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Die Sturmkönige – Glutsand

Über den Autor

Kai Meyer, geboren 1969, ist der Autor von Bestsellern wie Seide und Schwert, Die Wellenläufer, Das Buch von Eden, Herrin der Lüge und Die Vatikan-Verschwörung. 2005 erhielt er für Frostfeuer den internationalen Buchpreis Corine. Die Fließende Königin wurde in England zum besten übersetzten Jugendbuch 2006/2007 gewählt. Seinen ersten Roman veröffentlichte er im Alter von 24 Jahren, inzwischen werden seine Werke in achtundzwanzig Sprachen übersetzt. Mehrere Adaptionen als Film, Hörspiel und Comic sind erschienen, weitere in Arbeit. Besuchen Sie seine Homepage unter: www.kaimeyer.com

INHALT

  1. Das Flüstern weißer Federn
  2. Aufmarsch
  3. Kraftprobe
  4. Junis’ Entscheidung
  5. Die Legende von Skarabapur
  6. Die Scholle
  7. Kochender Schlamm
  8. Faruk
  9. Im Untergrund
  10. Das Dschinnlager
  11. Hundert Regenbögen
  12. Glasbruch
  13. Der Abgrund
  14. Ritt ins Nichts
  15. Die Besessenen
  16. Die Zikkurat
  17. In Flammen
  18. Sturmgewalt
  19. Fliegende Pferde
  20. Die Entdeckung
  21. Scherbensteg
  22. Über der Tiefe
  23. Zwei am Abgrund
  24. Nebelritt
  25. Crahac
  26. Gefangene
  27. Die Bändigerin
  28. Stampede
  29. Der Dschinnfürst
  30. Stadt aus Glas
  31. Amaryllis
  32. In den Ruinen
  33. Der Plan des Narren
  34. Aufstand
  35. Qatum
  36. Die Heimkehr des Propheten
  37. Splitterpanzer
  38. Der Wunschthron
  39. Erfüllung
  40. Am Grab
  41. Die leeren Lager
  42. Alabasda

PERSIEN –
NACH DEM TOD DES KALIFEN
HARUN AL-RASCHID
8. JAHRHUNDERT N. CHR.

DAS 52. JAHR DES DSCHINNKRIEGES

DAS FLÜSTERN WEISSER FEDERN

Das Elfenbeinpferd stand mit angelegten Schwingen neben der Toten im Wüstensand.

Es hatte das Haupt gesenkt, seine Nüstern berührten Maryams staubbedeckte Stirn. Es bewegte sich nicht. Stand einfach nur da, als hielte es stumme Zwiesprache mit der leblosen Sturmkönigin.

Von Osten raste ein Windstoß über das ausgedörrte Ödland. Mit einem Laut wie ein Schrei traf er auf die Gruppe der sieben Menschen rund um die Tote. Die schneeweiße Mähne des Zauberpferdes sträubte sich in der heißen Bö, die Federn auf seinen Schwingen raschelten. Die Bewegungen erweckten es aus seiner Starre, und jetzt sah es nicht mehr aus wie ein weißes, aus Marmor gehauenes Grabmal an Maryams Seite. Das Flüstern der Federn verlieh ihm etwas Geisterhaftes, Überirdisches. Den Kopf noch immer gesenkt, trabte es zwei, drei Schritte rückwärts, als wollte es nun auch den anderen gestatten, Abschied zu nehmen.

Sabatea überlegte, ob es etwas zu sagen, etwas zu tun gab. Aber ihre Stimme versagte. Die allgegenwärtige Trauer schien greifbar wie kalter Regen über der Wüste. Sie ergriff Tariks Hand, spürte, wie eisig seine Finger waren, und blieb eng an seiner Seite stehen. Sie rang um ihre Fassung, als ihr Blick abermals auf Junis fiel und der Schmerz, der in seiner Haltung, in seinem bitteren Schweigen lag, mit aller Macht auf sie übergriff.

Er kauerte neben Maryam auf den Knien, den Oberkörper vorgebeugt, das Gesicht zwischen seinen langen schwarzen Haaren verborgen. Er ließ die Hand der Leiche nicht los. Seine aufgesprungenen Lippen bewegten sich, aber kein Ton drang aus seinem Mund. Er schien das Elfenbeinpferd und dessen rätselhafte Abschiedsgeste nicht bemerkt zu haben, so versunken war er in seinem Verlust, ganz eins mit seinem Leid.

Wenn er weinen würde, dachte Sabatea, dann wäre es leichter. Wenn er schreien und toben würde, wenn Tarik und die anderen ihn hätten festhalten und bändigen müssen in seiner Pein. Die Stille und Reglosigkeit aber, in die er verfallen war, seit sie ihn und Maryam in der Einöde gefunden hatten, war verstörender als jeder Gefühlsausbruch.

Neben ihm lag der verblichene Teppich, der Maryam und ihn über die Berge getragen hatte, hierher in dieses ausgetrocknete Flussbett. Er hatte sie nach der Schlacht in den Zagrosbergen vor den Dschinnen gerettet, doch hier war ihre Flucht zu Ende. Vor dem, was Maryam geholt hatte, gab es kein Entkommen.

Sabatea blinzelte, weil Sonnenlicht und Sandkristalle in ihren Augen brannten. Als sich ihr Blick wieder klärte, hatte sich der alte Teppich enger an seinen verzweifelten Reiter herangeschoben. Eigentlich unmöglich. Aber Junis hatte seine Haltung nicht geändert, und niemand war dem Knüpfwerk nahegekommen. Dennoch berührten seine zerzausten Fransen jetzt Junis’ Bein, schmiegten sich an den fleckigen Stoff seiner Hose, als wollten sie ihm durch die Berührung Trost spenden. Niemand außer Sabatea schien es zu bemerken.

Nicht Khalis, der Hofmagier des Kalifen von Bagdad; nicht Nachtgesicht und seine Schwester Ifranji; schon gar nicht Almarik, der Ifritjäger aus Byzanz, der noch immer auf seinem Gardeteppich hoch über ihnen am Himmel schwebte und Wache hielt.

»Junis«, sagte Tarik und legte seinem Bruder sanft eine Hand auf die Schulter. »Wir müssen weiter. Die Dschinne können jeden Moment hier sein.«

Junis reagierte nicht. Er kniete mit dem Rücken zu ihnen und hielt weiterhin Maryams blutleere Hand. Vor nicht allzu langer Zeit musste sie ihre Fingernägel kurz geschnitten oder abgekaut haben, aber in der Schlacht gegen die Dschinnfürsten und Kettenmagier in den Zagrosbergen waren selbst diese wenigen Reste gesplittert. Ruß, Schmutz und getrocknetes Blut bildeten dunkle Halbmonde in ihren Nagelbetten.

Es waren solche Details, auf die sich Sabatea konzentrierte. Sie lenkten sie ab von der Tragik des Augenblicks, von dem Schrecken, den Junis und Maryam erlebt hatten und der noch immer um sie war, als wäre ein Stück davon auf ihrer Flucht an ihnen haften geblieben. Fast meinte Sabatea, in der Stille das Getöse des Krieges zu hören, die Schreie der Sterbenden, das Knistern der Magie um verbranntes Fleisch. Nichts als ihre Einbildung. Dennoch fröstelte sie, und die Kälte von Tariks Hand ließ die Gänsehaut von ihren Armen auf ihren ganzen Körper übergreifen.

»Junis, bitte.« Tariks Tonfall wurde beschwörend. »Wir nehmen Maryam mit, du musst sie nicht hier zurücklassen. Aber von Süden rückt ein Dschinnheer heran, und ein anderes von Osten. Nicht mehr lange, dann werden die Ersten von ihnen hier sein.«

Junis hob den Kopf, als wollte er etwas erwidern. Dann aber ließ er ihn gleich wieder sinken, verfiel zurück in diese bedrückende Starre, die sich nicht nur seiner, sondern ihrer aller bemächtigt hatte. Selbst Khalis und die Geschwister Nachtgesicht und Ifranji rührten sich nicht.

Das Wadi, in dem sie sich befanden, mäanderte verzweigt in westliche Richtung, wo in der Ferne der Tigris als silbriges Band durch die Wüste schnitt. Darüber flirrte die Luft wie geschmolzenes Glas.

Von ihren Teppichen aus hatten sie noch etwas gesehen: Klauenabdrücke eines Riesenvogels, der vor Jahren einmal diesen Weg genommen hatte. Dreigliedrig, mit einem vierten Sporn an der Ferse, jeder Abdruck so groß wie ein Pferd. Die Wüstenglut hatte sie ausgehärtet. Die Spur führte weiter nach Osten, zu einem Haufen aus Felsbrocken und daran vorüber in Richtung der Berge.

»Ich werde dich nicht mit ihr hierlassen«, sagte Tarik bestimmt. Er löste seine Hand vorsichtig aus Sabateas Griff, umrundete den Leichnam und ging vor Junis in die Hocke. Er war sichtlich bemüht, nicht in Maryams starres Gesicht zu blicken, in das Gesicht jener Frau, die er selbst einmal geliebt hatte. »Du kannst später um sie trauern. Jetzt ist keine Zeit dazu.«

Junis blickte zu ihm auf. Sabatea konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er klang müde und verbittert. »Trauerst du um sie?«

Tariks Züge bebten, vielleicht nur Sonnenreflexe auf seiner schweißnassen Haut. Er suchte nach Worten, die seinen Bruder, vor allem aber ihn selbst zufrieden stellen würden, und musste doch wissen, dass es eine solche Antwort nicht geben konnte, denn egal, was er sagte –

»Sie kommen!«

Almariks Ruf erklang vom Himmel herab. Dann schoss auch schon er selbst auf seinem Teppich zu ihnen in die Tiefe.

Sabatea sah, dass Tarik scharf ausatmete. Als wäre er erleichtert, dass er Junis die Erwiderung schuldig bleiben konnte. »Wir kommen nicht mehr rechtzeitig von hier fort«, knurrte er.

Sein Bruder kniete noch immer am Boden und regte sich nicht.

Das Elfenbeinpferd spreizte seine Flügel und stieg in den Wüstenhimmel auf.

Almariks Teppich schwebte jetzt auf Höhe ihrer Gesichter. »Hier gibt es nirgends ein Versteck«, stellte er fest.

