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Die Tochter von Rungholt

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Frühjahr im Jahre des Herrn 1361

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Sommer im Jahre des Herrn 1361

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Herbst im Jahre des Herrn 1361

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Winter in den Jahren des Herrn 1361/62

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Glossar

Nachwort

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Frühjahr im Jahre des Herrn 1361

KAPITEL 1

Iven stand auf dem Heverdeich in der Nähe der Ansiedlung Trindermarsch und schaute auf die vier Toten herab. Ein paar Schritte entfernt wippte sein alter Schäfer Maart auf den Fußballen vor und zurück. Dabei drehte er seine Wollkappe zwischen den Händen. Maart war vor Sonnenaufgang zu ihm auf den Hof gekommen, so schnell ihn seine Beine trugen, und hatte keinen zusammenhängenden Satz herausgebracht. Seinem Gestammel hatte Iven nur entnehmen können, dass es Tote auf dem Deich gegeben hatte. Blut, überall tränke Blut den Boden.

Iven vermisste seinen Vater, der in der letzten Nacht nicht nach Hause gekommen war. Er war sofort losgerannt über die Warften, an der Kirche vorbei und zum Heverdeich, von da immer nach Osten. Rungholt hatte er noch nicht durchquert, da war Maart schon weit hinter ihm zurückgeblieben.

Vor ihm lag die hochaufgeschossene Gestalt seines Vaters. Im Tode wirkte sie noch hagerer als zu Lebzeiten. Leve Levensen lebte nicht mehr. Der Tod war nicht friedlich zu ihm gekommen, er hatte ihn die rechte Hand, die Schwerthand, gekostet. Von einem gewaltigen Hieb abgetrennt, lag sie ein paar Schritte entfernt, noch im Tode umklammerte sie den Schwertgriff. Der blutige Armstumpf lag auf dem Leib seines Vaters, hatte seinen Umhang durchtränkt. Es sah aus, als hätte Leve ihn an seinen Leib gepresst, bevor er in die Knie gegangen war. Den Tod hatte ihm ein Stich in die Brust gebracht. Leve war nach hinten gesunken und hatte seinen letzten Atemzug getan. Seine Augen starrten blicklos in den Himmel. Iven hatte es noch nicht fertiggebracht, ein Gebet zu sprechen und sie zu schließen.

Daneben lag sein Schwager Hark Harksen, der Mann seiner Schwester Laefke. Ihn hatte es von hinten erwischt, der Dolch steckte noch zwischen seinen Schulterblättern. Aus der Wunde war nur wenig Blut ausgetreten, jedenfalls war auf seinem Kittel kaum welches zu sehen, aber aus seinem Mund lief ein Blutfaden. Hark war Fischer gewesen, jeden Tag war er mit seinem jüngeren Bruder und zwei anderen Männern hinausgefahren. Außer einem Fischmesser oder einem Spieß hatte er nie eine Waffe in der Hand gehalten. Dann war jemand gekommen und hatte ihn aus dem Hinterhalt gemordet.

Die anderen beiden Toten kannte Iven nicht. Der eine war in gutes, festes Tuch gekleidet, auf dem Kopf hatte er eine Samtkappe getragen, jetzt lag sie neben ihm im Gras. Seine Hose war am linken Oberschenkel zerfetzt, und viel Blut tränkte den Boden. Der Mann war kein Rungholter, auch nicht aus der Edomsharde, er stammte nicht einmal aus den Uhtlanden. Ein Kaufmann vom Festland, der seine Waren auf einem Ochsenkarren transportiert hatte. Die Wagenspuren waren noch auf der Deichkrone zu sehen. Der vierte Tote war wieder ein Uhtländer, und Iven wusste, was für einen Kerl er vor sich hatte. Er trug als Einziger ein Kettenhemd, einen Ledergurt quer über der Brust und Ledermanschetten an den Handgelenken. Alles war einmal von guter Qualität gewesen, aber seit Jahren ungepflegt und verkommen. Sein Gesicht zeigte einen überraschten Ausdruck. Er hatte im Tod den Mund geöffnet, und zwischen fleischigen Lippen waren einige verfaulte Zahnstümpfe zu sehen. Der Mann war mit dem Schwert in der Hand gestorben, und wie bei seinem Vater hatte ein Stich in die Brust seinen Tod herbeigeführt.

Er hoffte, dass Leve ihn getötet hatte, denn der Mann hatte zu den Wogensmannen gehört. Eine Sippe von rohen Gesellen, sechzig an der Zahl, die sich an der Mündung des großen Siels festgesetzt hatten. Sie hatten zwei kleine, schnelle Schiffe, mit denen sie auf Raubfahrt gingen. Die Nordsee zwischen Helgoland und Ringkøbing war vor ihnen nicht sicher. Wie die Nacht gezeigt hatte, machten sie auch vor über Land reisenden Händlern nicht Halt – Hauptsache, die Beute erschien ihnen lohnend. Schade, dass sein Vater nur einen von ihnen mit in den Tod genommen hatte.

»Herr Iven«, meldete sich Maart so vorsichtig, als könnten seine Worte einen der Toten wieder aufwecken. »Das ist schrecklich. Euer Vater … Er war sein ganzes Leben lang gut zu mir gewesen. Ich kannte ja auch noch Euren Großvater, den alten Herrn Leve. Warum lässt der Allmächtige das zu?«

»Weil er seine Augen von den Uhtlanden abgewandt hat.« Iven kniete neben seinem Vater nieder und schloss ihm die Lider. Die Haut war schon kalt und fühlte sich wächsern an. »Sonst würde er nicht zulassen, dass die Wogensmannen in den Uhtlanden hausen, als gehörte alles ihnen. Ich sehe, was geschehen ist. Mein Vater wollte nach den Deichen schauen und hat Hark mitgenommen. Dabei müssen sie den Räubern in die Quere gekommen sein, als die den Kaufmann überfallen haben. Wie es sich für einen freien Friesen gehört, geht mein Vater nicht ohne Schwert aus dem Haus, und er weiß es auch zu benutzen und steht nicht zurück, wenn er Unrecht sieht. Außerdem kennt niemand von uns Gottes Pläne«, fügte Iven noch hinzu. »Das erklärt uns Pater Fulbertus jeden Sonntag in der Kirche. Wir müssen demütig vor seinem Werk stehen und staunen.«

Maart war näher gekommen, hatte Hark umgedreht und ihm und dem Kaufmann die Augen geschlossen. Mit gefalteten Händen sprach er ein kurzes Gebet. Iven schloss sich an. Nachdem das Amen verklungen war, blickte Maart zu ihm auf.

»Das hört sich nach Herrn Leve an. Niemand ist so mutig wie er. Ich habe ihn mehr als einmal reden hören, dass man gegen die Wogensmannen vorgehen müsse, damit sie nicht länger ihr Unwesen treiben. Er hat auf den Hardesvogt und den Staller geschimpft, weil sie untätig auf ihren fetten Hinterteilen sitzen. Es ist nicht recht, dass es ihn getroffen hat.«

Iven musste schlucken. Genauso war sein Vater gewesen. Es war in den Uhtlanden allgemein gekannt, dass die Wogensmannen nur kämpften, wenn sie in der Überzahl waren. Sie waren nicht nur ehrlos, sie waren auch feige. »Ginge es gerecht zu auf der Welt, würden diese Räuber hier liegen und nicht mein Vater. Und ich werde dafür sorgen, dass er bekommt, was ihm zusteht. Die Wogensmannen werden für seinen Tod bezahlen.« Iven stand auf, presste die rechte Faust auf die Brust. »Das schwöre ich beim Allmächtigen, seinem Sohn, dem himmlischen Jesus, und der Heiligen Jungfrau.«

»Recht so.« Maart nickte. »Lasst sie nicht davonkommen. Auf mich könnt Ihr zählen.«

Der alte Schäfer hatte das fünfzigste Jahr weit hinter sich gelassen. Er hatte einen Buckel, konnte kaum noch geradeaus schauen und hatte zeit seines Lebens keine Waffe als einen Hirtenstab getragen. Dennoch taten ihm Maarts Worte gut, und Iven nickte.

»Wir brauchen einen Karren, um die Toten wegzubringen«, sagte er.

Maart ging auf seinen Stab gestützt zu den Warften von Trindermarsch und kam bald darauf mit einem Karren, geschoben von einem Knecht, zurück. Sie luden Leve, Hark und den Kaufmann auf, um sie nach Rungholt zurück zu bringen. Den Wogensmann ließen sie für die Krähen zurück.

***

Eine Brise strich ums Haus auf der Suche nach einem losen Fensterladen. Iven hatte abends alle fest zugebunden, deshalb zog der Wind weiter und kam nicht zurück. Im Stallteil des Hauses raschelte Stroh, als eine Kuh oder ein Pferd sich umdrehte. Auf ihrem Schlafplatz neben dem Herd schnarchte die alte Bine, die sich nach einem Leben als Hütehündin bei Maart ihr Gnadenbrot auf dem Levensenhof verdient hatte. Trotz dieser Geräusche kam Iven das Haus unnatürlich still vor, und das lag daran, dass die Bettnische neben seiner leer war. Der Gedanke, dass sein Vater nie wieder dort liegen, nie wieder auf dem gepolsterten Stuhl in der Döns sitzen und Würzbier trinken würde, ließ den Schlaf fliehen.

Iven setzte sich im Bett auf. Sogleich stand Bine vor seiner Schlafstatt. Er sah nur einen Schemen von ihr und ahnte, wie sie mit dem Schwanz wedelte.

»Geh wieder auf deinen Platz. Los geh!«

Die Hündin schlich davon. Mit angezogenen Beinen saß Iven im Bett. Noch vor wenigen Jahren war das Haus voll gewesen. Zuerst war seine Mutter im Jahr 1357 an der Pest gestorben. Danach hatte der erste Knecht des Levensenhofes die Magd Nedda geheiratet, und Leve hatte ihnen erlaubt, sich auf der Warft ein Gesindehaus zu bauen. Mit den Hühnern und dem zweiten Knecht waren sie dorthin gezogen, und ihr erstes Kind wurde im Herbst geboren. Er, Leve, seine Schwester Laefke und Großmutter Eyde, die Mutter seines Vaters, waren im Haus verblieben. Laefke war als Nächste ausgezogen, sie hatte den Fischer Hark Harksen geheiratet und lebte nun in einem Haus am Lüttfischerhafen.

Großmutter Eyde war eine weise Frau gewesen, sie kannte sich aus mit den Krankheiten der Menschen und Tiere, wusste, welche Kräuter Fieber senkten, Blutungen stillten, Frauenleiden linderten, die Brust von Auswurf befreiten oder gegen Leibschmerzen halfen. Ihr Wissen hatte ihr nichts genützt, als sie vor Weihnachten letzten Jahres krank geworden war. Laefke war jeden Tag vom Lüttfischerhafen herübergekommen, hatte alle Tränke angerührt, die Eyde angesagt hatte. Dennoch war es ihr immer schlechter gegangen. Eines Morgens hatte sie tot im Bett gelegen. Im Haus hatten nur noch er und sein Vater gewohnt, und wenige Monate später hatte er es ganz für sich allein.

Iven presste die Fäuste auf die Augen. Schlaf fand er in dieser Nacht keinen mehr. Mit einem Zipfel seiner Decke wischte er sich über das Gesicht und schwang die Beine aus dem Bett. An der Glut des Ofens entzündete er ein Talglicht. Bine lag auf ihrer Decke und sah zu ihm auf.

