichert und mit dröhnendem Kopf brach sie mit ihrer Mutter auf, Richtung Süden durch den Wald. Das nasse Laub an Zweigen versinnbildlichte Auroras Gemüt. Das unterschied sie von ihrer Mutter. So ähnlich sie ihr auch sah, in ihrem Inneren waren sie so verschieden wie Tag und Nacht. Sibbel gewann noch der größten Not etwas Gutes ab und schöpfte neue Hoffnung. Sie war dem Leben, den Menschen und der Natur zugewandt, ohne dabei gutgläubig oder gar einfältig zu sein. Aurora dagegen begegnete den meisten Dingen mit Misstrauen oder zumindest Verunsicherung. Wer sollte ihr das auch verdenken? Bislang war ihr Leben noch nicht von vielen Glücksmomenten geprägt gewesen. Sie war ohne Vater in Armut aufgewachsen, bei Menschen wie Bama. Anscheinend versteckte sich das Glück vor ihr lieber in einem Gebüsch und wartete auf jemand anderen.

Immer noch leicht benommen von dem Schlag auf den Kopf folgte Aurora ihrer Mutter weiter Richtung Sprödholz, weg von Nordweiler, ihrem Zuhause. Bei dem Gedanken, die Nacht im Freien verbringen zu müssen, lief ihr ein Schauder über den Rücken und ihr Magen verkrampfte sich. Es war noch nicht kalt genug, um zu erfrieren, doch die Gefahr zu verhungern war stets allgegenwärtig. Aurora schwor sich, auf keinen Fall Würmer und Spinnen zu essen, ganz gleich, was Sibbel ihr erzählte.

Der Tag neigte sich dem Ende zu, was sich vorrangig in Auroras Erschöpfung widerspiegelte, da am Bethel ohnehin kaum mehr als fahles Licht vom Himmel fiel. Die Sonne im Gewand ihres rötlichen Ringes blinzelte verstohlen zwischen den kahlen Stämmen der Bäume hindurch, als würde sie sich langsam verabschieden wollen und sagen: Ich drücke euch beiden die Daumen, dass wir uns morgen wiedersehen. Ich werde auf jeden Fall in vollem Glanz wieder erscheinen.

Wie gern hätte Aurora ihr entgegengeschrien: Du kannst dich darauf verlassen, dass es uns morgen noch gibt. Wir schleichen uns nämlich nicht einfach davon wie du – wir kämpfen. Doch aufgrund der jüngsten Ereignisse im Dorf und weil sie befürchtete, ihre Mutter könnte sie für verrückt halten, schwieg sie.

Aurora war am Ende ihrer Kräfte, doch wollte sie nicht aufgeben. Sie würde durchhalten, schon allein, um es aller Welt zu zeigen und ihre Mutter nicht zu enttäuschen. Nur aus diesen beiden Gründen trugen ihre Beine sie noch.

Unvermittelt blieb Sibbel stehen. Vor ihnen erstreckte sich eine lichte Senke, durch die ein Bach plätscherte. Zu ihrer Linken erhob sich eine Anhöhe aus Felsen, Steinen und losem Geröll aus dem Buschwerk. Der Hügel schien mit den Baumwipfeln konkurrieren zu wollen.

»Was habe ich dir gesagt, Prinzessin? Irgendjemand wird uns schon helfen. Oder eben irgendetwas. Manchmal streckt dir ein Mensch die Hand entgegen und reicht dir ein Stück Brot, und manchmal zeigt dir eine höhere Macht, dass du nicht allein bist und keine Angst haben musst. Sieh dir das an.«

Sibbel deutete zu den Felsen.

Aurora bestaunte eine Weile angestrengt die grauen Steine und erkannte nichts Besonderes. »Ein Stück Brot wäre mir lieber.«

»Blind sind die Ungläubigen«, erwiderte Sibbel lachend. »Du musst lernen, die Wunder der Welt zu erkennen, Kleines, sonst gehst du an ihnen vorüber, ohne daraus Kraft zu schöpfen oder ihre Gaben zu nutzen.«

Aurora sah skeptisch zu ihrer Mutter, die immer noch mit dem Finger auf die Felsen deutete. Warum hörte sich alles, was sie sagte, so an wie von einem dieser verschrobenen Wanderprediger? Sibbel hatte nie viel Frömmigkeit an den Tag gelegt. Das konnte man sich nicht erlauben, wenn man sich täglich behaupten und Essen auf den Tisch bringen musste.

»Da, sieh hin«, spornte Sibbel ihre Tochter an.

Jetzt erkannte auch Aurora, was sie so in Euphorie versetzte. Jedoch brachte sie nur schwerlich dieselbe Begeisterung dafür auf.

»Eine Höhle«, hauchte Aurora erschöpft.

»Genau, Prinzessin. Komm, wir sehen sie uns näher an. Vielleicht bietet sie uns genügend Schutz für ein paar Tage. Frisches Wasser vor der Tür und sicherlich auch das eine oder andere Tier, das in unserem noch nicht vorhandenen Topf landen wird. Was brauchen wir mehr?«

Einen Mann und Vater, ein Haus und eine Dorfgemeinschaft, die Schutz bietet. Aurora fielen so viele Dinge ein, die sie dringend benötigten. Einen Topf natürlich auch, doch heute müssten sie sich erst einmal mit einer kalten Höhle begnügen, wenn sie ihre Mutter richtig verstanden hatte.

