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Die Tochter der Midgardschlange

Über den Autor

Wolfgang Hohlbein, geb. 1953 in Weimar, ist mit über 160 Büchern der meistgelesene und erfolgreichste deutschsprachige Fantasy-Autor. Der Durchbruch gelang ihm 1982 mit dem Jugendroman »Mrchenmond«, für den er mit dem Fantastik-Preis der Stadt Wetzlar ausgezeichnet wurde. Die Auflage seiner Bücher geht in die Millionen. Der Autor lebt mit seiner Frau Heike und seinen Kindern am Niederrhein.

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BASTEI ENTERTAINMENT

 

 

 

 

 

 

Die Festung brannte wie eine riesige Fackel. Dabei sollte sie doch eigentlich unbesiegbar sein.
Wenigstens war Katharina im festen Glauben an die Unbezwingbarkeit von Burg Ellsbusch aufgewachsen, und noch vor einer Stunde hätte keine Macht des Himmels und der Erde ihren Glauben an diese Unbesiegbarkeit erschüttern können. Burg Ellsbusch war das gewaltigste Bauwerk, das sie jemals gesehen hatte, und sie vermutete sogar, das gewaltigste des ganzen Landes, wenn nicht gar der ganzen Welt. Allein der riesige Donjon mit seinen vier Stockwerken maß gut und gerne zehn Manneslängen, und die Palisadenwand, die die Hügelkuppe umgab, war beinahe halb so hoch. Graf Ellsbusch hatte eine Armee von zwei Dutzend Männern ständig unter Waffen, mächtige Krieger mit Kettenhemden, Helmen und Schwertern, und obwohl Katharina gehört hatte, dass manche der Fürsten im Osten über noch größere Heere und reichere Ländereien mit mehr Leibeigenen geboten, so hatte doch zweifellos keiner von ihnen etwas wie Burg Ellsbusch, die mit ihrer doppelten Palisadenwand und den vier mächtigen, hölzernen Wachtürmen das Land in weitem Umkreis beherrschte und sowohl ihren als auch den Bewohnern des gleichnamigen Dorfes Sicherheit und Schutz vor jeder nur vorstellbaren Gefahr bot. Selbst der schlimme Sturm, den Gott im vergangenen Winter geschickt hatte, um die Menschen im Dorf für ihr ausschweifendes Leben und ihre Missachtung seines Willens zu bestrafen und der jedes dritte Haus im Dorf zerstört und selbst die aus festem Stein erbaute Kirche beschädigt hatte, hatte dieser gewaltigen Festung nichts anhaben können.

Jetzt aber hatte sich Burg Ellsbusch in einen gewaltigen Scheiterhaufen verwandelt, dessen Flammen hoch genug zu schlagen schienen, um den Himmel selbst zu versengen. Vor wenigen Augenblicken erst war der Donjon mit einem Getöse zusammengebrochen, das noch bis ins Dorf hinunter zu hören gewesen sein musste, und einen Funkenschauer speiend, der einfach nicht aufhören wollte zu wachsen, bis es aussah, als wäre das ganze Firmament durchlöchert und als regne Feuer aus unzähligen Nadelstichen.

Vielleicht hatten Himmel und Hölle ja ihren Platz getauscht, dachte Katharina, und dieser Feuerregen würde nie mehr aufhören, sondern immer nur noch schlimmer und schlimmer werden, bis er am Schluss die ganze Welt in Brand gesetzt hätte. Und vielleicht würde auch diese Nacht nie wieder enden, weil es in Wahrheit gar keine Nacht war, sondern der Beginn des Jüngsten Tages, von dem Vater Cedric erzählt hatte.

Und das alles war ihre Schuld.

Als wenn aus diesem schrecklichen Gedanken Gewissheit werden sollte, taumelte in diesem Moment eine brennende Gestalt auf sie zu, kein Mensch, sondern ein Dämon aus den tiefsten Tiefen der Hölle, vielleicht sogar der Teufel selbst, der gekommen war, um sie für ihr schreckliches Tun zu bestrafen. Katharinas Herz setzte aus, um dann rasend schnell und so laut in ihrer Brust weiterzuhämmern, dass es sich wie der dröhnende Hufschlag eines ganzen Dutzends durchgehender Pferde anhörte. Angst schnürte ihr die Kehle zu wie eine eisige Hand, größere und schlimmere Angst, als sie je zuvor in ihrem ganzen Leben gespürt hatte. Sie lähmte sie, sodass sie einfach reglos stehenblieb und der lodernden Gestalt entgegensah. Wozu sollte sie auch weglaufen, wo es doch der Teufel persönlich war, der kam, um sie zu holen?

Die Gestalt torkelte weiter auf sie zu, schreiend und mit den Armen wedelnd wie ein brennender Engel, der seine Flügel entfaltete, und sie konnte die Hitze spüren, und in ihre Nase stieg der schreckliche Geruch von brennendem Haar und schmelzendem Fleisch.

Nur einen halben Atemzug, bevor diese grausame Gestalt sie erreichte und mit ihren grässlichen, brennenden Armen umschlingen konnte, tauchte eine zweite Gestalt wie aus dem Nichts neben ihr auf, sprang sie an und riss sie mit solcher Gewalt von den Füßen, dass sie aneinandergeklammert zu Boden stürzten und sich ein halbes Dutzend mal überschlugen.

Katharina prallte so heftig gegen einen verkohlten Balken, dass ihr auch noch das letzte bisschen Luft aus den Lungen gepresst wurde und sie benommen liegen blieb.

Als ihre Sinne zurückkehrten, taten sie es mit der Wucht eines Fausthiebes, aber der gegenteiligen Wirkung. Von einem Atemzug auf den anderen nahm sie ihre Umgebung mit schon beinahe unnatürlicher Klarheit und Schärfe wahr, als versuchten ihre Sinne ihr Fehlen von gerade eben nun mit umso größerer Emsigkeit wieder wettzumachen. Sie hörte das Prasseln und Brüllen der Flammen, Schatten und grelles rotes und gelbes Licht führten einen immer schneller werdenden Veitstanz rings um sie herum auf, und da war ein Chor gellender Schmerz- und Todesschreie überall. Der Dämon war immer noch da, nur dass es kein Dämon war, sondern etwas viel Schlimmeres: Einer von Graf Ellsbuschs Soldaten, dessen Kleider und Haut Feuer gefangen hatten und der nun nur wenige Schritte neben ihr auf die Knie sank, durch ein grausames Schicksal immer noch am Leben und immer noch vor Qual schreiend, obwohl er doch mit jedem Atemzug pures Feuer einatmete, das seine Lungen weiter verbrannte.

Und auch das war ihre Schuld, dachte sie entsetzt. Nichts von alledem wäre geschehen, hätte sie ihre Pflicht erfüllt und wäre nicht …

Eine Hand packte sie an der Schulter und riss sie nicht nur so grob auf die Füße, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen und zu schmerzen begannen, sondern auch endgültig in die Wirklichkeit zurück. Hitze und Lärm nahmen noch einmal zu und steigerten sich zu einem irrsinnigen Crescendo, und erst jetzt erkannte sie den Mann, der sie von den Beinen gerissen und ihr damit vermutlich das Leben gerettet hatte. Auch wenn sein Gesicht so mit Blut und Ruß besudelt war, dass er kaum noch Ähnlichkeit mit sich selbst zu haben schien.

»Herr!«, rief sie erschrocken. »Ihr …«

Graf Ellsbusch versetzte ihr einen Stoß vor die Brust, der sie um ein Haar schon wieder zu Boden geschleudert hätte. »Was tust du hier, Junge?«, fuhr er sie an. »Bist du verrückt? Willst du, dass sie dich umbringen?«

»Herr!«, stammelte Katharina noch einmal. Ihre Augen füllten sich schlagartig mit Tränen, von denen sie sich vergeblich einzureden versuchte, dass sie nur von Hitze und Qualm stammten. »Bitte … bitte verzeiht mir! Ich wollte das alles nicht, und …«

Graf Ellsbusch hörte ihr gar nicht zu, sondern ergriff sie nur noch fester am Arm und zerrte sie einfach mit sich; während er so schnell losrannte, dass Katharina alle Mühe hatte, nicht schon wieder von den Beinen gerissen zu werden. »Weg hier!«, keuchte er. »Schnell! Bleib hinter mir, Junge, ganz egal, was passiert!«

Katharina hätte auch gar nichts anderes tun können, selbst wenn sie es gewollt hätte, denn Ellsbusch zerrte sie unbarmherzig weiter hinter sich her. Katharina hätte nicht einmal genau sagen können, in welche Richtung.

Wohin sie auch blickte, brannte es. Die Luft war so heiß, dass das Atmen wehtat, und es fiel ihr immer schwerer, klar zu sehen. Hinter ihnen erscholl ein gewaltiges Poltern und Krachen, als auch noch der Rest des Donjon zusammenbrach und sich endgültig in einen gewaltigen Scheiterhaufen verwandelte, ein riesiges, glühendes Grab für die unglückseligen Männer, die den Fehler begangen hatten, sich auf den vermeintlichen Schutz seiner Wände zu verlassen. Und auf sie.

Graf Ellsbusch stieß plötzlich ein erschrockenes Keuchen aus, machte einen raschen Schritt zur Seite und duckte sich hinter die qualmenden Reste eines zweirädrigen Karrens, der auf die Seite gefallen war. Der Esel, der ihn gezogen hatte, war noch angespannt und lag tot daneben, von gleich vier Pfeilen getroffen, deren abgebrochene Schäfte noch aus seinem Hals und seiner Flanke ragten. Der Anblick versetzte Katharina einen neuerlichen tiefen Stich, denn sie selbst hatte den Karren am Tag zuvor beladen und hier heraufgebracht.

Sie hatte jetzt kaum noch die Kraft, die Tränen zurückzuhalten. War denn wirklich alles, was sie berührte, zum Untergang verdammt?

»Still!«, zischte Graf Ellsbusch, obwohl sie weder etwas gesagt noch den geringsten Laut von sich gegeben hatte. »Wenn sie uns sehen, sind wir tot!« Seine Stimme klang rau von all dem Rauch, den er eingeatmet hatte, und bebte vor Anstrengung.

War das Angst, was sie darin hörte?, dachte Katharina. Aber das war unmöglich! Er war der Herr von Burg Ellsbusch, ihr aller Beschützer, der nichts und niemanden fürchtete!

Aber vielleicht galt das ja nur für die Gefahren dieser Welt. Die Festung jedoch wurde von Dämonen gestürmt, die direkt aus der Hölle kamen. Vater Cedric hatte recht gehabt, dachte sie entsetzt. Das Jüngste Gericht stand bevor, und die Hölle hatte ihre Tore geöffnet, um ihre schlimmsten Dämonen auf die Menschen loszulassen. Sie konnte sie sehen, ein gutes halbes Dutzend von ihnen, die sich vor dem gewaltsam aus den Angeln gerissenen Tor versammelt hatten und brüllten und kreischten, mehr als mannsgroße, struppige Riesen, so groß und scheinbar schwerfällig wie Bären, aber tausendmal gefährlicher. Sie hatten Waffen und Helme, und einige von ihnen schienen auch Hörner zu haben. Katharina war sich nicht sicher, ob sie das Peitschen eines Schwanzes sah, oder nur einen flatternden Mantel, doch ihre Stimmen waren ganz eindeutig die von Dämonen; guttural, laut und bellend konnten sie unmöglich aus menschlichen Kehlen stammen. Katharina begann zu weinen.

»Ich weiß, dass du Angst hast, Junge«, sagte Ellsbusch. »Ich habe auch Angst. Aber wir müssen still sein. Wenn sie uns sehen, bringen sie uns um!«

»Das … das ist es nicht, Herr«, stammelte Katharina. »Es ist meine Schuld. Das … das alles ist nur passiert, weil ich …«

»Red nicht so einen Unsinn«, unterbrach sie der Edelmann, im Flüsterton, aber scharf. »Wenn überhaupt, dann ist es die Schuld dieses verdammten Pfaffen, der …« Er sprach nicht weiter, sondern presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, der in seinem rußgeschwärzten Gesicht wie ein dünner Schnitt wirkte. Katharina sah erst jetzt, dass sein Wappenrock und auch das schwere Kettenhemd darunter zerrissen waren. Blut sickerte durch das Geflecht aus winzigen metallenen Ringen und ließ den Wappenrock dunkel und schwer werden.

»Gut«, sagte er schließlich. »Dafür ist später noch Zeit … falls wir dann noch leben. Du musst mir helfen, Junge. Kannst du reiten? Und kennst du den Weg zu Burg Pardeville?«

Katharina schüttelte den Kopf, was als Antwort auf beide Fragen galt. Sie fragte sich, ob sie Ellsbusch sagen sollte, dass sie gar kein Junge war … aber welchen Unterschied hätte das schon gemacht?

Und sie wäre auch gar nicht dazu gekommen. »Dann wirst du es lernen«, sagte Ellsbusch grimmig. »Und der Weg zur Burg ist ganz einfach. Drei Stunden die Küste entlang, und wenn du daran denkst, dass diese Kerle hinter dir her sein könnten, schaffst du es wahrscheinlich in zwei. Aber zuerst müssen wir hier raus, ohne dass sie uns sehen.« Einen Moment lang blickte er wieder zu der Dämonenhorde vor dem Tor. Sie brüllten und schnatterten noch immer wild durcheinander. Vielleicht hatten sie ja Gefangene gemacht, dachte Katharina schaudernd, und beratschlagten jetzt über die schrecklichsten Foltermethoden, um sie möglichst qualvoll vom Leben zum Tode zu befördern.

»Gut«, murmelte Graf Ellsbusch schwer atmend. »Komm mit. Bleib immer dicht hinter mir. Und keinen Laut, ganz egal, was auch passiert, hast du das verstanden?«

Katharina nickte stumm, und Graf Ellsbusch sah noch einmal kurz zu der schnatternden Dämonenhorde hin und huschte dann geduckt los – zu Katharinas Entsetzen nicht zum Ausgang, sondern zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Katharina vermied es, den Leichnam des Mannes anzusehen, der gerade vor ihren Augen verbrannt war, aber das fettige Prasseln und Zischen der Flammen und der grässliche Geruch drangen trotzdem zu ihr durch.

