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Die Teufelsbibel

ÜBER DEN AUTOR

Richard Dübell, geboren 1962, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen bei Landshut. 2007 erschien sein bisher größter Erfolg, Die Teufelsbibel, der Auftakt zu einer spannungsgeladenen Trilogie um den Codex Gigas, die größte Handschrift der Welt. In seinem neuesten Roman Zorn des Himmels widmet er sich dem verheerendsten Hochwasser der europäischen Geschichte. Seine Bücher wurden in vierzehn Sprachen übersetzt.

Mehr Informationen über den Autor finden Sie auf seiner Homepage: www.duebell.de

Richard Dübell



DIE TEUFELSBIBEL

Historischer
Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Für die Menschen in meinem Leben,
die mir jeden Tag von Neuem zeigen,
was das Allergrößte ist.

»Der Preis deiner Liebe bist du selbst.«
Augustinus






Als die Archäologen auf die Skelette stießen, waren sie zuerst überrascht. Ihre Überraschung wandelte sich in Entsetzen, als sie weitergruben. Was sie für die sterblichen Überreste von Mönchen gehalten hatten, waren tatsächlich die Gebeine von Frauen und … Kindern. Irgendwann vor Hunderten von Jahren musste in dem Benediktinerkloster in Südböhmen, an dessen ehemaligem Standort sie gruben, eine Katastrophe geschehen sein. Etwas, das die Mönche veranlasst hatte, gegen alle benediktinischen Regeln diese Leichen am Rand ihres Friedhofs in einem unbezeichneten Massengrab zu verscharren und das Geheimnis zu bewahren, bis das Schicksal das Kloster selbst von der Erdoberfläche tilgte.

Vielleicht wäre die nur eine von vielen ungeklärten, unbekannten Tragödien der Historie, wenn sich ihr Rätsel nicht mit einem anderen noch älteren verbinden würde. Es ist das Rätsel um eine der geheimnisvollsten Handschriften der Kirchengeschichte: den Codex Gigas. Die Teufelsbibel. Das größte Manuskript der Welt wurde im dreizehnten Jahrhundert geschrieben. Schon um seine Entstehung rankten sich Legenden. Männer der Kirche und Alchimisten gleichermaßen suchten darin die Erleuchtung – oder den Weg in die Finsternis.

Das Kloster, in dem das Massengrab gefunden wurde, ist der Ort, an dem die Teufelsbibel entstand.

Diese Geschichte erzählt, was möglicherweise passiert ist.  

DRAMATIS PERSONAE




CHARAKTERE

AGNES WIEGANT

Die Tochter von Niklas Wiegant sieht ihre Zukunft an der Seite von Cyprian Khlesl und ihre Vergangenheit als dunkle Tragödie

YOLANTA MELNIKA

Sie würde ihre Seele dem Teufel verschreiben, um ihr Kind wiederzubekommen, und stellt fest, dass genau das von ihr verlangt wird

JARMILA ANDĔL

Das Schicksal ihrer Familie ist mit dem von Andrej von Langenfels ebenso unlösbar verknüpft wie ihr Herz

CYPRIAN KHLESL

Verstoßener Sohn eines Bäckermeisters, Agent eines Bischofs und Agnes Wiegants große Liebe

ANDREJ VON LANGENFELS

Er kennt eine Geschichte, die dem Kaiser gefällt, nur dass diese Geschichte immer wieder sein Herz bricht

PATER XAVIER ESPINOSA

Der richtige Mann am richtigen Platz – perfekt

BRUDER PAVEL, BRUDER BUH

Benediktinermönche mit dem Auftrag, die Welt zu retten

THERESIA UND NIKLAS WIEGANT

Agnes’ Eltern haben wegen eines Akts der Liebe die Liebe zueinander vergessen

SEBASTIAN WILFING SENIOR UND JUNIOR

Freund und Geschäftspartner Niklas Wiegants (Wilfing senior) und Wunschkandidat aller prospektiven Schwiegermütter (Wilfing junior)

BRUDER TOMÁŠ

Benediktinermönch mit dem festen Willen, die Welt vor ihren Rettern zu beschützen

HISTORISCHE PERSÖNLICHKEITEN




RUDOLF II. VON HABSBURG  

Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, Alchimist, Kunstsammler und der falsche Mann am falschen Platz

MELCHIOR KHLESL  

Bischof von Wiener Neustadt, danach Bischof von Wien, ab 1616 Kardinal, leidenschaftlicher Patriot und Beschützer der Einheit der katholischen Kirche

MARTIN KORÝTKO  

Abt des Klosters Braunau von 1575 bis 1602; seine Erlaubnis, in Braunau eine neue protestantische Kirche bauen zu dürfen, löst die Ereignisse aus, die letztlich zum Dreißigjährigen Krieg führen werden

HERNANDO NINO DE GUEVARA  

Dominikanerpater, später Kardinal und Großinquisitor

KARDINAL CERVANTES DE GAETE  

Erzbischof von Tarragona

KARDINAL LUDWIG VON MADRUZZO  

Kurienkardinal, Papstkandidat 1590, 1591 und 1592

PAPST URBAN VII.  

Eigentlich Giovanni Battista Castagna, Papst vom 15. 09. 1590 bis zum 27. 09. 1590, zuvor Großinquisitor; als einzige Handlung aus seiner Amtszeit stammt die Einführung der Bezeichnung »Eminenz« für Kardinäle

PAPST GREGOR XIV.  

Eigentlich Niccolò Sfondrati, Papst vom 05. 12. 1590 bis zum 15. 10. 1591; führte ein Verbot von Wetten auf die Wahl eines Papstes, die Dauer eines Pontifikats und die Ernennung neuer Kardinäle ein

PAPST INNOZENZ IX.  

Eigentlich Giovanni Antonio Facchinetti, Papst vom 29. 10. 1591 bis zum 30. 12. 1591; bekannt als sittenstreng und asketisch, reformierte das päpstliche Staatssekretariat

PAPST CLEMENS VIII.  

Eigentlich Ippolito Aldobrandini, Papst vom 30. 01. 1592 bis zum 05. 03. 1605; veranlasste eine Neuausgabe des Index der von der Kirche ausdrücklich verbotenen Bücher, verkündete 1600 einen Jubiläumsablass, ließ im gleichen Jahr den als Ketzer verurteilten Giordano Bruno bei lebendigem Leib verbrennen und beschäftigte als erster Papst Kastraten

GIOVANNI SCOTO (JOHN SCOTT, HIERONYMUS SCOTUS)  

Hat Anfang der neunziger Jahre des 16. Jahrhunderts eine kurze, glücklose Karriere in Prag als Alchimist und Ehebrecher

JOHN DEE, EDWARD KELLEY  

Englische Alchimisten und Sterndeuter am Hof Kaiser Rudolfs II.

DOKTOR BARTOLOMEO GUARINONI  

Leibarzt für Kaiser Maximilian II. und Kaiser Rudolf II.

DIE TEUFELSBIBEL  

Die größte mittelalterliche Handschrift der Welt, geschrieben in einer einzigen Nacht vom Teufel selbst (sagt man)

1572:
DIE SAAT DES STURMS

»Wenn der Wind weht,
löscht er die Kerze aus und facht das Feuer an.«

ARABISCHES SPRICHWORT

1

ANDREJ BEOBACHTETE DAS Unwetter, wie es in der erdrückenden Finsternis heranschwamm, ein indigofarbener Schatten über dem welligen, welken, braunen Land, der den Himmel einhüllte. Es schickte Böen aus Kälte und den Geruch von Schnee voraus, bis es schließlich über der weiten Schale hing, an deren Rand das zerfallende Kloster und das jämmerliche Kaff lagen, als seien Hütten und Kirche den Abhang heruntergerollt und dort liegen geblieben, für niemanden mehr von Interesse als für die Geister von Toten, die vor Jahrhunderten gestorben waren.

Andrej drückte sich hinter der Ruine des Torbaus an die Mauer und versuchte die Gruppe von Frauen und Kindern im Auge zu behalten, die sich frierend zusammendrängte und die von einem Augenblick zum anderen zu vagen Umrissen wurde im Flirren eines Graupelschauers, der im frühen November bereits den Winter vorwegnahm. Mit seinen sieben Jahren wusste Andrej nicht, wo sie sich befanden, und selbst wenn sein Vater oder seine Mutter es ihm mitgeteilt hätten, hätte ihm der Name des Ortes doch nichts gesagt. Von jeher schleppte sein Vater die kleine Familie kreuz und quer durch das Land, und sämtliche Ortsnamen und geografischen Begriffe waren hoffnungslos durcheinandergeraten in Andrejs Hirn. Das einzige Faktum, das sich in seiner Seele eingebrannt hatte, war das Jahr, in dem sie sich befanden, und dies auch nur, weil jeder zweite, den sie trafen und den sein Vater eines Gesprächs für würdig befand, versucht hatte, das Omen dieses Jahres auszurechnen, seit die Neuigkeit von der Bluthochzeit in Frankreich bis hierher in diesen entlegenen Zipfel des Reichs gedrungen war.

»Die Katholiken und die Protestanten schlachten sich gegenseitig ab«, hatte sein Vater halblaut gesagt, so dass nur Andrej und seine Mutter es hören konnten, dabei aber herausfordernd in die Runde gegrinst, die in der Herberge hockte und der Erzählung eines Reisenden über die Massaker an den französischen Protestanten schockiert zugehört hatte. »Zeit ist es geworden. Da lassen sie uns wenigstens in Ruhe unserer Wissenschaft nachgehen, die abergläubischen Bastarde.«

»Ist die Achimilie eine Wissenschaft?«, hatte Andrej gefragt.

»Nicht nur eine Wissenschaft, mein Sohn«, hatte sein Vater gesagt. »Alchimie ist die einzig wahre Wissenschaft, die es gibt!«

Die einzig wahre Wissenschaft hatte sie nun hierhergeführt, in diese Klosterruine, die nicht einmal eine vollständige Mauer besaß, in der die meisten Gebäude wenig mehr waren als Steinhaufen, aus denen das faulende Gebälk ragte wie Knochen aus einem Kadaver, und deren Kirche nur noch mühsam aufrecht stand. Zwischen den leeren Dachsparren über dem Kirchenschiff ballte der Himmel die Fäuste und sandte seine Graupelschauer herab, dass das Prasseln bis zu Andrejs Versteck drang. Die vierschrötige Gestalt seiner Mutter war völlig verschmolzen mit denen anderer Frauen, die vor dem einzigen intakten Gebäude standen. War sie vorhin durch ihre gedrungene Figur deutlich von den schlanken, hochgewachsenen Frauen zu unterscheiden gewesen, unter die sie sich auf Geheiß des Vaters gemischt hatte, konnte Andrej sie nun nicht mehr ausmachen. Er hatte gesehen, wie sie sich von einer zur anderen bewegt hatte, mit Händen und Füßen redend, weil die Frauen eine andere Sprache als sie sprachen, dem einen oder anderen Kind über den Kopf streichend, und wie sie schließlich bei der jungen Frau mit dem kugelrund vorgewölbten Bauch stehen geblieben war. Deren Schultern hingen herab und sie schien so erschöpft, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Dann war der Schauer gekommen, und es drängten sich nur noch Schatten zusammen.

Andrej bewegte sich unruhig, plötzlich ängstlich geworden. Unvermittelt überkam ihn das Gefühl einer sich nähernden Katastrophe, als sei etwas ins Rollen geraten, das niemand würde aufhalten können. Vielleicht ahnte er zu diesem Zeitpunkt, dass, was immer heranrollte, sich auch über die kleine Familie Langenfels wälzen und sie auslöschen würde.

Über dem Prasseln des Graupelschauers hörte Andrej plötzlich ein dumpfes Röhren. Es kam aus dem Inneren des intakten Klosterbaus. Es war das Brüllen eines angreifenden Stiers, das Fauchen eines Luchses, das Heulen eines Wolfs; aber Andrej wusste im gleichen Moment, dass es von einem Menschen stammte – wenngleich nichts Menschliches darin zu sein schien. Die Kehle des kleinen Jungen in seinem Versteck an der Klostermauer war wie zugeschnürt. Er wollte seiner Mutter eine Warnung zuschreien, doch er blieb stumm; er wollte aufspringen und in den Bau stürmen, um nach seinem Vater zu sehen, doch seine Beine waren taub. Die durchnässten Schattengestalten weiter vorn erstarrten und lauschten.

Das unmenschliche Gebrüll hörte nicht auf, selbst als die ersten Schreie aus der Gruppe der Frauen ertönten. Andrej sah nur undeutlich, was sich abspielte. Wäre er älter gewesen, hätten die Erfahrungen, die jeder Mensch in einer Zeit wie dieser zu machen hatte, die richtigen Bilder geliefert. So war es seine Fantasie, die in Bilder übersetzte, was seine Augen sich weigerten zu sehen; die Realität wurde dadurch um nichts weniger grässlich.

Die Schattengestalten flüchteten in alle Richtungen auseinander. Ein größerer Schatten war zwischen ihnen. Dieser schwang etwas, holte aus und traf eine der schlanken, fliehenden Gestalten, die sich krümmte und zu Boden fiel. Das Flirren, das Prasseln und die Düsternis verzerrten alle Wahrnehmung. Vielleicht war es nur ein Trugbild, dass die gestürzte Gestalt mit erhobenen Armen um Gnade flehte.

Pitié, pitié, ne faites rien de mauvais …!

Und womöglich war es nur eine Täuschung, dass der große Schatten noch einmal zuschlug und die flehenden Arme leblos nach unten sanken, und wahrscheinlich war jenes Geräusch, das über die Kakophonie von Gebrüll, Gekreisch und Geprassel zu Andrej drang, das Geräusch von einer scharfen Klinge, die sich in Fleisch und Knochen gräbt und dann auf dem Boden darunter auftrifft, auch nur Einbildung. Der Schatten riss sein Mordwerkzeug heraus und lief weiter. Die Frauen rannten panisch im Klosterhof durcheinander, stießen zusammen, zerrten ihre Kinder mit sich, ein Aufprall, jemand ging zu Boden und bewegte sich nicht mehr, ein Ausholen, und eine kleine Gestalt flog beiseite und verschwand.

Ayez pitié, épargnez mon enfant!

Die Frauen fielen eine nach der anderen, niedergehackt in der Flucht, auf den Knien erschlagen, während sie um Gnade flehten, im Versuch davonzukriechen auf den Boden genagelt. Wo Andrejs Mutter in all der Panik war, ließ sich nicht erkennen. Andrej wusste nicht, dass er die Hände an die Ohren gepresst hatte und wie ein Wahnsinniger ihren Namen kreischte, seit er den ersten Mord mit angesehen hatte. Der große Schatten bewegte sich zwischen seinen Opfern wie ein riesiger, dunkler Wolf, verschwamm vor Andrejs Augen und wurde zu einer Gestalt mit Kutte und Sense, die erbarmungslos durch das menschliche Korn zwischen ihren Füßen schnitt, verlief wieder wie zu Beginn zu dem finsteren Schatten, der eine Beute an den Haaren gepackt hatte und niederrang, die Waffe erhob …

Jemand sprang dem Schatten auf den Rücken und drosch auf ihn ein. Er fasste nach hinten und zerrte den Angreifer herunter, warf ihn auf den Boden, hielt ihn mit dem Fuß fest, schlug mit seiner Waffe immer und immer wieder zu. Das Geräusch der Schläge, das Zerschmettern, das Zerbersten, das Röhren, die Schmerzensschreie. Andrejs Hände auf seinen Ohren nützten gar nichts.

Mit einem weiten Schwung fuhr die Waffe nach oben – Andrej glaubte die Spur wie einen rot schimmernden Bogen durch das Geflimmer zu sehen – und zuckte auf die erste Beute herab, die der Schatten niemals losgelassen hatte und deren Schreien und Winden vergeblich waren …

Andrej merkte erst, dass er aus seinem Versteck geklettert war und vor der Mauer im Freien stand, als die Graupel ihn wie tausend Nadelstiche im Gesicht trafen. Er schrie mit seiner grellen Jungenstimme und weinte und ballte die Fäuste, dass das Blut aus den Handflächen trat. Der mörderische Schatten vorne wirbelte herum. Außer ihm stand kein anderer mehr aufrecht auf dem Schlachtfeld. Er riss seine Waffe aus dem Körper des letzten Opfers und rannte, ohne zu zögern, auf Andrej los. Wenn er sein tierisches Brüllen weiterhin ausstieß, konnte Andrej es wegen seines eigenen Kreischens nicht hören. Andrej stand da, als hätte der Akt des Herauskrabbelns aus seinem Versteck endgültig all seine Kräfte gekostet. Der Schatten stürmte durch den Schauer, und mit jedem Schritt schmolz er zusammen und verwandelte sich von einem amorphen Monster in einen Menschen mit wehender Kutte und von einem Menschen in einen Mönch … die vermeintliche Sense wurde zu einer Axt … die riesige Gestalt zu einer hageren Figur, um deren Körper die von Blut durchnässte und von den Eispartikeln verkrustete Kutte schlotterte. Der Sensenmann wurde zu einem jungen Klosterbruder, der der Sohn einiger der Frauen hätte sein können, die er soeben zerstückelt hatte. Andrejs Blicke fielen auf das Gesicht des heranstürmenden Mönchs, und mit der Weitsicht des Todgeweihten erkannte er, dass es zwar der Körper eines jungen Benediktiners war, den er ansah, aber dass die Seele, die sich darin befunden hatte, nicht mehr vorhanden war. Was in dem Körper steckte und ihn vorantrieb, war ein Dämon, und der Dämon hieß Wahnsinn.