»Der Schlaf kommt in dieser Nacht nicht mehr zu mir«, erklärte er ihr, während er sich die Beinlinge anzog, die Schuhe an den Füßen festschnürte. Über sein Hemd zog er einen Kittel und darüber eine Schaffellweste.

Keine seiner Bewegungen ließ sich die Hündin entgehen. Am Talglicht entzündete Iven eine Blendlaterne und drehte den Docht weit herunter. Der Lichtschein reichte kaum über die Lampe hinaus. Ihm genügte es.

»Du bleibst hier. Pass schön auf«, befahl er der Hündin. Gehorsam legte sie sich hin und schaute ihm traurig nach, als er das Haus verließ.

Draußen empfingen ihn eine sanfte Brise, Stille und Dunkelheit. Der Levensenhof lag im Norden Rungholts, gleich neben dem Niedamm. Er stieg auf den Damm und sah sich um. In tiefer Nacht brannte in keinem Haus Licht. Die Menschen schliefen. Iven betrachtete den Himmel. Vereinzelt leuchteten Sterne zwischen den Wolken hervor. Der Damm führte um Rungholt herum Richtung Hever. Iven kannte den Weg gut, er könnte ihn mit verbundenen Augen gehen. Das war kaum das Richtige, um seinen Geist von trüben Gedanken zu reinigen. Er ging schneller, am Ende rannte er fast.

Deshalb wäre er beinahe in eine Gestalt mit einem langen Umhang hineingelaufen. Sie kam ihm entgegen. Ein Aufschrei verriet ihm, dass es sich um eine Frau handelte. Sie strauchelte, und bevor sie zu Boden stürzte, fing Iven sie auf.

»Ich tue Euch nichts«, sagte er.

»Lasst mich los, sonst glaube ich es Euch nicht.«

Er ließ ihr ihren Willen. Sie hatte Friesisch gesprochen, aber mit einem Akzent. Sie konnte keine Uhtländerin sein, sondern hörte sich an wie eine vom Festland.

»Wer seid Ihr?«

»Wer seid Ihr?« Sie trat einen Schritt zurück.

Von einem Weib hatte er nichts zu befürchten, und dass ihrer Stimme keinerlei Furcht anzumerken war, imponierte ihm. »Iven Levensen vom Levensenhof.« Er wollte die Laterne anheben, um ihr Gesicht zu beleuchten.

»Lasst das.«

»Ich habe Euch meinen Namen gesagt, aber Euren weiß ich immer noch nicht. Ihr sprecht Friesisch wie jemand vom Festland. Eine Uhtländerin seid Ihr nicht.«

»Ich lebe in Rungholt genau wie Ihr. Mein Vater ist der Kaufmann Heinrich Westharg, ihm gehören drei Salzköge und ein Speicher am Hafen. Mich ruft man Silja.«

»Jungfer Silja, es ist mir eine Ehre.« Er wusste, wer sie war. Eigentlich hätte er es schon an ihrer Art zu sprechen erkennen müssen. Außer ihr, ihrem Vater und einer alten, zu ihrem Haushalt gehörenden Magd lebten in Rungholt keine Leute vom Festland. »Es ist mitten in der Nacht. Was macht eine ehrbare Jungfer um diese Zeit außerhalb ihres Bettes?«

»Das Gleiche gilt für ehrliche Männer.«

Himmlischer Jesus, sie war eine furchtlose Jungfrau, und ein Gespräch mit ihr war alles andere als langweilig.

»Ich konnte nicht schlafen«, sagte er einfach.

»Ich auch nicht. Im Haus war es zu eng, ich musste den Himmel sehen und endlich mal irgendwo sein, wo mich keine fremden Augen beobachten. Was hat Euch aus dem Haus getrieben?«

»Drinnen war so viel Platz. Besonders nachts habe ich das Gefühl, ich bin zurückgelassen worden.«

»Unter den Sternen gibt es noch viel mehr Platz. Ihr lebt jetzt ganz alleine auf dem Levensenhof. Gibt es überhaupt noch jemanden, der für Euch kocht?«

»Ich habe eine Magd, die erledigt das.«

»Natürlich, wie dumm von mir.« Er hörte sie verlegen auflachen.

Iven ging darauf nicht ein. »Ihr solltet nachts nicht allein aus dem Haus gehen. Das ist gefährlich. Gerade für eine junge Frau. Eurem Vater ist das bestimmt nicht recht.«

»Ich bin kein so dummes Gänschen, das keinen Schritt alleine gehen kann«, kam sofort die schnippische Antwort. »Es ist nicht leicht«, lenkte sie gleich darauf ein, »in Rungholt immer die Fremde zu sein, die vom Festland. Und ich will nicht wissen, was sie hinter meinem Rücken noch alles über mich reden. Jeder lauert immer nur darauf, ob ich etwas mache, worüber sie sich hinterher das Maul zerreißen können. Kaufe ich auf dem Markt ein, wird auf den Preis gleich noch etwas draufgeschlagen, das ich dann mühsam wieder runterhandeln muss. Einfach nur, weil ich keine Friesin bin und um zu sehen, ob die Fremdländische handeln kann.«

Sie hatte erregt und schnell gesprochen. Iven war betroffen. Er wusste, was im Ort über Heinrich Westharg und seine Tochter geredet wurde. Sie waren in der Tat die Fremden, die vor zwei Jahren aus Kiel nach Rungholt gekommen waren. Den Grund wusste er nicht genau; Heinrich Westharg musste jedenfalls über Geld verfügen, denn er hatte eines der besseren Häuser in Rungholt gekauft, in der Nähe der Kirche, und drei Salzköge gepachtet. Das alles zählte nicht, in zwei Generationen, in hundert Jahren wären sie immer noch die Fremden.

Das war kein Thema, um es mit Silja Westharg nachts auf dem Niedamm zu erörtern, deshalb sagte er: »Ihr solltet trotzdem nicht alleine draußen sein. Ihr könntet auch auf Männer mit weniger freundlichen Absichten treffen, als ich sie habe.«

»Ich weiß nichts über Eure Absichten.«

»Ich begleite Euch nach Hause.«

Iven drehte bei seiner Laterne den Docht höher, und der Lichtschein wurde heller. In dem Lichtkegel gingen sie nebeneinander den Damm entlang, hinter den Lüttfischerhäusern bis zum Westhargschen Haus. Silja schlüpfte durch eine Seitentür hinein, gleich darauf sah Iven durch die Ritzen eines Fensterladens ein Licht aufleuchten. Ihre Schlafkammer.

Als Rückweg wählte er nicht den längeren über den Niedamm, sondern ging durch Rungholt. Im Haus wurde er von einer schwanzwedelnden Bine empfangen. Sie sprang um ihn herum, als wäre sie nicht einmal halb so alt, wie sie in Wirklichkeit war. An Nachtruhe war nicht mehr zu denken. Er setzte sich auf Bines Schlafdecke, lehnte sich auf den gemauerten Herd und zog die Hündin auf seinen Schoß. Er kraulte ihr Halsfell, rieb ihre Ohren zwischen den Fingern. Bine schloss die Augen und gab ein zufriedenes Schnaufen von sich.

***

»Sie hat dich rausgeworfen? Dazu hatte sie kein Recht, immerhin bist du die Witwe ihres ältesten Sohnes«, stellte Iven fest.

Laefkes Bündel lag zwischen ihnen auf dem Tisch.

»Ich bin gegangen, weil ich es keinen Tag länger in ihrer Nähe aushalte. Wir können nicht zusammen unter einem Dach leben, das ist das Einzige, worin wir uns je einig waren. Wenn du mich auf dem Hof nicht bleiben lässt …«

»Du bist meine Schwester, natürlich bleibst du. Wie kommst du nur auf solche Ideen!« Iven fuhr sich mit den Händen durch sein strubbeliges Blondhaar. Er hatte bereits alle Fenster und Türen auf dem Levensenhof verriegelt gehabt und selbst im Bett gelegen, als Laefke mit der Faust an die Tür gehämmert hatte.

Sie sah müde aus, und er ahnte, dass es nicht am Weg vom Lüttfischerhafen zum Levensenhof lag. Er wollte sie trösten, aber er war nicht gut in so etwas, ihm fiel nichts anderes ein, als ihr einen Becher kalten Kräutertee hinzustellen, dabei legte er ihr kurz die Hand auf die Schulter. Laefke schaute auf.

»Kalter Tee, der aussieht, als wäre er mindestens einen Tag in der Kanne, Spinnweben in den Ecken und die Asche seit Tagen nicht aus dem Ofen gefegt. Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert.«

»Nedda schafft das ganz gut. Ich alleine brauche nicht viel.«

»Ich meine doch keine Magd, die zweimal am Tag vorbeischaut, sondern eine richtige Frau im Haus. Wann hast du das letzte Mal etwas Anständiges gegessen?«

»Ich esse zweimal am Tag.«

»Altbackenes Brot und Zwiebeln.«

»Glaubst du, Vater hat besseres Essen auf den Tisch gebracht?« Er lachte freudlos auf. »Ich esse das Gleiche wie das Gesinde. Was Nedda kocht. Du bist mir willkommen, aber nicht als meine Magd, sondern als meine Schwester.« Er umarmte sie.

Einen Augenblick schwiegen sie. In Iven wühlten die Gedanken; es gelang ihm längst noch nicht, Leve zu erwähnen, ohne dass ihm Tränen in die Augen schossen. Sein Vater war stark und groß gewesen, hatte immer Rat gewusst und sich nie aus der Ruhe bringen lassen. Als Laefke verkündet hatte, einen Lüttfischer heiraten zu wollen, hatte er nur genickt, obwohl er sich sicher gewünscht hatte, sie dem Sohn eines Bonden, eines landbesitzenden Bauern, zur Frau zu geben.

»Wenn ich abends allein mit einem Würzbier in der Döns sitze, habe ich immer das Gefühl, er käme gleich zur Tür herein, müsste unter dem niedrigen Sturz den Kopf einziehen und seinen tropfnassen Umhang neben den Herd …« Er brach ab, hatte keine Worte für seine Gefühle.

»Mir geht es genauso. Ich denke immer, Hark kommt gleich zur Tür rein, umarmt mich von hinten, gibt mir einen Kuss auf …« Sie wurde rot. »… das Ohr. Dabei ist es immer nur die Amsel, die kommt und mich ankeift.«

»Du nennst deine Schwiegermutter Amsel?« Er trank einen Schluck von seinem Bier und grinste in den Becher. Der Name war passend.

»Sie sieht aus wie eine, und sie benimmt sich so, wenn sie nach einem pickt.«

»Das ist vorbei.« Er wollte seine Schwester aufheitern, aber ihm fiel nichts ein, was er sagen könnte. So traurig kannte er Laefke nicht, die Amsel musste ihr wirklich zugesetzt haben. »Erzähle mir genau, was sie gemacht hat.«

»Sie hat …« Laefke holte tief Luft, und dann erzählte sie. Er sah sie neben dem Herd im Lüttfischerhaus knien und mit Sand und Wasser einen Kessel scheuern. Immer wieder spülte sie ihn aus, und er roch angebrannte Erbsen. Auf einmal stand Laefkes Schwiegermutter im Raum. Von Kopf bis Fuß war sie in dunkelgraues Tuch gehüllt, sogar ihre Haube war dunkel. Sie sah wirklich aus wie eine Amsel.

