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Die Tochter des Schmieds

Selim Özdogan

Die Tochter des Schmieds

Roman

 

 

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

I

II

III

Der Autor dankt

 

|5|Es ist natürlich zweifelhaft, ob es wirklich so war, aber was wir nicht wissen, das wissen wir nicht.

Michail Bulgakow

 

Unser Leben ist endlich, das Wissen ist unendlich. Mit dem Endlichen etwas Unendlichem nachzugehen ist gefährlich.

Dschuang Dsi

|7|I

– Mach meinen Mann nicht zum Mörder, habe ich ihm gesagt, halt an, mach meinen Mann nicht zum Mörder. Halt an, und laß mich raus, und dann verpiß dich, so schnell du kannst.

Timur atmet hörbar aus und wendet kurz seinen Kopf ab, damit Fatma nicht sieht, wie seine Augen feucht werden. Sein Atem geht noch schwer. Er ist dankbar, er ist so dankbar dafür, daß das Schicksal diese Frau für ihn bestimmt hat. Sie muß am Tag seiner Geburt schon in sein Buch des Lebens geschrieben worden sein. Er weiß nicht, wie ihm geschehen ist, wo die Zeit geblieben ist.

Gestern noch war er ein kleiner Junge, der barfuß in zerschlissenen Hosen mit seinen Freunden Birnen aus dem Garten des Nachbarn klaute. Der Nachbar hatte die Diebe entdeckt, alle hatten es gemerkt und waren geschwind über die Mauer gesprungen, die Hosentaschen und das Hemd voller Birnen. Alle bis auf Timur, der mal wieder etwas zu langsam gewesen war. Er konnte genauso schnell laufen wie die anderen, doch er verpaßte stets den Zeitpunkt, sich aus dem Staub zu machen. Nun stand er da, starr vor Schreck, und der Nachbar lief an Timur vorbei bis zur Mauer und brüllte den Flüchtenden hinterher:

– Kommt zurück. Kommt zurück, und gebt Timur wenigstens eine Birne ab. Tolle Freunde seid ihr.

Dann drehte er sich zu Timur um und sagte nur: Lauf. Und Timur traute sich nicht an dem Nachbarn vorbei und lief einmal quer durch den Garten und sprang auf der anderen Seite über die Mauer.

Gestern noch war er ein kleiner Junge gewesen, nicht besonders gut in der Schule, nicht besonders geschickt, nicht |8|besonders angesehen unter seinen Freunden. Bis er anfing, seinem Vater in der Schmiede zu helfen, den schweren Blasebalg zu bedienen und große Eimer voller Wasser zu holen, in das Necmi die glühenden Eisen tauchte. Dort hatte Timur Muskeln bekommen, in der Werkstatt hatte er sich als tüchtig und unermüdlich erwiesen. Er hatte schnell gelernt, und es hatte ihm gefallen, den ganzen Tag bei seinem Vater zu sein. Es hatte ihm auch gefallen, seine neuen Kräfte auszuprobieren. Er, der früher Rangeleien aus dem Weg gegangen war, ließ nun keine Gelegenheit mehr aus, um seine Überlegenheit zu beweisen.

 

Timur hatte eine Schwester, Hülya, und er konnte sich noch gut der Nacht entsinnen, in der sie geboren wurde, obwohl er damals gerade mal fünf Jahre alt war. Er erinnerte sich an die Aufregung im Haus und vor allem an das entschlossene Gesicht seines Vaters und dessen Schwur, er würde die Füße dieses Mädchens öffnen lassen, koste es, was es wolle. Öffnen, das war das Wort, das er gebrauchte. Hülyas Füße zeigten nach innen, die großen Zehen berührten sich, und niemand, der es sah, glaubte, daß sich das auswachsen würde.

– Gott will uns prüfen, hatte Timurs Mutter Zeliha mit tränenerstickter Stimme gesagt, und Necmi hatte geantwortet:

– Wenn es eine Möglichkeit gibt, werde ich sie finden.

Doch der Arzt hatte gesagt, daß er hier nichts für das Kind tun könne, Necmi müsse Hülya nach Ankara bringen, wenn er wolle, daß ihr geholfen werde. Dort gab es Spezialisten. Er mußte sie nach Ankara bringen, und das würde nicht billig werden.

Necmi hatte Geld, und obwohl Zeliha sich sträubte, setzten sie sich schließlich in den Zug und fuhren in die große Stadt.

– Das ist Gottes Wille, daß ihre Füße geschlossen sind, hatte Zeliha zu ihrem Mann gesagt, doch er hatte sie einfach ignoriert.

In Ankara erklärte ihnen der Arzt, das Mädchen sei noch zu klein, sie sollten in zwei, drei Jahren wiederkommen, dann |9|würde er sie operieren, aber versprechen könnte er nichts. Und es würde kosten.

Unauffällig stieß Zeliha Necmi an. Sie saßen nebeneinander im Behandlungsraum, die Kleine auf Zelihas Schoß. Necmi trat seiner Frau auf den Fuß, erhob sich und verabschiedete sich mit seiner Mütze in der Hand. Draußen auf dem staubigen Gang sagte er:

– Frau, ich kann nicht mit einem Arzt feilschen, ich bin kein Teppichhändler, ich bin Schmied. Und auch er ist kein Teppichhändler. Mir ist jeder Preis recht, wenn dieses Mädchen gesund wird. Ich habe einen Schwur getan.

– Wir werden noch Hunger leiden, nur weil du dir etwas in den Kopf gesetzt hast. Hätte der Herr dir zu deiner Sturheit doch auch noch etwas Verstand gegeben, fügte sie leise hinzu.

Sie schliefen in einem billigen Hotel und fuhren am nächsten Tag mit einem Lastwagenfahrer, der aus ihrer kleinen Stadt kam, zurück. Zeliha hatte das eingefädelt. Es dauerte noch länger als mit dem Zug und war auch unbequem, doch es war billiger.

Ihr Mann war nahezu wohlhabend zu nennen, aber nur weil sie es immer wieder schaffte, seine Verschwendungssucht einzudämmen, und hier und da mit ein paar kleinen Geschäften etwas dazuverdiente. Am Abend vor der Heimfahrt hatte Necmi sie in ein Lokal ausgeführt und hatte eine kleine Flasche Rakı getrunken, und sie hatten Kebab gegessen. Als würden Brot und Käse und Tomaten und Zwiebeln und ein Glas Wasser nicht reichen. Nein, dieser Mann konnte nicht mit Geld umgehen, nur sie wußte, wie man es zusammenhielt und vermehrte.

So quetschten sie sich ins Führerhaus, Zeliha hatte die Kleine auf dem Schoß und saß ganz außen, atmete den Rauch der selbstgedrehten Zigaretten der beiden Männer ein, schluckte mit ihnen den Staub der Straße, beinahe zehn Stunden lang. In den kurzen Pausen kochte sie Tee auf einem Gaskocher und bereitete eine Brotzeit, während Necmi und der Lastwagenfahrer Backgammon spielten.

|10|Fast drei Jahre später fuhr Necmi wieder mit dem Zug in die Hauptstadt, doch jetzt war Hülya alt genug, daß ihre Mutter nicht mehr mitkommen mußte. Als der Schmied nach vier Tagen zurückkam, trug er seine Tochter auf dem Rücken, ihre Beine waren bis zu den Knien eingegipst.

Sechs Wochen waren vergangen, in denen Hülya fast jeden Tag geweint hatte, weil es so juckte unter dem Gips. Necmi stand vor dem einzigen Spiegel im Haus und rasierte sich. Timur stellte sich neben ihn, doch traute er sich kaum zu fragen, was er auf dem Herzen hatte, aus Angst, sein Vater würde schimpfen.

– Darf ich mitkommen? bat er.

– Gut, sagte Necmi überraschend und ohne lange zu überlegen und strich seinem Jungen über die blonden Haare. Lauf und sag deiner Mutter, sie soll etwas mehr zu essen einpacken.

Timur wartete schon mit dem Brot und dem Käse ungeduldig vor der Tür, als er die Stimmen aus der Küche hörte.

– Es ist völlig unnötig, daß er mitfährt. Er ist noch klein, was hat er in Ankara verloren?

– Ein Abenteuer, sagte Necmi. Es wird ein Abenteuer für ihn sein.

– Es ist …

– Schluß. Er fährt mit.

