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Die Sturmkönige – Dschinnland

Über den Autor

Kai Meyer, geboren 1969, ist der Autor von Bestsellern wie Seide und Schwert, Die Wellenläufer, Das Buch von Eden, Herrin der Lüge und Die Vatikan-Verschwörung. 2005 erhielt er für Frostfeuer den internationalen Buchpreis Corine. Die Fließende Königin wurde in England zum besten übersetzten Jugendbuch 2006/2007 gewählt. Seinen ersten Roman veröffentlichte er im Alter von 24 Jahren, inzwischen werden seine Werke in achtundzwanzig Sprachen übersetzt. Mehrere Adaptionen als Film, Hörspiel und Comic sind erschienen, weitere in Arbeit. Besuchen Sie seine Homepage unter: www.kaimeyer.com

INHALT

  1. Samarkand
  2. Die Brüder
  3. Die Palastmauer
  4. Sabatea
  5. Nachtwind
  6. Jasminkaskaden
  7. Ein Ballen Drachenhaar
  8. Aufbruch
  9. Der Wall
  10. Elfenbeinpferde
  11. Zwei Stunden
  12. Erinnerungsfresser
  13. Maryam
  14. Wiedersehen
  15. Talisman
  16. Sklaven der Dschinne
  17. Das Gefecht
  18. Dornenkrone
  19. Der Kettenmagier
  20. Kopet-Dagh
  21. Schlammvulkan
  22. Statuen im Rauch
  23. Der Narbennarr
  24. Entdeckt
  25. Die Hängenden Städte
  26. Über dem Nichts
  27. Im Pferch
  28. Die Vorkosterin
  29. Der Dritte Wunsch
  30. Die Rochtränke
  31. Der Angriff
  32. Tornadoreiter
  33. Der Tunnel
  34. Das fremde Auge
  35. Steinpanzer
  36. Dunkelheit
  37. Das Heer im Salz
  38. Ifrit und Zauberpferd
  39. Falkengarde
  40. Harun al-Raschid
  41. Der andere Kalif
  42. Der Schleier fällt
  43. Die Sturmkönige

KHORASAN –
DAS LAND DER AUFGEHENDEN SONNE
8. JAHRHUNDERT N. CHR.

DAS 52. JAHR
DES DSCHINNKRIEGES

SAMARKAND

Er lenkte den fliegenden Teppich durch die nächtlichen Gassen Samarkands. Geduckt raste er unter niedrigen Brücken hindurch, brach durch Schwärme von Fledermäusen und wich den ausgebeulten Tuchmarkisen über Balkonen und Fenstern aus. Feuchte Wäsche klatschte ihm ins Gesicht, wo sich Leinen zwischen den Hauswänden spannten. Eine angriffslustige Katze sprang von einem Fenstersims auf den Teppich, verhakte sich kreischend im Knüpfwerk und schlug nach ihm, als er sie mit einem Stoß über die flatternden Fransen fegte.

Manchmal schien es Tarik, als bliebe sein eigener Schatten auf den Lehmmauern und Fensterläden zurück, so geschwind jagte er durch die engen Gassen der Altstadt. Schneller als jeder andere, geschickter und ungleich erfahrener. Siegesgewiss, ohne auch nur ein einziges Mal an den Sieg zu denken. Berechnend, ohne auf seine Verfolger Rücksicht zu nehmen. Auf der Flucht vor Erinnerungen, denen er doch nie entrinnen konnte, vor allem in den Morgenstunden, wenn der Triumph über das gewonnene Teppichrennen verebbt war, wenn die Wirkung der billigen Weine nachließ. Dann ein weiteres Rennen. Ein weiterer Sieg. Eine weitere durchzechte Nacht.

Mondlicht lag über den Kuppeln der Moscheen und Zarathustratempel, breitete sich über die flachen Dächer der Häuser und webte feine Gespinste aus Staub und Rauch. Fackeln fauchten, als Tarik an ihnen vorüberfegte.

Er spürte den fliegenden Teppich unter sich wie ein lebendes Wesen. Noch drei oder vier Wegkehren, dann würde er den Palast des Emirs vor sich sehen, das gefährlichste Wegstück des verbotenen Teppichrennens.

Selbst Tarik hatte sich erst zwei Mal auf diese Etappe eingelassen; dann, wenn er das Preisgeld besonders nötig gehabt hatte. Die Aussicht auf eine Handvoll Dinare verblendete viele, deren Fähigkeiten den Anforderungen nicht gewachsen waren; aber die Auswahl der Palastpassage sorgte stets dafür, dass sich einige noch vor Beginn des Rennens besannen und geschlagen gaben. Lieber nahmen sie Prügel und Schlimmeres durch die Hände jener in Kauf, die Geld auf sie gesetzt hatten, als aus freien Stücken entlang der Palastmauer zu fliegen, wo die Garde des Emirs auf der Lauer lag: Der Ritt auf fliegenden Teppichen wurde in Samarkand ebenso mit dem Tod bestraft wie jede andere Anwendung von Magie.

Solange Tarik das Rennen anführte, war die Gefahr berechenbar. Wenn die Wächter auf dem Wehrgang ihn bemerkten, mussten sie erst ihre Bogen spannen oder mit den Lanzen ausholen. Mit etwas Glück hatte er die Mauer dann bereits hinter sich gelassen. Schlimmer würde es für jene kommen, die ihm nachfolgten – sie rasten geradewegs in das Schussfeld der alarmierten Soldaten.

Tarik war der beste Teppichreiter Samarkands, aber er hätte die Rennen ohne Zögern aufgegeben, wären die Prämien nicht so leicht verdientes Geld gewesen. Er war der Sohn des Jamal al-Abbas, und er ritt die Winde seit dem Tag seiner Geburt. Damals hatte sein Vater das Neugeborene zum ersten Mal mit hinauf in den Himmel über Khorasan genommen. Vor achtundzwanzig Jahren.

Eine weitere Katze verfehlte ihn um mehr als eine Mannslänge. Er hörte sie zornig schreien, als ihr Sprung ins Leere ging. Die gegenüberliegende Lehmmauer bot keinen Halt. Das Tier rutschte ab und stürzte. Dummes Biest.

Als er zuletzt über die Schulter geblickt hatte, war sein Vorsprung vor den anderen beträchtlich gewesen. Gleich nach dem Signal zum Aufbruch hatte er mehrere Teppichreiter abgedrängt. Es kümmerte ihn wenig, was aus ihnen wurde. Alle wussten, auf was sie sich einließen.

Er hatte Schmerzensschreie gehört und angenommen, dass einige durch seine Manöver an die Hauswände geprallt und abgestürzt waren. Die Zahl jener, die am Ende ins Ziel gingen, betrug meist kaum ein Drittel der ursprünglichen Teilnehmerzahl. Gelegentlich kam es vor, dass er als Einziger die gesamte Strecke bewältigte. Das erhöhte sein Preisgeld, darum war es von Vorteil, möglichst viele Gegenspieler gleich zu Beginn loszuwerden. Wer Waffen einsetzte, wurde disqualifiziert, doch Rangeleien waren durchaus erwünscht. Verletzte und Tote erhöhten das Risiko und somit die Einsätze, die Gewinne. Hindernisse wurden von den Veranstaltern errichtet, Kollisionen absichtlich herbeigeführt; und manch ein Teppichreiter munkelte, dass die Ahdath vor den großen Rennen Hinweise erhielt, wo es sich lohnte, auf der Lauer zu liegen – ein Hinterhalt der Stadtmiliz war die billigste und wirkungsvollste Methode, einem Rennen gefährliche Würze zu verleihen.

Wie alle Teppichreiter war Tarik maskiert, sein Kopf mit dunklen Tüchern umwickelt, die nur einen Schlitz um die Augen unbedeckt ließen. Die verborgenen Wegposten, die auf Dächern und in dunklen Fensterlöchern jeden Abschnitt des Rennens überwachten, erkannten die Teilnehmer an Zeichen, die sie auf Rücken und Brust trugen. Manche schmückten sich mit brüllenden Löwen, Falkenköpfen oder züngelnden Schlangen. Tariks Signum war ein schlichter Kreis, den eine Linie in zwei Hälften teilte. Irgendwer hatte einmal einen Weinkelch vorgeschlagen. Tarik hatte dem Mann die Zähne eingeschlagen: erst mit den Fäusten, dann mit einem Weinkelch.