»Ich weiß, was du getan hast. Das ganze Haus stinkt danach. Das gute Essen verdirbst du und tischst uns altes Brot und Salzfisch auf. Was mein Sohn nur an dir gefunden hat!«

»Wir haben uns geliebt, und das Brot war von gestern.«

»Du warst nicht gut für ihn. Die Tochter von Leve Levensen und die Enkeltochter von Eyde Levensen – ich habe ihn vor dir gewarnt. Jetzt ist er tot, ich habe es immer gewusst.«

»Wir haben uns geliebt.« Die Worte umschlangen Laefke wie einen schützenden Umhang.

»Ohne dich würde er noch leben. Ohne dich wäre er nie mit deinem Vater über die Deiche gegangen. Höhere Deiche, bessere Deiche – eines von deines Vaters Hirngespinsten. Die Deiche haben uns immer geschützt. Dein Vater hat meinem Sohn Flausen in den Kopf gesetzt. Deshalb wurde er erschlagen.«

»Ich habe auch Menschen verloren, die mir nahestanden. Meinen Mann und meinen Vater.« Der Kessel war sauber, und Laefke goss die Reste des Waschwassers in den Eimer, die Bürste warf sie hinterher. Sie drehte sich zu ihrer Schwiegermutter um.

Die kleine, stämmige Frau nahm die ganze Breite der Tür ein. Beide Hände hatte sie in ein Umschlagtuch gekrallt, mit dem sie ihr graues, strähniges Haar bedeckte.

»Du hast es nicht einmal geschafft, ihm einen Sohn zu schenken – nutzloses Weib. Nichts ist mir von meinem Jungen geblieben.«

»Mir ist auch nichts geblieben außer Arbeit.« Laefkes Stimme war Wut anzuhören. »Den gesamten Haushalt führe ich dir, du trägst keinen Fetzen am Leib, dessen Wolle ich nicht eigenhändig gesponnen und gewebt habe. Die Wolle stammt von den Schafen den Levensenhofes. Bezahlt hast du dafür nichts. Ich mache alles so, wie du es wünschst, und ich habe versucht, dich zu lieben wie eine Tochter ihre Mutter. Gott weiß, wie schwer das ist.«

»Nimm nicht den Namen unseres Herren in den Mund. Nicht eine wie du, die Eyde Levensen mit dem bösen Blick zur Großmutter hatte. Du hast dich in diesem Haus eingenistet, aber damit ist nun Schluss. Wenn du gehofft hast, meinen guten Harm zu heiraten, schlage dir das aus dem Kopf. Ich werde ihm eine gottesfürchtige Frau finden.«

In Kaufmannsfamilien heiratete oft die Witwe einen jüngeren Bruder des Kaufmannes, damit das Geschäft und das Vermögen in der Familie blieben. Bei Fischern war das nicht anders. Laefke schüttelte den Kopf. »Als ob ich das wollte. Hark ist noch keinen Monat unter der Erde.«

»Du wirst keine Gelegenheit haben, meinem Harm den Kopf zu verdrehen«, giftete die Amsel weiter. »Noch heute verlässt du mein Haus.« Sie griff hinter sich und brachte ein Bündel zum Vorschein, das sie offenbar dort abgelegt hatte. Sie schleuderte es Laefke vor die Füße.

Die erkannte ihren Umhang, aus dem das Bündel geschnürt war.

»Genauso armselig, wie du dieses Haus betreten hast, verlässt du es auch wieder.«

»Meine Mitgift war nicht armselig, sie war großzügig. Du redest irr.«

»Ich habe meinen Verstand beisammen. Du gehst, und wenn ich dich in meinem Leben nie wiedersehen muss, danke ich unserem Herrn auf Knien und bete jeden Tag ein Vaterunser.« Aus den Amselaugen sprühte unversöhnlicher Hass.

Laefke schüttelte ihre Erstarrung ab, nahm das Bündel auf. »Ich gehe, weil ich es so will, weil ich nicht eine Nacht länger mit dir unter einem Dach bleibe. Du wirst nie mehr dein Gift auf mich spritzen. Ein glückliches Leben wirst du auch nie haben, dazu braucht man nicht die Gaben meiner Großmutter, um das zu sehen.«

Sie schaute Iven an, und in ihren Augen standen Tränen. »Deshalb bin ich zu dir gekommen.«

»Es steht der Amsel nicht zu, dich so zu behandeln. Was sagt Harm dazu?«

»Er war nicht da. Sonst hätte sie es nicht gewagt, so mit mir zu reden.« Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. »Harm war immer gut zu mir, aber er ist die meiste Zeit zum Fischen draußen, dann bin ich mit der Amsel allein. Das halte ich nicht länger aus. Als Hark noch da war, hat sie sich nicht getraut. Er hat ihr einmal gesagt, was sie mit ihrem Gekeife machen kann – danach hat sie Ruhe gegeben.«

»Die Wogensmannen waren es«, stieß Iven auf einmal hervor. »Elende Räuber und Piraten. Ich werde sie nicht davonkommen lassen.«

»Nein, Iven, lege dich nicht mit ihnen an. Niemand in den Uhtlanden ist ihnen gewachsen.«

Er hörte die Besorgnis in ihrer Stimme. Sie hatten nur noch einander, und wenn sie nicht aufeinander achteten, blieb einer allein zurück. »Ich werde mich von ihnen nicht kriegen lassen, aber sie werden für Vaters und Harks Tod bezahlen.«

»Tu nichts ohne den Vogt oder den Staller. Mach dir keine Feinde, ich …« Der Rest des Satzes verhallte ungesagt.

»Pah! Ich weiß schon, was ich tue. Ogge Jessen wird sich noch umschauen und sich wünschen, er hätte nie mit den Räubern gemeinsame Sache gemacht. Und der Staller kommt bloß in die Harde, um die Abgaben zu holen oder uns zum Kriegsdienst zu rufen. Der hilft uns nicht.«

»Das ist doch nur Gerede über den Vogt.«

»Und warum tut er hartnäckig so, als könnten die Männer der Edomsharde allein nichts ausrichten, als wären wir auf die aus der Pellwormharde angewiesen? Die Wogensmannen sind sechzig, allein Rungholt kann mehr Männer auf die Beine stellen. Die ganze Harde ist ihnen mehr als dreifach überlegen. Ich sage dir, der Grund dafür ist, dass der Vogt mit denen unter einer Decke steckt.«

»Das bildest du dir ein.« Laefke schüttelte den Kopf. »Ogge Jessen will, dass wir in Rungholt sicher und gut leben. Das hat er mir selbst gesagt, als er nach Harms Tod zu uns gekommen ist und uns Hilfe angeboten hat. Pater Fulbertus ist auch gekommen und hat lange mit uns gesprochen. Im Namen der Marienbruderschaft hat er uns zwei Hühner und drei Mark Silber gegeben.«

»Dein Mann war nicht mehr wert als zwei Hühner und drei Mark Silber? Laefke!«

»Nichts, was wir tun und sagen, bringt sie zurück, aber Pater Fulbertus Gaben helfen.«

»Wenn du es nicht hörst, nennt er dich die Enkelin der Hexe. Das nenne ich wahrhaft christlich.«

»Ach Iven … Wer weiß schon, ob ihre Träume vom Allmächtigen oder vom Teufel kamen?«

»Im Süden gab es eine Frau namens Hildegard von Bingen, sie hatte ebenfalls Träume und sah Dinge, die andere nicht sahen. Bei ihr hat niemand gezweifelt, dass ihre Bilder vom Allmächtigen kamen. Die war auch eine Dame von Adel, konnte lesen und schreiben und hat Briefe an den deutschen Kaiser und den römischen Papst geschrieben. Unsere Großmutter war eben nur eine einfache Frau.«

»Diese Hildegard gehörte dem Orden der Benediktinerinnen an. Der Allmächtige spricht eher zu einer Nonne als zu einer Bäuerin. So einfach ist das.«

Iven wurde langsam wütend. Da hatten Pater Fulbertus und die Amsel von Schwiegermutter ganze Arbeit geleistet. »Lass dir nichts erzählen. Großmutter Eyde war keine Hexe, sondern eine mindestens ebenso gute Frau wie diese Nonne. Sie hat vielen geholfen. Lasse dir nichts anderes einreden.« Beim Tod der Großmutter war er erst zwölf Jahre alt gewesen, aber er hatte sich oft genug mit den Rungholter Jungen geprügelt, um ihre Ehre zu verteidigen und manchmal auch wegen Laefke.

»Das weiß ich doch.« Laefke lachte auf, es hörte sich befreiend an. »Sei trotzdem vorsichtig. Die Wogensmannen sind viele, und du bist nur einer.«

Er versprach es seiner Schwester. Das Recht auf Rache ließ er sich jedoch nicht nehmen. Das hätte er Ogge Jessen auch gesagt, aber ihn hatte der Hardesvogt nicht besucht.

***

Obwohl es erst April und noch nicht warm war, saß Iven mit seinem Cousin Monny Monnesen auf einer Bank vor dem Haus. Die Kletterrose hinter ihnen zeigte die ersten zarten Triebe. Bine hatte sich auf Ivens Füßen niedergelassen. Beide Männer trugen warme Kittel und Schaffellwesten und hielten Becher mit Würzbier in der Hand. Im Haus hinter ihnen klapperte Laefke mit Töpfen und sagte etwas zu der Magd Nedda, das draußen nicht zu verstehen war.

Iven hatte seinem Cousin erzählt, dass er die Wogensmannen nicht davonkommen lassen wollte.

»Ich werde meinen Vater rächen«, bekräftigte er und trank einen Schluck.

»Es sind sechzig Mann. Was willst du tun?«

»Ich will Genugtuung und eine Entschädigung für sein Leben, wie es mein Recht ist. Ich werde vor dem Hardesgericht klagen.«

»Es dauert noch fast zwei Monate, bis das Gericht wieder zusammenkommt. Was machst du bis dahin?«

»Die Füße stillhalten. Ich kann das nicht länger aushalten, über die Salzwiesen und durchs Watt laufen.«

»Aha.«

Er erzählte seinem Cousin nicht, dass es Stunden gab, in denen seine Gedanken mehr mit Silja Westharg als mit den Wogensmannen beschäftigt waren. Seit jener Nacht hatte er sie nicht wieder gesehen, weder nachts auf dem Deich noch tagsüber in Rungholt. Ihren Vater hatte er gesehen, als der auf dem Weg zu seinen Salzkögen gewesen war, und ein anderes Mal wollte er offensichtlich Boye Harksens Schenke aufsuchen. Beide Male hatte er dem Kaufmann nachgeschaut. Ausgeschlossen, zu ihm hinzugehen und ihn nach seiner Tochter zu fragen.

Monnys jüngerer Bruder Ketel arbeitete als Salzsieder in Westhargs Kögen. Diese Verwandtschaft verschaffte ihm aber nicht die Möglichkeit, in Westhargs Haus ein und aus zu gehen. Und im Gegensatz zu Monny, mit dem er befreundet war, konnte er Ketel nicht besonders gut leiden. Er hielt ihn für jemanden, der allzu sehr auf seinen Vorteil bedacht war.

»Du wirst Unterstützer brauchen für deine Klage.« Monnys Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Du bist doch dabei?«

»Auf jeden Fall und Ketel auch. Was immer du über ihn denkst, die Sippe ist ihm heilig. Er bringt seine Salzarbeiter mit, die beiden Ebbes.«

Iven benötigte zwölf Unterstützer, Schwurmänner, für seine Klage. Vier waren ihm sicher. Wer kam noch in Frage?