Geschickt jeden Schatten und jedes noch so kleine Hindernis als Deckung nutzend, führte sie Graf Ellsbusch um den zusammengebrochenen Donjon herum zu einem kleinen Schuppen auf der anderen Seite. Mehrmals mussten sie reglosen Körpern ausweichen und einmal sogar darüber hinwegsteigen, um nicht in das verräterische Licht der Flammen zu geraten. Die Spuren der Kämpfe waren hier nicht ganz so schlimm wie auf der anderen Seite, aber dennoch unübersehbar – überall brannte und schwelte es, Funken erfüllten die Luft wie Schwärme aus unzähligen glühenden Insekten, und das Atmen geriet mit jedem Moment mehr zur Qual. Auch der Schuppen, zu dem Ellsbusch sie führte, war nicht unbeschädigt geblieben. Sein Strohdach war weggebrannt, und gleich hinter der Tür trat sie in eine klebrige Pfütze, die nach heißem Blut stank. Es war so dunkel, dass man nicht einmal mehr die sprichwörtliche Hand vor Augen sehen konnte, und es verging eine Weile, in der Ellsbusch gedämpft und hektisch in der Dunkelheit hantierte, bevor er zurückkam und Katharina unsanft am Arm packte und in die Schwärze hineinzerrte. Verbranntes Holz schrammte über ihren Nacken und den schmerzenden Rücken, und ein gutes Stück musste sie auf Händen und Knien kriechen, und das durch so vollkommene Dunkelheit, dass ihr Herz noch schneller schlug und die Angst fast übermächtig wurde.

Gerade als sie glaubte, es nun gar nicht mehr auszuhalten, waren sie hindurch, und es wurde wieder hell. Rotes Licht hüllte sie ein, aber auch ein neuerlicher Funkenschwarm, der sich auf ihr Haar und jedes Fleckchen ungeschützte Haut herabsenkte und wie mit tausend winzigen, glühenden Zähnen hineinbiss.

Sie waren jetzt außerhalb der inneren Palisade. Der Himmel über ihnen loderte noch immer in einem düsteren Höllenrot, und der Gestank nach brennendem Holz und verschmortem Fleisch war überwältigend. Zu Angst und Schmerzen und allem anderen gesellte sich jetzt auch noch Übelkeit, die in Wellen aus ihrem Magen emporstieg, und unter ihrer Zunge sammelte sich saurer Speichel, und das beinahe schneller, als sie ihn herunterschlucken konnte.

»Spuck es aus«, sagte Ellsbusch. »So machst du es nur schlimmer.«

Katharina sah ihn einen Moment lang irritiert an. Las Ellsbusch ihre Gedanken?

Sie gehorchte widerwillig und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass es tatsächlich half. Die Übelkeit verschwand nicht, wurde aber wenigstens nicht noch schlimmer.

»Hör mir zu, Junge«, fuhr Graf Ellsbusch fort. »Das ist jetzt wichtig! Lauf ins Dorf hinunter. Besorg dir ein Pferd oder meinetwegen einen Esel und reite zu Burg Pardeville. Sag dort Bescheid, was hier geschehen ist. Sie sollen alle Männer zusammentrommeln, die sie finden können, und herkommen! Kannst du dir das merken?«

Katharina nickte zwar, aber sie versuchte jetzt erst gar nicht mehr, die Tränen zurückzuhalten. Sie fühlte sich unbeschreiblich elend. »Wollt Ihr mir wirklich noch einmal vertrauen, Herr?«, brachte sie irgendwie heraus.

Ellsbusch runzelte die Stirn, legte den Kopf auf die Seite und sah sie auf eine neue Art an. »Du bist aus dem Dorf, nicht wahr?«

Katharina nickte. Wie konnte es sein, dass Graf Ellsbusch sie nicht erkannte, wo er sie doch selbst vor wenigen Stunden erst zur Wache eingeteilt und die Katastrophe damit zumindest indirekt selbst ausgelöst hatte?

»Wir reden später über alles«, fuhr er fort. »Aber nun komm! Uns rennt die Zeit davon!«

Wahrscheinlich wollte er nicht darüber reden, dachte Katharina, weil er sich wohl selbst einen Teil der Schuld gab. Geduckt und ein wenig humpelnd huschte er los, und Katharina folgte ihm.

Von der nahezu totalen Zerstörung, der Burg Ellsbusch anheimgefallen war, war hier draußen kaum etwas zu sehen. Das äußere Tor stand weit offen, aber die Palisade selbst war vollkommen unversehrt. Ohne die beiden erschlagenen Wachen neben dem Tor wäre der Anblick beinahe friedlich gewesen.

Umso gefährlicher war es, den Raum zwischen den beiden Palisaden zu überwinden. Der Boden war so abschüssig, dass es sie ihr gesamtes Geschick kostete, sich auf den Beinen zu halten. Zu allem Überfluss wuchs dort nasses Gras, was den Boden kaum weniger schlüpfrig als Schmierseife werden ließ. Und es gab nicht die geringste Deckung. Wenn sich auch nur einer der Dämonen zu ihnen herumdrehte, dann musste er sie einfach sehen.

Doch sie hatten Glück. Gott und das Schicksal – oder einfach nur der Zufall – waren ausnahmsweise auf ihrer Seite. Sie erreichten das Tor unbehelligt und huschten hindurch, und Ellsbusch schubste sie unsanft in den schwarzen Schlagschatten neben dem Tor. Katharina hörte ein gedämpftes Scharren, als er sein Schwert zog.

»Du hast alles verstanden, was ich dir gesagt habe?«

Katharina nickte, und Ellsbusch wedelte ungeduldig mit seinem Schwert. »Lauf los! Ich bleibe hier und sehe, ob noch ein paar von meinen Männern am Leben sind. Vielleicht können wir sie aufhalten, bis Pardeville mit seinen Soldaten hier ist!«

Vielleicht hätte er noch mehr gesagt, doch er kam nicht mehr dazu, denn plötzlich spie die Dunkelheit hinter ihm einen riesigen, struppigen Schatten aus, der sich unverzüglich auf ihn warf. Ein tierisches Brüllen erklang, und das rote Licht vom Himmel spiegelte sich auf der Schneide einer gewaltigen, doppelklingigen Axt. Ellsbusch registrierte die Gefahr im allerletzten Moment, fuhr herum und riss das Schwert in die Höhe, doch er war nicht schnell genug. Mit einem grässlichen Knirschen grub sich die Axt tief in seine Schulter, und aus dem überraschten Keuchen des Burgherrn wurde ein gequälter Schrei. Er brach in die Knie, aber sein Schwert bewegte sich weiter und durchbohrte den Unterleib des Angreifers. Der Dämon grunzte überrascht, ließ seine Axt los und stolperte zwei oder drei Schritte zurück, bevor er langsam in die Knie ging und dann auf die Seite fiel.

Auch Graf Ellsbusch stürzte, rollte mit einem dumpfen Stöhnen auf die Seite und presste die Hand auf die klaffende Wunde in seiner Schulter. Blut sprudelte wie rot gefärbtes Wasser zwischen seinen Fingern hervor, und er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass Katharina seine Zähne knirschen hörte.

Mit einem einzigen Satz war sie neben ihm und auf den Knien. »Herr!«, keuchte sie. »Um Gottes willen! Was ist denn mit …?«

»Geh!«, stöhnte Ellsbusch. »Tu, was … ich dir gesagt … habe!«

Katharina beugte sich nur weiter über ihn, griff nach seiner Schulter und prallte entsetzt zurück, als Ellsbusch vor Schmerz aufschrie und sich wand. Verzweiflung ergriff sie, und sie fühlte sich so hilflos, dass es beinahe körperlich wehtat.

»Geh!«, wimmerte Ellsbusch. »Warne … die anderen!«

Und endlich schüttelte Katharina ihre Starre ab, sprang auf und rannte los, so schnell sie nur konnte.

Im allerersten Moment stürmte sie einfach blindlings drauflos, ganz egal in welche Richtung, nur fort von diesem Ort des Schreckens und tiefer hinein in die beschützende Dunkelheit. Mindestens ein halbes Dutzend Mal stolperte sie über ein Hindernis, das sie in der Dunkelheit zu spät sah, und zweimal stürzte sie, rappelte sich aber sofort wieder auf und stolperte weiter.

Der dritte Sturz schließlich war so hart, dass eine Woge aus reinem Schmerz hinter ihren Augen explodierte und sie beinahe das Bewusstsein verloren hätte.

Vielleicht geschah es sogar, denn als sie wieder imstande war, mehr als Schmerzen und das rasende Hämmern ihres Pulsschlags wahrzunehmen, spürte sie, dass Zeit vergangen war, auch wenn sie nicht sagen konnte, wie viel. Stöhnend setzte sie sich auf, fuhr sich mit dem Handrücken durch das Gesicht und registrierte erschrocken das warme Blut, das sie sich über Stirn und Wange schmierte. Sie musste sich verletzt haben.

Dann durchfuhr sie ein heißer Schrecken, als sie begriff, dass es Graf Ellsbuschs Blut war, dessen klebrige Wärme sie auf dem Gesicht spürte, nicht ihres.

War er tot? Ein Teil von ihr weigerte sich einfach, diesen Gedanken auch nur zu denken, denn der Herr von Burg Ellsbusch konnte nicht sterben, nicht ein so mächtiger Krieger, der siegreich aus zahllosen Schlachten heimgekehrt und sicher schon schlimmer verwundet worden war. Aber da war auch all das Blut an ihren Händen, und sie konnte auch das schreckliche Geräusch einfach nicht vergessen, mit dem die Axt des Dämons seine Schulter gespalten hatte …

Sie schüttelte den Gedanken ab, setzte sich weiter auf und wischte sich die Hände im Gras sauber, so gut sie konnte, bevor sie ganz aufstand und sich umsah, um sich zu orientieren.

Katharina erschrak, als sie sah, wie nahe sie der brennenden Burg noch war. Ihr Gefühl wollte ihr weismachen, dass sie meilenweit gerannt war, doch in Wahrheit hatte sie kaum den Hügel hinter sich gelassen, auf dem Burg Ellsbusch thronte – oder um genauer zu sein: loderte. Von hier aus betrachtet gab es keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Inbegriff von Stolz und Wehrhaftigkeit, als die sie die Burg zeit ihres Lebens gesehen hatte. Die Flammen griffen jetzt immer schneller um sich und hatten inzwischen auch von der Palisadenwand Besitz ergriffen, und Katharina wurde mit einem Gefühl sonderbar benommenen Schreckens klar, dass Burg Ellsbusch nicht mehr existierte. Falls die Sonne noch einmal aufging, würde ihr Licht nicht mehr als einen brandgeschwärzten Hügel bescheinen.

Und vielleicht ihren eigenen Leichnam, wenn sie nicht bald verschwand.

Katharina erinnerte sich an Graf Ellsbuschs letzte Worte, und plötzlich wurde ihr klar, dass ihr der Herr von Burg Ellsbusch nicht einfach nur einen Auftrag erteilt, sondern ihr eine Möglichkeit gegeben hatte, ihren schrecklichen Fehler wiedergutzumachen. Sie musste Lord Pardeville und seine Soldaten alarmieren, und vor allem das Dorf warnen. Wenn die Dämonen diese gewaltige Burg einfach überrannt hatten, welche Chance hatten dann die ahnungslosen Dorfbewohner?

Katharina blieb noch einen Moment mit geschlossenen Augen stehen und lauschte, aber alles, was sie hörte, waren das Prasseln der Flammen und die mannigfaltigen Geräusche des Waldes, der am Fuße des Hügels begann. In ihrer Panik war sie in die falsche Richtung gerannt, sodass sie ein gutes Stück auf ihrer eigenen Spur zurückgehen musste, bevor sie den Weg erreichte. Wenn sie dem Weg durch den Wald folgte, das wusste sie, dann würde sie das Dorf in einer guten halben Stunde erreichen; schneller, wenn sie rannte. Aber alles in ihr warnte sie davor. Die Dämonen mochten grausam sein, aber sie waren gewiss nicht dumm. Wenn sie sich entschieden, auch das Dorf anzugreifen – was Graf Ellsbusch angenommen zu haben schien –, dann war die Gefahr einfach zu groß, ihnen geradewegs in die Arme zu laufen. Geradewegs durch das Unterholz wäre die Strecke kürzer, aber das Gestrüpp war so dicht und das Gelände so unwegsam, dass sie mindestens doppelt so lange brauchen würde, um das Dorf zu erreichen.

Sie entschloss sich zu einem Kompromiss, indem sie zwar dem Fuhrweg gerade noch in Sichtweite folgte, trotzdem aber durch den Wald ging, und sie war noch nicht lange unterwegs, als sie Geräusche hörte und anhielt und sich im nächsten Moment zu ihrer eigenen Umsicht beglückwünschte, denn sie hatte ihr mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet.

Es waren Dämonen, mindestens ein halbes Dutzend, wenn nicht mehr, die ihr zu ihrem Entsetzen aus Richtung des Dorfes entgegenkamen. Katharina erstarrte für einen Moment, ließ sich dann auf beide Hände und ein Knie herabsinken und erstarrte nicht nur endgültig zur Reglosigkeit, sondern stellte sogar das Atmen ein, während die Gruppe an ihr vorbeizog. Es waren sieben, wie sie jetzt erkannte, und hätte sie überhaupt noch Zweifel gehabt, so hätte ihr spätestens dieser Anblick bewiesen, dass es sich tatsächlich um Dämonen handelte. Jeder Einzelne von ihnen war ein Riese, mindestens eine Handspanne größer als ein Mensch, wenn nicht mehr. Sie waren unglaublich massig, wie Bären, aber viel bedrohlicher, und hatten struppiges Fell, das wie Draht von ihren Leibern abstand. Mindestens zwei von ihnen hatten tatsächlich Hörner, und alle waren mit bizarren Waffen ausgestattet: Schwertern – natürlich – aber auch Beilen, schrecklichen Stachelkeulen und anderen, ihr vollkommen unbekannten Waffen, die einfach nur erschreckend aussahen. Auch ihre Stimmen waren eindeutig nicht die von Menschen. Katharina hörte etwas, das wie ein raues Lachen klang, ihre Seele aber wie ein Hauch aus der Hölle berührte.

Erst, als die Dämonenhorde an ihr vorbeigegangen und schon fast außer Hörweite war, wagte es Katharina, wieder zu atmen und einen weiteren Moment darauf – vorsichtig – aufzustehen. Ihr Herz hämmerte so laut, dass die Dämonen es eigentlich hätten hören müssen, und auf ihrer Zunge war plötzlich der bittere Geschmack der Niederlage; wieder einmal.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Die Dämonen waren aus Richtung des Dorfes gekommen. Was, wenn sie schon dort gewesen waren?

Katharina versuchte sich damit zu beruhigen, dass es keinen Grund dafür gab. Die Menschen im Dorf lebten ein gottesfürchtiges Leben, ganz egal, was Vater Cedric auch Sonntag für Sonntag von seiner Kanzel predigte. Gott hatte keinen Grund, sie so zu bestrafen.

