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Die Tatarenwüste

Dino Buzzati

Die Tatarenwüste

Die Übersetzung aus dem Italienischen
von Percy Eckstein und Wendla Lipsius
hat Julika Brandestini bearbeitet

Mit einem Nachwort versehen von Maike Albath

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Begründet von
Hans Magnus Enzensberger

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ISBN 978-3-8477-5333-9

© für die deutschsprachige Ausgabe: AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Die Originalausgabe erschien im Jahr 1940 unter dem Titel Il deserto die Tartari

Die Tatarenwüste von Dino Buzzati ist September 2012 als dreihundertdreiunddreißigster Band der Anderen Bibliothek erschienen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder als limitierte gedruckte Ausgabe unter:

https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Die-Tatarenwueste::412.html

Übersetzung: Percy Eckstein und Wendla Lipsius

Covergestaltung: Lisa Neuhalfen

Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

Umsetzung und Vertrieb des E-Book erfolgt über:

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern ….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

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1

Nach seiner Ernennung zum Offizier verließ Giovanni Drogo an einem Morgen im September die Stadt, um sich nach der Festung Bastiani, seinem ersten Bestimmungsort, zu begeben.

Es war noch finster, als er sich wecken ließ und zum erstenmal seine Leutnantsuniform anlegte. Als er fertig war, betrachtete er sich beim Schein einer Petroleumlampe im Spiegel, doch die erhoffte fröhliche Laune wollte sich nicht einstellen. Im Haus war alles still, nur aus dem Zimmer nebenan drangen leise Geräusche zu ihm herüber: Giovannis Mutter stand soeben auf, um ihn zu verabschieden.

Das also war der Tag, den er seit Jahren herbeisehnte, der Beginn seines wirklichen Lebens! Er gedachte der freudlosen Zeiten auf der Militärakademie. Er erinnerte sich der trübseligen Abende, die er über seinen Büchern verbracht hatte, während unten auf der Straße freie und wohl auch glückliche Menschen vorübergingen, er sah sich von neuem in winterlich-eisigen Schlafsälen erwachen, auf denen der Alpdruck zahlloser Strafen lastete, und er dachte daran, mit welcher Ungeduld er die Tage gezählt hatte, einen nach dem anderen – diese Tage, die nie zu enden schienen.

Jetzt war er endlich Offizier, jetzt brauchte er sich nicht länger mit Büchern abzuquälen, brauchte nicht mehr vor der Stimme des Feldwebels zu zittern. Das alles war vorbei. Jene Tage, die ihm so hassenswert erschienen waren, hatten sich selbst für immer aufgezehrt, waren zu Monaten und Jahren geworden, die niemals wiederkehren würden. Ja, er war jetzt Offizier und würde Geld haben, und vielleicht würden ihm die Blicke schöner Frauen folgen. Aber im Grunde – ganz unvermittelt kam ihm der Gedanke – war für ihn, Giovanni Drogo, die schönste Zeit der ersten Jugend schon vorbei. Und wie er so in den Spiegel starrte, gewahrte er auf seinem Gesicht, das zu lieben er sich stets vergebens bemüht hatte, ein kümmerliches Lächeln.

Unsinnig das alles: Warum gelang ihm nicht das gebührend sorglose Lachen, während er sich von der Mutter verabschiedete? Warum konnte er ihre letzten guten Ratschläge kaum beachten und nur den Klang ihrer so vertrauten, guten Stimme vernehmen? Warum irrte er nervös im Zimmer umher und suchte vergeblich die Uhr, die Reitpeitsche, die Mütze, während sich doch alles am richtigen Ort befand? Schließlich zog er ja nicht in den Krieg! Dutzende von Leutnants, seine bisherigen Kameraden, verließen gleich ihm zu dieser Stunde fröhlich lachend ihr Elternhaus, als ginge es zu einem Fest. Warum brachte er nur leere, sinnlose Phrasen über die Lippen, statt der Mutter zärtlich und beruhigend zuzusprechen? Das schmerzliche Gefühl, das jeden befällt, der zum erstenmal aus dem elterlichen Haus, der Geburtsstätte seiner Hoffnungen, auszieht, die Ängste, wie jeder Wechsel sie verursacht, die Rührung beim Abschied von der Mutter – das alles erfüllte seine Seele. Außerdem war da aber ein beharrlich bohrendes Gefühl, für das er keinen Namen fand: eine unbestimmte Vorahnung schicksalhafter Dinge, als sollte er eine Reise antreten, von der es keine Heimkehr gab.

Sein Freund Francesco Vescovi ritt mit ihm eine Strecke des Weges. Der Hufschlag der beiden Pferde hallte durch die menschenleeren Gassen. Es dämmerte. Noch lag die Stadt in tiefem Schlaf, nur da und dort öffneten sich in den obersten Stockwerken die Fensterläden, zeigten sich müde Gesichter, starrten teilnahmslose Augen sekundenlang nach dem Wunder des Sonnenaufgangs.

Die beiden Freunde schwiegen. Drogo versuchte sich vorzustellen, wie die Festung Bastiani wohl aussehen mochte, doch es gelang ihm nicht. Er wußte weder genau, wo diese Festung lag, noch, wie weit es bis dorthin war. Wenige Stunden, hatten die einen gesagt, einen Tagesritt, die anderen. Doch von denen, die er danach gefragt hatte, war keiner je selbst dort gewesen.

Als sie das Stadttor erreichten, begann Vescovi so lebhaft von allerlei Belanglosigkeiten zu reden, als habe Drogo bloß einen Spazierritt vor. Dann mit einem Mal sagte er: »Siehst du die grüne Bergkuppe dort? Ja, ganz recht, die meine ich. Und siehst du die Mauern dort oben? Das alles gehört bereits zu der Festung. Ein vorgeschobenes Reduit. Ich kam vor zwei Jahren einmal dort vorüber, als ich mit meinem Onkel auf die Jagd ging.«

Sie hatten jetzt die Stadt hinter sich gelassen. Maisfelder, Wiesen und herbstlich rote Wälder begannen sich vor ihnen auszubreiten. Seite an Seite ritten die beiden auf der weißen, sonnenbeschienenen Straße dahin. Giovanni und Francesco waren Freunde. Sie hatten lange Jahre zusammen gelebt, gemeinsame Interessen gehabt und die gleichen Freundschaften gepflegt. Tag für Tag hatten sie zusammengesteckt. Dann hatte Vescovi Fett angesetzt, und er, Drogo, der neuernannte Offizier, hatte nun plötzlich das Gefühl, als habe er den anderen bereits weit hinter sich gelassen. Dieses bequeme, elegante Leben ging ihn nichts mehr an; auf ihn warteten ernsthafte, unbekannte Dinge. Selbst die beiden Pferde trabten, wie ihm schien, nicht mehr im gleichen Schritt. Klang nicht der Hufschlag des seinen bereits weniger lebhaft, weniger flott? Klang darin nicht schon ein Unterton von Angst und Mühsal mit, als ahnte sogar das Tier die große bevorstehende Veränderung?