Timur wäre am liebsten losgelaufen, um seinen Freunden davon zu erzählen, aber er wollte den Zug nicht verpassen. Der Zug, er war noch nie mit dem Zug gefahren.

Als ein Sesamkringelverkäufer, der ein großes Blech auf seinem Kopf trug, vorbeikam, sprach Timur ihn übermütig an.

– Bruder, sagte er, Bruder, ich fahre heute nach Ankara.

– Nach Ankara.

Der Junge, der zwei, drei Jahre älter sein mochte als Timur, lächelte.

– Halt die Augen auf, dort gibt es Sesamkringel groß wie Kutschräder. Die Menschen dort sind reich, die können sich so etwas leisten.

Und Timur freute sich darauf, die große Stadt zu sehen, |11|diese unglaublichen Sesamkringel, und er freute sich, daß seine Schwester gesund werden würde.

Fast die ganze Fahrt über sah er aus dem Fenster, und manchmal summte er mit dem Rattern des Zuges mit. Er wollte nicht einschlafen, er wartete auf den Moment, in dem die Stadt vor ihnen auftauchen würde. Doch das Rattern machte ihn müde, das und das endlose trockene Braun der Ebene und der Hügel am Horizont und das Schnarchen seines Vaters. Kurz vor Ankara schlief er ein.

Timur wurde erst wieder wach, als der Zug mit laut quietschenden Bremsen in den Bahnhof einfuhr.

– Hab keine Angst, und paß auf die Autos auf, sagte der Schmied zu seinem Sohn, als sie ausstiegen.

Timur hatte keine Angst, er war fasziniert von den vielen Menschen, von den Geräuschen, von den großen Häusern und von den Autos, die er noch nie gesehen hatte. Als er bemerkte, daß seine Schwester ganz verängstigt war, ging er noch dichter neben seinem Vater, der Hülya auf dem Rücken trug. Timur wollte sie streicheln, doch seine Hand reichte nur bis zum Gips.

– Was siehst du denn immer den Sesamkringelverkäufern hinterher? fragte Necmi. Und dann lachte er und sagte: Hat dir etwa jemand erzählt, in Ankara gäbe es Sesamkringel groß wie Kutschräder?

– Ja, sagt Timur.

– Die Unwissenden erfinden immer so einen Unsinn, sagte sein Vater, und Timur war stolz, daß er jetzt zu den Wissenden gehörte.

Später, beim Arzt, konnte er Hülyas Hand halten. Seine Schwester weinte nicht, doch Timur konnte sehen, daß sie vor Angst ganz steif war.

– Mach die Augen zu, sagte Timur, und der Arzt fügte mit warmer Stimme hinzu:

– Fürchte dich nicht, es wird nicht weh tun.

Hülya schien beides nicht zu hören, sie konnte kaum atmen, und als der Gips aufgesägt wurde, schrie Timur heraus:

|12|– Papa, Papa, ihre Augen verrutschen.

Doch da war es schon geschehen. Seit jenem Tag schielte seine Schwester.

 

Wenn die kleinen Mädchen vor der Schmiede auf der Straße spielten, ging Necmi manchmal hinaus und rief sie zu sich. Dann nahm er sie mit zum Krämer, wo die Mädchen ihre Röcke schürzten und jedes eine Handvoll Süßigkeiten hineinbekam. Und Timurs Vater hatte riesige Hände.

Als er anfing, in der Schmiede zu arbeiten, hatte Timur diese Gewohnheit seines Vaters übernommen. Damals hatte er Fatma oft Süßigkeiten in den Rock gelegt. Er mochte vierzehn, fünfzehn gewesen sein und sie zehn Jahre jünger. Immer noch konnte er sich an das Lächeln dieses Mädchens erinnern.

Niemand wußte etwas Genaues über Fatmas Eltern, die einen sagten, es seien Griechen gewesen, die nächsten Aramäer, und wieder andere behaupteten, daß sie die Tochter von Tscherkessen sei. Man war sich nur darüber einig, daß das Paar nach den Wirren des ersten Weltkriegs in die Stadt gekommen war. Fatmas Vater war schon vor ihrer Geburt gestorben. An einem Tag hatte er noch über Rückenschmerzen geklagt, und zwei Wochen später hatte der Krebs bereits seinen ganzen Körper erfaßt. Fatmas Mutter hatte angefangen, als Kinderfrau für eine reiche Familie zu arbeiten, um sich und ihre Tochter ernähren zu können. Als Fatma ein halbes Jahr alt war, wurde die Mutter auf dem Marktplatz von Pferden totgetrampelt. Auch davon konnte jeder eine andere Geschichte erzählen, sicher war nur, daß die Pferde durchgingen und sie gestürzt war. Die Familie, bei der Fatmas Mutter Kinderfrau gewesen war, hatte Fatma aufgenommen.

Obwohl sie schon viel älter war, spielte Timurs Schwester Hülya oft mit Fatma, weil Fatma sie nicht hänselte. Die anderen Kinder machten sich über sie lustig, weil sie schielte und weil ihre Füße immer noch leicht nach innen zeigten, was ihr einen watscheligen Gang verlieh. Doch Fatma mochte Hülya, Fatma mochte fast jeden, sie war ein fröhliches Mädchen, |13|das sehr schnell Freundschaften schloß. Und eben noch hatte Timur als Jüngling diesem Mädchen Süßigkeiten in die Röcke gelegt, und nun sollte es schon erwachsen geworden sein.

– Sollen wir dich mit Fatma verheiraten? fragte seine Mutter zum zweiten Mal. Du bist jetzt fünfundzwanzig, es wird Zeit, daß du heiratest.

Als Hülya schon sechs Jahre lang schielte, war ihr Vater krank geworden. Er hatte eine Woche im Bett gelegen und war am achten Morgen nicht mehr aufgewacht. Das erste Jahr danach war schwer gewesen für sie alle, doch Zeliha hatte die Schmiede vermietet und es geschafft, immer genug Geld für Essen zu haben und wahrscheinlich sogar noch mehr. Timur hatte weiter in der Werkstatt geholfen, und als er sechzehn wurde, hatte er die Schmiede übernommen und den Unterhalt der Familie verdient, den seine Mutter verwaltete.

Und jetzt war er fünfundzwanzig, und sein Leben gefiel ihm. Er arbeitete gern in der Schmiede, er saß in den Teehäusern und rauchte Tabak aus der Wasserpfeife, und ab und zu betrank er sich. Dann schien alles von ihm abzufallen, er genoß sich und die Welt, er ließ alles nur noch Freude sein, es war, als würden ihm die Sterne der Nacht ins Haar regnen, als wären sie Süßigkeiten, die man kleinen Mädchen in die Röcke legen könnte. Wenn er trank, wurde alles eins, die Schönen und die Häßlichen, der Himmel und die Hölle, Sackleinen oder Seide, Kopfkissen oder Lehmgrund. So lange es diese Freude und die Arbeit gab, konnte ihm nichts passieren. Und wenn er eine Abwechslung brauchte, fuhr er einfach in die große Stadt und genoß dieses Gefühl von Abenteuer, das er kannte, seit er zum ersten Mal dort gewesen war. Er hatte kein Bedürfnis danach, sich zu verheiraten, und nun stand er in einer Winternacht betrunken vor seiner Mutter, es lagen noch Schneeflocken auf den Schultern seines Mantels, und er sagte:

– Ja. Dann geh hin und frag, ob sie sie uns geben.

Und Zeliha sagte:

|14|– Gesegnet sei der Herr. Ich gehe gleich morgen hin und mache das fest.

 

Ja, hatte er gesagt, nachts, betrunken, ja, als hätte ein Schicksal ihm dieses Wort in den Mund gelegt. Es war nicht das erste Mal, daß seine Mutter jemanden vorgeschlagen hatte, aber dieses Mal hatte er ja gesagt. Doch war Fatma überhaupt alt genug? Gleich am nächsten Morgen zog er seine Schwester beiseite.

– Du kennst doch Fatma, die kleine Waise?

– Ja.

– Mutter will, daß ich sie heirate.

Hülya wollte ihren Bruder schon umarmen, aber er hielt sie zurück.

– Tu mir einen Gefallen, ja? Finde einen Vorwand, und übernachte bei ihnen. Ihr seid doch befreundet, nicht wahr, ihr kennt euch doch gut?

Hülya sah in verständnislos an.