Weit vor ihm öffnete sich die Gasse zu einer breiten Straße, die zum Palast des Emirs führte. Hinter den trutzigen Festungsmauern regierte Kahraman ibn Ahmad über Samarkand als Stellvertreter des Kalifen von Bagdad. Der Emir herrschte nach eigenem Gutdünken, und es war eine Herrschaft der Verbote. Der Kalif Harun al-Raschid war hier nicht mehr als ein Name; sein Arm reichte schon lange nicht mehr von Bagdad bis nach Samarkand. Das Totenreich der Karakumwüste trennte die beiden Städte. Seit einem halben Jahrhundert herrschten dort draußen die Dschinne. Sie hatten Samarkand zu einem Gefängnis gemacht, aus dem kaum jemand entkommen konnte. Nicht einmal Tarik.

Einmal mehr drängte er die Erinnerungen zurück. Selbst für ihn bedeutete die Palastpassage eine Herausforderung, und wenn er dabei eines nicht gebrauchen konnte, dann diese Bilder in seinem Kopf. Bilder vom Dschinnland. Von Maryam.

Tarik fegte hinaus aus der Gasse, ins Fackellicht der breiten Straße. Er konnte den Palast jetzt in der Dunkelheit erahnen.

Hinter ihm ein Flattern.

Er fluchte, als ein Schatten seinen eigenen kreuzte. Ein zweiter Teppich holte auf. Ein maskierter Reiter wie er selbst, eine Hand ins Muster des Teppichs versenkt, die andere zur Faust geballt. Ein Knie im Ausfallschritt auf dem gewebten Boden, das zweite vor der Brust angewinkelt. In der gleichen Haltung wie Tarik. Nicht etwa weil der andere Reiter ihn nachahmte – beide hatten vom selben Meister gelernt.

Von Jamal al-Abbas. Ihrem Vater.

»Junis?« Die Frage war so überflüssig wie sein Erstaunen darüber, dass sein jüngerer Bruder hier auftauchte. In dieser Nacht, an diesem Ort. Genau neben ihm – und nur noch wenige Steinwürfe von der Palastwand entfernt.

Schatten füllten Junis’ Sehschlitz, darin schimmerten hellwache Augen. Längst hatten sie erfasst, worauf es ankam.

Das Ziel. Seinen Gegner. Alle Möglichkeiten.

Abrupt scherte Junis zur Seite aus, holte Schwung – und rammte Tariks Teppich mit der mörderischen Wucht eines Streitwagens.

DIE BRÜDER

Tarik wurde zur Seite geschleudert. Nur um Haaresbreite verfehlte er das Gestänge einer hölzernen Balustrade. Einige Herzschläge lang roch er Räucherwerk und den betörenden Duft von Rosenwasser. Beides hüllte ihn ein, während er die Lehmkante eines offenen Schlafzimmerfensters streifte, kurz ins Trudeln geriet, dann die Gerüche und die eigene Unsicherheit hinter sich ließ. Mit einem stummen Befehl an den Teppich schwenkte er zurück auf seinen alten Kurs, auf eine Höhe mit Junis, der zu einem neuen Kollisionsmanöver ansetzte.

Es war ein Fehler, den gleichen Trick ein zweites Mal anzuwenden. Der erste Versuch hatte Tarik aus der Fassung gebracht, weil er mit jedem anderen, aber nicht mit seinem Bruder gerechnet hatte. Der zweite nötigte ihm nur ein mitleidvolles Lächeln ab, als er dem Angriff mühelos auswich, seinen Teppich beschleunigte und abermals die Führung übernahm.

Noch sechshundert Schritt bis zum Palast. Wenn sie dieses Spiel von Rammen und Ausweichen fortführen wollten, würden die Soldaten auf den Zinnen vorgewarnt sein und sie mit gespannten Bogen erwarten. Womöglich legten sie bereits ihre Pfeile auf, zogen die Sehnen durch. Warteten ab.

»Du bist ein Narr!«, fauchte Tarik über die Schulter und vertraute darauf, dass der Gegenwind die Worte an Junis’ Ohr tragen würde. »Du glaubst, du hast dazugelernt? Jemand wird umkommen, wenn du nicht mit diesem Irrsinn aufhörst.«

Er hörte das Flattern in seinem Rücken lauter werden. Ein anderer hätte den Unterschied nicht wahrgenommen. Aber Tarik las die Laute, die ein Teppich auf den Winden verursacht, wie Pferdezüchter das Schnauben ihrer Rösser.

An einem Wettkampf mit Junis lag ihm ebenso wenig wie an diesem Wiedersehen. Aber er wollte nicht verlieren. Würde nicht verlieren. Den Preis der Niederlage sollten andere zahlen. Auch Junis, wenn er darauf bestand.

Nicht ich, dachte Tarik. Ganz sicher nicht ich.

Junis war schnell, das musste er ihm lassen. Dass es ihm gelungen war, die anderen abzuhängen und bis zur Spitze aufzuholen, überraschte Tarik. Sein Bruder war fünf Jahre jünger als er, dreiundzwanzig, und seit mehr als drei Jahren hatten sie kein Wort miteinander gesprochen. Gelegentlich hatten sie einander gesehen – Samarkand war nicht groß genug, um sich gänzlich aus dem Weg zu gehen –, aber beide hatten sich Mühe gegeben, den anderen nicht mit Blicken oder Gesten herauszufordern.

Soweit Tarik wusste, hatte Junis noch nie an einem der verbotenen Rennen teilgenommen. Wie aber sollte er sein Auftauchen deuten, wenn nicht als Herausforderung? Dabei war es weniger Junis’ Versuch, ihn abzudrängen, der Tarik wütend machte. Allein die Tatsache, dass er gegen ihn antrat, war ein Angriff. Ließen sich Verachtung und Stillschweigen nur noch von einer offenen Kampfansage übertreffen?

Junis hatte nichts vergessen, nichts vergeben. Er war jung, ein Heißsporn, ein halbes Kind – das alles hier war nur ein weiterer Beweis dafür –, und nun auch noch sein Gegner.

»Das hier hat nichts mit dir zu tun«, rief ihm Junis zu, gedämpft durch das Tuch über seinem Mund. »Nichts, was ich tue, hat mit dir zu tun.«

Tarik gab keine Antwort. Er schob die Hand tiefer ins Muster seines Teppichs und spürte das vertraute Kribbeln heftiger werden, beinahe aufsässig. Das Muster zog sich um seine Finger zusammen wie Fasern einer bizarren Muskulatur. Sein halber Unterarm war in der Oberfläche des Gewebes verschwunden. Der Teppich schluckte seine Hand, betastete sie, las aus ihr die Befehle ihres Besitzers. Tarik sandte eine Serie knapper Beschwörungen ins Muster. Noch schneller. Ein Zickzackkurs. Und etwas niedriger zum Boden, damit die Soldaten die näher kommenden Teppichreiter nicht bemerkten.

Junis hingegen scherte sich nicht um Höhe. Nicht um die Soldaten.

Das hier hat nichts mit dir zu tun. Von wegen. Es hatte alles mit ihm zu tun. Mit den Vorwürfen, dem Zorn, den Jahren maßloser Verbitterung.

Junis war jetzt wieder neben und eine halbe Mannslänge über ihm. Er blickte nach vorn, den Zwiebeltürmen und Zinnen des Emirpalastes entgegen. Mondlicht vereiste die Mauern, floss als silbriger Gletscherguss die große Kuppel der Moschee hinab. Die Straße führte um eine leichte Kurve, schmiegte sich vierhundert Meter weiter vorn an die Palastmauer und verlief dann parallel zu ihr. Oben auf dem Wehrgang bewegten sich Gestalten hastig durcheinander. Kein gutes Zeichen.

Junis blickte nicht zu seinem Bruder hinüber. Eine Überheblichkeit, die ihn teuer zu stehen kommen würde. Nach wie vor fehlte ihm Fingerspitzengefühl.

Tarik ließ seinen Teppich aufsteigen, bis seine Kante knapp unterhalb von Junis’ Teppich lag. Die beiden Ränder überlappten sich, aber Tarik hatte nicht vor, seinen Bruder zu rammen.

Sie befanden sich jetzt nahezu auf einer Höhe, hätten die Arme ausstrecken können, um sich an den Händen zu berühren. Während sie dahinschossen wie ein einziger Teppich mit zwei ungleichen Reitern, wandte Tarik den Kopf.

