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die strafgefangenen der landstraße

ALBERT LONDRES

die
strafgefangenen
der landstraße

Reportagen von der Tour de France

Aus dem Französischen
von Stefan Rodecurt.
Mit einem Vorwort
des Übersetzers.

Covadonga Verlag – Bielefeld

INHALT

Prolog: Der rasende Reporter

Die windschnittigste Nase siegt

Die Brüder Pélissier geben auf

Staub soweit das Auge reicht

Eine Schlafwagenetappe

Die Pyrenäen rufen

Die siebte Etappe

Ein schwerer Unfall

Ein Blick hinter die Kulissen

Die Nebenwirkungen der Tour

Die Männer der elften Etappe

Im Westen nichts Neues

Da waren’s nur noch sechzig

»Albert Londres ist eine Nummer für sich.
Man stelle sich einen Egon Erwin Kisch vor,
der nicht aus Prag stammt – das geht nicht –,
also man denke sich einen gebildeten Mann,
der von einer großen Reporterleidenschaft wirklich
besessen durch die Welt getrieben wird.
Londres ist ein Reporter und nichts als das:
keine langatmigen Untersuchungen, keine exakten
Dokumente, sondern: Wo ist etwas los?
Ich will dabei sein! Ihr werdet lesen.«

Kurt Tucholsky in:
Die Weltbühne, 22.09.1925

PROLOG: DER RASENDE REPORTER

»Die erste Aufgabe eines Befehlshabers ist es, seine Untergebenen vor dem Tod zu bewahren, andernfalls macht er sich zum Friedhofswärter.«

ALBERT LONDRES

Albert Londres, geboren 1884 in Vichy, war Kriegskorrespondent, Schriftsteller und Poet. Bis zum heutigen Tag gilt er in Frankreich noch immer als der große Reporter.

Nach anfänglicher Tätigkeit als Buchhaltungsgehilfe in Lyon – Londres langweilte sich zu Tode – zog es ihn 1903 nach Paris, wo er 1904 seine ersten Sporen beim Salut Public verdiente. Die Redaktion war nur ein Ableger des Lyoner Hauptsitzes. Immerhin ein Neubeginn.

Es war die Epoche, als das Layout noch Umbruch hieß, Schere und Klebstoff zum täglichen Werkzeug der Redakteure gehörten. In der Redaktion wurde umgebrochen, umgeschrieben, geschnippelt, geklebt, Korrektur gelesen…

Einige Wochen vor Weihnachten 1904 kam Florise, seine Tochter, auf die Welt. Doch ein Jahr später stürzte die vormals heile Welt ein: Marcelle (Marie) Laforest, seine Lebensgefährtin, starb im Pariser Krankenhaus Lariboisière.

1906 wechselte Londres zur Tageszeitung Le Matin und arbeitete zunächst als Parlamentschronist. Im September 1914 kam es zur Beschießung der Kathedrale von Reims durch die deutsche Artillerie. Charles Laurent aus der Redaktion delegierte Londres und Moreau, einen Fotografen, in die Champagne. Die Reportage – geschliffen, präzise und poetisch – schlug wie eine »Bombe« ein.

Nur zwei Tage nach der weitgehenden Zerstörung der einstigen Krönungskirche, dieses nationalen französischen Symbols, erschien Londres’ Artikel am 21. September 1914 in Le Matin. Er war namentlich gekennzeichnet, was ganz und gar nicht den Gepflogenheiten dieser überregionalen Zeitung entsprach.

Londres hatte den endgültigen Durchbruch geschafft und war fortan als rasender Reporter tätig. Für die Zeitschrit Excelsior, für die Pariser Blätter Le Petit Journal, Le Quotidien und schließlich Le Petit Parisien.

1922 begab sich Londres auf eine lange Dienstreise nach Japan und China – Kurzvisiten waren seine Sache nicht. Mit Kulis und zu Fuß erkundete er die chinesischen Bürgerkriegswirren, gelangte u.a. nach Shanghai, »diese Stadt von einer chinesischen Mutter und einem anglo-amerikanisch-französisch-germanisch-holländisch-italojapanisch-jüdisch-spanischen Vater« – dieses Bild zeichnete er in seiner Reportage »La Chine en folie« (Verrücktes China): eine Satire ersten Ranges.

Londres weiter: »Es gibt Städte, wo man Kanonen baut, Tuche webt, Schinken herstellt. In Shanghai macht man Geld. […] Man hatte mir gesagt, dass in Shanghai nur Englisch gesprochen wird – eine abscheuliche Lüge. Hier ist das Alphabet unbekannt. So ist die offizielle Landessprache eine Zahlensprache. Man begrüßt sich nicht mit den Worten: Guten Tag, wie geht es Ihnen?, sondern 88,53 – 19,05 – 10,60. Um Millionär zu werden, braucht man nicht lesen zu können, rechnen genügt.« Spätestens hier offenbart sich Londres’ Talent zur spöttischen Beobachtung.

