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Die Tochter des Kardinals

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. Epilog

Über den Autor

Stefan Fandrey, geboren 1970 in Hamburg, studierte nach seinem Abitur einige Semester Volkswirtschaft, bevor er sich einem Germanistik- und Politikstudium zuwandte. Schon als Kind schrieb er seine ersten Geschichten auf. Mit der Zeit kam dann das Interesse an der Recherche hinzu – und seine Vorliebe für historische Schauplätze. »Die Tochter des Kardinals« ist sein zweiter Roman. Der Autor lebt mit seiner Freundin in Hamburg.

PROLOG

IRGENDWO IN ITALIEN, IM JAHRE DES HERRN 1570

Seit Tagen hatten sie die Sonne nicht mehr gesehen.

Kein Sonnenstrahl drang durch die dunklen Wolken. Es regnete wie seit Monaten nicht mehr. Die Kühe lagen müde und teilnahmslos auf den Weiden, die Schweine verspürten nicht die geringste Lust, sich im Schlamm zu suhlen. Kein Vogel, der fröhlich in den Baumwipfeln sang, kein Kind, das in den Gassen herumtollte, kein Bauer, der das Feld bestellte. Nur Regen, Blitz und Donner.

Die beiden Reiter, die an diesem Abend durch Dörfer und Wälder, über Wiesen und Äcker preschten, als wäre der Teufel hinter ihnen her, nahmen die Trostlosigkeit um sie herum kaum wahr. Ihre Blicke waren starr nach vorn gerichtet. Die Hufe der Tiere gruben sich tief in den aufgeweichten Boden und peitschten ihn auf. Die vereinzelten Rufe, mit denen sie ihre Pferde antrieben, waren die einzigen Laute, die aus ihrer Kehle drangen.

Dann plötzlich ein erstickter Schrei. »Halte ein!«, rief eine Frauenstimme.

Der zweite Reiter hielt sein Pferd an und machte kehrt. Neben der Frau angekommen, schob er die Kapuze seines Mantels in den Nacken. Zum Vorschein kam das hagere Gesicht eines Mannes von etwa dreißig Jahren. Das dichte schwarze Haar hing ihm im Nu in nassen Strähnen ins Gesicht. Aus gehetzten dunklen Augen starrte er seine Begleiterin an. »Was ist geschehen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, herrschte er sie an: »Wir müssen weiter. Eil dich!«

Sie schüttelte den Kopf und schob ebenfalls ihre Kapuze nach hinten. Lange dunkle Locken umrahmten ein zierliches blasses Gesicht. »Ich kann nicht mehr!«, stieß sie hervor.

»Was soll das heißen?«, fragte er. »Wir haben keine Zeit, zu rasten.«

»Ich glaube, es ist so weit«, keuchte sie.

»Was ist so weit?«

Trotz der Anstrengungen brachte sie ein Lächeln zustande. Und in diesem Augenblick verstand er. Er sah auf die Wölbung unter ihrem Mantel. »Du meinst …?«

Sie nickte mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Hastig sah er sich um. Dann zeigte er hinunter ins Tal. »Dort ist ein Dorf. Hältst du bis dorthin durch?«

Wieder nickte sie. Und während sie sich aufstöhnend nach vorn beugte und beide Hände auf ihren Bauch legte, griff er nach ihren Zügeln. So trabten sie dem Dorf entgegen.

Das Dorf bestand aus ärmlichen Häusern, die an einer breiten Straße und mehreren kleinen Gassen aneinandergereiht standen, die, Adern gleich, von der Hauptstraße wegführten. Aus wenigen Fenstern glomm Kerzenlicht zu den beiden nächtlichen Besuchern heraus. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

Der Regen wurde stärker. Die Tropfen prasselten auf ihre Köpfe wie Kieselsteine. Auf der Straße hatten sich große Rinnsale gebildet, durch die die Pferde jedoch mühelos hindurchstapften.

»Da ist eine Kirche!«, rief der Mann plötzlich und hielt auf das Gotteshaus zu, das sich über einem kleinen Platz in der Dorfmitte erhob. »Gott sei es gedankt.«

Vor der Kirche sprang er in den Schlamm und half seiner Begleiterin aus dem Sattel. Gemeinsam stiegen sie die drei Stufen zum Portal hinauf und stießen es auf. Im Innern der Kirche herrschte Dunkelheit. Nur auf dem Altar brannte eine Kerze. Er führte sie durch das Kirchenschiff bis vor den Altar. Dann nahm er die brennende Kerze und entzündete damit alle Kerzen, die er finden konnte. Währenddessen bereitete sie vor dem Altar unter den wachenden Augen einer Madonnenfigur ein Lager aus ihrem nassen Mantel und einer ebenso nassen Decke und legte sich ächzend darauf nieder.

Hastig kehrte er zu ihr zurück und knöpfte seinen Mantel auf. Darunter kam die schwarze Soutane eines Priesters zum Vorschein. Er nahm den Mantel und legte ihn unter ihren Kopf. »Was soll ich nun tun?«, fragte er.

»Wasser …«, presste sie hervor.

Suchend sah er sich um, eilte zum Taufbecken und nahm die bronzene Schale heraus. Dann lief er hinaus ins Freie. Vor der Tür stellte er die Schale in den strömenden Regen. Innerhalb weniger Augenblicke war sie bis zum Rand vollgelaufen. Beinahe zärtlich hob er die Schale auf und trug sie zurück zum Altar. Er stellte die Schale ab und kniete sich unschlüssig vor seine Begleiterin, die in regelmäßigen Abständen aufstöhnte. Ihr Gesicht war rot und glänzend wie im Fieberwahn.

Wieder schrie sie auf, und ein Schwall klaren Wassers ergoss sich aus ihrem Schoß auf die Decke. Er schob das blutrote Kleid aus Brokat über ihre angewinkelten Beine bis zur Hüfte hoch. Anschließend zog er ihr vorsichtig ihre Beinkleider aus. Hilflos blickte er auf ihre geöffnete Scham. Die Schreie der Frau wurden lauter, fordernder, verzweifelter. Zwischendurch presste sie hechelnd.

Er schaute hinauf zur Madonnenfigur im Tabernakel und betete leise.

Da packte sie ihn am Ärmel. »Deine Gebete helfen jetzt nicht weiter!«, stieß sie hervor.

»Dann sag mir, was ich tun muss«, erwiderte er. »Ich habe so etwas noch nie gemacht.«

»Ich auch nicht!«, brüllte sie. »Versuch, ob du den Kopf fühlen kannst.«

Mit zitternden Händen tastete er sich in ihre Scham. »Ich kann ihn nicht fühlen. Vielleicht liegt das Kind falsch.«

»Verdammt!«, stöhnte sie und schrie sogleich wieder auf. »Nun kann allein ein Wunder helfen.«

Und das Wunder trat ein. Plötzlich öffnete sich das Kirchenportal, und eine Nonne, wohl durch die Schreie aufmerksam geworden, erschien in der Tür. Ein Windstoß blies durch das Gemäuer und ließ die Kerzen flackern.

Der Priester sprang auf und eilte ihr entgegen. »Euch schickt der Himmel!«

»Reverendo«, sagte die Nonne und starrte an ihm vorbei zu der stöhnenden Frau vor dem Altar. »Was geschieht hier?«

Er griff sie am Arm und zog sie mit sich. Die Nonne verstand sofort und kniete sich nieder. »Ist ihr Wasser bereits abgegangen?«, fragte sie.

»Ja, vor wenigen Augenblicken«, antwortete er. »Aber der Kopf … Irgendetwas ist nicht so, wie es zu sein hat.«

Mit sorgenvoller Miene befühlte die Nonne die Lage des Kindes. »In der Tat«, murmelte sie. »Ich muss es wenden, dass es mit dem Kopf voran den Schoß der Mutter verlässt.« Sie bewegte ihre Finger sachte vorwärts und führte kleine ruckartige Bewegungen aus.

Der Priester sah zu seiner Begleiterin auf. »Sie atmet kaum noch!«

Der Kopf der Nonne schnellte hoch. »Wir verlieren sie«, keuchte sie, und ihre Hände arbeiteten noch flinker.

Angstvoll ging der Priester auf und ab. Immer wieder hockte er sich neben die werdende Mutter und benetzte ihre Stirn. Ihre Brust hob und senkte sich langsam, ihr Atem ging stetig flacher.

Die Zeit verstrich. Der Priester ließ die Nonne wortlos ihre Arbeit verrichten. Rastlos streifte er durch die Kirche, kniete betend vor der Madonna, ging vor die Tür und kam wieder zurück. Seine Begleiterin, bleich und apathisch, stöhnte wie im Delirium.

Und dann: Ein Schrei! Die Nonne hielt das neugeborene Leben in beiden Händen. Sie biss die Nabelschnur durch und band beide Enden mit Streifen ab, die sie sich aus ihrem Gewand gerissen hatte. »Ein Mädchen.« Sie lächelte. Anschließend wusch sie es mit dem Wasser aus der Schale.

Der Priester hatte keine Augen für das Kind. Er hielt die Hände der Mutter. Nur schwach erwiderte sie den Druck. Plötzlich schlug sie die Augen auf. Sie löste ihre Hände aus den seinen und streckte sie der Nonne entgegen. Die reichte ihr den Säugling.