Jetzt hatten sie eine Anhöhe erreicht. Drogo wandte sich um und blickte auf die Stadt hinunter, die nun im Gegenlicht zu seinen Füßen lag. Morgendliche Rauchwolken standen über den Dächern. In der Ferne konnte er sein Haus sehen und sogar das Fenster seines Zimmers erkennen. Sicherlich stand es jetzt weit offen, während die Frauen Ordnung machten: Sie zogen die Betten ab und räumten, was herumlag, in die Schränke. Dann würden sie die Fensterläden schließen, und von da an würde während langer Monate nur der geduldige Staub und an sonnigen Tagen vielleicht ein dünner Lichtstrahl in diesen Raum eindringen. Versperrt und verdunkelt, so sah Drogo in diesem Augenblick die kleine Welt seiner Kindheit. Er wußte: Die Mutter würde sie für ihn hüten, auf daß er sie bei seiner Rückkehr unverändert wiederfände, auf daß er schließlich, nach langer Abwesenheit, in ihr von neuem zum Knaben werden könne. Gewiß glaubte sie, einen für immer entschwundenen Glückszustand bewahren und die Flucht der Zeit aufhalten zu können, und daß es genüge, bei der Heimkehr des Sohnes Türen und Fenster zu öffnen, damit alles wieder so werde wie einst.

Hier, auf der Anhöhe, verabschiedete sich Vescovi, der Freund, auf das herzlichste, und Drogo ritt allein die Straße weiter, den Bergen entgegen. Die Sonne stand hoch am Himmel, als er den Eingang des Tales erreichte, das zu der Festung emporführen mußte. Zu seiner Rechten, in schwindelnder Höhe, war das Reduit zu sehen, von dem Vescovi gesprochen hatte. Ihm schien, als könne es bis dahin nicht mehr allzu weit sein. Da er rasch ans Ziel gelangen wollte, verzichtete er auf eine Mittagsrast und trieb sein Pferd vorwärts. Die Straße begann anzusteigen und verlief jetzt zwischen glatten Felswänden. Immer seltener traf Drogo auf andere Menschen. Als er einem Fuhrmann begegnete, fragte er diesen, wie weit es noch bis zur Festung sei.

»Zur Festung?« entgegnete der Mann. »Welche Festung?«

»Zur Festung Bastiani«, antwortete Drogo.

»In dieser Gegend gibt es keine Festungen«, sagte der andere. »Von Festungen hab’ ich noch nie etwas gehört.«

Offenbar war der Mann schlecht unterrichtet. Drogo gab seinem Pferd von neuem die Sporen und fühlte dabei, wie eine Unruhe langsam in ihm aufzusteigen begann. Und in dem Maße, wie der Nachmittag voranschritt, nahm diese Unruhe immer mehr zu. Suchend blickte er zu den Felsen empor und hoffte vergeblich, die Festung zu entdecken, die er sich wie ein altes Kastell mit schwindelerregend steil aufragenden Mauern ausmalte. Doch es verging eine Stunde um die andere, und allmählich beschlich ihn der Verdacht, Francesco habe ihm einen falschen Weg gewiesen; mußte er doch das Reduit bereits weit hinter sich gelassen haben. Der Abend war nicht mehr fern.

So ziehen sie dahin, Giovanni Drogo und sein Pferd – winzig gegen die Flanken der Berge, die immer höher und gezackter aufwachsen. Er reitet und reitet, immer höher hinauf, um noch vor Einbruch der Dunkelheit bei der Festung einzutreffen; doch schneller als er steigen aus der Tiefe, in der der Wildbach donnert, die Schatten herauf. Jetzt haben sie am gegenüberliegenden Hang der Schlucht dieselbe Höhe erreicht wie der Reiter und sein Pferd. Einen Augenblick scheinen sie innezuhalten, um Drogo nicht allzusehr zu entmutigen; dann aber gleiten sie weiter empor über Felsen und Geröll, bis sie den Reiter tief unter sich zurücklassen.

Das ganze Tal war bereits mit violetten Schatten angefüllt, und nur die nackten Felsränder droben lagen noch im Sonnenlicht, als Giovanni unvermittelt ein kriegerisch anmutendes Bauwerk vor sich auftauchen sah – schwarz und riesenhaft gegen den klaren Abendhimmel, uralt und verlassen.

Er spürte, wie sein Herz zu pochen begann. Das mußte sie sein, die Festung. Doch alles, das Mauerwerk wie die Landschaft ringsum, atmete Ungastlichkeit und Düsternis.

Vergebens suchte er nach einem Eingang. Obwohl es bereits nahezu finster war, schimmerte nirgends Licht hinter den Fenstern, war nicht das Lämpchen einer einzigen Wache auf dem Mauerkranz zu erblicken. Nur eine Fledermaus flatterte vor einer weißen Wolke herum. Schließlich versuchte Drogo zu rufen: »Hallo! Ist denn hier niemand?«

Aus dem geballten Schatten zu Füßen des Gemäuers löste sich die Gestalt eines Mannes. Es schien ein Landstreicher zu sein, irgendein armer Teufel, graubärtig, mit einem kleinen Sack in der Hand. Er war nicht richtig auszumachen, nur das Weiß seiner Augäpfel schimmerte im Halbdunkel. Drogo sah ihn beinahe mit einem Gefühl der Dankbarkeit an.

»Was suchen Sie, Herr?« fragte der Unbekannte.

»Die Festung suche ich. Bin ich hier richtig?«

»Hier gibt’s keine Festung«, erwiderte der Landstreicher gutmütig. »Seit fast zehn Jahren wohnt da kein Mensch mehr. Hier ist alles ausgestorben.«

»Aber wo ist denn dann die Festung?« fragte Drogo in plötzlichem Ärger.