»Doch«, sagte Sabatea. »Es gibt eines.«

AUFMARSCH

Das Nest des Riesenvogels füllte eine Senke im Wüstensand: ein Ring aus Felsbrocken, zerkleinert zwischen mächtigen Schnabelkiefern, aufgeschichtet zu einem meterhohen Wall. Es war seit vielen Jahren verlassen. Buschwerk und Federn, die es einst gepolstert hatten, waren längst verrottet, ihre Reste von heißen Winden über die Einöde verstreut worden.

Tarik schob seine Augenklappe zurecht, während er aus dem Nest über den Felswall hinaus in die Wüste blickte. Sein Schweiß machte das Leder rutschig. Er musste noch sorgfältiger als sonst darauf achten, dass kein Sonnenlicht in das Auge darunter fiel.

Keine fünfhundert Meter entfernt passierte eine Heerschar Dschinne die verzweigten Ausläufer des Wadis.

Neben Tarik pressten sich Sabatea und Almarik an die kantigen Steinbrocken und starrten angespannt zum fliegenden Schwarm der Dschinne hinüber. Die vier anderen kauerten unten am Boden des Vogelnests und warteten darauf, dass Tarik Entwarnung signalisierte.

Er war beinahe froh über das Auftauchen der Dschinne. Sie lenkten ihn ab von Maryam und dem, was mit ihr passiert war. Ein Grund mehr, nicht mehr in das Gesicht von Junis sehen zu müssen, nicht die Qual darin zu lesen.

Sabatea strich sich eine Strähne ihres schwarzen Haars aus der Stirn. Sie schwitzte, und das nicht allein von der Wüstenhitze.

»Das sind nur Kundschafter«, flüsterte Almarik. Der Byzantiner hatte endlich seinen schwarzen Helm mit dem Schleier aus feinem Kettengewebe abgesetzt. Bei dieser Hitze genügte schon der Anblick des dunklen Metalls, um die Übrigen nervös zu machen. Sein lockiges dunkles Haar fiel glitzernd über das schwarze Kettenhemd. Immerhin schwitzte er wie alle anderen. Tarik war sicher, dass er genauso bluten würde, wenn er ihm erst sein Schwert in den Leib stieß.

Er hatte einen Eid geschworen, Almarik zu töten. Und er würde diesen Schwur erfüllen. Tariks Ehrgefühl war zu lange abgestorben gewesen, um es jetzt, nachdem so etwas wie ein Schatten davon zurückgekehrt war, erneut aufs Spiel zu setzen.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob Almarik wusste, was Tarik dem sterbenden Ifrit versprochen hatte: Der Tod des Byzantiners war der Preis dafür, dass das fliegende Elfenbeinpferd sie durch die südlichen Wüsten nach Skarabapur führte.

Tarik blickte sich um, doch er konnte das Pferd nirgends entdecken. Vermutlich war es zu hoch aufgestiegen. Die Sehkraft der Dschinne war kaum besser als die von Hunden. Aber sie verfügten über eine feine Witterung, mit deren Hilfe sie Menschen über große Entfernungen ausmachen konnten; vor allem das war es, was Tarik Sorgen bereitete.

Almarik stieß ihn an. »Dort drüben. Sie haben etwas bemerkt.«

Tarik verengte das gesunde rechte Auge. Jetzt konnte er die fliegenden Punkte in der Ferne besser erkennen. Einmal mehr verfluchte er seine Augenklappe und das, was der Dschinnfürst Amaryllis seinem linken Auge angetan hatte. Mit dem rechten allein sah er nicht halb so gut wie mit beiden zusammen. Manchmal, vor allem auf weite Distanzen, hatte er das Gefühl, kaum das Allernötigste zu erfassen. Bei seinem ersten Versuch, in den Palast des Kalifen einzudringen, hatte ihn das fast das Leben gekostet. Er hatte niemandem davon erzählt, nicht einmal Sabatea.

Dass er sich nun auf Almariks Gespür verlassen sollte, machte es noch schlimmer. Als Dschinnjäger hatte der Byzantiner viel Zeit hier draußen verbracht, mehr noch als Tarik selbst. Er wusste eine Menge über ihre Gegner, kannte ihre Stärken und Schwächen. Eine Überlegenheit, die ihn arrogant machte. Und Tarik umso wütender.

Die Dschinne näherten sich jetzt mit größerer Geschwindigkeit. Der Trupp bestand aus zwanzig Kriegern. Sie führten keine Schwarmschrecken oder Sandfalter mit sich, auch keine anderen Dienerkreaturen. Aber sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und ihre Aufgabe, den Weg für das gewaltige Heer aus dem Osten auszukundschaften, erfüllten sie mit größter Sorgfalt.

Plötzlich teilte sich die Gruppe. Etwa die Hälfte der Dschinne schwärmte in alle Richtungen aus. Drei hielten auf das verlassene Riesenvogelnest zu. Sie schwebten keine zehn Meter über dem Boden.

»Vorschläge?«, flüsterte Tarik.

Sabatea wischte sich Schweiß aus den weißgrauen Augen. »Die Teppiche?«

»Zu spät«, sagte Almarik. Die beiden warfen ihm einen finsteren Blick zu, obwohl – oder weil – er nur ausgesprochen hatte, was sie alle längst wussten.

Von unten raunte Ifranji herauf: »Was ist los? Haben sie euch entdeckt?«

»Sei still.« Nachtgesicht legte eine schwere Pranke auf den Arm seiner Schwester.

Almarik zog langsam sein Schwert. Tariks eigene Klinge, ein Krummschwert aus der Waffenkammer des Kalifenpalastes, lag neben ihm. Mit nur einem Auge gab er bestenfalls einen passablen Fechter ab. Unten am Boden des Nests fluchte Ifranji leise und zerrte den Dolch aus der Lederscheide an ihrem Bein.

Junis hingegen hielt still. Er hatte Maryams Leichnam am Grund der Nestgrube abgelegt, saß neben ihr und wartete. Unweit von ihr erhob sich der zylinderförmige Kristallschrein des Magiers, zwei Meter hoch und notdürftig mit Teppichen bedeckt, damit sich die Sonnenstrahlen nicht darauf spiegelten und ihre Feinde herbeilockten.

Die drei Dschinne folgten dem Verlauf des Wadis. Einer der Krieger stieß einen Ruf in der harten, stakkatoartigen Dschinnsprache aus. Die beiden anderen verharrten. Der Anführer der Patrouille sank aus der Luft zu einem der Krallenabdrücke hinab und untersuchte den Boden. Seine Gefährten hielten hoch über ihm Ausschau nach dem Wesen, das diese gigantische Spur hinterlassen hatte. Augenscheinlich waren sie nicht überzeugt, dass das Nest tatsächlich verlassen war.

Tarik starrte angespannt auf die beiden Dschinne in der Luft. Er verabscheute ihre purpurne Haut mit den schillernden Mustern, die beinlosen Leiber, die an den Hüften in einem fleischigen Zapfen endeten, vor allem aber die spinnenbeinartigen doppelten Ellbogen. Er war so vielen von ihnen begegnet, hatte Dutzende erschlagen, aber der Anflug von Übelkeit, den ihr Anblick in ihm hervorrief, würde wohl niemals ausbleiben.

Seine Hand bewegte sich wie von selbst zum Griff des Krummschwertes, während Sabatea mit ihren Fingerspitzen seine Linke berührte, ganz sanft nur. Er war dankbar für ihre Nähe und würde sie nie wieder fortschicken oder zurücklassen, um sie zu schützen. Sie wollte nicht seine Rücksicht, sondern ihn, und das wurde ihm ausgerechnet jetzt bewusst, im ungünstigsten Augenblick.

»Rührend«, fauchte Ifranji unten im Nest. Die junge Diebin hatte ihre Blicke überall, und die flüchtige Berührung war ihr nicht entgangen. Dafür erntete sie einen strafenden Knuff ihres Bruders.

Junis presste die Lippen aufeinander und erhob sich. Er trug keine Waffe, aber Tarik begriff, dass er sich mit bloßen Händen auf die Dschinne stürzen würde, falls er Gelegenheit dazu bekam. Womöglich wollte er dafür sorgen, dass die Gelegenheit kam.

»Junis«, zischte Tarik über die Schulter. »Nicht!«

Sein Bruder hörte nicht auf ihn. Blickte nicht einmal in seine Richtung. Auf seinen Zügen spiegelte sich eine Abfolge düsterer Regungen.

Tarik schaute hektisch nach vorn.

Der Patrouillenführer schwebte gebeugt über dem Boden, nur eine Armlänge oberhalb der gehärteten Kante des Abdrucks. Die beiden anderen Krieger standen zehn Meter über ihm in der Luft, Rücken an Rücken. Einer sah genau in die Richtung des Nests.

Junis machte sich daran, den Wall zu erklimmen.

»Junis!«, flüsterte jetzt auch Sabatea. »Bleib unten.«

»Ich habe einen Dschinnfürsten getötet.« Er sprach tonlos und blickte durch sie hindurch. »Ich habe seinen Schädel unter meinen Füßen zertreten.«

Almarik spannte sich. »Halt den Mund und setz dich, Junge.«

»Wie viele Dschinnfürsten hast du erledigt, Byzantiner?«, gab Junis zurück. Immerhin, dachte Tarik, reagierte er wieder auf das, was andere sagten.

»Wir können später herausfinden, wer der härtere Kerl ist«, raunte Almarik düster. »Jetzt geh zurück an deinen Platz und sei still!«

»Hört auf«, flüsterte Sabatea. »Beide!«

»Junis«, sagte Tarik eindringlich, »du wirst noch genug Gelegenheit bekommen, Maryam zu rächen.«

»Wäre das nicht eigentlich deine Aufgabe?«

Tarik nahm es ihm nicht übel. Er war nicht sicher, was zwischen Junis und Maryam vorgefallen war, aber es gehörte nicht viel dazu, die Zeichen zu deuten. Es tat ihm leid für seinen Bruder, leid für Maryam, aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass dies nun mal die Art und Weise war, wie das Leben mit einem umsprang. Vom Schicksal konnte man keine Gerechtigkeit einfordern. Wahrscheinlich war es genau diese Erkenntnis, die dafür verantwortlich war, dass er nach sechsjähriger Trauer um Maryam nur noch Zorn empfand, aber keine Verzweiflung.

