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Die Templerverschwörung

Inhaltsübersicht

PROLOG

ERSTER TEIL

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

8. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

ZWEITER TEIL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

30. KAPITEL

31. KAPITEL

32. KAPITEL

33. KAPITEL

34. KAPITEL

35. KAPITEL

36. KAPITEL

37. KAPITEL

38. KAPITEL

39. KAPITEL

40. KAPITEL

41. KAPITEL

42. KAPITEL

43. KAPITEL

44. KAPITEL

45. KAPITEL

46. KAPITEL

47. KAPITEL

48. KAPITEL

EPILOG

PROLOG

Addis Abeba

»Warum bin ich hier?«

Schweigen. Der Mann gegenüber gab keine Antwort.

»Ich habe gefragt: Warum bin ich hier?«

Erneut Schweigen, ein starrer Blick und zusammengepresste Lippen.

Zuvor hatte man ihn hierhergebracht, ihm befohlen, auf einem der beiden Stühle Platz zu nehmen und ihn sich selbst überlassen. Er hatte sich lange den Kopf zermartert und war auf dem harten Sitz hin und her gerutscht. Der Raum war keine Gefängniszelle, kam einer solchen aber ziemlich nahe. In der Ecke hockte eine Spinne in ihrem Netz. Kein Fenster. Nur eine nackte Glühbirne hing von der Decke und tauchte alles ringsum in farbloses Licht. Der Raum war ungeheizt, ob aus Nachlässigkeit oder Absicht, konnte er nicht sagen. Seine Kleider hatten sie ihm gelassen, aber Handy, GPS, Schreibblöcke und Stifte abgenommen.

Am Abend zuvor – er hatte vor dem Itegue Taitu an der Wingate Street gestanden und mit ein paar Hotelgirls geschwatzt – waren zwei Männer an ihn herangetreten –, sehr höflich, mit amerikanischem Akzent, deren braune Hosen und Blazer, korrekt zugeknöpfte weiße Popelinehemden mit einer Art gestreiftem College-Schlips sich stark von seiner eigenen Reisekluft abhoben. Sie stellten sich nicht mit Namen vor. Aber einer kannte seinen und sagte: »Können Sie uns bitte nach dort drüben folgen, Mr. Boothe-Rogers?« Er war mitgegangen, denn es gab keinen Anlass zu glauben, dass daran etwas nicht stimmen sollte. Immerhin hatte er die ganze Welt und in der letzten Zeit Äthiopien bereist, ohne dass ihm etwas zugestoßen war. Bis zu diesem Zeitpunkt. Während er neben dem Mann ging, der seinen Namen kannte, schob sich der zweite hinter ihn, drückte ihm etwas Hartes ins Kreuz, was die Hotelgirls nicht sehen konnten, und befahl ihm, in den Wagen zu steigen, der am Bordstein wartete. Natürlich wollte er protestieren, warum auch nicht? Aber da zückte der erste Mann ein kurzes Messer, hielt es vor sein rechtes Auge und raunte, er möge ein braver Junge sein. Also gehorchte er lieber und stieg in den Wagen, einen BMW, den man auf den Straßen dieser Stadt nicht häufig sah. Die Hotelgirls schauten weg, wie man es von ihnen erwartete.

»Ich will wissen, weshalb Sie mich hier festhalten«, sagte er. Es war nur noch eine Person im Raum – ein Mann um die vierzig, beide Arme von den Handgelenken bis zu den Schultern mit Tattoos bedeckt – Kirituhi der Maoris, für Ausländer gemacht. Ihm kam der Gedanke, sein Bewacher verstehe vielleicht kein Englisch und antworte deshalb nicht. Für einen Äthiopier war er viel zu hellhäutig, konnte aber Libanese oder Israeli, Spanier oder Portugiese sein. Minuten vergingen. Jonathan fragte sich, ob man ihn durch einen Einwegspiegel beobachtete. Er konnte sich absolut nicht vorstellen, was das Ganze sollte. Er war auf Demonstrationen gegen Israel gewesen, hatte dort »Hamas, Hamas, Juden ins Gas« gesungen, weil er für ein unterdrücktes Volk Solidarität empfand und dessen imperialistische Unterdrücker hasste. Aber selbst die Israelis sahen das nicht so verbissen, außerdem war der MOSSAD in Äthiopien bestimmt nicht aktiv und er ein britischer Bürger mit entsprechenden Rechten. Er hätte es für eine Verwechslung gehalten, wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass die Entführer ihn mit seinem Namen angesprochen hatten. Wenn sie den kannten, dann wussten sie auch, wer er war. Er hatte über seine Reisen mehrere Bücher veröffentlicht und für das Fernsehen eine Serie gemacht, die ihn auf den Spuren des berühmten Forschungsreisenden Wilfred Thesiger bis ins Leere Viertel der Arabischen Wüste geführt hatte. Nach Äthiopien war er gekommen, um sich die Kirchen von Lalibela, die Obeliske von Axum und die Wüste Danakil mit ihren Salzlagerstätten und aktiven Vulkanen anzusehen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, sich von Militärobjekten und anderen heiklen Orten fernzuhalten. Genau das hatte er getan. Nur Amateure stolperten ahnungslos in Raketentestgelände oder Folterzentren. Er war kein Amateur, was also sollte er in diesem Raum? Worauf wartete er hier?

Nach weiteren zehn Minuten ging die Tür auf, und die beiden Amerikaner traten ein, die ihn am Abend zuvor hierhergeschleppt hatten. Sie waren immer noch korrekt gekleidet und machten nicht den Eindruck, als hätten sie letzte Nacht schlecht geschlafen. Beide waren groß, schlank und frisch rasiert. Jonathan schätzte sie um die vierzig, so alt wie er selbst. Der eine hatte schwarzes, der andere graumeliertes Haar, beide waren kurz geschoren. Der Dunkelhaarige nahm auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz, der Andere lehnte sich an die Wand. Er hatte eine braune Aktenmappe unter den Arm geklemmt. Es war der mit dem Messer. Jonathan fiel ein, dass es immer noch in seiner Hosentasche stecken konnte.

»Haben Sie gut geschlafen?«, fragte der Dunkelhaarige.

»Nicht besonders. Aber ich denke, Sie sind mir ein paar Erklärungen schuldig. Die erste Frage wäre: Wer sind Sie?«

»Haben Sie etwas gegessen?«

Man hatte ihm ein Stück altes Brot und eine Tasse lauwarmen Kaffee vorgesetzt. Er sagte nichts.

»Wo ist Washa Meskel?«, fragte jetzt der Grauhaarige.

»Was soll das sein? Es klingt äthiopisch, aber wieso soll ich das verstehen? Ich kenne kaum ein Wort dieser verdammten Sprache. Fragen Sie doch einen Äthiopier, der wird es vielleicht wissen.«

»Zeigen Sie es mir.«

Der Mann nahm eine Karte von Äthiopien aus der Mappe und breitete sie vor ihm auf dem Fußboden aus.

»Können Sie es mir zeigen? Ist es hier?« Er wies auf einen Punkt im Norden. »Oder hier?« Er zeigte auf den Südteil des Landes. »In der Nähe von Axum vielleicht? Oder bei Lalibela? Vielleicht auch weiter südlich, oder im zentralen Teil, in der Nähe der Hauptstadt? Möglicherweise am Tanasee? Auf einer der Inseln? Oder weiter im Süden?«

Er sagte nichts. Er wusste die Antwort, aber das behielt er für sich. Er vermutete, sie würden ihn töten, wenn er es sagte. Oder auch, wenn er stumm blieb. Das war jetzt wohl gleichgültig.