– Sieh mal nach, ob sie überhaupt schon Brüste hat. Die ist noch viel zu klein zum Heiraten, oder nicht? Was soll ich mit einer Frau ohne Brüste?

Da Hülya zögerte, fügte Timur hinzu: Bitte. Ein Bitte, das eher klang wie: Geh.

– Gut, sagte Hülya, ich werde es versuchen. Doch mit oder ohne Brüste, Fatma würde dir eine gute Frau sein, glaub mir.

Davon war Timur noch nicht überzeugt, aber da er seinen Mund nicht halten konnte, erzählte er, als er mittags Pause machte, seinen Freunden davon.

– Meine Mutter geht heute, um eine Vereinbarung zu treffen. Fatma und ich werden heiraten.

– Fatma, die kleine Waise? Geh, sagte der Sohn des Friseurs, die sieht doch aus, als hätte sie Sumpffieber.

– Sumpffieber?

– Ja, was weiß denn ich, sie ist immer so gelb und kränklich. Hast du sie mal gesehen in letzter Zeit?

Timur schüttelte den Kopf. Doch nach der Pause sagte er |15|zu seinem Gehilfen, er müßte noch etwas erledigen und käme wahrscheinlich im Laufe des Nachmittags wieder.

Und dann drückte er sich trotz des starken Schneefalls bis zum Einbruch der Dunkelheit vor dem großen Haus herum, in dem Fatma wohnte.

 

– Im Frühling, sagte Zeliha abends, im Frühling werdet ihr heiraten. Ich habe es heute vereinbart. Sie ist ein fleißiges Mädchen und umgänglich, sie wird mir bei der Arbeit helfen können, und du wirst dich etwas weniger herumtreiben.

Sumpffieber und keine Brüste, Timur hatte sich das etwas anders vorgestellt. Er mußte sich überwinden, doch er bekam es heraus:

– Das ging jetzt alles ein bißchen schnell. Ich hatte kaum Zeit nachzudenken.

– Du hattest fünfundzwanzig Jahre Zeit, sagte seine Mutter.

Timur war stark wie ein Löwe, niemand konnte es mit ihmaufnehmen, er war stark wie ein Löwe und stolz, was sollte er mit so einem kranken Mädchen anfangen? Gestern, als die Sterne sich in seinen Haaren verfingen, hatte er ja gesagt, aber heute berührten seine Füße den Boden.

 

– Und? fragte er seine Schwester, als sie am nächsten Morgen nach Hause kam. Er hatte schlecht geschlafen und keinen Appetit.

– Und was? antwortete diese.

– Na, hat sie …?

– Es war zu dunkel im Zimmer.

– Du hättest doch mal unauffällig fühlen können.

– Das ging nicht.

– Konnte man denn etwas unter dem Nachthemd erkennen?

– Nein, aber sie ist ja noch sehr jung, die können noch nicht so groß sein, daß man sie direkt sieht.

– Falls sie welche hat …

 

|16|An diesem Tag überließ Timur die Schmiede wieder seinem Gehilfen, der sich wunderte, weil Timur sonst nie so lange wegblieb.

Erneut ging der Schmied zu dem Haus, in dem Fatma wohnte, und als er seine Füße vor Kälte bereits nicht mehr spürte, kam sie gerade mit einem Tonkrug aus der Tür. Er hatte sich hinter einen Mauervorsprung gestellt, und Fatma sah ihn erst, als sie fast schon vor ihm stand. Sie wußte, daß das der Mann war, dem sie gestern versprochen worden war, und sie machte kehrt und lief ein Stück zurück, bevor sie unvermittelt stehenblieb. Offenbar war ihr eingefallen, daß sie nicht ohne Erklärung zurück ins Haus kommen konnte. Sie drehte sich wieder um, sie mußte zum Nachbarn, Essig holen. Unentschlossen ging sie zwei Schritte vorwärts, langsam, zögernd, den Blick auf den Boden gerichtet. Dann machte sie wieder einen Schritt rückwärts, ihre Wangen glühten, der Schnee knirschte unglaublich laut unter ihren Füßen, und sie blieb stehen. Sie hörte ein weiteres Knirschen, dann noch eins und noch eins, und als sie langsam den Kopf hob, sah sie den breiten Rücken des Schmieds.

Timur zündete sich eine Zigarette an und lächelte. Vielleicht hatte sie keine Brüste, aber sie war schön. Sie war schön wie ein Stück vom Mond. Sie war schön, als wären da immer noch Sterne in seinen Haaren.

Timur kehrte nicht sofort zurück in die Werkstatt, er ging zum Kaufmann, um sich das einzige Bett zeigen zu lassen, das zum Verkauf stand. Er folgte dem Kaufmann ins Lager, glitt langsam in die Hocke und sah das Gestell lange und aufmerksam an.

– Möchten Sie es kaufen? fragte der Kaufmann, der ein Geschäft witterte. Seit einem halben Jahr stand dieses Bett nun schon herum. Nahezu alle Bewohner dieser kleinen Stadt schliefen auf dem Boden auf Matratzen oder Sitzkissen oder auf dem Diwan, und selbst von den Reichen schien zur Zeit niemand ein Bett kaufen zu wollen, es gab keinen Anlaß.

|17|Als Timur nichts erwiderte, fuhr der Kaufmann fort:

– Werden Sie heiraten? Darf man gratulieren?

Timur brummte etwas Unverständliches, ohne seinen Blick von dem Bettgestell abzuwenden.

– Wir können Ihnen natürlich mit dem Preis ein wenig entgegenkommen.

Der Schmied gab keinen Laut von sich und kniff die Augen leicht zusammen, nickte kurz, dann erhob er sich und umrundete langsam das Gestell. Schließlich sagte er zum Kaufmann:

– Ja, ich werde heiraten. Im Frühling. Im Frühling, wenn alles grün wird und duftet. Nein, ich werde das Bett nicht kaufen, aber vielen Dank und einen ertragreichen Tag noch.

Timur ging gut gelaunt in die Werkstatt, es gab viel zu tun, er würde länger bleiben müssen, wenn er heute noch mit dem Bettgestell anfangen wollte. Die Bettpfosten sollten genauso werden wie bei dem Modell, das beim Kaufmann stand, kniehoch und rund und glänzend. Und darauf würde er die Latten setzen, genauso wie er es sich abgeguckt hatte. Doch das Kopfteil sollte keine so geraden Stäbe wie Gefängnisgitter haben, sondern geschwungene, wie rankende Rosen.

Er arbeitete fast bis Mitternacht in der Schmiede, und als er schließlich auf seiner Matratze lag, schloß er zufrieden die Augen. Ein Stück vom Mond.

 

Fatma und Timur schliefen in ihrer Hochzeitsnacht zum ersten Mal in einem richtigen Bett. Beide hatten, nachdem sie das Zimmer betreten hatten, kein einziges Wort mehr gesagt. Doch als Timur später kurz vor dem Einschlafen war, murmelte Fatma:

– So schlafen also die Könige.

Und Timur war nicht nur stolz, sondern auch verwundert, wie genau die Worte das trafen, was er gerade selber empfand. Er fühlte sich reicher, mächtiger, beschützter, er fühlte sich groß genug, um die Welt zu beherrschen.

 

|18|Es war Frühling, sie waren frisch verheiratet, Timur hatte genug Arbeit in der Schmiede, sie hatten Geld, Fatma brachte ihm jeden Mittag etwas zu essen, und dann saßen sie ein wenig zusammen und redeten, redeten, bis es für Fatma Zeit wurde, zu gehen, und für Timur, weiterzuarbeiten. Das Essen stand meistens noch unangerührt da, aber Fatma wußte, Timur würde es bis zum Abend gegessen haben, und er würde wieder Hunger haben, wenn er nach Hause kam, er war ein großer Mann, der hart arbeitete. Es war Frühling, sie hatten ein eigenes Zimmer im Haus, das Timurs Mutter von ihrem Mann geblieben war.

Und so fingen die Probleme an. Zeliha sah, wie sich ihr Sohn um diese junge Frau kümmerte, um dieses Mädchen, wie er ihr fast jeden Abend eine Kleinigkeit mitbrachte, ein Stück Stoff, damit sie sich etwas nähen konnte, einen Sesamkringel, ein neues Kopftuch, manchmal auch Süßigkeiten oder ein Stück Schokolade. Zeliha sah, wie ihr Sohn die Nähe ihrer Schwiegertochter suchte, wie verliebt er war und wie er sie umsorgte.