Monnys Gedanken gingen in dieselbe Richtung. »Wen haben wir noch?«

»Maart natürlich. Er wird es sich nicht nehmen lassen.«

»Wer hat noch Wut auf die Wogensmannen?«

»Keiner. Sie vergreifen sich ja nur an Fremden. Schlau von ihnen, andernfalls hätten wir sie schon längst aus den Uhtlanden verjagt.«

»Das hilft uns im Moment nicht. Was ist mit deinem Schwager?«

»Harm ist auch auf meiner Seite. Ihn betrifft es genauso wie mich. Es fehlen immer noch sechs.«

Sein Vater hatte sich aus den Angelegenheiten der Harde herausgehalten und es nicht verstanden, sich Freunde zu machen. Er hatte als Sonderling gegolten, und das lag zu einem guten Teil auch an seiner Mutter, Großmutter Eyde. Die Menschen waren zu ihr gekommen und hatten ihre Tränke genommen, wenn sie krank waren, aber sie hatte auch in dem Ruf gestanden, mit überirdischen Mächten im Bunde zu sein.

»Was ist mit Broder Brodersen?«, fragte er seinen Cousin.

»Der alte oder der junge?«

»Der junge.«

»Willst du dich auf den Schwachsinnigen verlassen?«

»Broder versteht eine Sache, wenn man sie ihm genau erklärt. Und er ist stark wie ein Bär.«

»Bist du sicher, dass er vor Gericht noch weiß, was du ihm erklärt hast, und nicht nur blöde vor sich hin grinst?«

Iven war sich nicht sicher, und es gefiel ihm auch nicht, sich auf einen Schwachsinnigen verlassen zu müssen. Auf Broder würde er nur zurückgreifen, wenn er keine andere Wahl hatte. Wie es ihm Moment aussah, hatte er keine.

»Ich spreche auf jeden Fall mit ihm«, sagte Iven.

»Dann sind es sieben und mit Johan Sibingh acht.«

Der kleingewachsene Bonde und Salzbudenbetreiber aus Rungholt war bekannt dafür, überall mitzumischen, wo etwas spaßig zu werden versprach. Das war nicht die richtige Haltung für einen Schwurmann vor Gericht, aber einen Prozess gegen die Wogensmannen würde Johan Sibingh auf jeden Fall als gute Unterhaltung ansehen.

»Harm wird noch zwei oder drei Fischer mitbringen, da bin ich mir sicher.«

»Es fehlt noch einer.« Monny hielt den linken Daumen hoch.

»Einen werden wir noch finden, bis das Gericht zusammentritt.«

Iven bedauerte es, dass Frauen nicht bei Gericht sprechen durften. Er war sich sicher, Silja Westharg hätte die Gelegenheit ergriffen, allen Rungholtern zu zeigen, wie viel Mumm in einer vom Festland steckte. So beschränkte sich ihre Rolle leider auf die einer Zuschauerin.

Ihm kam ein Gedanke. »Was hältst du von Ogge Oggesen?«

Monny, der gerade einen Schluck Bier trinken wollte, prustete in seinen Becher. »Den Sohn des Hardesvogts? Der steht unter der Knute seines Vaters und wird keine Hand für dich heben.«

»Er ist rechtschaffen. Ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass die Wogensmannen davongejagt gehören«, widersprach Iven.

»Lass mich raten? Sein Vater war nicht in der Nähe. Egal wie rechtschaffen der junge Ogge ist, sein Vater hat ihn fest im Griff, und der ist ganz sicher nicht rechtschaffen.«

»Es wäre an der Zeit, dass der junge Ogge zeigt, was in ihm steckt.«

»Da stimme ich dir zu. Nur wird er es nicht ausgerechnet vor dem Hardesgericht tun.« Monny schüttelte den Kopf.

»Ich frage ihn auf jeden Fall.«

»Such dir jemand anderes.«

Das war nicht so leicht, wie es sich anhörte. Zwölf Schwurmänner waren nicht viele, wenn es darum ging, Verwandtschaftsverhältnisse oder ein verkauftes Grundstück zu bezeugen, die Güte eines geschlachteten Ochsen oder die eines verkauften Schafes zu beschwören. Bei heimtückischer Tötung kamen den Leuten auf einmal Bedenken.

»Verliere nicht den Mut, Iven.« Monny stieß ihn mit dem Ellenbogen an. Die Zweifel in seinen Gedanken hatten sich offenbar in seinem Gesicht widergespiegelt. »Du wirst zwölf Schwurmänner finden.«

***

»Ich begleite dich«, sagte Iven, als seine Schwester sich einen Umhang um die Schultern legte und nach ihrem Korb griff.

»Das brauchst du nicht. Ich will für morgen nur ein paar Fische holen.«

»Ich komme trotzdem mit.«

»Iven, wirklich.« Sie stemmte die Hände in die Seiten, ihre Augen blitzten dabei jedoch fröhlich.

Er nahm ihr den Korb ab, und gemeinsam verließen sie den Levensenhof, überquerten die Warft ihres Nachbarn Haye Wunksen und näherten sich der neuen Kollegiatskirche, die stolz auf einer kreisrunden Warft in der Mitte Rungholts thronte. Die Kirche war dem heiligen Petrus geweiht, dem Schutzpatron der Händler und Kaufleute, und das einzige aus Stein errichtete Gebäude in den Uhtlanden. Alle Rungholter und auch die Menschen der umliegenden Kirchspiele hatten Geld, Material und Arbeitskraft gespendet, damit die Kirche an der Stelle errichtet werden konnte, an der früher eine hölzerne Kapelle gestanden hatte. Die war einem Brand zum Opfer gefallen, und an ihrer statt sollte eine Kirche errichtet werden, die der Bedeutung Rungholts als Handelsplatz der Uhtlande und seiner gestiegenen Einwohnerzahl angemessen war. Bischof Brun war vor zwei Jahren eigens aus Schleswig gekommen, um die Kirche zu weihen. Iven war der Meinung, Rungholt müsse erst noch in die Bedeutung hineinwachsen, die seine Kirche ihm verlieh. Er argwöhnte jedoch, damit alleine zu stehen.

Die Kirche war so rund wie die Warft, der Turm stand ein paar Ellen daneben und war ganz aus Holz errichtet mit einem kupfernen Kreuz auf der Spitze. Selbst der größte Eiferer – und der Hardespriester Pater Fulbertus war zwar von Gestalt klein, aber das Feuer in seiner Seele brannte heiß – glaubte nicht, dass der Marschboden neben einer steinernen Kirche auch noch einen steinernen Turm tragen könne. Schweren Herzens war der Turm deshalb auf bewährte Art und kaum höher als die Kirche errichtet worden.

Auf einer angrenzenden Warft stand das zweitgrößte Gebäude Rungholts – die Schenke. Davor hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Iven und seine Schwester gesellten sich dazu. Selten genug kamen Spielleute oder Gaukler in die Uhtlande, aber die wenigen waren in der Schenke anzutreffen. Iven war groß und konnte über die Köpfe der vor ihm Stehenden hinwegsehen. Vor der Schenke bot nicht etwa ein Sänger seine Kunst dar, sondern Pater Fulbertus stand dort in seiner braunen Kutte, die Haarbüschel spreizten sich nach allen Seiten von seinem Kopf ab, und aus seinen Augen sprühte der gerechte Zorn des Allmächtigen. Iven wollte sich abwenden, aber seine Schwester hielt ihn an der Hand zurück. Laefke reckte den Kopf, um an einer ärmlich gekleideten und nach Fisch riechenden Frau vorbeizusehen. In den Falten ihres Kleides verbarg sich ein Kleinkind – Junge oder Mädchen, unmöglich zu entscheiden; es streckte Iven die Zunge heraus.

Der Priester hatte einen alten Mann aus der Schenke gezogen. Dessen Kleidung bedeckte kaum seinen mageren Leib, und er schaute zu Boden, als könne ihn das vor dem wortgewaltigen Sturm bewahren, der sich auf sein Haupt entlud. Iven kannte den Namen des Mannes nicht, aber er wohnte in einer der Katen auf der anderen Seite des Rungholtsiels. Die Menschen wichen vor ihm zurück, und statt hinter der Fischfrau stand Iven auf einmal neben Silja Westharg. Blonde Zöpfe schauten unter ihrer Haube hervor, an ihrem Arm baumelte ein Korb. Sie warf ihm einen Blick zu und schenkte ihm ein knappes Lächeln. Himmlischer Jesus, ihr Blick ging geradewegs bis zum Grund seiner Seele, und ihr Mund war rot wie eine Rose. Höflich machte er ihr Platz.

»So muss ich also dem Propst melden, dass die Männer der Edomsharde nicht willens sind, ein paar Pfennige für ein gottgefälliges Werk zu spenden.«

Die Leute murrten.

»Die Arbeiten an den Chorherrenhäusern gehen nicht voran«, rief Pater Fulbertus mit hoher Stimme, die keine Gnade zu kennen schien. »Zu einer Kollegiatkirche gehört ein Kollegiat aus Chorherren, und diese brauchen angemessene Häuser zum Wohnen. Soll es heißen, die Edomsharde sei geizig, weil ihre Männer ihr Geld lieber in die Schenke tragen, statt ihre Taschen zu öffnen, um ihre Frommheit zu beweisen? Hat der Bischof die Kirche umsonst geweiht? Soll sie sich nicht über die anderen Kirchen der Uhtlande erheben?«

»Die Chorherren wohnen in der Harde«, rief jemand hinter Iven.

»Sie hausen in der Harde«, erwiderte Pater Fulbertus zungenfertig. »Für zwölf Chorherren werden sechs Häuser benötigt, damit zwei von ihnen eines bewohnen. Die Kirche steht zwei Jahre, und es sind gerade einmal zwei Häuser fertig. Statt dass zwei Chorherren in den Häusern wohnen, hausen sie dort zu viert. Und sie sind noch besser dran als die anderen armen Männer, die sich mit einer Kate auf dem Sibinghhof ohne jede Bequemlichkeit zufriedengeben müssen.« Pater Fulbertus keuchte, denn es war genauso anstrengend eine flammende Rede zu halten, wie einen schnellen Lauf hinter sich zu bringen.

Der Kätner stand immer noch mit gesenktem Kopf vor dem Pater. Aus der Menge löste sich eine dürre Frau, deren Kleidung in genauso schlechtem Zustand war wie die seinige. Sie packte ihn am Arm und zerrte ihn mit sich fort.

»Recht hat der gute Pater«, schimpfte sie dabei. »Du bist dem Bier viel zu sehr zugetan, statt für deine Familie zu sorgen.«

Ob er etwas darauf erwiderte, hörte Iven nicht mehr. Er warf einen Blick auf Silja, die immer noch neben ihm stand. Sie schaute dem Kätner nach, und in ihrer Miene meinte er, Mitgefühl zu lesen. Sie war also nicht nur schön und klug, sondern hatte auch ein gutes Herz.

»Ich habe dir meine beiden Söhne angeboten. Sie sind stark und können arbeiten«, widersprach das Fischweib, an dessen Rockfalten sich immer noch das Kleinkind klammerte.

»Es werden Maurer gebraucht und Zimmerleute, keine Tagediebe.«

Iven lächelte in sich hinein. Der Hardespriester war bei den Rungholtern nicht beliebt und der Propst aus dem fernen Schleswig noch weniger. Sie hatten für die Kirche bezahlt, Grundstücke, Messen und Altäre gestiftet, die beiden Chorherrenhäuser waren mit ihrem Geld gebaut worden, sie hatten wieder Grundstücke gestiftet, Vieh, mancher war Pächter auf Land geworden, das ihm früher gehört hatte, damit die feinen Herren ihr Auskommen fanden. Für Ave Marias hatten sie gezahlt, die die Chorherren täglich beteten, und irgendwann hatten sie ihre Taschen zugenäht.