»Was für eine Festung?« Der Unbekannte wies mit ausgestrecktem Arm in die Landschaft hinaus. »Die dort?«

Als er den Blick hob, gewahrte Drogo in unermeßlicher Ferne hinter einem Gewirr von dunklen Felsen und immer höher übereinandergetürmten Graten eine zauberische Vision: Von der Röte des Sonnenuntergangs übergossen, zeichnete sich dort auf einer baumlosen Kuppe eine regelmäßige, streng geometrische Form in seltsam gelblicher Farbe ab – der Umriß der Festung.

Wie viele Stunden mochten es noch sein bis dorthin? Und das Pferd war bereits am Ende seiner Kräfte! Niedergeschlagenheit bemächtigte sich Drogos. Gebannt starrte er nach jener Höhe, und in seinem Herzen stand mit einem Mal die Frage: Worauf konnte man sich in diesem einsamen, nahezu unzugänglichen, von der Welt abgeschnittenen Felsennest noch freuen? Welche Geheimnisse mochte es bergen?

In diesem Augenblick löste sich die Abendsonne sachte von den Gipfeln der fernen Berge, und über die gelben Bastionen legten sich die bleichen Winde der Nacht.

2

Die Dunkelheit überfiel ihn mitten auf dem Weg. Die Wände des Tales waren näher gerückt, die Festung hinter den überhängenden Felsen verschwunden. Nirgends ein Lichtschein; kein einziger Schrei der Nachtvögel durchbrach die Stille; nur von Zeit zu Zeit drang das Rauschen ferner Wasser an Drogos Ohr.

Er versuchte zu rufen, doch das Echo schickte seine Stimme mit feindseligem Klang zurück. Da band er sein Pferd an einen Baumstrunk nahe der Straße, wo es grasen konnte. Mit dem Rücken an den Felsen gelehnt, setzte er sich und wartete auf den Schlaf. Noch einmal überlegte er, was ihm bevorstand: der Aufstieg zur Festung, die Ankunft, die Bekanntschaft der Menschen, mit denen er sein zukünftiges Leben teilen sollte. Nichts von alledem schien ihm jetzt ein Anlaß zur Freude. Jedesmal, wenn sein Pferd mit den Hufen scharrte, empfand er dieses Geräusch als etwas Fremdartiges und Böses.

Als er sich schließlich beim Anbruch des Morgens wieder auf den Weg machte, entdeckte er plötzlich am gegenüberliegenden Talhang eine zweite Straße, die in gleicher Höhe verlief wie seine. Und irgend etwas auf dieser Straße bewegte sich. Die Sonne war noch nicht bis dort hinüber vorgedrungen, und in den Tiefen lagerten noch die Schatten; so wollte es ihm nicht gelingen, etwas Genaues auszumachen. Drogo gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte bergan. Jetzt erkannte er: Was sich dort drüben bewegte, war ein Reiter, ein Offizier.

Endlich ein Mensch, mit dem er würde reden können! Ein Kamerad, der vielleicht zu seinem zukünftigen Leben gehörte, mit dem sich lachen, mit dem sich plaudern ließ – von Jagden, von Frauen, von der Stadt. Von jener Stadt, die für Drogo bereits einer unsagbar fernen Vergangenheit anzugehören schien.

Das Tal verengte sich zusehends, und inzwischen konnte Giovanni Drogo bereits erkennen, daß der Reiter dort drüben ein Hauptmann war. Es widerstrebte ihm zu rufen, was ihm ebenso unangebracht wie respektlos vorgekommen wäre. Statt dessen führte er mehrmals die Rechte salutierend an die Mütze, doch der andere gab den Gruß nicht zurück. Offenbar hatte er Drogo überhaupt noch nicht bemerkt.

Schließlich vermochte Drogo seine Ungeduld nicht mehr länger zu zügeln. »Herr Hauptmann!« rief er und legte von neuem die Hand an die Mütze.

»Was gibt’s?« kam es von drüben zurück. Der Hauptmann hatte angehalten und Drogos Gruß korrekt erwidert. Sein »Was gibt’s?« klang zwar nicht streng, aber doch ein wenig verwundert.

Auch Giovanni zügelte sein Pferd, legte jetzt die Hände wie einen Schalltrichter vor den Mund und antwortete mit lauter Stimme: »Nichts! Ich wollte Sie nur begrüßen!«

Eine törichte, beinahe ungezogene Erklärung, die sich anhören mochte wie ein dummer Scherz und die Drogo auf der Stelle bereute. Was für eine unmögliche Situation hatte er da heraufbeschworen, bloß weil er geglaubt hatte, die Einsamkeit nicht länger ertragen zu können!

»Wer sind Sie?« wollte der Hauptmann wissen. Wie Drogo bereits im geheimen befürchtet hatte, gewann dieses seltsame Zwiegespräch von einer Talseite zur anderen mit dieser Frage einen dienstlichen Charakter. Wenn der Hauptmann, wie anzunehmen, zur Garnison der Festung gehörte, war dies ein höchst ungeschickter Beginn ihrer Bekanntschaft.

»Leutnant Drogo!« stellte sich Giovanni vor.

Der Hauptmann schien sich damit zufriedenzugeben, obwohl er Drogos Namen wahrscheinlich gar nicht verstanden hatte und ihm dieser Name auch kaum etwas sagen konnte. Er setzte seinen Ritt fort und bedeutete Giovanni mit einer Handbewegung, daß sie ohnedies zusammentreffen würden. Und wirklich: Nach kaum einer halben Stunde wurde die Schlucht zu einem Engpaß, über den sich eine Brücke spannte, und die zwei Straßen vereinigten sich.

Auf dieser Brücke begegneten sich die beiden Offiziere. Der Hauptmann mochte etwa vierzig Jahre zählen oder wenig darüber. Sein Gesicht war scharf profiliert und edel im Ausdruck, seine Uniform von derbem, doch nicht unvorschriftsmäßigem Schnitt.

»Hauptmann Ortiz«, sagte er und reichte Giovanni die Hand.

In diesem Augenblick hatte Drogo das Gefühl, als gehörte er mit einem Male bereits der Welt der Festung an. Eine erste Beziehung war geschaffen, und bald würden weitere folgen.