Während die junge Frau ihr Kind voller Glück an ihre Brust hielt, bemerkte der Priester das blutige Rinnsal, das unter ihrem Kleid hervor über die Stufen des Altars sickerte. Er schaute die Nonne an. Sie erwiderte seinen Blick und schüttelte unmerklich den Kopf.

Dann starb die junge Frau. Es schien, als würde sie einfach einschlafen. Sie lächelte noch einmal, schloss die Augen, und ihr Kopf fiel sanft zur Seite.

Die Nonne bekreuzigte sich und nahm das Kind vom Leib seiner toten Mutter.

Der Priester streichelte über die Stirn seiner Begleiterin, faltete die Hände und betete. Schließlich stand er auf, und sein Blick wurde kalt und starr. »Aus welchem Kloster seid Ihr?«, fragte er die Nonne, ohne sie anzusehen.

»Aus dem Kloster Santa Annunziata«, gab die Nonne zurück. »Es liegt gleich in der Nähe.«

»Gut«, sagte er. »Versprecht mir, das Kind in Euren Konvent aufzunehmen und es zu einer guten Christin zu erziehen.«

Sie riss die Augen auf. »Wo ist der Vater des Kindes? Es sollte in seine Obhut, Reverendo.«

»Es gibt keinen Vater«, sagte er. »Versprecht Ihr mir das?«

Die Nonne nickte.

»Gut«, sagte er wieder, hob seinen Mantel auf und beugte sich über die tote Frau. Ein letztes Mal strich er über ihr Gesicht. Dann wandte er sich schnell ab und strebte dem Portal entgegen.

Als er es öffnete, rief die Nonne ihm hinterher: »Welchen Namen soll ich dem Kind geben, Reverendo?«

Er drehte sich um und starrte sie ratlos an. »Wie heißt dieser Ort hier?«

»Giulianova«, rief sie zurück.

»Dann nennt sie Giulia.« Ohne ein weiteres Wort verschwand er im tosenden Orkan.

Die Nonne sah ihm noch lange nach. Dabei wiegte sie die kleine Giulia zärtlich in ihren Armen.

1

ROM, 19 JAHRE SPÄTER

»Schläfst du?«, fragte eine dunkle Frauenstimme.

Der Mann, der neben ihr auf dem Bett lag, schlug die Augen auf. »Mitnichten«, sagte er und drehte sich auf den Rücken. Er streckte eine Hand aus, streichelte über ihre Wange und strich die lockigen schwarzen Strähnen aus ihrem jungen Gesicht.

Sie nahm die Hand und küsste jeden einzelnen Finger. »Woran denkst du?«

Lächelnd entzog er ihr seine Hand und legte sie unter seinen Kopf. »Allegra«, sagte er, »meinen Körper weihe ich deiner Jugend und Schönheit, meine Gedanken jedoch verbleiben dort, wo sie sind.« Er tippte an seine Schläfe.

Allegra warf lachend den Kopf in den Nacken. »Das war früher einmal anders, Callisto.«

»Früher?«, echote Callisto. »Seit wann teilen wir das Bett? Seit einem Jahr?«

»Oh …« Allegra streichelte ihm über den Bauch und schürzte die Lippen. »Sind wir heute ein wenig griesgrämig?«

»Nein«, gab er zurück. »Allein dein Begriff von Zeit ist mir fremd.« Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den Baldachin über dem Bett.

Wieder lachte sie. »Zeit ist nichts als ein leeres Wort. Ein Jahr vergeht für mich ebenso zügig oder langsam wie für dich.«

»Das«, sagte er und sah sie an, »ist bloßer Unfug. Dein müßiges Kurtisanenleben vermag schnell oder langsam zu vergehen, doch hängt es von den Umständen ab. Hier in meinem Bett eilt die Zeit gewiss, aber lasse ich dich in den Kerker von Torre di Nona werfen, glaube mir, mein Kind, werden Stunden zu Tagen und Tage zu Monaten.«

Schmollend warf sie sich auf den Rücken und zog das Laken bis unter das Kinn. »Es ist nicht nötig, mir zu drohen.«

»Drohen?«, fragte er. »Warum sollte ich dir drohen?«

»Das frage ich dich!«

Wieder lächelte er. Es war ein kaltes, versteinertes Lächeln.

»Er ist es, nicht wahr?«, fragte sie.

Blitzschnell legte er seine Hand auf ihre Lippen. »Nenne seinen Namen nicht!«

Allegra riss die Augen auf und schob seine Hand weg. »Wusste ich es doch. Seinetwegen bist du seit Wochen gereizt wie ein toller Hund.«

»Du weißt gar nichts«, entgegnete Callisto.

»Wann gedenkst du, endlich etwas gegen ihn zu unternehmen?«

»Sei still«, sagte er und schloss die Augen.

Sie richtete sich auf und sah ihn herausfordernd an. »Pah!«, machte sie. »Letztendlich bist du nicht besser als die anderen großmäuligen Schwächlinge. Ihr schwatzt von Veränderungen, von Dingen, die in die Hand genommen werden müssen. Aber am Ende seid ihr alle nur kleine, feige Maden.«

Allegra sah den Hieb nicht kommen. Callistos Hand traf sie am Kinn, und mit einem Schrei stürzte sie aus dem Bett auf den kalten Boden. Er beugte sich zu ihr hinunter. »Hüte deine Zunge, Hure! Oder ich lasse sie dir mit heißem Eisen herausschneiden. Das Privileg, in meinem Bett zu sein, lässt dich deine Stellung vergessen.«

Sie saß eingeschüchtert da und starrte ihn wortlos an. Ein dünner Blutfaden rann aus ihrem Mundwinkel.

Callisto klatschte dreimal laut in die Hände. Sogleich trat ein Diener ein. »Der Ankleider soll kommen!«

Der Diener verneigte sich und verschwand. Kurz darauf klopfte es, und der Ankleider betrat das Gemach. Die Gewänder, die er auf den Armen trug, legte er neben einem Paravent auf einen mit Goldfäden bestickten Stuhl. An der Wand darüber hing ein farbenprächtiger Gobelin.

Ohne Allegra zu beachten, stand Callisto auf. Nackt wie er war, ging er durch den großen Raum und stellte sich hinter den Paravent. Der Ankleider begann unverzüglich mit seiner Arbeit. Als Letztes setzte er Callisto den Purpurhut auf das Haupt.

Callisto kam hinter dem Paravent hervor, besah sich in einem mannshohen goldgefassten Spiegel und richtete hier und da noch eine Kleinigkeit.

»Habt Ihr weitere Wünsche, Eminenz?«, fragte der Diener.

»Nein«, antwortete Callisto, ohne den Blick von seinem Ebenbild zu wenden. »Du kannst gehen.«

»Sehr wohl, Eminenz«, sagte der Diener und verschwand.

Allegra war zurück in das Bett gekrochen. »Wann wirst du zurück sein?«, fragte sie, als wäre nichts geschehen.

»Ich weiß es nicht«, sagte Callisto. »Ich sorge dafür, dass es dir während meiner Abwesenheit an nichts mangelt.«

»Mir hat es in deinem Haus noch nie an etwas gemangelt«, sagte sie mit einem schnippischen Unterton. Dann fügte sie liebevoll hinzu: »Komm wohlbehalten zurück.«

»Warum sollte ich nicht?«, fragte Callisto und zog eine Augenbraue hoch. »Seit wann ist dir mein Wohlbefinden derart wichtig?«

»Dass es dir gut geht, ist mein alleiniges Bestreben, Callisto«, hauchte Allegra mit einem betörenden Augenaufschlag.

An der Tür drehte sich Callisto noch einmal um. »Dein alleiniges Bestreben ist es, die Kurtisane des Papstes zu sein«, sagte er und verließ das Zimmer.

»Die Kurtisane des Papstes«, flüsterte Allegra, nachdem die Tür zugefallen war. »Das klingt bezaubernd.«

Vor dem mächtigen Portal des Palazzo warteten vier Träger mit einer Sänfte, an deren Seiten das Wappen von Kardinal Callisto Carafa prangte: ein silbernes Kreuz und ein Schwert gekreuzt auf rotem Grund. Darüber der purpurne Kardinalshut mit jeweils fünfzehn Quasten an den Seiten, darunter in verschnörkelten goldenen Lettern der Wappenspruch des Kardinals: Vox Temporis – Vox Dei. Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes.

Carafa stieg in die Sänfte. Kaum hatte er Platz genommen, hoben die Träger die Sänfte an. »Zum Quirinalspalast!«, rief der Kardinal und zog die Vorhänge aus rotem Samt zu. Sogleich setzten sich die Träger in Bewegung.

Die Sommerresidenz des Papstes lag etwa eine Stunde von Carafas Palazzo entfernt, im Norden der Stadt, auf dem baumbestandenen Quirinalshügel. Dort hatten sich reiche Römer Villen bauen lassen. Es hieß, die Luft hier oben wäre besser als unten in der Stadt. Gebaut wurde noch immer. Selbst der Palast des Papstes war nach fünfundzwanzigjähriger Bauzeit bei Weitem nicht fertiggestellt. Papst Sixtus V. hielt Unsummen bereit, um die Residenz nach seinen Wünschen erweitern zu lassen. Man sprach von über einer Million Scudi, die er bereits verbaut haben sollte. Ein Ende der Bauwut war nicht abzusehen. Zurzeit wurden die Arbeiten an dem zur Piazza del Quirinale gelegenen Westflügel abgeschlossen.