Eines Abends, es war schon Sommer, zog sie ihn beiseite:

– Deine Frau, sie ist faul, sie erfindet Ausreden, um nichtim Haus helfen zu müssen. Heute ist ihr Knöchel verstaucht, und morgen hat sie Magenschmerzen. Und wenn sie etwas tut, dann gibt sie sich keine Mühe. Am letzten Waschtag hat sie sich an den Waschtrog gesetzt und zwei Stunden lang nicht einmal das Wasser gewechselt. Sie hat unsere Wäsche mit dem schmutzigen Wasser gewaschen.

– Warum hast du nichts gesagt?

– Das habe ich. Sie hat aufgestöhnt und behauptet, sie hätte das Wasser gewechselt. Sie hat sogar aufgestöhnt. Du solltest ihr etwas mehr Respekt beibringen.

– Mutter, du hattest doch gesagt, sie sei fleißig und zuverlässig.

– Da habe ich mich wohl vertan, sie ist faul und respektlos.

Abends im Bett erzählte Timur seiner Frau, daß seine Mutter sich beschwert hatte. Und Fatma sagte mit leiser Stimme:

|19|– Ich mache wirklich alles, was ich kann. Ich strenge mich an, aber deine Mutter … ist manchmal ungerecht, glaube ich.

Die Beschwerden häuften sich: Fatma schnitt den Käse falsch, sie schnitt die Spüllappen entzwei, wenn sie Messer abwusch. Wenn sie rausging, lief sie absichtlich wie eine Ente, damit sie noch vor dem Winter neue Schuhe bekäme, sie schmierte sich die Butter zu dick auf das Brot, und Timur begriff langsam das Problem.

– Hör mal, sagte er eines Abends zu Fatma, hör mal, ich glaube, ich weiß, was wir tun können. Das nächste Mal, wenn meine Mutter sich beschwert, dann ziehe ich dich hier ins Zimmer, und ich schlage auf die Sitzkissen und brülle ein wenig herum, und du schreist auf wie vor Schmerz, dann gehe ich raus, und du bleibst noch ein wenig drinnen.

Jedesmal, wenn Zeliha sich bei ihrem Sohn über ihre Schwiegertochter beschwerte, gingen die beiden nun in ihr Zimmer, und kurz darauf hörte man Schläge und Schreie. Die Beschwerden wurden immer seltener.

Timur erzählte seinen Freuden begeistert von diesem Trick, und sie lachten gemeinsam, stießen an und tranken. Und als der Herbst zu Ende ging, wußte es die ganze Stadt.

– Wir müssen uns etwas Neues ausdenken, sagte Timur, als sie eines Abends nebeneinander auf der Matratze lagen. Das Bettgestell hatten sie verliehen, eine entfernte Verwandte Timurs hatte geheiratet, und auch sie wollte ihre Hochzeitsnacht in einem richtigen Bett verbringen. Um dieses Bett, dessen Füße er mit Messing verziert hatte, beneideten den Schmied selbst die Reichen.

– Wir könnten doch fortgehen, sagte Fatma, du könntest eine Werkstatt aufmachen, ein wenig Handel treiben, ich könnte Teppiche weben. Du hast zwei Pferde, wir könnten woanders leben.

Ja, er hatte zwei Pferde und einen Esel, ja, er hatte etwas Geld, aber wo sollten sie hin? Fort aus der Stadt, weg von allen Verwandten und Freunden, in eine andere kleine Stadt, wo sie niemanden kennen würden?

|20|– In die Fremde? fragte er.

– Wir könnten aufs Dorf ziehen, sagte Fatma.

– Du weißt doch gar nicht, wie das ist, das Leben dort ist ganz anders. Die haben nicht mal Klos, die hocken sich in die Sträucher.

– Wir könnten ein Klohäuschen bauen. Du könntest die Schmiede behalten und hin- und herreiten, nebenbei das Obst und Gemüse der Bauern auf dem Markt verkaufen. Timur, wir könnten unser eigenes Leben leben.

– Ich überlege es mir.

Und damit er besser nachdenken konnte, nahm er sich frei und fuhr mit dem Zug nach Ankara. Er wollte ein paar Tage lang das Leben in der großen Stadt genießen, Autos sehen, die Häuser der Reichen, die Geräusche und Gerüche, die Menschenmassen. Tagsüber saß er in Teehäusern und fing Gespräche mit den Großstädtern an. Die einen sagten, der Krieg würde bald vorbei sein, die anderen sagten voraus, er würde noch lange andauern und die Deutschen würden in einem halben Jahr vor Istanbul stehen wie die Osmanen einst vor Wien. Für Timur war dieser Krieg trotzdem weit weg, er hörte zu, aber als sich eine Gelegenheit ergab, wechselte er schnell das Thema und versuchte herauszubekommen, wer wie er Anhänger von Beşiktaş war. Fußball interessierte ihn mehr als Politik.

Und am meisten interessierten ihn die Abende in der Großstadt. Ein paar Stunden in einem Lokal den leicht bekleideten Sängerinnen zuhören und dabei ein, zwei Gläser trinken, ein Stück Honigmelone essen, etwas Schafskäse, und schon nach dem dritten Glas verschmolz er mit dem Klang. Und noch später lag er allein und entspannt in einem billigen Hotelzimmer, die Sorgen hatten aufgehört, sein Geschäft war weit weg, seine Mutter auch, hier kannte ihn niemand, er hatte sich verloren in der großen Stadt, er hatte sich verloren, als würde er Habgier verlieren, Streben, Bedenken, Ketten. Er hatte sich verloren, um sich lächelnd auf einem Hotelbett wiederzufinden, sein Atem gleichmäßig und ruhig.

|21|Als er zurückkam, sagte er:

– Der Winter ist keine gute Zeit zum Umziehen.

Im Frühjahr hatte Timur ein Haus gefunden und ihren Hausrat auf dem Rücken der Pferde und des Esels dorthin gebracht. Er hatte einen Pferdewagen gemietet, um das Bett, das mittlerweile zurückgekommen war, zu transportieren, und schließlich hatte er seine Frau geholt. Zwei Stunden hatte sie auf dem Rücken des Esels gesessen, bis sie ankamen. Der Ritt auf einem der Pferde dauerte nur etwa halb so lang.

Es war Fatmas Idee gewesen, aufs Dorf zu ziehen, doch sie kannte Dörfer nur aus Erzählungen, und Dorfbewohner waren ihr bisher nur als Händler auf dem Markt begegnet.

Als sie an ihrem ersten Tag im neuen Haus abends im Bett lagen, fragte Fatma:

– Sind die Frauen hier alle miteinander verwandt?

– Nein, wieso?

– Die tragen alle die gleichen Kleider.

Timur lachte.

– Das ist hier so. Wir sind jetzt auf dem Dorf.

Er lachte, aber er machte sich Sorgen. Er fragte sich, ob Fatma sich hier einleben könnte, während er fast jeden Tag zur Schmiede in die Stadt reiten würde, um dort zu arbeiten. Doch als er nach einer Woche kurz vor der Dämmerung im Dorf ankam, sah er Fatma auf dem Dorfplatz sitzen, die jungen Frauen und Mädchen hatten sich um sie versammelt und hörten ihr zu.

Als Fatma ihn erblickte, sprang sie auf, doch er bedeutete ihr, sitzen zu bleiben, stieg ab, führte sein Pferd am Zügel in den Stall und rauchte auf den Stufen vor dem Haus eine Zigarette, während er zusah, wie die Sonne unterging.

– Märchen, war das erste Wort, das Fatma sagte, als sie hinüberkam. Ich habe ihnen Märchen erzählt. Sie kennen keine Märchen. Das ist doch erstaunlich, oder? Ich dachte immer, die Märchen kämen aus den Dörfern in die Stadt … Du bist früh dran, ich habe gedacht, du kommst so spät wie in den letzten Tagen. Das Essen ist fertig.

|22|Drinnen blickte der Schmied auf den Teppich im Webstuhl, sah, daß sie gearbeitet hatte, und lächelte leise in sich hinein.

