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Die Tochter des Fotografen

Kim Edwards

Die Tochter des Fotografen


Roman

Aus dem Amerikanischen von Silke Haupt und Eric Pütz

 

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Inhaltsübersicht

1964

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

1965

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

1970

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

1977

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

1982

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

1988

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

1989

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Bonusmaterial zu Kim Edwards’ Roman »Die Tochter des Fotografen«

Das Buch

Die Autorin

Das Interview Kim Edwards über die Entstehung ihres Bestsellers »Die Tochter des Fotografen«

Diskussionsthemen

1964

1. Kapitel

März 1964

ES SCHNEITE BEREITS SEIT MEHREREN STUNDEN, als ihre Wehen einsetzten. Nachdem zuerst nur einige wenige Flocken im trüben, grauen Himmel des späten Nachmittags zu sehen waren, jagte der Wind in den darauffolgenden Stunden den Schnee in Schwaden über ihre Veranda. Als der Sturm zunahm, standen sie Seite an Seite am Fenster und beobachteten, wie die scharfen Böen sich aufbauschten und umherwirbelten, bevor sie sich am Boden zerstreuten. Überall in der Nachbarschaft schienen Lichter auf, und die nackten Äste der Bäume bekamen einen weißen Überzug.

Nach dem Abendessen wagte er sich in den Sturm hinaus, um von dem Holzstoß, den er im letzten Herbst an die Garage gestapelt hatte, ein paar Scheite zu holen. Die Luft schlug ihm klar und kalt ins Gesicht, und der Schnee in der Einfahrt war längst knöcheltief. Er schüttelte die weichen weißen Kappen von den Scheiten und trug sie ins Haus. Das Anmachholz auf dem Eisenrost fing sofort Feuer, und für eine Weile setzte er sich mit gekreuzten Beinen an den Kamin, legte Scheite nach und sah dem blauen, hypnotisierenden Aufschlagen der Flammen zu. Draußen fiel der Schnee noch immer still durch die Dunkelheit, im Lichtkegel der Straßenlampen aber wirkte er wie eine weiße, unbewegliche Masse. Als er sich erhob und aus dem Fenster sah, hatte sich ihr Auto in einen weißen Hügel verwandelt. Seine Fußstapfen in der Einfahrt waren nicht mehr zu sehen.

Er strich sich die Asche von den Händen und setzte sich auf das Sofa neben seine Frau, die ihre Füße auf Kissen gebettet hatte. Ihre geschwollenen Knöchel waren übereinandergeschlagen, und ein Exemplar von »Dr. Spock’s Baby and Child Care« balancierte auf ihrem Bauch.

Versunken befeuchtete sie jedesmal ihren Zeigefinger, wenn sie eine Seite umblätterte. Ihre Hände waren schmal, die Finger kurz und kräftig, und beim konzentrierten Lesen biß sie sich leicht auf ihre Unterlippe. Wenn er sie ansah, war er vor Liebe und Verwunderung überwältigt. Daß sie seine Frau war und daß ihr Baby in drei Wochen auf die Welt kommen sollte, verblüffte ihn außerordentlich. Es würde ihr erstes Kind sein, erst seit einem Jahr waren sie verheiratet.

Sie sah lächelnd auf, als er die Decke fest um ihre Beine schlug. »Wie ist es wohl«, überlegte sie laut, »wenn wir noch im Mutterleib sind? Zu schade, daß wir uns nicht daran erinnern können.« Sie öffnete ihr Kleid und zog den Pullover hoch, den sie darunter trug. Ein Bauch, rund und hart wie eine Melone, kam zum Vorschein. Sie ließ ihre Hand über seine glatte Oberfläche gleiten. Der Schein des Feuers tanzte auf ihrer Haut und warf ein rötliches Gold auf ihre Haare. »Glaubst du, es ist wie im Inneren eines großen Lampions? Im Buch steht, daß das Licht durch meine Haut dringt, und das kann das Baby schon wahrnehmen.«

»Ich weiß es nicht«, sagte er.

Sie lachte. »Warum nicht? Du bist doch der Arzt.«

»Ich bin nur Orthopäde«, erinnerte er sie. »Ich könnte dir das Verknöcherungsmuster von fötalen Knochen erklären, aber das ist auch schon alles.« Er nahm ihren Fuß, der in einem hellblauen Socken steckte und geschwollen und gleichzeitig zart aussah, und begann ihn vorsichtig zu massieren. Er arbeitete sich über ihre ausgeprägte Ferse und die sanfte, konvexe Kurve ihres Astralagus zu den Mittelfußknochen und den Zehengliedern vor, die sich unter Haut und straffen Muskeln auffächerten. Ihr Atmen erfüllte den stillen Raum, ihr Fuß wärmte seine Hände, und er dachte an die vollendete und verborgene Symmetrie der Knochen. Die Schwangerschaft verlief mustergültig und ohne Komplikationen. Trotzdem konnte er seit einigen Monaten nicht mehr mit ihr schlafen. Statt dessen hatte er jetzt das Bedürfnis, sie zu beschützen. Am liebsten hätte er sie ständig Treppen hochgetragen, sie in Decken gewickelt oder ihr Schälchen mit Vanillepudding serviert. »Ich bin kein Invalide«, protestierte sie jedesmal lachend. »Ich bin kein junger Vogel, der aus dem Nest gefallen ist.« Trotzdem gefiel ihr seine Zuwendung. Manchmal wachte er auf und beobachtete sie beim Schlafen, das Flattern ihres Augenlids, das langsame Heben und Senken ihrer Brust, ihre ausgestreckte Hand, die so klein war, daß er sie mit seiner eigenen ganz umschließen konnte. Sie war elf Jahre jünger als er.

Zum erstenmal hatte er sie vor über einem Jahr gesehen, als sie die Rolltreppe eines Kaufhauses im Zentrum hochgefahren war, in dem er Krawatten kaufen wollte. Er war dreiunddreißig Jahre alt und gerade nach Lexington, Kentucky, gezogen. Mit ihrem blonden Haar, das in einem eleganten Nackenknoten gebunden war, und den Perlen, die an ihrem Hals und ihren Ohren schimmerten, war sie eine Erscheinung inmitten der Menschenmenge. Sie trug einen dunkelgrünen Wollmantel, und ihre Haut war ebenmäßig und blaß. Er betrat die Rolltreppe und kämpfte sich durch die Menge, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Sie fuhr in den vierten Stock, Wäsche und Strumpfwaren. Als er ihr durch Gänge folgte, deren Regale mit weich schimmernden Slips, Büstenhaltern und Höschen bestückt waren, hielt ihn eine Verkäuferin an und fragte ihn lächelnd, ob sie ihm helfen könne. »Einen Morgenmantel«, sagte er, die Gänge absuchend, bis er ihr blondes Haar und eine dunkelgrüne Schulter erblickte. Für einen Moment entblößte sich die anmutige Neigung ihres hellen Nackens. »Ich suche einen Morgenmantel für meine Schwester, die in New Orleans wohnt.« Natürlich hatte er weder eine Schwester, noch wußte er von sonst irgendeinem noch lebenden Verwandten.

Die Verkäuferin verschwand, um einen Moment später mit drei Morgenmänteln aus robustem Frottee wiederzukommen. Er wählte blind, sah kaum hin, als er den obersten ergriff. »Diesen gibt es in drei Größen. Im nächsten Monat haben wir eine größere Farbauswahl«, sagte die Verkäuferin, aber er war schon im Gang verschwunden. Einen korallenroten Morgenmantel über dem Arm, hinterließen seine Schuhe auf den Fliesen ein quietschendes Geräusch, als er sich ungeduldig zwischen den anderen Käufern auf die Stelle zuschob, wo sie stand. Sie durchwühlte die Stapel mit den teuren Strümpfen, die, mit Pappe verstärkt und in glattes Zellophan gehüllt, kleine Fenster frei ließen, durch die die reinen Farben schienen: Beige, Marine, ein Braun, so dunkel wie Schweineblut. Der Ärmel ihres Mantels streifte seinen, und er konnte ihr Parfüm riechen, das fein, aber doch durchdringend duftete, ähnlich den Fliederblüten, die damals vor den Fenstern seiner Studentenbude in Pittsburgh wuchsen. Die niedrigen Fenster seiner Souterrainwohnung waren immer schmutzig gewesen, von Ruß und Asche blind. Im Frühling aber blühte der Flieder, weiße und lavendelfarbene Sträuße drängten sich gegen das Glas. Wie Licht drang ihr Duft in sein Zimmer. Vor lauter Atemnot räusperte er sich und hielt den Frotteemantel hoch, aber die Verkäuferin hinter dem Tresen lachte, gerade einen Witz zum besten gebend, und bemerkte ihn nicht. Als er sich wieder räusperte, sah sie ihn verärgert an und nickte dann der Frau zu, die drei dünne Päckchen mit Strümpfen wie riesige Spielkarten in ihren Händen hielt.

»Es tut mir leid, aber Frau Asher war zuerst hier«, erklärte sie kalt und überheblich. Da blickte er plötzlich in die Augen der Frau, die er eben noch verfolgt hatte, und er war überrascht, daß sie vom gleichen dunklen Grün wie ihr Mantel waren. Sie musterte ihn, und ihre Augen wanderten über seinen soliden Tweedmantel, sein sauber rasiertes, vor Kälte gerötetes Gesicht und die gepflegten Nägel seiner Hände. Dann zeigte sie auf den Morgenmantel über seinem Arm und lächelte dabei amüsiert und ein bißchen geringschätzig.

»Für Ihre Frau?« fragte sie. Sie hatte einen vornehmen Kentucky-Akzent. Obwohl er erst sechs Monate in dieser Stadt des alten Geldes lebte, war ihm bekannt, daß hier solche Nuancen wichtig waren. »Es ist in Ordnung, Jean«, fuhr sie fort, wobei sie der Verkäuferin den Rücken zuwandte. »Nehmen Sie ihn zuerst an die Reihe. Dieser arme Mann muß sich hier drinnen, unter all der Spitzenunterwäsche, sehr verloren und unwohl fühlen.«

»Er ist für meine Schwester«, erklärte er, verzweifelt bemüht, den schlechten Eindruck, den er machte, zu korrigieren. Er hatte schon öfter Anstoß erregt, und es passierte ihm häufig, daß er jemanden kränkte, weil er zu direkt war. Der Mantel glitt zu Boden, und er bückte sich, um ihn aufzuheben. Als er sich wieder aufrichtete, stand sein Gesicht in Flammen. Ihre Handschuhe lagen auf dem Glas, ihre bloßen Hände ruhten leicht gefaltet daneben. Sein Unbehagen schien sie zu besänftigen, denn als er erneut in ihre Augen sah, blickten sie ihn wohlwollend an. Später erzählte sie ihm, daß es komisch ausgesehen habe, wie er als einziger Mann in der ganzen Wäscheabteilung mit dem riesigen häßlichen Morgenmantel kämpfte.

Er startete einen erneuten Versuch, sich zu erklären. »Es tut mir leid. Ich scheine etwas durcheinander zu sein, weil ich sehr in Eile bin. Sie müssen wissen, daß ich Arzt bin und man mich im Krankenhaus bereits erwartet.«

Ihr Lächeln veränderte sich, wurde ernst.

»Ich verstehe«, sagte sie und wandte sich wieder der Verkäuferin zu. »Bitte, Jean, nehmen Sie ihn dran.«

Bevor er ging, hatte er ihren Namen und ihre Telefonnummer. Sie waren in der perfekten Handschrift geschrieben, die ihr ihre Lehrerin, eine ehemalige Nonne, in der dritten Klasse eingetrichtert hatte. »Jeder Buchstabe hat eine Form«, hatte sie den Schülern erklärt, »eine völlig einzigartige Form, und es ist eure Pflicht, genau diese Form zu treffen.« Als dünne, blasse Achtjährige hatte die Frau im grünen Mantel, die später seine Ehefrau werden sollte, ihre kleinen Finger um den Füller gepreßt und sich allein in ihrem Zimmer stundenlang in Schreibschrift geübt, bis ihre Feder flüssig über das Papier glitt. Als sie ihm diese Geschichte später erzählte, sah er ihren im Schein der Schreibtischlampe gebeugten Kopf und ihre verkrampften Finger vor sich. Dann wunderte er sich über ihre Hartnäckigkeit, ihren starken Glauben an die Schönheit und ihre Bereitschaft, den strengen Weisungen einer ehemaligen Nonne zu folgen. An jenem Tag aber wußte er von alldem nichts. An jenem Tag trug er den Zettel in der Tasche seines Arztkittels von einem Krankenzimmer zum nächsten, immer an die Buchstaben denkend, die, einer perfekt in den anderen fließend, kunstvoll ihren Namen bildeten. Noch am gleichen Abend rief er sie an, führte sie am nächsten zum Abendessen aus, und drei Monate später waren sie verheiratet.

Jetzt, in diesen letzten Monaten ihrer Schwangerschaft, paßte ihr der weiche korallenrote Morgenmantel wie angegossen. Sie fand ihn versteckt unter anderen Kleidern und hielt ihn hoch, um ihn ihm zu zeigen. »Aber deine Schwester ist vor langer Zeit gestorben«, rief sie überrascht aus und war plötzlich verwirrt. Für einen Augenblick erstarrte er lächelnd, und die Lüge aus dem letzten Jahr schoß wie ein dunkler Vogel durch den Raum. Dann zuckte er verlegen mit den Schultern. »Ich mußte damals irgend etwas sagen. Ich mußte einen Weg finden, an deinen Namen zu kommen.« Sie durchquerte das Zimmer und umarmte ihn.