»Mr. Boothe-Rogers, seien Sie bitte ehrlich zu mir. Vor zwei Tagen sind Sie abends in der Bar My Pub an der Haile Gebreselassie Street gewesen. Stimmt das?«

Er schwieg.

»Sie brauchen sich nicht so zu haben«, sagte der Amerikaner. »Man hat Sie dort gesehen.«

»Dann war ich wohl dort.«

»Sehr gut. Sie waren dort mit ein paar britischen Entwicklungshelfern. Am frühen Abend haben Sie mit ihnen Poolbillard gespielt. Dann saßen Sie alle mit einer Gruppe Lehrer von der British International School zusammen. Sie haben eine Menge Bier getrunken, einige Männer haben Frauen getroffen und sind mit denen losgezogen. Sie sind beim harten Kern geblieben und haben sich Geschichten erzählt. Dabei hat jemand gehört, dass Sie behaupteten, Sie hätten ein tolles Felsenkloster namens Washa Meskel entdeckt und dort drei Tage verbracht. Leider haben Sie nicht gesagt, wo es liegt.«

Er zuckte die Achseln.

»Mr. Boothe-Rogers, Jonathan. Sie sind nicht gerade kooperativ. Ich möchte doch nur eine Ortsangabe von Ihnen. Was ist so Besonderes an Washa Meskel, dass Sie uns nicht sagen wollen, wo dieser Ort liegt?«

Eine lange Pause folgte. Keiner sagte ein Wort. Nun trat der Graumelierte an Jonathan heran und nahm dessen linke Hand. Er hielt sie fest und umwickelte sie mit einem weißen Tuch, einer Art Stoffserviette. Dann zog er eine kleine rote Gartenschere aus der Tasche, schob sie unter das Tuch, spreizte Jonathans kleinen Finger ab und hatte ihn im nächsten Augenblick durchgeschnitten. Für das Werkzeug war das nicht mehr als ein dünner Zweig.

Augenblicklich färbte sich das Tuch hellrot. Der Mann nahm Jonathans rechte Hand und befahl ihm, das Tuch gegen die Wunde zu drücken, um das Blut zu stillen. Der schrie und wollte gar nicht wieder aufhören.

»Mr. Boothe-Rogers, Sie haben noch sieben Finger und zwei Daumen. Ich knipse sie Ihnen einen nach dem anderen ab, bis Sie meinem Partner sagen, wo Washa Meskel liegt. Wenn das nicht hilft, haben Sie auch noch zehn Zehen. Und zwei Ohren.«

Der Schwarzhaarige lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorn. Er hieß Gregory, war zweiundvierzig Jahre alt und stolzer Vater von vier Kindern, zwei Jungen und zwei Mädchen. Der Graumelierte lehnte wieder an der Wand. Sein Name war Daniel. Er betätigte sich auch als Opernbuffo und besaß eine riesige Sammlung von Opernaufnahmen. Bei Gelegenheiten wie dieser spielte er manchmal Arien, um die Schreie seiner Opfer zu übertönen.

»Wenn Sie mich zwingen, Ihnen die Finger abschneiden zu lassen«, sagte Gregory, »dann sind Ihre Tage als furchtloser Abenteurer gezählt. Sie sind jetzt vierzig Jahre alt. Da haben Sie noch viele Reisen, Bücher und Fernsehshows vor sich. Aber wenn wir mit Ihnen so umgehen, wie es unsere Vorfahren mit ihren Gefangenen getan haben, dann werden Sie mich noch anflehen, Sie zu töten, das können Sie mir glauben. Und ich werde nicht zögern. Aber es wird ein langsames Sterben werden.«

»Warum zum Teufel wollt ihr mich wegen einer so trivialen Sache umbringen?«, rief Jonathan mit vor Entsetzen bebender Stimme. »Oder mir die Finger abhacken? Versteht ihr Bastarde denn nicht? Ich war nie in diesem verdammten Washa Meskel! Ich habe nur den Namen gehört!«

»Und was sagt der Ihnen?«

»Gar nichts. Ich habe doch schon erklärt, dass ich höchstens zehn Wörter Amharisch spreche. Es ist ein Kreuz, es hat irgendwas mit einem Kreuz zu tun, das ist alles, was ich weiß.«

»Man hat gehört, dass Sie gesagt haben, Sie wären dort gewesen und hätten sich drei Tage lang dort aufgehalten.«

»Das habe ich nicht gesagt. Ihr Informant muss sich verhört haben.«

Das stimmte nicht. Er hatte all das gesagt und sogar noch mehr. Es war der Fluch des Abenteurers, seine Geschichten so auszuschmücken, dass den Zuhörern die Augen übergingen und sie nicht genug kriegen konnten. Er hatte von einem Kloster dieses Namens gehört, einem rätselhaften Ort, tief in den Bergen versteckt. Es passte so schön, zu behaupten, er sei dort gewesen. Die Story hatte er in sein nächstes Buch einbauen wollen. In Wahrheit hatte er diesen Ort nie gesehen.

»Ein Freund von mir hat es vor Jahren aufgesucht«, behauptete er jetzt. »Er ist eine Weile dort gewesen. Ein Kloster oder so etwas Ähnliches, nicht wahr? Mein Gott, tut das weh! Machen Sie doch was dagegen!«

»Und hat er dort etwas Interessantes gesehen?«

»Woher soll ich das wissen? Er hat nur erzählt, die Kletterei dort hinauf sei sehr gefährlich gewesen, und er würde das nie wieder ohne entsprechende Ausrüstung tun. Er meinte, ich sollte mich davon fernhalten. Er wollte mir nicht sagen, wo es liegt.«

»Hat dieser Freund auch einen Namen?«

»Den hab ich vergessen, es ist Jahre her. Wer sind Sie überhaupt? Von der CIA? Als Gangster verkleidet? Dürfen CIA-Leute foltern? Ich bin britischer Bürger, Sie und ich müssten doch Verbündete sein. Sie aber behandeln mich wie einen Terroristen von Al-Khaida oder Hamas. Fuck you!«

»Mr. Boothe-Rogers, Jonathan. Sie sind nicht von der schnellen Truppe, was? Wir können es auf die weiche Tour machen oder auf die harte. Das hängt ganz von Ihnen ab. Vielleicht kann mein Freund Ihrem Gedächtnis etwas nachhelfen.«

Er nickte dem Grauhaarigen zu. Der trat auf weichen Sohlen einen Schritt vor, lautlos wie ein Geist. Er hielt schon wieder eine Serviette in der einen und die Gartenschere in der anderen Hand.

»Die größeren Finger schmerzen mehr«, sagte er. »Sie werden wohl wegtreten. Aber keine Sorge. Wir kriegen Sie schon wieder wach.«

ERSTER TEIL

1. KAPITEL

Cambridge, Freitag, 6. Dezember 201 …

An einer Straßenecke von Cambridge, unweit des St. John’s College und nur wenige Schritte von der King’s Chapel entfernt, steht eine kleine Kirche von so ungewöhnlicher Herkunft und eigentümlicher Gestalt, dass jeder Passant sich nach ihr umdreht. An dem Morgen, von dem hier die Rede ist, war sie so tief eingeschneit, dass sie aussah wie eine riesige Torte. Ringsum fiel immer noch Schnee auf St. John’s Chapel, auf die Cambridge Union, auf das Café on the Round und das Café Uno, auf Sidney Street und Bridge Street, auf die ganze Stadt mit ihrer Gelehrsamkeit, ihrer Geschichte und ihren büffelnden Studenten. Weihnachten war nicht mehr weit, und Cambridge hatte Weiß angelegt – als weltliche Wohltat oder als Decke für begangene Sünden. In den Kirchen der Colleges übten Chöre die Choräle ein, die sie zur Mitternachtsmesse singen wollten. Überall blieben die Leute stehen, um etwas von den Engelsstimmen zu erhaschen, die den Himmel rühmten. Aber an geheimen Orten, wohin diese Stimmen nicht drangen und Schweigen über uralten Steinen lag, schweifte die Sünde umher. Hunde mit aufgestellten Schwänzen streunten durch düstere Kreuzgänge zwischen menschlichen Schatten, mit dürren Flanken nach Sünde hechelnd, mit langen, aus den Mäulern hängenden Zungen das Böse anziehend.