Der Dschinn beendete seine Untersuchung des Krallenabdrucks. Junis war nun auf einer Höhe mit Tarik und den beiden anderen. Seine Wangenmuskeln zuckten, als er unterhalb der Steinkante innehielt. Almarik war anzusehen, dass er nicht zögern würde, Junis aufzuhalten, falls er noch eine einzige Bewegung nach oben machte. Die Frage war, auf welche Weise er dies tun würde. Tarik hoffte, dass sein Kräftemessen mit dem Byzantiner nicht schon heute und ausgerechnet hier stattfinden musste – und nicht inmitten eines Angriffs der Dschinnkrieger.

»Damit hilfst du niemandem«, flüsterte Sabatea Junis zu. »Schon gar nicht Maryam.«

Unten im Nest nickte Ifranji heftig, hielt aber zur Abwechslung den Mund. Tarik musste sich zwingen, die Dschinne im Auge zu behalten, während Junis mit sich rang und nicht bemerkte, dass Almariks Schwert langsam in seine Richtung schwenkte.

Tariks Blick kreuzte finster den des Ifritjägers. Beide wussten, wohin dies führen würde. Umso absurder, dass die Entscheidung nicht bei ihnen lag, sondern allein bei Junis, der nicht ahnte, wie angespannt die Lage zwischen den beiden Männern war.

Sabatea zog ihre Hand von Tarik fort und berührte Junis an der Wange. Einmal, vor einer Ewigkeit, hatte sie vorgegeben, etwas für ihn zu empfinden – aber was sie jetzt tat, war kein Spiel, keine falsche Zuneigung. Sie trauerte wirklich mit ihm um Maryam, und sie wollte nicht, dass er hinaus in sein Verderben lief.

»Das macht sie nicht wieder lebendig«, raunte sie – dann beugte sie sich an sein Ohr und wisperte etwas hinein. Junis’ Miene blieb einen Augenblick lang starr in seinem Leid, dann sah er Sabatea stirnrunzelnd an. Sie nickte und flüsterte abermals etwas. Sein flackernder Blick streifte Tarik, tastete über die anderen Gefährten unten in der Senke und blieb schließlich an dem verhüllten Kristallschrein haften.

»Ist das wahr?«, fragte er leise.

Sabatea nickte erneut.

Junis entspannte sich ein wenig, und zum ersten Mal sah er nicht mehr aus, als wollte er sich im nächsten Moment über den Wall schwingen.

Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln, als er rückwärts und ohne sie aus den Augen zu lassen zurück nach unten kletterte. Tarik atmete auf. Sogar Almariks Züge verrieten Erleichterung. Aber sein Blick folgte nicht Junis, sondern blieb auf Tarik gerichtet. Der Kampf zwischen ihnen war ohne ihr Zutun vertagt worden.

Die drei Dschinne wechselten unverständliche Worte. Einer zeigte auf die Abdrücke, die in Richtung des verlassenen Nests führten. In einer engen Kurve drehten sie bei und schwebten zurück zu ihren Artgenossen.

Bald darauf setzte der Spähtrupp seinen Weg nach Nordwesten fort, dorthin, wo weit entfernt und unsichtbar jenseits des Hitzeflimmerns Bagdad lag.

»Was hast du zu ihm gesagt?«, fragte Tarik.

»Die Wahrheit, hoffentlich«, antwortete Sabatea, so leise, dass nur er es verstehen konnte. »Falls Khalis es zulässt.«

Aber bevor er weiterfragen konnte, wandte sie sich ab und stieg hinab zum Grund der Senke.

KRAFTPPROBE

Niemals!« Khalis schnaubte vor Zorn.

»Maryam liegt seit heute Mittag in dieser Hitze«, gab Sabatea heftig zurück. »Wie lange, glaubst du, wird das noch gut gehen?«

»Ich bedaure euren Verlust«, behauptete der Magier ohne jedes Mitgefühl. »Aber wir werden sie nicht zu Atalis in den Honigschrein stecken. Das ist mein letztes Wort.«

Junis blickte aufgebracht von ihm zu Tarik. »Wenn es wirklich einen Weg gibt, sie zurück ins Leben zu holen … in Skarabapur … dann muss sie mit dorthin.«

Tarik wollte etwas erwidern, aber der Hofmagier des Kalifen kam ihm zuvor. »Meine Tochter ist nicht tot. Tief in ihr ist noch Leben. Eine Flamme, die wieder entfacht werden kann.« Sein Pathos klang beinahe bemüht, als wäre es in Wahrheit seine Hoffnung, die wieder entfacht werden musste.

Junis deutete mit ausgestrecktem Arm auf den Honigschrein. Das Kristallgefäß stand in seiner Verankerung auf Khalis’ ausgebreitetem Teppich im Sand. Vor der Abenddämmerung, im letzten Sonnenschein über der Wüste, funkelte der hohe Zylinder mit seiner goldenen Füllung wie ein geschliffener, mannshoher Bernstein. Atalis’ lebloser Körper schwebte darin, in ein eng anliegendes weißes Gewand gehüllt, unter dem sich die knochigen Formen ihres Körpers abzeichneten. Augen und Mund waren geschlossen, die Finger an ihren Seiten fächerförmig gespreizt. Das dunkle Haar trieb um ihren Kopf wie erstarrte Rauchschlieren. Atalis war noch keine zwanzig gewesen, als sie vor acht Jahren in diesen Zustand verfallen war. Khalis behauptete, dass sie seither weder alterte noch verweste. Ihr Leib war mager, aber ihr Gesicht wirkte voll und friedlich wie das einer Schlafenden.

»Sie ist tot«, rief Junis. »Und jeder hier weiß das. So tot wie Maryam!« In hilflosem Zorn wandte er sich an seinen Bruder: »Tarik, sag du es ihm! Es geht um Maryam, verdammt noch mal!«

Tarik hatte selbst lange genug unter Maryams Verlust gelitten. Aber hätte sie das hier gewollt? In Honig zu schwimmen, um irgendwann vielleicht vom Dritten Wunsch mit etwas erfüllt zu werden, das neues Leben oder ein Anschein davon sein mochte – oder aber etwas Schlimmeres?

»Niemand weiß, was geschehen wird«, sagte er zu Junis. Zu seinen Füßen stand eine Sanduhr, ihr Inhalt war zur Hälfte durch das gläserne Nadelöhr gerieselt. »Selbst wenn wir Skarabapur lebend erreichen und dort den Dritten Wunsch finden … und wenn es uns gelingen sollte, bis zu ihm vorzustoßen, ins Allerheiligste der Dschinne … selbst wenn es so kommen sollte, weiß keiner von uns, was danach passieren wird.«

Es war offensichtlich, dass Junis das alles nicht hören wollte. Anklagend wandte er sich an Sabatea. »Du hast gesagt, dass der Dritte Wunsch sie wieder zum Leben erwecken kann!«

»Ich habe gesagt, dass Khalis es versuchen will. Aber auch er kann dir keine Garantie geben, dass es gelingen wird.«

Der Magier sah aus, als wollte er widersprechen – er glaubte fest an den Erfolg seiner Mission –, besann sich jedoch im letzten Augenblick eines Besseren. Das hier war nicht der Zeitpunkt, um auf seinen Überzeugungen zu beharren.

Ifranji und Nachtgesicht saßen neben Maryams Leichnam im Sand. Beide waren ihr vor Jahren bei den Sturmkönigen begegnet. Noch vor wenigen Tagen hatte Nachtgesicht Tarik erzählt, dass er und seine Schwester die Rebellen aufgrund eines Streits zwischen Ifranji und Maryam verlassen hatten. Das dunkelhäutige Mädchen hatte womöglich Gründe gehabt, Maryam den Tod zu wünschen. Jetzt aber saßen sie und ihr Bruder eng bei der Leiche, als wollten sie sie vor Khalis beschützen.

Ifranji war immer wieder für eine Überraschung gut, und ihre Zurückhaltung in dieser Angelegenheit war eine der erstaunlichsten. Mit der Spitze ihres Dolchs zeichnete sie gedankenverloren Muster in den Sand, während ihr Bruder den Kopf in die Hände stützte und dem Wortwechsel schweigend folgte.

Nach ihrer Begegnung mit den Dschinnen waren sie mehrere Stunden nach Südwesten geflogen, fort von der Route, die das Dschinnheer aus den Zagrosbergen nach Bagdad nehmen würde. Seither hatten sie keinen Dschinn mehr zu sehen bekommen. Aber sie alle wussten, dass in den Wüsten noch andere Kreaturen lauerten und dass eine weitere Armee von Süden aus gen Bagdad zog.

Junis hatte während des Fluges unablässig auf Tarik eingeredet: Maryam müsse im Honigschrein nach Skarabapur gebracht und dort ins Leben zurückgeholt werden. Spätestens da war Tarik klar geworden, was Sabatea seinem Bruder zugeflüstert hatte. Sonderbarerweise war er selbst nicht schon früher auf denselben Gedanken gekommen, was ihn der toten Maryam gegenüber mit einem nagenden Schuldgefühl erfüllte.

Abgesehen davon machte ihn Khalis’ beharrliche Weigerung wütend. Nichts sollte die Reinheit seiner kostbaren Tochter beflecken, schon gar nicht der schmutzige Leichnam einer Sturmkönigin.

Letztlich gab das den Ausschlag.

»Gut«, sagte Tarik. »Wir nehmen sie mit.«

»Das werden wir ganz sicher nicht«, ereiferte sich der Magier.

Tarik sah ihn gelassen an. »Das hier ist nicht der Palast, Khalis. Dein Wort zählt hier draußen nicht mehr als das eines jeden von uns.«

»Nicht so vorschnell, Schmuggler«, mischte sich Almarik zum ersten Mal in den Streit ein. Der Ifritjäger war ein bezahlter Söldner, und er klang leidenschaftslos, fast ein wenig verärgert darüber, dass seine eigene Position in diesem Zwist von vorneherein feststand, ganz gleich, was er von alldem halten mochte. Allerdings vermutete Tarik, dass Almarik weder zur einen, noch zur anderen Seite neigte. Maryams Schicksal – das Schicksal einer Toten – interessierte ihn so wenig wie die Tochter des Magiers.