Unter zusammengezogenen Brauen hervor musterte Pater Fulbertus die Rungholter. Er erinnerte Iven an einen Habicht, der sich bereitmachte, auf eine Maus herabzustoßen.

»Iven Levensen«, rief der Pater. Er hatte die Arme ausgebreitet, und es sah aus, als wolle er sich mit einem Flügelschlag auf ihn werfen.

»Pater Fulbertus.«

»Ich sehe dich nur sehr selten in der neuen Kirche.«

»Ich besuche jeden Sonntag die Heilige Messe«, antwortete Iven höflich, nickte dem Priester grüßend zu und wollte sich davonmachen.

»Welchem Heiligen fühlst du dich besonders verbunden?«

»Wenn Ihr erlaubt, Priester, auf mich wartet Arbeit.« Er wollte zum zweiten Mal an Pater Fulbertus vorbeigehen, aber der hielt ihn auf. Sein Gesichtsausdruck war lauernd geworden. Iven machte sich auf eine Standpauke gefasst, ähnlich der, die der arme Kätner zu hören bekommen hatte.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet.«

Die sich zerstreuende Menge rückte wieder enger zusammen. Niemand wollte sich ein Wort entgehen lassen.

»Ich fühle mich keinem Heiligen besonders verbunden. Alle sind mir gleich lieb.«

»Ich weiß, wie du bist, Iven Levensen, du fühlst dich der Mutter Kirche, dem Heiland und der Jungfrau nicht verbunden.« Der Habicht hatte die Maus gefangen. »Deine Großmutter war eine Hexe, sie hat deinen Geist vergiftet.«

»Ich bin getauft wie alle anderen auch, die hier stehen, und ich besuche die Messe und gehe zur Beichte wie alle anderen auch. Ihr kanntet meine Großmutter nicht. Wie könnt Ihr behaupten, sie sei eine Hexe gewesen? Es hat nie eine Anschuldigung und eine Untersuchung durch die Kirche gegeben.« Der Ärger hatte Iven die Worte eingegeben. Zufrieden sah er, wie der Priester rot anlief.

»Die Taufe allein reicht nicht, um deine Hingabe an die Kirche zu beweisen. Ich gebe dir Gelegenheit dazu. Es werden mehr Arbeiter für den Bau der Chorherrenhäuser benötigt.«

»Ich bin nur ein Mann, Bauer, kein Maurer oder Zimmermann, auf der Baustelle nütze ich dir nicht. Die beiden Söhne dieser guten Fischersfrau habt Ihr vor ein paar Augenblicken abgelehnt, und ich soll auf dem Bau helfen? Diese ganze Aufregung scheint für Euch zu viel zu sein.«

Er hatte dem Priester die Chance gegeben, diesen Hohn zu beenden und nach Hause zu gehen, aber der stand weiterhin vor ihm, fest entschlossen, ihn nicht vorbeizulassen. »Geld für die Bezahlung zusätzlicher Maurer nützt dem Bau. Pfennige für …« Der Priester legte den Kopf schief und überlegte einen Augenblick: »… eine lübsche Mark und dir werden alle Sünden erlassen.«

Die Zuschauer hielten den Atem an. Pfennige für eine lübsche Mark war eine ungeheure Summe; 466 Pfennige entsprachen dem Gewicht einer lübschen Mark. Manch Kätner oder Kätnerin hatte noch nie im Leben eine Münze besessen, ihnen musste es vorkommen, als könnte man dafür ganz Rungholt kaufen.

»Die Taschen der Kirche sind in eine Richtung immer offen und in die andere immer zu«, hörte er hinter sich jemand so laut flüstern, dass es nicht zu überhören war.

Pater Fulbertus hatte es auch gehört und suchte mit blitzenden Augen die Menge ab. Als er den Flüsterer nicht entdeckte, wandte er sich umso eifriger wieder Iven zu. »Nun, junger Mann?«

»Ich habe keine Mark in Pfennigen, und ich bin mir sicher, Gott legt mehr Wert auf Buße im Herzen als auf Geldgeschenke.«

Diese Antwort brachte den Hardespriester aus dem Tritt, und Iven gelang es endlich, an ihm vorbeizugehen. Dieses Mal war die Maus dem Habicht entkommen.

»Du wirst auf ewig im Fegefeuer schmoren. Der Teufel wird dir Finger- und Zehennägel mit glühenden Zangen herausreißen. Er wird einen Dorn durch deine verleumderische Zunge treiben und dir eine Feuerkrone schmieden, wie unser Herr auf seinem letzten Gang eine aus Dornen tragen musste. Der Propst wird hiervon erfahren.«

Das war eine leere Drohung, wusste Iven. Bedeutete es doch, dass der Priester an den Propst im fernen Schleswig schreiben und selbst Rede und Antwort stehen musste. Für jemanden, der mit dem Mund groß, aber mit der Feder schwach war, bedeutete das viel zu viel zusätzliche Pein. Pater Fulbertus drehte sich schwungvoll um und stapfte in Richtung Kirche davon. Er bemerkte nicht die obszönen Gesten, die manche hinter seinem Rücken machten.

»Der arme Mann«, sagte Laefke, nachdem sie ihm versichert hatte, wie wacker er sich geschlagen habe, und sie ihren Weg fortsetzten. »Er arbeitet manchmal für Boye und bekommt als Lohn eine Kanne Bier, ein Brot und getrocknete Fische. Das hätte dem Priester jemand sagen müssen.«

Iven hatte ihr nur mit halbem Ohr zugehört, er war in Gedanken mit Silja Westhargs Rosenmund beschäftigt. Die Bewegungen der Menge hatten sie gegeneinandergedrückt, und er hatte sogar einen Moment den Arm um sie legen müssen, um sie zu stützen. Aus ihren Zöpfen hatte sich eine Haarsträhne gelöst und sich neben ihrer Wange geringelt.

»Iven.«

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen. »Der Pfaffe war nicht in der Stimmung für vernünftige Worte.«

Laefke winkte ab und ging schneller. Er musste sich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten.

Beim Lüttfischerhafen standen die Häuser der Fischer auf zwei Warften. Auf dem Deich vor den Häusern hatten einige Fischerfrauen den Fang ihrer Männer vor sich zum Kauf ausgebreitet. Die Amsel war unter ihnen, hockte auf einem Schemel und schwatzte mit ihrer Nachbarin. Wenn Laefke die Fische von ihr bekam, gab sie sie bestimmt nicht gerne. Auf einmal kam Silja zwischen den Fischerhäusern hervor und steuerte auf die Amsel und ihre Nachbarin zu.

»Ich suche Butt für morgen, um ihn in Buttersoße zu kochen.«

»Butt gibt es nicht, nur Dorsch. Ihr werdet Euch damit zufriedengeben müssen«, beschied die Nachbarin sie grob.

»Genau«, bekräftigte die Amsel.

Iven war empört und verstand, was Silja bei ihrem Treffen auf dem Deich gemeint hatte. Die schöne Jungfer schien sich damit zufriedenzugeben und schaute sich das Angebot der Frauen in deren Fischkästen an. Schließlich zeigte sie auf einen Fisch in der Kiste der Amsel.

»Das ist ein schöner Dorsch. Was wollt Ihr für ihn haben? Ich kann mit Salz oder mit Pfennigen bezahlen.«

»Der Fisch ist nicht zu verkaufen. Den habe ich für jemanden zurückgelegt. Die anderen Dorsche auch.«

»Meine sind auch alle bestellt«, beeilte sich die Nachbarin zu sagen und feixte zahnlos.

Silja schaute auf, und als sie Iven entdeckte, schenkte sie ihm ein hilfloses Lächeln, als wollte sie sagen: Seht her, ich habe nicht übertrieben.

»Geht zurück, wo Ihr hergekommen seid. Wir brauchen in Rungholt keine Fremden, die unseren jungen Männern den Kopf verdrehen.«

»Das ist doch wohl unglaublich«, schimpfte Laefke. »Wenn Harm das wüsste, er würde ihr den Kopf zurechtsetzen. Himmlischer Jesus!« Sie marschierte auf die Amsel zu.

Iven hielt mit ihr Schritt. »Würde er nicht. Sie ist seine Mutter.«

»Dann werde ich es machen.« Mit in die Hüfte gestemmten Händen blieb sie vor den Fischkisten stehen. »Guten Tag, Frau Schwiegermutter. Ich bin gekommen, um meinen Fisch zu holen. Ich brauche heute einen mehr. Ich will zwei Dorsche und ein halbes Dutzend Heringe.« Sie zeigte auf genau die Fische, die die Amsel Silja verweigert hatte.

»Gerade die besten willst du immer«, zeterte die Amsel, aber sie wickelte die Fische in Grasbüschel ein und reichte sie ihrer Schwiegertochter.

Den Dorsch, den Silja sich ausgesucht hatte, hielt Laefke ihr hin. »Der ist für Euch, Jungfer Silja. Meine Schwiegermutter hat kein Recht, Euch so zu behandeln.« Sie wandte sich wieder der Amsel zu. »Ich werde es Harm sagen, und ihm wird das nicht gefallen. Er ist der Fischer und der Herr im Haus, nicht du.«

»Gar nichts wirst du sagen.«

»Du kannst mich nicht hindern.«

»Bitte keinen Streit. Mein Vater und ich können auch Heringe in weißer Soße essen«, versuchte Silja zu schlichten.

Da lag sie bei Laefke allerdings falsch. »Kommt mit!« Sie zog die junge Frau von den Lüttfischerhäusern fort, bis die Fischerfrauen sie nicht mehr hören konnten.

»Das ist unverschämt«, regte Laefke sich weiter auf. »Hat sie das schon mal gemacht?«

»Noch nie.«

»Sagt es mir. Ich gehe wirklich zu meinem Schwager und rede mit ihm. Sie nimmt sich in letzter Zeit Dinge heraus.«

»Sie hat ihren Sohn verloren, und Ihr habt Euren Mann verloren – oh, das tut mir leid.« Silja sah aus, als hätte sie zu viel gesagt.

»Ganz recht, ich habe meinen Mann verloren, aber ich benehme mich nicht so. Sie war schon immer eine missgünstige Person, und seit sie den ganzen Tag allein zu Hause ist … wird sie einfach unerträglich.«

»Ich danke Euch jedenfalls für den Fisch. Was bekommt Ihr dafür?«

»Nichts.«

»Das kann ich nicht annehmen.«

Zwischen den beiden Frauen entspann sich ein längeres Gespräch darüber, ob Silja nun den Fisch bezahlen musste oder nicht, und da hatte Iven Gelegenheit, die schlanke Form ihres Nackens zu bewundern und die Härchen, die sich dort unter der Haube hervorringelten. Die Frauen waren längst beim Austausch von Rezepten angelangt, und alles endete damit, dass Laefke der schönen Jungfer noch einen Käse in die Hand drückte, den sie selbst hergestellt hatte und eigentlich mit zwei der Heringe einer an Auszehrung leidenden Frau in einer der Katen auf der anderen Seite des Rungholtsiels bringen wollte.

Zum Abschied umarmten sich die beiden Frauen kurz. Silja gab Iven die Hand, und ihm kam es so vor, als zwinkere sie ihm dabei heimlich zu. Er nahm sich vor, wieder einmal nachts auf den Niedamm zu gehen.