»Warum tust du das?«

Junis gab keine Antwort. Sein Arm stieß tiefer ins Muster. Wahrscheinlich hatte er in diesem Augenblick erkannt, was Tarik vorhatte. Vergeblich versuchte er seinen Teppich unter Kontrolle zu bringen. Zu spät. Die Kanten der beiden Teppiche spürten einander, tasteten mit ihren Fransen den anderen ab, besaßen Eigenleben genug, um sich den Befehlen eines unerfahrenen Reiters zu widersetzen, bis ihre Neugier befriedigt war. Wie Hunde, die einander beschnupperten und darüber ihren Gehorsam vergaßen. Junis kam nicht dagegen an.

Tarik hingegen würde ein einziger Befehl genügen. Und er sah Junis im Schatten des Sehschlitzes an, dass er diese Gewissheit teilte.

»Warum?«, fragte Tarik erneut und zum letzten Mal.

Balkone und staubige Markisen zogen an ihnen vorüber. Dann und wann ein Gesicht im Kerzenschein zwischen Fensterläden.

Irgendwo wieherte ein Elfenbeinpferd, streckte Schwingen und Gelenke mit einem Knirschen wie von brechendem Geäst. Es war nirgends zu sehen, musste auf einem nahen Dach geschlafen haben und von den vorübersausenden Teppichen geweckt worden sein. Es würde ihnen nicht in die Quere kommen; verwilderte Elfenbeinpferde waren ängstlich und scheu, erst recht bei Dunkelheit.

»Ich brauche die Prämie«, rief Junis, noch immer ohne Tarik anzusehen.

»Natürlich. Wer nicht.«

Das Gesicht des Jüngeren ruckte herum. Wutentbrannt, mit all dem Jähzorn im Blick, den Tarik nur zu gut kannte. »Es geht nicht um Wein und Frauen. Ich bin nicht du.«

Tarik zuckte die Achseln. »Und ich dachte, es geht hier nur um eine Frau.«

»Maryam hat nichts damit zu tun!«

»Nein. Sie ist tot.« Es war leicht, das auszusprechen. Er hatte es so viele Male getan, über leere Krüge gebeugt, betrunken in der Gosse, nachts allein im Halbschlaf, wenn ihn die kalte Feuchte des Kissens unter seiner Wange aufgeweckt hatte.

Zornig versuchte Junis ein Manöver, um die aneinandergeschmiegten Teppichkanten zu trennen. Ohne Erfolg. Und doch, dachte Tarik, er ist gut, ganz ohne Zweifel. Viel besser als früher. Nur sein Ehrgeiz stand ihm im Weg. Sein aufbrausendes Wesen war der Stolperstein, der ihn zu Fall bringen würde.

Aber war es nicht gerade das, was er Tarik immer vorgehalten hatte? Vielleicht waren sie sich ähnlicher, als sie wahrhaben wollten.

Vielleicht auch nicht.

»Ich muss gewinnen«, rief Junis, jetzt in einem Anflug von Trotz. »Ich habe alles auf mich selbst gesetzt. Alles, jeden einzelnen Dinar.«

»Obwohl du gewusst hast, dass ich am Rennen teilnehme?«

»Du bist nicht unschlagbar. Auch wenn du das glaubst.«

Tariks Verwunderung war aufrichtig. Zugleich forschte er in sich nach einem schlechten Gewissen. Wenn er Junis abschüttelte würde sein jüngerer Bruder alles verlieren. Wenig erstaunt stellte er fest, dass ihn das kaum berührte. Die Verantwortung für so viel Dummheit lag allein bei Junis selbst.

Und doch, er war neugierig. »Was hast du vor? Mit dem Geld, meine ich.«

Ein aufsässiger Unterton trat in Junis’ Stimme. »Ich werde auf Vaters alter Schmuggelroute fliegen. Nach Bagdad. Ich habe einen Auftrag angenommen.«

Schweigen. Der Palast kam näher. Die Soldaten auf den Zinnen bewegten sich nicht mehr.

Tarik löste das Tuch vor seinem Mund, um sicherzugehen, dass sein Bruder jedes einzelne Wort verstehen konnte.

»Das Dschinnland hat Maryam umgebracht. Es wird auch dich töten.«

»Maryam hat sich auf dich verlassen«, entgegnete Junis kühl. »Den Fehler werde ich wohl kaum begehen.«

Tarik ballte seine Hand im Muster zur Faust. Mit einem scharfen Fauchen sackte sein Teppich nach unten weg, tauchte unter Junis hindurch. Er streckte die freie Hand nach oben aus. Berührte die Unterseite des fremden Gewebes. Stieß mit einer gemurmelten Beschwörung die Finger hinein.

Junis’ Teppich wollte sich aufbäumen, als er die Befehle zweier Meister in sich spürte. Eine Wellenbewegung lief durch das Gewebe, während Junis hasserfüllt aufschrie und von oben einen verzweifelten Kraftstoß in das Muster jagte.

Tarik wischte den Befehl seines Bruders beiseite; es war leicht, so als fiele er ihm im Streit ins Wort. Zugleich zwang er Junis’ Teppich seinen eigenen Willen auf.

Es war der schändlichste Trick, mit dem ein starker Reiter einen schwächeren ausschalten konnte. Ins fremde Muster zu greifen, galt als verpönt und unehrenhaft. Aber Ehre war etwas, um das sich die Verlierer schlagen mochten. Niemand fragte den Gewinner eines Rennens danach. Tarik kannte jede List, mit der er einem anderen beikommen konnte. Er hatte sie alle ausprobiert, und er verspürte auch jetzt nicht den Schatten eines Skrupels.

Sein Bruder schrie auf, geriet ins Schlingern. Tarik zog die Hand aus der Unterseite von Junis’ Teppich, gab das Muster frei und wusste zugleich, dass es zu spät war, um seinen Befehl rückgängig zu machen. Er schoss unter Junis hinweg, stieg vor ihm auf und blickte flüchtig über die Schulter.

Der Teppich seines Bruders drehte sich im Flug um sich selbst, schlingerte nach rechts und links, während Junis sich festklammerte, wütende Flüche brüllte und versuchte, die Kontrolle zurückzuerlangen.

Zu spät.

Tarik blieb keine Zeit, das Ende mit anzusehen. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass Junis den Halt verlor und abgeworfen wurde, während der Teppich geradewegs auf eine Hauswand zuhielt. Tarik suchte abermals nach Gewissensbissen. Er fand noch immer keine.

Er hörte Junis hinter sich aufschreien, doch etwas anderes verlangte nun seine Aufmerksamkeit. Vor ihm, dann neben ihm wuchs die Palastmauer in die Höhe.

Mondlicht blitzte auf Pfeilspitzen. Nach all dem Geschrei waren die Soldaten auf den Zinnen gewarnt. Nach dem panischen Wiehern des Elfenbeinpferdes. Nach Junis’ Aufprall im Staub.

Tarik zog den Kopf ein, beschleunigte den Teppich und jagte geradewegs in den Pfeilhagel.

DIE PALASTMAUER

Fackeln brannten auf den Zinnen. Die Abstände waren zu groß, um im Dunkeln die Soldaten zählen zu können. Tarik verzog das Gesicht zu einem schmerzlichen Lächeln. Vielleicht hatte er Junis einen Gefallen getan. Es reichte, dass einer von ihnen beiden das Wagnis einging, von einem Pfeil aus der Luft geholt zu werden. Junis mochte dazugelernt haben, eine ganze Menge sogar, aber was er an Geschick gewonnen hatte, machte seine Überheblichkeit wieder zunichte.

Alles in Tarik schrie danach, die Geschwindigkeit des Teppichs zu verlangsamen, als er leicht nach links schwenkte und weiter parallel zur Mauer flog. Statt dessen ballte er im Muster die Faust und trieb den Teppich mit aller Macht vorwärts. Andere hätten in dieser Lage vielleicht einen Ausweichkurs eingeschlagen, vielleicht ein wildes Hin und Her, um die Schützen irrezuführen. Er aber nahm den geraden Weg, so niedrig wie möglich über dem Boden, wo die Lichtkreise der Fackeln ihn nicht erreichen konnten.

Die Mauer war sechs Mannslängen hoch und mit Lehm
verputzt. An manchen Stellen war er abgeplatzt und entblößte grobes Gestein. Dunkle Schattenflecken sprenkelten die raue Oberfläche. Vielleicht Spuren vergessener Belagerungen oder Wasserschäden oder Schießscharten; bei Nacht und im rasenden Vorbeiflug war der Unterschied kaum zu erkennen.