Aber sie hatte sie gesehen.

Sie rang noch einen Moment lang mit sich selbst (genauer gesagt mit ihrer Angst), ging dann wieder zum Weg zurück und rannte los, kaum dass sie aus dem Unterholz heraus war, das wie mit tausend dürren, dornigen Fingern an ihrem Haar und ihren Kleidern zerrte. Vielleicht lief sie auf diese Weise den Dämonen direkt in die Arme und starb, aber vielleicht gewann sie so auch genau die wenigen kostbaren Augenblicke, die über Leben und Tod des gesamten Dorfes entschieden.

Sie beschloss, ihr Schicksal endgültig in Gottes Hand zu legen und das Risiko einzugehen, und rannte los.

*

Das Dorf lag ein Stück landeinwärts hinter der Burg. Früher einmal hatte es direkt am Wasser gelegen, sodass man mit nur wenigen Schritten das Ufer erreichen konnte, was sehr praktisch gewesen war, hatten seine Bewohner damals doch hauptsächlich vom Fischfang gelebt. Aber das war so lange her, dass sich selbst die Alten im Dorf kaum noch daran erinnerten. Die Fische waren nach und nach weniger geworden, und die Menschen hatten angefangen, Felder anzulegen und Vieh zu züchten. Schließlich, nachdem das Dorf dreimal hintereinander von Hochwasser und Stürmen heimgesucht worden war, die nicht nur großen Sachschaden angerichtet, sondern sogar Menschenleben gefordert hatten, waren seine Bewohner kurzerhand mit Sack und Pack eine gute Meile weiter landeinwärts gezogen und hatten ihre Heimat dort wieder neu aufgebaut. Heutzutage lagen nur noch eine Handvoll kleiner Fischerboote hier, die meisten davon so vernachlässigt und heruntergekommen, dass es kaum noch jemand wagte, damit aufs Wasser hinauszurudern.

Und dann war da natürlich noch der Drache.

Katharina hatte nie wirklich an Drachen geglaubt. Die alten Geschichten und Märchen wimmelten von ihnen, und manchmal erzählten die Alten abends am Feuer von den Abenteuern, die sie erlebt hatten, als sie selbst jung gewesen waren; Abenteuer, die meist in fremden Ländern spielten und in denen manchmal auch Drachen und andere, noch viel absonderlichere Ungeheuer vorkamen. Noch bis zum vergangenen Abend war Katharina davon überzeugt gewesen, dass sie samt und sonders ausgedacht waren, nichts weiter eben als spannende Geschichten.

Aber das war gestern gewesen.

Seither hatte sie gesehen, wie eine Armee von Dämonen Burg Ellsbusch in Schutt und Asche gelegt und alle seine Bewohner erschlagen hatte, und nun blickte sie auf den Fluss hinab und sah einen leibhaftigen Drachen. Er war riesig, mindestens zehnmal so lang wie die kleinen Fischerboote, die er rücksichtslos zur Seite gedrängt hatte. Es war zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen, denn am Himmel waren schwere Wolken aufgezogen, als ertrügen selbst die Sterne den Anblick des Leides nicht mehr, das über die Menschen gekommen war.

Dennoch sah sie beinahe mehr, als ihr lieb war. Der Drache hatte einen schlanken, aber massigen Leib und unzählige dürre Beine, auf denen er sich im seichten Uferwasser niedergelassen hatte, aber er schlief nicht, wie man hätte meinen können, sondern hatte Hals und Kopf aufmerksam emporgereckt, und Katharina glaubte den Blick seiner unsichtbaren Augen regelrecht spüren zu können. Gewiss entging ihnen nicht die kleinste Bewegung, und ebenso zweifellos wartete das Ungeheuer nur darauf, eine Beute an Land zu erspähen, auf die es sich stürzen und die sie verschlingen konnte.

Katharina hatte sich diesen Aussichtspunkt nicht willkürlich ausgesucht. Das Ufer war hier nicht flach und allenfalls von einer kleinen Böschung gesäumt. Vor langer Zeit hatte sich der Fluss hier seinen Weg durch einen Berg gegraben, sodass eine bröckelige Steilküste entstanden war, an dieser Stelle beinahe hundert Ellen hoch. Aber Katharina war ganz und gar nicht sicher, dass sie der Drache nicht selbst hier oben erwischen würde, wenn sie unvorsichtig war oder gar ein verräterisches Geräusch verursachte.

Und wenn nicht er, dann das halbe Dutzend Dämonen, das neben ihm am Strand herumlungerte.

Katharina konnte nicht erkennen, was sie taten, aber der böige Wind trug manchmal den rauen Klang ihrer Stimmen zu ihr herauf, und sie hörte sie jetzt ganz eindeutig lachen. Sie hatten keine Furcht, und warum auch, mit einem solchen Ungeheuer auf ihrer Seite?

So behutsam, wie sie überhaupt konnte, schob sich Katharina rückwärts von der Kante zurück und stand erst auf, als sie ganz sicher war, vom Fluss aus nicht mehr gesehen werden zu können. Ihr Herz raste, und sie spürte erst jetzt, wie sehr ihre Knie zitterten und wie scharf jeder einzelne Atemzug in ihre Kehle schnitt. Der unglaubliche Anblick dort unten hatte sie ihre Erschöpfung für einen Moment schlichtweg vergessen lassen, aber Tatsache war, dass sie nur Halt gemacht hatte, weil sie einfach nicht weiterkonnte. Sie war so schnell gerannt wie noch nie zuvor in ihrem ganzen Leben, aber eine halbe Meile vor dem Dorf hatten sie einfach die Kräfte verlassen, und so hatte sie den Drachen gesehen.

Drachen … Allein das Wort jagte ihr schon wieder einen eisigen Schauer über den Rücken, Drachen und Dämonen, die brandschatzten und mordeten. Was würde sie wohl noch erleben, bevor diese Nacht zu Ende ging? Sie war in eine Welt finsterer Wunder eingetreten, in der der Schrecken kein Ende mehr zu nehmen schien. Vater Cedric hatte Recht gehabt, dachte sie schaudernd. Es gab Dinge, die sich ein Mensch nicht einmal vorstellen konnte. Aber mussten es denn ausnahmslos schlimme Dinge sein?

Katharina schüttelte den Gedanken mit einiger Mühe ab, richtete sich vorsichtig auf und setzte ihren Weg fort, und immerhin erschienen keine Dämonen aus dem Nichts, um sie zu töten, und auch das Dorf empfing sie nicht mit neuen Schrecken, als sie es endlich erreichte. Wenigstens brannte es nicht, sondern lag dunkel und scheinbar friedlich unter ihr, als sie in Sichtweite kam. Nichts rührte sich. Zu ihrer maßlosen Erleichterung sah sie keine Dämonen, sie hörte keinen Schlachtenlärm, und nirgends brannte es. Tatsächlich war es vielleicht sogar zu still. Nicht einmal das ewige Licht in der Kirche brannte, obwohl Vater Cedric doch so sorgsam darauf achtete, den Docht der kleinen Öllampe niemals verlöschen zu lassen.

Etwas stimmte hier nicht.

Katharinas Schritte wurden langsamer, je näher sie dem ersten der Handvoll einfacher Gebäude kam. Es war still, viel zu still, selbst für diese fortgeschrittene Stunde. Nicht einmal aus den Ställen drang auch nur der geringste Laut an ihr Ohr. Ihr Herz klopfte.

Beinahe auf Zehenspitzen näherte sie sich dem ersten Haus, hielt vor der aus nur drei Stufen bestehenden Treppe noch einmal inne und legte dann behutsam die flache Hand auf die Tür. Quietschend schwang sie auf ihren ledernen Angeln nach innen, und vollkommene Dunkelheit und der Gestank nach Gewalt und Tod schlugen ihr entgegen.

Da es das erste war, erschien ihr dieses Haus als das schlimmste, doch im Grunde unterschied es sich nicht von dem Dutzend weiterer Häuser, die sie der Reihe nach und fast akribisch durchsuchte. Es war überall dasselbe: Sie alle waren tot. Die Dämonen hatten keine Gnade walten lassen, weder Männern noch Frauen noch Kindern oder Alten gegenüber. Selbst die Tiere waren den Schwertern und Keulen der höllischen Heerscharen zum Opfer gefallen. Sie war zu spät gekommen. Graf Ellsbusch hatte ihr aufgetragen, die Menschen hier zu warnen, und sie hatte zum zweiten Mal versagt. In diesem Dorf lebte nichts mehr.

Bitterkeit überkam sie, als sie aus dem letzten Haus trat und sich der gedrungenen, steinernen Kirche im Zentrum zuwandte. Sie verstand jetzt, warum sie noch lebte. Gott hatte gewollt, dass sie all das hier sah. Zweifellos hatte er selbst den Dämon daran gehindert, sie zu töten, damit sie hierherkam und mit eigenen Augen sah, welch entsetzlichen Preis die Menschen hier für ihr Versagen bezahlt hatten. Die zweigeteilte Tür stand weit offen, und die Dunkelheit war hier drinnen nicht ganz so vollkommen wie in den meisten anderen Häusern, gab es doch auf jeder Seite drei schmale, aber sehr hohe Fenster, durch die das bleiche Nachtlicht hereinströmte. Auf jeden Fall war es hell genug, um sie erkennen zu lassen, was die Dämonen diesem heiligen Ort und vor allem seinem Beschützer angetan hatten. Der einfache, hölzerne Altar war umgestürzt und zerstört, und das mehr als mannshohe Kreuz war umgefallen und lag auf dem Boden. Es sah irgendwie … falsch aus, aber erst, als Katharina es schon halb erreicht hatte, sah sie, warum.

Es war nicht nur das Kreuz, das auf dem Boden lag. Sein Herr und Beschützer lag mit ausgebreiteten Armen auf ihm, und Katharina konnte frisches Blut riechen und – als sie näher kam – ein gedämpftes Stöhnen hören. Dann, als sie noch näher kam, entrang sich auch ihren Lippen ein ähnlicher Laut, als sie sah, wie grausam die Dämonen den heiligen Mann bestraft hatten. Sie hatten ihn nicht mit Schwert oder Keule niedergestreckt, sondern das düstere Versprechen des Kreuzes wahr gemacht, indem sie seine Hände und Füße daran festgenagelt hatten.

»Oh mein Gott«, hauchte Katharina. Sie merkte nicht einmal, dass sie neben Vater Cedric auf die Knie sank und die Hände nach ihm ausstreckte, ohne dass sie indes den Mut aufbrachte, ihn wirklich zu berühren.

»Das … das wollte ich nicht!«, stammelte sie. »Vater, glaubt mir … das alles wollte ich nicht.«

Im ersten Moment war es, als hätte Vater Cedric sie gar nicht gehört. Er lag mit geschlossenen Augen da und stöhnte, begleitet von einem schrecklich rasselnden Atmen. Dann jedoch drehte er mühsam den Kopf und sah Katharina an, und sein verschleierter Blick klärte sich.

»Du?«, brachte er mühsam hervor. »Du … lebst?«

Warum hatte sie das Gefühl, dass diese Worte vorwurfsvoll klangen? Und was war das, was sie in Vater Cedrics Augen las?

»Bitte vergebt mir, Vater«, stammelte Katharina. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, und sie hatte jetzt nicht einmal mehr Tränen. »Sie … sie sind alle tot. Sie haben sie alle … alle erschlagen. Die Festung brennt, und Graf Ellsbuschs Männer sind alle tot. Und … und ich glaube, Graf Ellsbusch auch.«

»Du!«, keuchte Vater Cedric noch einmal »Du verdammtes, unglückseliges Kind! Warum …«

»Es tut mir so leid, Vater«, flüsterte Katharina. »Ich wollte das nicht. Bitte, glaubt mir!«

»Du!«, sagte der Priester zum dritten Mal, und diesmal klang es ganz eindeutig wie ein Fluch. »Gott verfluche den Tag, an dem du zu uns gekommen bist!« Und damit sank sein Kopf endgültig zurück, und sein Atem wurde flacher und verebbte schließlich ganz.

Nun war sie endgültig die letzte Überlebende.

Seltsam – der Schmerz, auf den sie wartete, kam nicht. Katharina begriff nur mit gnadenloser Klarheit, dass alles zerstört und jeder einzelne Mensch tot war, den sie jemals gekannt hatte. Und es war auch genauso, wie sie selbst gerade schon einmal gedacht hatte: Dass sie selbst noch am Leben war, war keine Gnade, sondern die Strafe des unbarmherzigen Gottes, von dem ihr Vater Cedric zeit ihres Lebens erzählt hatte. Sie hatte gesehen, was ihre Fahrlässigkeit angerichtet hatte, und nun war es an ihr, es zu Ende zu bringen.

Ihr Blick fiel auf etwas Glitzerndes, das neben dem gekreuzigten Priester auf dem Boden lag. Es war ein Messer mit einem sonderbar fremdartig anmutenden Griff und einer langen, beidseitig geschliffenen Klinge, und sie streckte zögernd die Hand danach aus, führte die Bewegung aber nicht zu Ende. Selbstmord kam nicht infrage, denn das wäre eine der sieben Todsünden gewesen, und Katharina mutmaßte zu Recht, dass sie schon genug Schuld auf ihre Seele geladen hatte, dass es für die eine oder andere Ewigkeit der Verdammnis reichte.

Doch es gab noch einen anderen Weg.

Nachdem sie das Vaterunser gemurmelt hatte – das einzige Gebet, das sie kannte –, stand sie auf, verließ die Kirche und wandte sich in die Richtung, aus der sie vorhin gekommen war. Selbst wenn die Dämonen nicht mehr unten am Strand waren, würde sie sich eben dem Drachen opfern und sich von seinem Feuer verbrennen lassen.

Sie musste nicht weit gehen. Katharina hatte das Dorf gerade erst ein paar Schritte hinter sich gelassen, als sie Hufschlag hörte, der rasch näher kam. Plötzlich war die Angst wieder da, und ein Teil von ihr wollte einfach herumfahren und davonrennen, so schnell sie nur konnte.

Stattdessen tat sie genau das Gegenteil und blieb stehen. Selbst wenn sie den Dämonen entkommen könnte – wohin sollte sie gehen? Es gab niemanden mehr, den sie kannte, und keinen Ort, wohin sie noch gehen konnte. Also kämpfte sie ihre Furcht nieder und wartete.

Der Hufschlag wurde lauter, und nur einen Moment später sah sie eine Anzahl Schatten, die rasend schnell auf sie zusprengten.