Laefke drehte sich zu ihm um. »Geh du ruhig vor. Ich will mir noch im Hafen ansehen, was die flandrische Kogge gebracht hat.«

Iven hatte sich schon halb abgewandt, seufzend drehte er sich wieder zu ihr um.

»Ich finde den Weg vom Lüttfischerhafen zum Seehafen allein.« Sie ging mit übertriebenen Bewegungen vor ihm her, schwenkte ihren Hintern von links nach rechts.

»Dich kann man nicht allein zu einem Flamen gehen lassen. Am Ende schwatzt er dir für all unser Geld etwas auf, das wir nicht brauchen«, sagte er, als er sie eingeholt hatte.

Sie befühlte die Börse, die an ihrem Gürtel hing. »Da ist ungefähr ein halber Pfennig drin. Aber wie ich die Flamen kenne, reicht das aus, das Schiff samt Ladung zu kaufen. Du wirst demnächst zur See fahren, während ich auf dich warte und dir eine ganz neue Garderobe nähe und mir auch. Ich werde ausstaffiert sein wie ein Edelfräulein. Das alles für einen Pfennig. Ist das nicht ein gutes Geschäft?«

Der Flame hatte am Hafen neben den Speichern einen Stand aufgebaut. Ein Hardesknecht lungerte daneben herum und überwachte die Einhaltung der Rechte und dass der Flame keine Waren verkaufte, die er nicht angemeldet und für die er keinen Zoll gezahlt hatte. Vor seinem Tisch standen etliche Frauen. Die meisten trugen grob gewebte graue oder braune Kleider. Sie hatten noch nie in ihrem Leben ein Stück Tuch besessen, das sie nicht selbst hergestellt hatten, und waren nur zum Schauen gekommen und um einmal feinen Stoff unter den Fingerspitzen zu fühlen.

Zwischen den Kätnerinnen entdeckte Iven auch einige Frauen und Töchter von Bonden. Der flämische Händler behandelte die besser gekleideten Frauen mit ausgesuchter Höflichkeit, während sein Gehilfe die Kätnerinnen zurückdrängte, wenn sie allzu dreist die Stoffe befingerten. Laefke mit ihrem fein gewebten Kleid wurde von ihm auch als Kundin eingestuft, und der Gehilfe sorgte dafür, dass sie an den Tisch treten konnte.

Seine Schwester begutachtete die Stoffe. Iven beobachtete sie aus einigen Schritten Entfernung. Laefke war nicht zum Kaufen gekommen, sie hielt es mit der uhtländischen Tradition, alle Stoffe selbst zu weben, und wollte sich nur die Webmuster abschauen. Ins Weben setzte sie großen Ehrgeiz wie in alles, was sie begann.

Endlich hatte seine Schwester genug gesehen und verabschiedete sich von dem Händler, der aber nicht lange Zeit hatte, ihr nachzuschauen, denn die Frau des alten Broder Brodersen hatte sich für ein grünes Tuch entschieden, und das Feilschen um den Preis begann.

KAPITEL 2

Iven kniff die Augen zusammen und betrachtete zwei Reiter, die sich aus Rungholt kommend der Levensenwarft näherten. In einem der Reiter erkannte er Ogge Jessen in Samtwams und Beinlingen. An seiner imposanten Erscheinung fehlte nur die Amtskette. Bei dem zweiten Reiter konnte es sich nur um einen seiner Knechte handeln, denn der Mann trug einfache, abgewetzte Kleidung.

Der junge Bonde fragte sich, was ihm einen Besuch des Hardesvogts bescherte. Bine, die neben dem Haus in der Sonne gelegen hatte, sprang auf, als aus einem Holunder ein Vogel aufflog. Nach zwei, drei Sprüngen gab die Hündin die Jagd auf und schlich mit eingekniffenem Schwanz zu Iven zurück. Sie sah verlegen aus, weil sie sich in ihrem gesetzten Alter noch zu so einer jugendlich verwegenen Tat wie der Vogeljagd hatte hinreißen lassen. Lächelnd bückte er sich und kraulte sie hinter den Ohren. Als er sich wieder aufrichtete, hatten Ogge Jessen und sein Knecht beinahe die Warft erreicht. Iven stellte sich aufrecht hin und erwartete seinen Besuch.

Der Hardesvogt war ein schwerer Mann, und das Pferd sah erleichtert aus, als er von dessen Rücken gestiegen war. Der Knecht nahm die Zügel und ging ein paar Schritte zur Seite, ließ die Pferde grasen, während er wartete.

»Herr Iven, ich grüße Euch.«

»Hardesvogt.« Iven überlegte einen Augenblick, ob er den Kopf beugen sollte. Sie waren beide freie Friesen, Bonden, er schaute dem Mann gerade in die Augen. »Was führt Euch auf den Levensenhof?«

»Mein Gewissen.«

Als ob der Hardesvogt eines hatte.

»Ich möchte mein Beileid aussprechen zu dem schweren Verlust, den Ihr und Eure Schwester erlitten habt. Für die Zurückgebliebenen ist es schmerzhaft, aber die Verblichenen haben alle irdische Mühsal hinter sich gelassen und dürfen das Antlitz des Allmächtigen und unseres Herrn Jesus schauen.«

»Ich werde meiner Schwester Eure Worte ausrichten.«

Der Hardesvogt schaute sich um. Er sah nicht aus, als hätte er alles gesagt und wolle sich wieder verabschieden. Iven hatte auch nicht einen Moment geglaubt, er wäre wirklich gekommen, um sein Beileid auszusprechen. Er wappnete sich gegen Ogge Jessens Wünsche.

»Lasst uns ein paar Schritte gehen, Herr Iven.«

Sie umrundeten die Levensenwarft, Bine ging dabei zwischen ihnen. Der Hardesvogt schaute sich interessiert um.

»Es ist bestimmt schwer für Euch und Eure Schwester ganz allein auf dem Hof.«

Iven antwortete vorsichtig: »Wir kommen zurecht. Ich habe Knechte und Mägde und heuere Tagelöhner an, wenn wir die Arbeit nicht schaffen. So hat mein Vater es auch immer gehalten. In Niendamm kümmert sich Maart um die Schafe. Es geht seinen Gang.«

Ogge Jessen schüttelte bedächtig den Kopf. »Es ist und bleibt eine große Aufgabe für so junge Leute wie Ihr und Eure Schwester.«

Er sah dabei aus, als könne er es nicht verantworten, und Iven war auf der Hut. Er und Laefke waren keine Kinder mehr, und seit sie laufen konnten, hatten sie auf dem Hof geholfen. Es gab keine Arbeit, die sie nicht Dutzende Male ausgeführt hatten.

»Sagt frei heraus, was Ihr wollt. Wir sind Uhtländer und keine Hansekaufleute, die vor lauter Winkelzügen vergessen haben, was sie wirklich meinen.«

»Eine sehr treffende Beschreibung.« Ogge Jessen lachte kurz und trocken auf. »Ich fürchte, Euch wird alles zu viel werden, und ich bin deshalb bereit, Euch ein gutes Angebot für den Hof zu machen.«

Iven war nicht überrascht – der Hardesvogt suchte seit längerem einen Besitz in Rungholt. Er hatte mehreren Leuten Angebote gemacht, doch niemand hatte verkaufen wollen.

»Ihr müsst Euch nicht heute entscheiden«, fuhr Ogge Jessen fort. »Besprecht es mit Eurer Schwester, sie hat womöglich eine andere Meinung dazu. Ich bin bereit, einen wirklich guten Preis in Silber zu zahlen. Ihr könnt nach Schleswig oder Flensburg gehen. Vielleicht braucht Laefke noch einmal eine Mitgift.«

Jedes Wort verfestigte Ivens Meinung zu diesem Vorschlag. Er hatte Mühe, freundlich zu bleiben und die arme, alte Bine nicht auf den Mann zu hetzen. »Meine Antwort lautet nein. Die muss ich nicht erst mit Laefke besprechen. Solange es Levensens gibt, werden wir auf dem Levensenhof leben und arbeiten.«

»Das sagt Ihr heute. Solltet Ihr Eure Meinung ändern, kommt auf mich zu. Mir liegt das Wohl aller Menschen der Edomsharde am Herzen.«

Iven war empört und presste die Kiefer so fest aufeinander, dass er Mühe hatte, sie zum Sprechen auseinanderzubringen. »Dazu gibt es nichts weiter zu sagen, Herr Ogge. Ich wünsche Euch einen guten Tag.«

Im Haus berichtete er Laefke von dem Besuch.

»Der Mensch steckt mit den Wogensmannen unter einer Decke. Er ist der Letzte, dem ich den Hof verkaufe.«

»Du bist besessen von dieser Idee. Trotzdem hast du recht daran getan, ihm den Hof nicht zu geben.«

***

»Ich bin Beke von Gröde.«

Iven ließ noch einmal den Holzhammer auf den Zaunpfosten niedersausen. Laefke musste ihn festhalten, und der Ruck des Schlages zitterte durch ihren Leib. Ihre Hände schmerzten noch, als sie und Iven sich zu der Besucherin umdrehten.

Die war eine junge Frau in einem grob gewebten Kleid und einem ebensolchen Umhang. Die Hände hielt sie unter dem Stoff verborgen, und das von blonden Haaren umgebene Gesicht sah spitz aus.

»Ich wollte nicht stören«, sagte sie und schaute dabei an Laefke vorbei zu Iven.

Sie hatte ihrem Bruder dabei geholfen, verfaulte Pfosten des Schweinekobens zu ersetzen. Iven war dabei warm geworden, er hatte sich seines Hemdes entledigt und stand mit nacktem Oberkörper da.

»Ich kann allein weitermachen«, sagte er und nahm den Hammer wieder auf.

Laefke führte das Mädchen ein paar Schritte vom Schweinekoben fort. »Was willst du, dass du eigens den weiten Weg von Gröde kommst?«

Beke knetete ihre Hände unter dem Umhang. Hinter ihnen hatte Iven seine Arbeit wieder aufgenommen, und Beke stellte sich so, dass sie ihn dabei sehen konnte. Mit einem lauten Klang sauste der Hammer auf einen Pfahl nieder.

»Mein Vater ist Frieder Gunnesen, er arbeitet als Salzkocher für Herrn Sibingh von Gröde.« Sie stockte und biss sich auf die Unterlippe.

»Du bist ganz allein von Gröde gekommen?«, fragte Laefke freundlich, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

»Nein.« Beke schüttelte den Kopf. »Herr Sibingh hat einen seiner Knechte mit einer Botschaft nach Rungholt geschickt, und er hat mich auf seinem Pferd mitgenommen. Der Mann hat mich bei der Kirche abgesetzt.«

Sie war also heimlich gekommen, verstand Laefke, denn kein Vater ließ seine unverheiratete Tochter mit einem fremden Mann auf einem Pferd reiten. »Von deiner Familie ist niemand bei dir?«, fragte sie dennoch.