Die Kirche an der Ecke ist einzigartig. Ganz England hat nur vier davon. Man bewundert sie als ein Meisterwerk normannischer Architektur. Es ist ein kleiner kreisrunder Bau mit einem flachen Fenstergeschoss und einem Dach wie ein umgestülpter Eisbecher. Dieses wird im Innenraum von acht Säulen, dick wie Baumstämme, getragen. Sie laufen in acht Männerköpfen aus, die man gestaltet und platziert hat, als wären es abgeschlagene Sarazenenhäupter.

Das sollen sie vielleicht auch sein. Die Rundkirche heißt Vom Heiligen Grabe, womit der Bezug zu den Kreuzrittern hergestellt wäre. Hier im Herzen Englands, in William Blakes »grünem und lieblichem Land«, steht sie, benannt nach dem wichtigsten Gotteshaus der Christenheit, der Grabeskirche von Jerusalem. Jener Kirche auf dem Kalvarienberg, wo Jesus gekreuzigt wurde, die man über dem Heiligen Grab errichtete, in das man ihn bettete und aus dem er wiederauferstand. Die gleichnamige von Cambridge wurde im Jahre 1130 zwischen dem Ersten und dem Zweiten Kreuzzug erbaut. Vielleicht sollen die Köpfe auf den Säulen den mittelalterlichen Götzen Baphomet darstellen, den Menschenfresser, den man auch den falschen Propheten Mahound – später Mahomet – nannte, in unseren Tagen Mohammed, der die Menschen zu Wollust und Mord verführt. Die Kreuzfahrer glaubten daran, und bei den Tempelrittern galt es als unumstritten. Die Zeiten haben sich geändert. Heute wagt es niemand mehr, den Propheten der muslimischen Welt zu verhöhnen, aber die Köpfe in der Rundkirche schauen immer noch von ihren Säulen herab, scheinen zu lauschen und zu flüstern.

Kaleb Ameta überlief ein Schauer, als er die Sidney Street entlangging. Schnee gehörte nicht zu seiner natürlichen Lebensumwelt. Bevor er nach Cambridge gekommen war, um hier zu arbeiten, hatte er wirkliche Kälte nur aus dem Simien-Gebirge im Norden seines geliebten Äthiopiens gekannt. Aber der Schönheit der in strahlendes Weiß gehüllten Straßen und College-Gebäude konnte auch er sich nicht entziehen. Die Schneeluft machte seiner alten Lunge zu schaffen, doch sie verlieh allem ringsum eine Frische, die so recht zu seiner Stimmung passte. Er fühlte sich an diesem Tag so beschwingt, dass er überhaupt nicht an seine Lunge dachte. Das hatte seinen Grund. Die Aktentasche in seiner rechten Hand wog schwer, und der Gedanke an ihren Inhalt ließ sein Herz höherschlagen.

Zum Weihnachtsfest rüstete man sich hier reichlich früh. In seinem Heimatland hätte er noch weitere zwei Wochen warten müssen – bis zum 7. Januar, dem orthodoxen Christfest. Der Schnee war schön anzusehen, aber es strengte ihn an, sich einen Weg durch das frische Weiß zu bahnen. Er wurde alt – ein Mann in den Sechzigern mit weißem Haar und einem Buckel. In England lebte er bereits zu lange, hatte zwar an Jahren, aber nicht an Ansehen gewonnen. Seit seine Frau vor sechs Monaten gestorben war, stand er praktisch allein da. Freunde hatte er nur unter den Kollegen an der Universität oder unter den wenigen Äthiopiern in Cambridge. Heute war für sie ein wichtiger Tag. Ein Gottesdienst nach ihren Riten wurde in der Rundkirche abgehalten, die so gestaltet war, wie er sie als kleiner Junge in der nördlichen Stadt Axum gekannt hatte. Kirchen in Äthiopien waren entweder rund oder rechteckig, aber in jeder war hinter prächtigen Vorhängen eine Stein- oder Holztafel mit einer Abbildung der Bundeslade aufgestellt, die unter den goldenen Schwingen der Seraphim in Salomos Tempel gestanden hatte. Von ihr wanderten seine Gedanken zu der Lehrstunde des Zentrums für Afrikanische Studien, die er um 11.00 Uhr abhalten wollte. Es war der letzte Tag des Semesters; die meisten Studenten hatten sich bereits in die Weihnachtsferien verabschiedet. Für seine kleine Gruppe hielt er eine Überraschung bereit. Er wollte den jungen Leuten über die Feiertage etwas zum Nachdenken mitgeben. Jahre intensiver Forschungsarbeit zahlten sich jetzt endlich aus. Die Entdeckung, die er gemacht hatte, würde die Welt erschüttern.

Zu seiner Rechten ließ er Sidney Sussex College hinter sich. Bis zur Rundkirche blieben nur noch wenige Meter. Andere Äthiopier strebten ihr zu, die Gesichter vermummt, in Anoraks, Mäntel und Lederjacken gehüllt, um warm zu bleiben. Ob gläubig oder nicht, sie kamen alle, denn dies war ein Tag, an dem sie sich zu ihrer Kultur, zu ihrem Erbe bekennen konnten. Im Alltag waren sie Vertriebene, die fern von der Heimat in einem kalten Land ein trauriges Leben fristeten. Kaleb war dankbar, dass er sich als Leiter des Fachbereichs Äthiopische Studien der Universität in einigen winzigen Räumen des Zentrums für Afrikanische Studien täglich mit äthiopischer Kultur befassen durfte. Jetzt schickte er sich an, so meinte er, die größte Entdeckung in der Geschichte seiner Disziplin öffentlich zu machen, einen Fund, der auf allen Kontinenten Widerhall finden würde.

Der provisorische Altar in der Kirche stand, in eine Wolke von Weihrauch gehüllt, gleich dem Schirm, der die Lade vor dem Hohepriester verbirgt, wenn er sie am Tag des Sühneopfers aufsucht. Es wäre sein Tod, wenn er sich ihr so weit näherte, dass er die Cherubim erblickte oder gar die Lade mit eigenen Augen sähe und damit Gott zu nahe käme. Dieses Gebot galt vor vielen, vielen Jahren zur Zeit des Ersten Tempels, aber hier war nicht Jerusalem. Aus den Rauchschwaden leuchteten Kerzen herüber wie winzige Sterne im Pferdekopfnebel, fünfzig Millionen Lichtjahre entfernt, in einer anderen Galaxie, wo sie bis heute entstehen. In dieser englischsten aller Kirchen sang kein Chor vom Christuskind in der Krippe. Auf einer Seite ertönte eine Trommel – ein riesiges liturgisches Instrument, mit rotem geblümtem Stoff umhüllt. In ihren eindringlichen, stampfenden Rhythmus fiel bald eine zweite ein, der schwingende Hände dumpfe Töne entlockten. In zwei Reihen aufgestellte Diakone in weißen Gewändern, weiße Kronen auf den Köpfen und schwarze Umhänge wie Ebenholz über den breiten Schultern, wiegten sich im Rhythmus der Trommeln und schwangen dabei ihre Sistren, die die Pausen zwischen den Trommelschlägen mit ihren klappernden Tönen füllten. In der Linken hielten sie lange Gebetsstäbe wie Blindenstöcke, den Griff nach oben gerichtet. Die Trommler zogen endlose Kreise um sie, und ihre Schläge füllten wie Donnergrollen den Raum. Vor dem verhüllten Allerheiligsten klatschten Männer und Frauen in die Hände und bewegten sich ebenfalls im Rhythmus der Schlaginstrumente. Kantoren intonierten eine tiefbewegende Melodie in der uralten Sprache Äthiopiens. Kaleb genoss das mit allen Sinnen und spürte, wie sich sein Herz bei den Tönen, Gerüchen und Farben seiner Kindheit zusammenkrampfte. Wenn sie wüssten, was er wusste, würden sie ihn dann wohl auf ihre Schultern heben? Oder ihn auf der Stelle töten? Wenn er diese Zeremonie nun anhielt und es ihnen sagte, was würden sie wohl tun?

