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Die Tänzerin

Marion Urch

Die Tänzerin

Ein Lola-Montez-Roman

 

Aus dem Englischen von Christine Pavesicz

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

Vorspiel

Monolog

I. Akt

1. Szene

2. Szene

3. Szene

4. Szene

5. Szene

6. Szene

7. Szene

INTERMEZZO

II. Akt

8. Szene

(Zerrissen und zerfetzt, blutbespritzt und voller Schmutz und Dung)

INTERMEZZO

III. Akt

9. Szene

10. Szene

(Addendum)

Epilog

Danksagung

 

|5|Für meinen Vater John Urch und meine Großmutter väterlicherseits,

Elizabeth O’Brien, die sich beide im zarten Alter von fünfzehn

Jahren ins Ungewisse gewagt haben.

 

Was ist am Ende Lügen? Lügen ist

Wahrheit im Maskenstaat.

Don Juan

Lord Byron

|9|Vorspiel

Es kam über Schnee und Eis, zerzauste die Oberfläche brachliegender Felder und kroch in kahle, erfrorene Gärten. Es stahl sich still gewordene Straßen entlang und unter Türen durch. Es glitt durch dicke Wintergardinen, drang durch jede noch so kleine Ritze zwischen Holzleisten und Wänden. Es blies Kerzen aus und verstörte Katzen. Ein brütendes Gefühl des Unbehagens lag über den Häusern, eine unergründliche Ruhelosigkeit senkte sich durch die Kälte und die eisige Luft herab.

|11|Monolog

Lola stand hinter dem Vorhang auf der unbeleuchteten Bühne. Sanfte Schatten legten sich um sie wie feiner Ruß. Bald würde sich der wandgleiche rotbraune Samt mit einem Rascheln vor ihr öffnen, aber noch nicht jetzt, jetzt noch nicht. Der Plüschvorhang, der die Bühne einhüllte wie einen Schrein, kräuselte sich wie Wasser in einer Brise, wie Haut, die unter der Berührung eines geliebten Menschen erschaudert. Sie holte tief Atem. Sie hörte, wie die Stimmen jenseits des Vorhangs ungeduldiger wurden. Ein Geigenspieler zupfte ein paar Saiten, jemand hustete. Die rhythmischen Klänge von Harfen und Kesselpauken ertönten, und der Vorhang bewegte sich. Als das Becken erschallte, teilte sich der Stoff wie das Rote Meer vor Moses.

Vorsichtig, Schritt für Schritt, trat sie ins Licht, als hätte sie noch nie einen Fuß vor den anderen gesetzt, als wäre sie in jedem Schritt gefangen. Zwei, drei, vier: sie erfasste den Rhythmus der Harfe und atmete die Töne, die die Saiten des Kontrabasses anschlugen. Beim neunten Ton hob sie die Kastagnetten über ihren Kopf. Sie bewegte sich im Kreis über den Bühnenboden und wob mit wellengleichen Bewegungen ihrer Arme und Handgelenke ein verschlungenes Netz. Einen Augenblick lang war sie eine glückselige, liebende Frau, gleich darauf voller Verachtung und Stolz. Sie war die reine Hingabe, dann der Zorn, dann die Sehnsucht – als würde ein Kaleidoskop von Gefühlen über die Bühne |12|wirbeln. Als sie mit ihren Absätzen zapateados trommelte, ging ein Ruck durch das Publikum. Mit kühnem Blick bezwang sie es, als wäre sie die mächtigste Frau der Welt.

An diesem Abend schloss ihre Darbietung all die großen Momente ihrer Karriere ein. Dresden, Warschau, Paris, sie brachte sie alle wieder auf die Bühne. Sie war in Berlin und tanzte für den König von Preußen und Zar Nikolaus I., den Kaiser von ganz Russland. Erneut eroberte sie in München König Ludwig. Sie war dreiundzwanzig und gab ihr Debüt auf der Bühne des »Her Majesty’s Theatre« in London.

Bei ihrer letzten Verbeugung erhoben sich die Zuschauer im Broadway Theatre in New York, trampelten mit den Füßen und brachen in Beifallsrufe aus. Sie erbebte unter dem Applaus. Ihr ganzer Körper prickelte, von den Fingern bis zu den Zehenspitzen. Flehentlich breitete sie die Arme aus, und die Luft füllte sich mit Rosen. Sie warf dem Publikum einen Kuss zu und dann noch einen. Als eine langstielige Rose zu ihren Füßen landete, hob sie sie auf und drückte die Blütenblätter an ihre Wange. Tief purpurrot, scharlachrot, pflaumenfarben, traubenrot – die Knospen ergossen sich über den Bretterboden. Als sich der Vorhang schließlich herabsenkte, war die Bühne mit Rosen übersät. Die zertretenen und zerquetschten Blütenblätter verströmten einen süßen, öligen Duft. Sie fühlte sich leicht benommen und hatte Angst hinzufallen. Der Saft von zerdrückten Rosenblättern lief über den Boden.

 

Nach der Aufführung verschwand Lola in kalten, staubigen Gängen, die nach Mottenkugeln und dem feuchten, süßlichen Geruch von ungewaschenen Füßen stanken. In ihrer Garderobe schleuderte |13|sie die Schuhe von sich und stieß dann einen erleichterten Seufzer aus. Im Kamin brannte Feuer, und aus der Badewanne stieg Dampf auf. Auf der anderen Seite des Zimmers befanden sich Blumen in allen Entwicklungsstadien, von Knospen bis zu verwelkenden Blüten. Die Luft war schwer vom berauschenden Duft abfallender Gardenien und dem üblen, morastigen Gestank von stehendem Wasser. Sie schnürte ihr Kostüm auf und ließ die Röcke auf den Boden fallen. Dann setzte sie sich an den Schminktisch und griff nach einem Tuch. Ihr perfektes Bühnengesicht hatte Sprünge bekommen, war verschmiert und verkrustet. Puder verstopfte die Falten um Nase und Mund; die Reste der Theaterschminke klebten auf ihren glänzenden, fiebrigen Wangen; das schwarze Kajal um ihre Augen war in Tausende winzige Falten gesickert. Auf der Tischplatte neben ihr hatten Feuerlilien auf welkenden Stängeln ihre Blüten geöffnet und ihr Innerstes entblößt; die Blütenblätter baumelten herab und konnten jeden Moment abfallen. Vor der Garderobe hallten Männerschritte durch die Gänge. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und schob drei schwere Messingbolzen vor die Tür. Als sie sich wieder gesetzt hatte, hörte sie, wie der Druck auf die Wände ungeduldiger wurde. Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel und machte sich dann mit einer Flasche Rosenwasser und einem feuchten Tuch an die Arbeit.

Ihre Haut nahm die dicke Cremeschicht, die sie auf Gesicht und Hals verteilte, gierig auf. Ein einziger perfekt ausgeführter Oleano erschöpfte sie jetzt schon, während sie früher die ganze Nacht hätte tanzen können. Heutzutage trug sie ihre Schminke etwas dicker auf und fühlte sich bei künstlichem Licht wohler. Jeden Morgen zupfte sie ein weiteres krauses silbernes Haar aus. |14|Sie bewahrte die grauen Haare gemeinsam mit einem Zahn und einem Ring mit einem Stein aus rotem Glas in einer winzigen Schatulle auf, neben einer Reihe von Tagebüchern, die ihre geheimsten Gedanken enthielten.

Die Zeitungen schrieben, Lola sei schöner als je zuvor, doch sie wusste, dass das nicht stimmte. Echte Schönheit hatte etwas Unschuldiges an sich, sie hatte eine bestimmte Ausstrahlung. Jene, die wir für schön halten, tragen die Züge eines Kindes; ihre Haut, ihr Mund und ihre Augen bleiben ebenso durchscheinend. Lola war verführerisch, sie besaß einen betörenden Zauber; es war ein Schwindel, die Fähigkeit, Menschen zu faszinieren.