Sie waren keine Dämonen, auf ihre Weise aber kaum weniger erschreckend: fünf, sieben, schließlich neun gewaltige Schlachtrösser, auf deren Rücken schwer gepanzerte Ritter saßen. Rasend schnell kamen sie näher, kreisten sie ein und brachten ihre Tiere mit groben Bewegungen zum Stehen. Zwei oder drei Speere richteten sich drohend auf sie, und Schwerter wurden scharrend aus ihren Umhüllungen gezogen.

»Rühr dich nicht!«, herrschte sie eine raue Stimme an. »Eine Bewegung, und du bist tot!«

Katharina hatte nicht vorgehabt, sich zu rühren. Sie hatte auch keine Angst mehr, sondern musste mit einem Gefühl kämpfen, das ihr vollkommen fremd, auf seine Weise aber beinahe noch schlimmer war: Sie würde nicht sterben, denn bei den Reitern handelte es sich nicht um Dämonen, sondern um schwer gepanzerte Ritter. Nicht einmal die Gnade des Todes sollte ihr gewährt werden.

Einer der Reiter beugte sich im Sattel vor, zog sein Schwert und richtete die Klinge drohend auf Katharinas Gesicht. »Wer bist du, Junge? Und was ist hier geschehen?«

Es war dieselbe Stimme, die sie gerade schon einmal gehört hatte, auch wenn sie nur dumpf und kaum verständlich unter dem geschlossenen Visier hervordrang. Der Reiter war sehr groß, mindestens so groß wie Graf Ellsbusch, wenn nicht größer, und ungemein breitschultrig. Er trug Helm, Kettenhemd, eiserne Beinschienen und Handschuhe aus einem dünneren Kettengeflecht, und dazu einen dunkelblauen Wappenrock, auf dessen Brust ein springendes Pferd gestickt war. Auch der Helm wurde von einer gut handlangen Figur gekrönt, die dasselbe Motiv zeigte. Als Katharina nicht gleich antwortete, fuchtelte er drohend mit seinem Schwert, hob aber auch die andere Hand an den Helm und klappte sein Visier hoch. Dahinter kam ein kräftiges Gesicht zum Vorschein, das von einem präzise ausrasierten, schwarzen Bart und einem Paar ebenso dunkler Augen beherrscht wurde. Keinen sehr freundlichen Augen.

»Ich frage dich zum letzten Mal, Bürschchen«, herrschte sie der Reiter an. »Was ist hier passiert? Antworte, oder du bekommst mein Schwert zu spüren!«

»Ich … bin von hier, Herr«, antwortete Katharina. »Ich lebe hier, und …«

»Ich bin Guy de Pardeville«, fiel ihr der Ritter ins Wort. »Herr von Schloss Pardeville. Und du solltest mir jetzt besser sagen, was hier passiert ist, bevor meine Geduld endgültig erschöpft ist.«

»Dämonen, Herr«, antwortete Katharina mit halblauter, fast brechender Stimme. »Es waren Dämonen! Sie … sie sind alle tot, sie haben sie alle erschlagen!«

»Dämonen?«, wiederholte Pardeville. Einer seiner Männer lachte, aber nur so lange, bis Pardeville ihn mit einer herrischen Bewegung zum Schweigen brachte. Sein Schwert zielte immer noch auf Katharinas Kehle. Die Waffe musste sehr schwer sein, aber sie zitterte nicht.

»Dämonen, sagst du?«, wiederholte er noch einmal. »Und wen sollen sie getötet haben?«

»Alle«, antwortete Katharina. »Sie sind alle tot. Sie haben das ganze Dorf im Schlaf erschlagen, und … und Vater Cedric haben sie ans Kreuz genagelt.«

Pardeville starrte sie durchdringend und mit unbewegtem Gesicht an, doch dann senkte er endlich das Schwert und machte eine kaum sichtbare Geste mit der anderen Hand. Einer seiner Männer zwang sein Pferd herum und sprengte los, und Pardeville sah Katharina auf eine neue und womöglich noch unangenehmere Weise an.

»Wenn du das nur sagst, um dich wichtigzumachen, oder es ein Scherz sein soll, dann könnte es dich teuer zu stehen kommen, mein Junge«, sagte er.

»Ich sage die Wahrheit, Herr«, beteuerte Katharina. »Sie … sie sind da! Sie haben alle umgebracht, und unten am Fluss wartet ein Drache auf sie.«

»Ein Drache.«

»Und sie haben Burg Ellsbusch niedergebrannt«, fügte Katharina hinzu. »Alle Soldaten sind tot, und … und Graf Ellsbusch auch, glaube ich.«

Unruhe kam unter den Rittern auf, und auch Graf Pardeville selbst wirkte erschüttert. Seine Augen wurden schmal. Schließlich hob er mit einem Ruck den Kopf und sah über die Bäume dorthin, wo der Himmel noch immer rot im Widerschein der Flammen glühte.

»Wenn du das nur erzählst, um …«, begann er, brach dann mitten im Satz ab und presste die Lippen zusammen. Für einen Moment sah er fast aus wie Graf Ellsbusch vorhin, und Katharina wartete beinahe darauf, dass sich die Dunkelheit auftat und einen Dämon ausspie, der ihn mit einer Axt attackierte.

Stattdessen kehrte der Reiter zurück, den er losgeschickt hatte. Er sprengte in scharfem Galopp heran und brachte sein Pferd erst im allerletzten Moment und so brutal zum Stehen, dass das Tier scheute. »Der Junge sagt die Wahrheit, Herr!«, stieß er hervor. »Den Priester haben sie ans Kreuz genagelt und die Bauern erschlagen! Ich habe nur in zwei Häusern nachgesehen, aber da waren alle tot.«

Erneut kam Unruhe unter den Rittern auf, und diesmal tat Pardeville nichts, um seine Begleiter zu besänftigen. Er starrte Katharina an, dann hob er den Kopf und sah noch einmal zu dem roten Licht am Himmel.

»Verdammt!« Er rammte sein Schwert mit einer wuchtigen Bewegung in die Scheide zurück, ballte die Hand zur Faust und wandte sich dann wieder an Katharina.

»Wie viele waren es?«, fragte er. »Konntest du das erkennen?«

»Nein«, antwortete Katharina. »Aber bestimmt viele, Wahrscheinlich hundert.«

»Hundert? Und da bist du sicher?«

Nein, das war sie nicht. Hundert war einfach die größte Zahl, die sie kannte. Katharina nickte. »Bestimmt. Vielleicht sogar noch viel mehr. Wie hätten sie sonst die Festung erstürmen können?«

»Ja, wie wohl«, seufzte Pardeville düster. »Aber du hast nur einen Drachen gesehen?«

Katharina nickte, und einer von Pardevilles Männern sagte: »Dann können es kaum mehr als dreißig sein … allerhöchstens vierzig.«

»Und wir sind neun. Das klingt mir nicht nach einem fairen Kampf«, erwiderte Pardeville. Er dachte einen Moment lang angestrengt nach und nickte dann, als hätte er sich selbst eine Frage gestellt und auch gleich beantwortet. »Wir reiten zurück. Sofort.« Er deutete auf Katharina. »Du kommst mit.«

»Das habe ich nicht verdient, Herr«, flüsterte Katharina.

Das Misstrauen kehrte in Pardevilles Augen zurück; falls es denn überhaupt jemals daraus verschwunden gewesen war. »Wieso?«

»Weil … es meine Schuld ist, Herr«, murmelte Katharina. Die Worte weigerten sich fast, über ihre Lippen zu kommen, aber sie zwang sich, weiterzusprechen. Sie musste sich erklären. Wenn Pardeville sie tötete, wenn er von der Ungeheuerlichkeit ihres Versagens erfuhr, dann sollte es eben so sein.

»Ich … ich war auf der Burg«, murmelte sie stockend. »Gestern. Ich hatte einen Wagen mit Hafer gebracht, und Graf Ellsbusch hat mich gefragt, ob ich vielleicht später in seine Dienste treten möchte. Ich habe ja gesagt, und … und da hat er mich zur Wache oben auf der Palisade eingeteilt.«

»Lass mich raten«, sagte Pardeville. »Du bist eingeschlafen.«

»Und als ich aufgewacht bin, waren sie da«, bestätigte Katharina. »Überall. Ich habe sie nicht bemerkt, und deshalb konnten sie in die Festung eindringen.«

»Red nicht so einen Unsinn«, erwiderte Pardeville fast sanft. »Dass du eingeschlafen bist, ist wahrscheinlich der einzige Grund, aus dem du noch lebst. Hat Ellsbusch dir etwas zu trinken gegeben, bevor du deinen Posten bezogen hast? Wein, der sehr bitter geschmeckt hat?«

Katharina nickte. »Aber ich habe nur einen ganz kleinen Schluck getrunken«, sagte sie hastig.

»Ellsbuschs Sinn für Humor war mir schon immer ein Rätsel«, seufzte Pardeville. »Aber jetzt scheint er wohl seine Quittung bekommen zu haben. Mach dir keine Vorwürfe, Junge. Was hier passiert ist, ist gewiss nicht deine Schuld.«

Aber da war noch immer das, was Vater Cedric mit seinem letzten Atemzug zu ihr gesagt hatte. Und sie hatte den Hass in seinen erlöschenden Augen gesehen. Zweifellos war Lord Pardeville ein sehr gütiger Herr, und er sagte das nur, um sie zu trösten.

»Vielen Dank, Herr«, flüsterte sie.

»Du willst wirklich nicht mit uns kommen?«, vergewisserte sich Pardeville.

»Nein«, antwortete Katharina. »Aber ich danke Euch noch einmal.«

»Bedank dich später«, antwortete Pardeville und machte eine Kopfbewegung hinter sich. »Wenn du dann noch lebst. Versteck dich irgendwo, bevor diese Kerle zurückkommen.«

Und damit sprengte er los, und Katharina blieb allein zurück.

Katharina sah ihm und den anderen Reitern aus Augen nach, in denen plötzlich heiße Tränen brannten. Gott machte es ihr wirklich nicht leicht … aber warum sollte er auch?

Sie kämpfte die Tränen nieder, fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht und warf dann fast trotzig den Kopf in den Nacken, bevor sie endgültig losging, um den Drachen zu suchen und sich ihm zu opfern.

*

Ihre größte Angst war gewesen, dass der Drache nicht mehr da war und sie dazu verdammt sein könnte, auf ewig mit dieser schrecklichen Schuld zu leben. Aber so grausam war das Schicksal am Ende doch nicht. Das Ungeheuer lag noch immer an der gleichen Stelle im Wasser und schlief, und auch seine Dämonenkinder waren wie unheimliche, missgestaltete Schatten in der fast sternenlosen Nacht zu erkennen. Ihre Anzahl hatte sich verändert. Sie schienen mehr geworden zu sein. Vielleicht kehrten sie ja nach und nach zurück, jetzt, wo sie ihr blutiges Handwerk vollendet hatten und es nichts mehr gab, was sie töten konnten.

Katharina hatte furchtbare Angst. Sie war wieder an dieselbe Stelle zurückgekehrt, von der aus sie den Drachen schon einmal beobachtet hatte, hatte sich aber ein Versteck in den dichten Büschen gesucht, die die Böschung hier säumten, und starrte mit nahezu angehaltenem Atem auf das Ungeheuer hinab. Ihr Herz klopfte so laut, dass der Drache es eigentlich hören musste, und ihre Handflächen waren feucht vor kaltem Schweiß. Immer wieder musste sie daran denken, wie grausam der Dämon Graf Ellsbusch getötet hatte, und sie fragte sich, ob es wohl sehr wehtun würde. Und war es eigentlich auch eine Art von Selbstmord (und damit eine Todsünde), wenn sie bewusst dort hinunterging, damit das Ungeheuer sie verschlang?

Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass Gott gewiss nicht so grausam, sondern dies nur eine allerletzte Prüfung war, um ihren Mut und ihren Glauben zu testen, stemmte sich vorsichtig auf Hände und Knie hoch, und etwas knackte, ganz leise nur, kaum mehr als das Brechen eines dünnen Zweiges, aber für Katharinas angespannte Nerven hörte es sich an wie das Knallen einer Peitsche. Blitzschnell fuhr sie hoch und herum und riss die Arme vor das Gesicht, und ganz kurz meinte sie, etwas wie einen davonhuschenden Schatten aus den Augenwinkeln wahrzunehmen und vielleicht das Geräusch leichter, sehr schneller Schritte.

Aber als sie genauer hinsah, war da nichts, und alles, was sie hörte, war das Hämmern ihres eigenen Herzens, das noch einmal lauter geworden zu sein schien.

Katharina schalt sich in Gedanken selbst eine Närrin (was sie nicht daran hinderte, sich noch einmal und aufmerksamer umzusehen), machte ein grimmiges Gesicht und setzte ihren Weg fort. Es war nicht mehr weit bis zu der Stelle, an der sie zum Ufer hinabsteigen und sich dem Drachen nähern konnte.

Sie hatte noch keine fünf Schritte getan, als sich das Knacken wiederholte, und als sie diesmal herumfuhr, sah sie nicht nur einen Schatten. Nur einen halben Steinwurf von ihr entfernt stand ein Dämon; breit, massig und gehörnt, sonderbarerweise aber kaum größer als sie selbst. Katharinas Herz setzte vor Schrecken einen Schlag aus. Das war das Ende. Der Dämon würde sie töten, um sie für ihre Verfehlung zu bestrafen, und es gab nichts mehr, was sie noch retten konnte. Dass sie genau aus diesem Grund hierhergekommen war und es so eigentlich nicht einmal einen Grund gab, zu erschrecken, kam ihr in diesem Moment nicht in den Sinn.

Doch anstatt sie zu töten, fuhr der Dämon ganz im Gegenteil auf dem Absatz herum und rannte mit wehendem Fell davon – und Katharina tat etwas vollkommen Verrücktes.