Es schneite noch immer. Während sie lasen oder sich unterhielten, nahm sie ab und zu seine Hand und führte sie zu ihrem Bauch, damit er die Bewegungen des Babys fühlen konnte. Von Zeit zu Zeit stand er auf, um das Feuer zu schüren, schaute aus dem Fenster und sah den Schnee Zentimeter um Zentimeter ansteigen.

Um elf Uhr erhob sie sich, um ins Bett zu gehen. Er blieb noch zwei Stunden unten, um die letzte Ausgabe des »Journal für Knochen- und Gelenkchirurgie« zu lesen. Als Arzt hatte er einen guten Ruf. Man hielt ihn für einen begabten Diagnostiker, und er galt auch als geschickter Chirurg. Er war der erste seines Jahrgangs gewesen, der den Abschluß machte. Dennoch war er sich seiner Fähigkeiten noch nicht ganz sicher, so daß er sich in jeder freien Minute weiterbildete. Erfolge betrachtete er als eine Art Beweise zu seinen Gunsten. Mit seinem Wissensdurst empfand er sich als Außenseiter, da es seiner Familie immer nur um das tägliche Überleben gegangen war. Seine Eltern sahen Bildung als unnötigen Luxus an, als etwas, das zu nichts führte. Wenn sie – arm, wie sie waren – überhaupt einen Arzt aufsuchten, fuhren sie in die Klinik von Morgantown, die achtzig Kilometer entfernt lag. Er konnte sich noch sehr lebhaft an diese seltenen Ausflüge erinnern, bei denen er auf der Ladefläche des geliehenen Pick-ups auf und ab hüpfte, während Staub hinter dem Wagen herwirbelte. Seine Schwester, die in der Fahrerkabine neben den Eltern saß, nannte das Schauspiel »die tanzende Straße«. Im Morgantown Hospital waren die Räume dämmrig, vom trüben Grün oder Türkis eines Tümpels, und die Ärzte, die kühl und abwesend wirkten, waren immer in Eile und kurz angebunden. Jetzt, viele Jahre später, gab es immer noch Momente, da er den Blick dieser Ärzte im Nacken spürte und sich selbst als Betrüger empfand, der jeden Augenblick entlarvt werden konnte. Er war sich darüber im klaren, daß die Wahl seines Fachgebietes auf dieses Gefühl zurückging. Überraschungen, die in der Allgemeinmedizin ständig auftreten konnten, mochte er genausowenig wie heikle Operationen an Organen. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit gebrochenen Gliedmaßen, formte Gipsverbände, studierte Röntgenaufnahmen und beobachtete Brüche, wie sie sich langsam und doch auf so wunderbare Weise wieder schlossen. Er liebte es, daß Knochen so solide waren, daß sie sogar der weißen Hitze der Einäscherung trotzten. Es fiel ihm leicht, seinen Glauben auf etwas zu gründen, was so fest und verläßlich war.

Er las bis weit nach Mitternacht, bis die Worte schwarz und zusammenhanglos auf den weißen Seiten glänzten, warf dann das Journal auf den Couchtisch und stand auf, um nach dem Feuer zu sehen. Er stopfte die verkohlten, noch glimmenden Scheite in die Glut, öffnete die Luftklappe ganz und schloß den Messingschirm vor dem Kamin. Als er das Licht löschte, glommen noch einzelne Glutherde in der Asche, die zart und weiß wie der Schnee war, der sich nun hoch auf der Verandabrüstung und den Rhododendren türmte.

Die Treppe knarrte leise unter seinem Gewicht. Er hielt am Kinderzimmer inne und betrachtete die schattenhaften Umrisse von Wiege, Wickeltisch und Stofftieren, die auf den Regalen saßen. Die Wände waren in einem hellen Meergrün gestrichen. An der gegenüberliegenden Seite hing ein Quilt mit Kinderreimen, den seine Frau mit winzigen Stichen genäht hatte, wobei sie bei der kleinsten Ungenauigkeit jedesmal eine ganze Stoffbahn herausgetrennt hatte. Ein kleines Stück unterhalb der Decke befand sich eine Zierleiste mit Bären. Auch die hatte sie, mit Hilfe einer Schablone, eigenhändig angefertigt.

Einem Impuls folgend, betrat er das Zimmer und schob die glatten Vorhänge beiseite, um den Schnee zu betrachten, der nun fast zwanzig Zentimeter hoch auf Laternenpfählen, Zäunen und Dächern lag. In Lexington war so ein Unwetter selten, und der stetige Schneefall und die Ruhe erfreuten ihn und stimmten ihn friedlich. In diesem Moment schienen sich die Mosaiksteine seines Lebens zusammenzufügen. Alle vergangene Traurigkeit und Enttäuschung und jedes ängstlich gehütete Geheimnis wurden von den weichen weißen Schichten verborgen. Morgen würde alles unberührt sein, die Welt würde gedämpft und verletzlich daliegen, so lange, bis die Kinder aus der Nachbarschaft herauskommen und sie mit ihren Fußstapfen, Rufen und ihrer Freude zerstören würden. Er konnte sich an solche Kindheitstage in den Bergen erinnern, seltene Momente der Flucht.

Er stand eine ganze Weile dort am Fenster, bis er hörte, wie sich Norah leise regte. Mit gesenktem Kopf saß sie auf der Bettkante, die Hände in die Matratze gekrallt. »Ich glaube, das sind die Wehen«, stöhnte sie und blickte auf. Ihr Haar war gelöst, eine Strähne klebte an ihrer Lippe. Er strich sie hinter ihr Ohr zurück. Sie schüttelte den Kopf, als er sich neben sie setzte. »Ich fühle mich irgendwie komisch. Diese Krämpfe kommen und gehen.«

Er half ihr, sich auf die Seite zu legen, und legte sich dazu, um ihr den Rücken zu massieren. »Es ist wahrscheinlich nur falscher Alarm«, beruhigte er sie. »Schließlich ist es drei Wochen zu früh, und bei der ersten Geburt kommen die Babys meistens zu spät.«

Was er da eben gesagt hatte, stimmte, das wußte er. Er war sich dessen sogar so sicher, daß er nach einer Weile einschlief. Doch plötzlich wachte er auf und sah sie vor sich. Sie hatte sich über das Bett gebeugt und rüttelte an seinen Schultern. In dem seltsamen Licht, das der Schnee ins Zimmer warf, wirkten ihr Morgenmantel und ihr Haar weiß.

»Ich habe die Abstände gemessen. Die Wehen liegen fünf Minuten auseinander und sind so stark, daß ich Angst habe.«

Nachdem sie ihm dies eröffnet hatte, spürte er, wie ihn eine Welle von Aufregung und Angst erfaßte. Während seiner Ausbildung hatte er jedoch gelernt, in Notfällen ruhig zu bleiben und seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. So nahm er sich, ohne jede Dringlichkeit, eine Uhr und begann langsam die Diele mit ihr auf und ab zu gehen. Immer wenn die Wehen einsetzten, drückte sie seine Hand so fest, als wollte sie seine Finger mit ihren verschmelzen. Die Wehen kamen tatsächlich erst alle fünf, dann alle vier Minuten. Er nahm den Koffer vom Schrank und war angesichts der Tragweite des lang erwarteten, gleichzeitig aber so überraschenden Ereignisses plötzlich wie betäubt. Obwohl sie selbst ständig in Bewegung waren, schien sich die Welt um sie herum zu verlangsamen und zum Stillstand zu kommen. Er nahm alles überdeutlich wahr, spürte seinen eigenen Atem über die Zunge streichen, bemerkte ihr Unbehagen, als ihre Füße in die einzigen Schuhe glitten, die sie noch tragen konnte, und sah, wie ihr geschwollenes, in blaue Nylonsocken gezwängtes Fleisch eine Wulst über dem dunkelgrauen Leder des Schuhs bildete. Als er ihren Arm ergriff, überkam ihn die seltsame Vorstellung, irgendwo an der Decke, in der Nähe des Lichtanschlusses, aufgehängt worden zu sein. Denn plötzlich glaubte er, sich und seine Frau von oben betrachten zu können, ohne daß ihm irgendein Detail entging: ihr Zittern unter einer Wehe, seine Finger, die ihren Ellbogen fest und schützend umfaßten, der stetige Schneefall draußen.

Er half ihr in ihren grünen Wollmantel, der an ihrem Bauch auseinanderklaffte, und fand auch die Lederhandschuhe, die sie bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte. Daß diese Details stimmten, war ihm wichtig. Einen Moment lang standen sie zusammen auf der Veranda, überwältigt vom Anblick der weißen Welt.

»Warte hier«, sagte er und ging die Stufen hinunter, sich einen Pfad durch die Verwehungen bahnend. Die Türen des alten Autos waren eingefroren, und es kostete ihn einige Minuten, sie aufzumachen. Als eine Tür endlich aufschlug, stob eine glitzernde weiße Wolke auf, und er wühlte vor den Rücksitzen auf dem Boden herum, um den Eiskratzer und die Bürste zu finden. Dann tauchte er wieder auf und sah, wie seine Frau an der Veranda lehnte, die Stirn auf den verschränkten Armen. In diesem Augenblick wurde ihm klar, wie groß ihre Schmerzen sein mußten und daß das Baby tatsächlich kommen würde, und zwar noch in dieser Nacht. Er widerstand dem großen Verlangen, zu ihr zu gehen, und richtete seine ganze Kraft darauf, das Auto freizubekommen. Wenn die Kälte zu schmerzhaft wurde, wärmte er seine Hände abwechselnd unter den Achseln, und ohne innezuhalten, fegte er den Schnee von Windschutzscheibe, Fenstern und Verdeck.

»Du hast mir nie erzählt, daß es so weh tun würde«, klagte sie, als er die Veranda erreichte. Statt einer Antwort schlang er den Arm um ihre Schultern und half ihr die Treppe hinunter. »Ich kann laufen«, insistierte sie, »nur wenn die Schmerzen kommen, geht es nicht.«

»Ich weiß«, murmelte er besänftigend, ohne sie loszulassen.

Als sie das Auto erreicht hatten, berührte sie seinen Arm und machte eine Bewegung in Richtung des weiß verschleierten Hauses, das im Dunkel der Straße wie eine Laterne leuchtete.

»Wenn wir zurückkommen, werden wir unser Baby bei uns haben«, sagte sie. »Dann wird nichts mehr so sein, wie es war.«

Die Scheibenwischer waren festgefroren, und Schnee rieselte über das Rückfenster, als er in die Straße einbog. Er fuhr langsam und dachte dabei, wie schön Lexington war, wenn Bäume und Büsche so dick mit Schnee besetzt waren. Als er auf die Hauptstraße fuhr, trafen die Räder des Wagens auf Eis, und er kam kurz ins Schleudern, bevor er geradewegs über die Kreuzung glitt, um an einer Schneewehe zum Stehen zu kommen.

»Nichts passiert«, verkündete er, sich hastig umschauend. Zum Glück war kein anderes Auto auf der Straße. Das Lenkrad in seinen nackten Händen war hart und kalt wie Stein. Von Zeit zu Zeit wischte er mit seinem Handrücken ein Sichtfenster in die überfrorene Windschutzscheibe und beugte sich nach vorne, um hindurchzuspähen. »Bevor wir losgefahren sind, habe ich Bentley verständigt«, unterrichtete er sie. Bentley war sein Kollege und Geburtshelfer. »Ich habe ihn vorsichtshalber ins Büro bestellt. Es ist näher, deshalb fahren wir dorthin.«

Auf das Armaturenbrett gestützt, atmete sie mit der Wehe tief ein und aus, statt etwas zu erwidern. »Solange ich das Baby nicht in diesem alten Auto bekommen muß«, preßte sie endlich hervor und versuchte dabei scherzhaft zu klingen. »Du weißt, wie sehr ich es schon immer gehaßt habe.«

Obwohl er wußte, daß sie Angst hatte, und obwohl er ihre Angst teilte, lächelte er. Selbst in einem Notfall wie diesem kam er nicht gegen seine Natur an und handelte methodisch und entschlossen: hielt an jeder Ampel und setzte ordentlich den Blinker, wenn er irgendwo abbog, obwohl sich kein anderes Fahrzeug auf der Straße befand. Alle paar Minuten stützte sie sich wieder, tief ein- und ausatmend, gegen das Armaturenbrett, so daß er schlucken mußte, wenn er sie aus dem Augenwinkel beobachtete. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so nervös gewesen zu sein wie in dieser Nacht. Selbst in seiner ersten Anatomiestunde, in der sie mit dem Leichnam eines Jungen konfrontiert wurden, dessen geöffneter Körper all seine Geheimnisse bloßlegte, war er weniger angespannt gewesen. Auch an seinem Hochzeitstag, als die Familie seiner Frau in der Kirche die eine Seite der Sitzreihen vollkommen ausfüllte und auf der anderen Seite nur eine Handvoll seiner Kollegen saßen – seine Eltern und die Schwester waren bereits tot –, hatte er nicht so viel Angst wie jetzt verspürt.

Auf dem Parkplatz des Klinikgeländes stand nur ein einziges Auto: der blaßblaue Fairline der Krankenschwester, ein gediegener, praktischer Wagen, der neuer als sein eigener war. Kurz nachdem er seinen Kollegen informiert hatte, hatte er auch sie angerufen. Nun, da sie das Büro sicher erreicht hatten, waren sie beide in Hochstimmung und lachten, als sie sich ins grelle Licht des Wartezimmers drängten.