»Sie wissen nicht, dass ich hier bin.« Beke senkte die Stimme. »Meine Mutter ist krank, seit dem Winter schon. Auf ihrer Brust sitzt ein Druck wie ein Stein. Nach Mariä Lichtmess begann es. Ich habe ihre Brust mit angewärmtem Rindertalg eingerieben und ihr Lindenblättertee zu trinken gegeben. Was anderes hatte ich nicht. Davon ist es auch besser geworden, bis es im März und April so viel geregnet hat. Da war der Stein auf ihrer Brust wieder da. Ich gebe ihr immer noch Lindentee, auf ganz Gröde gibt es bald keinen mehr. Es hat gar nichts geholfen, das Fleisch schmilzt von ihren Knochen. Ich fürchte den Tag, an dem von ihr nur noch bleiche Knochen übrig sind. Sie braucht Hilfe.«

»Bring deine Mutter ins Rudekloster, dort lebt ein Mönch, der sich mit Krankheiten auskennt. Wenn du fest zu unserem Herrn betest, wird er deiner Mutter helfen.«

Beke schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht nach Tönning gehen. Wir haben nichts, was wir dem Kloster stiften können.«

Laefke verstand. Es war immer dasselbe: Die Kirche predigte Barmherzigkeit und Nächstenliebe, sie selbst hielt sich damit vornehm zurück. Sie gab nur warme Worte ohne Gegenleistung, für alles andere wollte sie eine Schenkung, manchmal musste es ein Kloster sein, manchmal reichte ein Huhn oder ein Scheffel Getreide. Es gab auch gute Priester – Ausnahmen hier und da; sie gaben ihr letztes Stück Brot, wenn andere in Not waren, und hungerten selbst.

Sie nickte Beke zu. »Warum bist du auf den Levensenhof gekommen?«

»Wegen Euch, Frau Laefke. Ich weiß von Eurer Großmutter.«

»Sie ist vor Jahren gestorben. Ich kann dir nicht helfen, so gerne ich es täte.«

»Ihr seid wie die gute Frau Eyde. Bitte weigert Euch nicht, meiner Mutter zu helfen.«

Bekes Blick aus klaren, blauen Augen war schwer standzuhalten. Laefke verstand sie nur zu gut: Sie fürchtete um ihre Mutter und klammerte sich an jede kleine Hoffnung, und wenn es die Enkelin einer verstorbenen Heilerin war. »Ich war gerade fünfzehn, als meine Großmutter gestorben ist, sie hatte nicht viel Zeit, mir ihr Wissen zu hinterlassen. Ich weiß auch nichts anderes, als deiner Mutter Lindenblütenaufguss zu geben und ihre Brust mit warmem Rindertalg einzureiben.«

»Es wird helfen, wenn Ihr es macht. Eure Hände sind gesegnet, sagen die einfachen Leute, wenn ihnen kein Hochgestellter zuhört. Bitte kommt nach Gröde.« Beke schien sich an etwas zu erinnern, sie tastete zwischen den Falten ihres Rockes umher und zog einen kleinen Lederbeutel hervor.

Heraus holte sie etwas Kleines, das Laefke erst erkennen konnte, als sie es in ihre Hand fallen ließ: ein daumennagelgroßer Bernstein.

»Das gebe ich Euch.«

»Das kannst du zum Rudekloster tragen. Es ist wertvoll.«

»Das kann ich nicht. Bitte nehmt ihn und helft meiner Mutter. Legt die Hände auf ihre Brust, und sie wird wieder gesund.«

Laefke wollte sich weigern. Was Beke von ihr erbat, stieß sie aus der Gemeinschaft der Gläubigen aus. Aber deren Vertrauen …

»Ich komme mit dir nach Gröde und will für deine Mutter tun, was ich kann. Denke immer daran, ich bin nicht meine Großmutter. Hat der Allmächtige beschlossen, deine Mutter an seine Seite zu rufen, kann niemand etwas dagegen ausrichten.« Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. Iven hatte inzwischen alle morschen Pfähle des Schweinekobens ersetzt und war damit beschäftigt, zwischen ihnen ein Geflecht aus Weidenzweigen zu befestigen. Er band das letzte Zaunteil an einen Pfosten.

»Bruder, ich gehe mit Beke nach Gröde.«

»Heute noch?«

»Ich hole nur meinen Umhang und ein paar Kräuter für ihre kranke Mutter.«

Iven verknotete den Strick und sah nicht aus, als hätte er ihr zugehört. Er überraschte sie. »Du kannst heute nicht mehr zu Fuß nach Gröde gehen und wieder zurückkommen. Ich bringe euch mit dem Ewer hin. Die Flut hat vor kurzem eingesetzt, beeilt Euch.« Er griff nach seinem Hemd, das über einem Pfosten hing, und zog es an.

Ivens kleiner Ewer lag zwischen größeren Booten im Hafen von Rungholt. Er löste die Leinen und kletterte als Letzter an Bord. Geschickt ruderte er aus dem Hafen, und als sie das Fahrwasser der Hever erreicht hatten, setzte er das Segel.

Iven ließ den flachen Bug des Ewers auf das Deichvorland von Gröde auflaufen. Er zog ihn so weit an Land, dass er oberhalb des Spülsaums der letzten Flut lag, bevor er erst seiner Schwester, dann Beke die Hand reichte und ihnen über die Bordwand half. Mit fliegenden Röcken rannte Beke sofort los, Laefke hinterher. Iven schaute ihnen nach; er wünschte es der Kranken, dass seine Schwester ihr helfen konnte. Ob er es Laefke auch wünschen sollte, wusste er nicht. Die Leute redeten schon viel zu viel, brachten sie viel zu sehr mit ihrer Großmutter in Verbindung. Er tat es ja selbst – und zu allem Unglück wurde sie Eyde von Tag zu Tag ähnlicher.

Iven schlenderte am Spülsaum entlang, behielt dabei das Boot und die Tide im Auge. Als er weiterging, sah er Beke oben auf dem Deich auftauchen. Sie trug keine Schuhe und hatte die Röcke geschürzt, gerade noch über die Knie reichten sie ihr und ließen kräftige, blasse Waden sehen. Iven betrachtete sie ausgiebig, als sie leichtfüßig den Deich herablief und dann den Spülsaum entlang wie er, nur in die andere Richtung. Die Augen hielt sie dabei fest auf den Boden gerichtet. Er kehrte um und folgte ihr mit großen Schritten.

Fast hatte er sie erreicht, als sie sich bückte, etwas aufhob, es gegen die Sonne betrachtete, ehe sie es fortwarf. Er wusste, wonach sie suchte.

»Kein Glück gehabt?«

»Heute nicht. Gestern zwei große.« Aus einem kleinen an ihrem Gürtel hängenden Beutel fischte sie zwei Bernsteine heraus und hielt sie ihm auf der flachen Hand hin.

Die beiden Steine waren daumennagelgroß, noch unpoliert und unscheinbar, aber wenn man die verwitterte Oberfläche reinigte und sie mit einem Lederlappen glänzend rieb, wären es zwei schöne Exemplare. Eine Zierde für den Kopfschmuck einer Frau, hübsch anzusehen an einer Kette oder auf einem Ring. Auf jeden Fall brachten sie Beke etliche Pfennige ein.

Er gab ihr die beiden Bernsteine zurück. »Mit den beiden hast du deine Aussteuer beisammen.«

»Das habe ich schon lange. Vater will mir nur einfach keinen Mann finden. Mal behauptet er, ich sei zu jung – ich bin siebzehn, da sind andere längst verheiratet und mit dem zweiten Kind schwanger. Manchmal sagt er, ich dürfe heiraten, wenn es meiner Mutter wieder besser geht und die Familie mich nicht mehr braucht. Ich habe noch sechs Geschwister, zwei ältere Brüder, zwei jüngere und zwei jüngere Schwestern. Wir sind viele.« Sie lächelte ihn an.

Iven trat einen halben Schritt zurück. So genau hatte es gar nicht wissen wollen, und sie hatte eben auch nicht gerade glücklich ausgesehen. Er kannte sie nicht, und sie erzählte ihm ihr halbes Leben. Verlegen erwiderte er ihr Lächeln. »Du wirst einen guten Mann finden. Dein Vater kann dich nicht ewig zu Hause behalten – das entspricht nicht den Pflichten eines Weibes.«

»Er kann mich in ein Kloster schicken«, sagte sie düster.

»Dort wirst du eine Braut Christi.«

»Ich möchte keinen Mann im Himmel haben, sondern einen auf der Erde.« Mit großen Augen schaute sie zu ihm auf.

Iven stocherte mit der Schuhspitze im Spülsaum herum. Himmel, warum hatte er sich darauf eingelassen? Ein Gespräch über Ehemänner hatte er nicht im Sinn gehabt. »Kann Laefke deiner Mutter helfen? Sie hat nur wenig von unserer Großmutter gelernt.«

»Die Gabe geht von der Mutter auf die Tochter über oder von der Großmutter auf die Enkelin. Das sagen die alten Frauen auf Gröde. Die wissen es. Eure Schwester hilft meiner Mutter, Herr Iven.« Beke hatte sehr überzeugt gesprochen.

»Das ist Hexenzeug. Wenn dich jemand hört, bekommst du Schwierigkeiten mit dem Priester eurer Harde und meine Schwester mit Pater Fulbertus von Rungholt.«

»Seht Ihr jemanden?« Sie beschrieb einen Halbkreis mit der Hand.

Beke ging mit wiegenden Schritten vor ihm her und suchte wieder nach Bernstein. Der Wind spielte mit ihren blonden unordentlich geflochtenen Zöpfen, ihr Po wippte bei jedem Schritt auf und nieder, und ihre Waden waren schlammbespritzt. Ihr Anblick konnte in einem Mann Gedanken wecken, die den Regeln der Kirche nicht entsprachen. Dennoch reizte sie ihn nicht. Im Rungholter Frauenhaus gab es Mädchen, die ihm besser gefielen und über die kein strenger Papa wachte.

»Hast du schon einmal einen richtig großen Bernstein gefunden?«, fragte er, nur um etwas zu sagen.

»Was ist richtig groß?« Sie bückte sich und grub mit den Fingern etwas aus dem Seetang, betrachtete es und warf es weg.

»Wie ein Hühnerei.«

»Das wäre riesig. So einen habe ich nie gefunden. Das wäre ein Schatz, von dem Erlös könnte meine Familie wenigstens einen Winter lang leben.«

Iven schob mit der Stiefelspitze Seetang und Muscheln beiseite. Darunter hatte er etwas schimmern sehen. Er hob es auf, hielt es gegen das Licht. Es war so groß wie die Kuppe seines kleinen Fingers. »Was ist mit dem hier?«

Sie drehte sich zu ihm um. »Ihr habt einen gefunden. Sucht Ihr oft?«

»Nie.«

»Ihr habt wirklich Glück.« Sie nahm ihm den Bernstein aus der Hand und betrachtete ihn, dabei kniff sie ein Auge zu. »Gesäubert und poliert ist das ein schönes Stück.« Ein strahlendes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie ihm den Fund zurückgeben wollte.

»Behalte ihn. Er ist für dich.«

»Das kann ich nicht annehmen. So ein schönes Stück.«

»Ich brauche ihn nicht, und deiner Familie nützt er.«

»Herr Iven … ich … So etwas hat mir noch niemand geschenkt. Ich sage … danke, danke.«

So verlegen, wie sie war und so wie ihre Augen leuchteten, hatte sie in ihrem Leben noch nicht viele Geschenke erhalten.

»Meine Mutter wird wieder gesund, und ich finde einen schönen Bernstein für Eure Schwester.«

»Das wird sie freuen.« Iven schaute sich nach dem Ewer um, und dabei entdeckte er Laefke auf dem Deich. Sie sah aus, als stehe sie schon eine Weile da und beobachtete ihn und Beke.

Er machte sich auf den Rückweg.

»Was ist mit der Frau?«, fragte Iven, nachdem Laefke sich am Bug des Ewers hingekauert und er das Boot vom Ufer abgestoßen hatte.