Nicht dass sie selbst auch nur ansatzweise begriff, warum sie es tat, doch statt ihrerseits wegzulaufen und die Chance zu ergreifen, vielleicht doch noch mit dem Leben davonzukommen, stürmte sie mit weit ausgreifenden Schritten hinter dem fliehenden Dämon her, holte ihn ein und krallte eine Hand in das struppige Fell seiner Schulter. Das fliehende Ungeheuer keuchte vor Schrecken, versuchte sich loszureißen und geriet aus dem Takt, und Katharina, die immer noch aus Leibeskräften hinter ihm herrannte, prallte mit solcher Wucht gegen es, dass sie aneinandergeklammert zu Boden stürzten. Hartes, übel riechendes Fett war plötzlich in ihrem Gesicht und dann in ihrem Mund und ihrer Nase, und ein sonderbar hoher, spitzer Schrei erscholl. Instinktiv griff sie auch mit der anderen Hand zu, um den Dämon festzuhalten, und es wäre ihr wohl auch gelungen, hätte sie nicht ein grausam harter Schlag in den Leib getroffen, der ihr nicht nur die Luft, sondern für einen Moment auch alle Kraft nahm. Mit einem wütenden Fauchen riss sich der Dämon los, sprang auf die Füße und machte eine Bewegung, wie um eine Waffe zu ziehen, mit der er ihr endgültig den Garaus machen würde, und die schiere Todesangst verlieh Katharina die Kraft, die Knie anzuziehen und ihm beide Füße so heftig in den Leib zu rammen, dass er mit einem überraschten Keuchen zurückstolperte.

Und das war nicht alles. Sie musste viel fester zugetreten haben, als sie selbst gespürt hatte, denn der Dämon stolperte mit wild rudernden Armen zurück, und sein gehörnter Schädel löste sich von seinen Schultern und flog davon … nur dass es gar nicht sein Kopf war, sondern ein wuchtiger Helm mit zwei gewaltigen, abwärts gekrümmten Hörnern.

Katharina kam nicht dazu, einen Blick auf das Gesicht zu erhaschen, das darunter zum Vorschein kam, denn der Dämon ruderte immer hektischer und verzweifelter mit den Armen, kippte grotesk langsam nach hinten … und verschwand mit einem spitzen Schrei.

Fünf, sechs ungläubige, schwere Atemzüge lang blieb Katharina einfach reglos liegen und starrte die Leere an, wo gerade noch diese Ausgeburt der Hölle gewesen war, bevor sie auch nur begriff, was überhaupt passiert war, und ihr allererster klarer Gedanke war: Gott mochte gnädig sein, aber er hatte einen wahrhaftig seltsamen Sinn für Humor. Nicht der Boden hatte sich aufgetan, um das Ungeheuer zu verschlingen, die Erklärung war viel simpler. Die kurze Verfolgungsjagd und der noch kürzere Kampf hatten sie wieder ganz zurück zur Steilküste gebracht, und der Dämon war über die Kante gestolpert und musste jetzt zerschmettert unten auf den Felsen liegen.

Was bedeutete das?, dachte Katharina benommen. Hatte Gott ihr verziehen, oder war es nur Teil einer noch grausameren Strafe, sie noch einmal Hoffnung schöpfen zu lassen, nur um sie dann endgültig zu vernichten?

Fast erschrocken verscheuchte Katharina diesen Gedanken, der nichts anderes als pure Ketzerei war, rollte sich auf Hände und Knie hoch und hielt auf dem Stück zur Felskante noch einmal inne, um die Hand nach dem Helm auszustrecken, der dem Dämon vom Kopf gerissen worden war. Er war sehr schwer und bestand aus einem Metall, das sie noch nie gesehen hatte, hart wie Eisen, aber dicker und irgendwie … gröber. Seine Form war wahrhaft bizarr, was sich nicht nur auf die beiden spitzen Hörner beschränkte, die einmal einem stolzen Widder gehört haben mochten, er war auch erstaunlich klein. Hätte Katharina nicht ernsthaft befürchtet, Schaden an ihrer Seele zu nehmen, wenn sie es tat, hätte sie ihn aufgesetzt, um auszuprobieren, ob er ihr passte. Offenbar waren nicht alle Dämonen solche Riesen wie die, die sie oben in der Burg gesehen hatte.

Ein Scharren erklang, vielleicht sogar so etwas wie ein Keuchen, und Katharinas Herz machte schon wieder einen erschrockenen Sprung in ihrer Brust. Sie ließ den Helm fallen, richtete sich ganz auf die Knie auf und fragte sich fast hysterisch, warum sie nicht einfach aufsprang und wegrannte.

Stattdessen kroch sie ganz zur Steilküste hin und lugte vorsichtig in die Tiefe.

Der Dämon lag nicht zerschmettert auf den Felsen. Stattdessen klammerte er sich nur ein kleines Stück unter ihr mit nur einer Hand an den Stein, während sein anderer Arm wild herumfuhrwerkte, um irgendwo Halt zu finden. Katharina sah jetzt, dass das, was sie für ein Fell gehalten hatte, in Wahrheit ein flatternder Mantel war, und auch das Gesicht, in das sie blickte, war keine Dämonenfratze, sondern beinahe schmaler als ihr eigenes und totenbleich. Zumindest im Moment wurde es von einem Paar riesiger Augen beherrscht, die schwarz vor Todesangst waren.

Genau wie gerade schon einmat tat Katharina etwas, das sie selbst vielleicht am meisten überraschte: Statt es zu Ende zu bringen und den vermeintlichen Dämon in die Tiefe zu stoßen, streckte sie die Hand aus, griff nach dessen wirbelndem Arm und schloss die Finger um ein Handgelenk, das kaum kräftiger war als ihr eigenes. Während sie die andere Hand gegen den Boden stemmte, um festen Halt zu haben, zog sie den zappelnden Dämon mit einem einzigen, kraftvollen Ruck zu sich herauf.

Vielleicht ein wenig zu kraftvoll, denn mit einem Mal war die struppige Gestalt nicht nur neben, sondern über ihr, und sie stürzten zum zweiten Mal aneinandergeklammert zu Boden. Immerhin verzichtete er diesmal darauf, ihr das Knie in den Leib zu rammen.

Stattdessen riss er sich los, sprang auf und bedankte sich für die Lebensrettung, indem er ihr so heftig in die Seite trat, dass Katharina ihre eigenen Rippen knacken hörte und ihr auch noch das allerletzte bisschen Luft aus den Lungen gepresst wurde.

Wimmernd vor Schmerz krümmte sie sich und schlug schützend die Arme vor den Leib, und der Dämon verzichtete darauf, ihre Rippen weiter mit Fußtritten zu malträtieren.

Lieber trat er ihr so hart gegen die Schläfe, dass sie nun wirklich das Bewusstsein verlor – wenn auch nur für einen einzigen Augenblick, denn als ihre Sinne zurückkehrten, stand die Gestalt noch immer über sie gebeugt da und streckte gerade die Hand aus, vermutlich um ihr die Kehle zu zerquetschen oder ihr etwas noch Schlimmeres anzutun. Katharina wimmerte angstvoll, aber sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, die Hände vors Gesicht zu schlagen.

Doch der Dämon tat ihr nichts. Er beugte sich lediglich vor, um seinen Helm aufzuheben und aufzusetzen, starrte sie durch die schmalen, schräggestellten Sehschlitze hindurch noch einen Moment lang aus hasserfüllten Augen an und holte dann aus, wie um sie noch einmal zu treten. Doch dann zuckte er nur fast trotzig die Achseln, drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand mit schnellen Schritten in der Dunkelheit.

Katharina lag etliche Augenblicke lang einfach nur auf dem Rücken, starrte die Wolken über sich an und war einfach nur dankbar dafür, noch am Leben zu sein; aber zumindest im gleichen Maße auch verwirrt. Wieso hatte der Dämon sie nicht getötet? Etwa aus Dankbarkeit, weil sie ihm zuvor das Leben gerettet hatte? Das konnte sich Katharina einfach nicht vorstellen … und eigentlich wollte sie es auch gar nicht, denn das hätte diesem Ungeheuer eine Menschlichkeit verliehen, die sie ihm nicht zugestehen wollte.

Irgendwann war sie wieder zu halbwegs klarem Denken fähig, setzte sich auf und tastete behutsam mit den Fingerspitzen nach ihrem Gesicht. Das Blut, das sie diesmal darauf spürte, war ihr eigenes, und es tat ekelhaft weh. Als sie mit der Zunge nach ihren Zähnen tastete, wurde der Schmerz nicht nur schlimmer, sondern sie stellte auch fest, dass zwei davon wackelten. Offenbar hatte sich der Dämon nicht nur die Hörner eines Schafbocks ausgeliehen, sondern bei ihm auch das Zutreten gelernt. Aber sie lebte noch.

Mit – vorsichtig – zusammengebissenen Zähnen stemmte sie sich in die Höhe, sah sich noch einmal aufmerksam um und konnte einen Schmerzenslaut nicht mehr ganz unterdrücken, als sie den ersten Schritt machte. Mindestens eine ihrer Rippen musste gebrochen sein und grub sich bei jeder Bewegung wie ein dünnes glühendes Messer in ihre Seite.

Zornig auf sich selbst und die Schwäche ihres Körpers, der sie anscheinend mit aller Macht daran hindern wollte, endlich Buße zu tun, humpelte sie weiter, spürte einen neuerlichen, stechenden Schmerz in der Seite und fühlte noch, wie etwas wie eine große Dunkelheit aus dem Hintergrund ihrer Gedanken heranrollte.

Dann nichts mehr.

*

Graues Licht drang durch ihre Augenlider, als sie erwachte. Ihr Kopf tat weh, und sie hatte einen schrecklichen Geschmack im Mund, nach ihrem eigenen Blut und noch anderen und unangenehmeren Dingen. Sie konnte sich nicht richtig bewegen, weil irgendetwas sehr Schweres auf ihr lag, und obwohl ihr warm war, war die Luft, die sie einatmete, so kalt, dass sie fast in der Kehle schmerzte.

Katharina setzte dazu an, die Augen zu öffnen, und unterdrückte den Impuls dann im letzten Moment. Sie wunderte sich ein bisschen, dass sie noch lebte, aber sie hatte auch Angst vor dem, was sie sehen würde, wenn sie die Lider hob … und eigentlich war sie nicht einmal ganz sicher, wirklich noch am Leben zu sein. Sie erinnerte sich an das Dorf, die Dämonen und Schreie, und ausgelöst durch diese Erinnerung wollten noch andere und schrecklichere Bilder vor ihrem inneren Auge entstehen.

Es gelang ihr, sie zurückzudrängen, aber die gnädige Benommenheit, in der sie aufgewacht war, war dahin, und nun fragte sie sich allen Ernstes, ob sie vielleicht tot und in der Hölle war. Aber sollte es dann nicht heißer sein und sie das Brennen glühender Zangen und anderer Folterwerkzeuge spüren, die in ihr Fleisch bissen?

»Du kannst jetzt aufhören, so zu tun, als ob du noch schläfst«, sagte eine Stimme neben ihr. Jedenfalls nahm sie an, dass es das war, was sie sagte, denn sie sprach mit einem sonderbar harten Akzent, der es schwer machte, die einzelnen Worte voneinander zu unterscheiden.

Katharina blinzelte, sog mit einem schmerzerfüllten Zischen die Luft zwischen den Zähnen ein, als das Licht wie mit glühenden Nadeln in ihre Augen stach, und versuchte es nach einem Moment und sehr viel vorsichtiger noch einmal. Aus dem grauen Licht wurde gleißender, fast schon schmerzhaft intensiver Sonnenschein. Sie bemerkte erst jetzt, dass sich der Boden bewegte.

»Schon besser. Das war albern, weißt du? Hier, trink das.«

Katharina hatte noch immer Mühe, sich zu orientieren. Alles schien gleichzeitig auf sie einzustürzen, und aus leiser Benommenheit wurde pure Verwirrung. Immerhin begriff sie, was die Stimme von ihr wollte, und öffnete gehorsam den Mund, als ihr eine hölzerne Schale an die Lippen gesetzt wurde. Das Höllengebräu, das sie albernerweise immer noch erwartete, entpuppte sich als ganz normales Wasser, das allenfalls ein wenig schal schmeckte. Nach den ersten beiden vorsichtigen Schlucken trank sie schnell und fast schon gierig und hätte die Schale zweifellos zur Gänze geleert, wäre sie nicht schließlich mit einem Ruck weggezogen worden.

»Das ist erst mal genug. Wenn du zu schnell trinkst, wird dir nur schlecht.«

Katharina machte ein enttäuschtes Gesicht, sparte sich aber jede Antwort – wer war sie schon, mit einem leibhaftigen Dämon diskutieren zu wollen? – und setzte sich behutsam auf.

Vielleicht trotz allem nicht behutsam genug, denn ihr wurde sofort schwindelig, und die Welt drehte sich nicht nur um sie, sondern begann sich nun auch auf und ab zu bewegen und auf eine Übelkeit erregende Art zu schaukeln.

Wenn das die Hölle war, dachte sie, dann war sie vollkommen anders, als sie sie sich vorgestellt hatte. Dämonen gab es zuhauf – mehr und näher, als ihr lieb war –, aber es gab keine Flammen, keine Glut und keine Schreie, und das Einzige, was zumindest im Augenblick gefoltert wurde, war ihr Magen, der immer heftiger revoltierte. Ihr unbekannter Wohltäter schien mit seiner Warnung Recht zu haben.

»Was macht dein Kopf?«, fuhr die Stimme fort.

Er tut weh, dachte Katharina missmutig, und jetzt, wo sie direkt darauf angesprochen worden war, deutlich mehr als noch vor einem Moment. Während sie die Hand hob und vorsichtig mit den Fingerspitzen nach ihren hämmernden Schläfen tastete, drehte sie sich – vorsichtig – herum und sah den Besitzer dieser so sonderbar fremdartig klingenden Stimme zum ersten Mal an.

Sie erlebte eine Überraschung. Natürlich war ihr längst klar, dass sie weder in der Hölle noch tatsächlich in der Gefangenschaft von Dämonen oder Teufeln war, sondern sich auf einem Schiff voller barbarisch gekleideter Krieger befand, aber das Gesicht, in das sie blickte, passte weder zu der einen noch zu der anderen Vorstellung. Es war schmal und fast schon zierlich geschnitten, und es hatte jetzt keine Hörner mehr, sondern wurde von zwei dicken und fast unmöglich lang scheinenden Zöpfen von hellblonder Farbe eingerahmt. Außerdem war es jetzt sauber gewaschen. Katharina erkannte es trotzdem sofort. Als sie das letzte Mal in diese großen Augen gesehen hatte, waren sie von schierer Todesangst erfüllt gewesen; jetzt blickten sie nur sehr aufmerksam und fast freundlich.

Die hellblonden Brauen darüber zogen sich zu einem steilen »V« zusammen.

»Du?«, murmelte sie. »Du bist …«

Eine innere Stimme riet ihr, lieber still zu sein, und sie schluckte den Rest dessen, was sie hatte sagen wollen, herunter. Oder versuchte es wenigstens.

»Ein was?«, fragte der Bursche. Er klang irgendwie … lauernd.

»Ein Mensch«, antwortete Katharina unbehaglich.

»Stört dich etwas daran?«, fragte er weiter.