Dort trafen sie auf die Schwester. Ihre großen blauen Augen saßen in einem blassen Gesicht, das keinen Aufschluß über ihr Alter gab. Sie konnte vierzig, aber auch nur fünfundzwanzig Jahre alt sein. Als er sie sah, wußte er sofort, daß etwas schiefgelaufen war, denn wenn ihr etwas gegen den Strich ging, bildete sich auf ihrer Stirn, genau zwischen den Augen, eine dünne, steile Falte. Auch jetzt, als sie von Bentley berichtete, konnte man sie sehen. Das Auto des Geburtshelfers war auf der noch ungeräumten Landstraße in der Nähe seines Hauses ausgeschert, hatte sich auf dem schneebedeckten Eis zweimal um die eigene Achse gedreht und war in einen Graben geschlittert.

»Heißt das, Dr. Bentley wird nicht kommen?« fragte seine Frau ängstlich. Die Schwester schüttelte den Kopf. Sie war groß, dünn und so kantig, daß es schien, als ob ihre Knochen jeden Moment durch die Haut stoßen würden. Ihre riesigen blauen Augen blickten ernst und intelligent. In der Klinik erzählte man sich, daß sie ein bißchen in ihn verliebt sei, und man witzelte darüber. Er hatte die Gerüchte monatelang ignoriert und als müßiges Bürogeschwätz abgetan, das zwangsläufig aufkommen mußte, wenn ein Mann und eine ledige Frau täglich so eng zusammenarbeiteten. Aber eines Tages war er über seinem Schreibtisch eingeschlafen. Er hatte geträumt, daß seine Mutter Gläser mit eingemachten Früchten auf das Wachstuch des Tisches unter dem Fenster stellte. Sie glänzten wie Juwelen. Seine fünfjährige Schwester saß dabei und hielt eine Puppe in der Hand, die sie vergessen zu haben schien. Das flüchtige Bild aus Kindheitstagen erfüllte ihn sowohl mit Trauer als auch mit Sehnsucht. Zwar gehörte das Elternhaus ihm, aber es stand leer, seit seine Schwester gestorben war und seine Eltern weggezogen waren. Die Zimmer, die seine Mutter früher geschrubbt hatte, bis sie matt glänzten, waren nun verkommen und nur noch vom Rascheln der Eichhörnchen und Mäuse erfüllt.

Als er seine Augen aufschlug, waren sie tränennaß. Die Schwester stand im Türrahmen, und ihr Gesicht hatte einen zärtlichen Ausdruck. In diesem Augenblick, mit einem angedeuteten Lächeln auf den Lippen, war sie wunderschön, eine ganz andere Frau als die effiziente Arzthelferin, die jeden Tag so ruhig und kompetent an seiner Seite arbeitete. Ihre Augen trafen sich, und plötzlich kam es ihm so vor, als würde er sie – als würden sie beide sich auf eine tiefe und vertraute Art und Weise kennen. Es gab nichts, was in diesem Moment zwischen ihnen stand, und ihre Vertrautheit war so groß, daß er reglos erstarrte. Da errötete sie heftig und wandte ihren Blick ab. Sie räusperte sich, richtete sich auf und erklärte, daß sie jetzt gehe, da sie bereits zwei Überstunden gemacht habe. Daraufhin vermied sie es viele Tage lang, ihn direkt anzusehen.

Nach diesem Erlebnis unterbrach er seine Kollegen, wenn sie ihn mit ihr aufzogen. »Sie ist eine sehr gute Schwester«, winkte er dann ab und fügte, an den Moment ihrer tiefen Verbundenheit denkend, hinzu: »die beste, mit der ich je gearbeitet habe.« Das entsprach der Wahrheit, und in dieser Nacht war er sehr froh, sie bei sich zu haben.

»Was ist mit der Unfallstation?« fragte sie. »Können wir es dorthin schaffen?« Der Arzt schüttelte den Kopf. Die Wehen kamen nun schon im Minutentakt.

»Dieses Baby will nicht warten«, antwortete er mit einem Blick auf seine Frau. Schnee war in ihrem Haar geschmolzen und funkelte wie ein Diadem aus Diamanten. »Es hat sich schon auf den Weg gemacht.«

»Ist schon in Ordnung«, erklärte seine Frau stoisch. Ihre Stimme war jetzt härter und entschiedener. »Das gibt eine Geschichte, die man ihm noch erzählen kann, wenn er groß ist. Ihm oder ihr«, verbesserte sie sich.

Die Schwester lächelte. Die Falte auf ihrer Stirn war nur noch schwach zu sehen. »Dann bringen wir Sie mal rein und tun etwas gegen Ihre Schmerzen«, schlug sie vor.

Er ging in sein Büro, um einen Kittel zu holen, und als er Bentleys Untersuchungszimmer betrat, lag seine Frau bereits mit angewinkelten und in Bügeln steckenden Beinen auf dem Bett. Der Raum war blaßblau, überall blitzten Chrom, weißes Email und feine Instrumente aus schimmerndem Stahl. Der Arzt trat zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Er war äußerst wachsam. Nicht das kleinste Detail entging ihm, und als er dieses alltägliche Ritual vollzog, begann seine Unruhe über Bentleys Ausbleiben nachzulassen. Dann schloß er die Augen, um sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

»Wir machen Fortschritte«, unterrichtete ihn die Schwester, als er sich umdrehte. »Es sieht alles sehr gut aus. Ich würde sagen, ihr Muttermund ist schon zehn Zentimeter geöffnet, was meinen Sie?«

Er saß auf dem niedrigen Hocker und führte seine Hände in den weichen, warmen Schoß seiner Frau. Die Fruchtblase war noch intakt, und durch sie hindurch konnte er den Kopf des Babys fühlen. Er war glatt und hart wie ein Baseball. Was er da berührte, war sein Kind. Normalerweise sollte er in irgendeinem Wartezimmer auf und ab gehen. Die Rolläden des einzigen Fensters im Zimmer waren heruntergelassen, und als er seine Hand aus der Wärme ihres Körpers zog, fragte er sich, ob es wohl noch schneite und ob die Stadt und das weite Land dahinter noch immer still unter ihrer weißen Decke lagen.

»Ja«, bestätigte er, »zehn Zentimeter.«

»Phoebe«, sagte seine Frau. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ihre Stimme war klar. Sie hatten monatelang über Namen nachgedacht, ohne eine Entscheidung zu treffen. »Für ein Mädchen Phoebe. Und wenn es ein Junge ist, wird er Paul heißen, nach meinem Großonkel. Habe ich dir das überhaupt schon erzählt?« fragte sie ihn. »Ich wollte dir längst sagen, daß ich mich für zwei Namen entschieden habe.«

»Das sind schöne Namen«, stimmte die Schwester beruhigend zu.

»Phoebe und Paul«, wiederholte der Arzt, aber er konzentrierte sich nur auf die Wehe, die sich im Fleisch seiner Frau zusammenballte. Er gab der Schwester ein Zeichen, die daraufhin das Lachgas vorbereitete. Während seiner Assistenzzeit hatte man Frauen, die in den Wehen lagen, noch eine Vollnarkose gegeben. Sie waren erst erwacht, wenn die Geburt vorbei war. Aber die Zeiten hatten sich geändert – man schrieb das Jahr 1964 –, und er wußte, daß Bentley Lachgas nur selektiv einsetzte. Um aktiv pressen zu können, sollte Norah besser wach sein. Nur in den Wehenspitzen und beim Austritt des Kindes würde er sie betäuben, um ihr die größten Schmerzen zu nehmen. Seine Frau verkrampfte sich und schrie auf, als das Baby in den Geburtskanal rutschte und dabei die Fruchtblase zum Platzen brachte.

»Jetzt«, rief der Arzt, und die Schwester drückte ihr die Betäubungsmaske auf Mund und Nase. Als das Gas zu wirken begann, erschlafften ihre Hände, und ihre Fäuste öffneten sich. Still, friedlich und ahnungslos lag sie da, während eine Wehe nach der anderen ihren Körper durchfuhr.

»Für eine Erstgeburt kommt das Baby sehr schnell«, stellte die Schwester fest.

»Ja«, stimmte der Arzt zu, »so weit, so gut.«

Es verging eine halbe Stunde, in der seine Frau immer wieder erwachte, stöhnte und preßte. Wenn der Arzt dachte, ihre Schmerzen wären zu groß – oder wenn sie schrie, es sei nicht mehr auszuhalten –, nickte er der Schwester zu, die sie daraufhin mit Lachgas betäubte. Bis auf den ruhigen Austausch von Anweisungen wurde nicht gesprochen. Draußen schneite es noch immer. Der Schnee trieb an den Häusern vorbei und legte sich auf die Straßen.

Der Arzt saß auf einem Stuhl aus Edelstahl und sammelte seine Gedanken. Während seiner Ausbildung hatte er fünf Kinder lebend und gesund auf die Welt gebracht, und diese Geburten rief er sich jetzt ins Gedächtnis, als er in seiner Erinnerung nach den Details für die richtigen Handgriffe suchte. Während er sich konzentrierte, wurde seine Frau, deren Füße in den Bügeln steckten und deren Bauch so hoch aufragte, daß er ihren Kopf nicht sehen konnte, langsam zu einer jener anderen fünf Frauen. Ihre runden Knie, ihre glatten, schmalen Waden und Gelenke lagen vor ihm und waren ihm vertraut und lieb. Trotzdem dachte er nicht daran, sie zu streicheln oder ihr beruhigend die Hand auf das Knie zu legen. Es war die Schwester, die ihre Hand hielt, während sie preßte. Sie wurde zu einer Patientin, die er unter Aufwendung all seiner technischen Fähigkeiten versorgen mußte. Mehr denn je empfand er es als seine Pflicht, seine Gefühle im Zaum zu halten.

Nach einer Weile stand ihm der seltsame Moment, den er in ihrem Schlafzimmer erlebt hatte, wieder vor Augen. Er fühlte sich, als ob er sich vom Schauplatz der Geburt entfernte. Wieder war er anwesend und doch zugleich an einem anderen Ort, von dem aus er alles aus sicherer Entfernung beobachten konnte. Sorgfältig sah er sich einen sehr präzisen Dammschnitt setzen. Ein guter Schnitt, dachte er, als das Blut in einer sauberen Linie hervorquoll, und er vermied es, an die Situationen zu denken, als er dieses Fleisch in sexueller Erregung berührt hatte.

Der Kopf zeigte sich. Nach drei weiteren Preßwehen war er ganz zu sehen, und der Körper glitt in seine wartenden Hände. Das Baby schrie auf, und seine blaue Haut wurde rosig. Es war ein rotgesichtiger, dunkelhaariger Junge mit wachen Augen, der offensichtlich großes Mißtrauen gegen die Lichter und den kalten, klaren Luftzug, der ihm entgegenschlug, hegte. Der Arzt band die Nabelschnur ab und durchtrennte sie. Mein Sohn, erlaubte er sich zu denken. Mein Sohn.

»Er ist wunderschön«, bestätigte die Schwester. Sie wartete, während er das Kind untersuchte und dabei dessen regelmäßigen, kräftigen Herzschlag, seine langgliedrigen Finger und den dunklen Haarschopf bewunderte. Dann trug sie das Kind in den anderen Raum, um es zu baden und ihm Silbernitrat in die Augen zu träufeln. Die schwachen Schreie wurden zu ihnen herübergetragen, und seine Frau regte sich. Der Arzt hielt sich in Erwartung der Nachgeburt bereit und atmete mehrmals tief durch. Mein Sohn, dachte er wieder.

»Wo ist das Baby?« fragte seine Frau, als sie die Augen aufschlug und sich das Haar aus dem gerötetem Gesicht strich. »Ist alles okay?«

»Es ist ein Junge«, erklärte er und lächelte sie an. »Sobald er sauber ist, wird die Schwester ihn bringen. Wir haben einen absolut perfekten kleinen Sohn.«

Die vor Glück und Erschöpfung ermatteten Gesichtszüge seiner Frau spannten sich unter einer weiteren Kontraktion plötzlich an. Sofort kehrte der Arzt zu dem Stuhl zwischen ihren Beinen zurück und drückte sanft auf ihren Unterleib, um die Plazenta zu bergen. Sie schrie auf, und in diesem Augenblick verstand er, was da gerade geschah. Er war so erschrocken, als hätte sich plötzlich ein Abgrund vor ihm aufgetan.

»Es ist alles in Ordnung«, beruhigte er sie, »alles ist in bester Ordnung.« Aber als die nächste Wehe heraufzog, rief er: »Schwester!«

Sie kam sofort, das in weiße Tücher gehüllte Baby auf den Armen.

»Beim Apgar-Test hat er neun Punkte erreicht«, verkündete sie. »Das ist sehr gut.«

Seine Frau hob ihren Arm, um das Baby zu nehmen, aber der Schmerz holte sie ein, und sie sank auf die Liege zurück.

»Schwester?« der Arzt winkte sie heran. »Ich brauche Sie jetzt hier. Es ist dringend.«

Nach einem Moment der Verwirrung legte die Schwester zwei Kissen auf den Boden, auf die sie das Baby bettete. Dann begab sie sich eilig zum Arzt neben die Liege.

»Mehr Gas!« Er sah ihre Überraschung, die von einem raschen Nicken des Verstehens abgelöst wurde, als sie seine Anordnung ausführte. Seine Hand lag nun auf dem Knie seiner Frau, so daß er die Erschlaffung ihrer Muskeln spüren konnte, als das Lachgas zu wirken begann.