Die acht Häupter auf den Säulen schauten auf die Tänzer, auf Erlöste und Verdammte herab. Die Priester hatten aus ihrer Mutterkirche in London Ikonen mitgebracht und an den Wänden aufgehängt. Christus blickte von weit oben herunter, seine Mutter Maria stillte ihr Kind, und Reihen von Heiligen blickten vom Himmel herab. Ganz oben auf der Himmelsbrücke sah man die runden Gesichter singender Engel. Wer nicht tanzte, wiegte sich versunken hin und her, Körper und Geist im Banne der Musik, des Gesangs und der heiligen Texte.

Als der Gottesdienst dem Ende entgegenging, hätte Kaleb gern eine Zigarette geraucht. In der Kirche war das nicht möglich, aber er musste bleiben, weil hier nach dem Gottesdienst sein Seminar begann. Seine Gruppe bestand aus sieben Postgradualen, die sämtlich an ihren Dissertationen arbeiteten. Heute war ihr regulärer wöchentlicher Seminartag, an dem sie sich über ihre Forschungsergebnisse austauschten. Danach begannen auch für sie die Weihnachtsferien, die sie in Cambridge, in Äthiopien oder dort verbringen wollten, wo sie zu Hause waren. Er hatte sie zu diesem Gottesdienst eingeladen – die vier Äthiopier, denen Derartiges von Kindesbeinen vertraut war, und die drei Nichtäthiopier, die es zum ersten Mal erlebten. Sie waren allesamt gekommen, tanzten und wiegten sich zu der Musik. Er lächelte. Tage wie diesen gab es nicht oft. Er nahm seine Aktentasche auf, von der er sich keinen Schritt entfernt hatte. Wäre Zeit gewesen, dann hätte er gern mit ein paar alten Freunden gesprochen, vor allem mit der Abordnung, die aus London gekommen war. Aber sein Seminar ging vor, weil er der Gruppe etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Er öffnete die Tür und trat hinaus.

2. KAPITEL

Draußen fiel immer noch Schnee aus einem bleigrauen Himmel. Nach der Wärme des Raumes spürte er die Kälte doppelt stark. Vielleicht lag das daran, dass der Gottesdienst, das Dröhnen der Trommeln, die Erregung in den Gesichtern der Tänzer und die Nähe des Geistes tief in ihm kein wirkliches Echo ausgelöst hatten. Etwas hatte sich verändert, das spürte er. Sein Atem hing weiß in der Luft und löste sich auf. Er zückte eine Packung Benson & Hedges und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Seine Hand zitterte, als er sie anzündete. Da klopfte ihm jemand von hinten leicht auf die Schulter.

»Teanaste’lle’n, Professor.«

Er fuhr herum. Vor ihm stand Endriyas Yemata, einer der Äthiopier von Cambridge. Endriyas war ein verheirateter Pfarrer, der nach England gekommen war, um seine Kinder auf gute Schulen und später nach Oxford oder Cambridge zu schicken. Er hatte selbst nur eine geringe Bildung genossen, wusste aber, wie wichtig sie war, und wollte das Beste für seine Nachkommen, die sich alle Mühe gaben, ihn zufriedenzustellen. Er leitete die in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Gottesdienste in der Rundkirche oder kleinere Zusammenkünfte in Privathäusern. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Kellner in einem Restaurant nahe des King’s College. Heute hielt er statt eines Tabletts ein prächtiges goldenes Prozessionskreuz in der rechten Hand. Von der feinen Filigranarbeit hingen zwei weiße Seidenbänder wie die Enden eines langen tibetischen Schals herab. Endriyas’ Gesicht war auf der einen Seite schön, auf der anderen jedoch von Pockennarben entstellt. Sein Lächeln hatte eine verblüffende Wirkung – als ob die Sonne hinter einer Wolkenbank erstrahlte.

Der Professor beugte sich nieder und küsste das Kreuz in der Hand des Jüngeren.

»Es ist jetzt sechs Monate her, nicht wahr?«, sagte der Priester. »Seit Melesse von uns gegangen ist.«

Kaleb wünschte, er hätte nicht davon angefangen.

»Sie waren lange nicht bei mir«, sagte Endriyas. »Kommen Sie nach Weihnachten vorbei. Sie müssen darüber reden.«

Kaleb fasste mit der Hand an seine Wange. Neuerdings hatte er seine Tränen nicht mehr unter Kontrolle. Freundliche Worte konnten bei ihm unerwünschte Emotionen auslösen. Ein zu schnelles Auto hatte ihm Melesse geraubt. Sie war im Krankenhaus gestorben, bevor er sie sehen oder noch mit ihr sprechen konnte. In der Kirche tönten die Trommeln wie der dumpfe Herzschlag eines Riesen, und die Diakone sangen eine Adventshymne. Der Gottesdienst ging seinem Ende zu.

»Ja«, sagte Kaleb. »Aber nicht jetzt, Abba. Ich habe in fünf Minuten ein Seminar.«

»Natürlich. Man hat mir gesagt, dass Sie hier sind. Und ich muss jetzt auch wieder hinein, um aufräumen zu helfen. Sie wissen, wo Sie mich finden. Besuchen Sie mich.«

Kaleb blieb vor der Tür stehen, um seine Zigarette zu rauchen. Die machte ihm keine Furcht, obwohl er wusste, dass sie ihn umbringen konnte. Schließlich hatte er das Derg überlebt. Er nahm einen tiefen Zug. Erinnerungen tauchten auf und verschwanden wieder. Das Derg – das Komitee – war Äthiopiens Junta unter dem brutalen Diktator Mengistu gewesen. In Kalebs Studentenzeit hatte das Derg 1975 alle Schulen, Universitäten und Colleges des Landes geschlossen und die Schüler und Studenten zur Arbeit aufs Land geschickt. Nicht dass es dort viel zu tun gegeben hätte. Äthiopien litt bereits an der von einer Dürre ausgelösten Hungersnot, die in weniger als einem Jahrzehnt ihren Höhepunkt erreichen sollte. Das Leben auf dem Lande war sehr hart. Viele starben. In den Städten erhängten und erschossen die Soldaten des Derg jeden, dessen Gesicht ihnen nicht passte.

Bald darauf begegnete er dem Mädchen Melesse, das seine Frau werden sollte. Ein Priester traute sie heimlich in ihrem Lager, dann flohen sie gemeinsam nach dem Sudan und schlugen sich langsam nach England durch, wo Kaleb während seines Studiums ein paar Jahre verbracht hatte. Sie ließen sich dort nieder und blieben, auch als Mengistu bereits gestürzt und aus Äthiopien nach Simbabwe geflohen war. Manche meinten, er habe über eine halbe Million Menschen auf dem Gewissen.

