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Die Todesfalle am Gravel Creek - 2. Teil

Fortsetzung vom 1. Teil

In Sandy Hollow herrschte Gesetzlosigkeit. Eine Bande tyrannisierte die Stadt. Ähnliches hatte Charley schon oft erlebt. Aber es war nicht seine Sache. Er hatte seine eigenen Aufgaben: erst sein Freundschaftsdienst für Liliann, dann seine Suche nach Jack Maldun.

Charley hatte die heiße Wut überwunden, die sich früher allein beim Gedanken an den Namen des Mörders in seine Eingeweide gebrannt hatte. Heute fühlte er nur noch eisige Kälte und er sehnte den Tag herbei, an dem er seinen Revolver auf den verhassten Schurken richten würde. Er würde nicht gleich abdrücken. Er wollte die Angst in den Augen Jack Malduns sehen. Du hast meine Frau und meine Tochter auf dem Gewissen, würde er sagen. Für Amely und Emilia. Dann würde er den Finger am Abzug krümmen, zusehen, wie die Kugel Malduns erbärmliches Gesicht durchschlug. Charley atmete tief durch, kehrte der Stadt den Rücken und ritt auf die Felswand im Süden zu.

Schüsse in der Ferne ließen Charley aufhorchen. Er zügelte seinen Morgan, stellte sich in die Steigbügel und versuchte mit zusammengekniffenen Augen auszumachen, wo sie herkamen. Seine Aufmerksamkeit wurde auf den Eingang zu der Schlucht gezogen, die zu Dan Merlers Ranch führte. Trotz der Entfernung erkannte er davor eine Reihe von Pferden. Offensichtlich war dort eine Schießerei im Gange.

Charley beschloss, erst einmal die Lage auszukundschaften. Er ritt einen weiten Bogen, bis er östlich des Einschnitts auf die Felswand traf. Dort fand er eine breite Spalte, die ihn vor neugierigen Blicken schützte. Hier verbarg er Sattel und Satteltaschen unter einem dichten Busch. Das Pferd ließ er laufen. Der Hengst würde wiederkommen, wenn er ihn rief. Mit Wasser, Gewehr und Munition versehen, schlich er im Schutz des Buschwerks Richtung Canyon.

Aus sicherer Entfernung sah er, dass etwa zwanzig Burschen den Einschnitt abriegelten. Zu viele, um es alleine gegen sie aufzunehmen. Aber er musste hinein. Dan Merler schien in ernsthaften Schwierigkeiten zu stecken. Charley ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen und erblickte einen Bach mit Uferbewuchs. Bei Dunkelheit konnte er sich hier an den Belagerern vorbeischleichen. Er suchte sich einen schattigen Platz und ruhte.

Als Charley erwachte, war es bereits dunkel. Nachttiere raschelten im Gehölz. Vor dem Canyon hatten die Belagerer ein Feuer entzündet. Charley schlich heran und versteckte sich im Ufergebüsch. Hinter ihm gluckerte der Bach. Leise schob er die Zweige auseinander und spähte zwischen den Blättern hindurch. Die Kerle tranken. Sie schienen sich ihrer Sache sicher zu sein.

Charley drückte sich in den Schatten und wartete. Bald würde der Whisky sie müde machen. Feuchte Schwüle kroch langsam in seine Kleidung.

Allmählich sackten die Belagerer einer nach dem anderen in den Schlaf. Ein Mann hielt Wache am Feuer und behielt den Canyon im Auge, ein Zweiter patrouillierte.

Charley ließ ihn nicht aus den Augen. Als der Mann ihm den Rücken zuwandte, kroch Charley geräuschlos aus seinem Versteck und schlich den Creek entlang. Seine Gestalt verschmolz mit der Nacht. Unvermittelt hörte er Schritte im dürren Gras. Wie ein Schatten ließ er sich lautlos ins Gras fallen. Wo war die Patrouille? Gegen den Schein des Feuers sah er den Mann direkt auf sich zukommen. Seine Anspannung wuchs. Bloß nicht bewegen. Charley drückte sich tiefer ins hohe Gras.