Sie nahm ein schnelles Bad und spülte sich mit eiskaltem Wasser ab. Dann wühlte sie in ihren Kleidern und wählte eines aus moosgrünem Samt, das ihren Teint hervorhob und ihre Taille schmaler erscheinen ließ. Jetzt hörte sie Stimmen durch die Tür rufen und begann sich zu beeilen. Jugendliches Leuchten kam aus einem Tiegel, den sie aus Paris mitgebracht hatte. Die Erinnerungen an einen zärtlichen jungen Liebhaber zauberten ein Lächeln auf ihre Lippen, eine ganz spezielle brachte ihre Wangen zum Glühen. Sie inspizierte sich im Spiegel und frisierte ihr Haar. Endlich war sie fertig. Heute Abend musste sie mindestens einen neuen Gönner gewinnen, wenn nicht zwei; einen, der ihre Memoiren veröffentlichen und einen anderen, der ihre neue Aufführung finanzieren sollte. Sie warf einen Blick auf den Stapel Tagebücher, von denen jedes in den Stoffrest eines ihrer Lieblingskleider gebunden war. Sie hatte ihren Inhalt bereits zweimal geplündert, doch jetzt keimte eine weitere Idee in ihr auf. Sie schob die Brüste hoch, nickte ihrem Spiegelbild zu, ging zur Tür und riegelte sie auf.

|15|I. AKT

1. Szene

Mit Goldfäden durchzogene türkise Seide

|17|KAPITEL 1

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Ich möchte Ihnen von einem kleinen Mädchen erzählen, das ich einmal kannte. Von einem Baby in einem Mansardenzimmer, dessen Blick immer wieder auf himmelblaue Vorhänge fiel, auf das Blau eines stählernen, unbarmherzigen Himmels, auf warme haselnussbraune Augen mit bernsteinfarbenen Sprenkeln. Es gibt Träume, die treiben Knospen und dann Blüten, während andere verwelken und dahinschwinden. Manchmal mischt sich Phantasie mit Wirklichkeit, eine Lüge mit der Wahrheit. Wir leben die Träume anderer Menschen aus, verwechseln Hoffnung mit Angst, sehen zu, wie aus unseren eigenen Träumen Alpträume werden. Ich möchte mit Ihnen einunddreißig, zweiunddreißig Jahre zurückgehen. Erlauben Sie mir, die Zeit wie die verschrumpelte Schale von einer noch saftigen Frucht abzuschälen. Ich möchte Sie weiter zurückführen als zu jenem letzten großartigen Auftritt in Manhattan, weiter als zu den aufregenden, berauschenden Tagen in München, weiter als nach Berlin, Paris und London, bis ganz an den Anfang – nach Irland im Jahr 1820.

In einer mondlosen Dezembernacht läutete der Glockenturm im Zentrum von Cork zwölf. Im Hinterzimmer eines verfallenen Hauses in der Main Street plante eine Gruppe von Männern einen Aufstand. Im Obergeschoß des Hauses der Putzmacherin |18|lag ein vierzehnjähriges irisches Mädchen auf ihrem schmalen Bett und träumte. Am Hafen unten ging ein Engländer selbstbewusst und beschwingt von Bord. Sowohl das Putzmacherlehrmädchen als auch der Fähnrich sannen in ihren getrennten Welten über ihre rosige Zukunft nach. Ungeachtet der reifbedeckten Fenster und ihrer eiskalten Zehen sprangen beide am nächsten Morgen leichtfüßig aus den Betten. Ich kann meine Mutter beinahe vor mir sehen, wie sie atemlos die Treppe vom Dachgeschoß hinunterlief und dabei noch ihr Haar aufsteckte, während mein Vater gebieterisch auf den Kasernenhof schritt.

Stellen Sie sich ein prächtiges Schloss vor, mit Zinnen und schwindelerregenden Türmen, jedoch ausschließlich aus Seidenpapier gebaut. Das Bild meines Vaters habe ich aus Erinnerungsbrocken zusammengesetzt – aus einzelnen Sätzen, Bruchstücken von Unterhaltungen, einer Berührung, einer Geste. Edward Gilbert war eine Illusion, ein Traum – zuerst der meiner Mutter, dann meiner. Soweit ich mich erinnere, war er ein gutaussehender Mann, mit feinem Knochenbau, blond, mit einem dünnen Schnurrbart und einem Backenbart. Meine Mutter sagte immer, seine bleichen, geschwungenen Wimpern hätten sie an die eines Kindes erinnert. Selbst sein Knochenbau wirkte auf sie typisch englisch und kultiviert.

Ich stellte ihn mir vor, wie er unter einem verhangenen irischen Himmel großgewachsen und aufrecht im Kasernenhof stand. In seiner roten Jacke und der engen paspelierten Hose kam er sich gewiss schneidig, toll und unwiderstehlich vor. Es war ein Tag, an dem alles möglich war, ein strahlender Morgen, genau richtig für einen Neubeginn. Hier in Irland würde seine Herkunft kein Hindernis sein. Hier konnte man sein Glück machen, hatte man |19|ihm gesagt. Ein junger britischer Fähnrich wie er konnte es weit bringen. Er sog die Luft ein und erwartete einen schmutzigen, ungewaschenen, irischen Geruch, doch was er in der Brise roch, war nur allzu vertraut – Pferdemist, polierte Stiefel, Stroh, verrottendes Gemüse, der Gestank von altem Kohlwasser aus der Küche, die Ausdünstungen einer Garnison, die überall gleich waren. Als er zu den Toren schlenderte, malte er sich aus, wie er mit einem einzigen, mächtigen Streich die Herrschaft über die ganze Welt übernahm, von einem Ende des Globus zum anderen. Er salutierte vor seinem Leutnant und gesellte sich zu einer Gruppe von Soldaten, die neben dem Tor strammstanden.

Als die mit Nägeln beschlagenen und bewehrten Tore scheppernd aufgingen, verpuffte seine Sicherheit in der klaren und frostigen Luft. Das Erste, was er durch die Türöffnung sah, war ein mageres Mädchen in einem zerlumpten roten Unterrock, das sich um einen Topf auf einem rauchenden Feuer kümmerte; das Zweite ein paar primitive, behelfsmäßige Behausungen. Für Tiere? dachte er. Ächzend und knarrend öffneten sich die Tore der Garnison Zentimeter um Zentimeter. Dahinter befand sich in einem Feld von stacheligem, blühendem gelbem Ginster ein ausgedehntes Lager. An Wäscheleinen baumelten Decken, von dornigen Büschen hing fadenscheinige Unterwäsche; magere Kinder mit schmutzigen Füßen liefen ein und aus. Die einzigen Tiere, die zu sehen waren, waren eine klapprige Kuh mit schlaffem Euter und ein räudiger, fast kahler Hund. Als die Tore ganz offen standen, zählte Edward fünfunddreißig, vierzig Frauen und verlor den Überblick über die Anzahl der Kinder. Aus einer der Hütten spähte ein gespensterhaftes Wesen mit hohlen Augen, dann tauchten andere auf und blinzelten im hellen Licht. Als das |20|Regiment aus der Garnison schritt, hatte sich am Straßenrand ein heruntergekommenes Völkchen versammelt.

»Komm her zu mir«, rief eine Frau mit hervorstehenden Knochen. »Warte, bis du siehst, was ich für dich hab.«

Die Soldaten marschierten in Reih und Glied, den Blick auf einen fernen Punkt gerichtet. Edward versuchte, Schritt zu halten, doch eine Ader an seiner Stirn hatte zu zucken begonnen. Er sah eine Frau, die gebeugt war wie ein altes Weib und andere mit schwarzen Zähnen und offenen Mündern. Eine weitere Frau mit pockennarbigem Gesicht hatte ein Kind an die Brust gedrückt.

»Kann man die nicht wegschaffen?«, flüsterte er.

»Diese Schnepfen?«, antwortete der Leutnant. »Im Gegenteil, sie dürfen das Areal nicht verlassen. Sonst kommen sie ins Arbeitshaus. Offensichtlich ziehen sie es vor, hier zu bleiben.«

»Aber es sind Dutzende, Sir. Das sollte doch gewiss nicht erlaubt sein.«

Der Leutnant schnaubte. »Sie waren wohl noch nicht in Irland, was, Gilbert? Solche Horden gibt es in jeder Garnisonsstadt. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Einzigen, was sie können.«

Während das Regiment zum Rathaus marschierte, kreischten die Frauen den Soldaten hinterher. Ein Mädchen mit Engelsgesicht und schmutzigen Füssen fixierte einen stämmigen jungen Soldaten; ein anderes versuchte ein verängstigtes Kind zu beruhigen. Als Edward über die Schulter zurückblickte, schwenkte eine Frau mit einer Augenklappe eine nackte Brust in seine Richtung.