Gleich nach der Begrüßung setzte der Hauptmann seinen Weg fort, und Drogo hielt sich in einem kleinen Respektsabstand knapp hinter ihm. Seine Befürchtung, der Hauptmann werde mit irgendeiner spitzen Bemerkung auf Drogos albernes Verhalten zurückkommen, bewahrheitete sich nicht. Ortiz schwieg. Vielleicht war er nicht zum Sprechen aufgelegt, vielleicht war er einfach schüchtern und wußte nicht, wie er beginnen sollte. Die Straße stieg wieder steil an, die Sonne wärmte nun schon kräftig, und so gingen die beiden Pferde im Schritt. Endlich sagte der Hauptmann: »Vorhin, aus der Entfernung, habe ich Ihren Namen nicht genau verstanden. Droso, oder wie?«

»Drogo«, antwortete Giovanni. »Drogo mit ›g‹. Giovanni Drogo. Herr Hauptmann müssen verzeihen, wenn ich Herrn Hauptmann gerufen habe. Ich konnte nämlich aus der Entfernung Ihren Rang nicht genau erkennen.«

»Das glaube ich Ihnen gerne«, gab Ortiz lachend zu.

Ein Weilchen ritten sie etwas befangen nebeneinanderher. Dann erkundigte sich Ortiz: »Wohin wollen Sie eigentlich?«

»Zur Festung Bastiani. Ich hoffe, ich bin auf dem richtigen Weg?«

»Freilich, freilich.«

Neuerliches Schweigen. Die Sonne brannte, und noch immer war vor ihnen nichts anderes zu sehen als wildes Gebirge mit hochaufragenden, grasbewachsenen Kuppen.

Ortiz fragte: »Sie wollen zur Festung? Haben Sie eine Meldung zu überbringen?«

»Nein, Herr Hauptmann. Ich bin dorthin kommandiert worden und will meinen Dienst antreten.«

»Sie sind also zur Garnison kommandiert worden?«

»Zur Garnison – ja, ich glaube schon. Es ist meine erste Kommandierung.«

»Also tatsächlich zur Garnison … Schön, schön … Wenn Sie glauben, daß das ein Anlaß ist – meine Glückwünsche.«

»Ergebensten Dank, Herr Hauptmann.«

Wieder ritten sie schweigend ein Stück weiter. Am Sattel des Hauptmanns hing eine hölzerne Wasserflasche, und Giovanni spürte, daß er sehr durstig war.

»Auf zwei Jahre?« fragte Ortiz ganz unvermutet.

»Verzeihung, wie meinen Herr Hauptmann das – auf zwei Jahre?«

»Nun, ob Sie die üblichen zwei Jahre in der Festung abdienen wollen?«

»Wieso zwei Jahre? Ich weiß nicht. Von einer bestimmten Zeit hat man mir nichts gesagt.«

»Ach, das versteht sich doch von selbst. Ihr frischgebackenen Leutnants kommt auf zwei Jahre herauf, und dann geht ihr wieder.«

»Ist das die Regel? Zwei Jahre – für jeden?«

»Natürlich. Und diese zwei Jahre werden doppelt angerechnet. Darauf kommt es ja an. Ohne diese Bestimmung würde sich kein Mensch hierher zum Dienst melden. Um rasch voranzukommen, nimmt man auch die Festung in Kauf, wie?«

Das alles war Drogo völlig neu. Doch mochte er sich keine Blöße geben. Deshalb sagte er nur: »Gewiß, viele von uns …«

Ortiz schien das Interesse an diesem Thema verloren zu haben, doch nun, da sich endlich ein Gespräch angesponnen hatte, wagte Giovanni noch eine weitere Frage: »Zählen die Dienstjahre auf der Festung für alle doppelt?«

»Was heißt das: für alle?«

»Ich meine – für alle Offiziere.«

Ortiz lachte. »Das wäre ja noch schöner! Wie stellen Sie sich das denn vor? Natürlich gilt diese Bestimmung nur für Subalternoffiziere. Von denen würde sich sonst keiner freiwillig melden.«

Drogo sagte: »Ich habe mich gar nicht gemeldet.«

»Wie? Sie haben sich nicht gemeldet?«

»Nein, Herr Hauptmann. Ich habe überhaupt vor zwei Tagen zum erstenmal von der Festung gehört, als ich dorthin kommandiert wurde.«

»Hm, das ist aber sonderbar.«

Jeder hing eine Weile schweigend seinen Gedanken nach. Dann sagte Ortiz unvermittelt: »Ich kann mir das nur so erklären …«

Auffahrend fragte Giovanni: »Herr Hauptmann meinen, bitte?«

»Nun, es könnte ja sein, daß niemand anderer sich freiwillig gemeldet hat. Also hat man Sie für den Dienst in der Festung bestimmt.«

»Das ist schon möglich, Herr Hauptmann.«

»Ja, so wird es wohl gewesen sein.«

Die Köpfe der beiden Pferde nickten bei jedem Schritt. Drogo starrte auf ihre scharfen Schatten, die sich auf der staubigen Straße deutlich abzeichneten. Nichts war zu hören als das Getrappel der Hufe und das Summen von ein paar Fliegen. Dann und wann, bei einer Wendung des Tales, wurde vor ihnen die Straße sichtbar, wie sie sich, in senkrechte Felswände eingeschnitten, im Zickzack zur Höhe emporwand. Und jedesmal, wenn man oben angelangt war, hatte man wieder die Straße vor sich, die immer weiter anstieg.

»Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann«, begann Drogo schließlich.

»Bitte.«

»Ist es noch sehr weit?«

»Nein, sehr weit nicht. Vielleicht zweieinhalb Stunden, vielleicht auch drei – bei diesem Tempo. Vielleicht werden wir um die Mittagszeit ankommen.«

Die beiden Tiere waren schweißbedeckt. Das Pferd des Hauptmanns war sichtlich müde und lahmte beinahe.

Eine Weile fiel zwischen den Offizieren kein Wort. Dann erkundigte sich Ortiz: »Sie kommen von der Königlichen Akademie, wie?«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann, von der Akademie.«

»Tja. Und sagen Sie: Ist der Oberst Magnus noch dort?«

»Oberst Magnus? Nicht daß ich wüßte. Ich jedenfalls kenne ihn nicht.«

Das Tal hatte sich so weit zusammengeschoben, daß die Strahlen der Sonne keinen Zutritt mehr fanden. Da und dort an den Seiten taten sich düstere Schluchten auf, aus denen ein eiskalter Wind strömte. Steile, kegelförmige Berge zeichneten sich jetzt gegen den Himmel ab. So gewaltig schienen sie, daß man hätte meinen mögen, zwei oder drei Tagesritte reichten nicht aus, sie zu erklimmen.