Der Mönch war fast heran, eine blutbesudelte Figur, aus deren Mund Geifer spritzte und aus deren Augen Tränen liefen; die Axt war hoch erhoben. Andrej wusste, dass er im nächsten Moment sterben würde. Seine Blase entleerte sich. Er schloss die Augen und ergab sich.

2

»WIR MACHEN ES wie immer«, hatte Andrejs Vater am Vorabend in der Herberge gesagt. »Ich gehe vor und rede mit den Mönchen. Ich bin sicher, dass ich sie bequatschen kann, mich in die Bibliothek zu führen. Wenn ich den Codex finde, schnappe ich ihn mir; wenn ich an seiner Stelle was anderes finde und wir es zu Geld machen können, schnappe ich es mir auch. Dann renne ich raus und stoße draußen mit deiner Mutter zusammen. Sie wird so tun, als versteckte sie was. Währenddessen – was passiert währenddessen, mein Junge?«

»Sie rennen an meinem Versteck vorbei und werfen mir die Beute zu«, leierte Andrej herunter. »Dann laufen Sie zum Tor hinaus und tun so, als würden Sie hinfallen. Während die Leute Sie und die Frau Mutter durchsuchen und nichts finden, schleiche ich mich mit der Beute zu unserem Quartier.«

»Der Kleine ist ein Naturtalent.« Andrejs Vater strahlte.

»Du bringst deinem eigenen Kind das Stehlen bei«, sagte Andrejs Mutter. »Stehlen ist eine Sünde und hat nichts mit der Wissenschaft zu tun.«

»Dass man Forscher wie unsereinen zwingt zu stehlen, um an das Wissen zu kommen, das man braucht – das ist eine Sünde!«, erwiderte Andrejs Vater. »Wenn man ein Unrecht mit einem anderen vergilt, hebt es sich auf. Das ist ein wissenschaftliches Faktum!«

»Gegensätze heben sich auf«, sagte Andrejs Mutter. »Wasser löscht Feuer. Eine volle Schüssel füllt einen leeren Magen. Recht besiegt Unrecht.«

»Du verstehst nichts von den Geheimnissen der Wissenschaft«, sagte Andrejs Vater und begann auszurechnen, ob die Sterne seinem Vorhaben günstig gestimmt wären. Andrej, der ihm dabei zusah, hörte ihn leise vor sich hinmurmeln: »Wenn der Codex hier wäre – das wäre was – wenn ich ihn morgen finde, – alles Wissen der Welt, alle Weisheit des Teufels, …«  

»Herr Vater?«

»… die Geheimnisse, die Moses vom Berg Sinai mitbrachte und nicht verriet –«

»Herr Vater?«

»Hm?«

»Was ist ein Codex?«

Andrejs Vater war kein schlechter Mensch. Wenn er einer gewesen wäre, hätte er seine Frau und sein Kind schon vor Jahren ihrem Schicksal überlassen und wäre seinem Traum alleine nachgejagt. Er mochte ein Dieb sein, wenn man ihm nicht freiwillig gab, was er zu benötigen meinte, und er mochte ein Betrüger sein, wenn die Leute leichtgläubig genug waren, sich von ihm betrügen zu lassen – doch was er tat, tat er um eines hehren Zieles willen: der Wissenschaft.

Er schaute auf, musterte seinen Sohn und war wie immer nicht imstande, sich seinen Stolz auf ihn nicht anmerken zu lassen.

»Ein Codex … das sind viele Blätter, die man zusammengebunden hat, so dass man sie umschlagen und hintereinander lesen kann. Etwas, das man mitnehmen kann, ohne dass man eine ganze Truhe voller Schriftrollen mit sich führt.«

»Warum ist dieser Codex so wichtig für uns?«

Der alte Langenfels grinste plötzlich. Er rubbelte seinem Sohn durch die Haare. Dann lehnte er sich zurück und holte Atem.

»Es ist die Geschichte eines Mönchs, der den Glauben verlor. Und der eine schreckliche Sünde auf sich lud.«

Andrej starrte ihn an.

»Das war vor vierhundert Jahren. Vierhundert Jahre sind eine lange Zeit, mein Sohn, und wer damals lebte, von dem ist heute nur noch Staub übrig – Staub, eine Geschichte und ein Buch. Das mächtigste Buch der Welt.« Der alte Langenfels beugte sich nach vorn, damit seine Frau ihn nicht hören konnte. »Was verleiht den Menschen die größte Macht?«

Andrej wusste, was seine Mutter geantwortet hätte, wenn sie dem Gespräch gefolgt wäre: der Glaube. Er wusste auch, was sein Vater hören wollte. »Wissen«, flüsterte er.

Andrejs Vater nickte. »Der Mönch war bereit, Buße zu tun. Eine Buße, die ebenso schrecklich war wie seine Schuld.«

»Was hatte er getan?«, flüsterte Andrej mit weit aufgerissenen Augen.

»Die Gemeinschaft, in der dieser Mönch diente, lebte in einem Kloster, das weit und breit berühmt war für seine Bibliothek. Viele der Werke dort waren so alt, dass niemand wusste, woher sie kamen oder wer sie geschrieben hatte; und nur die wenigsten hatten auch nur eine vage Ahnung von ihrem Inhalt. Die Traktate der ersten Päpste, die Briefe der Apostel, die römischen und griechischen Philosophen, die ägyptischen Priester, die Schriftrollen der Israeliten, die in der Bundeslade verwahrt waren. Von all dem gab es Abschriften in dieser Bibliothek. Und der Mönch, von dem wir sprechen, war der einzige Mensch, der sie alle kannte.«

»Er hatte sie alle gelesen?«

»Er konnte sie alle auswendig, so intensiv hatte er sie studiert! Aber weißt du, mein Sohn, das Wissen verträgt sich nicht mit jedem Geist. Man muss ein Wissenschaftler sein, um nicht vor den Geheimnissen zu erschrecken, die hinter den Dingen liegen, und manches Wissen sollte nur solchen Leuten zuteilwerden, die damit auch umgehen können. Der Mönch jedoch war ein einfacher Mann. Als er alles studiert hatte, was sich in der Bibliothek befand, machte er sich auf die Suche nach neuem Wissen. Es heißt, dass er schließlich ein Buch fand, versteckt in einer Höhle, eingemauert in einer Nische, verborgen vor der Welt … und es wäre besser für ihn gewesen, wenn er es nie gefunden hätte. Besser für ihn – aber sein Verderben und das der anderen machte der Welt das größte Geschenk.«  

»Sein Verderben?«

»Um dieses einen Buches willen ermordete er zehn seiner Mitbrüder.«

Das rauchige Licht in der Schankstube schien sich zu verdunkeln, die Schatten traten plötzlich deutlicher hervor. Andrejs Blicke saugten sich an einer Gestalt fest, die eine Kapuze über den Kopf gezogen hatte wie ein Mönch und allein für sich an einem Tisch saß. Die Schatten schienen sich um sie herum zusammenzuballen. Andrejs Mund wurde trocken. Dann trat eine weitere Gestalt hinzu. Die Kapuze wandte sich um und offenbarte das Gesicht einer jungen Frau, die den Neuankömmling anlächelte und seine Hand nahm, als er sich neben sie setzte.

»Ein Wissenschaftler, mein Sohn«, sagte der alte Langenfels, »betrachtet jede Erkenntnis, die ihm zuteilwird, als ein neues Licht in der Dunkelheit der Ignoranz. Der Mönch jedoch – nachdem er dieses letzte Buch gelesen hatte, verstand er plötzlich, was in all den anderen gestanden hatte. Er sah das letzte kleine Licht verlöschen, das in der Dunkelheit seiner eigenen Welt brannte, das Licht des Glaubens. Als es aus war, umgab ihn Finsternis.«

»Aber es war doch nur ein Buch?«

»Es war eben nicht ›nur‹ ein Buch! Wer weiß, was in diesem Traktat stand, das jemand vor der Welt versteckt hatte? Vielleicht war es das, was Gott Moses verboten hatte zu schreiben? Vielleicht waren es die Erkenntnisse, die Adam festhielt, als er vom verbotenen Baum gegessen hatte? Unterschätze nie die Macht von Büchern, mein Sohn!«

»Warum hat der Mönch seine Mitbrüder getötet?«

»Ihnen war seine Verwandlung aufgefallen. Sie stellten ihn zur Rede, und als er schwieg, machten sie sich auf den Weg in die Bibliothek, um nachzusehen, weshalb ihn seine Studien dort so verändert hatten. Aber der Mönch wollte nicht, dass jemand das Wissen, das er erworben hatte, mit ihm teilte, und versuchte sie aufzuhalten …«

»Vielleicht wollte er die anderen nur beschützen, damit sie nicht ebenfalls ihren Glauben verloren, Vater?«

»Ja, Söhnchen, wer weiß? Aus guter Absicht entsteht ebenso viel Böses wie aus schlechter. Jedenfalls – es gab einen Kampf, eine Fackel fiel zu Boden, eine Ölschale wurde umgestoßen, was weiß ich – die Bibliothek fing Feuer. Alles brannte auf einmal lichterloh. Als der Mönch sah, dass er die Bücher nicht retten konnte, floh er, verschloss die Tür hinter sich und überließ seine Mitbrüder den Flammen. Sie kamen elend darin um.«

Andrej schluckte und schüttelte sich.

»Der größte Teil des Klosters konnte gerettet werden, aber die Bibliothek brannte völlig nieder. Der Mönch ging zu seinem Abt und gestand alles. Als Buße bat er sich aus, seine Erkenntnisse niederzuschreiben und so all das Wissen, das er aus der Bibliothek gewonnen hatte und das im Feuer verloren gegangen war, zu erhalten. Als der Vater Abt ihn fragte, worin in dieser Tat die Buße bestand, sagte der Mönch, er wolle dazu eingemauert werden. Während seines langsamen Verschmachtens wollte er das Werk schreiben, und mit seinem letzten Seufzer wollte er das letzte Wort festhalten. Dann mochten sie seine Zelle wieder aufbrechen, seinen Leichnam begraben und das Buch aufbewahren.«

»Das ist aber schlimm«, flüsterte Andrej.

»Ja«, sagte sein Vater. »Das war die grässlichste Buße für eine Sünde wie die seine, die man sich ausdenken konnte. Der Abt willigte ein. Doch schon am Abend des ersten Tages wusste der Mönch, dass er mit seinem Werk nie zu Ende kommen würde, bevor er starb, und er verzweifelte.«

»Hat ihn der Abt wieder herausgelassen?«

»Nein.«

»Oder ihm wenigstens Essen und Trinken gegeben, damit er länger durchhielt?«

»Andrej, der Mann war eingemauert worden. Was er drinnen tat oder was immer er rief, konnte draußen niemand hören. Sie würden die Zelle erst wieder aufbrechen, wenn so viel Zeit vergangen war, dass er mit Sicherheit tot war.«

»Aber was konnte er denn tun, der arme Mönch?«

Andrejs Vater lächelte kaum merklich. »Er betete.«

»Aber …«

»Genau. Wie konnte er beten, wenn er doch den Glauben verloren hatte? Weißt du, um sich die Zuversicht an das Gute zu bewahren, braucht man den Glauben. Um sich klarzumachen, dass es auch das Böse gibt, braucht man ihn nicht – das weiß man, wenn man auch nur ein Zipfelchen der Welt kennt.«

»Heißt das …«

»Ja. Der Mönch betete zum Teufel.«

»Heilige Maria Mutter Gottes, beschütze uns vor allen bösen Geistern«, stieß Andrej hervor und klang dabei wie seine Mutter. Sein Vater verdrehte die Augen.

»Es heißt«, sagte er schließlich, »dass der Teufel zu dem Mönch in die Zelle kam. Aber das Böse kommt ja immer schneller zu einem als das Gute, also halte ich das nicht für unwahrscheinlich. Der Teufel erbot sich, dem Mönch zu helfen und das Werk für ihn zu schreiben. Dafür wollte er noch nicht mal eine Belohnung; die Seele des Mönchs gehörte ihm ohnehin, und dass die meisten, die das Werk lesen würden, ebenfalls vom Glauben an Gott abfallen und sich ihm zuwenden würden, war ihm Lohn genug. Der Mönch offenbarte dem Teufel sein Wissen, und der Fürst der Hölle machte sich an die Arbeit. Als der Mönch am nächsten Morgen aus einem unruhigen Schlaf erwachte, lag das Buch fertig geschrieben auf dem Pult.«

Andrej schwieg.

»Aber …«, sagte sein Vater.

»Aber was?«

»Der Mönch hatte den Teufel hereingelegt.«

Andrej keuchte überrascht.

»Der Mönch wusste, dass der Teufel alles verdrehen würde, was er ihm offenbarte, und dass es dem Teufel nur darum ging, mit der Verbreitung des Wissens Verderben zu säen. Also setzte sich der Mönch hin und versteckte auf drei Seiten in dem Buch den Schlüssel zu all den verdrehten, verderbten Worten, die der Teufel niedergeschrieben hatte; er lieferte die Aufklärung dazu, wie man dieses Testament des Satans verstehen musste. Dann zeichnete er in die Mitte des Buches ein Bild des Teufels, um alle zu warnen, die sich damit abgaben, legte sich hin und starb. Als nach vielen weiteren Tagen die anderen Mönche die Mauer durchbrachen, waren sie entsetzt. Das Buch lag dort wie versprochen, aber der Leichnam ihres Mitbruders war so verbrannt, wie es die anderen gewesen waren, die er zum Tod in den Flammen verdammt hatte.«

Andrej gab einen erschreckten Laut von sich. Die Augen seines Vaters glitzerten im Schein der wenigen Talglichter, die in der Herberge flackerten und ihren Teil zu dem Geruch von verbranntem Essen beitrugen, der unter der Decke hing. Die meisten anderen Herbergsbesucher hatten sich in den Schlafraum zurückgezogen oder schnarchten, über die Tische hingestreckt, in der Schankstube.

»Wer besonders würdig oder besonders weise war, durfte das Buch studieren«, flüsterte Andrejs Vater. »Was glaubst du, woher all die Fortschritte kamen, all die neuen Ideen, die immer wieder im Dunkel der Zeit aufblitzten? Was glaubst du, woher das erste alchimistische Wissen kam?«

»Aus dem Buch …?«

»Und woher all die schrecklichen Gedanken kamen, die Kriege, die Intoleranz, die Verfolgungen, die Morde, die schlechten Päpste und die bösen Herrscher? Schließlich wurde es immer schwieriger, Zugang zu dem Buch zu erhalten, und das Wissen darüber ging verloren.«

»Und woher wissen Sie das alles, Herr Vater?«

»Bevor ich deine Mutter kannte und bevor du geboren wurdest, traf ich einen alten Alchimisten.« Andrejs Vater zögerte einen winzigen Augenblick. »Ich traf ihn im Gefängnis in Wien, wenn du es genau wissen willst, wohin mich die Missgunst schlechter Menschen gebracht hatte. Der Alte war noch schlimmer dran als ich – man hatte ihn zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. In der Nacht vor seiner Hinrichtung erzählte er mir diese Geschichte.«

»Und haben Sie sie ihm geglaubt?«

»Natürlich habe ich sie ihm geglaubt. Wissenschaftler belügen sich nicht, und der Unglückliche stand bereits mit einem Fuß im Grab.« Andrejs Vater lächelte verzerrt, aber seine Augen funkelten. »Ich habe ihm schwören müssen, es niemals jemandem zu verraten. Ich werde meinen Schwur halten. Aber sobald das Buch mir gehört, wird all das Wissen, werden all die Geheimnisse der Schöpfung mir gehören, mir, einem Wissenschaftler, und ich werde nicht nur ein kleines Licht in der Dunkelheit entzünden, ich werde einen Flächenbrand entfachen, und es wird eine neue Ära beginnen, in der alles Unwissen und aller Aberglaube verbrennen und die Menschen im Licht der Wissenschaft leben! Mein Werk wird das sein, mein Werk!«

»Wissen Sie denn, wo dieser Codex ist, Herr Vater?«

»Er ist immer noch in dem Kloster versteckt, in dem er geschrieben wurde.«

»Und haben Sie herausgefunden, welches Kloster das ist?«

»Erinnerst du dich an das Dorf oben im Norden, das am Rand der Felsenstadt im Wald?«

»Das, wo wir mitten in der Nacht aus der Herberge geflohen sind, ohne die Rechnung zu bezahlen?«

»Nun, mein Junge, ich wollte den guten Wirtsleuten ersparen, mit mir am nächsten Morgen um das Geld streiten zu müssen.«

»Sie haben aber auch den Schinken und den kleinen Mehlsack aus der Vorratskammer mitgenommen.«

»Darüber zu streiten wollte ich ihnen auch ersparen.«

»Mutter sagt, wir haben die Leute betrogen.«

»Willst du nun wissen, wo das Kloster ist, oder nicht?«

»Ist es in der Nähe dieses Dorfes?«

Andrejs Vater schnaubte und schüttelte den Kopf. »Da war doch dieser Dorfpriester –«

»Der grässlich betrunkene Kerl!«

»Ich weiß ja nicht viel über das Leben eines Dorfpriesters, besonders nicht dort oben, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Aber ich kann mir vorstellen, dass man da gern zum Wein greift, wenn er einem angeboten wird.«

»Sie haben ihm eine ganze Menge Wein angeboten, Vater.«

»Ja, der Bursche war nicht gerade schüchtern.«

»Über das Geld für den Wein zu streiten haben Sie den Wirtsleuten auch …«

»… aber das alte Weinfass war jeden Schluck wert, den ich in es hineingeschüttet habe.«

»Er hat Ihnen verraten, wo das Kloster ist?«

Das Gesicht des Vaters verzog sich zu einem Grinsen.