Wenige Schritte vor ihm blieb die Wache stehen, gähnte und wendete sich wieder um. Erleichtert atmete Charley aus, erhob sich leise und schlich weiter. Die Schatten der Felsen schlossen sich um den Creek. Im Licht des Wachfeuers erkannte er links einen engen Weg. Charley gefiel er nicht. Zu hell.

Er drückte sich seitlich durch die harten Äste der Sträucher und ließ sich in den Bach gleiten. Wasser füllte seine Stiefel, rauschte leise um seine Beine. Jede Bewegung löste Plätschern aus. Charley hielt die Luft an und watete langsam in dem kiesigen Bachbett stromaufwärts. Das Wachfeuer wurde zu einem Punkt hinter ihm. Die Schatten legten sich immer dichter um ihn, es wurde kühl. Charley atmete auf. Er war im Canyon. Er watete weiter, bis sich die Felsen wieder öffneten. Ein Blick zurück sagte ihm, dass er aus der Gefahrenzone heraus war. Er hatte es geschafft. Mit schmatzenden Stiefeln stieg er aus dem Wasser. Bei dem Geräusch hätte er fast gelacht: das alles wegen Liliann! Nun musste er mit nassen Füßen zu ihrem Bruder laufen.

Plötzlich gellte ein Gewehrschuss. Die Kugel klatschte neben ihm in den Creek. Sofort ließ er sich auf das Ufer fallen und hielt sich still. Irgendwo über ihm saß jemand im Felsen. Vielleicht einer von Merlers Leuten?

»Ich bin ein Freund!«, rief Charley.

Als Antwort kam ein zweiter Schuss. Verdammt. Das Mündungsfeuer blitzte tatsächlich aus den Felsen über ihm. Dort musste ein Wachposten sitzen.

»Hören Sie auf zu schießen. Ich will Ihnen nur eine Nachricht von Liliann bringen.«

Wieder ein Schuss. Der Wächter glaubte ihm nicht. Draußen vor dem Canyon ertönte Geschrei. Die Belagerer erwachten und schürten das Feuer. Auch dort begannen sie zu schießen. Kugeln schlugen in die Felsen ein, Querschläger heulten. Bei dem Lärm konnte ihn keiner hören. Aber das Licht würde ihn verraten.

Im schwachen Schein erkannte Charley eine Felsnadel, die vor ihm in die Nacht ragte. Von dort oben wurde geschossen. Mit triefenden Stiefeln rannte er zum Fuß des Felsfingers und drückte sich ins Gebüsch. Wo der Canyon sich öffnete, sah er Lichter in der Ferne. Männer mit Fackeln schwangen sich dort auf Pferde und galoppierten herbei. Bestimmt waren das Merler und seine Leute. Sie würden ihn für einen Feind halten. Charley hatte keine Lust, von ihnen erschossen zu werden. Er musste Deckung finden.

Sein Blick fiel auf den Steig, der zur Spitze der Felsnadel führte. Wenn er den Wächter dort oben überwältigen könnte, wäre er in Sicherheit.

Charley handelte schnell, zog die Stiefel aus und kletterte geräuschlos hinauf. Wie ein Puma schlich er hinter den Wächter, dessen Silhouette sich in der Dunkelheit eher erahnen als erkennen ließ. Mit einem lautlosen Satz war Charley über ihm und presste ihm die Hand auf den Mund. Der wehrte sich erschrocken, biss, trat und schlug um sich wie ein wildes Tier. Aber Charley hatte keine Mühe. Der Gegner war schlank und nicht sehr kräftig. Charley warf ihn auf den Rücken und setzte sich rittlings auf seinen Bauch. Er erschrak, als er den Haarzopf bemerkte. Deutlich spürte er Brüste. Eine Frau. Er nahm die Hand von ihrem Mund. Sie begann zu schreien.

»Ruhig. Ich will doch gar nichts von Ihnen. Strampeln Sie doch nicht so, sonst fallen wir noch beide runter.«

Hufgetrappel näherte sich.

»Er ist hier oben«, schrie die Frau.