»Und sagen Sie mir, Herr Leutnant«, fragte Ortiz weiter, »ist der Major Bosco noch an der Akademie? Leitet er noch den Schießunterricht?«

»Zu Befehl, nein. Ich glaube nicht. Den Schießunterricht leitet Zimmermann – Major Zimmermann.«

»Ach ja, natürlich, Zimmermann. Von dem habe ich gehört. Die Sache ist die: Seit meiner Zeit sind viele Jahre vergangen … Inzwischen hat sich dort wohl allerhand geändert.«

Dann hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Die Berge wurden immer felsiger und steiler, doch die Straße lag nun wieder im Sonnenlicht.

»Ich habe sie gestern aus der Ferne gesehen«, sagte Drogo.

»Wen? Die Festung?«

»Ja, die Festung.« Drogo machte eine Pause. Dann, um dem Hauptmann etwas Schmeichelndes zu sagen, fügte er hinzu: »Eine grandiose Anlage, nicht wahr? So kam es mir jedenfalls vor.«

»Eine grandiose Anlage? Davon kann keine Rede sein. Die Festung ist eine der kleinsten. Und uralt. Nur aus der Entfernung macht sie einen gewissen Eindruck.« Dann, nach einem Augenblick des Zögerns, setzte er hinzu: »Uralt und total überholt.«

»Sie ist aber doch eine unserer wichtigsten Festungen?«

»Was fällt Ihnen ein«, erwiderte Ortiz, »eine Festung zweiten Ranges.«

Er schien ein Vergnügen daran zu finden, schlecht von dieser Festung zu sprechen, doch tat er es in dem eigenartigen Ton eines Vaters, der zwar die Fehler seiner Kinder benennt, dabei aber überzeugt ist, daß sie, gemessen an ihren unendlichen Vorzügen, nichtig sind.

»Dieses ganze Stück Grenze ist tot«, fuhr er fort. »Darum ist die Festung nie modernisiert worden und noch exakt so wie vor hundert Jahren.«

»Die Grenze ist tot? Warum?«

»Weil sie niemandem Kopfzerbrechen macht. Auf der anderen Seite liegt eine große Wüste.«

»Eine Wüste?«

»Ganz recht, eine Wüste – Felsen und dürrer Sand. Die Tatarenwüste nennt man sie.«

»Warum Tatarenwüste?« wollte Drogo wissen. »Hat es einmal Tataren dort gegeben?«

»In alten Zeiten, glaube ich. Aber das ist wohl nur eine Legende. Niemand hat je versucht, die Grenze zu durchbrechen. Nicht einmal während des letzten Krieges.«

»So ist die Festung also bisher nie zu etwas nütze gewesen?«

»Nie«, sagte der Hauptmann.

Sie waren jetzt oberhalb der Baumgrenze angelangt. Gestrüpp und dürres Gras, Felsen und Abstürze rötlichen Erdreichs kennzeichneten die Landschaft.

»Gestatten Herr Hauptmann eine Frage: Gibt es eigentlich irgendwelche Ortschaften hier in der Nähe?«

»Nein, in der Nähe nicht. Höchstens San Rocco, aber das liegt dreißig Kilometer weit entfernt.«

»Also wenig Zerstreuung, scheint mir.«

»Wenig Zerstreuung, tatsächlich. Sehr wenig.«

Die Luft war frischer geworden. Die vor ihnen liegenden rundlichen Kuppen ließen ahnen, daß die Höhe nun bald erreicht sein würde.

»Und ist das nicht sehr langweilig, Herr Hauptmann?« erkundigte sich Giovanni in vertraulichem Tonfall. Er lachte dabei, als handelte es sich um etwas durchaus Unwichtiges.

»Man gewöhnt sich daran«, erwiderte Ortiz, und mit einem Unterton des Vorwurfs fügte er hinzu: »Ich bin seit beinahe achtzehn Jahren auf der Festung. Das heißt, nein, sogar seit vollen achtzehn Jahren.«

»Seit achtzehn Jahren?« rief Giovanni erstaunt.

»Achtzehn«, wiederholte der Hauptmann.

Ein Schwarm von Raben schoß ganz dicht an den beiden Offizieren vorüber und stürzte sich talabwärts.

»Raben«, sagte der Hauptmann. Giovanni schwieg. Er dachte an sein zukünftiges Leben und fühlte sich jetzt schon fremd und verlassen inmitten dieser Bergeinsamkeit.

»Kommt es eigentlich öfter vor«, erkundigte er sich, »daß ein Offizier, der dort oben seinen Dienst beginnt, auch weiterhin bleibt?«

»Selten, heutzutage«, gab Ortiz zurück. Jetzt, da er den Eindruck seiner Worte auf Drogo bemerkte, schien es ihn zu reuen, daß er zuvor so schlecht von der Festung gesprochen hatte. »Eigentlich fast nie. Die jungen Leute drängen alle in die eleganten Garnisonen. Einmal galt es als Ehre, auf der Festung Bastiani stationiert zu sein. Mittlerweile hat sich das geändert, und dieser Dienst wird fast als eine Strafe angesehen.«

Giovanni gab keine Antwort, doch der andere ließ nicht locker.

»Schließlich und endlich«, sagte er, »sind wir doch hier eine Grenzgarnison. Und eine Grenze ist immer eine Grenze. Deswegen haben wir auch fast durchweg erstklassige Leute.«

Drogo wußte nichts zu erwidern, denn unvermittelt bemächtigte sich seiner ein niederdrückendes Gefühl. Der Horizont hatte sich inzwischen erweitert, und in der Ferne sah Drogo spitze Klippen, die in wirrem Durcheinander in den Himmel schnitten.

»Auch in der Armee haben sich die Anschauungen geändert«, fuhr Ortiz fort. »Früher galt es als Auszeichnung, zur Festung Bastiani zu gehören; jetzt heißt es: Ach, so eine tote Grenze! Obwohl man doch nie wissen kann …«

Sie überquerten einen Wasserlauf, stiegen aus den Sätteln, ließen ihre Pferde trinken und vertraten sich ein wenig die Beine.