Vor den Toren des Palastes ließen Carafas Träger die Sänfte zu Boden. Wortlos stieg er aus. Den Soldaten der Schweizergarde war er bekannt, sodass er ungehindert passieren durfte. Im Innenhof ging er um den Springbrunnen herum, in dessen Mitte ein Delphin aus Marmor Wasser versprühte, und vorbei an Ölbäumen, die den gesamten Hof umrahmten. Dann betrat er den Palast. Drinnen umgab ihn angenehme Kühle. Seine Schritte auf dem weißen Carrara-Marmor hallten von den hohen Wänden wider, als er zügig an den Statuen längst verstorbener Päpste vorbeieilte.

Vor einem großen Portal standen zwei weitere Soldaten der Schweizergarde. Als sie den Kardinal kommen sahen, öffneten sie die Türen.

Eine dunkle Stimme, die maßlose Verärgerung ausdrückte, drängte ihm entgegen: »Wir erwarten Euch bereits.«

Carafa atmete tief durch und trat ein.

Erst Stunden später, es war inzwischen später Nachmittag, öffneten sich die Tore wieder. Das Konsistorium war beendet. Vierzig Kardinäle strömten teils schweigend, teils leise miteinander redend aus dem Saal. Gemeinsam mit den Kardinälen Primo Pozzi und Giambattista Castagna verließ Carafa das Konsistorium als einer der Letzten. Schweigend gingen sie durch den Palast, bis Carafa die Kardinäle in eine Nische in einem menschenleeren Nebenflügel führte. Vor einer Büste Papst Alexanders VI. blieben sie stehen.

Pozzi, ein kleiner, feister Mann mit buschigen Augenbrauen und spärlichem Haarkranz, sah Carafa erwartungsvoll an.

»Das Maß ist voll«, sagte dieser.

Castagna, einige Jahre älter und größer als Pozzi und Carafa und von kräftigem Körperbau, richtete seine wachen dunklen Augen auf Carafa. »So ist es schon seit Langem, wie wir wissen«, sagte er.

»Schreiten wir nicht umgehend ein, treibt das Gespenst der Reformation uns alle aus Rom hinaus«, fuhr Carafa fort.

Castagna hob beschwichtigend die Hände. »Sein beharrlicher Kampf gegen die Hugenotten hat längst ein deutliches Zeichen der einzig wahren Kirche gegen die ketzerischen Lutherböcke gesetzt.«

»Aber durch sein Geplänkel mit König Philipp wird die heilige Mauer wieder brüchig«, erwiderte Carafa.

»Carafa hat recht«, warf Pozzi ein. »Solange das Reich mit der Pest des Protestantismus befallen und Frankreich mit den Hugenotten beschäftigt ist, bleibt Spanien der wichtigste Verbündete in unserem geheiligten Kampf. Die ständigen Auseinandersetzungen mit Philipp richten nur Schaden an.«

»Zudem«, ergänzte Carafa, »lässt er den Jesuiten, den Einzigen, die das reformatorische Gespenst aus den Köpfen der Menschen mit Gottes Wort und nicht mit dem Schwert zu vertreiben vermögen, keinerlei Unterstützung angedeihen.«

Pozzi nickte heftig.

Carafa spie auf den glänzenden Marmorboden. »Schon als er seinen vierzehnjährigen Großneffen zum Kardinal bestimmte, brach er alle Absprachen mit den Kardinälen. Wir hätten ihn niemals wählen dürfen!«

Noch immer nickend, sagte Pozzi: »Ganz meine Meinung. Und was macht der dekadente Adoleszent seitdem? Er vergrößert seinen Reichtum in gleichem Maße wie seinen Bestand an Huren.«

»Gottes Werk dienten seine Taten bisher nicht«, stimmte Carafa zu.

»Vergessen wir nicht, dass er die Zahl der Mitglieder des Kardinalskollegiums auf siebzig erhöht hat«, ergänzte Pozzi. »Mir scheint, diese Entscheidung hat ihre Wurzeln allein in dem Wunsch, seine Nepoten zu protegieren.«

»Folglich müssen wir etwas unternehmen«, sagte Carafa. »Wir dürfen nicht länger zaudern, sondern müssen entschlossen handeln. Es kann nicht der Wille des Herrn sein, dass ein schwacher, eitler Papst das Bollwerk der katholischen Kirche gegen die Häresie der Protestanten bildet.«

Da lächelte Castagna. »Ich kenne Euch schon lange, Callisto«, sagte er. »Lange genug, um Euch den Kämpfer für den einzig wahren Glauben nicht ganz abnehmen zu können.«

Carafa verengte die Augen zu Schlitzen. »Wie darf ich Euch verstehen?«

Das Lächeln auf Castagnas Lippen erstarb nicht, sondern wurde sogar noch breiter. »Euch geht es allein um Macht.« Sogleich hob er die Hände. »Nein, bitte, missversteht mich nicht. Ich schätze Männer, die ein klar umrissenes Ziel verfolgen. Als Vizekanzler der Kirche bekleidet Ihr das zweithöchste Amt im Vatikan – aber eben nur das zweithöchste. Ihr habt nie einen Hehl daraus gemacht, wozu Ihr Euch eigentlich berufen fühlt. Und Ihr, Primo.«

Pozzi starrte Castagna an, als könne dieser ihn auf der Stelle zerreißen wie der Wolf das Lamm.

»Euch«, sagte Castagna, »geht es nur um eines: Gold, Silber und Juwelen. Verzeiht, das waren gleich drei Dinge.«

Pozzi stand sprachlos da. Fast schien es, als wolle er Castagna an die Gurgel springen. »Was …«, brachte er schließlich hervor, »was fällt Euch ein?«

»Während es Callisto nach dem apostolischen Stuhl dürstet«, sagte Castagna ungerührt, »verlangt Euer florentinisches Kaufmannsherz allein nach weltlichen Dingen. Die Vergrößerung des Kardinalskollegiums trifft Euch nicht in Eurem Gewissen, sondern in Eurem Geldbeutel. Jeder Kardinal mehr bedeutet weniger Einnahmen bei den anderen Kardinälen. Und der Segen des Nepotismus dürfte Euch auch nicht fremd sein.«

Pozzi wollte schon etwas entgegnen, doch Carafa kam ihm zuvor. »Genug geschwatzt!«, polterte er. »Bei unserem letzten Treffen standet Ihr in unserer gemeinsamen Sache noch wie ein Fels. Nun beleidigt Ihr Pozzi und mich, als wären wir dreckige Straßenräuber.«

»Oh!«, rief Castagna und hob entschuldigend die Hände. »Beleidigt hätte ich Euch, hätte ich die Unwahrheit gesagt. Schwört beim Kreuze des Herrn, dass ich gelogen habe, und unverzüglich bitte ich Euch um Verzeihung. Nun?« Er sah die Kardinäle fragend an.

Während Pozzi mit dem Schuh einen imaginären Fleck auf dem Boden fortzuwischen versuchte, hielt Carafa dem Blick Castagnas stand. »Ich schulde Euch keinen Schwur«, sagte er. Seine Nasenflügel bebten vor Zorn. »Doch von Euch will ich hier und jetzt wissen, ob wir auf derselben Seite stehen oder ob Ihr Eure Gesinnung gewechselt habt wie die Huren in Eurem Bett?«

»Vergesst nicht«, sagte Castagna, »dass protestantische Teufel meinen Bruder und meine Neffen gemeuchelt haben. In unserem Kreis bin ich wohl der Einzige, dem aus tiefstem Herzen daran gelegen ist, die Reformation zu ersticken wie ein wild brennendes Feuer. Item bin ich der Ansicht, dass Sixtus in keinster Weise der richtige Mann auf dem Heiligen Stuhl ist, dem die Kraft und Entschlossenheit zuzutrauen wäre, dieses Ziel zu erreichen.«

»Was soll dann dies ganze Gewäsch?«, wollte Carafa wissen.

Castagna blieb die Ruhe selbst. »Ich möchte nur betonen«, sagte er, »dass, obgleich wir dasselbe erreichen wollen, unsere Motive nicht dieselben sind.«

Carafa atmete tief durch. Die Zornesröte wich allmählich aus seinem Gesicht. »Ich denke«, sagte er, wobei er Pozzi ansah, »dass Eurem Verlangen nach Offenheit hiermit Genüge getan wurde.«

»Gewiss«, sagte Castagna.

»Wohlan«, sagte Carafa. »Wir sind uns folglich einig, dass die Zeit reif ist, unseren Plan zum Wohle der Christenheit auszuführen.«

Castagna und Pozzi nickten.