»Sie ist sehr krank.«

»Ihre Tochter ist davon überzeugt, dass sie wieder gesund wird, wenn du ihr nur in die Augen schaust. Die alten Weiber auf Gröde schwatzen, dass die Gabe von einer Generation an die nächste oder übernächste weitergegeben werde.«

»Das gefällt mir nicht, Bruder. Die Leute sollen nicht so über mich reden.«

»Ich habe es ihr gesagt. Du hättest gar nicht herkommen sollen, das macht ihr Hoffnung.«

»Sie hat so sehr gebeten, ich konnte es ihr nicht abschlagen. Die Familie ist arm und zahlreich. Sie können es sich nicht leisten, die Mutter ins Rudekloster zu bringen.«

»Was hast du ihr gegeben?«

»Warmen Rindertalg auf die Brust und einen Aufguss aus Lindenblüten und außerdem noch einen der Schlüsselblume. Das ist wenig mehr, als Beke ihrer Mutter bisher gegeben hat.«

»Sie will einen Bernstein für dich finden, hat sie gesagt.«

»Habt ihr darüber gesprochen?«

Laefke lächelte, als er auf ihre Frage nicht antwortete. Sie sagte ihm, wie er den Kurs korrigieren solle, auf dem er den Ewer ruderte, bis sie die Schluth erreichten, den großen Priel, der Pellworm von der Edomsharde trennte. Im Priel konnte er die Riemen einziehen und das Segel setzen.

»Was denkst du über sie?« Laefke beobachtete ihn, wie er kraftvoll die Riemen durchzog und sich auch von einem an seiner Nase hängenden Schweißtropfen nicht aus dem Takt bringen ließ.

»Sie ist ein Mädchen.«

»Du gefällst ihr.«

Das war ihm selbst aufgefallen, aber vor seiner Schwester mochte er es nicht zugeben, deshalb schüttelte er den Kopf, während er sich umsah, um den Kurs des Ewers zu kontrollieren. Die Ebbe hatte eingesetzt, und wenn er nicht achtgab, sog sie das kleine Schiff mit sich.

»Es war sogar vom Deich aus zu sehen.«

Iven schaffte es, beim Rudern mit den Schultern zu zucken. Sie hatten den Windschatten von Gröde hinter sich gelassen, und Iven setzte das Gaffelsegel. Der Ewer machte einen Satz, als ihn eine Böe erfasste, und Laefke musste sich an der Bordwand festhalten.

»Beke von Gröde scheint mir ein nettes Mädchen zu sein«, wagte Laefke einen neuen Vorstoß. »Sie hat sechs Geschwister und eine kranke Mutter. Um alle muss sie sich kümmern. Sie weiß ganz bestimmt, was Arbeit heißt und wie ein Haus zu besorgen ist.«

Iven korrigierte die Segelstellung und kreuzte vor dem Wind.

»Du bist vierundzwanzig und hast keine Frau. Vater ist tot, und wenn ich nicht zurückgekommen wäre, lebtest du ganz allein auf dem Levensenhof.«

»Du bist aber da und kümmerst dich um mich.«

»Du brauchst eine Frau und einen Erben, damit das Geschlecht der Levensens nicht ausstirbt.«

»Doch nicht Beke von Gröde.«

»Was findest du unpassend an ihr?«

Er hörte das Lauernde in ihrer Frage. Seit er ein junger Mann geworden war, hatte Iven sich mit Frauengeschichten zurückgehalten. Er hatte wohl manchmal das Frauenhaus in Rungholt aufgesucht, aber nie eine Vorliebe für eine ehrbare Rungholter Tochter gezeigt.

»Ich suche mir selbst eine Frau, und es wird nicht Beke von Gröde sein.«

»Was hast du gegen sie?«

»Sie ist nichts für mich.«

»Du willst ein Mädchen mit einer Stupsnase und einem Rosenmund. Mit Hüften so zierlich, dass du sie mit beiden Händen umfassen kannst, und weichen Händen, die noch nie etwas Schwereres als einen Kamm gehalten haben.«

»So eine gefiele mir«, antwortete Iven im Scherz und fing einen ärgerlichen Blick seiner Schwester ein.

»Was du mit so einer auf dem Levensenhof willst, weiß nicht einmal der Heiland. Und mit solchen Hüften …«, Laefke deutete etwas an, was kaum breiter war als ihre Hand lang, »… bringt eine Frau niemals ein Kind zur Welt. Beide werden dir sterben.«

»So ein Mädchen findest du in den Uhtlanden nicht. Nicht einmal der alte Broder Brodersen hat so eine Tochter, und er gilt überall als der reichste Bonde.« Jetzt lachte Iven, korrigierte wieder die Segelstellung, und der Ewer änderte seine Richtung. Er kreuzte nun mit dem Wind. »Ich kann mir ein Leben mit Beke an meiner Seite nicht vorstellen. Sie ist nicht die Mutter eines Erben für den Levensenhof.« Er lachte verlegen.

Auf einmal brach er ab. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er hinter sich. Laefke folgte seinem Blick.

Das Segel hatte er eingezogen und ruderte den Ewer in die Schluth, den breiten Priel, der sie um die Pellwormharde herum in die Hever und nach Rungholt brachte. In diesem Moment tauchte hinter der Südspitze der Insel Föhr ein Schiff auf. Eine kleine Schnigge, das Rahsegel war gesetzt, die Riemen eingezogen. Iven kannte in den Uhtlanden nur ein Schiff dieses Typs – das der Wogensmannen.

»Die Wogensmannen sind hinter uns, und sie haben uns entdeckt«, sagte er.

»Sie werden uns doch in Ruhe lassen.«

Sie schauten sich beide nach der Schnigge um. Das Schiff machte sich bereit zur Wende, die den Bug in ihre Richtung bringen würde. Gleichzeitig wurde das Segel eingeholt. Das Fahrwasser der Schluth war nicht breit genug, als dass ein Schiff dieser Größe dort segeln – gar kreuzen konnte.

»Da bin ich mir nicht so sicher«, erwiderte Iven grimmig. »Nimm den Backbordriemen und zieh ihn so kräftig durch, wie du kannst.«

»Was hast du vor?«

»Ihnen entkommen.«

Sie saßen jeder auf einer Seite des Ewer und hielten jeder ein Ruder. Zugleich tauchten sie sie ein und zogen sie durch das Wasser. Iven passte sich dem Rhythmus seiner Schwester an. Der Ewer gewann langsam an Fahrt. Die Männer auf der Schnigge schrien auf. Noch war der Abstand groß, aber die Schnigge hatte nun gewendet, die Männer saßen an den Riemen und tauchten sie ins Wasser. Ein Vormann gab den Takt an; Iven hörte seine Rufe über das Wasser schallen. Er und Laefke nahmen den Rhythmus auf. An dem Vorhaben der Wogensmannen konnte kein Zweifel mehr bestehen. Eine mit mehr als zwanzig, wahrscheinlich mehr als dreißig Mann besetzte Schnigge gegen zwei Mann in einem Ewer – feige war ein viel zu mildes Wort dafür.

Iven legte sich weiter mit aller Kraft in die Riemen, schaute über die Schulter, um nicht vom Kurs abzukommen. Zwischendurch riskierte er einen Blick am Mast des Ewer vorbei auf die Verfolger. Ihr Boot schien über das Wasser zu fliegen, dennoch kam die Schnigge unerbittlich näher.

Ihre Rufe drangen zu ihm und ließen keinen Zweifel zu: Die Männer waren auf der Jagd. Dass sie nichts geladen hatten und keine lohnende Beute waren, spielte keine Rolle. Wahrscheinlich hatten die Piraten den ganzen Tag im Windschatten von Föhr gelegen und vergeblich auf Beute gelauert.

Die Piraten johlten, ein Ewer mit zwei Mann an den Riemen konnte ihnen nicht entkommen. Wie Iven hatte auch Laefke die Zähne zusammengebissen und war vor Anstrengung rot im Gesicht.

»Wir schaffen es nicht«, presste sie heraus.

Iven verschwendete keinen Atem für eine Antwort. Er sah nur einen Weg – er musste rudern, rudern – und auf die Ebbe vertrauen. Die Schluth war noch so breit wie auf der Fahrt nach Gröde, führte aber jetzt viel weniger Wasser. An dem lauter werdenden Geschrei hörte er, dass die Verfolger aufholten. Sie glaubten ihre Beute sicher. Er schaute mit zusammengebissenen Zähnen über die Schulter, wenn er auch nur eine Handbreit vom richtigen Weg abkam und steckenblieb, waren sie verloren. Nur noch drei, vier Schiffslängen waren die Wogensmannen hinter ihnen.

Und da sah er es: die rettende Einfahrt in den schmalen Priel, die den Weg von der Schluth in die Hever und nach Rungholt abkürzte. Laefke hielt ihren Riemen über Wasser, er zog seinen weiter durch. Die Planken des Ewer knirschten, aber er legte sich nach rechts. Unendlich langsam – so erschien es ihm – drehte sich der Bug in den schmalen Priel. Der Ewer tanzte auf den Wellen, als er und Laefke die Ruder wieder gleichmäßig durch das Wasser zogen.

Der Bug der Schnigge erschien. Er hörte Geschrei und das Aufklatschen vieler Ruder auf dem Wasser. Die Wogensmannen waren aus dem Takt gekommen, einige schienen der Beute immer noch folgen zu wollen, andere waren besonnener. Mehrfach schlugen Ruder dröhnend gegeneinander.

»Nicht da rein! Nicht da rein!«, brüllte jemand.

Der Priel war viel zu flach für eine Schnigge, selbst wenn die Flut hochstand, lief sie dort auf Grund.

»Er darf uns nicht entkommen«, hörte er deutlich einen Zweiten rufen, und: »Merkt euch sein Gesicht.«

Da hatte er Feinde gewonnen. Verbissen ruderten sie weiter. Iven sah sich nicht noch einmal um und kümmerte sich nicht um den Schweiß, der ihm in die Augen lief. Er ließ in seiner Anstrengung auch nicht nach, als die Rufe leiser wurden und schließlich ganz verstummten.

Der Ewer schoss aus dem Priel in die Hever, und zum ersten Mal gönnten er und seine Schwester sich zwei Ruderschläge Pause. Stumm sahen sie sich an, als Iven wieder beide Ruder übernahm. Er hatte einen ersten Vorgeschmack auf die Männer bekommen, an denen er sich rächen wollte.

Sie passierten das Siel der Pellvormharde bei Südfall, und bald danach kam das große Siel der Edomsharde in Sicht. Es herrschte immer noch Ebbe. Wasser rauschte aus dem Siel in die Hever. Bei Flut wären die Sieltore geschlossen. Außerdem lag dort die Burg der Wogensmannen auf einer großen Warft hinter dem Deich. Die Spitzen des Palisadenzauns und der darüber hinausragende Motte waren zu sehen. Der Deich hatte an dieser Stelle seine Schutzfunktion für die Uhtlande eingebüßt, denn die Wogensmannen hatten ihn auf breiter Front abgegraben, um mit ihren Schiffen bis vor die Burg fahren zu können.

Iven trieb den Ewer vorbei. Von den Verfolgern war weit und breit nichts zu sehen, in Sicherheit waren sie jedoch nicht, die Wogensmannen brauchten bloß den längeren Weg von der Schluth in die Hever zu nehmen, der war auch bei Ebbe breit und tief genug für eine Schnigge.

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