»Wissen Sie«, fragte Ortiz und lachte herzhaft, »was auf der Festung wirklich erstklassig ist?«

»Nun, Herr Hauptmann?«

»Die Küche. Sie werden sehen, wie gut man bei uns ißt! Das ist auch der Grund, daß wir so oft Inspektion bekommen. Alle vierzehn Tage taucht ein General hier oben auf.«

Drogo lachte aus Höflichkeit mit. Eigentlich war er sich nicht darüber im klaren, ob dieser Ortiz mit irgend etwas hinter dem Berg hielt, ob er ohne jeden Hintergedanken nur so dahinredete oder ob er ganz einfach ein Hohlkopf war.

»Um so besser«, meinte Giovanni. »Ich habe nämlich einen Bärenhunger!«

»Ach, jetzt sind wir bald an Ort und Stelle. Sehen Sie diese sandige Kuppe dort vorn? Gleich dahinter liegt die Festung.«

Sie saßen wieder auf. Ortiz sollte recht behalten: Wenige hundert Meter jenseits der Kuppe wurde oberhalb einer sanft ansteigenden Hochfläche die Festung sichtbar.

Doch sie entsprach keineswegs dem Bild, das Drogo sich am Tag zuvor von ihr gemacht hatte. Von hier aus wirkte sie in der Tat eher unansehnlich. Der Mittelbau glich einer fast fensterlosen Kaserne. Niedrige, zinnenbekrönte Mauern verbanden ihn mit je zwei seitlichen Reduits und versperrten so das ganze, etwa fünfhundert Meter breite Tal zwischen den beiderseits aufragenden Felswänden.

Zur Rechten, gerade unterhalb des Gebirges, ging das Hochplateau in eine Art Sattel über. Dort verlief die alte Paßstraße und endete an der Festungsmauer. Das Fort lag reglos in der vollen Mittagssonne. Die nach Norden gerichtete Abwehrfront war von der Straße aus nicht zu sehen, nur kahle, gelbliche Wände. Aus einem Kamin stieg blasser Rauch empor. Überall auf den Mauerkronen hielten Posten Wache, das Gewehr über der Schulter, jeder von ihnen auf seinem kleinen Abschnitt gemessen hin und her schreitend. Ihre pendelnden Bewegungen schienen den Lauf der Zeit zu vermessen, ohne jedoch den Zauber der ungeheuren Einsamkeit zu durchbrechen.

Gelb und ausgedörrt, setzten sich, soweit das Auge reichte, zur Rechten und zur Linken scheinbar unbezwingbare Berge in felsigen Ketten fort.

Instinktiv hielt Giovanni Drogo sein Pferd an. Langsam ließ er den Blick umherschweifen und war sich nicht im klaren darüber, ob dieses trostlose Gemäuer einem Gefängnis ähnlicher sehe oder einem verlassenen Königsschloß. Eine Flagge über dem Hauptgebäude, die bisher schlaff herabgehangen hatte und vom Mast nicht zu unterscheiden gewesen war, blähte sich jetzt in einem leichten Wind. Von irgendwoher erklang ferner Trompetenklang. Auf dem Platz vor dem Eingangstor beluden ein paar Männer – vermutlich Soldaten – einen Wagen mit Säcken, doch auch sie schienen von einer geheimnisvollen Trägheit gelähmt.

Hauptmann Ortiz hatte ebenfalls angehalten, um zu der Festung hinüberzusehen.

»Das ist sie«, sagte er, obgleich dies völlig überflüssig war. Jetzt wird er mich fragen, ging es Drogo durch den Kopf, was für einen Eindruck die Festung auf mich macht. Der Gedanke war ihm irgendwie peinlich. Doch der Hauptmann sagte nichts.

Nein, die Festung Bastiani mit ihrem niedrigen Mauerwerk war weder grandios noch schön. Sie hatte nicht einmal pittoreske Türme und Bastionen. Nichts vermochte über ihre Nacktheit hinwegzutäuschen, nichts vermochte die leiseste Erinnerung an die fröhlichen Dinge dieser Welt wachzurufen. Dennoch starrte Drogo sie ebenso an wie am Tag zuvor aus der Tiefe der Felsenschlucht: wie hypnotisiert und mit einer unbegreiflichen Erregung im Herzen.

Wie aber sah es wohl hinter diesem ungastlichen Gebäude aus, hinter den Mauerkronen, den Kasematten, den Pulvertürmen, die den Ausblick verwehrten? Was eröffnete sich dort für eine Welt? Wie war sie beschaffen, diese Gegend im Norden, diese Felsenwüste, die nie eines Menschen Fuß durchquert hatte?

Dunkel entsann sich Drogo der Landkarte: die Grenze – und jenseits ein weites Gebiet, das nur ganz wenige Ortsnamen aufwies. Würde man von der Höhe der Festung aus wenigstens irgendeine Siedlung, eine Wiese, ein Gehöft erblicken oder einzig und allein die trostlose Öde eines unbewohnten Landstrichs?

Aufs neue überkam ihn ein Gefühl der Einsamkeit, und sein jugendlicher Soldatenleichtsinn ließ ihn ganz und gar im Stich. Von dem frohen Übermut, der ihn in der Stadt, in seinem bequemen Haus, in der Gesellschaft lustiger Kameraden, während der kleinen Abenteuer in den nächtlichen Gärten erfüllt hatte, war nichts mehr in ihm lebendig. Die Festung erschien ihm jetzt wie eine jener unbekannten Welten, denen anzugehören er nie ernsthaft für möglich gehalten hatte – nicht gerade abstoßend, doch unendlich weitab von seinem bisher gewohnten Dasein entfernt. Eine Welt, die große Ansprüche stellte und dafür nichts weiter zu bieten hatte als ihre geometrisch strengen Regeln.

Umkehren! Die Schwelle gar nicht erst überschreiten! Wieder hinunterreiten, zurück zu der Ebene, der Stadt, den alten Gewohnheiten! So beschämend eine solche Schwäche auch für einen Soldaten sein mochte – Drogo war in diesem Augenblick durchaus bereit, diese Gedanken offen einzugestehen, wenn das der Preis dafür war, daß man ihn ziehen ließ.

Gerade jetzt stieg von dem unsichtbaren Horizont im Norden eine dichte, weiße Wolke auf, und gleichmäßigen, gemessenen Schrittes wanderten unter der mittäglichen Sonne die Schildwachen auf und ab. Drogos Pferd wieherte; dann fiel alles wieder in die Stille zurück.