»Wie steht es um die anderen Kardinäle?«, wollte Castagna wissen. »Ohne sie ist es unmöglich, unser Vorhaben zu einem glücklichen Ende zu führen und Euch auf den Heiligen Stuhl zu setzen.«

»Ich habe hier und da unverfängliche Gespräche mit einigen von ihnen geführt«, antwortete Carafa. »Toscani, Delgado, Mambelli und Lombi sind eindeutig gegen den Papst, auch wenn sie dies nicht offen darlegen. Ihre Äußerungen sprechen eine deutliche Sprache. Rinaldi, Valdemarin, Ortlano und Petit schreibe ich eher der anderen Seite zu. Ihnen hat Sixtus ohnehin große Summen für seine Wahl gezahlt. Hautepierre und Grazioli ist es völlig gleich, wer auf dem Heiligen Stuhl sitzt, solange ihre Einnahmen nicht beschnitten werden.«

Nachdenklich rieb sich Castagna am Kinn. »Hinter Delgado stehen die gesamten Spagnoli. Das ist gut. Hinter Petit allerdings versammeln sich die französischen Kardinäle. Das ist schlecht.«

»Mit den Stimmen der Italiener und Spanier ist meine Wahl gesichert«, erwiderte Carafa.

»Allein … nicht alle Italiener würden Euch wählen, Callisto«, gab Castagna zu bedenken. »Und dann besteht die Gefahr, dass wir als Papstmörder mit abgezogener Haut auf dem Scheiterhaufen landen.«

»Jeder Kardinal ist käuflich«, warf Pozzi ein. »Hier ein Bistum, dort eine Grafschaft. Das hat noch jeden umgestimmt.«

Spöttisch blickte Castagna auf Pozzi hinunter. »Verzeiht, aber Euer Denken ist simpel.«

»Ich darf ja wohl bitten!«, polterte Pozzi.

Carafas scharfe Stimme unterbrach die beiden. »Genug! Pozzi hat recht. Noch kein Papst hat seine Wahl ohne den großzügigen Einsatz von Gold und Pfründen gewonnen. Die Zeiten haben sich nicht geändert.«

»Nun«, sagte Castagna gedehnt. »Ich nehme an, Ihr habt längst einen Plan ausgearbeitet, der Sixtus’ Ende einläutet. Erzählt uns davon.«

Carafa lächelte kalt. »Gewiss«, sagte er.

2

Nachdem Carafa geendet hatte, trennten sich die drei und verließen den Quirinalspalast in verschiedenen Richtungen.

Carafa stieg in die wartende Sänfte und ließ sich heimtragen.

In seinem Palazzo angekommen, begab er sich sogleich in das erste Geschoss. Allegra lag noch immer in seinem Bett. »Du bist schon zurück?«, fragte sie schläfrig, rieb sich die Augen und schob die seidene Decke fort, sodass ihr nackter Leib zum Vorschein kam.

»Wie du siehst«, gab er zurück, ohne ihr Beachtung zu schenken. Er warf seinen purpurnen Umhang auf einen Stuhl, legte seinen Hut darauf und klatschte dreimal in die Hände.

Ein Diener trat ein. Er verneigte sich tief und wartete auf die Befehle seines Herrn.

»Der Ankleider soll mir meine Straßenkleider bringen«, sagte Carafa. »Du weißt, wovon ich spreche?«

»Gewiss, Euer Eminenz«, sagte der Diener und verschwand.

»Was hast du vor?«, wollte Allegra wissen. Sie hatte die Decke wieder über ihren Körper gezogen.

»Du stellst zu viele Fragen«, sagte Carafa, während er zu einem Schrank ging. Er öffnete ihn, entnahm ihm einen Dolch, eine Pistole und ein verziertes Silberkästchen und legte alles auf den Kirschholztisch in der Mitte des Gemachs.

Es klopfte. Der Ankleider trat ein, in den Händen die gewünschten Kleider. Stumm legte er sie hinter den Paravent, wo er auf Carafa wartete.

Nachdem er angekleidet war, schickte Carafa den Ankleider hinaus. Dann trat er hinter dem Paravent hervor. Seine Beine steckten in dreckigen, zerschlissenen Hosen. Darüber trug er ein löchriges braunes Hemd und eine alte schwarze Jacke. Die schwarzen Stiefel waren nicht weniger alt und ausgetreten.

»Du gehst zu Anatol«, sagte Allegra.

»Es ist besser für dich, wenn du nicht allzu viel weißt«, antwortete Carafa. Er ging zurück zu dem Tisch, öffnete das Kästchen und holte ein Ledersäckchen und eine silberne Pulverbüchse heraus. Beides steckte er in seinen breiten Gürtel. Dazu kamen Dolch und Pistole.

Allegra sprang aus dem Bett, lief zu Carafa und nahm sein Gesicht in ihre Hände. »Was willst du von Anatol?«, fragte sie. »So sag es mir doch.«

»Hörst du mir nicht zu?«, fragte er. Er wandte sich ab und ging zur Tür. Dort warf er ihr einen letzten Blick zu. Dann verschwand er.

Wie auf Kommando schauten die Diener und Mägde zu Boden, als Carafa durch seinen Palazzo schritt. Durch die Küche erreichte er die Stallungen auf der Rückseite des Palastes. Hier sattelte er einen alten Klepper. Carafa fuhr mit einer Hand über den Boden und schmierte sich den Dreck auf Wangen und Stirn. Der alte Hengst schnaufte, als Carafa in die Steigbügel stieg.

Er ritt die Via del Pellegrino hinauf. Die unzähligen Händler, die hier Fleisch, Fisch, Brot oder Töpferwaren anboten, beachtete er nicht. Er hielt sich in westlicher Richtung. Die Straßen wurden stetig enger.

Schließlich gelangte er an den Tiber. Auf der anderen Seite erhob sich groß und wuchtig die Engelsburg. Vor ihm lag das Viertel Torre di Nona, das die Römer schlicht Hurenviertel nannten. Kaum hatten ihn die dreistöckigen Wohnhäuser wie ein warmer Schoß empfangen, erblickte Carafa auch schon die ersten Dirnen. Sie schauten, auf rote Kissen gelehnt, aus den oberen Stockwerken auf die Kavaliere herunter, die unten auf der Straße die Preise aushandelten. Die Hitze in diesen engen Gassen war unerträglich. Eine widerwärtige Mischung aus Staub und Schweiß lag schwer in der heißen Luft.

Mitten im Hurenviertel stieg Carafa ab. Er führte sein Pferd durch Hinterhöfe voller Unrat. Herrenlose Hunde und Ratten stoben davon. Zerlumpte Kinder spielten im Dreck. Aus glanzlosen Augen beobachteten sie den Unbekannten mit dem alten Pferd, der sich bemühte, schnell weiterzukommen.

Vor einem halb zerfallenen Haus aus Stein, von dessen Dach schon die Schindeln fielen, band Carafa den Hengst an. Er ging zur Tür, die nur noch schief in den Angeln hing, und klopfte zuerst dreimal, dann zweimal, dann einmal. Schließlich trat er ein. Drinnen empfing ihn dämmriges Licht, das durch die Ritzen in den geschlossenen Fensterläden hereindrang.

»Eminenz?«, sagte eine dumpfe männliche Stimme neben Carafa.

Der Kardinal wandte den Kopf. »Nenn mich nicht so«, sagte er. »Und steck die Pistole fort.«

Der Mann legte die gespannte Pistole neben sich auf einen Stuhl.

Carafa rümpfte angewidert die Nase. »Angesichts der Apanage, die ich dir zukommen lasse, könntest du dir etwas Besseres leisten, Anatol.«

Anatol, ein Mann von etwa dreißig Jahren, lächelte. Sein Gesicht war hager, die faltige Haut von der Sonne gegerbt. Die mehrfach gebrochene Nase und die gefühllos blickenden dunklen Augen verliehen ihm etwas Brutales und Kompromissloses. Er war ähnlich gekleidet wie Carafa. »Ein Mann wie ich mit einem Haus am Campo de’ Fiori? Euer Humor ist heute wieder außergewöhnlich, Signore.«

»Wie dem auch sei«, murmelte Carafa. »Bist du allein?«

»Gewiss«, antwortete Anatol.

Mit einer Hand zog Carafa einen alten Stuhl unter dem einzigen Tisch in der Mitte des Raums hervor. Als er Platz nahm, ächzte das Holz. »Setz dich«, forderte er Anatol auf.

Plötzlich ruckte Anatols Kopf herum. An einem Fenster war das verhärmte Gesicht eines etwa zwölfjährigen Knaben aufgetaucht. In einer einzigen Bewegung griff Anatol nach seiner Pistole, zielte und drückte ab. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, und eine Rauchwolke, die beißend nach Schießpulver roch, erfüllte den Raum. Anatol rannte zum Fenster. »Verdammt!«, rief er. »Elendes Diebesgesindel.«

»Du hast schon besser geschossen«, meinte Carafa.

»Die Pistolen sind alt, das Pulver schlecht«, sagte Anatol entschuldigend.