Er hatte ein gutes Stück der Mauer hinter sich gebracht, ehe ihm bewusst wurde, dass ihn bereits mehrere Schüsse verfehlt hatten. Sie surrten hinter ihm durch die Nacht, schlugen am Boden in den Staub oder verschwanden in den Schatten zwischen der vorderen Häuserreihe. Die Straße am Fuß der Palastmauer war etwa zwanzig Schritt breit, links von den Fassaden der Altstadt begrenzt. Hier und da lehnten sich die Stände fliegender Händler an die Festungsmauer. Nachts waren sie verlassen, alle Ware aus den Auslagen verschwunden.

Tarik ahnte, dass die Finsternis zwischen den Häusern nicht so menschenleer war, wie sie erschien. Obwohl die Veranstalter der verbotenen Rennen die Route erst im letzen Moment bekannt gaben, sprach sich die Strecke schneller herum, als die Teppiche fliegen konnten. Nicht selten warteten Plünderer und Diebe an den gefährlichsten Passagen, um die kostbaren Teppiche gestürzter oder abgeschossener Reiter einzusammeln. Jeder einzelne war ein kleines Vermögen wert. Keine Knüpferei in Samarkand verstand sich auf die Herstellung fliegender Teppiche. Der Ursprung dieser Kunst lag in Bagdad, und seit die Verbindung zwischen den Städten abgeschnitten war, gab es keinen Nachschub mehr. Tarik wusste das besser als jeder andere: Nachdem er die Schmuggelrouten seines Vaters übernommen hatte, war er der Einzige gewesen, der neue Flugteppiche nach Samarkand gebracht hatte. Als er die Reisen durchs Dschinnland vor sechs Jahren aufgegeben hatte, war auch der Schmuggel versiegt. Er war der Letzte gewesen, der die zweitausend Kilometer bis Bagdad bewältigt hatte – was die Vorstellung, Junis könnte in seine Fußstapfen treten, umso wahnwitziger machte.

Eine Lanze verfehlte ihn. Der Teppich streifte ihren Schaft, stieß sie aus ihrer Wurfbahn und ließ sie ins Dunkel davontrudeln. Tarik hoffte, dass sie eine der Gestalten erwischte, die dort unten im Nachtschatten auf seinen Absturz lauerten. Noch immer sah er niemanden, aber er war sicher, dass sie da waren. Gesindel, das keine Skrupel hatte, ein wenig nachzuhelfen, wenn der Sturz einen Teppichreiter nicht getötet hatte.

Er senkte den Teppich jetzt so weit herab, dass seine Unterseite haarscharf über die verwaisten Händlerstände fegte. Planen knatterten hinter ihm im Zugwind, hier und da stürzte eine baufällige Lattenkonstruktion zusammen. Weitere Pfeile verfehlten ihn, während oben auf den Zinnen Gebrüll laut wurde. Hauptleute schrien ihre Soldaten zusammen, weil sie es nicht fertigbrachten, einen einzelnen Teppichreiter aus der Luft zu holen.

Tarik lächelte grimmig. Er war nicht unverwundbar, aber er kannte ihre Schwächen. Den ungünstigen Schusswinkel zum Fuß der Mauer. Die Tücken der Finsternis.

Weit vor ihm fiel eine Fackel in die Tiefe, erhellte im Sturz einen Streifen der Palastmauer und landete im verlassenen Bretterverschlag eines Händlers. Zwei weitere Fackeln folgten. Eine fiel ins Stroh eines leeren Tierpferchs. Innerhalb weniger Augenblicke loderten mannshohe Flammen empor. Ihr Schein riss einen breiten Abschnitt der Straße aus der Nacht und erleuchtete die Mauer bis hinauf zu den Zinnen.

Das helle Wegstück lag genau vor ihm, noch fünfzig, sechzig Meter entfernt. Es gab keine Möglichkeit, es zu umfliegen. Er musste notgedrungen mitten hindurch, wenn er nicht vom vorgezeichneten Weg des Rennens abweichen und damit sein Ausscheiden in Kauf nehmen wollte.

Der Pfeilhagel verebbte. Er wusste, weshalb. Sie warteten darauf, ihn deutlicher sehen zu können. Es gab nichts, das er dagegen tun konnte.

Um den Winkel für sie noch ungünstiger zu machen, lenkte er den Teppich näher an die Mauer heran, bis der Fransenrand im Vorbeiflug fast den Lehmputz streifte. Zugleich zog er ein Stück nach oben, um den Flammen zu entgehen, die sich jetzt rasend schnell ausbreiteten. Sie sprangen von einem Stand zum nächsten über und würden in Kürze die halbe Mauer an dieser Seite des Palastes erleuchten. Für alle, die Tarik folgten, sah es schlecht aus.

Nur einmal, bevor er den Lichtkreis der Feuer erreichte, blickte er nach hinten und sah noch immer niemanden, der ihm folgte. Der Sturz hatte Junis endgültig aus dem Rennen geworfen.

Rasch wandte er sich wieder nach vorn. Starrte verbissen in die heranrasende Helligkeit. Oben auf den Zinnen blitzten Eisen und Stahl. Unverständliche Rufe ertönten. In den Schneisen zwischen den Häusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite bewegten sich Schemen im äußeren Schein der Feuer.

Noch zehn Meter.

Fünf.

Der Feuerschein erfasste Tarik. Er raste in eine Wand aus Hitze und Rauch, in den Lärm der prasselnden Flammen, in einen Schauer aus Pfeilen. Einer schlug neben ihm in den Teppich, bohrte sich durch das Gewebe und blieb stecken. Ein Hitzestoß fuhr durch Tariks Arm, als das Muster den Schmerz an ihn weitergab und ihn wutentbrannt aufstöhnen ließ. Er konnte nicht noch näher an die Mauer heran, ohne eine Kollision zu riskieren; eine Gefahr, die ständig wuchs, erst recht, wenn der Teppich durch weitere Treffer vom Kurs abgebracht würde und ins Schlingern geriet. Von oben musste das dunkle Rechteck vor den Flammen deutlich auszumachen sein.

Er biss die Zähne zusammen und gab dem Teppich Befehl, stur geradeaus zu fliegen, komme was wolle. Wie weit war es noch bis zum Ende der Mauer? Solange er selbst sich in dem flammenhellen Bereich aufhielt, konnte er nicht erkennen, was jenseits davon im Dunkeln lag.

Eine Lanze schnitt unmittelbar vor ihm durch den Rauch und verschwand im Feuer. Erneut schrie ein wildes Elfenbeinpferd, sicher nicht dasselbe wie vorhin; sie fürchteten Flammen noch mehr als ihre Artgenossen aus Fleisch und Blut. Aus dem Augenwinkel sah er es schemenhaft zwischen den Dächern aufsteigen und in Panik davonfliegen.

Es grenzte an ein Wunder, dass Tarik noch immer nicht getroffen worden war. Vielleicht waren die Soldaten dort oben sparsam mit ihren Pfeilen, solange nur ein einzelner Teppichreiter durch ihr Schussfeld raste. Bald, wenn der Pulk der übrigen Teilnehmer die Palastpassage erreichte, würden sie leichtere Opfer finden, um ihre Hauptleute zu beeindrucken.

Vor ihm endeten die Feuer, wo eine breite Lücke zwischen den Händlerständen klaffte. Der Boden wurde dort uneben, gleich darauf felsig, als wäre der Stein an der Palastmauer emporgewuchert. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zum Ende der Mauer. Dann führte die Route zurück ins Labyrinth der Gassen. Der Rest der Strecke würde ein Kinderspiel sein.

Tarik hielt sich weiterhin nah an der Mauer, musste aber höher aufsteigen, um den Felshöckern am Boden auszuweichen. Er wagte einen Blick zurück, wo Flammen und Rauch allmählich eine Wand bildeten, die gewiss auch den Soldaten auf den Zinnen zu schaffen machte. Möglich, dass sie sich mit dem Feuer die eigene Sicht auf die nachfolgenden Teppichreiter geraubt hatten. Gut für die anderen. Nicht so erfreulich für Tarik.

Er atmete tief durch, um den Qualm aus seinen Lungen zu pressen, schaute wieder nach vorn – und sah im selben Augenblick die Bewegung vor ihm auf den Felsen, unmittelbar am Fuß der Mauer. Zu spät, um auszuweichen. Zu spät für einen Ruf, eine Warnung, sogar für einen Fluch.

Eine schlanke Gestalt, direkt vor ihm. Sie hatte sich aus dem Schatten der Mauer gelöst, aus einer Öffnung oder einem Spalt, richtete sich jetzt aus der Hocke auf – und blieb stehen wie versteinert.

