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Die Sturmkönige – Wunschkrieg

Über den Autor

Kai Meyer, geboren 1969, ist der Autor von Bestsellern wie Seide und Schwert, Die Wellenläufer, Das Buch von Eden, Herrin der Lüge und Die Vatikan-Verschwörung. 2005 erhielt er für Frostfeuer den internationalen Buchpreis Corine. Die Fließende Königin wurde in England zum besten übersetzten Jugendbuch 2006/2007 gewählt. Seinen ersten Roman veröffentlichte er im Alter von 24 Jahren, inzwischen werden seine Werke in achtundzwanzig Sprachen übersetzt. Mehrere Adaptionen als Film, Hörspiel und Comic sind erschienen, weitere in Arbeit. Besuchen Sie seine Homepage unter: www.kaimeyer.com

INHALT

  1. Zauberpferd
  2. Der Byzantiner
  3. Falkengarde
  4. Fremde Schwingen
  5. Die geheime Tochter
  6. Kabir der Knüpfer
  7. Perlen im Dunst
  8. Nachtgesicht
  9. Der Stumme Kaufmann
  10. Unter Stürmen
  11. Jibril
  12. Schwarmschrecke
  13. Neue Freunde
  14. Im goldenen Käfig
  15. Kali-Assassinen
  16. Blutwein
  17. Unterwelt
  18. Das Pfauenfenster
  19. Diebesgut
  20. Amaryllis’ Auge
  21. Die Warnung
  22. Die Gefangene
  23. Der Weg zurück
  24. Das uralte Dunkel
  25. Enthüllungen
  26. Menschen und Dschinne
  27. Maryam nachts
  28. Der Hilferuf
  29. Im Palast
  30. Spiegelauge
  31. Der Bronzegong
  32. Das Mädchen im Honig
  33. Der Dschinnprophet
  34. Wilde Magie
  35. Der dritte Magier
  36. Ifritjäger
  37. Das Versprechen
  38. Vor der Schlacht
  39. Der Angriff
  40. Fürstenblut
  41. Die Expedition
  42. Befreit

PERSIEN –
DAS REICH DES KALIFEN HARUN AL-RASCHID
8. JAHRHUNDERT N. CHR.

DAS 52. JAHR
DES DSCHINNKRIEGES

ZAUBERPFERD

Das fliegende Pferd aus Elfenbein suchte nach ihm am Himmel, es suchte in der Wüste. Nirgends eine Spur. Nirgendwo ein Zeichen, dass der Ifrit noch lebte.

Er war fort, seine Aura wie ausgelöscht.

Das Elfenbeinpferd galoppierte auf den Winden nach Westen, mit sanftem Schlag seiner Schwingen, hoch über den glutheißen Dünen und Sandseen.

Aus dem Staubdunst über der Wüste tauchten die Kuppeln und Zwiebeltürme Bagdads auf, weit entfernt, aber überdeutlich für seinen geschärften Blick. Die Augen des Zauberpferdes waren von Magierhand erschaffen worden, und obgleich es alt war, uralt, kannte es keine Krankheit, keinen Verschleiß seines künstlichen Körpers. Die mechanischen Teile in seinem Innern klickten und surrten. Winzige Zahnräder, die geschmeidig ineinandergriffen. Ketten und Riemen wie Muskelstränge. Und die unsichtbare Macht der Magie, die all das erweckt hatte und es auch heute noch, nach so vielen Jahren, am Leben erhielt.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als das Pferd Bagdad erreichte. Die Stadt der Kalifen lag wie eine weiße Perle auf einem Kissen aus Sand. Die kreisrunde Stadtmauer, von hundert Türmen gekrönt, umschloss ein dicht gedrängtes Nest aus Gassen und Plätzen, staubigen Kuppeln und Lehmdächern. Die Straßen waren voller Menschen, aber vom Himmel aus schien es, als würden nicht Männer und Frauen, sondern die Sandkörner der arabischen Wüste kreuz und quer durch die Gassen getrieben.

Schwärme von fliegenden Teppichen kreuzten über den Dächern, doch das Elfenbeinpferd vermochte viel höher aufzusteigen als sie; falls die Reiter es entdeckten, würden sie es nicht erreichen können.

Gestern war der Ifrit – der Wunschdschinn – von ihrem gemeinsamen Lagerplatz in den Bergen verschwunden, und seither suchte das Zauberpferd nach ihm. Die ganze Nacht hindurch hatte es Ausschau nach seiner Spur gehalten. Die Nüstern aus Elfenbein witterten Menschen, Tiere und Dschinne, während rätselhaftere Sinnesorgane die vielen Auren entwirrten, immer in der Hoffnung, die seine unter ihnen zu entdecken.

Nichts. Nur immer wieder die Fährte des Ifritjägers auf den Winden aus dem Osten. Sie unterschied sich von all jenen, die Bagdads Teppichreiter über der Wüste hinterlassen hatten. Das Pferd hatte sie schon früher gewittert, während seines letzten Erkundungsfluges über den Zagrosbergen. Und – ganz deutlich – am leeren Lagerplatz, kurz nachdem der Wunschdschinn verschwunden war.

Aber warum hatte der Jäger ihn gefangen? Der Ifrit nutzte niemandem mehr. Er war geschwächt, seine Wunschmacht verblichen. Das Elfenbeinpferd war ihm begegnet, nachdem er dem Untergang der Hängenden Städte entronnen war, weit im Osten in den Bergen des Kopet-Dagh. Fortan hatten sie ihren Weg nach Westen als Freunde fortgesetzt. Schweigsame, absonderliche Weggefährten, selbst in diesem Land der Wunder und Nachtmahre.

Bagdad lag am linken Ufer eines Flusses, der glitzernd die persische Wüste durchschnitt. Rundum erstreckten sich weite Zeltlager, in denen die Heerscharen des Kalifats die Verteidigung gegen die Horden der Dschinnfürsten vorbereiteten.

Die Fährte des Ifritjägers führte mitten ins Labyrinth der Kalifenstadt. Der Mann hatte versucht, seine unsichtbare Spur am Himmel zu verschleiern. Seine Vorkehrungen waren sorgfältig gewesen, gewiss, doch obschon er mächtig war, viel mächtiger als andere seiner Art, schienen auch seine Kräfte Grenzen zu kennen.

Der Galopp auf den Winden trug das Elfenbeinross immer höher hinauf, bis die Luft zu dünn war zum Atmen und die Hitze nur eine Erinnerung. Das Zauberpferd benötigte keinen Atem und spürte keine Kälte, doch wenn es dem Ifrit zu Hilfe eilen wollte, seinem großen, unbeholfenen, nicht sehr klugen Freund, dann würde es die Sicherheit der hohen Sphären bald aufgeben müssen.

In seinem Schädel rasselten die Rädchen, tickten und klackten die geheimnisvollen Mechanismen, denen es Vernunft und Scharfsinn verdankte. Magie hatte es einst zum Leben erweckt. Aber es war auch Magie – wilde, unkontrollierte, in Raserei verfallene Magie –, die seit Jahrzehnten die Welt verheerte.

Seine Gedankenrädchen rotierten vor und zurück, wogen die Vergangenheit gegen die Zukunft ab. Seine Hufe galoppierten auf eisigen Strömen, seine Schwingen durchschnitten das Nichts.

Ich bin Magie.

Ich bin Teil dessen, das alles beenden wird.

Da überkamen es Verzweiflung und Trauer, und es sank langsam zurück in die Tiefe, der funkelnden Perle Bagdad entgegen, auf ihrem flirrenden Bett aus Wüstensand.

DER BYZANTINER

Töte dich«, zischte eine Stimme ganz nah an Tariks Ohr, nicht männlich, nicht weiblich. Nicht einmal menschlich. »Töte dich selbst. Das ist guter Rat, der beste.«

Tarik tastete nach seinem linken Auge. Darüber spannte sich nicht mehr die schmutzige Binde, mit der er nach Bagdad gekommen war, sondern eine feste Augenklappe aus Leder, am Hinterkopf mit einem Band verschnürt.

»Töte dich, so töte dich doch«, zischelte es abermals.

Die Stimme des Narbennarren, durchfuhr es ihn. Amaryllis in meinem Verstand.

»Das ist guter Rat, der beste.«

Nein, nicht Amaryllis. Kein körperloses Wispern, das nur in seinem Schädel existierte, sondern Worte aus dem Maul einer Silberschlange. Gesprochen mit gespaltener Zunge. Tückisches Gerede wie Gift.

Er öffnete das rechte, unversehrte Auge. Er lag auf einem Lager aus Strohsäcken, die stoppelige Wange auf groben Stoff gepresst.

Die Silberschlange kauerte vor ihm, keine Handbreit entfernt. Sie hatte den armlangen Körper eingerollt und nur das Vorderende aufgerichtet. Mit geschlitzten Pupillen starrte sie ihn an, der Blick so kristallen wie Eis. Ihre Stimme war nicht die eines Menschen, und doch formte sie die Worte ganz klar und verständlich.