»Nein«, erwiderte sie hastig. »Es ist nur … ähm … also wenn ich das gewusst hätte …«

»Hättest du mich fallen lassen?«, fragte er. Seine Stimme war deutlich spröder geworden.

»Natürlich nicht«, versicherte sie rasch. »Es ist nur … also ich … ich meine, es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe.«

»Ja, das war nicht sehr nett«, bestätigte der Junge. Er konnte kaum älter sein als sie selbst, dachte Katharina. Seine Stimme klang jetzt leicht spöttisch. »Was machen deine Rippen?«

Dasselbe wie ihr Kopf: Jetzt, wo der Junge sie darauf angesprochen hatte, spürte sie die unsichtbare Messerklinge wieder, die sich langsam in ihre Seite bohrte.

»Es geht«, antwortete sie gepresst.

»Das freut mich«, sagte er. »Ich wäre wirklich untröstlich, wenn ich meinem Lebensretter wehgetan hätte.«

»So schlimm war es nun auch wieder –«, begann Katharina, fuhr dann mit einem Ruck herum und konnte sich gerade noch im allerletzten Moment über die niedrige Bordwand beugen, bevor sie nicht nur das gerade erst getrunkene Wasser, sondern auch noch den Rest ihres Mageninhalts von sich gab.

»Du bist nicht besonders seefest, wie?«, feixte der Bursche.

Katharina hätte ihm gerne entsprechend geantwortet, aber sie war voll und ganz damit beschäftigt, bittere Galle ins Wasser zu spucken. Es lag nicht daran, dass sie zu gierig oder zu viel getrunken hatte. Ihr Magen war längst leer, aber die Welt drehte sich immer noch wie wild um sie herum, und dazu schwankte sie in Richtungen, von denen sie noch gar nicht gewusst hatte, dass es sie gab.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte ihr Wohltäter. »Das ist nur am Anfang so schlimm.«

»Ach?«, würgte Katharina. Mehr brachte sie nicht heraus.

»Ganz bestimmt«, versicherte er. »Später wird es schlimmer.«

Ja, das war witzig, dachte Katharina. Ihr war viel zu übel, als dass sie wirklich zornig werden konnte, aber sie hatte das Gefühl, es eigentlich werden zu sollen. Später. Vielleicht hatte sie doch einen schlechten Tausch gemacht und sollte sich lieber wünschen, im Fegefeuer aufgewacht zu sein.

»Nein, jetzt ernsthaft: Das vergeht. Du wirst sehen. In ein paar Stunden fühlst du dich bestimmt wieder besser. Die meisten gewöhnen sich schnell daran.«

Diesmal brachte sie immerhin zwei Worte heraus. »Die meisten?«

Das Feixen auf dem schmalen Gesicht wurde schon geradezu dreist. »Nicht alle«, bestätigte er. Aber da war auch eine Spur von echtem Mitgefühl hinter dem spöttischen Glitzern in seinen Augen.

Wenigstens redete sie sich das ein.

Ihr Magen malträtierte sie noch eine geraume Weile, aber irgendwann war nicht einmal mehr Galle darin, die sie von sich hätte geben können, und sie ließ sich erschöpft zurücksinken und lehnte Hinterkopf und Schultern gegen das raue Holz der Bordwand. Es wurde noch nicht wirklich besser, denn das Schiff schwankte und zitterte unter ihr, als würde es vom Sturm gebeutelt. Dabei war der Himmel vollkommen wolkenlos und klar, und das rot und weiß gestreifte Segel über ihren Köpfen hing schlaff von der Rahe.

»Bleib hier sitzen«, sagte der Junge. »Ich bin gleich zurück.«

Katharina hatte nichts anderes angenommen. Das Schiff war groß – für ein Schiff –, maß aber dennoch nicht viel mehr als dreißig Schritte in der Länge und kaum fünf oder sechs in der Breite. Entsprechend groß war das Gedränge, das an Bord herrschte. Sie vermochte nicht einmal zu schätzen, wie viele Männer es waren, aber Graf Pardevilles Vermutung war wohl eher vorsichtig gewesen; und dazu kam, dass die Männer immer noch eine gewisse Ähnlichkeit mit Dämonen hatten; oder auch Bären, in diesem Punkt war sie noch nicht ganz schlüssig. Sie schienen ausnahmslos groß und von außergewöhnlich kräftigem Wuchs zu sein. Die meisten hatten ihre bizarren Helme abgesetzt, aber sie waren immer noch Riesen, und fast alle trugen Umhänge und Mäntel aus schwerem Fell, was sie noch massiger aussehen ließ. Gut die Hälfte der Männer saß auf einfachen Bänken und bewegte die langen Ruder, die das Schiff antrieben, die anderen standen einfach nur da, redeten in ihrer sonderbar rauen Sprache miteinander oder taten Dinge, die sie nicht genau erkennen konnte. Seltsamerweise schien kaum jemand auch nur Notiz von ihr zu nehmen. Wenn sie überhaupt ein Blick traf, dann war er eher desinteressiert, oder allenfalls verächtlich.

Ihr namenloser Wohltäter kam zurück, ließ sich neben ihr in die Hocke sinken und setzte das aus Horn geschnitzte Mundstück eines ledernen Trinkbeutels an ihre Lippen. Allein bei dem bloßen Gedanken, etwas zu sich zu nehmen, wurde ihr noch übler, doch der Junge machte nur eine ärgerliche Geste, zwang ihre Zähne auseinander und flößte ihr etliche Schlucke von etwas ein, das ganz gewiss kein Wasser war und scharf in ihrer Kehle brannte.

»Was … ist das?«, brachte sie hustend und keuchend heraus. Ihr Magen schien in Flammen zu stehen, und alles drehte sich um sie. »Im Namen Gottes! Wenn du mich umbringen … willst, warum … hast du mich … nicht gleich … ertränkt?«

Der Bursche griente nur breit … und was immer er ihr auch eingeflößt hatte, es tat praktisch augenblicklich seinen Dienst. Ihre Übelkeit verschwand nicht, aber sie nahm eine andere Qualität an, sodass sie wenigstens nicht mehr ihre gesamte Konzentration dafür aufwenden musste, sich nicht zu übergeben.

»Besser?«, fragte er fröhlich.

Katharina nickte, musste plötzlich husten und verzog schmerzhaft das Gesicht, als ihre gebrochene Rippe mit einem stechenden Schmerz darauf reagierte.

»Was war das?«, murmelte sie. Ihre Kehle brannte noch immer wie Feuer, aber aus dem Toben in ihrem Leib war mittlerweile ein Gefühl fast angenehmer Wärme geworden, das sich rasch in ihrem ganzen Körper auszubreiten begann.

»Eigentlich nichts für kleine Jungen wie dich«, antwortete der Junge mit den blonden Zöpfen. Sein Grinsen wurde noch breiter, und jetzt wirkte es eindeutig schadenfroh, fand Katharina. »Aber es hilft gegen Seekrankheit. Wenn du genug davon trinkst, heißt das. Sie verschwindet nicht, aber nach einer Weile ist sie dir vollkommen egal.«

Er hielt ihr den Beutel hin. »Noch einen Schluck? Aber ich warne dich: Spätestens morgen wirst du es bereuen.«

Katharina versuchte erst gar nicht zu verstehen, was er damit meinte. Ihre Kehle tat noch immer weh, und auch ihre Lippen begannen allmählich zu brennen, aber ihr Magen und ihre revoltierenden Eingeweide beruhigten sich zusehends, und morgen war morgen, und so streckte sie die Hand aus und zwang sich, noch ein paar Schlucke zu trinken. Selbst wenn ihr das Zeug die Lippen wegbrannte, war ihr das immer noch lieber, als wenn diese schreckliche Übelkeit zurückkam.

Einer der älteren Krieger, der langes, struppiges graues Haar und einen gleichfarbigen zu drei dünnen Zöpfen geflochtenen Bart hatte, trat auf sie zu und sagte ein paar Worte zu dem blonden Jungen. Katharina verstand kein einziges davon, aber der Tonfall klang selbst in der groben Sprache dieser fremden Krieger nicht besonders freundlich, und das Grinsen ihres Wohltäters wirkte jetzt nicht mehr ganz überzeugend.

Er wartete, bis sich der Grauhaarige wieder herumgedreht hatte und ging, dann nahm er ihr den Schlauch weg, verschloss ihn sorgfältig und befestigte ihn an seinem Gürtel. Katharina nahm an, dass der andere nicht damit einverstanden war, dass er einem Gefangenen Medizin gab.

»Wie ist dein Name?«, fragte sie.

»Warum?«

Katharina deutete ein vorsichtiges Schulterzucken an. »Nur so. Immerhin hast du mir wahrscheinlich das Leben gerettet.«

»Mein Name ist Ansgar«, antwortete er und klang schon wieder misstrauisch. »Und wie kommst du auf die Idee, ich könnte etwas so Dummmes tun?«

»Weil ich noch lebe?«

»Wir töten keine Knaben«, sagte er.

»Dann habe ich eben dir das Leben gerettet«, antwortete sie trotzig.

»Kaum«, schnaubte Ansgar. »Und wenn, dann sind wir allerhöchstens quitt. Kannst du schwimmen?«

Katharina verstand den Sinn dieses scheinbaren Gedankensprungs nicht, beantwortete die Frage aber wahrheitsgemäß mit einem Kopfschütteln.

»Dann solltest du vielleicht nicht ganz so laut herumerzählen, dass du mir das Leben gerettet hast«, sagte er. »Es sei denn, du legst Wert darauf, es ganz schnell zu lernen.«

Katharina war klug genug, nichts mehr darauf zu antworten, sondern Ansgar nur verwirrt anzusehen. Er wirkte regelrecht wütend, auch wenn sie nicht wirklich verstand, warum.

Aber vielleicht war jetzt der richtige Moment, das Thema zu wechseln.

»Wohin bringt ihr mich?«, fragte sie.

»Dich?« Ansgar hob scheinbar beiläufig die Schultern. »Wir fahren zu unserem Lager. Bis Sonnenuntergang müssten wir es erreicht haben. Was danach mit dir geschieht, hängt von meinem Vater ab. Vielleicht lässt er dich gehen.«

Irgendwie fiel es ihr schwer, ihm das zu glauben … Etwas sagte ihr, dass Ansgar ihr niemals etwas antun würde. Dasselbe Gefühl sagte ihr aber auch, dass es nicht besonders klug wäre, ihn direkt darauf anzusprechen.

Stattdessen suchte und fand ihr Blick den grauhaarigen Riesen, der gerade mit Ansgar gesprochen hatte. »Ist das dein Vater?«, fragte sie.

»Erik«, antwortete Ansgar, »ist mein Großvater. Und unser Skalde.« Als er ihr ansah, dass ihr dieses Wort nichts sagte, fügte er hinzu: »Unser Anführer.«

Ihr Anführer, dachte sie. Und sein Großvater. Interessant.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, schüttelte Ansgar den Kopf und sagte: »Jetzt bild dir bloß nichts ein. Es ist nicht immer von Vorteil, der Enkelsohn des Skalden zu sein; nicht einmal der einzige Enkelsohn des Skalden. Ganz im Gegenteil. Du musst immer der Beste sein und darfst keine Fehler machen. Und wenn du doch einen machst, dann wirst du strenger bestraft als alle anderen.« Er zog eine Grimasse. »Aber das kennst du ja wahrscheinlich«, fügte er mit einem sonderbar wissenden Lächeln hinzu, »als Sohn eines Edelmannes.«

»Wie kommst du auf diese Idee?«, entfuhr es ihr.

Jetzt war sein Lächeln wieder spöttisch. »Ja. Mein Vater hat vorausgesagt, dass du genau das behaupten wirst.«

»Was?«, erkundigte sich Katharina vorsichtig. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass der Grauhaarige sein Gespräch unterbrochen hatte und stirnrunzelnd in ihre Richtung sah.

»Dass du nur ein einfacher Bauernjunge bist, für den niemand ein Lösegeld zahlen würde«, antwortete Ansgar.

»Und wenn es so wäre?«, fragte Katharina. Da war plötzlich eine ganz leise, mahnende Stimme in ihr, die ihr riet, sehr vorsichtig zu sein oder besser gar nichts mehr zu sagen, aber sie fühlte sich auch sehr … sonderbar. Die Wärme in ihrem Magen war wieder verschwunden, doch nun begann sich irgendetwas in ihrem Kopf zu verändern. Sie wusste nicht was, denn sie hatte so etwas noch nie zuvor erlebt, aber es war nicht unangenehm … zugleich aber auch ein wenig erschreckend. Auf eine angenehme Art wurde ihr ganz leicht schwindelig.

»Wenn es so wäre«, knüpfte Ansgar an ihre Frage an, »dann wäre das sehr schlecht für dich.« Er machte eine Kopfbewegung hinter sie. »Es ist ein ganz schönes Stück bis zum Ufer, vor allem für jemanden, der nicht schwimmen kann. Das hier ist ein kleines Schiff, weißt du? Unnötigen Ballast können wir uns nicht leisten.«

Sie hatte sich fest vorgenommen, es nicht zu tun – aber sie richtete sich ganz unbewusst nicht nur ein wenig auf, sondern drehte auch den Kopf, um zum Ufer hin zu sehen. Es war wirklich ein gutes Stück bis zum Ufer. Das Schiff schoss mit der Strömung in der Flussmitte dahin, zusätzlich beschleunigt von den anderthalb Dutzend Rudern auf jeder Seite, und das Ufer schien nur so an ihnen vorbeizufliegen. Der Rhein kam ihr an dieser Stelle sehr viel breiter vor als nahe des Dorfes, in dem sie aufgewachsen war. Selbst für einen guten Schwimmer wäre es vermutlich nicht leicht, lebend ans Ufer zu kommen, und sie hatte nicht gelogen, als sie behauptet hatte, nicht schwimmen zu können. Katharina hatte Wasser zeit ihres Lebens gefürchtet.

Anscheinend waren ihre Gedanken ziemlich deutlich auf ihrem Gesicht abzulesen, denn Ansgar lachte plötzlich und schüttelte beruhigend den Kopf.

»Wie gesagt: Mein Großvater hat mir prophezeit, dass du dumm genug sein würdest, genau das zu behaupten. Aber ich bin nicht dumm genug, es zu glauben.«

»So?«, fragte Katharina schüchtern.

»Diese Reiter waren nicht zufällig dort«, behauptete Ansgar. »Sie haben nach dir gesucht, habe ich Recht?«

»Guy de Pardeville?«, fragte Katharina und verfluchte sich selbst dafür, noch bevor die Worte auch nur ganz über ihre Lippen gekommen waren.