»Mein Vater ist Engländer«, rief ein kleiner Junge mit erstaunlich blauen Augen. »Das heißt doch, ich bin auch Engländer, oder was, genau wie du.«

|21|Das Regiment marschierte weiter, vorbei an Stadthäusern, Amtsgebäuden und Geschäften, die eine beunruhigende Ähnlichkeit mit einer englischen Marktstadt aufwiesen. Edward versuchte, die Worte des kleinen Jungen aus seiner Erinnerung zu verbannen, doch sie klangen ihm im Rhythmus seiner Schritte im Ohr. An jeder Ecke drückten sich Jugendliche und Gruppen von Männern mit finsteren Mienen herum, die verschwanden, sobald sie näher kamen. Als der Trupp vom City Square in die Main Street abbog, erblickte Edward im Fenster eines Putzmacherladens ein Mädchen mit einer jadegrünen Haube. Sie wirkte frisch und unschuldig wie der junge Morgen; ihr Anblick lenkte ihn ab und vertrieb seine gedrückte Stimmung. Vielleicht hielt das Leben doch noch Freuden für ihn bereit. Sie lächelte kurz und verschwand dann. Edward blieb die Erinnerung an glänzende, durchdringende Augen, dichte Augenbrauen und einen dunklen Teint, der von ihrem leuchtenden smaragdfarbenen Kleid hervorgehoben wurde.

Tagsüber war Cork ruhig; in der Nacht loderten in der ganzen Stadt kleine Feuer auf. Im Dezember flog ein Eimer mit Pferdepisse durch das Fenster des Gerichtsgebäudes, das danach wochenlang stank wie ein Pissoir am Markttag. Polizisten wurden der Reihe nach abgeknallt. Niemand sah je etwas; niemand übernahm die Verantwortung. Das Regiment patrouillierte zweimal am Tag durch die Straßen, doch die Soldaten mussten achtgeben, was hinter ihrem Rücken vor sich ging. Für jedes freundliche Lächeln, das man ihnen schenkte, wurde ihnen eine Handvoll Mist oder Schlimmeres nachgeworfen.

 

|22|Meine Mutter wartete jeden Tag darauf, dass der Trupp in die Main Street kam. Wenn mein Vater durch die Fenster des Putzmacherladens schaute, zog sie sich zurück, damit er sie nicht sah. Sobald die Soldaten vorbeimarschiert waren, reckte sie den Kopf aus der Tür und blickte ihm nach.

Eliza Oliver war ein frühreifes Mädchen mit Ambitionen, die für ihre Stellung eigentlich zu hoch waren. Sie war seit ihrem zwölften Lebensjahr bei der Putzmacherin in Lehre, betrachtete sich jedoch als Erwachsene und den Damen, die den Laden frequentierten, mehr als ebenbürtig. Obwohl sie mit allen körperlichen Reizen einer jungen Frau ausgestattet war, hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt, sie zu erproben. Männer aus einer gehobenen Klasse und mit genügend Mitteln würden sie vielleicht als Mätresse in Erwägung ziehen, aber niemals als Ehefrau. Die Kaufmänner und Geschäftsleute, die ihr den Hof machten, betrachtete sie als unter ihrem Stand. Sie schmiedete bereits Pläne für ihren Auftritt beim jährlichen Regimentsball. Vor ihrem geistigen Auge tauchten immer wieder die blassen, kultivierten Züge des Offiziers auf. Ein britischer Offizier würde eine Hutmacherin niemals als passende Ehefrau betrachten, doch sie konnte sich mühelos als Dame geben. Hatte sie sie nicht oft genug studiert, wenn sie in den Laden kamen?

Edward verbrachte in der Kaserne viel Zeit damit, diverse Posten in Bücher ein- und auszutragen – Strafgefangene, Deserteure, Proviant, Waffen. Abends schloss er sich anderen Offizieren an und verkehrte mit lokalen Würdenträgern auf Soireen oder beim Kartenspiel. Nachts hörte er vom Lager vor den Kasernentoren englische Stimmen. Nach wenigen Wochen lechzte er nach Abwechslung.

 

|23|Als er beim Regimentsball ein bekanntes Gesicht sah, sauste er förmlich über das glänzende Parkett. Das Mädchen aus dem Hutgeschäft wurde ihm als Miss Eliza Oliver vorgestellt, Tochter des verstorbenen Sir Charles Silver Oliver, des ehemaligen Sheriffs von Cork. Edward richtete sich zu seiner vollen Größe auf und glättete unsichtbare Falten in seiner frisch gebügelten Weste. Elizas Anstandsdame war die Frau eines Beamten, der mit Sir Charles befreundet gewesen war. Eliza hatte sechs Wochen gebraucht, sie dazu zu bringen, sie vorzustellen – ihr Stand rechtfertigte das wohl kaum. Sie nahm an, dass Edward vermögend war. Schließlich war er doch Offizier, nicht wahr? Für ihre ungeschulten irischen Ohren redete er wie der kultivierteste englische Gentleman. Den westenglischen Akzent nahm sie ebenso wenig wahr, wie sie merkte, dass sich die höherrangigen Offiziere ihm gegenüber etwas reserviert verhielten.

Eliza trug ein lavendelfarbenes Kleid mit einem bestickten Überrock aus Voile; ihre Schuhe und Handschuhe waren aus farblich abgestimmtem Satin. Beim Tanzen wurde ihr Rock eine durchscheinende lavendelfarbige Wolke, die die grünen Blitze in ihren dunklen Augen hervorhob. Als Edward merkte, dass die anderen Offiziere beobachteten, wie er Eliza über das Parkett wirbelte, strahlte er vor Stolz.

Edward wusste nicht, dass das Kleid Elizas Schwester Millie, einer Zofe gehörte; diese hatte es von ihrer Herrin geschenkt bekommen, die es nicht ausstehen konnte. Die Dame hatte es nur einmal getragen, als sie einen Heiratsantrag erwartete und stattdessen sitzengelassen wurde. Eliza hatte ihre Schwester angefleht, ihr das Kleid zu leihen. Millie hatte schließlich nachgegeben und dafür ein besticktes Tafthäubchen mit einem Kranz aus Seidenrosen |24|verlangt. Eliza hatte für diesen Hut über einen Monat gebraucht und dabei ihre Augen überanstrengt. Als Edward mit ihr eine weitere Quadrille zu tanzen begann, schloss sie die Augen und gestattete sich ein sittsames Lächeln.

In Cork brodelte es beinahe ein Jahr lang; die Verbitterung der einheimischen katholischen Bevölkerung machte sich in kleinen Akten der Rebellion Luft. Eine lokale Wahl endete in Ausschreitungen. Ein Zehnteintreiber wurde auf seiner Tour erschossen. Männer mit weißen Tüchern um den Kopf stahlen in der Nacht aus Privathäusern Waffen und erschossen Polizisten. In dem Lager vor den Toren der Kaserne fand man einen Fußsoldaten mit durchschnittener Kehle.

Schließlich wurde Edward mit der administrativen Abwicklung von Deportationen und der Verhaftung von Deserteuren betraut. An den Abenden warb er um Eliza. Weit weg von allem, was ihm vertraut war, machte er sich keine Gedanken über die Treffpunkte, die sie wählte, und dass keine Anstandsdame dabei war, schrieb er einfach einer glücklichen Fügung zu. Eliza hatte etwas an sich, das er von englischen Mädchen nicht kannte, eine fast undamenhafte, sprühende Lebendigkeit.

Nach vier Monaten begannen Gerüchte über eine mögliche Truppenverlegung die Runde zu machen. Eliza musste sich schnell etwas überlegen. Edward wurde leidenschaftlicher. Sie gestattete ihm Dinge, die sie ihm eigentlich nicht erlauben hätte dürfen. Sie fütterten einander mit Lügen wie mit Konfekt: wohlschmeckende Häppchen, die sie liebevoll aus Tagträumen erschufen, kamen ihnen leicht über die Lippen. Sie hinterließ ihren Duft auf seinen Fingern, und mehr als einmal glitt das Mieder ihres Kleides hinunter, doch vor dem letzten Schritt scheute sie |25|stets zurück. Wenn sie ihren Kopf spielerisch auf Edwards Schoß hin und her drehte, wurde er so erregt, dass er kaum atmen konnte. Sobald er ihr die Ehe versprochen und einen rubinbesetzten Ring an den Finger gesteckt hatte, unterbrach Eliza sein Gefummel und hob selbst ihre Unterröcke hoch.

Edward war nicht ganz so impulsiv, wie es den Anschein hatte. Berauscht, frustriert, erregt – das alles war er, doch er war auch ein praktisch denkender Mann. Fast fünf Monate lang hatte er von nichts anderem geträumt als davon, in Elizas Unterröcke einzutauchen, doch für ihn warteten neben diesen himmlischen Freuden auch Banknoten und Goldmünzen auf ihn. Elizas Vermögen würde ihm mehr als gelegen kommen, und als verheirateter Offizier würde sein Gehalt erhöht werden. Und außerdem, wer würde sonst in irgendeiner abgeschiedenen irischen Stadt für seine Zerstreuung sorgen?