»Und wo ist es, Herr Vater?«

Andrejs Vater deutete in die Finsternis der bitterkalten Novembernacht außerhalb der Fensteröffnungen. Seine Augen waren jetzt Spiegel der kleinen Feuer, die in den Transchalen brannten. Er grinste immer breiter. Das Schattenspiel verzerrte sein Gesicht zu dem eines Mannes, den Andrej nicht kannte. »Morgen wirst du dich wie verabredet bei seinem Tor verstecken und darauf warten, dass ich dir die Teufelsbibel zuwerfe.«

3

PRIOR MARTIN WÄRE der Erste gewesen, der den Klosterhof erreichte, wenn er nicht bei dem toten Mönch vor dem Ausgang angehalten hätte. Während er sich nach dem schwarzen Kuttenbündel auf dem Steinboden bückte, rannten die beiden Novizen, die er aus Braunau mitgebracht hatte, an ihm vorbei und in den Hof hinaus. Martin fasste die zusammengekrümmte Gestalt bei der Schulter und drehte sie herum. Er zuckte zurück. Wo ein Gesicht gewesen war, klaffte eine Wunde. Der halbe Schädel war auseinandergehauen. Der Prior unterdrückte ein Ächzen und fühlte, wie sich sein Magen hob. Der Kopf des Leichnams rollte herum und kam halb auf seinem Fuß zu liegen, bevor er ihn zurückziehen konnte. Für Momente stand er wie festgenagelt. Der mörderische Lärm von draußen war fast verstummt; es hatte eine Weile gedauert, bis sie ihn über das Prasseln des Unwetters und ihre hitzig geführte Diskussion hinweg im Kapitelsaal gehört hatten. Weitere Augenblicke waren verstrichen, in denen sich alle fassungslos angestarrt hatten, bis Martin sich herumgeworfen hatte und aus dem Saal geeilt war, gefolgt von den Novizen. Stöhnend zog Martin seinen Fuß unter dem Kopf des Toten hervor, erschauerte, als dieser weiter herumrollte und die Bewegung einen Schwall Blut, Knochensplitter und Zähne auf den Boden schwemmte. Der Prior drückte sich an der Wand entlang um den Toten herum und bemerkte kaum, dass er die Lippen wie im Gebet bewegte. Als er an dem Leichnam vorbei war, raffte er die Kutte und rannte weiter.

Draußen prallte er auf eine Mauer aus schwarzen Mönchskutten. Hände hielten ihn fest; er kämpfte sich durch die Männer hindurch. Es waren fünf; der Tote im Gang war der sechste, und der siebte der Kustoden …

Der Anblick des großen, dicken Novizen, der von allen Buh genannt wurde und der jetzt auf den Knien lag und sich erbrach, während der magere Novize namens Pavel neben ihm stand, das Gesicht eine Maske des Horrors, verzerrte sich vor Martins Augen, ebenso wie das Schlachtfeld aus zerschlagenen, zerstückelten Körpern, als ihm klar wurde, dass der siebte Kustode derjenige war, der das Blutbad angerichtet hatte. Ihm war zumute, als fiele er in einen Abgrund. Ein Graupelschauer peitschte in sein Gesicht. Er wischte sich das Wasser aus den Augen. Der siebte Kustode war fast am anderen Ende des Klosterhofs. Er riss seine Axt aus einem Körper zu seinen Füßen, hob sie über seinen Kopf und rannte brüllend in Richtung Klosterpforte. Martin war sicher, dass er versuchte, ins Freie zu fliehen – und wenn er das Freie erreicht hätte und das Dorf jenseits der Felder, dann würde das Massaker erst beginnen. Der Prior fuhr herum.

Die fünf Kustoden standen eng beisammen. Wo die Kapuzen von den Köpfen geglitten waren, boten die Gesichter über den schwarzen Kutten Spiegelbilder des Schocks, der auch den jungen Pavel bannte. Derjenige der Kustoden, der für die Armbrust verantwortlich war, hatte seine Waffe gehoben und zielte; die Spitze folgte dem mit seiner Axt dahinstürmenden Verrückten. Martin verstand innerhalb eines Herzschlags, dass die Spitze auf den Wahnsinnigen gerichtet war, seit die Kustoden bei seiner Verfolgung im Hof angekommen waren, und dass der Gedanke an die eigene Unberührbarkeit, der den Kustoden eingehämmert worden war, verhindert hatte, dass die Armbrust ausgelöst wurde, was dem Schlachten ein Ende gemacht hätte. Martin stöhnte vor Entsetzen. Wie hatte das passieren können, nach all den Jahren, in denen die Kustoden ihren Wert als Wächter der Christenheit bewiesen hatten? Doch er wusste genau, wie es hatte passieren können – noch niemals in all der Zeit hatte jemand den Kustoden den Befehl gegeben, einen Menschen zu töten. Er, Prior Martin, war der Erste. Die Augen des Schützen über der Rinne der Armbrust waren weit aufgerissen. Die Graupel prasselten in sein Gesicht.

»Drück ab!«, schrie Martin.

Die Augen des Schützen zuckten, und seine Blicke klammerten sich an ihn. Ihr Ausdruck traf Martin wie ein Schlag. Er wusste, dass er eine weitere Seele zerstörte, und er wusste, dass er keine Wahl hatte. Der Rasende hatte das Tor fast erreicht und wirbelte die Axt.

»Drück ab!«

Die Armbrust löste mit einem Knall aus. Martins Kopf flog herum. Der Bolzen hatte sein Ziel schon erreicht, bevor er seinen Blick fokussieren konnte. Der Rasende fiel zu Boden. Für einen Augenblick glaubte Martin, ein Kind dort stehen zu sehen, wohin der Wahnsinnige gelaufen war, aber als er blinzelte, war es verschwunden. Es war unmöglich, in dem Flirren etwas Genaues zu erkennen. Eine kalte Hand strich Martin über den Rücken, als der Gedanke in ihm emporstieg, er habe vielleicht einen Blick auf die Seele des Getöteten geworfen, bevor diese sich auf den Weg gemacht hatte. Er erschauerte und bekreuzigte sich. Langsam wandte er sich um.

Die Armbrust war immer noch erhoben. Die Augen des Schützen blinzelten krampfhaft. Als Martin die Hand hob und dann die Waffe langsam nach unten drückte, verstärkte sich das Blinzeln, und die Augen begannen zu schwimmen. Der Graupelschauer ließ so plötzlich nach, wie er begonnen hatte. Die Stille, die ihm folgte, schien aus dem verschmierten Boden des Klosterhofs aufzusteigen. Er spürte die Blicke Pavels und der Kustoden. In den Geruch nach Kälte und nasser Erde mischte sich der von frischem Blut. Martin wusste, dass er etwas tun musste, wenn er nicht zulassen wollte, dass die Einrichtung der Kustoden hier und heute endete, doch er hatte das Gefühl, durch seinen Befehl über einen Abgrund geschritten zu sein, über den zurückzukehren für einen Menschen unmöglich war. Etwas in ihm rief entsetzt: Herr im Himmel, hilf mir, ich habe es doch nur für Dich getan und um die Menschen zu schützen!

»Kustoden!«, schrie er. Die fünf Männer in den schwarzen Mönchskutten zuckten zusammen. »Kustoden! Was ist eure Aufgabe?«

Sie sahen ihn an. Ihre Münder bewegten sich lautlos.

»Genau!«, schrie Martin. »Und was tut ihr stattdessen?«

Der Mönch mit der Armbrust versuchte etwas zu sagen. Er deutete auf das Schlachtfeld.

»Wozu seid ihr ausgewählt worden?«

Der Mönch mit der Armbrust stammelte etwas.

»Eure Aufgabe ist es, die Christenheit zu schützen. Die hier könnt ihr nicht mehr schützen, sie sind tot! Zwei eurer Brüder sind ebenfalls tot. Eure Gemeinschaft ist zerbrochen, der Schutzwall ist zerstört, das Verderben kann von hier aus in die Welt sickern! Geht zurück an eure Aufgabe! Erinnert euch an euren Schwur!«

Langsam kehrte so etwas wie Leben in die glasigen Augen der Männer zurück. Sie sahen sich an. Sie sahen Martin an.

»Der Herr hüte und beschütze euch«, flüsterte Martin.

Sie wandten sich wortlos um und schlüpften zurück in den Klosterbau. Einer nach dem anderen verschmolz mit der Dunkelheit im Inneren des Gebäudes, die umso schwärzer wirkte, je mehr sich die Sonne oben am Himmel einem Loch in den dunklen Wolken näherte und das Licht zu gleißen begann. Als Martins Augen sich an die Düsternis gewöhnt hatten, in die er blickte, sah er Bruder Tomáš jenseits der Türschwelle stehen. Das zerklüftete Gesicht des alten Tomáš war unverwandt auf ihn gerichtet. Martin wurde bewusst, dass er vor der Schlachtszene stand, als wäre er dafür verantwortlich. Und in gewisser Weise bin ich das auch, dachte er. All diese Frauen und Kinder sind von einem Wahnsinnigen ermordet worden, doch wenn ich einst vor dem Richter stehe, werden ihre Seelen gegen mich gewogen. – Er fühlte eine Angst, die ihm übel werden ließ, und kämpfte darum, sich nichts anmerken zu lassen. Tomáš’ Gesicht war wie aus einem altersdunklen Knochen geschnitzt. Er sah, wie der alte Mönch die Lippen bewegte, und ohne sie hören zu können, wusste er, was seine Worte waren: »Ihr Blut kommt über dich, Vater Superior.«

Martin wandte sich ab und stolperte in den Hof hinaus, vorbei an dem ersten Opfer. Er schluckte und versuchte krampfhaft, nicht in das zerstörte Gesicht zu blicken; er richtete seinen Blick auf das dunkle Kuttenbündel beim Tor. Die Wasserlachen glänzten im Sonnenlicht, die Blutlachen waren stumpf wie Stellen geschundener Erde. Die Axt des Kustoden blitzte; der letzte Rest des Schauers hatte das Blut von der Klinge abgewaschen, und sie sah aus, als wäre sie nie benutzt worden. Martin fixierte die Waffe und ertappte sich dabei, wie er betete, alles möge eine Wahnvorstellung gewesen sein, doch er musste sich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, dass seine Hoffnung eitel war. Er dachte an die Erscheinung, die er gesehen zu haben meinte, das Kind, das plötzlich an der Stelle stand, an der der verrückt gewordene Kustode zusammengebrochen war. Die Augen des Mannes waren offen; sie schienen dorthin zu starren, wo Martin das Kind gesehen zu haben glaubte. Es schauerte ihn erneut. Er wollte sich bücken, um dem Toten die Augen zu schließen, aber die Kraft dazu fehlte ihm. Ein Kloß saß in seiner Kehle und würgte ihn.

»Christus erbarme Dich seiner«, flüsterte er.

»Der Herr erbarme sich unser aller«, sagte eine leise Stimme an seiner Seite. Bruder Tomáš starrte gleich ihm auf den Toten hinunter.

»Wir tun des Teufels Werk«, sagte der alte Mann.

»Nein, wir behüten die Welt davor.«

»Nennst du das behüten, Vater Superior? Warum haben wir nicht diese unseligen Frauen behütet?«

»Manchmal wiegt das Wohl aller mehr als das Wohl einiger weniger«, sagte Prior Martin und glaubte selbst nicht daran.

»Der Herr sagte zu Lot: Gehe hin und bringe mir zehn Unschuldige, und ich will um ihretwillen alle Sünder verschonen.«

Martin schwieg. Er musterte das entstellte Gesicht des Toten auf dem Boden, die Spitze des Bolzens, der aus seinem weit aufgerissenen Mund ragte. Die Tränen in seinen Augen brannten.

Tomáš kniete plötzlich nieder und drückte dem Toten die Lider zu. Er fuhr in den Halsausschnitt seiner Kutte und zog eine glitzernde Kette hervor. Das Ende baumelte lose in Tomáš’ Fingern.

»Das Siegel«, sagte Prior Martin. »Er hat es verloren. Vielleicht war das der Grund, warum er …«

Tomáš sah aus seiner knienden Stellung zu Martin hoch.

»Es gibt nichts, was dies hier rechtfertigen könnte«, sagte er. »Weder seinen Tod, noch den des Bruders, der ihn aufzuhalten versuchte, noch den der Frauen und Kinder.« Er gestikulierte zum Klostergebäude. »Und auch nicht den des Mannes dort unten in den Gewölben.«

»Er wollte den Codex stehlen«, sagte Martin.

»Er hätte ihn niemals von hier fortbringen können.«

»Was ich befohlen habe, diente dem Schutz des Codex und dem Schutz der Welt vor ihm.«

Tomáš schüttelte den Kopf. »Vater Superior, ich werde für dich beten.«

Ein Schluchzen entfuhr Martin, noch bevor er es unterdrücken konnte. Er war sich plötzlich sicher, verdammt zu sein und seine unsterbliche Seele der Hölle ausgeliefert zu haben. Wieder wallte der Gedanke in ihm auf: Ich habe es in Deinem Dienst getan, o Herr!, und er war noch weniger tröstlich als zuvor. Tomáš’ Gesicht war gleichzeitig steinern und mitleidig. Martin wusste, dass er nun ein für alle Mal außerhalb der Gemeinschaft stand. Er mochte ihr Oberer sein, und sie mochten ihm den Gehorsam leisten, den die Ordensregel ihnen vorschrieb, aber er würde nie mehr zu ihnen gehören. Es hat mich berührt, dachte er voller Selbstekel. Es liegt so tief in all den Truhen, die es verstecken, und hinter all den Ketten, die es fesseln, und doch hat es mich berührt. Er fragte sich, ob einer seiner Vorgänger jemals einen ähnlichen Gedanken gehabt hatte, und erinnerte sich an die Chroniken, die sie hinterlassen hatten. Keine Spur von Selbstzweifel – und kein einziger Hinweis, dass jemals einer von ihnen gezwungen gewesen wäre, die Kustoden so einzusetzen, wie es ihr Schwur vorsah. Sie waren gemeinsam alt geworden in ihrem Dienst, die Klosteroberen und die Kustoden, beschirmt von der immer kleiner werdenden Gemeinschaft der anderen Mönche um sie herum und verborgen in dem zerfallenden Kloster hier am Rand der christlichen Zivilisation. Er war sogar von seinen Vorgängern getrennt; ein Mann ganz allein, der zugleich wusste, dass er nicht anders hatte handeln können und sich nichts sehnlicher wünschte, als anders gehandelt zu haben. Er starrte mit aufgerissenen Augen auf Bruder Tomáš nieder und wusste nicht, dass die Tränen über seine Wangen liefen.

»Gott erbarme sich deiner«, flüsterte Bruder Tomáš.

Plötzlich drangen das Gestammel Buhs, das wie üblich niemand verstand außer Pavel, und Pavels helle Stimme, die noch schriller war als sonst, an Martins Ohren. Pavels Stimme haspelte: »Da ist noch jemand am Leben.«

Im nächsten Moment hörte er das Greinen des Neugeborenen.