Eine Kugel pfiff Charley am Kopf vorbei. »Wenn du ihr auch nur ein Härchen krümmst, durchlöchere ich dich wie ein Sieb«, donnerte eine tiefe Stimme von unter. »Lass sie herunter. Sofort!«

»Halt! Ruhig! Ich bin Charley Clay aus Slanton. Liliann schickt mich. Dan? Dan Merler? Deine Schwester schickt mich.«

»Das kann jeder sagen. Wirf deine Knarre runter, dann lässt du Jane gehen, dann kommst du selbst.«

»Werden Sie bloß nicht nervös, Mister Merler. Hier kommt der Colt. Mein Gewehr liegt im Gebüsch.«

Sie hatten Will als Wache zurückgelassen. Charley musste den Kopf einziehen, als er in Merlers Blockhaus trat. Martha hielt in ihrer Arbeit am Herd inne und wandte sich dem Fremden zu. Er überragte alle, war dabei aber weniger breit als Dan oder Will. Die Züge unter seinem glattrasierten Gesicht wirkten fast fein. Er lehnte seine Winchester neben der Tür an die Wand. Seine Bewegungen waren geschmeidig. Marthas Gesichtsausdruck war nicht unfreundlich, doch zeigte sich darin die Belastung der letzten Tage. Dan behielt sein Gewehr in der Hand, den Lauf auf den Boden gerichtet. Aber er hielt sich bereit, bei der kleinsten feindseligen Bewegung des Fremden die Waffe hochzureißen und den Abzug auszulösen. Auch Rick wirkte angespannt. Er schwankte zwischen Bewunderung und Furcht. Nur Jimmy tollte unbefangen mit Woolly in der Stube umher. Draußen hatte der Hund Charley erst angeknurrt und dann beschnüffelt. Jetzt ignorierte er den Fremden.

Als letzte trat Jane zur Tür herein. Als Charley ihr einen Blick zuwarf, wurde sie rot und eilte zu ihrer Mutter an den Herd. Mit ihrer Männerkleidung und der Büchse in der Hand bildete sie einen bemerkenswerten Kontrast zu der gestandenen Ranchersfrau neben ihr. Kochlöffel und Küchenschürze würden auch nicht zu ihr passen, fand Charley. Andererseits verblüffte es ihn, wie sehr Jane Liliann glich. Sie hätten Schwestern sein können. Auch Jane hatte diese grünblauen Augen. Augen, die Charley unentwegt anstarrten.

»So. Jetzt erzählen Sie, wer Sie sind und was Sie von uns wollen.« Dans Stimme war fest, seine Finger spielten mit dem Schloss seiner Flinte.

Charley wandte ihm seine Aufmerksamkeit zu. »Ich bin Charley Clay. Liliann schickt mich.«

Dan schaute ihn mit zweifelndem Gesichtsausdruck an, aber Martha trat herbei und blickte an dem Mann empor. »Clay? Bill und Lillanns Nachbar von der Claymount Ranch?«

»Yes, Mam. Wir waren Nachbarn.«

Martha ließ den Blick über ihn gleiten. Schmerz aber auch Neugierde rührten sich in ihrer Brust. Es war der Mann, der seine gesamte Familie verloren hatte und Martha empfand tiefes Mitgefühl. Aber er war auch eine prächtige Erscheinung, die den ganzen Raum zu füllen schien, was keine Frau übersehen konnte. Selbst ihre burschikose Tochter Jane hatte das bemerkt, und das wollte etwas heißen. Aber viel mehr interessierte Martha, ob Charley Clay vielleicht der Grund war, warum Liliann immer noch in dem winzigen Präriestädtchen Slanton wohnte. »Und Sie kommen gerade von Liliann?«, fragte sie. »Wie lange waren Sie bei ihr? Wie geht es ihr? Sieht sie noch so gut aus wie früher?«

Dan schaute angenervt auf seine Frau und ließ die Schultern sinken. Als ob es keine anderen Probleme gäbe. Aber der Fremde schien die Wahrheit zu sagen. Dan zog einen Stuhl heran. »Setzen Sie sich doch, Charley.«

Alle saßen am klobigen Tisch und begafften Charley. Martha, Dan, Rick, Jane und der kleine Jimmy. Die Familie hatte einen fürwahr außergewöhnlichen Gast. Er sah blendend aus. Und er hatte es geschafft, an den Banditen vorbeizukommen. Doch Charley schien die allgemeine Bewunderung nicht zu registrieren. Er erzählte von Liliann.