Tarik entschied, ihn vorerst zu ignorieren. Stattdessen schenkte er Khalis einen eisigen Blick. »Du verschenkst nichts, wenn du Maryam dieselbe Chance gibst wie deiner Tochter. Es wird nichts ändern am Ausgang dieser Sache, so oder so.«

»Ihr begreift noch immer nicht!«, fuhr der alte Mann ihn an. Wäre er vor Zorn nicht so außer sich gewesen, hätte er womöglich einen seiner Trugzauber angewandt, um überzeugender zu wirken. In seiner Aufgewühltheit aber verließ er sich ganz auf die besseren Argumente. Er glaubte mit ganzem Herzen an das, was er sagte.

»Atalis ist nicht tot«, sagte er. »In ihr ist noch Leben. Es ist nicht der Honig allein, der sie vor dem körperlichen Verfall bewahrt. Bei dieser Rebellin ist das anders. Innerhalb der nächsten paar Tage setzt die Verwesung ein, und ich werde ganz bestimmt nicht zulassen, dass ihre Fäulnis auf den Leib meiner Tochter übergreift.«

»Du lügst«, warf Sabatea ein. »Du hast gesagt, es sei der Honig, der sie schützt. Das hast du gesagt, Khalis, mehr als einmal! Du willst nur nicht zulassen, dass Maryam den Schrein mit ihrer Anwesenheit … besudelt.«

Junis ballte die Fäuste. Drohend machte er einen Schritt auf den Magier zu.

»Almarik«, befahl Khalis hochmütig, »ich erwarte, dass du jeden tötest, der sich dem Schrein auf mehr als drei Schritte nähert.«

Tariks Schwert zuckte schneller in die Höhe als das des Byzantiners – Was zum Teufel tue ich hier?, schoss es ihm durch den Kopf –, dann standen sich die beiden auch schon gegenüber. Tariks linkes Auge hinter dem Leder pochte. Der Ifritjäger und er waren sich gefährlich ähnlich, und bei aller gegenseitigen Abneigung herrschte in gewissen Dingen stumme Übereinstimmung zwischen ihnen. Das würde es schwierig machen, Almarik zu töten. Nicht unmöglich, aber mühsam.

Tief in seinem Verstand heulte der Narbennarr auf vor Erregung.

Sabatea wandte sich ab und eilte eine Düne hinauf. Tarik hatte keine Ahnung, was sie dort oben suchte. Sie glitt aus dem Blickfeld seines einen Auges, während er sich ganz auf seinen Widersacher konzentrierte.

Junis sprang hinüber zu Ifranji. »Deinen Dolch!«, forderte er. »Gib ihn mir.«

»Nein!«, rief Tarik ihm zu. »Das hier ist meine Sache.«

Der Byzantiner verzog keine Miene. »Das hier ist nicht nötig. Ganz gewiss nicht hier und jetzt.«

Khalis zerrte sich den nachtblauen Turban vom Kopf und schleuderte ihn zornig in den Sand; es fehlte nur, dass er darauf herumtrampelte. »Wir brauchen den Schmuggler, verflucht noch mal!«

»Dann sitzen wir in einer ziemlichen Zwickmühle.« Tarik lächelte grimmig. »Nachtgesicht – wie lange noch, bis der Sand durch die Uhr gelaufen ist?«

Der Afrikaner wischte sich Schweißperlen vom Schädel. »Eine gute halbe Stunde, nicht länger.«

»Bis dahin sollten wir wieder in der Luft sein. Alle von uns, die dann noch am Leben sind.«

Almarik seufzte. »Vielleicht wirst du mich töten. Vielleicht töte ich dich. Aber niemand gewinnt dadurch irgendetwas.«

Da ertönte ein Schnauben, und Sabatea rief von der Dünenkuppe zu ihnen herab: »Es reicht jetzt. Ihr führt euch auf wie zwei Straßendiebe.«

Bis auf Tarik und Almarik blickten alle zu ihr hinauf. Ifranji stieß einen verblüfften Laut aus.

»Wir werden den Honigschrein öffnen«, sagte Sabatea langsam, »und Maryam hineinlegen. Ansonsten wird niemand von uns irgendwohin gehen, außer vielleicht zurück nach Bagdad.«

Tarik sah aus dem Augenwinkel zu ihr hinüber. Neben Sabatea stand schneeweiß und anmutig das Elfenbeinpferd. Seine gefiederten Schwingen waren angelegt, die Nüstern vibrierten nervös. Das Geschöpf vertraute Sabatea – und nur ihr –, dennoch verunsicherte es die Nähe so vieler Menschen. Mit einem Vorderhuf scharrte es im Sand, und seine dunklen Augen starrten zu Tarik und den anderen herab, als hätte es von ihnen nichts Gutes zu erwarten.

»Wenn ich es bitte, umzukehren und uns zurückzulassen, dann wird es das tun.« Sabatea streichelte die weiße Mähne des Zauberpferdes und sah dabei Khalis an. »Maryam kommt zu Atalis in den Honigschrein. Sonst endet unsere Reise genau hier.«

»Niemals«, entgegnete Khalis.

»Was genau an endet-unsere-Reise hast du nicht verstanden, Magier?« Sie beugte sich zum aufgerichteten Ohr des Zauberpferdes vor und flüsterte etwas hinein. Tarik ahnte nichts Gutes: unangenehme Erfahrungen mit ihrer Heimlichtuerei.

Almarik sah zu Khalis hinüber. »Sieht aus, als wäre nicht viel zu machen. Der Gaul hört nur auf sie.«

Der Magier ächzte vor Wut. Tarik fürchtete, dass er einen Zauber schleudern könnte, der Sabatea und das Elfenbeinpferd zu Asche verbrannte.

Aber Khalis war kein Narr. Als Hofmagier hatte er drei Kalifen überlebt, ohne seine Stellung oder gar den Kopf zu verlieren. Er handelte niemals unüberlegt, nicht einmal jetzt.

Das Pferd wieherte leise, als Sabatea mit der Hand über seine Schnauze strich. Noch vor wenigen Tagen hätte Tarik nicht geglaubt, dass so viel Vertrautheit zwischen einem Menschen und einem Zauberpferd möglich war. Jetzt sah er es mit eigenen Augen und hatte noch immer Zweifel, ob Sabatea ihnen allen nicht nur etwas vorgaukelte, sich irgendeines Tricks bediente. Doch das Pferd blieb ruhig. Wüstenwind raschelte im Gefieder seiner Schwingen.

»Ich werde das nicht vergessen, Emirstochter«, rief Khalis die Düne hinauf.

Es war eine plumpe Drohung, aber Tarik spürte im Nacken ein Frösteln. Weder er noch einer der anderen wussten, zu was Khalis fähig war. Der einzige Zauber, den sie ihn hatten wirken sehen, war eine eitle Spielerei gewesen, eine Täuschung bei ihrer ersten Begegnung, die ihn größer und eindrucksvoller erscheinen ließ und für ein paar Augenblicke alle Geräusche aus der Umgebung abgesaugt hatte. Das aber konnte unmöglich alles sein.

Khalis behauptete, bei Qatum in die Lehre gegangen zu sein – demselben Qatum, der jetzt drohte, mit Hilfe des Dritten Wunsches das Siegel der Weltenflasche zu brechen. Qatum, dem sie auf ihrem Weg nach Skarabapur zuvorkommen mussten, ohne überhaupt zu wissen, wo er sich im Augenblick befand und wie nahe er seinem Ziel bereits war.

»Ich will dein Wort, Khalis«, verlangte Sabatea. »Dein Versprechen, dass wir Maryam bis zu unserer Ankunft in Skarabapur mit Atalis im Honigschrein aufbewahren. Im Gegenzug werde ich dafür sorgen, dass das Zauberpferd seine Aufgabe erfüllt.«

Tarik war nicht sicher, ob sie das wirklich konnte. Doch wie sie so dastand, gleich neben dem Pferd, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt, schien es fast glaubhaft.

Khalis gab Almarik ein Zeichen, die Waffe zu senken. Der Byzantiner gehorchte und schenkte Tarik ein knappes Lächeln: Überheblichkeit oder Erleichterung, wer wusste das schon.

Am lautesten atmete Junis aus. Mit der Anspannung ließ auch die unnatürliche Kraft nach, die ihn nach allem, was er durchgemacht hatte, auf den Beinen hielt. Taumelnd sank er vor Maryams Leichnam auf die Knie. Sie lag auf seinem ausgebreiteten Teppich, das Gesicht nicht länger verhüllt, die ausgezehrten Züge bleich und mit Staub gepudert.

Nachtgesicht räusperte sich. »Der Sand ist fast durchgelaufen.«

Tarik nickte. »Beeilen wir uns.«

JUNIS’ ENTSCHEIDUNG

Bevor sie Maryam in den Honig hinabließen, zog Sabatea sie aus und wusch sie notdürftig mit einem kleinen Teil des Trinkwassers. Sie schickte die anderen fort, damit niemand zusah. Ungeduldig standen sie hinter einer Düne, Khalis in stummer Wut, Almarik fast amüsiert, Tarik und Junis nervös und gereizt. Nachtgesicht und Ifranji tuschelten.

Schließlich rief Sabatea, dass sie fertig sei. Sie hatte Maryams drahtigen Körper wieder in Hose und Hemd gekleidet, beides blutbefleckt, aber das Gesicht der Sturmkönigin wirkte jetzt unversehrt bis auf die alte Narbe, die vom Jochbein über die Wange am Hals hinablief.

Khalis murmelte widerwillig eine Beschwörung, die es ermöglichte, den runden Deckel des Schreins von dem Kristallzylinder zu heben. Sie ließen Maryam von einem fliegenden Teppich in den Honig hinab, ganz langsam, mit den nackten Füßen zuerst. Sie war so leicht und ausgemergelt, dass der Honig nicht einmal überlief, obwohl er fast bis zum Rand des Gefäßes reichte. Nachdem sie den Schrein wieder verschlossen und Khalis ihn mit einem Zauberspruch versiegelt hatte, schwebten die beiden jungen Frauen ganz nah beieinander in der goldenen Flüssigkeit, die Gesichter einander zugewandt, als flüsterten sie miteinander.