4

DER GOTTESDIENST ZUR Komplet stand unter dem Eindruck des Geschehens vom Tag. Nicht alle Anwesenden zitterten allein wegen der Kälte der Novembernacht, die von den bloßen Dachsparren auf die kleine Kongregation heruntersank. Prior Martin hatte zum Beginn des Stundengebets die Versikel »O Gott, komm mir zu Hilfe!« ausgewählt. Sie schienen mehr Bedeutung zu haben als sonst – und es war weniger Hoffnung zu spüren, dass Gott auf den Hilferuf antworten würde. Die Worte der Psalmen, die darauf folgten, wogen ebenfalls schwerer als gewöhnlich: Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott, der du mich tröstest in Angst! und: Lobet den Herrn, alle Knechte, die ihr steht des Nachts im Hause des Herrn! und: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe! Ein oder zwei Brüder weinten offen, und das Gesicht des Priors war das eines Mannes, der an kein Entrinnen vor dem Höllenfeuer glaubt. Pavel gab es bald auf, unter die Kapuzen der Mönche um ihn herum zu spähen; was er sah, ließ seine Eingeweide vor Angst gefrieren. Prior Martin stimmte selbst den Lobgesang an; doch seine Stimme klang falsch, und er brach nach nur einer Strophe ab. Dann schlug er die Bibel auf, starrte auf die Seiten, klappte sie wieder zu und räusperte sich.

»Tun wir, wie der Prophet uns befiehlt«, sagte er. »Custodiam vias meas, ut non delinquam in lingua mea. Ich will auf meine Wege achten, damit ich mich mit meiner Zunge nicht verfehle. Ich stelle eine Wache vor meinen Mund, ich verstumme, ich demütige mich und schweige sogar vom Guten.«

»Amen«, sagten die Brüder. Pavels Gedanken holten unwillkürlich nach, was er in der Zeit vor dem Beginn seines Noviziats so oft gehört hatte: Regula Sancti Benedicti, Caput VI: De taciturnitate. Von der Schweigsamkeit.

»Was zeigt uns der Prophet? Man soll der Schweigsamkeit zuliebe bisweilen sogar auf gute Gespräche verzichten. Umso mehr müssen wir von bösen Worten lassen. Mag es sich also um gute und aufbauende oder um schlechte und unheilbringende Worte handeln: dem vollkommenen Jünger ist nur selten das Reden erlaubt wegen der Bedeutung der Schweigsamkeit. Steht es doch geschrieben: Bei vielem Reden wirst du der Sünde nicht entgehen!, und: Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge!«

Der Prior schien jeden Einzelnen von ihnen zu mustern. In der langen Stille hörte Pavel das Räuspern und Atmen der kleinen Gemeinschaft. Er fühlte den Blick des Priors auf sich und versuchte genug Mut zu sammeln, ihm zuzulächeln und ihm damit zu bedeuten, dass – ganz gleich was auch geschehen war oder noch geschehen würde – Prior Martin im Herzen des Novizen Pavel immer den Platz des weisesten, frömmsten und besten Menschen auf der Erde einnehmen würde. Als er endlich wagte, den Kopf zu heben, war der Blick des Priors längst weitergewandert.

Der Prior holte Atem, doch statt das Nunc dimittis zu singen, sagte er: »Nun lass, Herr, Deinen Knecht in Frieden scheiden. Meine Augen haben heute das Werk des Bösen betrachten müssen, aber ich weiß um das Heil, das Du vor allen Völkern bereitet hast.«

Die Gemeinschaft erhob sich von den Knien und machte sich still auf den Weg aus der Kirche. Pavel schlurfte mit Buh an seiner Seite hinterher. Die Botschaft Prior Martins war klar bei ihm angekommen: dass über die Tragödie des heutigen Tages Stillschweigen zu bewahren war. Indem er das Vorkommnis nicht erwähnte, sondern nur die Ordensregel rezitierte, schien er bereits den ersten Schleier des Vergessens darüber gebreitet zu haben. Das Massengrab, das den ganzen Nachmittag lang in einer Ecke des Mönchsfriedhof geschaufelt worden war, würde eine weitere Stufe des Vergessens bedeuten. Er fragte sich, ob die getöteten schwarzen Mönche ebenfalls hineingelegt werden würden, und mit einer Art Schock wurde ihm klar, dass Prior Martin befohlen haben könnte, auch das lebende Neugeborene dort mit seiner toten Mutter zu begraben. Er blickte auf und sah plötzlich das grimmige Gesicht Bruder Tomáš’ vor sich.

»Der Vater Superior wünscht dich zu sprechen«, sagte er. »Dich und deinen Freund.«

Die Furcht schoss in Pavel hoch und machte seinen Mund trocken. Nicht einmal in all den Monaten war Prior Martin unwirsch gewesen; nicht ein einziges Mal, seit er das tagelange Warten zweier junger Burschen namens Pavel und Petr (dessen wahrer Name über seinen Spitznamen Buh selbst bei Pavel in Vergessenheit geraten schien) vor dem Braunauer Klostertor damit belohnt hatte, dass er sie als Postulanten in die Klostergemeinschaft aufgenommen und ihnen zuletzt die Kutte der Novizen ausgehändigt hatte. Obwohl Buh meistens so arg stotterte, dass seine eigene Mutter ihn nicht verstanden hätte, und obwohl Pavel das Verständnis der Benediktinischen Regeln solche Mühe bereitete, dass er sie sich ständig vorsagen musste, um sie nicht durcheinanderzubringen. Doch heute, in dieser Situation, jagte der Gedanke, dass Prior Martin ihn und Buh zu sprechen wünschte, Pavel Angst ein. Vielleicht würde der Vater Superior ihnen eröffnen, dass angesichts der Umstände kein Platz mehr für sie im Kloster war? Pavel ahnte, dass Buh es nicht ertragen würde, auch diese letzte Heimat zu verlieren; von sich selbst wusste er es. Er nahm sich vor, zur Not auf den Knien zu flehen, wenn es zu dieser schrecklichen Entwicklung kommen würde; und war gleichzeitig mit sich selbst uneins, ob dies nicht ein Zeichen von Ungehorsam wäre und Prior Martin noch mehr in Verlegenheit bringen würde. Und war es nicht ein Zeichen sündiger Selbstsucht, diese Gedanken überhaupt zu denken, nach allem, was heute im Klosterhof geschehen war? Er nahm Buh, der wie stets an seiner Seite stand wie ein Bulle neben seinem Hütebuben, an der Hand und trat beiseite.

Schließlich hatten sie die Kirche für sich: Prior Martin, Bruder Tomáš, Pavel und Buh. Buh hielt sich hinter dem Rücken seines Freundes in dem vollkommen hoffnungslosen Versuch, sich dort zu verstecken; er war zwei Köpfe größer und fast doppelt so breit wie der magere kleine Pavel.

»Du hättest nie diese protestantischen Weiber in unsere Klause lassen dürfen, Vater Superior«, sagte Bruder Tomáš.

»Ich hätte mich nie darauf verlassen dürfen, dass die Pflicht des Kustoden einen Mann nicht irgendwann einmal zerbrechen würde«, erwiderte der Prior.

»Diese Aufgabe ist Gott ein Gräuel.«

Der Prior starrte Bruder Tomáš in die Augen. Nach einem Moment des stummen Zweikampfs senkte der alte Mann den Blick.

»Die Aufgabe, die Welt vor dem Wort Luzifers zu schützen?«, sagte Prior Martin. »Gibt es ein wichtigeres Werk, das ein gläubiger Christ und Bruder in benedicto verrichten kann? Die Morde mögen auf mich kommen, aber die Seelen der beiden toten Kustoden werden von Gott dem Herrn erkannt werden, ganz gleich, was einer von ihnen heute an Grauenvollem getan hat. Der Verderber hat seine Schritte gelenkt, nicht er selbst.«

»Wir sollten es verbrennen«, murmelte Bruder Tomáš. »Du weißt, was ich von diesem … Ding halte. In aller Demut, Vater Superior: Was den Glauben bedroht, muss im Feuer geläutert werden.«

»Wenn es sein Geschick gewesen wäre, verbrannt zu werden, dann hätten es unsere Vorgänger schon vor vierhundert Jahren dem Feuer übergeben. Gottes Wege sind wunderbar; indem er zugelassen hat, dass das Wort des Teufels in die Welt kommt, will er uns zeigen, dass es die Aufgabe der Menschen ist, Luzifers Werk zu stören. Wir haben die Wahl zwischen dem Guten und Bösen; da sieht Gott es auch als unsere Arbeit an, uns selbst vor dem Bösen zu schützen.«

Bruder Tomáš schwieg. Pavel versuchte nicht zu atmen und nicht zu denken, doch sein Hirn drehte sich im Kreis. Er verstand nur eines, aber das hatte er schon gewusst, kaum dass ihm das besondere Geheimnis dieser sterbenden Klostergemeinschaft klar geworden war: es gab keine wichtigere Aufgabe für einen Benediktiner als die, welche die schwarzen Mönche in den Gewölben unterhalb des Klosterbaus verrichteten.

»Werden die Brüder schweigen?«, fragte der Prior.

»Die Brüder werden gehorchen, Vater Superior.« Bruder Tomáš’ Stimme hörte sich feindselig an.

»Und falls etwas davon nach draußen in das Dorf gelangt?«

»Schweigen überall«, sagte der Torhüter.

»Regula Sancti Benedicti, Caput VI«, sagte Prior Martin.

»Das hat der heilige Benedikt nicht damit gemeint!«

»Regula Sancti Benedicti, Caput V: De oboedientia«, sagte Prior Martin und lächelte freudlos.

Bruder Tomáš’ Miene gefror. »Gehorsam«, flüsterte er. »Ich kenne die Regel, Vater Superior.«

Der Prior wandte sich abrupt ab. Pavel sah ihn erschrocken an, als er einen Schritt auf ihn zutrat.

»Du hast dich heute gut gehalten, mein junger Bruder«, sagte Martin und lächelte. Pavel sah den Schweiß auf der Stirn des Mannes und blinzelte, als dessen goldenes Kruzifix Reflexe warf, aber hauptsächlich sah er das Lächeln. Er spürte, wie er vorsichtig zurücklächelte. »Du hast Ruhe bewahrt, und du warst der Einzige, der bemerkte, dass die Frau noch atmete.«

»Wenn du es sagst, Vater Superior«, stammelte Pavel. Dann: »Buh hat sie zuerst gesehen; ich wollte ihn auf die Beine ziehen und ihm seine Würde zurückgeben, doch er deutete immer in ihre Richtung und sagte: ›Dort, dort drüben, dort drüben, sie lebt, sie lebt!‹«

»Wer ist Buh?«, fragte der Prior.

Pavel deutete verlegen hinter sich.

»Bruder Petr«, sagte der Prior. »Stimmt das, Bruder Petr? Du hast dein Herz Bruder Pavel anvertraut?«

»U-u-u-und«, stammelte Buh und zeigte auf den Prior, »u-u-u-u-unnnd …!«

»Und mir?« Der Prior lächelte. »Vertraue zuerst auf Jesus Christus, Bruder Petr; dann auf den heiligen Benedikt; und dann auf die Brüder um dich herum. Das ist die richtige Reihenfolge.«

»Gnnn …«, machte Buh. Er nickte heftig. »Gnnnn …!«

»Vater Superior«, sagte der Torhüter, »bei allem Respekt, die beiden sind Novizen.«

»Der Schritt vom Novizen zum Bruder ist ein Schritt des Glaubens und des Verstehens«, sagte der Abt. »Ich zweifle nicht daran, dass die beiden den rechten Glauben haben. Ich habe heute gesehen, dass sie auch den nötigen Verstand besitzen.«

»Der da«, sagte Bruder Tomáš und zeigte auf Buh, »hat noch nicht erkennen lassen, dass er auch nur den geringsten Verstand besitzt.«

»Er hat Grips genug, sich auf seinen Freund zu verlassen, und der hat Verstand für zwei. Nicht wahr, Bruder Pavel?«

Pavel hatte Verstand genug, den Kopf zu schütteln und zu murmeln: »Ich bin nur ein unbedeutender Diener des Herrn.«

»Das kannst du nicht machen, Vater Superior«, sagte Bruder Tomáš.

»Morgen ist die Profess«, sagte Prior Martin. »Ich habe es so beschlossen. Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Hört zu, Bruder Pavel, Bruder Buh: Ich biete euch an, morgen die Profess abzulegen. Anders als sonst üblich beim Übertritt aus dem Noviziat wird es keine zeitliche Profess sein. Wenn ihr morgen den Eid ablegt, wird es für immer sein. Ihr habt die Nacht über Zeit, es euch zu überlegen.«

»Aber – warum …?«, stammelte Pavel.

»Weil ihr, wenn ihr euch so entscheidet, gleich danach die Aufgabe übertragen bekommt, die Welt vor dem Wort des Teufels zu schützen. Es müssen sieben Kustoden sein, die das Geheimnis unserer Gemeinschaft bewachen. Nach heute sind es nur noch fünf – gerade genug, um das Böse in Bann zu halten, aber nicht genug, um die Macht des Buches auf lange Sicht zu binden. Hast du verstanden, was ich gesagt habe, Bruder Pavel?«

Die wichtigste Aufgabe, die ein Benediktiner in dieser Welt erfüllen konnte. Die wichtigste Aufgabe – die wichtigste Aufgabe – – In Pavels Kopf drehten sich die Gedanken, ohne Fuß fassen zu können. Er hörte, wie jemand: »Ja, ich habe verstanden!«, sagte, und stellte fest, dass er es selbst gewesen war.

»V-v-v-v-v…«, echote eine tiefe Stimme hinter ihm.

Der Prior lächelte. Er wandte sich um.

»Schön«, sagte er. »Es soll geschehen, wie ich gesagt habe.«

»Ich gehorche«, sagte Bruder Tomáš zwischen den Zähnen.

»Und – Bruder Tomáš? Was ist eigentlich aus dem Kind geworden?«

Der Torhüter kniff die Augen zusammen. »Eine Frau aus dem Dorf hat sich seiner angenommen. Sie hat ihr eigenes Kind vor ein paar Wochen verloren, aber da ihr die Milch schon eingeschossen war, stillt sie es.« Bruder Tomáš zögerte einen winzigen Moment. »Das Kind hat keinen Vater und das Weib keinen Mann.«

»Du hast klug gewählt, Bruder Tomáš. Ich möchte, dass du Folgendes tust: Such die Frau auf und nimm ihr das Kind weg. Bestimme einen Knecht aus dem Dorf; dieser soll es in den Wald legen und seinem Schicksal überlassen. Solange es lebt, wird jemand Fragen stellen; solange jemand Fragen stellt, ist unser Geheimnis nicht sicher. Ich werde dir Geld geben, für die Frau und den Knecht. Der Betrag wird reichlich sein; er soll sie in der Welt ausstatten und daran hindern zu plaudern. Das alles ist bis zur nächsten Prim erledigt. Hast auch du mich verstanden?«

Das Gesicht des Priors war regungslos, doch Pavel hätte schwören können, dass es in den letzten Augenblicken um Jahre gealtert war. Die Augen des alten Mönchs funkelten vor Hass.

»Ich gehorche«, sagte Bruder Tomáš schließlich. Er stapfte hinaus.

Der Prior drehte sich zu Pavel und Buh um. »Geht und sucht Rat in euch selbst und im Zwiegespräch mit Gott«, sagte er. »Morgen zur Prim will ich eure Entscheidung hören.«

Pavel und Buh schlurften durch die Kirche und öffneten das Portal, das Bruder Tomáš geräuschvoll hatte zufallen lassen. Pavel drehte sich noch einmal um. Prior Martin kniete vor dem Altar, die Hände vor das Gesicht geschlagen. Seine Schultern zuckten. Pavel schloss das Portal ohne einen Laut und schlich an der Seite von Buh in die Nacht hinaus.

1579:
DER SCHUTZENGEL

»Du hast mein Leben dem Tod entrissen, meine Tränen
getrocknet, meinen Fuß bewahrt vor dem Gleiten.«

PSALM 116,8

 

AGNES WIEGANT SAH sich vorsichtig um. Niemand in der Nähe – gut. Oder auch schlecht, ganz wie man es betrachtete. Gut war es, weil es niemanden gab, der ein wissenschaftliches Experiment schon im Ansatz vereiteln konnte, indem er seine Ausführung verbot. Schlecht war es, weil auf diese Weise auch niemand zu Hilfe eilen konnte, falls einem das Experiment über den Kopf wuchs. Agnes starrte die Abflussröhre nachdenklich an. Das Leben war zuweilen kompliziert für ein sechsjähriges Mädchen.