»Es wäre gut, wenn du tot wärst. Glaub mir. Mein Rat ist gut, der allerbeste. Nur Schmerz erwartet dich, wenn du weiterlebst. Nur Leid und Entbehrung.«

Tariks Hand schoss vor und bekam das Biest zu fassen. Fest schloss sich seine Faust um den dünnen Reptilienleib. Ein zorniges Fauchen drang aus dem Maul, als die Schlange den Schädel verdrehte, um die Hauer in seinen Handrücken zu schlagen. Gift troff auf seine Haut, aber die Zähne vermochten sie nicht zu ritzen. Selbst dann wäre ihr Biss nicht tödlich gewesen, nur ungemein schmerzhaft.

»Wo bin ich?« Es war, als träte er aus seinem Körper und sähe sich selbst auf den Säcken liegen, im Zwiegespräch mit einer Schlange. Das silberne Reptil zappelte hilflos in seinem Griff.

»In Bagdad. Wir sind in Bagdad. Ich kann dir Rat geben, guten Rat. Ich kann –«

»Behalt deine Lügen für dich!« Silberschlangen kannte er aus Samarkand, wo sie sich am liebsten in den Vergnügungs- und Elendsvierteln herumtrieben. Instinktiv spürten sie die Verzweifelten und Unschlüssigen auf, die Wagemutigen, Enthemmten und Leichtgläubigen. Sie gaben Rat, der stets ins Verderben führte, und beteuerten dabei, nur das Beste im Sinn zu haben. Solange man sich dessen bewusst blieb, konnten sie einem kaum etwas anhaben.

Die Schlangenschuppen rieben sich rau an seiner Hand, trocken wie Wüstensand, silbrig glitzernd wie ein kostbares Schmuckstück. Er stellte sich die Kreatur als Diadem um Sabateas Hals vor – Sabatea, die ihn ebenso belogen hatte wie das verdammte Reptil in seiner Faust.

Kurz erwog er, der Schlange den Kopf abzureißen. Dann aber schleuderte er sie nur von sich und hörte sie irgendwo mit einem scharfen Zischen aufschlagen.

Sein gesundes Auge gewöhnte sich an den Fackelschein, der die Kammer in gelbliches Licht tauchte. Lehmwände ohne Fenster. Loses Stroh auf dem Boden verstreut. Vor seinem Lager aus gestopften Säcken ein Tonkrug mit Wasser und ein Stück Fladenbrot. Erstaunt stellte er fest, dass sich keine Fliegen auf der Brotkruste tummelten. Die Luft war kühl, ganz ungewöhnlich kühl.

Er befand sich unter der Erde. In einem Keller.

Mühsam setzte er sich auf, hielt sich den schmerzenden Kopf und stützte die Ellbogen auf die Knie. Er trug noch immer die rußgeschwärzte, stinkende Kleidung, die er von den Dschinnen in den Hängenden Städten bekommen hatte. Zusammen mit Sabatea. Sie war jetzt im Palast des Kalifen, und er selbst in einem Kerker, so wie es aussah.

Er war nicht sicher, wie er hergekommen war. Der mysteriöse Byzantiner, Almarik, hatte ihn in der Gosse aufgelesen, nachdem die Leibgarde des Kalifen Tarik aus dem Palast geworfen hatte. Immerhin hatten sie ihn nicht umgebracht. Sie hatten ihn für einen Besessenen gehalten, ein Umstand, dem er vermutlich sein Leben verdankte. Im Audienzsaal des Kalifen hatte man ihn gezwungen, die Binde von seinem linken Auge zu nehmen, von Amaryllis’ Auge. Gesehen hatte er damit nicht die Wirklichkeit, sondern –

Ein Knirschen riss ihn aus seinen Gedanken. Die einzige Tür der Kammer wurde geöffnet. Kein Riegel an der Außenseite. Man hatte ihn also nicht eingeschlossen.

Der Mann, der mit eingezogenem Kopf durch den Eingang trat, war groß und breitschultrig genug, um ein Leibgardist des Kalifen zu sein. Doch Almarik stammte aus Byzanz, weit im Norden. Ein Fremder in dieser Stadt, genau wie Tarik.

Sie würden trotzdem keine Freunde werden.

»Zieh das an.« Der Byzantiner warf ihm ein buntes Knäuel entgegen. Pluderhosen, ein Wams, eine einfache Weste.

»Die Augenklappe«, sagte Tarik, »ist die von dir?«

Almarik nickte. Sein langes Haar war so schwarz wie die Schatten draußen vor der Tür und hing ihm ins Gesicht, weil er sich in dem niedrigen Kellerraum bücken musste.

»Danke.« Tarik gab sich Mühe, das Wort nicht allzu herzlich klingen zu lassen.

»Ich hab mir dein Auge angesehen.«

»Dann weißt du mehr darüber als ich.«

»Ein paar Adern sind geplatzt, es ist blutunterlaufen. Aber es sieht nicht schwer verletzt aus.«

»Ich kann noch immer damit sehen«, erwiderte Tarik und dachte: Nur sehe ich nicht das, was um mich ist. Nicht die Zukunft, wie Amaryllis geglaubt hat, sondern eine zweite, eine andere Gegenwart. Was so viel Sinn ergab wie die Tatsache, dass er jetzt hier war und Almarik sich um ihn kümmerte. Erst gestern war der Byzantiner noch an der Seite der Falkengarde auf einem ihrer Teppiche geritten. Warum also meinte es ein Verbündeter des Kalifen gut mit ihm, nachdem Harun al-Raschid persönlich Tarik aus dem Palast verbannt hatte?

»Mich interessiert nicht, was du siehst«, knurrte Almarik. »Nur, was du gesehen hast. Im Kopet-Dagh, in den Hängenden Städten.«

Das also war es. Keine Nächstenliebe, kein Mitleid. Nur Neugier, zumal sehr kühl und voller Argwohn.

Tarik zog sich aus und streifte ungewaschen die neuen Sachen über. Es war die erste saubere Kleidung seit seinem Aufbruch aus Samarkand. Eine Ewigkeit schien das her zu sein. Zuletzt schnürte er die Sandalen bis zu den Waden hinauf, blieb aber auf den Strohsäcken sitzen. Almarik sollte nicht sehen, wie sehr ihn die wenigen Bewegungen angestrengt hatten.

»Was willst du hören?« Tarik unterzog den Byzantiner einer genaueren Musterung.

Almarik trug Schwarz und Purpur, kostbar, aber mit Leder und Eisen verstärkt, die Kleidung eines Kriegers. Sein Gesicht war bartlos, mit breitem Kiefer und starker Nase. Die Augen zwischen den gewellten Haarsträhnen hüllten sich in Dunkelheit, als könnte der Fackelschein nicht in die Höhlen fallen. Almariks Mund war schmal, die Lippen spröde und vom Teppichritt draußen in der Wüste aufgesprungen. Genau wie Tariks eigene, was ihm erst jetzt bewusst wurde. Ein wenig war es, als würde er beim Blick ins Gesicht des Byzantiners sich selbst erkennen: verzerrte, verschobene Ähnlichkeit, kein Spiegelbild, eher ein Schatten, nur kräftiger, zäher, gesünder als er.

An Almariks Gürtel hing ein bauchiges, verkorktes Gefäß, aus dem ein leises Pochen ertönte. Als trüge der Byzantiner sein Herz in einem Gefängnis aus Holz und Leder an der Hüfte.

»Du hast behauptet, du hättest Amaryllis getötet«, sagte er, ohne Tariks Blick auf die Flasche zu beachten.

»Getötet hat ihn der Absturz einer der Hängenden Städte. Oder er sich selbst, als er sich aus den Trümmern gegraben hat. Es war nicht mehr viel von ihm übrig, als ich ihn ins Feuer geworfen habe.«

»Du hast ihn berührt. Damit bist du ihm näher gekommen als irgendein Mensch vor dir.«

Berührt, ja. Seither trug er Amaryllis’ Fluch, Amaryllis’ Auge in sich. Aber er bezweifelte, dass er der erste Mensch war, den der Narbennarr so nah an sich herangelassen hatte. Vor sechs Jahren hatte Amaryllis Maryam entführt, das Mädchen, das Tarik geliebt hatte. Wie nah war sie ihm gekommen?

Er erhob sich mit einem Ächzen. Im Gegensatz zu dem Byzantiner konnte er in der Kammer stehen. Almarik war fast einen Kopf größer als er.

»Warum hast du mir geholfen?«

Der Fremde lächelte. »Hab ich das denn?«

Tarik nahm eine Bewegung zu seinen Füßen wahr. Blitzschnell zog die Silberschlange eine Acht um seine Sohlen und glitt zwischen die Strohsäcke, ehe er sie zertreten konnte.