»Zwillinge?« fragte die Schwester jetzt leise.

Der Arzt, der sich nach der Geburt des Jungen etwas entspannt hatte, fühlte sich nun schwach und konnte nur matt nicken. Ruhig, ermahnte er sich, als der nächste Kopf erschien. Du bist hier irgendwo im Raum, dachte er, während er das Geschehen von einem günstigen Platz von der Decke aus verfolgte und seine Hände effektiv und präzise arbeiteten. Dies ist eine Geburt wie jede andere.

Dieses Baby war kleiner. Es rutschte so schnell in seine behandschuhten Hände, daß er sich mit durchgedrückter Brust nach vorn beugte, um es aufzufangen.

»Es ist ein Mädchen«, stellte er fest, während er das Kind mit dem Gesicht nach unten wie einen Football in den Armen hielt und ihm so lange auf den Rücken klopfte, bis es aufschrie. Dann drehte er das Neugeborene um und sah ihm ins Gesicht.

Cremigweiße Käseschmiere und feine Spuren von Blut überzogen seine zarte Haut, und es war vom Fruchtwasser noch ganz glitschig. Die blauen Augen wirkten trüb, und das Haar war pechschwarz, aber davon bemerkte er kaum etwas. Etwas anderes nahm ihn gefangen. Er starrte auf die unverkennbaren Gesichtszüge: die Augen, die wie zu einem Lachen nach oben gedreht waren, die Epikanthus-Falte über dem Augenlid und die flache Nase. »Ein klassischer Fall«, hatte sein Professor bei der Untersuchung eines anderen Kindes vor Jahren gesagt. »Es ist ein mongoloides Kind. Wissen Sie, was das bedeutet?« Daraufhin hatte er, der Arzt, gehorsam die Symptome aufgezählt, die er aus einem Fachartikel kannte: schlaffer Muskeltonus, verzögerte körperliche und geistige Entwicklung, mögliche Herzkomplikationen, früher Tod. Der Professor hatte genickt und das Stethoskop auf die nackte weiche Brust des Säuglings gedrückt. »Armes Kind. Die Eltern können nichts anderes tun, als es sauberzuhalten. Sie sollten sich das ersparen und es in ein Heim geben.«

Der Arzt fühlte sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Seine Schwester war mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen und sehr langsam gewachsen. Ihr Atem ging stockend, und immer wenn sie zu rennen versuchte, mußte sie nach Luft schnappen. Viele Jahre lang, bevor sie nach Morgantown in die Klinik fuhren, wußten sie nicht, was mit ihr los war. Und als sie es schließlich erfuhren, konnten sie nichts für sie tun. Seine Mutter richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf seine Schwester, und trotzdem verstarb sie mit zwölf Jahren. Da war er selbst schon sechzehn gewesen, hatte ein Stipendium erhalten und in der Stadt gelebt. Er war bereits auf seinem Weg nach Pittsburgh gewesen, zum Medizinstudium, zu dem Leben, das er jetzt führte. Dennoch konnte er sich an die tiefe, lang anhaltende Trauer seiner Mutter erinnern. Auch sah er sie wieder vor sich, wie sie jeden Morgen bei Wind und Wetter mit verschränkten Armen den Hügel zum Grab hinaufging.

Die Krankenschwester stand an seiner Seite und betrachtete das Baby.

»Es tut mir so leid für Sie, Herr Doktor«, sagte sie mit aufrichtigem Bedauern.

Er hatte völlig vergessen, was er als nächstes tun mußte, und hielt das Neugeborene noch immer auf dem Arm. Die winzigen Hände des Mädchens waren perfekt geformt. Aber da gab es auch diesen Spalt, der sich wie eine Zahnlücke zwischen ihrem großen Zeh und den anderen auftat, und wenn er ihr tief in die Augen sah, konnte er deutlich die Bushfield-Flecken erkennen, die wie winzige Schneeflocken in ihrer Iris saßen. Er stellte sich ihr Herz vor, das groß wie eine Pflaume und wahrscheinlich defekt war, und er dachte an das Kinderzimmer mit den weichen Kuscheltieren, das so liebevoll bemalt war, und an die einzelne Wiege darin. Zuletzt sah er seine Frau vor sich, wie sie auf dem Bürgersteig vor ihrem verschneiten, mondbeschienenen Haus gestanden und gesagt hatte: »Dann wird nichts mehr so sein, wie es war.«

Die Hand des Kindes streifte seine, und er machte sich an die Arbeit. Willenlos begann er die gewohnten Arbeitsgänge abzuspulen. Er durchschnitt die Nabelschnur, überprüfte Herz und Lungen und dachte dabei die ganze Zeit an den Schnee. Er sah das silberne Auto in den Graben fahren, und die tiefe Stille der leeren Klinik drang in sein Bewußtsein. Wenn er später an diese Nacht zurückdachte – und in den kommenden Monaten und Jahren würde er noch oft an diese Nacht denken, die den Wendepunkt in seinem Leben markierte, und an die Momente, um die sich später alles andere fügen würde –, so erinnerte er sich an diese Stille und an den stetig fallenden Schnee. Die Stille umfing ihn so gänzlich, daß er sich fühlte, als würde er schweben: immer höher, über das Zimmer hinaus und weiter, bis er mit dem Schnee eins wurde und bis das Schauspiel in diesem Zimmer zu einem anderen Leben gehörte – einem Leben, dessen zufälliger Zuschauer er war –, als wäre es nur eine Szene, die man im Vorbeigehen durch ein warm erleuchtetes Fenster erhascht.

»Bitte machen Sie es jetzt sauber«, wandte er sich an die Schwester und entließ das leichte Bündel in ihre Arme. »Behalten Sie es aber im anderen Raum, ich möchte nicht, daß meine Frau schon davon erfährt. Es ist noch zu früh.«

Die Schwester nickte. Sie verschwand und kam dann wieder, um seinen Sohn in die Babyschale zu legen, die sie mitgebracht hatten. Der Arzt war inzwischen damit beschäftigt, die beiden Plazentas zu entbinden. Sie kamen leicht und unbeschädigt heraus, waren dick und dunkel und hatten jeweils die Größe eines kleinen Tellers. Zweieiige Zwillinge, männlich und weiblich, der eine war sichtlich vollkommen, die andere von einem zusätzlichen Chromosom gezeichnet, das in jeder Zelle ihres Körpers steckte. Wie gering die Wahrscheinlichkeit dafür war! Sein Sohn lag in der Babyschale. Von Zeit zu Zeit ruderten seine Arme, mit schnellen, fließenden Schwimmbewegungen, als befände er sich noch im Mutterleib. Der Arzt injizierte seiner Frau ein Beruhigungsmittel und beugte sich herunter, um den Dammschnitt zu nähen. Es dämmerte schon, und die Fenster wurden von schwachem Licht erhellt. Während er die Bewegungen seiner Hände verfolgte, fiel ihm auf, wie gut die winzigen Stiche saßen und daß sie genauso ordentlich und gleichmäßig waren wie die seiner Frau. Es kam ihm wieder in den Sinn, wie sie wegen eines Fehlers, den er nicht einmal erkennen konnte, eine ganze Stoffbahn aus ihrem Quilt gerissen hatte.

Als er fertig war, fand er die Schwester, die das kleine Mädchen in den Armen wiegte, in einem Schaukelstuhl im Wartezimmer sitzend. Wortlos begegnete sie seinem Blick, und er erinnerte sich an die Nacht, in der sie ihn im Schlaf betrachtet hatte.

»Es gibt da einen Ort«, erklärte er sachlich und notierte Namen und Adresse auf die Rückseite eines Briefumschlages. »Ich bitte Sie, das Baby dorthin zu bringen. Natürlich erst morgen früh. Ich werde die Geburtsurkunde ausstellen und dort Bescheid geben, daß Sie kommen.«

»Aber Ihre Frau«, wandte die Schwester ein, und von seiner fernen Warte aus konnte er Überraschung und Mißbilligung in ihrer Stimme hören.

Er dachte an seine dünne, blasse Schwester, an ihr Ringen nach Atem und an seine Mutter, wie sie sich zum Fenster drehte, um ihre Tränen zu verbergen.

»Können Sie das nicht verstehen?« fragte er sanft. »Dieses arme Kind hat ziemlich sicher einen Herzfehler, sehr wahrscheinlich sogar einen tödlichen. Ich erspare uns allen nur schreckliches Leid.«

Man hörte ihm an, daß er von seinen Worten überzeugt war. Die Schwester saß schweigend da und starrte ihn unverwandt an. Obwohl sie überrascht wirkte, war ihre Miene undurchdringlich, während er auf ihre Zustimmung wartete. In seiner momentanen geistigen Verfassung kam es ihm nicht in den Sinn, daß sie sein Anliegen auch ablehnen könnte. Erst als die Nacht vorangeschritten war und in den vielen Nächten, die ihr folgten, war ihm bewußt, wie sehr er sein ganzes Vorhaben gefährdet hatte. Statt dessen dauerte ihm ihre Reaktion jetzt zu lange, und er fühlte sich plötzlich sehr müde. Die ihm sonst so vertraute Klinik kam ihm merkwürdig vor, als ob er sich in einem Traum befände. Die Schwester sah ihn aus unergründlichen blauen Augen an, und er erwiderte ihren Blick unerschrocken. Schließlich machte sie eine schwache Kopfbewegung, die man kaum als Nicken erkennen konnte.

»Der Schnee«, murmelte sie und senkte ihren Blick.

Aber im Verlauf des Morgens begann der Sturm sich zu legen, und in der Ferne hörte man die knirschenden Geräusche von Räumfahrzeugen, die die reglose Luft durchpflügten. Aus einem der oberen Fenster sah er der Schwester dabei zu, wie sie Schnee von ihrem blauen Auto klopfte und in die weiße Welt hinausfuhr. Das Neugeborene war verdeckt, es lag schlafend in einer mit Tüchern ausgelegten Kiste, die auf dem Rücksitz stand. Der Arzt sah, wie sie nach links in die Straße abbog und verschwand. Dann ging er zurück zu seiner Familie.

Seine Frau schlief noch. Ihr Goldhaar floß über das Kissen. Hin und wieder nickte er ein. Wenn er aufwachte, starrte er auf den leeren Parkplatz, sah Rauch aus den Schornsteinen gegenüber aufsteigen und bereitete die Worte vor, die er seiner Frau sagen wollte, nämlich daß niemanden eine Schuld treffe, daß ihre Tochter in guten Händen, unter ihresgleichen sein würde und daß man sich dort ständig um sie kümmern könnte. So sei es für sie alle am besten. Am späten Vormittag, als es endgültig aufgehört hatte zu schneien, schrie sein Sohn vor Hunger auf, und seine Frau erwachte.

»Wo ist das Baby?« fragte sie, stützte sich auf ihre Ellenbogen und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Er nahm ihren Sohn, der sich leicht und warm anfühlte, setzte sich neben sie und legte ihr das Baby in die Arme.

»Hallo, meine Süße«, begrüßte er sie. »Sieh dir unseren wunderschönen Sohn an. Du bist sehr tapfer gewesen.«

Sie küßte das Baby auf die Stirn, öffnete ihren Mantel und legte es an die Brust. Sofort saugte sich sein Sohn fest, und seine Frau sah lächelnd zu ihm auf. Er nahm ihre freie Hand und dachte an die Abdrücke, die ihre Finger auf seinen Armen hinterlassen hatten, weil sie sich so fest an ihn geklammert hatte. Auch daran, wie sehr er sie hatte beschützen wollen, erinnerte er sich.

»Ist alles in Ordnung?« fragte sie. »Schatz, was ist mit dir?«

»Wir hatten Zwillinge«, begann er schleppend und hatte die schwarzen Haarschöpfe und die glitschigen Körper, die in seine Hände rutschten, wieder vor Augen. Tränen stiegen ihm in die Augen. »Einen Jungen und …« Er brach den Satz ab.

»Oh«, sie verstand ihn nicht. »Auch ein kleines Mädchen? Paul und Phoebe. Aber wo ist sie?«

Ihre Finger sind so schmal wie die Knochen eines kleinen Vogels, dachte er.

»Mein Schatz«, hob er erneut an. Seine Stimme wurde brüchig, und die Worte, die er sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte, waren verschwunden. Er schloß die Augen, und als er wieder sprechen konnte, brach es aus ihm heraus: »Es tut mir so leid, mein Liebling. Du warst so großartig, so tapfer, aber unsere kleine Tochter ist bei der Geburt gestorben.«

2. Kapitel

März 1964

CAROLINE GILL STAPFTE VORSICHTIG UND UNBEHOLFEN über den Parkplatz. Der Schnee reichte ihr bis zu den Knöcheln, an einigen Stellen sogar bis zum Knie. Sie trug das in Tücher gewickelte Baby in einem Pappkarton, der früher Probepackungen mit Säuglingsnahrung enthalten hatte. Er war mit roten Buchstaben und puttenhaften Babygesichtern bedruckt, und seine abstehenden Klappen hoben und senkten sich mit jedem Schritt. Über dem fast leeren Parkplatz lag eine unnatürliche, kalte Stille, die sich wie Wellenringe auszubreiten schien, die von einem ins Wasser geworfenen Stein wegstreben. Schnee stob auf und brannte in ihrem Gesicht, als sie die Autotür öffnete. Instinktiv beugte sie sich schützend über die Schachtel und klemmte sie auf dem Rücksitz fest, wo die rosafarbenen Tücher sanft auf die weißen Kunststoffpolster sanken. Das Baby schlief den unerschütterlichen Schlaf eines Neugeborenen. Seine Augen waren nur Schlitze, Nase und Kinn bloße Aufwerfungen in seinem zusammengeballten Gesicht. Man würde es nicht erkennen, wenn man es nicht wüßte, dachte Caroline. Sie hatte den Zustand des Mädchens, nach dem Apgar-Test, mit acht von zehn Punkten bewertet.