Einzeln und in Gruppen verließen die Gemeindemitglieder nach und nach das Gotteshaus. Kaleb ging auf die andere Straßenseite und stellte sich in den Ladeneingang von Thomas Tranter, einem Tabakmischer und Zigarrenhändler. Er rauchte seine Zigarette zu Ende und steckte sich eine zweite an. Einige bemerkten ihn und winkten ihm einen Gruß zu, aber keiner kam herüber und sprach ihn an. Ein paar Schritte weiter auf der Bridge Street vor dem Geschäft von Toni & Guy’s, wohin Kaleb nicht sehen konnte, stand ein hochgewachsener weißhäutiger Mann in einem hellen Mantel und beobachtete die Kirche. Von Zeit zu Zeit lugte er auch zu dem Professor hinüber und schaute dann rasch wieder weg. Dabei trat er von einem Fuß auf den anderen. Er trug schwarze Handschuhe, und die Schneeflocken bedeckten ihn wie Federn von Engelsflügeln.

Kaleb war jetzt viel allein und gab sich Erinnerungen an die Vergangenheit hin. Manchmal dachte er an seine tote Frau, dann wieder an seine Eltern, seine Brüder und Schwestern, die unter Mengistu ihr Leben gelassen hatten. Wenn er sich in sich selbst zurückzog, um Frieden zu finden, dann erwarteten ihn dort nur Dämonen – Zar-Geister, Hundeteufel und Nachthexen. Um sie zu überwinden, betete er. Zu Maria, ihrem Sohn und den Heiligen. Aber Gebete können Liebe nicht vertreiben, und Liebe bringt Leid. Bei Tag betete er, bei Nacht aber gab er sich seinem Leid hin, das ihn bedrängte, bis er kaum noch Luft bekam. Er hatte nicht gesehen, wie Melesse gestorben war. Aber er stellte es sich immer wieder vor – wie die Bremsen gequietscht hatten, wie ihr Körper hochgeschleudert wurde und mit welchem Geräusch er auf dem Boden aufgeschlagen war.

3. KAPITEL

Als die Kirchgänger allesamt fort waren, trat Kaleb die halbgerauchte Zigarette auf dem Pflaster aus und ging zur Kirche zurück. Er öffnete die Tür und schüttelte sich den Schnee von Kopf und Schultern.

Sie saßen bereits alle um einen runden Tisch herum und schwatzten miteinander. Vater Yemata hatte selbst Tisch und Stühle aufgestellt, nachdem er mit seinen Helfern die Ikonen abgenommen und den Altar fortgeräumt hatte. Sie wärmten ihre Hände an Bechern mit Kaffee. Kaleb nahm den Platz ein, den man für ihn freigelassen hatte, und blickte in die Runde. Alle waren da: seine vier Äthiopier Henok, Sisay, Biniyam und Bezawit. Bezawit Abraha war die Begabteste der Gruppe, er setzte große Hoffnungen auf sie – ob in England oder zu Hause in Äthiopien. Sie stammte aus der Hauptstadt Addis Abeba, wo ihre Familie ein großes Haus an der Bole Road besaß. Die Familie galt als sehr wohlhabend, exportierte teure Kaffeebohnen und führte Autos und Motorräder der höheren Preisklassen ein. Bezawit hatte Kaleb anvertraut, sie habe zu Hause einen Freund, fürchte aber, dass sie ihn an eine andere Frau verlieren werde, wenn sie so lange in England studiere. Er hatte versucht, sie an Biniyam zu interessieren, bislang aber ohne Erfolg.

Neben ihnen hatten die Nichtäthiopier Platz genommen: Jessica Beech, ein hübsches englisches Mädchen aus Newcastle, der israelische Linguist Moshe Ben Shahar und João Pontes, ein Portugiese mittleren Alters, der an der Universität Coimbra lehrte. João hatte sich wie immer zum Laufburschen machen lassen und ihnen ein Tablett mit Kaffee gebracht, diesmal von der Bridges Patisserie gleich um die Ecke.

Bezawit holte lächelnd eine große Schachtel mit Backwerk, Schokolade und Käsehörnchen hervor, Delikatessen, die ihre mit Schmuck behängte Mutter ihr jede Woche für viel Geld von Café und Konditorei La Parisienne in Addis schicken ließ. Alle lobten sie und erklärten, so etwas bekomme man nicht einmal bei Fitzbillie’s, der zu Recht berühmten Patisserie in der Trumpington Road. João sagte nichts. Er musste an die Lieblingsleckerei der Portugiesen, die Puddingtörtchen denken, die man im Lissaboner Bezirk Belém am besten machte. Eines Tages würde es ihm schon gelingen, ein paar davon noch frisch nach Cambridge zu bringen.

»Wir haben ein Geschenk für Sie, Herr Professor«, sagte Bezawit, als Kaleb den Mantel ablegte.

»Für mich?« Kaleb war ganz gerührt, dass sie an ihn gedacht hatten.

»Ein Weihnachtsgeschenk«, sagte Jessica.

»Das ist doch viel zu früh.« Aber er lächelte froh.

»Unsinn«, meinte sie. »Das Semester beginnt erst nach dem 7. Januar wieder. Die meisten fahren in den Ferien nach Hause, einige nach Äthiopien.«

Jessica nutzte die Gelegenheit, um Mitteilungen zu machen: wer Cambridge verließ, wer blieb, was für die Äthiopische Nacht Ende Januar noch zu tun war, die bei Brown’s stattfinden sollte. Sie reichte Kopien einer Liste mit Telefonnummern und E-Mail-Adressen aller Anwesenden herum, falls man in den Ferien Kontakt aufnehmen wollte.

Kaleb nahm einen großen Schluck Kaffee und setzte den Pappbecher ab. Moshe hob die Hand und bat, eine Frage nach dem Komitee des Zentrums für Afrikanische Studien stellen zu dürfen.

»Kommen Sie nachher zu mir«, beschied Kaleb. »Jetzt wollen wir mit unserem Seminar beginnen. Einige von Ihnen haben heute noch Züge oder Flugzeuge zu erreichen.«

»Aber erst müssen Sie Ihr Geschenk auspacken, Herr Professor.« Jessica hielt ihm eine Schachtel hin, die mit einem roten Seidenband verschnürt war. Er knüpfte es auf und legte das Papier beiseite. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, als er einen kleinen goldfarbenen Gegenstand aus dem Karton holte – die Nachbildung einer berühmten äthiopischen Krone aus dem 18. Jahrhundert.

»Sie ist aus dem Victoria & Albert Museum«, erläuterte der Portugiese. »In dessen Sammlungen befindet sich das Original. Die Nachbildung soll ein Briefbeschwerer sein.«

Erfreut stellte Kaleb die Krone auf den Tisch. Es war eine schöne Arbeit, ein eigenes kleines Kunstwerk.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte er. »Und bestimmt teuer. Das wäre doch nicht nötig gewesen. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

»Wir wollten Ihnen damit auch nur zeigen, wie gern wir mit Ihnen arbeiten«, sagte Jessica. Die anderen nickten eifrig.

»Wir sind alle gespannt, was Sie uns zu sagen haben«, erklärte Bezawit.

In diesem Augenblick trat ein Mann durch den Haupteingang in die Kirche. Er trug warme Kleidung und hatte einen Aluminiumkoffer bei sich. Kaleb wandte sich um. Den Ankömmling, der völlig eingeschneit war, hatte er noch nie gesehen. Er mochte Ende dreißig sein, war sehr groß, fast ein wenig schlaksig, hielt sich aber sehr gerade. Er hatte harte Augen, die er nicht ganz öffnete, und grobe Hände, die jetzt mit raschen, ungeduldigen Bewegungen den Schnee von seinem Mantel klopften.