»Wo genau sind wir hier?«

»Im Keller meines Hauses.«

»Ich hatte erwartet, dass du Gast im Palast bist. Du warst mit der Falkengarde auf Patrouille.«

Almarik deutete ein Nicken an. »Ich hielt es für klüger, einen Ort zu haben, an den ich mich … sagen wir, zurückziehen kann.« Der Byzantiner musterte ihn einen Augenblick lang, dann trat er beiseite und deutete mit einer Handbewegung zur offenen Tür. »Gehen wir.«

»Wohin?«

»Nach oben. Ich hab dich den Tag über hier unten versteckt, für den Fall, dass uns jemand gefolgt ist.«

Tarik bezweifelte, dass der Kalif einen weiteren Gedanken an ihn verschwendet hatte, nachdem die Wachen ihn aus dem Saal geschleift hatten. Dass Almarik dennoch solche Vorsicht walten ließ, mochte zweierlei bedeuten: Entweder hatte der Byzantiner mehr zu verbergen, als er zugeben wollte. Oder aber er maß Tarik größere Bedeutung bei, als der bislang geahnt hatte.

Tarik trat an Almarik vorüber und verließ die Kammer. Unmittelbar davor führte eine schmale Treppe zu einer offenen Falltür in der Kellerdecke. Aus dem Augenwinkel sah er die Silberschlange voraushuschen, rasend schnell die Stufen hinauf. Ihr Schuppenleib hinterließ verwischte Wellenspuren im Staub.

Anhängliches kleines Miststück.

»Geh voraus«, verlangte der Byzantiner, nahm die Fackel aus der Halterung und löschte sie im Wasserkrug am Boden.

Die Treppe führte aus dem dunklen Keller hinauf ins Erdgeschoss. Almarik ließ hinter ihnen die Brettertür im Boden zufallen und scharrte mit dem Stiefel Stroh darüber. In Anbetracht der teuren Kleidung des Mannes hatte er etwas Aufwendigeres erwartet – nicht diese schäbige Behausung, die vor allem mit gestapelten Kisten und Körben möbliert war. Ein einzelner Tisch, ein dreibeiniger Schemel – und noch mehr Kisten, teilweise mit Gewalt aufgebrochen. Sie waren angefüllt mit gerollten Pergamenten und Papyri.

»Beeindruckend«, bemerkte Tarik trocken. »Du bist also nichts als ein gemeiner Dieb.«

Almariks Hand legte sich von hinten auf seine Schulter und drückte mit solcher Gewalt zu, dass Tarik fast in die Knie ging. Der Griff war Vorwurf, Strafe – eine Warnung.

Tariks Wut brach sich in einem wilden Aufschrei Bahn, er wirbelte herum, tauchte geduckt unter der Pranke des Byzantiners hinweg und rammte ihm kurzerhand den Schädel in den Magen. Almarik stöhnte auf, stolperte nach hinten, hielt sich jedoch auf den Beinen. Das Pochen im Inneren der Gürtelflasche wurde heftiger. Tarik schlug zu, traf mit der Faust eine der Eisenplatten auf Almariks Brust und fluchte lautstark. Dann hatte er auch schon genug damit zu tun, den Gegenangriff des Byzantiners abzuwehren.

Es war kein Kampf, der ihrer würdig gewesen wäre. Tariks unverhoffte Attacke musste Almarik stärker mitgenommen haben, als es zuerst den Anschein gehabt hatte. Für einen geübten Krieger waren seine Angriffe eine Spur zu ziellos, seine Bewegungen zu unkoordiniert. Wahrscheinlich litt er unter Schmerzen, ganz sicher unter Schwindel. Trotzdem hatte Tarik alle Mühe, seinen Fäusten auszuweichen, während sie sich gegenseitig vor und zurück drängten, einander zwischen die Kisten stießen und sich Prellungen an den harten Kanten holten. Was ein schneller, gezielter Kampf hätte sein sollen, wurde zu einer wüsten Schlägerei.

Eine einzige Öllampe flackerte an der Wand. Durch die geschlossenen Fensterläden fiel graues Abendlicht, als hätte selbst der Tag Erbarmen mit der dürftigen Darbietung der beiden.

Tarik war nicht sicher, woher all der Zorn kam, den er jetzt an Almarik ausließ. Früher, in den Tavernen Samarkands, hatte es viele solcher Momente gegeben, hemmungslose Wut auf sich selbst, die ihn zum Streit mit anderen getrieben hatte. Er war ein Trinker gewesen, manchmal ein Schläger. Aber nach allem, was draußen im Dschinnland geschehen war, hatte er geglaubt, dass er diesen Teil seiner selbst in Samarkand zurückgelassen hatte. Umso heftiger erschreckte es ihn, wie schnell er jetzt in alte Gewohnheiten zurückfiel. Und wie armselig und zugleich gut er sich dabei fühlte.

Almarik bekam ihn am Hals zu fassen und wollte ihn einmal mehr zu Boden schleudern. Tarik hämmerte die Faust gegen das Jochbein seines Gegners, bekam wieder Luft und tastete blindlings nach etwas, mit dem er zuschlagen konnte. Stattdessen schlossen sich seine Finger um die Silberschlange.

»Schlag ihn tot«, zischelte sie. »Und stiehl seinen Teppich. Das ist guter Rat, der beste.«

Tarik wusste, dass der Ratschlag einer Silberschlange niemals zum Erfolg führte, aber diesmal dachte er: Seinen Teppich, natürlich. Warum eigentlich nicht?

Sabatea brauchte seine Hilfe. Es spielte keine Rolle, dass sie ihn belogen und ausgenutzt hatte. An seinen Gefühlen für sie änderte das nichts. Und da waren noch sein Bruder Junis und Maryam, er von den Sturmkönigen verschleppt, sie im Dschinnland verschollen. Tarik brauchte einen fliegenden Teppich, ganz gleich, was die verdammte Schlange ihm zuflüsterte.

»Hör auf damit!«, fauchte der Byzantiner, als er seine kolossale Gestalt auf Tarik zuschob. »Nicht ich bin es, der dich bedroht. Das bist du selbst.«

Ganz kurz durchfuhr Tarik die Frage, warum Almarik nicht einfach nach seiner Augenklappe gegriffen hatte. Wusste er nicht, was geschehen würde, wenn Tageslicht in Tariks verletztes Auge fiel? Oder war es hier zu düster, um ihn ernsthaft zu gefährden?

Kein Zögern mehr. Nur Instinkt. Blitzschnell schleuderte er die Silberschlange in Almariks Gesicht. Ehe der Byzantiner begriff, wie ihm geschah, grub sie ihre Gifthauer in seine Wange. Almarik packte sie mit beiden Händen und fetzte sie entzwei, warf die zuckenden Stücke von sich – und sackte in die Knie, als der Schmerz ihn mit aller Macht überkam. Das Gift würde ihn nicht umbringen, nicht einmal betäuben. Das erledigte Tarik selbst, indem er eine der Kisten packte, hoch über seinen Kopf hob – und mit aller Kraft auf Almariks Schädel herabkrachen ließ.

Er hat dir geholfen, durchzuckte es ihn, während der Byzantiner zusammenbrach. Aber Tariks Skrupel schwanden schon, als sein Gegner mit dem Gesicht auf den Lehmboden prallte. Keine Zeit verschwenden. Den Teppich suchen. Dann fort von hier. Einmal in der Luft, würde ihn niemand zu fassen bekommen. Nicht den besten Teppichreiter Samarkands.

Wenig später schoss er hinauf in den Nachthimmel und lenkte Almariks Teppich über Bagdads Dächer ins Herz der Stadt.

Vor ihm eine hohe Mauer. Weite Gärten.

Dahinter, schimmernd im Mondschein, die Kuppeln des Kalifenpalastes. Und irgendwo darin – Sabatea.

FALKENGARDE

Tarik versuchte sich einzureden, dass er es schaffen konnte. Trotz der Soldaten der Falkengarde, die über den Palastgärten kreisten. Trotz des fremden Teppichs, mit dessen Eigenheiten er nicht vertraut war und der ihm mit einem Mal so verletzlich wie Pergament erschien.

Seine Hand steckte tief im Muster. In seinem Kopf spulten sich all die stummen Beschwörungsformeln ab, die nötig waren, einen fliegenden Teppich in der Luft zu halten. Die Stränge des Musters waren im ersten Moment vor seiner Berührung zurückgeschreckt, aber sie hatten seinen Befehlen nicht lange standhalten können. Er konnte jeden Teppich bändigen, auch diesen hier; doch selbst der erfahrenste Reiter nimmt lieber sein eigenes Pferd als das eines anderen. Genauso war es mit fliegenden Teppichen. Es hatte mit Vertrauen zu tun und mit Vertrautheit, mit Gewöhnung und fast so etwas wie Freundschaft. Teppiche besaßen keinen echten Verstand, sie waren keine ausgereiften Lebewesen – und doch entwickelten sie eine Art eigenen Willen, sobald sich das Muster mit den Gedanken des Reiters verband. Einswerden. Verschmelzen. Und dann die Winde unter sich spüren wie die Strömungen eines tobenden Flusses.

Tarik würde alles tun, um Sabatea aus dem Palast zu befreien. Er hatte einmal einen Menschen zu früh aufgegeben, und er wollte diesen Fehler kein zweites Mal begehen. Sechs Jahre lang hatte er geglaubt, dass Maryam tot war, und nun lebte sie noch, irgendwo draußen im Dschinnland. Er würde nicht zulassen, dass er auch Sabatea verlor, ganz gleich, was sie getan hatte. Dass sie ihn benutzt hatte, konnte er ihr schwerlich nachtragen; er hatte das Gleiche mit einem Dutzend Frauen vor ihr getan.