»Hm«, machte Carafa. Er deutete auf einen Stuhl, und nachdem Anatol sich gesetzt hatte, fuhr er fort: »Du wirst bald Gelegenheit erhalten, dir neue Waffen zu besorgen.«

Anatol zog interessiert die Brauen hoch. »Ihr habt einen Auftrag für mich?«

»In der Tat.«

»Dann hole ich Wein, auf dass wir unser Geschäft begießen«, sagte Anatol. Er stand auf, ging hinüber in die kleine Küche und kam mit einem Krug Wein und zwei Gläsern zurück. Sogleich schenkte er sie voll. »Wohlan, was wünscht Ihr, dass ich für Euch erledige?«

»Es geht um einen Mord«, sagte Carafa. Widerwillig nippte er an dem schmutzigen Glas und stellte es zurück auf den Tisch.

Begeistert klatschte Anatol in die Hände. »Ausgezeichnet«, sagte er. »Wer ist es? Jemand, den ich kenne?«

»Oh, gewiss kennst du ihn«, antwortete Carafa.

»Dann spannt mich nicht auf die Folter.«

»Es ist der Heilige Vater höchstselbst.«

Um ein Haar wäre Anatol vom Stuhl gefallen. Er rang nach Luft und trank sein Glas in einem Zug leer. Dann stand er auf und ging um den Tisch herum. Mit beiden Händen fuhr er durch sein schwarzes Haar. »Ihr beliebt zu scherzen«, stöhnte er.

»Mitnichten«, sagte Carafa. »Dein Auftrag ist es, Sixtus zu ermorden.«

»Der Heilige Vater«, stammelte Anatol. »Ihr könnt nicht allen Ernstes von mir verlangen, den Stellvertreter Christi zu ermorden.«

»Pah!«, machte Carafa. »Sein Pontifikat ist mit barer Münze gekauft. Im Konklave gab es keine Spur vom Heiligen Geist. Er ist ein Mann wie jeder andere.«

Noch immer konnte Anatol sich nicht beruhigen. »Dennoch …«, sagte er. »Dafür wird mir ewiges Höllenfeuer gewiss sein.«

»Das ist dir schon längst gewiss«, spottete Carafa. »Wie viele Menschen hast du getötet? Zwei Dutzend, drei Dutzend?«

»Ihr habt mir jedes Mal die Absolution erteilt«, entgegnete Anatol.

»Und du wirst sie auch dieses Mal erhalten«, sagte Carafa. »Zudem … zehntausend Scudi sollten dein Gewissen im Zaum halten.«

Anatol hielt inne. Seine Augen wurden groß, und er schnappte nach Luft. »Bitte, wiederholt, was Ihr soeben gesagt habt.«

Carafa lächelte. »Du bekommst zehntausend Scudi für den Mord an Sixtus.«

Sofort setzte sich Anatol wieder an den Tisch. »Zehntausend«, wiederholte er und starrte zu Boden. »Das ist ein Vermögen.«

Carafa nickte nur.

»Nur … Wie soll ich nahe genug an ihn herankommen?«, fragte Anatol. »Kein Mensch auf Erden ist besser bewacht als der Papst. Außerdem muss ich bei lebendigem Leibe fortkommen. Zehntausend Scudi sind viel Geld für einen Mann, der lebt, aber wertlos für einen Mann, der tot ist.«

»Diese Fragen kann ich dir beantworten«, sagte Carafa. Dann gab er Anatol genaue Anweisungen.

Nachdem der Kardinal geendet hatte, sagte Anatol: »Fürwahr, Euer Plan könnte funktionieren.«

»Wohlan«, sagte Carafa und erhob sich. »Übermorgen ist Sixtus tot, und du bist ein reicher Mann.«

Ohne ein weiteres Wort verließ er das Haus, stieg auf sein Pferd und ritt davon.

Anatol saß noch eine Weile nachdenklich da. Schließlich stand auch er auf. Ein Blick aus dem Fenster sagte ihm, dass die Diebesbuben nicht mehr um sein Haus schlichen. So verließ er sein Heim.

Zügig ging er durch die halbe Stadt, schließlich überquerte er auf der Ponte Sisto den Tiber. Dahinter lag der Borgo, ein Viertel mit unzähligen kleinen Gassen und Tavernen. Von hier aus war nicht weit bis zum Petersdom, der sich wuchtig auf dem Vatikanischen Hügel erhob.

Anatol achtete nicht auf die reichhaltigen Auslagen in den Fenstern der Geschäfte. Sein Ziel lag inmitten des Borgo.

Vor einer Apotheke hielt er inne. Kurz verharrte er – dann trat er ein.

Der Apotheker, ein alter, gebeugter Mann mit dicker roter Nase und weißem Haarkranz, begrüßte ihn mit gezügelter Freundlichkeit. Er stand hinter einem Tresen mit allerlei Fläschchen, Kästchen und Pülverchen. »Ihr wünscht?«, fragte er, während sein Blick über die armselig aussehende Gestalt glitt.

»Seid gegrüßt, werter Apotheker.« Anatol lächelte und verbeugte sich.

Der Apotheker winkte ab. »Ja, ja«, sagte er. »Was also wünscht Ihr?«

Noch immer lächelnd sah Anatol sich um. Hinter dem Apotheker standen deckenhohe Wandregale, vollgestellt mit den unterschiedlichsten Substanzen. An der linken Seite befand sich eine halb geöffnete Tür, die tiefer in das Haus hineinführte. »Ihr seid ganz allein?«, fragte Anatol.

Die Stimme des Apothekers wurde ungehalten. »Wie Ihr seht. Nun zum letzten Male: Was wollt Ihr?«

Freundlich hielt Anatol dagegen: »Verzeiht meine Unhöflichkeit«, sagte er. »Euer Ruf als vorzüglicher Meister der Arzneien eilt Euch weit voraus. Ich bin es nicht gewohnt, mit derlei angesehenen Bürgern Roms zu sprechen.«

Die Schmeicheleien schienen an dem Apotheker abzuprallen. »Nun sagt mir, was ich für Euch tun kann, oder ich werfe Euch eigenhändig hinaus.«

»Ich habe nur eine bescheidene Bitte, guter Mann«, sagte Anatol. Er trat auf den Apotheker zu. Der wich unwillkürlich zurück. »Ich benötige den Saft der unreifen Früchte des Schierlings. Nur einen Becher voll.«

Das rote Gesicht des Apothekers wurde mit einem Schlag weiß. »Ihr bittet um Schierlingssaft?«, keuchte er. »Was in Gottes Namen habt Ihr damit vor? Er tötet einen Menschen binnen Augenblicken.«

Wieder lächelte Anatol. »Ihr habt Eure Frage selbst beantwortet.«

Der Apotheker, der offenbar die Gefahr ahnte, drehte sich um. Auf seinen krummen Beinen versuchte er, die Tür zum Inneren des Hauses zu erreichen.

Doch Anatol war schneller. Er sprang zwischen Apotheker und Tür. Als der alte Mann sich umwandte, um auf die Straße zu fliehen, stellte Anatol ihm ein Bein. Der Apotheker fiel der Länge nach zu Boden.

»Gebt Ihr mir nun den Saft?«

Schützend hob der Apotheker die Arme. »Niemals«, sagte er. »Ihr wollt einen Menschen damit töten.«

Blitzschnell zog Anatol ein Messer hervor. In einer schnellen Bewegung schnitt er dem Apotheker ein Ohr ab. Blut spritzte, und das Opfer schrie schmerzerfüllt auf. »Ich habe weder die Zeit noch die Absicht, länger mit Euch zu sprechen«, sagte Anatol. »Gebt mir den Saft, und ich verschone Euer Leben.« Er zielte mit der Messerspitze auf das Herz des Apothekers.

»Gut, gut«, sagte dieser mit vor Angst weit aufgerissenen Augen. Anatol hielt ihm eine Hand hin und half ihm auf.

Der Apotheker ging zu einem Regal, in dem unten eine schwarz eingefärbte Karaffe stand. Anatol blieb dicht hinter ihm, jederzeit bereit, mit dem Messer zuzustechen.

»Hier ist, was Ihr sucht«, sagte er und stellte die Karaffe auf den Tresen.

Anatol zog den Korken heraus und roch daran. Ein bitterer Geruch drang in seine Nase. Er nahm eine Schale, schüttete das Pulver darin auf den Boden und goss etwas von dem braunen Saft aus der Karaffe hinein. »Trink!«, befahl Anatol und hielt dem Apotheker die Schale hin.

Der Apotheker sank flehend zu Boden. »Nein!«, stieß er hervor. »Das könnt Ihr nicht von mir verlangen!«

Anatol holte aus, und schon landete das zweite Ohr auf dem Boden. Erneut schrie der Apotheker auf. Anatol setzte ihm das Messer an den Hals. »Ihr habt die Wahl: Entweder ich schlitze Euch die Kehle auf und Ihr verblutet wie ein Schwein, oder Ihr trinkt von dem Saft und findet ein schnelles Ende.«

»Heilige Mutter Gottes«, jammerte der Apotheker. Tränen traten aus den rot geäderten Augen. »Habt doch Erbarmen mit einem alten, kranken Mann.«

»Jetzt trinkt endlich!«, forderte Anatol.

Der Apotheker bekreuzigte sich dreimal. Dann nahm er die Schale und leerte sie in einem Zug.

Anatol trat zwei Schritte zurück. Gespannt beobachtete er, was nun geschah.