Die Fahrt auf den schlecht geräumten Straßen war beschwerlich. Zweimal geriet der Wagen ins Schleudern, und Caroline wäre fast umgekehrt. Doch die Interstate war besser geräumt, und sobald Caroline sie erreichte, kam sie beständig voran. Die heruntergekommenen Außenbezirke Lexingtons wurden von den hügeligen Ländereien der Pferdefarmen abgelöst. Kilometerlange weiße Zäune warfen lebhafte Schatten auf den Schnee, und Pferde hoben sich dunkel von den Weiden ab. Dichte graue Wolken zogen tief über den Himmel. Caroline machte das Radio an, suchte nach einem Sender und schaltete es wieder aus. Die Welt flog in bekannten Bildern an ihr vorbei, und doch hatte sie sich vollkommen verändert.

Von dem Augenblick an, da sie Dr. Henrys überraschender Bitte mit einem kaum merklichen Nicken zustimmte, hatte Caroline sich gefühlt, als würde sie in Zeitlupe durch die Luft fallen, dem Aufprall entgegen. Was er von ihr verlangt hatte – daß sie seine neugeborene Tochter fortbringen sollte, ohne seine Frau von ihrer Existenz zu unterrichten –, war unbeschreiblich. Aber der Schmerz und die Verwirrung, die sich bei der Untersuchung auf seinem Gesicht abgezeichnet hatten, und die langsame und benommene Art, mit der er sich danach bewegte, hatten Caroline so gerührt, daß sie seinem Wunsch nachgab. Sie sagte sich, daß er noch früh genug zur Besinnung kommen würde. Er befand sich in einem Schockzustand, und wer konnte ihm das verdenken?

Als sie kräftiger auf das Gaspedal trat, strömten die Eindrücke der frühen Morgenstunden auf sie ein. Sie dachte an Dr. Henry, der mit solch ruhiger Geschicklichkeit gearbeitet hatte, und erinnerte sich an jede seiner konzentrierten, präzisen Bewegungen. Sie sah das Aufblitzen von schwarzem Haar zwischen Norah Henrys weißen Oberschenkeln und ihren riesigen Bauch, der unter den Wehen wie ein See im Wind wogte. Auch das leise Zischen des Gases und der Moment, in dem sie Dr. Henry mit schriller Stimme und einem von Angst gezeichneten Gesicht gerufen hatte, da sie glaubte, das zweite Baby wäre tot zur Welt gekommen, klangen in ihrem Kopf nach. Sie hatte darauf gewartet, daß er Anstalten machte, es wiederzubeleben. Und als das nicht geschah, dachte sie plötzlich, sie sollte zu ihm gehen, um später alles bezeugen zu können: »Ja, das Baby war blau. Dr. Henry hat wirklich alles versucht. Wir beide haben alles versucht, aber man konnte nichts mehr tun.«

Aber dann schrie das Baby, und mit dem Schrei war sie an seiner Seite, und da sah sie es und verstand.

Ihre Erinnerungen unterdrückend, fuhr sie weiter. Die Straße schnitt sich durch den Berg, und der Horizont verengte sich zu einem Trichter. Sie fuhr einen flachen Hügel hinauf und dann die lang abfallende Straße zu dem weit unter ihr liegenden Fluß hinunter. Hinter ihr, in seiner Kiste, schlief das Mädchen friedlich weiter. Caroline blickte von Zeit zu Zeit zu ihm und war beruhigt und gleichzeitig voller Sorge, als sie sah, daß es sich noch nicht bewegt hatte. Nach der Anstrengung, die es kostete, auf die Welt zu kommen, war so ein Schlaf normal. Sie sann über ihre eigene Geburt nach, aber ihre Eltern waren schon lange tot; es gab keinen mehr, der sich an diesen Moment erinnern konnte. Bei Carolines Geburt war ihre Mutter über Vierzig und ihr Vater schon zweiundfünfzig Jahre alt gewesen. Längst hatten die beiden ihre Hoffnung auf ein Kind aufgegeben, und selbst das Bedauern darüber hatten sie sich abgewöhnt. Ihr Leben verlief ruhig und in geordneten Bahnen, und sie waren zufrieden. So lange, bis Caroline, überraschend wie eine Blume, die durch den Schnee bricht, auf die Welt kam.

Ihre Eltern hatten sie natürlich geliebt, aber es war eine besorgte Liebe gewesen, ernst und voller guter Absichten, überlagert von Umschlägen, warmen Socken und Rizinusöl. In den stillen, heißen Sommertagen, wenn sie Angst vor Kinderlähmung hatten, mußte Caroline im Haus bleiben. Wenn sie auf der Liege, die auf dem oberen Flur am Fenster stand, ruhte und las, rannen Schweißperlen von ihren Schläfen. Die Fliegen brummten gegen die Scheibe und lagen nach einer Weile tot auf dem Fensterbrett. Draußen flimmerte die Landschaft in der gleißenden Hitze, und man konnte die Rufe der Nachbarskinder in der Ferne hören, deren Eltern jünger und deshalb unbekümmerter waren. Caroline preßte Gesicht und Fingerspitzen gegen die Scheibe und lauschte. Sie sehnte sich nach draußen. Die Luft stand still, und Schweiß durchfeuchtete die Ärmel ihrer Baumwollbluse und den gebügelten Bund ihres Rockes. Unten im Garten jätete ihre Mutter Unkraut; mit Handschuhen, einer langen Schürze und Hut. Später, in den dämmrigen Abendstunden, kehrte ihr Vater heim. Er ging den Weg von seinem Versicherungsbüro nach Hause zu Fuß. Wenn er das stille, verschlossene Haus betrat, nahm er seinen Hut ab. Unter seinem Jackett war sein Hemd fleckig und feucht.

Sie fuhr nun über die Brücke, die Reifen surrten, tief unter ihr schlängelte sich der Kentucky River, und die Energie, mit der die vergangene Nacht aufgeladen war, schmolz dahin. Erneut warf sie einen kurzen Blick auf das Baby. Sie war sich sicher, daß Norah Henry dieses Kind in den Armen hätte wiegen wollen, selbst wenn sie es nicht behalten konnte. Das war genauso unstrittig wie die Tatsache, daß sie sich nicht in diese Angelegenheit einmischen sollte.

Doch sie kehrte nicht um. Wieder schaltete sie das Radio ein, fand diesmal einen Sender, der klassische Musik spielte, und fuhr weiter.

Dreißig Kilometer vor Louisville zog Caroline Dr. Henrys Wegbeschreibung, die in seiner klaren, engen Handschrift geschrieben war, zu Rate und verließ den Highway. Hier, nahe dem Ohio River, waren die Äste der Weißdorn- und Hackberrybüsche vereist, obwohl die Straßen frei und trocken waren. Weiße Zäune umgrenzten die schneebedeckten Wiesen. Dahinter bewegten sich dunkel Pferde, die beim Atmen kleine Wolken ausstießen. Caroline bog auf eine noch engere Straße, die durch offenes, welliges Land führte. Nach anderthalb Kilometern fahler Hügellandschaft erblickte sie das Backsteinhaus, das um die Jahrhundertwende gebaut worden war, wie man trotz der zwei niedrigen modernen Flügel unschwer erkennen konnte. Das Gebäude verschwand von Zeit zu Zeit, als sie den Kurven und Senken der Landstraße folgte, und stand dann plötzlich vor ihr.

Sie bog in das Rondell der Einfahrt ein. Von nahem sah man, daß das alte Haus sich in einem leicht baufälligen Zustand befand. Farbe blätterte auf die Fensterkästen, und im zweiten Stock war ein Fenster zerbrochen, gegen das man von innen Sperrholz genagelt hatte.

Caroline stieg aus. Sie trug flache, abgetretene Schuhe mit dünnen Sohlen, die sie hastig übergezogen hatte, als sie mitten in der Nacht aufbrechen mußte und ihre Stiefel nicht finden konnte. Ihre Füße waren sofort eiskalt. Sie schwang die Tasche über die Schulter, die ein Fläschchen, Windeln und eine Thermoskanne mit Säuglingsmilch enthielt, die sie in der Klinik vorbereitet hatte, nahm dann den Karton mit dem Baby hoch und betrat das Gebäude. Lampen aus Bleiglas, die lange nicht mehr geputzt worden waren, flankierten die Eingangstür. Eine zweite Tür aus Milchglas führte in eine Eingangshalle aus dunkler Eiche. Warme, von Küchengerüchen geschwängerte Luft – sie konnte Karotten, Zwiebeln und Kartoffeln ausmachen – zog an ihr vorbei. Caroline ging zögernd vorwärts, die Dielen knarrten unter jedem ihrer Schritte, aber niemand erschien. Ein abgewetzter Läufer lag auf den breiten Brettern des Flures, der in den hinteren Teil des Gebäudes zu einem Wartezimmer mit großen Fenstern und schweren Vorhängen führte. Sie setzte sich auf die Kante eines Sofas, dessen Samtbezug zerschlissen war, stellte den Karton dicht neben sich und wartete.

Der Raum war überheizt, und sie knöpfte ihren Mantel auf. Noch immer trug sie ihren weißen Schwesternkittel, und als sie ihr Haar berührte, stellte sie fest, daß selbst ihr spitzer weißer Hut noch auf ihrem Kopf saß. Gleich nachdem Dr. Henry sie angerufen hatte, war sie aufgestanden, hatte sich schnell angezogen und war in die verschneite Nacht aufgebrochen, und seitdem hatte sie sich keine Ruhepause gegönnt. Sie löste den Hut aus ihrem Haar, faltete ihn sorgfältig zusammen und schloß die Augen. Von weither drangen das Klappern von Besteck und das Summen menschlicher Stimmen an ihr Ohr. Über ihr hallten Schritte. Sie begann von ihrer Mutter zu träumen, die ein Festtagsessen vorbereitete, während ihr Vater in der Holzwerkstatt arbeitete. In der Kindheit war sie manchmal ziemlich einsam gewesen, aber trotzdem waren ihr bestimmte Erinnerungen geblieben – ein besonderer Quilt, den sie eng an sich drückte, ein Teppich mit Rosen unter ihren Füßen, ein Geflecht von Stimmen, die nur ihr allein gehörten.

In der Ferne hörte sie eine Klingel, es läutete zweimal. »Ich brauche Sie jetzt hier«, hatte Dr. Henry gerufen, und in seiner Stimme lagen Anspannung und Dringlichkeit. Caroline hatte sich beeilt, hatte ein merkwürdiges Bett aus Kissen geformt und die Maske auf Mrs. Henrys Gesicht gedrückt, als der zweite Zwilling, dieses kleine Mädchen, in die Welt glitt und die Dinge in Bewegung setzte.

In Bewegung – ja, man konnte den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Allein das Sitzen auf diesem Sofa, in der Stille dieses Ortes, sogar das Warten war Bewegung. Es beunruhigte Caroline, daß die Dinge nicht zur Ruhe kamen, daß die Welt pulsierte. Und nun das? kreiste es in ihrem Kopf. Nach all den Jahren das?

Denn Caroline Gill war schon einunddreißig Jahre alt, und all die Jahre hatte sie darauf gewartet, daß ihr wahres Leben anfing. Obwohl sie sich selbst das nie so eingestanden hatte. Trotzdem hatte sie seit ihrer Kindheit das Gefühl, daß ihr Leben nicht gewöhnlich verlaufen würde. Etwas Gravierendes würde in ihrem Leben geschehen – und sie würde erkennen, wann es soweit war. Sie hatte davon geträumt, eine große Pianistin zu werden, aber die Scheinwerfer, die die Bühne der Highschool beleuchteten, warfen ein ganz anderes Licht als die Lampen zu Hause; ihr greller Schein ließ sie erstarren. Als sie Mitte Zwanzig war, begannen ihre Freundinnen aus der Krankenpflegeschule zu heiraten und Familien zu gründen, und auch Caroline schwärmte für einige junge Männer, besonders für einen, der blaß und dunkelhaarig war und ein tiefes Lachen hatte. Eine Zeitlang, in ihrer romantischen Phase, träumte sie davon, daß er – und als er sich nicht meldete, irgendein anderer – ihr Leben verändern würde. Doch im Laufe der Jahre wurde ihre Arbeit allmählich zu ihrem Lebensmittelpunkt, was sie ohne Bedauern hinnahm. Sie glaubte an sich und hatte Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Nie war sie auf halbem Weg stehengeblieben, um zu überlegen, ob sie das Bügeleisen angelassen hatte und das Haus niederbrennen würde. Sie arbeitete, wartete und las.

Erst las sie die Novellen von Pearl Buck und dann alles, was sie über das Leben in China, Burma und Laos finden konnte. Manchmal glitten ihr die Bücher aus der Hand, und sie blickte verträumt aus dem Fenster ihrer schlichten kleinen Wohnung am Rande der Stadt. Dann fühlte sie sich in ein anderes Leben versetzt, das exotisch und schwer, aber auch befriedigend war. Die Klinik, von der sie träumte, war einfach und lag in einem wuchernden Dschungel, vielleicht in der Nähe des Meeres. Sie war weiß getüncht und würde wie eine Perle strahlen. Draußen würden die Menschen wartend in einer Schlange stehen oder unter Kokospalmen kauern. Caroline würde sich allein um die Kranken kümmern und sie alle heilen. Sie würde das Leben dieser Menschen und damit auch ihr eigenes verändern.