Junis selbst hatte Maryam mit Tarik in den Honig hinabgesenkt. Auch jetzt noch wirkte er abwesend und gedankenverloren. Das hier war für ihn kein Abschied. Vielleicht, weil er noch Hoffnung hatte. Vielleicht auch nur, weil sein Abschied von Maryam schon viel früher stattgefunden hatte, in den Stunden allein mit ihr in der Wüste, bevor Tarik und die anderen sie entdeckt hatten.

Bisher hatte keine ihrer Ruhepausen länger als zwei Stunden gedauert – so lange brauchte der Sand, um einmal durch die Uhr zu rieseln. Tarik wollte auch jetzt darauf bestehen, sich an den Rat seines Vaters zu halten; Jamal al-Abbas hatte seine Söhne einst gewarnt, dass jeder längere Halt im Dschinnland den Tod bringen konnte. Doch während sie ihren Aufbruch vorbereiteten, fiel sein Blick erneut auf Junis, und diesmal dachte er, dass es Wichtigeres gab, als die Regeln eines toten Schmugglers zu bewahren, ganz gleich, ob sie ihre Berechtigung hatten oder nicht.

Er nahm Junis beiseite und führte ihn ein Stück von den anderen fort. Sie stapften über einen Streifen aus weichem Sand und gelangten auf eine härtere Bodenscholle, wo sich Felsbuckel wie verscharrte Tierkadaver aus dem Boden wölbten. Ein Skorpion, bräunlich gelb wie der Boden, suchte Zuflucht hinter einem Stein.

»Was hast du vor?«, fragte Tarik, als er stehen blieb und sich zu Junis umwandte. »Was es auch ist, es wird dich umbringen.«

»Ich kann nicht mit euch gehen.«

»Warum?«

»Das geht nur mich etwas an.«

»Ich hab das Gleiche auch schon mal durchgemacht. Sechs Jahre lang war ich sicher, dass Maryam tot ist. Du hast gesehen, wohin mich das gebracht hat.«

»Was willst du? Eine Entschuldigung?« Junis’ Augen funkelten. Alles war besser als diese abwesende Leere in seinem Blick. »Dafür, dass ich mir damals nicht genug Mühe gegeben habe, dich zu verstehen?«

»Früher oder später hätte es mich erwischt«, sagte Tarik. »Die Teppichrennen oder ein Messer zwischen die Rippen bei irgendeiner Tavernenschlägerei. Aber du willst in einen verdammten Krieg ziehen. Was hast du vor? Die Dschinnarmee ganz allein angreifen?«

»Und ihr?«, entgegnete Junis. »Ist das, was ihr tut, vielleicht vernünftiger? Ihr wisst nicht mal, nach was ihr da unten im Süden wirklich sucht. Geschweige denn, was ihr anstellen werdet, falls ihr es jemals findet. Denkst du denn, in Skarabapur sind keine Dschinne? Dass sie alle nach Bagdad ziehen und ihre wundersame Geheimwaffe unbewacht in der Wüste liegen lassen?«

Tarik gab keine Antwort. In Wahrheit ging es in diesem Moment nicht um die Dschinne oder Skarabapur, und sein Bruder wusste das so gut wie er.

Junis senkte die Stimme und blickte zu Boden. »Sie ist dir so ähnlich gewesen«, sagte er unvermittelt. »Am Ende, meine ich. Das Leben da draußen hatte sie verändert, all das, was sie durchgemacht hat. Ich hab keine Ahnung, was sie für mich empfunden hat – das heißt, die meiste Zeit über war ich sogar sicher, es zu wissen, weil sie keinen Hehl daraus gemacht hat, dass sie mich loswerden wollte. Aber dann, am Abend vor dem Angriff auf die Dschinne, und danach, als sie schon im Sterben lag …« Erneut wandte er den Blick ab und starrte mit bebenden Wangenmuskeln nach Süden. »Es spielt auch keine Rolle. Jetzt nicht mehr.«

»Und dafür willst du dich umbringen lassen?«

Junis schüttelte den Kopf. Bei der Schlacht war einer seiner goldenen Ohrringe ausgerissen worden, die Wunde hatte sich entzündet. »Das ist es nicht. Es geht um das, was ich ihr versprochen habe.«

»Was für ein Versprechen war das?«

»Jibril«, sagte Junis. »Ich habe ihr schwören müssen, dass ich versuchen würde, Jibril zu befreien.«

Tarik schwieg einen Augenblick.

Sein Bruder lächelte bitter. »Du hast selbst einen Eid geleistet, nicht wahr? Sabatea hat mir davon erzählt.«

Tarik seufzte. »Almarik hat in Bagdad einen Ifrit zu Tode gefoltert, damit er ihm den Weg nach Skarabapur verrät. Als er im Sterben lag, musste ich ihm versprechen, ihn zu rächen. Also werde ich Almarik töten.« Er fand selbst, dass es müde und erschöpft klang, so wie er es sagte.

»Wirst du das schaffen?«

»Ich weiß es nicht. Aber das war der Preis dafür, dass das Elfenbeinpferd uns nach Skarabapur führt. Es weiß von dem Schwur. Es bringt uns dorthin – wenn ich Almarik dafür umbringe.«

Junis schüttelte langsam den Kopf. »Dann müsstest gerade du mich verstehen.«

»Ich stelle nicht deine Entscheidung in Frage, nur Maryams Beweggründe. Warum hat sie so was von dir verlangt?«

»Sie hat gesagt, Jibril sei unsere letzte Hoffnung. Dass dieser Junge der Einzige ist, der die Dschinne noch aufhalten kann.«

»Offenbar hat das die Dschinnfürsten nicht davon abgehalten, ihn gefangen zu nehmen.«

Junis schnaubte leise. »Ich hasse den kleinen Bastard. Die Sturmkönige waren abhängig von ihm. Jibril musste in ihrer Nähe sein, damit sie einen Tornado erzeugen konnten. Er trägt die Schuld daran, dass sie alle tot sind. Zu einem großen Teil wenigstens. Und dieser Auftrag, den er mir in den Bergen gegeben hat … die Kettenmagier abzulenken, damit er mehr Zeit hätte, sie anzugreifen … Er hat in Kauf genommen, dass ich dabei sterbe, ohne mich zu warnen. Und dann war er auch noch zu schwach, um es zu Ende zu bringen. Alles war umsonst, die ganze Schlacht, all die Toten. Maryams Tod.«

»Trotzdem willst du ihn unbedingt da rausholen?«

Junis verzog das Gesicht. Die Hilflosigkeit in seinen Zügen schmerzte Tarik. »Ich habe es ihr geschworen«, wiederholte er tonlos.

Es gab eine ganze Reihe Argumente dagegen, bis hin zum getrübten Urteil einer Sterbenden. Aber Tarik sagte nichts mehr. Nickte nur. Junis hatte Recht: Er verstand ihn. Vielleicht besser als jemals zuvor.

Sie stapften wortlos durch den Sand zurück zu den anderen. Sabatea blickte Junis sorgenvoll entgegen. Der Kummer in ihren Augen verriet, dass sie ahnte, was kommen würde, aber sie machte keinen Versuch, ihn umzustimmen.

Junis ging zu ihr und umarmte sie schweigend.

Er nickte Nachtgesicht und Ifranji zu, ignorierte den Magier und trat ein letztes Mal vor den Schrein. Langsam hob er eine Hand und legte sie an die Oberfläche. Maryam schwebte reglos dahinter im Honig. Ihre Fingerspitzen waren den seinen ganz nah, nur durch eine Schicht aus Kristall getrennt.

Als er eine Bewegung neben sich bemerkte, wandte er langsam den Kopf. Widerwillig. Da stand Almarik mit einem seiner Schwerter, den lederumwickelten Griff in Junis’ Richtung ausgestreckt.

»Was immer du auch vorhast – das hier wirst du brauchen.«

Junis zögerte, dann nahm er die Waffe, wog sie in der Hand und ließ dabei den Ifritjäger nicht aus den Augen.

»Ich danke dir.«

Almarik wandte sich ab und ging zurück zu seinem Teppich. Tarik beobachtete ihn und fragte sich zugleich, ob nicht er selbst es hätte sein müssen, der seinem Bruder eine Waffe anbot. Zu spät. Auch dieses Mal.

Junis nahm Platz auf seinem Teppich. Er war ein Geschenk von Maryam gewesen, und es schien passend, dass ausgerechnet er ihn auf diesem Weg tragen würde. Langsam hob sich das Knüpfwerk vom Boden.

»Gebt auf sie Acht.« Er deutete aus der Luft herab auf Maryam im Honigschrein. »Tut für sie, was ihr könnt.« Es klang wenig hoffnungsvoll.

Sabatea formte mit den Lippen: Pass auf dich auf.

»Leb wohl«, sagte Tarik.

Junis nickte und jagte davon, zurück nach Norden, der funkelnden Erinnerung an Bagdad entgegen.

DIE LEGENDE VON SKARABAPUR

Tiefer ins südliche Dschinnland.

Weiter in die entvölkerte Leere des persischen Reiches.

Dies war immer ein Land der Hitze und Einsamkeit gewesen, eine Einöde von Horizont zu Horizont. Vereinzelt ragten die Ruinen vergessener Bauwerke aus dem Nichts, turmdicke Säulenstümpfe und verfallene Portale, die aus der Wüste in die Wüste führten. Die meiste Zeit über jedoch sahen die sechs Teppichreiter nichts als ockerfarbene Weite, Sanddünen, Felsplateaus, dann und wann die steinernen Wellen ausgedörrter Hügellandschaften.

Gelegentlich passierten sie die Überreste von Dörfern, allesamt verlassen. Sand und Wind hatten die papierne Haut von Schädelreihen auf windschiefen Pflöcken und Spießen geschleift; die Dschinne hatten sie rund um die meisten Siedlungen errichtet. Es gab keine Leichenmonumente wie in Buchara, aber aus der Luft war zu erkennen, dass die Anordnung der aufgespießten Köpfe verschachtelten Mustern folgte. Ziegen, Hunde und Rinder waren ebenso enthauptet und unter die menschlichen Trophäen gemischt worden wie Kamele und Pferde, ohne dass sich irgendwer um die Unterschiede geschert hätte. Jetzt blickten sie alle gemeinsam aus leeren Augenhöhlen hinaus in das trostlose Wüstenland, während der Wind in langen Haarsträhnen spielte, Käfer in Kiefern nisteten und der Sand rund um die Pfähle von Jahr zu Jahr höher stieg und irgendwann alle Spuren begraben würde.