 

Meine bevorstehende Ankunft auf dieser Welt war gekennzeichnet von immer wieder weiter gemachten Kleidern. Meine Mutter zog zu meinem Onkel nach Limerick. Sie empfand es als demütigend, bei einem Verkäufer wohnen zu müssen, noch dazu über einem Haushaltswarenladen; sie plante so bald wie möglich nach meiner Geburt eine triumphale Rückkehr und eine prächtige Hochzeit. In ihrem sechsten Schwangerschaftsmonat kam es zu einem Aufstand in Sligo, und das Regiment meines Vaters wurde sofort dorthin versetzt. Als Eliza davon erfuhr, brach sie in Tränen aus.

In Limerick regnete es. Es regnete, bis das Wasser in Strömen durch die Straßen floss. Es regnete am Morgen und es regnete am Abend. Es regnete, bis die Tapeten schwarz wurden und sich an |26|den Kanten lösten. Meine Mutter gab mir die Schuld an diesen endlosen Monaten des Wartens – ertrug sie sie nicht nur meinetwegen? Meilenweit von Cork entfernt und aufgeblasen wie ein Wal, hatte sie Angst, dass mein Vater sie verlassen könnte. Die geschwollenen Knöchel, die dicker werdende Taille, die hervorstehenden Adern – das alles war meine Schuld. Für sie war ich bereits ein lebendiger kleiner Mensch. Ohne mich noch gesehen zu haben, war ich in ihrer Vorstellung ein Wesen mit dem weit aufgerissenen, gierigen Mund eines Fisches.

Am Tag meiner Geburt kochte der Zorn über die Zwangsräumungen über, und es kam zu Aufständen. Meine Mutter lag im vorderen Schlafzimmer über dem Geschäft; das Geschrei auf den Straßen wurde lauter. Ihre Wehen kamen so rasch hintereinander, dass man sie nicht an einen ruhigeren Ort bringen konnte. Draußen schlugen Frauen Mülleimerdeckel aneinander, Männer rissen Zaunpfosten und Geländer aus ihrer Verankerung, und die riesigen Schaufenster des Geschäfts zerbarsten. Meine Mutter schrie, doch der Lärm auf der Straße übertönte sie. Während sie drückte und presste und fluchte, ging das Amtsgerichtsgebäude gegenüber in Flammen auf. Während ich meinen Kopf in die Welt stieß, flog ein Ziegel durch das Fenster, und das ganze Zimmer war voller Glasscherben. Da blieb ich stecken und bewegte mich nicht weiter. Die Hebamme hatte alle Mühe, mich herauszuzerren. Als mich meine Mutter schließlich sah, war sie deprimiert.

»Mein Gott, sie sieht ja aus wie ein Dienstmädchen«, rief sie.

Sie hatte sich einen englisch aussehenden Jungen erhofft, blond und mit zartem Knochenbau wie mein Vater. Doch ich war ein stämmiges kleines Mädchen mit kräftigen Gliedern und |27|noch dunklerem Teint als sie. Kein Merkmal der anglo-irischen Linie der Olivers schien sich durchgesetzt zu haben, ja, ich sah sogar noch irischer aus als sie.

Die Hochzeit fand drei Monate später in der Christ Church in Cork statt. In den Zeitungsanzeigen wurde meine Mutter als Tochter von Sir Charles Silver Oliver genannt; Vorfahren meines Vaters wurden keine erwähnt. Es nahmen keine Verwandten von ihm an der Hochzeit teil. Die wenigen Angehörigen meiner Mutter hielten offenbar sehr viel von sich, gaben aber über ihre genaue Beziehung zu Sir Charles nur vage Auskunft. Braut und Bräutigam wirkten außer sich vor Glück – oder war das nur die Erleichterung darüber, dass keiner von ihnen beim Lügen ertappt worden war? Wenn einer von beiden an der bescheidenen Feier Anstoß nahm, so verlor er kein Wort darüber. Vielleicht waren sie blind vor Liebe; jedenfalls waren sie beide ihrer Jugend entsprechend sehr erpicht darauf, ihre Liebe unter der Bettdecke auszudrücken.

Auf halbem Weg nach Sligo merkten sie, dass sie mich in Limerick zurückgelassen hatten. Ich kann mir vorstellen, dass sie einen Blick wechselten, bevor sie übereinkamen, dass sie doch umdrehen sollten. Inzwischen nannten sie mich Eliza oder »das Baby«, wenn sie überhaupt von mir sprachen. Aus offensichtlichen Gründen wurde meine Geburt nicht ins Kirchenbuch eingetragen. Es gibt keinen Beweis dafür, dass ich überhaupt geboren wurde. Mein Onkel im Haushaltswarengeschäft, der eben erst von der Hochzeit erfahren hatte, weigerte sich, meinen Eltern die Tür zu öffnen. Sie fanden mich beim Lieferanteneingang, in einem Karton zwischen illustrierten Büchern und alten Kleidern.

In Sligo pfiff ein scharfer Wind aus den Bergen durch ein paar |28|trostlose Straßen, die sich auf einem Hügel zusammendrängten. Im ganzen Land herrschten Unruhen, doch ohne einen genau definierten Gegner war die Armee mehr oder weniger hilflos. Sie konnte wohl kaum einen abgeschiedenen Bauernhof oder eine entlegene Straße mit Schlagstöcken angreifen. Die Zahl der Deserteure stieg, und ihre Deportation nahm immer mehr von Edwards Zeit in Anspruch. Er wurde auch hinzugezogen, um Zwangsräumungen auf größeren Anwesen zu beaufsichtigen. Nach Tagen, an denen er unglückliche Frauen und spindeldürre Kinder auf die Straße gesetzt hatte, war er daheim gereizt. Eliza, die gedacht hatte, dass sie ständig Gäste einladen würden, stellte fest, dass sie einen Mann geheiratet hatte, der viel Zeit allein verbringen wollte. Das Baby weinte; Eliza verlor ihre jugendliche Strahlkraft.

Um sie zu besänftigen, stellte Edward ein Mädchen aus der Gegend ein, und ein paar Wochen lang war Eliza damit zufrieden, es herumzukommandieren. Bridie hatte Heimweh nach den Bergen und weinte sich Nacht für Nacht in den Schlaf. Jede Woche kam ihre Mutter, um ihren Lohn abzuholen, und Bridie flehte sie an, sie mit nach Hause zu nehmen. Wenn sie mich abends in den Schlaf wiegte, liefen dicke Tränen über ihre Wangen. Während wir hin- und herschaukelten, umklammerte ich ihren Finger mit meiner Hand und starrte ihr unverwandt ins Gesicht. Unter den Tränen sah ich in ihren warmen braunen Augen bernsteinfarbene Sprenkel. Es dauerte über einen Monat, bis sich Bridie an Schuhe gewöhnte; ein Korsett lehnte sie strikt ab.

»Meine armen Füße sind gefangen«, rief sie. »Warum soll man nicht den Boden spüren? Bald werden die Leute überhaupt nicht mehr aus dem Haus gehen.«

|29|Bridie und ich hielten uns vor allem im Obergeschoß des Hauses auf. Meine ersten Schritte tat ich mit ihr. Ich kann mich noch an die Wölbung der Decke erinnern, an himmelblaue Vorhänge, das Prasseln des Regens an den Fenstern und unsere vier bloßen Füße, die über den Fußboden tappten.

Meine Mutter war fünfzehn Jahre alt und Bridie nicht viel älter; als sie jedoch merkte, dass sie mit einem Dienstmädchen herumkicherte, besann sie sich sehr rasch auf ihre Stellung. Schließlich konnte sie ihren Namen schreiben, während Bridie weder des Lesens noch des Schreibens mächtig war. Meine Mutter hatte jahrelang große Pläne geschmiedet; Bridie hingegen wurde von allem Neuen überrascht. Meine Mutter wollte von allem das Beste, hatte aber keine Ahnung von Haushaltsplanung und Kosten. Sie versuchte sich vorzustellen, wie die Innenräume des Hauses ihres Vaters wohl ausgesehen hatten. Als sie im Haus eines Oberstleutnants eine geprägte Tapete sah, bestellte sie genau die gleiche. Als die Familie eines Majors ihren Hausrat versteigerte, erwarb sie viele schwere Mahagonimöbel. Es kam ihr anscheinend nicht in den Sinn, vorher ihren Ehemann zu Rate zu ziehen. Edward hatte Eliza auf ähnliche Art erobert wie sein Land das ihre. Er war in einem fremden Land und völlig verwirrt; sie kämpfte insgeheim um das Kommando. Als schließlich die Rechnungen eintrudelten, hieß mein Vater sie im vollgerammelten Salon Platz nehmen und verbot ihr, noch etwas zu bestellen.

»Ich wollte dir doch nur ein Haus bieten, das eines Offiziers würdig ist«, sagte sie.