Anfangs saß der Todgeweihte nur weinend auf dem Boden. Doch schließlich begann er, am ganzen Leib zu zittern. Das Zittern wurde immer stärker. Der alte Mann bekam Krämpfe, seine Gliedmaßen zuckten. Er schien wie vom Teufel besessen, ruderte mit den Armen, trat mit den Beinen um sich, ruckte mit dem Kopf. Schaumiger Speichel quoll aus seinem Mund. Plötzlich griff er sich an den Hals und röchelte. Nach Luft schnappend, strampelte er noch heftiger. Mit hervorquellenden Augen blickte er seinen Mörder an. Das aufgedunsene Gesicht verwandelte sich in eine bläuliche Masse. Mit einem letzten Hecheln hauchte der Apotheker sein Leben aus.

Zufrieden lächelnd nahm Anatol ein leeres Fläschchen, füllte es mit dem todbringenden Saft und verkorkte es. Ohne den Apotheker noch eines Blickes zu würdigen, steckte er das Fläschchen in seine Jacke und verließ die Apotheke.

Auf der Straße schaute er sich um. Niemand schien sein Treiben beobachtet zu haben. So wandte er sich vergnüglich pfeifend um und ging den weiten Weg zurück zu seinem Haus.

Am übernächsten Tag erwachte Anatol mittags aus einem traumlosen Schlaf. Er gähnte laut, kleidete sich an und wusch flüchtig sein Gesicht. Müde schaute er aus dem Fenster. Die Sonne brannte auf ihn herunter. Vögel sangen in den wenigen Bäumen, und Zikaden zirpten in den Büschen um sein Haus herum. Es roch nach Schweiß und Unrat. Er wandte sich ab. Die leeren Weinflaschen aus der durchzechten Nacht räumte er beiseite und nahm ein kärgliches Mahl zu sich, bestehend aus Hirsebrei, trockenem Brot und einem Krug lauwarmen Wassers.

Sein Blick fiel auf den großen Beutel, den Carafa persönlich gestern gebracht hatte. Es war nicht nötig gewesen, hineinzuschauen, denn er kannte den Inhalt. So nahm er zwei Pistolen, ein Pulversäckchen und eine Hand voll Kugeln, steckte alles in seine Hosentaschen und langte nach dem Beutel. Darin versteckte er das Fläschchen mit dem Schierlingssaft. Dann verließ er sein Haus.

Er ging quer durch Torre di Nona, überquerte den Tiber auf der Ponte S. Angelo und ging hinauf bis zum Palazzo Altoviti. Zwei Gassen dahinter fand er die Taverne seines alten Freundes Aldo.

Aldo, ein hochgewachsener Mann mit dem breiten Nacken und dem einfältigen Gesichtsausdruck eines Ochsen, stand vor seiner Taverne. Wütend streckte er die Arme in die Höhe und stritt lautstark mit seiner drallen Frau Galatea, die ihn von oben aus einem Fenster mit wüsten Schimpfworten bedachte.

»Du versoffener Sohn eines Molchs!«

»Aber Galatea«, rief Aldo versöhnlich zurück. »Täubchen, so beruhige dich doch. Alles wird wieder gut.«

Galatea fletschte die Zähne und warf ihre schwarzen Locken zurück. »Das Täubchen wird dir gleich zeigen, was gut wird und was nicht!« Sie verschwand im Inneren des Hauses.

In diesem Augenblick erkannte Aldo den Besucher. »Anatol!«, rief er aus und drückte ihn an seine Brust.

»Ich komme wohl zu einem schlechten Zeitpunkt«, sagte Anatol mit einem Blick auf die leere Fensterhöhle.

Lachend wiegelte Aldo ab. »Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein, mein Freund.«

Aus den Augenwinkeln nahm Anatol eine Bewegung über sich wahr und trat blitzschnell zwei Schritte zur Seite.

Einen Herzschlag später fiel ein Eimer voll Küchenabfälle auf Aldo herunter. Der schüttelte die stinkenden Fischköpfe und Hühnerknochen ab und zuckte nur mit den Schultern.

»Das Übliche?«, fragte Anatol.

»Das Übliche«, bestätigte Aldo. »Würfelspiel und Weiber sind des Mannes früher Tod.«

Anatol lachte. »Daher spiele und heirate ich nicht.«

Aldo verzog das Gesicht. »Es sind bei Gott nicht die Ehefrauen, von denen ich spreche.«

»Bisher hat sich Galateas hitziges Blut noch immer abgekühlt«, sagte Anatol.

Aldo stampfte mit dem Fuß auf. »Zuweilen ist sie wild wie sieben Teufel, aber eigentlich ist sie eine Seele von Mensch.«

Anatol grinste.

»Aber genug davon.« Aldo winkte ab. »Was führt dich her?«

»Mein Pferd«, antwortete Anatol.

»Du gehst auf Reisen?«

»Nur einen Tag lang.«

»Wie laufen die Geschäfte? Ich hörte, die Preise für Kupfer steigen, seit in der Neuen Welt die Siedlungen wachsen.«

»Ganz recht«, sagte Anatol. »Aus diesem Grund reise ich heute zu einer Mine bei Monterosi.«

Aldos Blick verklärte sich, während sie um die Taverne herum zum Stall gingen. »Gott allein weiß, wie sehr ich mir wünsche, dein Leben zu führen, Anatol. Stets auf Reisen, dazu ungebunden und ohne Verpflichtungen einem Weibe gegenüber.«

»Und dennoch«, gab Anatol zurück, »sehne ich mich manchmal nach deinem Leben.«

Aldo stieß das Tor zum Stall auf. Der Geruch von Mist und Hafer drang ihnen in die Nase. »Willst du mich verhöhnen?«, fragte Aldo.

Anatol grinste nur. Sein Pferd, ein Rappe, so schwarz, dass sein Körper das hereinfallende Licht zu verschlucken schien, schnaubte leise, als es seinen Herrn sah. Anatol streichelte dem kräftigen Hengst über die Nüstern.

»Ich frage mich, wann du endlich dein Rattennest verlässt«, sagte Aldo.

»Bist du es leid, meinem Pferd ein Dach über dem Kopf zu geben?«, fragte Anatol.

»Mitnichten«, beeilte sich Aldo zu sagen. »Solch ein prächtiges Tier würde in deinem Viertel das Diebespack anziehen wie die Scheiße die Fliegen. Doch sollte man meinen, dass du wohlhabend genug bist, einen Palazzo am Campo de’ Fiori zu erstehen.«

»Ich mag den Ort, an dem ich lebe«, sagte Anatol und sattelte den Rappen. »Komme ich doch selbst aus der Gosse.« Er wuchtete den Beutel hinauf und machte ihn am Sattel fest.

»Eben das meine ich.« Aldo seufzte.

Anatol stieg in den Sattel.

»Wann kommst du zurück?«, fragte Aldo.

»Gegen Mitternacht. Vielleicht später.«

»Gut, dann klopfe, und ich mache dir auf.«

Anatol nickte, trat seinem Pferd in die Flanken und stob davon.

3

Den Nachmittag verbrachte Anatol in verschiedenen Tavernen am Rande Roms. Am Abend schließlich, kurz vor Sonnenuntergang, erreichte er die Nordmauer des Quirinalspalastes. Er band sein Pferd an einen verdorrten Olivenbaum. Danach nahm er den Beutel von Carafa vom Rücken des Pferdes und stellte ihn vor seine Füße. Ohne Eile packte er aus: Eine Uniform der Schweizergarde nebst Helm und Brustpanzer, auf dem das weiße Kreuz der Schweiz gemalt war, dazu ein Schwert. Er legte die Uniform an, befestigte Brust-, Schulter- und Beinpanzer, schlüpfte in die ledernen Schuhe und schnürte sich das Schwert um. Anschließend versteckte er das Fläschchen mit dem Schierlingssaft und seine Pistolen unter der Uniform. Ein letztes Mal atmete er tief durch.

Den Knauf des Schwertes in der Hand, schlich er entlang der Mauer um den Palast herum. An der von Carafa bezeichneten Stelle stand ein uralter Baum, dessen starke Äste über die Mauer reichten. Sogleich stieg er am Stamm hoch, erreichte einen kräftigen Ast und hangelte sich über die Mauer. Auf der anderen Seite ließ er sich fallen. Geduckt lauschte er in die beginnende Finsternis. Alles blieb still. Vorsichtig schlich er durch einen kunstvoll angelegten Garten. Im Zwielicht erkannte er grazil geschnittene Büsche, die aussahen wie exotische Tiere. Zwei wasserspeiende marmorne Delphine kreuzten ihre Strahlen über einem reich verzierten Brunnen. Es roch nach Zitronen, Lorbeer und Harz.

Am Palasttor wartete dann die erste Bewährungsprobe auf ihn. Zwei Gardisten waren vor dem Eingang postiert. Anatol bemühte sich um einen militärischen Schritt: die Hellebarde über die rechte Schulter gelegt, mit dem anderen Arm weit nach hinten ausholend. Gerade als er an den Gardisten vorbeimarschieren wollte, kreuzten sie ihre Hellebarden.

»Wer da?«, fragte einer von ihnen.

Anatol hielt sich an Carafas Anweisungen. »Ein Freund«, antwortete er, ohne die beiden anzusehen.