Schließlich riß sich Drogo von dem Anblick der Festung los. Er wandte sich dem Hauptmann zu, in der Hoffnung, aus dessen Mund ein freundschaftliches Wort zu vernehmen. Aber Ortiz saß regungslos im Sattel und hielt den Blick auf die gelben Mauern geheftet. Ja, er, der seit achtzehn Jahren hier lebte, betrachtete diese Festung, als wäre sie etwas Wunderbares, als wäre er völlig von ihr bezaubert. Er schien des Schauens nicht müde zu werden, und ein unbestimmtes Lächeln, freudig und traurig zugleich, breitete sich auf seinem Antlitz aus.

3

Gleich nach seiner Ankunft stellte sich Drogo dem Ersten Adjutanten der Festung, Major Matti, vor. Der diensthabende Leutnant, ein unbekümmerter, netter junger Mann namens Carlo Morel, begleitete ihn. Sie durchquerten die Einfahrt, hinter der sich ein großer, leerer Hof ausbreitete, und betraten einen schier unendlich langen Korridor, dessen Decke sich im Halbdunkel verlor. Nur da und dort ließen die schmalen Fenster dünne Lichtstreifen herein.

Erst im zweiten Stockwerk begegneten sie einem Soldaten, der ein Aktenbündel trug. Die kahlen, feuchten Wände, die Stille, das trübe Licht – all das erweckte den Eindruck, als hätten die Menschen dieser Garnison völlig vergessen, daß es anderswo in der Welt frohe, gastfreundliche Heimstätten, Blumen und lächelnde Frauen gab. Hier stand alles im Zeichen des Verzichts – aber um welcher geheimnisvollen Werte willen? Noch ein Stockwerk höher durchschritten sie wieder einen Korridor, der dem vorherigen völlig glich. Einen Augenblick lang wurde von ferne der Widerhall eines Lachens hörbar, und Drogo glaubte seinen Ohren nicht zu trauen.

Major Matti war ein dicklicher Herr mit einem übertrieben gemütlichen Lächeln. Sein Zimmer war geräumig, der große Schreibtisch unordentlich und mit Papieren übersät. An der Wand hing ein farbiges Bild des Königs und daneben, an einem eigenen Holzständer, der Säbel des Majors.

Drogo nahm Haltung an und stellte sich vor. Er überreichte dem Major seine Personaldokumente, und als er – entschlossen, sich so bald wie nur möglich wieder wegversetzen zu lassen – gerade zu erklären begann, daß er sich nicht freiwillig nach der Festung gemeldet habe, fiel Matti ihm ins Wort.

»Ich habe vor langen Jahren Ihren Vater kennengelernt, Herr Leutnant. Ein mustergültiger Ehrenmann. Bestimmt sind Sie bestrebt, sein Andenken in Ehren zu halten? Präsident des Obersten Gerichtshofes, wenn ich nicht irre?«

»Nein, Herr Major«, entgegnete Drogo, »mein Vater war Arzt.«

»Ach ja, natürlich! Arzt! Wo habe ich denn nur meine Gedanken?« Matti schien einen Augenblick lang in Verlegenheit, und Drogo bemerkte, wie er immer wieder die Linke zum Kragen führte, um einen kreisrunden, offenbar ganz frischen Fettfleck auf seiner Uniform zu verdecken.

»Ich freue mich, Sie hier oben begrüßen zu können«, fuhr er gleich darauf verbindlich fort. »Kennen Sie den Ausspruch Seiner Majestät Peters des Dritten? Die Festung Bastiani – Hüterin meiner Krone. Und ich selbst möchte hinzufügen, daß es eine große Ehre ist, dieser Festung anzugehören. Meinen Sie nicht auch, Herr Leutnant?«

Er sagte das alles so, als handelte es sich um eine seit Jahren eingeübte Formel, die er zu bestimmten Anlässen vorbringen mußte.

»Gewiß, Herr Major«, begann Giovanni. »Herr Major haben vollkommen recht, nur, ehrlich gestanden, ist mir alles etwas überraschend gekommen. Ich habe meine Familie in der Stadt, und wenn es möglich wäre, würde ich lieber …«

»Ah, Sie wollen uns also schon wieder verlassen, sozusagen noch ehe Sie angekommen sind? Das tut mir aber leid – das tut mir wirklich leid.«

»Wollen ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, Herr Major. Natürlich liegt es mir fern … Nur meine ich …« »Hab’ schon begriffen«, erwiderte der Major mit einem Seufzer, als handelte es sich da um eine wohlbekannte Geschichte, für die er volles Verständnis hatte. »Hab’ schon begriffen. Sie haben sich die Festung anders vorgestellt und sind jetzt ein wenig verschreckt. Aber sagen Sie mir ehrlich: Wie können Sie sich denn schon ein Urteil bilden, wo Sie doch erst vor wenigen Minuten angekommen sind?«

Drogo antwortete: »Ich habe wirklich nichts gegen die Festung, Herr Major … Ich würde nur lieber in der Stadt bleiben oder wenigstens in ihrer Nähe. Herr Major müssen verstehen, ich spreche ganz offen, ich vertraue mich Herrn Major rückhaltlos an …«

»Aber natürlich! Natürlich!« rief Matti und lachte kurz auf. »Dazu sind wir ja da! Wir wollen keinen Menschen gegen seinen Willen hier festhalten, nicht einmal die letzte Schildwache! Mir tut es nur leid um Sie – Sie scheinen mir ein ordentlicher Junge …«

Der Major schwieg ein Weilchen, als dächte er über die beste Lösung nach.

In diesem Augenblick geschah es, daß Drogo den Kopf ein wenig zur Seite wandte, dorthin, wo das Fenster war. Es führte auf den Innenhof hinaus, und Giovannis Blick fiel auf die hellbeschienene, gelbe Mauer gegenüber mit den schwarzen Rechtecken einiger weniger Fenster. Auf der Dachterrasse ging gleichmäßigen Schrittes eine Schildwache hin und her, das Gewehr über der Schulter. Eine Uhr zeigte auf zwei. Aber jenseits der Zinnen ragte in weiter Ferne ein leuchtender Felsgipfel in den Himmel. Nur seine oberste Spitze war zu sehen – ein Anblick, an dem eigentlich nichts Besonderes war. Dennoch vernahm Giovanni Drogo etwas wie einen Ruf, den ersten Ruf, der von jenem Land im Norden herüberkam, von jenem sagenhaften Land, das gleichsam auf dieser Festung lastete. Und zwischen aufsteigenden Nebeldünsten trieb von dort ein schläfriges Licht zu ihnen herüber.