Mein Vater fuhr sie an: »Ich bin Fähnrich. Der dienstjüngste Offizier.«

»Aber ein Offizier.«

|30|»Wir dürfen nicht über unsere Verhältnisse leben«, sagte mein Vater entnervt.

Wehmütig strich meine Mutter über den Brokatbezug des Lehnstuhls. »Aber das Haus ist noch nicht fertig. Wie soll ich da Gäste einladen?«

»Ich habe mich klar ausgedrückt«, antwortete er. »Damit ist dieses Gespräch beendet.«

Doch Mama ließ nicht locker. »Was werden die Leute sagen?«, fragte sie. »Ich bin nicht nur die Frau eines Offiziers, sondern adeliger Abstammung.«

Mein Vater ballte zuerst die eine, dann die andere Hand zur Faust. Er sprach abgehackt und eisig. »In diesem Fall«, meinte er, »schlage ich vor, dass du auf deine eigenen Mittel zurückgreifst.«

Mama war den Tränen nahe. »Aber du willst doch gewiss wie ein Gentleman leben.«

Papa sprang vom Stuhl auf und stellte sich an den Kamin. »Ich bin ein Gentleman«, sagte er schließlich. »Daran besteht kein Zweifel.«

»Nun, dann«, meinte Mama.

»Mein Gott, Weib. Verstehst du denn nicht?« Er holte mit der Hand aus und fegte eine Porzellanfigur zu Boden. »Ich bin ein Gentleman, aber ohne Vermögen«, flüsterte er. »Mein Gehalt ist alles, was ich habe.«

Mann und Frau starrten einander an; die Worte hingen zwischen ihnen in der Luft. Porzellanscherben lagen auf dem Boden verstreut.

Nachdem mein Vater das Zimmer verlassen hatte, sank meine Mutter auf ihrem Sessel zurück und drehte unablässig den Rubinring |31|um ihren Finger. Ohne Vermögen? Wie konnte das sein? Sie schluchzte, bis ihr ganzer Körper bebte, und drückte mit ihrem Ehering zornige rote Furchen in ihren Handrücken.

Mein Vater blieb fest. Wenn Händler mit neuen Stoffen kamen, schickte er sie weg. Mama musste um Geld für Bänder und Knöpfe bitten. Bridie begann Kerzen und Seife selbst zu machen.

Meine Eltern waren beide so erpicht darauf gewesen, ihre Zukunftsaussichten zu verbessern, dass keiner die finanzielle Situation des anderen genau nachgeprüft hatte. Als mein Vater ein paar Monate später vorschlug, dass sie eine neue Kutsche aus Mamas Mitteln bezahlen sollten, kamen weitere harte Tatsachen ans Licht. Meine Mutter hatte eine Erbschaft gemacht – das stimmte –, aber sie war bescheiden, und sie würde erst mit einundzwanzig Zugriff darauf haben.

Sie rückte stückweise damit heraus. Dass sie Hüte gemacht hatte, war mehr als ein angenehmer Zeitvertreib gewesen. Sie hatte damit ihren Lebensunterhalt verdient. Sie war das Kind von Sir Charles, aber von seiner Mätresse, nicht von seiner Frau. Seine ehelichen Erben würden eher die Straßenseite wechseln, als sie grüßen. Wenn eines der Oliver-Mädchen ins Hutgeschäft gekommen war, hatte sie sich in einem Hinterzimmer versteckt. Über die anderen unehelichen Kinder ihres Vaters wollte sie nicht sprechen. Den Gerüchten zufolge hatte der ehrenwerte Sir Charles genug Kinder in die Welt gesetzt, um einen großen Landsitz mit Dienstboten auszustatten; er hatte mit einer Bäckersfrau, mit zwei Dienstmädchen und den Töchtern eines Hufschmieds Kinder gezeugt.

Mein Vater war ein mittelloser Gentleman, mehr erfuhr meine Mutter nicht. Er weigerte sich, darüber zu sprechen, woher und |32|aus welcher Familie er stammte. Meine Mutter drängte ihn nicht, da sie Angst hatte, das Schlimmste zu hören zu bekommen. Sie stellte sich lieber vor, er käme aus einer vornehmen, alten britischen Familie, die aus irgendeinem edlen Grund verarmt war.

So war es also. Beide waren aus den berauschenden Höhen ihrer jungen Liebe zurück auf den Boden gefallen. Sie würden keinen kultivierten Lebensstil führen. Mein Vater hatte ein uneheliches Kind und Ladenmädchen geheiratet, daran bestand jetzt kein Zweifel mehr. Meine Mutter hatte den dienstjüngsten Offizier geheiratet, einen Mann ohne Vermögen. Plötzlich wussten sie zu viel voneinander. Die Zukunft lag nur allzu klar vor ihnen. Als sich eine Stelle in Indien bot, hatte Edward nichts zu verlieren. Was wussten sie beide schon von Indien, außer, dass es das Land des Tees, der Gewürze und feiner Stoffe war? Und was wusste Indien von ihnen? Es war ideal. Ein leeres Blatt. Das war die Gelegenheit, ganz von vorne zu beginnen.

|33|KAPITEL 2

Als wir Irland verließen, war ich drei Jahre alt: ein Dreikäsehoch, der sich an den Rockschößen seiner Eltern festhielt, wenn sie vorbeihuschten. »Lauf mir doch nicht immer vor die Füße«, schalt meine Mutter, und Bridie schnappte mich und eilte mit mir aus dem Haus. Auf halbem Weg den Berg hinauf schöpften wir aus einer Quelle Wasser und banden rote Fetzen an einen Weißdornbusch. »Gott steh uns bei«, flüsterte Bridie, spritzte mir Wasser in die Augen und zeichnete mir dann ein kaltes, nasses Kreuz auf die Stirn. Als ich protestierte, legte sie einen Finger auf meine Lippen. »Schsch«, sagte sie. Sie fädelte ein silbernes Medaillon auf ein blaues Band, hängte es mir um den Hals und stopfte es unter meine Kleider. Mit festgeschlossenen Augen flüsterte sie: »Mögen alle Heiligen im Himmel uns beide behüten.«

Ich dachte an die Hüte, die meine Mutter immer trug, und runzelte die Stirn.

»Mit den Hüten von Mama?«, fragte ich.

Sie zwickte mich in die Wange. »Mit den wunderschönen Hüten deiner Mama«, antwortete sie mit einem schiefen Lächeln.

Als wir zum Haus zurückkamen, wartete vor der Tür eine Kutsche.

Im Laufe eines einzigen Tages wurde mein »Zuhause« ein |34|sich ständig ändernder und bewegender Ort mit Kabinen, Koffern und auf den Kopf gestellten Schrankkoffern, und »die Welt« bekam einen Rahmen. In dem Moment, in dem mich Bridie in die Kutsche hob, veränderte sich meine Wahrnehmung. Von jenem Augenblick an erinnere ich mich an endlose Bewegung: Wind, Dampf, Eisenbahnen, Schiffe, Kutschen. Während andere Orte vorbeiflogen, stand Irland in meinen Gedanken still, blieb unverändert und zeitlos. Die restliche Welt entschwand in verschwommenen Bildern hinter gerahmtem Glas, tropfte und schwankte und zerfloss mit Regentropfen und schmelzendem Schnee. Sie raste an Kutschenfenstern vorbei und entfernte sich vom Schiffsdeck.

 

Wir segelten nach England und fuhren dann über Land weiter. Mein Vater leitete die ganze Aktion, als wäre es ein Manöver. Wenn er mit den Fingern schnipste, sprangen meine Mutter und Bridie. Die arme Bridie war noch nie in ihrem Leben über einen See gefahren, geschweige denn über ein Meer, und in dem Augenblick, in dem sie von Land ging, bereute sie es.

»Es ist unnatürlich«, sagte sie. »Wenn Gott gewollt hätte, dass wir Wasser überqueren, hätte er uns dann nicht Kiemen gegeben?«

In Gravesend ragte das Schiff, das uns nach Indien bringen sollte, wie eine große graue Gans aus dem Wasser. Das Holz knirschte und knarrte unter unseren Füßen, als wir im Gänsemarsch an Bord gingen und jeder sich an der Person vor sich festhielt. Meine Mutter hatte die Hand meines Vaters gepackt, Bridie hielt die ihre umklammert, und ich hing an Bridies Hals. An Deck quetschten wir uns durch ein blökendes Gewirr von Kühen, |35|Schafen und Menschen mit großen, besorgten Augen. Das Medaillon unter meinem Hemd lag warm auf meiner Haut.