»Wie lautet die Parole?«

»Helvetica«, sagte Anatol. Er wollte schon weitergehen, aber die Waffen blieben gekreuzt.

»Die Losung ist nicht richtig«, sagte der eine Gardist und beäugte Anatol argwöhnisch.

Anatol blickte ihn prüfend an. »Das ist die Parole, die Capitano Geller mir vor zwei Tagen gab.«

»Wer bist du überhaupt?«, fragte der zweite Gardist. »Ich kann mich nicht entsinnen, dich je zuvor hier gesehen zu haben.«

Anatol zog spöttisch die Augenbrauen hoch. »Mein Name ist Kaspar Morgenstern. Seit dem heutigen Tag bin ich Capitano Geller direkt unterstellt, um gewisse Sonderaufgaben für den Heiligen Vater zu erfüllen. Habt ihr Burschen weitere Fragen?« Er schaute von einem zum anderen. »Sollte das nicht der Fall sein, lasst mich auf der Stelle passieren.«

Unschlüssig sahen die beiden sich an. Schließlich nickte der eine. Sie hoben die Waffen und stellten sie neben sich.

Ohne noch ein Wort zu verlieren, durchschritt Anatol das Tor.

Plötzlich rief einer der Gardisten: »Halt!«

Wie angewurzelt blieb Anatol stehen. Schweiß trat auf seine Stirn. Langsam wandte er sich um.

»Die Parole«, sagte der Gardist. »Sie lautet: Sacra Custodia Pontificis

»Danke«, sagte Anatol und verschwand im Innern des Palastes. Der schwierigste Teil seines Vorhabens lag nun hinter ihm.

Durch einen breiten Gang, an dessen Wänden Gemälde längst verstorbener Päpste und Kardinäle hingen, gelangte er in eine große Halle. Hoch über ihm spannte sich eine mit Fresken bemalte Kuppel. In alle Himmelsrichtungen zweigten Gänge ab. Anatol wählte den, der nach Norden führte. Verstohlen betrachtete er seine Umgebung. Der von unzähligen Kerzen beleuchtete Gang war menschenleer, nur ein einzelner Diener schlich vorüber. Am Ende befand sich linker Hand eine unscheinbare Tür. Er öffnete, ohne anzuklopfen, und spähte hinein. Es war die Küche. Drei Köche und zwei Mägde bereiteten das Abendmahl für den Heiligen Vater zu, das er erst nach dem Abendgebet einzunehmen pflegte.

»Was gibt es da zu schnüffeln?«, fragte plötzlich eine barsche Stimme in Anatols Rücken. »Wie lautet die Parole?«

Anatol fuhr herum. Vor ihm stand ein riesenhafter Mann, ein bärbeißiger Kerl mit wilden langen Haaren und einem struppigen Bart. Er war gekleidet in der Uniform der Garde, trug jedoch keine Hellebarde. Folglich musste er einen höheren Rang als die beiden Wachen am Tor bekleiden. »Ich heiße Kaspar Morgenstern«, sagte Anatol. »Die Parole lautet: Sacra Custodia Pontificis.«

Der Gardist beugte sich zu ihm herunter und kniff die Augen zusammen. »Ich habe dich hier nie zuvor gesehen. Woher kommst du?«

»Aus Luzern«, log Anatol.

»Seit wann bist du in der Garde?«

»Seit zwei Jahren.«

»Seit zwei Jahren?«, echote der Gardist. »Dann müsste mir dein Gesicht bekannt sein.«

»Ich war seit über einem Jahr als Anwerber unterwegs.«

»Aha«, sagte der Gardist und fuhr sich nachdenklich durch den wilden Bart. »Und was treibst du nun hier?«

Anatol wiederholte die Geschichte, die er eben noch den Wachen aufgetischt hatte. Unmerklich näherte sich seine Hand dem Knauf seines Schwertes.

Noch immer unentschlossen, murmelte der Gardist: »Seltsam. Der Capitano hat dich mit keinem einzigen Wort erwähnt. Na, das lässt sich aufklären. Du kommst erst einmal mit mir.« Er drehte sich um und schritt davon.

Anatol folgte ihm. Mit jedem Schritt zog er das Schwert ein Stück weiter aus der Scheide. Nach sieben Schritten lag es schwer in seiner Hand, zum tödlichen Hieb bereit.

In diesem Augenblick blieb der Gardist stehen. Anatol sah, wie dieser sich anschickte, sich umzudrehen und den Mund zu öffnen. Mit beiden Händen hielt Anatol das Schwert fest in seinen Händen. Er hob es an und rammte es dem Gardisten mit aller Macht in den Nacken, sodass die Schneide vorne an der Kehle wieder austrat. Ein Blutschwall ergoss sich auf den glänzenden Marmorboden. Der Mann fiel nach vorne, und mit einem letzten Röcheln starb er.

Anatol zögerte nicht. Mit einem Ruck zog er das Schwert aus der Wunde, öffnete die nächstgelegene Tür, sah, dass dahinter eine Abstellkammer lag, und schleifte den Toten dorthinein. Anschließend riss er ihm die Hosen vom Leib, um das Blut vom Boden zu wischen und sein Schwert zu säubern. Dann verließ er die Kammer wieder und lauschte.

Die Zeit verging, und nichts geschah. Keine Wache, die nach dem verschollenen Kameraden suchte, keine Magd, die aus der Küche kam, um Vorräte heranzuschaffen, kein Diener, der den Palast säuberte, kein Geistlicher aus dem Gefolge des Papstes tauchte auf. Alles blieb still.

Irgendwann kam eine junge Nonne weit hinten um die Ecke. Gemächlichen Schrittes kam sie näher. Ohne ihn zu beachten, ging sie vorbei. Gleich darauf verschwand sie in der Küche. Es dauerte nicht lange, und sie kam wieder heraus. In ihren Händen hielt sie ein schweres goldenes Tablett. Darauf befanden sich Brot, Käse, schwarze Oliven, ein gebratenes Hühnchen, Weintrauben sowie eine goldene Weinkaraffe und ein goldener Becher mit dem Wappen des Papstes. Die Hitze und die schwere Last trieben Schweißperlen auf das Gesicht der Nonne.

Gerade wollte sie wieder an Anatol vorbeigehen, da rief dieser: »Halt!«

Um ein Haar wäre ihr das Tablett vor Schreck aus den Händen gefallen. Verständnislos und ein wenig ängstlich sah sie den fremden Mann an.

»Wo willst du damit hin?«, fragte er und deutete auf das beladene Tablett.

»Das ist das Abendmahl für den Heiligen Vater«, antwortete sie. »Ich bringe es in seine Gemächer.«

Anatol tat, als prüfe er das Essen. »Seit wann arbeitest du hier?«

»Seit zwei Wochen.«

»Aha«, entfuhr es Anatol. »Hat dir niemand gesagt, dass der Heilige Vater schwarze Oliven verabscheut? Nun?«

»N-nein«, stammelte die Nonne. »Der Leibkoch Seiner Heiligkeit stellt die Mahlzeiten zusammen. Ich …«

»Schweig!«, unterbrach Anatol sie. »Du bist es, die die Speisen reicht, nicht der Koch. Folglich unterliegt es deiner Verantwortung, was dem Heiligen Vater vorgesetzt wird und was nicht.« Er nahm die Schale mit den Oliven herunter. »Zurück damit in die Küche. Eil dich!«

Zögernd sah sie von dem Tablett in ihren Händen zu der Schale, die Anatol vor ihr Gesicht hielt.

Mit einer Hand griff Anatol unter das Tablett. »Gib schon her! Ich warte.«

Flink griff sie nach der Olivenschale und eilte zurück in die Küche. Unterdessen handelte Anatol. Er griff mit der freien Hand in sein Wams. Schon hatte er das Fläschchen mit dem Schierlingssaft gegriffen. Mit den Zähnen zog er den Korken heraus. Dabei behielt er die Tür zur Küche im Blick. Er stellte das Fläschchen neben die Karaffe, öffnete deren Deckel und goss den Saft hinein. Nun noch schnell den Deckel zugeklappt, das Fläschchen zurück in das Wams gesteckt und ein unbeteiligtes Gesicht gemacht.

Schon kehrte die Nonne zurück. Sie lächelte Anatol dankbar zu, nahm das Tablett aus dessen Händen und entfernte sich.

Kaum war sie hinter einer Ecke verschwunden, ging Anatol vorsichtig hinter ihr her, sodass sie ihn nicht bemerkte. Noch immer war der Palast in gespenstische Stille gehüllt.

Vor einem breiten zweiflügeligen Portal blieb sie stehen. Es war ganz mit rotem Samt bezogen und trug das goldene Wappen des Papstes. Vorsichtig stellte sie das Tablett neben sich auf den Boden und öffnete die Tür. Anschließend nahm sie das Tablett wieder hoch und betrat die Gemächer des Papstes. Die Tür ließ sie offen.

Anatol schnellte vor. Er steckte den Kopf durch das halb geöffnete Portal und sah, wie die Nonne durch einen gewaltigen, pompös mit reich verzierten Stühlen, Sesseln und Liegen ausgestatteten Saal ging. Die Decke hatte die Form einer bunt bemalten Kuppel, an den Wänden hingen kostbare Wandteppiche und Gemälde, in goldenen und silbernen Vasen waren exotisch aussehende und duftende Blumen kunstvoll angeordnet.