Der Teppich erwischte sie am Arm, riss sie herum und schleuderte sie wie eine Lumpenpuppe von den Felsen, hinunter auf die Straße. Tarik hörte einen Aufschrei – eine Frau, ein junges Mädchen, vielleicht –, dann geriet der Teppich auch schon haltlos ins Trudeln, vom Aufprall aus seiner Bahn geworfen. Tarik verlor die Kontrolle, ehe er die Katastrophe wirklich erfassen konnte, klammerte sich mit einer Hand ins Muster, mit der anderen an den Teppichrand – und spürte zugleich, wie das Gewebe an Stabilität verlor, sich wellte, aufbäumte und einen Herzschlag später in einer engen Kurve abstürzte.

Es gab nichts, was er tun konnte, selbst wenn ihm die Zeit dazu geblieben wäre. Ein tosendes Rauschen erfüllte seine Ohren, der Strom seines eigenen Blutes. Durchbrochen von stampfendem Herzschlag, schnell und immer schneller. Ein Anflug von Panik, schließlich Resignation.

Dann für einen Augenblick gar nichts mehr.

Das musste der Aufschlag gewesen sein, dachte er wie betäubt. Nichts gemerkt. Vielleicht war er tot.

Aber er hatte sich getäuscht. Jetzt kam der Aufschlag. Und er brachte allen Schmerz mit sich, den er gerade noch vermisst hatte.

Die jagende Geschwindigkeit, zu der er den Teppich getrieben hatte, wandte sich nun gegen ihn, schlug mit tausend Fäusten gleichzeitig auf ihn ein, hieb etwas vor seine Stirn, das sich wie ein Schmiedehammer anfühlte.

Er spürte, dass er zum Liegen kam, auf Staub und Stein und noch etwas anderem, das mit Glück, wirklich verteufelt großem Glück, der verdrehte Teppich sein mochte.

Dann begriff er, dass es ein Körper war, derselbe, den er oben auf dem Fels gerammt und in die Tiefe geschleudert hatte, zwei, drei Meter tief.

Er versuchte sich aufzurappeln, erstaunt, dass ihm noch alle Glieder gehorchten. Nichts gebrochen. Noch bevor er nachsah, auf wen er gestürzt war, schaute er sich nach dem Teppich um. Er lag fünf Schritt entfernt, als wäre er nach dem Ausklopfen von der Leine gefallen. Nur ein gewelltes Stück Gewebe, dem nicht anzusehen war, dass es seinen Reiter gerade eben noch schneller als jedes Pferd durch die Nacht getragen hatte.

Nicht weit entfernt vom Teppich klaffte ein Einschnitt zwischen den Häusern. Menschen bewegten sich in der Dunkelheit. Mindestens zwei oder drei. Geduckte Gestalten in zerlumpter Kleidung, Abschaum, der auf einen Moment wie diesen gewartet hatte.

Tarik erwachte nur langsam aus dem Chaos aus Schock und Schmerz. Seine Wahrnehmung war noch immer getrübt. Er sah nach oben zu den Zinnen. Der Rauch lag wie eine Glocke über der Straße und schützte ihn vor den Augen der Soldaten.

Nicht weit entfernt entdeckte er eine Lanze mit zerbrochenem Schaft. Hastig machte er einen Satz darauf zu – nach einem Sturz wie diesem war das nicht der beste Einfall. Aus dem Sprung wurde ein Taumeln, immerhin noch gezielt genug, um die Waffe mit wenigen Schritten zu erreichen. Er packte sie unterhalb der Spitze wie ein Kurzschwert, scharfer Stahl so lang wie sein Unterarm. Wirbelte herum. Und sah dreierlei.

Zum einen die Gestalten in der Schneise zwischen den Lehmwänden. Zum anderen zwei Männer, die sich aus dem Schatten wagten und auf den Teppich zuhuschten. Und erst zuallerletzt das Mädchen, das sich benommen aufrichtete, genau dort, wo er es beim Absturz unter sich begraben hatte.

Sie sah nicht aus wie jemand, der sich bei Nacht in den Straßen Samarkands herumtreiben sollte. Nicht in diesem Hauch von einem Kleid, das zerrissen oder verrutscht war und für einen Moment den Eindruck erweckte, dass sie splitternackt auf dem Boden kauerte, eine zierliche Gestalt, die im Feuerschein glühte wie aus Lava gegossen.

Auch seine Gegner stutzten, unfähig sich zu entscheiden – zwischen dem halbnackten Mädchen und dem Teppich aus chinesischem Drachenhaar, der seinem Verkäufer ein kleines Vermögen einbringen mochte.

Für einen endlosen Augenblick hielten sich beide Begierden die Waage. Dann stürzten sich die zwei Männer auf den Teppich, während die anderen drei Gestalten – ebenfalls Männer – aus dem Dunkel auf das Mädchen zuschnellten.

Tarik stürmte an ihr vorbei und warf sich mit der zerbrochenen Lanze auf die beiden Kerle, die sich an seinem Teppich zu schaffen machten.

Hinter ihm schrie das Mädchen auf, als der erste Mann sie erreichte. Tarik schaute sich nicht um. Er holte mit der halben Lanze aus und schlug sie ins Gesicht eines Mannes, der nicht schnell genug auswich. Der scharfe Stahl zerfetzte seine Wange, ließ blanke Zähne im Feuerschein schimmern, ehe Blut aus der Wunde schoss und der Verletzte schreiend zur Seite stürzte.

Der andere Kerl stellte sich geschickter an. Breitbeinig blieb er auf dem Teppich stehen und zerrte einen Krummdolch unter dem Strick hervor, der seine schmutzige Lumpenkluft zusammenhielt.

Das Mädchen schrie erneut, dann einer der anderen Männer. Sie wehrte sich. Gut. Das würde das Pack hoffentlich lange genug beschäftigen, bis Tarik den Teppich und sich selbst in Sicherheit gebracht hatte.

Der Mann vor ihm konnte nicht wissen, wer ihm gegenüberstand. Sonst hätten ihn die Gerüchte über Tariks Reisen durchs Dschinnland zögern lassen. Sicher hätte ihn die Tatsache beunruhigt, dass der wütende Teppichreiter, der mit einer blutigen Lanze auf ihn zukam, bereits gegen gefährlichere Wesen gekämpft hatte als verlauste, heruntergekommene Diebe aus den Kloaken Samarkands.

Ehe der Mann wusste, wie ihm geschah, rammte Tarik ihm die Lanzenspitze in den Leib. In derselben Bewegung stieß er den Sterbenden beiseite, damit er nicht auf den Teppich blutete. Fieberhaft packte er eine Ecke des Gewebes und riss es an sich.

Einen Atemzug lang wog Tarik seine Chancen ab. Noch hatte keiner der anderen Reiter aufgeholt. Wenn er jetzt ins Muster griff und aufbrach, konnte er noch immer gewinnen.

Das Mädchen stieß erneut einen Schrei aus, diesmal gefolgt von einem heftigen Schlaggeräusch, das sie auf der Stelle verstummen ließ.

Widerwillig fuhr Tarik herum. Sie hatte ihn schon genug Zeit gekostet.

Dann fiel sein Blick auf ihr Gesicht, und für den Bruchteil einer Sekunde schoben sich vertraute Züge über das Antlitz der Fremden – schmale Konturen, dunkles Haar. Maryam.

Ein Schmerz durchzuckte ihn, traf ihn heftiger als jeder Angriff dieses Gesindels. Zornig schüttelte er den Kopf, versuchte, die Erinnerungen abzuschütteln. Vergeblich.

Er fluchte zwischen zusammengebissenen Zähnen, fasste den geborstenen Lanzenschaft fester und eilte dem Mädchen zu Hilfe.

SABATEA

Sie lag am Boden, nicht bewusstlos, aber benommen, die feinen Stoffbahnen ihres Kleides zu winzigen Knäueln verdreht, ein entblößtes Bein angewinkelt, das andere lang ausgestreckt. Ihr rabenschwarzes Haar war weit auseinandergefächert, Strähnen lagen über ihrem Gesicht.

Helle, fast weiße Augen blitzten dazwischen hervor. Tarik konnte nicht erkennen, wohin sie blickten, aber er hatte das verwirrende Gefühl, dass sie auf ihn gerichtet waren.