Sternenklare Nacht wölbte sich über Bagdad. Noch war draußen in der Wüste kein Anzeichen der aufmarschierenden Dschinnhorden zu sehen. Aber die Gewissheit, dass sie die Stadt angreifen würden, sorgte dafür, dass sich mehr Teppichreiter als sonst in der Luft aufhielten. Der Palast wurde sorgfältig abgeschirmt, ganze Schwärme von Falkengardisten zogen ihre Bahnen durch die Nacht, eine Kuppel aus dunklen Punkten im Mondschein. Die Klingen ihrer Schwerter und Lanzen schimmerten metallisch. Noch hatten sie den fremden Reiter nicht bemerkt, der sich der Zinnenmauer um die Palastgärten näherte.

Ungesehen dort hineinzugelangen war unmöglich. Tarik konnte nur schneller sein als die Soldaten, geschickter als sie. Es war, als hätten ihn die verbotenen Teppichrennen durch die Altstadt Samarkands auf diese eine Nacht vorbereiten wollen, in der es einmal nicht um Geld, seinen Stolz oder sein Selbstmitleid ging. Vielleicht war all das doch zu etwas gut gewesen.

Er ließ den Teppich absinken, hinab in eine der breiteren Gassen Bagdads, die schnurgerade ins Zentrum der Stadt führten. Fassaden wischten an ihm vorüber, flatternde Stoffmarkisen, diffuses Licht hinter Fensterläden und Vorhängen. Die vielfältigen Gerüche der Basare und Teehäuser. Gedämpfte Stimmen aus den Schlafzimmern der Reichen und den Elendsquartieren der Armen. In Bagdad lebten sie alle eng beieinander, vielleicht weil die Gefahr durch die Dschinne Aufstieg und Fall noch beschleunigt hatte und Nachbarn am einen Tag gleichgestellt, am nächsten schon Meister und Sklave waren.

Die Gassen waren trotz der späten Stunde dicht bevölkert. Männer mit Turbanen und verschleierte Frauen wanderten von einem Lichtkreis zum nächsten. Händler transportierten ihre Waren auf Lasttieren von ihren Straßenständen nach Hause. Schmutzige Kinderbanden jagten einander kreischend umher, weil ihre Eltern angesichts der drohenden Belagerung anderes zu tun hatten, als ihre Sprösslinge ins Bett zu schicken.

Obgleich fliegende Teppiche hier ein vertrauter Anblick waren, sahen viele auf, als Tarik mit wahnwitziger Geschwindigkeit über ihre Köpfe hinwegfegte. Ein Pferd ging durch, als der Luftzug des Teppichs seine Mähne aufwirbelte. Panisch preschte es auf ein erschrockenes Kamel zu, das mit Tonkrügen beladen war und die Hälfte seiner Last beim Ausweichen an einer Hauswand zerschmetterte. Empörte Rufe wurden laut, wütendes Geschrei, aber da war Tarik bereits über den Aufruhr hinweg.

Seine vertraute Konzentration setzte ein, die Mechanismen eingeübter Handbewegungen im Muster, verknüpft mit Beschwörungen hinter zusammengepressten Lippen. Sein eigener Teppich war im Palast zurückgeblieben, und dieser hier war von gänzlich anderer Art: fast zehn Schritt lang und nur einen breit, eher ein schmales Band als das übliche Rechteck. Tarik saß weit vorn, fast am Rand, wie er es sich von Almarik und den Falkengardisten abgeschaut hatte. Nach wie vor verstand er nicht, welchem Zweck die ungewöhnliche Form diente. Bedeutete die größere Fläche, dass mehr chinesisches Drachenhaar eingewoben wurde? Machte das den Teppich wendiger oder schneller? Verlieh es ihm gar Fähigkeiten, von denen er nichts ahnte? Die Vorstellung beunruhigte ihn.

Vor ihm wuchsen die Zinnen empor. Gerüstete Wächter bemannten den Wehrgang, aber sie waren es nicht, vor denen er sich in Acht nehmen musste. Sie sahen ihn kommen, stießen Alarmrufe aus – dann war er auch schon über sie hinweg, riss einen dabei über die Brüstung und erkannte mit Genugtuung, dass mit der Wut auch seine alte Skrupellosigkeit zurückgekehrt war. Er verspürte kein schlechtes Gewissen, weder Almarik noch dem Mann auf der Mauer gegenüber. Alles in ihm war auf seine unmittelbaren Ziele gerichtet: der Falkengarde entkommen, den Palast erreichen und dann, irgendwie, Sabatea befreien.

Vielleicht war es Selbstmord, Persiens bestbewachte Festung im Alleingang zu stürmen. Aber besser das als aufzugeben, wie damals, als er Maryam in den Klauen des Narbennarren zurückgelassen hatte. Hatte er wirklich geglaubt, dass sie tot war? Oder hatte er es sich nur eingeredet, um sich nicht der noch unbequemeren Wahrheit stellen zu müssen – dass er sie im Stich gelassen hatte?

Über ihm formierten sich Falkengardisten auf ihren Teppichen, um wie Raubvögel auf ihn herabzustoßen. Sein Eindringen in das Allerheiligste war jetzt kein Geheimnis mehr. In seinem Rücken ertönten Hörner, und er konnte zusehen, wie sich das Netz aus fliegenden Wächtern über dem Palastbezirk in Windeseile zusammenzog. Er setzte alles auf den Vorteil der Dunkelheit, die ihn so tief über den Baumwipfeln von oben aus fast unsichtbar machen musste. Zweifellos suchten sie jetzt alle nach ihm, aber er war nicht sicher, ob mehr als einige wenige ihn bereits entdeckt hatten.

Doch, da kamen sie. Ein halbes Dutzend von rechts oben, und es würde nicht lange dauern, ehe andere ihnen folgten. Er fluchte leise und spürte zugleich ein Woge von Hochgefühl durch seinen Körper jagen. Er war in der Luft, auf einem Teppich und auf sich allein gestellt – so war es während der letzten sechs Jahre immer gewesen. Keine Rücksicht auf andere. Nur ein Ziel, nur sein Sieg am Ende des Rennens.

Mit einem kaltblütigen Lachen ließ er den Teppich absinken. Der lange, schlanke Schweif war nicht so starr, wie er es von seinem eigenen Teppich kannte; vielmehr verlor er nach hinten hin an Festigkeit und flatterte wie eine Flagge hinter ihm her. Vielleicht nur ein Anzeichen dafür, dass er den fremden Teppich nicht vollständig unter Kontrolle hatte.

Er tauchte zwischen die Bäume, bevor ihn die ersten Falkengardisten erreichen konnten. Da war kein Weg, nicht einmal ein Pfad. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit fegte er unterhalb des Laubdachs durch einen Irrgarten aus Stämmen und Mondstrahlen. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass mindestens drei Gardisten seinem Manöver gefolgt waren. Der erste prallte gegen einen Baum und stürzte ab. Die beiden anderen aber waren geschickter, zu geschickt für Tariks Geschmack. Er trieb den Teppich zu noch größerer Geschwindigkeit, jagte eine Beschwörung nach der anderen ins Muster und spürte, wie sich die Stränge um seine Finger strafften, erst widerwillig, dann angesteckt von seiner Entschlossenheit.

Über sich, jenseits der Baumkronen, sah er weitere Schemen dahinhuschen. Sie folgten ihm oberhalb des Geästs. Er konnte sich nicht ewig hier unten verstecken. Aber darum würde er sich später kümmern – in ein paar Augenblicken, wenn alles gut ging. Bis dahin musste er seine verbliebenen Verfolger zwischen den Stämmen abgeschüttelt haben.

Einer der beiden Teppiche war mit zwei Soldaten besetzt. Angesichts der waghalsigen Flugmanöver brach ein Streit zwischen ihnen aus. Einer lenkte, der andere hielt einen gespannten Bogen in Händen. Nachdem sie zweimal den vorüberrasenden Bäumen zu nahe gekommen waren, ließ der Hintermann wütend Pfeil und Bogen los und stieß seine Hand ins Muster, um selbst den Befehl zu übernehmen. Der Teppich quittierte das mit einem empörten Aufbäumen, das einen der Männer sofort abwarf, den anderen entsetzt aufschreien ließ und gleich darauf gegen eine Palme schleuderte.

Einer noch.

Tarik grinste verbissen, wohl wissend, dass seine Chancen, es bis zum Palast zu schaffen, mit jedem Atemzug schwanden. Über den Baumkronen und Palmblättern kreisten mindestens drei Dutzend Falkengardisten und suchten die Gärten nach ihm ab. Andere formierten sich zu einem engen Ring um den Palast.