Aber mit den Dschinnen hatte es nicht begonnen.

Sie waren nur eine Folge dessen, was vor sechzig, siebzig Jahren geschehen war, vielleicht schon früher. Wann genau die Wilde Magie außer Kontrolle geraten und wie ein Sturm aus falschen Illusionen und echtem Tod über die Welt gefegt war, wusste niemand mehr zu sagen. Die Ersten, die es bemerkt hatten, waren die Magier gewesen, und auch sie erst viel zu spät. Vor zweiundfünfzig Jahren waren die Dschinne aus den Wüsten gekommen, die Kinder der Wilden Magie, mit ihrem Ziel, die Menschheit auszulöschen. Als Ajouz und Nasmat, die mächtigsten Zauberkundigen ihres Zeitalters, kurz darauf die Spaltung heraufbeschworen und die Welt verdoppelt hatten, war die Magie nur noch durch ihre vollkommene Austreibung aufzuhalten gewesen. Ajouz und Nasmat, zauberkundige Liebende, hatten eine Spiegelung der Welt erschaffen, eine exakte Kopie mit allen Ländern und Lebewesen, mit allen Geräuschen und Gerüchen. Diese zweite Welt hatten sie in einer Flasche gebannt, und mit ihr jede Form von Magie. Die Flasche war am Grund des tiefsten Ozeans versenkt worden, und dort ruhte sie noch heute.

Dieses Persien, die Wirklichkeit von Tarik und Sabatea, war die Welt in der Flasche, das Gefängnis der Wilden Magie. Irgendwo dort draußen musste noch das Original existieren, von allem Zauber bereinigt, unerreichbar für alle, die im Inneren der Flasche eingesperrt waren. Dass ausgerechnet Tarik, der sich jahrelang für nichts als sich selbst interessiert hatte, nun das Auge des Narbennarren trug, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Bei Dunkelheit vermochte er damit in die andere Welt zu blicken, in das entzauberte Reich außerhalb der Flasche. Bei Tageslicht aber drohte ihn die Helligkeit zu töten, wenn er es wagte, das verfluchte Auge zu öffnen.

Seine Fähigkeit, eine andere Welt als diese zu sehen, hatte den Narbennarren Amaryllis, einen der Dschinnfürsten, zum Propheten seines Volkes gemacht. Amaryllis hatte geglaubt, dass die Bilder, die er sah, die Zukunft zeigten – eine Welt ohne Dschinne, ein Menschenreich. Um das zu verhindern, hatte er die Dschinne in den Krieg gegen die Menschheit geführt, beseelt von der Überzeugung, ein Auserwählter zu sein, dessen Bestimmung es war, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind von der Erde zu fegen.

Als Tarik die sterbenden Überreste des Narbennarren in die Feuer der Hängenden Städte geschleudert hatte, hatte Amaryllis die Gabe des Sehens an ihn weitergegeben, den Fluch seines furchtbaren Auges. Und erst allmählich war Tarik bewusst geworden, dass da noch etwas in ihm war – ein Teil von Amaryllis selbst, ein Splitter seines Geistes, tief unten in seinem eigenen verankert. Manchmal hörte er die Stimme des Narbennarren, sein irrsinniges Gelächter, spürte ein Zerren und Ziehen und den Versuch, Einfluss auf sein Denken, auf seine Entscheidungen zu nehmen. Er hatte Sabatea davon erzählt, und auch Khalis kannte die Wahrheit.

Als Tarik dem Narbennarren in den Hängenden Städten begegnet war, hatte der sich das linke Auge längst in einem Anflug von Wahn herausgerissen. Gesehen aber hatte er trotzdem noch damit, und nun fragte sich Tarik, ob es ihm bald genauso ergehen würde. War ihm vorherbestimmt, sich den verdammten Augapfel aus der Höhle zu schälen, nur um ebenso ein Opfer des Fluchs zu bleiben wie vor ihm Amaryllis? Er fand keine Lösung für solche Gedankenspiele, und auch die Stimme des Narbennarren in seinem Inneren gab ihm keine Antwort.

Die Visionen des Dschinnfürsten, seine Prophezeiungen und Gesichte waren auf ihn übergegangen, und Tarik fragte sich nicht zum ersten Mal, ob Amaryllis damit nicht ans Ziel gelangt war: Der Narbennarr hatte jahrelang versucht, sich einen menschlichen Leib zu erschaffen, hatte sich in geraubte Körperteile gehüllt, in ein Flickenkleid aus fremdem Fleisch. Jetzt aber lebte sein Schatten in Tarik weiter. In den Nächten, während ihrer zweistündigen Verschnaufpausen, hatte Tarik manchmal das Gefühl, dass der Fremde aus den Hinterzimmern seines Verstandes emporkroch, immer stärker an die Oberfläche drängte. Noch nicht allmächtig, nicht bestimmend, aber insgeheim auf der Lauer, um die Macht über Tariks Körper an sich zu reißen und endlich, endlich Mensch zu sein.

~

In seinem Traum floss kochender Schlamm durch die Straßen des gefallenen Skarabapur, schwebten Dschinnschwärme durch die Ruinen wie Aasfliegen über einem Leichnam, war die Vision von dieser Stadt der Legenden zu einem grotesken, verzerrten Nachtmahr geworden.

Als er aufwachte, blinzelte er mit dem gesunden Auge in die aufgehende Sonne. Sabatea saß neben ihm und hielt seine Hand. Erst nach einem Moment begriff er, dass ihre Rechte auf einem Dolch lag, halb in einer Sandwehe am Rand des Teppichs begraben.

Sie bemerkte seinen fragenden Blick, zog die Finger eine Spur zu schnell von der Waffe und zuckte die Achseln. »Ich halte Wache«, sagte sie.

»Du bist nicht an der Reihe.« Er deutete hinauf zu Almarik, der auf seinem Teppich fünfzig Meter über ihnen schwebte und die Wüste beobachtete.

»Ich wache über dich.«

»Über mich.«

Sie nickte, beinahe ein wenig verschämt.

Er setzte sich auf. War ihm etwas entgangen, als er geschlafen hatte? Als er sich umschaute, sah er Ifranji im Schatten des schnarchenden Nachtgesicht schlafen. Khalis lehnte dösend an der Kristallwand des Honigschreins, weil das so früh am Tag noch möglich war; später würde die Sonne ihn zu sehr aufheizen. Der alte Mann schien das Gefäß so oft wie möglich zu berühren, vor allem nachts, solange es kühl war. Dass die Leichen tagsüber nicht im Honig zerkochten, war ein kleines Wunder, für das der Magier ohne viel Aufhebens sorgte.

»Also«, flüsterte Tarik, »Was ist los?«

Augenscheinlich war es ihr unangenehm, dass er sie ertappt hatte. »Jemand muss auf dich aufpassen, wenn du schläfst.«

»Ist das so?« Hatte er im Schlaf gesprochen? Hatte der Narbennarr im Schlaf aus ihm gesprochen? Aber dann folgte er ihrem Blick erneut zu Almarik oben am Himmel, und da verstand er, dass es ihr gar nicht darum ging, ihn vor sich selbst zu schützen.

»Almarik?«, fragte er leise.

»Was, wenn er gehört hat, was du dem Ifrit versprochen hast? Dass du ihn umbringen willst.«

»Dann hätte er längst etwas gesagt. Oder getan.« Plötzlich dämmerte ihm etwas. »Du machst das schon die ganze Zeit? Jedes Mal, wenn ich schlafe? Dann sitzt du mit einem Dolch in der Hand neben mir und passt auf, dass er mir nicht die Kehle durchschneidet?«

»Ich will dich nicht verlieren. Nicht noch einmal.«

Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Dass sie sein Leben beschützte, ohne dass er davon wusste, war eine Liebeserklärung, die ihn berührte. Und zugleich fühlte er sich auf eine Weise bevormundet, die ihm mehr als nur unangenehm war.

»Ich kann auf mich selbst aufpassen«, sagte er leise. »Das hab ich jahrelang gemacht.«

Sie sah ihn eindringlich an, mit einer Spur von Verletztheit im Blick. Er hatte wieder einmal das Falsche gesagt.

»Es ist mir egal, ob es dir gefällt oder nicht«, gab sie scharf zurück. »Wenn er versucht, dir etwas anzutun, dann werde ich da sein. Dann werde ich ihn töten.«

Das war ihre Art, ihm zu sagen, wie sehr sie ihn brauchte. Verdammt, er brauchte sie mehr als irgendetwas, irgendjemanden sonst.

Er beugte sich vor und küsste sie.

Sie lachte plötzlich. »Du hast Sand auf den Lippen. Und ich jetzt zwischen den Zähnen.« Aber sie lächelte noch breiter und erwiderte den Kuss.

Khalis murmelte etwas. Tarik sah zu ihm hinüber, aber der Magier lehnte noch immer im Halbschlaf am Schrein. Tariks Blick wanderte an ihm empor zu den beiden Körpern im Honig. Die Tochter des Magiers wandte ihnen den Rücken zu und verdeckte Maryam fast vollständig. Nur Maryams Gesicht schien über Atalis’ Schulter zu Tarik und Sabatea herüberzublicken. Ihre Augen waren geschlossen, und dennoch – oder gerade deshalb – lief es Tarik kalt den Rücken hinunter.

Sabatea spürte, dass sich seine Haltung versteifte. »Du glaubst nicht daran, oder?«

»Dass sie wieder lebendig wird?« Er schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Vielleicht hätten wir es Junis ausreden sollen.«

»Wie hättest du das anstellen wollen?«

Sie hob die Schultern. »Khalis wird dir das nicht so schnell verzeihen.«

»Damit kann ich leben.«

Der Magier schlug die Augen auf und blickte herüber.

»Nicht mal er hat so gute Ohren«, flüsterte Sabatea, während sie dem alten Mann mit falscher Freundlichkeit zunickte.