 

Timur kaufte den Dorfbewohnern Bohnen ab, Weizengrütze, im Sommer und Herbst auch Tomaten, Brechbohnen, Melonen, Weintrauben, Äpfel und Aprikosen. Er belud seinen Esel, um die Sachen auf dem Markt zu verkaufen, und er machte einen guten Schnitt dabei. Er kaufte sich zwei Kühe, einige Hühner, auf Fatmas Drängen auch noch einen kleinen Weinberg, seine Werkstatt lief gut, er verdiente mehr als zuvor.

Gegen Ende des Herbstes verkaufte er die Teppiche, die Fatma gewebt hatte, und als er nach diesem erfolgreichen Sommer so viel Bargeld in den Händen hielt, fuhr er wieder in die große Stadt. Dieses Mal aber nicht nach Ankara, er fuhr bis Istanbul, denn dort spielte Beşiktaş im Stadion, und dort waren die Frauen noch schöner und sangen noch lieblicher, und der Wein rann die Kehle hinab wie flüssiges Sonnenlicht.

Eine Woche später war er wieder da, die Hälfte des Geldes hatte er in Istanbul gelassen.

 

Fatma verstand sich gut mit den Dorfbewohnern, alle achteten und schätzten sie, und das nicht, weil sie die Frau des Schmieds war, die Frau des Mannes, dessen Kraft alle rühmten und der zudem noch einen guten Kopf größer war als die meisten, die Frau eines Mannes mit stechend blauen Augen, der stolz mit geradem Rücken auf seinem Pferd saß. Nein, die Frauen des Dorfes mochten Fatma, weil sie noch so jung war, weil sie Geschichten erzählen konnte, weil sie immer freundlich zu allen war und sich nicht als etwas Besseres fühlte, nur weil sie aus der Stadt kam oder weil sie Geld hatte. Sie mochten sie, weil sie gutmütig war und immer versuchte zu schlichten, wenn es Streit gab, sie mochten ihr sanftes, aber bestimmtes Wesen.

Als Fatma im Winter schwanger wurde, ohne auch nur ein einziges Mal ihre Regel gehabt zu haben, freuten sich alle Frauen des Dorfes mit ihr.

|23|Der Schmied hatte den Handel ausgedehnt, es hatte sich in den umliegenden Dörfern herumgesprochen, daß es da einen Mann gab, der den Bauern anständige Preise für ihre Waren zahlte. Im Frühling, als sich Fatmas Bauch schon rundete, nahm Timur sie eines Tages mit in ein Dorf, das fast eine Tagesreise entfernt war, weil er ihr eine Abwechslung bieten wollte. Immer noch brachte er ihr Geschenke mit, immer noch sorgte er sich um sie. Nicht mehr so wie in der ersten Zeit, aber das lag am Alltag und nicht daran, daß sein Gefühl an Kraft verloren hatte.

In dem Dorf schliefen sie bei einem dicken Mann auf einer Matratze, wie sie es seit einiger Zeit auch zu Hause wieder taten. Ein Freund Timurs hatte geheiratet und sich deswegen das Bettgestell ausgeliehen.

Am nächsten Morgen verhandelte Timur sehr lange mit einem Bauern, der hartnäckig feilschend ein paar Kuruş mehr herausschlagen wollte. Als man das Geschäft endlich besiegelt hatte, war es bereits Zeit zum Mittagessen, und ihr Gastgeber wollte sie nicht hungrig aufbrechen lassen. So war es schließlich nach Mittag, als sie zu zweit auf dem Pferd saßen.

Sie waren noch weit von ihrem Dorf entfernt, als der Tag sich neigte, aber es war gefährlich, in der Dunkelheit zu reiten, nicht nur weil man kaum etwas sehen konnte, sondern auch weil man auf der Hut sein mußte, vor Wegelagerern, die nachts die Reisenden überfielen.

– Wir werden hier schlafen und morgen früh weiterreiten, sagte Timur.

– Aber wo sollen wir uns denn hinlegen. Hier sind wir doch nirgends sicher, ich könnte kein Auge zutun.

– Ich weiß einen Platz, sagte der Schmied. Es ist nicht mehr weit.

Mit der Dämmerung erreichten sie einen Friedhof.

– Hier traut sich nachts niemand hin, sagte Timur und fügte hinzu: Du brauchst keine Angst zu haben, vertrau mir, das ist der sicherste Platz, um im Freien zu übernachten.

In dieser Nacht war Fatmas Schlaf ruhig, wenn auch sehr |24|leicht, und von da an sollte sie der Schmied häufiger mitnehmen, wenn er Geschäfte in entfernten Dörfern hatte, und seine Frau würde sich an diese Nächte gewöhnen. Es gefiel ihr, in der Stille und Dunkelheit so neben ihrem Mann zu liegen, über ihnen die Sterne, und der Boden unter ihnen kam ihr vor wie Daunen, wenn sie nur den Kopf auf seine Schulter legte und er ihr über die Haare strich und sagte: Mein Mädchen, mein Stück vom Mond.

Sie fand, daß sie Glück gehabt hatte mit diesem Mann. Es machte ihr nichts aus, daß er die Hälfte des Geldes, das er für die Teppiche erhalten hatte, verjubelte, auch wenn sie einen ganzen Sommer dafür am Webstuhl gesessen hatte. Natürlich gab es manches, das sie störte. Einmal hatte er seinem Gehilfen sein Pferd geliehen. Gott allein wußte, warum er das gemacht hatte, sein Gehilfe war ein guter Arbeiter, aber ein kopfloser junger Mann mit aufbrausendem Temperament. In seinem Übermut hatte der Gehilfe das Pferd im Galopp über die Hauptstraße gejagt, die Leute waren erschrocken beiseite gesprungen und hatten ihn verflucht, und schließlich hatte die Polizei ihn angehalten und ihm das Pferd abgenommen. Die Polizisten wußten, was Timur dieses Pferd wert war, um es wiederzubekommen, hatte er eine ordentliche Summe hinlegen müssen, er hatte es praktisch noch mal gekauft.

Ein anderes Mal hatte Timur gebürgt, als einer seiner Freunde ein Feld kaufen wollte und nicht genug Geld hatte. Warum kaufte dieser Mann ein Feld, wenn er kein Geld besaß? Timur hatte es am Ende bezahlt, das Feld, aber es gehörte seinem Freund.

Fatma machte sich keine Sorgen, er verdiente gut, es war immer Geld da, aber sie hatte begriffen, daß er mit diesem Geld nicht umgehen konnte, und sie ahnte, daß auch andere Tage kommen würden. Doch solange er an ihrer Seite war, konnte sie auch diesen Tagen lächelnd entgegensehen.

In ihrer ersten Nacht auf dem Friedhof lagen sie mit offenen Augen nebeneinander und schwiegen. Timur dachte immer wieder, nur noch zwei Minuten, nur noch zwei Minuten |25|die Sterne ansehen und meine Frau im Arm spüren, dann drehe ich mich um und schlafe ein.

– Gül, sagte Fatma leise in die Stille hinein.

– Hm? machte Timur.

– Es wird ein Mädchen, ich kann es fühlen. Ich möchte sie Gül nennen, Rose, ich möchte ein kleines Mädchen haben, das Rose heißt.

Der Schmied legte seine Hand auf ihren Bauch.

– Gül, sagte er. Und wenn es ein Junge wird, nennen wir ihn Emin.

– Es wird kein Junge.

 

Gül wurde an einem warmen Septembertag geboren. Als der Schmied in der Dämmerung heimkam, lag dieses kleine Wesen neben seiner Frau im Bett.

– Sind die Hände und Füße normal? fragte er als erstes, und Fatma nickte.

Vorsichtig berührte er Gül, sie wirkte, als könnte allein das Gewicht seiner großen Hand sie verletzen. Mit feuchten Augen küßte Timur seine Frau und hauchte auch seiner Tochter einen Kuß auf den Kopf. Schließlich ging er hinaus und setzte sich auf die Stufen vor dem Haus. Unter seiner Haut prickelte etwas, nicht wie Luftblasen, sondern eher wie eine warme Abendbrise. Leicht fühlte er sich, als würde sein Körper sanft angehoben werden von dieser Brise, als hätte er etwas von seinem Gewicht an die Erde abgegeben. Er saß auf den Stufen und vergaß zu rauchen.

In jenem Herbst schien es ihm, als würde alles von selbst laufen. Er kaufte die reiche Ernte der Bauern und verkaufte sie auf dem Markt in der Stadt, sein Weinberg trug reichlich Trauben, für die Arbeit in der Schmiede stellte er einen zweiten Gehilfen ein, und als es wieder Frühling wurde, kaufte er ein Sommerhaus mit einem großen Apfelgarten und einem Stall am Rande der Stadt, um wenigstens im Sommer einen kürzeren Weg zur Arbeit zu haben.