»Es tut mir leid«, sagte Kaleb in professoralem Ton, »aber ich fürchte, die Kirche ist jetzt geschlossen. Wir halten hier ein Seminar ab. Kommen Sie doch bitte später wieder, wenn die Kirche geöffnet ist.«

Der Mann machte keine Anstalten zu gehen. Er fasste in seinen Mantel und zog eine Art Ausweis hervor. Kaleb warf nur einen flüchtigen Blick darauf.

»Ich habe hier zu tun«, sagte der Mann mit leichtem Akzent. »Der Christian Trust hat mich beauftragt, den baulichen Zustand des Gebäudes zu prüfen. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich das gern heute tun, bevor die Ferien anfangen. Führen Sie ruhig Ihr Seminar durch. Meine Arbeit macht keinen Lärm. Ich störe Sie nicht und Sie mich auch nicht.«

Kaleb gefiel die Unterbrechung ganz und gar nicht, aber er konnte wohl nichts daran ändern.

»Dann tun Sie, was Sie tun müssen«, sagte er. »Aber verhalten Sie sich bitte ruhig.«

Der Mann lächelte, zog den Mantel aus und legte ihn neben sich auf den Boden. Darunter trug er einen eleganten schwarzen Anzug. Am rechten Aufschlag seines Jacketts saß ein kleiner Anstecker mit einem roten Kreuz in der Mitte und winzigen Motiven zwischen den Balken. Er öffnete seinen Koffer, zog ein Klemmbrett hervor und begann die Mauern der Kirche zu inspizieren.

Kaleb umfing seine Zuhörer mit einem Blick.

»Wie Sie alle wissen«, hub er an, »gründet sich Äthiopien auf einem Mythos, der Legende nämlich, dass die Königin von Saba, eine Äthiopierin, König Salomo in Jerusalem besuchte. Sie schliefen zusammen, und bald darauf gebar die Königin einen Sohn, den sie Menelik nannte. Der wurde in ihren Palast in Äthiopien gebracht, ging aber als Erwachsener nach Jerusalem zurück, wo er und seine Gefährten die Bundeslade in dem Tempel fanden, den Salomo errichtet hatte. Nach dieser Geschichte sollen sie die Lade aus dem Tempel entfernt und auf irgendeine Weise von Jerusalem bis nach Äthiopien gebracht haben. Wie Sie wissen, behauptet die äthiopische Kirche noch heute, die Bundeslade zu besitzen. Sie soll in einer Kapelle nahe der Kirche St. Maria von Zion in Axum aufbewahrt werden. Soweit die Legende. In Axum erzählt man sie etwa so, allerdings mit vielen Ausschmückungen. Wer aber die Bundeslade sehen will, dem wird bei Strafe des Todes der Zutritt zu der Kapelle verweigert. Wer von Ihnen hat das schon einmal probiert?«

Mehrere Hände gingen nach oben.

»Hat einer von Ihnen versucht, den Wächter zu bestechen?«

Alle nickten lächelnd. Er meinte den Wächter der Bundeslade, dessen Aufgabe es war, jedem den Zutritt zu dem Raum zu verwehren, in dem sich das Heiligtum befinden sollte.

»Wie viel haben Sie geboten?«

»Ich habe ihm eine Million Pfund versprochen, wenn er mich einlässt«, sagte Bezawit mit einem Augenzwinkern. »Ich hätte ihm sogar mich selber angeboten, aber das wäre bei einem Gottesmann wohl eher kontraproduktiv gewesen.«

Kaleb musste schlucken. Er wusste, dass das Mädchen reich war, aber das ging wohl doch etwas zu weit.

»Haben Sie das ernst gemeint?«, fragte er.

»Natürlich. Es ist eine Menge Geld, aber weniger wäre wohl eine Zumutung gewesen.«

»Und Sie hätten ihm die Summe gegeben, wenn er sich darauf eingelassen hätte?«

»Warum nicht?«, gab sie zurück. »Das wäre es doch wert, meinen Sie nicht?«

»Ich weiß nicht. Ich habe nie eine Million Pfund besessen. Auf jeden Fall glaube ich, dass Sie Ihr Geld verschwendet hätten. Sie wissen, dass ich seit Jahren der Meinung bin, die Bundeslade kann unmöglich in Axum sein. Mein Problem ist nur, dass ich bisher nicht sagen konnte, wo sie sich befindet oder ob sie überhaupt existiert. Es ist unmöglich, etwas Negatives zu beweisen, und ich verschwende auch keine Zeit darauf. Ich habe meine Forschung bisher immer darauf konzentriert, Orte ausfindig zu machen, wo es wahrscheinlicher ist, dass die Bundeslade dort aufbewahrt wird. Wenn sie überhaupt in Äthiopien ist.«

»Besteht diese Möglichkeit tatsächlich?«, fragte João. Er beschäftigte sich mit ganz anderen Themen, aber der Gedanke gefiel ihm, dass dieses Heiligtum in dem Land sein könnte, das er mit so viel Mühe zu ergründen suchte. Und dann kursierten da alle möglichen Gerüchte. Er hatte sie in Portugal, in den Gassen von Coimbra, Mouraria und Alfama gehört, wo die Seeleute immer noch von den Zeiten der großen Entdeckungen sprachen.

Der Professor musste lächeln. Es war ein merkwürdiges kleines Lächeln, das sie noch nie bei ihm gesehen hatten, schon gar nicht seit dem Tag, da Melesse verstorben war.

»Ohne einen echten Beleg ist es wahrscheinlicher, dass die Bundeslade, wenn es sie überhaupt noch gibt, in Israel zu finden ist – im Berg Nebo, im Berg Pisga, am ehesten aber unter dem Tempelberg von Jerusalem. Zumindest hätte ich diese Antwort bis vor einigen Tagen gegeben.«

Er zögerte einen Augenblick. Der Fremde hinter ihm notierte nichts mehr und schien stattdessen Kaleb zuzuhören.

»Vor einigen Tagen habe ich von einer Freundin in London ein Paket erhalten. Sie arbeitet in der Abteilung für Äthiopische und Eritreische Handschriften der British Library.«

Bezawit meldete sich.

»War das Mariyam Filimon, Sir? Sie ist seit langem mit meiner Familie befreundet. Wir haben oft gemeinsam den Sommer am Tanasee verbracht.«

»Können Sie sich bitte einen Moment zurückhalten, Miss Bezawit? Ich bin sicher, Ihr Familienurlaub war faszinierend, aber ich bin gerade dabei, Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Der Gedanke an Mariyam Filimon belebte ihn sichtlich. Sie war eine langjährige Freundin von ihm und Melesse. Sie hatte in Äthiopien und später unter seiner Leitung hier in Cambridge studiert. Sie wollte zu der Party des Fachbereichs für Äthiopische Studien kommen und danach in seinem Haus mit ihm zu Abend essen.

Bezawit schenkte ihm ihr entwaffnendes Lächeln, schlug die Augen nieder und deutete mit einer Geste an, ihre Lippen seien nun fest verschlossen. Professor Ameta war für seine Freundlichkeit bekannt. Aber niemand, nicht einmal Bezawit Abraha, hatte es je gewagt, sein entgegenkommendes Wesen auszunutzen.

»Fahren wir fort: Das Paket der Freundin Ihrer Familie enthielt ein paar Fotokopien und einen Begleitbrief. Das Ganze kam sicher verpackt per Kurier bei mir an. Das Paket lag mehrere Tage auf meinem Tisch. Vor drei Tagen bin ich endlich dazu gekommen, es zu öffnen.