Eins nach dem anderen. Erst musste er den letzten Teppichreiter loswerden. Der Gardist hing dicht an seinen Fersen. Tarik verfluchte die Tatsache, dass er zwar Almariks Teppich gestohlen hatte, nicht aber die Kleidung des Byzantiners. Womöglich wäre es damit leichter gefallen, unbemerkt in die Palastanlagen einzudringen. Doch nach dem Kampf hatte er sich nicht mit Pläneschmieden aufhalten wollen. Was zählte, war allein seine Schnelligkeit. Wie früher in Samarkand, im Pfeilhagel der Stadtmiliz des Emirs Kahraman.

Viele Male hatte er allein das Dschinnland durchquert, auf der Schmuggelroute seines Vaters, und er hatte sich Wesen gestellt, die sich die Männer dort oben nicht in ihren Alpträumen ausmalen konnten. Er hatte den großen Wüstenwolf mit eigenen Augen gesehen, hatte Sandfalter bekämpft und mit Scharen von Dschinnen gefochten. Erst vor wenigen Tagen hatte er einen Kettenmagier sterben sehen, war dem Untergang der Hängenden Städte entkommen und hatte den Dschinnfürsten Amaryllis in die brennenden Ruinen geschleudert. Er fürchtete sich nicht mehr vor einfachen Menschen – nicht nach allem, was er durchgemacht hatte.

Tief in seinem Verstand, wo sich einst all das Leid über Maryams Verlust verhärtet hatte, brandete bösartiges Lachen auf. Noch etwas hatte sich dort eingenistet, ein Funke vom Aaslicht, der Geist des Narbennarren. Amaryllis’ Vermächtnis. Tarik würde sich damit auseinandersetzen müssen, früher oder später. Das war etwas, das er fürchtete, weit mehr als die Soldaten dort draußen in der Nacht.

Sein Gespür für Almariks Teppich wurde immer besser. Er musste Acht geben, nicht übermütig zu werden. In wildem Zickzack raste er zwischen den Palmen und Akazien dahin, zwischen hohen, geraden Stämmen und verwachsenen Olivenbäumen. Zweige wurden vom Sog des Teppichs mitgerissen, bogen sich, als wollten sie nach ihm greifen. Dann schnappten sie zurück – und schlugen wie Peitschen auf den Gardisten ein, der ihm jetzt unmittelbar folgte. Der Mann schrie auf, als ihn ein Weidenast im Gesicht erwischte und seine Beschwörungen im Blut seiner aufgeplatzten Lippen ertränkte. Sein Teppich geriet ins Trudeln, stieg abrupt auf und verhedderte sich in voller Geschwindigkeit in einer Baumkrone.

Tarik hörte den Zusammenstoß, doch er hatte keine Zeit, seinen Triumph auszukosten. Es konnte nicht mehr weit bis zum Ende des Wäldchens sein. Ganz sicher reichten die dichten Bäume nicht an die Palastmauern heran. Er würde einen freien Streifen überqueren müssen, wo er schutzlos den Pfeilen und Lanzen der Garde ausgeliefert war.

Sabatea war mit großer Wahrscheinlichkeit in die Gemächer des Kalifen gebracht worden. Sie war die Vorkosterin des Emirs von Samarkand gewesen und sollte nun, als Kahramans Geschenk an seinen Herrscher, dieselbe Aufgabe im Hofstaat Harun al-Raschids übernehmen. Demnach würde sie sich die meiste Zeit in unmittelbarer Nähe des Regenten aufhalten. Was bedeutete, dass Tarik nicht nur in den Palast eindringen, sondern sich einen Weg zum Kalifen selbst suchen musste. Etwas, woran in den vergangenen Jahren zweifellos Armeen von Attentätern gescheitert waren.

Sein Verstand blendete die Möglichkeit seines Scheiterns weitgehend aus, rückte die Vorstellung seines Todes an den Rand seiner Überlegungen. Falls er sterben musste, dann war seine Niederlage von Beginn an in seinem Schicksal festgeschrieben. War es das nicht, so wollte er seine Chancen nutzen. Dann würde er schlichtweg nicht zulassen, dass irgendwer den Pfad seiner Bestimmung durchkreuzte.

Bestimmung?, hallte es ungläubig in seinen Gedanken nach. Schicksal? Das waren Worte, die früher keine Bedeutung für ihn gehabt hatten. Warum mit einem Mal heute?

Er hatte nie auf Allah vertraut, auf Zarathustra oder einen der anderen Götzen in den rauchverhangenen Tempeln Samarkands. Nach Maryams Verschwinden hatte er den Glauben an göttliche Fügung verloren. Nur ein Glaube war ihm geblieben – der an sich selbst. Sollten andere zu ihren Göttern und Heiligen beten. Falls wirklich ein Opfer vonnöten war, dann würde er es auf dem Altar seiner selbst darbringen.

Mit einem Gefühl von zügelloser Freiheit raste er aus dem Schutz der Bäume hinaus in das Schussfeld seiner Feinde.

FREMDE SCHWINGEN

Die Nacht teilte sich wie schwarzer Samt, als Tariks Teppich aus dem Unterholz fegte. Er behielt Recht mit seiner Vermutung: Der Wall aus Palmen, Akazien und Feigenbäumen reichte nicht bis an die Mauern des Palastes. Vor ihm öffnete sich ein Labyrinth niedriger Hecken. Sie waren in ornamentalen Mustern angelegt und säuberlich auf Kniehöhe gestutzt. Von Balkonen und Balustraden in der Palastwand aus hatten die Haremshüter und Wächter freie Sicht auf Höflinge und Frauen, die tagsüber hier spazierten.

Jetzt aber standen dort oben Bogenschützen und Lanzenwerfer, in Windeseile hinter den Geländern aufmarschiert, die meisten sichtlich außer Atem. Tarik vertraute auf ihre Erschöpfung: Männer mit rasendem Herzschlag waren keine zielgenauen Schützen.

Zugleich jagten von oben Teppiche der Falkengarde auf ihn herab. Die Männer hatten eine Hand im Muster versenkt und schwenkten mit der anderen ihre Krummschwerter. Tarik hatte sich eine von Almariks Klingen unters Knie geklemmt, konzentrierte sich aber lieber allein auf die Steuerung des Teppichs. Wenn sie ihm zu nahe kamen, würde ihm genug Zeit bleiben, um nach der Waffe zu greifen.

Er raste weiterhin auf den Palast zu, niedrig über die Hecken hinweg, wich der Fontäne eines Brunnens aus, damit der Teppich nicht nass und widerspenstig wurde, und bemühte sich, die Schützen hinter den Balustraden und die Teppichreiter im Auge zu behalten.

Von seinem ersten Besuch im Palast wusste er, dass die Fassaden mit weiten Terrassen, offenen Hallen und Landeplattformen übersät waren. Unmöglich, sie alle abzuschirmen. Wenn es ihm gelänge, auf dem Teppich ins Innere der Gebäude vorzustoßen, war er vielleicht wieder im Vorteil. Die Falkengarde war bestens ausgebildet; allerdings bezweifelte er, dass sie das Fliegen im Inneren der herrschaftlichen Säle und Korridore trainiert hatten, und im Gegensatz zu ihnen hatte er keinen Respekt vor den Kunstschätzen, Kurtisanen und anderen Kostbarkeiten, die ihnen bei einer Jagd durch den Palast im Weg stehen würden.

Wussten sie, wer er war? Falls man ihn für einen Attentäter hielt, würde man den Kalifen in Sicherheit bringen, nicht aber Sabatea. Trotzdem gab er sich keinen Illusionen hin: Sie in den weitläufigen Flügeln, Türmen und Hallen des Palastes aufzuspüren würde nicht einfach werden.

Die ersten Gardisten gingen zum Angriff über. Behände wich er ihnen aus, ohne nach seiner Klinge zu greifen. Sie waren gut, besser als all die Tölpel, mit denen er es während der Rennen in Samarkand zu tun gehabt hatte. Dennoch kamen sie einzeln nicht gegen ihn an. Ihre schiere Masse war es, die ihm gefährlich werden konnte, zumal sie hervorragend aufeinander eingespielt waren. Sie rasten nun von allen Seiten heran und manövrierten so exakt, dass jede Kollision zwischen ihnen vermieden wurde, manchmal nur um Haaresbreite.

Tarik verlegte sich auf ein wildes Hin und Her, spielte einzelne Teppichreiter gegeneinander aus, täuschte Sturzflüge an und stieg im letzten Augenblick auf. Bei alldem kam er dem Palast immer näher, stets bemüht, keinen allzu großen Vorsprung zu gewinnen, um den Bogenschützen kein freies Schussfeld zu bieten. Seine Gegner durchschauten diese Taktik, und bald ertönten Hornsignale, die den Gardisten ein anderes Vorgehen befahlen.

Tarik hatte es kommen sehen. Die Schwärme aus Teppichreitern gaben seine unmittelbare Verfolgung auf und zogen sich ein Stück weit zurück, damit endlich die Schützen eingreifen konnten.