Der Winter hatte sich vergangenes Jahr schon Anfang November in Wien breitgemacht. Jetzt war Lichtmess vorbei, und die Kälte schien immer noch zuzunehmen. Für Agnes, der jeder Tag, der im Inneren eines Hauses zu verbringen war, wie ein Tag im Kerker dünkte, hatte der Winter eindeutig keine Berechtigung, sie weiterzutyrannisieren. Da der Winter nicht genügend Einsehen besaß, das von selbst zu merken, hatte Agnes beschlossen, ihn mit Verachtung zu strafen und so zu tun, als gäbe es ihn nicht. Sie war in ihren kurzen, dünnen Mantel geschlüpft und hinaus auf die Kärntner Straße geschlichen. Begünstigt wurde ihre Flucht durch den Umstand, dass die Dienstboten wegen Lichtmess Urlaub hatten und die Aushilfen, die Agnes’ Mutter für diese Zeit beschäftigte, ihre Arbeit sogar noch schlechter besorgten als das fest angestellte Gesinde – welches, ging man nach Agnes’ Mutter Theresia, ohnehin schon das Letzte vom Letzten war und bei einem weniger gutmütigen Herrn als Niklas Wiegant bereits vor Jahren auf die Straße gesetzt worden wäre. Dementsprechend hatte Theresia Wiegant ihren Feldherrnhügel in der Küche bezogen, regierte dort auf schreckliche Weise und ging so in ihrer Tätigkeit auf, dass sie die Existenz ihrer Tochter vollkommen vergessen hatte.

Am Kindermädchen vorbeizuschleichen, das im seligen Glauben, in der Stube befinde sich eine friedlich schlafende Agnes, auf einer Truhe davorsitzend eingeschlummert war, war ein Klacks gewesen. Draußen hatte Agnes das Abflussrohr erblickt, und eine Untersuchung hatte sich ihr förmlich aufgedrängt, die der einzige Grund war, warum es dem Winter erlaubt sein sollte, noch ein paar Augenblicke zu verweilen. Süß? Oder sauer?

In der Kärntner Straße hatten Schnee und Reif einen grauweißen Belag über das Pflaster gelegt, der in der Mitte der Gassenführung von den Pferden und Fuhrwerken zu tiefen Rinnen geformt worden und von der Kälte zu knochenbrecherischer Härte gefroren war. Der beständige Ostwind hatte Wien mit einem Eispanzer überzogen, der das gesellschaftliche Leben in eine Art Starre hatte fallen lassen. Die Starre war in den letzten Jahren allerdings auch in den anderen Jahreszeiten spürbar geworden – Anliegen an den Kaiser, die nicht geregelt wurden, weil Rudolf von Habsburg die Anliegen der Welt nur noch mit Mühe erkannte; kirchliche Angelegenheiten, die jahrelang nicht geregelt worden waren, weil der Bischofsstuhl wegen des Verzichts von Bischof Urban vakant gewesen war; Prozessionen, die wegen der zu befürchtenden protestantischen Übergriffe abgesagt worden waren … Dinge, die für eine Sechsjährige nur minder interessant gewesen wären, wäre da nicht die ärgerliche Tatsache gewesen, dass es seit 1570 nicht nur keine Fronleichnamsprozession mehr gegeben hatte, sondern seit einigen Jahren auch die Bittprozessionen zu Lichtmess regelmäßig abgesagt wurden. Agnes hatte gehört, dass bei der letzten Fronleichnamsprozession ein protestantischer Bäckerjunge die Hostie geschändet haben sollte und dass nämlicher Bäckerjunge hernach vom Teufel höchstpersönlich durch die Luft davongetragen worden war. Sie hatte von Herzen gehofft, Zeuge einer derartigen Szene zu werden, und sehnsüchtig auf die Lichtmessprozession gewartet. Umso größer war ihre Enttäuschung gewesen, als sie nach längerer Wartezeit am Fenster ihres Elternhauses von ihrem Vater freundlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass der derzeitige Bischof Christoph Andreas auch in diesem Jahr nicht genügend Mut gefunden hatte, dem protestantischen Eifer zu trotzen.

Und nicht genug damit – erstmalig letztes Jahr zu Allerseelen hatte sich zwar eine kleine Gemeinde gefunden, die sich trotz des frühen Wintereinbruchs auf den Kirchhof gewagt und Lichter für die armen Seelen angezündet hatte; aber den Kindern war untersagt worden, mit den Seelenwecken von Haus zu Haus zu laufen, was letztlich ohnehin egal war, weil sich kein katholischer Bäcker gefunden hatte, der Seelenwecken gebacken hätte, abgesehen vom Bäckermeister Khlesl gegenüber dem Haus der Wiegants, von dem jedoch kein Katholik in der Kärntner Straße etwas kaufte, weil er Protestant war und damit auf jeden Fall eine verlorene Seele.

Was sollte ein Kind mit sich anfangen, wenn es keine kirchlichen Festivitäten gab, bei denen man zusehen konnte? Genau … man konnte beispielsweise der Frage nachgehen, ob der weiße Belag, der bei Frost auf der metallenen Abflussröhre lag wie ein dichter Pelz, süß oder sauer schmeckte.

Agnes wandte sich ab und tat so, als hätte sie nicht bemerkt, dass ein Mann sich ihrem Elternhaus näherte. Sie kannte den Mann – es war Sebastian Wilfing, der sich mindestens einmal in der Woche im Hause Wiegant einfand. Agnes hatte jedes Mal versucht, dem Gespräch der Männer zu lauschen, weniger weil dessen Inhalt sie interessiert hätte, sondern weil Sebastian Wilfing eine Stimme hatte, der man gern lauschte: sie pflegte, je aufgeregter der Mann war, desto öfter zu brechen und silbenweise plötzlich in eine Tonhöhe zu schießen, die dem Quieken eines Ferkels bedenklich nahekam. Wann immer das passierte, räusperte sich Sebastian und wiederholte die letzte Silbe mit einer besonders tiefen Stimme, die sich wiederum anhörte wie das Grunzen eines erwachsenen Ebers – ein nie enden wollendes Gaudium für die heimliche Lauscherin, zu dem Wilfings eher ausladende Gestalt ihren Teil beitrug. Wenn Wilfing sich darüber echauffierte, dass die Wiener Kaufleute alle irgendwann einmal Sklaven der »welschen Fakierer« würden, brach seine Stimme besonders häufig. Niklas Wiegants zuverlässige Entgegnung, die Wiener Kaufleute wären selbst schuld daran, dass ihre Zunftkollegen aus Nürnberg, Augsburg, Ungarn oder Italien mittlerweile drei Viertel der Handel treibenden Bürger ausmachten, und dass es an der Zeit wäre, das Geschick selbst in die Hand zu nehmen, sandte Sebastian Wilfings Stimme in halbe Sätze lange Höhenlagen, für die sich selbst ein sehr junges Ferkel geschämt hätte. Ansonsten war Wilfing ein freundlicher Mann, der Agnes »Glückskäfer« nannte und nie vergaß, dabei zu zwinkern. Agnes mochte ihn, doch sie wusste auch, dass Wilfing ihren Aufenthalt in der Gasse verraten würde, und so drehte sie ihm den Rücken zu und bewegte sich nicht, bis der Besucher stampfend und Schnee von den Stiefeln schüttelnd im Haus verschwunden war – zweifellos ein guter Freund und Geschäftspartner, aber dennoch zumindest bei Theresia herzlich unwillkommen in dieser Zeit der Personalvakanz, da der Besuch sie zu einem weiteren Feldzug gegen die Trägheit des Gesindes nötigte. Taktisches Ziel: Sebastian Wilfing in Rekordzeit eine heiße Suppe zu servieren, die dieser gar nicht wollte.

Ein neuer Blick in die Runde. Es wurde Zeit, dass Agnes ihren Plan ausführte; die Kälte, die über ihren Oberkörper kroch, begann sich mit der Kälte zu treffen, die von ihren Füßen her aufstieg, und Agnes spürte, dass sie bald zu schlottern beginnen würde. Also – frohgemut ans Werk! Süß oder sauer?

Nach einigen Minuten Wehgeschreis versammelten sich die ersten Menschen um das mit der ganzen Breite seiner Zunge am Abflussrohr festgeklebte Kind. Es folgten die üblichen nutzlosen Fragen.

»Wie heißt du denn, meine Kleine?«

»Aaaa-aaa-aaaah!«

»Ist das dein Elternhaus da?«

»Aaaa-aaa-aaaah!«

»Brauchst du Hilfe?«

»Aaaa-aaa-aaaah!«

»Tut’s weh?«

Aus Agnes’ Elternhaus erschien niemand. Ihr Vater, eben erst von seiner letzten Reise zurückgekehrt, hatte sich vermutlich mit Sebastian Wilfing in die hintere Stube des Hauses zurückgezogen, die statt auf die enge, lärmige Kärntner Straße auf den großzügigen Neumarkt hinausführte; ihre Mutter kämpfte den Krieg der Kochlöffel und Schöpfkellen; Agnes’ Kinderfrau schlummerte weiterhin ahnungslos der Standpauke ihres Lebens und der Kündigung zur nächsten Lichtmess entgegen. Die Menschenmenge begann nutzlose Ratschläge zu diskutieren, die vorerst darin gipfelten, dass man auf das Abklingen des Frostes warten und das Kind solange mit Suppe ernähren müsse, bis die Zunge freiwillig vom Abflussrohr lostaute.

Schließlich wand sich die Gestalt eines Jungen durch die Menge. Das Geschnatter verstummte. Agnes, in deren Zunge ein frostiges Fegefeuer brannte und auf deren Wangen die Tränen anfroren, riss sich zusammen und schielte zu dem Neuankömmling, der sich neben ihr aufbaute und sie musterte. Agnes’ Blicke wanderten über einen zehnjährigen Jungen, der sich mit aller Sorgfalt so gekleidet hatte, dass er auch einen Schneesturm draußen überstanden hätte. Dann blieben Agnes’ Augen an dem Wasserkrug hängen, den der Junge in den Händen hielt. Aus dem Wasserkrug dampfte es. Die Blicke der Kinder begegneten sich. Der fremde Junge nickte und lächelte.

Dann löste er mit ein paar gezielten Güssen des auf Körperwärme aufgeheizten Wassers die angefrorene Zunge vom Abflussrohr.

Die Zuschauer klatschten und erklärten den Retter zum Helden und dass sie außerdem daran auch schon gedacht hätten. Agnes hielt sich unwillkürlich am Abflussrohr fest, zuckte zurück, als die Kälte in ihre ungeschützten Hände brannte, und sammelte genügend Stärke, um »Banbe!« zu sagen, ohne sofort losheulen zu müssen.

»Bitte sehr«, sagte Agnes’ Lebensretter.

Agnes schluckte. Während die Menge langsam auseinanderging, lachend und kopfschüttelnd (»Wie kann man so dämlich sein, im Winter ein Abflussrohr abzuschlecken?« »Ja, aber haben Sie gesehen, wie der Sohn des Bäckermeisters reagiert hat? Das Kerlchen bringt es noch mal zu was, das sag ich Ihnen!« »Das war der Sohn des Bäckermeisters, der …?« »Schhh!«), musterten sich die beiden Kinder erneut.

»Ib bib Abneb Biebanb«, lallte Agnes und verdrängte die Tränen, die aufs Neue in ihre Augen schossen. Die Zunge war ein roher Lappen in ihrem Mund.

»Weiß ich schon. Ich bin Cyprian.« Der Junge deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Mein Vater ist der Bäckermeister Khlesl.«

»Ihr beib Bobebandten!«, sagte Agnes.

»Nö. Wir waren Protestanten. Jetzt sind wir katholisch, seit mein Onkel Melchior uns alle bekehrt hat.«

»Bie?«

Cyprian zuckte mit den Schultern. »Naja, zuerst waren wir alle protestantisch, aber dann freundete sich mein Onkel mit einem katholischen Prediger an, und danach redete er so lange auf meine Großeltern und meinen Vater ein, bis wir am Ende alle katholisch waren. Ist doch egal.«

Agnes versuchte die Information an den Mann zu bringen, dass man in ihrem Elternhaus mangels dieser Neuigkeit über den Bäckermeister von schräg gegenüber immer noch höchst misstrauisch als von einem Protestanten sprach und dass die Mitglieder des Wiegant’schen Haushaltes keineswegs ermutigt wurden, den Kontakt über die Gasse hinweg zu suchen.

»Bis letztes Jahr waren wir ja auch noch Protestanten«, erklärte Cyprian. »Du kannst deinem Vater sagen, dass wir jetzt rechtgläubig sind. Was immer das heißt.« Cyprian lächelte unbekümmert. »Es heißt wahrscheinlich, dass du eine Semmel, die ich dir schenke, auch essen darfst.«

»Beib«, sagte Agnes und machte ein ernstes Gesicht. »Eb heibt, babb bir betzt Bfeunde bind!«

1590:
TOD EINES PONTIFEX

»Wir sehen durch einen Spiegel ein dunkles Bild.«

1. KOR. 13,12

1

DAS BILD IN der blank polierten Metallfläche war verzerrt. Die Wangenknochen traten in ihm stärker hervor als sonst, die Nase wirkte noch länger, die Stirnpartie war ein Feld aus tiefen Furchen, die Augen riesengroß und glänzend und der Bart eine schüttere graue Maske. Einst hatte er ihn als Knebelbart getragen, um seine Hingebung an Jesus Christus zu verdeutlichen, aber nun war er verfilzt und hing von seinem Kinn wie Flechten. Das Spiegelbild erschien wie das Abbild eines Toten.

Die letzten zwölf Tage hatte er stöhnend und in Fieberkrämpfen im Bett verbracht; dann hatte er sich das Pergament aus dem Archiv bringen lassen, das er vor einem halben Menschenalter bereits in der Hand gehalten hatte, und hatte die Erinnerung bestätigt bekommen, derentwegen er nicht zuletzt darauf hingewirkt hatte, dieses Amt zu bekommen. Das Fieber war verschwunden; was es ihm an körperlicher Kraft genommen hatte, war ihm durch seine Entdeckung an seelischer Kraft gegeben worden.

Der Mann holte tief Atem. Er drehte seinen Kopf hin und her und betrachtete sein Abbild von allen Seiten. Seine Wahl hatte vor zwölf Tagen stattgefunden, doch heute würde der erste Tag sein, an dem er sein neues Amt wahrnahm. Und er würde die Geschichte verändern.

Im Fieberbrand war der Mann vergangen, der er gewesen war: Kardinal Giovanni Battista Castagna, Erzbischof von Rossano, Apostolischer Nuntius in Venedig, päpstlicher Legat in Köln, Konsultor des Heiligen Offiziums, Großinquisitor. Heute Morgen fühlte er sich geradezu glücklich, in dieses Gesicht, das ihm plötzlich fremd war, hineinzusehen und zu sagen: »Du hast deine Schuldigkeit getan. Ich danke dir.«

Es gab eine Weisheit, der zufolge man Entscheidungen, die man in einem neuen Amt zu treffen hatte, erst nach den ersten hundert Tagen treffen sollte, weil vorher das Wort des Herrn auf einen zutraf: Sie wissen nicht, was sie tun. In all seinen früheren Ämtern hatte er sich stets daran gehalten. Heute spürte er zum ersten Mal, dass er nicht warten durfte. Die Gnade des Herrn und seine eigene Zielstrebigkeit hatten sich verbündet und präsentierten ihm die Waffe, mit der er Bösartigkeit, Dummheit und Aberglaube ein für alle Mal besiegen konnte – mit der er den Teufel, Gottes Widersacher, in seinen eigenen Fallstricken fangen konnte. Früher hatte er manchmal gezögert, weil er vor seiner eigenen Entscheidung Angst hatte. Doch heute Morgen hatte es nichts als die Gewissheit gegeben, dass er auserwählt war.

Er fühlte, wie eine Ehrfurcht ihn ergriff, die ihn atemlos machte und sein Herz zum Pochen brachte. Plötzlich schien es, als wäre es unmöglich, die siebzig zurückliegenden Jahre loszulassen. Aber es war nötig. Giovanni Battista Castagna würde heute endgültig dahingehen; ein neuer Mann würde geboren werden.

»Willst du das wirklich tun?«, fragte er das Spiegelbild.

»Wie lange hast du darauf gewartet?«

»Wie stark hast du es gehofft?«

»Bist du sicher, dass es dich nicht verschlingen wird?«

Das Spiegelbild antwortete auf keine der Fragen.

Er setzte die rote Mütze mit dem weißen Pelzrand auf. Die Septemberhitze lag so schwer auf Rom, dass sie sogar hinter die dicken Mauern gedrungen war, die ihn umgaben, aber der camauro gab ihm Sicherheit.