Diese Vision hatte sie so vereinnahmt, daß sie sich als Missionsschwester beworben hatte. An einem strahlenden Wochenende im Spätsommer hatte sie den Bus nach St. Louis genommen und war zu einem Bewerbungsgespräch gefahren. Ihr Name wurde auf eine Warteliste für Korea gesetzt. Aber die Zeit verging; das Projekt wurde verschoben und schließlich ganz abgesagt. Caroline wurde in eine andere Liste eingetragen, diesmal für Burma. Und dann, während sie noch immer eifrig ihre Post durchsah und von den Tropen träumte, war Dr. Henry aufgetaucht.

Es geschah an einem gewöhnlichen Tag, und nichts deutete darauf hin, daß dieser Tag besonders verlaufen würde. Die letzten Wochen des Herbstes, die Zeit der Erkältungskrankheiten, waren angebrochen, und das Wartezimmer war überfüllt. Niesen, erstickter Husten und das Rascheln von Taschentüchern, die aus Hand- und Hosentaschen gezogen wurden, bildeten die Geräuschkulisse. Auch Caroline spürte ein stumpfes Kratzen tief in ihrem Hals, als sie Dr. Bentleys nächsten Patienten aufrief.

Rupert Dean war ein älterer Herr, dessen Erkältung sich in den nächsten Tagen verschlimmern und zu einer Lungenentzündung auswachsen würde. Diese würde ihn schließlich das Leben kosten. Er saß in einem Ledersessel und versuchte gerade, seine blutende Nase zu versorgen. Als er sich langsam erhob, stopfte er sein Stofftaschentuch in die Tasche, das von leuchtenden Blutflecken gesprenkelt war. Am Empfangstresen angekommen, zeigte er Caroline eine schwach kolorierte Schwarzweißfotografie in einem dunkelblauen Rahmen. Die Frau, die ihr aus dem Bild entgegenblickte, trug einen blassen, pfirsichfarbenen Pullover, ihr Haar war leicht gewellt, und ihre Augen strahlten in einem tiefen Blau. Es war Rupert Deans Frau Esmeralda, und sie war schon seit zwanzig Jahren tot.

»Sie war die Liebe meines Lebens«, verkündete er so laut, daß die Leute aufblickten und ihn ansahen.

Die Eingangstür des Bürotrakteswurde geöffnet und brachte die Glasscheiben der Wartezimmertür zum Klirren.

»Sie ist wunderschön«, bestätigte Caroline, die von seiner Liebe und Trauer so bewegt war, daß ihre Hände zitterten. Sie war nie mit solcher Leidenschaft geliebt worden. Und obwohl sie nun schon fast dreißig Jahre alt war, gab es niemanden, der, wenn sie morgen sterben würde, so um sie trauern würde wie Rupert Dean.

Sicher war sie, Caroline Loraine Gill, genauso einzigartig und verdiente genausoviel Liebe wie die Frau auf dem Foto des alten Mannes, doch bis jetzt war noch niemand darauf aufmerksam geworden. Weder die Kunst noch die Liebe und nicht einmal ihre aufopferungsvolle Arbeit hatten ihr den Weg zum Herzen eines anderen Menschen geebnet.

Sie war noch immer damit beschäftigt, sich zu sammeln, als die Tür aufschlug, die das Vestibül vom Wartezimmer trennte. Ein Mann in einem braunen Tweedmantel stand im Türrahmen. Den Hut in der Hand, zögerte er einen Moment und nahm die gelbe Strukturtapete, den Farn in der Zimmerecke und den Metallständer mit den zerlesenen Magazinen in Augenschein. Er hatte braunes Haar mit einem rötlichen Schimmer und ein schmales Gesicht, das einen aufmerksamen und abwägenden Ausdruck trug. Obwohl er nicht vornehm wirkte, lag etwas in seiner Haltung und seinem Benehmen, das ihn von den anderen abhob. Carolines Herz schlug schneller, und ihre Haut kribbelte, als ob ein Nachtfalter sie überraschend mit einem Flügel gestreift hätte, was sie angenehm und gleichzeitig lästig fand. Ihre Blicke trafen sich, und da wußte sie es. Noch bevor er das Zimmer durchquert und seinen Mund geöffnet hatte und bevor er seinen Namen ohne hiesigen Akzent ausgesprochen hatte. Bevor also all das geschah, war sich Caroline einer einfachen Tatsache bewußt: Der Mensch, auf den sie so lange gewartet hatte, war in ihr Leben getreten.

Damals war er noch nicht verheiratet gewesen; weder verheiratet noch verlobt, was sie aus der Tatsache schloß, daß er keinen Ring trug. Caroline hatte ihm am Tag seiner Ankunft, als er einen Rundgang durch die Klinik machte, und später auf den Feiern, die gegeben wurden, um ihn willkommen zu heißen, und während der beruflichen Meetings aufmerksam zugehört. Dabei hatte sie etwas herausgehört, das andere, die von seiner Höflichkeit vereinnahmt waren oder von seinem unvertrauten Akzent und seinen plötzlichen Lachsalven abgelenkt wurden, nicht wahrnahmen: daß er nämlich, abgesehen von der Zeit, die er in Pittsburgh verbracht hatte, was sowieso aus seinem Lebenslauf hervorging, seine Vergangenheit niemals erwähnte. Diese Zurückhaltung war es, die ihn in Carolines Augen geheimnisvoll erscheinen ließ und in ihr den Glauben stärkte, daß sie ihn in einer Weise kannte, die den anderen verborgen war. Für sie war jede ihrer Begegnungen bedeutsam; ihr war, als riefen sie sich über die weißen, wunderschönen und unvollkommenen Körper ihrer Patienten hinweg zu: Ich kenne und verstehe dich, ich weiß etwas, das die anderen nicht wissen. Wenn sie zufällig mit anhörte, wie Leute über ihre Schwärmerei für den neuen Arzt scherzten, erschrak sie und errötete vor Scham. Insgeheim jedoch war sie auch froh, da die Gerüchte ihn auf eine Weise erreichen mochten, auf die sie ihn, wegen ihrer Schüchternheit, nicht erreichen konnte.

An einem Abend, zu sehr später Stunde, nachdem sie schon zwei Monate still miteinander gearbeitet hatten, hatte sie ihn überrascht, als er auf seinem Schreibtisch eingeschlafen war. Sein Gesicht ruhte auf seinen Händen, und er atmete gleichmäßig und tief. Caroline lehnte sich gegen den Türrahmen, und in diesem Moment verschmolzen all die Träume, die sie über Jahre gehegt hatte, in einem einzigen Traum. Zusammen würden sie aufbrechen, Dr. Henry und sie, zu einem abgeschiedenen Ort, wo sie jeden Tag im Schweiße ihres Angesichts arbeiten würden. Abends würde sie ihm etwas auf dem Klavier vorspielen, das ihnen über das Meer, den schwer schiffbaren Fluß hinauf und über grünes, sattes Land nachgeschickt worden wäre. Caroline war so vollkommen in diesem Traum versunken, daß sie Dr. Henry, als dieser die Augen öffnete, so offen und freimütig anlächelte, wie sie noch nie jemanden angelächelt hatte.

Seine offensichtliche Überraschung brachte sie wieder zu sich. Sie richtete sich auf, nestelte an ihrem Haar herum, murmelte eine Entschuldigung und errötete. Dann verschwand sie; beschämt, aber zugleich auch freudig erregt. Jetzt mußte er es wissen, wenigstens würde er sie jetzt so sehen, wie sie ihn sah. Ein paar Tage lang wartete sie so gespannt darauf, was als nächstes geschehen würde, daß sie es kaum ertragen konnte, im selben Raum mit ihm zu sein. Dennoch war sie nicht enttäuscht, als die Tage vergingen und nichts passierte. Sie entspannte sich, fand Entschuldigungen für die Verzögerung und wartete gelassen.

Drei Wochen später schlug Caroline die Zeitung auf und fand das Hochzeitsfoto auf der Seite mit den Gesellschaftsnachrichten. Norah Asher, jetzt Frau Dr. Henry, war mit leicht zur Seite gedrehtem Kopf, was ihren schlanken Hals zur Geltung brachte, abgelichtet worden. Ihre Augenlider waren leicht geschwungen, wie Muscheln.

Caroline schreckte auf. Sie trug noch immer den Mantel und schwitzte in dem überheizten Zimmer. Beinahe wäre sie eingenickt. Das Baby neben ihr schlief noch immer. Sie stand auf und ging zu den Fenstern. Vor ihr fielen schwere Samtvorhänge auf den Boden, Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit, als dieser Ort noch ein elegantes Anwesen gewesen war. Sie berührte den Saum der glatten Stores darunter. Sie waren gelb, mürbe und atmeten Staub aus, als sie sich unter ihrer Berührung bauschten. Draußen stand ein halbes Dutzend Kühe auf den weißen Feldern. Ein Mann in einer karierten Jacke und dunklen Handschuhen bahnte sich schaufelschwingend einen Weg zum Stall.

Es war nicht gerecht, daß Norah Henry alles hatte, was sie nicht bekam, daß sie ein so glückliches und unbeschwertes Leben führen durfte. Von diesem Gedanken und von der Tiefe ihrer eigenen Bitterkeit entsetzt, ließ Caroline die Vorhänge fallen und schlug die Richtung ein, aus der menschliche Stimmen kamen.

Sie betrat eine Halle, an deren Decke Neonröhren summten. Ein kräftiger Geruch von Reinigungsmitteln, gedämpftem Gemüse und Urin hing in der Luft. Man hörte das Rattern von Servierwagen, Rufe und Gemurmel. Sie wandte sich von einer Seite zur anderen und ging dann eine Treppe hinunter, die in einen moderneren Trakt mit türkisfarbenen Wänden führte. Der Linoleumboden bedeckte nur lose die darunterliegenden Sperrholzplatten. Sie ging an mehreren Türen vorbei und erblickte einige kurze Szenen aus dem Leben von Menschen, die wie Fotografien wirkten. Zuerst sah sie einen Mann unbestimmten Alters, das Gesicht im Schatten, der aus dem Fenster starrte, dann erblickte sie zwei Krankenschwestern mit hocherhobenen Armen, die ein Bett machten; das blasse Laken schwebte für einen Moment knapp unter der Decke. Darauf folgten zwei leere, mit Planen ausgelegte Zimmer, in denen Farbeimer in der Ecke standen. Die nächste Tür war verschlossen, und schließlich stand Caroline vor der letzten Tür. Sie war offen und gab den Blick auf eine junge Frau frei, die einen weißen Baumwollslip trug. Sie saß auf der Bettkante. Die Hände in ihrem Schoß waren locker ineinander verschränkt, und ihr Kopf war gebeugt. Eine andere Frau, eine Schwester, stand hinter ihr, und die Schenkel einer silbernen Schere blitzten auf. Dunkles Haar fiel auf die weißen Laken und legte den Nacken der Frau frei, der anmutig und blaß war. Caroline hielt inne.

»Ihr ist kalt«, hörte sie sich sagen, und beide Frauen blickten auf. Die Frau auf dem Bett hatte große Augen, die dunkel in ihrem Gesicht glühten. Ihr Haar, das einst ziemlich lang gewesen war, sprang nun zottig um ihr Kinn.

»Ja«, stimmte ihr die Schwester zu und schickte sich an, Haare von der Schulter der Frau zu fegen, die daraufhin einen Moment im trüben Licht schwebten, bevor sie sich auf die Laken und das grau gesprenkelte Linoleum legten. »Aber das war nötig.« Ihre Augen verengten sich, als sie Carolines zerknitterte Schwesternkleidung und ihr unbedecktes Haar musterte. »Sind Sie neu hier?« fragte sie mißtrauisch.

Caroline nickte. »Ja, ich bin neu«, antwortete sie.

Wenn sie später an diesen Moment zurückdachte, an eine Frau mit einer Schere und eine andere, die, nur mit einem Slip bekleidet, inmitten ihrer abgeschnittenen Haare saß, löste das Bild unendliche Leere und Sehnsucht in ihr aus. Wonach sie sich sehnte, wußte sie nicht. Das Haar, für immer verloren, lag weit verstreut umher und wurde vom kalten Licht, das durch das Fenster fiel, beschienen. Caroline spürte, daß ihre Augen feucht wurden. Aus einer anderen Halle kamen Stimmen, und sie dachte an das Baby, das sie, in seinem Karton schlafend, auf dem Samtsofa im Wartezimmer liegengelassen hatte. Sie drehte sich um und eilte zurück.

Alles war noch so, wie sie es zurückgelassen hatte. Die Schachtel mit den roten Putten stand auf dem Sofa, und auch das Mädchen schlief noch, die Hände unter seinem Kinn zu kleinen Fäusten geballt. Phoebe hatte Norah Henry sie genannt, bevor sie, vom Gas betäubt, das Bewußtsein verlor. »Wenn es ein Mädchen wird, nennt sie Phoebe.«

Phoebe. Caroline faltete vorsichtig die Decken auseinander und hob das Mädchen hoch. Sie war winzig, nur 2500 Gramm schwer, viel kleiner als ihr Bruder, hatte aber das gleiche volle dunkle Haar. Caroline überprüfte ihre Windel – das Kindspech hatte teerartige Flecken auf dem feuchten Stoff hinterlassen –, wechselte sie und wickelte die Kleine dann wieder ein.