Seine Finger tasteten entlang der Stränge des Musters, zogen manche zusammen, lösten andere voneinander. Immer wieder stieß er auf Knoten und Schlaufen, die er nicht zuordnen konnte, aber ihm blieb keine Zeit, sie zu hinterfragen. Er nutzte nur jene Teile des Musters, mit denen er sich auskannte. Sie reichten aus, um den fremden Teppich noch einmal zu beschleunigen. Wie ein farbiger Blitz schoss er der Palastmauer entgegen, zu schnell für die Blicke, die ihm folgten, zu schnell auch, um jetzt noch Kurskorrekturen auszuführen. Er hatte aus der Ferne auf eine der Balustraden gezielt und ließ den Teppich nun schnurgerade wie ein Geschoss darauf zurasen. Die Handvoll Bogenschützen in seiner Flugbahn sah ihn kommen, einige Pfeile lösten sich von den Sehnen, aber die wenigsten hatten damit gerechnet, dass er genau auf sie zuhalten würde.

Das Muster loderte in unsichtbarem Feuer, als mehrere Pfeile den Teppich durchschlugen. Die Stränge sträubten sich einen Herzschlag lang gegen Tariks Befehle, aber es war bereits zu spät, um sich gegen den fremden Reiter aufzulehnen. Vom eigenen Schwung getragen, schoss der Teppich auf die Balustrade zu. Wenn sie ihn nicht vorher aus der Luft holten, würde er über die Köpfe der Männer hinwegfegen, ins Innere des Palastes vorstoßen und dann erst sehen, wie es weiterging. Ein Ziel nach dem anderen, wie immer.

Er schloss das gesunde Auge und vertraute sich dem Muster an. Die Stränge vibrierten unter seinen Fingern wie die Saiten eines Musikinstruments. Sie schienen ihm zuzuflüstern, was vor ihm war – das verschlungene Steingeländer, die Soldaten in ihren bunten Gardeuniformen, das offene Maul des Korridors. Er spürte sie, war jetzt eins mit dem Teppich, überließ sich ganz dem magischen Tasten des Gewebes, das sich wie feinste Erschütterungen auf seine Fingerspitzen übertrug.

Und dann war da plötzlich noch etwas anderes.

Er hatte es die ganze Zeit über gefühlt – die fremdartigen Knoten und Schlingen, die ungewöhnliche Verbindung des Drachenhaars mit dem übrigen Knüpfwerk. Von einem Herzschlag zum nächsten gewannen sie an Eigenleben, veränderten die Struktur des Teppichs unter ihm, formten ihn um, formten ihn neu.

Tarik erkannte, dass er verloren war. Der pfeilschnelle Vorstoß war ein unerhörtes Wagnis mit seinem unkorrigierbaren Kurs, der alptraumhaften Geschwindigkeit. Aber nun stand fest, dass er sich geirrt hatte. Er hatte Winkel und Höhe falsch abgeschätzt! Nur um eine Winzigkeit. Die Ursache musste das verletzte Auge sein, Amaryllis’ Fluch.

Um ihn verlangsamte sich die Zeit. Er konnte nichts tun, nur zusehen, wie die Mauerkante oberhalb der Öffnung näher kam, dieselbe Kante, die er im nächsten Augenblick streifen und die ihn auf der Stelle enthaupten würde. Zu spät zum Ducken, erst recht für ein neues Manöver. Kein Ausatmen mehr, nicht einmal ein letzter Gedanke. Vorbei.

Aber der Teppich ließ das nicht zu. Um ihn herum faltete sich das lange Teppichband in Windeseile zu etwas Anderem, einem Gehäuse aus verhärtetem Knüpfwerk, so schnell, dass Tarik es kaum wahrnahm. Innerhalb eines Lidschlags umschloss es ihn wie ein Panzer und bewahrte ihn vor den schlimmsten Folgen des Aufpralls.

Trotzdem war der Zusammenstoß mit der Mauerkante entsetzlich. Der Schmerz hämmerte in seinen Schädel und raubte ihm das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich noch immer in diesem einen, endlos langen Augenblick des Aufpralls. Die Zeit, vorher zäh wie Harz, schien nun endgültig stillzustehen.

Die Kollision tötete ihn nicht, brach ihm nicht einmal die Knochen, und das war ein Wunder. Er verlor die Kontrolle, statt seiner steuerte nun das Knüpfwerk selbst.

Allmählich begriff er, dass er in einem Kokon aus Teppichbahn gefangen war, in einem diffus dunklen Kern, der so eng war, dass er die Fasern aus Wolle und Drachenhaar am ganzen Körper spüren konnte; er war fest davon umschlungen, wie eingegossen in die schützende Hülle des Teppichs.

Er bemerkte, dass sie einen Haken schlugen und wieder vom Palast fortrasten. Er konnte nichts sehen, war vollkommen blind, und als er versuchte, abermals Einfluss auf das Muster zu nehmen, sträubte es sich gegen ihn, viel heftiger als zuvor und von einem eisernen eigenen Willen beherrscht.

Wie das Gebilde aussah, in dem er nun aufwärtsflog, blieb ungewiss. Nur ein Knäuel aus Teppich, in dem er eingewickelt war? Oder etwas anderes, im Ansatz Symmetrisches, eine Nachbildung von – ja, was? Er spürte im Muster, dass da noch mehr war, als zögen die Stränge etwas aus ihm heraus, ein geheimes Wissen, das ihm selbst bislang verborgen geblieben war. Der Teppich, der wundersame, unbegreifliche Teppich des Byzantiners, bildete nach, was das Muster im Geist seines Reiters vorfand.

Vor seinem gesunden Auge öffnete sich ein Spalt in dem Gebilde, dann konnte er wieder ins Freie sehen. Das schmerzhafte Pochen in seinem Kopf war nahezu alles beherrschend, aber jetzt kehrte auch ein wenig Klarheit zurück.

Unter ihm lagen wieder die nächtlichen Gärten. Der Teppich raste auf die Mauer des Palastbezirks zu und zugleich steil nach oben. Nicht mehr lange, und sie mussten die unüberwindliche Höhe von hundertfünfzig Schritt erreichen – kein fliegender Teppich konnte sich weiter oben halten. Am Scheitelpunkt ihres Aufstiegs legten sie sich wieder in die Waagerechte, passierten die Mauer und flogen über die flackernden Lichtpunkte Bagdads auf die äußeren Bezirke zu.

Die Wüste!, durchfuhr es Tarik. Der Teppich flieht in die Wüste!

Einmal mehr versuchte er, Einfluss auf das Muster zu nehmen, und diesmal war der Widerstand schwächer. Tarik gab Befehl, sich in der Luft zu drehen, damit er aus seinem schützenden Kokon nach hinten blicken konnte, auf die Schar seiner Verfolger.

Der Teppich tat, was er verlangte, flog dabei aber weiter Richtung offene Wüste, nun jedoch rückwärts, was Tarik nur recht sein konnte.

Ein gutes Dutzend Teppiche folgte ihm – nur dass sie nicht mehr aussahen wie Teppiche, sondern sich genau wie sein eigener verändert hatten, verschlungen, wie verknotet. Dabei ahmten sie etwas nach – die abstrakten und dennoch erkennbaren Formen von Tieren. Gleich mehrere hatten sich zu Vögeln gefaltet, mit Schwingen und kurzen Schnäbeln aus Knüpfwerk; ein anderer erinnerte vage an eine Raubkatze im Sprung; zwei weitere imitierten fliegende Heuschrecken.

Welche Tiergestalt hatte sein eigener Teppich angenommen? Keine Zeit, sich Gedanken darüber zu machen. Er war auf der Flucht, mehr als zehn seiner Gegner unmittelbar hinter ihm, und er fragte sich, wie es nun weitergehen sollte. Er war so sicher gewesen, Sabatea befreien zu können.

Es war wie ein Wahn, eine Trunkenheit, in die ihn sein Zorn, seine Verzweiflung und die Gewissheit seiner Überlegenheit getrieben hatten. Und er glaubte noch immer daran, dass er eine Chance gehabt hätte, wenn ihn sein verletztes Auge nicht im Stich gelassen und er die Flugbahn ins Innere des Palastes besser hätte abschätzen können.

Amaryllis’ Lachen toste durch seine Gedanken. Noch immer war er nicht sicher, ob wirklich ein Teil des Narbennarren in ihn gefahren oder ob er vielmehr Opfer einer Halluzination war, eines Alptraums, der ihn nicht mehr losließ.

Der Teppich drehte sich im Flug. Tarik schaute wieder nach vorn, über die Stadtmauern Bagdads hinweg auf die ärmlichen Vororte im Süden, wo weiße Gehöfte und Zelte über den Sand verstreut lagen. Die Versuchung, die Augenklappe zu heben, war groß. Aber er wusste noch immer nicht, was er mit dem Auge des Dschinnfürsten dort unten sehen würde. Er konnte jetzt keine bösen Überraschungen gebrauchen.

Das Muster alarmierte ihn, dass ihre Verfolger aufholten. Zugleich schob sich etwas in sein Blickfeld, ein heller Fleck vor ihm in der Nacht. Eine weiße Gestalt mit weiten Schwingen, deren Hufe über die Leere galoppierten, als fänden sie Halt auf den Rauchfahnen, die von tausend Feuern und Fackeln im Gassengewirr der Stadt aufstiegen.