 

Vier Monate lang wankte, schaukelte und schlingerte unsere Welt. Ein- oder zweimal zerbrach das Geschirr. Meiner Mutter war schlecht, und wir alle wurden hin und her geworfen. Unsere winzige Kabine mit dem verschmierten Fenster und dem unebenen Fußboden wurde unser neues Zuhause. Der hellblaue Vorhang aus dem Kinderzimmer hing als Abtrennung für den Schmutzwasserkübel darinnen. Mein Kinderbettchen, das frisch mit Resten von geprägter Tapete ausgekleidet war, hing an Seilen von den Sparren. Tagsüber las mein Vater Notes on Physiognomy von Pope, und meine Mutter nähte Baumwollspitze an ihre Unterröcke. Nachts schliefen sie hinter Vorhängen. Sie entwickelten ein übertrieben vornehmes Auftreten einander gegenüber; manchmal stritten sie sich durch zusammengebissene Zähne. Freundliches Geplänkel konnte binnen Sekunden umschlagen. Ich spürte die Spannung zwischen ihnen wie eine eiskalte Brise.

»Könntest du mir vielleicht etwas zum Trinken einschenken?«, fragte meine Mutter zum Beispiel.

Worauf mein Vater mit kaum unterdrücktem Sarkasmus antwortete: »Ich würde dir mein letztes Paar Schuhe geben.«

»Ach, wirklich, das könnte ich aber nicht annehmen, da du doch sonst kaum etwas hast.«

»In dieser Hinsicht passen wir ja perfekt zusammen.«

Meine Mutter biss sich auf die Lippen. »Ich habe Beziehungen«, sagte sie, »und das ist mehr, als du von dir behaupten kannst.«

|36|»Ich bin ein Gentleman. Du bist eine Dame. Belassen wir es dabei.«

Mein Vater schenkte zwei Gläser Madeira ein, und sie tranken schweigend. Oder er hob mich hoch und trug mich an Deck.

In der frischen Luft wurde er wieder fröhlich. Er nannte mich seine kleine Prinzessin; manchmal gab er mir die Namen von Gemüse – sein kleines Gürkchen, Radieschen, Rübchen, Kartoffelchen. Wenn es nicht zu stürmisch war, schwenkte er mich durch die Luft, während ich mich an seinen Backenbart oder seine Haare klammerte. An Deck des Schiffs nannte er mir die Namen von Möwen oder Fischen. Näher am Land umkreisten exotische Vögel das Schiff. Es gab Wochen, da war es extrem heiß, und Wochen, in denen wir Eis und Schnee hatten. Ich erinnere mich, dass ich bei jeder Art von Wetter Hand in Hand mit meinem Vater über das Deck tappelte, wobei er ernst und aufrecht ging, als begleite er ein erwachsenes Mädchen.

 

Nach einem Monat an Bord kannte Bridie jeden auf dem Schiff. In der Früh holte sie mich ab und brachte mich abends in unsere Kabine zurück. Ihr Schlafsaal war vollgepackt mit Frauen, die sangen, weinten oder sich die Haare wuschen. Einige lagen in Hängematten und rührten sich nicht vom Fleck; andere – wie Bridie – mussten immer etwas tun. Wenn Bridie nicht gerade betete, erzählte sie mir Geschichten. Hatte Moses nicht das Rote Meer geteilt, als es die Israeliten durchqueren mussten, und war es nicht ein Jammer, dass unser Kapitän das nicht auch tun konnte? Und war Jesus nicht über das Wasser gegangen, aber das war natürlich nur ein kleiner See gewesen.

Mir fallen noch weitere Geschichten ein, die sie mir erzählte, |37|während wir auf ihrem Bett saßen und das Bilgenwasser über die Holzbretter unter uns lief. Der arme Jonas wurde über Bord geworfen und ertrank beinahe. Und als wäre das nicht schlimm genug, wurde er auch noch von einem Wal verschluckt! Und dann Noah. Nachdem die ganze Welt überschwemmt war und er alle Tiere gerettet hatte, verbrachte er den Rest seines Lebens in der Angst, dass die Arche sinken würde, und trank sich dabei selbst fast zu Tode.

Bridie sprang auf, und wir spazierten durch die verschiedenen Teile des Schiffs. Ich bewegte mich zwischen den Beinen der Erwachsenen. Zwar konnte ich schon laufen, war aber nicht sehr standfest und baute das Schlingern des Schiffes in meinen Gang ein. Nach vier Monaten auf See schwankte ich beim Gehen.

Das Innere des Schiffes war gemütlich und dunkel wie der Wal, der Jonas verschlungen hatte. Je tiefer wir vordrangen, desto lauter wurde es. In dunklen Korridoren und versteckten Winkeln trafen wir auf Gruppen von Menschen, die Glücksspiele oder Karten spielten. Hinter flatternden Segeltuchwänden erhaschte ich Blicke auf ineinander verschlungene Glieder, auf die blasse Haut zwischen einem Hemd und einem Gürtel oder üppige weiße Schenkel unter dunklen Röcken. Es gab eine fröhliche Frau, die bei den Pferden in den Stallecken wohnte, und ein bleiches, unglückliches Mädchen, das die Reste vom Tisch der Offiziere stahl, weil es sonst nichts hatte.

Bridie besuchte regelmäßig einen Mann in den Tiefen des Schiffes. Mit vom Kohlenstaub schwarzem Gesicht und schweißglänzenden Armen kam er aus dem dampferfüllten Maschinenraum und schloss sie in seine Arme. Bridie ließ mich in einer Ecke zurück, während sie sich umarmten; er beschmierte sie mit dem |38|Kohlenstaub auf seinen Armen, sein Körper drückte sie gegen die Wand. Während hinter ihnen dunkle Flammen aufflackerten, übertönte ihr Lachen das Tosen des Ofens und ihre Silhouetten verschmolzen.

Die Erinnerungen an jene vier Monate sind Bruchstücke von Berührungen, Bildern und Gerüchen: das stete Schaukeln des Schiffes, das Gefühl, das Wasser zu durchpflügen, die Nähe von Menschenleibern, die heiße Luft. Ich erinnere mich auch an meine Mutter, kühl und vollkommen in ihren hellen Kleidern. Sie gab mir am Morgen einen Kuss und sie gab mir am Abend einen Kuss. Wenn sie sich langweilte, band sie mir Schleifen ins Haar und versuchte mir die Namen von Stoffen beizubringen: Taft, Chiffon, Baumwolle, Seide, Spitze. Sie schenkte mir selten ein Lächeln, doch wenn, dann wärmte ich mich daran.

 

Der Geruch Indiens traf uns, bevor wir die Küste erreichten. Als wir im Hafen von Kalkutta anlegten, wehte er herüber zum Schiff. Er kitzelte mich in der Nase, und ich schnupperte die Luft – zerdrückte Blütenblätter vermischten sich mit verbranntem Fleisch. Die warme Ausdünstung der Körper von vielen zusammengepferchten Menschen. Ich roch Betriebsamkeit und Lärm. Das alles erinnerte mich an den intensiven Geruch einer heißen, geschäftigen Küche, nur dass wir hier im Freien waren.

In Küstennähe kamen braune Männer und trugen uns auf ihren Schultern, als wären wir Könige und Königinnen. Zwei braune Hände warfen mich in Richtung Himmel und packten mich dann fest an den Handgelenken. Die braunen Männer wateten durch das kühle Wasser, während wir in der Luft schwankten und die Sonne auf unsere Köpfe brannte.

|39|Als wir den Ganges hinauffuhren, machte sich auf dem großen, flachen Flussschiff eine ansteckende Krankheit breit. Obwohl niemand darüber sprach, hing etwas extrem Säuerliches über dem Schiff, das immer intensiver wurde. »Cholera, Cholera«, hörte ich die Dienstboten flüstern. Es klang wie etwas ganz Besonderes, wie eine essbare Pflanze vielleicht oder ein schöner, zarter Stoff für Hüte. Zwei der Eingeborenen wurden blass und klamm und verschwanden dann. Bald stieg der Geruch nach Fäule und Verwesung von den Bilgen auf. An dem Tag, an dem der Gestank verschwand, tauchte ein Schwarm Alligatoren auf, die das Schiff umkreisten, aus dem Wasser sprangen und schnappten. Die Erwachsenen verstummten. Bridie wich nicht von unserer Seite. Mama weigerte sich, die Kabine zu verlassen.

Mein Vater spottete über ihre Ängste.

»Frische Luft kann dich nicht umbringen«, sagte er, während wir unseren täglichen Spaziergang an Deck unternahmen. Er trank wie üblich Wasser, während sich meine Mutter auf Madeira und Bier beschränkte. Nach wenigen Tagen wurde er grüblerisch und still. Ein- oder zweimal hielt er sich an der Reling fest, obwohl der Fluss ruhig und glatt wie Glas war.