Zu seiner Linken entdeckte Anatol eine schmale Treppe, die zu einem Laufgang hinauf führte. Er schlüpfte durch das Portal und schlich die Treppe hoch. Der dicke Teppich schluckte jeden seiner Schritte. Hinter einer hüfthohen Balustrade konnte er sich gut verstecken und hatte trotzdem einen freien Blick auf das, was unter ihm vorging.

Hinter der Brüstung verfolgte Anatol jede Bewegung der Nonne. Sie stellte das Tablett auf einen Tisch an der Wand. Schon schien es, als wolle sie sich abwenden. Aber dann überlegte sie es sich offenbar anders. Sie wischte mit einer Hand den Schweiß von ihrer Stirn und sah sich um. Plötzlich goss sie etwas Wein aus der Karaffe in den Becher. Anatol wollte aufschreien, aber da setzte sie den Becher schon an die Lippen und trank.

Als sie den Saal verlassen wollte, setzte bereits die Wirkung des Giftes ein. Sie hielt inne und griff sich keuchend an den Hals. Sie schien schreien zu wollen, aber kein Laut drang ihr aus der Kehle. Sie stolperte über ihre eigenen Füße und stürzte zu Boden. Dann setzten die Krämpfe ein. Ihr Leib bebte und wand sich wie eine Schlange. Ein letztes Aufbäumen, dann hörte das Zappeln der Glieder auf. Sie war tot.

Leise fluchend richtete Anatol sich auf. Plötzlich hörte er eine Stimme, und sofort zog er sich wieder hinter die Balustrade zurück. Eine kleine Tür in der Wand öffnete sich. Ein Kardinal trat ein, dicht gefolgt von einem Bischof und zwei niederen Geistlichen. Sie redeten leise miteinander und waren ganz in ihr Gespräch vertieft. Da erblickte einer der Geistlichen die Tote. Er schrie auf und zeigte auf den Leichnam. Sofort eilten die Männer zu ihr, konnten aber nur den Tod der jungen Frau feststellen.

Eine dunkle Stimme ertönte von der kleinen Tür her: »Was in Gottes Namen ist hier geschehen?«

Fieberhaft versuchte Anatol zu erkennen, wer da sprach. Es war Papst Sixtus V. höchstselbst. Er zögerte nicht. Die beiden Pistolen lagen blitzschnell in seinen Händen. Kurz zielte er – und feuerte eine der Waffen ab.

Die Kugel schlug nur eine Elle weit neben dem Gesicht des Papstes in den Rahmen eines Gemäldes ein. Der Bischof reagierte geistesgegenwärtig, während die anderen hinter Stühlen und Tischen Deckung suchten. Er eilte auf den Papst zu, um diesen durch die Tür zurück in den Nebenraum zu drängen. Anatol schoss erneut. Der Bischof brach zusammen. Mit letzter Kraft stieß er den Papst in den angrenzenden Raum und schlug die Tür zu.

Erst jetzt begannen die Geistlichen, nach den Wachen zu schreien.

Schon hörte Anatol laute Schritte und Kommandos auf den Gängen. Er zog sein Schwert und sprang über die Balustrade, direkt neben einen der Geistlichen. Vor Schreck war dessen schmales Gesicht ganz bleich. Ohne zu zögern, rammte Anatol ihm das Schwert in die Brust. Dann strebte er der Tür zu, hinter der der Papst verschwunden war.

Schon wollte er die Tür aufreißen, um seinen Auftrag zu Ende zu führen, da wurde sie von der anderen Seite aufgestoßen. Ein junger Gardist stürmte heraus. Er stockte, als er Anatol erblickte, anscheinend unfähig zu begreifen, was gerade geschah. Diesen Moment nutzte Anatol. Er holte aus und hieb sein Schwert gegen den Hals des Gardisten. Blut schoss aus der Wunde. Der Gardist stöhnte auf und griff sich an die Kehle. Anatol stieß ihn achtlos beiseite.

Noch bevor er den Nebenraum betreten konnte, sah er am anderen Ende, dass der Papst, von einem halben Dutzend Gardisten eskortiert und fortgeschafft wurde. Andere Gardisten stürzten brüllend auf den Eindringling zu.

Anatol musste erkennen, dass er gescheitert war. Er wandte sich um, lief zurück durch den Saal und stieß das Portal auf. Das Schwert in der einen, den Dolch in der anderen Hand rannte er auf den langen Gang hinaus. Hinter sich hörte er die Verfolger. Er jagte vorwärts, verfolgt von den Gardisten. Er suchte nach einer Möglichkeit, zur Seite zu entweichen, doch keine Tür ließ ihn aus der Falle entkommen. Noch näherte sich niemand von vorn. Aber das würde nicht mehr lange dauern.

Und dann war es auch schon so weit. Zwei Gardisten kamen etwa vierzig Fuß vor ihm um die Ecke. Als sie ihn erblickten, hoben sie ihre Hellebarden und eilten ihm entgegen. Die Spitzen der Hellebarden blitzten im Schein der unzähligen Fackeln bedrohlich auf.

Kurz bevor die Gardisten ihn erreichten, reagierte Anatol. Mit Dolch und Schwert schlug er die Hellebarden zur Seite. In einer eleganten Bewegung kreuzte er seine Waffen vor der Brust und nutzte so den Schwung, um beiden Männern im gleichen Atemzug die Kehle aufzuschlitzen. Dann war er auch schon an den beiden vorüber. Er bog in den Gang ab, aus dem die Gardisten zuvor gekommen waren. Vor sich erkannte er weitere Soldaten. Drei von ihnen stellten ihre Musketen in die Stützgabeln und richteten den Lauf auf Anatol. Einen Wimpernschlag, bevor die Männer ihre todbringenden Kugeln abfeuerten, stieß Anatol eine Seitentür auf. Unter dem dröhnenden Donnern der Feuerwaffen sprang er in den dahinter liegenden Raum und schlug mit einem Fuß die Tür zu.

Seine Augen brauchten einige Augenblicke, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Nur durch ein schmales Fenster fiel fahles Mondlicht herein. Neben sich gewahrte er eine schwere Truhe. An einem schweren Eisengriff zog er sie vor die Tür. Keinen Augenblick zu spät. Schon hämmerten die Fäuste der Soldaten von außen gegen das Holz.

Anatol lief durch den moderig riechenden Raum. Er stieß das Fenster auf und schaute hinaus. Der Kies unter ihm war nicht sehr tief. Er steckte Schwert und Dolch zurück in die Scheide und sprang aus dem Palast in das Kiesbett.

Und da kamen sie auch schon. Je ein Dutzend Gardisten von links, von rechts und von vorn. Hinter Anatol brachen gerade die Soldaten durch die verrammelte Tür. Jetzt blieb ihm nur ein Weg zur Flucht: die starken Efeuranken, die an der Palastwand hinauf wuchsen. Anatol griff danach und zog sich hoch. Kurz bevor er das flache Dach erreichte, schlugen Kugeln um ihn herum in das Mauerwerk ein. Mit Schwung wuchtete er sich schließlich auf das Gesims des dreistöckigen Nebentraktes. Einen Augenblick blieb er so liegen und rang schwer nach Atem. Dann hörte er das Schnaufen der Männer und das Rascheln des Efeus. Anatol kroch etwa zwanzig Fuß weit auf dem Dach entlang, bis er es wagte, aufzustehen. Er blickte sich in der Dunkelheit um. An welcher Stelle konnte er wieder hinunterklettern? Als sich die Köpfe seiner Verfolger am Rande des Daches abzeichneten, rannte er davon. Quer über das Dach ging die Flucht. An der Kante sprang er etwa eine Manneslänge auf einen tiefer gelegenen Anbau. Hier lief er auf die rechte Seite, wo eine Eisenleiter auf das Hauptgebäude führte. Kaum stand er auf der ersten Sprosse, sausten erneut die Kugeln um ihn herum. Fünf Soldaten hatten ihn von dem höher gelegenen Dach aus unter Feuer genommen. Einige der Geschosse schlugen so dicht neben seinem Kopf ein, dass die Splitter des Mauerwerks in sein Gesicht schnitten. Flink kletterte er die Leiter empor. Auf dem Hauptgebäude jagte er auf die Kuppel in der Mitte des Gebäudes zu. Sein Vorsprung wurde größer. Die Gardisten mit ihren schweren Waffen hatte alle Mühe, ihn einzuholen. Er lief um die Kuppel herum, stolperte, fiel und rappelte sich wieder auf. Noch ein Sprung auf einen tieferen Nebentrakt, und er stand am Sims mit Blick auf die Mauer, hinter der sein Pferd auf seinen Herren wartete.

Doch hier wuchs kein Efeu, an dem er hinabklettern konnte. Die Entfernung zum Boden betrug etwa drei Manneslängen. Er sprang – und knickte beim Aufprall mit einem Fuß um. Er schrie auf vor Schmerz, doch die Angst vor der Ergreifung setzte neue Kräfte in ihm frei. Mit verzerrtem Gesicht humpelte er über den Rasen. Und dann: ein Ruf.

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