Tarik stieß einen verblüfften Laut aus, als das Elfenbeinpferd in einigem Abstand vor ihm in der Luft verharrte, die Lage erfasste und unvermittelt auf ihn zupreschte, an ihm vorbei und mitten in den Schwarm seiner Verfolger.

Er wartete nicht ab, was weiter geschah. Stattdessen jagte er mit aller Macht einen Befehl ins Muster: abwärts, hinunter in die Stadt! Vielleicht konnte er jene, die nicht von der Attacke des Zauberpferdes abgelenkt waren, doch noch in den Gassen abhängen.

Während der Teppich steil auf die Dächer herabstieß, forderte Tarik ihn auf, sich zu entfalten. Zu seinem eigenen Erstaunen wurde der Befehl innerhalb eines Atemzugs ausgeführt. Ehe er sichs versah, saß er wieder am Vorderende der langen Teppichbahn. Der staubtrockene Gegenwind kühlte seine verschwitzten Züge.

Er gönnte sich nur einen kurzen Blick nach oben, wo das Elfenbeinpferd durch den Schwarm der verblüfften Teppichreiter tobte. Einige verloren ihre Tiergestalt. Zwei weitere stießen zusammen und stürzten ab, ehe sie sich kurz über dem Boden wieder fangen konnten.

Tarik verstand nicht, warum das Pferd ihm half. Es schien fast, als hätte es auf ihn gewartet. In Samarkand hatte es zahllose Elfenbeinrösser gegeben, die auf den Dächern lebten, aber sie mieden die Menschen und flohen vor ihnen. Vielleicht war dieses hier nur durch Zufall in seine Flugbahn geraten.

Im Sturzflug tauchte er ins Labyrinth der Stadt und verbarg sich in den Schatten.

DIE GEHEIME TOCHTER

Wo ist Tarik?«

Khalis, der Hofmagier des Kalifen von Bagdad, gab keine Antwort. Schweigend stand er in der Tür des Gemachs und musterte Sabatea.

Wo der alte Mann auftauchte, war nur noch Platz für ihn. Seine Ausstrahlung legte sich über den Rest des Raumes wie ein Schleier, der allem anderen Farbe und Klänge entzog. Wie ein Wolkenschatten, der sich über eine Landschaft schiebt, so schien auch der Magier die Umgebung in Düsternis zu tauchen, während er selbst in einer Säule aus Licht dastand, hager, groß, die schmalen Lippen fest aufeinandergepresst.

Er trug eine nachtblaue Robe wie bei ihrer ersten Begegnung im Audienzsaal des Kalifen, denselben mit Diamanten besetzten dunklen Turban und einen Schal, der gleichfalls mit Edelsteinen bestickt war.

Nachdem er sie eine Weile lang stumm gemustert hatte, wandte er sich ohne ein Wort um und schloss die Tür hinter sich. Sabatea blieb allein zurück, zornig, verunsichert, drauf und dran, ihm zu folgen, um ihn zur Rede zu stellen.

Da aber erklangen abermals Schritte draußen auf dem Gang, sanfter, kaum hörbar, und sie erinnerte sich widerstrebend an das, was man von ihr erwartete.

Als Harun al-Raschid den Raum betrat – ganz allein, ohne Leibwache –, kniete sie am Boden, den Oberkörper vorgebeugt, das Gesicht kaum einen Fingerbreit über dem kühlen Marmor. Schweigend wartete sie darauf, dass der Kalif ihr gestattete, sich zu erheben. Demut war ihr zuwider, war es immer gewesen; aber jetzt stand ihr Leben auf dem Spiel, und, schlimmer noch, nicht allein ihr eigenes.

Früher hätte sie eine Situation wie diese als Herausforderung begriffen. Doch ihr Geschick mit Worten, ihr Talent, andere zu manipulieren, würden sie hier nicht weit bringen. Selbst die Atemluft in diesem Palast schmeckte nach Intrigen. Lügen gehörten zum Inventar wie Marmor und Wandbehänge.

Als der Kalif sie nicht ansprach, fasste sie sich ein Herz und stellte ihre Frage ein zweites Mal.

»Bitte sagt mir, mein Gebieter, wo ist Tarik?«

Er kam jetzt näher. Sie hörte die Sohlen seiner spitzen Samtschuhe auf dem Steinboden, aber sehen konnte sie ihn noch immer nicht. Ihr langes schwarzes Haar und der Seidenschleier waren über ihr Haupt am Boden gebreitet. Bisher hatte sie nicht gewusst, dass Marmor einen Geruch hatte, den Geruch von staubigem Gestein; die Erkenntnis berührte etwas in ihr, die Erinnerung an eine schwarze Grotte, auf deren Grund prasselnde Scheiterhaufen brannten. Einen Moment lang bekam sie kaum Luft.

Der Kalif ging langsam an ihr vorüber, umrundete sie. Sabatea fühlte sich nackt und ausgeliefert, obgleich sie lange, fließende Gewänder trug; nur ihre Hände und Unterarme schauten darunter hervor. Bedienstete hatten die bloße Haut mit verschlungenen Ornamenten aus Henna bemalt, und sie hatte das ungute Gefühl, dass dies auf Veranlassung des unheimlichen Magiers geschehen war, dem engsten Berater des Kalifen.

»Der Schmuggler hat versucht, in den Palast einzudringen«, sagte Harun al-Raschid. »Er hat Mut, das muss man ihm lassen.«

»Er hat mich sicher durch das Dschinnland an Euren Hof gebracht.«

»Und vorhin hat er offenbar versucht, dich mir wieder wegzunehmen.« Haruns Stimme klang heiser und brüchig. Sie musste ihn nicht einmal ansehen, um zu erkennen, wie krank er war. »Ist das nun Tollkühnheit, Dummheit oder Wahnsinn?«

Das war keine Frage, auf die er eine Antwort hören wollte, aber sie sagte dennoch: »Von allem ein wenig, fürchte ich.«

Der Kalif seufzte, und sie hörte, wie er sich auf den Kissen unter dem Fenster niederließ. Die farbenprächtigen Vögel in der Voliere neben der Tür zwitscherten und hüpften von Stange zu Stange. Draußen auf dem Gang schepperte Eisen, als die Wachsoldaten vor der Tür Haltung annahmen; wahrscheinlich war einer der zahllosen Edelmänner des Palastes an ihnen vorbeigegangen.

Einen Augenblick lang überlegte sie, ob Khalis noch immer vor dem Zimmer stand und lauschte. Nein, der Hofmagier kannte zweifellos subtilere Wege, um zu erfahren, was hier vor sich ging.

»Warum stehst du nicht auf?«, fragte Harun.

»Ihr habt es mir nicht gestattet, mein Gebieter.«

»Du hast versucht, mich zu vergiften, Sabatea … Warum, bei Allah, solltest du es nötig haben, auf meine Erlaubnis für irgendetwas zu warten?«

In einem Anflug von Trotz hob sie den Kopf vom Boden, streifte ihr Haar zurück und zog den Schleier über Nase und Mund zurecht. Das dünne Kettchen, an dem die Seide befestigt war, spannte sich unter ihren Augen; es war noch immer kühl, obwohl sie es schon seit Stunden trug.

»Ich habe dir vergeben«, sagte der Kalif, als sie aufstand und sich zu ihm umdrehte. »Das habe ich dir bereits gestern gesagt.«

Sie glaubte ihm kein Wort, auch wenn seine Güte oder – eher noch – Gleichgültigkeit ihrem Mordanschlag gegenüber nicht einmal gespielt wirkte. Er war Harun al-Raschid, und seine Untertanen liebten ihn. Selbst heute noch, da die Dschinne den größten Teil des Kalifats entvölkert hatten.

»Wir werden später über die Gründe sprechen, die dich nach Bagdad geführt haben«, sagte er, und sie dachte bitter: Natürlich werden wir das. Spätestens, wenn mein Hals unter dem Henkersschwert liegt. »Zuerst aber«, bat er sanft, »erzähl mir mehr von diesem Schmuggler. Von Tarik al-Jamal.«

Sie hob langsam den Blick und riskierte es, den Beherrscher der Gläubigen, das Licht des persischen Reiches, offen anzusehen. Allein dafür hätte er sie hinrichten lassen können. Er aber nickte nur sachte und deutete auf einige Kissen, weit genug von ihm entfernt, dass sie die Aufforderung nicht missverstehen konnte.

»Bitte«, sagte er, »setz dich.«

Seine ausgestreckte Hand war so hager und ausgezehrt wie seine Züge. Er trug einen Turban mit Pfauenfedern, blendend weiß wie seine übrigen Gewänder, und musterte sie mit großen dunklen Augen. Sein Blick brodelte vor Intensität.

Sabatea ließ sich auf den Kissen nieder, noch ganz ungelenk und steif von der unbequemen Position am Boden. Rasch zupfte sie den Saum ihres Kleides über die Hennamuster auf ihren Fußrücken.