»Du kennst ihn also. Ist er dein Vater?«

»Nein!«, antwortete Katharina, entschieden zu hastig und auch zu laut. Aber sie hatte ihre Zunge nicht mehr wirklich unter Kontrolle, und ihre Gedanken waren nicht nur sonderbar leicht, sondern begannen sich auch auf Pfaden zu bewegen, die ihr vollkommen fremd waren.

Ansgar lachte. »Ja, das klingt überzeugend.«

Immerhin brachte sie es jetzt fertig, gar nichts darauf zu antworten, auch wenn es sie eine Menge Willenskraft kostete.

»Wir haben schon einen Boten zu diesem Edelmann geschickt, den du nicht kennst«, fuhr Ansgar fort, »um ihn zu fragen, wie viel Lösegeld er für einen kleinen Bauerntölpel zu zahlen bereit ist, den er gar nicht kennt. Ich bin gespannt auf die Antwort.«

Katharina wusste rein gar nichts über Guy de Pardeville, außer dass er einen wirklich seltsamen Namen hatte und anscheinend aus einem fernen Land kam, aber nach allem, was sie über Ritter und Edelleute wusste, wäre sie nicht sonderlich überrascht, wenn er Ansgars Großvater zur Antwort den abgeschlagenen Kopf des Unterhändlers zurückschickte.

»Und wenn die Antwort nichts lautet?«, fragte sie und hatte dabei das Gefühl, ständig über ihre Zunge zu stolpern.

Ansgar griente nur und sah demonstrativ ins Wasser hinab.

Sein Großvater kam wieder heran, blaffte etwas in seiner sonderbar fremdartigen Sprache, und Ansgars Feixen entgleiste abermals und sah jetzt eher aus wie eine Grimasse. Er antwortete in derselben Sprache, und Erik machte eine harsche Geste und stampfte wieder davon. Einer der Krieger begann zu lachen und hörte sofort wieder damit auf, als ihn ein Blick aus den zornigen Augen des Skalden traf.

»Dein Großvater scheint da anderer Meinung zu sein«, sagte Katharina. Eigentlich lallte sie es. Was war nur mit ihr los?

Ansgar zog eine Grimasse, sah etliche Augenblicke lang nachdenklich auf sie herab und löste dann den Trinkbeutel wieder von seinem Gürtel.

»Nimm noch einen Schluck«, sagte er. »Oder zwei. Danach fühlst du dich besser, und vielleicht erzählst du mir ja dann auch die Wahrheit.«

Katharina bezweifelte beides, und wenn sie es recht bedachte, dann war das, was mit ihren Gedanken (und vor allem ihrer Zunge) geschah, auch gar nicht so angenehm. Aber dann sagte sie sich, dass sie schließlich eine Gefangene und dieser Junge mit den albernen Zöpfen ihr Kerkermeister war, streckte die Hand aus und gehorchte.

Das Getränk kam ihr noch schärfer vor als beim letzten Mal, aber die Wärme kehrte in ihren Leib zurück, und auch das Schwindelgefühl war wieder da und jetzt noch angenehmer.

»Unwaschenau …«, begann sie, blinzelte verwirrt und setzte noch einmal und konzentrierter an: »Und was genau huschugjesch …« Sie schluckte. »Hast du jetzt mit mir vor, meine ich?«

»Ich?« Ansgar grinste breit. »Gar nichts. Wenigstens heute nicht. Schlaf ein bisschen.«

Schlafen? Sie war eine Gefangene, und Ansgars Großvater erwartete ein hohes Lösegeld für sie zu bekommen und würde sie wahrscheinlich töten lassen, wenn ihm klar wurde, dass niemand auch nur einen roten Heller für sie bezahlen würde. Wie kam er auf die absurde Idee, sie könnte jetzt schlafen?

Und genau mit diesen Gedanken schlief sie dann ein.

*

Skraevald, wie der Name des kleinen Wehrdorfes lautete, in dem sie am nächsten Morgen (und mit hämmernden Kopfschmerzen und dem schlechtesten Geschmack ihres Lebens im Mund) erwachte, war eigentlich gar kein richtiges Dorf, sondern eher ein besseres Zeltlager; wenn auch von einer Ausdehnung, die sie schier erschlug. Die Fläche, auf dem es sich erstreckte, war deutlich größer als die des Dorfes, in dem sie aufgewachsen war, und sie mutmaßte zumindest, dass auch die Zahl seiner Einwohner deutlich größer war.

Zu ihrer Überraschung war sie allein und nicht einmal gefesselt, und neben dem einfachen, aber erstaunlich bequemen Lager aus Fellen, auf dem sie aufgewacht war, fand sie eine Schale mit frischem Obst und knusprigem Fladenbrot und einen Krug Wasser. Und sie trug auch nicht mehr das zerschlissene Gewand, sondern ein einfaches, aber sauberes Kleid aus hellem Wildleder, das ihre Haut fast wie eine zärtliche Hand streichelte. Auch wenn Katharina der Frage, wer ihr ihr altes Kleid aus-, und dieses wieder angezogen hatte, vorsichtshalber auswich, war sie doch angenehm überrascht. Wenn das die Art war, wie die vermeintlichen Dämonen ihre Gefangenen behandelten, dann sollte sie sich vielleicht wünschen, den Rest ihres Lebens weiter eine Gefangene zu bleiben.

Aber natürlich war dieser Gedanke albern – und auch ziemlich dumm. Ihr Kopf tat noch immer so weh, dass sie sich zu jedem einzelnen Gedanken zwingen musste, aber sie erinnerte sich trotzdem an ihr Gespräch mit Ansgar. Sein Großvater würde bald herausfinden, dass seine vermeintliche Geisel nichts wert war, und was dann mit ihr geschah, das wusste vermutlich nicht einmal Gott selbst.

Und wenn er es wusste, dann war sie ihm dankbar dafür, es ihr nicht gesagt zu haben.

Was bedeutete, dass es allmählich an der Zeit war, Fluchtpläne zu schmieden.

Ihr allererster Versuch endete schon nach drei Schritten, indem sie die Zeltplane zurückschlug, sich blinzelnd unter dem Ausgang hindurchbückte und in ein bärtiges und von verfilztem, rotbraunem Haar eingerahmtes Gesicht blickte. Der Mann hielt zwar nicht mit angelegtem Speer vor ihrem Zelt Wache, sondern saß mit bequem untergeschlagenen Beinen ein kleines Stück entfernt und wirkte eher müde als wachsam, aber er sah sie sofort, und nur einen Moment später blaffte er ein einzelnes Wort in seiner rauen Sprache, das in Katharinas Ohren eher wie ein Bellen klang.

Sie verstand trotzdem, was er meinte, zog sich hastig wieder in das Zelt zurück und verbrachte eine geraume Weile damit, sich selbst in Gedanken mit allen möglichen Unfreundlichkeiten zu belegen. Wie dumm war sie eigentlich, auch nur einen Atemzug lang geglaubt zu haben, es könnte so einfach sein? Wofür auch immer Erik sie hielt, sie war viel zu wertvoll für ihn, um sie unbewacht zu lassen.

Sie haderte noch eine Weile mit dem Schicksal und sich selbst, brach dann auch diesen wenig nutzbringenden Gedanken ab und sah sich stattdessen aufmerksamer in dem kleinen Zelt um. Sehr viel gab es nicht zu sehen: Abgesehen von dem Lager, auf dem sie aufgewacht war, bestand die gesamte Einrichtung aus einem einfachen Schemel und einem hölzernen Gestell, dessen Zweck ihr verborgen blieb. Das dünne Leder, aus dem die Zeltbahnen zusammengenäht waren, war mit einer Anzahl hölzerner Pflöcke am Boden fixiert, sodass sie allenfalls die flache Hand darunterschieben konnte, aber vielleicht könnte sie diesen Spalt ja erweitern. Rasch ging sie zur Rückseite des Zeltes, ließ sich in die Hocke sinken und versuchte ihr Glück.

Das Hindernis erwies sich als widerspenstiger, als sie erwartet hatte, sodass sie in eine bequemere Position rutschte und die Muskeln anspannte, und ein schwerer Dolch flog nur eine halbe Handspanne an ihrer Schulter vorbei und bohrte sich mit einem dumpfen Laut bis ans Heft in den Boden. Katharina schrie auf, verlor vor Schreck das Gleichgewicht und landete mit einem zweiten, fast piepsenden Schrei auf dem Hinterteil.

»Die Pflöcke sind sehr tief eingeschlagen«, sagte Ansgar, während er an ihr vorbeiging, das Messer aus dem Boden zog und ihr die Waffe dann mit dem Griff voran hinhielt. »Damit geht es besser, weißt du?«

Katharina starrte abwechselnd ihn und den schweren Bronzegriff der Waffe an und rührte sich nicht, bis Ansgar den Dolch mit einem Schulterzucken wieder unter seinen Gürtel schob. »Andererseits wäre es schade um das schöne Zelt. Meine Tante hat es eigenhändig genäht.«

»Deine … Tante?«, murmelte Katharina – eigentlich nur, um überhaupt etwas zu sagen.

Ansgar streckte ihr die Hand entgegen, und Katharina griff danach und ließ sich von ihm aufhelfen. »Das hier ist eigentlich mein Zelt«, antwortete er. »Mein Großvater wollte dich unten bei den Schweinen anbinden, aber ich habe ihn davon überzeugt, dass er das den armen Tieren nicht antun kann … was macht dein Kopf?«

Katharina antwortete gar nicht darauf, fragte sich aber, woher Ansgar von ihren hämmernden Kopfschmerzen wissen konnte, und sah ihn verblüfft an.

Ansgar amüsierte sich ganz unverhohlen über ihre Verwirrung, ließ endlich ihre Hand los und wies zum Ausgang. »Soll ich dir das Lager zeigen?«

»Wie?«

Katharina nickte, und Ansgar drehte sich mit einem neuerlichen auffordernden Armwedeln herum und verließ das Zelt. Katharina folgte ihm und musste schon wieder blinzeln, als sie ins helle Sonnenlicht hinaustrat.

Der Tag war noch jung. Die Sonne war noch nicht einmal ganz über die Baumwipfel des Waldes geklettert, der das Lager im Osten begrenzte, und über der leicht abfallenden Senke auf der anderen Seite hing noch schwacher Dunst, aber es war trotzdem schon sehr hell. Katharina spürte, dass der Tag sehr heiß werden würde; so heiß wie der davor und der davor. Auch dieser Sommer würde wohl wieder so heiß und trocken werden wie die beiden vorhergehenden, wahrscheinlich würde auch die diesjährige Ernte wieder verbrennen und noch mehr Menschen im Dorf verhungern.

Dann wurde ihr klar, dass sie sich darüber keine Gedanken mehr machen musste, und eine plötzliche, aber sehr tiefe Trauer überkam sie.

Ansgar machte eine Kopfbewegung zum Fluss hinab, und als sie ihm folgte, registrierte Katharina beiläufig, dass der Wachtposten vor ihrem Zelt verschwunden war.

Sie nutzte den kurzen Weg, um sich unauffällig umzusehen, denn dass ihr zugegeben nicht besonders klug vorbereiteter Fluchtversuch gescheitert war, bedeutete ganz und gar nicht, dass sie es nicht noch einmal versuchen würde.

Die Zeltstadt erstreckte sich ein gutes Stück am Ufer entlang, wobei ihre Erbauer geschickt sowohl den Sicht- als auch den Windschutz des nahen Waldes und einer sanft ansteigenden Böschung ausnutzten, die fast ein wenig zu gleichmäßig aussah, um nicht künstlich angelegt worden zu sein. Es waren mehr Zelte, als sie zählen konnte (also mehr als zwölf), und es gab keine Palisade, nicht einmal einen Zaun, sondern nur einen hölzernen Wachturm, der aber nicht einmal die Höhe der Baumwipfel erreichte und wohl eher dafür gedacht war, den Fluss im Auge zu behalten. Auf der kleinen Plattform war jedoch niemand.

Überhaupt sah sie erstaunlich wenige Menschen, vielleicht eine Handvoll Männer, die sich zwischen den Zelten bewegten (nicht einer von ihnen war bewaffnet), zwei oder drei ausnahmslos alte Frauen und überhaupt keine Kinder, als wäre die Zeltstadt für eine sehr viel größere Anzahl von Bewohnern angelegt worden.

Vielleicht lag es auch einfach nur an der frühen Stunde.

Sie ließ sich Zeit, um möglichst viel von ihrer Umgebung in sich aufzunehmen, und ihr fiel zumindest eine Sache auf, die sich noch als wichtig erweisen mochte: Das Schiff war verschwunden. Es gab einen hölzernen Steg, der ein paar Schritte weit ins Wasser führte, aber an seinem Ende war nur ein winziges Boot vertäut, das nicht einmal Platz für drei Personen bot.

»Gefällt dir Skraevald?«, fragte Ansgar. Sie hatte das Gefühl, dass er eigentlich eine ganz andere Frage hatte stellen wollen.

»Skraevald?«

»Unser Lager.« Ansgar machte eine ausholende Geste, die die ganze Zeltstadt einschloss. »Mein Großvater hat es so getauft. Er glaubt, dass der Name Glück bringt.«

»Aber wenn man einem Lager einen Namen gibt, macht man es damit nicht irgendwie zu … mehr?«, fragte sie.

Ansgar nickte anerkennend. »Du bist nicht nur ganz hübsch, sondern auch klug«, sagte er. »Wir sind jetzt im zweiten Jahr hier. Und vielleicht werden auch noch mehr daraus.«

»Hier?«, wunderte sich Katharina. »Und niemand hat etwas dagegen getan?«

»Warum? Das Land ist groß, und wir nehmen niemandem etwas weg.«

Er schien noch mehr sagen zu wollen, unterbrach sich aber dann und maß sie stattdessen mit einem sehr langen und ebenso nachdenklichen wie leicht unbehaglichen Blick.

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ein Mädchen bist?«, fragte er.

Katharina wurde schon wieder misstrauisch. »Und woher …«

»Nardis hat dir die Lumpen ausgezogen, die du anhattest, keine Angst«, sagte er hastig. »Sie hat es mir gesagt. Aber warum hast du es mir nicht gesagt?«

»Als ich dich nach oben gezogen habe, oder während du damit beschäftigt warst, mir die Rippen zu brechen?«, erkundigte sie sich.