Viele Städter hatten Sommerhäuser am Rande der Stadt, wo |26|sie der Hitze entflohen, in den großen Gärten ein paar Beete mit Tomaten bepflanzten, mit Gurken, Paprika, Zucchini und Mais, so daß sie zu essen hatten. Außerdem erhofften sie sich einen kleinen Nebenverdienst, wenn ihre Apfelbäume im Herbst Früchte trugen. Ihre Stadthäuser vermieteten sie in den Sommermonaten meistens an reiche Leute aus Adana, die der Hitze ihrer eigenen Stadt entfliehen wollten, die sehr viel sengender war als die Hitze der Kleinstadt, aus der Timur stammte.

Wenn die Hitze sich selbst im Sommerhaus staute, konnte man sich draußen in den Schatten eines Walnußbaumes legen. Man konnte dem Rascheln der Blätter zuhören, aber es war kaum mehr als eine halbe Stunde Fußweg, bis die Stadthäuser mit ihren kleinen Hinterhöfen, in denen oft nicht mal ein Baum wuchs, wieder dicht an dicht standen.

 

Anfang Mai zogen sie um. Timur hatte jemanden gefunden, der ihr Bett und den Hausrat mit einem kleinen Lastwagen ins Sommerhaus fahren konnte. Nachdem sie den Lastwagen vollgeladen hatten, war nicht mal mehr im Führerhaus Platz. Der Fahrer schlug vor, die Sachen zum Sommerhaus zu fahren, zwei Burschen zu suchen, die ihm beim Ausladen halfen, und dann zurückzukommen, um Timur und Fatma zu holen, Gül war schon bei ihrer Großmutter.

– Gut, sagte Timur und steckte ihm Geld in die Tasche seines Hemdes, damit er die Burschen bezahlen konnte. Wir machen uns dann schon mal langsam zu Fuß auf den Weg.

Als Mann und Frau friedlich auf der staubigen Straße entlanggingen, näherte sich ihnen von hinten ein Auto, und der Fahrer ging vom Gas. Er hatte pechschwarze Haare, die vor Brillantine glänzten, und buschige Augenbrauen. Nachdem er das Fenster runtergekurbelt hatte, fragte er:

– Wohin des Wegs?

– In die Stadt, sagte Timur.

– Ich kann euch mitnehmen, steigt ein, sagte der Mann.

Fatma hatte noch nie in ihrem Leben in einem Auto gesessen. Niemand in ihrer Stadt besaß in jenen Tagen ein Auto. |27|Sie war schon mal in einem Lastwagen mitgefahren, im Führerhaus oder hinten auf der offenen Ladefläche, aber noch nie in einem Auto. Einen kurzen Moment fühlte sie sich eingesperrt, nachdem sie sich auf die Rückbank gesetzt und Timur die Beifahrertür zugezogen hatte.

Die Hände des Fahrers sahen nicht aus, als müßte er mit ihnen arbeiten, doch er hatte eine kräftige Statur, zu der sein dünner, gestutzter Schnurrbart nicht so recht passen wollte.

Als sie einen kleinen Hügel hochfuhren, wurde der Wagen langsamer, und plötzlich machte er einen Satz nach vorne und blieb stehen.

– Verdammt, sagte der Fahrer und wandte sich an Timur: Bruder, du bist ein kräftiger Mann, wie ich sehen kann. Wenn du vielleicht aussteigen möchtest und das Auto das letzte Stück der Steigung hochschieben. Sobald es wieder bergab geht, springt es sicherlich an.

Der Schmied nickte, lächelte, in seinen blauen Augen waren Tatendrang und Stolz, er stieg aus und stemmte sich gegen den Wagen. Es war einfacher, als er gedacht hatte, und als es wieder bergab ging, war er noch nicht mal ins Schwitzen gekommen. Das Auto rollte, sprang an, und der Mann gab Gas.

Er will, daß der Motor warm wird, dachte Timur im ersten Moment, ehe er begriff, daß der Mann einfach wegfuhr. Ihm wurde heiß, und er fing an zu laufen, dem Wagen hinterher. Er würde den Mann töten, er würde ihn töten, selbst wenn er ihn heute nicht zu fassen bekam, er würde ihn umbringen, wenn er seinen Mutwillen mit Fatma trieb.

Timur bekommt nicht mit, daß der Wagen hält und Fatma aussteigt, er ist einfach nur gelaufen, ohne etwas wahrzunehmen, und nun sieht er sie am Straßenrand stehen. Doch er läuft nicht langsamer, er rennt, bis er vor ihr steht. Das Auto ist schon nicht mehr zu sehen.

– Was, fragt Timur, was ist passiert?

– Mach meinen Mann nicht zum Mörder, habe ich ihm gesagt, halt an, mach meinen Mann nicht zum Mörder. Halt an, |28|und laß mich raus, und dann verpiß dich, so schnell du kannst. Er wird dich finden und töten, habe ich gesagt, er ist ein Mann von Ehre. Ich habe ihm von hinten meinen Arm um die Kehle gelegt und gesagt: Mach meinen Mann nicht zum Mörder.

Timur ist dankbar, er ist dankbar, und er glaubt, daß das Leben immer größer und schöner werden wird, solange Fatma an seiner Seite ist. Gestern noch war er ein kleiner Junge, und heute ist er mit ihr verheiratet und glaubt, daß sie alle Gefahren gemeinsam meistern werden.

 

Timur kaufte eine weitere Kuh, er bestellte die Beete, hämmerte in der Schmiede, abends nahm er seine Tochter auf den Arm und koste sie. Fatma freundete sich mit den Nachbarn an, sie molk die Kühe im Morgengrauen und dann noch mal am Abend, wenn sie von der Weide zurückkamen. Wenn sie mit Gül allein war, redete sie viel mit ihrer Tochter, erzählte ihr, was sie gerade tat und an wen sie dachte, erzählte, daß sie selber keine Mutter gehabt hatte, daß ihre Adoptivmutter sich gut um sie gekümmert hatte, aber vielleicht nur, weil sie das Mädchen war, das sie sich gewünscht und nie bekommen hatte. Mit ihren drei Brüdern hatte Fatma sich nicht gut verstanden, die hatten sie geärgert und gequält, einmal hatten sie sie gezwungen, einen verfaulten Apfel zu essen, ein anderes Mal hatten sie ihre Kleider versteckt, als sie im Fluß badete, doch das alles war lange her, jetzt hatte sie Timur, und sie hatte Gül, und wenn Gott es wollte, würde sie noch mehr Kinder bekommen.

 

So verbrachten sie den Sommer, und als der Herbst fast schon vorbei war, zogen sie wieder auf das Dorf, weil es zu kalt wurde in den kleinen Sommerhäusern ohne Ofen, weil es nicht mehr viel zu tun gab, nachdem die Äpfel geerntet waren, weil auch die Nachbarn fortzogen, zurück in die Stadt, in ihre Häuser, aus denen die Leute aus Adana auszogen, um in ihrer Stadt einen milden Winter zu verbringen, in dem sie wahrscheinlich wieder keinen Schnee sehen würden. Timur, Fatma |29|und Gül zogen zurück aufs Dorf, weil hier niemand mehr war zum Reden, um Mehl auszuborgen oder eine Schubkarre voll Dünger. Sie zogen zurück aufs Dorf, aber ohne ihr Bett, das sie wieder jemandem geliehen hatten, der gerade heiratete, ohne Bett, aber mit den Kühen und Hühnern.

– In ein paar Jahren wird jeder in der Stadt wissen, wie die Könige schlafen, sagte Timur und tat so, als würde er sich darüber ärgern. Doch in Wirklichkeit war er stolz auf dieses Bett, und wenn es gerade ausgeborgt war, dachte er voller Vorfreude daran, schon bald wieder morgens aufwachen zu können, ohne als erstes den festgestampften Lehmboden zu sehen und zu riechen.

Gül hatte sehr schnell angefangen zu sprechen. Dafür brauchte sie länger als andere Kinder, bis sie laufen lernte, sie war fast schon zwei, und ihre Mutter fing an, sich Sorgen zu machen, während der Schmied nur lachte. Gül krabbelte, aber nicht so wie andere Kinder, sie krabbelte rückwärts und drehte immer den Kopf über die Schulter, um zu sehen, was hinter ihr war.