Binnen einer Woche konnte er das Bett nicht mehr verlassen, und ich durfte nicht in seine Nähe. Die paar Mal, die ich einen Blick auf ihn werfen konnte, sah er aus, als sei er mit Papier und Kleister überzogen.

»Hallo, meine Kleine, bist du gekommen, um mich aufzuheitern?«, rief er durch die Tür, doch meine Mutter oder Bridie schoben mich hastig weg.

Aus der Kabine drang der üble Geruch von Schweiß, Erbrochenem und Durchfall in meine Nase und meinen Rachen. In |40|weniger als zwei Wochen begann er dahinzusiechen. Als ich ihn das nächste Mal erblickte, wurde er so von Schmerzen geplagt, dass er mich nicht einmal wahrnehmen konnte. Bridie schleppte ständig Krüge mit Wasser hinein, und ich dachte, er versuche, sich selbst wegzuschwemmen. Er war so dünn geworden, dass ich ihn kaum wiedererkannte. Ich sah, wie meine Mutter sein Handgelenk hielt und den Kopf schüttelte, als suche sie etwas, das sie nicht finden konnte. Einmal lief ich hinein und gab ihm einen Kuss: seine Haut unter meinen Lippen war kalt.

Draußen floss der Fluss immer weiter. Er war so breit, dass man kaum das Land zu beiden Seiten sah. Der Punkt vor uns, wo die beiden Ufer zusammenstießen, kam niemals näher. Es schien, als wäre das ein Fluss ohne Ende.

Mein Vater war nur noch ein Knochengerüst, und dann wurde seine weiße Haut blau. Das Blau wurde dunkler und dann violett wie alte blaue Flecken, zuerst die Lippen, dann die Haut um seine Augen. Selbst seine Fingernägel wurden blau.

Ein Offizier sagte zu meiner Mutter, dass ein Krankheitsstoff in der Luft die Leute umbrächte. Ein anderer sagte nur: »Es ist Indien.« Doch ich glaube, es war das Wasser, dass er eins wurde mit dem Wasser, wie Noah, der so viel trank, dass er und das Wasser miteinander verschmolzen.

Als ich meinen Vater zum letzten Mal sah, waren seine Augen umwölkt. Ich zupfte an seinem Mund, damit er mit mir sprechen möge, doch Bridie zerrte mich weg. Als ich zu schreien und zu weinen anfing, ohrfeigte mich meine Mutter, bis ich still war. Sie schlossen die Kabinentür hinter mir, und ich sah ihn nie wieder.

Ich versuchte ihn mir in den duftenden Rauchfahnen vorzustellen, |41|die in die Luft aufstiegen, aber unter der Oberfläche war etwas Fauliges, das von Tag zu Tag stärker wurde.

Rundum schoben die Inder ihre Toten auf Flößen auf den heiligen Fluss. Wir sahen, wie entlang den Ufern Leichen in weißen Kleidern auf Strohlagern aufgebahrt wurden; ihre Arme waren über der Brust verschränkt, um den Hals trugen sie Girlanden aus orangefarbenen und gelben Blumen. Als ich zurückblickte, waren die brennenden Scheiterhaufen das Flussufer hinunter und ins Wasser geschoben worden, bis die Strömung ihre Last mitriss und davontrug. Armer Vater, ich hätte gerne gesehen, wie er davontrieb.

Er wurde in Dinapur in Anwesenheit des ganzen Regiments begraben. Zwei Trompeten klangen verloren und trotzig unter dem brütend heißen indischen Himmel. Die marschierenden Soldaten und der brüllende Sergeant wirkten wie ein vergeblicher Versuch, sich Indien vom Leibe zu halten. Indien überwältigte uns; Indien kroch durch alle Ritzen. An beiden Seiten des Sarges brannten große Weihrauchkegel, und die Luft war erfüllt von Staub und Fliegen. Ich hatte das Gefühl, mein Vater hülle mich ein wie eine zweite Haut. Vor den Toren lagen Bettler ohne Beine. Der Gestank haftete an uns wie ein Leichentuch.

Ich stand neben meiner Mutter am Rand des Grabes, von Kopf bis Fuß in schwarze Trauerkleidung gehüllt, die eine exakte Kopie ihres Kleides war. Während ich in das Loch in der Erde starrte, glitt eine winzige, glitzernde Schlange über den Boden. Ich warf Bridie, die bei den Dienstboten stand, einen Blick zu; sie sah ihn und zwinkerte mir zu. Meine Mutter hielt mich fest am Handgelenk gepackt. Als ich zu ihr aufblickte, bemerkte ich, dass sie die Reihe der Offiziere, die auf der anderen Seite standen, musterte.

|42|Hinter uns murmelten die Frauen der Offiziere einander zu: »Es ist die indische Krankheit. Indien hat ihn getötet. Seine arme Witwe, sie ist ja kaum mehr als ein Kind.«

 

Bridie verließ uns bald nach dem Begräbnis. In Indien gab es dreimal mehr weiße Männer als Frauen, und bei so viel Aufmerksamkeit blühte Bridie auf. Sie heiratete einen englischen Sergeanten aus dem Regiment meines Vaters, der überglücklich war, sie zu erobern. Beim Abschied musste sie meine Finger einzeln von ihrem Rock lösen. Ich nahm ihr das Versprechen ab, dem Fluss fernzubleiben. Auf ihren Wangen glitzerten dicke Tränen. Nach dem Tod meines Vaters war das mein zweiter großer Verlust. Ich sah ihr nach, wie sie ging, und dachte: Es ist am besten, niemanden zu lieben; sie verlassen einen nur.

|43|KAPITEL 3

Meine Mutter wurde zu einem flackernden Trugbild, das in der Hitze dahintrieb, zu einer forschen und geschäftigen Gestalt in der Ferne, die mit den Armen herumfuchtelte und Anweisungen erteilte. Auf unserer Überlandreise auf Elefanten, dann in Sänften und schließlich auf Karren schien sie irgendwie immer gerade außer Reichweite zu sein. Ich winkte ihr zu, aber sie sah mich nicht. Ich rief sie, aber sie hörte mich nicht. Ich war bei den Kitteln, Hutschachteln, Pfannen und einem Jahresvorrat an Kerzenwachs und Seife verstaut. Ich wurde von Offizieren, Bootsleuten, kleinen, zerlumpten Männern, die kaum Kleider am Leib trugen, hochgehoben. Ich schnappte immer wiederkehrende Wörter auf. Kalkutta, Dakka, leierte ich vor mich hin; die Laute machten klickende Geräusche auf meiner Zunge. Ich wurde in Schachteln gepackt, in Musselin gewickelt, mit Galmeitinktur bestrichen. Wohin wir auch gingen, meine Blicke waren stets auf Mama gerichtet. Ich betrachtete ihren Nacken, ihre Hände, die Muster in die Luft zeichneten, einen Schweißtropfen, der von ihrem Haaransatz zum Kinn lief. Wenn sie auch nur eine Sekunde verschwand, folgte ich ihr. In meinen kläglichen kleinen Versuchen, ihr zu gefallen, hörte ich auf, Fragen zu stellen, und bemühte mich sehr, still zu sein. Was immer auch geschah, ich war fest entschlossen, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Die Sänftenträger erfanden bei ihrer Arbeit kleine Lieder.

|44|»Sie ist nicht schwer, cabbada, kleines Baby.

Trag sie flink, cabbada, hübsches Baby«, sangen sie.

Aus meiner luftigen Höhe zog ein wirbelndes Kaleidoskop von seltsamen und schillernden Bildern an mir vorbei: winzige Affen, Blumen, so groß wie Speiseteller, nackte heilige Männer, Händler mit glänzenden Stoffballen, Tänzerinnen mit rot gefärbten Händen und Füßen.

Wenn Bridie in Indien zu einer prächtigen Blume erblühte, wurde meine Mutter ein seltenes, kostbares Juwel – schön, mit scharfen Kanten und vielen Facetten. Sie fühlte sich wohl als achtzehnjährige Witwe, und ich als dreieinhalbjährige Waise war das ideale Requisit. Jeden Nachmittag kamen zwei oder drei Gentlemen zu Besuch und wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit, während sie sittsam auf dem Sofa saß und sie gegeneinander ausspielte, nicht ohne ganz genau auf ihren Dienstgrad und ihre gesellschaftliche Stellung zu achten. Unteroffiziere wurden rasch abgefertigt; Männer mit guten Zukunftsaussichten erhielten zu ihrem Nachmittagstee Marmorkuchen. Obwohl es viel zu heiß war, trug meine Mutter weiterhin schwarz, weil es sie so durchscheinend und blass aussehen ließ. Sie hatte mir beigebracht, wie man einen Knicks macht und Tee einschenkt, und zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde ich kurz hineingeholt und vorgezeigt. Meine Kleider waren winzige Kopien von Mamas und zusätzlich mit Bändern und Glasperlen verziert.