Die Fotokopien wurden von Handschriften angefertigt, die sie einige Tage zuvor erhalten hatte. Ein Mann namens Asmerom hatte sie ihr geschickt. Asmerom ist ein Mönch. Genauer gesagt, er ist der Bibliothekar eines Klosters in Nordäthiopien namens Washa Meskel – Höhle des Kreuzes. Er schrieb, er habe die Handschriften in der Hoffnung nach London geschickt, ehrliche Wissenschaftler wollten sie entweder für ihre Sammlungen ankaufen oder begutachten und behilflich sein, sie anderweitig zu veräußern. Die Originale liegen jetzt bei Mariyam. Der Mönch führt weitere Handschriften mit sich. Mariyam meint, er müsse in Addis Abeba sein.«

»Aber warum sollte ein Kloster sich von solchen Schätzen trennen?«, fragte Moshe. Er hatte am Israel-Museum von Jerusalem gearbeitet und wusste, wie schwer es war, einer Synagoge eine alte Thorarolle abzuluchsen, wenn die sich nicht von ihr trennen wollte.

Kaleb breitete ratlos die Arme aus.

»Offenbar ist Washa Meskel das Geld ausgegangen, und sein einziges Vermögen sind seine Bücher. Sicher hat es eine bemerkenswerte Bibliothek, die ihm verschiedene Könige über die Jahrhunderte gespendet haben. Ich denke, dieser Asmerom hat nicht genau gewusst, was in den Handschriften steht. Er hat vielleicht nur die prachtvollen Illustrationen gesehen.

Es handelt sich um mehrere auf Amharisch verfasste Handschriften, einige aus dem 19. Jahrhundert, andere aus viel früherer Zeit. Dr. Filimon hat von allen sehr gute Farbkopien angefertigt. Die wollte sie sich über das Wochenende gründlich anschauen. Sie hat sie also am Freitag offiziell ausgeliehen und mit nach Hause genommen. Am Samstagabend hatte sie dann den gesamten Text einmal quergelesen. Es handelt sich um verschiedene Texte, von denen jeder höchst bemerkenswert ist. Sie sind sämtlich auf Pergament geschrieben.

Dr. Filimon hat die Fotokopien zusammengepackt und mir nach Cambridge geschickt. Sie will mir eine Menge Fragen stellen, die ich beantworten soll. Als ich sah, was ich da vor mir hatte, entschloss ich mich, alles andere beiseitezulegen. Ich wusste, dass ich für ein gründliches Studium viel Zeit brauchen würde. Ich nahm das Material in unser Zentrum mit und begann mit Seite eins.

Das war ein Text aus dem 14. Jahrhundert, dem bekannte Dinge wie Hymnen und Märtyrergeschichten folgten – bemerkenswert illustrierte Seiten. Ich kann mir vorstellen, ein halbes Dutzend davon ist mehr wert als der ganze Rest. Aber so richtig aufregend war das alles nicht. Ich bin lange genug in diesem Metier, viel länger als Sie alle, und habe Ähnliches auch anderswo schon gesehen. Langsam näherte ich mich dem Ende des Materials. Als ich eine Seite umblätterte, gingen mir die Augen über. Es verschlug mir einfach den Atem. So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen. Dabei wusste ich, dass es nur eine Fotokopie war. Es war eine Malerei, vorwiegend in Gold und Zinnoberrot. Ich habe sofort erkannt, was es ist – die Bundeslade. Sie wirkte so real, als hätte sie jemand vor Jahrhunderten fotografiert. Die beiden Cherubim schienen nach dem Original gemalt. Ich hätte schwören können, der Künstler hatte die Bundeslade vor sich, als er sie malte. Und er hatte erreicht, dass sie wie ein echter Gegenstand wirkte und die Cherubim wie lebende Wesen, in deren Adern Blut fließt. Dabei sollten Sie bedenken, dass ich nur eine Fotokopie gesehen habe. Wie mag erst das Original aussehen. Sicher werden Sie sich freuen zu hören, dass ich Mariyam gebeten habe, Sie nach den Ferien nach London einzuladen, wo Sie sich die Handschrift in Ruhe anschauen können.«

Er machte eine Pause und blickte die Runde vielsagend an. Jessica kritzelte mit gerunzelter Stirn wie wild in ihr Notizbuch, ließ den Stift dann mit lautem Geräusch fallen und schenkte dem Professor ihr strahlendes Lächeln.

»Aber diese Illustration ist nicht der Grund, weshalb ich Sie heute hergebeten habe. Oben auf dieser Seite stand in roten Lettern geschrieben: ›Die Bundeslade von Zion, des Herrn von Israel‹. Direkt darunter erblickte ich einen Buchtitel, den ich noch nie gehört hatte: Matshafa LaSeyon Tabota – ›Das Buch der Bundeslade von Zion‹.«

4. KAPITEL

»Und danach, meine Freunde, kam Folgendes«, fuhr Kaleb fort. »Fünfundzwanzig Seiten über die Bundeslade – wie sie nach Äthiopien gelangt ist, in welchen Kirchen und Klöstern sie in der Regierungszeit der verschiedenen Könige aufbewahrt wurde. Die Geschichte ähnelt der verbreiteten Legende, weicht aber an einigen wichtigen Stellen davon ab. Das Buch berichtet, wie die Bundeslade von König Menelik nach Äthiopien gebracht wurde und dass sie sich jahrhundertelang auf einer Insel im Tanasee befand.«

»Sie sagten, Sie hätten eine Überraschung für uns«, meldete sich jetzt Henok zum ersten Mal. »Aber das ist doch alles bekannt.«

Kaleb musste lächeln und fuhr fort. Der Bauinspektor hinter ihm tat nicht einmal mehr so, als untersuche er das Gemäuer der Kirche.

»Danach gelangte die Bundeslade nach Axum und blieb dort, bis ein muslimischer Kriegsherr im 16. Jahrhundert den größten Teil der Stadt eroberte und zerstörte.«

Jessica runzelte wieder die Stirn.

»Wollen Sie uns sagen, die Bundeslade sei von der muslimischen Armee erbeutet und fortgebracht worden?«

Kaleb schüttelte den Kopf.

»Das haben viele angenommen, aber das Matshafa berichtet etwas anderes. Dort heißt es, die Bundeslade sei fortgebracht worden, bevor die muslimische Armee die Stadt erreichte. Die Geistlichkeit wusste, dass der Angriff auf Axum vor allem dem Heiligtum galt. Neun Priester und eine Abteilung Soldaten wurden beauftragt, es nach Südwesten ins Simien-Gebirge zu bringen. Ein junger Mönch wurde der Truppe als Führer beigegeben. Sie kamen nur langsam voran. Die Wege waren schlecht, besonders als es in die Berge hinaufging. Die Lade war in ein blaues Tuch gehüllt und wurde auf den Original-Stangen aus Akazienholz getragen. Das Wetter war miserabel. Der Verfasser des Matshafa, der sich Abba Tedros nennt, …«

»Ein Abt.« Diesmal kam der Zwischenruf von Bezawit, unter deren Onkeln zwei Äbte reicher Klöster waren.

»Ich bin fast fertig. Kommentare und Fragen später.« Kaleb war angenehm berührt. Was er hier seinem Seminar enthüllte, wurde so aufgenommen, wie er gehofft hatte.