Als ihm der Quotidien die Veröffentlichung einer Reportage über die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische Truppen (1923) verwehrte, weil das Manuskript aus redaktioneller Sicht nicht »linientreu« genug war, sprach Londres die fortan geflügelten Worte: »Meine Herren, Sie werden auf eigene Kosten erfahren, dass ein Reporter nur eine Linie kennt – die der Eisenbahn«, setzte seinen legendären, breitkrempigen Hut auf, nahm den Stock und wechselte zum prestigeträchtigen Petit Parisien. Bei Londres steckte dahinter nicht etwa Eitelkeit, sondern eine gewisse Bewunderung für Élie-Joseph Bois, den Chefredakteur, der ihm für seine Arbeit genügend Freiraum ließ. Zuvor aber bot Londres seine Reportage der Zeitung L’Éclair an, die sie moralisch und politisch absegnete. Und veröffentlichte. Die Revanche war geglückt.

Dieser Albert Londres, Perfektionist und Weltenbummler, die Koffer immer parat, hasste die Zensur, verachtete Autoritäten. Für ihn bestand die Humanität stets aus zwei Kategorien: Die eine besitzt die Möbel, die andere die Koffer. Er war kein Schönwetter-Journalist, vielmehr ein Chirurg mit Skalpell. Sein Credo: Die Feder an die Wunde setzen – »porter la plume dans la plaie«. Auf dem Zenit seines Könnens hat er sie, wie gesagt, für den Petit Parisien, die letzte Sprosse seiner Karriereleiter, gesetzt. Unermüdlich, kritisch, augenzwinkernd.

An sozialem Konfliktstoff mangelte es nicht. So investigierte er 1923 in Französisch-Guayana, dort, wo in Saint-Laurent-du-Maroni und auf den Îles du Salut, den »Inseln des Heils«, – welch beißende Ironie – siebentausend Zwangsarbeiter von sechshundert beamteten Aufsehern überwacht wurden. Heute gilt diese idyllische Inselgruppe als Hochburg des Badetourismus.

Noch bevor Londres mit der Investigation überhaupt anfing, schlug ihm schon bei seiner Anreise per Schiff eine Welle des Rassismus entgegen. Auszug aus »Au Bagne« (Im Straflager):

»Als heute früh die Biskra, die unlängst Hammel von Algier nach Marseille transportierte – mittlerweile zur Kategorie der Passagierschiffe für die Karibik hochgestuft –, vor Port of Spain ankerte, waren Passagiere aller Haut- und Haarfarben an Bord: Chinesen, Kreolen, Weiße, Indios. Sie hörten den Kapitän Maguero von der Brücke schreien oder hätten ihn zumindest hören können: ›Nein! Und nochmals nein! Ich habe weder eine Eisenstange noch Handschellen noch bin ich bewaffnet. Ich will sie nicht!‹

Weiter unten, auf dem Wasser, warteten elf Weiße – genauer: elf Franzosen – und zwei schwarze Polizisten in einer Barkasse. Es waren Zwangsarbeiter, die man nach ihrer gescheiterten Flucht wieder nach Guayana abschieben wollte.«

Die brisante Reportage über die Käfighaltung der Sträflinge erschien im August und September 1923 im Petit Parisien. Nicht ohne Kalkül druckte das Blatt einen offenen Brief an Albert Sarrut, Minister für Koloniale Angelegenheiten, gleich mit. Die tickende Zeitbombe zündete – die berüchtigte Strafanstalt wurde im September 1924 aufgelöst, die Reportage bei Albin Michel mit dem Titel »Au Bagne« noch im selben Jahr verlegt und später als Bühnenstück adaptiert. Nur gut, dass seine kritischen Berichte über die Tour de France deren Fortbestand nicht gefährdeten…

Im Sommer 1924 nahm der »Prinz der Journalisten« seine Leser also mit auf die besagte Tour, auf einen Kreuzweg, wie er sie nannte, der indes fünfzehn Stationen – sprich: Etappen – zählte. Gar nicht zimperlich war er in der Wortwahl; wer will es ihm, dem Kriegsberichterstatter, übelnehmen? Worte sind auch Waffen. Londres’ Sprache wirkt lebendig und präzise. Es sind knappe Sätze, Farbtupfer – »die Mützen, am Start blütenweiß, sind verwaschen, fleckig, rötlich…«

Die Materie selbst war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Er hatte keine Affinität zum Fahrrad, seine Welt waren Züge, Passagierschiffe und ferne Länder. Auch das wird man ihm gerne nachsehen, war er doch als Reporter mit sicherem Gespür stets zur rechten Zeit am richtigen Ort. So hält er mit entwaffnender Naivität die Verpflegungskontrolle – sie fand noch nicht »fliegend« statt – für ein Buffet und verschafft sich sogar Zutritt. Mit leerem Magen und unterzuckertem Hirn musste er von dannen ziehen. Man schmunzelt – und leidet mit.

Die Karawane beschreibt er als einen Trauerzug, jedoch in umgekehrter Reihenfolge. Vorneweg die Fahrer, die das letzte Geleit geben, gleich dahinter der Leichenwagen. Unwillkürlich denkt man an den Besenwagen. Wollte Londres auf der siebten Etappe die Tour etwa zu Grabe tragen? Mitnichten. Schwarzer Humor à la Londres.

Er spürte die Brüder Pélissier und Maurice Ville im Café am Bahnhof in Coutances auf. Das Trio plauderte bei heißer Trinkschokolade aus dem Nähkästchen…

Vieles könnte auch heute noch publiziert werden.

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