– Eine verrückte Rose, sagte Timur.

Als Fatma zum zweiten Mal schwanger wurde, konnte Gül schon laufen. Eines Nachts lag Fatma wieder in Timurs Armen auf einem Friedhof und spürte es erneut ganz deutlich. Es war Neumond, und Fatma hatte das Gefühl, daß die Geister der Toten ihr wohlgesonnen waren, wohlgesonnen und erstaunlich nahe.

– Timur, sagte sie, hättest du eigentlich lieber einen Sohn oder noch eine Tochter?

– Die Hände und Füße sollen an den richtigen Stellen sein, antwortete der Schmied, das Kind soll gesund sein und mit einer Mutter und einem Vater aufwachsen. Das ist das wichtigste.

– Du wirst noch eine Tochter bekommen. Weißt du schon, wie du sie nennen möchtest?

– Melike.

 

|30|Melike schrie die Nächte durch, sie brüllte, bis sie im Gesicht ganz lila wurde, mal saugte sie gierig an der Brust, mal mochte sie gar nichts, und manchmal schien es, als würde sie nur schlafen, wenn alle ohnehin bei Kräften waren. War Fatma übermüdet und ausgelaugt und schwach, konnte sie sicher sein, daß Melike die ganze Nacht lang weinen würde. Doch kein einziges Mal hörte man Fatma stöhnen.

– Was ist das nur für ein Kind? fragte Timur seine Frau.

– Es ist ein anderes Kind, antwortete sie. Sie ist unruhig und eigenwillig. Du hast sie Melike genannt, Königin, und jetzt benimmt sie sich auch so.

Timur lachte, nahm die Kleine auf den Arm, biß sie leicht in die Wange und sagte:

– Das werden wir dir noch austreiben.

Fatma lächelte. Wenn Timur das Dach ausgebessert hatte und am nächsten Tag ein Tropfen Regen von der Zimmerdecke in seinen Tee fiel, schleuderte er sein Glas gegen die Wand. Daran konnte sie nichts ändern. Wenn Beşiktaş verloren hatte, konnte er tagelang aufbrausend sein. Wenn in der Schmiede etwas nicht gelang, hämmerte Timur wie wild und hatte hinterher schwarze Blutergüsse unter den Nägeln.

Dieser Mann würde Melike gar nichts austreiben, er liebte seine Töchter, ja, er nahm sich Zeit für sie, er war ganz vernarrt in die Mädchen, aber ebensowenig, wie Fatma ihn ändern konnte, würde er seine Kinder ändern können.

 

Jahr um Jahr verbrachten sie die Sommer am Rande der Stadt in dem Sommerhaus und die Winter auf dem Dorf, sie verdienten gut, und wenn es auch kein ungetrübtes Glück war, wenn es auch viel Arbeit gab, die Winter hart waren, wenn der Schmied manchmal zu Hause tagelang kein einziges Wort sprach und Fatma nicht wußte, was ihn beschäftigte, wenn sie sich abends im Bett auch schon mal fragten, woher sie die Kraft für einen neuen Tag nehmen sollten, es waren gute Jahre. Gül lernte laufen, sie spielte im Dorf mit den anderen Kindern auf der Straße, Melike lernte laufen, bevor sie sprechen |31|konnte, sie tat fast nie, was ihr gesagt wurde, sie schlug Lärm, wenn ihr das Essen nicht schmeckte, sie brüllte, wenn man ihr die Schere abnahm. Seit sie mal eine dicke Beule am Hinterkopf bekommen hatte, als sie sich auf den Boden schmiß, setzte sie sich auf den Hintern, wenn sie ihren Willen nicht bekam, ließ sich vorsichtig nach hinten fallen, und erst dann schrie sie, tobte, strampelte mit allen vieren, weil sie mit ihren drei Jahren die Kuh noch nicht melken durfte.

– Meine Liebsten sind schreckhafte Tiere, sagte Timur, sie könnten ausschlagen.

Und Melike brüllte und schrie, preßte die Luft aus ihren Lungen, strampelte und stampfte auf den Boden, und Timur war ohnehin schlecht gelaunt an diesem Abend, zwei Kunden, die hatten anschreiben lassen, waren spurlos verschwunden, und Beşiktaş hatte verloren, drei zu null, gegen Galatasaray, die gar nicht in Form gewesen waren, gegen eine Gurkentruppe. Er hatte zum dritten Mal die gleiche Stelle am Dach des Stalles ausgebessert, die Leiter lehnte noch an der Wand. Er schnappte sich Melike und stieg mit seiner Tochter im Arm auf das Flachdach. Fatma und Gül standen unten und sahen ungläubig zu.

Am ausgestreckten Arm hielt der Schmied das immer noch schreiende Kind über den Rand des Daches und schrie seinerseits:

– Ich bin dein Gebrülle leid, ich bin es leid, hörst du? Soll dich der Teufel holen, in den Tiefen der Hölle sollst du schreien. Still, gib Ruhe, oder ich lasse dich fallen, hörst du?

Melike verstummte kurz, doch nachdem die Worte verklungen waren, fing sie wieder an, und mitten in diesem Geschrei hörte Gül eine schneidende, fremde Stimme:

– Timur, hör auf.

Gül sah zu ihrer Mutter hoch und erkannte, daß sie mit dieser völlig fremden Stimme gesprochen haben mußte. Auch Fatmas Gesicht sah ganz ungewohnt aus. Melike hatte aufgehört zu schreien. So standen sie alle vier einige Sekunden reglos da.

|32|– Bedank dich bei deiner Mutter, sagte Timur und stieg mit Melike die Leiter wieder hinunter.

– Eines Tages werde ich mich vergessen, fügte er hinzu.

Sobald er Melike losgelassen hatte, schickte sie sich an, sich vorsichtig auf den Rücken zu legen. Fatma packte sie am Arm und zog sie ins Haus. Gül blieb neben ihrem Vater stehen, der den Kopf schüttelte, die Leiter umtrat und schließlich in den Stall ging.

 

Timur war ein von vielen geachteter Mann im Dorf, er stammte aus der Stadt, war wohlhabend, immer freundlich und großzügig, und die Männer hatten allein schon vor seinen breiten Schultern Respekt. Doch einige im Dorf mochten ihn nicht, diesen Mann, der Gewinne erzielte, indem er ihre Erträge auf dem Markt verkaufte, diesen Mann, der die heißen Monate in seinem Sommerhaus verbrachte, als wäre er etwas Besseres, und der im Herbst mehr als genug Geld einstrich, wenn er seine Apfelernte verkaufte.

Eines Tages steckte einer der Dorfbewohner dem Schmied, daß einer seiner Neider ihn bei der Gendarmerie angeschwärzt hatte, sie würden bald kommen, sein Haus zu durchsuchen.

Der Schmied hatte nichts zu verbergen, er war nicht reich geworden, indem er stahl und hehlte, er hatte nichts in seinem Haus, das er nicht im Schweiße seines Angesichts verdient hätte. Er hatte nichts zu befürchten.

Wenn er die Gewehre versteckte. Er war ein Mann, ein Familienoberhaupt, natürlich mußte er ein Gewehr haben. Er schoß Vögel damit, Kaninchen, Füchse, deren Fell Geld brachte, und manchmal schoß er im Sommer Maulwürfe. Entdeckte er einen Hügel in seinem Garten, schnappte er sich den Spaten und schaufelte die Erde weg, bis der unterirdische Gang sichtbar wurde. Dann legte er sich in einiger Entfernung mit dem Gewehr im Anschlag auf den Bauch und wartete. Früher oder später kam der Maulwurf, um das Loch in seinem Gang auszubessern.

|33|Er war ein Mann, und er hatte zwei Gewehre, die immer geladen an der Wand hingen. Aber er hatte keinen Waffenschein. Timur kam heim und hängte die Gewehre ab.

– Gül, sagte er zu seiner Tochter, Gül, geh raus, spiel ein bißchen.

Gül ging raus, doch als die Vorhänge zugezogen wurden, wurde sie neugierig. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte und den Kopf schief hielt, konnte sie genau sehen, was drinnen passierte.