»Ich darf also fortfahren … Der Abt Tedros, der mit dem jungen Mönch als Führer identisch ist, schreibt, dass ›Schnee und Eis auf die Köpfe der heiligen Schar herabfielen und ihnen jeder Schritt Schmerzen bereitete.‹ Die Ritter mussten die Pferde zurücklassen, mit denen sie aus Axum losgezogen waren, und ihr Gepäck auf Esel verladen. Als sie immer tiefer in die öde Gegend vordrangen, fielen Vögel vom Himmel und verschwand alles Grün. Es gab nur noch Lämmergeier und trockenes Gesträuch. Stets fürchteten sie, die Bundeslade könnte ihren kalten Händen entgleiten und an den Felsen zerschellen oder in die Schluchten fallen, die sie passieren mussten, und für immer verloren sein. Ihr Führer hatte ein Schweigegelübde abgelegt, wies ihnen aber die sichersten und besten Wege, die er finden konnte. Alle wussten, wenn sie erst ihr Ziel erreicht hatten, würden sie es nie wieder verlassen dürfen. Wer je den Ort der Bundeslade verraten wollte, war dem Tod geweiht.«

Kaleb umfing sie erneut mit einem Blick und nahm all seinen Mut zusammen. Er wollte ihnen jetzt ein Geheimnis eröffnen, für das Menschen jahrhundertelang getötet hatten und gestorben waren. Er hatte keine Zweifel, dass weitere dafür töten und sterben würden.

»Ungeachtet des Wetters und des Todes von drei Soldaten erreichten sie ihr Ziel – Washa Meskel, ein Kloster, tief in den Bergen versteckt. Die Höhle des Kreuzes. Der Ort, woher unsere Handschrift stammt. Aber wie so viele andere äthiopische Klöster …«

»… war es nur mit einem Seil über eine Felswand zu erreichen?« Jessica saß völlig aufgelöst auf dem Rand ihres Stuhles. Kaleb wollte ihr gebieten zu schweigen, musste dann aber lächeln. Sie war so schön und hatte so lebendige Augen, warum sollte er sie zurechtweisen?

Er nickte.

»Irgendwie beförderten sie die Bundeslade in das Kloster. Ob es noch einen anderen Weg dorthinauf gab, ist nicht klar.«

»Und sie ist immer noch dort? Wollen Sie uns das sagen?«

Kaleb schüttelte den Kopf.

»In dem Buch heißt es nur, die Bundeslade sei dort gewesen, als die Handschrift verfasst wurde. Der Abt erklärt aber auch eindeutig, dass er und seine Glaubensbrüder an den Eid gebunden waren, den die ersten Begleiter des Heiligtums geleistet hatten, dieses zu allen Zeiten zu hüten, zu schützen und in Washa Meskel zu bewahren. Sie bildeten eine besondere Gruppe von Mönchen, die vor dem Heiligtum beteten, es Tag und Nacht nicht aus den Augen ließen und seinem Schutz ihr Leben weihten. Kein Mönch aus Washa Meskel hat das Kloster je lebend verlassen. Bis heute ist das Geheimnis in seinen Mauern bewahrt.«

»Warum haben sie es dann jetzt enthüllt?«, fragte Henok. »Heißt das nicht, dass sie ihren Eid gebrochen haben?«

Kaleb nickte.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Der Mönch, der Mariyam die Handschriften geschickt hat, erwähnt die Bundeslade mit keinem Wort und macht sie auch nicht auf das Matshafa aufmerksam. Ich bin sicher, er wusste von der Bundeslade und hat sie vielleicht auch gesehen. Genauso sicher bin ich mir: Er weiß nicht, dass in dem Buch das Geheimnis um das Heiligtum enthüllt wird.«

5. KAPITEL

Der Mann im Anzug hinter Kaleb bückte sich und nahm etwas aus seinem Metallkoffer. Er hielt es hinter seinem Rücken, dann zog er noch eine große Plastiktasche hervor. Jessica, die zu ihm hinblickte, sah sofort, dass es eine von der stabilen Sorte war, die sie bei Marks & Spencer für zehn Pfund verkauften. Sie hatte eine zu Hause. Da fiel ihr ein, dass sie am nächsten Tag noch für Weihnachten einkaufen musste. Besonders mochte sie den Plumpudding von Marks. Ein großer würde wohl für sie und ihren Freund reichen. Natürlich mit Brandycreme.

Der Fremde setzte ein breites Lächeln auf, schritt durch den Raum und trat von hinten an Kaleb heran.

»Entschuldigen Sie«, sagte er, »ich bitte einen Augenblick um Ihr Gehör.«

Aller Augen wandten sich ihm zu.

»Danke. Als Erstes frage ich, ob der Professor etwas dagegen hat, seine Fotokopie in diese Tasche zu legen.«

Über Kalebs Kopf hinweg stellte er die Tasche auf den Tisch. Alle schauten ihn entgeistert an. Die Bitte, die eher wie ein Befehl klang, ergab keinen Sinn. Was wollte ein Mann von der Straße mit der Kopie einer Handschrift anfangen, die in Ge’ez, der Sprache der äthiopischen orthodoxen Liturgie, verfasst war?

Kaleb drehte den Kopf und blickte den Mann an.

»Tut mir leid. Ich glaube, Sie verstehen nicht. Das wäre von keinerlei Nutzen für Sie. Ich bin bereit, die Fotokopie einer Organisation, die Sie vertreten, auszuhändigen, aber natürlich erst, wenn ich meine Arbeit daran beendet habe.«

Das Lächeln im Gesicht des Mannes verschwand.

»Ich will es Ihnen leichtmachen. Legen Sie das Matshafa LaSeyon Tabota einfach in die Tasche.«

»Wer sind Sie?«, fragte Kaleb. Seine Stimme klang ruhig, er blickte ungehalten wegen der Störung, aber kein bisschen eingeschüchtert. Woher, um alles in der Welt, kannte der Mann diesen Titel? Wieso sprach er die Wörter so perfekt aus? Jetzt fiel ihm die kleine Anstecknadel am Jackett seines Gegenübers auf. Fieberhaft arbeitete sein Gedächtnis. Das Kreuz und die Abbildungen, von denen es umgeben war. Aber natürlich, wieso war er nicht gleich darauf gekommen?

»Mein Name tut nichts zur Sache. Bewegen Sie sich und machen Sie, was ich sage.«

»Tut mir leid«, sagte der Professor noch einmal, schob seinen Stuhl zurück, erhob sich und wandte sich dem Mann zu. »Sie haben kein Recht, hier hereinzuschneien und mich oder meine Studenten einzuschüchtern. Wenn es einen legitimen Grund dafür gibt, dass Sie die Fotokopie in Augenschein nehmen, dann wenden Sie sich nach den Ferien an das Zentrum für Afrikanische Studien. Ich bin sicher, dort kann man etwas arrangieren.«

Jetzt holte der Fremde die rechte Hand hinter seinem Rücken hervor. Darin hielt er eine große Pistole, eine Ruger Mark II aus matt glänzendem Edelstahl mit einem Schalldämpfer aus demselben Material. Die Waffe hatte ein Zehn-Schuss-Magazin und eine weitere Kugel im Patronenlager. Er hob sie und richtete sie über den Tisch auf Jessica. Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, erstarrte aber, als die Pistole ein leises Geräusch hören ließ und Jessicas Gesicht ein Loch aufwies, das dessen Ebenmäßigkeit für immer zerstörte. Es schien größer zu werden und färbte sich hellrot. Jessica fiel nach hinten und krachte mitsamt dem Stuhl zu Boden. Ihr langes Haar umschwebte sie wie ein Schleier. Alle Gedanken an Plumpudding und Sex mit ihrem Freund verflüchtigten sich wie Gespenster von gestern.

Kaleb glaubte, wieder die großen Trommeln, die Stimmen der Diakone, das Singen der Priester und die Schreie der Engel zu hören.

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