Endlich riss sich Martha los und machte sich wieder am Herd zu schaffen. »Es gibt Rind mit Bohnen«, sagte sie und stellte den eisernen Topf auf den Tisch. »Das ist alles, was wir noch haben. Bald sind auch die Bohnen aus. Dann gibt es nur noch Rind.«

»Das werden wir nicht erleben«, sagte Dan düster. »Vorher ist die Munition zu Ende. Wer weiß, was diese Teufel dann mit uns anstellen.«

»Ihr scheinen ja ganz schön in Schwierigkeiten zu stecken, Dan. Und weil du der Bruder von Liliann bist, biete ich dir meine Hilfe an. Mit meinen Patronen können wir es noch ein paar Tage strecken«, antwortete Charley zuversichtlich.

»Danke für das Angebot, Charley.« Dan streckte ihm die Hand entgegen. Charley schlug ein. »Was wollen die Kerle eigentlich von dir?«

»Das wissen wir nicht genau. Wir sollen die Ranch verlassen, haben sie gesagt. Aber ich denke, das ist nur ein Vorwand.«

»Draußen sucht ein Mann namens Chuck Ramper Revolvermänner. Hat das etwas mit euch zu tun?«

»Es sind seine Männer, die uns belagern. Und es ist auch der Name eines Viehdiebs, der unsere Herde massakriert hat. Ich habe überlegt, ob die Banditen scharf auf meine Ranch sind, weil sie fast wie eine Festung ist. Vielleicht wollen sich die Schurken hier einnisten. Hier könnten sie sich gegen eine ganze Armee verteidigen.«

»Das ist zwar richtig, Dan, aber wenn Chuck Ramper Männer anwirbt, dann hat er Geld. Geld, von dem ich vermute, dass es aus einer anderen Quelle kommt.«

Düstere Pläne


Zwanzig Meilen westlich stand eine alte, aus rauen Bohlen zusammengenagelte Jagdhütte an einem einsamen Bergrücken. Durch zersprungene Festerscheiben pfiff der heiße Präriewind. Die Sonne warf unregelmäßige Muster durch das löcherige Dach auf den Staubboden und auf den Mann, der auf einem klobigen Hocker kauerte. Das vergammelte Holz der Sitzgelegenheit hatte er mit einem sauberen Tuch abgedeckt, damit es seinen hellen Anzug nicht beschmutzte. Sein Blick schweifte über die schief in den Angeln hängende, verwitterte Eingangstür und heftete sich ungeduldig auf den dunkelgekleideten Mann, der neben einer Fensteröffnung lässig an der Wand lehnte. Er rümpfte die Nase. Es war eine unangenehme Notwendigkeit, mit solchen Leuten arbeiten zu müssen. Aber er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich selber ziehen. Allerdings - wenn die Angelegenheit noch länger dauerte, würde über kurz oder lang jemand seine Nase dort hineinstecken. Das musste vermieden werden.

»Ich habe keine Lust, bis zum Winter zu warten, Ramper. Ich habe Sie angeheuert, dass Sie die Sache schnell hinter sich bringen. Und nun lagern Sie bereits seit Tagen vor seinem Rattenloch, und statt dass sie endlich das Nest ausheben, verschrecken Ihre Männer bloß die Leute in der Stadt.«

»Meine Jungs woll'n doch nur etwas Spaß. Und den Job werden wir schon erledigen, Mister ...«

»Halten Sie den Mund! Keine Namen!«, herrschte ihn der gutgekleidete Mann an. »Was glauben Sie, warum ich für unsere Treffen so weit in die Wildnis fahre?«

»Tut mir leid Mister ... Sir. Ich dachte, hier draußen ...«

»Das Denken überlassen Sie mir, Sie sollen handeln! Und zwar schnell.

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