»Dann steh Gott Ihnen bei, Eure Heiligkeit«, flüsterte er dem Spiegelbild zu.

Papst Urban VII. drehte sich um und schritt hinaus, um mit dem Teufel in Verbindung zu treten.

Kardinalarchivar Arnaldo Uccello verneigte sich und versuchte, sich vor den Zugang zum Sixtinischen Saal in der Vatikanischen Bibliothek zu stellen. Papst Urban blieb stehen und erwiderte den Gruß. Er beobachtete, wie die Blicke des Kardinalarchivars zu den beiden Schweizergardisten in seiner Begleitung irrten und an den Stemmeisen hängen blieben, die die beiden jungen Männer in den Händen trugen.

»Ich danke Gott, Sie wieder gesund zu sehen, Heiliger Vater. Leider hat mir niemand Ihr Kommen angekündigt«, sagte Uccello leise. »Bitte entschuldigen Sie das Versäumnis.«

»Es liegt kein Versäumnis vor«, sagte Urban. Er sah sich im Vorraum der Bibliothek um. Es war schwer, das Klopfen seines Herzens zu beruhigen. Er dachte, selbst der Kardinalarchivar müsse es hören können. »Wir sind lange nicht mehr hier gewesen.«

»Es ist eine Ehre, dass der Heilige Vater zu so früher Stunde –?«

»Diese jungen Männer«, sagte der Papst. »Sind das Studenten?«

Uccello nickte verwirrt. »Sie haben Sonderbefugnisse, gewisse Dokumente einzusehen, um ihre Studien zu betreiben oder ein bestimmtes Thema zu beleuchten, und …«

»Wenn Sie so freundlich sein wollen, sie hinauszuschicken«, sagte Papst Urban.

Uccello blinzelte ratlos. »Hinausschicken, Heiliger …?«

»Ja. Wir möchten, dass niemand hier zurückbleibt.« Der Papst lächelte den jungen Männern zu, von denen sich die meisten an ihren Pulten umgedreht hatten und ihn verstohlen musterten. Die Unterhaltung zwischen dem Papst und dem Kardinalarchivar war so leise, dass keiner von den Studenten auch nur ein Wort verstanden haben konnte. Einer der Männer lächelte zaghaft zurück. Papst Urbans Lächeln verbreiterte sich, und er nickte. Der junge Mann errötete vor Stolz und bekreuzigte sich inbrünstig. »Sagen Sie es Ihnen. Jetzt.«

Urban sah zu, wie der Kardinalarchivar zu seinem Pult zurückkehrte, sich daran festhielt, um seine Fassung kämpfte und schließlich stotterte: »Es ist der Wunsch des Heiligen Vaters, hier mit sich und seinen Gedanken allein zu sein. Bitte, begeben Sie sich in die Lateinische Bibliothek und setzen Sie …«

»Nein«, sagte Papst Urban laut. Alle Köpfe fuhren zu ihm herum. Er lächelte erneut. »Unsere Söhne, Wir dürfen Sie bitten, Sant’ Angelo für heute zu verlassen. Beenden Sie Ihre Studien. Wir danken Ihnen und empfehlen Sie und Ihr Tagwerk Gottes Gnade.«

Die Studenten wechselten Blicke. Urban sah sie zögern, um Erklärung heischende Blicke zu Kardinalarchivar Uccello werfen, der von allen am verwirrtesten aussah, schließlich ihre Sachen zusammenpacken und schweigend nach draußen defilieren. Als zwei weitere Schweizergardisten hereinkamen, wichen sie ihnen aus und begannen zu tuscheln. Urban wartete regungslos, bis die beiden Männer bei ihm waren.

»Oberst Segesser, Wir möchten, dass Sie und Ihr Hauptmann persönlich dafür sorgen, dass niemand dieses Gebäude betreten kann. Ihre beiden Gardisten werden Uns bei Unserer Besorgung in der Geheimbibliothek helfen. Sie haben vorher gebeichtet, wie Wir angeordnet haben?«

Der Kommandant der Garde nickte. Urban stellte mit Befriedigung fest, dass der Mann sich keine Regung anmerken ließ, warum er und einer seiner Offiziere zu diesem Wachdienst bestellt wurden. Er nahm den Oberst am Arm und führte ihn ein paar Schritte weit beiseite. Arnaldo Uccellos Blicke folgten ihm von dessen Pult aus.

»Es ist wichtig, dass die Männer ohne Sünde sind. Danach zahlen Sie beiden einen Sold aus, der einer Dauer von fünfundzwanzig Dienstjahren entsprechen würde, entlassen sie aus dem Dienst und senden sie nach Hause. Sorgen Sie dafür, dass beide die höchsten Auszeichnungen für Tapferkeit und Zuverlässigkeit bekommen. Wir wünschen, dass sie noch heute Abend die Heimreise in die Schweiz antreten.«

Die Augen des Obersten musterten ihn unter dem Schatten seines Helms hervor. Urban hielt der Musterung stand. »Wie es der Heilige Vater befiehlt.«

»Wir können Uns auf Sie verlassen, Oberst Segesser. Können Wir Uns auch auf Ihren Hauptmann verlassen?«

»Er ist mein Sohn«, sagte der Oberst. Er legte drei Finger aufs Herz, wandte sich um und stapfte hinaus. Sein Sohn folgte ihm wortlos. Urban winkte dem Kardinalarchivar. Arnaldo Uccello stakste heran, vergeblich bemüht, den Ausdruck aus seiner Miene zu löschen, dass soeben die Welt um ihn herum zusammengebrochen war und dass er fürchtete, auch noch das Universum einstürzen zu sehen.

»Begleiten Sie Uns bitte, hochverehrter Freund«, sagte Urban. »Wir möchten Ihnen etwas zeigen.«

Der Sixtinische Saal wölbte sich vor ihm wie eine ungeheure Schatztruhe und verlor sich in der Dunkelheit seiner lang gestreckten Architektur. Päpste, Heilige und allegorische Figuren starrten von der mittleren Säulenallee, die Fresken auf dem Kreuzgewölbe strahlten in düsterem Blau oder funkelten in Gold. Es roch nach Farbe, feuchtem Mörtel und dem frischen Holz der Buchkabinette, die Urbans Vorgänger speziell für die Dokumente hatte entwerfen lassen. Der Saal erinnerte mit nichts an das vorherige Archiv, an seine Trennung in Lateinische, Griechische, Päpstliche und Geheime Bibliothek, an die düsteren Räume, in denen auch bei Tag Fackellicht nötig war. Papst Sixtus V. hatte gut daran getan, den Neubau anzuordnen. Aber er hatte auch, ebenso wie Urban, Zeit genug in den Bibliotheksräumen verbracht, um zu erkennen, dass das wunderbarste Archiv der Christenheit dringend nach einem größeren Bau verlangte.

Zu zweit waren sie gewesen, er, Urban, damals Erzbischof von Rossano, und Felice Peretti, damals Konsultor der römischen Inquisition, der schließlich vor ihm als Sixtus V. Papst geworden war. Ein junger Dominikanermönch war damit beauftragt gewesen, ein neues Regelwerk für die Benutzung der Bibliothek zu entwerfen, und während Felice Peretti ihm dabei ständig über die Schulter geblickt und bei jeder Verschärfung der Benutzungsordnung noch drastischere Einschränkungen verlangt hatte, war Urban durch die Räume geschlendert, hatte hier etwas aus den Regalen gezogen, dort etwas nachgeschlagen, hatte müßig gestöbert und dem seltsamen inneren Gefühl nachgegeben, dass etwas zwischen all den Folianten, Codices, Schriftrollen und versiegelten Truhen ihn rief. – Papst Sixtus hatte aus diesen Monaten nur das Ziel in sein Pontifikat mitgenommen, die neue Benutzungsordnung durchzusetzen; er, Urban, sein Nachfolger, hatte sich dagegen für die Aufgabe auserwählt gesehen, die Welt neu zu ordnen.

Am Ende des langen Saals schimmerte eine eisenbeschlagene Tür in der Düsternis.

»Bitte öffnen Sie, lieber Freund«, sagte Papst Urban.

Arnaldo Uccello schluckte, zögerte, kramte dann einen Schlüsselbund hervor und machte sich daran, die Schlösser zu öffnen.

»Das ist das Verbotene Archiv«, brachte er hervor.

Papst Urban nickte milde. »Wir wissen«, sagte er.

Die Schlösser sperrten so schlecht, als sähen sie es als ihre Aufgabe, den Zutritt zum Verbotenen Archiv zusätzlich zu verzögern. Schließlich standen sie in einem kleineren, schmucklosen Abbild des Sixtinischen Saals, dem die Farbe und die Fresken fehlten und durch dessen winzige Fenster gerade genug Licht fiel, um sich zwischen den Säulen orientieren zu können. Das einzige Fresko befand sich auf der Vorderseite der wuchtigen Säule gleich beim Eingang; Erzengel Michael starrte die Eintretenden an, das Flammenschwert erhoben, die andere Hand ausgestreckt zu einer abwehrenden Geste. Urban bekreuzigte sich und schritt an ihm vorbei.

Zwischen den Säulen standen die Kabinette, Buchschränke und einfachen Regale dichter gedrängt und in größerer Anzahl als draußen im Sixtinischen Saal. Es roch muffiger, weil sich hier fast niemals Menschen aufhielten, und Urban wusste, wenn man lange genug verweilte, begann das Wissen über die ungezählten Rätsel, horrenden Skandale und Vorfälle, die nicht für das Licht der Welt bestimmt waren, auf einen einzuwirken; und man begann immer öfter über die Schulter zu blicken, Geräusche zu hören und Schatten zu sehen. Als er damals den Hinweis auf den Codex gefunden hatte, jedoch keine Möglichkeit sah, das Versteck aufzusuchen und ihn zu bergen, hatte das Wissen um das, was sich in der Bibliothek befand, ihn auf den langen Weg zum Thron des heiligen Petrus geführt. Er nahm als sicher an, dass die Existenz des Buches nach den vielen Jahren niemandem mehr bekannt war; und er war überzeugt, dass Gott ihn zum höchsten Amt der Christenheit geführt hatte, um das Wissen darin einzusetzen und mit seiner Macht dafür zu sorgen, dass die Christenheit wieder eins wurde – oder alle Ketzer ein für alle Mal ausgerottet. Was im Verbotenen Archiv versteckt war, war das Werkzeug des Bösen; es gab nur einen Menschen, der es zum Guten einsetzen konnte. Papst Urban hörte das Pochen seines Herzens, als er in die Dunkelheit des Archivs eindrang, die beiden Schweizergardisten an seiner Seite und Kardinalarchivar Uccello hinter ihnen herstolpernd.

Das Kabinett stand in einer Ecke hinter einer Säule. Es war alt, schwarz, zerkratzt und so wuchtig wie ein Bollwerk. Staubige Tonröhren lagen zu Hunderten gestapelt darin und füllten es von oben bis unten ohne jegliche Lücke. Papst Urban atmete ein.

»Heiligkeit, darf ich fragen …?«

Der Papst winkte ab. Arnoldo Uccello verstummte. Urban schüttelte die Ärmel der Soutane zurück, bewegte die Schultern, bis die Mozzetta nach hinten rutschte und ihm größere Bewegungsfreiheit gab. Schließlich streckte er beide Hände aus, packte eine der Tonröhren und zog sie heraus. Er zitterte so sehr, dass die Röhre vibrierend an die neben ihr liegenden schlug. Als er sie hielt, kippte sie nach vorn, entglitt seinem kraftlos gewordenen Griff, fiel wie in einer Bewegung unter Wasser zu Boden, überschlug sich, prallte auf und zerschellte.

Der Kardinalarchivar schrie vor Schreck auf. Die Splitter der Tonröhre prasselten und schlitterten über den Boden. Der Knall echote zwischen den Säulen wider und verstummte hinter den Buchkabinetten.

»Um der Liebe Christi willen, Heiliger Vater«, ächzte Arnaldo Uccello und machte Anstalten, einen Schritt nach vorn zu treten und das Pergament aufzulesen, das zwischen den Scherben lag.

»Bleiben Sie weg!«, schnappte Urban. Er schob das Pergament achtlos mit dem Fuß beiseite, trat auf ein Siegel, das sich gelöst hatte und das unter seiner Sohle zerbarst wie ein rohes Ei, und fasste nach der nächsten Röhre. Seine Hände zitterten noch immer. Er starrte sie an. Plötzlich zerrte er den Fischerring vom Finger, verstaute ihn hastig in seiner Soutane, riss sich die weißen Handschuhe herunter und ließ sie zu Boden fallen. Als er mit bloßen Händen die nächste Tonröhre packte, die Kühle des Materials und die grobe Textur der Oberfläche fühlte, ließ das Zittern nach. Er zog die Röhre heraus und reichte sie nach hinten weiter. Einer der Schweizergardisten übernahm sie; der Kardinalarchivar riss sie ihm aus der Hand und hastete ein paar Schritte davon, um sie vorsichtig abzulegen. Papst Urban hörte Uccellos entsetztes Stöhnen und vergaß es im selben Augenblick wieder. Die nächste Röhre – die nächste – er begann zu schwitzen und zu husten, als er Staubflocken einatmete; als er sich die Hände an der Soutane abwischte, hinterließ er schwarze Streifen auf dem weißen Stoff. Die Schweizergardisten wechselten sich ab in der Aufgabe, ihm die Röhren abzunehmen, und der Kardinalarchivar hastete hin und her, rot im Gesicht, keuchend und ächzend, bis das Kabinett ausgeräumt war. Die Leere gähnte Papst Urban an wie ein Schlund.

»Es … ist … nichts … drin …«, stammelte Arnaldo Uccello und versuchte, zu Atem zu kommen.

Urban warf ihm einen verächtlichen Seitenblick zu. Er schnappte sich eines der langen Stemmeisen der Schweizergardisten, legte die Spitze auf einen der Fachböden und schob es langsam der Länge nach hinein. Als die Spitze hinten an die Rückwand stieß, blieb nur noch eine knappe Handbreit übrig, die aus dem Fachboden ragte.

Urban schloss die Faust um die Stelle, an der die Stange herausragte, zog sie wieder heraus und führte das Eisen dann an der Seitenwand des Kabinetts nach hinten. Das Eisen schrappte am zerkratzten, schwarzen Holz entlang und erzeugte einen hohlen Ton. Die Stelle, an der der Papst die Stange hielt, glitt hinter die vordere Kante des Kabinetts, das Eisen schrappte immer noch weiter. Urban brauchte nicht hinzusehen; er hatte es gewusst. Er betrachtete die hervortretenden Augen des Kardinalarchivars. Schließlich schlug die Spitze an die Wand des Saals, wo die Rückwand des Kabinetts plan mit ihr abschloss. Kein Zentimeter des Stemmeisens ragte mehr über die Seitenwand des Kabinetts hinaus, im Gegenteil; es fehlten nun gut zwei Handbreit.

»Es ist außen größer als innen –«, sagte Arnaldo Uccello.

Papst Urban nickte und reichte das Eisen an die Schweizergardisten zurück. »Rückt es nach vorn und stemmt die Rückwand auf«, sagte er.

Als die schwarzen Bretter zerborsten auf dem Boden lagen, wichen die beiden Gardisten zurück. Papst Urban trat heran, den Kardinalarchivar an seiner Seite. Arnaldo Uccello machte ein kleines Geräusch in der Kehle. In der dunklen Höhlung der doppelten Rückwand lag ein unförmiges Ding, in Leder geschlagen, mit Stricken und Riemen gebunden und mit einer Kette gesichert. Es konnte eine Schatztruhe sein. Es konnte der Sarg eines Kindes sein. Es reichte den beiden Männern fast bis zum Gürtel. Urban starrte es an. Er hatte erwartet, es körperlich wahrzunehmen, seinen eigenen Leib vibrieren zu spüren als Antwort auf die Macht, die es ausstrahlte, doch es blieb stumm. Er wollte es anfassen, aber er konnte den Arm nicht heben.

»Was ist das?«, flüsterte Uccello.

»Holt es heraus und nehmt ihm die Fesseln ab«, sagte Urban zu den Gardisten. Er wandte sich an Uccello. »Sind Sie ohne Sünde, Kardinalarchivar? Wenn nicht, dann treten Sie zurück, damit Sie nicht unter seinen Bann fallen, wenn Wir es befreit haben.«

2

OBERST SEGESSER UND sein Sohn bewachten das letzte Stück der Treppe, die früher den Cortile del Belvedere vom Cortile della Pigna getrennt hatte und die nun in die Bibliothek führte. Sie sahen sich an, als plötzlich ein Heulen aus dem Inneren des Archivs ertönte.

»Was geht da drin vor, Vater?«, fragte der Hauptmann.