Letzten Winter hatte es von einem der Fenster gezogen, und Timur hatte bei der Reparatur gemerkt, daß unter der Fensterbank ein Hohlraum war. Er war ein Mann, richtig, er würde seine Gewehre nicht irgend jemandem anvertrauen. Er riß das Brett der Fensterbank hoch, versteckte die Gewehre im Hohlraum und nagelte das Holz wieder an.

Fatma schüttelte den Kopf, als er zufrieden lächelte, und deutete auf die Haken an der Wand. Timur zog sie mit der Zange heraus, und sie hängten einen Wandteppich über die Stelle, um die Löcher zu verbergen.

Es vergingen drei Tage, bis die Gendarmen kamen. Sie hörten das Hufgetrappel, als sie sich gerade zum Abendessen setzen wollten. Timur öffnete ihnen.

– Guten Abend, die Herren. Möge es etwas Gutes bedeuten, daß Sie unser Haus aufsuchen.

– Guten Abend, sagten die Gendarmen wie aus einem Mund, und einer fuhr fort: Können wir eintreten?

– Aber bitte, kommen Sie rein.

Gül war verängstigt, als sie die fremden Männer sah, alle in Uniform und zwei davon mit Gewehren. Der Unbewaffnete beugte sich zu Gül hinunter.

– Hallo, kleines Mädchen. Wie heißt du denn, Liebes? … Hast du keinen Namen?

– Gül.

– Und dein Schwesterchen, das dort schläft, hat das auch einen Namen?

– Ja. Melike.

|34|– Gül und Melike also.

Er lächelte kurz, dann richtete er sich auf und wandte sich an Timur.

– Du bist Timur, der Schmied.

– Zu Diensten.

– Wir haben gehört, daß du Gewehre besitzt, obwohl du keine Erlaubnis dafür hast.

– Nein, sagte der Schmied. Ich habe keine Gewehre. Da haben Sie etwas Falsches gehört.

Der Mann bedeutete den anderen beiden mit einer Kopfbewegung, mit der Durchsuchung zu beginnen. Ohne Hast fingen sie an, die Schränke zu öffnen, unter dem Diwan nachzusehen, zwischen den Matratzen und Kissen und unter den Teppichen neben dem Webstuhl.

– Kann ich den Herren etwas anbieten, fragte Fatma, möchten Sie vielleicht einen Kaffee?

Der Mann ohne Gewehr nickte, und einer der Gendarmen folgte Fatma in die Küche, während der andere weitersuchte.

Der unbewaffnete Mann setzte sich neben Gül, Timur nahm ihnen gegenüber Platz. Er wirkte völlig gelassen.

– Komm mal her, Kleines, komm mal her, Gül, sagte der Mann, nachdem er seine Kappe abgenommen hatte. Er zog Gül auf seinen Schoß.

– Verstehst du dich gut mit deiner Schwester?

Gül nickte.

– Du bist sicherlich eine gute große Schwester, du paßt auf sie auf, nicht wahr?

Wieder nickte Gül.

– Schön, sag mal, wie alt bist du denn? … Weißt du das nicht? Du wirst doch nicht schon fünf sein? Oder sechs? Gehst du etwa schon zur Schule? Oder noch nicht?

Gül schwieg. Sie nickte nicht, sie schüttelte nicht den Kopf, sie hielt einfach den Mund.

– Komm mal her, sagte der Mann zu dem Gendarmen, der unschlüssig im Zimmer herumstand und nicht wußte, wo er als nächstes suchen sollte.

|35|– Schau mal, sagte er dann zu Gül und zeigte auf das Gewehr, schau mal, hast du so etwas schon mal gesehen?

Er lachte und streichelte ihr über die Wange.

– Du brauchst keine Angst zu haben, Gül.

Gül hatte keine Angst, sie fühlte sich nicht mal sonderlich unwohl auf dem Schoß dieses fremden Mannes. Sie schwieg einfach nur.

– Du hast doch schon mal ein Gewehr gesehen, nicht wahr? Fast jeder Mann hat ja ein Gewehr. Das ist ganz normal, nicht wahr? Dein Vater hat doch bestimmt auch eins, oder?

Fatma kam mit einem Tablett herein, sie bot erst dem Kommandanten eine Tasse Kaffee an, dann seinen beiden Gehilfen, die den Kaffee zwar annahmen, ihn aber abstellten, ohne einen Schluck getrunken zu haben. Zunächst wollten sie noch den letzten Raum, das Schlafzimmer, durchsuchen, in dem seit einigen Wochen das schmiedeeiserne Bett wieder stand.

Als letzter nahm Timur seine Tasse entgegen. Seine Hände zitterten nicht. Selbst wenn Gül sagte, daß ihr Vater ein Gewehr hatte – was würde es schon ändern, wenn sie keines fanden?

– Einer sieht im Stall nach, rief der Kommandant ins Schlafzimmer hinüber und wandte sich dann wieder an Gül.

– Dein Vater hat ein Gewehr, stimmts? Und du weißt doch sicher auch, wo er es versteckt hat. Willst du ein liebes Mädchen sein, Gül, willst du mir verraten, wo dein Vater das Gewehr versteckt hat? Er hat doch sogar zwei, oder? Du bist schon so ein großes Mädchen, du weißt bestimmt, wo die Gewehre sind.

Zum Glück haben wir sie rausgeschickt, dachte der Schmied. Gül schwieg und zog die Schultern hoch.

Es war bereits stockdunkel, als die Gendarmen aufgaben, sich für den Kaffee bedankten und aufbrachen.

– Geh mal ins andere Zimmer und bleib dort, bis ich dich rufe, sagte Timur zu Gül.

– Hat das nicht bis morgen Zeit? fragte Fatma, doch Timur schüttelte nur den Kopf.

|36|– Geh schon, Gül.

– Aber ich weiß doch, wo die sind.

– Wo denn? fragte ihr Vater. Kindergerede.

Gül lief zur Fensterbank und legte ihre kleine Hand ungefähr dorthin, wo der Hohlraum war.

Fatma lächelte, hob Gül auf den Arm, küßte sie auf die Wange und sagte:

– Das hast du sehr gut gemacht. Es ist sehr gut, die Dinge, die im Haus passieren, nicht fremden Leuten zu erzählen. Bravo. Ich bin stolz auf dich, mein Schatz. Sehr gut hast du das gemacht.

Timur merkte, wie seine Hände jetzt anfingen zu zittern.

 

Gül erzählte auch umgekehrt das, was draußen geschah, nicht zu Hause. In diesem Sommer hatte sie wenig Lust, rauszugehen und mit den anderen Kindern zu spielen. Selbst wenn Fatma ihr auftrug, auf Melike aufzupassen, die immerzu raus wollte, fand Gül oft einen Vorwand, um im Sommerhaus zu bleiben oder allein im Garten zu spielen, im Schatten der Apfelbäume Häuser aus Lehm zu bauen oder Blumen zu pflücken, die sie ihrer Mutter schenkte.

– Warum spielst du denn nicht mit den anderen Kindern? fragte Fatma. Magst du die nicht? Im Dorf spielst du doch auch immer gerne mit den Kindern.

Gül zog die Schultern hoch und schwieg.

– Melike spielt auch gerne mit ihnen. Es sind doch nette Kinder, oder?

Fatma hatte Gül auf ihren Schoß gehoben. Gül zog wieder die Schultern hoch, aber sie legte den Kopf auf den Busen ihrer Mutter.

– Ärgern die anderen dich? Lachen sie dich aus?

Gül schüttelte den Kopf.

– Und warum lachen sie? Weil du beim Nachlaufen immer verlierst?

Gül schüttelte den Kopf und sagte:

– Nahlaufen.

|37|– Du bist doch beim Nachlaufen genauso schnell wie die anderen, es ist doch eigentlich alles in Ordnung.

– In Ornung, sagte Gül ganz leise.

Jetzt verstand Fatma sie.

– Sie lachen dich aus, weil du sprichst wie die Leute vom Dorf.

Gül senkte den Kopf.

– Aber das ist doch nicht schlimm. Wenn du ein paar Tage mit ihnen spielst, dann redest du bald genau wie sie, das lernst du schnell. Und bis dahin lachen sie dich ein-, zweimal aus, aber dann wird ihnen das zu langweilig. Du brauchst dich doch nicht zu schämen.

Und Fatma griff Gül unter die Achseln und lachte und fing an, sie auszukitzeln, erst langsam, doch schon bald balgte sie sich mit ihrer Tochter auf dem ...

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