Das Baby war nicht einmal aufgewacht, und Caroline hielt es einen Moment in ihren Armen, fühlte, wie leicht und klein es war, und spürte seine Wärme. Sogar im Schlaf zog ein wechselhaftes Mienenspiel über das kleine Gesicht des Säuglings, das unbeständig war wie Wolken am Himmel. Einmal erkannte Caroline Norah wieder, ein anderes Mal den Gesichtsausdruck, den David Henry annahm, wenn er konzentriert zuhörte.

Sie legte Phoebe in den Karton zurück und schlug sie locker in die Decken ein. Dabei dachte sie an David Henry, wie er, von Müdigkeit gezeichnet, an seinem Schreibtisch ein Käsesandwich aß, eine Tasse mit lauwarmem Kaffee leerte und sich dann erhob, um, wie jeden Dienstagabend nach Dienstschluß, die Türen für bedürftige Patienten zu öffnen, die er kostenlos behandelte. An diesen Abenden war das Wartezimmer immer voll, und er war oft noch da, wenn Caroline todmüde um Mitternacht nach Hause ging. Seine Güte war es gewesen, derentwegen sich Caroline in ihn verliebt hatte. Dennoch hatte er sie hierhergeschickt; an einen Ort, an dem eine Frau auf der Bettkante saß und ihrem Haar nachsah, das sich in weichen Flocken, im harten, kalten Licht des Flures, sammelte.

»Es würde sie umbringen«, hatte er über Norah gesagt. »Ich werde nicht zulassen, daß sie so leiden muß.«

Sie hörte Schritte näher kommen, und dann stand eine grauhaarige Frau in einer weißen Uniform in der Tür, die fast wie Carolines eigene aussah. Obwohl sie kräftig gebaut war, wirkte sie beweglich, und man sah ihr an, daß mit ihr nicht zu spaßen war. Unter anderen Umständen wäre Caroline von ihr eingenommen gewesen.

»Kann ich Ihnen helfen?« fragte sie. »Haben Sie lange gewartet?«

»Ja«, antwortete Caroline langsam. »Ich warte tatsächlich schon sehr lange.«

Die Frau schüttelte bedauernd den Kopf. »Das tut mir leid, der Schnee ist schuld. Wir arbeiten heute mit verringertem Personal. Hier in Kentucky muß nur ein Zentimeter Schnee fallen, und alles liegt still. Ich bin in Iowa aufgewachsen und werde nie verstehen, warum man so ein Theater um ein bißchen Schnee macht, aber da bin ich die einzige. Na ja, was kann ich denn für Sie tun?«

»Sind Sie Silvia?« fragte Caroline und versuchte sich an den vollen Namen zu erinnern, der unter der Wegbeschreibung auf dem Zettel stand. Sie hatte ihn im Auto vergessen. »Silvia Patterson?«

Die Frau reagierte verärgert.

»Nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin Ruth Masters. Silvia arbeitet nicht mehr hier.«

»Oh!« entfuhr es Caroline, und sie verstummte. Diese Frau wußte nicht, wer sie war. Offensichtlich hatte sie nicht mit Dr. Henry gesprochen. Caroline ließ die Hände sinken, um die schmutzige Windel, die sie noch immer hielt, verschwinden zu lassen.

Ruth Masters stemmte die Arme in die Hüften und sah sie mißtrauisch an.

»Sind Sie von dieser Firma, die Säuglingsmilch herstellt?« fragte sie mit einer Kopfbewegung in Richtung der Kiste, die gegenüber auf dem Sofa stand. »Silvia hatte etwas mit diesen Vertretern am Laufen, das wußten wir alle, und wenn Sie von derselben Firma kommen, können Sie gleich wieder einpacken und gehen.« Sie schüttelte unwirsch den Kopf.

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, erwiderte Caroline, »aber ich gehe jetzt«, fügte sie beschwichtigend hinzu. »Ich werde sofort verschwinden und Sie nie wieder belästigen.«

Aber Ruth Masters war noch nicht fertig mit ihr. »Leute wie Sie nennt man heimtückisch. Erst laßt ihr uns Gratis-Proben da, und dann schickt ihr uns eine Woche später die Rechnung. Das hier mag ein Haus für geistesschwache Menschen sein, aber es wird nicht von Dummköpfen geleitet, merken Sie sich das.«

»Ich weiß«, flüsterte Caroline. »Es tut mir aufrichtig leid.«

In der Ferne schnarrte eine Klingel, und die Frau nahm die Hände von den Hüften.

»Sehen Sie zu, daß Sie in fünf Minuten hier raus sind«, drohte sie. »Und kommen Sie nicht wieder.« Dann war sie weg.

Caroline starrte auf den leeren Türrahmen. Es zog an ihren Beinen. Nach einem Moment legte sie die schmutzige Windel mitten auf den wackeligen Beistelltisch neben dem Sofa. Sie suchte in ihrer Tasche nach dem Schlüssel und hob die Kiste mit Phoebe auf. Schnell, noch bevor sie über das, was sie gerade tat, nachdenken konnte, ging sie durch die spartanische Eingangshalle und schlug die doppelten Türen hinter sich zu. Die Welt draußen empfing sie mit einem kalten Luftzug, der sich neu und unvertraut anfühlte.

Sie stellte Phoebe wieder ins Auto und fuhr los. Niemand versuchte sie aufzuhalten oder nahm auch nur Notiz von ihrer Abreise. Trotzdem fuhr Caroline schnell, als sie die Interstate erreicht hatte, wobei sie ständig gegen die Erschöpfung, die sie mit der Gewalt einer Welle überkam, ankämpfen mußte. Die ersten fünfzig Kilometer haderte sie mit sich selbst, manchmal sogar laut. »Was hast du getan«, fragte sie sich dann.

Wenn sie mit Dr. Henry stritt, rief sie sich seine gerunzelte Stirn und den verirrten Muskel, der, immer wenn er aufgebracht war, an seiner Wange zuckte, ins Gedächtnis. »Was denken Sie sich eigentlich dabei?« wollte er dann wissen, und Caroline mußte zugeben, daß sie überhaupt nicht dachte.

Aber bald erschöpften sich diese Streitgespräche, und als sie die Interstate erreichte, fuhr sie nur noch mechanisch und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, um sich wach zu halten. Es war später Nachmittag; Phoebe hatte schon zwölf Stunden geschlafen und würde bald gefüttert werden müssen. Wider alle Vernunft hoffte Caroline, daß sie in Lexington sein würden, bevor es soweit war.

Sie hatte gerade die letzte Ausfahrt von Frankfort passiert, 52 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt, als die Bremslichter des Wagens vor ihr aufleuchteten. Erst verringerte sie nur leicht ihr Tempo, bremste dann etwas schärfer, bevor sie hart auf die Bremse treten mußte. Die Dämmerung setzte langsam ein, und die Sonne war nur noch ein trüber roter Punkt am bedeckten Himmel. An einem kleinen Hügel kam der Verkehr komplett zum Erliegen, war nur noch ein Band von Rücklichtern, das in einer Traube endete, die rot und weiß aufblitzte: ein Auffahrunfall. Caroline war zum Heulen zumute. Der Tank war noch knapp zu einem Viertel gefüllt, genug, um Lexington zu erreichen, aber ohne Reserve für einen Stau wie diesen – sie konnten hier ewig stehen. Mit einem Säugling im Auto konnte sie es nicht einmal riskieren, den Motor abzustellen, weil dann die Heizung ausfallen würde.

Einige Minuten lang saß sie wie gelähmt da. Eine schimmernde Kette von Autos trennte sie von der letzten Ausfahrt, die 400 Meter zurück lag. Von der blaßblauen Motorhaube des Fairlane stieg Hitze auf, die in der Dämmerung schwach flimmerte und die wenigen Schneeflocken, die in der Luft schwebten, auflöste. Phoebe seufzte, verzog leicht das Gesicht und entspannte sich wieder. Caroline riß, einem Impuls folgend, über den sie sich später wundern würde, das Lenkrad mit einem Ruck herum und lenkte den Fairlaine auf den Seitenstreifen. Sie legte den Rückwärtsgang ein und setzte zurück, um langsam an der Reihe der stehenden Autos vorbeizufahren. Es war ein komisches Gefühl, als ob sie einen Zug passieren würde. Eine Frau in einem Pelzmantel, drei Kinder, die Grimassen schnitten, und ein rauchender Mann, der ein Jackett trug, glitten an ihr vorbei. Sie reiste, entlang des stehenden Verkehrs, der wie ein gefrorener Fluß dalag, rückwärts in die Dunkelheit, und die Umrisse verschwammen.

Ohne Zwischenfälle erreichte sie die Ausfahrt, die zu einer Straße führte, über der sich die Bäume wieder unter der Schneelast bogen. Die Felder wurden von einzelnen Häusern unterbrochen, die immer zahlreicher wurden und deren Fenster bereits erleuchtet waren. Bald fuhr Caroline die Hauptstraße von Versailles entlang, die von malerischen Backsteinfassaden, in denen sich kleine Läden befanden, gesäumt wurde, und suchte nach Schildern, die ihr den Weg nach Hause zeigen würden.

Einen Block weiter tauchte ein glänzend blaues Kroger-Schild auf. Die hellen Schaufenster warben mit Angeboten und boten einen vertrauten Anblick, der sie tröstete und ihr plötzlich bewußt machte, wie hungrig sie war. Welcher Tag war heute noch? Samstag? Die Geschäfte würden morgen geschlossen sein, und sie hatte fast keine Lebensmittel zu Hause. Trotz ihrer Erschöpfung fuhr sie auf den Parkplatz und machte den Motor aus.

Phoebe, warm und leicht und nur zwölf Stunden alt, war noch immer in tiefen Schlaf gehüllt. Caroline steckte das winzige, eng zusammengerollte Bündel unter ihren Mantel. Über den Asphalt blies der Wind, scheuchte Schneereste und einige wenige neue Flocken auf und wirbelte sie in die Ecken. Als sie einen Weg durch den Schneematsch suchte, hatte sie Angst, hinzufallen und das Baby zu verletzen. Gleichzeitig ging ihr flüchtig durch den Kopf, wie einfach es wäre, das Baby in einem Müllcontainer, auf den Stufen einer Kirche oder sonst irgendwo zurückzulassen. Dies winzige Leben lag völlig in ihrer Hand, und sie fühlte sich verantwortlich dafür, so sehr, daß es sie benommen machte.

Die Glastüren schwangen auf und setzten einen Schwall von Licht und Wärme frei. Das Geschäft war überfüllt. Menschen mit hochbeladenen Einkaufswagen strömten heraus. An der Tür stand ein Junge, der die Waren in die Tüten packte.

»Wir haben nur wegen des Wetters länger geöffnet«, warnte er, als sie eintrat. »Wir schließen in einer halben Stunde.«

»Aber der Schneesturm ist vorbei«, erwiderte Caroline, worauf der Junge in ungläubiges Gelächter ausbrach. Sein Gesicht war rot vom heißen Gebläse, das von der Decke über den automatischen Türen in den Abend hinausströmte. »Haben Sie noch nicht gehört, daß es uns heute nacht wahrscheinlich wieder erwischen wird? Der nächste große Sturm steht kurz vor der Tür!«

Caroline legte Phoebe in einen der Einkaufswagen und ging durch die Gänge. Sie dachte über die verschiedenen Sorten von Säuglingsmilch nach, blickte grübelnd auf die Reihen von Flaschen mit den dazugehörigen Saugern und besah sich die Lätzchen. Als sie sich gerade auf den Weg zu den Kassen machen wollte, fiel ihr ein, daß sie auch noch Milch für sich, ein paar Windeln und irgend etwas zu essen brauchte. Wenn die Menschen, die an ihnen vorbeigingen, Phoebes Gesicht sahen, lächelten sie, und einige hielten sogar an und schoben die Decken beiseite, um sie genauer betrachten zu können. »Oh, wie süß!« riefen sie dann aus und fragten: »Wie alt ist sie?« Caroline log, ohne Gewissensbisse zu haben. »Zwei Wochen«, antwortete sie. »Oh, sie sollten das Baby bei diesem Wetter nicht mit nach draußen nehmen«, wurde sie von einer Frau mit grauen Haaren getadelt. »Du liebe Zeit! Bringen Sie es schnell nach Hause!«

In Gang sechs, Caroline war gerade dabei, mehrere Dosen mit Tomatensuppe herauszusuchen, rührte sich Phoebe plötzlich, ihre Hände zuckten wild, und sie begann zu schreien. Caroline schwankte einen Moment, bevor sie das Baby und die unförmige Tasche aufhob und sich zu den Toiletten im hinteren Teil des Geschäftes begab. Sie setzte sich auf einen orangefarbenen Plastikstuhl, der in einer Ecke stand. Das Tropfen eines undichten Wasserhahns begleitete sie, während sie das Baby auf ihrem Schoß balancierte und Milch von der Thermoskanne in eine Flasche füllte. Es dauerte einige Minuten, bis sich die Kleine beruhigt hatte. Schließlich jedoch begriff Phoebe, wie das Saugen funktionierte, und dann trank sie, wie sie geschlafen hatte: kräftig und intensiv, die Hände unter ihrem Kinn zu Fäusten geballt. Als sie sich zufrieden entspannte, kam die Durchsage, daß das Geschäft jetzt schließen würde. Caroline eilte zu den Kassen, wo ein einziger Kassierer gelangweilt und ungeduldig wartete. Schnell bezahlte sie und klemmte sich die Papptüte unter den einen Arm und Phoebe unter den anderen. Als sie das Geschäft verließ, wurden hinter ihr die Türen geschlossen.