»Was ist Ihre Pflicht, Hauptmann?«

»Treu, redlich und ehrenhaft zu dienen dem Heiligen Vater und seinen rechtmäßigen Nachfolgern und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, selbst mein Leben für sie hinzugeben«, schnarrte der junge Mann.

»Heißt es da irgendwas von neugierigen Fragen, Hauptmann?«

»Nein, Herr Oberst.«

»Gut.« Oberst Segesser starrte geradeaus. Hauptmann Segesser tat es ihm nach. Das Heulen hörte nicht auf. Dazwischen war ein Krachen und Klirren zu hören, als ob etwas in einem der Bibliothekssäle wütete. Die beiden sahen sich erneut an.

»Ich habe keine Ahnung, Sohn«, sagte der Oberst.

»Vielleicht ist der Heilige Vater in Gefahr?«

»Es sind zwei Hellebardiere bei ihm.«

Etwas krachte, als wenn ein großes Möbelstück von einem Rasenden zerhackt würde.

»Andererseits«, sagte der Oberst.

Sie blickten sich erneut an. Dann wirbelten sie herum, zogen ihre Schwerter und rannten die Treppe hinauf zum Sixtinischen Saal. Als sie in den Studierraum platzten, öffnete sich die Tür der Geheimbibliothek, und Papst Urban, der Kardinalarchivar und die beiden Gardisten kamen heraus. Das Gesicht des Papstes war schweißnass, verzerrt und grau; sein Gewand über und über voller Schmutzstreifen, sein Haar wirr und seine Mozzetta halb zerrissen. Der Kardinalarchivar führte ihn, blass und mit zitternden Lippen.

»Eine Fälschung«, stammelte der Papst. »Eine Fälschung. Der Schlüssel fehlt – es ist wertlos –. Der Teufel hat uns alle übertölpelt – die Christenheit ist verloren.«

»Aber, Heiliger Vater, beruhigen Sie sich«, stotterte der Kardinalarchivar.

»Brauchen Sie Hilfe, Heiliger Vater?«, fragte Oberst Segesser stramm. Er warf den beiden Hellebardieren einen scharfen Blick zu. Die Männer zuckten mit den Schultern und rollten mit den Augen.

Der Papst blickte auf und stierte den Obersten an. Plötzlich befreite er sich aus Arnaldo Uccellos Griff, taumelte auf den Schweizergardisten zu und packte ihn am Wams. Unwillkürlich hielt Oberst Segesser die zitternde Gestalt fest; sie schien keinerlei Gewicht zu haben. Er war bestürzt, welche Hitze von dem hageren Körper ausstrahlte. Es war, als ob Papst Urban brennen würde. Der Papst senkte die Stirn auf Segessers Brust.

»Verstehen Sie nicht? Die drei Seiten fehlen, auf denen der Schlüssel zu finden ist«, murmelte der Papst kaum hörbar. »Der Fälscher hat sie nicht mitkopiert. Sie sind irgendwo da draußen. Und das Original ist ebenfalls da draußen, anstatt sicher verwahrt im Geheimarchiv. Wenn das alles in die unrechten Hände fällt – das ist der Beginn der Herrschaft des Teufels.« Papst Urban sprach immer undeutlicher und verstummte zuletzt.

»Rufen Sie den camerlengo und den Leibarzt Seiner Heiligkeit«, sagte der Kardinalarchivar. »Ich weiß nicht, wovon der Heilige Vater spricht, aber Gott sei uns allen gnädig.«

Oberst Segesser drückte den zerbrechlichen Leib des Papstes an sich. Sanft, ganz sanft schob er die rechte Hand unter der Achsel hervor und presste sie auf die Brust des Heiligen Vaters.

»Gott sei seiner Seele gnädig«, sagte er. »Der Leibarzt wird hier nichts mehr ausrichten können.«

3

PATER XAVIER ESPINOSA war irritiert. Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihn jemand heimlich beobachtete. Die Neugier Hunderter von Augenpaaren, die auf ihm ruhten, war etwas anderes.

Er hatte bereits mehrfach die Menge hier auf dem quemadero außerhalb der Stadtmauern Toledos verstohlen gemustert, ohne den Beobachter ausfindig machen zu können. Die Gesichter der Meute hinter der Absperrung waren so formlos wie die der Granden und der Infantin auf dem Podium oder die der Inquisitoren auf ihren Sitzreihen um den Thron des heiligen Dominikus herum. Auf dem Thron hatte Großinquisitor Gaspar Kardinal de Quiroga Platz genommen. Pater Xavier sah Brillengläser funkeln und wusste, dass der junge Hernando Nino de Guevara anwesend war, Pater Xaviers Bruder in dominico und rechte Hand des Großinquisitors. Pater Hernando war darauf vorbereitet gewesen, den Vorsitz des Autodafés zu führen, da Kardinal de Quiroga zum Konklave im August geladen war, um den neuen Papst zu wählen. Doch Kardinal de Quiroga hatte mit den Worten abgelehnt, er würde ohnehin nicht gewählt, seine Mitkardinäle wüssten auch ohne ihn, was sie zu tun hätten, und außerdem sei die Ausrottung von Ketzern aus dem allerkatholischsten Spanien wichtiger als die Wahl des Heiligen Vaters in Rom. Nun, der Kardinal hatte zumindest in zwei Dingen recht gehabt: er war nicht in die engere Wahl gekommen, und die Kardinäle hatten es ohne größere Probleme geschafft, den farblosen Giovanni Battista Castagna zum Papst zu wählen.

Ärger stieg in Pater Xavier hoch, dass er sich derart ablenken ließ. Das Einzige, das ihn nicht in seiner Konzentration störte, war das Wehklagen der Verurteilten, die sich in den eisernen Hüftringen und Gelenkreifen wanden; wenn man oft genug bei einer Ketzerverbrennung Zeuge gewesen war, wusste man, wie man diese besondere Art menschlichen Flehens ausblenden konnte. Nicht einmal die Rufe des jungen Mädchens nach seiner Mutter erreichten ihn auf einer anderen als einer kühlen, professionellen Ebene, die sich damit beschäftigte, wie lange Generalvikar Garcia Loayasa den Rufen noch standhalten konnte.

»Ich mache dem jetzt ein Ende!«, murmelte Loayasa zwischen den Zähnen.

»Ein weiser Entschluss«, flüsterte Pater Xavier.

»Ich habe die Macht, das junge Ding zu begnadigen, nicht wahr, Pater Xavier?«

Pater Xavier warf einen kurzen Blick in das magere, gequälte Pferdegesicht des Generalvikars. Er hatte geahnt, dass Garcia Loayasa heute Nacht zu dieser Erwägung gelangen würde, kaum dass er die Verurteilten gesehen hatte. Es hieß, dass der Generalvikar über ganz Toledo verteilt Töchter besaß und dass er verzweifelt nach einem Bischofssitz strebte, weil ihm das Geld zum Unterhalt, zur Ausbildung und zur Mitgift seiner kleinen Armee aus zweifellos mageren, pferdegesichtigen Töchtern hinten und vorne nicht reichte.

»Ehrwürden sind der Vertreter des Erzbischofs von Toledo«, sagte Pater Xavier. »Der Großinquisitor hatte die Macht zu richten; Ehrwürden haben die Macht, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.«

Loayasa nagte an seiner Unterlippe. »Ich kann ihr das Kreuz noch mal vorhalten; wenn sie sich von ihrer Irrlehre lossagt und es küsst, kann ich ihr das Feuer ersparen, oder nicht?«

»Ehrwürden können das tun.«

»Es wäre christlich gehandelt, denken Sie nicht, Pater Xavier?«

»Selbstverständlich. Großinquisitor Kardinal de Quiroga hat selbst während der ersten Befragungen alles versucht, um das junge Ding zum Lossprechen zu bewegen. Wie bedauerlich, dass die Unselige ihr Herz verhärtet und sich hartnäckig widersetzt hat.«

»Ah ja?«, sagte Generalvikar Loayasa unglücklich und starrte immer noch zur Tribüne.

Das Mädchen zerrte an den Fesseln und wand sich wie verrückt. Ihre Kehle war bereits heiser vom vielen Schreien. Mit dem abrasierten Haar und im obszön gelben Schandgewand wirkte sie noch jünger, als sie war. Sie konnte keinen Tag älter als vierzehn Jahre sein. Pater Xavier hasste die Vorstellung, dass ein so junges Leben so entsetzlich und so vor aller Augen beendet werden musste, und er verabscheute Großinquisitor de Quiroga dafür, dass er nicht den nahe liegenden Weg gewählt und die Verurteilte während der Befragung hatte zu Tode kommen lassen. Man musste stets damit rechnen, dass die Abscheu der Zuschauer vor der protestantischen Irrlehre in Mitleid mit einem einzelnen Verurteilten umschlug, wenn der Verurteilte ein halbes Kind und von zarter Gestalt war und herzzerreißend nach seiner Mutter schrie, während ihm das Fleisch von den Knochen schmorte.

»Ich halte das nicht mehr aus«, sagte der Generalvikar und setzte sich Bewegung.

»Ich bleibe an Ehrwürdens Seite«, sagte Pater Xavier schnell.

»Danke, Pater.«

Als sie vor dem Mädchen standen und zu ihr aufschauten, ging ein Raunen durch die Menge. Garcia Loayasa blickte sich mit hervortretenden Augen um, plötzlich befangen angesichts der ungeteilten Aufmerksamkeit der Zuschauer. Pater Xavier sah, dass Großinquisitor Kardinal de Quiroga sich nach vorn gelehnt hatte. Der Generalvikar nahm dem Priester, der vor dem Scheiterhaufen stand, die lange Stange ab und hielt das Kreuz an ihrem Ende dem Mädchen vors Gesicht.

»Sag dich los, du arme Seele, und die Gnade Christi wird dir zuteilwerden«, murmelte er. Das Mädchen riss an den Fesseln und schrie. Ihre Hand- und Fußgelenke waren aufgescheuert. Mit ihrem Gezappel hatte sie die Holzscheite auf der Krone des Scheiterhaufens so weit von sich weggestoßen, dass es ausgeschlossen war, dass der Rauch sie ersticken konnte, bevor das Feuer sie erreichte.

»Bei allen Heiligen, wo ist denn ihre Mutter?«, stieß Garcia Loayasa hervor.

Die Mutter des Mädchens hatte die Tochter selbst dem Richter überantwortet. Pater Xavier war bei der letzten Befragung dabei gewesen. Die Henkersknechte hatten alle Künste aufbieten müssen, um ihr diese Aussage zu entlocken, und selbst Pater Xavier hatte noch niemals eine Denunziation aus einem derart verrenkten, gequälten Körper herausbrechen sehen.

»Gott der Herr wird wissen, wo sie ist, Ehrwürden«, sagte Pater Xavier.

»Sag dich los«, murmelte der Generalvikar und hielt das Kreuz hoch. Es schwankte vor dem wild hin- und hergeworfenen Kopf der Verurteilten. »Sag dich los, Mädchen, sag dich los, du willst doch nicht brennen, sag dich los und komm in den Schoß der wahren Kirche zurück, sag dich los …«

Der Henkersknecht, der hinter dem Pfahl auf dem Scheiterhaufen stand und darauf wartete, dass jemand in letzter Sekunde einen verstohlenen Wink gab, den Strick zu benutzen und die Unglückliche heimlich zu erdrosseln, während das Feuer entzündet wurde, starrte ratlos auf den Generalvikar herab. In einer Hand hielt er den Strick, in der anderen den Knebel, der dazu diente, Verwünschungen, die ein Verurteilter ausstieß, zu ersticken.

»Ich bin beeindruckt, Ehrwürden«, sagte Pater Xavier. »Die christliche Einstellung von Ehrwürden kennt keine Grenze. Selbst angesichts der Bedrohung des eigenen Untergangs tun Ehrwürden, was Ehrwürden für seine Pflicht als Christ halten.«

Das schwankende Kreuz kam zum Halten.

»Was?«, sagte der Generalvikar.

»Gott der Herr und sein Sohn Jesus Christus sehen auf Ehrwürden herab, wie Ehrwürden versuchen, einer verstockten Sünderin die gerechte Strafe zu ersparen. Auch unser Herr Jesus Christus hat den Sündern verziehen, wenngleich der heilige Petrus, sein Stellvertreter, es richtig fand, Ananias und Saphira niederzuschlagen ihres Verrats an der Gemeinschaft wegen.«

»Ich maße mir nicht an, die Entschlüsse unseres Herrn zu vollziehen«, stieß Garcia Loayasa hervor. »Ebenso wenig wie ich mich im Widerspruch zum heiligen Petrus befinde.« Pater Xavier konnte das unausgesprochene Fragezeichen hinter dem letzten Wort des Generalvikars hören. Er lächelte.

Der Generalvikar senkte das Kreuz um einen halben Zoll. Pater Xavier sah, wie sich die Blicke des Mädchens plötzlich auf das Kruzifix fokussierten. »Aber ich kann doch Gnade üben, Pater Xavier!«

»Selbstverständlich, Ehrwürden. Und mögen Ehrwürden mir erlauben, nochmals meine große Bewunderung auszudrücken angesichts des Mutes, mit dem Ehrwürden die eigene Seele der Gefahr der Verdammnis aussetzen, um diesem irregeleiteten, sündigen Kind des Teufels die Qual des reinigenden Feuers zu ersparen.«

Das Mädchen hörte auf zu schreien. Ihr Gesicht war nass von Rotz und Tränen. Sie schielte auf das Kreuz. Aus ihrer heiseren Kehle drang ein Stöhnen. Ihr Mund arbeitete.

»Der Verdammnis?«, echote Loayasa.

»Nicht zu sprechen von der Unerschrockenheit Ehrwürdens gegenüber allen Pharisäern, die es ablehnen werden, einen Mann auf den Bischofssitz zu heben, der sich unmäßig gnädig gegen eine Häretikerin zeigte und der vielleicht selbst etwas mit der verfluchten Sünde der Ketzerei zu tun hat …«

»Der Ketzerei«, sagte Generalvikar Loayasa.

»Doch ich bin sicher, wenn Ehrwürden dereinst vor dem großen Weltenrichter stehen und gewogen werden, dann wird die Tatsache, dass Ehrwürden aus Mitleid gehandelt haben, die Sünde fast aufheben, dass Ehrwürden die Läuterung einer fehlgeleiteten Seele verhindert haben.«

»Fast aufheben«, wiederholte Generalvikar Loaysa.

Das Mädchen begann zu flüstern. »Herrvergibmirherrvergibmir«, hörte Pater Xavier. Das Flüstern wurde zu einem Winseln. »Herrvergibmirichbindeinedienerin, Herrvergibmirichwidersage-ichwidersageichWIDERSAGE!«.

»Nie habe ich jemanden gesehen, der größeren Edelmut hatte als Ehrwürden«, sagte Pater Xavier laut. Er fasste Loayasas freie Hand, zog ihn halb herum und kniete nieder, um die Hand zu küssen. Das Kreuz schwenkte aus und der Generalvikar hätte beinahe den Stab fallen lassen. Der Priester neben dem Scheiterhaufen griff reaktionsschnell zu.

»Oh nein!«, stöhnte das Mädchen. »Oh nein, o nein, Oh NEIN!«

»Sie lehnt die Tröstung des Kreuzes noch immer ab, Ehrwürden!«, sagte Pater Xavier.

»O mein Gott«, stammelte der Generalvikar. »Verdammnis! Ketzerei! Meine unsterbliche Seele! Der Bischofsstuhl! Was hätte ich beinahe getan, Pater Xavier?«

»Es ist nie zu spät, auf dem Weg des Irrtums umzukehren, Ehrwürden«, sagte Pater Xavier, während er bereits begann, den Generalvikar vom Scheiterhaufen fortzuziehen. Garcia Loayasa stolperte hinter ihm her. Pater Xavier wandte sich um und begegnete dem Blick des Henkers. Er nickte.

»NEIN!«, schrie das Mädchen. »NICHT! Ich …«

Der Knebel erstickte jedes weitere Wort. Das Mädchen begann zu zappeln und zu stöhnen. Die Menge raunte.

»Ehrwürden Loayasa haben einen letzten Versuch gemacht, die Verurteilte umzustimmen!«, schrie Pater Xavier in Richtung der Tribüne. »Sie hat die Gnade ABGELEHNT! Sie hat die Liebe des Herrn VERNEINT! Sie hat das Kruzifix BESPUCKT!«

»Lasst sie brennen!«, brüllte eine Stimme aus der Menge.

Der Großinquisitor erhob sich. Er faltete die Hände vor der Brust und nickte Loayasa zu. Pater Xavier machte, dass er den Generalvikar noch weiter beiseitezerrte.