Der Eingang war leicht zu erklimmen, bot Schutz vor Nässe und allerlei kriechendem Getier. Des Weiteren war die Öffnung schwer auszumachen, falls ihnen doch jemand aus dem Dorf gefolgt sein sollte. Vorsichtig traten Mutter und Tochter in das Dunkel der Höhle. Der glühende Ring der Sonnenfinsternis stand genau in dem Winkel, dass sein Licht die markantesten Stellen und die ungefähren Ausmaße ihrer neuen Behausung erkennen ließ. Sibbel nahm Aurora bei der Hand, und gemeinsam tasteten sie sich mit Füßen und Händen vorwärts. Es roch muffig und leicht süßlich. Eine Mischung, die im Halbdunkel nur schwer zu ergründen war. Das Knirschen der Steine unter ihren Schuhen hallte von den Wänden wider. Langsam gewöhnten sich ihre Augen ans matte Licht. Die Höhle maß mindestens das Drei- oder Vierfache ihrer Hütte in Nordweiler. Dem muffigen Gestank zufolge schien es keine weiteren Ein- oder Ausgänge zu geben.

»Hier stinkt es«, beschwerte sich Aurora, weniger, um ihren Unmut zu äußern, als vielmehr in der Hoffnung, dass ihre Mutter etwas erwiderte. Die unbekannte Umgebung, die ohnehin unheimliche Höhle und die eingeschränkte Sicht schürten mit jedem Augenblick ihre Angst mehr.

»Vorsicht Schatz, hier geht es steil runter«, sagte Sibbel. »Warte, ich versuche, etwas Licht zu machen.«

Ihre Mutter klaubte kleine Äste sowie Laub vom Boden auf, die der Wind im Lauf der Zeit hereingeweht hatte. Im Gegensatz zu draußen, wo das Herbstwetter alles durchnässte und binnen Wochen verrotten ließ, fand sich im Inneren der Höhle genügend Trockenes für ein Feuer. Aurora vernahm das Reißen von Stoff und kurz darauf das typische Klicken der zwei Feuersteine. Die ersten Funken blitzten in der Dunkelheit auf, dann erwachte eine kleine Flamme zum Leben und ergriff in Windeseile Besitz von einem weißen Stück Leinen. Sibbel hatte es sich aus dem Unterrock gerissen, um das Feuer schnell entfachen zu können.

Rot wie Blut erhellten die Flammen die schroffen Felswände. Zum Knistern des Feuers gesellte sich ein mürrisches Grollen, das nach einem Dämon aus den Tiefen der Unterwelt klang.

Diesmal war es Aurora, die das sogenannte Wunder, von dem ihre Mutter gesprochen hatte, zuerst sah.

»Ein Bär!«, kreischte sie.

Es war schwer zu sagen, wer schneller aufsprang. Jedenfalls bauten sich Meister Petz und die beiden Frauen zur vollen Größe auf. Der Bär überragte sie um mehr als vier Fuß.

»Ein Graupelz«, hauchte Sibbel.

Aurora verstand nicht, ob das eine Warnung oder nur eine unheilvolle Feststellung sein sollte. Das Wort Graupelz kannte sie nur aus Geschichten und Erzählungen, mit denen man Kindern Angst machte, wenn sie nicht aufessen wollten. Wenn du deinen Teller nicht leerst, riecht das der Graupelz. Der kommt dann und holt sich die Reste. Und dich dazu. In ihrer Vorstellung war die Bestie stets ein riesiger Wolf gewesen. Im Grunde war Graupelz nur der Name für ein alterndes Raubtier, das Rudel oder Familie verlassen hatte, umherstreunte und bei den Menschen ein paar Leckerbissen erbeuten wollte. Dieser Bär stand ihrem Albtraumwolf in nichts nach.

Der über tausend Pfund schwere Koloss hatte sich schwerfällig aus dem Halbschlaf erhoben. Das graue Fell um Kopf und Flanke schimmerte rötlich im Licht der Flammen. Knochen und Muskeln des Bären waren noch müde, doch seine Augen funkelten hellwach vor Wut. Das tiefe Grollen aus seiner Kehle erfüllte die Höhle wie ein Trommelgewitter. Geistesgegenwärtig und aufopfernd zugleich stellte sich Sibbel zwischen ihre Tochter und den Graupelz. Der Bär schien diese Geste nicht anzuerkennen, streckte Kopf und Brust vor, riss das Maul weit auf und gab ein markerschütterndes Gebrüll von sich. Sibbel war keine fünf Fuß vom klaffenden Schlund der Bestie mit den riesigen gelben Fangzähnen entfernt. Selbst Aurora roch den heißen, nach Verwesung stinkenden Atem des Bären.

Der Graupelz verlagerte das Gewicht auf eine Tatze und holte mit der anderen zu einem wütenden Hieb aus.

Sibbel wich schnell genug aus, trat sich jedoch auf den Rocksaum, den sie selbst zerrissen hatte, und strauchelte. Um nicht ins Feuer zu fallen, machte sie einen weiten Ausfallschritt, der damit endete, dass sie rücklings stürzte. Sie konnte sich nicht rechtzeitig wieder aufrappeln, um zu verhindern, dass der Graupelz ihre Lücke einnahm. Der riesige Bär stand vor Aurora und starrte sie an wie ein Verdurstender einen Krug Wasser.

Schon früh hatte Aurora gelernt, dass es wenig half, zu kreischen, zu weinen oder wegzulaufen, wenn man es mit hungrigen oder aggressiven Tieren zu tun bekam. Einem Bären hatte sie sich zwar noch nie stellen müssen, aber mit den Hunden aus Nordweiler hatte sie so manches Gefecht ausgetragen. Die meisten dieser Kläffer nahmen Reißaus, wenn man sie mit der Weidengerte traf, einen Bären hingegen würde das wenig beeindrucken.

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