Einer ihrer Peiniger hatte sich aufgerichtet und stürmte Tarik entgegen, bewaffnet mit einem Knüppel, in dessen Spitze breite Dreikantnägel eingelassen waren. Ein zweiter folgte ihm und ließ das Mädchen unter der Aufsicht des dritten zurück. Waren da noch andere zwischen den Häusern? Tarik blieb keine Zeit, sich zu vergewissern. Seine linke Hand zerrte noch immer den Teppich hinter sich her. Mit der rechten aber warf er die zerbrochene Lanze in die Luft, fing sie umgedreht wieder auf – und schleuderte sie mit aller Kraft dem Mann mit der Keule entgegen. Der erkannte einen Sekundenbruchteil zu spät, was da durch den Rauch auf ihn zuraste. Die Spitze bohrte sich in seinen Bauch und riss ihn von den Füßen.

Der zweite Angreifer zögerte kurz, ehe er begriff, dass Tarik nun unbewaffnet war. Gerade wollte er sich auf ihn stürzen, als in seinem Rücken ein schriller Schrei ertönte. Abermals verharrte er und sah nach hinten. Auch Tarik konnte nicht anders und blickte zu dem Mädchen und dem dritten Mann hinüber.

Sie hatte ihre Chance genutzt. Irgendwoher hatte sie einen schmalen Dolch gezogen, gerade einmal so breit wie ein Finger und so lang wie zwei; sie musste ihn am Oberschenkel getragen haben, befestigt mit den beiden dünnen Riemen, die sie darum geschlungen hatte. Ihre Hand lag noch immer um den Griff der Waffe. Die Klinge aber steckte im Nacken des Mannes, der jetzt mit dem Rücken zu ihr in die Knie ging, noch immer brüllte wie am Spieß, aber offenbar keine Kontrolle mehr über seinen Körper hatte. Der Dolchstoß schien seine Arme und Beine gelähmt zu haben, und Tarik fragte sich, ob das ein Zufall war. Hatte sie gewusst, wohin sie die Klinge stoßen musste, um solch eine Wirkung zu erzielen? Der Dieb hockte jetzt am Boden, sein Oberkörper sank langsam vornüber. Die Wunde blutete kaum, und doch hatte Tarik keinen Zweifel mehr, dass der Mann gerade starb. Seine Augen verdrehten sich, dann fiel er mit dem Gesicht in den Staub.

Der letzte Angreifer ruckte wieder zu Tarik herum, aber seine Unschlüssigkeit hatte einen Herzschlag zu lange gedauert. Sie kostete ihn das Leben. Seine Züge verzerrten sich zu einer Grimasse, als er die Nagelkeule seines Gefährten auf sich zurasen sah. Tarik hieb sie ihm mitten ins Gesicht, riss ihn damit von den Füßen und ließ sie stecken, wo sie war.

Er wartete nicht, bis weitere Männer aus dem Gasseneinschnitt in den Feuerschein treten konnten. Hastig zog er den Teppich zurecht, bis er flach ausgebreitet war, warf einen Blick nach oben, wo jeden Moment die nächsten Teppichreiter auftauchen mussten, und schob die Hand ins Muster.

»Warte!« Das Mädchen lief auf ihn zu. »Nimm mich mit!«

»Nein.«

»Da sind noch mehr von denen zwischen den Häusern.«

»Nicht mein Problem.«

Sie drängte sich hinter ihm auf den Teppich, aber er stieß sie mit der flachen Hand von sich. Mit einem Stöhnen landete sie im Staub.

Ihr Kleid war nicht zerrissen, das sah er jetzt; es war so freizügig geschnitten, dass sie ebenso gut überhaupt nichts hätte tragen können. Ihre Brüste hoben und senkten sich in einem empörten Auf und Ab, Schweißperlen glänzten dazwischen. Ihre Haut war auffallend hell, als hätte sie nicht oft die Sonne gesehen.

»Sie werden mich auspeitschen«, zischte sie, als der Teppich sich langsam vom Boden hob.

»Ihnen wird weit Schlimmeres einfallen, wenn sie dich in die Finger kriegen. An deiner Stelle würde ich schnell dorthin gehen, wo du hergekommen bist.«

»Nicht die«, entgegnete sie verächtlich und zeigte auf die Sterbenden. »Die Soldaten des Emirs.«

Tarik hob erstaunt eine Augenbraue. »Du erzählst mir, dass du auf der Flucht vor der Palastgarde bist – und glaubst allen Ernstes, das sei ein Grund, dich mitzunehmen?« Er konzentrierte sich wieder auf das Muster. »Wenn das ein Appell an meinen Anstand sein soll, mach dich auf eine Enttäuschung gefasst.«

Sie rappelte sich hoch, warf einen nervösen Blick zur Mauer hinauf, dann trat sie erneut an den Teppich heran. Tarik schwebte nun auf Höhe ihrer Hüften und wäre längst wieder unterwegs gewesen, hätte da nicht das fremde Blut an seinen Händen geklebt; das Muster reagierte abwehrend darauf, sträubte sich gegen seinen Zugriff und gehorchte nur widerwillig. Tarik fluchte leise.

Diesmal versuchte sie nicht, gegen seinen Willen auf den Teppich zu springen. Er machte sich darauf gefasst, dass sie ihn am Arm zurückhalten würde, und war bereit, sie erneut zurückzustoßen, diesmal heftiger. Doch sie tat nichts dergleichen. Stand nur da, stemmte die Hände in die Taille und starrte ihn aus ihren weißgrauen Augen an, die schön und geisterhaft zugleich waren. Ihr schwarzes Haar musste zu Beginn ihrer Flucht hochgesteckt gewesen sein; auf ihrer Schulter klammerte sich eine einzelne Bronzespange in die aufgelösten Strähnen wie ein schimmernder Käfer.

»Bitte«, sagte sie nur.

Tarik achtete nicht auf sie und sortierte das Geflecht des Musters zwischen seinen Fingern. Immer noch ertönten Schreie jenseits des Rauchs, zwischendurch ein Poltern. Weitere Teppichreiter hatten jetzt die Palastmauer erreicht und machten Bekanntschaft mit den Pfeilen und Lanzen der Wächter. Es war nur eine Frage von Sekunden, ehe einem oder zwei der Durchbruch gelingen würde. Die Soldaten konnten unmöglich alle erwischen.

Das Muster gab allmählich seinen Widerstand auf und fügte sich seinen Befehlen.

»Bitte«, sagte das Mädchen noch einmal. »Bring mich irgendwohin. Es muss nicht weit sein.«

»Keine Zeit.«

»Ich habe Gold. Ich kann dich bezahlen.«

Sein Blick flackerte über ihren makellosen Körper unter den feinen Stoffschleiern. »Wo?«

»Nicht hier. Aber ich kann welches besorgen.«

Er schnaubte leise. »Ja, natürlich.«

»Ich kann auch auf andere Weise bezahlen.«

»Du blutest.«

»Was?«

»Deine Nase. Sie blutet.«

Fahrig fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Oberlippe. Es war nur ein einzelner Blutstropfen, der sich dort gelöst hatte, aber er zog einen dunkelroten Streifen über ihre Hand.

Der Teppich ruckte, bäumte sich auf und hätte Tarik beinahe abgeworfen. »Bei allen – « Wütend stieß er die Hand tiefer ins Muster, zog mit den Fingerspitzen einzelne Stränge zusammen, verknüpfte sie. Der Teppich stabilisierte sich wieder, schwebte abermals auf der Stelle.

Oben auf den Felsen, unmittelbar vor dem Spalt in der Palastmauer, aus dem das Mädchen geschlüpft war, bewegte sich etwas. Feuerschein funkelte auf Eisen.

Sie entdeckte die Soldaten im selben Augenblick. »Wenn sie mich einfangen, bestrafen sie mich.«

»Was bist du? Ein Haremsmädchen? Eine der hundert Frauen des Emirs?«

»Hundert Frauen? Erzählt man sich das?«

»Bist du eine seiner Frauen?« Seine Stimme war jetzt ein gefährliches Fauchen.

»Nein. Nur eine Dienerin.«

»Auf den Raub einer Sklavin steht ganz sicher der Tod.«

»Wie auf so ziemlich alles.«

Ihre Blicke trafen sich erneut, und er zögerte. Sie log – aber sie machte ihn auch neugierig.

Oben auf den Felsen rief einer der Soldaten etwas. Hinter dem Rauch ertönten die Schreie weiterer Teppichreiter, die im Pfeilhagel zu Boden gingen.

Ich bin noch immer besser als sie, durchzuckte es ihn. Schneller als sie. Ich kann es schaffen, auch jetzt noch.