»Welcher Mut, Ehrwürden«, raunte er unablässig. »Und welche Weisheit, die Vergeblichkeit von Ehrwürdens Gnade einzusehen. Wahrhaft christlich gehandelt, Ehrwürden, wahrhaft christlich gehandelt …«

Knebel steckten jetzt in den Mündern aller Verurteilten und erstickten das Angstgeschrei zu einem Wimmern, als die Scheiterhaufen entzündet wurden. Pater Xavier zog den Generalvikar hinter die Palisade, schnappte sich den erstbesten Weinbecher, der auf einem der groben Tische stand, und drückte ihn Garcia Loayasa in die Hand. Die Feuer begannen zu prasseln und das Harz in den Kiefernästen zu knallen. Als der Generalvikar Anstalten machte, sich zu den Scheiterhaufen umzudrehen, nötigte der Pater ihn zu trinken. Loayasa stürzte den ganzen Becher hinunter. Mit einem kaum merklichen Ausatmen trat Pater Xavier einen Schritt zurück und wandte sich ab.

Es traf ihn wie ein Schock, als er dem vollkommen in Schwarz gekleideten Mann, der plötzlich hinter ihm stand, in die Augen sah und erkannte, dass es diese Augen waren, die ihn die ganze Zeit über beobachtet hatten.

»Ich bin beeindruckt, Pater«, sagte der Fremde und ahmte Pater Xaviers kühle Sprechweise nach, während er an seiner Seite durch die Nacht eilte. Ihre Schritte hallten in den engen Gassen.

»Wo bringen Sie mich hin?«, fragte Pater Xavier.

Sie wandten sich in der Stadt nicht aufwärts zur Kathedrale, sondern hinunter zum Fluss. Der Geruch nach brennendem Fleisch, der in die Gassen wehte und langsam nach oben kroch, blieb hinter ihnen zurück, ebenso die Geräusche, die diejenigen Verurteilten machten, die wie das junge Mädchen nicht im Rauch erstickt waren und jetzt in einer tosenden Flamme hingen. Die Chorgesänge und die Gebete der Priester, die während der Verbrennung die Messe zelebrierten, konnten diese Geräusche niemals übertönen, ebenso wenig wie die mit Nelken gespickten Stoffbeutel oder Äpfel den Gestank der verschmorenden Körper verdecken konnten.

Niemand hielt sie auf, als sie nahe dem Flussufer durch eine der Spalten in der Mauer schlüpften. Pater Xavier konnte das Wasser riechen; als er die Wasseroberfläche erblickte, fröstelte er angesichts ihrer absoluten Schwärze und der vage schimmernden Nebelfäden, die sich darüber kräuselten. Sie marschierten in einen der großen Kiesbrüche, die vom Stadtrand her steil zum Tejo abfielen. Das Mondlicht, das von den Nebelschwaden reflektiert wurde, gab einen ungewissen Schimmer und zeigte einem, wo man die Füße hinsetzen musste. Der Überhang des Steinbruchs schirmte die Geräusche der Stadt ab, so wie er alle Geräusche, die hier unten entstanden, gegen die Stadt hin abschirmen würde. Der Steilhang wölbte sich über ihnen wie ein Totenschädel.

Einer der Schatten weiter vorn stand plötzlich auf. Pater Xavier glaubte eine Klinge unter einem dunklen Mantel blitzen zu sehen. »Don Manuel?«, fragte der Schatten.

»›Ich würde selbst das Holz herbeitragen, um einen Scheiterhaufen für meinen Sohn zu errichten, wäre er so verdorben wie ein Protestant‹«, sagte der dunkle Mann.

»Sie können passieren, Don Manuel.«

Am Ende des Steinbruchs sah Pater Xavier jetzt eine Ansammlung von Hütten. Einen zweiten Wachposten erkannte er, noch während sie sich ihm näherten. Diesmal war keine Parole nötig, doch Pater Xavier wurde angehalten, abgeklopft und untersucht. Der Wachposten ging mit leidenschaftsloser Grobheit vor. Pater Xavier bemühte sich, nicht zu zucken, als die tastende Hand unter seiner Kutte an seinem Bein in die Höhe fuhr und sich mit einem harten, prüfenden Griff um sein Gemächt schloss.

»Sauber, Don Manuel«, sagte der Wachposten, als er sich aufrichtete.

»Ich bin immer noch beeindruckt, Pater«, sagte der dunkle Mann. »Ein Mann, dem jeder Protestant in Spanien den Tod wünschen muss, läuft ohne versteckten Dolch herum?«

»Mein Glaube ist meine Waffe.«

»Sehen Sie den Eingang zur mittleren Hütte?«, fragte der dunkle Mann.

Pater Xavier nickte.

»Dort wartet man auf Sie.«

»Und was ist mit Ihnen?«

»Ich genieße weiterhin die gute Nachtluft«, sagte der dunkle Mann.

Ich bin tot, dachte Pater Xavier. Wer immer dort drin auf mich wartet, sie bringen mich um, und sie wollen so wenige Zeugen wie möglich dabei haben. Wenigstens werden sie mich nicht verbrennen – das Feuer würde man drüben am anderen Ufer sehen. Er versuchte Trost darin zu finden, dass ihm die Todesart, die er am meisten fürchtete, erspart bleiben würde. Äußerlich war ihm nichts anzumerken, als er sich auf den Weg machte.

»Passen Sie auf den unebenen Boden auf, Pater«, sagte der dunkle Mann. »Fallen Sie nicht hin.«

Vor der Tür zur Hütte zögerte Pater Xavier einen Herzschlag lang, doch dann drückte er die Tür auf und trat schwungvoll ein. Eine Kerzenflamme zeigte ihm Gesichter, dann ging die Kerze im Luftzug des energisch aufschwingenden Türblattes aus. Es wurde dunkel. Vor seinen Augen tanzten die komplementärfarbenen Abbilder der halb gesehenen Gestalten.

Eine Sekunde herrschte Schweigen.

»Schön, Pater Xavier«, sagte dann eine trockene Stimme in die Finsternis. »Ich für meinen Teil weiß jetzt, dass Sie noch genügend Kraft haben. So lange wie ich schon Ihren Namen höre, dachte ich immer, Sie müssten eigentlich ein zittriger Greis sein.«

»Uns Kleriker hält der Glaube an die katholische Kirche jung«, sagte Pater Xavier.

Er hörte das Klicken von Feuersteinen, sah Funken aufsprühen und in ein Häuflein Zunder fallen. Dann blühte eine Flamme auf, sprang auf einen Docht über und wurde zur Kerze getragen. In den neu entstehenden Lichtkreis schob sich das Gesicht einer großen Schildkröte und betrachtete ihn mit funkelnden Augen. »Stimmt nicht«, sagte die Schildkröte mit der trockenen Stimme von vorhin. »Mir hat er ein langes Leben beschert, aber jung erhalten hat er mich nicht.«

Pater Xavier sank auf die Knie. »Eminenz«, sagte er und bekreuzigte sich. Er hielt den Kopf gesenkt und starrte auf den Boden der Hütte, was ihm der sicherste Weg schien, sich seine absolute Überraschung nicht anmerken zu lassen.

»Schon gut, Pater Xavier«, sagte Kardinal Cervantes de Gaete. Sein faltiges Schildkrötengesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Der freie Hocker hier ist für Sie. Setzen Sie sich. Und nennen Sie mich nicht Eminenz. Dieser Titel ist lächerlich, ob nun Papst Urban ihn eingeführt hat oder nicht.«

Pater Xavier schlug das Kreuzzeichen erneut, zog den Hocker zurück, strich die Kutte glatt und setzte sich. Erst dann erlaubte er sich, aufzublicken. Er kannte auch die anderen drei Gesichter: Giovanni Kardinal Facchinetti, Titularpatriarch der Erzdiözese Jerusalem, Ludwig Kardinal von Madruzzo, der päpstliche Legat für Spanien und Portugal (die beide frisch vom Konklave hier eingetroffen sein mussten und vermutlich noch mit der Tatsache kämpften, dass sie beide nicht gewählt worden waren); und schließlich das letzte Gesicht, das ihn mit mehr freimütiger Neugier als die anderen musterte. Sein Besitzer hatte die Brille abgenommen und drehte sie in einer Hand. »Was hatte Generalvikar Loayasa vor?«, fragte er.

»Er unternahm noch einen letzten Versuch, eine verketzerte Seele zu bekehren, Pater Hernando«, sagte Pater Xavier. »Der Generalvikar ist ein wahrer christlicher Held.«

»Für mich sah es eher so aus, als wollte er sie der Gerechtigkeit entziehen; vielleicht erinnerte sie ihn ja an eine seiner Töchter, was meinst du, Pater Xavier?«

Die beiden Dominikaner, Pater Hernando und Pater Xavier, musterten sich über die Kerzenflamme hinweg.

»Über die Entfernung und den Rauch hinweg können sich Dinge in der Wahrnehmung verzerrt haben, Pater Hernando.«

»Oder sollte ich dem Großinquisitor raten, den guten Generalvikar einmal einer eingehenden Prüfung zu unterziehen?«

»Da du und ich fest davon überzeugt sind, dass sich bei Generalvikar Garcia Loayasa keinerlei Falsch finden und damit der Ruf der katholischen Kirche in Spanien nicht befleckt werden kann, stimme ich dir aus ganzem Herzen zu, Pater Hernando.«

Hernando de Guevara nickte, doch seine Augen verengten sich. Dann lehnte er sich zurück und setzte seine Brille wieder auf. Pater Xavier fragte sich, wie Pater Hernando es geschafft hatte, vor ihm in der Hütte anzukommen. Als er mit dem dunklen Mann die Richtstätte verlassen hatte, hatte der Assistent des Großinquisitors noch immer auf seinem Podium gestanden. Die Antwort war, dass der dunkle Mann ihn auf einen Umweg geführt haben und Pater Hernando eine Abkürzung benutzt haben musste. Pater Xavier beschloss, sich von solchen Taschenspielertricks nicht beeindrucken zu lassen. Gleichzeitig war ihm klar, dass er seinen Mitbruder in geradezu tödlichem Umfang unterschätzte, wenn er ihm nicht mehr als Taschenspielertricks zubilligte.

»Pater Xavier Espinosa«, sagte Kardinal de Gaete. »Geboren in Lissabon, im Säuglingsalter als puer oblatus in die Obhut des dominikanischen Klosters in Avila gegeben im Jahr des Herrn und der Hinzufügung des vormaligen Reichs der Inka zu den spanischen Überseeprovinzen 1532. Hervorragende Referenzen in Glaubensfestigkeit, Kenntnis der Schriften und Rhetorik. Keinerlei Referenzen zu Gehorsam, Demut und Nächstenliebe.«

Pater Xavier machte eine Bewegung, doch der Kardinal winkte ab.

»Jeder dient dem Herrn auf seine Weise, Pater«, sagte er. »Von 1555 bis 1560 intensive Studien der geheimen Archive der Bibliotheca Apostolica Vaticana, wo Sie sich mit dem Entwurf eines Regelwerks für den Zutritt zu den Geheimarchiven hervorgetan haben, das im Wesentlichen darin besteht, dass außer dem Papst und den Kardinälen so gut wie niemand hineindarf und das Papst Sixtus V. nach dem vollendeten Neubau der Bibliothek übernommen und noch verschärft hat.« Der Kardinal blickte auf. »Eine Regelung ganz in meinem Sinn, lieber Pater Xavier. Konsequenterweise heißt es, dass kaum jemand die dort vorgehaltenen Schriften so gut kennt wie Sie. In den Jahren von 1560 bis 1566 Assistent des Erzbischofs von Madrid – gab es da nicht einen kleinen Skandal, weil der Bruder des Erzbischofs mit einem Wiener Kaufmann Geschäfte für den Königshof machte, obwohl König Philipp die Weisung ausgegeben hatte, nur spanische Lieferanten dürften den Hof beliefern?«

»Seine Ehrwürden fand heraus, dass ein Buchhalter seines Bruders dies in aller Heimlichkeit getan hatte; der Buchhalter wurde bestraft«, sagte Pater Xavier sanft.

»Richtig, der Buchhalter seines Bruders. Erstaunlich, wie so ein Buchhalter herausfinden konnte, welche Güter zu Anlässen benötigt wurden, von denen eigentlich nur der Erzbischof und König Philipp selbst wussten.«

Pater Xavier lächelte und neigte den Kopf, um anzudeuten, dass es tatsächlich erstaunlich war, was so ein Buchhalter alles herausfinden konnte.

»Hat sich der Mann nicht auf ganz merkwürdige Art und Weise im Kerker das Leben genommen, bevor es zur Gerichtsverhandlung kam? Na, egal. Von 1567 bis 1568 waren Sie der Beichtvater von Don Carlos, dem Infanten von Spanien; nach dem bedauerlichen Unglücksfall, der zum Tod des Infanten führte, Beichtvater des jungen Erzherzogs Rudolf von Österreich während dessen Aufenthalt am Hof unseres allerkatholischsten Königs Philipp in Madrid und dann in Wien bis zum Jahr 1576, in welchem aus dem Erzherzog Rudolf der Kaiser Rudolf wurde. Nach Ihrer Rückkehr aus Wien Assistent des Bischofs von Espiritu Santo in Mexico und mitverantwortlich für die Erfolge des dortigen Tribunal del Santo Oficio de la Inquisicion bis 1585. Danach taucht Ihr Name immer wieder in verschiedenen Chroniken in Spanien auf. Derzeit helfen Sie dem Generalvikar von Toledo beim Tragen seiner schweren Bürde, das Amt des Erzbischofs auszufüllen.« Kardinal de Gaete lehnte sich zurück. Er hatte nicht ein einziges Mal nachdenken müssen, um sich die Fakten in Erinnerung zu rufen. »Erkennen Sie sich wieder, Pater Xavier?«

»Euer Eminenz Kenntnisse sind lückenlos«, sagte Pater Xavier und verwendete den verhassten Titel ganz bewusst.

»Ein Mann mit Ihrer Erfahrung und Ihrem Alter sollte eigentlich einen hohen klerikalen Rang bekleiden und nicht nur Berater von Bischöfen und Kardinälen sein.«

»Meine Aufgabe ist der Dienst an der katholischen Kirche.«

Kardinal de Gaete musterte Pater Xaviers Gesicht eine ganze Weile. »Sie müssen wieder an den Hof von Kaiser Rudolf«, sagte er, »nach Prag.«

Pater Xavier sah das bleiche, hohlwangige Gesicht von Erzherzog Rudolf vor sich, aus dem ihm täglich der sture, mühsam unterdrückte Hass des schwächeren, unsichereren Geistes entgegengeschlagen war, ein Hass, hinter dem sich ein noch mächtigeres Gefühl zu verstecken versuchte: Angst. Rudolf war nun seit fast fünfzehn Jahren Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Seit Pater Xavier ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte Rudolf von Habsburg, wie man hörte, eine Reise in die Dunkelheit des Aberglaubens, in den Irrwitz der Alchimie und in den beginnenden Wahnsinn angetreten. Das Reich taumelte unter seiner Führung zwischen Glaube und Ketzerei dem Abgrund entgegen. Pater Xavier hatte bereits nach der ersten Begegnung gewusst, dass die Dämonen von Macht, Verantwortung und eigener Unzulänglichkeit Rudolf zwischen sich zerreiben würden. Es war fast erstaunlich, dass er nicht schon vor zehn Jahren komplett wahnsinnig geworden war.

»Der Mann hasst mich«, sagte Pater Xavier unerwartet direkt.

»Kaiser Rudolf hasst alles, was mit der katholischen Kirche zu tun hat«, zischte Kardinal Madruzzo. »Was mit den Protestanten zu tun hat, hasst er auch. Ebenso die Muselmanen. Das Einzige, was er liebt, sind die Alchimie und seine Kuriositätensammlung; die Einzigen, auf die er hört, sind die Astronomen, die an seinem Hof herumschwärmen wie die Fliegen auf einem Haufen Scheiße.«

Kardinal de Gaete zuckte zu den heftigen Worten, widersprach aber nicht. »Ihr Dienst an der katholischen Kirche führt Sie nach Prag, ob Sie es wollen oder nicht, Pater Xavier.«

Pater Xavier zuckte mit den Schultern. »Ich wirke dort, wo Gott der Herr und der Heilige Vater mich haben wollen«, sagte er.

Kardinal de Gaetes Augen funkelten. »Sie wirken dort, wo wir sie haben wollen«, sagte er. Pater Xavier ließ sich nicht anmerken, dass er diese Antwort zu provozieren gehofft hatte. Nun wusste er, woran er war.

»Wir haben drei Neuigkeiten für dich, Pater Xavier«, sagte Pater Hernando. »Kaiser Rudolf hat sich vor den Forderungen, die unser allerkatholischster König wegen seiner Heirat an ihn stellt, vor den Nachrichten über die Übergriffe der Türken und vor seinen Aufgaben als Verteidiger des ...

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