Tarik war davon keineswegs überzeugt. Aber statt sich Gedanken darüber zu machen, suchte er die Sanduhr. Sie stand neben seinem Teppich; die obere Hälfte war fast leer. »Wir müssen aufbrechen«, sagte er laut. »Nachtgesicht, Ifranji – es wird Zeit!«

Sabatea pflückte sich mit Daumen und Zeigefinger Sandkörner von der Zungenspitze. Khalis beobachtete sie noch immer ohne jede Regung. Sie runzelte die Stirn, zwang sich erneut zu einem Lächeln.

Völlig unvermittelt sagte der Magier: »Skarabapur ist nicht einfach nur eine Stadt. Es ist so viel mehr als das.«

Tarik warf einen weiteren besorgten Blick auf die Sanduhr, fragte aber: »Inwiefern mehr?«

»Vor allem ist es eine Legende«, mischte Nachtgesicht sich abfällig ein und streckte seine Glieder. Seine Schwester stand müde auf und stapfte hinter eine Düne, um ihre Notdurft zu verrichten. Kurz bevor sie dort verschwand, schaute sie zu Almarik hinauf; sie machte eine obszöne Geste in seine Richtung. Sollte er ihr doch von oben zuschauen, hieß das wohl. Aber Tarik bezweifelte, dass der Byzantiner daran Interesse hatte.

»Eine Legende, sicher«, sagte Khalis zu Nachtgesicht. »Aber auch Legenden können wahr sein. Würdest du nicht daran glauben, wärst du nicht hier.«

Der Schwarze schüttelte den Kopf. »Meine Schwester und ich sind hier, weil ihr uns einen Weg aus der Stadt versprochen habt.«

Ifranji rief von jenseits der Düne: »Selbst das hier ist besser, als in Bagdad tatenlos darauf zu warten, dass die Dschinne die Stadt dem Erdboden gleichmachen.« Sie fluchte, als sie, dem Geräusch nach zu urteilen, auf dem losen Sandhang das Gleichgewicht verlor. »Nein, das nehme ich zurück. Nichts ist schlimmer als das hier. Verfluchte Scheiße!«

Nachtgesicht seufzte und warf den anderen entschuldigende Blicke zu.

»Wir haben noch ein paar Minuten, Khalis«, sagte Tarik. »Wenn du uns etwas über Skarabapur zu sagen hast, dann tu es jetzt gleich. Und mach es kurz.«

»Viele haben nach Skarabapur gesucht«, sagte der Magier, während er aufstand und sich Sand von seinen Gewändern klopfte. Seit sie aufgebrochen waren, hatte Tarik ihn nicht ein einziges Mal trinken sehen, und er tat es auch an diesem Morgen nicht. »Viele haben alles dafür aufgegeben, für ihre große Suche nach Skarabapur. Aber habt ihr je von einem gehört, der es gefunden hat?«

»Es gibt Legenden«, sagte Nachtgesicht.

»Gerade eben noch hast du Legenden mit Lügen gleichgesetzt«, entgegnete der Magier.

Der Afrikaner grinste. »Das ist das Schöne daran – man kann sich aussuchen, ob man an sie glaubt oder nicht. Wie’s einem gerade passt.«

»Nein«, widersprach Khalis. »So einfach ist das nicht. Wer Skarabapur finden will, der muss daran glauben. Aus tiefstem Herzen. Nur wer mit aller Kraft glaubt, der wird ans Ziel gelangen.«

»Jajaja«, rief Infranji gelangweilt hinter der Düne.

Tarik suchte den Himmel ab. Selbst das Elfenbeinpferd schien ihm ein vertrauenswürdigerer Führer nach Skarabapur zu sein als der Glaube seiner Gefährten. Er selbst war alles andere als überzeugt, dass sie die sagenumwobene Stadt jemals erreichen würden.

Zu seiner Erleichterung entdeckte er das Pferd als winzigen weißen Punkt, viel höher in der Luft als Almarik.

»Wenn ich nicht daran glaube«, fragte Sabatea, »ist das alles hier also nur so eine Art … Zeitvertreib? Um nicht auf den Tod durch die Dschinne warten zu müssen?«

»Ich dachte, dass der Gaul uns führt.« Ifranji kam wieder zum Vorschein und zurrte ihre Kleidung zurecht. »Von An-irgendwas-glauben war keine Rede, oder?«

»Vielleicht reicht es ja, wenn einer von uns fest daran glaubt«, schlug Nachtgesicht versöhnlich vor.

Khalis strich Staub aus seinem dünnen grauen Bart. »Alle, die nach Skarabapur gesucht haben, haben eigentlich nach sich selbst gesucht. Die Stadt ist das höchste innere Ziel, sie ist die Suche nach dem Sinn.«

Ifranji stöhnte. »Nun geht das wieder los.«

Tarik blickte abermals prüfend zur Sanduhr. Es war nicht das erste Mal, dass Khalis solche Töne anstimmte, irgendwo zwischen abgegriffenen Weisheiten, papierdünner Philosophie und der einen oder anderen klugen Beobachtung. Die Schwierigkeit war, dass man nie wusste, was als Nächstes kam. Manchmal wollte man nur den Kopf schütteln über das, was er sagte, während einem schon beim nächsten Satz der Spott im Hals stecken blieb.

»Für viele ist Skarabapur in der Tat kein Ort aus Stein und Mörtel«, fuhr der Magier fort. »Es bleibt immer ein Gespinst ihrer Phantasie, und sie suchen ein Leben lang danach, ohne auch nur seine Türme am Horizont zu entdecken. Und andere sind fest entschlossen, sie geben alles auf, konzentrieren sich ganz auf die Suche – indem sie zuerst einmal herausfinden, was sie wirklich wollen. Was Skarabapur ihnen bedeutet und was es bewirken wird, falls sie es finden.«

»Das ist alles gut und schön«, sagte Ifranji, »und sicher wahnsinnig tiefgründig. Aber mich interessiert nur: Wann kommen wir endlich dort an? Und was werden wir trinken, wenn wir innerhalb der nächsten beiden Tage kein Wasser finden?«

»Das werden wir«, sagte Nachtgesicht überzeugt. »Vertrau mir.«

Khalis ignorierte die beiden. »Was ich sagen will, ist: Der Zauber des Elfenbeinpferdes ist womöglich weit größer als allein die Tatsache, dass es künstlich erschaffen wurde und trotzdem lebt. Ich glaube, es hat tatsächlich die Macht, uns nach Skarabapur zu führen, selbst wenn es einigen von uns« – und dabei streifte sein strafender Blick die junge Diebin – »an innerer Überzeugung und Reife mangelt.«

Ifranji stopfte sich ein Stück Trockenfleisch in den Mund. »Schmeckt fad«, murmelte sie. »Wie alles hier.«

Sabatea, die beileibe allen Grund hatte, Ifranji zu hassen, musste sich ein Grinsen verkneifen, als Khalis aufgebracht schnaubte. »Lasst mal sehen«, sagte sie, »ob ich das verstanden habe. Skarabapur existiert also nicht für jeden gleichermaßen. Viele könnten mitten hindurchreiten, ohne überhaupt zu bemerken, dass sie dort waren. Richtig?«

»Wenn es ihnen an innerer –«

Sabatea fiel ihm ins Wort: »Wenn sie nicht daran glauben wollen. Oder glauben können.« Dafür erntete sie einen zweifelnden Blick von Tarik. »Und du meinst, selbst wenn das auf uns alle zutreffen würde, wenn wir alle keineswegs überzeugt wären, Skarabapur zu finden – dann könnte uns das Zauberpferd trotzdem dorthin führen? Allein durch die Magie, die ihm innewohnt?«

Der Magier nickte. »Wie ein sicheres Boot in einer starken Strömung, die uns sonst sofort mitreißen würde.«

Tarik schüttelte den Kopf, doch Nachtgesicht rieb sich nachdenklich die Nasenflügel. »Immerhin würde das erklären, warum ich früher nie darauf gestoßen bin«, sagte der Afrikaner. »Und auch keiner der anderen Karawanenführer, die ich kannte.«

»So tief im Dschinnland bist du mit Sicherheit nie gewesen«, sagte Khalis.

»Es gibt also zwei Möglichkeiten, nach Skarabapur zu gelangen«, fasste Sabatea zusammen. »Zum einen, indem man vollkommen davon überzeugt ist, dass es einen ans Ziel seiner Wünsche bringt … dass es genau das ist, was man immer gesucht hat. Und zum anderen, indem man den richtigen Führer hat.«

»Die richtige Magie«, korrigierte Khalis. »Das Elfenbeinpferd ist ein Segen für uns. Glaubst du, sonst hätte ich zugelassen, dass ihr die tote Sturmkönigin zu Atalis in den Schrein steckt?«

»Wie auch immer«, fiel Tarik ungeduldig ein, »Wir brechen jetzt auf. Die zwei Stunden sind um.« Er machte keinen Hehl aus der Tatsache, dass er dies alles – ähnlich wie Ifranji – für leeres Gerede hielt.

Sabatea stellte sich auf die Zehenspitzen, um in sein Ohr zu flüstern. »Du glaubst ja auch daran, dass die Sanduhr wirklich etwas zu bedeuten hat. Auch wenn es keinen einzigen Anhaltspunkt gibt, dass wir während der zwei Stunden tatsächlich sicher sind. Oder gleich darauf zum Tode verurteilt.«

»Erfahrung«, entgegnete er knapp.

»Nein. Nur der Glaube an das, was dein Vater dir beigebracht hat. Die Wesen auf der Alten Bastion haben dich vor Ablauf der Zeit angegriffen. Und Junis hat länger mit Maryam in diesem Wadi in der Wüste gesessen als zwei Stunden, ohne dass sie angegriffen wurden. Und trotzdem glaubst du noch immer daran.«

Mürrisch sah er sie an. »Und das sagt mir was

»Dass auch du dein Handeln von völlig unbegründeter Überzeugung abhängig machst. Und so was nennt man Glauben, ob dir das gefällt oder nicht.«

Im Hintergrund sah Tarik den Magier lächeln, und das ärgerte ihn mehr als die Tatsache, dass Sabatea ihn durchschaut hatte. »Das eine beweist nicht das andere«, sagte er. »Ich hab im Dschinnland eine Menge verrücktes Zeug gesehen – aber Städte, die nur existieren, wenn man an sie glaubt, waren nicht dabei.«

Sie lächelte verschmitzt. »In Samarkand habe ich fest daran geglaubt, dass du mich nach Bagdad bringen würdest.«

»In Samarkand hast du mit meinem Bruder geschlafen, damit ich dich nach Bagdad bringe.«

»Hätte ich das getan, wenn ich nicht geglaubt hätte, dass ich Erfolg damit haben würde?«

Tarik sah, dass Khalis sich bereits anderen Dingen zugewandt hatte und Sandwehen von seinem Teppich scharrte. Ifranji aber hatte ihnen aufmerksam zugehört und schüttelte erstaunt den Kopf.