Der Parkplatz war fast leer. Caroline stellte die Tüte mit den Lebensmitteln auf der Motorhaube ab und legte Phoebe in ihre Kiste auf den Rücksitz. Die Stimmen der Angestellten hallten undeutlich über den Platz. In den Lichtkegeln der Straßenlampen wirbelten vereinzelte Schneeflocken, nicht mehr und nicht weniger als zuvor. Man konnte der Wettervorhersage fast nie trauen. Nicht einmal die heftigen Schneefälle in der Nacht, als Phoebe geboren wurde – sie mußte sich daran erinnern, daß es erst letzte Nacht gewesen war, obwohl es Jahre zurückzuliegen schien –, waren angekündigt worden. Sie griff in die Papiertüte, riß die Verpackung eines Toastbrotes auf und nahm eine Scheibe heraus. Da sie den ganzen Tag über nichts gegessen hatte, war sie völlig ausgehungert. Kauend schlug sie die Tür zu und dachte müde an ihre Wohnung, die so ordentlich und schlicht war. Sie sehnte sich nach ihrem Doppelbett mit der weißen Chenille-Überdecke und danach, daß alles war, wo es hingehörte. Sie war schon halb um das Heck ihres Wagens herumgelaufen, als sie bemerkte, daß ihre Rücklichter schwach rot leuchteten.

Abrupt blieb sie stehen und starrte auf die Lampen. Die ganze Zeit über, während sie in den Gängen des Lebensmittelgeschäfts herumgeirrt war und sich in die fremde Toilette zurückgezogen hatte, um Phoebe ruhig füttern zu können, hatten sie gebrannt und ihr Licht an den Schnee verschwendet.

Als sie den Zündschlüssel umdrehte, klickte es nur. Die Batterie war so leer, daß sie dem Wagen nicht einmal ein Brummen entlocken konnte.

Sie stieg aus und stellte sich an die offene Tür. Jetzt war der Parkplatz ganz leer; das letzte Auto war gerade davongefahren. Da begann sie zu lachen. Aber es war kein gewöhnliches Lachen – selbst Caroline merkte das –, ihre Stimme war zu laut, fast ähnelte es einem Schluchzen. »Ich habe ein Baby«, sagte sie laut und staunte über sich selbst. »Ich habe ein Baby in diesem Auto.« Aber der Parkplatz vor ihr lag still da, und die Fenster des Lebensmittelgeschäftes warfen große helle Rechtecke auf den Schneematsch. »Ich habe hier ein Baby«, wiederholte sie verzweifelt, aber ihre Stimme verlor sich schnell in der Dunkelheit. »Ein Baby!« schrie sie in die Stille hinein.

3. Kapitel

März 1964

NORAH SCHLUG DIE AUGEN AUF. DER HIMMEL VERBLASSTE in der aufziehenden Morgendämmerung, aber noch hing der Mond in den Bäumen und erhellte das Zimmer mit bleichem Schein. Sie hatte geträumt, daß sie auf gefrorenem Erdboden nach etwas suchte, das sie verloren hatte. Stechende, spröde Grashalme zerbrachen unter ihrer Berührung und hinterließen winzige Schnittwunden in ihrer Haut. Als sie aufwachte, betrachtete sie einen Augenblick lang verwirrt ihre Hände. Aber sie waren unversehrt, und sie sah nur ihre sorgfältig gefeilten und polierten Fingernägel.

Neben ihr, in seiner Wiege, lag ihr Sohn und schrie. Mit einer geschmeidigen Bewegung, die eher instinktiv als bewußt war, hob ihn Norah ins Bett. Die Laken an ihrer Seite waren kühl und von arktischem Weiß. David war schon gegangen. Während sie schlief, war er in die Klinik gerufen worden. Norah zog ihren Sohn in die warme Rundung ihres Körpers und öffnete ihr Nachthemd. Seine kleinen Hände flatterten wie die Flügel eines Nachtfalters gegen ihre geschwollenen Brüste, und er saugte sich fest. Ein stechender Schmerz, der in einer Welle abklang, als die Milch kam, durchfuhr ihre Brust. Sie streichelte sein weiches Haar und seine zarte Kopfhaut. Die Kräfte seines kleinen Körpers waren erstaunlich. Seine Hände beruhigten sich und verharrten wie kleine Sterne auf ihrer Haut.

Sie schloß die Augen und schwebte träge zwischen Schlaf und Wachen. Tief in ihrem Inneren war eine Quelle angestochen worden. Ihre Milch floß, und auf eine geheimnisvolle Weise wurde Norah selbst zu einem Fluß, der alles Leben umfaßte: die Narzissen auf der Anrichte, das Gras, das lautlos vor ihrem Fenster wuchs, die neuen Blätter, die sich aus den Knospen der Bäume wanden; winzige Larven, weiß wie Samenkörnchen, in der Erde versteckt, die sich in Raupen, in winzige Würmer oder in Bienen verwandelten, und die Rufe und der Flügelschlag der Vögel. Paul ballte seine kleinen Fäuste unter seinem Kinn. Seine Wangen hoben und senkten sich rhythmisch, während er trank. Alles um sie herum war verlockendes, betörendes Leben.

In Norahs Herz wallte ein kompliziertes Gemisch aus Liebe, gewaltigem Glück und Leid. Sie hatte nicht gleich um ihre Tochter getrauert wie David. »Ein blaues Baby«, hatte er gesagt, und Tränen waren in den Stoppeln seines Dreitagebartes hängengeblieben. Ein kleines Mädchen, das nie einen Atemzug getan hatte. Paul hatte auf ihrem Schoß gelegen, und Norah hatte ihn genau betrachtet: sein winziges Gesicht, das so ernst und zerknittert war, das gestrickte, geringelte Häubchen auf seinem Kopf, die kleinen Finger, die rosa, zart und gekrümmt waren. Seine unglaublich winzigen Fingernägel waren noch weich und durchsichtig wie der Mond am Taghimmel. Was David gesagt hatte, konnte Norah noch nicht wirklich begreifen.

Die Bilder der vergangenen Nacht waren mal deutlich, dann wieder verschwommen. Sie erinnerte sich an den Schnee, die lange Fahrt zur Klinik auf leeren Straßen und daran, daß David an jeder Ampel hielt, während sie gegen die wellenartig wiederkehrenden Wehenattacken, die die Intensität eines Erdbebens hatten, ankämpfte. Danach hatte sie nur noch einzelne, seltsame Eindrücke: die fremde Stille der Klinik, ein weicher, oft gewaschener blauer Stoff über ihren Knien, die Kälte des Untersuchungstisches, die gegen ihren nackten Rücken hauchte, das Aufblitzen von Caroline Gills goldener Uhr, als sie Norah betäubte. Dann wachte sie auf, hielt Paul in ihren Armen, und David weinte an ihrer Seite. Sie beobachtete ihn mit Besorgnis und Interesse, nahm aber keinen Anteil. Eine Nachwirkung der Geburt, die ein hormonell bedingtes Hochgefühl ausgelöst hatte. Ein anderes Baby, ein blaues – wie war das möglich? Sie erinnerte sich an eine zweite Welle von Preßwehen und an die Spannung, die in Davids Stimme lauerte. Aber das Neugeborene in ihrem Arm war vollkommen und wunderbar, war mehr als genug. »Ist schon gut«, hatte sie David getröstet, während sie seinen Arm streichelte, »alles ist gut.«

Erst am nächsten Tag, als sie das Büro verließen und zögernd in den feuchten, naßkalten Nachmittag hinaustraten, war der Schmerz zu ihr durchgedrungen. Es war schon fast dunkel, und in der Luft lag der Geruch von schmelzendem Schnee und feuchter Erde. Der Himmel war bewölkt, ein körnig weißer Hintergrund für die kahlen Äste der Platanen.

Während sie Paul trug, der leicht wie ein Kätzchen war, kam es ihr seltsam vor, einen völlig neuen Menschen nach Hause zu bringen. Sie hatte das Zimmer so liebevoll eingerichtet; hatte eine Wiege und die Anrichte aus Ahorn ausgesucht, die Zierleiste mit den Bären angebracht, Vorhänge und sogar einen Quilt genäht.

Alles war vorbereitet, wartete nur auf ihr Kommen, und ihr Sohn lag in ihren Armen. Doch am Eingang des Gebäudes, neben zwei sich verjüngenden Betonsäulen, hielt sie plötzlich an, unfähig, weiterzugehen.

»David«, rief sie. Er drehte sich um, dunkelhaarig und bleich stand er da, wie ein Baum vor hellem Himmel.

»Ja?« fragte er. »Was ist denn?«

»Ich will sie sehen.« Obwohl sie flüsterte, drangen ihre Worte mit Nachdruck durch die Stille des Parkplatzes. »Ich muß sie sehen, bevor wir gehen. Nur einmal.«

David schob die Hände in die Taschen und studierte das Pflaster. Den ganzen Tag über waren von dem zickzackförmigen Dach des Gebäudes Eiszapfen heruntergestürzt; nun lagen sie zerschmettert neben den Stufen.

»Norah«, sagte er sanft. »Bitte, laß uns einfach nach Hause fahren. Wir haben einen wunderbaren Sohn.«

»Ich weiß«, sagte sie, weil man das Jahr 1964 schrieb, er ihr Ehemann war und sie sich immer völlig seinem Willen gebeugt hatte. Dennoch schien sie sich nicht von der Stelle rühren zu können ohne das Gefühl, daß sie einen wichtigen Teil von sich selbst zurücklassen würde. »Oh, David, nur einen Augenblick. Warum kann ich sie denn nicht sehen?«

Ihre Blicke trafen sich, und die Qual, die in seinen Augen stand, ließ ihre Augen feucht werden.

»Sie ist nicht da«, sagte David mit rauher Stimme. »Deshalb. Auf der Farm der Bentleys gibt es einen Familienfriedhof. In Woodford. Ich habe ihn gebeten, sie dorthin zu bringen. Norah, bitte. Du machst es mir so schwer.«

Norah schloß die Augen und fühlte bei dem Gedanken, daß ein Säugling, daß ihre Tochter in der kalten Märzerde vergraben wurde, wie etwas von ihr wich. Ihre Arme, die Paul hielten, waren stark und fest, aber ihr übriger Körper fühlte sich flüssig an, als ob auch sie davonfließen und mit dem Schnee in den Gräben verschwinden würde. David hatte recht, dachte sie, sie wollte es nicht wissen.

Als er die Treppe heraufkam und den Arm um ihre Schultern legte, nickte sie, und sie gingen zusammen über den leeren Parkplatz, dem verblassenden Licht entgegen. Er sicherte den Kindersitz und fuhr sie, auf seine überlegte Art, vorsichtig nach Hause. Sie brachten Paul über die Veranda ins Haus und legten das schlafende Baby in sein Zimmer. Die Art, wie David sich um alles gekümmert und wie er für sie gesorgt hatte, hatte ihr einen gewissen Trost gespendet und hielt sie davon ab, weiter auf dem Wunsch zu beharren, ihre Tochter zu sehen.

Aber von jetzt an träumte sie jede Nacht von verlorenen Dingen.

Paul war eingeschlafen. Vorm Fenster bewegten sich die Äste des von neuen Knospen übersäten Hornstrauches gegen den indigofarbenen Himmel. Norah drehte sich um, setzte Paul an ihre andere Brust, schloß wieder die Augen und ließ ihre Gedanken schweifen. Plötzlich erwachte sie, die Sonne stand voll im Zimmer, inmitten von Nässe und Geschrei. Sie hatte drei Stunden geschlafen. Als sie sich aufsetzte, kam sie sich schwer und übergewichtig vor. Ihr Bauch war so wabbelig, daß er sich ausbuchtete, wann immer sie sich hinlegte. Ihre Brüste waren geschwollen und steif, und die Naht schmerzte noch. In der Eingangshalle knarrten die Dielen unter ihrem Gewicht.

Auf dem Wickeltisch schrie Paul noch lauter und nahm eine fleckige, zornigrote Farbe an. Sie zog ihm seine feuchten Sachen und seine vollgesogene Baumwollwindel aus. Seine Haut war sehr zart, und seine Beine sahen, dürr und gerötet, wie sie waren, wie die Flügel eines gerupften Hühnchens aus. In einem Winkel ihres Bewußtseins tauchte ihre tote Tochter auf, wachsam und still. Sie tupfte Pauls Nabelschnur mit Alkohol ab, warf die Windel zum Einweichen in einen Eimer und zog ihn wieder an.

»Süßes Baby, kleiner Schatz«, flüsterte sie, als sie ihn hochhob und ihn kosend die Treppe hinuntertrug.

Die Rollos im Wohnzimmer waren noch heruntergelassen, und auch die Vorhänge waren zugezogen. Norah bewegte sich auf den alten Schaukelstuhl zu und öffnete ihren Morgenmantel. Die Milch schoß schon wieder in ihre Brüste und folgte damit ihrem eigenen Rhythmus, der so unwiderruflich war wie die Gezeiten und der alles, was sie je gewesen war, mit sich fortzureißen schien. Zum Schlaf erwacht, kam es ihr in den Sinn, und sie lehnte sich beunruhigt zurück, weil sie nicht daraufkam, wer diese Worte geschrieben hatte.

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