»Bring dem Gentleman seinen Tee«, sagte meine Mutter.

In meinen zwei kleinen Händen wurde eine Porzellantasse samt Untertasse so schwer wie ein Serviertablett mit einer Schüssel, und das Zimmer wurde mit jedem Schritt größer. Ich starrte auf die dampfende Flüssigkeit, die in der Tasse herumwirbelte, |45|und hatte schreckliche Angst, sie würde über den Rand schwappen. Wenn ich schließlich zu dem Offizier kam, sagte er stets »armes kleines Ding« und redete danach über meinen Kopf hinweg weiter, als wäre ich nicht da.

»Das ist alles, Liebling«, sagte meine Mutter dann. Sie läutete, und ich wurde hinausgebracht.

Schon wenige Monate nach dem Tod meines Vaters hielt sie wieder nach einem Ehemann Ausschau. Die britischen Offiziere wichen allmählich einem schottischen Leutnant mit braunem Backenbart und rundem Gesicht. Mr. Craigie sah mich direkt an, wenn er mit mir sprach, und er vergaß niemals meinen Namen. Er konnte mit seinen Händen die Schatten von Füchsen oder Eseln an die Wand werfen; er konnte sie sogar zum Reden bringen. Wenn er mir jedoch zu viel Aufmerksamkeit schenkte, lenkte ihn meine Mutter ab und schickte mich weg.

 

Eines Abends kam Mama mit Leutnant Craigie und einem kleinen Strauß rosa Teerosen zurück. Der Leutnant erklärte mir, dass sie jetzt Mann und Frau seien.

»Jetzt, wo wir verheiratet sind«, sagte er, »werden wir alle zusammen in einem großen neuen Haus wohnen.«

»Ich auch?«, fragte ich.

»Natürlich«, antwortete er.

Im Kinderzimmer kniete er sich neben mir nieder und hielt mir seine geschlossenen, nach oben gedrehten Fäuste hin.

»Heißt das, dass du jetzt mein Papa bist?«, fragte ich.

»Möchtest du das denn?«

Als ich eine seiner Fäuste berührte, öffnete er die Finger, und in seiner Hand lag eine rosa Zuckermandel.

|46|»Ja«, antwortete ich ernst.

Er öffnete die andere Faust, und darin lag noch eine Zuckermandel, diesmal mit blauem Zucker.

Er zwinkerte. »Sag deiner Mutter nichts davon«, flüsterte er.

Aus dem Wohnzimmer ertönte Mamas Stimme: »Verhätschele das Kind nicht«, rief sie.

 

In Sylhet wohnten wir in einem großen weißen Haus mit vielen Zimmern. Außen verliefen rund um das Haus Veranden wie die Decks eines Schiffes, und ich lief mit ausgestreckten Armen darauf herum wie ein großer Vogel. In der Früh ließen die Dienstboten die Grasrollos herunter, und wir hielten uns in den kühlen, schattigen Innenräumen auf. Die Rollos wurden mit Wasser besprüht, und der Geruch von Kuskusgras zog durch das Haus. Wenn das Wasser auf die Verandabretter tropfte, knisterte und zischte es und verflüchtigte sich schließlich in einer winzigen Dunstwolke.

An Stelle von Bridie hatten wir jetzt eine Aya namens Sita. Sie hatte braune Augen wie Bridie, doch während Bridies Augen goldgesprenkelt waren, hatten Sitas Augen die Farbe von dunklen, schwelenden Kohlen. Wie Bridie war auch Sita nur ungern von den Bergen heruntergekommen. Ihr weißer Sari hatte einen lila Rand, und ihr Haar war ölig und schwarz. Sie besaß mehr Goldschmuck als meine Mutter, und sie trug allen auf einmal. Selbst einer ihrer Zähne war aus Gold. Wie Bridie erzählte sie mir viele Geschichten, doch in ihren Erzählungen waren der Fluss und das Meer nicht gefährlich, sondern gesegnet.

In unserem Haus in Sylhet hatte ich ein großes weißes Zimmer ganz für mich allein. Mein Bett befand sich in der Mitte, wie |47|ein Floß, das aufs Meer hinaustreibt. An den Seiten waren Gitterstäbe und oben Stofftücher wie Segel. Jedes Bein des Bettes stand in einer eigenen Schale mit Wasser. Am Kopf- und am Fußende waren in das gekalkte weiße Holz Rosen, Schnörkel und Vögel geschnitzt.

»Dieses Bett ist einer Prinzessin würdig«, sagte meine Mutter.

Abends, wenn ich zu Bett ging, füllte Sita jede der Schalen mit Wasser, damit keine Insekten über die Bettbeine hinaufklettern konnten. Wenn sie die Gitter hochzog und die Stofftücher darüberlegte, fühlte ich mich wie eine Seidenraupe in einem Kokon. Wenn sie ging, nahm sie die Lampe mit. In der Dunkelheit konnte ich winzige Füße über den Fußboden huschen hören. Ich rüttelte an den Gittern, doch ich kam nicht hinaus. Eine Eidechse kletterte die Wand hinauf. Ich rief, doch niemand hörte mich.

Die Dienstboten schliefen alle zusammen in einem niedrigen Zimmer im hinteren Teil des Hauses. Sita duftete nach Orangenblüten, Kokosnuss und Gewürzen; ihre braune Haut verströmte Wärme und Hitze. Wenn ich Glück hatte, durfte ich mich mit ihr zusammen hinlegen und einschlafen. Meine Mutter wohnte in kühlen weißen Räumen, und ich sah sie nur selten. Abends wurde ich zu ihr gebracht, um gute Nacht zu sagen, und sie schenkte mir ein schwaches Lächeln. Selbst mein Anblick erschöpfte sie. Sita balancierte mich auf ihren Hüften, während sie Currys oder den Tee für meine Mutter zubereitete. Sie kämmte mir das Haar; sie schnitt Mangos für mich in kleine Stückchen.

Papa Craigie war häufig weg. Wenn er wiederkam, brachte er für Mama und mich Geschenke mit. Sie hatte bereits Gründe |48|gefunden, sich für mich zu schämen. Ich war zu braungebrannt. Ich sprach zu schnell. Ich konnte nicht stillsitzen.

»Sieh sie dir an«, sagte sie. »Sie sieht aus wie eine kleine Inderin. Ich weiß nicht, woher sie das hat. Ihr Vater war blond und hatte einen feinen Knochenbau. Sie ist so dunkel, sie sieht aus wie ein einheimisches Kind.«

Mein Stiefvater beobachtete sie wortlos. Von seiner nächsten Reise brachte er mir einen grünen Papagei mit, und wir lehrten ihn das Sprechen. Wenn mich meine Mutter kritisierte, sagte er: »Ich liebe Liza, ich liebe Liza«, und ich gab ihm mehr Körner.

 

Nachmittags, wenn alle schliefen, gehörte die ganze Welt mir. Mama hatte Anweisung gegeben, dass ich im Haus bleiben müsse, damit meine Haut nicht noch dunkler wurde, doch selbst Sita schlief am Nachmittag, und ich konnte tun, was ich wollte. Ich spähte in alle Zimmer. In einem davon lag eine Dame auf einem Bett, und der Diener, der ihr Luft zufächeln sollte, der Punkahwallah, kniete schläfrig in einer Ecke. Wenn der indische Junge die Punkahs betätigte, bewegten die weißen Tücher auf den Fächern die Luft hin und her. Ich sah, dass der Wallah eifersüchtig auf mich war; ich streckte die Zunge heraus und lief weg. Doch ich wusste eigentlich gar nicht, wohin ich gehen sollte, und fühlte mich einsam so ganz allein.

Am Ende des Grundstücks befanden sich die Kasernen, in denen die Soldaten wohnten; dahinter waren die Unterkünfte für die Inder. Dort unten wurde die Straße enger, und einige der Häuser waren aus getrocknetem Lehm gebaut. Ich blickte um jede Ecke, bevor ich mich weiterschlich. In einer Tür sah ich eine indische Frau lehnen. Zwei andere vertrieben sich die Zeit, indem |49|sie träge tanzten und dabei Hände und Füße in seltsamen Winkeln von ihren Körpern bewegten. Als ein Soldat näher kam, versteiften sie den Rücken und schwangen die Hüften. Ich hatte noch nie gesehen, dass eine Eingeborene einen Weißen direkt ansah, noch, dass ein weißer Mann unter dem Blick einer Inderin zusammenzuckte.

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