»Ich weiß, dass du nicht aus freien Stücken hergekommen bist. Dein Geheimnis ist schon lange keines mehr, Sabatea.« Er hob die Hand und brachte sie zum Schweigen, als sie nachhaken wollte. »Erst der Schmuggler.«

Sie atmete tief durch und roch feines Räucherwerk, das durch winzige Öffnungen in den Wänden hereinwehte. Verschlungene Arabesken bedeckten die Mauern des Zimmers. Die sanft gewölbte Kuppeldecke war mit aufgemalten Sternbildern auf blauem Grund überzogen.

»Ich habe Tarik belogen, als ich ihn bat, mich nach Bagdad zu bringen«, sagte sie. »Er hat nicht gewusst, was ich vorhatte.«

»Er hat behauptet, er habe den Dschinnfürsten Amaryllis getötet.«

»Das ist die Wahrheit. Wir sind ihm in den Hängenden Städten der Roch begegnet, tief unter den Gipfeln des Kopet-Dagh. Wir waren Gefangene der Dschinne.«

»Die Dschinne nehmen seit einiger Zeit Gefangene. Weißt du, was sie ihnen antun?«

»Sie machen sie zu willenlosen Sklaven.«

»So, wie du das sagst, klingt es nicht besonders schlimm.«

»Verzeiht, ich –«

»Nein, entschuldige dich nicht. Ich sitze seit Jahr und Tag in diesem Palast und höre mir an, was andere mir über die Dschinne und ihre Grausamkeiten berichten. Du aber hast all das mit eigenen Augen gesehen. Wer bin ich, dir vorschreiben zu wollen, wie du über sie sprichst?«

»Ihr seid der Kalif. Ihr seid der Mittelpunkt der Welt, das Herz des Glaubens und –«

Harun al-Raschid warf den Kopf zurück und lachte. Seine bleichen, ausgezehrten Züge schienen sich zu einem ganz und gar herzlichen Gelächter zu öffnen, wie das Holzgesicht einer Handpuppe, die plötzlich nur noch aus Mund und Zähnen besteht.

»Die Welt gehört den Dschinnen, Sabatea. Ich habe versagt.«

Sie war drauf und dran, zu widersprechen, aber dann las sie in seinen Augen eine Sehnsucht nach Aufrichtigkeit, die sie verwirrte und zum Schweigen brachte. Mit Lügen konnte sie umgehen – mit der Wahrheit weit weniger.

»Mein Reich«, fuhr er fort und betonte das Wort fast spöttisch, »endet an den Mauern dieser Stadt. Als die Dschinne vor über fünfzig Jahren aus der Wüste kamen, hätten meine Ahnen erkennen müssen, was geschehen würde. Stattdessen ließ mein Vorgänger diese Stadt errichten, während anderswo bereits ganze Stämme ausgerottet wurden. Mittelpunkt unserer Welt … vielleicht. Aber nur, weil wir uns nie die Mühe gemacht haben, die Welt der anderen dort draußen auch nur mit einem Blick zu würdigen.«

Immer noch stumm, blickte sie ihn an, diesen abgemagerten, womöglich todkranken Mann vor ihr auf den Kissen, und sie dachte: Wie hätte ich ihn jemals ermorden können?

»Aber wir wollten nicht über mich oder meine Ahnen sprechen, Sabatea. Erzähl mir von diesem Tarik.«

»Haben Eure Soldaten ihn –«

Er schüttelte den Kopf. »Er ist ihnen entkommen. Es hat nicht viel gefehlt, und er wäre in den Palast eingedrungen. Seine Liebe zu dir muss wahrlich groß sein. Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um dich zu befreien.«

Ihre Gefühle für Tarik hatten sich während ihrer Reise durchs Dschinnland grundlegend verändert, von ihrer ersten gemeinsamen Nacht, als von Liebe nun wirklich noch keine Rede sein konnte, bis hin zu dem Augenblick vor Haruns Thron, als die Soldaten sie mit Gewalt auseinandergerissen hatten.

»Es war ein Fehler, ihn aus dem Palast werfen zu lassen«, kam er auch diesmal ihrem unausgesprochenen Vorwurf zuvor. »Er wäre nicht der erste Besessene gewesen, der aus dem Dschinnland zu uns gekommen ist.«

»Tarik ist nicht besessen.«

Blitzschnell beugte der Kalif sich vor, sein Blick hellwach und von messerscharfer Schläue erfüllt. »Was ist er dann?«

Sie war nahe daran, ihm alles zu erzählen: Dass etwas mit Tarik geschehen war, als er den verstümmelten Körper des Narbennarren in die Flammen der Hängenden Stadt geschleudert hatte. Und dass sein linkes Auge die Welt seither so sah, wie der Dschinnfürst Amaryllis sie erblickt hatte. Er war weder wahnsinnig noch von einem Teufel besessen. Jedenfalls nicht so, wie es Harun und sein Hofstaat befürchtet hatten.

»Was ist da draußen passiert?«, fragte der Kalif.

Zögernd, mit sorgfältig gewählten Worten, berichtete sie ihm von den Ereignissen im Kopet-Dagh, vom Untergang der Rochnester und dem Tod des Narbennarren. Von der Rettung der Gefangenen durch die Sturmkönige, jenen Männern und Frauen, die auf Wirbelstürmen ritten und der Dschinntyrannei erbitterten Widerstand leisteten.

Schließlich erwähnte sie sogar Maryam, das Mädchen mit den Alpträumen von einer immerwährenden Gefangenschaft. Maryam, die Tarik vor sechs Jahren an den Narbennarren verloren und für tot gehalten hatte. Bis Amaryllis ihm verraten hatte, dass er selbst nach ihr suchte, aus Gründen, die keiner von ihnen vollends verstanden hatte. Es schien eine Verbindung zwischen dem Narbennarren und Maryam zu geben, etwas, das mit den Visionen zusammenhing, die sie offenbar geteilt hatten.

»Und du«, sagte der Kalif schließlich, nachdem sie ihren Bericht beendet hatte, »bist in all das hineingeraten, obwohl dein Ziel doch eigentlich ein ganz anderes war.«

»Ich weiß, dass Ihr mich töten werdet«, erwiderte sie gefasst. »Ich fürchte den Tod nicht.«

»Nein, nicht deinen Tod. Aber den deiner Mutter.«

Sie ballte die Hände zu Fäusten und vergrub sie in den Kissen. »Ihr wisst von ihr?«

»Aber natürlich«, sagte er mit einem Lächeln. »Das Einzige, woran es mir nicht fehlt, ist Wissen. Von morgens bis abends bestürmt man mich mit Dingen, von denen irgendwer glaubt, dass der Kalif sie erfahren sollte. Und wenn ein Emir im fernen Samarkand, mein Stellvertreter auf dem Thron Khorasans, ein Mordkomplott gegen mich schmiedet, dann ist das in der Tat etwas, von dem ich Kenntnis haben sollte.« Er stützte die Ellbogen auf seine Knie und verschränkte die Hände unterm Kinn. Über den scharfen Grat seiner Nase sah er sie eindringlich an. »Ich weiß schon lange, dass Emir Kahraman meinen Tod will. Ich weiß auch, dass er einen Pakt mit den Dschinnfürsten geschlossen hat, der ihm die Herrschaft über Samarkand sichern soll, wenn der Rest der Welt endgültig an die Dschinne fällt. Bei Allah, ich weiß sogar, dass er in all seiner Verblendung nicht erkennt, dass die Dschinne ihn nur benutzen und vernichten werden, sobald sie mit uns hier in Bagdad fertig sind.«

Sabatea erwiderte jetzt seinen Blick, weil sie allmählich den Menschen in ihm sah, nicht mehr den allmächtigen Regenten. Mit einem Mann konnte sie umgehen, das lag ihr im Blut. »Ihr bekommt noch immer Nachrichten von Euren Spionen im Palast von Samarkand?«

»Recht häufig sogar. Seit die Dschinne Besseres zu tun haben, als die Vögel vom Himmel zu fangen, gelingt es einem von drei Falken, das Dschinnland unbeschadet zu durchqueren.«

»Dann wisst Ihr alles?«

Er nickte sehr langsam, als wäre sein Haupt schwerer als zuvor. »Kahraman hat dir von klein an Gift verabreichen lassen, um dich unempfindlich gegen seine Wirkung zu machen. Du bist zur besten Vorkosterin geworden, weil Schlangengift durch deine Adern fließt – jedenfalls erzählt man sich das. Er hat diesem kleinen Mädchen, das er seinen Alchimisten überlassen hat, über viele Jahre hinweg unsägliche Schmerzen zugefügt, hat es wieder und wieder an den Rand des Todes gebracht und dabei beobachten lassen, was das Gift seinem Körper antut. Deinem Körper, Sabatea. All das weiß ich. Und noch mehr.«

»Wer ich wirklich bin?«

Ein erneutes Nicken, ein zähes Schweigen, dann: »Du bist Kahramans Tochter.«

Stille breitete sich zwischen ihnen aus, für einen endlos gedehnten Augenblick.

Erst als Sabatea den Eindruck gewann, dass er den Rest von ihr selbst hören wollte, ergriff sie widerstrebend das Wort.

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