Ansgar blinzelte, zwang sich schließlich zu einem nervösen Lächeln und wechselte vorsichtshalber das Thema. »Du hast gefragt, ob die Menschen hier etwas gegen uns haben«, erinnerte er sich. »Am Anfang war es tatsächlich so. Die Menschen in der Umgebung haben uns gefürchtet, das ist wahr, aber sie haben rasch gemerkt, dass es dafür keinen Grund gibt. Heute treiben sie Handel mit uns.«

»Und die Fürsten?«

»Sind voll und ganz damit beschäftigt, ihre Leibeigenen auszuquetschen und sich gegenseitig zu bekämpfen«, antwortete Ansgar leichthin. »Solange wir ihnen nichts tun, halten sie es umgekehrt genauso.«

»Und warum habt ihr dann gestern Nacht das Dorf überfallen?«

Ansgar sah sie fragend an. »Wovon sprichst du?«

»Von Ellsbusch«, antwortete Katharina. »Von all seinen unschuldigen Männern, Frauen und Kindern, die ihr erschlagen habt, und von Vater Cedric, den eure Männer ans Kreuz genagelt haben!«

»Ich weiß wirklich nicht, wovon –«, begann Ansgar, brach dann mit einem Achselzucken ab und wiederholte seine deutende Geste. »Sprich darüber mit meinem Großvater, vielleicht versteht er ja, wovon du redest. Komm, ich zeige dir alles.«

Katharina rührte sich nicht. »Dass ihr Barbaren und Mörder seid, habe ich ja schon mit eigenen Augen gesehen«, sagte sie. »Aber ich wusste bisher noch nicht, dass ihr auch Feiglinge seid! Hast du nicht einmal den Mut, zu euren Untaten zu stehen?«

Ansgars Lächeln wurde um mehrere Grade kühler. »Mörder und Barbaren?«, wiederholte er. »Wenn du uns wirklich dafür hältst, Mädchen, dann bist du entweder sehr mutig, das so zu sagen, oder sehr dumm.«

»Was habe ich schon zu verlieren?«, schnappte sie trotzig. »Und nenn mich nicht Mädchen. Ich habe einen Namen.«

»Den du mir bisher allerdings noch nicht verraten hast, Mädchen«, sagte er.

»Katharina«, fauchte Katharina. »Mein Name ist Katharina.«

»Kara«, sagte er nach kurzem Nachdenken.

»Katharina«, wiederholte sie scharf.

»Kara«, beharrte er. Als Katharina auffahren wollte, hob er die Hand und machte eine befehlende Geste. »Ich habe dich schon verstanden, Kara, aber außer meinem Großvater und mir spricht hier niemand eure Sprache, und die Männer würden sich an ihren eigenen Zungen verschlucken, wenn sie versuchen würden, ihn auszusprechen.« Er lachte leise. »Außerdem spart es Zeit.«

Katharina wollte es nicht – aber sie musste gegen ihren Willen lächeln, und damit war der Bann gebrochen.

»Willst du den Rest des Dorfs sehen?«, fragte er.

»Jetzt ist es also doch schon ein Dorf«, sagte Katharina. »Und nicht nur ein Zeltlager.«

Ansgar seufzte, schüttelte den Kopf und verdrehte übertrieben die Augen. »Ja oder nein?«

»Hast du denn gar keine Angst, dass ich weglaufen könnte?«, fragte sie, statt direkt zu antworten.

»Weglaufen?«, wiederholte Ansgar. »Aber wohin denn?«

Auch die Antwort darauf blieb ihm Katharina schuldig. Aber sie dachte noch lange darüber nach.

Ansgar zeigte ihr tatsächlich nicht nur jedes einzelne Zelt der sonderbaren Zeltstadt, sondern stellte sie auch jedem einzelnen ihrer Einwohner vor; was allerdings eine ziemlich einseitige Angelegenheit war. Anscheinend hatte er die Wahrheit gesagt, als er behauptet hatte, sein Großvater und er wären die Einzigen hier, die ihre Sprache sprachen. Sie hörte eine Menge fremdartig klingender Namen und musste sich eine Menge noch fremdartiger klingendes Geschnatter anhören, und am Ende war sie wirklich froh, als Ansgar sie in ihr Zelt (das eigentlich seines war) zurückbrachte. Katharina schwirrte der Kopf von all den seltsamen Namen und sonderbaren Worten, die sie gehört hatte. Der schlechte Geschmack, mit dem sie aufgewacht war, war noch immer in ihrem Mund, und auch ihr Magen meldete sich dann und wann mit einem Gefühl leiser Übelkeit; immer im Wechsel mit dem Stechen ihrer gebrochenen Rippe.

Zumindest hatte der improvisierte Rundgang nicht allzu lange gedauert. Ihr allererster Eindruck war richtig gewesen: Skraevald hatte im Moment kaum mehr Einwohner als Zelte, und gerade einmal zehn oder zwölf der Männer waren tatsächlich Krieger.

»Die anderen sind mit Großvater und der Werdandi unterwegs«, antwortete Ansgar auf ihre entsprechende Frage. »Aber sie sind bis Mittag zurück. Danach wird er bestimmt mit dir reden wollen.«

»Bis Mittag?«, wunderte sich Katharina. »So schnell geht das?«

»Was?«, fragte Ansgar. Sie saßen in seinem Zelt zusammen; Ansgar auf dem kleinen Schemel, der praktisch die gesamte Einrichtung darstellte, Katharina mit untergeschlagenen Beinen auf dem Lager aus Fellen. Eine der Frauen hatte ihnen zu essen gebracht; frisch gekochtes Gemüse und schmale Streifen aus gebratenem Hühnchen, die einfach nur köstlich schmeckten. Wie alle Bewohner von Ellsbusch bekam Katharina nur sehr selten Fleisch, und wann das letzte Mal ein Hühnchen auf ihrem Teller gelegen hatte statt eines mageren Hasen oder eines zähen Wildschweinfußes, konnte sie gar nicht mehr sagen. Vielleicht war es ein Jahr her, vielleicht auch zwei. Ansgars Großvater wusste, wie man einen wertvollen Gefangenen standesgemäß bewirtete.

Wahrscheinlich hätte es ihr noch besser geschmeckt, wenn ihr Magen nicht immer noch gegen jeden Bissen revoltiert hätte. Und vermutlich noch sehr viel besser, wäre da nicht der hässliche kleine Gedanke gewesen, dass dieses Essen gut und gerne ihre Henkersmahlzeit sein konnte.

»Was genau meinst du damit: So schnell geht das?«, hakte Ansgar nach, als sie nicht sofort antwortete.

»Das Morden und Brandschatzen«, sagte sie. »Habt ihr ein Dorf in der Nähe entdeckt, das sich nicht wehren kann?«

Ansgar verdrehte schon wieder die Augen und seufzte leise, ersparte sich aber jede Antwort und riss ein weiteres Stück Hühnerfleisch von dem Knochen in seiner linken Hand. Katharina fiel auf, wie strahlend weiß und kräftig seine Zähne waren; und nicht nur das. Hätte er nicht diese albernen blonden Mädchen-Zöpfe gehabt, dann hätte er wirklich gut ausgesehen.

Gerade, als sie endgültig zu dem Schluss gekommen war, dass er ihre Frage anscheinend einfach ignorieren würde, antwortete er doch.

»Du kannst es einfach nicht lassen, wie?«

»Was?«, fragte nun Katharina.

»Was haben dir deine Eltern eigentlich über uns erzählt?«, fragte Ansgar kauend. »Lass mich raten: dass wir Ungeheuer und Dämonen sind, die über jeden herfallen, der sich nicht schnell genug versteckt, und nur vom Morden und Brandschatzen leben?«

»Meine Eltern haben mir gar nichts erzählt«, antwortete Katharina. »Sie sind tot.«

»Oh«, murmelte Ansgar. »Das tut mir leid.«

»Schon sehr lange«, fügte Katharina hinzu. »Ich kann mich nicht an sie erinnern.«

Ansgar legte fragend den Kopf auf die Seite, und Katharina beantwortete seine nächste Frage, bevor er sie überhaupt aussprechen konnte: »Ich bin bei guten Menschen in Ellsbusch aufgewachsen. Mal hier, mal da.« Die Wahrheit war eher, dass die guten Menschen von Ellsbusch sie mehr oder weniger herumgereicht hatten. Sie erinnerte sich natürlich nicht an die ersten Jahre ihres Lebens im Dorf, aber während der Jahre, an die sie sich erinnerte, hatte sie nie mehr als einige wenige Monate bei einer Familie zugebracht.

Seltsamerweise schmerzte die Erkenntnis, dass all diese Menschen, von denen gewiss nicht einer ihr Freund gewesen war, tot waren, trotzdem so sehr, als hätte sie ihre Familie verloren.

»Und?«, fragte Ansgar, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

»Ich weiß gar nichts von euch«, gestand sie widerwillig. »Außer dass die Menschen euch fürchten.«

Nicht einmal das entsprach ganz der Wahrheit, wenn sie ehrlich war. Sie hatte Geschichten gehört, finstere und erschreckende Geschichten von grausamen Kriegern aus dem Norden, die auf ihren schnellen Drachenbooten den Rhein herauffuhren und Angst und Schrecken verbreiteten, aber es waren eben nur Geschichten gewesen. Spannende Geschichten, bei denen einem das Herz in der Brust klopfte und ein wohliger Schauer über den Rücken lief, aber mehr eben auch nicht. Niemals hätte sie geglaubt, dass sie wahr sein könnten.

Wenigstens nicht bis gestern.

»Ich verstehe«, seufzte Ansgar. Er sah nicht wirklich ärgerlich aus, fand Katharina. Eher ein bisschen traurig.

»Ach ja?«, fragte Katharina.»Und was verstehst du?«

»Dass die alten Geschichten, die man dir erzählt hat, wahr sind, und zugleich auch so falsch, wie es nur geht.« Er kaute genüsslich, wollte in seine Schale greifen und hielt sie dann stattdessen ihr hin. Katharina sah, dass noch zwei große Streifen knusprig gebratenes Hühnchen auf dem gedünsteten Gemüse lagen. Sowohl ihr Magen als auch ihr Stolz protestierten vehement dagegen … aber es war Fleisch, und ihr lief das Wasser so sehr im Mund zusammen, dass sie sich beherrschen musste, um nicht zu sabbern.

Sie warf Ansgar einen nichts anderes als verächtlichen Blick zu, streckte die Hand aus und nahm das Fleisch. Beide Stücke. Ansgar hob überrascht die Augenbrauen.

»Und wie sollte so etwas gehen?«, fragte sie mit vollem Mund kauend. »Dass etwas wahr ist, und zugleich auch wieder nicht?«

»Weil Menschen manchmal aus Fehlern lernen, Mädchen. Sogar Menschen aus eurem Volk. Oder unserem.«

Es war nicht Ansgar, der das sagte, sondern sein Großvater, der unbemerkt hinter ihnen das Zelt betreten hatte. Er sah sehr müde aus, und Katharina musste nicht fragen, um zu wissen, dass er seit mindestens einer Nacht kein Auge zugetan hatte. Aber er sprach das Deutsche auch sehr viel flüssiger als sein Enkel und gänzlich ohne dessen stockend-holprigen Akzent.

Ansgar sprang auf und begann in seiner harten Muttersprache auf ihn einzureden, und Erik schloss mit der linken Hand die Zeltplane hinter sich und brachte ihn mit einer herrischen Geste der rechten mitten im Satz zum Verstummen.

»Es ist unhöflich, in einer Sprache zu reden, die unser Gast nicht versteht, Ansgar«, sagte er. Mit Schritten, die zugleich kraftvoll wie auch unendlich müde wirkten, kam er näher, ließ sich zwischen ihr und seinem Enkel in die Hocke sinken und sah sie abwechselnd und auf eine Art an, von der Katharina nicht sagen konnte, ob sie ihr gefiel.

Um ehrlich zu sein, machte sie ihr Angst.

»Ihr habt euch also schon ein wenig besser kennengelernt«, fuhr er fort, jetzt direkt an Katharina gewandt. »Aber ich muss mich für die Unhöflichkeit meines Enkels entschuldigen. Ich hatte ihm aufgetragen, sich um dich zu kümmern, aber er hat es anscheinend vorgezogen, sich aufzuspielen und dich zu beeindrucken. Es ist meine Schuld. Ich hätte bedenken müssen, dass er trotz allem noch ein Knabe ist, kein Mann.«

Katharina verstand nicht ganz, was er meinte, aber sie war sich sicher, dass es besser war, keine entsprechende Frage zu stellen, und sah den grauhaarigen Krieger nur stumm und aufmerksam an. Ansgar zog eine beleidigte Schnute.

»Hat man dich gut behandelt?«, fragte Erik, sah dann kurz auf das Fleisch in ihrer Hand und ihre fettigen Lippen und hatte sichtlich Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken. Katharina nickte, und Erik, der ganz offensichtlich keine andere Antwort erwartet hatte und auch nicht akzeptiert hätte, fuhr fort: »Es wird nicht mehr lange dauern. Ich habe mit Guy de Pardevilles Unterhändler gesprochen. Morgen bei Sonnenaufgang kommt ein Schiff, das dich abholt und wieder nach Hause bringt, Katharina.«

Katharina fragte sich, von welchem Zuhause er sprach. Das einzige Zuhause, das sie je gehabt hatte, existierte nicht mehr, sondern war von ihm und seinen Dämonenkriegern in einen Friedhof verwandelt worden.

Erst dann fiel ihr auf, dass er ihren Namen genannt hatte.

»Katharina?«, fragte sie.

»Katharina«, bestätigte Erik.

»Kara«, sagte Ansgar. Sowohl Katharina als auch sein Großvater ignorierten ihn.

»Guy de Pardeville ist bereit, über deine Freilassung zu verhandeln«, bestätigte Erik. Ein müdes Lächeln huschte über seine Lippen, die zumindest im Moment genauso grau und blutleer wirkten wie sein Bart und sein Haar. »Er ziert sich noch ein wenig, was die Höhe des Lösegelds angeht, aber mach dir keine Sorgen. Das tut er wahrscheinlich nur, weil er es seinem eigenen Stolz schuldig ist. Spätestens morgen Abend bist du wieder zuhause.«

Katharina konnte ihn einfach nur verwirrt ansehen. Warum sollte Guy de Pardeville – oder irgendwer? – Lösegeld für sie bezahlen?

»Was habt Ihr damit gemeint?«, fragte sie schleppend. »Dass Menschen lernen?«

»Du«, antwortete Erik. »Bei uns gibt es keinen Unterschied zwischen du und Ihr. Wir alle werden nackt und unter Blut und Schmerzen geboren, und wir werden zum gleichen Staub, wenn wir sterben. Genau wie ihr. Aber wir haben das nie vergessen.« Er seufzte müde. »Und um deine Frage zu beantworten, mein Kind: Es ist wahr.

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