Das Mädchen sah ihn erwartungsvoll an. Das eisige Weißgrau ihrer Augen war von zwei dünnen dunklen Kreisen umrahmt, ebenso schwarz wie ihre Pupillen. Er hatte noch nie solche Augen gesehen. Ihre Brustwarzen unter der Seide waren klein und rosig, ihre Bauchdecke flach. Schweiß glitzerte überall auf ihrer Haut, selbst durch das hauchdünne Schleierkleid. Es schien, als wäre sie nur in Rauch gekleidet, der in zerfasernden Schwaden um ihre Glieder wehte.

»Komm rauf.« Er streckte ihr seine freie Hand entgegen und wusste, dass er es bereuen würde, wenn er nur einen Atemzug länger nachdächte.

Wortlos stieg sie hinter ihm auf den Teppich und legte einen Arm um seinen Oberkörper. Sie schien genau zu wissen, worauf es ankam. Die Knie fest auf den Teppich drücken. Keine ruckartigen Bewegungen machen. Und wenn es darum ging, schnell zu sein, im Windschatten des Reiters bleiben.

Tarik sandte einen entschlossenen Befehl ins Muster. Der Teppich schoss vorwärts, schräg nach oben, dem Ende der Palastmauer entgegen. Die Soldaten auf den Felsen fluchten.

Er spürte den Körper des Mädchens an seinem Rücken. Die Hitzewogen mussten von den Feuern stammen, die allmählich die Bretterverschläge der Händler aufzehrten und bald keine neue Nahrung mehr finden würden.

»Wie heißt du?«, fragte sie ganz nah an seinem Ohr.

»Tarik.«

»Mein Name ist Sabatea.«

Verbissen brachte er den Teppich zurück auf seinen ursprünglichen Kurs. Ließ ihn beschleunigen. Scherte sich nicht darum, dass seine Begleiterin dabei beinahe nach hinten über die Fransenkante geschleudert wurde.

Aus dem Augenwinkel entdeckte er Wirbel in der Rauchwand oberhalb der Flammen.

Gleich darauf schossen zwei Teppichreiter aus den wabernden Qualmstrudeln, beide gleichauf, beide besorgniserregend schnell.

Sie nahmen die Verfolgung auf. Natürlich.

Das Mädchen wog wahrscheinlich die Hälfte von Tarik. Trotzdem machte sie den Teppich langsamer. Seine Aussicht auf einen Sieg sank gerade rapide.

Er fluchte durch die Zähne. Junis hatte er Überheblichkeit unterstellt – und wurde nun ein Opfer seiner eigenen. Wenn er hier und jetzt versagte, zum ersten Mal seit Jahren, dann trug er allein die Schuld daran.

Die beiden Teppichreiter rasten rechts und links an ihm vorüber. In der Schulter des einen steckte ein Pfeil.

»Du verlierst«, sagte Sabatea.

Er nickte.

Mit den Fingerspitzen klopfte sie an seine Schulter. »Du verlierst gegen einen Verletzten

NACHTWIND

Es gab zwei Möglichkeiten. Erstens, er warf sie während des Fluges hinunter. Das sparte Zeit. Oder er landete und setzte sie ab; damit wäre das Rennen auf alle Fälle verloren. Einen Moment lang erwog er das Für und Wider.

Genau genommen gab es kein Wider.

»Tu das nicht«, sagte sie.

»Ich wusste nicht, dass die Dienerinnen des Emirs Gedanken lesen können.«

»Wir haben viele Talente.«

Tatsächlich hielt ihn etwas davon ab, sie mit einem Stoß in die Tiefe zu befördern. Keine Skrupel, ganz sicher nicht, sondern etwas anderes. Der gleiche Anflug von Neugier, der ihn vorhin dazu bewegt hatte, ihr seine Hand entgegenzustrecken. Es war Torheit, das wusste er. Er war nicht mehr in dem Alter, in dem ihn ein paar hübsche Brüste aus der Fassung brachten. Auch nicht ihre langen Beine. Und ihre Geisteraugen konnte er zum Glück nicht sehen, solange sie hinter ihm saß. Sie waren gefährlich. Zweifellos wusste sie das so gut wie er.

Er jagte den Teppich durch die nächtlichen Gassen, fort vom Palast, noch immer auf der Route der Rennstrecke. Dann und wann huschten Gestalten durch die Nacht, doch nur selten. So tief im Herzen Samarkands blieben die Menschen bei Dunkelheit in ihren Häusern. Die Patrouillen der Ahdath zogen hier öfter ihre Runden als weiter draußen in den Vierteln an der Stadtmauer, wo die Tavernen und Freudenhäuser auch nach Mitternacht überfüllt waren.

Für eine Weile sah es aus, als könnte Tarik die beiden Teppichreiter einholen. Der eine schwankte kaum merklich auf und ab. Wahrscheinlich machte ihm die Schulterwunde zu schaffen. Er flog schnell, aber ungenau. Eine scharfe Wegkehre, ein unerwartetes Hindernis, und das Rennen wäre für ihn beendet. Größere Sorge bereitete Tarik der andere. Vielleicht galt es sich allmählich damit abzufinden, dass einige von den Jüngeren ebenso gut wurden wie er. Besser, womöglich.

Er biss die Zähne zusammen. Zählte seinen Herzschlag, um sich zu konzentrieren. Den des Mädchens spürte er fast so heftig wie seinen eigenen, so eng presste sie sich an seinen Rücken.

»Da kommen noch mehr.«

Er schaute nicht zurück. »Wie viele?«

»Drei.«

Er zögerte nicht länger. »Tut mir leid.« Seine Finger manipulierten das Muster, damit sich der hintere Teil des Teppichs aufbäumte. Das sollte hoffentlich genügen, um sie abzuwerfen.

Aber das Muster gehorchte nicht. Etwas hielt dagegen.

Jemand.

»Du Biest

Sabatea hatte ihre eigene Hand tief ins Muster gestoßen und kämpfte gegen seine Befehle an.

»Du kannst einen Teppich fliegen?«, entfuhr es ihm.

»Wie gesagt: Wir haben viele Talente.«

Er rammte seinen Ellbogen nach hinten, aber sie wich dem Stoß mit schlängelnder Leichtigkeit aus, während sie sich mit dem freien Arm noch heftiger an ihn klammerte.

Einer der drei Teppichreiter überholte sie. Der junge Mann blickte über die Schulter und verzog die Mundwinkel.

Das Grinsen verging ihm, als er wieder nach vorn sah – und eine Balustrade entdeckte, die ihn mit einem mörderischen Aufprall vom Teppich fegte und kopfüber in die Tiefe schleuderte.

Sabatea stieß ein helles Lachen aus. »Gern geschehen«, rief sie Tarik zu.

»Was?«

»Glaubst du vielleicht, er hat sich nach dir umgesehen?«

»Zieh deine Hand aus dem Muster!«

»Damit du mich abwirfst?«

»Damit ich uns heil durchs Ziel bringe.«

»Wenn du lügst«, sagte sie, »erkenne ich das, ohne dir in die Augen zu sehen.«

»Viel Erfahrung mit Lügnern?«

Sie zuckte nur die Achseln. Ihre Hand blieb im Muster, nahm aber keinen Einfluss mehr darauf, solange er nicht versuchte, sie zu überlisten. »Es heißt, in Bagdad können die meisten Menschen mit fliegenden Teppichen umgehen.«

»Mehr als in Samarkand jedenfalls.«

»Du bist in Bagdad gewesen.« Das war keine Frage.

»Wie kommst du darauf?«

»Ich weiß, wer du bist. Der geteilte Kreis. Davon hört man auch im Palast.«

Das war keine Überraschung, und trotzdem gefiel es ihm nicht. »Warum hast du dann nach meinem Namen gefragt?«

»Um zu hören, wie es klingt, wenn du die Wahrheit sagst. Dann erkenne ich leichter, wann du lügst.«

Die beiden Teppichreiter hinter ihm holten nicht weiter auf, aber das lag allein an der Strecke, die nun um Ecken und scharfe Kurven führte. Tarik kannte den Verlauf in- und auswendig, er nahm die Biegungen schneller als seine unerfahrenen Verfolger. Doch sobald sie wieder auf eine längere Gerade kämen, spätestens am Basar der Stoffhändler, würde sein Vorsprung abermals schrumpfen. Außerdem waren da noch immer die beiden anderen, die ihn an der Mauer überholt hatten. Den einen sah er nach jeder Biegung vor sich auftauchen, aber der zweite war verschwunden. Er hatte ihn auch nirgends am Boden gesehen. Es stand zu befürchten, dass er sich mit einigem Abstand an die Spitze gesetzt hatte.