So weit ist es gekommen, dachte er. Von einer Diebin moralisch verurteilt.

»Du und dein Bruder«, rief das dunkelhäutige Mädchen, »ihr habt wirklich schon eine Menge miteinander geteilt, was?« Ihr Lachen sollte wohl hämisch klingen, aber es hatte mehr Ähnlichkeit mit dem Kichern eines Kindes. Ifranji war nicht halb so abgebrüht, wie sie vorgab. Immerhin half diese Erkenntnis Tarik, den neuerlichen Wunsch zu unterdrücken, ihr an die Gurgel zu gehen.

Sie waren alle kaum in der Luft, als Almarik ihnen von oben entgegenraste.

»Dschinne!«, warnte er sie einmal mehr. »Eine ganze Armee.«

»Die aus den Zagrosbergen?«, fragte Nachtgesicht erstaunt. »So tief im Süden?«

Khalis kam dem Byzantiner zuvor. »Nein«, rief er über die Kluft zwischen den Teppichen. »Das muss das dritte Heer sein. Dschinne aus Skarabapur.«

DIE SCHOLLE

Archipele aus Wolkendunst faserten aus dem dunklen Umriss einer Unwetterfront am südlichen Horizont. Gewitter über der Wüste waren selten, doch zogen sie erst einmal herauf, trafen sie das tote Land mit apokalyptischer Gewalt. In der Ferne zuckten Blitze. Donner war keiner zu hören, aber er würde nicht lange auf sich warten lassen.

Doch nicht das Unwetter war das größte Spektakel, das sich den Augen der sechs Teppichreiter bot. Vor den schwarz-violetten Gewitterwolken, die sich als düstere Naht zwischen Ödland und Himmel erstreckten, rückte das Heer der Dschinne heran. Tausende und Abertausende hatten sich zu einem gigantischen Schwarm zusammengeballt, ein diffuses Wogen und Wabern wie eine Wolke Eintagsfliegen an einem heißen Sommertag. Anders als die Dschinne aus der Kavirwüste, gegen die Junis und die Sturmkönige gekämpft hatten, trieben diese hier augenscheinlich keine Menschensklaven mit sich. Kein Teil der Streitmacht bewegte sich am Boden vorwärts, alle schwebten hoch über der Ebene aus Sand und Fels. Die Ränder dieses wimmelnden Balgs waren ausgefranst wie die Gewitterwolken im Hintergrund, das Zentrum zu einem dunklen Brodeln verdichtet.

»Da ist noch etwas anderes«, sagte Almarik finster. »In ihrer Mitte.«

Tarik verengte das rechte Auge. Er hatte Mühe, die Dschinnarmee als solche zu erkennen, geschweige denn Einzelheiten der Silhouette, die sich inmitten des Trubels befand.

»Das ist was ziemlich Großes«, brummte Nachtgesicht.

Sabatea starrte angestrengt über Tariks Schulter nach vorn. »Sieht aus wie ein Felsen.«

Ifranji stöhnte. »Was wollen die damit? Ihn auf Bagdad stürzen?«

»Und warum fliegt das Ding mitten unter ihnen?«, fragte Nachtgesicht. »Ich meine, können die so was? Berge fliegen lassen?«

»Für einen Berg ist es zu flach«, sagte Khalis.

»Beschreib’s mir«, bat Tarik Sabatea.

»Khalis hat Recht. Es ist flach, eine Art Scholle. Und riesig groß. Wenn sie es wirklich auf Bagdad werfen wollen, würde es den Palast und die Gärten unter sich begraben.«

Die Dschinnarmee war noch mehrere Kilometer entfernt. Unwahrscheinlich, dass sie die vier Teppiche der Gefährten bereits entdeckt hatten. Tarik deutete nach Westen, auf ein paar bucklige Felsrücken. »Verstecken wir uns – egal, was es ist.«

Tief über dem Boden rasten sie auf die Erhebungen zu. Selbst so früh am Morgen warfen die schrundigen Hügel keine nennenswerten Schatten. Es waren nur magere Ausläufer von Felsadern, die wie Wurzelstränge aus den höheren Bergen am westlichen Horizont gewachsen und von Wind und Wetter erodiert worden waren. Risse und Kerben in der Oberfläche waren eng und nicht besonders tief. Besser jedoch als gar kein Versteck, wenn erst die Dschinne hier waren.

Tarik deutete auf einen Spalt, der sich wie eine Axtwunde quer durch einen der Steinbuckel zog. An der breitesten und tiefsten Stelle, ziemlich genau in der Mitte der Erhebung, bot er genug Platz für die Teppiche, ohne dass sie damit am Grund der Spalte landen mussten.

Bald darauf schwebten sie in einer Reihe nebeneinander über dem Geröll am Boden der Kluft, gerade tief genug, dass sie noch über den Rand blicken konnten. Der erste Donner rollte über die Ebene und kam lange vor den Dschinnen bei ihnen an. Blitze verästelten sich über die gesamte Breite des Horizonts, die Wolken wanderten auf glühenden Spinnenbeinen über das Land.

»Kontrollieren die Dschinne das Gewitter?«, fragte Sabatea. »Sieht aus, als zögen sie es hinter sich her.«

»Vielleicht nur ein Zufall«, murmelte Khalis, der tiefer als die anderen zwischen den geborstenen Steinwänden abtauchen musste, damit der Honigschrein nicht oben aus dem Spalt ragte. Zu seinem sichtlichen Verdruss war er der Einzige, der nicht über die Kante schauen konnte.

»Falls es ein Zufall ist, dann jedenfalls ein sonderbarer«, sagte Nachtgesicht. »Unwetter sind hier draußen nicht gerade alltäglich.«

Tarik bemühte sich, mehr zu erkennen. Noch zwei, drei Kilometer, schätzte er. Nun sah auch er den Umriss in der Mitte der wogenden Dschinnschwärme. Es war tatsächlich eine Art Scholle, unregelmäßig geformt, als hätte man sie mit Urgewalt aus dem Erdboden gebrochen. Nur dass sie nicht aus Fels bestand, wie die anderen erst vermutet hatten.

»Es glüht!«, entfuhr es Ifranji.

»Nein«, widersprach Sabatea. »Von oben fällt Licht hindurch. Schaut genau hin. Man kann die Umrisse von dem erkennen, was sich auf der Oberseite befindet.«

Zu seinem Verdruss sah Tarik mit seinem einen Auge nichts dergleichen, aber Nachtgesicht stimmte ihr zu: »Wie Kristall. Oder … Glas?«

»Woher haben die das?«, fragte Ifranji. »Und warum fliegt es?«

»Manch einer mag das vielleicht wissen wollen, wenn er deinen Teppich sieht«, sagte Khalis trocken.

»Aber Teppiche können fliegen«, konterte die Diebin stirnrunzelnd. »Glas nicht.«

»Geht tiefer«, kommandierte Almarik und senkte als Erster sein Knüpfwerk weiter hinab zum Grund des Spalts. Viel Spielraum blieb ihnen nicht; der Riss maß an der tiefsten Stelle keine drei Meter.

Unmittelbar über dem Geröll am Boden warteten sie ab und blickten nervös hinauf zu dem blauen Himmelsstreifen zwischen den Felskanten. Ein Raunen näherte sich, wurde lauter – die Stimmen zahlloser Dschinnhauptleute, die ihren fliegenden Schwadronen Befehle zubrüllten.

Tarik hätte gern Sabatea umarmt, aber er wagte nicht, die Hand aus dem Muster zu nehmen, für den Fall, dass sie entdeckt würden. Seine freie rechte Hand suchte ihre und zog sie fest an seinen Oberkörper. Sie presste sich von hinten an ihn, er spürte ihren schnellen Atem. Er musste sich gegen die Erinnerung an die Hängenden Städte wehren, gegen die Bilder der Sklavenpferche, die höhnischen Fratzen der Dschinne. Es fiel ihm schwer, das alles zu verdrängen, während er sich ganz auf den Ausschnitt des Himmels über ihnen konzentrierte.

Das vielstimmige Raunen kam näher. Dann glitten die ersten vereinzelten Punkte in sein Blickfeld, Späher der Dschinne am Rand des Heerzuges. Offenbar waren Tarik und die anderen nicht weit genug nach Westen ausgewichen. Die Dschinnarmee würde genau über sie hinwegfliegen.

Die Punkte verdichteten sich zu einem Wimmeln, als die vorderen Schwärme über die Felsbuckel schwebten. Von unten aus waren kaum die Umrisse der einzelnen Krieger zu erkennen. Immerhin erhöhte das die Chancen, dass sie umgekehrt auch die sechs Menschen in ihrem Versteck nicht entdecken würden. Es sei denn, einige der tiefer fliegenden Dschinne nahmen ihre Witterung auf.

Es wurde schlagartig düster am Boden des Felsspalts, als sich der Rand der gigantischen Scholle über den Lichtstreifen schob und den Himmel verdrängte. Sie mochte siebzig, achtzig Meter über dem Boden schweben, genauer ließ sich das aus diesem Blickwinkel nicht abschätzen.

Der kolossale Umriss war tatsächlich lichtdurchlässig und bestand aus Glas oder einem ähnlichen Material. Obwohl der Himmel darüber noch immer blau sein musste, wurde der Lichtschein grünlich gefiltert und gab den Gesichtern der Teppichreiter einen bleichen, kränklichen Ton. Die Unterseite der Scholle hatte eine pockennarbige Struktur, stellenweise von langen Zapfen und Beulen überzogen, Nestern aus strähnigen Wucherungen. Deshalb fiel das Licht von oben nicht gleichmäßig hindurch, änderte beständig seinen Einfallswinkel und verlieh der gesamten Scholle ein ...

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