Jetzt begann der Major wieder zu sprechen. »Sagen Sie«, fragte er, »möchten Sie sofort wieder zurück, oder würde es Ihnen nichts ausmachen, wenigstens ein paar Monate zu bleiben? Ich wiederhole: Uns ist es gleichgültig … Natürlich vom dienstlichen Standpunkt aus gesehen.« Diese letzten Worte fügte er wohl hinzu, um dem Satz seinen unhöflichen Klang zu nehmen.

»Wenn ich schon zurück darf«, erwiderte Drogo, angenehm überrascht von der entgegenkommenden Haltung des Majors, »wenn ich schon zurück darf, gehe ich wohl am besten sofort.«

»Einverstanden, einverstanden«, gab der Major zurück. »In diesem Falle wäre es das beste, Sie meldeten sich krank. Sie kommen dann für ein paar Tage zur Beobachtung ins Lazarett, und der Arzt stellt Ihnen ein Zeugnis aus. Es gibt ja viele, die die Höhenluft nicht vertragen …«

»Ist es wirklich nötig, daß ich mich krank melde?« fragte Drogo, dem solche Winkelzüge nicht recht gefallen wollten.

»Nötig nicht, aber es vereinfacht die Sache. Sie müßten sonst schriftlich um Ihre Versetzung einkommen. Dieses Gesuch müßte an das Oberkommando weitergeleitet werden, und bis die Antwort eintrifft, vergehen mindestens vierzehn Tage. Vor allem muß sich dann der Herr Oberst selbst mit Ihrer Angelegenheit befassen, und das möchte ich lieber vermeiden. Derlei Dinge hat er nicht gern. Er nimmt sie sich zu Herzen, ja, das ist das richtige Wort, er nimmt sie sich zu Herzen, als ob jemand seine Festung beleidigt hätte. Darum würde ich, ganz ehrlich gesagt, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, das alles zu vermeiden suchen …«

»Bitte vielmals um Entschuldigung, Herr Major«, warf Drogo ein. »Davon hatte ich keine Ahnung. Wenn es mir schaden kann, daß ich um meine Versetzung nachsuche, dann sieht das Ganze natürlich anders aus.«

»Wo denken Sie hin, Herr Leutnant? Sie haben mich nicht richtig verstanden. Ihrer Karriere würde das auf keinen Fall abträglich sein. Es handelt sich nur – wie soll ich sagen? – um eine Nuance … Gewiß, dem Herrn Obersten wird die Sache vielleicht nicht sehr gefallen, das sagte ich Ihnen ja schon. Aber wenn Sie tatsächlich entschlossen sind …«

»Nein, nein«, rief Drogo, »wenn das so ist, wie Herr Major sagen, wäre wohl das ärztliche Zeugnis vorzuziehen …«

»Es sei denn …«, begann Matti mit hintergründigem Lächeln und sprach dann nicht weiter.

»Es sei denn …?«

»Es sei denn, Sie finden sich damit ab, vier Monate hierzubleiben. Sicherlich die vorteilhafteste Lösung.«

»Vier Monate?« fragte Drogo ziemlich enttäuscht, da er doch der Meinung gewesen war, sogleich aufbrechen zu können.

»Vier Monate«, bekräftigte Matti. »Das wäre ein viel ordnungsgemäßeres Verfahren. Ich will Ihnen die Sache erklären: Zweimal im Jahr werden alle ärztlich untersucht, das ist Vorschrift. Die nächste dieser Visiten findet in vier Monaten statt. Das schiene mir die günstigste Gelegenheit. Und wenn Sie wollen, verbürge ich mich dafür, daß die Untersuchung bei Ihnen negativ ausfällt. Darüber können Sie völlig beruhigt sein. Außerdem«, fuhr der Major nach einer Pause fort, »außerdem sind vier Monate immerhin vier Monate. Nach dieser Zeit haben Sie bereits Anspruch auf eine Dienstbeschreibung, die der Herr Oberst sicher gern verfassen wird. Sie wissen ja, welchen Wert das für Ihre weitere Karriere haben kann. Aber verstehen wir uns, verstehen wir uns richtig: Ich erteile Ihnen nur einen Rat. Sie sind völlig frei, sich zu entscheiden …«

»Zu Befehl«, erwiderte Drogo, »ich verstehe vollkommen.«

»Der Dienst hier ist nicht anstrengend«, sagte der Major mit Nachdruck. »Es handelt sich fast immer nur um Wachdienst. Und das Neue Reduit, das etwas größere Ansprüche stellt, wird Ihnen in der ersten Zeit bestimmt nicht anvertraut werden. Also keine Angst – man wird nicht viel von Ihnen verlangen. Schlimmstenfalls werden Sie sich etwas langweilen.«

Aber Drogo hörte kaum auf Mattis Erklärungen. Der Blick durch das Fenster, dieser Blick auf jenen Felsengipfel oberhalb der Zinnen, übte eine so starke Anziehungskraft auf ihn aus, daß sich seiner ein eigentümliches Gefühl bemächtigte, von dem er nicht hätte sagen können, wie es im Grunde beschaffen war. Vielleicht handelte es sich nur um eine Torheit, einen Unsinn, um eine Suggestion ohne jeden Rückhalt in der Wirklichkeit.

Zugleich wurde ihm das Herz leichter. Er wünschte noch immer von hier fortzukommen, aber die drängende Ungeduld war auf einmal von ihm abgefallen. Fast schämte er sich der Angst, die ihn bei seiner Ankunft übermannt hatte. War er vielleicht weniger wert als seine Kameraden? Würde eine sofortige Umkehr nicht einem Eingeständnis seiner Unzulänglichkeit gleichkommen? So lag in ihm die Sehnsucht nach dem gewohnten und vertrauten Dasein im Kampf mit seiner Eitelkeit.

»Herr Major«, sagte er jetzt, »ich bin Herrn Major für die Ratschläge äußerst dankbar, aber ich möchte bis morgen um Bedenkzeit bitten.«

»Ausgezeichnet!« gab Matti sichtlich befriedigt zurück. »Und wie wollen Sie es heute abend halten?

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