»Wie ist es draußen im Dschinnland?«

»Gefährlich.«

»Es hat seit Monaten keine Angriffe auf die Wälle mehr gegeben, heißt es.« Sie klang plötzlich nachdenklich, trotz des rasanten Fluges. »Vielleicht sind die Dschinne wieder dorthin verschwunden, woher sie gekommen sind.«

»Nur weil mich ein Jahr lang keine Biene sticht, bedeutet das nicht, dass sie ausgestorben sind.«

»Dein letzter Ritt nach Bagdad ist lange her.«

Lehmfassaden, Fensterläden und immer wieder flatternde Markisen wischten an ihnen vorüber. Sabatea legte sich mit in die Kurven. Selbst wenn sie nur knapp ein Hindernis verfehlten, ließ sie keinen Laut der Furcht oder Überraschung hören. Vielleicht redete sie so viel, um sich abzulenken.

Aber etwas sagte ihm, dass er es sich zu einfach mit ihr machte. Sie mochte aussehen wie ein hübsch zurechtgemachtes Spielzeug des Emirs; dabei hätte er es schon beim ersten Blick in ihre weißen Augen besser wissen müssen. Sie war gerissen. Und sie gab sich nicht einmal Mühe, zu verbergen, dass sie ihn gerade aushorchte.

»Was würde es kosten?«, fragte sie.

»Was?«

»Eine Reise nach Bagdad.«

Er spürte einen harten Knoten im Hals. »Ich fliege nicht mehr durchs Dschinnland. Nie wieder.«

»Ich dachte, die Dschinne können dir nichts anhaben.«

Er atmete tief durch, blickte noch einmal nach vorn, dann zurück zu seinen Verfolgern. Tastete im Muster nach Möglichkeiten, schneller zu werden, und fand keine. Schloss für einen Moment die Augen, öffnete sie wieder – und riss den Teppich steil nach oben, aus dem Schacht der schmalen Gasse, hinauf in den Nachthimmel über der Stadt. Die Dächer blieben unter ihnen zurück, aber den Sternen kamen sie trotzdem nicht näher.

Sabatea klammerte sich an ihm fest, um nicht nach hinten vom Teppich zu rutschen. »Was tust du denn?«, rief sie.

Als sie die feuchtwarmen Gerüche der Gassen hinter sich ließen, füllte allmählich frische Nachtluft Tariks Lungen. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass der Gestank der Menschen, Tiere und verdreckten Gassenfluchten Samarkands hier oben schon nach kurzer Zeit von etwas anderem abgelöst wurde – den leeren, klaren Winden des Dschinnlandes. Die Kreaturen der Wilden Magie hatten in den Weiten Khorasans gründlich aufgeräumt. Mit allem. Es war, als hätte sich ihr Reich längst wie ein Käfig über die Stadt gestülpt.

»Warum hast du das getan?«, fragte sie erneut.

»Wir konnten nicht mehr gewinnen«, presste er hervor, mühsam beherrscht, und doch von einer eigenartigen Erleichterung erfüllt. Er hatte sich mit seiner Entscheidung selbst überrumpelt, hatte einem Impuls nachgegeben. Das war nicht seine Art. Aber es hatte unzweifelhaft etwas Befreiendes.

Sabatea schien ein Lachen zu unterdrücken. »Ich hatte dich für verbissener gehalten.«

»Dann lägst du jetzt irgendwo dort unten im Staub.«

»Unten ist ein Ort, an dem du dich noch besser auskennst als ich, nicht wahr?«

Ein Lächeln legte sich über sein Gesicht. Sie war nicht die Erste, die das feststellte. Wenn sie glaubte, ihn damit zu reizen, hatte sie sich getäuscht. Darüber war er längst hinweg.

Mit seinen Fingern bildete er ein Zeichen im Muster, das den Teppich schlagartig in die Horizontale brachte. Sie stieß einen leisen Laut des Erschreckens aus, den ersten, den er ihr hatte entlocken können, und sein Lächeln wurde breiter. Bis ihm bewusst wurde, dass sie ihn womöglich nur aus diesem einen Grund von sich gegeben hatte. Vollkommen berechnend.

Er blickte in die Tiefe auf das Fackelmeer der Stadt. Sie mussten sich etwa zweihundert Meter über dem Boden befinden. Der Wind hier oben war frisch. Sabatea in ihrem Nichts von einem Kleid musste frieren. Im Mondlicht sah er, dass ihr nackter Arm von einer Gänsehaut überzogen war. Am Handgelenk trug sie ein Lederband mit aufgezogenen Perlen. Ihre Brust hob und senkte sich heftig zwischen seinen Schulterblättern.

»Du bist wütend auf mich«, stellte sie fest, weder furchtsam noch bedauernd.

Sie hatte die Hand aus dem Muster gezogen, als sie sich beim Aufstieg nach oben an ihm festgehalten hatte. Es wäre jetzt ein Leichtes gewesen, sie vom Teppich zu stoßen. Sie musste das wissen.

»Mach nicht den Fehler, mir zu vertrauen«, sagte er.

»Ich mache selten Fehler.«

»Selbstsicherheit könnte der erste sein. Nachlässigkeit der zweite.«

»Und Vertrauen der letzte?«, fragte sie amüsiert. »Ich weiß genau, dass ich keine Angst vor dir haben muss.«

»Gerade eben habe ich meinen eigenen Bruder zum Absturz gebracht.«

»Wahrscheinlich hast du einen guten Grund gehabt.«

Der Teppich glitt über die Vergnügungsviertel hinweg. Auch zu so später Stunde herrschte dort noch wildes Treiben, vom Emir geduldet, um die eingesperrte Bevölkerung Samarkands bei Laune zu halten.

Dass Tarik den Teppich bald darauf über die Stadtmauer lenkte, war keine bewusste Entscheidung. Keine jedenfalls, die er verstand. Es war nur ein weiterer Impuls, vielleicht, weil in ihm noch immer das Feuer des Rennens brannte, das Gefühl, dass da noch immer Reserven von Mut und Entschlossenheit, vor allem aber von Risikofreude waren, die er aufbrauchen musste. Weil sie ihn sonst von innen auffraßen. Oder etwas wirklich Dummes tun ließen.

Jenseits der hohen Zinnenmauer erstreckten sich Felder entlang der Ufer ausgedehnter Bewässerungskanäle, dazwischen Haine aus Maulbeer-, Oliven- und Dattelbäumen. Grünes, fruchtbares Land lag als breiter Ring um die Stadt. Erst dahinter erhob sich der äußere Verteidigungswall gegen die Schrecken des Dschinnlandes.

Am Morgen strömten die Feldarbeiter durch die Stadttore auf die Äcker, in der Abenddämmerung kehrten sie heim. Sich bei Nacht außerhalb der Mauern aufzuhalten konnte einen den Kopf kosten – falls man sich erwischen ließ. Für einen Teppichreiter war das die erste Regel, die es zu brechen galt. Eine erste Mutprobe, ein erstes Zeichen, dass es einem ernst war. Viele weitere folgten, ehe man zur Teilnahme an den verbotenen Rennen zugelassen wurde.

»Ich war noch nie draußen vor den Mauern«, sagte Sabatea, während sie hinab auf die mondbeschienenen Felder blickte. Nur vereinzelt brannten Fackeln, wo Patrouillen der Ahdath die Ländereien bewachten.

Er gab dem Teppich den Befehl, weit außen über dem fruchtbaren Ackerring um die Stadt zu kreisen. In hundert Metern Höhe zog er die Hand aus dem Muster und drehte sich zu ihr um. Sie beobachtete ihn neugierig und, wie es schien, auch ein wenig belustigt. Im Schneidersitz setzte er sich ihr gegenüber, mit dem Rücken in Flugrichtung. Sie zog die Knie an und legte die Arme darum. Zwischen ihren Schenkeln lag nur ein hauchfeiner Seidenschleier. Er betrachtete ihre Waden, die schmalen Fesseln. Ihre Sandalen waren bis weit über die Knöchel geschnürt. Beim Zusammenstoß mit dem Teppich hatte sie sich eine blutige Schramme am rechten Schienbein zugezogen, sonst aber war sie unverletzt.

»Vorhin«, sagte sie und kreuzte seinen Blick mit ihren weißen beunruhigenden ...

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